Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
352
Einzelbild herunterladen
 

352

VII. Psychische Schwächezustände.

in gleichem Maasse ausgesprochen. In vielen Fällen istvorwiegend eine einzelne derselben ergriffen, so dassdie geringeren Störungen auf andern Gebieten völlig zurück-treten und sich vielleicht auch noch innerhalb der nor-malen Grenzen halten. Einer vorurtheilsfreien psychologi-schen Betrachtung dürfte allerdings der stets vorhandeneDefekt der gesammten Persönlichkeit niemals ganzentgehen. Am meisten in die Augen springend ist im All-gemeinen die Schwäche der Intelligenz. Die intellektuelleSchwäche galt daher lange Zeit und gilt namentlich vor Gerichtauch heute noch als das wesentlichste Symptom krankhaftenSchwachsinnes. Allein die Erfahrung hat gelehrt, dass unterUmständen die Störung sich hauptsächlich im Gemüthslebenund im Handeln ausprägen kann, während die Intelligenzvon derselben, scheinbar wenigstens, gänzlich unberührtbleibt. Diese Formen hat man als moralisches Irreseinbezeichnet, weil sie den Kranken für das Laienauge viel-fach als ein moralisch schlechtes Individuum erscheinenlassen.

Die wesentlichste Eigenthümliclikeit des moralischenIrreseins (folie morale, moral insanity) ist der Mangel oderdie Schwäche jener Gegenmotive, -welche den so-cialen Menschen von der rücksichtslosen Befriedi-gung seiner unmittelbaren egoistischen Neigungenzurückhalten. Damit hängt häufig zusammen die ganzabnorme Ausbildung gewisser elementarer Triebe, die bis-weilen schon an sich selbst den Charakter des Krankhaftentragen. Der Mangel des Mitgefühls zeigt sich oft schon infrüher Jugend in grausamen Thierquälereien; der Ge-schlechtstrieb erwacht ausserordentlich früh (sogar schonim 4., 5. Jahre) und mit unbezwinglicher Gewalt, so dasser bald zu onanistischen und sexuellen Excessen verschie-dener Art führt. Unbändige Wildheit, Verstecktheit, Falsch-heit, schlaues Raffinement, Neigung zu brutalen Gewalt-thaten, zu Lug und Trug, zum Diebstahl und zu Aus-schweifungen, Mangel des Ehrgefühls und jeglicher Anhäng-lichkeit an Eltern und Geschwister, unverhülltes Hervor-treten der ausgeprägtesten Selbstsucht lassen nicht seltenschon beim Kinde die Keime der späteren krankhaften