Zwey Sinke find in diesem Gcscze, die es unnatünichzu machen scheinen, das cesie: daß ich auch den beleidi-gendsten Aumuthungen meines FcindeS nicht widerstehen;und das andre, daß ich ihn sogar lieben soll. DaS erstenimmt mir meine Scibsiverthcidigung, sczt mich allem Muth-willen blos, nimmt mir die ganze Würde meiner Natur.Die Menschheit sinzt darüber bey dem ersten Anblik, sieglaubt ihre Selbstcrhalrung dabey in Gefahr. Hier empörtsich das Selbstgefühl. Bey aller Menschenliebe, sagt man,bleibe ich stnir doch selbst immer mein Nächster. Jersurcein Gcscz, das den Räuber und Mörder aus Unkosten des,Unschuldigen in Sicherheit sczt, den Menschen niederträch-tig macht, und das Gefühl von Ehre tödrct, nicht alleRuhe der menschlichen Gesellschaft?
Die Feinde des Christenthums haben daher auch mitdiesem Gcsez immer beweisen wollen, daß die christliche Re-ligion mit der Verfassung und Ordnung der bürgerlichenSocietät nicht bestehen kenne, besonders den Muth und daSGefühl für Ehre schwäche. Llbcr treffen denn auch alle dieseVorwürfe das Gcsez des Erlösers? Dieß verdient dochwohl eilte genauere Prüfung. Aber ist denn das Gcscz,das die Selbsirachc untersagt, jenem Naturtrieb wirk-lich entgegen? Ehe wir dieses ausmachen, müßte wohldie Untersuchung vorhergehen, ob denn wirklich jede Krän-kung als eine feindliche Beleidigung angesehen werden kön-ne ? — Wer kann sich aber alle die Fälle denken, wo ichauf die unschuldigste Art gckränkct werden kann? — DerHauptendzwek Jesu ist die Versöhnlichkeit zu empfehlen; weilRachsucht die große Quelle alles menschlichen Elends ist;weil Rache da, wo noch keine Feindschaft oder Absicht zuschaden war, erst wirkliche Feindschaft erregt, diese im-mer daurcnder und bittrer macht, und für die Ruhe undWohlfahrt beyder Theile, von den traurigsten Folgen ist.
Dau-