Nachtrag.
französische Kunst der neuesten Zeit. Die großen Bewegun-gen im gesellschaftlichen Zustande Frankreichs, die in der Literatur als Streitder Classiker und Romantiker ihren Widerklang fanden, konnten selbst an der Kunstnicht unbemerkt vorübergehen, da unsere Bildung viel zu sehr auf das Allgemeinehinarbeitet, als daß ein Theil der geistigen Kräfte von ihren Aufregungen berührtwerden könne, wahrend der andere in bewegungsloser Ruhe zurückblied. Bei derlebhaften Theilnahme, die jede neue Erscheinung in Wissenschaft und Kunst unterden Franzosen jetzt findet, bei der Besprechung, der alle unterliegen, hatten nothwendigauch die Werke der Künstler an Publicum gewonnen, und die Ansichten, die Ein-fluß auf sie üben mußten, an Klarheit. Man hatte zwar langst schon Theorienaufgestellt und mit geistreicher Gewandtheit sie erörtert, aber jene Schönheit, dieman als letzte Aufgabe der Kunst hinstellte, jenes Ideal, das man fix und fertig inder Antike anzutreffen glaubte, ließ das Gefühl der Künstler kalt, wie es die Be-schauenden kalt ließ, und die Lehrsätze der neuen Kunstphilosophen, die jene Misver-ständnisse bekämpften, fanden daher seit längerer Zeit selbst bei den Künstlern Be-rücksichtigung, die bisher, immerfort beschäftigt, wenig auf Theorien gegeben hat-ten. Sie zur Anwendung auch in größern Werken zu bringen, gab es vielfaltigenAnlaß. Unleugbar war der Nationalwohlstand wahrend der Restauration bedeu-tend gewachsen und ihn der Pflege der Künste zum Theil zuzuwenden, schien dieNationalehre zu fodern. Karls X. reiche und doch nie zulangende Civilliste gingzum Theil zur Förderung der Künste aus. Baudenkmäler wurden begünstigt,Brücken mit Statuen geschmückt, Museen geschaffen. Den Cultus imposanterzu machen, wurden auf die Auszierung der Kirchen große Summen verwendet (dieAusschmückung der Genovefenkirche durch Gros kostete 150,000 Francs) undselbst Auftrage wurden den Künstlern gegeben, die hinter den Bestellungen der kai-serlichen Zeit nicht zurückblicken (Gerard's Krönungsbild, das die Aufregung derJuliushelden vernichtete). Mit solchen königlichen Aufmunterungen suchten begün-stigte Privatleute zu wetteifern. Es entstanden ganze Sammlungen der Werke jetztlebender Künstler durch die Herzogin von Bern, durch den Herzog von Orleans u.s.w.,während gleich großartige Sammlerlust der Herzog von Blacas den antiken Denk-malern zuwandte. Die Kunst ermangelte sonach weder der Ermunterung noch derBeweise der achtsamsten Anerkennung; aber der Fluch, der eine Menge sonst zweck-mäßiger Einrichtungen der ältem bourbonischen Linie traf, schien auch auf diesemGebiete zu haften. Viele der Begünstigten, welche die königliche Gnade so mitOrdenszeichen oder Bestellungen beehrte, schienen dieser Vorgunst nicht ganz frohzu werden, traten, wenigstens schweigsamer als vielleicht gut war, hinter die MissConv.-Lex. der neuesten Aeit und Literatur. II.