Druckschrift 
1 (1808) A - E
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

*3 Grundsätze, ReZekn und Gränzen

immer von ihr zurückgestoßen'werden, oder daß man wenigstens niemahls recht bestimmte und deutliche Begriffedamit verbinden lernt.

Laßt uns diese Satze, wie dis-hohe Wichtigkeit der Sache es zu verdienen scheint, etwas naher beleuchten.

Ich sagte: die Sprachesei um des Volkes, nicht das Volk um derSprache willen da;und das bedarf ja, meine ich, wol keines Beweises. Aber so darf denn auch das nicht erst bewiesen werden, daßdie beziehlichcn (reiuriven) Vollkommenheiten der Sprache überhaupt, und ihre allge'meine Verstand»lichkeit insonderheit, jeder andern Vollkommenheit derselben, sie sei welche sie wolle, vorgehen müssen, oder daßjede andere Vollkommenheit, wenn sie mit jenen zusammenstößt und nicht zugleich damit bestehen kann, ihnen noth-wendig weichen muß. Ein fremd-artiges, nur für wenige Deutsche verständliches Wort, sei also noch so wohl.klingend und lieblich, sei für die wenigen, die es verstehn, noch so zweckmäßig und ausdrucksvoll: es verdient nichtaufgenommen oder nicht beibehalten zu werden, sobald ein anderes da ist oder gefunden werden kann, das den nämliche»Begriff, wenn gleich nicht ganz so schön und nicht ganz so wohlklingend, aber doch der Hauptsache nach richtig, undzugleich auf eine für alle Deutsche verständliche Weise auszudrucken im Stande ist. Ich bitte meine Löser, bei die-sem Satze doch ja mit ernstlichem Nachdenken zu verweilen, um, wenn sie von der Wahrheit desselben sich werden über-zeugt haben, ihn bei dieser ganzen Untersuchung, als einen H a uptg ru n d satz, immer im Gedächtnisse zu behalten.*)

Ich sagte ferner: eine Kenntniß könne nicht ehe,r einem Volke angehören und auf daSVokk nicht eher wirken, als bis sieausdenKöpfen der Gelehrten in bieder ungelchrtenDolksklassen übergegangen wäre. Auch das ist ja klar und uubezweifelbar gewiß; so gewiß es ist, daßwir in der Natur nur dann erst Tag, Tag für alle haben, wann die Sonne am Himmel steht und allen leuchtet,nicht wann Diesem oder Jenen ein nur ihm leuchtendes Kerzenlicht aus seinem Schrcibpulte brennt. Da nun aberfür das Wohl der menschlichen Gesellschaft alles darauf ankommt, nicht, daß dieser oder jener einzelne Kopf, sonderndaß das Volk, die große Masse der Gesellschaft selbst, erleuchtet werde; und da auf der andern Seile diese allge-meine Erleuchtung nicht eher Statt finden kann, als bis die unter das Volk zu verbreitenden Kenntnisse in allge-

mein-

*) Wie nöthig diese Bitte wär, das hade ich in diesen Nagelt beim Lesen ciltts von Moritz'en nachgelassenen Werks, des Gramma-tischen Wörterbuchs der Deutschen Spräche, sehr lebhaft und stark empfunden. Wenn einer der besten Köpft, die sich in neuern Zeiten mit dem Anbau »nscrcr Sprache besaßt haben, den großen Gesichtspunkt, den ich hier angebe, und von dem mauglauben sollte, daß er sich jedem denkenden Menschen, beim ersten, auf diesen Gegenstand geworfenen Blick sogleich von selbst darbie-ten müsse, so durchaus verfehlen konnte, daß er in diesem ganzen Werke auch nicht tin einziges mahl daran dachte , nur ein einzi-ges Wort daraus zu betrachten »nd danach zu beurtheilen: was werde ich von denen zu erwarten haben, die weder Moritzens'Scharfsinn , noch wie er, die Fähigkeit besitzen, von gewohnten Dorstrliungsbahncn mit leichter Muhe auf ungewohnte überzugehen!Ungeachtet dieser Schriftsteller sich recht eigentlich zum Zweck gesetzt hatte,die Deutsche Sprache von unnöthigcm fremden Zusätze zusäubern, und sie in ihrer ursprünglichen Reinigkeit aufzustellen:" so vergißt er diesen seinen großen Zweck doch fast auf jeder Seitedes genannten Werks so sehr, daß er von zehn fremden Wörtern neun deizubehälten , selbst dann beizubehalten räth, wann er selbstgezeigt bat, daß wir sie durch echtdcuksche Ausdrücke hinlänglich ersetzen können,und das bloß entweder um eines schöutönendelrEilbrngeklingels willen, oder weil das fremde Wort (bei nachlässigen Schriftstellern nämlich) schon sehe gebräuchlich sei, oder weil ir-gend ein unbedeutender, gar nicht wesentlich zur Cache gehöriger Ncbcnbegriff, ein kaum merkliches Schattentiipfclchcn, durch dieVerdeutschung verloren gehen würde, oder endlich von allen Schcingründcn der unstatthafteste weil das fremde Wort einmahlschon ein wissenschaftliches Kunstwort bei uns geworden fei! Gleichsam, als wenn die Befriedigung unserer Ohren durchausländischen Wortklingklang ein höherer Zweck, als die Volkscrlcuchtung wäre! Gleichsam als wenn die Deutsche Sprache um dceNachlässigkeit «iuiger unserer Schriftsteller willen, immer und ewig durch fremden Wörtcrkram verunstaltet bleiben mußte! Gieichsam,«ls wenn der Verlust eines ganze» Begriffs für ein ganzes Volk, nicht die Aufopferung eines unwesentlichen Ncbenbcgriffs für eineHandvoll von Gelehrten «nd Halbgelchrten, an nachtheiligen Folgen fürs Ganze, tausendmahl überwöge! Gleichsam endlich, alsWenn die wissenschaftlichen fremden Kunstwörter nicht gerade einen von denjenigen Theilen unserer Sprache ausmachten, die unter al-len am ersten verdeutscht werden sollten! Doch hievon weiter unten. Wie konnte ein Mann von Moritzens Geiste, bei der An-gabe solcher unstatthaften Gründe, so ganz vergessen, was er, «ngcfähc um die nämliche Zeit, in einer öffentlichen Rede, so rich-tig erkannt, und fast in zu weitgehenden Ausdrücken geäußert hatte: ,So wie unsere Deutschen Vorfahren sich sträubten, ihren Na-cken unter das Joch der Römischen Herrschaft zu beugen: so sträubt sich unsere Sprüche noch bis auf den heutigen Tag, irgendtinc Mischung vom fremden Zusätze in sich aufzunehmen und zu dulden. Sie will nur aus und durchsich selbst gebildetscin. Was sie fremdes aufnimmt, ist nie seines Bürgerrechts ganz gesichert; manversucht, es irgend einmahl wieder ouszusioßcn, und statt der fremden, wo möglich, durch neugcbildcte Wörter, den Reichthum dceSprache zu vermehren; und schon auf manches ncligcbildctc Wort, das imAnfange verspottet wurde, haben Gebrauch und Zeit un-widerstehlich ihr Gepräge gedruckt." Beiträge zur D e u t sch eu E pr a ch k« nde. L r st t 6 a m m I. 6. 87. Berlin 1794.