Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
336
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lyrischer Gedichte, oder wie eine unbestimmt weit gehende Folgevon Gestalten im Basrelief, an einander reihen lässt, nur durcheine allgemeine Idee oder Stimmung, vielleicht gar nur durch einendeModulation zusammengehalten. Einer solchen Folge fehlt die ge-drungne Kraft einer ihren Inhalt mit und durch einander verarbeiten-den und innerlichst einenden Form. Aber nicht überall ist dieseKraft, folglich die sie hervorbringende Form Bedürfniss. An dieStelle jener fest ausgeprägten Formen kann eine tiefere, kräftigeinende Idee andre frei gewählte und frei wechselnde setzen. Undzuletzt hat im heitern Kunstleben auch*das leichte Schweifen undUmherirren sein gutes Recht, ohne Ziel und Zweck als sich selber.

Hiermit erst, indem wir erkennen, dass es möglich undstatthaft sei, jede voraus bestimmte Form aufzugeben, daranzugebenan die Freiheit unsers Geistes, der kein andres Gesetz erkennt,als sich selber, hiermit erst ist die ganze Formenlehrean ihr Ziel geführt, sind wir in und mit ihr und durchsie frei geworden. Es ist aber das nicht die vermeintlicheFreiheit des Ungebildeten, der in seiner Armuth und Beschränktheitsich frei dünkt, weil er nicht vorauszusehn vermag, wie oft undwie überall er auf die Schranken und in die Irr- und Rückgängeseiner Wegesunkunde gerathen wird, sondern die sichere Freiheitdessen, der alle Richtungen und Wege kennt, folglich jeden mitdem andern vertauschen, auch wohl querfeldein gehn kann ohneGefahr sich zu verirren.

Die Gestaltungen, in welchen sich dieser letzte Schritt zurFreiheit thut, fassen wir mit dem Namen

Phantasie

zusammen, ohne weitere Rücksicht auf die bisweilen nebenbei auf-geführten Namen der Tokkate (wenn sich in der Phantasie einbesondrer Spielreichthum zeigt), des Capriccio (wenn besonders ei-gensinnige Gedanken oder Spielweisen geltend werden), des Pot-pourri (meist ein Ragout aus Andrer Schüsseln) und andrer, dieden besondern Inhalt der Komposition unterscheiden sollen.

Es liegt im Begriff der Sache, dass die Phantasie keinen be-stimmten Weg gehn, keine bestimmte Form haben kann; denn ihrWesen beruht ja eben darauf, von jeder bestimmten Form abzu-gehn. Daher ist auch für sie schlechthin gar kein Gesetz, nichteinmal das zu geben: dass ein Hauptton festgehalten oder zuletztwifidergebracht werden müsse, obgleich das Letztere meist zu-treffen mag. Wir können vielmehr beobachten, dass die Gestaltender Phantasie von eiuer festen, nur frei gewählten Formung an bisin das freieste Sichgehnlassen wechseln, werden also auch ge-fasst sein müssen, hier wie auf jeder Formgränze Gestalten zu