Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
361
Einzelbild herunterladen
 

361

und sich möglichst, klar machen, dabei jede Besonderheit sei sieauch noch so reizend, die er an diesem oder jenem Sänger ge-wahrt, sorgfältig von dem Bilde des Ganzen absondern, so dass ihmnur das reine, aber volle Bild des Klassenkarakters vor dem innernAuge bleibt. Die rein persönlichen Besonderheiten, die an Einzel-nen karakleristisch hervorlreten, sind ebenfalls, aber nicht hier,sondern auf einer andern Stufe, ein wichtiger Gegenstandfür das höhere Studium.

Es ist wohl nicht zu leugnen, dass die altern Komponisten, na-mentlich Händel und Seb. Bach und vor allen der erstere,in der treuen Beobachtung der Stimmkaraktere es den neuern zu-vorgethan haben, und dass dieser Treue ein grosser Antheil an demErfolg ihrer Kompositionen beigemessen werden muss; namentlichist dies von ihren Chorkompositionen, besonders bei Händel, zuerweisen, der oft mit nicht eben tief erfundnen oder energisch ver-arbeiteten Sätzen entschieden bedeutendere Wirkung erlangt, alsseine Nachfolger mit ihren oft geislig-liefern und reicher entwickel-ten Gedanken. Dies liegt zunächst darin, dass keiner Stimme soleicht etwas zugemuthet wird, was sie nicht gut gewährt, dann,dass schon durch die gewissenhafte Scheidung der Stimmgebiete dievier Grundkaraklere festgestellt und aus einander gehalten wurden.Der alte Meister hatte das wahrhaft dramatische Prinzip*),das in aller (mehr als einstimmigen) Komposition lebt, erkannt undsich zu eigen gemacht:

er wollte nicht selber sprechen, sondern die Per-sonen seines Dramas, die Stimmen sollten spre-chen, jede wie es ihr eigen und recht wäre.

So gewaun er vier lebensvolle, frei bewegte, innig und eigen-thiimlich beseelte Persönlichkeiten, deren Wechselrede und Gegen-spiel schon als Ausdruck frischer und gesund-selbständiger Wesenanzieht, wenn selbst das, was sie eben mit einander zu verkehrenhaben, von minderer Anziehungskraft wäre. Im Gegensätze dazuwollen neuere Komponisten oft nur sich selber hören lassen, und dieStimmen sind ihnen nur Werkzeuge zu beliebigem Gebrauch, Un-terlhanen, die ohne eignen Willen und Karakter sclavisch nur sagenund thun sollen, was der Alleinherr eben will. Da wird denn derAlt in den Diskant, der Bass in den Tenor hinaufgetrieben, jedemwird zugemuthet, was ihm nicht recht und eigen ist, und somit dasreizende Gegenspiel mannigfaltiger Karaktere in einer nirgends ge-rechten Uniformität aller Stimmen gehemmt und unterdrückt.

*) Vergl. Th. II, S. 161.