Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
95
Einzelbild herunterladen
 

Der Mysticismus.

95

Der gesunde Leser oder Hörer, der zu seinem eigenenUrtheil Vertrauen hat und mit voller Klarheit nnd Selbst-ständigkeit Prüft, erkennt natürlich sofort, daß die mystischen Aus-drücke sinnlos sind und blos die verworrene Denkweise desMystikers widerspiegeln. Die Mehrheit der Menschen hat aberweder Selbstvertrauen noch Urtheilsfähigkeit und kann sich dernatürlichen Neigung nicht entschlagen, mit jedem Worte aucheinen Sinn zu verbinden. Da die Worte des Mystikers nunan sich oder in ihrer Nebcneinanderstellung keinen bestimmtenSinn haben, so wird ihnen ein solcher willkürlich untergelegt,es wird in sie ein Sinn hineingeheimnißt, wie der glücklicheAusdruck für diese willkürliche Deutungsthätigkeit lautet. DieWirkung der mystischen Ausdrucksweise aus die Leute, die sichverblüffen lassen, ist deshalb eine sehr starke. Sie gibt ihnenzu denken, wie sie es nennen, das heißt, sie gestattet ihnen, sichallen möglichen Träumereien hinzugeben, was sehr viel bequemerund darum angenehmer ist als das beschwerliche Nachdenkenfest umrissener, kein Abschwcifen und Ausbrechen gestattenderVorstellungen und Gedanken. *) Sie versetzt ihren Geist indenselben Zustand der durch ungezügelte Jdeen-Assoziation be-stimmten Denkthätigkeit, der dem Mystiker eigen ist, sie erwecktauch in ihnen seine vieldeutigen, unaussprechlichen Grenzvor-stellungen und sie gibt auch ihnen die Ahnung befremdlichster,

hinter sich her, die sich allmälig verlieren, man weiß nicht wo." UndSeite 227:Sie sehen die Menschen und Dinge im grauen Lichte desersten Dämmers. Die schwach angcd entetcn Umrisse enden im ver-worrenen nnd wolkigen Vielleicht . . ."

')Es ist sicher, daß das Schöne niemals solchen Reiz für uns hat,wie wenn wir es aufmerksam in einer Sprache lesen, die wir blos halbverstehen. . . Es ist die Zweideutigkeit, die Ungewißheit, das heißt dieSchmiegsamkeit der Worte, die einer ihrer großen Bortheile ist und esermöglicht, von ihnen einen genauen" (!)Gebrauch zu machen". Jon-bert; angeführt von Charles Morice,Im liittbraturs äs tour s.l'ksnre.« Paris, 1889. S. 171.