immer hervor zu bringen. Sic machte oft tagelange oft nächtelangeHebungen, daß cs selbst ihrer Gesundheit schadete. Als die Großelternschon lange todt waren, und als sie den Lehrer nicht mehr hatte, der ihrnur die Anfangsgrüude hatte beibringen können, ging sie allein zu ihrenNotenbüchern, und suchte den Inhalt derselben in ihre Saiten zu setzen.So trieb sie cs fort, und gelangte nach und nach zu ihrer lieblichenhimmlischen Kunst, die ihr jetzt so viel gilt."
„Theure Victoria", antwortete mein Freund auf diese Worte, „jaes ist eine himmlische Kunst; aber unser Kind wird an dieser Kunst ster-ben. Du hast selber gesagt, wie die Uebuugen ihrer Gesundheit geschadethaben — Du hast auch gesagt, wie sie rosenwangig und jauchzend ge-wesen sei — aber siehe, wo sind denn nun die rothcn Wangen, und woist die Fröhlichkeit? — Es ist wahr, daß die Kunst in jeder ihrer Dar-stellungsarten himmlisch ist, ja sie ist das einzige Himmlische aus dieserWelt, sie ist, wen» ich es sagen darf, die irdische Schwester der Religion,die uns auch heiligt, und wenn wir ein Herz haben, sie zu vernehmen,werden wir erhoben und beseligt: aber, liebe Victoria, der, der sie aus-übt, muß fast mehr sein, als ein Mensch, daß er ihr nicht unterliege.Er muß von dem, was er andern reicht, und wovon er mehr ergriffenwird, als sie, nicht überschüttet und zerstört werden. Darum muß erauch die übrigen Kräfte in hoher Gabe haben: er muß im Haupte denerhabenen Verstand haben, daß er die Dinge in großen Maßen verbindenund würdigen kann, er muß in den Nerven den festen Sinn haben, daßer die Welt ausnehmen und mit Entschiedenheit und Liebe tragen kann,und er muß in dem ganzen Körper die klare Gesundheit haben, daß eralles, sowohl die linde» Lüfte und den warmen Sonnenschein als auchdie starre Kalte und die schneidenden Winde mit Anmuth genieße. Vondem bloßen einseitig wiederholten heißen Gefühle ermattet das Herz.Siehst Du nicht, wie von der Hingabe Camilla's an ihr Spiel ihr Ge-müts, verwelkt? Ihre Wangen sind blasser, um die Stirne ist ein Flor, unddie Augen sehen stiller, aber auch sehnsüchtiger und trauriger. Siehst Dunicht, wie sie beim Fortschreiten dieser Dinge nur immer mehr zur Geigeflüchtet, um ihr das versinkende Leben anzuvcrtrauen? "
„Du siehst wohl etwas zu hart, Rikar," antwortete die Mutter,„die Gefühle Camilla's sind wohl auch ohne der Kunst vorhanden, ja dieKunst ist eine Folge davon. Wenn ihre Wangen blasser sind, und ihre