Wenn aber ein Mann von Gefühl sich zur Beur-thcilung aesthctischcr Gegenstände aufwirft, so wirddie Gefahr eine sehr große. Ein Mann von regerPhantasie unterwirft sich sehr leicht den ungelenkigstenFormen und schmückt sic sich zu einem gefälligen Ganzenzusammen. Ihn zwingt oft seine Dichtkraft an Unbe-deutendem Großes zu empfinden; das Angcdeutcte wirdihm häufig zu Vollendetem, die Idee zu einer vorhande-nen Wirklichkeit. Seine Gedanken sind nicht die derThatsachcn, seine Thatsachen sind vielmehr die seinerGedanken. Hier die große Gefahr. Nicht etwas Vor-handenes, sondern etwas Erfundenes, etwas schön Er-fundenes, wird bcurtheilt,und solche Beurthcilung muß,auch ohne die verführende Sprache, in der Regel dasErbthcil aller Gefühl Durchdrungenen, jedem mit einemHerzen begabten Menschen Zusagen und cinlenchtcn,wenn ihm nicht besonderer Scharfsinn das Wahre vomFalschen zn trennen »erstattet. Hier ist ohne fremdeHülfe keine Rettung, sie ist selbst dem Abgeirrtcnnothwcndig, damit er, aus seinem Traume geweckt,gezwungen werde, seine schönen Gaben der Wirklich-keit znzuwendcn.
Wenn es auch jemanden gelungen ist, einzelne zurBeurthcilung gezogenen Gegenstände (alle zum Vor-würfe seiner Betrachtungen zu machen, hat noch keinEinzelner gewagt, und wird auch bei unserer Produc-tivitat nicht sobald gelingen) recht klar zu stellen,der gewonnenen Anschauung gemäß die Gründe dcSGefallens und Mißfallens öffentlich und bestimmt znentwickeln, und wohl zn berücksichtigen, daß nichtzur Fröhnnng eigener Gedanken, sondern zur Beleh-rung und Aufklärung Anderer geschrieben werden soll:so ist damit das Gebiet acsthctischen Lebens noch