Druckschrift 
3 (1855)
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

Mehr konnte cr kaum über die Lippen bringen, und sie ließ ihn auchnicht reden. Sie führte ihn zu dem Weihwasser an die Thür, bespritzteihn mit ein paar Tropfen, machte ihm das Zeichen des Kreuzes aufStirne, Mund und Brust, und sagte:Sv, mein Kind, gehe jetzt ruhigfort. Sei gut, wie Du bisher gut gewesen bist, und behalte das weiche,sanfte Herz. Schreibe oft, und verschweige nicht, wenn Du etwasbrauchst. Gott wird Deine Wege schon segnen, die Du gehst, weil Dustets so folgsam gewesen bist."

Bei diesen Worten träufelten ihr die Thränen hervor, und sie rührtenur mehr die Lippen und konnte nichts sagen.

Nach einem Weilchen ermannte sie sich wieder und sprach:DieKisten, welche noch oben sind, und den Koffer wirst Du schon an demBestimmungsorte Deines Amtes vorfindcn, wenn Du dort eintriffst.Halle Vorsicht auf das Geld und auf die Empfehlungsbriefe, welche Dirder Vormund gab, erhitze Dich nicht und trinke nicht kalt. Es wird allesgut werden. Das Fortgehen ist auch nicht so böse, und Du findest überallgute Leute, die Dir geneigt sein werden. Wenn ich nicht so lange anunsere Berge und an den Apfelbaum gewohnt wäre, so ginge ich mitFreuden in die Fremde. Und so lebe wohl, mein Victor, lebe wohl."

Sie hatte ihn bei diesen Worten auf die Wangen geküßt. Ganzstumm reichte er die Hand an die vor Thränen vergehende Hanna, undging hinaus. Vor der Thür standen noch die Dienstleute und der Gärt-ner. Ohne zu sprechen, gab er rechts und links die Hand sie gingenaus einander, und er schlug den schmalen Gartenweg gegen das Pfört-chcn ein.

Wie cr schön ist," brach die Mutter fast laut weinend aus , da sieihm mit Hanna nach sah,wie cr schön ist, die braunen Haare, derschone Gang, die liebliche, die unbeschützte Jugend. Ach mein Gott!"

Und die Thränen rannen ihr an de» nassen Händen herunter, die sievor das Angesicht und vor die Augen hielt.

Du hast einmal zu mir und Victor gesagt," sprach Hanna,daßDich Niemand mehr aus Schmerz weinen sehen wird und nun weinstDu doch aus Schmerz, Mutter."

Nein, mein Kind," antwortete die Mutter,das sind Freudenthrä-nen, daß er so geworden ist, wie er ist. Es ist doch sonderbar: cr hatseinen Vater gar nicht gekannt, und wie er da hinaus ging, hatte cr das