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Compendium der Psychiatrie : zum Gebrauche für Studirende und Aerzte
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Einleitung.

liat, da sie das Forschungsobjekt derselben aus dem Be-reiche der Erfahrungswissenschaften in denjenigen derSpekulation verpflanzte. Während schon die Aerzte desAlterthums durch die ruhige Beobachtung auf den nahenZusammenhang zwischen körperlichen (insbesondere Ge-hirn-) Erkrankungen mit dem Irresein aufmerksam ge-worden waren, ging diese Erkenntniss bis in die neuereund neueste Zeit hinein gänzlich in einer religiös - aber-gläubischen Auffassung der Geistesstörungen unter. Erstgegen das Ende des 18. Jahrhunderts vermochte die Medi-cin sich des verlorenen Forschungsgebietes erfolgreich wiederzu bemächtigen. Lange Kämpfe zwischen einseitig psycho-logischen und sogar moralistisclien Anschauungen einerseits,extrem somatischen Begründungen des Irreseins andererseits,führten schliesslich in den letzten Decennien unter dem Ein-flüsse der mächtigen Fortschritte in der Medicin zu einerphysiologischen Auffassung der psychischen Funktionenund Funktionsstörungen. Nach ihr steht das Seelenleben,das man bis dahin meist als die Aeusserungen eines selbstän-digen Wesens betrachtet hatte, in engster physiologischerAbhängigkeit von gewissen körperlichen Vorgängen. Diepsychischen Erscheinungen sind nichts alsFunktionen desGehirns; psychische Störungen sind diffuse Erkrankungender Hirnrinde. Die Psychiatrie ist demnach nur ein be-sonders entwickelter Zweig der Nervenpathologie, ihre Auf-gabe die Pathologie der Hirnrinde, eine möglichstgenaue Kenntniss aller jener krankhaften Veränderungen inForm und Verrichtung, welche die einzelnen Bestandtheilederselben unter irgend welchen Einflüssen erleiden.

Allein es kann nicht energisch genug ausgesprochenwerden, dass die Erreichung dieses in neuester Zeit vielfachaufgestellten Ideales der Erkenntniss zwar von unschätzbaremwissenschaftlichen Werthe, aber durchaus nicht im Standesein würde, uns wirklich eine Lehre von den Geistes-störungen zu liefern. Dies wäre nur dann der Fall,wenn das Gehirn die Vorstellungen, Gefühle u. s. w. wirklichin ähnlicher Weise absonderte, wiedie Niere den Harn,wenn somit eine exakte Kenntniss der Hirnmechanik ohneWeiteres auch das Verständniss der psychischen Vorgänge