63
Doch das Leben selber, dieses immer wiederkehrcnde Erschei-nen der ewigen Naturcinhcit im Bcgränztcn nnd Endlichenihres Andersseins, offenbart sich abermals als Gegensatz undGleichartiges (nicht Gleiches) des Seelischen. Es baut nnd glie-dert, wie das gränzenlose Weltall zur allumfassenden Einheit desgcsammten Mannigfaltigen, so jedes einzelne Moos, so jeden Wurmdes Staubes zum in sich Vollendeten eines Ganzen, worinjeder Theil wieder dem Andern nnd der Gesammthcit entspricht.Aber es baut und gliedert in der dunkeln, starren Nothwcndigkeitdes eigenen Gesetzthums, ohne Kennen und Anerkennen des Da-seins. Im Seelischen hingegen wird das Lebendige zum Selbst-gefühl, zur Gewährung und Empfindung des Vorhandenen, er-höht. In Schmerz und Lust erwacht die Seele über Erhaltungund Vollendung der sich selber nicht empfindenden Lebens-gebilde. Sie gewahrt cs, wo Gefahr droht; ruft Hülse, wo Zer-störung beginnt; und verbindet das Gleichartige durch die Gewaltder Liebe. So steht das Seelische fühlend im Gegensatz zumGefühllosen, waltend über Stoff, Bewegung und Leben; höherdenn dieses. — Und doch erscheint das Seelische nie für sich allein,nie getrennt vom Leben, sondern eins mit demselben.
So wird uns die Welt ein Abbild, wie des Wirkens der Naturdurch Gegensätzlichwcrdnng; also auch der Untrennbarkeitihrer Wesenheit, neben der Unterscheidbarkeit in ihremAnderssein.
Dies leitet mich zur Andeutung noch einer andern Thatsache derallgemeinen Erfahrung, welche der Beachtung würdig sein könnte.
Nämlich, cs offenbart sich in den Erscheinungen der Natur eineunverkennbare Anfstnsnng ihres Wesens und Wirkens vomNiedern zum Höhcrn, und dabei im Tiefsten, wie im Höchsten,ein Auseinandcrgchcn des Allgemeinen znm Besonder«. Freilichist dies sehr menschlich gesprochen. Denn was ist im Unendlichen