Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
319
Einzelbild herunterladen
 

Der Mysiicismus.

319

Bis zu seinem Lebensabende war Wagners Dasein Kampfund Bitterniß und der einzige Widerhall seiner GroßsprechereienGelächter, leider nicht blos der Verständigen, sondern auch derThoren. Erst als hoher Fünfziger sing er an, die Trunkenheitdes Weltruhms zu kennen, und im letzten Jahrzehnte seinesLebens war er unter die Halbgötter versetzt. Das macht: dieWelt war mittlerweile für ihn und für das Narrenhausreif geworden. Er hatte das Glück gehabt, so lange zu dauern,bis die allgemeine Entartung und Hysterie genügend vorge-schritten war, um für seine Theorien und seine Kunst einenreichen Nährboden abzugeben.

Die hier wiederholt festgestellte und erklärte Erscheinung,daß Gestörte einander zufliegen wie Magnet und Eisenfeilspäne,ist in Wagners Leben besonders auffallend zu beobachten.Seine erste große Göunerin war die Fürstin Metternich, derenVater der bekannte Sonderling Graf Sandor war und deren eigeneExzentrizitäten die Chronik des napoleonischen Hofes nährten.Sein nächster Anhänger, der sich für ihn begeisterte und ihnförderte, war Franz Liszt, den ich an anderer Stelle gekennzeich-net habe (siehe meineAusgewählten Pariser Briefe", 2. Auf-lage, Leipzig, 1887, S. 172), von dem ich deshalb hier nurkurz bemerken möchte, daß er in seinem Wesen die größte Aehn-lichkeit mit Wagner hatte: er war Schriftsteller (seine Werke,die sechs dicke Bände umfassen, nehmen einen Ehrenplatz imSchriftthum der Graphomanen ein), Tonsetzer, Erotomane undMystiker, all das freilich in unvergleichlich unbedeutenderer Weiseals Wagner, den er nur in der einen gewaltig gesteigertenFähigkeit des Klavierspielens übertraf. Wagner schwärmte für-alle Graphomanen, die ihm in den Wurf kamen, beispielsweisefür jenen A. Gleizes, den LombrosoJ ausdrücklich unter denVerrückten auführt, über den sich aber Wagner in überschweug-

) Lombroso, a. a. O. S. 226.