Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur. In vier Bänden. Zweiter 8 bis Ä, and. — Der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen. Shakspeare. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1 9 3 3. Die mit * bezeichneten Artikel sind bereits in der siebenten Auflage des Conv.- Lex. enthalten, hier aber in Beziehung auf die neuesten Zeicverhältnisse bearbeitet worden. Verweisungen mit Bemerkung des Bandes beziehen sich auf die siebente Auflage des Conv.-Lex., die übrigen auf Artikel des vorliegenden Werks. F. ^abre (Marie Jacques Joseph Victorin), französischer Dichter, geboren am 19. Jul. 1785 zu Jaujac (im Departement Ardeche) und in Lyon erzogen, kam m seinem achtzehnten Jahre nach Paris und erwarb sich durch seine Gedichte welche er dort herausgab, vornehmlich das Lob Parny's. Als das Nationalinstitut 1805 eine Preisschrift über die Unabhängigkeit der Schriftsteller aufgab, war der junge F. der Mitbewerber Millevoye's, welcher zwar den Preis davontrug, doch erhielt die Arbeit F.'s eine sehr ehrenvolle Erwähnung. Bei dem folgenden Con- curse 1807 wurden Millevoye und F. beide gekrönt. 1811 reichte F. eine neue Preisschrift über die Verschönerungen von Paris ein, welcher der Preis einstimmig zuerkannt wurde, während Millevoye nur das erste Accessi't, und der jetzige Akademiker Soumet das zweite erhielt. Auch die Provinzialakademien krönten F. mehrmals. Seine Ode „Tasso" gewann den ersten Preis der leux Uoraux im Jahre 1812, sowie auch sein Gedicht über den Tod Heinrichs IV. von der Akademie des Departements Gard durch einstimmiges Urtheil gekrönt wurde. Gleiche Anerkennung fanden seine Preisschriften in Prosa, wie z. B. die Lobrede zu Ehren Cor- neille's, welche durch Acclamation den Preis erhielt. Außer der auf Befehl des Instituts gedruckten Quartausgabe dieser Rede wurden zwei Octavausgaben im Lause einiger Monate vergriffen. F. gewann 1801, jedesmal durch einstimmiges Urtheil, den Preis für die Lobrede zu Ehren Labruyere's, wie auch für sein wichtigstes und ausführlichstes Werk, das sbleau litteinire de la?rance su dix-llu!tieme siede". Zu seinen Richtern gehörten Delille, Bernardin de St.-Pierre, Ducis, Parny, Che- nier. F. war damals noch nicht 25 Jahr alt. Man foderte ihn auf, sich um die akademische Würde zu bewerben; er schlug es jedoch aus, indem er es vorzog, lieber in seinen Preisbewerbungen fortzufahren. Seine Lobrede zu Ehren Montaigne's erhielt 1812 ein ausgezeichnetes Lob, wiewol nicht den Preis, da man die in ihr sich aussprechende Richtung.attgemein als einen Ostracismus betrachtete, und F. reichte fortan keine Preisschrift mehr ein. Auch alle Anstellungen und Gnadengehalte schlug F. aus, und er wollte sich ungeachtet der glänzendsten Anerbietungen nicht entschließen, „die großen Begebenheiten, welche die Ruhe der Welt gründeten", zu besingen. Als er aber nach dem russischen Feldzuge aufgefodert ward, die Leichenrede des Marschalls Besseres zu halten, nahm er das Anerbieten sogleich an, unter der Bedingung, man dürfe von seiner Rede so viel man wolle streichen, doch kein Wort hinzusetzen. Diese Rede sollte im Jnvalidenhause, vor dem Sarge des Marschalls, in Anwesenheit des Kaisers vorgetragen werden, fand aber wegen der Ereignisse des Jahres 1814 nicht statt. F. ist auch durch die 1810 und 1811 im pariser Athenäum gehaltenen vielbesuchten literarischen Vorlesungen bekannt, die aber Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. ! 2 'Fabvier nie gedruckt wurden. Nach der zweiten Restauration, wollte ein Theil der Wähler des Departements Ardeche F. zum Abgeordneten ernennen, doch kam es nicht zur Wahl, da die Mehrzahl für Boissy d'Anglas stimmte. Unglückliche Familienverhältnisse banden F. einige Jahre an seine Heimath und gestatteten ihm erst 1821 wieder nach Paris zurückzukehren. Hier hielt er im darauf folgenden Jahre im Athenäum eine Vorlesung über die Principien der bürgerlichen Gesellschaft, die aber nicht im Druck erschien. Von den gedruckten Werken F.'s sind außer seinen verschiedenen Lobreden noch seine „Opu-eules en vers et en j,rose" (1806), und der „Oiscours en vers sur les vo)^es" (1807) zu nennen. Auch redigirte er die „vibliotböyue ü-uu^ise". Er starb kurz nach der Juliusrevolution. (15) Fabvier (Charles Nicolas), französischer General, geboren 1783 zu Pont-s-Mousson in Lothringen, bereitete sich in der pariser polytechnischen Schule zum Kriegsdienste vor und trat '1804 in das erste Artillerieregiment. Er wurde in dem Feldzuge gegen Ostreich bei Dürrenstein verwundet. Als er wiederhergestellt war, wurde ihm eine Sendung nach Italien anvertraut und 1807, als Napoleon dem türkischen Kaiser Selim einige geschickte Offiziere zusandte, um seine Hauptstadt gegen einen Angriff der englischen Flotte in guten Verteidigungszustand zu setzen, wurde F., sowie auch der nachmals als De- putirter berühmt gewordene Foy, mit ausgewählt. Noch in demselben Jahre begleitete er von Konstantinopel ;aus den General Gardanne als Gesandten nach Persien; auch diesmal sollte er neben andern französischen Offizieren, die sich im Gefolge des Gesandten befanden, im Oriente seine militairischen Kenntnisse erproben, und zwar nun gegen Rußland. Als die Gesandtschaft zu Teheran angekommen war, trug ihm der Gesandte mit Zustimmung des persischen Hofes auf, sich nach Jspahan zu begeben, dort ein Arsenal anzulegen und Kriegsmaterial verfertigen zu lassen. F. entledigte sich dieses Auftrags ungeachtet der vielen Schwierigkeiten, die einem Fremdlinge mitten in Persien ausstoßen mußten. Unter seiner Aufsicht wurden 30 Kanonen zu Jspahan gegossen. Dafür beschenkte ihn der Schah mit dem Ordenszeichen der Sonne. Er kehrte 1809 durch Rußland wieder nach Europa zurück, und als nun der Krieg gegen Ostreich ausbrach, nahm er Dienste als Freiwilliger in dem von Poniatowski befehligten polnischen Heere. Nach dem Einzüge Napoleons in Wien, begab er sich zu ihm und trat als Hauptmann in die kaiserliche Garde. Bald darauf begleitete er als Adjutant den Herzog von Ragufa nach Spanien. Als dieser die Schlacht bei Salamanca mit Mühe ausgesuchten hatte, sandte er F. zum Kaiser Napoleon nach Rußland, wahrscheinlich um Hülfstruppen zu verlangen. F. reiste Tag und Nacht, ohne sich auszuhalten, langte am Tage vor der Schlacht an der Moskwa an, nahm am folgenden Tage ein Soldatengewehr und griff mit den ersten Reihen eine große Redoute an. Hier ward er schwer verwundet, und der Kaiser ernannte ihn zur Belohnung seiner Tapferkeit zum Escadronches. Im folgenden Jahre zeichnete er sich in dem Feldzuge in Sachsen aus, ward Offizier der Ehrenlegion, zum Obersten im Generalstabe und zum Reichsbaron ernannt. Er blieb bis zur Abdankung Napoleons im General- ftabe; ihm und dem Obersten Denis wurde von den Marschallen Mortier und Marmont die Unterzeichnung der Capitulation der Stadt Paris mit den verbündeten Mächten aufgetragen. Als Napoleon von der Insel Elba zurückgekommen war und sich zu einem neuen Feldzuge gegen die verbündeten Mächte rüstete, trat F. in ein Streifcorps, das sich in Lothringen dem Vordringen der Feinde widersetzen sollte. Nach dem Siege der Verbündeten kam F. einige Jahre außer Tätigkeit. Als aber 1817 Marschall Marmont nach Lyon gesandt wurde, um die durch die Ultraroyalisten erregten Unruhen beizulegen, nahm ihn dieser zum Chef feines Generalstabes. Nach der Wiederherstellung der Ruhe fochten die Ultrablätter Fabvicr 3 und die Ultraroyalisten in der Deputirtenkammer das Betragen Marmont's und F/S an; dies veranlaßte Letztem, eine Schrift: „I^on en 1817" (Paris 1818), herauszugeben, worin er das unsinnige Verfahren der dortigen Obrigkeit freimüthig ausdeckte. General Canuel, welcher die Unruhen großentheils verursacht hatte, verklagte F. vorGericht. In erster Instanz wurden beide Parteien abgewiesen; nach dervom General Canuel eingelegten Appellation aber wurde F., wie auch derPolizeicommissaic Saineville, der Verleumdung schuldig erkannt. Dies hatte zur Folge, daß F. als Stabsoffizier außer Thätigkeit gesetzt wurde. Ein so rüstiger Mann konnte aber nicht lange ruhig bleiben. Er legte sich auf Handelsfpeculationen und nahm an Allem, was in seinem Vaterlande zur Aufrechthaltung der verfassungsmäßigen Freiheit dienen sollte, lebhaften Antheil wurde aber deshalb der Polizei verdachtig. Bei einem Aufruhr zu Paris im August 1820 ward er ergrissen und sollte sogar unter der Anklage des Hochverraths mit andern Offizieren vor das Gericht der Pairs- kammer gestellt werden; man setzte ihn aber bald wieder in Freiheit und begnügte sich, ihn zum Zeugen bei dem darauffolgenden Criminalprocesse aufzurufen. Vor Gericht berief er sich auf einen Beamten, den er nicht nennen wollte. Der damalige Generalprocurator Peyronnet wollte ihn zwingen, diesen Beamten zu nennen; F. lehnte es aber mit vieler Würde ab und ließ sich lieber, seiner Weigerung halber, in eine Geldbuße von 100 Francs verurtheilen. Zwei Jahre darauf wurde er wieder verhaftet; er sollte diesmal den Versuch gemacht haben, vier junge Unteroffiziere, die hernach wegen Verschwörung hingerichtet wurden, aus dem Gefängnisse zu befreien; aber auch diesmal mußte man ihn bald wieder in Freiheit fetzen. Es verdroß ihn, von der bourbonischen Polizei beständig beobachtet zu werden, er begab sich daher nach England, unternahm auch eine Reife nach Spanien und Portugal und schiffte sich dann 1823 nach Griechenland ein, um mit den Hellenen für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Er half ihnen Navarino befestigen und begab sich darauf wiederum nach England, wahrscheinlich um Geldanleihen für die Griechen einzuleiten. Über Deutschland und Italien kehrte er nach Griechenland zurück, wohin er mehre französische Offiziere mitbrachte. Ihm wurde der Oberbefehl über die Linientruppen aufgetragen, die sich freilich kaum auf2000Mann beliefen. Schon im October 1825 begab er sich mit diesem kleinen Heere nach Athen, wo der Häuptling Gouras mit seinem Streifcorps lag, und widmete hier mehre Monate ausschließend der Vermehrung und zweckmäßigen Organisation des neugebildeten regulairen Truppencorps. In den ersten Monaten 1826 machte er den Anschlag, sich der Insel Negroponte zu bemächtigen, von wo aus die Türken die Athener oft beunruhigten. Die Landung wurde ohne Unfall ausgeführt; aber bald hatte F. soviel Ungemach von Seiten eifersüchtiger und treuloser Griechen auszustehen, daß er es für zweckmäßig hielt, die Insel wieder zu verlassen. Er wollte den Oberbefehl niederlegen; auf dringende Bitten der Regierung und der Deputirtenver- sammlung zu Epidaurus willigte er jedoch ein, die Truppen noch einige Zeit zu befehligen, und erschien im April wieder zu Athen. Hier kam er aber bald mit dem wilden Häuptling Gouras in Misverhältnisse und zog sich daher mit seinem kleinen Heere auf die Halbinsel Methana zurück, wohin ihm auch manche Familien aus Athen folgten. Er befestigte sich hier und wollte sogar den Grund zu einer neuen Stadt legen, die den sonderbaren Namen Taktikopolis führen sollte. Diesen Vorsatz mußte er jedoch aus Mangel an Unterstützung von Seiten der Regierung aufgeben. Unterdessen waren die Türken bis Athen vorgedrungen und hatten Gouras gezwungen, sich in die Akropolis einzuschließen. Die Regierung trug F. auf, sich nach Eleusts zu begeben und mit dem General Karaiskakis einen Angriff auf die Feinde zu wagen. Es fehlte ihm an Lebensmitteln; allein zum Glück langte gerade zu der Zeit ein von den pariser Philhellenen zugesandtes Schiff mit Proviant im Hafen an. Im August 1826 begab sich F. mit feinem kleinen Heere nach Eleusis und I* 4 Fabvier vereinigte sich mit Karaiskakis. Seine Absicht war, das türkische Lager zu Kaidari zu überfallen. Hieran verhinderte ihn aber das ungestüme Betragen der griechischen Soldaten; die Türken wurden von der Ankunft der Griechen benachrichtigt und begannen den Angriff; bald entflohen die zügellosen griechischen Truppen nach allen Seiten, und F. hatte genug zu thun, um nur ihren Rückzug zu schützen; dennoch griff er mit 80 französischen Philhellenen die türkische Artillerie an und zwang sie zum Rückzüge. Er wollte sogleich auf Athen marschiren, was aber Karaiskakis nicht zugab. Diefer blieb am folgenden Tage unthätig, und am zweiten Tage machten die vom Pafcha von Negroponte verstärkten Türken einen neuen Angriff auf das griechische Heer. Dieses focht anfangs sehr tapfer; aber bald ward die Flucht wieder allgemein, und F. mußte wieder den Rückzug decken. Hierauf zog er sich von Neuem auf Methana zurück. Hier wurde ihm im December 1826 der Auftrag gegeben, einen Versuch zu wagen, die Griechen in der athenischen Akropolis mit Kriegsmunition zu versehen. An Transportwagen war hier nicht zu denken. F. nahm 40 Philhellenen und sein erstes, 400 Mann starkes Bataillon mit sich; Jeder hatte 25 Pfund Pulver zu tragen. Sie landeten in der Nacht nahe am Piräus, durchbrachen die feindliche Linie und drangen bis auf die Akropolis vor. Nun wollten die Griechen ihn aber nicht entlassen, sondern drohten im Falle seines Rückzugs die Festung mit ihm zu verlassen, welche damals der einzige feste Punkt war, den die Griechen noch behaupteten. Zweitausend Mann befanden sich also auf jenem Felsen zusammengedrängt; Krankheiten und Hun- gersnoth singen bald ihre Verheerungen unter diesem Haufen an. Vergebens wollte der englische General Church, welchem die griechische Regierung unterdessen das Obercommando übergeben hatte, mit 12,000 Mann die Türken zwingen, die Belagerung Athens aufzuheben; er wurde geschlagen und verlor 3000 Mann. Die Akropolis war nun ohne Hoffnung befreit zu werden, als eine östreichifche Brigg in dem Piräus erschien, und der Major Cornero Unterhandlungen mit Neschid Pascha wegen der Übergabe der athenischen Festung anknüpfte. Da diese keinen guten Fortgang hatten, trat der französische Admiral Rigny, welcher kurze Zeit darauf, am Ende Mai 1827, auf der attischen Küste erschien, ins Mittel und bewirkte, daß sich die gesammte Besatzung mit ihren Waffen und Effecten zurückziehen konnte. F. kehrte mit den Überbleibseln seines Heeres nach Methana zurück. Obgleich nun kurz darauf die Nationalversammlung zu Trözene die verdiente Anerkennung seiner ausgezeichneten Dienste dadurch an den Tag legte, daß sie ihm, zugleich mit dem Obersten Heidegger, einen Naturalisationsbrief ertheilte, so suchten doch die Anführer der, mit ihm in der Akropolis eingeschlossenen Truppen in einer förmlichen Anklageschrift, welche in der zu Hydra erscheinenden Zeitung: „Die griechische Biene", bekannt gemacht wurde, alle Schuld der Übergabe der Akropolis auf den Obersten F. zu wälzen. Es gelang ihm zwar, sich in einem Antwortschreiben, das der „Specwteur orienta!" später mittheilte, vor der provisorischen Regierung zu rechtfertigen, allein das Vertrauen, das man früher in ihn gesetzt hatte, konnte dadurch nicht wiederhergestellt werden und wurde nur um so mehr erschüttert durch die unglückliche Expedition nach der Insel Scio. Nachdem er schon im November 1827 die von Jussuf Pascha besetzte Citadelle dieser Insel förmlich eingeschlossen, und die Belagerung ohne Erfolg mehre Monate fortgesetzt hatte, sah er sich endlich durch einige glückliche Ausfälle der Belagerten und die Landung des Paschas von Smyrna (Hassan Pascha) genöthigt, sich im März 1828 mit großem Verluste nach den Mastixdörfern in dem südlichen Theile der Insel zurückzuziehen. Von hier begab er sich mit den Trümmern seines Heeres über Syra, wo er sich dem Hohne und den Verwünschungen der hierher geflüchteten Scioten ausgesetzt sah, wieder nach dem griechischen Festlande. Ungeachtet ihm hier der Präsident Gerechtigkeit widerfahren lassen mußte, und selbst Willens gewesen sein soll, ihm den Fahlcrantz 6 Oberbefehl über sammtliche Truppen zu übertragen, so nahm doch F. schon im Jun. seine Entlassung aus griechischen Diensten und begab sich über Toulon nach Paris, wo er mehre Monate fast unbemerkt zubrachte. Erst im November sah er sich veranlaßt, der französischen Expedition zum zweiten Male nach Griechenland zu folgen. Doch beschrankte sich diesmal seine Wirksamkeit auf die Umgestaltung der griechischen Milizen in ein regelmäßiges Armeecorps, welche ihn während des Decembers 1828 und der ersten Monate 1829 beschäftigte. Das ihm vom Marschall Maison angetragene Commando eines Regiments des in Morea zurückbleibenden Beobachtungscorps nahm er nicht an, und begab sich mit dem Marschall selbst im Jun. nach Frankreich zurück, wo er kurz darauf wieder als Oberst in die Cadres der französischen Armee aufgenommen wurde. An der Juliusrevolution nahm er thätigen Antheil und wurde bald an die Spitze des Generalstabes gestellt. Er behielt diese Stelle jedoch nur einige Monate lang, denn da der Gang der neuen Regierung mit seinen Erwartungen nicht übereinstimmte, nahm er seinen Abschied und lebt jetzt in der Zurückgezogenheit. (25) Fahlcrantz (Karl Johann), schwedischer Landschaftsmaler, wurde am 29. Nov. 1774 im Sprengel Stora Tuna in Dalarne (Thalland) geboren, wo hin Vater Pfarcgehülfe, später Pfarrer und Propst war. Der glücklich begabte Knabe fühlte sich schon von frühester Jugend an machtig von der Kunst angezogen; sie erfüllte alle seine Gedanken und beschäftigte alle seine Freistunden, obwol eS ihm bisher noch durchaus an Gelegenheit gefehlt hatte, ein eigentliches Kunstwerk kennen zu lernen. Erst nachdem er sein achtzehntes Jahr erreicht hatte, wurde ihm das Glück zu Theil, ein Gemälde von Ruysdael und einige Copien und Kupferstiche nach Claude Lorrain zu sehen. Diese Kunstwerke machten ihm Das anschaulich, was er bisher von der Kunst nur geträumt hatte, und von jetzt an widmete er sich ausschließend der Landschaftmalerei, für die er die entschiedensten Anlagen besaß. Auch die Meisterwerke eines Poussin und van Everdingen scheinen spater auf seine Auffassungsweise der Naturschönheiten nicht unbedeutend eingewirkt zu haben. Einen eigentlichen Lehrer hat F. nie gehabt; nur die Natur war es, die er mit unermüdeter Sorgfalt und Genauigkeit studirte, und zwar scheint vornehmlich die heimische Natur, die ihn von Kindheit an umgeben und seine Phantasie mit Bildern genährt, Richtung und Charakter seines Pinsels vorzugsweise bestimmt zuhaben. F. kennt keine andere Natur als die nordische und ist besonders einer Verschmelzung des nördlichen und südlichen Landschaftcharakters in der Kunst abhold. Zwar hatte er schon 1806 eine Reise nach Italien angetreten, erkrankte aber auf dem Wege, und kurz darauf verhinderte ihn der ausbrechende Krieg an der Ausführung seines Planes. Obwol sich ihm auch später wieder günstige Gelegenheiten darboten, die Natur des Südens kennen zu lernen, so benutzte er dieselben doch nicht. Schweden aber, wie auch Dänemark und Norwegen, bereiste er in mehren Richtungen und studirte die eigenthümlichen Naturcharaktere dieser Gegenden genau. Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts war F.'s Ruf als Landschaftmaler so ausgebreitet, daß seine Arbeiten selbst ins Ausland gingen, und dieselben wurden bald so gesucht, daß man gegenwärtig fast in allen Landern Europa's, und selbst in Amerika, bei Fürsten wie bei Privatleuten Bilder von F. findet. Die Zahl seiner Arbeiten ist außerordentlich groß. Bestimmte Perioden lassen sich in der Entwickelung seines Talents nicht bezeichnen; das Schöpfungsvermögen, der Fleiß in der Ausführung, sowie der Grundton sind, bei aller Mannichfaltigkeit und bei dem Reichthum der Erfindung, doch in seinen Arbeiten stets dieselben, und noch jetzt ist kein Ermatten und Nachlassen in seiner Manier wahrzunehmen. Die bedeutendsten Gemälde, welche F. bisher geliefert hat, sind im Besitz des Königs von Schweden und des Königs von Baiern. In den letzten Jahren hat er sich mit einer Reihe norwegischer Aussichten, auf Bestellung deS Königs von DK K Fahnenberg nemark, beschäftigt. F. führt seit 1815 den Titel eines Professors; einige Jahre später wurde er zum Ritter des Wasaordens ernannt. ' (7) Fahnenberg (Karl Heinrich, Freiherr von), badifcher Oberpostdirector und Vorstand der Amortisationscasse, wurde am 16. Mai 1779 zu Freiburg im Breisgau geboren, aus welcher Stadt seine Familie, später wegen Besitzungen in dem Canton Rhön und Werra in die fränkische Reichsritterschaft eingereiht, ursprünglich herstammt. Den Namen Fahnenberg erhielt dieselbe in Folge eines Ereignisses bei der Belagerung von Freiburg durch die Franzosen 1713. Der östreichische Feldmarschalllieutenant von Harsch, der in der Festung commandirte, faßte nämlich nach vierwöchentlicher Dauer der Belagerung den Entschluß, sich mit der Besatzung in die beiden festen Schlösser auf dem anstoßenden Schloßberge zurückzuziehen und die Stadt sich selbst zu überlassen. Die Ausführung dieses Entschlusses brachte eine grenzenlose Verwirrung hervor. Die Lage der Stadt war verzweifelt; von Außen die Belagerer zum Sturm gegen die Bresche anrückend, im Innern die schutzlosen Einwohner in die Kirchen flüchtend, zurückgebliebene östreichische Soldaten die Häuser aufbrechend und plündernd, französische Gefangene, welche sich befreit und bewaffnet hatten, mit gräßlichem Geschrei die Straßen durchziehend. In dieser allgemeinen Verwirrung, wo Jeder nur an sich selbst dachte und die versammelten Behörden ohne Beschlußfassung auseinander gegangen waren, trat ein Mann auf, welcher mit rascher Entschlossenheit das einzige Rettun^smittel ergriff: es war der Stadtschreiber, vr. Franz Ferdinand Mayer. Er nahm zwei andere Bürger zu sich, eilte auf die Bresche und steckte unter dem feindlichen Gewehrfeuer die weiße Fahne auf. Nunmehr zogen die französischen Truppen ohne Gewaltthat ein, die Behörden verstandigten sich mit dem feindlichen Befehlshaber, dem Marschall Villars, kauften durch eine Contribution die Plünderung ab, und erhielten nach Verhältniß der Umstände erträgliche Bedingungen. Mit den Schlössern wurde ein Waffenstillstand eingegangen, auf welchen bald darauf die Eapitulation derselben folgte. Dankbar für die geleisteten Dienste, verlieh die Stadt ihrem Retter für sich und seine Nachkommen das Ehrenbürgerrecht, der Kaiser aber erhob ihn in gleicher Anerkennung mit dem Namen Mayer von Fahnenberg in den Freiherrnstand. Von diesem Mayer von Fahnenberg stammt unser F., welcher ebenfalls Ehrenbürger der Stadt Freiburg ist; auch war es die Universität Freiburg, von welcher er 1830 das Doctordiplom erhielt. F. bildete sich auf den Universitäten Würzburg, Erlangen und Göttingen, und trat nach vollendeten Studien 1801 als Legationssecretair in östreichische Dienste, in welcher Eigenschaft er bei den Gesandtschaften zu München und zu Karlsruhe thä- tig ward. Als nach dem Frieden von Presburg das östreichische Breisgau an Baden siel, trat F. in badische Dienste über, zuerst als Regierungsrath zu Freiburg, wurde darauf 1810 als Rath zu dem Ministerium des Innern nach Karlsruhe berufen, 1814 zum geheimen Referendar und 1819 zum Oberpostdirector ernannt. Einige Jahre darauf ward ihm auch die oberste Leitung der Schuldentilgungscasse übertragen, indem er 1823 zum provisorischen, 1826 aber zum wirklichen Direktor derselben ernannt wurde. Neben diesen Amtsgeschäften benutzte F. die Muße, welche er zu erübrigen vermochte, zu literarischen Beschäftigungen. So redigirte er von 1810—13 zuerst allein, nachher in Verbindung mit Georgius (Georg Otto), das „Magazin für die Handlung und Handelsgesetzgebung Frankreichs und der Bundesstaaten", welches mit dem veränderten Titel: „Für Handlung, Handels- gesetzgebung und Finanzverwaltung", bis 1815 fortgesetzt wurde. Ferner erschien von seiner Hand eine Übersetzung von Say's „Katechismus der Nationalwirth- schaft" (Karlsruhe 1816) mit beigegebenen Anmerkungen. Von F. sind auch die ohne Angabe des Verfassers und Druckorts in Karlsruhe erschienenen, als Beitrag zur Charakteristik der neuern Zeitgeschichte bezeichneten „Aktenstücke über die Faln 7 badische Territorlalangelegenheit". Von 1821—24 besorgte F. die Herausgabe der Verhandlungen des badischen landwirthschaftlichen Vereins, dessen Mitglied er war. Einzelne Aussatze von ihm stehen in dem, von Jaup in Darmstadt herausgegebenen „Staatsboten", in dem „Anzeiger der Deutschen" und in Hartleben's „Justiz- und Polizeifama". Als 1831 die Sympathie Deutschlands für Polen überall Hülfsvereine ins Leben rief, war es F., der mit Welckcr und Wessenberg einen gleichen Aufruf in Karlsruhe erließ, und nach dem Schlüsse des badischen Landtags, welcher die beiden Deputirten in ihre Heimath zurückführte', an der Spitze des Polenvereins die wohlthätige Wirksamkeit desselben fortwahrend leitete. Bei dem Erscheinen des badischen Preßgesetzes trat F. wieder als Schriftsteller auf, indem er in einer Flugschrift zu einem Preßverein für die Erhaltung der neugegründeten Censurfreiheit auffoderte, welche in- deß bekanntlich nur wenige Monate existirte. F. wurde in verschiedenen Zeiten Mitglied mehrer gelehrten Gesellschaften, wie auch der Generaldirection des seit 1831 bestehenden Vereins für die Besserung der Strafgefangenen und die Verbesserung des Schicksals entlassener Sträflinge im Großherzogthum Baden. (22) Fain (A., Baron), Secretair Napoleons und auch in Deutschland als Verfasser der vielbesprochenen „Manufcripte" von 1814,1813,1812 und dem J. III bekannt. Er hatte kaum seine Schulstudien vollendet, als ihn ein Zufall in die Bureaux der Nationalversammlung versetzte. Zur Zeit des 13. Vendem. (5. Ott. 1795) wurde er Secretair des Militärausschusses des Nationalcon- vmts und vier Jahre später Secretair des ersten Consuls, für dessen Unterschrift er die ersten von Bonaparte ausgegangenen Befehle, sowie 14 Jahre später die letzte Acte desselben, die Abdication zu Fontainebleau von 1814, entwarf. Napoleon ernannte ihn nach einander zu seinem Cabinetssecretair, zum Archivisten, zum Maitre des Requetes, und erhob ihn endlich auch zum Baron. Als die Bourbons 1814 zurückkehrten, verlor Baron F. seine Stelle als Vorsteher des kaiserlichen Archivs, erhielt sie jedoch 1815 von Napoleon wieder. Er unterzeichnete im Staatsrathe das Protokoll vom 25. März, welches die Grundsätze enthielt, die dem Kaiser in Zukunft als Richtschnur dienen sollten; auch entwarf er das kaiserliche Decret von demselben Tage, welches alle frühern Beschlüsse gegen die Bourbons von Neuem in Kraft setzte. Am 6. Jul. desselben Jahres ernannte ihn die am 22. Jun. von den Kammern eingesetzte provisorische Regierung zum Staatssecretair. Seit der zweiten Restauration lebte er ohne Anstellung und benutzte seine Muße, um jene Manuscripte (f. Bd. 7) auszuarbeiten, die zur Kenntniß der diplomatischen Geschichte der damaligen Zeit sehr brauchbare Materialien lieferten und deren Glaubwürdigkeit vornehmlich auf den amtlichen Verhältnissen des Verfassers beruht, die ihn zum Zeugen der meisten Staatsverhandlungen machten, deren Gang er entwickelt und beschreibt. Sie fanden ein sehr zahlreiches Publicum und sind auch sämmtlich ins Deutsche übertragen worden. Zuerst erschien das Manuscript vom Jahre 1814 (Paris 1823), dann das vom Jahre 1813 (Paris 1824), hierauf das vom Jahre 1812 (Paris 1826); zuletzt das vom Jahre III, unter dem Titel: „Alarmscrit cke l'-m trois (1794—95) cavtenant les premieres transactions ckes puissances <1e l'Lurope avec!a republi^ue Iran- haise et 1e tableau lies ckivers evenemens >'. Fesca format drucken. Auch gab er in mehren wissenschaftlichen Zeitschriften Abhandlungen über einzelne Gegenstande der fossilen und lebenden Conchylien. Das Studium der Mufchelkunde führte ihn zu Betrachtungen über die Urwelt, die mit denjenigen des berühmten Buffon zum Theil zusammentrafen und die er in mehren Abhandlungen niedergelegt hat, unter andern in dem Aussätze des moünsyues", im victionusire des sciences naturelles". Zu gleicher Zeit verlor er den Staatsdienst nicht aus den Augen, und schlug dem Kriegsminister einen Plan zur Anlegung eines Bureau für die Kriegsstatistik vor; dieses kam zwar nicht zu Stande, F. wurde jedoch zum Bureauchef für die Statistik des Auslandes am Kriegsdepot ernannt. Dabei ließ es seine Thätigkeit nicht bewenden. Er entwarf den Plan einer Zeitschrift, die den Gelehrten alle wissenschaftlichen Forschungen und Erscheinungen anzeigen sollte, und machte dazu den ersten Versuch 1823 mit dem „Lulletin uuiversel des sciences et de l'industrie"; da sich dieses aber allzu eingeschränkt zeigte, bewog er im folgenden Jahre einige angesehene Buchhändler in Paris, ihn in der Herausgabe desselben nach einem betrachtlich erweiterten Plane zu unterstützen. Seitdem erschien das „Lulletin" in acht Sektionen und in monatlichen Heften. Da diese Unternehmung aber bald zu kostspielig wurde, so gab F. das „viilietin" auf Actien heraus; viele Fürsten und vermögende Männer nahmen Actien, um ein einziges und obwol mangelhaftes, doch nützliches Werk zu unter« stützen. Auf einer Reife nach Süddeutschland bewog F. auch einige kleine Fürsten, Comites zu errichten, die mit seiner Gesellschaft, welche nun den Titel Lociete ponr la propsFxdion des cvlmmssauces scieutikgues annahm, in Verbindung stehen' sollten. Doch scheint aus diesen Comites wenig geworden zu sein. Die pariser Gesellschaft mußte auf höhern Befehl ihren ursprünglichen Titel: Lotete pour In p.udlication du. brilletin, wieder annehmen, da sie nur als solche genehmigt worden war. Dieses Institut vermochte sich aber gleichwol nicht zu halten und hörte mit 1831 auf zu erscheinen. F. gründete außerdem, mit mehr Eifer als Umsicht eine statistische Gesellschaft, die aber wenig Fortgang hatte. Im Departement, worin er geboren war, zum Deputirten ernannt, machte er in der De- putirtenkammer einige nützliche Vorschlage, unter andern über Anlegung von Ca- nälen. Als aber 1820 die Kammer aufgelöst wurde und die Departements zu neuen Wahlen schritten, wurde F. nicht wieder erwählt. Während Sait-Cricq Minister des Handels war, übertrug er F. die Division der statistischen Angaben; aber schon ein halbes Jahr nachher ging diese Stelle wieder ein. F. besitzt eins der vorzüglichsten conchyliologischen Cabinete Frankreichs, und ist auch in diesem Fache desonders bewandert. (25) Fesca (Friedrich Ernst), geb. am 15. Febr. 1789 zu Magdeburg, ist einer der ausgezeichnetsten Jnstrumentalcomponisten der neuern Zeit. Man kann von ihm weniger sagen, daß er sich einen durch Eigenthümlichkeit charakterisi'rten Styl geschaffen habe, als daß er vielmehr, sich nach den besten Mustern bildend, jene schöne Gleichförmigkeit, jenes Maß und ordnende Gesetz in seinen Arbeiten vorwalten ließ, die einer gesuchten, nur durch das Abweichen vom allgemeinen Gesetz allein bemerkbaren Originalität stets weit vorzuziehen sind. Er wird daher weniger glänzende Erfolge erringen, aber einen dauernden Werth behalten. Da F. ein ausgezeichneter Violinspieler war, wandte er sich durch sehr natürliche Veranlassung hauptsächlich auf die Composition von Quartetten. Von diesen hat er eine große Zahl geliefert, die so allgemein beliebt wurden, daß man zu Paris eine sehr kostbare Gesammtausgabe derselben veranstaltete. Jndeß hat er auch mehre gründlich gearbeitete Symphonien und einige Opern geschrieben. In den erstem herrscht mehr eine schöne Anordnung der Ideen, und das Vermeiden alles Geschmackwidrigen vor, als daß die Erfindung selbst blühend herausträte. Von seinen Opern kann man Dasselbe sagen, allein diese Gattung, die stets für ein größeres Publi- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 2 lH Festungöbau cum berechnet sein muß, kann durch diese Eigenschaften allein keinen Erfolg gewinnen, wahrend die Symphonie, wie überhaupt die reine Jnstrumcntalcomposition, die fast immer nur dem Kreise der tiefer musikalisch Gebildeten vorgeführt wird, auch ohne blendende Eigenschaften Anerkennung findet, wenn nur der gute, gründliche Musiker, der auch seinen Geschmack nicht vernachlässigt hat, daraus zu erkennen ist. Daher kam es, daß F.'s Quartetten und Symphonien in ganz Deutschland bekannt geworden sind, wahrend seine Opern „Cantemira" und „Omar und Leila", so viel Schönes sie enthalten, kaum in Karlsruhe, wo F. Concertmeister war, einige angemessene Würdigung fanden. Einige Hefte Lieder, mehre Kirchenstücke n cnpelül) und andere kleinere Arbeiten F.'s sind gleichfalls zu schätzen. Nicht nur als Künstler, auch als Mensch war er sehr achtungswerth; seine Liebe zur Kunst war eine reine, warme und edle. Vielleicht hat es fein zu eifriges Arbeiten verschuldet, daß er schon im siebenunddreißigsten Jahre seines Alters am 24. März 1826 zu Karlsruhe, an einem nicht sorgfältig genug beachteten Brustübel, starb. (2V) Festungsbau. In der neuesten Zeit hat der Festungsbau durch die, aus der Vergessenheit hervorgezogene Anwendung des Gewölbebaues, um Geschütze gegen die feindlichen Bomben gedeckt aufzustellen, gleichsam eine neue Gestalt gewonnen. Man hatte diesen Brauch der alten italienischen Kriegsbaumeister ganz verlassen; Kasematten wurden nur selten hie und da in Deutschland unter den Bollwerksflanken angelegt, um bedeckte Stände für Kanonen oder Haubitzen zur Bestreichung des Grabens vor der Curtine und dem Nebenbollwerke zu haben, oder man versah einzelne kleinere, aber wichtigere Befestigungswerke mit gewölbten Gängen für Schützen, um irgend einen Zugang oder Ort durch Flintenfeuer zu vertheidigen. Man hat nun wieder den Steinbau zu Reduits und zur Verstärkung der weiter an die Festungswerke gelegten Redouten und Forts benutzt. Besonders hat man für diesen Zweck die von Montalembert, nach dem Beispiele der schwedischen Ingenieurs vorgeschlagenen runden Thürme mit bedeutenden Mo- disicationen angewendet, theils auf praktischer Ansicht, theils auch auf übertriebener Veforgniß und aufMangel an richtiger Kenntnis von dem Gebrauche und der Wirkung des Geschützes beruhend. So ist das von den Franzosen sogenannte preußische Befestigungssystem entstanden; eine Benennung, die sich wol insbesondere aufKoblcnz undKöln am Rhein bezieht, beide durch vorgelegte große runde Thürme vertheidigt, mit