235
Wunderung und Furcht ihrer Majestät und ihrer Schrecken, zuAhnung eines überirdischen Heiligthums leitet, das höher steht,als fie und er selber. Das Vollkommenste der Thierc gewahrtebenfalls, wie der Mensch, die Pracht des Wcltbau's; sieht, wieer, den Strahlcnstrom der Sonne; die Glut der Sterne; hört,wie er, die Stimme des Sturms; den Ruf der Donnerwolke.Aber ohne Vorstellung von Wirkung und Ursache, ohne die ewigenLeuchten des Heiligen, des Währen und Schönen, irrt das ver-nunftlose Geschöpf durchs Dasein, gleichgültig gegen den Zauberder Erscheinungen, von denen es umringt ist. Der Mcnschcngcistaber, Alles in ursächlicher Verknüpfung denkend, steht betroffenstill und staunt Wirkungen an, deren Ursache sich geheimnisvollverbirgt. Was er nicht mit den Sinnen gewahren kann, ersinnter; was sein leibliches Auge nicht erblickt, schaut das Auge seinesGeistes. So erhebt er sich vom Sichtbaren zum Unsichtbaren;vom Irdischen zum Ucbcrirdischcn. Seine Verwunderung ver-wandelt das Unerklärliche in Wunder; seine Furcht vor dunkeln,unbezwingbaren Gewalten wird die Mutter seiner Religion.
Der erste Schritt jedes Volkes, wie.jedes Kindes, aus der an-fänglichen Gedankenlosigkeit des Thicrthums hervor, ist der ersteSchritt zum Glauben an eine höhere Macht. Möge derMensch sich anbctcnd vor Gestirnen, oder Wetterwolken, vor roh-gcschnitztcn Fetischen, oder dem „großen Geist" in Amcrikäs Ur-wäldern, beugen; er beugt sich schon vor Göttlichem. MitWahrnehmung neuer Wunder mehren sich die Altäre seiner Gott-heiten; mit den Opfern aber auch die Priester Die Erde hatnoch nie einen Gottesläugner getragen, der cs mit Ucberzcngungwar. Wer von sich sagte: er sei cs, der verstand die Andern nicht,oder ward von ihnen nicht verstanden. Die anfängliche Vielgöt-terei des unmündigen Menschengeschlechts, oder aber die Erhöhungder sich unbewußten Natur auf den Gottcsthron, durch irren Griff