56
seiner Philosophie zu thun haben. Diese ging dahin, daßdie eine und selbige Wesenheit jedem endlichen Individuumnicht auf dieselbe eine und wesentliche, d. i. unendliche, son-dern immer nur auf eine individuelle und mithin bestimmteund endliche Weise zukomme. Und so war er Realist imGegensätze gegen Roscellin und doch auch wieder Nomina-list im Gegensätze gegen Wilhelm von Champeaux. — Diephilosophische Tagcsfrage war aber keine geringere, als dietrinitarische selber'^). Die Trinität war wie in unfernTagen in der Offcnbarungsphilosophie in den Fluß des logi-schen Werdens gerathcn und es ließ sich gar nicht absehen,wo und wie dieser Dialektik Einhalt gethan werden könne,wenn nicht die Kirche dazwischen trat. Dieß geschah aufeiner Provinzialsynode zu Soissons, wo Abälard gezwungenward, sein Werk über die Trinitätslehre eigenhändig in'sFeuer zu werfen. Dieß that ihm um so weher, als er esfür das Beste hielt, was er geschrieben hatte. Aber dieKirche mußte nach ihren Principicn handeln, denn Abälardlegte offenbar die Schneide der rücksichtslosesten Kritik andie geoffenbarte Religion mit dem Grundsätze: man könnenichts glauben, was man nicht zuvor vernünftig begriffenhabe rc. So war Abälard ein eben so bewunderter, alsgefürchteter Dialektiker, die Dialektik faßte er aber nicht im !Platonischen, sondern im Aristotelischen Sinne, nicht alsWissenschaft des Wahren, sondern nur des Wahrscheinlichen.
So war er ein zw eitcs Wunder seiner Zeit, aber ineiner der des hl. Bernhard, seines Gegners, ganz entgegenge-setzten Sphäre. Abälard war auch ehrgeizig ohne allenZweifel;darum bot ihm das maßenhafte Zuströmen von Zuhörern,die ihm selbst in die ödesten Gegenden nachzogcn, einigenErsatz für die vielen Verfolgungen, denen er auögesetzt war.
Oe ßestis k'rick. I. Ilb. I. c» 49—58.