in so gewaltsamer Aufregung, in so überwältigender Leidenschaftausbricht, dass für sie jede festere Musikform nur ungehörigeSchranke, unwahre Mässigung wäre. Hier also würde der festereGesang sich wieder auflösen in rezitativische Form; — ein Fall,der nicht hier, sondern erst bei der Form der Scene im viertenTheil zur Sprache und Anwendung kommen kann.
Wir haben schon oben das Rezitativ als Mittelform der na-türlichen und der Musiksprache bezeichnet. Beide haben bekannt-lich (S. 362) dieselben Elemente der Stimmung und ihres Ausdrucks,Klang, Rhythmus, Tonfall, in sich, nur dass diese, — und nament-lich Tonfall und Rhythmus, besonders aber der erstere, ■— in derSprache unbestimmt bleiben, in der Musik sich aber zur Bestimmt-heit erheben. Dies ist also der Grundunterschied in derForm der Rede und des Gesangs; folglich liegt hier auchder vermittelnde Uebergangspunkt. Die Rede geht in Gesang über,wenn sie ihren unbestimmten Tonfall (und Rhythmus) bestimmt; derGesang wird zur Rede*), wenn er von dem bestimmten Tonfall(und Rhythmus) der Musik zu dem unbestimmten der Sprache zu-rückgeht.
Jetzt können wir das Wesen des Rezitativs ganz einfach be-zeichnen :
das Rezitativ ist eine zu musikalischer Bestimmt-heit erhohne Rede.
Es behält also in allem Uebrigen die Eigenschaften der Rede,namentlich die höchste Worttreue und die Freiheit von jeder festabgeschlossnen Musikl'orm, erhält aber für den unbestimmten Ton-fall der Rede bestimmten, oder — im allgemeinsten Sinne des Worts,(Th. I, S. 26) Melodie.
Die Melodie des Rezitativs kann aber nicht eine bestimmtin sich abgeschlossne Form (des Satzes, der Periode u. s. w.)für eine entschiedne Stimmung, sondern nur die Form des Gan-ges haben, — wiewohl wir längst und vielfältig erfahren, dassdiese sich der festem Form des Satzes annähern kann. Dies folgtaus dem bei dem Text und Anlass des Rezitativs Vorausbemerkten.
Da sich in jeder Melodie irgend eine harmonische Grundlage
*) Dieser Fall mag seltner motivirt und erfahren sein, er ist aber wederunerhört, noch unberechtigt. Wer die grosse Dramatikerin S c h r ö d e r-1) e-vrient gehört hat, z. B. in Meyerbeer’s Hugenotten, der wird bemerkt undtief mit empfunden haben, wie sie in den äussersten Momenten des Entsetzensden Gesang auf Augenblicke fallen und das Wort mit seiner unbestimmtemModulation — gleichsam wie sich im Schreck oder Entsetzen die Glieder ent-stricken, ihre Haltung und Bestimmung verlieren, — walten lässt, W'o jede festereTon folge ein unwahrer Halt und Trost wäre.