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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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V. Primäre Verrücktheit.

folgungsideen, die auf diese Weise entstehen. Der Krankehört abfällige Bemerkungen, Drohungen, Schimpfworte,Hülferufe seiner Angehörigen, glaubt sich in Folge dessenverachtet, gehasst, überall beobachtet, seine Lieben in Ge-fahr, und beginnt nun unter dem fortdauernden Einflüsseseiner Sinnestäuschungen auch andere Wahrnehmungen imSinne dieser krankhaften Vorstellungen zu deuten. Eineunbefangene Betrachtung des klinischen Verlaufes lässt in-dessen mit Bestimmtheit erkennen, dass dem Auftreten derPhantasmen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle be-reits einzelne Eigenthümlichkeiten in der Auffassung derUmgebung vorausgehen, die auf eine tiefer greifendeWandlung derselben hindeuten. In der Begel erscheint denKranken schon vor der Ausbildung von Sinnestäuschungendie Aussenwelt in ganz besonderem Lichte; ohne dass siegerade falsche Wahrnehmungen machen, sehen sie doch dieDinge und Personen mit andern Augen an, als Gesunde.Unwesentliche, nebensächliche Umstände fallen ihnen aufund gewinnen eine besondere Bedeutung, während oft dasNächstliegende und Augenfälligste unbeachtet gelassen undübersehen wird. Der Inhalt der Sinnestäuschungen stehtdaher auch regelmässig in einer gewissen Beziehung zudem sonstigen Gedankengang^e des Kranken, indem er seineBefürchtungen verstärkt, seine Hoffnungen ermuthigt undüberhaupt das Thema der Wahnidee in der verschieden-artigsten Weise variirt, ohne dass sich der Kranke selbstdieses häufig gewiss nur ganz allgemeinen und unbestimmtenZusammenhanges bewusst wird. Die Sinnestäuschungen sind,mit andern Worten, hier fast immer nicht die Ursacheder psychischen Veränderung, die sich mit dem Krankenvollzieht, sondern sie sind nur ein Symptom des allge-meinen Krankheitsprocesses. Die Psychose wäre daher durchden Wegfall der Sinnestäuschungen durchaus nicht etwaals beseitigt anzusehen, sondern sie würde trotzdem imWesentlichen unverändert fortbestehen.

Dennoch kommen einzelne Fälle zur Beobachtung, indenen das Verschwinden der Trugwahrnehmungen oder dieermöglichte Korrektur derselben selbst nach jahrelangerDauer auch die wirkliche Genesung der Kranken bedeutet.