Druckschrift 
2 (1853) Welt- und Gottanschauung
Entstehung
Seite
219
Einzelbild herunterladen
 

219

Wahrheit. Wer ihn mit Lügen täuscht, nun dem wendet er dasAntlitz ab. Auch der in sein Thicrthum verlorenste Sterbliche willwenigstens den Schein der Tugend tragen, wenn ihm die Tugendselber fehlt; verlangt wenigstens Gerechtigkeit Andrer für sich,selbst wenn er sich eigne Ungerechtigkeit gegen Andre verzeihen mag.

Die Forderung der Nichtvcrletzung des Heiligen, wenigstensdes was Recht ist, eine Forderung aller Sterblichen an Alle,entspringt aus der Ucbcrzcugung gesummter Menschheit, daß nichtnur Jeder wisse, was Recht und Unrecht sei, sondern daß erauch ein Vermögen habe, frei sich für das eine, oder das andre,zu entscheiden. Der Mensch anerkennt nur im Menschen, inkeiner Naturerscheinung, in keinem Thicre, das Bewußtsein vomRecht und Unrecht und damit zugleich das Dasein eines freienWählcns oder Willens an. Sollte darin Täuschung walten?Fürwahr dann würde das Wissen des Geistes von sich, Trug undFalschheit werden; dann Lüge und Wahrheit, Vernunft und Wahn-sinn, einerlei Werth haben; Lohn und Strafe, Ruhm und Schande,Sache zweckloser Thorheit bleiben.

Es weiß der Geist sich frei in der Welt, weil er darin sichwählend weiß. Er kann wählen, weil er, als menschlicher, eindoppeltes Gesetz in seinen Gliedern trägt: das Gesetz derSelbsthcilignng, und das Gesetz der Naturtriebe und Begierdenin seinem Leibe, der ihm mit allen Thicrcn gemein ist. FürPflanzen und Thicre findet keine Wahl zwischen zweierlei Ge-setzen statt. Sie haben nur ein einziges. Es ist das der Natur.Sie werden von deren Trieben getrieben.

In ihrer ehernen, ewigen Nothwcndigkcit steht die Naturdem Geiste schroff gegenüber, ans ihn einwirkend in allen Sphärenihrer Wirksamkeit, die sich in seiner irdischen Umhüllung vereinen.Er aber steht ihr in Freiheit gegenüber; ansgestattet mit einemandern Gesetz, das sic nicht kennt; das er in ihr nirgends wahr-