gewölbten Geschützständen und von einem bastionirten Erdwalle umgeben. Es fällt in die Augen, daß eine solche Anordnung den Belagerer von der, als Kern in der Mitte liegenden Stadt entfernt hält und, wenn ihre Entfernung von dieser groß genug ist, das Bombardement derselben verhindert. Sie müssen für diesen Zweck nothwendig selbständig, d. h. stark genug sein, daß der Feind sie nicht sogleich erstürmen kann, sondern gezwungen ist, einen förmlichen Angriff gegen sie zu führen; sie müssen zugleich nahe genug (höchstens 8Vl) Schritt) an einander liegen, und den Raum zwischen und hinter sich genugsam beherrschen, damit der Feind sie nicht vorbeigehen und sie abschneiden könne, um die Festung selbst anzugreifen, wie es Vauban 1684 mit den gemauerten Redouten am Rande des Al- settethales vor Luxemburg, und ILM mit dem Fort Wilhelm vor Namur machte. Immer trifft diese einzelnen Forts der Vorwurf, daß sie die Verlheidigung in ge- wissem Betracht zerstückeln und zu ihrer Gesammtvertheidigung einen größern Aufwand an Streitmitteln bedingen, weil durch den Verlust eines derselben alle übrigen unnütz werden. Sie müssen alle gleich gut ausgerüstet, approvisionirt und besetzt sein; jedes einzelne muß einen entschlossenen, durch nichts aus der Fassung zu bringenden Commandanten, einen intelligenten, unermüdet thätigen Ingenieur und Artilleristen aufnehmen, weil die Verbindung mit der Festung, wenn auch nicht ganz unterbrochen, doch wenigstens vom Belagerer erschwert und sehr gefährdet werden kann. Festnngsbau lst Eine andere Anwendung der steinernen Thürme zu Bewahrung der Küsten gegen feindliche Fahrzeuge, findet in England seit dem Jahre 1794 statt, wo ein alter runder Thurm, Namens Martello, auf der Insel Corsika sich mit einer Kanone gegen zwei englische Kriegsschisse vertheidigte, und nur geringen Schaden litt, fodaß man eine Batterie gegen ihn errichten mußte, um ihn zu erobern. Zur völligen Sturmfreiheit müssen diese Thürme wenigstens 30 Fuß Höhe und 33 — 50 Fuß Durchmesser bekommen. Sie sind theils rund, theils eiförmig, in welchem Falle die beiden Axen 36 und 33 Fuß haben, oben mit einem Altan, auf dem Eine schwere Kanone, oder auch nächst dieser zwei leichtere Kanonen oder Karonaden stehen. Unter dem Altane befindet sich das obere bombensicher gewölbte Stockwerk, zur Wohnung der Besatzung bestimmt, mit einem Kamine und Schußspalte, die zugleich statt der Fenster dienen. Unter jenem ist der untere Raum in drei oder vier Gemacher abgetheilt, und zu Aufbewahrung der Munition, der Lebensmittel und anderer Kriegsbedürfnisse bestimmt. Es hat entweder ein leichtes Gewölbe oder eine Gypsdecke, und enthalt oft auch die Cisterne mit 29,500 Litres Wasser, die in andern Tkürmen wol auch unter dem Erdhorizonte liegt. Vielleicht nach dem Vorbilde dieser Martellothürme, oder nach einem und demselben Originale, jedoch abweichender, ward in Frankreich 1811 der Bau viereckiger Thürme angeordnet, um die Wachen der Strandbatterien aufzunehmen, die 244 — 50 Fuß Seitenlange hatten und sich 18 Fuß über die Erdflache, 27 Fuß aber über die Grabenfohle erhoben. Diese Thürme bestehen aus einem Altan, unter dem das bombenfest gewölbte Stockwerk sich befindet, und einem Keller, der die Vorrathskammern für die Munition, Lebensmittel und einen Wasserbehälter aufnimmt. Die Besatzung ist nach Verhältniß der Größe der Thürme a) 60 Mann; b) 30 Mann; c) 1 Aufseher (0urte) und 12 —18 Kanoniere; ck) und e) 1 Aufseher und 12 Artilleristen; auf dem obern Altane aber stehen: s) 4 Vierund- zwanzigpfündige Kanonen auf Strandlaffeten; 5) 1 Zwölfpfünder und 2 Karonaden auf Drehlaffeten; c) 2 metallene Karonaden desgl.; endlich <1) und e) 1 Feldgeschütz. Auf den Seitenflächen des Thurmes sind oben Mauerzinnen angebracht, um den Fuß der Mauer zu vertheidigen, und über den 9 Fuß tiefen Graben führt eine Zugbrücke in den obern Stock. Ein 14 Fuß breiter bedeckter Weg umgibt den Thurm, und schützt ihn gegen das feindliche Kanonenfeuer, sodaß er nur auf dem Glacis mit Wirkung beschossen werden kann. Die Baukosten dieser Thürme waren zusammen zu 116,000 Thalern veranschlagt. Der russische Krieg hat wol zum Theil die Ausführung dieser Gebäude gehindert, und es ist nicht bekannt, ob sie nach der Restauration stattgefunden hat. Der Erzherzog Maximilian von Ostreich ließ 1830 bei Linz einen solchen Thurm erbauen, deren 10 — 12 in einer Entfernung von 800 Schritten ein verschanztes Lager umschließen und die Vertheidigung desselben verstärken sollen. Der Thurm hen, enthielt 2 Stockwerke, deren unteres die Munition und Lebensmittel nebst dem Wasservorrath einnimmt, das zweite aber mit Wurfgeschütz besetzt ist, für dessen DM' Mündungen in dem angeschütteten Erdboden Öffnungen gelassen sind. Der 7 M Fuß über die Erde hervorragende Altan mit einer glacisförmigen Brustwehr von D M Quadern enthält 11 Feldgeschütze auf schweren Lasteten von Gußeisen, um den Rücklauf zu verringern; eine bewegliche Scheibe, in Grade eingetheilt, dient zu Bestimmung der Seitenrichtung, damit der richtende Artillerist sich nicht bloßstellen dürfe. Die Bankosten jenes Thurmes wurden zu 40,000 Fl. angeschlagen. Der Kaiser von Ostreich entschied sich für die Anlage dieser verschanzten Lager, wozu die Punkte von Pavia, von Lecco am Comosee in Italien, Budweis in Böhmen, Ems und Linz in Ostreich bestimmt wurden. Verschanzte Lager dicht bei Festungen und durch dieselben gedeckt, sind schon längst vorgeschlagen und zuerst von Vanban bei Dünkirchm hinter Eanalen und einer, durch sie hervorgebrachten 2* 20 Festungsbau Überschwemmung angelegt; ihre Bestimmung ist, bei dem unerwarteten Einbrüche eines übermächtigen Feindes dem sich versammelnden Heere zum Sammelplatz zu dienen, damit die Abtheilungen nicht einzeln aufgerieben werden; oder im Angriffskriege ein starkes Magazin zu bewahren, das in der nahen Festung nicht untergebracht werden kann. Ein solcher Ort muß dem Feinde keinen leichten Zugang bieten, sondern ihn durch seine natürlichen oder künstlichen Annäherungshindernisse zwingen, seinen Angriff gegen die Festung zu richten, deren Widerstandskraste dadurch außerordentlich verstärkt werden, weil die Truppen im Lager nun gleichsam einen Theil der Besatzung bilden, zu einer nachdrücklichen Gegenwehr geschickt und im Stande sind, den Feind durch einen unerwarteten Ausfall zu vertreiben, wie Clairfait die Franzosen von Mainz. In der neuern Zeit hat man angefangen, die verschanzten Lager vor die Festung zu legen, daß diese ihnen zum Reduit dient, und beide vereint große Kriegsplätze zu Magazinen und Depots bilden. Hier entsteht jedoch der Nachtheil, daß der Feind vielleicht die Verschanzungen überwältigt, und die im Lager stehenden Truppen, in die Festung zurückgeworfen, sich nun in derselben ver- theidigen müssen, ohne hinreichende Streitmittel und Subsistenz; wodurch beide, die Festung und das Heer, zugleich verloren gehen. Nur dann, wenn ein solches Lager, mit Allem wohl versehen, Gelegenheit darbietet, aus der Defensive in die Offensive überzugehen, wie Napoleons Stellung 1813 bei Dresden, kann es wesentliche Vortheile gewähren. Hinsichtlich des Feftungsumrisses selbst hat man noch immer die baftionirte Form beibehalten, „weil es", wie Landsberg sagt, „eine Manier ist, so mit Fortgang der Zeit stabilirt worden"; ungeachtet die Tenaille unter jeder Bedingung eine kräftigere Vertheidigung gewährt, wie schon daraus hervorgeht, daß die Franzosen in ihrem Rriiee moüerue ihre breiten Bastionen mit kurzen Flanken, durch die weit in das Feld (180 Schritt) vorspringenden und beinahe die ganzen Facen bedeckenden Ravelins in einen eingehenden Winkel legen, daß nun die ganze Festung in ihrem Umfange eine Tenaille vorstellt, wo die verlängerten Facen der Bastiane und die Wassenplätze des bedeckten Weges sich hinter der Ravelinspitze verlieren, um die Ensilade unmöglich zu machen. Mehre andere Festungen in Frankreich und anderwärts sind nach dieser Form gebaut, die bombenfester Geschützstellungen entbehrt, sich auf Galerien zur Vertheidigung mit kleinem Gewehr beschrankend. Um Kosten zu sparen, auch wol um etwas Neues vorzuschlagen, umgibt der bekannte Carnot seine Wälle mit den schon seit 200 Jahren bekannten (Danzig, Pillau), crenelirten Mauern von 2—3 Fuß Stärke, die im Auslande, wie seine bedeckten Mörserstände, lange vor ihm von den Sachsen, Franken und dem Schweden Virgin empfohlen, mehr Beifall fanden als in Frankreich; doch versuchten die Engländer mit Erfolg, jene Mauern durch Schleuderschüsse aus schweren Haubitzen zu zerstören. Es scheint demnach, aller zweckmäßigen Vorschläge ungeachtet, der Festungsbau nur geringe Fortschritte gemacht zu haben, weil die Ingenieurs aus Schlendrian, Vorurtheil oder Trägheit, stets die alten Formen beibehalten, zufrieden, wenn die neu angelegte Festung die herkömmliche Gegenwehr leistet, sodaß die von den Franzosen gegebenen Berechnungen der Dauer des Widerstandes anwendbar bleiben. Modisicationen der letztern hängen dann nur von zufälligen Umständen ab, höherer Intelligenz auf der einen oder der andern Seite, Fehler, vom Belagerer begangen und vom Belagerten benutzt u. s. w. Um endlich, wenn die Kraft des Widerstandes der Wallmauern besiegt ist, und diese in Trümmer zusammenstürzen, einen Rückhalt zu haben, damit man wegen der Übergabe unterhandeln könne, werden, wie ältere Ingenieurs und Bousmard vorschlagen, zur Vertheidigung mit Geschütz eingerichtete, mit Holz und Erde eingedeckte Casernen quer vor die Kehle des Bollwerks gelegt, wenn nicht auf diesem schon ein Cavalier nach französischem System sich befindet, der zugleich die Stelle eines Abschnittes Feuerversicherung 21 Wls mit vertritt. Dieser würde ganz entbehrlich sein, wenn nur irgendwo die Tendenz zur wirksamen Gegenwehr wider den Bau der zweiten Batterien zu erkennen wäre, gegen die schon Landsberg eine überlegene Geschützzahl aufzustellen sich bemüht. Nur Montalembert dringt auf diese Vertheidigungsart aus kasemattirten Batterien; Hoyer hat sie wiederholt empfohlen („Lehrbuch der Kriegsbaukunst", Bd. 1, S. 179; „Allgemeines Wörterbuch der Kriegsbaukunst", Art. Desensivkase- matten und Anders), und der Holländer Merkes legt eine dazu eingerichtete Eontre- garde vor seine Bastion („Neuronen over tevee Onteversien, llen vsstinAdonw betr."). Dennoch gibt keine neue oder umgebaute Festung der neuern Zeit Gelegenheit zu dieser so wirksamen, durch nichts zu ersetzenden Verteidigung, die unfehlbar alle Fortschritte des Belagerers in dem Augenblicke paralysiren würde, wo sie anfangen entscheidend zu werden. (27) Feuerversicherung. Ihrem Wesen nach ist eine Feuerversicherung ein Vertrag, durch welchen der Versicherer gegen eine entweder auf einmal oder in jährlichen Beitragen zu empfangende Leistung sich verpflichtet, dem Versicherten für den Verlust oder die Beschädigung seiner Hauser oder Güter durch Brandunglück einen bestimmten Ersatz zu gewahren. Der Zweck ist, wie bei allen Versicherungen, z. B. Schiffassecuranzen, Lebensversicherungen, den Verlust, der für Einzelne schwer sein würde, durch Vertheilung auf Mehre zu erleichtern. Je größer die Zahl Derjenigen ist, die sich zur gemeinschaftlichen Ertcagung desselben verbinden, desto weniger fühlbar wird die Last für jeden Einzelnen, und darin liegt der Vortheil einer Verbindung zur Erleichterung des Schadens aus einer, durch Zufalle herbeigeführten Zerstörung des Eigenthums. Feuerversicherungen sind aus diesem Grunde fast immer nur von Vereinen unternommen worden. Die ältesten Anstalten dieser Art gibt es in England, wo sie nach der Analogie der weit altern Schissassecuranzen gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstanden und sich seitdem sehr vermehrt haben. Sie sind von doppelter Art, Aktiengesellschaften, die Mehrzahl, welche auf eigne Gefahr und auf eignen Vortheil Gebäude und Güter versichern, und sogenannte Beitragsgesellschaften (contribution societies), in welchen jeder Versicherte Theilnehmer ist und an dem Gewinn oder Verlust des Geschäfts Antheil hat. Von beiden Arten gab es 1832 in London sechzehn, von welchen tbe 8un, tbe ?boemx und tlle ?rotector die bedeutendsten waren, und fünfundzwanzig in den übrigen Theilen des Landes, unter welchen Norvvieli Dnion die wichtigste ist. Die Versicherungen zerfallen nach dem geringern oder größern Wagnisse in gewöhnliche, gefährliche und doppelt gefährliche, und die Beitrage der Versicherten steigen nach diesen Abstufungen, von anderthalb Schillingen für die erste, zu dritthalb für die zweite und zu fünfrhalb Schillingen vom Hundert für die dritte Classe. Die Regierung nimmt in England an solchen Unternehmungen gar nicht Antheil, sondern begnügt sich, die Vereine unter ihren Schutz zu stellen, bei Streitigkeiten zwischen ihnen und den Versicherten die Gesetze zu handhaben, und auf die Vertragsurkunden oder Versicherungsscheine (pnlicies) eine Abgabe zu legen, über deren Druck man mit Recht geklagt, und der man es zugeschrieben hat, daß die meisten Gebäude nicht nach ihrem wahren Werth, und selbst in Städten viele gar nicht versichert sind. Diese Abgabe belief sich 1829 auf mehr als 773,000 Pfund Sterling, und da sie 3 Schillinge von Hundert Pfund Sterling beträgt, so war das gesammte versicherte Eigenthum auf beinahe 516 Millionen Pfund Sterling geschätzt. Ganz anders waren die Verhältnisse seither in Deutschland. Es war in den innern Verhältnissen der Staaten, in der zum Grundsatz gewordenen Einschreitung der Regierungen in den Privatverkehr, aber auch in staatswirthschastlichen Rücksichten gegründet, daß die Anstalten zur Versicherung des Eigenthums in Deutschland gewöhnlich vom Staate gegründet und unter seiner Aufsicht verwaltet wurden. Zu einer Zeit, wo der Unternehmungsgeist noch 22 Feuerversicherung nicht thätl'g genug war, um durch bedeutende Capitalien solchen Anstalten Vertrauen zu verschassen, konnten sie auch nur dann sichere Bürgschaft geben, wenn sie unter der Leitung der Staatsbehörden standen. Die staatswirthschastliche Rücksicht, welche dabei ins Auge gefaßt wurde, führte zur Festsetzung der Bedingung, daß die für abgebrannte Gebäude gewährte Summe zum Wiederaufbau benutzt werden muß, damit nicht durch die Entstehung öder Baustellen das Steuerinteresse leide. Die verschiedenen Interessen, welche bei den Staatsanstalten beachtet werden, haben das Wesen der Feuerversicherung, insofern es auf einem freien Vertrage beruht, verändert, da sie in der Regel alle Besitzer von Gebäuden zum Beitritt nö- thigen. Bei Privatvereinen geht die Bestimmung des zu versichernden Werthes von Gebäuden und Gütern von den Eigenthümern aus, und jene begnügen sich, die Grade der Feuergefährlichkeit sorgfältig auszumitteln und danach den Versicherungsbeitrag (Prämie) zu bestimmen, der in Deutschland von 1 bis ,20 Thaler für jedes Tausend der versicherten Werthsumme steigt. Sie sichern sich hierdurch ohne Zwang das Interesse von sehr verschiedenartigen Classen der Versicherten, ein Umstand, der sehr zur Ausgleichung des regellosen Zufalls dient. Die Beiträge sind trotz der großen Mitbewerbung auf eine Art bestimmt, daß die Unternehmer für das, oft sehr beträchtliche Capital, welches sie als Gewahrleistung für die Versicherten einlegen, noch einen ansehnlichen Zins als Gewinn ziehen. Ihr Vortheil und eben jene Mitbewerbung veranlassen sie daher, bei Schadenvergütungen sich pünktlich und freigebig zu zeigen. Es gilt als Grundsatz, daß mit der größern Ausdehnung eines Versicherungsgeschäfts, bei übrigens gleicher Vorsicht, die Sicherheit des Unternehmens wächst, weshalb sich diese Vereine durch das Versprechen liberaler Behandlung und durch billige Prämien ihre Ausbreitung so sehr angelegen sein lassen. In England ist es häusig der Fall, daß eine Anstalt den, für ein großes Besitzthum verlangten vollen Werthbetrag nicht versichern will, und der Ei- genthümer daher an verschiedene Anstalten sich wenden muß; um aber Betrug zu verhüten, muß der Eigenthümer von jeder andern Versicherung Nachricht geben und dieselbe auf dem Versicherungsscheine bemerkt werden, damit bei einem Brandunglück jede Anstalt verhältnißmäßig zum Ersatz beitrage, und ohne solche Anzeige wird die Versicherung ungültig. Bei Staatsanstalten werden meist Selbstschätzungen der Gebäude zum Grunde gelegt, und obgleich, wie bei der selt 1787 im Königreich Sachsen bestehenden Anstalt, Niemand gezwungen ist, den vollen Werthbetrag zu versichern, so wird doch nur eine spätere Erhöhung der Versicherungssumme, keineswegs aber eine Verminderung derselben gestattet. Daher meist sehr ungleiche Abschätzungen. Bei Brandunglück wird zuerst der Schaden ausgemit- telt und dann der, zur Vergütung desselben erfoderliche Betrag auf sämmtliche Versicherte nach Verhältniß der Versicherungssummen vertheilt, daher bei größern oder geringem Brandschäden die Beiträge steigen oder fallen. Es ist eine Folge der ei- genthümlichen Einrichtung dieser, vom Staate verwalteten Anstalten, daß dem Verunglückten die Hülfe nicht so schnell geleistet wird, als Privatanftalten sie gewähren, und um die Bedingung des Wiederaufbaus zu sichern, wird die Vergütung gewöhnlich erst nach der, zum Neubau getroffenen Vorkehrung in bestimmten Fristen geleistet. So nützlich auch die Landesversicherungsanstalten wirken konnten, zumal in einer Zeit, wo der ärmere Theil der Eigenthümer bei Privatanstalten selten Hülfe suchte, und so sehr sie besonders auch zur Verbesserung der Feuerpolizei Anlaß gegeben haben, so haben sich doch die Mängel derselben immer mehr offenbart, je zahlreicher auch in Deutschland Privatversicherungsgesellschaftcn wurden. Auffallend trat der Nachthvil hervor, daß die Landesanstalten die Grade der Feuergefährlichkeit nicht so genau beachten, als es von den Privatvereinen geschieht, wodurch diejenigen Orte oder Gebäude, welche gegen Brandunglück mehr gesichert sind, in das ungünstigste Verhältniß zu mehr gefährdeten treten, was vorzüglich Felis 23 ^ A bei der Vereinigung der Städte und Dörfer, oder auch großer und kleiner Städte meiner Versicherungsanstalt der Fall ist. Als nun in neuern Zeiten durch die Ausbreitung von Privatvereinen und ihre wetteifernde Thätigkeit auch den minder vermögenden Grundeigenthümern die Vortheile dieser Anstalten bekannt wurden, kamen die Landesanstalten in schwierigere Verhaltnisse. Eine nachtheilige Folge war die Leichtigkeit, Gebäude in mehre Versicherungsanstalten zu einem so hohen Betrage aufnehmen zu lassen, daß die Aussicht auf Gewinn zu Vcrgehungen verfuhren konnte. In Sachsen z. B. wurde dies in einzelnen Fällen so wahrscheinlich, daß man daraus einen Hauptgrund für die vorgeschlagene Aufhebung der Landesanstalt genommen hat, und der Gefahr eines frevelnden Misbrauchs durch Beschränkung der unbedingten Vefugniß, in Privatanstalten Versicherungen zu suchen, lind durch strengere Aufsicht auf die Agenten fremder Versicherungsvereine vorzubeugen bedacht gewesen ist. Je zahlreicher in neuern Zeiten die Versicherungs- vereine geworden sind, und je fester sie sich begründet haben, desto nothwendiger wird es, die von Staatsbehörden verwalteten Anstalten anders zu gestalten, wenn sie neben jenen bestehen wollen, was in einigen deutschen Ländern bereits vorbereitet ist. Bei der Wahl einer Versicherungsgesellschaft darf man sich nicht bloß durch die Wohlfeilheit der Prämien bestimmen lassen, sondern muß sich auch von der Verfassung und den Verwaltungsgrundfätzcn derselben unterrichten, um nicht bei Unglücksfallen Hülflos zu bleiben, und es ist daher immer bedenklich, in ausländischen Anstalten sein Eigenthum versichern zu lassen, da man durch die Unbekanntfchast mit dem fremden Rechtsverfahren bei Streitigkeiten leicht in Nachtheil kommen kann. Die ausländischen Anstalten sind jetzt durch die in Deutschland gegründeten verdrängt worden. Die in Hamburg, Berlin, Elberfeld, Aachen bestehenden ActiengeseUschaften machen zum Theil bedeutende Geschäfte; den größten Wirkungskreis aber möchte jetzt die Feuerversicherungsbank für Deutschland haben, die in Gotha ihren Sitz hat. Sie vereinigt die Vortheile der Lan- bcsversicherungsanstalten mit den Vorzügen der Privatgesellschaften, indem sie wie jene auf Gegenseitigkeit und Öffentlichkeit gegründet ist, während ihre Geschäftsführung und Verwaltung, wie bei Privatvereincn, kaufmännisch und ohne Einmischung der Regierung geleitet wird. Das jährliche Ersparniß fließt den Versicherten wieder zu. Der Abschluß von 1831 ergab eine Dividende von 80 Pro- eent, bei einer Versicherungssumme von beinahe. 110 Millionen Thaler. Die Anstalten in Rostock und Hanover sind dieser Anstalt nachgebildet, doch von beschränkterem Umfange. Die Anstalt in Gotha ist überdies bedacht, sichere Feuerungsanlagen bei den verschiedenen Gewerben einzuführen, und angemessene Hülfe bei Brandunglück zu verschaffen. Auch die seit längerer Zeit in Leipzig bestehende Feuerversicherungsanstalt hat in der neuesten Zeit mehre für die Versicherten günstige Verbesserungen ihrer innern Einrichtung erhalten. Sie gibt jetzt den auf fünf Jahre bei ihr Versicherten, außer einem Freijahre, auch noch den halben Antheil an dem jährlichen reinen Gewinn, der auf die fünfjährigen Versicherungen fällt. Fetis (Francis Joseph), Componist und Musikgelehrter. Zu Möns in Belgien am 23. März 1784 geboren, erhielt er von seinem Vater, einem ausgezeichneten Organisten, Unterricht in der Musik, machte schon 1793 durch ein von ihm selbst componirtes Violinconcert Aufsehen, und wurde 1800 von seinen Altern nach Paris gebracht. Dort als Schüler des Conservatoriums aufgenommen, genoß er des Unterrichts von Boieldieu und Ney. Ein Jahr später reiste F. nach Deutschland, studirte die deutschen und italienischen theoretischen Werke, kehrte 1804 nach Paris zurück und ertheilte daselbst drei Jahre lang Unterricht. Nachdem F. 1807 einen Preis des Instituts davon getragen, schrieb er eine italienische Oper, und lieferte zu der französischen komischen Oper: „l^lkoole 3« In jeunosse", eine neue Musik, die aber nicht zur Aufführung kam; dagegen hatte 1808 eine von ihm 24 Field componirte Symphonie das Glück, öffentlich aufgeführt zu werden. F. begab sich darauf in die Gegend von Givet an der belgischen Grenze zu den Verwandten seiner Frau und betrieb nunmehr die Musik bloß theoretisch. Zwei seiner handschriftlichen Werke wurden ihm gestohlen, nämlich eine „Nistoire 6enotation musi- celle clans le mo^en und die „Disseltation llistoric^ue sur <3ui ck'VreT^o". Wegen ungünstiger Vermögensumstande sing er 1814 wieder an, seine Kunst praktisch auszuüben, erhielt durch Concurs die Stelle eines Organisten in der Peterskirche zu Douai, wurde zugleich Professor an der Musikschule dieser Stadt und bekleidete die beiden Ämter vier Jahre hindurch. Er componirte in Douai 1815 ein Requiem für den 21. Januar (Sterbetag Ludwigs XVI.), eine Messe u. a. m., und legte hier zugleich den Grund zu seinen spatern Schriften über die Harmonie. Darauf kehrte er 1818 wieder nach Paris zurück und ließ seitdem im Theater Feydeau einige komische Opern aufführen, die großentheils gut aufgenommen wurden. Er wurde 1821 zum Professor der Composition an der königlichen pariser Musikschule ernannt und erhielt im Nov. 1826 auch die Bibliothekarstelle dieser Anstalt. Unter seinen Opern nennen wir die im Theater Feydeau aufgeführten: „V.'amant et 1e mari"; „Res seeurs sumel- les"; „Re bourgeois sophischen Facultät eine neue zweckmäßige Einrichtung gegeben und treffliche Lehrer, HM unter Andern für elastische Literatur und Ästhetik I. G. Jacobi von Halle, berufen ^ hatte. Nach dem für die Landesangehörigen vorgeschriebenen dreijährigen philo- ^ sophischen Cursus, widmete sich F. der Rechtswissenschaft, verwandte dann noch zwei Jahre auf juridische Praxis und Privatstudien, und unterwarf sich hierauf der Staatsprüfung. Er war eben im Begriff, noch einige auswärtige Universitäten zu besuchen, als er den Ruf zum Syndicus der Stadt Waldshut erhielt; ein Amt, in welchem er die Civil- und Strafrechtspflege zu besorgen und zugleich die K städtische Administration zu leiten hatte. Von da kam er 1803, unter der Regierung des Erzherzogs Ferdinand, als Rath zu dem sogenannten Collcgium der Landrechte in Freiburg, der privilegirten Gerichtsstelle für Geistlichkeit, Adel und höhere Staatsdiener. Bald darauf begann seine parlamentarische Laufbahn, wenn man diesen Ausdruck auf die ältern standischen Verhältnisse auwenden darf. Zum Mitglied des Concesses (ständischen Ausschusses) der breisgauischen Stande und zum Syndicus des dritten Standes erwählt, besorgte F. hauptsächlich die staatsrechtlichen Geschäfte und entwarf aus besonderm Auftrag eine neue ständische Geschäftsordnung, welche nebst andern Vorschlägen durch eine eigne Deputation in Wien vorgelegt werden sollte. Da führte der presburger Friede einen neuen Auftand der Dinge herbei. Das östreichische Breisgau wurde mit dem damaligen Kurfürstenthum Baden vereinigt, und F. befand sich bei der ständischen Deputation, welche unmittelbar nach der Besitznahme dem Kurfürsten die erste Huldigung darbrachte. Die Regierung löste alsbald die breisgauischen Stände auf, und F., zuerst als Rath zum Hofgericht in Rastatt bestimmt, jedoch dieses, seiner bisherigen Stellung wenig angemessenen Rufes wieder enthoben, wurde 1807 mit dem Charakter als Hofrath und Oberamtmann zum Vorstand des Oberamts Waldshut ernannt. Auf diesem Posten hatte er wesentlichen Antheil an den vieljährigen Unterhandlungen, welche zwischen Baden und dem Canton Aargau wegen des, von dem Breisgau abgerissenen Frickthals geführt wurden, und an den darauf abgeschlossenen Verträgen. Als die badische Verfassung ins Leben trat, wurde F. zum Volksvertreter erwählt und gehörte zu den freisinnigsten und geachtetsten Mitgliedern der Deputirtenkammer auf dem Landtage von 1819 und 1820, wo er sich namentlich durch zwei gediegene Commissionsberichte über die damals vorgelegte Gemeindeordnung auszeichnete. In der Zwischenzeit von der Vertagung dieser Kammer, 1819 bis zur Wiedereinberufung 1820, war er als Oberhofgerichts- rath nach Manheim versetzt worden; nach dem Schlüsse des Landtags traf ihn das Loos zum Austritt. Durch die Wahlen von 1822 abermals in die Ständeversammlung berufen, wurde er von der Kammer zur Präsidentenwürde erhoben und leitete die Verhandlungen des siebenmonatlichen Landtags, welcher in völligem Zerwürfnis mit der Regierung schloß. Der Vertagung der Kammer folgte ein grollendes Rescript im Regierungsblatte, und erst ziemlich lange nachher die Auflösung derselben. Auf dem traurigen Landtage von 1825, wo F. Deputirter von Manheim war, gehörte er, seiner constitutionnellen Gesinnung treu, zu der nur wenige Mitglieder zählenden, muthvollen und beredten Opposition, erhob sich mit gewohnter Energie gegen die Aufhebung einiger Artikel der Verfassung, legte aber nach dem Schlüsse des Landtags seine Würde nieder und wohnte der Versammlung von 1828 nicht mehr bei. Ein neues constitutionnelles Leben schien k880 aufzublühen. Die Stadt Manheim erwählte F. einstimmig zum Abge- 28 Follen (August) Follen (Karl) ordneten, und die Kammer erhob ihn zum ersten Präsidenten. In den zehnmonatli- chen Verhandlungen dieses denkwürdigen Landtages führte er mit der Würde und Umsicht des Veteranen sein schwieriges Amt und schied bei dem Schlüsse der Versammlung von den Mitgliedern dieser Ehrenkammer, deren Großwürdeträger er gewesen, unter allseitigen Beweisen von Freundschaft und Hochachtung. Der Großherzog selbst beehrte ihn mit einer goldenen, mit Brillanten besetzten Dose, die Stadt Manheim, mit einem feierlich überreichten Ehrenpokal; eine werthvolle Anerkennung patriotischer Verdienste zugleich von dem Fürsten und von dem Volke, welche damals so innig vereint waren. Aus der neuesten Zeit verdient bemerkt zu werden, daß nach der Zurücknahme des Preßgesetzes und der rückwirkenden Aufhebung des öffentlichen und mündlichen Verfahrens auch für die, schon früher anhangigen Preßproeesse, F. bei seinem Gerichtshofe kräftig, aber vergeblich gegen die rückwirkende Kraft dieser Verordnung auftrat. (23) Follen (August sspäter: Adolf) Ludwig), ältester Sohn des noch in Darmstadt lebenden großherzoglich hessischen pensionirten Landrichters und Hofraths C. C. Follenius, geb. am 31. Jan. 1794. Nachdem er mehre Jahre das Gymnasium in Gießen besucht hatte, studirte er zwei Jahre lang Theologie auf der dasigen hohen Schule, und wurde sodann Hauslehrer bei dem Freiherrn von Low zu Steinfurt in der Wetterau. Er trat 1814 in das großherzoglich hessische freiwillige Jägercorps und machte in demselben den Feldzug gegen Frankreich mit. Nach seiner Rückkehr studirte er noch zwei Jahre lang zu Heidelberg die Rechte, und begab sich dann, nachdem er eine Zeitlang in Gießen privatisirt hatte, nach Elberfeld, wo er mehre Jahre die dasige „Allgemeine Zeitung" redigirte. In die damals häusig vorkommenden Untersuchungen wegen demagogischer Umtriebe verwickelt, wurde F. verhaftet und nach Berlin in die Stadtvogtei gebracht, aber später (1831) wieder freigelassen. Er begab sich nun in die Schweiz und fand daselbst an der Cantonsschule in Aarau eine Anstellung. Gegenwärtig privatisirt F. auf dem, seinen Schwiegerältern zugehörigen Schlosse Altikom in der Schweiz. Vielleicht war unter allen Begeisterten für deutsche Freiheit von 1813 —19 Keiner keck-genialer, strudelnder und poetischer, als der ältere F. Keiner, außer Wit, trug sich aber auch auffallender und prangte mehr mit Äußerlichkeiten, worin ihn eine hohe Gestalt, langgelocktes dunkles Haar, Witz und Keckheit des Ausdrucks und ein geistvoll kraftiges, aber bald durch die Spuren des Lebens abgemagertes und früh veraltetes Gesicht unterstützten. Bei größerm Fleiß, mehr Ausammenhang und Ausdauer hatte F. Bedeutenderes leisten können. So ist er nur Verfasser einzelner schönen Lieder (z. B. des trefflichen: „Vaterlands Söhne") und ausgezeichneter Übersetzer von Fragmenten, namentlich aus dem Griechischen (Homer), dem Lateinischen (Kirchengesänge) und dem Italienischen (Tasso), die großentheils nicht gedruckt sind. Bei viel Poesie, Witz, Schärfe, Originalität und Geist leiden F.'s eigne poetische Produktionen häusig an Härten, zwang- voller Construction und Bizarrerie. Weniger ist dies bei seinen Übersetzungen der Fall, wo wir namentlich an ihm, wie an keinem Andern, die stete Wahrung reiner Reime und die unerschöpfliche Erfindungskraft in neuen bewundern müssen. Seine politischen Ansichten hat F., seitdem er in der Schweiz lebt, unendlich modisicirt und eine Art öffentlichen Widerrufs in dieser Hinsicht gegeben. Von F.'s Schriften sind wol die „Freien Stimmen frischer Jugend", welche 1819 in Jena erschienen und auch Gedichte des Herausgebers enthalten, am bekanntesten geworden. Sein neuestes Werk ist: „Bildersaal deutscher Dichtung" (Winterthur 1837, 2 Thle.). (16) Follen (Karl), Bruder des Vorigen, geb. am 3. Sept. 1795, widmete sich, nach beendigten Gymnasi'alstudien, zu Gießen anfanglich der Theologie, dann den Rechtswissenschaften, machte 1814 im hessischen freiwilligen Jägercorps den Fonfrede 29 Feldzug gegen Frankreich mit, setzte hierauf seine Studien zu Gießen fort, woselbst er am 14. Marz 1818, nach der glanzenden Verteidigung seiner Thesen, die Würde eines Doctors der Rechte sich erwarb und als Privatdocent sich habilitirte. Ebenfalls wegen demagogischer Umtriebe in Untersuchung gezogen, verließ er Gießen und setzte in Jena seine Studien und Vorlesungen fort, bis er sich durch die, in Folge der Ermordung Kotzebue's durch Sand erneuerten Untersuchungen genöthigt sah, auch diese Stadt zu verlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Koblenz begab sich F. nach Frankreich, und lebte theils in Paris, theils in Strasburg, wo er vorzugsweise mit dem Studium und der Aufsuchung römischer Alterthümer sich beschäftigte. Nach der Ermordung des Herzogs von Verri (14. Febr. 1820) mußte F. als Fremder Frankreich verlassen, fand aber eine Anstellung, anfangs an der Cantonsschule zu Chur, dann an der Universität zu Basel. Von da begab er sich in der Folge wieder nach Paris und dann nach den Vereinigten nordamerikanischen Staaten, wo er eine Zeitlang Vorlesungen über das römische Recht zu Neu- york hielt, dann als Prdiger zu Cambridge im Staate Massachusetts angestellt, und endlich zum Professor der deutschen Sprache und Literatur an der dortigen Harvard-Universität befördert wurde. Klarer Verstand, strenge Consequenz des Denkens, tressliche Rednergaben, ein männlicher Entschluß, dabei große Kenntnisse, namentlich des Rechts, und ein vortheilhaftes Äußere sicherten F. schon früh einen bedeutenden Einfluß auf seine Umgebungen. Besonders in Gießen war er Jahre lang der Mittelpunkt und die Spitze der dortigen freisinnigen Akademiker; erst der Anhänger des Ehrenspiegels, dann der sogenannten Schwarzen, wo sich vielleicht nur der geistvolle vr. Karl Seebold ihm selbständig gegenüber hielt. Ähnlich setzte sich das Verhältniß in Jena fort. In der Untersuchung gegen Sand, sowie überhaupt den damals anhängigen Untersuchungen, ward F. als Verfasser des bekannten Liedes: „Menschenmenge, große Menschenwüste", und als Mitverfasser des sogenannten großen Liedes, welches Wit nachher ins Publicum brachte, genannt. Gewiß sind mehre Turn- und Freiheitslieder von ihm, die in seines Bruders „Freien Stimmen frischer Jugend" eine Stelle fanden (z. B. „Schalle, du Freiheitssang", „Unterm Klang der Kriegeshörner"), und sich vor den Gedichten Adolf F.'s durch Klarheit und eine gewisse Ebenheit auszeichnen, welche aber keineswegs des Feuers und der Kraft entbehrt, und insbesondere vom Bizarren weiter entfernt liegt. (16) Fonfrede (Henri), französischer Journalist. Sein Vater, Mitglied der Gironde, starb während der Revolution auf dem Blutgerüste. Der junge F. trat unter Villele und Polignac als eifriger Gegner der Minister und bald auch des Königstammes auf, wurde aber neben Vorkämpfern, wie Benjamin Constant, Gui- zot, Thiers, Mignet, nicht sehr bemerkt. Nach der Juliusrevolution ließ er sich zum Abgeordneten wählen; nur vergaß er in seiner Zerstreutheit nachzurechnen, ob er den zur Wahlfähigkeit crfoderlichen Steuersatz zahle, und wurde von der Kammer ausgeschlossen. Jndeß war F., da sich die Minister für den Fall, daß er auf der Rednerbühne erschiene, bemüht hatten, ihn zu gewinnen, mit diesen und dem König Ludwig Philipp sehr vertraut geworden; man gab ihm ein bedeutendes Gnadengeld und er kehrte nach Bordeaux zurück, wo er seitdem das lluste milieu und das sogenannte Friedenssystem in vielen Artikeln des „Nemoi-ial Rorüelais" vertheidigte, wovon jeder wenigstens drei Spalten lang ist, die aber in so fließender Schreibart und mit solcher Wärme verfaßt sind, daß der Leser kaum daran denkt, sich über ihre Ausdehnung und ihre Paradoxen zu beschweren. Seit Benjamin Constant todt ist, und Guizot, Thiers und Andere zu vornehm geworden sind, um viele Journalartikel zu schreiben, ist jetzt F. der ausgezeichnetste ministerielle Publi- cist Frankreichs, wenigstens in der Provinz. Zu Paradoxen geneigr, geht F. in seinen Artikeln systematisch zu Werke; außer den guten Maßregeln der Regierung 30 Fontamer Förster (Friedrich) »< vertheidigte er auch die Haussuchungen, und die nach der Erstürmung von St.