Druckschrift 
1 (1808) A - E
Entstehung
Seite
19
Einzelbild herunterladen
 

der Verdeutschung. r-

fchr Behauptung überhaupt auf solche Wörter und Aufdrücke, welchen kein erkennbarer wirklicher Gegenstandaußer uns antwortet: aber dann würde diese Behauptung eines Theils nicht gegründet sein, weil unsere Spracheso gut, als jede andere, eine Menge solcher Wörter, z. B. Zufall, Raum, Zeit u. f. w. wirklich besitzt; undandern Theils würde diese Eigenheit ihr mehr zum Tadel, als zum Lobe gereichen, weil sie . in diesem Falle überhauptnichts allgemeines und übersinnliches ausdrucken könnte. Oder Leibnitz dachte bei dieser Aeußerung- und bis ist!vermuthlich der wahre Sinn derselbennur an die unfruchtbaren Spitzfindigkeiten und leeren Un-terscheidungen der Schulweisheit des mittlern Zeit-alters, die sich freilich, (gleich manchen ähnlichen der neu-sten Schule) besonders zu seiner Zeit, noch nicht ins Deutsche übertragen ließen; aber nicht deswegen, weil unsereSprache ihrer Natur nach, sich bis zu dergleichen Ueberfeinheiten oder leeren Wortschaume, wie er sie nennt, garnicht ausdehnen läßt, sondern weil sie damahls zu einer wissenschaftlichen Sprache überhaupt, und zum Gebrauchefür die übersinnliche Vernunstwissenschafl insonderheit, noch wenig oder gar nicht ausgebildet war. Indeß ist dochso viel gewiß, daß die Leerheit oder gar die Widersinnigkeit sclchcr Ausdrücke nicht leichter und deutlicher erkanntwird, als wenn man sie ins Deutsche zu übersetzen versucht; und daß daher unsere Sprache in sofern wirklich füreinen Prüfstein gelten kann.

Dem sei nun aber wie ihm wolle, so müssen wenigstens wir, die wir an der weitern Ausbildung unsercrSpra-che arbeiten, so viel an uns ist, zu verhüten suchen, daß sie sowol an widersinnigen und leeren, als auch an unsitt-lichen und sittenverderbenden Wörtern keinen Zuwachs erhalte; wenigstens müssen wir die Zahl solcher Wörter undRedensarten nicht geflissentlich zu vermehrn suchen.

Hieraus ergeben sich folgende vier Regeln, als eben so viele Fälle, bei welchen unsere Bemühung, die Spra-che zu reinigen und zu bereichern, für immer still stehen muß.

1. Alle ausländische Wörter, die etwas nicht denkbares, d. r. einen sich selbst widersprechenden' und auf»hebenden Begriff in sich fassen, verdienen nicht durch Uebersetzung oder Nachbildung in unsere Sprache übertra-gen zu werden. Diese sollte man vielmehr, so oft man etwa nicht umhin kann, des Unsinns, den sie einschließen,zu erwähnen, immer nur von dem Auslande für den gegenwärtigen Fall zu borgen sich begnügen; ja man sollte sogar siedabei in ihrer ganzen ausländischen Form und Gestalt lassen; und sie nicht etwa durch abgeränderte Endsilben Deut-schen Wörtern ähnlich klingend zu machen suchen,*) um sicher zu sein, daß sie nie das Bürgerrecht bei uns erhaltenkönnten. Hätte man diese Vorsicht bei manchem altgläubigen Kunstworte dieser Art, z. B. bei &socvö$Miro $, Qsoro>io? ytrinitas, transsobstantiatio u. f. w. von jeher beobachtet: wie viele schädliche Gedankenverwirrungen , wie manchenlästigen Unsinn, wie viele Verwöhnungen zur Gedankenlosigkeit und zu einer abergläubischen Anhänglichkeit an un-verstandene und unverstehbare Wörter würde man den Köpfen der Deutschen, wenigstens den der ungelehrtenDeutschen, dadurch erspart haben!

2. Alle schmutzige, unsittliche und pöbelhafte Ausdrücke fremder Sprachen müssen von der Verdeutschunggänzlich ausgeschlossen sein; sollten sich auch solche darunter finden, die selbst der vornehmere Pöbel in den höhernGesellschaftskreisen auszusprechen kein Bedenken trägt. Wer wollte aus übertriebener Bereicherungslust den Schmutzaus dem Hause eines unsaubern Nachbaren in das seinige übertragen! Unsere eigenen Land - und Bezirkswörterbü-chcr (fdiotica) strotzen von dergleichen, nur gar zu ausdrucksvollen Wörtern und Redensarten, die wir für immer inihnen vergraben lassen wollen.

Z. Alle diejenigen ausländischen Wörter verdienen von der Verdeutschung gleichfalls ausgeschlossen zu bler»öen, die, ohne gerade unanständig, schmutzig oder pöbelhaft zu sein, doch das sittliche Zartgefühl abstumpfen,die Begriffe von Recht und Unrecht wankend machen oder in Verwirrung bringen können, indqrn sie unsittlichenund unerlaubten Dingen einen gleichgültigen, scherzhaften, oder gar gefälligen und angenehmen Anstrich geben;z. B. Oalamerie, für Unzucht genommen fille joie , nn abnable ddbauchs^, lauterüer, septembviser lt. f. w.Dergleichen Wörter sollten entweder gar nicht übersetzt oder nachgebildet werden; oder man sollte sich bemühen, denNachbildungen solche Nebenbegriffe anzuhängen, die statt Wohlgefallen, vielmehr Widerwillen, Ekel und Abscheugegen die dadurch bezeichnete Sache einflößen könnten; wie dis z. B. bei der von mir versuchten Uebersetzung vonfille dejoie durch Lust- oder B uh ld irne (wovon zu wünschen wäre, daß es das verführerische neue WortFreu-

C2 denmäd-

*) Indem man sie etwa so anfiihrte, wie Engländer und Franzosen ausländische Wörter anzuführen pflegen:das, was man auf Gtö-chlsch StairqMnQ*; nennt, das, was die Franzose« mit dem Ausdruck abnable äebsu-ke dezeichnen u. f. w.