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Otto von Freising : sein Charakter, seine Weltanschauung, sein Verhältniß zu seiner Zeit und seinen Zeitgenossen als ihr Geschichtsschreiber ; aus ihm selber dargestellt ; eine von der philosophischen Facultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München gekrönte Preisschrift
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§. 6. Otto's psychologische Kritik.

Auch diese Art Kritik ist Otto nicht fremd. Er suchtder Menschen Handlungen aus ihren Neigungen und Anlagenzu begreifen und zu erklären. Die meisterhafte SchilderungAttila's"°), die verlieren würde, wenn man sie irgendwiezergliedern wollte, so wie nicht minder die treffenden Lebens-bilder, die er uns so oft und lebenskräftig von den Hohen-staufen entwirft ^°), sind ein laut sprechendes Zeugniß, daßer auch diese Seite der Kritik wohl gekannt und geübthabe.

Ein einziges Beispiel hieher zu setzen, wird genügen,um zu zeigen, wie Otto Handlungen und Charaktere psycho-logisch aufzufassen und nachzuconstruiren versteht. KaiserHeinrich IV. lud 1079 den Grafen Friedrich von Hohen-staufen zu sich nach Regensburg ein, und um ihn für immerfür seine Sache zu gewinnen, sprach er ihn mit folgendenWorten an, die ihm Otto in den Mund legt, und diesosehr von conscqucnterBerechnung und staatsmännisch feinemTakle zeugen, daß sie ihre Wirkung unmöglich verfehlenkonnten.Herrlicher Mann!" so läßt er den Kaiser ohnge-fähr sprechen,ich habe Dich als den Treuesten im Frie-den, als den Tapfersten im Kriege gefunden. Siehe, welchefinstere Treulosigkeit im Römischen Reiche herrscht und zudem schändlichsten Beginnen anfregt. Weder den Elternnoch der Obrigkeit bewahrt man die schuldige Ehrfurcht;der Eid, den der Ritter seinem Fürsten leistet, wird verach-tet, dagegen werden Parteischwüre durch die Eingebung desTeufels für hoch und heilig gehalten, ohne Scheu vor

6brou. IV. 28. Ilrst. 96.

z. B. Oest. Vrill. I. 12. Nur. 650. 6est. Vrlä. II. 20.Nur. 718.