-Mery (am 6. Zun.) erklarte Belagerung desselben. Sehr freimüthig hingegen äußerte er sich über die deutschen Verhaltnisse bei Gelegenheit der frankfurter Beschlüsse, die er den Juliusordonnanzen Karls X. an die Seite setzt. F. ist jetzt wahlfähig und wird ohne Zweifel bei erster Gelegenheit Abgeordneter. Vor Kurzem hat F. auch in Versen geschrieben. Der freisinnige „Indicateur de Bordeaux", Gegner des „Memoria!", hatte nämlich das politische Benehmen von F.'s Vater getadelt; dieser Angriff begeisterte ihn zu einer Erwiderung, worin er gelobt, wie sein Vater das luste milieu bis aufs Äußerste zu vertheidigen. Diese Verse machen aber der kindlichen Pietät des Schriftstellers mehr Ehre als seinem Talent; es ist eine luste milieu-Poesi'e, den dichterischen Producten von Viennet, Cicero und Friedrich dem Großen vergleichbar. (15) Fontanier (Victor), einer der ausgezeichnetsten Reisenden, welche durch die geographische Gesellschaft von Paris aufgefodert und von der französischen Regierung mit den nöthigen Hülfsmitteln versehen, die Erforschung der Länder von Kleinasien zum Hauptzwecke ihres Strebens gemacht haben. Die unmittelbare Aufgabe, naturhistorische Beobachtungen anzustellen, hat er, mit Ausnahme einiger geognostischen Notizen, nur unvollkommen gelöst, desto wichtigere Nachrichten aber über die Gebirgszüge und Wasserscheiden des nördlichen Theils von Kleinasi'en, den Taurus und Anritaurus gegeben. ^ Sein großes Verdienst besteht darin, die am wenigsten bekannten Länder und Örter aufgesucht und somit über diesen altclassischen Boden ein neues Licht verbreitet zu haben. Von Georgien kommend, landete er 1827 in Trebisonde, reiste von da über Erzerum, Kara- Hissar, Tschiftlik, Suvas, Tokate, Amasia, Osmandjik, Tossi'a, Bolo, Terekli, Jsmit nach Scutari und von da nach Konstantinopel, auf dem bisher auf den Karten am schlechtesten gezeichneten und am wenigsten bekannten Wege. Mau erfährt durch ihn, daß die Kette des Ewend und die Lage von Kengawer nicht genauer auf den geographischen Karten angegeben sind als die Richtung der Berge, welche jene Kette mit der Kette der Zagrosberge verbinden. Von Bagdad bis Bassora setzt er den Lauf des Tigris östlicher und nähert ihn den Bergen von Lurestan. Wenn er gleichwol zu Erzerum, wo er sich längere Zeit aufhielt, in Buckingham einen Vorgänger hatte, der über die Kurden und die Pezids eine ausführlichere Schilderung entwarf, so hat doch Das, was sich auf die Küste der Lazzen, auf Siwas und das Kurdenland bezieht, wissenschaftlichen Werth und das Interesse neuer Berichte, indem F. nicht nur ein aufmerksamer Beobachter, sondern auch ein lebendiger und — bei Reisenden unserer Zeit ein immer selteneres Verdienst — ziemlich anspruchloser Darsteller ist. Das Gesehene und Erfahrene hat er in zwei Werken nie- dergelegt: „Vo^a^es an Orient, entrepris par ordre dn Gouvernement tran^ais des I'unnee 1821 ü 1829" (Paris 1829), das türkische Asten begreifend, und „Vo^gges en Orient etc." (Paris 1829), Konstantinopel, Griechenland und die politischen Ereignisse bis 1829 umfassend. Die zweite Abtheilung dieser Reisen begreift Gegenden, die in der neuesten Zeit sehr oft besucht und beschrieben wurden: Smyrna, Chios, Syra, Poros, Tinos, Ägina, und das Interesse der Berichte konnte daher nur aus dem Zeitpunkte hervorgehen, in den der Ausenthalt des Verfassers fällt, nämlich in die für das Schicksal des neuen Griechenlands so verhängnisvollen Jahre 1826 und 1827. Außer der Bereicherung, welche die Ethnographie durch F. erhielt, wird die alte Erdkunde von einigen seiner Forschungen Nutzen ziehen, wie auch die physikalische Geographie ihm schätzbare Andeutungen verdankt. (8) Förster (Friedrich), königlich preußischer Hofrath, ward geboren den 24. Sept. 1792 zu Münchengosserstädt im Herzogthum Sachsen-Altenburg, wo sein Bater. Karl Christopb Förster, rühmlich bekannt als geistlicher LiederdiclM, da- Förster (Friedrich) mals Prediger war. Seine Schulbildung erhielt er auf dem Gymnasium zu Altenburg, wo er sich mit alten Sprachen und Literatur beschäftigte, und wo seine Neigung zur Poesie frühzeitig geweckt und genährt wurde. Auf der Universität zu Jena, die er 1809 bezog, widmete er sich, um dem Wunsche seines Vaters zu genügen, dem Studium der Theologie, beschäftigte sich aber nach bestandenem Candidatenexamen ausschließlich mit Geschichte, Philologie und Philosophie, er- langte daselbst den philosophischen Doctorgrad und begab sich, nach einem Aus- fluge durch das westliche Deutschland, nach Dresden, wo er, begünstigt von den dortigen Kunstsammlungen, seine archäologischen und kunsthistorischen Studien fortsetzte. Als 1813 der Aufruf des Königs von Preußen zur Befreiung Deutschlands erging, verließ F. Dresden, und eine frühere Bekanntschaft mit Theodor Körner bestimmte ihn, in das Lützow'sche Freicorps einzutreten. Damals erschienen von ihm einige Kriegslieder unter dem Titel: „Schlachtenruf an die erwachten Deutschen", mit einem empfehlenden Vorworte des Generals Blücher. In den Feldzügen 1813, 14 und 15 ward er mehrmals verwundet, und avancirte zum Secondlieutenant. Nach seiner Rückkehr von Paris, wo er bei Zurückfoderung der von den Franzosen in Deutschland geraubten Kunstschätze besonders thätig war, erhielt er in Berlin eine Anstellung als Lehrer der Geschichte und Erdkunde an der vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule und wurde zum Premierlieutenant von der Armee befördert. Wegen eines, mit seiner Namensunterfchrift versehenen, in Luden's „Nemesis" 1817 abgedruckten Aufsatzes: „Über die geschichtliche Ent- ivickelung der Verfassung Preußens", wurde er 1818 in Folge einer criminellen Anklage vor ein Kriegsgericht gestellt, dessen Spruch man ihm jedoch nicht bekannt machte. Aus dem königlichen Dienste entlassen, habilitirte sich F. nun bei der Universität zu Berlin, und seit er nach Verlauf eines Jahres auch in dieser Thätigkeit gehemmt wurde, lebte er als Privatgelehrter in Berlin, mit der Redaction verschiedener Zeitschriften und andern literarischen Arbeiten beschäftigt. Er begann die. „Neue berliner Monatsschrift" (1821), die das Leben in Kunst und Wissenschaft sich zuin Gegenstande machte. Von 1823 — 26 leitete er die Redaction der Vossischen politischen Zeitung, und 1827 die des neuentstandenen berliner Con- versationsblattes. Von seinen historischen Werken nennen wir: „Beiträge zur neuern Kriegsgeschichte" (Berlin 1810);: „Der FeldmarschaU Blücher und seine. Umgebungen" (Leipzig 1818); „Friedrichs des Großen Jugendjahre, Bildung und» (Berlin 1822). Er gab „Winkelmann's Briefe von 1747 — 69" (3 ^ ^ ^ Bde., Verlin 1824—25) heraus. Ein nicht unerhebliches Verdienst erwarb er sich " I ^ d^ch die Herausgabe der „Ungedcuckten eigenhändigen vertraulichen Briefe und amt- ^ M? r Schreiben Albrechts von Wallenstein" (3 Theile, Berlin 1828—29). In der Run > treten einzelne Partien aus Wallenstein's Leben, namentlich die Geschichte sei- Mwck M Ermordung, in diesen Briefen, die zum größern Theile aus dem Nachlasse des Asien ) kaiserlichen FeldmarschaUs, Hanns Grafen v. Arnimb, zum Theil aus dem gehei- men Archive des kais. königl. Hofkriegsrathes in Wien herstammen, zum ersten .Wheilu^s Male in bestimmtem Umrissen aus dem Nebel hervor, der sie bisher umhüllte und cht und bW's Dichter wie Geschichtschreiber irre führte. F.'s philosophisches Streben fand in > des M?.,' der Hegcl'schen Schule Befriedigung. Diese emstern Bestrebungen haben ihn der M dcrAll''s Poesie nicht entfremdet. Eine rege Beweglichkeit des Gemüths und eine jugendlich- ^MenB^ 5"^)e, heitere Ansicht des Lebens, verbunden mit einer großen Gewandtheit in der ^stsification, gebenseinen Gedichten den Anstrich leichter geistreicher Improvisation, nennen von ihnen insbesondere die „Sängerfahrt" und die auf Preußen und Königsstadt zunächst berechneten „Runden des großen Kurfürsten in der ^ >- Aeujahrsnacht", von welchen seit 1822 sechs erschienen sind. Unter dem Titel: .Briefe eines Lebenden" gab er eine Sammlung humoristischer Briefe und Ge- , Berlin 1831) heraus, worin er über eine 1829 unternommene 32 Förster (Karl) Fourier Kunstreise nach Italien Bericht erstattet. Seit 1829 ist F. mit dem Titel eines Hofraths als Custos bei der königlichen Kunstkammer angestellt. (51) Förster (Karl), geboren den 3. April 1784 zu Naumburg an der Saale. Sein Vater war der als ascetischer Schriftsteller und geistlicher Redner geachtete Domprediger und Schulinfpector, nachheriger Superintendent zu Weißenfels, Johann Christian Förster. Seinen ersten wissenschaftlichen Unterricht erhielt F. auf der Domfchule seiner Vaterstadt. In seinem sechszehnten Jahre bezog er darauf die Universität zu Leipzig, um daselbst, nach dem Wunsche seines Vaters, Theologie zu studiren. Die ersten Jahre verflossen ihm jedoch in dem vielfach anregenden fast ausschließenden Umgange mit seinem nahen Verwandten, dem jetzigen Professor Lobeck in Königsberg, meist unter geschichtlichen, philosophischen und philologischen Studien, bis der frühzeitige Tod seines Vaters ihn zur Theologie zurückzukehren nöthigte. Ee folgte am Schlüsse seiner akademischen Laufbahn einem Rufe zu einer Hauslehrerstelle nach Dresden, das mit seinen zahlreichen Bildungsmitteln ihm eine neue Welt eröffnete, in welcher er sich bald heimisch fühlte. Für den damals auf Reisen befindlichen Professor Hasse übernahm er 1805 einige Lehrstunden am königlichen Cadettenhause und ward an demselben Institute im nächsten Jahre als Adjunct, 1897 aber als zweiter Professor angestellt. Das ihm zugewiesene Fach der deutschen Sprache und Literatur behielt er auch bei, als er später, nach Hasse's Versetzung nach Leipzig, in dessen Stelle einrückte, in welcher er noch thätig ist. Die wenige Zeit, die ihm ein arbeitvolles Amt übrig ließ, wurde vorzugsweise der neueuropäischen Literaturgeschichte, insbesondere der italienischen, später auch der ältern deutschen gewidmet. Häusiges Anschauen der reichen dresdner Sammlungen führte ihn zu kunftgeschichtlichen Studien, die Beschäftigung mit Dante aber zu einem ersten Übersetzungsvcr- suche, wovon eine Probe im Wieland's „Mercur" mitgetheilt wurde, deren Fort- fetzung aber nach der bald darauf erfolgten Erscheinung der Kannegießerschen Verdeutschung unterblieb. Nächst Dante ward ihm durch verwandte Verhältnisse und Stimmungen Petrarca lieb, und die anfangs nur versuchsweise unternommene Übersetzung einzelner Stücke ward mit Eifer zu Ende geführt. Außer zahlreichen in Almanachen und Zeitschriften bekannt gemachten lyrischen Gedichten und Aufsätzen sind von ihm erschienen: „Petrarca's italienische Gedichte, übersetzt und mit Anmerkungen begleitet", (2 Bde., Leipzig 1818, zweite Ausgabe 1832); „Torquato Tasso's auserlesene lyrische Gedichte, übersetzt und erläutert", (2 Bändchen., Zwickau 1821); „Rafael's Kunst und Künstlerleben", ein Cyklus von Gedichten, (Leipzig 1827); „Abriß der allgemeinen Literaturgeschichte", Bd. 1 — 3, Bd. 4., Abth. 1., (Dresden 1827—30). Die von Wilhelm Müller begonnene „Bibliothek deutscher Dichter des 17. Jahrhunderts" setzte er fort und hat seitdem zwei Bände derselben geliefert. Mehre seiner Lieder wurden von M. v. Weber, Methfessel und Dessauer in Wien in Musik gesetzt. Fourier (Jean Baptiste Joseph, Baron), französischer Mathematiker, geboren zu Auperre am 21. März 1768, war ein Zögling der dortigen Kriegsschule, an der er auch bereits in seinem achtzehnten Jahre die Professur der Mathematik erhielt. Er wurde darauf an der neugegründeten pariser Normalschule, und kurz nachher auf Veranlassung von Monge und Lagrange an der polytechnischen Schule als Professor angestellt, und folgte dann dem General Bonaparte nach Ägypten. Als nach der Einnahme von Kahira das Institut ä'L^pte gegründet ward, ernannte es einstimmig F. zum Secretair auf Lebenszeit. Bonaparte erwählte ihn bald darauf zum Commissair des französischen Heeres bei dem Divan in Kahira, von wo aus F. während des syrischen Feldzugs die Oberaufsicht über die nördliche Hälfte des Landes führte; später wurde ihm auch die Justizverwaltung anvertraut. Auch schloß F. in Auftrag Klebers den Tractat mit Murad. Dabei ver- nachlassigte er die Wissenschaft nicht, und war, etwa Denon ausgenommen, der eifrigste Mitarbeiter an der„vesci-lpti<)n de l'L^te". Nach Frankreich zurückgekehrt, erhielt er den 2. Jan. 1802 die Präfectur Jsere, darauf den Orden der Ehrenlegion, 1808 den Baronstitel. Er vollendete als Präfect die Austrocknung der Moraste von Bourgoin. In den ersten acht Jahren seines Aufenthalts zu Gre- noble im Departement Jsere verfaßte er die Abhandlung, welche dem großen Werke über Ägypten als Einleitung dient; sie wird, abgesehen von dem geschichtlichen Werthe, zugleich als eins der stylistischen Meisterwerke Frankreichs allgemein anerkannt. 1807 krönte die Akademie F.'s Preisschrift über die Verbreitung der Warme durch feste Körper. Als Napoleon von Elba zurückkehrte, erließ der Prafect F. einen Aufruf zu Gunsten des Königs, und dennoch ernannte ihn Napoleon sieben Tage spater, am 12. Marz 1815, zum Prafecten des Rhonedepartements. Ohne die Stelle auszuschlagen, weigerte er sich, die ihm vorgeschriebenen Maßregeln auszuführen, und wurde daher durch ein Decret vom 12. Mai abgesetzt. F. schlug nunmehr seinen Wohnsitz in Paris auf, ward 1816 von der Akademie der Wissenschaften zum Mitglied erwählt, doch erst die nochmalige Erwählung im I. 1817 wurde von Ludwig XVIII. bestätigt. Darauf ernannte ihn die erwähnte Akademie zu einem ihrer Secretaire auf Lebenszeit. 1822 machte er sein berühmtes Werk: ,/IAeorie unalzdihue de la cüaleur", bekannt. Da alle seine Schriften sich auch in stylistischer Hinsicht auszeichneten, besonders die Lobreden, die er zu Ehren verstorbener Akademiker hielt, und welche man den Arbeiten Fonte- nette's und Condorcet's an die Seite setzt, so erwählte ihn die ^cademi« fraiuzuise zur Anerkennung seiner Verdienste am 17. April 1827 zu ihrem Mitglieds. Nach dem Tode von Laplace ersetzte er diesen Gelehrten als Präsident des Oon8ei1 de periectioimement in der polytechnischen Schule, und nach dem Sturze von Vil- lele wurde er Mitglied einer vom Minister des Innern eingesetzten Commission, welche über die der Wissenschaft zu vergönnenden Hülfleistungen Vorschläge einreichte. Er starb bald nachher, und Cuvier hielt in der Akademie einen Vortrag über die hohen Verdienste des Verewigten. Außer seinen bereits namhaft gemachten Schriften verfaßte F. mehre für die Geschichte der Wissenschaft bedeutende Abhandlungen in der Sammlung der akademischen Schriften über physikalische und mathematische Gegenstände, und gab mehre berühmter Gelehrten, namentlich Delambre's, William Herschel's und Breguet's heraus. Seine hin- terlassenen Schriften sind kürzlich erschienen Cousin, sein Nachfolger in der Vcademie irxwhaise, hielt im Februar 1832 seine Lobrede. (15) Frähn (Christian Martin), der berühmteste und gelehrteste unter den jetzt in Rußland lebenden Orientalisten, ist geboren am 4. Jun. 1782 zu Rostock, wo er, nachdem er den gewöhnlichen Unterricht in der Stadtschule genossen hatte, um Ostern 1800 die vaterländische Universität bezog, um Theologie zu studiren. Hier war es, wo er von einer außerordentlichen Neigung zu den orientalischen Sprachen getrieben, während der dreijährigen Studienzeit sich fast ganz an den berühmten Tychsen anschloß, dessen Unterricht in den verschiedenen Sprachen des Orients, in der mohammedanischen Münzkunde und arabischen Paläographie, sowie seiner freigebigen Unterstützung aus den Schätzen einer reichen Bibliothek, er die raschesten Fortschritte auf der eifrig verfolgten Bahn verdankte. Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Göttingen verließ F. im Herbste 1803 diese Universität wieder, wo er die erwartete Befriedigung nicht gefunden hatte, um den geachteten Schnurrer in Tübingen aufzusuchen; aber auch hier verweilte er nicht länger, sondern unternahm bald darauf eine Reise nach der Schweiz, wo er zwei Jahre als Gehülfe an mehren Lehranstalten, z. B. zu Burgdorf und zu Aubonne im Waadt- lande, sich thätig zeigte. Er kehrte 1806 wieder nach seiner Vaterstadt zurück, wo sich ihm bald darauf die Aussicht zu einem angemessenem Wirkungskreise ganz un- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 3 34 Frähn erwartet eröffnete. Er erhielt nämlich durch Tychsen's Empfehlung die erledigte Professur der orientalischen Literatur an der Universität zu Kasan, die er 1807 antrat. Durch den 1815 erfolgten Tod Tychsen's wurde der orientalische Lehrstuhl in Rostock erledigt, und man beeilte sich jetzt, F. als den würdigsten Nachfolger seines Lehrers nach Rostock zurückzurufen. Diesem Rufe folgend, war F,, bereits auf dem Rückwege nach der Heimath begriffen, in Petersburg angekommen, als man ihn hier durch Gehaltserhöhung und ehrenvolle Anstellungen und Auszeichnungen jeder Art für Rußland zu erhalten bemüht war. Er wurde zum ordentlichen Mitglieds der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Petersburg für das Fach der orientalischen Alterthümer und Oberbibliothekar, zum Director des asiatischen Museums und zum Ehrenbibliothekar bei der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek ernannt, sowie später zum Staatsrath und zum Ritter des St.-An- nenordens zweiter Classe. Die erste Frucht seiner orientalischen Studien war eine Stipendiatenschrift: ,,^SMptu8 uuctnre Ibn ul-Vardi" (Halle 1804), hervorgegangen aus einer fehlervollen Abschrift eines spanischen arabischen Codex in Tychsen's Bibliothek und theilweise verbessert durch die Vergleichung einer dresdner Handschrift. Er gab 1806 zu Rostock zur Erlangung der philosophischen Doctorwürde die überall wohl aufgenommene Dissertation: „^urui-um exe^o tico-criticaruin in Natiumum proz>tietam speoimen", heraus, worin glückliche Aufklärungen aus dem Arabischen versucht wurden. Die erste in Kasan (1808) von ihm herausgegebene Schrift ist in arabischer Sprache geschrieben und enthält eine Beschreibung von acht samanidischen und neun buidischen Münzen, denen eine kurze Ubersicht der Fürsten, wie sie in der Regierung folgten, vorgesetzt worden. Eine lateinische, von dem Nachfolger F.'s in Kasan, dem Collegien- rath Erdmann besorgte, mit zweckmäßigen Anmerkungen und einer Kupfertafel begleitete Ubersetzung führt den Titel: „(Aristiuni ?raeün de gpübusdam 8e- Memidarum numis sckediasma" (Göttingen 1816). Von den gründlichsten Sprachkenntnissen unterstützt, dem seltensten Glücke begünstigt, welches über l?0,000 mohammedanische Münzen, von deren Dasein man zum Theil nur geringe, zum Theil gar keine Kenntniß gehabt hatte, aus allen Gegenden ihm zuführte, und von einem scharfen, geübten und richtigen Blicke geleitet, erwarb sich F. bald durch eine Reihe der gediegensten Arbeiten den von allen urteilsfähigen Gelehrten Deutschlands und des Auslands mit völliger Übereinstimmung ihm gezollten Ruhm, daß er unter allen Kennern und Entzifferern mohammedanischer Münzen, die je gelebt, den ersten Platz einnehme. In der That, wahrhaft staunenswert sind die unermüdeten Bestrebungen F.'s in dem ausgebreiteten Gebiete der mohammedanischen Münzkunde, die zugleich einen seltenen Schatz von geographischen und historischen Aufklärungen und den feinsten Sprachbemerkungen enthalten. Aber nicht minder ausgezeichnet, und als ein ebenso glücklicher Entzifferer offenbart sich F. in der Kunst, die schwersten kusischen Denkmäler mit Leichtigkeit und befriedigend zu deuten. Ein drittes Hauptverdienst hat sich F. um die Textberichtigung, die Bekanntmachung und gelehrte Ausstattung arabischer Geschichtsguellen erworben. Wir nennen hier: „De uradieorum etiam uuctnrnm libris vulgaris crisi poseentikus emuculari exemplo pusito Histeriae 8Aracenicse L!macmi" (Kasan 1815), in welcher Schrift überall Zurechtweisungen anderer Ausleger und Verbesserungen ausgeftreuet sind. Auszuzeichnen sind auch diejenigen Schriften, wodurch der ältesten russischen Geschichte aus ungedruckten arabischen Urkunden ein neues, längst ersehntes Licht angezündet worden. Erwah- ncnswerth ist noch, daß F. den Reichthum des asiatischen Museums in Petersburg an arabischen, persischen und türkischen Handschriften, Alterthümern, Merkwürdigkeiten und Seltenheiten aller Art mit genauer Bezeichnung der in den neuesten Zeiten durch Ankäufe, Geschenke und Erbeutungen in dem letzten Kriege mit den Türken, sowol in sorgfaltigen Übersichten als in lehrreichen Beschreibungen zur Kennt- Francia 35 Wj> niß der Kenner und Freunde der orientalischen Literatur gebracht hat. Endlich muß noch die Aufmerksamkeit auf ein umfassendes, in seiner Art einziges lexikographisches Werk der arabischen Sprache hingelenkt werden, welches F. noch als Professor zu Kasan in einem durch die „Leipziger Literaturzeitung", 1815, Nr. 134 und 140, mitgetheilten Schreiben an den damaligen VicekanzlerTychsen in Rostock in einer ausführlichen Nachricht angekündigt hat. Dieses kritische Wörterbuch der arabischen Sprache soll alle vorhandenen Hülfsmittel, die handschriftlichen Wörterbücher eines Dscheuhari, Firusabadi, die arabischen Scholiaften u. s. w. in den Kreis der Bearbeitung ziehen; zugleich soll jede Wurzel in allen ihren wirklichen und möglichen Verwandtschaften kritisch untersucht und beurtheilt, mit den übrigen semitischen Sprachen genau verglichen, und aus ihnen theils berichtigt, theils erweitert werden. Sieben Jahre hatte der Verfasser schon damals an diesem Werke gearbeitet, und noch zwanzig Jahre gedachte er demselben zu widmen, ehe er mit Proben hervorzutreten wage. Wie weit aber diese Riesenarbeit der Vollendung entgegengerückt ist, vermögen wir nicht zu bestimmen. (6L) Francia (Gaspar Rodriguez), Dictator von Paraguay, wurde 1?63 zu Assumcion, der Hauptstadt von Paraguay, geboren, wo sein Vater, ein Franzose, nach einem langern Aufenthalt in Lissabon sich angesiedelt und eine junge Creolin geheirathet hatte. Zum geistlichen Stande bestimmt, erhielt er den ersten Unterricht in einem geistlichen Seminarium und besuchte spater die Universität zu Cor- dova de Tucuman, in der Laplata-Republik, wo er schnelle Fortschritte im Studium der Theologie machte. Als er die Doctorwürde erlangt hatte, verließ er schnell die gewählte Laufbahn, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen, und ließ sich in Assumcion als Sachwalter nieder. Er zeigte ebenso viel Much als Uneigennützigkeit, und war stets ein Beschützer der Schwachen gegen die Machtigen und der Armen gegen die Reichen. So gering sein Erbe war, so bemühte er sich doch nicht, es zu vermehren, und war nur darauf bedacht, sich ein anständiges Auskommen zu verschassen. Er überwand durch beharrlichen Eifer die Schwierigkeiten, welche sich in einem von allen literarischen Hülfsmitteln abgeschnittenen Kreise der Erwerbung von Kenntnissen entgegensetzten, und sein Ruf stieg so sehr, daß sich ihm bald der Weg zu den ersten Ämtern in seiner Vaterstadt öffnete, und er war Alcalde, als 1811 auch Paraguay sich von der spanischen Herrschaft losriß. Es versammelte sich ein Congreß, welcher eine Junta ernannte, deren Secretair F. wurde. Er gewann bald einen entscheidenden Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, und schon zu jener Zeit scheint er den Entschluß gefaßt zu haben, den neuen Staat von seinen Nachbarn abzusondern, da er alle Verbindungen mit der Laplata-Republik abbrach und ihr allen Beistand in dem Kampfe gegen Spanien versagte. Er wußte den Charakter seiner vergnügungssüchtigen Amtsgenossen, die sich wenig um das Vaterland bekümmerten, geschickt zur Ausführung seiner ehrgeizigen Absichten zu benutzen. Die Lage des Landes ward end- ich so mißlich, daß alle Parteien die Nothwendigkeit einer Umwandlung der Verfassung erkannten. Die Junta ward aufgelöst und ein neuer Congreß berufen. Man wollte eine Republik, aber unbekannt mit republikanischen Einrichtungen, zog man die Geschichte der alten Welt von Rollin zu Rache, vielleicht das einzige brauchbare Buch, das in ganz Paraguay zu finden war. Die Versammlung begeisterte sich für die Consularregierung und beschloß, die oberste Gewalt zwei auf ein Jahr ernannten Consuln anzuvertrauen. Fulgencio Pegros, der Präsident der aufgelösten Junta, und F. wurden erwählt. Man hatte zwei Sessel aufgestellt, der eine mit dem Namen Cäsar, der andere mit dem Namen Pompejus bezeichnet. F. setzte sich sogleich auf den Cäsarstuhl. Er konnte die höchste Gewalt mit einem Manne, dessen Partei ihm verdächüg war, nicht lange theilen, und als der Congreß sich 1814 wieder versammelte, lud er denselben ein, nach dem Beispiel der Nachbar- Z* «,lID 36 Francia staaten die höchste Gewalt einem einzigen Beamten anzuvertrauen, und dem einmal befolgten Beispiele treu zu bleiben, schlug er als einziges Rettungsmittel des Staates die Ernennung eines Diktators vor Es ward ihm nicht schwer, die Mehrheit zu gewinnen, und er wurde auf drei Jahre erwählt. Der Congreß bestimmte ihm einen Jahrgehalt von 9000 Piastern, F. aber nahm nur ein Dritt- theil dieser Summe und erhöhte sie auch in der Folge nicht, da der Staat, wie er sagte, des Geldes mehr bedürfe als er. Diese Uneigennützigkeit hat er nie verleugnet. Seit er (1814) an die Spitze des Staates gelangt war, veränderte er gänzlich seine frühere Lebensweise, ging zu der größten Sittenstrenge über und widmete sich mit verdoppeltem Eifer dem Studium der Geschichte, Geographie, Mathematik und der französischen Literatur, besonders aber der Kriegskunst. Als der Congreß 1817 sich wieder versammelte, wurde F. zum Dictator auf Lebenszeit ernannt. Kaum aber war er an dieses Ziel seines ehrgeizigen Strebens gelangt, als er die Larve der Mäßigung ablegte und in seiner Verwaltung die härteste Tyrannei zeigte. Nie ritt er seitdem aus ohne Begleitung von Reitern, die den Befehl hatten, Jeden niederzuhauen, der sich auf dem Wege des Gebieters zeigen würde. Als einige Jahre später unruhige Bewegungen sich regten, erließ F. den Beschluß, das Land solle nach den Formen einer reinen Demokratie regiert werden und ein Congreß von 1000 Deputirten, aus allen Bürgerclassen erwählt, die Verwaltung führen. Die gewählten Mitglieder des Congresses wurden genöthigt, sich nach der Hauptstadt zu begeben, als sie aber einige Tage, ohne Gehalt oder Entschädigung, hier zugebracht hatten, bedachten sie die Nachtheile, einer verlängerten Abwesenheit aus ihrer Heimath und baten F., die oberste Gewalt wieder zu übernehmen und sie zu entlassen. F. willigte ein, behielt sich aber das Recht vor, sie wieder zu versammeln, was nach seiner Versicherung geschehen sollte, sobald neue Klagen über seine Verwaltung laut würden, wo sie dann auf eine Sitzung von wenigstens sechs Monaten rechnen könnten. Die Schreckensregierung trat seitdem immer empörender hervor. Die Strenge des Diktators war besonders gegen die Spanier gerichtet, die er ohne Schonung hinrichten ließ, und da er die Reichthümer der Verurtheilten in die Staatskasse legte, so verschafften diese Hinrichtungen ihm den doppelten Vortheil, seine Gewalt zu befestigen und die Abgabm zu vermindern. Die Verurtheilten wurden unter seinen Fenstern erschossen, und um Pulver und Blei zu sparen, nur drei Soldaten dazu gebraucht, welche die Unglücklichen mit ihren Bayonnetten erstachen, wenn die Kugeln nicht getroffen hatten. Gegen die Geistlichkeit und besonders die Mönche hegte er tiefen Haß, der in der spätem Zeit immer zunahm, und während er in der ersten Zeit seiner Herrschaft regelmäßig die Messe besucht hatte, verabschiedete er 1820 seinen Caplan und verrieth öffentlich seine Verachtung gegen den katholischen Glauben. Als einst ein Offizier ein Heiligenbild von ihm verlangte, um es in einer Festung aufzustellen, antwortete er: „Volk von Paraguay, wann wirst du aufhören blind zu sein! Als ich noch Katholik war, dachte ich wie du, jetzt aber weiß ich, daß die besten Heiligen eine Reihe von Geschützen längs der Grenze sind." Jndeß gedieh der Anbau des Landes, der Ackerbau machte Fortschritte, neue Getreidepflanzen wurden eingeführt, da jeder Landbesitzer zu bestimmten Anpflanzungen genöthigt war, und die Einwohner, welchen strenge Gesetze die Auswanderung verboten, brachten immer mehr wüste Ländereien zum Anbau. Die Handelssperre vermehrte die Manufacturbetriebsamkeit. Furcht ist der Hebel, der zur Thätigkeit antreibt. Ungeschickte oder träge Handwerker werden mit dem Tode bestraft. F.'s Terrorismus hat den ursprünglichen Charakter des Volkes gänzlich umgewandelt, und finsteres Mistrauen ist an die Stelle der frühern Offenheit und Gutmüthigkeit getreten. Wie in der Hauptstadt, waltet seine Strenge auch in den Provinzen. Die Entdeckung einer Verschwörung, welche die von allem Antheil an der Verwaltung verdrängten Urheber der ersten Revolution Francia 37 1820 anzettelten, bot dem Dictator Gelegenheit dar, einen langst gemachten Entwurf auszuführen. Zum Argwohn geneigt, glaubte er, daß die engen und krummen Straßen der Hauptstadt die angebliche Absicht der Verschworenen begünstigten, ihn bei einem Spazierritte zu überfallen, und ließ viele Häuser niederreißen, um neue Straßen zn eröffnen oder die alten zu erweitern, und endlich 1821 fast die ganze Stadt verwüsten, um sie neu zu erbauen. Die Fremden schien F. anfanglich schonend behandeln zu wollen; nur durften sie seinen Argwohn nicht reizen, daß sie sich mit der Bereitung des Paraguaythees abgeben wollten, die er, wie einst die Jesuiten, als Stautsmonopol betrieb. Dies war es, was ihn bewog, den französischen Naturforscher Bonpland seit 1821 in langer Gefangenschaft zu halten. Die Absonderung des Landes, die F. nach dem frühern Beispiele der Jesuiten ausführte, ohne ihr Schüler oder AnHanger ge- wesen zu sein, wurde desto strenger, seit die Unruhen in den südlichen Re- publiken gestillt und geordnete Verwaltungssormen eingeführt waren, die er mehr fürchtete als ihre frühern Kriege; Paraguay sollte nie aus dem Zustande der Knechtschaft treten. Nur mit dem zum Kaiserthum erhobenen Brasilien knüpfte er 1822 Handelsverbindungen an, die aber bei den Beschränkungen, die er dem Verkehr auflegte, keinen gedeihlichen Erfolg hatten. Als das ganze Land seinen Befehlen unterworfen war, schien er seit 1824 zu mildern Gesinnungen zurückkehren zu wollen; aber bei jedem Anfall einer hypochondrischen Laune erlaubte er sich Handlungen, die an die Schreckenszeit erinnerten. Die Schildwachen vor seiner Thürs erhielten einst Befehl, auf jeden Vorübergehenden zu schießen, der zu seinen Fenstern hinaufzublicken wagen würde, und erst als auf einen Indianer war geschossen worden, der neugierig die Wohnung betrachtete, wurde diese Verfügung wieder aufgehoben. Er hob 1824 die noch in Paraguay bestehenden Kloster auf und erklärte diejenigen Mönche, die nicht in den weltlichen Stand zurücktreten wollten, für unnütze Glieder des Staats. Die Güter dieser Klöster sielen dem Staate zu. Als 1825 der englische Geschäftsträger Parish die Freilassung mehrer in Paraguay zurückgehaltener Engländer verlangte, gestattete er zugleich einem Paraguayer, eine Reise zu unternehmen, um den Schein zu vermeiden, als ob er der Nothwendigkeit weiche. Paraguay ist fortdauernd in dem Zustande gänzlicher Absonderung, und die Sperre in den letzten Jahren sogar noch strenger geworden. F. hat die Menschen von seinem ersten Eintritt ins öffentliche Leben an nur durch die Ausübung seines Berufs, und dadurch nur von einer sehr ungünstigen Seite kennen gelernt. Abgeschieden von Menschen, erhielt sein Charakter eine Härte und Unbiegsamkeit, die ihn immer mehr zu Verirrungen hinrissen, zumal da seine Stimmung durch Anfälle von Hypochondrie noch mehr gestört wurde. Er lebt in einem geräumigen, einzeln stehenden Gebäude, das von den Jesuiten kurz vor ihrer Vertreibung aus Paraguay aufgeführt wurde, in der größten Zurückgezogenheit mit vier Sklaven, die er sehr milde behandelt. Zuweilen bewohnt er die Cavaleriecaserne und vergnügt sich mit der Jagd, um die Einförmigkeit seines Lebens zu unterbrechen. Er ist mit seinem eignen Gelde nicht haushältig, aber mit dem Staatseinkommen sparsam. Seine Familienverhältnisse haben nie Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten, und selbst seiner Schwester, der er sehr gewogen ist, nahm er die Verwaltung seines Landgutes, weil sie sich eines Polizeidieners zur Züchtigung eines entflohenen Sklaven bedient hatte. In der Lage, in welche F. sich versetzt hat, bleibt ihm nichts übrig als un5?r den Trümmern des unnatürlichen Gebäudes, das er errichtet, zu fallen. Vgl. „Historischer Versuch über die Revolution von Paraguay und die Dictato-rialregierung des vr. Francia", von Neng- ger und Longchamp (Stuttgart 1817), gegen welchen F. einen in den „33mes" vom 6. Nov. 1830 