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Zweiter Abschnitt.
Das einfache Rezitativ.
Endlich beginnen wir nun, nach langen theoretischen Vorbe-reitungen, die praktische GesangkornposiLion. Ueber jene mag unsdas trösten, dass sie ein ganz neues Kunslgebiet zu eröffnen be-stimmt und nöthig waren.
Die erste Aufgabe, die uns hier entgegentrilt, ist die Kompo-sition des einfachen Rezitativs.
In demselben ist, wie wir wissen, die Begleitung auf ihre ein-fachste Bestimmung beschränkt; sie soll, ohne eigenthümlichen In-halt, bloss äussere Stütze des Gesanges sein. Dieser ist also mithöchstem Uebergewicht Hauptsache, er ist fast Alles in Allem. Ebendarum beginnt die Lehre mit ihm.
Das Studium des einfachen Rezitativs ist aber von doppelterund höchster Wichtigkeit. Erstens um der Kunstform selbst wil-len, die in grossem Werken (oft sogar auch in kleinern) kaum zuumgehn ist. Zweitens, weil wir in ihm zuerst und auf dasLeichteste und Kräftigste zugleich die Fähigkeit erwerben, ohne dieein wahrhaftes, tieferes Gelingen in der Gesangkomposition schlecht-hin unmöglich ist: das Wort zur Musik werden zu lassen,Wort und Musik auf das Innigste zu verschmelzen. Wo das nichtgelingt, da kann vielleicht eine interessante Musik neben demWorte hergehen, kann auch im Allgemeinsten und Oberfläch-lichen (S. 382) die Stimmung vom Inhalte des Textes hergenommensein. Aber alles Tiefere, Besondre und Karakterislische, die volle,ganze Wahrheit, die volle Einigkeit, Einheit und Ganzheit des Kunst-werks in seinen beiden wesentlichen ßestandtheilen wird unerreichtbleiben, Wort und Ton werden sich in jedem einzelnen Moment(wenn nicht zufällig einmal das Rechte getroffen wird) fremd undstörend berühren, das Wort wird in der Verhüllung einer ihm frem-den Musik seine Bedeutung, ja seine Fasslichkeit verlieren, die Mu-sik wird mit Worten beladen, die für sie ohne eigentliche Bedeu-tung, ihr nur ein unnützer, störender Beiklang sind; sie würdesich, — wenn man nicht an die Mitwirkung des vernünftigenWorts gewöhnt wäre, — als Solfeggio, etwa auf dem wohl-klingenden A gesungen, freier bewegen und besser ausnehmen.
Diese innigste Vereinigung von Wort und Ton ist nun daseinzig Wirksame, oder doch mit höchstem Uebergewicht Vorwaltendeim einfachen Rezitativ. Die Begleitung ist, wie gesagt, im höchstenGrade untergeordnet; eine fest ausgebildete Musikform ist nicht vor-