Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
379
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ihm dem Inhalte nach, so tiefe zartverschwiegne Seelenregungin so engem Raume! sein dürfte. Die gleich dahinter (S. 372)folgenden Verse des griechischen Dichters, wie tiefbedeutend sieseien und wie glücklich 'übersetzt, entfernen sich schon entschiedenvon dem einfachem Redegang; sie tragen neben dem nächsten Aus-drucke des natürlichen Gefühls das Pathos der Tragödie und ihreserhabensten Helden Alschylos, gewähren also auch von dieser Seitedem Musiker nicht freie That.

Dies ist die eine Seite. Die andre Seite der Musik ist, dasssie nicht bloss dem Gefühlsausdruck Punkt für Punkt und im Ganzenzu genügen hat, sondern auch zu ihrer Wirkung fasslicher gleich-oder ebenmässiger Formen bedarf. Wir wissen, dass sieihre Sätze in gleichmässigen Taktzahlen (zu 2, 4, 8 Takten) zubilden, in Gleichmässigkeit (2 gegen 2, 4 gegen 4, 2mal 2 gegen4, weniger gern schon 3 gegen 3 Takte u. s. w.) gegen einanderzu stellen, kurz vom Kleinsten bis zum Grössten Ebenmaassund Gleichgewicht zu erhalten liebt. Sie kann diese Wohlgestalt,diese Leichtigkeit und Sicherheit des Baues in einzelnen Fällen auf-geben; aber das sind eben nur Ausnahmfälle und zwar selten,nur aus tiefem Gründen zu rechtfertigen, und selbst dann das Be-dürfnis nach ebenmässigern Gestaltungen nur noch schärfer hervor-rufend.

Hieraus erkennen wir, dass im Allgemeinen diejenigen Vers-arten der Form nach am günstigsten für Komposition sind, die demMusiker ebenmässiges Gestalten erleichtern, also zunächst Versarleuvon gleich langen und gleich gebildeten Strophen und dabei von leichttheilbarer Slrophenzahl, von 2, 4, zweimal 4, zweimal 3 Strophenu. s. w. Namentlich für alle ruhiger, leichter, messender sich aus-sprechenden Zustände sind diese Formen die günstigsten. Alleinbeschränkt hierauf ist der Musiker keineswegs. Längst kennenwir die Erweiterungen der Sätze und Perioden durch Anhängeu. s. w., die uns bereits auf Gestalten von 3, 5 Abschnitten oderSätzen geführt haben, mithin den ungleichmässigern Versarleu ent-sprechende Form bieten; auch haben wir bereits S. 365 angeschaut,auf wie vielfältige, bald engere, bald gedehntere Weise das Wortgefasst werden kann. Ja, es ist vorauszusebn, dass im Vokalsatze,wo das Wort den Sinn der Musik erläutert, noch kühner vorge-schritten werden kann*), als im Instrumenlalsatze.

*) tu der That hat sich auch der musikalische Rhythmus nirgends freier,mannigfaltiger, kühner entfallet, als im Gesänge. Glu c ks Kompositionen, be-sonders die aulidische Iphigenie, in der seine Idee sich am entschiedensten ver-wirklicht hat, sind voll von Belägen; sie könnten vielen unsrer Zeitgenossen,die eben hier oft zaghaft und befangen auflreten, heilsam werden gleich einem