abgedruckten heftigen Aufsatz schrieb. n. 38 Franklin Franklin (Sir John), englischer Seecapitain, wurde 1786zu Spilsby in der Grafschaft Lincoln geboren und gehört zu den Mannern, die Englands altem Ruhme, zuerst wissenschaftliche Entdeckungsreisen unternommen zu haben, neuen Glanz gaben. Schon in seinem vierzehnten Jahre trat er in den Seedienst, wo er alsbald mit Gefahren vertraut wurde, da er 1801 auf dem Schiffe Polyphem in der Schlacht bei Kopenhagen focht. Spater (1803) machte er auf dem Schiffe In- vesti^utor mit seinem Oheim, dem Capitain Flinders, eine Entdeckungsreise an die Küste von Neuholland. Unter diesem erfahrenen Seemann erwarb er sich viele Kenntnisse, die ihm auf seiner spatern Laufbahn vielfach nützlich waren. Nach der Rückkehr von dieser Fahrt segelte er unter Capitain Dance nach Kanton und nahm Theil an dem berühmten Gefecht in der Straße von Malakka, wo das britische Geschwader, nur aus schwer befrachteten Kauffahrteischiffen und einem Ostindienfahrer bestehend, die französische Flotte unter dem Admiral Linois schlug. Auf dem Betterophon kämpfte er in der Schlacht bei Trafalgar gegen das französische Linienschiff l'Aigle von 74 Kanonen. Von 40 Gefährten blieb nur er mit sechs andern unverwundet. Am Bord des Schiffes Bedford gehörte er zu dem Geschwader, das unter dem Herzoge von Clarence die verbündeten Monarchen 1814 nach England brachte, und zeichnete sich am Ende desselben Jahres unter Sir Pulteney Malcolm bei dem Angriffe gegen die amerikanischen Kanonierboote aus, deren Wegnahme eines der glänzendsten Ereignisse in dem Kriege gegen die Vereinigten Staaten war. Als die britische Regierung 1818 den Entschluß faßte, die nordwestliche Durchfahrt im Polarmeere aufzusuchen, erhielt F. auf die Empfehlung seines Freundes Sir Joseph Banks den Befehl über das Schiff Trent, das den Capitain Buchan begleitete. Die Aufgabe, nach der Erreichung des Nordpols durch die Ben'ngstraße in das stille Meer zu fahren, wurde zwar nicht gelöst, aber die englische Regierung verdoppelte ihre Anstrengungen, und während Parry nach der Davisstraße segelte, erhielt F. den Auftrag, zu Lande an die Küste des Polarmeers zu reisen. Gelang es ihm, mit dem Seefahrer sich zu vereinigen, so war die ununterbrochene Fortsetzung östlich vom Kupferminenflusse nach der Repulse-Bai wenigstens wahrscheinlich, und die Einfahrt in das atlantische Meer der Gewißheit nahe gebracht. F. kam im August 1819 in der Hudsonsbai an. Zu Anfange des folgenden Monats machte er sich mit seinen Begleitern auf den Weg nach Cumberlandhouse. Sie fuhren dann den Hillfluß mühsam hinauf. Die Boote mußten gewöhnlich an Leinen gezogen, und die Ladungen stets herausgenommen und über das zwischenliegende Land, die sogenannten Tragplätze (portales), gebracht werden. Nachdem die Reisenden einen Weg von 815 englischen Meilen bei der heftigsten Kälte in drei Pfund schweren Schneeschuhen zurückgelegt hatten, erreichten sie im Jul. 1820 endlich den Kupferminenfluß. F. segelte darauf gegen 600 englische Meilen längs der Küste, und indem er die Erdkunde durch die Berichtigung der bisherigen mangelhaften Karten bereicherte, machte er zugleich schätzbare Erwerbungen für die Naturgeschichte. Auf dem Rückwege hatten die Reisenden mit den furchtbarsten Beschwerden zu kämpfen. Schon im Anfange der Reise hatten sie eines Tages nichts zu essen, und ohne Mittel, Feuer zu machen, mußten sie den ganzen Tag im Bette bleiben. Die dünnen Decken schützten sie nicht gegen die Kälte. Der Wind trieb den Schnee in die Zelte, die am folgenden Tage ganz eingefroren und drei Fuß hoch von Schnee umgeben waren, während auch auf ihren Decken der Schnee einen Zoll hoch lag. Solche Drangsale wiederholten sich oft. Während der ganzen Reise bestand ihre Nahrung aus Rennthie- j ren oder Rebhühnern, wenn ein glücklicher Zufall sie begünstigte, und aus Steinflechten. Endlich war die Noth so groß, daß sie ihre Schuhe essen mußten. Ein Stück versengtes Leder war ein Leckerbissen, und verfaulte Thierhäute, die sie im Schnee fanden, wurden begierig verzehrt. Hatten sie ihre Zelte aufgeschlagen, so Franklin 39 war das erste Geschäft, die gefrorenen Schuhe aufzuthauen, wenn sie Feuer machen konnten, und trockene anzuziehen. Dann nahm jeder sein Tagebuch zur Hand. Nach dem Essen, das gewöhnlich im Dunkeln verzehrt wurde, gingen sie zu Bette und unterhielten ein aufmunterndes Gespräch, bis die Decken von der Körperwärme aufgethaut waren. In mancher Nacht mußten sie die Erquickung entbehren, in trockenen Kleidern sich niederzulegen, denn wenn das Feuer nicht hinlänglich war, die Schuhe zu trocknen, durfte man diese nicht ausziehen, weil sie am nächsten Morgen so hart gefroren gewesen sein würden, daß man sie nicht hätte anlegen können. Von Hunger und Müdigkeit erschöpft, fanden sie endlich im Fort Lnterprise ein armseliges Obdach. Sie waren so schwach, daß, wenn Einige sich setzten oder niederlegten, die Übrigen wachend stehen bleiben mußten, um ihnen beim Aufstehen zu Helsen. Die körperlichen Leiden wurden durch den Einfluß derselben auf die Seele erhöht, und während ihre Kräfte abnahmen, erschienen Zeichen geistiger Schwäche in einer reizbaren Grämlichkeit, womit sie sich einander quälten. Jeder hielt den andern für schwächer, des Raths und Beistandes bedürftiger als sich selber, und der unbedeutendste Umstand verleitete sie zu launischen Äußerungen, die alsbald bereut wurden, um vielleicht in der nächsten Minute wiederholt zu werden. Endlich kam Hülfe, als die Indianer Lebensmittel brachten, aber noch waren viele Beschwerden zu erdulden, ehe die Reisenden 1822 nach England zurückkehrten. In die Theilnahme, die das kühne Unternehmen erweckte, hatte auch eine geistreiche Dichterin, Eleanor Anne Porden (geboren 1795 und bereits in ihrem siebzehnten Jahre durch das Gedicht: „lAe veils, or tke trlumpk ol con- swnc^" bekannt), begeistert eingestimmt und in ihrem Gedichte: urctic expe- s. w. geduldet und befördert! Den allgemeinsten Tadel fand der Staatshaushalt. Das Capital der öffentlichen Schuld war seit der Restauration bis zum I. 1829 um anderthalb Milliarden vermehrt worden, und die Zinsen beliefen sich auf 200 Millionen. Das Budget für 1829 stieg auf 980 Mill.; und dennoch gab es ein Deficit zu decken! Dabei ward dem Ministerium noch ein außerordentlicher Credit von 42^ Mill. ') Diese zählte 66 und das rechte Centrum 88 Deputirte. Als vermittelnd zwi- >a)en dem rechten und linken Centrum stand die R>6unic>.i kgier. 44 Frankreich seit dem Jahre 1829 bewilligt, um die ruhmlose Blockade von Algier fortzusetzen und ein Heer von 14.000 Mann in Morea zu unterhalten! — Zuletzt triumphirten in allen Zweigen. der Staatsverwaltung die Congregation und der Aristokratismus, selbst über die Minister. Des Seeministers Hyde de Neuville Ordonnanzen, wodurch er, nach Englands Vorgang, in den Colonien die Gleichheit der farbigen Freien mit den. Weißen vor dem Gesetze herzustellen suchte, wurden von den Colonialbeamten nicht befolgt; es kam darüber auf Guadeloupe und Martinique zu aufrührerischen Bewegungen, bis das alte Recht der Ungleichheit obsiegte. Endlich beschloß Karl X. als König die Monarchie und die Religion zu retten, indem er seinen Liebling, den bisherigen Botschafter in London, den Fürsten Polig- n a c (s.d.), in das Ministerium berief. Dieser Hofmann, der anfangs sogar die Charte zu beschwören sich geweigert, spater jedoch, um populair zu werden, in der Pairskam- me:r seine constitutionnellen Gesinnungen betheuert hatte, war dem Volke verhaßt. Da nun auch Roy und Martignac in diesem Ministerium zu bleiben sich weigerten, so wurde am 8. Aug. 1829 durch sieben Ordonnanzen ein durchaus ultraroyalistisches Ministerium ernannt. Polignac — Wellingtons Schüler und Freund — erhielt die Leitung des Auswärtigen statt des Grafen Portalis; Courvoisier an Bour- decm's Stelle das große Siegel; Labourdonnaye, statt des Vicomte Martignac, das Innere; Montbel, statt des Bischofs Feutrier de Beauvais und des Herrn von Vatismenil, die Leitung des Cultus und des öffentlichen Unterrichts; Chabrol von Crousol, statt des Grafen Roy, die der Finanzen; der vom Heer als Überläufer bei Waterloo verachtete Generallieutenant Bourmont (s.d.), statt des Vicomte Decaur, die Leitung des Kriegswesens, und der Sieger bei Navarino, Wceadmiral Rigny, sollte an Hyde de Neuvilles Stelle Marineminister werden. Als aber dieser wackere Ossizier die Stelle ablehnte, erhielt sie ein des Seewesens ganz unkundiger Mann, der Staatsrath d'Haussez. *) Jetzt nahm auch der redliche Debelleyme seine Entlassung als Polizeipräfect von Paris, und der furchtbare Mangln trat an seine Stelle. Nie hatte ein Ministerium der neuern Zeit so wenig d ie Zustimmung der Nation als das Polignac'sche. Talleyrand nannte es daher lu imniZtere linpossible. Man warf ihm vor, daß es unter englischem Einfluß stehe, und erwartete so gewiß von demselben den Umsturz der Verfassung, daß in den fünf Departements der ehemaligen Bretagne, hierauf in Paris und in andern Departements Steuerverweigerungsvereine entstanden, deren Mitglieder sich verpflichteten, nicht nur jede Entrichtung von Abgaben, die nicht in Gemäßheit der Charte gefodect würden, zu verweigern, sondern auch sich gegenseitig für die Kosten zu entschädigen, welche für ein Mitglied aus jener Steuerverweigerung entstehen könnten. So war gleichsam der Krieg gegen die Regierung schon erklärt, noch ehe diese den Angriff begonnen hatte. Der heftige Labourdonnaye erklärte sich daher im Cabinet für die Ergreifung von Gewaltmaßregeln, vor denen aber selbst Polignac, Courvoisier und Chabrol erschraken. Als man hierauf durch eine Präsidentschaft dem Ministerrath Einheit und Haltung zu geben beschloß, so nahm der stolze Labourdonnaye — der Mann de-r Kategorien von 1815 —, nachdem er sich vergebens diesem Beschlüsse widersetzt hatte, seine Entlassung. Jetzt wurde Guernon de Ranville, ein Anhänger der Congregation, an Montbel's Stelle Minister der geistlichen Angelegenheiten, und Montbel erhielt die Leitung des Innern. Polignac trat durch die Ordonnanz vom 18. Nov. als Präsident an die Spitze des Ministeriums, und die von ihm abhängigen Journale erklärten sofort: die Rettung des Throns sei sein System, und er werde ihn retten, auch wenn er die Majorität nicht habe; der König selbst sei die Majorität! Dies war für alle Constitutionnelle ein Aufruf zu den Waffen der öffentlichen Meinung! *) Frankreich hatte jetzt seit 1814 62' Wechsel der Portefeuilles und 60 Minister im Cabinete erlebt. BP Ml ^ ^ll H>> - , -M )en" ^ . Frankreich seit dem Jahre 1829 45 i'ü^ Was auch das Ministerium chat, um diese zu versöhnen oder einzuschüch- rem: es bewirrte nur das Gegentheil. Polignac stützte sich auf die Gunst des Kö- ttvl nigs und der Congregation, an deren Spitze der Cardinal Latil stand; er stützte ^ sich ans die Pairskammer, in welche jetzt Labourdonnaye, Vitrottes u. A. eintra- ten^); er dachte endlich an Veränderungen der Charte: allein im Ministerium xieth Chabrol zu mehr Vorsicht, und Polignac gab nach. Nun ward die Expedition ^ gegen Algier (s. d.) beschlossen, um die Nation durch militärischen Ruhm zu ligich'u gewinnen; Bourmont stellte unzufriedene Militairs an und verbesserte die Lage ^ Offiziere; Polignac, welcher auch das Handelsdepartement leitete, begünstigte ^ den Plan, Paris durch einen Canal zu einem Seehafen zu machen und eine Eisenbahn nach Dieppe anzulegen: allein die Presse war mächtiger als Er. Schon verglichen der (damals noch nicht simonistische) „<31oke" und der von Thiers, Mignct und Carrel (s.d.) geleitete „National" die Lage der Bourbons im > M:«. Anfange des I. 1830 mit der Lage der Stuarts im 1.1688.. Endlich führte die 'WlW Stimme der allgemeinen Unzufriedenheit die Entscheidung herbei durch die berühmte, MW - ^ ygx, Gautier entworfene und von 221 Deputirten genehmigte Adresse der Wahlkam- M M SM. mervom 18. Marz 1830. Der König hatte am .2. März die Kammern mit einer W MttiM, Z^de eröffnet, in welcher folgende Schlußworte mehr reizten als versöhnten: „Die W^Harn Charte hat die öffentlichen Freiheiten unter die Obhut der Rechte meiner Krone fchch Chchcl gestellt; diese Rechte sind geheiligt: es ist meine Pflicht gegen mein Volk, sie meinen Nachfolgern unangetastet zu hinterlassen. Pairs von Frankreich! De- I' b,), stMes putirte der Departements! Ich bezweifle nicht Ihre Mitwirkung zu dem Guten, das ich bezwecke. Sie werden die treulosen Einflüsterungen, welche die Böswil- Msln mim. ligkeit zu verbreiten sucht, von sich weisen. Sollten sträfliche Umtriebe (coupables mauoouvres) meiner Negierung Hindernisse erwecken, die ich nicht voraussehen chmchlmid mag, so würde ich in meinem Entschlüsse zur Aufrechthaltung des öffentlichen MerfuchiM Friedens, in dem gerechten Vertrauen der Franzosen und in der Liebe, die sie allc- mMomiz zeit gegen ihre Könige bewiesen, die Kraft finden, jene Hindernisse zu besiegen." mMMr Darauf antwortete die Wahlkammer durch den Mund ihres Präsidenten, Royer- Mem EM Collard, unter Anderem Folgendes: „Inmitten der einstimmigen Gefühle Münz, der Ehrfurcht und Zuneigung, mit denen, Sire, Ihr Volk Sie umgibt, thut sich lzuÄmckNl in den Gemüthern eine lebhafte Unruhe kund, welche die Sicherheit, deren Frank- itzMrsich w reich zu genießen begann, stört, die Quellen seiner Wohlfahrt trübt, und, bei län- - -- " Dauer, seiner Ruhe verderblich werden könnte. — — Die Charte — heiligt die Dazwischenkunft des Landes bei der Berathung der öffentlichen Interessen als ein Recht. Diese Dazwischenkunft — macht die fortwährende Übereinstimmung der politischen Absichten Ihrer Regierung mit den Wünschen Ihres ist eizeMS „MWÜ Volkes zur unerläßlichen Bedingung des regelmäßigen Ganges der öffentlichen > Angelegenheiten. Unsere Loyalität, unsere Ergebenheit legen uns die peinliche Nothwendigkeit'(nous conllamuent) auf, Ihnen zu sagen, daß diese Überein- stünmung nicht vorhanden ist. Ein ungerechtes Mistrauen in die Gesinnungen ' fu-w iD ^ Einsicht (raison) Frankreichs ist heutiges Tages der Grundgedanke der GB Verwaltung. Ihr Volk ist darüber betrübt, weil jenes Mistrauen beleidigend für: Frankreich ist; es fühlt sich dadurch beunruhigt, weil dasselbe seine Freiheiten be-> ^roht." Der König antwortete, er habe ein Recht gehabt, auf die Mitwir-- zMll ^ kung beider Kammern zur Ausführung alles von ihm beabsichtigten Guten zu rech-> ^ betrübe sein Herz, die Deputirten erklären zu hören, daß ihrerseits die rN Müwirkung nicht bestehe. Er habe seine Entschlüsse in der Eröffnungsrede ange- kündigt, und diese wären unwandelbar. — Nun wurden am folgenden Tage (19. bride Kammern bis zum 1. Sept. vertagt, am 16. Mai die Deputirten- ^ Anzahl der Pairs, welche 1814 nur 91 betrug, war bis auf 367 qe- st'egen. " " 46 Frankreich seit dem Jahre 1829 kannmer aufgelöst, neue Wahlen angeordnet und die neue Kammer auf den 3. Amzust einberufen. Das Ministerium mußte nämlich in Folge jener Adresse ent- wed er abgehen, oder durch neue Wahlen die Majorität zu erlangen suchen. Diese glaubte es durch seinen Einfluß auf die Wahlen und mittels der Erfolge in Afrika sich zu verschassen; auf jeden Fall aber war es entschlossen, durchgreifend zu handeln. Nur über das Wie? waren die Ansichten getheilt. Dies hatte den Austritt der gemäßigtem Mitglieder, des Grafen von Chabrol und des Herrn Courvoi- sier (s. d.), zur Folge. Jetzt ward durch die Ordonnanz vom 16. Mai das Ministerium ganz im Sinne des Premierministers zusammengesetzt: Baron von Montbel erhielt das Finanzdepartement, und an seine Stelle ward der ebenso kühne als geistreiche Graf Peyronnet zum Minister des Innern ernannt. Der Präsident des Gerichtshofes zu Grenoble, Herr von Chantelauze, wurde Großsiegelbewahrer und Justizminister; dem Staatsrathe, Baron Capelle (s. d.), ward das neue, für Staatsbauten errichtete Ministerium übergeben. Unterdessen dauerte der Kampf der Regierung mit der Presse fort. Diese wurde in den gegen Journalisten und Dichter (s. die Art. Beranger, Barthelemy undMery) erhobenen Processen von den berühmten Advokaten Dupin d. Ä. Merilhou u. Barths, am kühnsten und kräftigsten vertheidigt. Zugleich waren geheime Gesellschaften, in welchen derselbe Advocat und jetzige Minister Barthe nebst Odilon-Barrot am meisten wirkten, thätig,um Frankreich auf die Gewaltstreiche Polignac's vorzubereiten. Die allgemeine Unzufriedenheit ergriff selbst die untern Classen, welche schon in Folge des strengen Winters 1828—29 und der TheurungSteuern verweigert undAufstän- de erregt hatten, wozu jetzt noch der Unfug der Walddiebe in weiblicher Kleidung (der sogenannten Oeinoiselles) im südlichen Frankreich und die, allgemeine Furcht erregende, Wuth der Brandstiftungen kam, welche sich aus der Normandie tief ins Land und selbst bis in die Nähe von Paris verbreiteten. Um die aufgeregten Gemüther bei den bevorstehenden Wahlen zu beruhigen, erließ der König am 13. Jun eine Proclamation an die Nation und an die Wähler der Deputirten, worin er unter Anderm sagte: „Die letzte Deputirtenkammer hat meine Absichten verkannt; sie hat ihre Mitwirkung mir verweigert. Als Vater meines Volkes hat sich mein Herz darüber betrübt; als König bin ich dadurch beleidigt worden. Hört die Stimme Eures Königs. Aufrechthaltung der Charte und der Institutionen, die sie begründete, wird stets der Zweck meiner Anstrengungen sein. Um aber diesen Zweck zu erreichen, muß ich die geheiligten Rechte, das Erbtheil meiner Krone, frei ausüben und ihnen Achtung verschaffen, u. s. w." Aber diese Stimme ward nur im entgegengesetzten Sinne verstanden. Ebenso wenig ward die Volksgesinnung durch den Glanz der Eroberung von Algier <5. Jul.) zu Gunsten der innern Verwaltung umgewandelt. Die Wahlen entschieden für das constitutionnelle System und für die Opposition. Die 221 Deputirten, welche für die Adresse vom 18. März gestimmt hatten, wurden wieder gewählt. Das Ministerium erließ jetzt die Einberufungsschreiben an die Pairs und an die Deputirten; schon erwartete Paris die Eröffnung der Kammern am 3. August, als mit dem Morgen des 26. Jul. die Blitze aus den Tuilerien aus Frankreichs constitutionnellen Boden fielen. An diesem Tage erschienen die für K - ll- »N»»'- ... IchnMPK,«', ganz Europa verhängnisvollen sechs Ordonnanzen vom 25. Jul.; ein Staatsstreich, welcher den bittern Meinungs- und Rechtsstreit zwischen der Nation und dem erblichen Throne der ältern Linie des Hauses Bourbon gewaltsam entschied. Durch die erste Ordonnanz, gegengezeichnet von dem Fürsten von Po lignac, als Präsidenten des Ministerconseils, und von den Ministem Chantelauze, b'Haussez, Montbel, Guernon de Ranville und Capelle, wurde die Freiheit der Periodischen Presse suspendirt, und ein Theil des Gesetzes vom 21. Ott. 1811 wieder in Kraft gesetzt. Die zweite von denselben Ministern gegengezeichnete könig V5Z .. - »-ch'ch«, Frankreich seit dem Jahre 1829 47 !' liche Verordnung erklarte die Absicht, der Wiederkehr der Umtriebe vorzubeugen, die ^ - einen so verderblichen Einfluß auf die letzten Wahlen gehabt hatten; daher bediene ' sich der König seines Rechts, Sorge zu tragen für die Sicherheit des Staates und ^ die Würde der Krone. Nun folgte die Anordnung einer neuen Wahlform in 28 ^ Urt. mit Beziehung auf die betreffenden Artikel der Charte. Die d ri tte königliche ^ Verordnung, welche der Minister des Innern, Graf Peyronnet, gegengezeichnet hatte, sprach die Auflösung der gegenwartigen Deputirtenkammer (also noch vor ihrem Zusammentritte) aus, weil die Wahler durch die stattgefundenen Umtriebe getauscht und irregeleitet worden waren. Eine vierte königliche Verordnung, mit derselben Gegenzeichnung, setzte die neuen Wahlen auf den 6. und 18. Sept. an und berief die Kammern auf den 28. dess. Monats. Die fünfte und diesechste von dem Siegelbewahrer contrasignirte königliche Verordnung enthielten die Ernennung mehrer neuen Staatsrathe. Ein von allen Ministern unterzeichneter Bericht an den König, den Chantelauze verfaßt hatte, entwickelte die Beweggründe, warum die Regierung auf eine so gewaltsame Art gegen den Misbrauch der Preßfreiheit, der den Thron und das Land in revolutionnaire Gahrung stürze, einschreiten, das bisherige Wahlsystem abändern und den Staat durch Anwendung der im Art. 14 der Charte der Regierung ertheilten außerordentlichen Gewalt retten müsse. Das Volk betrachtete diesen Bericht als einen offenen Fehdedrief an die Nation; denn der eigentliche Zweck Karls X., seines Beichtvaters und seines Ministeriums, vor Allem Polignac's und Peyronnet's war, die Mehrheit der Kammern zu stürzen und die Monarchie über die repräsentative Macht des Nationalwillens zu erheben. Karl X. blieb auf seinem Vorsatze: „Keine Bewilligung mehr." Für diese Frage machte er einen Staatsstreich, und Frankreich eine Revolution. Aus der dumpfen Betäubung, mit welcher Paris (am Montage, 26. Jul.) die von Karl X. und seinen Ministern eigenmächtig beschlossene Umwälzung der bestehenden Ordnung der Dinge vernahm, wurde das Volk geweckt durch den Schrei der Selbsthülfe, womit sich zuerst der „Kationnl" utld der „l'emps" am 26. dem von der Polizei angeordneten rücksichtslos willkürlichen Verfahren ihrer ich Mch Beschlagnahme widersetzten. Wie hierauf die entlassenen Drucker und Fabriken W arbeiter den Aufstand gegen die Minister begannen; wie nun der Volkshaß gegen mN» die ältere Dynastie der Bourbons und das ganze Werk der Restauration auf- ÜMW flammte; wie der blutige Barrikadenkampf am 27., 28. und 29. mit dem Siege kM U.s.« im pariser Bürger über die Soldtruppen und mit der Abdankung Karls X. und ^ des Dauphin am 2. August endigte; wie der Exkönig mit seiner Familie am 81. W H "VN St.-Cloud nach Rambouillet zog, und von hier bis Cherbourg geleitet, sich am MM!,. 16. Aug. nach England einschiffte; wie Deputirte und Pairs schon am 28. Jul. ge- M die Ordonnanzen protestirten; wie jene am 86. eine provisorische Negierung errichteten; wie Paris zwischen Republik und Königthum schwankte; wie end- ^diis' ^ Lafsitte und Lafayette, statt das noch jetzt sehr problematische republika- nische Programm auf dem Stadthause zu berücksichtigen, ein Bürger-Königthum mit republikanischen Institutionen vorschlugen; wie vorzüglich Lafsitte die Organisation der Staatsgewalt beschleunigte; wie der von Lafsitte und einigen Deputaten am 30. Jul. zur Übernahme des Reichsverwescramtes eingeladene Herzog von Orleans diese Stelle auf Talleyrand's Rath am 81. annahm und es öffentlich aussprach: „Die Charte wird jetzt eine Wahrheit sein"; wie nach Eröffnung der Kammern am 8. August auf Berard's Vorschlag am 6. August, für welchen "on 252 Mitgliedern der Deputirtenkammer 219 und von 114 Pairs 89 stimm- biv Charte abgeändert (vergl. den Artikel Charte, französische, von 18 80) und die erbliche Krone dem Herzog Ludwig Philipp von Orleans König der Franzosen am 7. August übertragen wurde; wie endlich am 48 Frankreich seit dem Jahre 1829 9. August der Bürgerköm'g, nachdem er die neue Verfassungsurkunde als einen Bereinigungsvertraz mit der Nation (pacte ck'Mrmce) angenommen und beschworen hatte, den erledigten Thron bestieg und dadurch den Hauptact der Ju- linsrevolution schloß: — wird unter diesem Artikel und unter den Artikeln KarlX. und Ludwig Philipp!, erzahlt werden. Nach einer solchen Erschütterung des Staates in seinen Grundvesten, konnte nicht plötzlich eine Ruhe eintreten, wie sie bei einer so lebhaften und reizbaren Nation, als die französische ist, selbst in Folge langer Gewöhnung an eine alte gesetzliche Ordnung, zu keiner Zeit stattgefunden haben würde. Die nach Außen — gegen den altern Zweig der Bourbons — gerichtete Bewegung wurde jedoch von der pariser Bevölkerung und ihren Machthabers sowie von den überraschten Gesetzgebern des Augenblicks, mit seltener Mäßigung und Selbstbeherrschung geleitet; auch ward sie durch ein rasches, entschlossenes Handeln bald beendigt; aber nun begann die Bewegung nach Innen: die sociale, die moralische, die politische, tief aufgeregt und fortwahrend unterhalten von den natürlichen Folgen jeder großen Revolution, welche alle Interessen der Privaten verändert, neue hervorruft, und ebenso viele Wünsche erweckt als sie bittere Täu chungen in ihrem Gefolge hat. Frankreich befindet sich daher noch jetzt in dem Zustande einer zwischen Revolution und Reform, zwischen Ausnahme und Gesetz hin und her schwankenden Bewegung. Die Nation klagt deshalb Ludwig Philipp und seine Minister an; diese dagegen die Opposition der Kammern und die Presse. Es erneuert sich derselbe Meinungskampf der Parteien, wie unter Karl X., Martignac und Polignac, nur daß die Kämpfer Rollen und Farben gewechselt haben. Von beiden Theilen ist gefehlt worden; aber die Grundursache liegt in dem französischen Nationalcharakter und in den feindseligen Elementen des öffentlichen Lebens. Sie liegt in jener französischen Ungeduld, die durch jedes Hinderniß, selbst das Unvermeidliche, nur immer heftiger erregt, das Maß im Handeln und das Ziel im Wollen verliert, in jener Selbstsucht, die Alles in die Wirbel ihrer Berechnung hineinzieht, in jenem Mangel an dem beharrlichen Sinne edler Aufopferung, welche nicht die Frucht eines Augenblicks heldenmüthiger Begeisterung ist, sondern die Krone eines kräftigen, dem Gemeinwohle gewidmeten Lebens! Frankreich fühlt sich durch die Entwicklung der Ju- Iliusrevolution nicht glücklich. Ein Krieg Aller gegen Alle ist in seinem Schoost entbrannt. *) Wie dies Alles so gekommen ist, und warum noch bis jetzt kein lichter Ausweg aus der dunkeln Irrbahn des allgemeinen Unmuths, der Erbitterung sowol als der Abspannung, sich^ zeigt, erklärt die innere und äußere Lage Frankreichs, welche sich in folgenden'Hauptzügen darstellt. **) 5) Wie schildert der „l'ewps" vom 18. August 18Z2 Frankreichs Gegenwart? ,,Nous vivons'/, sagt er, „dans UN malkoureux temps: elmgus gour voit s'ac- cruktru. la lmino entre lss partes. b-a violence de l'iuimitik est si körte, gvs eeux gui attaguunt eomiue eeux gui se däkendent ns eroient plus devoir Härder aueun meuuAeiuent et out reunurs aux armes les plus blessantes. Dans eette lutte taut !e munde est eoupable: l'tiomwe impartisl trouve a blamer des dem edtds aussi blen l'imprudenue et I'aclmrnement des prvvooations gue l'abus et I'si ^renr des repressives. 1'antvt «'est le pouvoir gui ealomnie: tantöt e'est I'op Position gui, irritde des tausses acuusations et du mepris gu'on lui Hette, se veiiß« pur de eruelles rdorimiriatiors L'est un kaelleux Symptome dans un pa^s, lursgue les partis en sunt venus a ee degr«^ de inellsnue et de Imine oü il» pratiguent plusx l'indulAenee, et ou ils meouiinsissent, saus respeet l'un pour l autre, les bornes de la diseretiun palitigue.^ Sehr verschiedene Ansichten finden sich bei den französischen Schriftstellern über die Iuliustage und deren Folgen. Die geistreichste Vertheidigung der jetzigen Negierung und des Ministeriums Perier schrieb Thiers, Deputirter des Departements der Rhonemündungen, vorder Revolution einer der Redacteurs des -F °k' in I KS Frankreich seit dem Jahre 1829 49 „Die Revolution von 1830" sagt Thiers, „wollte innere Ruhe und äußern Frieden; dadurch unterschied sie sich von der von 1792 und 1793, welche den Bürgerkrieg und den Krieg mit dem Auslande zur Begleitung hatte. Aber es gab eine Partei, die revolutionnaire, welche die Juliusrevolution sich nicht ohne Gewaltthä- tigkeiten und ohne Ausnahmemaßregeln, ohne Krieg und Eroberung denken konnte." Dagegen sagt die Partei des Juliussieges: „Ihr irrt, wenn ihr mit Perier glaubt, daß wir in der glorreichen Woche für die Charte von 1814 gekämpft haben. Wir kämpften für die Herstellung der Volksfouverainetät; für die Grundsätze der großen französischen Revolution von 1789; für die Befreiung der Wahlen vom Cenfus, für die Befreiung des Landes von dem Drucke einer kostbaren Centralverwaltung und von den Fesseln jeder Beschränkung des innern Lebens durch Monopole und erbliche Vorrechte; wir kämpften für Frankreichs hohe Stellung an der Spitze der europäischen Bewegung. Mit einem Worte: Wir kämpften und kämpfen noch für die Erfüllung des Programms vom Stadthause *) und für den Sturz des Systems der Doclrinairs, die sich der Juliusrevolution bemächtigt haben, um sie zu ersticken und für sich auszubeuten." Dieser Partei gegenüber stand nun das Ministerium Ludwig Philipps; anfangs selbst ungewiß und schwankend, bis ihm Casimir Perier eine festere Haltung gab. Er glaubte den verwegenen Fortschritt der Bewegung zu hemmen, indem er die Regierung aus die Bahn der sogenannten rechten Mitte führte: aber dadurch veranlaßt? er jenen Widerstand, der noch jetzt (Ende September 1832) den Thron der Juliusrevolution selbst bedroht. Betrachten wir jetzt die Folge und die Thatigkeit der verschiedenen Ministerien. Das erste, von Ludwig Philipp am 11. August 1830 ernannte Ministerium bestand aus sehr ungleichartigen Elementen: aus Liberalen und Doctri- nairs: Herrn Dupont ") (de l'Eure), Marschall Gerard, Herzog von Broglio, Guizot, Baron Louis, Graf Mole und Graf Sebastiani. Die Herren Lafsitte, Casimir Perier, Dupin der Ältere und Bignon wurden ohne Portefeuille zu Mitgliedern des Ministerraths ernannt. Vor Allem galt es Befestigung des neuen Zustandes. Die Regierung wollte den Frieden mit Europa und die bisherige Steinst": ein Mann, dem Talent, Wissen und Erfahrung Ansprüche auf eine Ministerstelle geben. Seine Schrift ist betitelt: „Il.a. monarelne o !s ?Ii !Iippic ;ues stehen in seinen „1-ettres sur In ckarts, la pairi« et In liste eivile" (sechste Aufl. Paris 1882). (S. d. Art. Eormenin.) Im August erschien auch sein sogenannter Oompto ren- äu unter dem Titel: „Lilan uelgues jours apres la mort lle N. Cas. ?6rier", welche ein Glaubensbekenntniß der Opposition, unter seiner, des Verfassers, Fahne genannt werden kann. — Ein etwas einseitiger Zeuge der Juliusrevolution ist Sarrans der Jüngere in seiner Schrift: „l-akaMte et la r«. vo!ution n> ^°»>zü' Pferde unter dem Marschall Soult, in Begleitung des Herzogs von Orleans, am / 3. Dec. einrückten, so ward der Aufstand in wenig Tagen erdrückt. Die National- garde wurde aufgelöst und entwaffnet. Die Anführer der Insurgenten hatten sich >>/ nach der Schweiz geflüchtet. Auch wanderten viele Fabrikanten und Arbeiter aus. thch ^ Die allgemeine Roth der Arbeiter und das Misverhältniß zwischen Arbeit und Ge- nuß gab seitdem der Sekte des Saint-Si monismus (s. d.) viel Einfluß auf ^ ^ die Gesellschaft, bis das Schaugeprange von Sophismen und hierarchischem Cul- tus die geheimen Triebfedern ihrer Obern, Enfantin's und seiner 39 Apostel, >1»!