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ausgebildete Gefühl und Bewusstsein vom Körper der Sprache zueiner mächtigen Hüllsquelle der Komposition wird*).
2. Der Rhythmus.
Das zweite Gemeinsame der Sprache mit der Musik ist derRhythmus, der sich in beiden durch Längen und Kürzen, durchgrössere oder mindere Stärkegrade, Betonung ausspricht. Für dieMusik sind diese rhythmischen Mittel, ist der Rhythmus überhauptvon weit höherer Bedeutung und Nothwendigkeit, als für die Sprache,deren Sinn in den Worten ungleich bestimmter und darum fassli-cher und schnelltreffender ist. Daher wird man leicht gewahr, dassdie Sprache sowohl viel ärmer ist an Abstufungen der Betonungund des Verweilens, — wie wenig hat sie unsrer Reihe von Be-tonungen vom härtesten fortissimo des ganzen Orchesters bis zumsäuselnden, ganz verhallenden pianissimo , oder vom flüchtigstenHundertachtundzwanzigstel bis zur Taktnote oder mehrern verbund-nen Taktnoten entgegenzustellen! — als auch viel unbestimmter;— denn hei ihr sind jene genauen Abmessungen, die unser Takt-system gewährt, nicht vorhanden, weil sie ihrer nicht bedarf, ja, siesind eben deswegen gegen den Geist der freien, für sich bleiben-den Sprache. Bei aller dieser Unbestimmtheit oder mindern Be-stimmtheit hat aber die Sprache bekanntlich ihre feststehenden Mo-mente der Betonung und des Verweilens, die entweder aus demSprachbau oder aus dem gegen einander abzuwägenden Sinn dereinzelnen Worte hervorgehn.
Diese feststehenden Momente müssen nun auch im Gesang fest-gehalten werden; eine kurze oder betonte Silbe, ein dem Sinn ge-mäss hervorzuhebendes Wort darf nicht unbetont bleiben oder zu-rücktreten in der Komposition.
Allein mit dieser allgemeinen Regel ist noch wenig gethan. Dennnun kommt erst die bestimmtere und reichere musikalische Rhythmikund Betonung herzu und hebt die sprachlichen Accente aus ihrerUnbestimmtheit und Beschränktheit zu sich empor; auf der andernSeite muss aber in gewissen Verhältnissen die Musik von ihrerscharfen Bestimmtheit nachlassen, um die frei fliessende Sprachenicht unzeitig und unangemessen zu hemmen und zu zwängen. Sobildet sich aus dem Rhythmus der Sprache und der Musik, — soeinig beide ihrem Grunde nach und so verschieden in ihrer Ent-wickelung, — ein drittes Wesen, das man nicht zu beherrschenhoffen darf, wenn man nicht jede Seite, also namentlich den sprach-
*) Eben dies ist der Grund, warum man seine Werke nur mit ihrem Ur-text (S. 344) vollkommen erfassen und mit vollem Erfolg studiren kann.