S22
Der Mysticismus.
Die Wirkungen des Krieges auf die Nerven der Teil-nehmer sind noch nie systematisch erforscht worden und dochwäre dies eine so wichtige und nöthige Arbeit! Die Wissen-schaft weiß, welche Zerrüttungen eine einzige starke Gemüths-bewegung, etwa eine plötzliche Todesgefahr, auf den Menschenhervorbringt; sie hat Hunderte, Tausende von Fällen verzeichnet,in denen Personen, die vom Ertrinken gerettet wurden, die beieinem Schiffbrande, einem Eisenbahnunfalle anwesend waren,die ein Mörder bedroht hatte u. s. w., entweder den Verstandverloren oder schwere und langwierige, oft unheilbare, Nerven-krankheiten bekamen. Im Kriege sind viele HunderttausendeMenschen allen diesen furchtbaren Eindrücken zugleich ausgesetzt.Monatelang droht ihnen auf Schritt und Tritt schwere Ver-stümmelung oder jäher Tod. Häufig umgibt sie das Schau-spiel der Verheerung, des Brandes, der grauenhaftesten Ver-wundungen und schrecklich anzusehender Leichenhaufen. Dabeiwird an ihre Kraft die höchste Anforderung gestellt, sie müssenbis zum Zusammenbrechen marschiren und können weder aufausreichende Nahrung noch auf genügenden Schlaf rechnen.Und da soll bei den Hunderttausenden nicht die Wirkung eintreten,welche erwiesener Maßen ein einziges jener Erlebnisse, derender Krieg Tausende mit sich bringt, Hervorrufen kann? Mansage nicht, daß der Soldat im Feldzuge gegen die ihn umge-benden Greuel abgestumpft wird. Das bedeutet blos, daß sieaufhören, die Aufmerksamkeit seines Bewußtseins zu erregen.Aber von den Sinnen und deren Hirnzentren werden siedarum doch wahrgenommen und ihre Spuren lassen sie im Nerven-system darum doch zurück. Daß der Soldat die tiefe Erschütte-rung, ja Zerrüttung, die er erfährt, nicht gleich merkt, beweistebenfalls nichts. Auch die „traumatische Hysterie", auch das„Eisenbahn-Rückenmark" („railrvL^-spins"), auch die Folge-Ner-venkrankheiten nach moralischem „slioolc" kommen manchmal erstMonate nach dem sie veranlassenden Ereignisse zur Beobachtung.