^ nicht langer verhüllen konnte. Ihre Gesellschaft von Menilmontant bei Paris ^ ward gerichtlich aufgelöst den 28. Aug. 1832, und ihre Vorsteher wurden in Stra- o fen verurtheilt. Mehr Fortschritte machte die im Aug. 1830 eröffnete französische und katholische Kirche des Abbe Chatel (s. d.). Verarmung der lyoner Arbeiter hatte ihren tiefern Grund in den seit der / ^sterl Revolution durch Auswanderung in andere Lander, in die Schweiz, nach ,"!? MM England und Preußen verpflanzten Seidenfabriken, wodurch für Lyon das Preis- halten und der Absatz erschwert wurde. Der blutige, mit Verwüstung begleitete w> K/M Aufstand im November erschütterte den Wohlstand von Lyon auf lange Zeit. Um st lauter erhob sich jetzt fast allgemein, zumal in Paris, der Nothschrei der armem Classen über den Druck der fortwahrend steigenden Abgaben und die von 'cu, i>^ ick Thiers herrührende neue Einrichtung des Abgabensystems. Unter diesen Umstan- echt erhalt», den waren die Sitzungen der Wahlkammcr sehr stürmisch. Man drang auf Er- ui trauteihr sparniffe. Dies zeigte sich bei der Feststellung des Budgets. Das Budget für 1831, MwiM welches 1171 Mill. Francs betragen hatte, war durch die provisorischen Zwölftel nachiM-. erschöpft worden; es gestattete also nur eine Prüfung der Ausgaben und Herab- m setzung derselben für die Zukunft. Desto heftiger ward das Budget für 1832, auf welches auch bereits sechs provisorische Zwölftel bewilligt worden waren, durch die Hch G» nähere Prüfung erschüttert. Es wurden Ersparnisse, oft von sehr kleinlicher Art, W, sch w durchgesetzt, durch Verminderung der Gehalte in den untern Stellen und durch Mmzitk Gehaltsabzüge, wodurch man Tausende von Familien in ihrer Lage beschrankte wm mch und den Dienst nicht förderte. Dagegen waren die Einziehung überflüssiger Stel- nMW len, das gesetzliche Verbot von Gehaltsanhaufung (cuwul), die Verminderung der urchwU großen Gehalte (z. B. der eines Marschalls von 40,000 auf 30,000 Francs), die Beschrankung der verschwenderisch verliehenen Pensionen und Unterstützungs- M dichhi« gelder u. s. w. wesentliche Erleichterung des Staatsschatzes, die aber auf das Ganze WGm» für jetzt keinen Einfluß haben konnten, weil die Bewilligung außerordentlicher MM Credite, z. V. für mehr als 5000 politische Flüchtlinge, Polen, Italiener, Spa- n Mst, A nier, Portugiesen, Deutsche (zusammen über 34 Mill. Francs); für die Eholera, M M stit dem 27. Marz in Paris, nach amtlicher Anzeige, und dann bald in vie- wöruM Departements eine große Anzahl Opfer wegraffte (2 Mill. Fr.); für die MilB Befestigungsarbeiten (Ij-Mill. Fr.); für die geheimen Ausgaben von 1832 . h.A (1^- Mill. Fr.) u. a. m. neue Lasten auflegte. Doch war mit dem Anfange 1831 > ^ Getranksteuer betrachtlich (von 100 auf 60 Mill. Fr.) herabgesetzt, der Aussall M aber auf die directen Steuern, auf die Thür- und Fensterabgaben, vertheilt worden, Mß' vorüber sich besonders im mittlem Frankreich viel Unzufriedenheit kund gab. Das '«Ml der Kammer vorgelegte Budget für 1832 belief sich, ohne jene außerordentlichen Vc- «r willigungen, auf 1,097,708,012 Fr. Durch die von der Commission vorgeschlage- nm Reduktionen wurde es um etwa 10 Mill. vermindert. Die Gesammteinnahme für dieses Jahr wurde zu 1,160,053,658 Fr. festgesetzt; darunter betrugen die directen Abgaben 372,746,900 und die indirecten nebst andern Einkünften 605,839,482 ^ ordentlichen, durch Besteuerung aufzubringenden Ausgaben betrugen >! ^ 963,394,791 Fr. Für die öffentliche Schuld waren, mit Einschluß des Tilgungs- sonds von 43,093,621 Fr., 258,861,863 Fr. berechnet; dazukamen: 24 Mill. 64 Frankreich seit dem Jahre 1829 Francs Interessen (als: für Cautionscapitale 9 Mill., für die schwebende Schuld 15 Mill., für Leibrenten 6,200,000 Fr.) und 56,389,654 Fr. für Civil - und Militairpensionen (darunter die an die Schweizer, welche Frankreich gedient hatten, 627,923 Fr.), für Wartegelder u. dergl., sodaß das Capital der Gesammtschuld jahrlich die ungeheure Summe von 345,451,517 Fr. betrug. In Folge der Revision konnte es nur auf die Summe von 344,854,303 Fr. vermindert werden. Die Dotationen betrugen 17,228,417 Fr.; der allgemeine Dienst der Ministerien 443,155,672 Fr.; die Unkosten der Erhebungen 114,759,433 Fr.; die übrigen Ausgaben 42,989,445 Fr. Der außerordentliche Dienst betrug: s) im Ministerium des Innern 1,149,600 Fr.; d) im Ministerium des Handels und der öffentlichen Arbeiten 11 Millionen Fr.; c) im Ministerium des Kriegs 131,497,000 Fr. Das Resultat aller von der Kammer bewirkten Ersparniste, zusammen 10 Mill., betrug demnach auf die 32 Mill. Franzosen für jeden Kopf jahrlich nur 2 Gr. Rihouet hatte noch das Verdienst, die Kammer zu dem Entschlüsse zu bewegen, daß alle Abzüge des gegenwartigen Gesetzes erst vom 1. Mai an gerechnet werden sollten, wodurch eine große Zahl der Staatsdiener einer peinlichen Verlegenheit überhoben wurden. Am Schlüsse der Sitzung vom 4. April wurde das Ganze des Budgets mit einer Majorität von 205 gegen 60 Stimmen angenommen. Um die Zeit derDebatten über das Budget von 1832 gab der„l'emps" (Ende Febr. 1832) folgende Übersicht der Budgets der vier Hauptepochen Frankreichs in diesem Jahrhunderte: I.Republik 1801, Constitution vom I. VIII; 115 Departements und 8 Ministerien; Gesammtsumme der Ausgaben: 501,500,000 Fr,, für die Staatsschuld: 66 Mill. Fr. II. Kaiserthum im 1.1811,130 Departements, 11 Ministerien; Gesammtausgaben 960 Mill. Fr., für die Staatsschuld (Holland mit 36 Mill. mit einbegriffen) 148 Millionen. III. Restauration im 1.1821: 86 Departements, 7 Ministerien; Gesammtausgabe: 875,170,351 Fr., für die öffentliche Schuld 313 Millionen. IV. Charte von 1830: 86 Departements, 8 Ministerien; Gesammtausgabe: 1233 Mill. Fr., für die Staatsschuld 340 Millionen. Diese Staatsschuld ist das traurige Vcr- mächtniß einer an glanzenden und trüben Ereignissen reichen Vergangenheit. Nach Humann's Commisstonsbericht vom 3. Febr. 1832 über das Budget von 1832, belief sich beim Sturze des Kaiserreichs die consolidirte Schuld an Renten nur auf 63,307,637 Fr. und an nominalem Capital auf 1,266,152,740 Fr. (Am Schlüsse des 1.1829 betrug sie 4200 Mill.) Vom 1. April 1814 bis zum 31. Dec. 1830 war sie um 159,148,531 Fr. an Renten, und an Capital um 3,927,058,916 Fr. vermehrt worden. Mit der schwebenden Schuld — einer Anleihe zum Behuf öffentlicher Arbeiten — und hinzugekommenen Cautionsgeldern sind in den 16Jahren 9 Monaten an außerordentlichenHülfsquellen 4,537,033,037 Fr. verbraucht worden. Nach Abzug der von der Tilgungscasse angekauften und vernichteten 16,020,094 Fr. Renten oder eines Capitals von 533,843,432 Fr. betrug die consolidirte Schuld noch 206,436,074 Fr. an Renten oder 4,659,368,281 Francs an Capital, wovon die Tilgungscasse 39,472,114 Francs Renten oder 809,299,933 Fr. Capital besaß. Die übrigen Schulden, die schwebende, Cau- tionsgelder w. beliefen sich noch auf 666,907,909 Fr. Der Zustand hat sich seitdem natürlich noch verschlimmert, und es sind für die außerordentlichen Ausgaben von 1831 und 1832 noch ungefähr 360 Millionen hinzugekommen. Wir bemerken jedoch, daß sich der Staatscredit seit der letzten Kammersitzung gehoben hat. Denn die Anleihe von 120 Mill. für das Jahr 1831 konnte nur zu dem Preise von 84 Fr. für 5 Procent Renten abgeschlossen werden; die letzte Anleihe dagegen von 150 Mill. im 1.1832 kam zu dem Preise von 98? Fr. für 5 Procent Renten zu Stande; der öffentliche Credit hatte sich also um 144 Procent verbessert, Frankreich seit dem Jahre 1829 65 (Der höchste Preis, zu welchem unter der Restauration 5 Procent Renten, im I. 1823, negocirt worden waren, betrug 89 Fr. 55 Cent.) Die amtliche Angabe, daß auch die Einnahmen gestiegen, und daß im ersten Semester 1832 ^g. ^ 14 Millionen mehr als im ersten Semester 1831 eingekommen seien, wurde zwar durch die Behauptung des „lonrnal cku commerce" zweifelhaft gemacht, nach 'Meine ? welcher die Vergleichung des Ertrags der indirekten Steuern im ersten Halbjahre 1832 mit den Abschätzungen des Budgets ein Deficit von 15 Mill. ergeben haben sollten; indeß scheinen dennoch, spatern Angaben zufolge, die Einnahmen mit IM ^ ^ jedem Monate zu steigen, was natürlich auf die Befestigung des Friedenssystems "Uni dk/i ^ öffentlichen Meinung vortheilhast zurückwirkt. kten Ks wir aus dem Budget für 1832 aus, daß unter den Ausgaben für i ^ das Kriegsministerium, welche für den gewöhnlichen Bedarf auf 177,306,000 ^ und für den außerordentlichen Bedarf, wie schon erwähnt, auf 131,497,000 1 berechnet wurden, Algier und Morea aufgeführt sind. Algier kostet dem ^ ^ Staate jährlich 14 Millionen, oder nach Abzug Dessen, was die dort stehende MM Armee in Frankreich kosten würde, nur 6 Mill.; die Besetzung von Morea M durch französische Truppen kostete jährlich 2,380,000 Fr. Nach zuverlässigen Angaben über den Effectivbeftand der französischen Armee betrug derselbe am 1. Jan. 1832 im Ganzen 412,520 Mann, darunter 276,000 Mann Jnfan- ^ 54 y, fück königliche Ordonnanz vom 1. März 1832 eine neue Organisation erhalten. Für MchA die Landarmee wurden durch die königliche Ordonnanz vom 19. Mai 1832 chit.Nch 80,000 M. von der Classe von 1831 unter die Waffen gerufen, nachdem das tmM neue Recruticungsgesetz vom März desselben Jahres erlassen worden war. Dem M W »lis im Jul. 1832 erschienenen Militairalmanache zufolge besteht der Stab der Armee K Fr ^ aus 13 Marschällen, aus 160 Generallieutenants, wovon 130 im activen Dienst, bis WA und aus 279 Marechaux de Camp, wovon im activen Dienste 208. Die Armee l Wils! N besteht aus 67 Linienregimentern zu 4 Bataillons und 3000 Mann; 21 Regi- mentern leichter Infanterie zu 3 Bataillons und 2400 Mann; Fremdenlegion zu zMzW 6 Bataillons; 3 Regimentern Geniecorps zu 2000 Mann; 11 Artillerie- regimentern zu 1000 Mann; 2 Regimentern Carabiniers, 10 Cuirasst'erregimen- tern, 12 Dragonerregimentern, 6 Lancierregimentern, 14 Jägerregimentern, MrI 6 Husarenregimentern, jedes ungefähr 800 Mann; 2 Regimentern Jäger in Afrika, 800 Mann. Zustimmen, den Train, die Gensdarmerie und die Vetera- ^ AM uen der Armee nicht mitgerechnet, 314,000 Mann. Einen Theil dieser Armee WB, ^ beschäftigen fortwährend die Vendee, Morea und Algier. Insbesondere mußte die MitD von England jedoch noch nicht als französische Provinz anerkannte Colonie Algier, nebst Bona und Oran, gegen die Beduinen und Araber, deren Fanatis- ' Ki! mus die Zerstörung einiger Moscheen aufgereizt hatte, vertheidigt werden. Die Colonisirung machte daher sehr langsame Fortschritte, und die ungeschickt angelegte Mustermeierei ging ganz ein. ? lK ^ ^ meisten Ersparnisse wies man auf das Budget des Cultus an. Die vom - übernommenen Ausgaben für den Cultus der katholischen Kirche betrugen jetzt ^ ^ 33,727,600, die für den protestantischen 750,000 und die für den israeliti- ^ Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 5 66 Frankreich seit dem Jahre 1829 schen 65,000 Fr. Mit diesen und andern Reductionen ward das Budget des Ministeriums des öffentlichen Unterrichts und des Cultus auf 36,322,823 Fr. gesetzt. In die langwierigen Debatten über das Budge.t siel noch die Entdeckung eines Verlustes von 44 Mill., welchen der Generalcassirer Keßner durch Börsenspiel dem Schatze zugezogen hatte. Er entwich, und der Finanzminister Louis mußte viele Vorwürfe hören, daß er die Caffenrechnung nicht geprüft, und dem Vorstande des Schatzes ein blindes Vertrauen geschenkt hatte. Auch die Civilliste ward in dieser Session durch das Gesetz vom 2. Marz 1832 festgestellt. Der Minister hatte früher 18 Millionen vorgeschlagen. Die Kammer bewilligte 12 Millionen für das Haus des Königs und eine Million für dm Kronprinzen. Nach diesem Gesetze besteht die Civilliste, welche der König wahrend seiner Regierung dem Artikel 19 der Charte gemäß bezieht, außer jener auf dm Schatz angewiesenen lahrlichen Summe von 12 Mill., noch aus einer Domaine an Immobilien. Zu diesen Immobilien der Krone gehören: der Louvre; die Tuilerien (welche der König erst am 1. Oct. 1831 bezog); das Elysee-Bourbon; und die Schlöffer, Hauser, Gebäude, Manufakturen, Ländereien, Wiesen, Hölzer, Waldungen und das Jnventarium von Versailles, March, St.-Cloud, Meudon, St.-Germain en Laye, Compiegne, Fontainebleau und Pau; die Manufactur zu Sevres, die Manufactur der Gobelins, die zu Beauvais; das Gehölz von Bou- logne, das Gehölz von Vincennes und der Wald von Senart. Alle übrige durch frühere Gesetze mit der Krondomaine verbundene Paläste, Schlösser, Hotels, Gebäude und Güter, namentlich Rambouillet, wurden jetzt davon getrennt und zum Nutzen des Staats verkauft oder verwendet. Außerdem wurden noch mit der Dotation der Krone alle Güter vereinigt, welche die durch die Edicte von 1661, 1672 und 1692 festgesetzte Apanage von Orleans ausmachen. Die Mobiliardotation der Krone begreift die Diamanten, Perlen, Statuen, Gemälde, geschnittene Steine, Museen, Bibliotheken und Kunstdenkmaler, sowie alles Hausgeräthe in dem Hotel des GardemeubleL und den verschiedenen königlichen Palästen und Besitzungen. Unter den übrigen Gesetzen bemerken wir folgende: das Gesetz über die mobile Nationalgarde vom Januar 1832, welches im August d. I. nach und nach zur Ausführung kommt (die Bewaffnung der Nationalgarden, welche 3? Million Köpfe zählen, hatte am 14. August 1831 schon gegen 32 Millionen Francs gekostet, und diese Summe würde bei fortgesetzter Bewaffnung auf 50 Millionen Francs steigen); das Gesetz vom Februar d. I. wegen des Transits und wegen Errichtung von Entrepots im Innern und an den Grenzen, nach welchem Paris, Orleans, Toulouse, Lyon, Lille, Metz, Strasburg und Mühlhausen Stapelplätze werden können; und zwar haben die Binnenstapelplatze 1) die Berechtigung, Waaren, welche aus den Colonien oder aus der Fremde kommen, von einem Stapelplatze an der Grenze oder einem Seehafen nach einem Stapelplatze im Innern schassen zu lassen, ohne die Douanenabgaben dafür zu entrichten; 2) die Berechtigung, dieselben Waaren wieder nach einem andern Stapelort zu bringen, ohne die genannten Abgaben zu entrichten; 3) die Berechtigung, aus einem dieser Stapel- örter die Waaren, welche sich darin befinden, nach der Fremde ausführen zu dürfen, ohne jene Abgaben zu bezahlen. So wurde das bisherige strenge Zoll- und Prohibitivsystem etwas gemildert, zugleich aber auch die Eifersucht der Seeplätze erregt, welche bisher jene Vorrechte allein genossen hatten. Der in der vorigen Kammer auf die Verbannung der ältern Dynastie Bourbon von Baude gestellte Antrag wurde in dieser Sitzung von dem Deputirten Bricqueville abermals erneuert und mit einiger Milderung von der Pairskammer am 15. Marz, hierauf auch von der Deputirtenkammer (mit 223 gegen 9 Stimmen) am 17. März angenommen. Durch dieses Gesetz werden Karl X., seine Nachkommen, sowie die 'tz,"-»« Frankreich seit dem Jahre 1829 67 Gatten und Gattinnen derselben auf ewige Zeiten vom französischen Boden entfernt; sie können keine bürgerlichen Rechte genießen noch erwerben, und müssen ihre Güter verkaufen. Dagegen verwarf die Pairskammer am 3. Marz mit 78 gegen 56 Stimmen den von der Wahlkammec angenommenen Vorschlag, das Gesetz aufzuheben, welches den 21. Januar zu feiern befahl, und am 28. Marz mit 78 gegen 43 Stimmen das von der Deputirtenkammer angenommene Ehescheidungsgesetz. Die Gesetzvorschlage über das Avancement in der Landarmee und in der Marine wurden zu Gesetzen erhoben; die Vollziehung des Gesetzes vom 2 t. Marz 1831 aber, die Organisation der Municipalverwaltung betreffend, im April 1832 gesetzlich bis zum 1. April 1833 prorogirt. In Betreff der fremden Flüchtlinge, welche der Regierung manche Besorgniß hinsichtlich der öffentlichen Ruhe erregten, wurde nach lebhaftem Kampfe das Gesetz vom 21. April gegeben, wodurch die Regierung das Recht erhielt, sie von Paris entfernt zu halten, ihnen Depots anzuweisen, auch sonst ihre Stellung in Frankreich zu bewachen, selbst sie aus Frankreich zu verweisen. Noch gedenken wir der Abänderungen des Strafgesetzbuchs und des Criminalverfahrens, nach welchen die Strafen der Deportation, des Prangers, des Handabhauens und des Brandmarkens abgeschafft wurden; auch ward jede Strafe für Anmaßung von Adelstiteln abgeschafft, indem der Unterschied der Stande durch keinen Artikel der Charte aufgestellt sei; ferner des Gesetzes vom 17. April über den Schuldarrest und andere Ver- haftnehmungen, und des Gesetzes wegen Ausführung des Pyrenaencanals, der nach Bayonne führen soll, um die Hindernisse der Schifffahrt auf der Garonne zu vermeiden. Die Lotterieanstalt sott allmälig eingehen und vom 1. Jan. 1836 an ganz aufgehoben sein. In Folge der am 1. April 1832 geschlossenen Bevölkerungslisten ward die Volkszahl von ganz Frankreich, dessen Flachenraum, ohne Corsica, nach dem letzten Berichte der königlichen Katastercommissi'on 9700 geogr. mM. betragt, gesetzlich bis zur nächsten Zahlung auf 32,560,934 Seelen angenommen. Für den Anbau kann noch viel geschehen, da Frankreich mit Einschluß Corsicas an 600,000 Hectaren (beinahe 400 lüM.) Morastboden besitzt, wovon auf 13 Departements (den si'ebenundachtzigften Theil des ganzen Flacheninhalts) über die Hälfte kommen. Ein wichtiger Gegenstand der innern Gesetzgebung war die Herstellung des allgemein sehr zerrütteten Wohlstandes, wodurch dkeSchuldenlast der Städte außerordentlich gestiegen war. Im December 1831 schätzte das „lournal lle?aris" die von der Deputirtenkammer und den Departements zu Gunsten der arbeitenden Classen (5 Millionen Köpfe) votirten Summen zusammen auf 39 Millionen. Mehren Städten wurde Anleihen zu machen bewilligt, und Paris im März 1832 zu einer Anleihe von 40 Millionen berechtigt, welche im Jun. d. I. zu 4,87 Zinsen fürs Hundert zu Stande kam. Nach einer neunmonatlichen Thätigkeit ward die Sitzung der Kammer von 1831 am 21. April 1832 geschlossen. Während der Verhandlungen über diese und andere Gesetzvorschläge ereig- nete sich viel, was die Gemüther heftig aufregte und stürmische Scenen in der Kammer der Deputirten veranlaßte. Es bildeten sich in jeder Kammer Vereine, deren Mitglieder unter einander den Gang der Debatten verabredeten und sich der Leitung derselben zu bemächtigen suchten; vorzüglich waren in der Wahlkam- Mitglieder der linken Seite und die der sogenannten Reunion I.oin- U tier geschäftig, um dem Ministerium die Majorität zu entreißen. Auch in der Pairskammer gab es solche Trennungen und Verbindungen, welche jedoch weniger leidenschaftlich handelten. Noch als erbliche Kammer hatte sie, in Folge der Charte von 1830, alle unter derRegierung KarlsX. ernannten Pairs verloren, an der Zahl 95; nach der Aufrichtung des Bürgerkönigthums verweigerten 52, unter diesen der edle Hyde de Neuville, Chateaubriand und andere ausgezeichnete Pairs, den Eid. Später traten der Herzog von Fitz-James und Andere aus, weil sC 5» 68 Frankreich seit dem Jahre 1829 nicht gegen die Bourbons der altem Linie stimmen wollten. Alle diese Erpairs waren Feinde der Regierung und meistens Karlisten. Chateaubriand bekämpfte die Gültigkeit des neuen Thrones, inwiefern derselbe sich auf den Ausspruch des souverainen Volks gründen sollte, mit allen Waffen seines Geistes in einer Schrift, welche die Zahl der sogenannten Lcgitimisten sehr vermehrte. *) Aber auch in der nicht mehr erblichen Pairskammer zeigte sich noch im März 1832 eine starke Opposition gegen die Regierung und gegen die Wahlkammer. Dieser Widerstand ging von der Partei der Lcgitimisten und zum Theil auch von dvr Partei der Restauration aus. Jene stand, etwa 15 bis 20 Mitglieder stark, unter der Leitung des Herzogs von Noailles; diese zahlte 30 bis 40 Stimmen und stand unter der Leitung von Mounier und Portalis; sie schloß sich jedoch zuletzt dem neuen Königthum an und bekämpfte mehr die Beschlüsse der Deputirtenkammer als die Vorschläge der Regierung. Außer jenen beiden unterschied man noch in der Pairskammer: die eigentliche Gouvernementspartei, welche mit Simeon, Roy und Andern stimmte; ferner die der Doctrinairs von 28 bis 30 Stimmen, welche, unter der Leitung der Herzoge von Decazes und Broglie, dem gegenwärtigen Könige ergeben sind; endlich die sogenannte kaiserliche Partei von 40 bis 50 Stimmen, die unter dem Herzog von Bassano und den Generalen des Kaisers Napoleon zuletzt gewöhnlich im Sinne von Perier's Ministerium stimmte. Der kraftige und unerschütterliche Perier stützte nämlich das Gesetz bei so vielen und so kühnen Aufständen auf die bewaffnete Macht; darum hielt er auf die Ehre des Militairs, welches gegen Meuterer kämpfte, und darum schloß sich die kaiserliche Partei an ihn an. Wir nennen jetzt einige von den unruhigen Bewegungen, welche auf den Meinungsproceß in der Wahlkammer zurückwirkten. Die napoleonisch-republikanische oder karlistische Verschwörung, genannt nach den Thürmen der Kirche Notre Dame, wo acht Personen Feuer anlegten und das Aeichen mit der Sturmglocke geben wollten, eröffnete das unruhige Jahr am 4. Januar. Sie kam nicht zum Ausbruche, und nur drei Verdachtige wurden nach einer langen Untersuchung am Ende des März mit Gefängniß und Geldbußen bestraft. Ernsthafter war das von Karlisten gemachte Complot in der Nacht zum 2. Februar, genannt nach der Straße des Prouvaires, welches einen Überfall der Tuilerien während eines Balles am Hofe bezwecken sollte, aber durch die Polizei in dem Augenblicke des Ausbruchs und nicht ohne Blut erstickt wurde. Von 90 Angeklagten kamen 56 in Haft, von denen im August 1832 der Assissenhof 6 zur Deportation und 23 zu Gefängnißstrafen verurtheilte. Da gleichzeitig die Republikaner in dem Club der Volksfreunde sich verdächtig gemacht hatten, so wurde dieser Verein aufgelöst, und die kwdeutendsten Mitglieder desselben, wie Raspail, Gervais, Cavaignac, Blaqui und Andere mehr verhaftet. Dann folgte am 12. März fg. der blutige Aufstand von Grenoble, Perier's Geburtsstadt, wo das Verbot eines Maskenzuges, der den Triumph des Budget vorstellte, die ganze Stadt in Aufruhr brachte, sodaß ein Regiment Linientruppen die Stadt verlassen mußte. AufPerier's Befehl kehrte das Regiment zurück; die Nationalgarde wurde aufgelöst und die Stadt entwaffnet. Als bald nachher, am Ende dieses Monats, in Paris die Cholera ausbrach, als viele auf der Redoute plötzlich erkrankte Masken in das Hotel-Dieu gebracht wurden und daselbst sogleich verschieden, kam Entsetzen über die Pariser, und die Wuth des Pöbels zeigte sich in der furchtbarsten Rohheit. Die Chissonniers, die vom Kehrichtsammeln lebten, empörtensich gegen dieReinigungs- *) Diese Schrift erschien im Oct. 1831 bei Gelegenheit des Vricqueville'schen Vorschlags über die Verbannung der Bourbons, unter dem Titel: ,,ve la nouvelle Präposition relative au bannissewent üe Cbarles X et cie »a tamille, ou »uite nunmehr verantwortlich, und leugnete in Folge dessen seine Unverletzlichkeit. Er ^ hatte schon am 4. Jan. 1832 die Politik seiner Partei im Wesentlichen so dargestellt: Die Juliusrevolution sei nicht gesichert, bevor man nicht die politischen ! und die Handelsverträge gebrochen, welche das absolutistische Europa um Frank- ! reich wie eine Blockade gezogen. Selbst die Wahlmonarchie habe ihre der Frei- ! heit nachtheiligen Privatinteressen und ihr eignes System; darum habe die > Krone das von beiden Kammern angenommene Gesetz über die Ertheilung der während der hundert Tage den Offizieren zuerkannten Grade und Pensionen zurückgewiesen. *) Unter der Wahlmonarchie seien Staatsstreiche ebenso gut möglich als unter der Legitimität; denn ihre Privatinteressen hätten mehr Wahlverwandtschast zu den obscuren Lehren der heiligen Allianz als zu den Principien der ! Freiheit; unter der Wahlmonarchie zahle man nicht weniger Abgaben als unter dem legitimen Königthum; die Civillifte eines Bürgerkönigs sei nicht geringer als die des legitimen. „Allein", so schließt der „National" das Manifest seiner Partei, „das Königthum der Juliustage ist bereits rücksichtlich seiner gesammten Grundlagen untergraben. Ist es noch Zeit, die dem Juliuskönigrhum von den Männern des 13. März und der doctrinairen Partei angewiesenen Grundsätze zu ändern ? Kann man vernünftigerweise noch glauben, daß das seit 18 Monaten befolgte System nicht eine unglückliche Nothwendigkeit für das Königthum sei, welches die Nestau- ^ ration beerbte? Liegt das Übel, ja oder nein! in der mit dem höchsten Range verknüpften UnVerantwortlichkeit? Kann eine verantwortliche Monarchie, welche es auch sei, die despotische Allianz von 1815 zerbrechen, und Frankreich zugleich den Frieden und die Ehre wiedergeben?" Suchte der „National" durch diese und ähnliche, theils halbwahre, theils falsche Behauptungen den Glauben an die mög- I liche Fortdauer des Thrones Ludwig Philipps zu erschüttern, so versuchte die „0la- -ette" dasselbe für den entgegengesetzten Zweck beharrlich auf ihre Weise zu erreichen. Sie ward nicht müde in ihren Vorschlägen zu Herstellung der uralten ! französischen Verfassung mit allgemeinem Stimmrecht, Selbständigkeit der Communen und vielen untastbaren Freiheiten, sogar mit der Preßfreiheit, das Mittel zur Vereinigung aller Parteien, zur Besiegung des lluste nülieu und l zur Einführung einer festen und unumstößlichen Ordnung anzupreisen. Genoude gab in den Nummern der „Odette" vom 28. und 30. März 1832 eine „Erklärung der französischen Volksfreiheiten" (unter einer erblichen unverletzlichen ^ Monarchie), der mehre bedeutende Männer (unter Andern Sosthenes de la Ro- chefoucault, Dreux-Breze, Herzog von Fitz-James, Vicomte d'Arlincourt), viele Provinzialzeitungen, und sogar Beamte öffentlich beitraten. Nicht we- ! *) Djeses Gesetz wurde vom Könige nicht publicirt, weil es, wie Pvrier am 9. Nov. 13Z1 sagte, die Kronprärogative verletze. Jndeß hatte der König durch j einzelne Ordonnanzen jene Grade und Pensionen an die Berechtigten vertheitt. Frankreich seit dem Jahre 1829 71 niger Aussehen machte ein Brief Odilon-Barrot's vom 27. April 1832, den er an den Deputirten von der Opposition, Herrn Köchlin, schrieb. Er stellt in diesem Schreiben die beiden Systeme dar, welche gegenwartig Frankreich thei- len, und setzt das der Opposition dem andern entgegen, welches Thiers in seiner Schrift vertheidigt hat. Die Einen, sagt Odilon-Barrot, wollen die Ideen der Restauration fortsetzen; sie nehmen die Tractate, die Centralisation und die Verschwendung derselben an. Sie halten die in der Charte von 1814 gemachten Modifikationen: die Nationalgarde, die Emancipation der Municipalitätcn, die Anwendung der Jury auf Preßvergehen, für unheilbringende Concessionen; sie wünschen die Erblichkeit der Pairie wiederherzustellen, als ein nöthiges Element der Monarchie. Sie nahmen mit dem Verwaltungssysteme der Restauration auch das Finanzsystem derselben an; also dieselbe Quotität, dieselbe Anordnung der Auflagen, die Begünstigung der Börse und der großen Grundeigenthü- mer; sie entfernen von den Stellen die Manner, welche die Revolution gemacht haben; sie schonen die Karlisten und'sind streng gegen die exaltirten jungen Patrioten. In Beziehung auf die auswärtigen Verhältnisse rügte dieser Stimmfüh- rer der Opposition in demselben Schreiben, daß Frankreich die Tractate von 1815 angenommen, und daß die Regierung ihr Bedauern über alle Ereignisse, welche den stutus <^10 der Restauration verändert hätten, ausgesprochen habe; daher sei Polen aufgeopfert worden, daher habe sich die Intervention in Italien zum Vortheil des Papstes gewendet, daher die harten Maßregeln gegen die geflüchteten Patrioten: kurz, die Regierung vom 13. März wolle die Restauration unter dem Schatten des Bürgerkönigs und der dreifarbigen Fahne retten. Die Männer der Regierung schildert Odilon-Barrot im Wesentlichen so: Die Einen, in der englischen Schule der Frau von Stael geboren, sehen die aristokratischen Institutionen Großbritanniens als den Typus der größtmöglichen Perfecti- bilität im Fache der Regierung an; die Andern, aufgewachsen in der kaiserlichen Schule, glauben nur an die materielle Kraft der Bayonnette, an die Verführung durch Ämter, sie haben aber dabei ein anderes Element der kaiserlichen Regierung, den Ruhm, vergessen; noch Andere fürchten Alles, was politische Bewegung ist; sie glauben sich nicht beschützt genug und finden daher niemals die Staatsgewalt zu stark. Die andere Partei, sagt Odilon-Barrot, findet kein Heilmittel für Frankreichs kritische Lage, als in einer Revolution, welche Napoleon II. oder die Republik ausrufe. *) Auch diese thut der Sache der Freiheit Schaden. Es ist gefährlich, ein Volk, das eben aus einer Revolution heraustritt, in die Nothwendigkeit einer neuen zu versetzen. Die unermeßliche Mehrheit der Nation bedarf der Ruhe, um zu arbeiten und um die Frucht ihrer Arbeit zu genießen. Odilon-Barrot gehört nicht zu dieser Partei; allein er glaubt, daß man die neue Revolution vom Julius an die große Revolution von 1789 knüpfen müsse, doch mit Vermeidung ihrer Fehler, wohin Odilon-Barrot die eine Kammer rechnet. Er ist für zwei Kammern; allein gegen die Erblichkeit der Pairs- kammer, weil diese dann gleichsam die Restauration reprasentire, während die Wahlkammer die Revolution repräsentire, zwischen beiden also ein unnatürlicher Conflict entstehe. Er verlangt vor Allem zuerst eine Organisation der Municipal- gewalten — und gerade diese hat man vertagt! Er verlangt keine Intervention, also auch keine Congresse, keine Conferenz; man solle die Völker und Regierungen Belgiens, der Schweiz, Italiens und Portugals sich selbst überlassen, *) Seit dem Tode des Herzogs von Reichstadt (zu Schönbrunn, den 22. Jul. 1832) gibt es in Frankreich nur zwei Hauptparteien: Bourbonisten und Republikaner; jene theilen sich in die der ältern Linie (Karlisten oder Henriquinquisten) und in die des Hauses Orleans. Die ehemaligen Bonapartisten sind größtentheils Republikaner geworden. 72 Frankreich seit dem Jahre 1829 sie aber gegen fremde Einmischung beschützen, und bloß als Schiedsrichter eintreten, wenn man durch den Willen aller Parteien dazu berufen werde. Wenn dieses merkwürdige Schreiben durch seine theoretische Form die verschiedenen Meinungen Frankreichs auf bestimmte und einfache Satze zurückführte, so konnte bald nachher in praktischer Hinsicht weit folgenreicher werden ein öffentlicher Schritt des größten Theils der Deputirten von der Opposition, durch welchen sie dem Ministerium die Mehrheit der Stimmen in der bevorstehenden Versammlung der Kammern von 1832 zu entziehen sich bestrebte. Am 22. Mi versammelten sich 39 in Paris anwesende Deputirte von der Opposition bei Lafsitte, um die politischen Ereignisse seit dem Schlüsse derKammern und die ernste Lage, worin sich das Land befinde, in Erwägung zu ziehen. Als vorläufige Maßregel zu dem weiterhin zu befolgenden Verfahren beschloß man eine Rechtfertigung des Verhaltens dieser Partei wahrend der ganzen Sitzung dem Publicum vorzulegen. Dieses rencku ü »c»s commettans" ward von einer Com- mission aus ihrer Mitte, die aus Odilon-Barrot, Mauguin, General Lafayette, Lafsitte, Cormenin und Charles Comte bestand, verfaßt, und am 28. Mai dem Vereine von Odilon-Barrot vorgetragen. Die Stelle darin, wo gesagt war, daß die gegenwartige Regierungsform jede nur mögliche Entwicklung der Freiheit zulasse, daß man sich um den Thron und die Charte, die Grundfesten der neuen gesellschaftlichen Ordnung, fest vereinigen müsse, wurde nach einer lebhaften Erörterung gestrichen, und hierauf der von 41 Deputirten unterzeichnete Bericht bekannt gemacht. Außerdem hatte dieser Verein noch beschlossen, der Einladung zu einer Deputirtenversammlung, die wegen Errichtung eines Denkmals zu Ehren Pe'rier's gehalten werdend sollte, nicht Folge zu leisten, weil die Ministerialpartei dadurch eine Billigung des Systems vom 13. Marz zu erlangen beabsichtige; ferner verstandigte man sich über die Unterstützung der Oppositions-Candidaten bei den Wahlen; den vorgeschlagenen Beitritt der Opposition in ihrer Gesammheit zu den Nationalassociationen hielt man aber jetzt wenigstens noch nicht für rathsam. In jenem Berichte, der eine Kritik des Systems vom 13. Marz enthielt, sagten die Deputirten am Schlüsse: „Wenn dieses System fortdauert, so sind die Juliusrevolution und Frankreich ihren Feinden überliefert." Unter den ersten Unterzeichnern waren die Deputirten: Allier, Audry de Puyraveau, Arago, Bacot, Ba- voux, Bernard, Blaque-Belair, Marquis von Bryas, Cabet, Comte, Corcelles, Cocdier, Cormenin, Garnier-Pages, Girardin, Laboissiere, General Lafayette, Jacques Lafsitte, General Lafsitte, General Lamarque (sterbend), Larabit, Marchal, Mauguin, Odilon-Barrot, Portalis, General Thiars, de Tracy. Nachtraglich schlössen sich an: Marschall Clauzel, General Subervic, Graf Las Cases der Vater, und nach und nach mehre, sodaß im August 1832 die Gesammtzahl der unterzeichneten Deputirten bis auf 140 gestiegen war. Die Journale äußerten sich über diesen Act der Opposition sehr verschieden, jedes nach seiner Farbe. Das „lourual ckes ckebats" erklärte den Deputirtenverein für ungesetzlich und verfassungswidrig. Der Bericht desselben sei nichts als der Inbegriff der Reden, womit die Opposition während der letzten Sitzung die kostbare Zeit der Kammern vergeudet habe. Der „l'emps" bedauerte, daß der angenommene Bericht nicht derselbe sei, den man zuerst aufgesetzt habe. Allerdings traf dieser Schritt der Opposition gerade mit Umständen zusammen, die ihre Beschwerden wenigstens in einem nicht unwesentlichen Stücke zu rechtfertigen schienen. Denn Montalivet, der Minister des Innern, hatte ein Rundschreiben an die Präfecten erlassen, welches die von der Opposition vorgeschlagenen, von dem Ministerium aber bisher zurückgewiesenen Maßregeln nunmehr selbst anordnete; z.B. die Erklärung der insur- girten Departemente in Belagerungszustand; die Benutzung der Nalionalgarde in Gemeinschaft mit den Truppen, die Suspension der den Chouans ausgesetz- Frankreich seit dem Jahre 1829 73 ten Jahrgehalte, die Abfetzung der feindlich gegen die Revolution gesinnten Beamten u. f. w. Um diese Zeit sollen Abgeordnete der Misvergnügten aus dem Westen und Süden in Paris eingetroffen sein, um mit dem „Gallischen Bunde", einem Gemische von Republikanern und Bonapartiften, dem sich auch Karlisten näherten, Verabredungen zu nehmen. Die Polizei kam einer Verschwörung, die am 25. Mai in mehren Theilen Frankreichs und in Paris ausbrechen sollte, auf die Spur. Sie ward vereitelt. Bald darauf aber gab das feierliche Begräbniß des Generals Lamarque am 5. Jun. eine günstige Gelegenheit zum Ausbruche eines offenen Kampfes, in welchem die heftigste Partei, die der Republikaner, verstärkt durch die Gesellschaft der Sectionnairs oder der Arbeiter und Vorstadter, nach einem hartnackigen Widerstande der doppelten Macht der Regierung, die sich auf das Militair und die Bürgergarden stützte, gänzlich unterlag. Die Misvergnügten rechneten an diesem Tage, der eine ungeheure Volksmasse versammelte, auf die leichte Erregung derselben. Sie wußten, daß die Artillerie der pariser Nationalgarde unzufrieden war, und glaubten des Beistandes der republikanisch gesinnten, sehr aufgeregten studirenden Jugend, der Polytechniker und der Zöglinge von Alfort, nebst den Gehülfen der zahlreichen Buchdruckereien gewiß zu sein. In dem großen Auge befanden sich auch die Volksfreunde, deren Zahl man auf mehre Hunderte angab. Die erste Veranlassung zu dem Aufstände gab der Herzog von Fitz-James, welcher, als der Zug mit dem Sarge vorbeiging, den Hut nicht abnahm, sowie die Verhaftung eines Menschen, welcher die Republik ausrief. Man befreite ihn mit Gewalt. Auch ein Mensch, der eine rothe Mütze auf einer Stange an den Sarg stellen wollte, gab zu einem Kampfe mit den Stadtsergeanten Anlaß. Darauf nöthigte man das Trauergefolge, mit dem Leichenwagen einen Umweg um die Siegessaule Napoleons zu machen. Endlich rief man: Nach dem Pantheon! Zugleich verbreitete sich in den Volksmassen das allgemeine Geschrei: Keine Bourbons mehr! Es lebe die Republik! Diesen Rufsollen zuerst die Polytechniker erhoben haben. Nach dem ,/^emps" riefen sie: Es lebe die Freiheit! Man hatte sie nämlich am Morgen eingeschlossen; allein sie sprengten die Thüre, und ungefähr 200 eilten zu dem Trauerzuge. Nun entstand ein regelloser Kampf; einige Posten der Nationalgarden wurden entwaffnet, und bald schrie das Volk in Paris und den Vorstädten: Zu den Waffen! Zu den Barrikaden! Denn es hatten sich die Bewohner der Vorstadt St.-Antoine schon im Laufe des Tages verschanzt. Jetzt, um 5 Uhr Nachmittags drangen Dragonerabtheilungen in die tobenden Haufen ein. Sie wurden mit Pistolenschüssen empfangen *) und zurückgedrängt, sodaß die Aufrührer sich eines Pulvermagazins und einiger Tausend Flinten bemächtigen konnten. Neue Barrikaden wurden aufgerichtet, das Pflaster aufgerissen, die Laternen zerschlagen u. s. w. Man schlug sich mit Erbitterung auf den Boulevards und in mehren Straßen bis in die Vorstädte *) Diese Thatsache, daß aus dem Haufen zuerst auf die Dragoner geschossen worden, konnte jedoch gerichtlich nicht erwiesen werden. Auf die Frage, von welcher Seite der Angriff ausgegangen, antwortete Gen. Lafayette: Er wisse es nicht. Dagegen hat der Generallieutenant Pajol, Pair von Frankreich und Commandant der ersten Militairdivision, im „Noniteur" vom 8. Sept. die Angabe einiger Journale in Betreff seiner Aussage, als Zeuge in der Sache des „Kativnal" vor dem Assisenhofe zu Paris, dahin berichtigt, er habe auf die Frage des Präsidenten des Gerichtshofes, ob er sich eines von ihm an den Kriegsminister am 5. Jun. 6 Uhr Abends eingeschickten Berichts noch erinnere, erklart, es sei ihm zwar, da er keine Abschrift von diesem Berichte habe, nicht möglich, sich seines Inhalts genau zu erinnern; allein er wisse, daß ein Bericht ausdrücklich gemeldet habe, die Dragoner und die Municipalgarde hätten den Angriff erst dann gemacht (avaiend ctwrgs) als sie ihrer eignen Vertheidigung wegen sich dazu genöthigt gesehen hätten, indem sie mit Flinten- und Pistolenschüssen angegriffen (sssMis) worden wären. 