Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
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377
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Sechster Abschnitt.

Die äussere Form ries Textes.

Es ist bekannt, dass alle Rede sich ungebunden, in Form derProsa, und in gebundner Form, als Vers gestalten kann. BeideFormbegriffe kommen auch an dem zur Komposition bestimmtenTexte zur Erscheinung. Es ist daher wenigstens ein Ueberblicküber ihr Wesen und die besondern in ihnen enthaltnen Gestaltungenhier Pflicht, obgleich eine tiefer gehende Betrachtung ebensowohlwie der Gegenstand des vorigen Abschnitts eine günstigere Stelleerwartet.

Zuvörderst leuchtet ein, dass gerade die äussere Form derRede zunächst von der Komposition berührt und ergriffen wird;vor allem schliesst sich der Ton an den Laut, die Tonweise an dieLaut- und Wortreihe, erst nach dieser Vereinigung oder Ver-schmelzung ist die Frage aufzuwerfen, ob der Sinn der Töne auchmit dem der Worte, des Textes zusammentrifft. Es ist klar, dassdiese Hauptfoderung an alle Gesangkoraposition durch die äussereTextl'orm in ihrer Erfüllung begünstigt oder gehemmt werden kann.

A. Die ung ebvnden e Rede.

Die ungebundene Rede hat bekanntlich kein ander Gesetz, alsdas allgemeine der Sprache zu beobachten und schliesst sich, soweit es diese erlaubt, unbedingt dem Gedanken und Gefühl des Re-denden Schritt für Schritt an. Sie ist in dieser Hinsicht der reinsteund unverholenste Ausdruck ihres Inhalts. Daher aber begünstigtsie auch den reinsten und tiefsten Ausdruck der Musik, die (wiewir oben erkannt) als Gefühlssprache ebenfalls nur den geradesten,aufrichtigsten Ausdruck ihrem Wesen gemäss findet. Mit dem freienWorte schaltet die Musik, so weit es nur das allgemeine Sprachge-setz erlaubt, durchaus frei; sie verweilt und eilt, betont und er-leichtert, wie es der Sinn der Rede in jedem einzelnen Momentefodert. Neben diesem Sinn ist nur die musikalische Form (derSätze, Gänge u. s. w.) zu beobachten; ihre Herstellung aber istso leicht wie möglich, weil keine Nebenbedingungen stören. Selbstüber das niedergeschriebne Wort hinaus stehen dem Komponistendie rednerischen Formen der Wort- und Satzwiederholung, Unter-brechung u. s. w. offen, so weit der Sinn des Textes es erlaubt,und helfen ihm bei dem Gestalten. Wo es daher auf den freiesten,stärksten, tiefsten Ausdruck ankommt, ist in der Regel die unge-bundne Rede für Komposition die günstigste Form.