- 340 --
noch fiir durchaus unverbrüchliche Kunstgesetze (Th. I, S. 15), wohlaber das Nachdenken wecken und die Erkenntniss schärfen und be-festigen können.
1. Die Rhythmik des Gesanges.
Schon längst haben wir erkannt, dass im Rhythmus ordnendeund bestimmende Kraft liegt, dass erst durch seinen Zutritt (Th. I,S. 26) die Tonfolge zur Melodie wird. Die Mittel des Rhythmussind bekanntlich zweierlei: stärkere Betonung und längeres Verwei-len. Durch eins oder beide wird ein Ton, ein Glied einer Ton-reihe u. s. w. vor dem andern oder mehrern andern hervorgehobenals Hauptsache vor der Nebensache ; durch die Mannigfaltigkeit die-ser Unterscheidungen gewinnt die Komposition an geistiger Beweg-lichkeit, durch die ebenmässige Anordnung derselben an Wohlge-stalt. Beides ist in jeder künstlerischen Schöpfung von hoher Be-deutsamkeit, vorzüglich im Gesänge. Daher ist umgekehrt Man-gel an rhythmischer Belebung nirgend empfindlicher, als wieder imGesänge; denn hier ist nicht bloss die unrhythmische oder wenigrhythmische Gestaltung unbefriedigend für den Geist, sondern schonin Widerspruch mit dem Gefühl und Wesen des Organs.
Nichts ist für das Gesangorgan ermüdender und ihm widri-ger als länger dauernde Gleichförmigkeit der rhythmi-schen Bewegung, zumal im langsamem Tempo. Eine Reihevon Sechszehnteln oder Achteln in schneller oder doch massigerBewegung lässt sich, wenn sie nicht gar zu ausgedehnt ist, nochohne grosse Beschwer durchlaufen; eine grössere Reihe von Vier-teln oder halben Noten*) ist ebensowohl für das Gesangorgan er-schöpfend, als für den Geist des Ausübenden und Hörenden ermü-dend. Der Geist begehrt Ordnung, — Auordnung der einzelnenMomenle (Töne u. s. w.) zu einem fasslich geordneten Ganzen, —Unterordnung der Nebenmomente unter die Hauptmomeute, — Haupt-momenle, auf die er sich stützen, auf denen er ruhen, Nebenmo-mente, über die er leichter hinwegeilen, bei denen er es sich leichtmachen kann. Dasselbe Bedürfnis geht unmittelbar auf das Organüber.
Aus gleichem Grunde sind alle rhythmischen Formen schondem Gesangorgan, wie dem im Gesang am regsamsten sich erwei-senden Gefühl unbequem, die Störung oder Verhüllung der rhyth-mischen Ordnung in ihren Hauptmomenten hervorbringen. Es sind diesbesonders zwei Formen. Erstens die (in der Mitte des vorigen Jahr-hunderts einmal zur unvermeidlichen Mode gewordne) Synkope-
*) Aus diesem Grunde hat schon JNägeli in seiner Gesangschule auf denJNachlheil, den zu häufiges Choralsingen in den Singstunden für das Organhat, aufmerksam gemacht.