Druckschrift 
Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren
Entstehung
Seite
130
Einzelbild herunterladen
 

130

Ausdruck des Leidens.

Cap. 6.

beständig gezwungen sind, die Öffnung ihrer Augen etwas zu ver-kleinern, erhält aus dieser selben Ursache einen grinsenden Ausdruck.

Das Erheben der Oberlippe zieht das Fleisch auf den oberenTheilen der Wangen in die Höhe und bewirkt hierdurch eine starkmarkirte Falte auf jeder Wange die Nasenlippenfalte welchevon der Nähe der Nasenflügel zu den Mundwinkeln und noch unterdieselben hinabläuft. Diese Falte oder Furche ist in allen den Photo-graphien von weinenden Kindern zu sehen und ist für den Ausdruckeines solchen sehr characteristisch, obschon eine nahezu ähnlicheFalte im Acte des Lachens oder Lächelns gebildet wird 4 .

Da die Oberlippe während des Actes des Schreiens in der ebenerklärten Weise sehr in die Höhe gezogen wird, so werden die dieMundwinkel herabziehenden Muskeln (siehe Iv in Holzschnitt 1 und 2)stark zusammengezogen, um den Mund weit offen zu halten, so daßein starker und voluminöser Laut ausgestoßen werden kann. DieThätigkeit dieser einander entgegenwirkenden Muskeln oben und unten

4 Obgleich Dr. Duchenne die Zusammenziehung der verschiedenen Mus-keln während des Actes des Weinens und die dadurch hervorgebrachten Furchenim Gesicht so sorgfältig studirt hat, so scheint doch in seiner Schilderung nochEtwas unvollständig zu sein; was dies aber ist, kann ich nicht sagen. Er hateine Abbildung gegeben (Album, Fig. 48), in welcher die eine Hälfte des Gesichtsy durch Galvanisirung der gehörigen Muskeln lächelnd gemacht worden ist, während

in der anderen Hälfte auf ähnliche Weise der Beginn des Weinens dargestellt ist.Beinahe alle diejenigen (nämlich neunzehn unter einundzwanzig Personen), denenich die lächelnde Hälfte des Gesichts zeigte, erkannten augenblicklich den Aus-druck : aber mit Bezug auf die andere Hälfte erkannten nur sechs unter einund-zwanzig Personen deren Ausdruck, d. h. wenn ich solche Ausdrücke, wieKummer,Unglück,Ärgerlichkeit für correct nehme, während fünfzehn Personen sichäußerst komisch irrten. Einige sagten, das Gesicht drückeWitz,Befriedigung,Schlauheit,Abscheu u. s. w. aus. Wir können hieraus schließen, daß irgendEtwas in dem Ausdruck unrichtig ist. Einige von diesen fünfzehn Personen dürftenindessen zum Theil dadurch irregeführt worden sein, daß sie nicht erwarteten,einen alten Mann weinen zu sehen, und daß keine Thränen abgesondert wurden.Was eine andere Figur ides Dr. Duchenne (Fig. 49) betrifft, in welcher dieMuskeln der einen Gesichtshälfte der Art galvanisirt wurden, daß der Beginndes Weinens dargestellt wird, während gleichzeitig die Augenbrauen derselbenSeite schräg gestellt sind, was fürUnglück characteristisch ist, so wurde derAusdruck von einer verhältnismäßig größeren Zahl von Personen erkannt. Unterdreiundzwanzig Personen antworteten vierzehn ganz richtig:Kummer,Unglück,Trauer,gerade vor dem Ausbruch des Weinens,Erdulden von Schmerzenu. s. w. Andererseits konnten neun Personen entweder gar keine Ansicht sichbilden oder waren vollständig im Irrthum und antworteten:schlauer Blick,Vergnügen,Sehen in intensives Licht,Sehen auf einen entfernten Gegen-stand u. s. w.