Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
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noch ist die musikalische Erregung nicht fest geworden, nicht injenen Worten, sondern im folgenden Vers ertönt der wirkliche Lob-gesang. Jene Worte sind, musikalisch zu reden, der Gang zudem festen Satze des Lobgesangs ; sie bedingen die Rezitalivform.

Oder der Text kann zweitens an sich selber kein Bedürfnissmusikalischer Gestaltung haben, aber er ist Theil eines grösser»Ganzen, das der Musik angehört, das koinponiit wird. So, wennJesus in der bekannten Erzählung des Matthäus (26, 10) zu denJüngern spricht:

Was bekümmert ihr das Weib? Sie bat ein gutes Werk an mirgetban.

Hier ist in den Worten des Textes kein Bedürfniss musikali-scher Gestaltung vorhanden. Nehmen wir aber an, dass derselbein einem grossem und komponirten Gedichte aufgenommen würde,wie er denn in der grossen Passionsmusik Seb. ßacbs seine Stellegefunden: so könnte und müsste auch er in die Musik aufge-nommen werden , und so ergäbe sich für ihn wiederum die Formdes Rezitativs.

In dieselbe Form gehören drittens solche Aeusserungen, die wenn auch rein aus dem Gefühlsleben entgegengesetzte Stim-mungen gedrängt neben einander stellen. So die Verkündigung desJesaias (54, 8),

Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dirverborgen; aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen,

in der vorherrschend die tröstliche Versicherung, aber dicht dabeidie Erinnerung an den bangen Augenblick des Zorns zum Ausdruckkommt.

Desgleichen viertens solche Aeusserungen, die, wenngleichvon einer einigen Stimmung voll, doch dieselbe in der Form der An-schauung oder Schilderung laut werden lassen, wie z. B. der Zurufaus dem Jeremias (25, 34):

Heulet nun, ihr Hirten*), und schreiet, wälzet euch in der Asche,ihr Gewaltigen Uber die Heerde! Denn die Zeit ist hier, dass ihrgeschlachtet und zerstreuet werdet und zerfallen müsset, wie einköstliches Gefäss.

In all diesen Fällen stellte sich die Form des Rezitativs alsnothwendig dar, weil der Text in sich selber noch nicht zu derBestimmtheit oder Ausschliesslichkeit einer festen Stimmung gelangtwar, die eine feste Musikform moliviren konnte. Nun aber ist zu-letzt fünftens noch des Falls zu gedenken, dass ein Text zwardurchaus musikalischer Stimmung und Form ist, die erstere aber

*) Es sind, wie sieb von selbst versteht, die Fürsten gemeint.

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