74 Frankreich seit dem Jahre 1829 St.-Antoine und Poisonniere. Endlich ließ die Regierung Kanonen aufführen, und ein Theil der Vorstadt St.-Antoine ward erobert; die andere Vorstadt unterwarf sich. Jndeß dauerte der Kampf auf einzelnen Punkten noch fort; namentlich bei der Pforte St.-Martin, bis gegen Abend von 8 bis 10 Uhr beide Theile sich zurückzogen. Die Rebellen verschanzten sich in großen Gebäuden bei der St.-Marienkirche. Am folgenden Tage (6. Zun.) halb 5 Uhr Morgens entbrannte der Kampf aufs Neue in der Straße Montmartre und bei jener Kirche. Der Ruf: Es lebe die Republik! war die Losung der Verzweiflung, mit welcher ungefähr tausend Insurgenten vier Verschanzungen aufs Hartnäckigste gegen den Angriff der Linientruppcn vertheidigten. Das Geschütz entschied, und der General Tiburce Sebastiani erstürmte die letzte Verschanzung in der Straße St.-Mar- tin, *) Nach 6 Uhr Abends hörte der Kampf auf. Der König war schon am 5. mit seiner Familie (mit Ausnahme des Herzogs von Orleans, der eben eine Reise im Süden machte) von St.-Cloud nach Paris geeilt. Er stieg sogleich zu Pferde und durchritt die Straßen, wo der Aufruhr tobte. Als man schrie: Weg mit Louis Philipp! näherte er sich einer Gruppe und fragte: „Wer hat etwas gegen mich ? Er trete hervor; ich will ihn anhören!" Diese Ruhe des Königs und seine Anreden begeisterten das Volk. Der Ruf: Es lebe der König! Nieder mit den Karlisten! erhob sich allgemein, und die Nationalgarde sprach am 5. laut das Verlangen aus, daß Paris in Belagerungszustand versetzt werde. Denselben Gleichmuth bewies der König in der Unterredung, welche er am 6. Jun. während des Aufftan- des um 4 Uhr Nachmittags mit den Deputirten der Opposition, Arago, Lafsi'tte und Odilon-Barrot hatte. Odilon-Barrot stellte ihm vor, wie Sarrans erzählt, daß das System vom 13. Marz die Erbitterung und den Haß, und dadurch den Bürgerkrieg herbeigeführt habe; er beschwor ihn, dem Blutvergießen Einhalt zu thun und durch die Rückkehr zu den Principien der Revolution neuem Zwiespalts vorzubeugen. Der König erwiderte, daß er verwegen von feinen Feinden angegriffen worden und in dem Rechte der Vertheidigungffei; daß er nicht wisse, was man unter den nicht gehaltenen Juliusversprechungen meine; daß er dem Lande so viele und mehr republikanische Einrichtungen gegeben habe, als er versprochen; daß das Programm des Stadthauses nur in dem Kopfe des Herrn von Lafayette existire *); daß das System des 13. Mär; nicht Perier, sondern ihm, dem Könige, angehöre, und daß es ihm leid thue, ihnen erklären zu müssen, daß er darin keine Änderung vornehmen werde. In dem Ministerrathe, welcher an demselben Abend gehalten wurde, erneuerte man den Vorschlag, Paris in Belagerungszustand zu erklären, so dringend, daß der König, welcher denselben am 5. und am 6. früh zurückgewiesen hatte, endlich nachgab. Man berief sich unter andern auch auf Napoleons Decret vom t?4. Dec. 1811. Die Ordonnanz des Belagerungszustandes vom 6. Jun. wurde am 7. Jun. bekannt gemacht; zugleich erfolgte die Schließung der polytechnischen und der Veterinairschule. Auch das Artillericorps der pariser Nationalgarde wurde ') Die Kirche St-Mery ist, wie es anfangs allgemein hieß, weder von den Republikanern besetzt, noch von den Truppen eingenommen worden; w-ol aber hatten in dem sogenannten Kloster St.-Mery die Sectionnairs hartnackig gekämpft. *) Schon in der Sitzung vom 31. März 1331 hatte Viennet, Deputirter vom Centrum, gezeigt, daß das Programm vom Rathhause, das zum Vorwande täglicher Angriffe gegen die Mehrheit der Deputirtenkammer diene, nichts Anderes sei als die Proclamation der Deputirtenkammer vom 31. Jul., die sie dem Herzoge von Orleans überreichten, und daß alle Versprechungen derselben in vollem Maße von der Kammer erfüllt worden seien, nämlich Theilnahme der Bürger an den Wahlen der Municipalbehörden, und der Nationalgarden an der Wahl ihrer Offiziere, Sicherstellung des Looses der Militairpersonen, Jury für Preßvergehen, u. f. w. Frankreich seit dem Jahre 1829 75 aufgelöst, weil es sich nicht in vollkommener Eintracht mit dem übrigen Theile der Nationakgarde gezeigt habe, und der Maire des siebenten Arrondissements, Mar- chal, wurde abgesetzt. Von jetzt an herrschte in Paris Ruhe, und bei der Heerschau am 10. über 70,000 Mann Linientruppen und Gardisten ward der König mit Beifall begrüßt. Daß an diesem Aufstande auch Karlisten und Bonapartisten Theil genommen, leidet keinen Zweifel; doch wurde hauptsachlich die Partei der Republikaner der Anstiftung und Aufreizung beschuldigt. Der „National" hatte nämlich schon am 31. Mai in mehren aufregenden Artikeln unter Andern» Folgendes gesagt: „In den Juliustagen vereinigte sich die unermeßliche Mehrheit der Nation zu dem Rufe: Keine Jesuiten mehr! Der Ruf, der auch jetzt noch die unermeßliche Mehrheit der Nation vereinigen würde, ist der Ruf: Keine Bourbons mehr! Wegen dieser und ahnlicher Äußerungen, wodurch er mit Erfolg zum Umsturz der jetzigen Regierung aufgereizt habe, wurde der Herausgeber Paulin vor die Assisen gestellt, und die Anklage lautete auf die Strafe des Hochverraths, auf den Tod — die erste Anklage dieser Art wegen einer Druckschrift seit 1794 —; allein Paulin wurde (am 29. August) von den Geschworenen frei gesprochen: ein Urtheil, das für die Feinde der Regierung ein Sieg war. Nach der Meinung der Opposition war, wie die „Revue ene^clopeckin^ Parteien der politischen und geselligen Welt mit treffendem Spott die lächerliche Seite abgewinnend, diente er jeder zur ergötzlichen Unterhaltung, und auf diese Aret^e Weise ist es erklärlich, wie seine Stücke den Ungeheuern Erfolg gewinnen konn- ten, der sie von Paris aus durch alle Hauptstädte Europas begleitete. Unter Wyjiu seinen neuem Bühnenleistungcn ist besonders „^vant, penllant et apres", worin er die Zustande vor, wahrend und nach der Revolution behandelt, berühmt und beliebt und der Vater unzahliger Nachahmungen geworden, die sich seitdem auf allen Bühnen in den verschiedensten Nachbildungen dieser Manier, wie z. B. die „Dreißig Tage aus dem Leben eines Spielers", gezeigt haben. Scribe's Stücke bilden heutzutage eine gewisse Mittelgattung zwischen der alten regelrecht gearbeiteten Komödie der Franzosen, die jetzt nur noch in wenigen Arbeiten der elastischen Schule sich bedeutungslos forterhält, und den neuerdings Mode gewordenen dramatischen Sprüchwörterspielen, die besonders Theodore Leclerc durch seine sehr unterhaltenden „Rraverdes tlramatchues" (3 Bde.) in Aufnahme gebracht hat. Diese Sprüchwörterspiele, die auf den einfachsten Verwickelungen der Wirklichkeit beruhen, nehmen sich gewöhnlich nur eine einzelne Situation zu ihrer Aufgabe, die sie ohne alles Streben nach irgend einem gesuchten dramatischen Effect, ganz in der Natürlichkeit des gewöhnlichen Lebens sich entwickeln lassen, während dagegen Scribe, diese Leichtigkeit und Ungezwungenheit der Entwickelung von den „kraverlles" sich aneignend, dennoch durch eine spannendere und umfassendere Anlage des Plans und eine größere Manen, Mich nichfaltigkeit von Charakter - und Sittenschilderungen sich dem ältern Lustspiele bm« zu nähern sucht. — Die Dramatik der romantischen Schule in Frankreich hat sich bisher vornehmlich und ausschließend der Tragödie oder dem ernstern Drama M,W zugewandt, und der talentvolle Victor Hugo ist hier als der erste Repräsen- WnL tant dieser neuen romantischen Dramatik der Franzosen zu nennen. Er lieferte iilnMc zuerst seinen „Cromwell", der aber unter den wüthenden Verfolgungen der Clas- Mk siker, welche an diesem Stück ihren ganzen Parteihaß ausließen, nicht aufzu- A kommen vermochte. Zwei Jahre darauf ließ er jedoch das Drama: „Rernani, au I'üannmir cAstellait" folgen, das zuerst 1830 auf dem l^tieätre krullhais in Paris gegeben und, ungeachtet der Opposition der feindlichen Partei, mit so überwiegendem Beifall aufgenommen wurde, daß man es in kurzer Zeit gegen 50 Mal wiederholte; und dieser Triumph, welchen das Stück durch die Gunst des Publicums davontrug, schien für die Anerkennung der romantischen Schule überhaupt für immer entscheidend gewesen zu sein. Dies Drama vereinigt in sich alle Tugenden und Schattenseiten des Dichters und seiner Schule. Das blühendste Pathos der Sprache und Gedanken, der glänzendste und kühnste Ausdruck der Leidenschaften zeigen sich in jeder Scene, aber es fehlt an der eigentlichen dramatischen Besonnenheit und Berechnung des Plans, wie überhaupt an aller Bühnenkenntniß. Ein anderes Drama Victor Hugo's: Marian De- Imme", wurde von dem damaligen Minister des Innern, Labourdonnaye, für die Aufführung verboten, dem Dichter aber dafür eine jährliche Pension von 0000 Francs angetragen, welche derselbe jedoch ausschlug. Alexandre Dumas nähert sich in seinen dramatischen Arbeiten ebenfalls der romantischen Schule, obwol er nicht ganz in ihre Formen eingeht. Am meisten romantisch ist sein mit vielem Beifall in Paris gegebener „Henri III". Seitdem lieferte er: „^Kristine" und „Stacklwlm, Rantainekleau et Raine", welches erstere bei Romantikern und Classikern fast gleicherweise Beifall gefunden zu haben schien. Die dialogisirten historischen Gemälde Vitet's, wie die „Rarricackes" und die „ktats cke Klais", in denen er merkwürdige Geschichtsepochen in dramatischer Form entwickelt, gehören ebenso sehr der Geschichte als der Poesie an. Sie haben durch ihre treffliche Darstellung den Beifall der Lesewelt in einem hohen Grade iisiM.' 94 Französische Literatur erlangt. Ähnlicher Art ist Merimee's „(Aroniqne cke 1672". Der letztgenannte Dichter zeigte sich auch sonst als Dramatiker thätkg, obwol er durchaus nicht auf die Bühne Rücksicht nimmt, sondern, wie in seinem „Ikeätre cke Olura (is-ml", seiner Phantasie ganz freien Lauf zu lassen pflegt. Mehr noch als in der dramatischen, haben die Franzosen in der lyrischen P o e s i e neuerdings Eigmthümliches hervorzubringen gestrebt, und es scheint, als wäre es ihnen in diesem Gebiete bisher am meisten gelungen. Lamartine's „Aläckiwtious", sowie seine „Lurmvnies religieuses et zm^ticjues", die eine begeisterte und seelenvolle Schwärmerei athmen, und Victor Hugo's „Orieuwles" und besonders seine „l^euilles ck'automlie" sind echt poetische Blüten der Lyrik, die unter trüben Zeitvcrhältnissen wie ein Wunder entstanden zu sein scheinen. In Hugo's Liedern spricht sich die sanfteste und ungekünsteltste Empfindung, Ernst und Ruhe des Gedankens und vor Allem eine Reinheit des Gemüths aus, die den wohlthätigsten Eindruck hinterlaßt. Diesen beiden Dichtern schloß sich in der Lyrik eine zahlreiche Nachfolger- und Jüngerschaft des romantischen Geschmacks an, obwol ihnen Viennet, Guiraud u. A., vornehmlich aber Baour- Lormian, welcher in seinen „Sstires" den Romanticismus heftig bekämpfte, als Verfechter der Classicität, auch der lyrischen Poesie entgegentraten. Höchst demerkenswerth ist aber in der neuern französischen Lyrik die vorherrschende politisch-satirische Richtung, die sie seit der Zeit der Restauration zuerst durch den liebenswürdigen Be'ranger empfing. Weder Romantiker noch Classiker, zeigt er sich in seinen Liedern durchaus ganz in echt nationaler Anmuth und Scharfe des Geistes, und die Gefahr, die seinen Gedichten unter den Bourbons beigelegt wurde, indem er wegen der in denselben enthaltenen Aufreizungen mehrmals vor Gericht gestellt und verurtheilt wurde, diente nur dazu, ihre allgemeine Verbreitung im Publicum zu befördern. Einen schneidendem Charakter nimmt die politisch-satirische Poesie in Barthelemy's Gedichten an; er lieferte mit seinem Dichterfreunde Me'ry zusammen die „Villele'icke" und ahnliche komisch-heroische Gesänge, die mit scharfen Stacheln des satirischen Liberalismus in die Zeitverhaltnisse eingreifen; ja er begann sogar eine satirische Wochenschrift (Satire debtioma^aire) unter dem Titel: „Nemesis" herauszugeben, und unternahm in seinen „I^es ckou-ejouinees cke !a revolution" eine ausführliche poetische Darstellung der Revolution. In der neuesten Zeit zur Partei des luste Milieu übergegangen, hat er, wie früher eine Vertheidigung vor dem Gerichtshofe, jetzt auch eine Apologie seines Abfalls in poetischer Form gegeben. Die „lambes" von Aug. Barbier tragen eine gewisse Gewaltsamkeit der satirischen Begeisterung an sich, die aus einem tiefen Groll gegen die gesellschaftliche Entartung des Zeitalters hervorgeht und sich nicht selten in zu schroffen und bizarren Äußerungen entladet. Viennet's politische Episteln sind ebenfalls voll Scharfe und beißender Satire. Derselbe Verfasser lieferte auch ein episches Gedicht: „I^a ?kilippicke", worin er den Ariosto nachahmte. Einige andere epische Versuche der neuesten französischen Poesie sind eine Behandlung desselben Gegenstandes, des Lebens Philipp Augusts, Königs von Frankreich, von Parceval, die „cluroleiäe" von d'Arlincourt, ^alellonie" von August Fabre, die jedoch bereits wieder der Vergessenheit überliefert sind. Creuse de Lesser nahm sich in seinen (ursprünglich unter der Überschrift „I.u clrevalerie" verbundenen) Rittergedichten „Psble , nucke", „^mackis 6es Gaules" und „Holsnck" ebenfalls den Ariosto zum Muster. Am angebautesten und fruchtbarsten zeigt sich in neuester Zeit das Feld der Romane, die ebenfalls in den meisten Erscheinungen eine politische Partei- farbc annehmen oder wenigstens Hervorstechendes in den Aeitverhaltnissen sich zu ihrer Grundlage wählen. Im Ganzen befinden wir uns aber in den neuesten französischen Romanen in einem Reich des Extremen, das nicht selten die ver- Französische Literatur 95 d? zerrtesten Fiebergestalten gebiert, auf einem moralisch untergrabenen Boden, aus " dem nur glanzende Scheinbilder des Lebens hervorgehen, die in sich selbst ohne alle Dauer sind. In Balzac's „Beau cke cka^rlu" zeigt sich vielleicht der Gipsel moralischer Entartung, und doch ist diesem Schriftsteller ein bedeutendes Talent der Charakterschilderung nicht abzusprechen. In den wilden Sprüngen seiner grotesken Phantasie zeigt sich Balzac durchaus als ein französischer Hoffmann, den er in der Meisterschaft des Schrecklichen ohne Zweifel noch übertrifft. Seine neuesten Novellen: „Pontes Krüns, pur uns tote a 1'envers", tragen alle Licht- und Schattenseiten seines Talents an sich. Ihm sehr verwandt ist Jules Janin. Sein erstes Werk war die „Bemme Aulllotmöe", das durch die Wunderlichkeit und Bizarrerie ihrer Composition in ganz Frankreich Aufsehen erregte. Darauf folgte die Novelle: „Ba eonfesslou", eine ohne Zweifel ergreifende und treffliche Schilderung, die nicht zu ihrem Nachtheil an Victor Hugo's „Be ckermer jour ck'un coiulamne" erinnert. Sein neuester größerer Roman: „Larnave", eine Revolutionsgeschichte, hat weniger den Beifall des Publicums erhalten, obwol er regelmäßiger gearbeitet ist als alle seine frühern Productionen. Michel Raymond schildert in ahnlicher Manier vorzugsweise pariser Lebensverhältnisse in skizzenhaften, aber sehr energischen Zügen. Am bekanntesten sind seine „Begebenheiten Daniels des Lapidaristen" geworden, talentvolle, aber ebenfalls moralisch unterhöhlte Darstellungen. Wahrend die genannten Romandichter das Gräßliche in der Mitte des geselligen und politischen Lebens aufsuchen, verlegt dagegen Eugene Sue seinen Schauplatz am liebsten auf das Meer und sucht den Schauder durch Haarstraubende Seegemalde, Seeräubergefechte und ahnliche, nicht ohne Leben gemalte Gesnerien hervorzulocken. Am gelesensten sind sein „Salamanckre", „Blick etBlock", und „^.tar (Zoll". Auch der geistreiche Victor Hugo stöhnte in seinen Romanen „Lux ^ar^al" und „Hau ck'lslancke" dem Gespensterhaften, Blutigen und Schaudererregenden. Ansprechender als die genannten wurde einer seiner neuern Romane: „lVotre Dame cke Baris", gefunden. Unter den Anhängern der romantischen Schule scheint Alfred de Vigny sich mit dem meisten Glück im Gebiete der Nomandichtung versucht zu haben. Sein Hauptwerk ist „Be cmy mars", ein Roman, der nicht mit Unrecht von den Romantikern so enthusiastisch gefeiert wurde. Der neueste Roman dieses Dichters ist „Stello", in dessen Dar- stellungsweise er die Manier Sterne's und Hossmann's zu verschmelzen gesucht N hat. Paul de Kock's Romane, die er in großer Anzahl liefert, setzen die schlüpfrige P Gattung fort, welche Pigault-Lebrun in seinen neuern, im höhem Alter ge- U schriebenen Romanen, die an Zügellosigkeit ganz seinen stühern gleichkommen, B nicht mehr mundrecht zu machen vermag. Andere gelesene Romanschrist- steller der neuesten Zeit sind Charles Nodier; der Bibliophile Jacob, der zuerst l,i durch seine „Solrees cke Walter Scott" bekannt wurde und seitdem zu den ^ fruchtbarsten Schriftstellern Frankreichs gehört; Delatouche, bekannt durch seine ^ „Bragoletta"; Merville, dessen „Baron cke l'Bmpire" sich in die Reihe der politisch gefärbten Romane stellt. Auch d'Arlincourt fuhr in neuester Zeit fort, in seinem gewohnten bombastischen Style Romane zu liefern, unter denen sein neuester: „Bes rekelles sous (lkarles V", der gewissermaßen eine politische Allegorie der gegenwartigen Zeitverhaltnisse darbietet, viel Aufsehen gemacht ? hat. Die Romane gehören jetzt in Frankreich zu den zahlreichsten Producten ^ ^er Presse, und es ist interessant zu sehen, wie diese Gattung auch hier, wie jetzt call, und vornehmlich in Deutschland, zu einer so umfassenden Form ausgebildet 5-,, die alle Zeitrichtungen in sich aufzunehmen und widerzuspiegeln vermag. Gehen wir jetzt, nachdem wir die neuern poetischen Bestrebungen der < Franzosen charakterisirt, zu ihren wissenschaftlichen über, so ist es vor Allen das 96 Französische Literatur Feld der Geschichte, das hier zuerst schon durch die Mannichfaltigkeit der Erscheinungen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Hauptsachlich wurde die Geschichte Frankreichs, des Mittelalters und der neuern Zeit mit besonderm Eifer und vieler Vorliebe bearbeitet, und ein Neichthum von Materialien dafür herangezogen. Die ^callemie Ues inscription8 et del!e8-lettres setzte die im vorigen Jahrhundert begonnene Sammlung der „Historiens «les (Üaules et lle I» Trance", die bereits 18 Foliobande zahlt, und die nicht minder wichtige und bandereiche Sammlung der „Oräonnances ttes rois de Trance" fort. Der thätige und unternehmende Guizot gab in einer von mehren Verfassern herrührenden Übersetzung die altern Specialgeschichtschreiber Frankreichs von Gre- goire de Tours an tinter dem Titel: „(lollectiou de memoire? relatils i» 1'llistoire de illrance" sin welchem Titel er den Ausdruck memoire? im unci- gentlichen Sinne gebrauchte), mit Hinzufügung historischer und literarischer Notizen heraus; auch unternahm er eine Sammlung und Übersetzung der auf die englische Staatsumwälzung von 1688 sich beziehenden Geschichtswerke. Wie Guizot die altern, so sammelte Buchon die spatern Geschichtschreiber Frankreichs, wie Monstrelet und Froissard, unter dem Titel: „Collection de8 cllro- uigues nationales". Auch wurde die Arbeit der Benedictiner von St.-Mam: „Xrt de verilier les dates", wieder neu aufgelegt, und unter Mitwirkung mehrer Schriftsteller, wie Lacretelle, Marchangy u. A., bis auf unsere Zeit fortgesetzt. Durch all diese bedeutenden Vorarbeiten unterstützt, begann der geistreiche Sismondi, den umfassendsten Plan sich vorzeichnend, seine französischeReichs- geschichte unter dem Titel: „Histoire des?ralihais", von der bis jetzt 12 Bande erschienen sind. Das Tressliche an dieser Arbeit ist, wie an allen frühern Sis- mondi's, daß er, jederzeit aus den Quellen selbst schöpfend, sich in seiner Darstellung der Thatsachen nie von dem Urtheil seiner Vorganger leiten und überall den Maßstab der Humanität und Gerechtigkeit in seiner historischen Auffassung ganzer Völker und einzelner Charaktere vorwalten läßt. Auch Dufau beschäftigte sich mit der Geschichte Frankreichs, indem er das von Velly, Villar.t und Garnier begonnene und bis auf 30 Bände gebrachte Werk fortsetzte, aber nur bis zur Regierung Heinrichs IV. einschließlich. Auch an tresslichen Monographien der französischen Geschichte hat es nicht gefehlt. Mignet lie- lieferte eine Geschichte der Ligue, Lacretelle schrieb eine Geschichte der Religionskriege, Capesigue behandelte die Geschichte Philipp Augusts und begann eine Geschichte der Regentschaft in Frankreich, wovon bis jetzt die ersten zwei Bande erschienen sind. Großen Beifall fand Barante mit seiner Geschichte der Herzoge von Burgund aus dem Stamme Valois, die er in dem weitschweifigen, aber naiv erzählenden Tone der Chroniken schrieb. Thierry, der Verfasser der Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen (in welchem Werke ihn jedoch das Streben, die Begebenheiten der spätem Zeit aus dem Hasse der unterdrückten Angelsachsen gegen die Normannen zu erklären, offenbar zu weit geführt hat), gab „I,ettres 8ur I'llistoire de krance" heraus, sowie Guizot „Lssais sur I'llistoire dekrance". Von dem republikanisch gesinnten Thouzet erschien ein nachgelassenes Werk: „^.llrege des revolittions de I'aueien gau- vernewent franyais". Daru, der Verfasser der Geschichte der Republik Venedig, schrieb in drei Banden die Geschichte der Bretagne, zum Theil nach ! mdschriftlichen Urkunden. Eine merkwürdige Erscheinung ist Dulaure's Geschichte der Stadt Paris, worin sich ein grelles Gemälde der Barbarei vergangener Zeiten sowol in den Zuständen der Regierung als des Volkes vor m eröffnet. Von Lemontey, der früher bereits einen Versuch über die Reglern^ Ludwigs XIV. herausgegeben hatte, erschien nach seinem Tode eine auf Napoleons Befehl nach archivalischen Quellen verfaßte Geschichte der Regentschaft und M ÄS AAS Französische Literatur 97 der Minderjährigkeit Ludwigs XV. Chateaubriand lieferte seine Mulles llisto- i-igues", welche die allgemeine Geschichte von Konstantin an umfassen. Lacrctelle's „Uistmre lle In restaumtion" gibt schatzbare Aufschlüsse über die Regierung Ludwigs XVIil. Eine Geschichte der Regierung seit der Restauration erschien unter dem Namen eines Hoinme ll'etat von Capefigue und wurde vielfaltig gelesen und besprochen. — Als interessanter Nebenzwcig der Geschichte ist in Frankreich die M e - moirenliteraturvon derselben nie abzutrennen. Auch in neuester Zeit hat das reichhaltige Feld der persönlichen und geschichtlichen Memoiren einen bedeutenden Auwachs erhalten, obgleich man wol behaupten kann, daß bei weitem die wenigsten unter den die neueste Zeit betreffenden irgend auf Authenticität der Abfassung Anspruch machen können. Eine vollständige Sammlung der historischen Memoiren der altern Zeit veranstaltete Petitot. Auch erschien von den 16 Bande starken „iVIemoires lle 8t.-8iinon", früher nur durch Auszüge und verstümmelte Mitthei- lungen bekannt, zum ersten Mal eine vollständige Ausgabe. Unter den neuerdings vielfach veranstalteten Sammlungen von Memoiren über die Revolution und von iLlemoiies coutempomins verdienen vornehmlich die Memoiren der Frau von Laroche-Jaquelin (oder vielmehr von Barante) über den Vendeekrieg, die Memoiren von Brissot, Buzot, Gohier u. A. genannt zu werden. Reichhaltige Beiträge zur Kriegsgeschichte des Kaiserreichs lieferten die Memoiren von Gouvion Saint-Cyr und Suchet. Die Geschichte der Napoleonischen Regierung und seines Hofes veranlaßt? das Hervortreten der Memoiren der Herzogin von Abrantes, des Herzogs von Rovigo, des Generals Lavalette, des Palaispräfecten von Bausset u. A. In diese Periode fällt auch die Vollendung der „Lio^mptne universelle", in 5C Bänden. Die mit Parteilichkeit geschriebene „Viograpllie lles eontempo- rains" und die in einem ruhigem Tone abgefaßte „LioFi-apllie universelle et portative lies contemporains" enthalten eine Menge bisher noch unbekannter Nachrichten über Leben und Verhältnisse der merkwürdigsten Personen unserer Zeit. Auf einer glänzenden Stufe stehen die politischen Schriftsteller und Redner der neuesten Zeit in Frankreich, und in keiner Periode haben sich so ausgezeichnete Männer auf diesem Gebiete hervorgethan, als seitdem mit der Restauration die constitutionnclle Regierungsform sich entwickelte, wiewol nicht zu leugnen, daß auch die Revolution von 1789 einige große Meister und Muster der Beredtsamkeit und Staatskunst hervorgebracht hat. Benjamin Con- stant's Reden und Flugschriften tragen den eigenthümlichen Charakter scharfer Logik und leichter Ironie an sich. Chateaubriand behauptet zwar nicht wegen fester und liberaler Grundsätze, doch wegen der hinreißenden Beredtsamkeit seiner Darstellung den ersten Rang eines politischen Schriftstellers. De Pradt, der eine große Anzahl Schriften über die wichtigsten Zeitbegebenheiten geliefert hat, zeigt sich als geistreicher und freimüthiger Beobachter. Eine eigenthümliche Stelle behaupten P. L. Courier's originelle Pamphlets (gesammelt in seinen „Oeuvres complettes"), die für Musterftücke politischer Ironie gelten können. Ferner haben Staatsmänner wie Guizot, Royer-Collard, Keratry, Foy, Dupin, Villele, Martignac, Casimir Perier, Odilon-Barrot, Cormenin u. A. vortreffliche politische Reden und Flugschriften geliefert. Im ftaatswirthschaftlichen Fache und im Gebiete der Staatsverwaltungskunst erschienen von I. B. Say, Comte, Dunoyer, Rey, Ganilh, dem Herzog v. Gaeta, Suzanne, Sismondi u- A. gehaltvolle Schriften, deren einige, besonders von Say, zu den tresslichsten Bearbeitung der Nationalökonomie gehören. Während aber alle Felder der französischen Literatur, welche dem praktischen Leben und den Tagesverhältnissen angrenzen, einen beweglichem und reichern Charakter haben, zeigen sich dagegen die Hervorbringungen der Wissenschaft, mit Ausnahme mehrer naturwissenschaftlicher Disciplinen, meisten- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 7 98 Französische Literatur theils armer und beziehungsloser, ja von manchen Fakultäten kann man wol mit Recht behaupten, daß sie sich in Frankreich bisher noch gar nicht zum Begriff einer Wissenschaft ausgebildet haben, wie z. V. die Theologie, die in der That noch immer auf einer sehr niedrigen Stufe steht. Die neueste theologische Literatur hat fast nur Schriften von moralischer, erbaulicher oder allgemein raifonnirender Tendenz aufzuweisen. In der letztern Gattung stehen des bekannten Abbe de Lamennais Schriften, besonders sein „bissm sur 1'indikkerencs en mutiere de yeü^iou", obenan, und die heutige franzosische Geistlichkeit hat schwerlich noch ein ähnliches Werk aufzuweisen, das diesem an Kraft und Scharfe der Beredsamkeit gleich käme. Auch des Bischofs Frayssi- nous „(Conferences" haben sich den Beifall eines zahlreichen Publikums zu erwerben gewußt. Dagegen begann Benjamin Constant in feinem geistreichen Werke „De 1u reli^ion cunsideree dsus su sonrce, ses tormes et ses de- veloppemens" die ersten Entwürfe zu einer Religionsphilofophie zu geben, von denen jedoch nicht zu erwarten, daß sie in die Theologie der Franzosen übergehen und eine eigenthümliche wissenschaftliche Richtung in derselben eröffnen werden. — In der Jurisprudenz hat dagegen der Einfluß der Spekulation, vornehmlich der deutschen Rechtsphilosophie, günstiger einzuwirken angefangen. Besonders ist hier Lerminier zu nennen, der in feiner „kRilosoptne du droit" (Paris 1832) den gegenwärtigen Standpunkt dieser neuen rechtsphilosophischen Schule in Frankreich am eigenthümlichsten repräsentirt. — Die Philosophie selbst verdankt ihren bedeutendem Aufschwung, den sie neuerdings bei den Franzosen genommen, ebenfalls lediglich den Anschließungen an die deutsche Spekulation, und diese vielversprechende Begegnung zwischen dem deutschen und französischen Geiste charaktcrisirt sich vornehmlich in den Bestrebungen Cousi'n's, von dem sie ausging. Für Verbreitung der Kenntniß der Geschichte der Philosophie wirkten vornehmlich auch die Arbeiten von Dami- ron („Lssai sur 1'Idstoire de pll'dosozdüe eu l'runce su 19ieme siecle") und Th. Jouffroy, welcher die philosophischen Systeme der Schotten Du- gald, Stewart und Reid übersetzte. Aza'is lieferte ein „Systeme uuiversel" in acht Bänden, von dem auch vielfache Auszüge und Abrisse erschienen sind, und worin der Verf. den Versuch gemacht hat, ein Princip aufzufinden, das der Analyse aller Welterscheinungen gleichmäßig dienen solle. — In der Bearbeitung der Naturwissenschaften hat die französische Literatur auch in der neuesten Zeit ihre Auszeichnung behauptet. Im Gebiete der Naturgeschichte wiegt Cuvier (starb 1832) allein viele Namen auf. Die großen Verdienste, die er sich früher um die Zoologie überhaupt erworben, wurden durch seine Naturgeschichte der Fische erhöht, welche weit übertrifft, was Lacepede geleistet hat. Seine Forschungen über die Urweltreste wurden besonders durch Bravard und Croizet erweitert. Geossroy St.-Hilaire war vorzüglich für die Kunde der Säugthiere thatig. Die Pflanzenphysiologie ward auch in Frankreich immer mehr als die wissenschaftliche Grundlage der Botanik erkannt und besonders von Dutrochet,Turpin, Brong- niart d. I., Raspail und dem geistreichen Dupetit-Thouars bereichert, wahrend Mirbel über die geographische Verkeilung der Pflanzen neue Beobachtungen vorlegte, und Brongniart d. I. die fossile Botanik zum Gegenstande sorgfaltiger Beobachtung machte. Mineralogie und Geologie gehören zu den Zweigen der Naturkunde, die mit vorzüglichem Erfolge gepflegt wurden, und wie d'Aubuisson die Geognoste einer neuen Bearbeitung unterwarf, waren Becthier, Alexandre Brongniart, Rozet, Constant Prevost und Bonnart bemüht, die geognostische Kunde Frankreichs zu erweitern. Fourier, Fresnel, Poisson, Cauchy. Ampere, Arago, Biot, Gay-Lussac führten durch gründliche Beleuchtung einzelner Lehren oder durch wichtige Versuche die Fortschritte der Wissenschaft auf die hohe Stufe, Frege (Familie) 69 > ziec>' . sF die sie in Frankreich einnimmt, wahrend auch die Chemie in der neuen Richtung, welche sie gewonnen, durch Darcet, Scrullas, Balard, den Entdecker des Broms, Braconnot und Andere gefördert wurde.— Für Literaturgeschichte ist in neuester Zeit nicht Unerhebliches geschehen. Eine interessante Unternehmung zur Beförderung derselben waren die Hesumes über die Literatur der verschiedenen Völker, die jedoch nicht zur Vollendung gediehen. Die Übersicht der Geschichte der französischen Literatur und Salsi's Übersicht der italienischen Literatur waren die bemerkenswerthesten Resultate jener Unternehmung. Villemain's „Nölan- xes litternires" und Charles Nodier's Schriften enthalten vortreffliche Aussatze zur Literaturkunde. Erwahnenswerth sind ferner St.-Marc Girardin's und Phil. Chas- les' gekrönte Preiswerke über dieGeschichtc der französischen Literatur im Iß. Jahrhundert. Salsi beendigte Ginguene's Geschichte der italienischen Literatur. Zur Kunde der altern französischen Literatur diente besonders die bei Crapelet in sechs Banden veranstaltete Sammlung von Gedichten aus dieser Periode unter dem Titel: „läes poetes iran^ais dermis 1e 12ieme siecle jii5 M "eMich das nicht seltene Einmischen ganz fremdartiger Rücksichten in die 108 Frledensgerichte Rechtspflege gerichtet ist, sodaß sich bei einem bessern Gesetze die Unterthemen noch bester befinden würden. Man sollte auch bei der oft etwas gewaltsamen Abkürzung der Rechtshändel nicht vergessen, daß die Heiligkeit des Rechtsbegriffs unter allen irdischen Dingen das Höchste ist, und den Sinn für Recht und Wahrheit im Volke abzustumpfen eine Art moralischer Ertödtung ist, welche durch keine Er- sparniß an materiellen Gütern ersetzt werden kann. Aber auch alle Bemühungen der Gesetzgeber, der Rechtspflege eine solche Einrichtung zu geben, daß sie wirklich, Gerechtigkeit ausspende, nicht unter bloßen Formen das Recht opfere, nicht Schlupfwinkel und Vorwände dem Ungerechten gewähre, sind bis jetzt noch sehr weit hintbr ihrem Ziele zurückgeblieben, und wenn auch zuweilen diese legislativen Versuche mit glänzendem Erfolge belohnt zu werden schienen, so zeigte sich doch bald entweder, daß man nur im Vergleich mit einem ganz schlechten Zustande einen Fortschritt gemacht habe, aber dem eigentlichen Ziele wenig näher gekommen seh oder daß man durch Veränderung des Getriebes, wol auch nur durch Veränderung in dem Persönlichen, indem frische jugendliche Kräfte und Ansichten in Thätigkeit gesetzt und der alte mechanische Gang unterbrochen wurde, zwar eine Verbesserung bewirkte, die aber nicht von Dauer war, weil die natürliche Kraft der Trägheit auch die neue Einrichtung bald wieder zum Stocken brachte. Man hat daher noch andere Wege einzuschlagen gesucht und hauptsächlich die Beförderung der Vergleiche als ein Mittel betrachtet, Pcocesse zu schlichten und schon im Entstehen zu ersticken. Die erste große Maßregel dieser Art unternahm Friedrich der Große 1746 durch den Großkanzler von Cocceji, dessen Reformen noch bis jetzt die Grundlagen der preußischen Gerichtsverfassung ausmachen. Der Hauptgedanke war schon der in der zweiten großen Reform von 1780 weiter ausgebildete, die Rechtspflege von bloßen Förmlichkeiten (unnützen Eiden u. dgl.) zu reinigen, den bloßen Schriftwechsel einzuschränken und mündliche Vorträge der Advokaten einzuführen (Abschaffung der Procuratoren), vornehmlich aber die Richter zu verpflichten, nicht bloß beim Anfange des Protestes, wo sich das Verhältnis der Sache noch nicht übersehen läßt, sondern im Laufe desselben Vergleichsstiftungen zu versuchen. Der Großkanzler bereiste alle Provinzen und gab mit außerordentlicher Thätigkeit durch Audienzen, die er selbst mit den Parteien hielt, das Vorbild, wieviel man durch klare Auseinandersetzung der Sachlage und durch Belehrung wirken könne. Er schlichtete in acht Monaten über 2400 Proteste, und so lange er an der Spitze der preußischen Justizverwaltung stand, erhielt sich auch in ihr diese Richtung, allein bald kehrte sie in das alte Geleis steifer Förmlichkeit und Weitläufigkeit zurück. Nachher wurden in Dänemark eigne Commissionen errichtet, welche die Schlichtung jedes Protestes vor der förmlichen Eröffnung versuchen sollten (Rothe's „Beiträge zur Kenntniß der Vergleichseinrichtungen in Danemark", Kopenh. 