Du weißt, liebe Julie, ich unterlasse es nicht, inKöln, so oft sich nur Augenblicke erübrigen lassen,das Museum zu besuchen. Auch bei der Herreise,als mich Paß- und Urlaubsangclcgcnhciten einenTag fcsthicltcn, verbrachte ich dort die freien Stun-den und sie waren dieses Mal besonders Bendcmannsgefangenen Juden gewidmet. Je länger ich dasBild sah, desto unbefriedigter ließ cs mich. Ichwill dir meine Ansichten mittheilen, nimm den Kupfer-stich zur Hand und vergleiche, ich bin gewiß, duwirst mir beistimmcn.
Die Mutter mit dem Kinde scheint mir eine gutgehaltene Figur. Es liegt etwas von dem erhabenenLeiden in ihr, was die ganze Scene zu forderenscheint. Die Drangsale lasten schwer auf ihr,drum bittet sie: .Herr laß die Prüfungen enden.Doch dein Wille geschehe, setzt das fromme Augehinzu, und die Arme scheinen das Kind fester zudrücken, als bedürfe es schon Schutz gegen qualvolleZukunft.
Die beiden anderen Figuren scheinen dem Bildekein neues Interesse zu verleihen. Der Charakterder weiblichen Figur links, welche etwas ungeziemendden Kopf auf die Hand gestützt hat, will mir garnicht einleuchten. So oft ich sie betrachte, fälltmeine Aufmerksamkeit auf die niedergeschlagenen,düsteren Augenliedcr und die Neugierde fragt einfäl-tig, welcher Geist dahinter verborgen sei?
Für einen frommen biblischen Schmerz sagen diesedüstern, crdegesenktcn, materiellen Augcndcckel zu viel;für eine irdische Leidenschaftlichkeit liegt in dem zug-losen Gesichte viel zu wenig, es fehlt der Figur dierechte Frömmigkeit und Kraft; sie ist indeß nicht so