Druckschrift 
1 (1892)
Entstehung
Seite
77
Einzelbild herunterladen
 

Der Mysticisnms.

77

Prellstein sitzen. Er fragt sich, was das wohl zu bedeuten habenmag." In äußersten Fällen steigert sich diese krankhafte An-schauungsweise bis zur Halluzination, die sich in der Regel andas Gehör wendet, aber auch das Gesicht und die anderen Sin-ne betreffen kann. Dann beschränkt sich der Mystiker nichtdarauf, in und hinter den Erscheinungen Geheimnißvolles bloszu vermuthen oder zu erreichen, sondern er hört und sieht leib-haftig Dinge, die für die gesunden Menschen nicht vorhandensind.

Die irrenärztliche Beobachtung läßt es sich an der Schilde-rung dieses Geisteszustandes und an der Feststellung seinesVorkommens bei Degenerirten und Hysterikern genügen. Da-mit ist es aber nicht gethan. Wir wollen auch wissen, in welcherWeise das entartete oder erschöpfte Gehirn dem Mysticismusverfällt. Um den Vorgang zu v.rstchen, müssen wir auf einigeeinfache Thatsachen des Seelenlebens zurückgreifen, ch

Das bewußte Denken ist eine Thätigkeit der grauen Hirn-rinde, eines Gewebes, das ans zahllosen Nervenzellen besteht,welche durch Nervenfasern mit einander verbunden sind. Zudiesem Gewebe führen die Nerven der Körperobersläche undder inneren Organe. Wird einer dieser Nerven gereizt (derSehnerv durch einen Lichtstrahl, ein Hautnerv durch eine Be-rührung, ein Organ-Nerv durch einen innern chemischen Vor-gang u. s. w.) so leitet er seinen Reiz bis zu der Nervenzellein der Hirnrinde fort, in die er mündet. Diese Zelle erleidetdadurch chemische Veränderungen, welche im gesunden Zu-stande des Organismus in einem geraden Verhältnisse zurStärke des Reizes stehen. Die unmittelbar von dem Reizdes Zuleitungsnerven getroffene Nervenzelle gibt ihrerseits

>) Der Psychologe von Fach wird die ihm so geläufigen Ausführungenvielleicht mit einiger Ungeduld lesen. Sie sind aber für die leider sehrzahlreichen, selbst höher gebildeten Leser nicht überflüssig, die sich niemalsüber die Gesetze der Hirnthätigkeit unterrichtet haben.