Druckschrift 
1 (1868)
Entstehung
Seite
475
Einzelbild herunterladen
 

Baustil.

475

eines Vielecks bestehende, eine grossartige Wirkung hervorbringendeSchluss; wir finden denselben: dreiseitig aus dem Achteck, Zehneckoder Sechseck ; vierseitig aus dem Zehneck ; fünfseitig aus demAchteck, Zehneck oder Zwölfeck; sechsseitig aus dem Achteck;siebe n seitig aus dem Zehneck, ') aus dem Zwölfeck oder aus demV ierzehneck ; neun seitig aus dem Achtzehneck ; z w ö 1 f s e i t i g ausdem Vierundzwanzigeck; jedoch, mit seltenen, unschönen Ausnahmenaus später Zeit (Ostchor des Domes zu Naumburg, Kapellenkranz desMünsters zu Freiburg i. B.) stets so, dass die Längenaxe der Kirche nichtin einen Polygonwinkel, sondern in die Mitte einer Seite fällt. DerSchluss mit zwei Seiten eines gleichschenkeligen Dreiecks (also im spitzenWinkel) ist eine höchst selten vorkotnmende blosse Sonderbarkeit (Chor-kapellen zu Hohenlurt in Böhmen, Clarissenkirehe in Trier). Im Domzu Halberstadt (s. den Grundriss Fig. .191) ist an das dreiseitige Chor-haupt noch eine niedrigere Kapelle mit fünfseitigem Schluss angebaut.Die alte Kreuzform des Grundrisses wird nach dem XIII. Jahrh. aufge-geben. zuerst wohl bei den für die Zwecke der Predigt berechneten Volks-kirchen der sich seit dem XIII. Jahrh. in den Städten niederlassendenBettelorden, und kommt hauptsächlich nur noch da vor, wo auf der Stelledes Neubaues schon früher eine Kreuzkirche gestanden hatte; das Querschiff konnte auch um so eher wegfallen, als dessen Anlage nie in deneigentlichen Bedürfnissen des Cultus begründet gewesen war. Neben-apsiden an der Ostseite der Kreuzarme, die im Romanismus so sehr be-liebt waren, fallen gänzlich weg, wogegen die Seitenschiffe zuweilen po-lygonisch sehliessen. Wo, was nicht unverbrüchliche Regel ist, dieSeitenschiffe (wie in Halberstadt; s. den Grundriss) sich als Umgang umden Chor herumziehen, kommt es nach Analogie des Grundplanes derfranzösischen Kathedrale öfter vor. dass der Chorschluss-noch von einemKapellenkranze (oben S. 50 f. und Fig. 21) umzogen wird, indem manjeder Seite des polygonen Schlusses einen kleineren, ebenfalls polygonenAnbau gab, welcher fast immer mit drei Seiten des Achtecks geschlossenist. Als eine anderweite Bereicherung des Grundrisses ist auch dieaber nur selten beliebte Anordnung von doppelten Seitenschiffen zu be-zeichnen. Endlich kommt die organische Verbindung der Thurmanlagemit dem Langhause der Kirche in Betracht, indem man entweder die Zu-gänge zu den Seitenschiffen durch die Thürme legte, oder letztere dochdurch offene Hallen einerseits mit dem Zwischenbau, andrerseits mit denSeitenschiffen verband. (S. oben S. 01.)

93. Das eigentliche Princip des gothischen Baustiles besteht inder durch folgerichtige Durchführung des spitzbogigen Gurtgewölbeserreichten vollständigen Vermittelung zwischen Kraft und Last, wovonder ganze Aufbau des Gebäudes abhängig wurde.

1) Wenn der Chorsehluss, was (z. B. in der Klosterkirche zu Berlin, an derJohanniskirche zu Stettin, dem Münster zu Aachen, der Peters- u. der Wiesenkirchezu Soest u. St. Ludgeri zu Münster) selten vorkommt, aus 7 Seiten des Zehnecks ge-bildet ist, so tritt der Polygonabsehnitt seitwärts über beide Chormauern hinaus.