- 354 -
Aushalten einzelner oder schnelle Folge verschiedner Töne (inden sogenannten Passagen und Verzierungen) und durch Darstellungaller möglichen Tonverbindungen jeder Regung und Wendung desGefühls zu entsprechen. Sie gewährt sogar mehr, als dem reinenim Gesang waltenden Gefühl eigen und genehm ist, dann aber lässtsie, wie oben gesagt, das Unangemessene um so deutlicher fühlen.
3. Das Stimmgebiet.
Jede Stimme hat einen gewissen Umfang, den sie entweder garnicht, oder nur mit Verlust ihrer Kraft, Anmutli, ihrer Ausdrucks-fähigkeit und zum Nachtheil des Organismus überschreitet. Inner-halb dieses Umfangs kann man drei Gebiete unterscheiden,
die Mitte, wo die Stimme am bequemsten und ruhigsten ist,die Tiefe, nach welcher hin sie schwächer und dumpferwird bis zum Erlöschen,
die Höhe, nach welcher hin sie stärker, schärfer, hefti-ger wird, bis endlich auch hier die Gränze erscheint.
In den Mittellönen setzt jede Stimme am bequemsten ein undkann sich in ihnen am ausdauerndsten belhätigen ; in ihnen ist auchin der Regel der Klang am wohllautendsten. Dagegen ist Höhe undTiefe für den ersten Einsatz weniger günstig, bei anhaltender Ver-wendung für Ausdauer und Wohlklang erschöpfend. Hierzu kommt,dass auch die Aussprache in der Mitte der Stimme am deutlichsten,wohllautendsten und bequemsten erfolgt.
Hieraus ergeben sich für den Komponisten nicht genug zubeherzigende Lehren für den Gebrauch der Stimmen. Vor allem musser sich auf den allgemeinen Umfang der Stimmen zu beschränkenwissen; selbst das darf ihn nicht verleiten , die allgemeine Gränzezu überschreiten — ausser etwa in Sologesängen für bestimmte In-dividuen von ausserordentlicher Begabung*), — dass sich allerdingsstets einzelne, das gewöhnliche Maass der Höhe oder Tiefe weitüberschreitende Stimmen finden. Denn diese Einzelnen können dienolhgedrungne Ausschliessung der grossen auf das gewöhnliche Stimm-maass angewiesenen Mehrzahl nicht ersetzen, und auch bei ihnen tritt(nur später) jene Scheidung ein, dass ihre hohen und höchsten Töneheftig und gewaltsam, ihre tiefen schwächer und erlöschend heraus-kommen**).
*) So hat Mozart die Arien der Königin der Nacht für seine besondersbegabte Schwägerin Lange und eine, wie es scheint, verloren gegangne Ariebis zuin viergestrichneu C für die Italienerin la Bastardelia gesetzt.
**) Man könnte sich versucht fühlen, diese Regel für höchst überflüssig zuhatten, weil sie sich ja von selbst verstehe, — wenn sie nicht selbst von ein-sichtigen Männern, ja von bedeutenden Koinpouisten so oft schon verabsäumtworden wäre. Statt vieler Beläge wollen wir nur auf Miltoirs Morgengesang