Druckschrift 
3 (1855)
Entstehung
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291
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Als ich sie so stehen sah, ging ich näher. Da sic meine Tritte ver-nahm, löste sie die Hände auseinander, und ließ sie so zufällig und losevon ihrem Körper hängen. Ich aber ging völlig hinzu, sah ihr in das An-gesicht, und blieb ei» Weilchen stehen. Dann faßte ich eine ihrer Hände,hob sic empor und sagte:Maria, ich kenne Sic, ich kenne Sie sehrgenau l "

Sie drückte mir die Hand, mit der ich die ihre hielt, und sagte:Sie sind ein edler, Sic sind ein guter und vortrefflicher Mensch."

Mehr konnte sie nicht sage». Aus ihren ehrlichen Augen brach einStrom von Thränen, und ihre kräftigen Lippen zuckten vor Schmerz.Sie nahm das Taschentuch, das sie in ihren Kleidern verborgen gehaltenhatte, hervor, drückte dasselbe an die Augen und weinte heftig undlange. Ich blieb schweigend bei ihr stehen, und hielt nur ihre Hand, diesie mir gerne ließ.

Endlich ermannte sie sich doch. Sic drückte mit dem Tuche mehrereMale gegen die Angen, um sic zu trocknen, und sagte:Cr weiß ge-wiß Alles, o gewiß gewiß er weiß Alles. Sie hätte den Schmerznicht ertragen könne», ich aber werde ihn ertragen. Sie ist so gut, sogut und unschuldig, daß sic das höchste Glück auf Erden verdient. IhrGemüth ist so zart geartet, daß sie alle Eindrücke aufnimmt und festhält. Sie würde den Schmerz im Herzen halten, bis es bräche. Siehat ohnedem dieses Herz durch das Spiel ihrer Geige, das so schön ist,und das uns so erfreut, noch mehr gelockert, daß alles Nebel viel vieltiefer eingrcift."

Nach diesen Worten fuhr sie sich noch einmal mit dem Tuche überdie Augen, um Alles völlig abzutrocknen. Ich gab ihr den Arm undführte sie in dem Garten herum. Sie sammelte sich nach und nach gänz-lich. Wir sprachen ernsthaft und freundlich mit einander, gingen nochlange herum, bis wir uns trennten.

Ich ging hierauf in meine Zimmer, legte die Stirne an das Glaseines Fensters, und cs traten mir die Thränen des Mitleides in dieAugen.

Ich »ahm nach einer Weile das Buch, das ich mir in Tirol zusam-men geheftet hatte, um Wirthschaftsgegenstände einzuschreiben, undschrieb diese Begebenheit hinein.

Ich schrieb bis tief gegen den Abend.

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