24N
82. Ursprung des UebelS.
Gern verweil' ich bei diesem Gegenstände, wenn auch ohne Hoff-nung, Neues zu sagen, oder zu belehren und zu bessern. Ich willaber meine Wcltcmsichtcn geben; selbst auf Gefahr hin, wieRousseau, oder wie mancher Edlere unsrer Tage, oder der Vor-wclt, oder auch nur, wie Boltaire'S Candide, verlacht zu wer-den. Ja, es gibt kein Nebel, als die Sünde; jedes andreLeiden ist Wohlthat. Es gibt keinen Höllcnschöpfer, als denMenschen!
Die Klage der europäischen Menschheit über Ungemach undTrostlosigkeit ihres Daseins war vielleicht nie allgemeiner, undich setze hinzu, gerechter, als im gegenwärtigen zivilistrten Zeit-alter. Sie äußert sich in der unruhigen Bewegtheit mißvergnügterNationen; in der bangen Sorge der Herrscher. Die Geschichtedes Welttheils ist eine Kette von Empörungen, Staatsumwälzun-gen , Bürgerkriegen und Volksgähruugcu geworden. Tausende vonFamilien flüchten über das Weltmeer, in fernen Einöden Erträg-lichkeit des Lebens zu suchen. Die Zahl der Armen, der Verbrecher,der verzweifelnden Selbstmörder schwillt an. Ein Heer sonst unge-kannter Krankheiten dringt ein, und zerrüttet die Gesundheiten.Die Qualfreudctödtcnder Leidenschaften verbreitet sich immer schmerz-licher durch alle Adern der bürgerlichen Gesellschaft. Vormals bliebder Großtheil der Bevölkerung in den Ländern, trotz seiner Ver-knechtung und Dürftigkeit, gleichgültig gegen die Nebel seiner Zu-stände; denn Unwissenheit und Lebensrohheit machten ihn gefühl-loser; und, der Thicrhcit ähnlicher, duldete und vergaß er thie-rische Leiden. Mit allgemeiner gewordncr Verstandesbildungaber ist nun seine Empfindlichkeit geschärfter; er fühlt heut eineMenge sinnlicher Bedürfnisse, die ihn bedrängen und foltern, dieder Wilde oder der Barbar nicht kennen.