erst viel später nachweisen lassen, nachdem längst die Schulen vomNiederrhein, in Böhmen, Schwaben und Franken ihren Einfluss geltendgemacht hatten. Eine merkwürdige Ansicht über die gezierte Körper-haltung der gothischen Figuren äussert nach dem Vorgänge Andererauch Kanonikus Lottin 1 ) in der Vorrede zu Hucher’s Werk über dieFenster der Kathedrale von Le Mans. Manche der gezwungenen Hal-tungen und Stellungen mögen auf Posen beruhen, welche die Mode ein-geführt hatte, nicht selten mit Rücksicht auf das Kostüm, jedoch ist eswahrscheinlicher, dass vornehmlich Streben nach belebter Darstellungs-weise sowie das ästhetische Bedürfniss, all dem Vertikalen gegenüberauch das Horizontale zu betonen, die Linienführung beeinflusste.
Da die alte Kunst nicht das Bedürfniss, daher auch nicht eigent-lich die Fähigkeit hatte, naturgetreue Bilder zu schaffen, musste dieGlasmalerei des Mittelalters sich darauf beschränken, nur das Wesen-hafte der Dinge, den ihnen innewohnenden Gedanken darzustellen, dieGegenstände dem Beschauer (wenigstens nach unserem heutigen künst-lerisch vorgeschrittenen Begriffsvermögen) in leichtverständlicher Bilder-sprache, gewissermassen in fester, gebundener, lehrhafterForm, also nur sinnbildlich, vor Augen zu führen. Es blieb derPhantasie des Einzelnen überlassen, sich die in einfacher Vortragweise,in der andeutenden Uinrisszeichnung gegebene Anregung im Geiste zuvervollständigen, während unsere naturalistisch gehaltenen Bilder weitereAusmalung nicht gestatten 2 ). Jene erwecken in gedrängter, übersicht-licher Form die Erinnerung an den dargestellten Gegenstand. In über-tragenem Sinne mag hier die Inschrift Erwähnung finden, welcheDoberans Cistercienser an einem Crucifixe angebracht hatten : „Nonistum Christum, Seel Christum crede per istum.“ Und Belehrung, Er-bauung war der vornehmste Zweck der altchristlichen sowie der mittel-alterlichen Malerei.
*) Calques des vitraux peints de la cathedrale du Mans par M. EugeneHucher. Paris, Le Mans, 1864 S. 3. „A une epoque oü le costume differaitentierement du notre, le corps avait pris des allures, les membres des habitudes toutesdifferentes de celles de l’epoque actuelle; et ce que l’on prend presque toujours pourdes restes de barbarie dans les vitraux du XIII. siecle provient uniquement de lanecessite ou sont les personnages du temps de plier leur corps ä l’empire d’une modeque nous ne comprenons pas. N’a-t-on jamais etc frappe, pas exemple, de l’eldvationdu coude et de la torsion du poignet dans les figures du XIII siecle? Mais il estevident que ce mouvement exagere est commandd par l’usage constant, ä cette epoque,d’un manteau qui couvrait ä peine les epaules et que les bras relenaient diffici-lement.“
”) Vgl. A plea for painted glass, being an inquiry into its nature, character,and objects and its Claims as an art. W. Oliphant, Oxford 1855, S. 32.
144