Periode der Originalgenies. — Preußen. (Herder.) 413
brachte, denen Herder vielleicht eben so wenig entgangen wäre, wennihn nicht bessere Umgebungen nnd eben das warnende Beispiel Lavater'sselbst bewahrt hätte. Herder's Natur und Jugend schien ihn auch in derThat für nichts weniger zu bestimmen, als für die tumnltnarische Weise,in der er in seiner ersten Periode in die deutsche Literatur eingriff. Erwar in seiner Kinderzeit durch Schulzwang gedrückt, verschlossen undschüchtern geworden; seine gute fromme Mutter hatte ihn, nach seinemeigenen Geständnisse, verwöhnt und mütterlich-gemacht; sein spätererLehrer Trescho fand ihn immer still, eingezogen, in blöder Haltung,stets allein und entfernt von anderen Kindern, und hörte und sah ihnnie laufen, springen oder laut schreien. Seine zarten Nerven machtenihn zum Mediriner untauglich, zu dem er bestimmt war; er ward Theo-log, nnd dies schien seiner sittsamen und züchtigen Art angemessener, dieimmer auf Anstand hielt und frühe den Sittenrichter nnd Lehrer ver-rieth. Etwas Verschlossenes und Mistranisches mischte sich in dieseSanftheit seines Wesens, und seine Freunde fanden ihn bald empfind-lich, reizbar und leicht beleidigt. Die Einsamkeit seiner Jugend äußertesich ganz frühzeitig in dunklen, nebelhaften, visionsartigen Gedichten, inReden von entschiedener Richtung auf das, was Schauder und Rüh-rung erregen konnte; seine große Empfindbarkeit sprach sich darin aus,daß er sich aus seiner Jugend an nichts erinnerte, als an empfindsameund rührende Seenen, oder einsame Gedankcntränmc voll von Planendes Ehrgeizes. Von der Geselligkeit Lesstng's, von Winckelmann'sFreundschaftsvurste ist bei ihm keine Spur, er war sich ganz früh selbstgenug, nnd behielt diesen Zug durch sein ganzes Leben. In Riga, woer mit 2t) Jahren eine Schulstelle erhielt, bildete er den Sinn für Fa-milie, Provinz und Staat aus, was sich aber schon damals bei ihm mitweltbürgcrlichen Ideen vertrug. Aus seiner Einsamkeit und Verschlossen-heit heraus schickte er seine ersten Schriften anonym von dort in dieWelt, und ihr kecker, niederwerfender Ton schien ganz dem blöden Jüng-ling fremd, auf den auch im Anfang Niemand rieth. Der Geist der Zeitrieß ihn mit, der Eifer, neben Lessing und die Litcraturbricfe zu treten,die so vernehmlich sprachen, und neben denen ein demüthiger Rednernicht mehr gehört worden wäre. Hamann's starkes Selbstgefühl undseine absprechenden Urtheile mochten ihn auch irregeführt haben, wennes dessen erst bedurfte; denn die Vereinsamung macht zwar rückhaltendund blöde, aber auch stolz, weil sie nicht vergleicht. Dazu kam, daßseine Schicksale ganz anders waren, als die eines Lessing oder Winckel-mann. Auf diesen lastete lange der Druck der Umstände, und ihre