Baustil.
477
Kreuzgurte, weshalb nur diese Punkte verstärkt zu werden brauchen,welches durch vortretende schmale, nach unten äusserlich in Absätzenverstärkte Mauertheile, die Strebepfeiler, geschieht. Diese sind nachinnen als Träger für die Gewölbegurte, wie letztere, durch Vorlage vonHalbsäulchen, gegliedert; eine gleichartige Gliederung erhalten auch dieArkadenpfeiler, welche dadurch zu Säulenbündeln von cylindrischemoder prismatischem Kern umgebildet werden, indem sich ihrem Unter-theile überdies noch die Träger für die Gurte der Seitenschiffe und deran ihren schrägen Seitenflächen am reichsten gegliederten Arkadenbögenanfügen. — Da die Strebepfeiler für die Mittelschiffgewölbe auf dieschlanken Arkadenpfeiler aufgesetzt und deshalb schwächer gehaltenwerden müssen, so erscheinen dieselben, wenn auch wohl zur Aufnahmedes Seitenschubes, so doch nicht stark genug, um die hohen Sargwändevor dem Auseinandergehen zu bewahren : man führte deshalb die ver-stärkten, pyramiclalisch gekrönten Strebepfeiler der Seitenschiffe über dieDachhöhe der letzteren hinaus und wölbte von ihnen aus Strebebögen zuden dadurch gestützten, ihrerseits wiederum das Kranzgesims des Lang-hauses übersteigenden und ebenfalls in Pyramiden ausgehenden Strebe-pfeilern des Hauptschiffes hinüber; doch kommen die Strebebögen andeutschen Kirchen im Allgemeinen nur seltener vor und wurden auch,wo man die Seitenschiffe von gleicher Höhe mit dem Mittelschiff anord-nete, überdies völlig entbehrlich. — Die Abbildung Fig. 192 von demQuerdurchschnitte des Domes zu Halberstadt veranschaulicht die gegebeneErläuterung 1 ) und zeigt das gegenseitige Verhältniss der einzelnen Theile,sowie das lebenvolle Hochstreben des Ganzen an einem Beispiele desausgebildeten Stiles aus dem XIV. Jahrhundert. In der Frühzeit desStiles sind alle Theile noch schwerer und einfacher; in der Spätzeit da-gegen verlieren die Pfeiler entweder die Gliederung ganz oder doch dieCapitäle , welche in ihrer Becherform überdies fast nur decorativ dieGrenze zwischen der Vertical- und der Bogenlinie zu bezeichnen ge-eignet waren.
94. Das Innere cler gothischen Kirche erscheint als ein erhabenes,wohlgeordnetes Ganzes, dessen mannichfaltige Theile in leichter, le-bendiger Gliederung senkrecht aufsteigen. Die starre romanischeMauermasse mit ihrem lastenden Druck ist verschwunden: das Augesieht nur verticale Stützen, welche sich zuletzt in schlanken Spitz-bögen gegen einander neigen; die weite, nirgends unterbrochene Per-spective nöthigt die Einbildungskraft, ohne sie zu beunruhigen, dasZiel zu suchen, welches jenseits liegt, und sich den Tempel des Herrnzu vergegenwärtigen, der nicht mit Menschenhänden gemacht ist.
Die fast völlige Auflösung der in der romanischen Kirche mehr oderweniger drückend wirkenden Last der Scheidmauer des Hauptschiffes hat
1) Die Construction des Strebepfeiler- u. Strebebogensystems bei einer Kirchemit doppelten Seitenschiffen erhellt aus Abbild. 21 <> vom Dom zu Cöln; S. ISO.
Otte, Kunst-Arelmologie. 31