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gesetzter harmonischer Figuralion im Gesänge doppelt fühlbar. —Dass übrigens chromatische Läufer und so auch ausgedehnte arpeg-gienartige Figuren (z. ß. in Rossini's Semiramis) als besondrcKraft- und Kunststücke der Bravoursängerinnen oft bewundert wor-den, spricht nicht gegen, sondern für obige Ansicht; es werdendamit jene Figuren, besonders die chromatischen, als Seltenheiten,mithin als das dem Organ und Sinne nicht Natürliche und Genehmebezeichnet. — Auf der andern Seite sagen aber auch zu bunt ge-bildete, durch Vorhalte mit verzögerter Auflösung und ähnliche Um-schweife zu häufig verzierte oder herumgeführte Weisen dem Ge-sang — wie dem einfachen unverstellten Gefühl weniger zu.
Vermöge des im Gesang und für denselben erwecktem Sinnessind auch Abweichungen von der nächstgehörigen Fortschreitungder Harmonien, die wir uns aus mancherlei Gründen gestatten, —z. B. die Septime des Domiuantakkordes hinauf, die Terz hinab zuführen u. s. w., — im Gesang empfindbarer und insofern bedenk-licher, als im Instrumentale. Jeder, auch der geübteste und unter-richteiste Sänger, wird bald gewahr, dass dergleichen Fort-schreitungen (z. B. in g-h-d-f des f nach g oder des h nach g)für seinen Gesang etwas Befremdendes haben, dass er sie seinerStimme gleichsam ahzw'ingen muss, und dass er dabei leichter alssonst unrein singt, — und zwar bei dem wider den ursprünglichenZug der Harmonie erzwungnen Hinaufschreiten zu hoch, bei demHinabschreiten zu lief. In gleicher Weise fühlt aber auch der Hö-rer das Erzwungne solcher Schritte, selbst wenn sie dem Sängervollkommen gelingen.
Dieses wachsame Gefühl sträubt sich selbst gegen solche Fort-schreitungen, Harmonien und Modulationen , die vollkommen folge-recht gebildet, aber in der Reihe der Harmonieentwickelungen dieallerentlegenslen und darum (vergl. Th. I, S. 530) dem unmittelba-ren Gefühl fremdartig sind. Hierhin gehören die iiberw'eiten, dieOktav und Dezime übersteigenden Intervalle*), weil sie nicht blossdas Stimmorgan zu heftigen Dehnungen oder Zusammenziehungenin die entgegengesetzten Haltungen nölhigen, sondern auch in derRegel unmotivirt, ohne innere Nothwendigkeit erscheinen.
Von den Harmonien sind hier besonders die im System zuletzterschienenen, nicht einmal einer bestimmten Tonart angehörigenMischakkorde zu erwähnen. Sie sind, wie sich von selbst ver-steht, nicht unzulässig; aber ihre Zweideutigkeit, ihr schillerndes,unbestimmt schwankendes Wesen wird im Gesänge fühlbarer, sogar
*) Auch sie sind eine Zeit lang-bei Sängern und Komponisten Mode gewe-sen, zuletzt besonders von Righiui und Reich ardt (und dem Nachahmerdes letztem, Zelter) gepflegt.