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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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134
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1B4 III. Verlauf, Ausgänge und Dauer des Irreseins.

Persönlichkeit, das entweder eine Folge von Entwicklungs-hemmungen, angeboren (z. B. Idiotie, Kretinismus), oderdas Produkt einer voraufgegangenen Geisteskrankheit, er-worben, sein kann (sekundärer Schwachsinn). In denkrankhaften Zuständen hat die äussere krankmachende Ur-sache längst aufgehört, zu wirken; in den krankhaften Pro-cessen dauert ihr Einfluss noch fort.

Den Vorgang der psychischen Störung fasste Grie-singer im Anschlüsse an seinen Lehrer Zeller als eineneinheitlichen auf, dessen einzelnen Stadien die verschie-denen klinischen Formen des Irreseins (Melancholie, Manie,Verrücktheit, Verwirrtheit, Blödsinn) entsprechen sollten.Allein die Erfahrung hat diesen gesetzmässigen Ablauf derGeisteskrankheit in bestimmten Stadien nicht bestätigtund besonders durch den Hinweis auf die Tbatsache einerprimären Verrücktheit die Unabhängigkeit der einzelnenKrankheitsbilder von einander dargetlian. In der That lässtauch die Beobachtung der Formen psychischer Störungdurchaus nicht den nach der aufgeführten Hypothese er-warteten einheitlichen, sondern einen überaus verschieden-artigen Verlauf derselben erkennen.

Beginn der Erkrankung. Der Beginn einer Geistes-krankheit ist in der Regel ein allmählicher; seltener hriclitdie Alteration plötzlich ohne Vorboten über das Individuumherein. Der Grund für dieses Verhalten liegt in derAetiologie der Psychosen. Es giebt hier nur relativ wenigeUrsachen, die rasch eine durchgreifende Störung in denCentralorganen der psychischen Thätigkeit hervorzubringenvermögen (Alkohol, Schreck, Fieber, Gebärakt); meistenserleidet erst nach und nach die Reaktionsweise des Er-krankenden durch stetig wirkende Einflüsse mehr undmehr hervortretende Veränderungen. Je geringer der An-tlieil äusserer Ursachen in der Pathogenese des Irreseinsausfällt, desto langsamer wird ceteris paribus die Störungsich entwickeln, bis ihre Ausbildung endlich, wo die Be-dingungen der Psychose ganz in der eigenthümlichen Anlagedes Individuums gelegen sind, zuweilen Decennien in An-spruch nimmt, sobald kein heftigerer Anstoss, kein Konfliktu. dergl. den Ausbruch derselben beschleunigt.