Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
367
Einzelbild herunterladen
 

367

aller ihrer Elemente zu zeigen; dies ist die Anmuth oder allge-mein e S c h ö n h e i t der Form. Sie beruht erstens auf einem wohlgeordneten Wechsel der Laute, namentlich der Vokale, in dem so-wohl die eintönige Anhäufung desselben Lauts, als das grelle undzu häufige Widereinanderslossen der einander zu fremden, zu wi-derstrebenden Laute vermieden und ein sanfter oder lebensvollerSchwung der Laulirung gewonnen ist; zweitens auf einer eben-massigen und doch frei entfalteten Khythmisirung; auf einem anmu-thig wechselnden und ebenmässigen Spiel der Accente in Länge undKürze, Schwere und Leichte der Betonung; drittens auf einemTonfall des Redenden, der in schwungvoller und dabei sanfter, vonheftiger Bewegung wie von starrem oder trägem Stehnbleiben gleichentfernter Weise in der Sprache selbst eine Ahnung, einen Abglanzvon Melodie durchschimmern lässt, ohne doch die Gränze von Spracheund wirklicher Musik zu überschreiten. Dies ist die allgemeine oderäussere Schönheit der Sprache, der Ausdruck von dem sichern, an-muthig leichten Walten und Wohlgefühl des Redenden in derselben.Sie ist mehr oder weniger in der Sprache jedes Volks vorhandenund in jeder durch den ausgebildeten Sinn des Redenden zu erhöhen;in der deutschen Sprache ist sie nach dieser oder jener Seitevielleicht nicht so schimmernd als in mancher andern, aber dafürmannigfaltiger als in den meisten, selbst die griechische nicht aus-genommen, — die italische nun gar nicht. Der höchste Meister aberscheint hier Goethe zu sein. Seine Sprache im rechten Munde darfMusik heissen; manches seiner Gedichte, z. B. der Fischer,,Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll“,müsste selbst den des Inhalts unkundigen Ausländer bewegen undihm, bei erwecktem-Musiksinn, schon durch den Klang der Worteund den Ton der Silben eine Ahnung von dem Element, in demes lebt, erwecken.

Sodann berührt aber, wie w'ir oben angedeutet haben, dieSprache schon in ihrer Aeusserung vielfältig und oft höchst mäch-tig dieselben Saiten der Empfindung, der Leidenschaft, die durchden feststehenden Sinn der Worte zum Hörer sprechen, — und hierkann sich im Ganzen keine Sprache mit der unsrigen messen ; we-nigstens ist ihr keine eben hier überlegen.

Nach allen diesen Beziehungen muss die Sprache beobach-tet, in ihren vorzüglichsten Schriftstellern und Dichtern studirt, esmuss im Lebeii selbst der Ausdruck der verschiednen Stimmungenund Affekte, vom Zustande der Beruhigung bis zur höchsten Auf-regung der Leidenschaften, belauscht, es muss die eigne Sprechweisezur Reinheit jedes Lauts, zu jener Wohlgestalt der Sprache, zudem treffenden Ausdruck der Affekte \lurch Laullcsen und aufmerk-sam geregeltes Selbstreden ausgebildet werdeu. Je getreuer man