Druckschrift 
1 (1868)
Entstehung
Seite
105
Einzelbild herunterladen
 

Altaraufsätze.

105

sehen frei stehenden Säulen, also nicht der mystischen Verhüllung halberangebracht) noch bis in spätere Zeit des Mittelalters üblich waren.Gothische Ciborienaltäre sind nächgewiesen in der Elisabethkirche zuMarburg, mehrere im Dom und im Niedermünster zu Regensburg und inSt. Stephan zu Wien, in der Teinkirche zu Prag, zu Dinkelsbühl, zweiin Maulbronn und zu Mühlhausen am Neckar, zu Werl in Westfalen.Nach Kreuser (Organ etc. 1801 S. 210) soll der älteste Hochaltarim Cölner Dom auch ein Ciborienaltar gewesen sein. Der von demselbenals letzter Ciborienaltar bezeichnete Altar in der Stephanskirche zu Mainzmit seinen vier Messingsäulen von 1509 soll erst in der Zopfzeit aus vierursprünglichen Candelabern zusammengesetzt worden sein (Ebd. S. 240). Auch die an der Westseite der Lettner errichteten Altäre (s. obenS. 39 Anmerkung l) gehören, insofern sie (wie in der Klosterkirche zuFredelsloh bei Eimbeck) unter der Wölbung des vortretenden Lesepultesstehen, gewissermaassen zu den Ciborienaltären. Wenn nach unserer(dem Conversations -Lexicon für bildende Kunst entlehnten) Abbildungam Evangelienseiten-Altar aus dem Dome zu Regensburg, sowie an denbeiden Ciborienaltären aus Mühlhausen (bei Laib und Schwarz Taf.XII. 3. 4) Eisenstangen zwischen den Rögen angebracht sind, hat mandarin wohl lediglich Verankerungen zu erkennen, nicht aber Vorrichtun-gen für ehemalige Vorhänge.

34. Die immer beliebter werdende Aufstellung von Reliquien inkostbaren künstlerisch ausgeselimückten Behältern (s. unten § 38),für welche auf dem Altäre selbst, auch wenn man ihn dazu hatte be-nutzen mögen, hinlänglicher Raum nicht vorhanden war, führte imMittelalter dazu, dass man, statt des Ciboriums über der Mensa, hinterderselben eine etwas höhere Steinwand {retabulum) aufführte, als er-höhten Standort oder als Gehäuse und Schirmdach für die Reliquiarienund Bilder. Unter dem Einflüsse der gothisehen Kunst entwickeltensich hieraus allmählich die grossen in Sclmitzwerk ausgeführten Auf-sätze , welche besonders in Deutschland die oft überreiche und sichbis zur Decke der Kirche emporwipfelnde Umrahmung bilden fürdie Bilder- und Reliquienschreine: Bilderaltäre, Reliquien-altäre.

Der Zusammenhang der Altarrückwand mit' der Aufstellung vonReliquiarien und Bildern scheint unleugbar doch kommt dabei auch inBetracht, dass die Errichtung eines lletabulums nur in dem Falle möglichwar, wenn der Liturg vor dem Altäre stand mit dem Gesicht gegenOsten, und nicht mehr, wie es die ältere, in den bischöflichen Kirchenwahrscheinlich am längsten bestehende Sitte war, hinter dem Altäre, dasAntlitz der Gemeinde zugekehrt: eine, zum Theil mit der Orientirung derKirchen (s. oben S. 1 1 Anm. 1) zusammenhängende, noch nicht hinlänglich

I) Vgl. namentlich die Abbildungen französischer Altiire bei Laib u. Schwarz,Studien etc. Taf. VI. ' 1 , 4, Hl.