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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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62
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ß2 I. Allgemeine Aetiologie.

welches uns über die erste und wichtigste Frage Aufschlusszu gehen hat, über die Frage nach dem Einflüsse der Erb-lichkeit. Die Bedeutung dieses Momentes in der Patho-genese psychischer Krankheiten ist jederzeit und von allenIrrenärzten auf das Einmüthigste betont worden, so sehrauch hei den naheliegenden Fehlerquellen einer Statistiküber diesen Punkt die Zahlenangaben im Einzelnen aus-einandergehen*) (von 4 bis 90°/ o ). Der Grund für dieseenormen Differenzen liegt hauptsächlich in der verschiedenweiten Fassung des Begriffes der Erblichkeit, in der grösse-ren oder geringeren Genauigkeit der Anamnese und in derBesonderheit des verarbeiteten Krankenmaterials. Wennman berücksichtigt, dass nicht nur eigentliche Psychosen,sondern eine Reihe von verwandten Zuständen, Alkoholis-mus, Neurosen, auffallende Charaktere, verbrecherische Nei-gungen u. dergl. als Erscheinungsformen neuropathisclierDisposition angesehen und somit bei der Feststellung here-ditärer Verhältnisse in Rechnung gebracht werden müssen,so ergiebt sich, dass im Mittel bei 30 bis 40°/ 0 aller psy-chisch Erkrankten unter den nächsten Anverwandten dasBestehen derartiger Abnormitäten sich nacliweisen lässt. Fürdie Würdigung dieses rein statistischen Resultates ist esindessen sehr wichtig, zu bedenken, dass einmal das Zu-sammentreffen psychopathischer Züge hei Gliedern derselbenFamilie noch keinen nothwendigen hereditären Kausalzu-sammenhang zwischen diesen Symptomen erweist, und dassuns ferner gänzlich der statistische Nachweis für die Häufig-keit einer derartigen erblichen Disposition hei der grossenMasse nicht geisteskranker Individuen mangelt. Müssen wirsomit jene Zahlenangaben lediglich als empirische Datenansehen, ohne in ihnen zunächst den exakten Ausdruck einesGesetzes zu erblicken, so steht dennoch die allgemeineTliatsache von der hohen Bedeutung der Heredität in derAetiologie der Psychosen über allem Zweifel fest, so wenigwir uns auch von dem tieferen Zusammenhänge der Vorgängehier eine irgendwie genügende Vorstellung machen können.

*J Legrand du Saulle, Die erbliche Geistesstörung, über-setzt von Stark, 1874. Weitere Literatur bei Emminghaus,Allgem. Psychopathologie p. 315.