Druckschrift 
3 (1857)
Entstehung
Seite
92
Einzelbild herunterladen
 

92 -

Eben hierin erkennen wir, dass ein Höheres, als das Trach-ten nach äusserm Reichthum oder originalen Einzelheiten die Mei-ster geleitet hat, dass sie treu und rein der Stimme des Herzensoder der Idee ihres Werks gefolgt sind, und eben hierin sich undihren Beruf am höchsten geehrt haben. Sie würden aber wederdie Kraft noch den Muth dazu besessen haben, wenn nicht dasredlichste und erfolgreichste Streben für ihre künstlerische Ausbil-dung vorangegangen wäre und sie in den Stand und das Recht ge-setzt hätte, nur der innern Stimme zu folgen. Auch ein minderAusgebildeter hätte gar leicht auf Erfindungen, wie die in No. 86aufgewiesnen, kommen können. Aber in dem geheimen Bewusst-sein seiner Beschränkung würde ihm das Gefundne, weil esnichts hinter sich hätte, ungenügend, trivial erscheinen, under würde unwiderstehlich zu Gesuchtem hingetrieben werden, oderan dem für ihn Dürftigen gefesselt stehn bleiben.

Die zweite.

Hier zum erstenmal ist nicht zu umgehn gewesen, von einemtiefem Sinn, der Kunstwerken inwohne, Erwähnung zu thun.

Dass vielen Kompositionen tieferer Sinn als blossesTonspiel oder bloss dunkles Gefühl inwohnt, dassviele von einer mehr oder weniger lichten und bestimmtenIdee angeregt und aus ihr heraus gebildet sind: sollte füglich nichtbestritten werden, da alle Meister unsrer Kunst theils inihren Werken (und zwar in ihren höchsten, aus der reifsten undkräftigsten Periode ihres Schaffens), theils mit ausdrücklichen Wor-ten davon Zeugniss ablegen, und man wohl kein gültiger Zeugnisserwarten kann, als von denen, in welchen die Kunst ihre höchstenLebensmomente erreicht, die selbst nichts anders, als eine Verkör-perung, Individualisirung der allgemeinen Kunstidee sind. Bezwei-felt hat die Wirklichkeit eines solchen höhern Geistes in der Musiknur deshalb werden können, weil diese Kunst am weitesten ent-fernt ist von der Fähigkeit klarbestimmten und unzweideutigen Aus-drucks, weil in ihr der Geist in seinem innerlichen Verhülltsein undGeheimniss lebt, und weil derjenige Beobachter, dem die innersteIdee des Kunstwerks entschlüpft oder ganz verborgen bleibt, an denmannigfachen Aeusserungen für Sinn und Gefühl noch einen soüberreichen Inhalt empfängt, dass er sich trösten und mit einigemSchein der Wahrheit überreden kann, das sei schon der ganze In-halt des Werks.

Das Dasein eines solchen liefern Inhalts unsrer Kunst demJünger verhehlen wollen, wär ein eben so unbefugtes als unaus-führbares Unternehmen; die Werke und Worte der Meister und