Druckschrift 
1 (1868)
Entstehung
Seite
227
Einzelbild herunterladen
 

Orgeln.

227

dem Tisclie und ertheilen ihre Weisungen an die zu beiden Seiten paar-weise aufgestellten vier Calcanten, welche angestrengt beschäftigt sind,die vor dem Tische in einem besonderen Kasten befindlichen Blasebälgemit langen Stangen aufzuziehen und niederzudrücken. Vor dem Gehäuseder Bälge sieht man drei starke, wohl verwahrte Cylinder : offenbar Be-hälter zur Ansammlung des Windes behufs gleichmässiger Vertheilungdesselben in den Pfeifen. — Bei weitem unvollkommener in der Wind-zuführung als dieses englische Orgelwerk erscheint die in der (aus KlosterScheyern stammenden) Mater verborum aus der ersten Hälfte des XIII.Jahrh. auf der Hofbibliothek zu München (cod. Schir. 3, pict. 7 c) abge-bildete Orgel: ein hoch-viereckiger Kasten, aus welchem vorn lange Zügehervor-, oben mehrere Pfeifen emporstehen, und wobei hinten ein Ge-hilfe an ein kleines Loch des Kastens einen genau mit der Spitze hinein-passenden Blasbalg einsetzt. ') — Gegen Ende des XIII. Jahrh. führtder jüngere Titurel in der Beschreibung des prachtvollen Gralstempelsbereits zwei Orgeln an, eine kleinere im Chore 1 2 ), eine grössere 3 ] hochüber dem Westportale : erstere zum Intoniren des Priestergesanges, letz-tere zur Verherrlichung feierlicher Plochämter. Der Dichter vergleichtdie Orgel einem Baume aus rothern Golde mit vielen belaubten Zweigen,die Pfeifen mit Vögeln, die in den Zweigen sassen und durch den vonBälgen künstlich hineingeleiteten Wind mit süsser Stimme sangen, hochund niedrig, wie es der Meister nach Anleitung der verschiedenen Schlüsselbestimmte. Zu den Seiten der Orgel standen vier auf goldenen Hörnernblasende, an das jüngste Gericht mahnende Engel. Die Bälge warendraussen angebracht und wurden von Windmühlen getrieben. 4 ) -

Die ältesten Orgelmacher waren Geistliche : im J. 826 meldete sichhei Ludwig dem Frommen ein Priester aus Venedig, Xamens Georg,welcher verspricht eine Orgel nach griechischer Art zu hauen und l'reund-lichst empfangen wird, da er etwas biete, was zuvor im fränkischenReiche nicht im Gebrauch gewesen wäre. 3 * ) Dagegen erbat sich etwafünfzig Jahr später Papst Johann VIII. bereits einen deutschen Orgel-bauer aus Freising. ß ) — Nach der unverbürgten Angabe eines Schrift-stellers aus dem XVII. Jahrh. 7 ) sollen sich bereits im XI. Jahrh. in Er-furt, Magdeburg und Halberstadt Orgeln befunden haben, von denen ernoch Ueberreste mit Inschriften gesehen haben will. Sicher ist, dass nochum das Jahr 1700 eine sehr alte Orgel im Halberstädter Dome vorhandenwar: bei einer Breite von etwa drei Fuss hatte sie nur wenige sehr grossebleierne Pfeifen und neun Tasten von Handbreite, die man nur mit derFaust oder dem Einbogen niederdrücken konnte. Sie hatte viele kleine

1) Vgl. Rettberg, R. v., a. a. O. Sp. 205.

2) Str. 81. 82, in den Abhandl. der philosoph.-philolog. Klasse der BayerischenAkad. der AVissensch. Bd. 1. 1835 S. 372.

3) Str. 00—102, ebd. S. 380.

4) Str. 102: »I Yindmiil von aussen ferne mit bälgen da den bradem gebten .«

5) Alton, vita Hludow.-imp. 40 u. Einhardi Annal. ad a. 820 bei PertzI, 215 ; Rettb erg, R. v., a. a. O. Sp. 161.

0) Iireuser, Kirchenbau 1, 152.

7) Praetorius (-j- 1621), Synteigma music. 2, 3.

15 *