Druckschrift 
Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

Psychiatrische Forsehungsmethoden.

7

Veränderungen ab, so bleibt den zahlreichen subtilerenAnomalien fast nur mehr die Bedeutung von Symptomen,aus denen man auf das gleichzeitige Vorhandensein einermangelhaften Hirnentwicklung allenfalls mit grösserer odergeringerer Wahrscheinlichkeit scliliessen darf. Dieser Rück-schluss ist aber durchaus kein zwingender; es verbietet sichdaher von selbst, ihn etwa auf die Ausbildung der psychi-schen Funktionen des untersuchten Individuums noch weiterauszudehnen.

Jede anatomische Thatsache erhält einen biologischenWerth erst durch die Verknüpfung mit den Ergebnissender Physiologie. Die Psychiatrie hat daher auch die Phy-siologie des centralen und, bei der hier bestehendenfunktionellen Abhängigkeit aller Theile von einander, sogardes peripheren Nervensystems ihren Zwecken dienstbarzu machen gesucht. Man kann jedoch schwerlich behaupten,dass die eigentliche Nervenphysiologie bisher in weiteremUmfange gerade das Verständniss psychiatrischer Erschei-nungen gefördert habe, abgesehen davon, dass sie in exakterWeise den Sitz der psychischen Funktionen in der Rindedes Grosshirns feststellte. Nur in der neuesten Zeit ist eseine Anzahl sehr werthvoller und fruchtbarer experimen-teller Beobachtungen gewesen, von denen man gehofft hat,dass sie mächtig in den Entwicklungsgang der psychiatri-schen Anschauungen eingreifen würden, nämlich die Be-obachtungen über die Lokalisation einzelner psychischerFunktionen in den verschiedenen Regionen der Hirnrinde.Während die Versuche älterer Experimentatoren nach dieserRichtung hin resultatlos geblieben waren und schliesslichzu der Ansicht geführt hatten, dass alle Gegenden derRinde funktionell durchaus gleichwerthig seien (Flourens),gelang es Hitzig und im weiteren Verlaufe Ferrier undMunk, nachzuweisen, dass gewisse Territorien der Hirnober-fläche in nahen Beziehungen zu bestimmten Muskelbewe-gungen stehen, während andere für das Zustandekommender verschiedenen Sinneswahrnehmungen von Bedeutung zusein scheinen. So interessant indessen diese allerdings zumTheil noch sub judice stehenden Ergebnisse sich darstellen,so unberechtigt sind doch die Schlussfolgerungen, die man