1804), und dasselbe Geschäft wurde den französischen Friedensgerichten übertragen, die davon sogar ihren Namen haben. Allein auch hier ist der Zweck nicht erreicht worden, vornehmlich aus dem Grunde, weil in den meisten Fällen eine Vergleichsstiftung erst dann gelingen kann, wenn die Parteien und der Vermittler ihre gegenseitigen Foderungen und Einwendungen kennen und zugleich auch ihre Beweismittel einigermaßen übersehen; daher sind in der neuen preußischen Proceßordnung die Vergleichsverhandlungen bei Berichtigung des «tat»- csusae am wirksamsten, und auch in dieser Hinsicht hat die Verordnung von 1799 (Gerichtsordnung, Anh. §. 76) nachtheilig gewirkt. In Frankreich ist die Vergleichshandlung vor dem Friedensrichter fast durchaus eine leere Form geworden; in Dänemark hat man die Vergleichscommissionen wieder mit den Gerichten vereinigt. Mit großem Interesse wurde die Nachricht aufgenommen, daß in einem deutschen Staate, dem Herzogthum Sachsen-Meiningen, Friedensgericht^ eingeführt werden sollten. Der bekannt gewordene Entwurf entsprach in kei- Mi« l. NiUBs"" Hl! Friedensgerichte 1l)9 ner Hinsicht der Erwartung, indem er wiederum nur auf einen bloßen Versuch hinausging, die Processe vor der Eröffnung des Rechtsverfahrens durch Männer, die in der Regel keine juristischen Kenntnisse besitzen, Gutsherren, Prediger, Bürgermeister, Schulzen u. f. w., schlichten zu lassen, wovon man sich noch weniger Nutzen als von den französischen Friedensrichtern versprechen konnte; denn um einen 'IS»!' solchen Vergleich auch nur richtig aufzufassen, sodaß er das streitige Rechtsverhältnis niß erschöpft, und nicht aus einem vermeintlich geschlichteten Streite drei oder mehr noch sz neue entstehen, sind einige Kenntniß des Rechts und einige Übung in den Formen rechtlicher Geschäfte unentbehrlich. Man würde sich aber sehr irren, wenn man sich^ glaubte, daß dieser bekannt gewordene Enrwurf derjenige sei, von welchem beider uiiM. Organisation der meiningischen Staatsverwaltung die Rede war; von diesem enthalt jener Entwurf nur wenige und sehr veränderte Bruchstücke. Der ursprüngliche Plan beruhte vielmehr auf zweierlei, zwar verschiedenen, aber in der Anwendung einander durchdringenden Gedanken: 1) dem einer vorläufigen Entscheidung oder Festsetzung solcher Verhältnisse, in welchen der Regel nach die Thatsachen und ihre rechtlichen Folgen gar nicht bestritten sind, und wohin, neben den einfachen und nicht bestrittenen Schuldsachen, fast alle Fälle der sogenannten administrativen Justiz, die Bestrafung der Aolldefraudationen, der Jagdfrevel, Polizcibrüche u, s-w. gehören; 2) dem Gedanken einer Vergleichsstiftung in wirklich streitigen Sachen, aber nicht bloß definitive Hebung eines Rechtsstreits durch Vergleich, sondern auch die Vorbereitung der richterlichen Entscheidung durch Berichtigung der eigentlichen Streitpunkte und Vergleich über Dasjenige, was nun noch von dem Gerichte zu entscheiden sei. Das Letzte würde, wenn es erreicht werden könnte, fast noch wichtiger und heilsamer sein. Gar oft wird der Hauptproceß nur durch Nebenpunkte verwickelt und bei klarem Recht in der Hauptsache wegen solcher Dinge verloren, die gar nicht bestritten werden würden, wenn man sie nicht als Mittel der Chikane aufgriff, z. B. das Eigenthum eines Grundstücks in Servi- tutenstreitigkeiten, die Verwandtschaftsverhältnisse oder die Legitimation zur Sache und Ähnliches. Über dergleichen Dinge werden sich die Parteien im Beginn eines Rechtshandels leichter verständigen als im Fortgange desselben, weil man dann oft nur der Kosten wegen jedes Mittel ergreift. Auch diefe Vergleichsverhandlungen fodern allerdings juristische Kenntnisse; aber es lag auch nicht in dem ursprünglichen Plane, diese auszuschließen, indem vielmehr daraufgerechnet wurde, daß tüchtige und redliche Juristen das Amt eines Friedensrichters (welches auch mit dem Sachwalteramte vereinbar wäre) nicht verschmähen würden. Zugleich ging der Plan mit darauf, auch über manche Gegenstände (Grenzen, Hut- und Triftrechte, Wege und Ähnliches) den Beweis durch eine Art Jury führen zu lassen, wie in England solche Dinge auch durch Geschworne ausgemacht werden. Es entstanden daraus Friedensgerichte von einer doppelten Art. I. Alle Verwaltungsstellen würden in ihrem Geschäftskreise die Entscheidung zwar nur vorläufig, aber in der Regel mit einstweiliger Vollziehung erhalten haben, also in Steuer- fachen, bei Zoll- und andern fiscalischen Contraventionen, bei Polizeistrafen, ^ Jagd- und Forstfreveln u. f. w., allein mit dem Rechte der Betheiligten, auf förmliche gerichtliche Verhandlung und richterliche Entscheidung anzutragen. Dieselbe friedensrichtcrliche Entscheidung würde den Communalobrigkeiten (Bürgermeistern und Schultheißen) in bloßen Schuldsachen, Jnjuriensachen, Polizei - und kleinern Vergehungen u. s. w., ferner den Vorgesetzten eines Collegiums in persönlichen Sachen ihrer Untergebenen, den Superintendenten, Schul- und Kirchenämtern in persönlichen Sachen der Geistlichen und Schullehrer, den Gutsherren, wenn H ^ ^ als Friedensrichter verpflichten ließen, über ihre Gutsangehörigen übertra- P'H! gen worden sein, und also das Amt des Friedensrichters in dieser Hinsicht mit ge- andern Ämtern von Rechtswegen verbunden gewesen sein und Demjeni- 110 Friedländer gen entsprochen haben, was die obrigkeitliche Erhaltung des Friedens ausmacht. II. Friedensrichter in der zweiten Beziehung würden zu Stiftung der Vergleiche in Rechtsstreitigkeiten anzustellen gewesen sein, und zwar würden dazu, außer den Friedensrichtern der ersten Elaste, welche alle auch hierzu berechtigt gewesen wären, alle Manner von einiger höhern Bildung, die sich diesem Berufe des Friedcnsstis- tens widmen wollten, auf ihr Verlangen bestellt worden sein. Wer also wie Gö- the's Mittler in den „Wahlverwandtschaften" zu diesem Geschäfte Neigung fühlte, würde sich dazu haben bestimmen können. Um die nöthigen Rechtskenntnisse in dieses Geschäft zu bringen, lagen verschiedene Mittel vor; erstens wurde, wie schon erwähnt, auf die bessern Advokaten gerechnet, welche in diesem Berufe einen Ersatz für die Schmälerung ihrer gerichtlichen Praxis, die ohnehin nicht ausbleiben konnte, gefunden haben würden; sodann konnte erwartet werden, daß in Zukunft, wo ohnehin die Eoncurrenten zu öffentlichen Ämtern unmöglich alle befriedigt werden können, wissenschaftlich gebildete Männer, wie in England, eine unabhängige Lage dazu benutzen werden, in diesem heilsamen Berufe zu wirken; für den Anfang aber würde den Gemeinden und ihren Vorstehern nachgelassen worden sein, nötigenfalls einen juristisch gebildeten Friedensrichter zuzuziehen, und die Thätigkeit der Friedensrichter dieser Elaste würde im Allgemeinen unter der Aussicht der Gerichte gestanden haben, indem jeder Vergleich zur Prüfung, Bestätigung und Aufbewahrung an die Gerichte abgegeben werden mußte. Hier konnten nöthigenfalls Mängel durch nochmalige Befragung der Parteien berichtigt werden. Der wichtigste Einwand, oder doch der gewöhnlichste, daß die Ortsvorsteher nicht fähig sein würden, zu leisten, was dieser Plan von ihnen foderte, hatte am wenigsten auf sich. Die Fehler, welche der gesunde Menschenverstand begeht, sind nicht so groß als die, welche von gelehrten Halbwisscrn — und leider machen diese doch einen großen Theil aus — und bei den Gerichten selbst aus mancherlei Ursachen begangen werden, und die Übung selbst würde das Volk in den Dorfgemeinden bald mit Demjenigen bekannt machen, was ihm zu Ausübung dieser friedensnch- tcrlichen Functionen zu wissen nöthig wäre. Je mehr aber diese Art der Bildung im Volke zunähme, desto mehr würde es auch vor den Verirrungen bewahrt werden, zu welchen unsere Zeit so manche Veranlassung enthält. Im Hintergrunde dieses Plans, der in unserer geldarmen Zeit noch den Vorzug hatte, keine Kosten zu verursachen, lag nun auch une noch größere Verminderung der Gerichtsstellen, welche bei einer günstigem geographischen Lage des Herzogthums auf zwei hätten beschränkt werden können, bei der unverhältnißmäßigen Ausdehnung des Landes in die Länge ohne Breite aber doch nicht unter vier sein konnten, wodurch abermals Vereinfachung und Erfparniß in der Landesverwaltung bezweckt worden wäre. Ob wenigstens in gewissen Beziehungen Öffentlichkeit und Mündlichkeit die weitere Folge gewesen wäre, lassen wir dahingestellt sein. Dieser Plan ist nun, wie bekannt, nicht zur Ausführung gekommen, indem die 1829 angefangenen Orga- nifationsarbeiten abgebrochen wurden, als eben erst die nothwendige Grundlage desselben, die Gemeindeordnung, von einer Eommissi'on erörtert worden war. Von da an hat die Mitwirkung des Geheimraths Schmid zu Jena aufgehört, und es konnte von der Vollendung des Gebäudes wenigstens in dem Sinne, wie es unter seiner Theilnahme angefangen worden war, nicht mehr die Rede sein. Wie man auch über den hier in seinen allgemeinsten Umrissen dargestellten Plan der Friedensgerichte urtheilen möge, so wird man nicht leugnen können, daß er, wenn er gelang, zu wichtigen Resultaten führen mußte, und daß es interessant gewesen wäre, ihm die Feuerprobe der Erfahrung zu verschaffen. Eine nähere wissenschaftliche Darstellung desselben wird nicht ausbleiben. (3) Friedlander (Ludwig Hermann), Professor der Medkcin zu Halle, wurde den 29. Aug. 1790 zu Königsberg in Preußen geboren. Er erhielt seine Schulbil- M,'^ ^ NAiAl ^ Ms, 5" .. - Friedländer ^Ung^ dung in der dortigen altstädtischen Stadtschule, deren Rector damals der durch seinen s anregenden Unterricht seinen Schülern unvergeßliche Johann Michael Hamann, ein chtigt^ Sohn des berühmten Johann Georg Hamann, war. Auf der Universität zu Königs- rufe ^ v berg setzte F. das stets mit Liebe getriebene Studium der alten und neuern Sprachen > fort und hörte philosophische Vorlesungen, namentlich bei dem geistreichen Kraus. Von großem Einfluß auf seine Bildung war seine nahe Verbindung mit einem Kreise ausgezeichneter Frauen und strebender junger Männer, deren Seele Max von Schenkendorf war. Später ergriff F. das Studium der Medicin und erlangte y w ^ 1812 nach Verteidigung seiner „Dissertntio inau^uralls extübens upllorismos H/elk» lernen, vorzüglich aber um seinen schon früher in Dresden geweckten Kunstsinn cHiz'tM- zu befriedigen, wozu der tägliche Besuch des Aluse« Napoleon, des Luxembourg svchtchrM u. s. w. die beste Gelegenheit bot. Nachdem er im Spätherbst seinen Ab- ,!M MM schied als Feldarzt genommen, begab er sich nach Karlsruhe zu se-nem Freunde MrMzr Schenkendorf, wo er einen Theil des Winters verlebte, und wo der Umgang mit ÄkmW Frau v. Krüdener, Jung - Stilling, Ewald nicht ohne großen Einfluß auf ihn und mtMü auf sein ganzes ferneres Leben blieb. Von Karlsruhe ging er über München ümDch« nach Wien, hauptsächlich um hier den Unterricht des berühmten Beer in der Au- MrM genheilkunde zu genießen und seine medicinische Ausbildung zu vollenden. Auch .seAM: während seines halbjährigen Aufenthalts in Wien setzte er in den dortigen rei- M öffentlichen und Privatsammlungen das Studium der bildenden Kunst eifrig - fort, sich zur Reise nach Italien vorbereitend, die er im Sommer 1815 antrat. . Nachdem er fast ein Jahr in Italien zugebracht, kehrte er nach Berlin zurück, ^ - wo seiner frühen Neigung zum akademischen Leben die ihm gegebene Veranlassung, sich in Halle als Privatdocent der Medicin zu habilitiren, sehr erwünscht kam. Er wurde 1819 zum außerordentlichen und 1823 zum ordentlichen Professor in der medicinischen Facultät zu Halle ernannt. Hier hielt er erfolgreiche - Vorlesungen über Encyklopädie und Methodologie der Medicin, Anthropologie, Psychiatrie, allgemeine Pathologie und Pharmakologie, auch über den Hippo- und Celsus, stets bemüht, dem handwerksmäßigen Treiben in der Wissen- entgegenzuwirken. Von seinen Schriften sind zu nennen: „De Institution« aiiM» Al! meäicinam litirl ckuo" (Halle 1823), welches Buch am meisten F.'s wackere und achtbare moralische und wissenschaftliche Richtung erkennen läßt. Seine „?unäamenta eloctrinae patkologicae" (Leipzig 1828) sind, wie die vorge- nannte Schrift, im besten Latein geschrieben und beide Werke werden auf nieh- heniNls reit Universitäten den Vorlesungen zu Grunde gelegt. Schon 1818 waren seine „Ansichten von Italien" (2 Bände) erschienen, in denen F. namentlich die Früchte seiner Studien über die bildende Kunst anziehend und auf eine Weise M ^ zusammengestellt hat, der man es wohl ansieht, daß es ihm Ernst mit dieser Rich- tung, und alles Gepränge daraus verbannt sei. Zu dem ,,Conversations-Lexikorst Blättern für literarische Unterhaltung" und der „Allgemeinen Literaturzeitung" F hat er viele Beiträge geliefert; an mehren Zeitschriften und namentlich an den „Blättern für literarische Unterhaltung" und der „Allgemeinen Literaturzeitung" < ^ ^ fleißiger Mitarbeiter. Bei letzterer wurde ihm nach dem Tode des Pro- 112 Friedrich (Herzog zu Sachsen-Altenburg) fessors Ersch die Redaction der medicinischen Partie übertragen. Den Sommer 1828 verwendete er zu einer wissenschaftlichen Reise nach Holland, Großbritannien und Irland, wovon wie überhaupt von seinem redlichen Fleiße wir noch mancher Ausbeute entgegensehen dürfen. (38) Friedrich, Herzog zu Sachsen-Altenburg und Senior des Ernestinischen Hauses Sachsen, wurde am 39. April 1763 zu Hildburghausen geboren, der einzige Sohn des Herzogs Ernst Friedrich Karl von Sachsen-Hildburghausen und dessen dritter Gemahlin, Ernestine Auguste Sophie, Tochter des Herzogs Ernst August von Sachsen-Weimar. Das kleine Fürstenthum Hildburghausen, das auf 10 lD Meilen gegen 30,000 Einwohner zahlte, und dessen Einkünfte sich nur auf 300,000 rheinische Gulden beliefen, hatte das Schicksal, im 18. Jahrhundert zwei Mal unter die Verwaltung kaiserlicher Debitcommissionen zu kom men, die den zerrütteten Staatshaushalt zu ordnen eingesetzt wurden. Die Schuldenlast, die sich unter der Regierung des 1734 gestorbenen Herzogs Ernst Friedrich I. aufgehäuft hatte, wurde theils durch die Folgen des siebenjährigen Kriegs, theils durch die verschwenderische Hofwirthschaft des Herzogs Ernst Friedrich Karl ^ so sehr vermehrt, daß sie 1709 über vier Millionen Gulden betrug, unter welchen ^ über dritthalb Millionen Wechselschulden waren. Der Oheim des Herzogs, der kaiserliche Generalfeldmarschall Prinz Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen, der in demselben Jahre an die Spitze der Debitcommission trat, nahm bald ^ nachher den Erbprinzen Friedrich mit sich nach Wien, um ihn unter seiner Leitung erziehen zu lassen, und nach dem 1780 erfolgten Tode des Herzogs trat er als Vormund die Regierung des Landes an, für dessen Verwaltung er treulich sorgte. Als der Prinz 1784 mündig geworden war, überließ er mit kaiserlicher Genehmigung die weitere Führung der Regierung seinem achtzigjährigen Großoheim, nach dessen Tode 1787 er selber die Verwaltung übernahm. Die kaiserliche Debitcommission dauerte indeß fort unter der Oberaufsicht des Herzogs Georg von Meiningen und des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg - Streich, mit dessen Nichte, Eharlotte, der Schwester der Königin Louise von Preußen, Herzog Friedrich seit 1785 vermählt war. So groß die Schwierigkeiten waren, die der zerrüttete Staatshaushalt und die von der Debitcommission verordneten Einschränkungen entgegensetzten, und die seit dem Anfange des Rcichskrieges gegen Frankreich noch vermehrt wurden, so geschah doch Manches für die Beförderung der Landescultur, und besonders wurde seit 1795 für das Schulwesen durch die Gründung eines Schullehrerseminariums, durch die Verbesserung des Unterrichts und die Stiftung neuer Dorfschulen und einer höhern Lehranstalt in Hildburghausen viel Erfreuliches gewirkt. Wie der Herzog hier thätig eingriff, sorgte er auch für die Verbesserung der Waisenerziehung, für die Vervollkommnung der Armenpolizei durch Unterdrückung der Bettelei und Anlegung einer Industrieschule und für die Gesundheitspflege, welche besonders auch durch die, seit 1809 verordnete Verbreitung der Schutzpockenimpfung gefördert wurde. Mit der Auslösung des deutschen Reiches Hörle zwar die Wirksamkeit der Debitcommission auf, aber die Ereignisse seit 1806 brachten dem kleinen Lande neue Gefahren und Bedrängnisse. Als der Kurfürst von Sachsen mit Frankreich Frieden geschlossen hatte, war der Herzog unter seinen Stammvettern der erste, der sich dem Rheinbunde anschloß, um die Selbständigkeit des Landes zu retten, ein Ver- hältniß, das neue schwere Opfer herbeiführte. Nach der Stiftung des deutschen Bundes war der Herzog unter den sächsischen Fürsten einer der ersten, welche die landständische Verfassung im Sinne der Bundesacte ordneten, indem er 18l7 die Mängel der alten Einrichtung, welche der Ritterschaft das Übergewicht über die Städte gab, aufhob; und obgleich er die alte ständische Repräsentation beibehielt, so gab er doch auch dem Bauernstande gewählte Wortführer und nahm Friedrich jAugust (Mitregent von Sachsen) IIZ eine Vertretung der Geistlichkeit in das neue Grundgesetz*) auf. Als 1825 durch den Tod des Herzogs Friedrich die Linie Sachsen-Gotha und Altenburg erlosch, entstanden schwierige Verhandlungen unter den drei Hausern der jüngern ernesti- nischen Linie, Koburg, Meiningen und Hildburghausen, bis 1826 unter der Vermittelung des Königs vor. Sachsen ein Vergleich geschlossen wurde. Der Herzog überließ Hildburghausen an Meiningen und erhielt durch die Erwerbung des Fürstenthums Altenburg einen so ansehnlichen Gebietszuwachs, daß seine Besitzungen jetzt einen Flachenraum von 23 iH Meilen begreifen. Er reiste am 17. Nov. 1826 mit seinem Hofe nach Altenburg ab und heißt seitdem Herzog von Sachsen-Altenburg (s.d.). Das Bedürfniß einer Verbesserung der Verfassung und der Verwaltungsgrundsatze mußte sich hier um so mehr regen, als die Kosten einer eignen Hofhaltung die öffentlichen Ausgaben vermehrten. Besonders aber gaben einige drückende Steuern, Beamtenwillkür und Mangel der Gemeindeverfassung, welche die wirkliche Vertretung der Bürgerschaft auf dem Landtage vereitelten, auch hier in den stürmischen Septembertagen 1830 Anlaß zu drohenden Volksbewegungen. Der Herzog erschien alsbald in der Mitte des Aufftandes seiner Hauptstadt und hörte auf dem Stadthause die Beschwerden der Bürger an. Seine beruhigenden Worte stillten den Sturm. Als er am 14. Sept. die Stimme der Vorsprecher der Bürgerschaft vernommen hatte, versprach er in einer Bekanntmachung eine verbesserte Einrichtung des Stadlraths und eine weitere Ausbildung der landständischen Verfassung und strenge Handhabung des Staatshaushalts. Am 29. April 1831 wurde das Grundgesetz gegeben und 1832 der erste Landtag nach den neuen Verfassungsformen gehalten. Friedrich August, Mitregent und Thronerbe des Königreichs Sachsen, ist der älteste Sohn des Prinzen Maximilian, jüngern Bruders des regierenden Königs Anton, und dessen erster Gemahlin, einer geborenen Prinzessin von Parma. Er wurde den 18. Mai 1797 geboren, verlor aber seine Mutter schon im siebenten Jahre, nachdem er kurz zuvor mannlicher Pflege unter der Aufsicht des Oberhofmeisters Generals von Forell, eines wegen reiner Sitten und Grundsatze geschätzten Mannes, der aus der französischen Schweiz stammte, war anvertraut worden. Der junge Prinz wurde späterhin, gemeinschaftlich mit seinen beiden Brüdern Clemens und Johann, durch mehre Lehrer mit aller Gründlichkeit in den Elementarwissenschaften unterrichtet. Kaum hatte er sein zwölftes Jahr vollendet, als er 1809 mit den übrigen Gliedern der königlichen Familie Dresden verließ, das in Abwesenheit der bei Napoleons Heer in Ostreich befindlichen sächsischen Truppen feindlichen Einfällen bloßgestellt war. Nachdem er bis zum Jun. 1809 in Leipzig, dann bis in die Mitte des Augusts desselben Jahres in Frankfurt a. M. die ersten Eindrücke fremder Ortlichkeit empfangen und auf manche bedeutende Persönlichkeit aufmerksam geworden war, kehrte er anfangs nach Leipzig und zu Ende des Octobers nach Dresden zurück. Bis zu seinem siebzehnten Jahre setzte der Prinz seine Studien mit wachsendem Ernste fort. Zu Anfang des Jahres 1813 zwangen die kriegerischen Ereignisse die königliche Familie abermals das Vaterland zu verlassen; sie reiste über Baireuth nach Regensburg und im April über Linz nach Prag. Als König Friedrich August nach der Schlacht bei Lützen in seine Hauptstadt zurückkehrte, verließ Prinz Friedrich ebenfalls Prag und folgte bald seinem Oheim. Nach kurzem Aufenthalte in dem vielfach heimgesuchten Vaterlande im Nov. 1813 reiste er mit seinem Vater und seinen Geschwistern wieder nach Prag, wo er *) S. „Europäische Constitutionen^, Bd. 3 (Leipzig 18Z0) und Bd. 1 der neuen Aufl. (Leipzig 1332). Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 8 114 Friedrich August (Mitregent von Sachsen) anderthalb Jahre blieb und wahrend dieser Zeit nicht nur mit reifendem Geiste dem hohem Unterrichte seiner Lehrer folgte, sondern auch sichtbaren Nutzen aus dem Umgange mit den, durch wissenschaftliche Bildung ausgezeichneten Gliedern der höhern Kreise der Hauptstadt Böhmens zog. Der Entschluß, welchen Friedrich August 1815 nach Napoleons Rückkehr auf französischen Boden faßte, seine beiden ältesten Neffen an dem Feldzuge Theil nehmen zu lassen, gab zunächst Veranlassung, daß sich dieselben unter der Leitung des Generallieutenanrs von Watzdorfs von Prag nach Presburg, wo der König seit den 4. März 1815 sich aufhielt, begaben. Beide Prinzen reiften im Mai in das Hauptquartier des Fürsten von Schwarzenberg. Außer dem General von Watzdorfs und zwei sächsischen Generalftabsofsizieren, wurde ihnen auch ein ausgezeichneter öftreichischer Stabsoffizier beigegeben. Mit liebevollem Interesse trug der Erzherzog Ferdinand von Este, Anführer der östreichischen Reservearmee, in dessen Hauptquartier zu Di- jon sich die Punzen begeben hatten, selbst wesentlich dazu bei, sie in das Praktische des Kriegs einzuweihen. Die entscheidende Schlacht von Waterloo raubte ihnen die Hoffnung, an einem Gefechte Theil zu nehmen. Sie begaben sich nach Paris und widmeten einen großen Theil ihrer Zeit der Besichtigung oller Merkwürdigkeiten der französischen Hauptstadt. Prinz Friedrich und sein Bruder besuchten darauf Karlsruhe, Stuttgart und München und kehrten im Ott. 1815 nach Dresden zurück. Die Leitung der Erziehung aller drei, nun wieder vereinten Prinzen wurde 1816 dem General von Watzdorfs, einem welterfahrenen, patriotisch gesinnten Manne, anvertraut. Als Gehülfe und für den Unterricht im praktischen Mili- tairdienste ward ihm der Major von Cerrini, jetzt Oberbefehlshaber der sächsischen Truppen, beigeordnet. So einflußreich auch die vielfachen geistigen Bereicherungen, mit welchen Prinz Friedrich heimgekehrt war, sich bewiesen, so eifrig und un- gestört setzte er nun seine Studien in der Einförmigkeit des häuslichen, patriarchalisch.« Lebens der königlichen Familie fort. Juristische, staatswissenschaftliche und militairische Studien fesselten vorzüglich seine ganze Aufmerksamkeit, während er in den Naturwissenschaften und der Kunst erwünschte Erholung fand. Der Prinz wurde 1818 Generalmajor und trat 1819 auch in praktische Beziehung zu den Staatsgeschäften, indem er den Sitzungen des Geheimenraths und der übrigen höchsten Staatsbehörden beiwohnte. Im Herbst der Jahre 182V und 1821 führte der Prinz bei der Zusammenziehung der Truppen eine Jnfanteriebrigade, zu deren wirklichem Chef er im Nov. 1822 ernannt ward. Kurz vorher hatte er Sitz und Stimme im Gehcimenrathe erhalten. Im Sommer 1824 bereiste er Belgien und Holland und ging 1825 nach Paris, wo er besonders im Familienkreise des jetzigen Königs der Franzosen und in dem Umgange mit den ausgezeichnetsten Mannern Frankreichs, sowie in den Werkstätten der talentreichften französischen Künstler ebenso viel Genuß als Belehrung fand. Er erwartete dort seinen Vater, der seiner Tochter, der Königin Josephe von Spanien, einen Besuch in Madrid abgestattet hatte, und kehrte mit ihm und seiner ältesten Schwester, der Prinzessin Amalie, nach Dresden zurück. Im Sommer 1828 besuchte der Prinz, begleitet von dem jetzigen Leibarzt Carus und dem Professor an der Kunstakademie zu Dresden, Ferdinand Hartmann, den größten Theil Italiens. Wurde auf dieser Reise sein Geschmack für die klassischen Werke der Kunst erhöht, so verminderte sich nicht seine Liebe für vaterländische Kunstleistung. Er sandte nie bedeutende Summen ins Ausland, fremde Kunstwerke zu erwerben, unterstützte aber oft junge vaterländische Künstler auf ihren Wanderungen zu den Vorbildern der Vorzeit, und zierte dann seine anspruchslosen Wohnungen mit den heimgebrachten Zeugnissen ihres Talents und ihres Fleißes. Au den Kunstschatzen, in deren Besitz er ist, gehört auch eine treffliche Kupferstich sammiung, die er selbst angelegt hat und fortdauernd bereichert. Nach dem Tode Friedrich (Fürst von Hoyenzollern-Hechingen) Il5 seines Oheims ward er der Erbe der botanischen Anlagen, die der König in Pillnitz geschassen hatte, und um diese Schatze desto treuer pflegen zu können, widmete er sich mit erfolgreichem Eifer dem Studium der Pflanzenkunde. Prinz Friedrich war am 23. Jul. 183(5 an die Stelle des in der Schweiz verstorbenen Generals von Lecoq zum wirklichen General und Oberbefehlshaber des Heeres ernannt worden, als bald nachher die entscheidenden Ereignisse der Scptem- bertage ihn zu einer eingreifendern Wirksamkeit riefen. Gleich nach dem Ausbruche der Unruhen in Dresden ward er von dem Könige an die Spitze der zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ruhe verordneten Commission gestellt, und konnte schon diese Ernennung dem Volke, das mit Vertrauen auf ihn blickte, Beruhigung geben, so sah es die Bürgschaft einer bessern Zukunft, als am 13. Sept., nachdem Prinz Maximilian, der Eingebung der edelsten vaterlichen Zärtlichkeit folgend, zu Gunsten seines ältesten Sohnes auf die eventuelle Thronfolge verzichtet hatte, der König dem Prinzen Friedrich als Mitrcgenten die unmittelbare Theilnahme an der Ausübung der obersten Staatsgewalt übertrug. (S. Dresden im Jahre 1830 und Sachsen.) Überzeugt von derNoth- wendigkeit zeitgemäßer organischen Verbesserungen der Volksvertretung, sowie der Staatsverfassung und Verwaltung, geleitet durch Liebe und Vertrauen zum sächsischen Volke, durch gründliche Kenntniß des Rechtes Aller, seiner tiefsten und heiligsten Quellen, erschien ihm der 4. Sept. 1831, wo die neue Verfassung deS Landes vom Throne ertheilt und beschworen ward, zum Theil als eine Belohnung seiner vielfachen Anstrengungen, zum Theil als eine neue Auffoderung zu vielseitiger und segensreicher Thätigkeit, der er sich jetzt auf eine beinahe jede Erholung ausschließende Weife hingibt. Seine Ehe mit der Erzherzogin Karoline von Oftreich, mit welcher der Prinz seit 1819 vermählt war, wurde 1832 durch den Tod getrennt. Friedrich (Hermann Otto), Fürst von Hohenzollern-Hechingcn, wurde am 22. Jul. 1776 zu Namur geboren, wo sein 1810 verstorbener Vater, der regierende Fürst Hermann Friedrich Otto, und seine Mutter, aus dem niederländischen fürstlichen Geschlechte Havre, lebten, während sein Großoheim Joseph Wilhelm die Regierung führte. Der Prinz ward in Hechingen erzogen, erhielt seine erste Bildung auf der Karlsschule in Stuttgart, besuchte die Universitäten Dillingen, Salzburg, Tübingen und Würzburg und machte sich darauf in Wien, wo er bei dem Reichshofrath arbeitete, mit der Praxis der Rechtsgelehrsamkeit bekannt. Als sein Vater nach dem Tode des Fürsten Joseph Wilhelm 1798 zur Regierung gelangte, kehrte der Prinz nach Hechingen zurück und vermählte sich 1800 mit der Prinzessin Pauline, Tochter des Herzogs Peter (Biron) von Kurland und Sagan. Nach der Gründung des Rheinbundes machte er mehre Feldzüge unter Napoleons Heeren und zeichnete sich bei manchen Gelegenheiten rühmlich aus. Bei dem Antritt der Regierung hielt er an die Abgeordneten der Gemeinden seines Landes, das auf 6 HZ Meilen 21,000 Einwohner zahlt, eine würdige und herzliche Rede, worin er Gesinnungen und Zusagen aussprach, die er seitdem fortdauernd bethatigt hat. Die Landstände, aus 12 durch freie Wahl der Gemeinden berufene Abgeordnete des Bürger- und Bauernstandes bestehend, die sich jährlich im Frühlinge in Hechingen versammeln, erhielten mehre den Jeir- bedürfnissen angemessene Rechte; eine neue Gemeindeordnung gab den Gemeindegerichten eine bessere Einrichtung und führte die Verwaltung des Gemeindevermögens auf festere Grundsätze zurück. Durch einen mit dem Großherzogthum Baden 1821 abgeschlossenen Vertrag wurde das meist von Katholiken bewohnte Land dem in Freiburg errichteten neuen Bisthum zugewiesen und die kirchliche Verwaltung einem von dem katholischen Fürsten ernannten bischöflichen Com» 8* I 116 Friedrich (Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen) missair übergeben. Auf die Verbesserung der Schulen und die Einführung einer zweckmäßigen Unterrichtsweise wendete der Fürst besondere Sorgfalt. Die Rechtspflege wurde vereinfacht, von lastigen Förmlichkeiten befreit und das Gerichtsverfahren minder kostspielig gemacht. Nach einer so wohlthätigen Wirksamkeit konnte der Fürst, als die Bewegungen in Deutschland auch sein Land zu berühren drohten, in einer Bekanntmachung vom 3. Jan. 183!. sich wohl auf das Bewußtsein berufen, daß er das Vertrauen seines Volks verdiene, und zu Eintracht und Frieden ermahnend, ihm sagen, es werde bei irgend einem Zweifel über seine Rechtsverhaltnisse keinen wohlwollendem Rechtsfreund finden als ihn. Mit den Bedürfnissen und der Lage seines Landes genau bekannt, leitet der Fürst selbst die Verwaltung, Jedem aus seinem Volke zuganglich und einfach in seiner Lebensweise; durch Geistesbildung ausgezeichnet, widmet er die Zeit, welche die Sorge für die öffentlichen Angelegenheiten ihm übrig laßt, wissenschaftlichen Beschäftigungen. Friedrich (Karl Anton), Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen, wurde am 20. Sept. 1785 geboren. Sein Vater, Anton Alops, hatte für die Verwaltung des Landes, das auf einen Flächenraum von 1k gegen 40,000 Einw. hat, unter drangvollen Zeitumstanden manches Gute gewirkt, und es war ihm gelungen, die bedrohte Selbständigkeit seines Hauses zu retten, wozu seine Gemahlin, die seit 1786 in Paris lebte, durch kluge Benutzung der Zeitverhältnisse nicht wenig beitrug. Der Prinz vermahlte sich 1808 mit Antoinette Murat, der Bruderstochter des Königs Joachim von Neapel, die Napoleon vorher zur Prinzessin erhoben hatte, und diese Verbindung knüpfte das Band mit Frankreich noch fester. Die Leistungen aber, welche dem Fürsten nach der Stiftung des Rheinbundes aufgelegt wurden, waren ungeachtet eines ansehnlichen Gebietszuwachses um so drückender, da der Heerantheil, den er nach Spanien schickte, zwei Mal ergänzt werden mußte. Der Prinz folgte dem französischen Hauptquartier und wurde zu gefahrvollen Sendungen bestimmt. Während seines Vaters Lebzeit erwarb er sich durch die Teilnahme an den Berathungen der höchsten Behörde Kenntniß der Landesangelegenheiten, und als er nach dessen Tode am 17. Oct. 1831 zur Regierung gelangte, fand er mehre Zweige der öffentlichen Verwaltung in gutem Zustandc- Das Land war ohne Schulden, der Staatshaushalt sparsam, der Verwaltungs. organismus durch besondere Verordnungen von 1817 und 1821 geregelt, die Rechtspflege gut geordnet, das Schulwesen seit 1809 durch die thätig eingreifende Sorgfalt des verstorbenen Fürsten wesentlich verbessert, die Armenpflege durch die Theilnahme der Gemeindebehörden und gewählten Ausschüsse wohl- thatig wirksam, der gewerbliche Verkehr durch den Zoll- und Handelsvertrag mit Würtemberg seit 1824 gefördert, aber es fehlte an demjenigen politischen Bande zur innigen Vereinigung der verschiedenen Landestheile, das nach dem Ausspruche der Bundesacte gefodert werden konnte, und ohne welches die Verwaltungsgrundsätze ohne Gewährleistung bleiben. Der erste Schritt, den der Fürst nach seinem Regierungsantritt that, deutete an, daß diese Foderung unter seinem Volke laut geworden war. Er berief im November 1831 die Landstände, um durch Übereinkunft mit ihnen eine Verfassungsurkunde zu Stande zu bringen. Der Entwurf, welchen die Regierung vorlegte, gab jedoch der ständischen Wortführung einen so beschränkten Spielraum, daß die öffentliche Meinung in Deutschland sich ebenso wenig mit demselben befreunden konnte, als die Stände selbst zur Annahme geneigt waren. Die Regierung löste die Versammlung im Mai 1832 auf und verordnete neue Wahlen, mit der Bestimmung, daß die Zahl von 10 Abgeordneten auf 20 erhöht werden sollte. Im September erfolgte die Verordnung, die Abgeordneten alsbald nach einer neuen von der Regierung gegebenen Wahlordnung zu ernennen. Friedrich Wilhelm (Kurprinz und Mitregent von Hessen) 117 Friedrich Wilhelm, Kurprinz und Mitregent von Hessen, geboren am 20. Aug. 1802 zu Hanau, ist der einzige Sohn des Kurfürsten Wilhelm ll. von Hessen und seiner Gemahlin Auguste Friederike Christiane, Tochter des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Der Prinz genoß seit 1815 den Unterricht des jetzigen Professors Suabedissen zu Marburg, der ihn auch auf die Universitäten Marburg und Leipzig begleitete. Als die Verbindung des Kurfürsten mit der Gräfin Reichenbach das friedliche Verhaltniß mit seiner Gemahlin gestört hatte, die ihren Aufenthalt im Auslande nahm, lebte der Prinz eine Zeitlang in der Nahe seiner Mutter, theils in Bonn, theils in Fulda. Er war wieder in Kassel, als im Sept. 1830 der Aufstand ausbrach, und durch die freundlichen Zusicherungen, mit welchen er am 15. September unter die aufgeregten Bürger trat, trug er dazu bei, heftigere Ausbrüche zu verhüten. Bald nachher ward er von seinem Vater nach Hanau geftndet, wo die Unzufriedenheit über die bestehenden Zolleinrichtungen drohende Bewegungen erregt hatte, und die Versicherungen, die er dem versammelten Volke gab, die Zusage der Abschaffung der verhaßten Zollgesetze und der Gewährung einer landftän- dischen Verfassung, bereiteten dem Aufrufe, den er am 28. September erließ, eine so günstige Aufnahme, daß die Ruhe bald hergestellt wurde. Der Kurfürst fühlte sich indeß besonders durch die Erbitterung, welche gegen die Gräfin Reichenbach herrschte, und durch die, von vielen Bürgern der Hauptstadt im November 1830 ausgesprochene Bitte, der Gräfin die Rückkehr nach Hessen nicht zu gestatten, so empfindlich verletzt, daß er bald nach der Bekanntmachung der neuen Verfassung sich entschloß, Kassel zu verlassen und seinen Aufenthalt feit dem April 1831 in Hanau zu nehmen. Vergebens baten ihn die Bürger der Hauptstadt und die versammelten Stände, in ihre Mitte zurückzukehren, bis er endlich im September den Standen seinen Entschluß erklärte, den Kurprinzen zum Mitregenren anzunehmen. Der Prinz, der während dieser Zeit in Fulda wohnte, hatte seit mehren Jahren eine Verbindung mit der Gattin des preußischen Lieutenants Lehmann angeknüpft, welche von dem katholischen Glauben zur protestantischen Kirche übergegangen war, um die beabsichtigte Scheidung ausführen zu können. Im August erklärte der Kurprinz, daß er mit ihr, die bereits den Namen Frau von Schaumbucg angenommen hatte, eine morganatische Ehe eingegangen fei. Nach spätem Bekanntmachungen wurde sie zur Grasin von Schaumburg erhoben, mit der Bestimmung, daß die in dieser Ehe erzeugten Kinder den Namen Grafen und Gräfinnen von Schaumburg führen sollten. Am 30. Sept. 1831 übertrug der Kurfürst dem Prinzen die Mitregentschaft und, bis er wieder seinen bleibenden Aufenthalt in der Hauptstadt nehmen würde, die alleinige Regierung. Im October hielt der Prinz seinen Einzug in Kassel und ihm folgte bald seine Gemahlin. Schien die glückliche Vermittelung, die der Prinz in der Zeit der heftigsten Aufregung übernommen hatte, ihn der Gunst des Volkes empfehlen zu können, so mußte das gespannte Verhältniß zwischen ihm und seiner Mutter, welche mit der Ehe des Prinzen unzufrieden war und die Gräfin von Schaumburg nicht als die Gemahlin ihres Sohnes anerkennen wollte, um so nachtheiliger auf die öffentliche Meinung wirken, je mehr das Volk an dem Schicksal der Fürstin, die seit 1831 wieder in Kassel lebte, lebhaften Antheil genommen hatte. Der Prinz machte nach dem Antritte der Regierung manche Einschränkungen in dem Hofhaushalte und schien um die Gunst des Volkes sich bewerben zu wollen, doch wendete er seine Sorgfalt besonders dem Militairwesen zu. Die Gemüther waren bereits durch die Vereitelung mancher Erwartung, die man von der neuen Regierung gehegt hatte, aufgeregt, als am 7. December gegen die zahlreich versammelten Bürger, welche der Kurfürstin bei ihrer Rückkehr aus dem Schauspielhause einen Beweis ihrer Verehrung geben wollten, die Besatzung einschritt und nach der ohne Veranlassung erfolgten Verlesung des Aufruhrgesetzes Gewalt gebraucht wurde. Die Erbitterung über 118 Friedrich Wilh. (Kronpr. v. Preußen) Friedrich (Pr. d. Niederl.) diesen Vorgang war um so größer, da man darin eine Herausfoderung zum Aufruhr und die Wirkung des Einflusses zu sehen glaubte, den man einer aristokratisch- militairischen Partei zuschrieb, zu welchen man einige der nächsten Nachgebet und Vertrauten des Prinzen rechnete. Es ward auf die von der Standeversammlung ausgegangene Anregung einer Untersuchung des unglücklichen Ereignisses angeordnet, deren Erfolg aber so lange verzögert wurde, daß die Verstimmung nur zunahm. Zwar wurde zwischen dem Prinzen und der Kurfürstin spater eine Aussöhnung ge» stiftet, aber dagegen zwischen der Regierung und den Standen das Verhaltniß im, mer gespannter, und es schien sich immer mehr die Wirksamkeit einer, der neuen Ordnung der Dinge feindlichen Reaction zu zeigen, die endlich in der Auflösung der Ständeversammlung (1832) ihren Sieg feierte. Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preußen, geb. den 15. Oct. 1795, zeigte schon in frühester Jugend einen lebhaften, für alles Edle und Schöne empfänglichen Sinn und unter der sorgfältigen Pflege einer liebenden Mutter, die es im vollsten Sinne des Wortes war, wurden diese Keime gepflegt und entwickelt, während der königliche Vater dem dereinstigen Erben des Thrones frühzeitig diejenige Laufbahn anwies, welche für den Herrscher eines Staats, der vornehmlich auf den Waffen und der Intelligenz beruht, die angemessenste sein dürfte. Unter der Leitung von Delbrück und Ancillon in Schulwissenschaften und Philosophie, unter der von Scharnhorst und von dem Knesebeck in Militärwissenschaften unterrichtet, ging der Kronprinz später zu einem akademischen Cursus der Rechts- und Staatswissenschaften unter Savigny, Ritter und Lan- cizolle über, wobei die Vorliebe und das ausgezeichnete Talent für die zeichnenden Künste durch Schinkel, Rauch und andere berühmte Meister, deren Umgang dem Kronprinzen noch gegenwärtig heitere Stunden der Erholung gewährt, gepflegt wurden. Wie aber Göthe so wahr sagt, daß sich ein Talent wol in der Stille, ein Charakter nur im Strom der Welt bilden könne, so findet dies auch auf den Kronprinzen Anwendung, dessen früheste Jugend in die unglückliche Katastrophe nach der Schlacht von Jena, dessen Jünglingsjahre in die schöne Zeit der Begeisterung des Befreiungskrieges fallen. Der Kronprinz wohnte den meisten Hauptschlachten der Feldzüge 1813 und 1814 bei, und wenn er auch noch viel zu jung war, um schon selbst ein Commando führen zu können, so war der Krieg selbst und der Geist, mit welchem er geführt wurde, die beste Schule für einen deutschen Fürstensohn. Die Kunstschätze in Paris gaben seinem empfänglichen Gemüthe eine bestimmtere Richtung auf die Kunst und noch mehr wurde diese durch eine Reise nach Italien gefördert. Seinem Kunstsinne verdankt der ehemalige Sitz der Hochmeister des deutschen Ordens, die Hochburg zu Marienburg, ihre Wiederherstellung, und seit 1824 war der Prinz eifrig bedacht, die prächtigste Burg Preußens vor dem Verfall zu retten und mit alterthümlichen Emblemen und Glasgemalden im Geiste der ursprünglichen Anlage zu schmücken. Dieser großen und entschiedenen Vorliebe für die Kunst widmet der Kronprinz jedoch nur seine Erholungsstunden, da seine Zeit durch die Arbeiten im Staatsministerium und in dem Staatsrathe sowie durch sein Militaircommando in Pommern vielfach in Anspruch genommen wird. Seit dem 29. Nov. 1823 ist der Kronprinz vermählt mit Elisabeth Ludovike, Tochter des Königs Maximilian von Baiern, geb. den 13. Nov. 1801. (20) Friedrich (Wilhelm Karl), Prinz der Niederlande, jüngerer Sohn des Königs Wilhelm I. und der Königin Wilhelmine, geb. Prinzessin von Preußen, geb. den 28. Febr. 1797, theilte gleich seinem Bruder, dem Prinzen von Oranien und Thronfolger der Niederlande, das Exil des Vaters und die wechselreichen Trübsale desselben während der verhängnißvollen Zeit der batavisch-französi'schen Revolution und der Kaiserregierung. Unter des Vaters Augen erhielt der hoffnungsvolle Friedrich (Prinz der Niederlande) 119 Jüngling eine sorgfaltige Erziehung und erwarb sich viele wissenschaftliche Kenntnisse; dabei war sein gefühlvolles Herz an die schönste humane Richtung früh gewöhnt, wiewok es ihm auch für kriegerisches Wesen keineswegs an Neigung fehlte. Besonders wohlthätig wurde für ihn der Aufenthalt in Berlin, wo Niebuhr ihn kennen lernte und seine ganze Aufmerksamkeit ihm widmete. Noch in spaterer Zeit sprach der berühmte Mann mit Wärme und Interesse von seinem fürstlichen Pflegling, und der Prinz nahm oft auf sein Fürwort und Urtheil Rücksicht. Nachdem die hollandische Revolution seinen Vater auf den Thron von Holland und der wiener Congreß auf den der wiedervereinigten Niederlande erhoben, erhielt Prinz Friedrich den besondern Titel eines „Prinzen der Niederlande" und wurde nach und nach mit zur Theilnahme an den Geschäften gezogen. Er vermählte sich 1825 mit der Prinzessin Louise von Preußen. Zum Generaladministrator des Kriegsdepartements und später zum Admiral des Königreichs ernannt, leistete er durch seine unermüdliche Thätigkeit, seinen ausdauernden Eifer, seine Pünktlichkeit im Kleinen wie im Großen, durch seine vielfachen theoretischen Kenntnisse in allen Zweigen des ihm anvertrauten Faches, durch sein zugleich mildes und ernstes Wesen und eine seltene Leutseligkeit gegen seine subalternen Beamten ausgezeichnete Dienste, und sah nach Verlauf von 14 Jahren seine Bemühungen vom schönsten Erfolge gekrönt. Das auf tiefer Stufe übernommene Militair hatte einen neuen Geist und eine echt constitutionnelle Gesinnung erhalten. Der Prinz wurde der Liebling des Heeres, aber auch der des Volkes, da er ebensowol in Sitten und Angewöhnungen der erste Bürger, als der erste Soldat des Vaterlandes in Erfüllung aller Pflichten gegen dasselbe bei jeder Gelegenheit sich bethätigte. Mehr als den Belgiern, obgleich auch diese ihn schätzten, ward er den Holländern angenehm, deren Neigung und Stimmung sein ernsteö und gehaltenes Wesen zusagte. Der Prinz wirkte außerhalb des Kriegsdepartements uberall, und so oft seine Muße es ihm erlaubte, auch für Künste und Wissenschaften; er nahm Theil an gelehrten Gesellschaften, unterstützte oder empfahl Gelehrte und Künstler und ließ sich besonders das Werk der Aufklärung in den noch minder hellen Provinzen des Reiches sehr angelegen sein. Als Oberstuhlherr der Nationalfreimaurerloge, welche von oben herab beschützt wurde und auf die Volksbildung in den Niederlanden großen Einfluß übte, erwarb er sich nicht minder Verdienste. Die 1828 erfolgte Auflösung des schweizerischen Solddienstes wurde vorzüglich dem Prinzen und dem General von Evans zugeschrieben, welche beide dem patriotischen Gefühl und dem Nationalstolze der Holländer damit ein Opfer gebracht. Allein die nahern Beweggründe und Umstände dieser Sache, die von Vielen als ominös und als belgische Jntrigue am Vorabende einer lange zuvor eingeleiteten Revolution betrachtet wurde, sind noch nicht ganz bekannt, und so muß demnach das Urtheil hierüber verschoben werden. Als jene Revolution im Sept. 1830 ausbrach, fand man an den allzu sanften Maßregeln des Prinzen Friedrich mancherlei zu tadeln; allein das Herbe dieses Tadels muß vor der Rücksicht verschwinden, daß einerseits der Chef des Kriegsdepartements durch höhere königliche Befehle gebunden war, andererseits aber die Ordres des Prinzen durch ungetreue und ungeschickte Generale und Oberofsiziere gleich sehr vereitelt oder nur halb ausgeführt wurden. Überhaupt kann bei der damaligen Demoralisation in der belgischen Armee, welche durch die Clubbisten nach und nach zu Stande gebracht, und durch welche jede kräftige und zusammenhängende Operation vereitelt worden war, die Schuld nur spärlich der höhern Leitung beigemessen werden. Die Sendung nach Antwerpen, wohin der Prinz mit seinem Bruder Oranien abgeordnet ward, und der Aug nach Brüssel scheiterten an der Menschenfreundlichkeit des Prinzen, an wiederholten Instructionen aus dem Haag, eS nicht zum Äußersten kommen zu lassen, an der Treulosigkeit Derjenigen, welche theils 5 l20 Fries die Nacionaltruppen als Befreier durch Adressen hineinlockten, theils durch Verbreitung falscher Proklamationen den Fanatismus wider die Hollander aufregten. Es ist nunmehr aktenmäßig erwiesen, daß die vom Prinzen Friedrich befehligte Erpedition nicht zu einer Belagerung, noch Beschießung, sondern zu friedlichem Einzug gerüstet und kaum mit dem notwendigsten Schießbedarf versehen vor Brüssel erschien. Alle übrigen Angaben sind erdichtet. Nach vier mörderischen Tagen nahe am Ziel, wurde der Prinz durch sein Gefühl besiegt, und statt noch einen letzten Angriff zu wagen, welcher die Kraft der bereits entmuthigten und zur Capitulation geneigten Insurgenten (vergl. „Lsquisses Ue In revolution beige") gebrochen haben würde, zog der Prinz freiwillig ab, sodaß sein zur Nachtzeit bewerkstelligter Rückzug aus dem Park, an welchen die Revolutionnairs, eine Hinterlist vermuthend, lange nicht glauben mochten, einen Anstrich von Flucht und Verzweiflung erhielt, was mit den Umstanden, unter denen er vollbracht wurde, völlig im Widerspruche stand. Von dieser Katastrophe an widmete sich Friedrich, in der Neigung der Hollander täglich höher gehoben, mit verdoppelten Anstrengungen der Reorganisation des regulairen Heeres und der Schuttereien. Er stellte eine von Sehnsucht nach Kampf mit dem Feinde und von Vaterlandsliebe glühende Armee von 130,000 Mann seinem Bruder zur Verfügung dar und begnügte sich, als im August 1831 das Glück die niederländischen Waffen wieder segnete, in edler Resignation mit dem zweiten stillern Ruhme. Der Nationalstolz jubelte dem Sieger von Hasselt und Löwen entgegen; aber alle dankbaren Herzen wendeten sich zugleich dem Wiedererwecker des alten Geistes im Heere zu. (33) Fries (Elias), Professor der Botanik zu Lund, wurde am 15. Aug. 1794 im Sprengel Femsio im Stifte von Wexiö geboren. Schon von frühester Kindheit an zog ihn ein unwiderstehlicher Trieb zur sinnigen Naturbetrachtung hin und seine Verhältnisse verstatteten ihm, denselben zu befriedigen und auszubilden. Sein Vater war Pfarrer des Sprengels und besaß selbst einige Kenntnisse in der Botanik, sodaß er anfangs dem begeisterten Sohn zum Führer bei feinen botanischen Wanderungen dienen konnte. Noch ehe F. die Universität bezog, kannte er schon alle in den heimathlichen Umgebungen wachsenden Pflanzen; da er aber mehre Krypto- gamen noch nicht in seinen Lehrbüchern fand, so trug sie der Knabe selbst im System ein und gab ihnen einen selbst gewählten Namen. Nachdem er sich darauf mit Leichtigkeit die akademischen Würden erworben, wurde er 1814 Docent der Botanik, erhielt 1824 den Professortitel, wurde aber erst 1828 Adjunct, oder, wie es in Schweden heißt, öot-mices üemonstruwr. — Schon seit längerer Zeit hatte die Naturwissenschaft in Schweden die Richtung genommen, ihre hauptsächliche Aufmerksamkeit auf die von Lmne vorzugsweise bearbeiteten Zweige zu wenden und dagegen die übrigen zu vernachlässigen, die von ihm geringere Beachtung erfahren hatten. So war es auch vornehmlich mit den Pilzen und Schwämmen der Fall gewesen, ein Feld, welches das weitläufigste und darum zugleich das schwierigste unter allen ist. Der bekannte Spruch Linne's: „^mi^orum oräo in op- proprium scieotiue cdnos est", hatte bisher noch keinen Naturforscher in Schweden zum gründlichem Studium derselben angeregt. Diesen noch wenig betretenen Weg schlug aber F. schon früh ein. Er fand in feinem Geburtsorte treffliche Gelegenheit diese Pflanzenfamilie zu untersuchen, und nach einigen kleinern einleitenden Schriften erschien endlich 1821 sein „SMemn m^cologicum", das sogleich Epoche machte und noch immer als eine Fundamentalgesetzgebung in diesem Naturgebiete gilt. Das Verdienst dieses Werkes besteht vornehmlich in einer genauen Untersuchung der Entwickelungsgeschichte jener Gewächse, in Folge deren es sich ergab, daß mehr denn 40 Geschlechter und unzählige Arten nur unentwickelte oder misgebildete Formen von früher in ihrem vollkommenen Au- Frommel 121 ' stand gekannten und beschriebenen Pflanzen waren. Auch für die Flechtenkunde wurde ein zweites Hauptwerk von F.: „I^etmnoxruplna Lurnpaeu", das er nach einer zwanzigjährigen Beschäftigung mit diesem Gegenstande herausgab, sehr bedeutend. Hier> wie in seinen übrigen Schriften, ging F. immer von der Ansicht aus, daß in den Naturwissenschaften die Natur selbst die höchste Norm für die Materie der ' Erkenntniß sei, daß aber bei der Bearbeitung und systematischen Form die phi- ' losophische Anordnung befolgt werden müsse. Diejenigen, welche nach einer entgegengesetzten Methode verfahren, haben es ihm daher zur Last gelegt, daß er in ' der Empirie zu mikrologisch, in der Systematik dagegen zu logisch wäre, worauf ' F. indeß geantwortet hat, daß die entgegengesetzte Methode sich zu einer strengen ^ Naturforschung ebenso verhielte, wie die Waverley-Romane zur Geschichte, und daß man auf diese Weise freilich das Glänzende, aber selten das Wirkliche darzustellen k vermöge. In spätem Jahren war es ein Ziel mehrfacher Bestrebungen, ein v natürliches System in der Botanik zu finden, und als ein vorzüglicher Beitrag ie dazu erschien das von F. 1825 herausgegebene Werk: „8Mems orbisvegets- l bilis". Die darin herrschende Grundansicht ist folgende: Die gewöhnlich ange- nommene Vorstellung, daß die Natur in ihren Entwickelungen einen Kettengang «! vom Niedrigen zum Höhern unablässig aufsteigend, bilde, ist falsch; vielmehr hat « die Natur mehre Anfangspunkte und bildet mehre Entwickelungssphären, die, der allgemeinen Ansicht gemäß, nicht zu verbinden sind. Dagegen findet eine viel- i- fache Beziehung unter den Naturgegenständen statt und diese muß innerhalb der ? verschiedenen Entwickelungssphären in der Anordnung der entsprechenden Gruppen dargestellt werden. Vergeblich ist also der fromme Wunsch, ein natürliches ( System, welches das der Natur selbst wäre, zu finden, und zwar aus dem Grunde, ' weil die Natur ein vollgegliedcrter Organismus ist, unsere systematischen Grup- pirungen aber größtentheils willkürlich sind; und ferner, weil der Schöpfer eines jeden Systems aus der Natur selbst die leitende, das Ganze ordnende Idee entnehmen und damit seine Aufstellung beseelen muß; kurz: ein System muß mehr als das Erzeugniß des reinen Empirismus sein, dennoch aber, seiner Materie nach, nur auf wirkliche Naturbetrachtung gestützt werden. Übrigens hat auch F. die Erfahrung gemacht, wie schwer es einem Botaniker ist, der in einem entfernten und armen Lande wohnt, das ganze Feld seiner Wissenschaft anzubauen und darin mit den vom Glück mehr begünstigten Naturforschern anderer Nationen, welchen die Materialien zu dem rasch aufsteigenden Gebäude der Wissenschaft reichlicher zu Gebote stehen, gleichen Schritt zu halten. Die schwedischen Botaniker sehen sich daher großentheils genöthigt, sich auf die Bearbeitung der niedrigen, noch nicht geordneten Gewächsfamilien oder ganz auf die inländische Flora zu beschränken. Auch in diesem Fach hat F. durch seine „lXovitiim llvrae isuscicue" außerordentlich viel geleistet, und es war zu erwarten, daß die Ernte hier bedeutend ausfallen mußte, da für die Flora Südschwedens seit Le- che's und Linne's Tagen wenig gethan war. (6) Frommel (Karl), wurde 1789 zu Birkenfeld im Sponheimischen geboren. Eine frühe Neigung trieb ihn zur Malerei; da er aber in Karlsruhe, wohin seine Altern gezogen waren, damals keine Gelegenheit fand, sein Talent auszubilden, so ging er 1805 zu Haldenwang, um sich zum Kupferstecher zu bilden. Er machte auffallende Fortschritte und gewann auch Zeit für seine Lieblingsneigung, die Landschaftmalerei. 1810 ging er nach Paris, beauftragt daselbst mehre Gegenden nach der Natur aufzunehmen. Von nun an wandte er sein Studium meistens auf das Malen, wozu ihm die herrlichen Na- turscenen des Schwarzwaldes, sowie überhaupt die des schönen badischen Landes und der Schweiz reichen Stoff darboten, und wodurch er sich zugleich eine seltene Fertigkeit im Aquarellmalen erwarb. Er ging 1812 nach Rom, wo er über 122 Froriep vier Jahre blieb. Aus dieser Zeit kennen wir nur von ihm einen großen Kupferstich nach Claude Lorrain und einige kleine radirte Blatter. Nach beendigter Reise durch das südliche Italien und Sicilien kehrte er 1817 in den Schoos seiner vaterlichen Familie, des würdigen Oberbaurath Frommel, nach Karlsruhe zurück, wo er als Professor angestellt wurde und sich mit Kupferstechen und ^l- malen beschäftigte. Einige große Blatter alsi Aricia, Tivoli, der Ätna und Vesuv und ein Werk über Baden, größtentheils von ihm gemalt und gestochen, gab er selbst heraus, ging dann 1824 nach England, wo er das Verfahren des damals neu entdeckten Stahlätzens kennen lernte und nachher eine Schule junger Kupferstecher in Karlsruhe gründete, aus welcher die Werke über die Äne'ide, über Horaz, über Griechenland u. s. w. als erste Leistungen in diesem Fache auf dem Continent erschienen. Die zarte, effektvolle Ausführung, sowie die natürliche und richtige Zeichnung dieser Werke fanden überall eine lebhafte Anerkennung. F. wurde 1830 als Galeriedirectoc in Karlsruhe angestellt. Hier fand er einen ihm angemessenen Wirkungskreis, den er durch sein vielseitiges Talent immer mehr zu erweitern sucht. Sein Haus ist ein Vereinigungspunkt der gebildeten Welt und feinen Sitten und er verdient als Künstler und als Mensch die allgemeine Achtung, deren er sich zu erfreuen hat. Froriep (Ludwig Friedrich von), Obermedicinalrath in Weimar, wurde 1779 zu Erfurt geboren, wo sein Vater als evangelischer Prediger und Professor an der Universttat angestellt war. Er ging mit seinen Ältern 1788 nach Bückeburg, wohin sein Vater als Superintendent berufen ward, 1792 nach Wetzlar, und erhielt an beiden Orten theils in öffentlichen Lehranstalten theils von seinem Vater den ersten wissenschaftlichen Unterricht, studirte aber sehr viel für sich, besonders neuere Sprachen, bis er 1798 die Universität Jena besuchte, um sich dem Studium der Heilkunde zu widmen. Hufeland und Loder, die ihm ihre Freundschaft schenkten, trugen vorzüglich zu seiner wissenschaftlichen Bildung bei. Nachdem er 1799 die Doctorwürde erlangt batte, ward er im folgenden Jahre als Unterdirector des Entbindungshauses zu Jena angestellt, das unter Loder's Leitung stand, und trat 1801 als akademischer Lehrer auf, indem er seine Vorlesungen über populaire Medicin in einem besondern Programm ankündigte. Gall's Schädellehre zog seine besondere Aufmerksamkeit an, wie seine „Darstellung der neuen, auf Untersuchungen der Verrichtungen des Gehirns gegründeten Theorie der Physiognomik" (Weimar 1801) beweist. Die Geburtshülfe aber blieb sein Hauptstudium, das durch sein „Theoretisch-praktisches Handbuch der Geburtshülfe" (Weimar 1802, neunte Aufl. 1832), sein bestes Werk, verdienstlich gefördert hat. Gleichzeitig reihte er der Theorie auch vielfach benutzte praktische Apparate an, seine Hysteroplasmata mit dem Touchirapparat, sein Beckenmodell (pelviarmm) und sein Fantom von ?apier mucke. Er wurde 1804 nach Halle berufen, wo 1806 unter seiner Leitung das öffentliche Entbindungshaus eingerichtet wurde. Seitdem aber wendete er seine Thätigkeit immer mehr der Naturgeschichte, der vergleichenden Anatomie und Chirurgie zu, und gab bereits 1806 Dumenil's „Analytische Zoologie" in einer, mit vielen Zusätzen bereicherten Übersetzung (Weimar) heraus, welcher als Ergänzung und Darstellung von Lamark's „System der Conchyliologie" (Weimar 1807) folgte. F. förderte thätig den, bereits 1799 von seinem Schwiegervater, dem Legationsrath Bettuch zu Weimar, dargelegten Plan, die Naturgeschichte gemeinnütziger zu machen, und gab in den Werken: „Das Thierreich, oder charakterisierende Beschreibung aller zur Zeit bekannten Th>'ere" (Weimar 1807), als Commentar zu Bertuch's „Tafel der allgemeinen Naturgeschichte", die Beschreibung der Mollusken. Er begann seine Übersetzung.von Cu- vier's „Vorlesungen über vergleichende Anatomie" (erster Theil, Leipzig 1808), deren Vollendung er jedoch, da er 1808 als Lehrer der Chirurgie und Geburts- Funck ^ 123 ^ X hülfe nach Tübingen berufen wurde, seinem Amtsgenossen Meckel uberließ, der c: das Werk vollendete. In Tübingen widmete er sich seinen Lehrfächern mit einem Eifer, den er durch mehre ausgezeichnete Schriften bethätigte, und machte sich X- 4810 um die Universität besonders durch die Einrichtung einer geburtshülflichen Klinik verdient Der König von Würtemberg ernannte ihn 1811 zu seinem Leibarzt. Als der Kammerrath Bettuch, der seinen Vater in der Leitung des Jn- -x duftriecomptoirs und des Geographischen Instituts zu Weimar unterstützt hatte, ^ 1815 gestorben war, gab F. seine vorteilhafte Anstellung auf, und dem Rufe seines Schwiegervaters folgend, kehrte er 1818 nach Weimar zurück, um bei der Geschäftsführung jener umfassenden Anstalt mitzuwirken. Der Großhcrzog von Weimar verlieh ihm gleichzeitig das Amt eines Obermedicinalraths. F. hatte bedeutenden Antheil an der Begründung der, damals für die Politik fo wichtigen Zeitschrift „Oppositionsblatt". Seine Theilnahme an der literarischen Anstalt seines Schwiegervaters beurkundete sich bald durch mehre Unternehmungen im Fache der medi- cinischen Wissenschaften, wie durch seine Bearbeitung von Cooper's „Handbuch der Chirurgie" (4 Bde., Weimar 1819—24), dem sich spater unter dem Titel „Handbibliothek" ein Ergänzungswerk anschloß, welches die wichtigsten chirurgischen Schriften des Auslandes in Übersetzungen lieferte. Zur Förderung des Studiums der Naturgeschichte entwarf er 1820 den Plan zu einem „Wörterbuch der Naturgeschichte", von welchem 1800 der erste Band erschien, und das 1832 bis zum achten Bande vorgerückt ist, wiewol dieses Werk nicht geworden ist, was der ursprüngliche Plan verhieß, da es sich im zoologischen Theile meist auf Übersetzungen aus dem „Dictionnaire classigpie ck'llistoire naturelle" beschränkt. Ein reichhaltiges Repertorium ist seine 1822 begonnene Zeitschrift: „Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde". Nach Bertuch's Tode (1822) übernahm F. das Jnduftriecomptoir für eigne Rechnung und widmete sich der Leitung dieser Anstalt mit reger Thätigkeit. Als Abgeordneter für den Landtag 1823 gewählt, nahm F. auch an den Staatsangelegenheiten nähern Antheil. Funck (Karl Wilhelm Ferdinand von), sächsischer Generallieutenant, ward am 13. Dec. 1761 zu Braunschweig geboren, wo sein Vater als Hofrath angestellt war. Zuerst auf der Schule zu Wolfenbüttel gebildet, kam er 1778 auf das Carolinum zu Braunschweig, wo er unter Jerusalem, Eschenburg und Gärtner einer der ausgezeichnetsten Zöglinge der Anstalt wurde. Entschlossen die Kriegerlaufbahn zu wählen, verließ er sein Vaterland, dessen unbedeutende Kriegsmacht ihm zu beschränkte Aussichten zeigte, und ging nach Sachsen, wo mehre Verwandte seines Vaters lebten. Er wurde 1780 als Lieutenant in dem Reiterregiments Garde du Corps angestellt; aber so angenehm die geselligen Verhaltnisse waren, in welche der Aufenthalt in Dresden ihn brachte, so verwickelte doch der Dienst unter Mannern von veralteten Ansichten den geistreichen jungen Mann in viele Verdrießlichkeiten, die noch peinlicher wurden, seit er, zum Adjutanten des Regiments ernannt, mit dem Commandanten in ein gespanntes Verhaltniß kam, das ihn schon 1785 bewog, seinen Abschied zu nehmen. Seitdem widmete er sich literarischen Beschäftigungen, und während er den Stoff zu mehren geschichtlichen Werken sammelte, machte er einzelne Aufsätze in Zeitschriften, z.B. in der „Thalia", bekannt, bis er, durch die ruhigeMuße eines glücklichen Hausstandes begünstigt, mit seinem ersten Werke: „Geschichte Kaiser Friedrichs II." (Züllichau 1792), hervortrat, das lange für eine Arbeit des verstorbenen Hegewisch gehalten wurde. Um dieselbe Zeit kam er in nähere Verbindung mit Schiller und wurde Mitarbeiter an der „Allgemeinen Literaturzeitung". Der einsichtsvolle Generallieutenant Graf von Bellegarde, der damals an der Spitze der sächsischen Reiterei stand, bemühte sich, F. wieder in den Kriegsdienst zu ziehen, und als 1791 ein Husarenregiment errichtet wurde, trat F. in demselben Jahre als Rittmeister ein. In seine Garnison nach Thüringen versetzt, nahm 124 Funck er seine literarischen Plane wieder auf, und hatte eben eine Geschichte Sachsens vollendet, als der Krieg gegen Frankreich ihn an den Rhein rief. Wahrend seiner Abwesenheit verbrannte die Handschrift seines Werkes bei einer Feuersbrunst zu Kölleda. Bald nach dem basler Frieden kehrte er in sein thüringisches Standquartier zurück, und seine Theilnahme an den „Hören" brachte ihn in ein innigeres Verhaltniß mit Schiller und Göthe. Er rückte indeß 1801 zum Major auf, und seine immer mehr erkannte Tüchtigkeitverschaffte ihm ehrenvolle Auszeichnungen in seinen Dienstverhaltnissen. Als im Sept. 1806 ein sächsischer Heerhaufen zu dem, gegen Frankreich gerüsteten preußischen Heere stieß, wurde F. als Adjutant des Befehlshabers, des Generals von Zezschwitz, angestellt. In der Schlacht bei Jena verwundet und gefangen, ward er mit den übrigen sachsischen Offizieren, die sein Schicksal theilten, dem Kaiser Napoleon vorgestellt. Als der Sieger sagte, daß er Sachsen nicht als erobertes Land behandeln werde, wenn der Kurfürst sich nicht entfernen wolle, bat F. um die Erlaubniß, seinem Fürsten diese Äußerung mitzutheilen. Der Kaiser gewahrte es, und F., der in der Nähe des Schlachtfeldes kein Pferd erhalten konnte, machte sich zu Fuße auf den Weg, bis er in eine Gegend kam, wo der Postenlaus nicht unterbrochen war. Er langte in Dresden an, als der Kurfürst eben ausbrechen wollte, um in Breslau eine Zuflucht zu suchen. F.'s Mittheilungen änderten diesen Entschluß. Der Kurfürst rief seine Kriegsvölker, die noch bei dem preußischen Heere standen, zurück und erklärte sein Land für neutral. F. eilte mit dieser Nachricht in das Hauptquartier des Kaisers, der alsbald die Feindseligkeiten gegen Sachsen einstellen ließ und sich zum Abschluß des Friedens bereit erklärte. In demselben Jahre zum Obriftlieutenant ernannt, wurde F. zu Anfange des folgenden Generaladjutant und Oberst. Als nach dem posener Frieden ein sächsischer Heerhaufen zu dem, gegen Danzig bestimmten französischen Heere gestoßen war, wurde F. in Napoleons Hauptquartier gesendet, da man fürchtete, daß der Aufstand einiger sächsischen Bataillone bei Posen einen nachtheiligen Eindruck auf den Kaiser gemacht habe, und es gelang seiner Gewandtheit und Geistesgegenwart, den Sieger auf eine günstigere Meinung zu bringen. Er begleitete den König 1807 nach Warschau und 1808 zu dem Eongreß in Erfurt. Die hohe Gunst, in welcher er bei Friedrich August stand, gab in Polen Manchen Veranlassung, ihm die größte Auszeichnung zu beweisen, um sich seines Einflußes auf dem König zu bedienen; aber so willig F. war, wenn er dem Staate nützen konnte, so entschieden wies er jeden Antrag ab, der mit seiner strengen Rechtlichkeit unverträglich war, und er ist diesem Grundsatze treu geblieben, so lange er zu der nähern Umgebung des Königs gehörte, und hat sich besonders den Federungen der französischen Machthaber immer kraftig widersetzt. Kurz vor dem Ausbruch des Krieges gegen Ostreich wurde F. Generalmajor und nahm nach der Rückkehr des Königs in seine Staaten Antheil an dem Entwürfe der neuen Einrichtung des sächsischen Heeres. In dieser Zeit gerieth er mit einem der einflußreichsten Männer in einen heftigen Streit über neu eingekaufte Remontepferde. Der König mochte einen einseitigen Bericht über diesen Vorfall erhalten haben, F. aber verschmähte es im Gefühle seines Rechts, irgend einen Schritt zu thun, und so gelang es seinen Widersachern, seinen Einfluß zu schwächen. Er wurde zwar 1810 zum Generallieutenant ernannt, erhielt aber das Commando einer Brigade leichter Reiterei, und wurde durch diese Anstellung von Dresden entfernt, wie es seine Feinde wünschten, die ihn aus der Umgebung des Königs bringen wollten. Als auch Sachsen 1812 zur Theilnahme an dem Kampfe gegen Rußland sich rüstete, hatte F. das Commando einer Cavaleriedivi- sion, und genoß anfanglich die Gunst des Oberbefehlshabers, des Divisionsgenerals Reynier, der ihn schon 1809, wahrend er nach der Entfernung des Fürsten von Pontecorvo die sächsischen Truppen anführte, mit besonderer Auszeichnung b.handelt hatte. Bald nach der Eröffnung des Feldzugs aber gelang es F-'s Gegnern, Gablenz 125 dieses Verhaltniß zu stören, wozu besonders das Zerwürfniß beigetragen haben mag, in welches F. mit dem Chef oes Generalstabs, dem General von Langenau, gekommen war, der einen bedeutenden Einfluß auf den General Reynier erlangt hatte. F. focht wahrend des Feldzugs in Polen mit großem Ruhme, besonders in dem erbitterten Kampfe bei Podobno (12. Aug. 1812), und gewann das Vertrauen und die Liebe seiner Kampfgenossen. Seine Feinde aber waren so thä- tig, den mistrauischen Oberbefehlshaber gegen ihn einzunehmen, daß er im Januar 1813 das Commando über seine Division abgeben mußte und nach Sachsen zurückberufen ward. Er wurde zwar in Dresden mit Auszeichnung empfangen, aber man verhinderte ihn, sich dem Könige zu nahern, und in Wartegeld gesetzt, begab er sich nach Würzen, wo er zurückgezogen im Kreise seiner Familie lebte. Das russische Generalgouvernement, dem F. zu dienen sich weigerte, gab ihm seine Entlassung mit einer Pension. Als der König 1813 zurückgekehrt war, erklarte er diese Entlassung für nichtig und F. trat wieder mit Wartegeld in die Zahl der wirklichen Generallieutenants der Cavalerie. In demselben Jahre ward er von dem König in das Hauptquartier des Herzogs von Wellington geschickt, um die Auszahlung der von England versprochenen Subsidien zu betreiben, aber erst durch eine unmittelbare Unterhandlung in London konnte er den Zweck seiner Sendung erreichen. Er kam im November nach Sachsen zurück, und lebte seitdem in Würzen, mit erneutem Eifer geschichtlichen Forschungen sich widmend. Die reifste Frucht seines Geistes waren die „Gemälde aus dem Zeitalter der Kreuzzüge" (4 Bde., Leipzig 1820—24), worin gründliches Quellenstudium mit Lebendigkeit und Würde der Darstellung sich vereinigt. In seinen letzten Lebensjahren entwarf er den Plan zu einer Geschichte von Ungarn, dessen Ausführung verhindert ward, als 1825 ein Schlagfluß seine Thatigkeit hemmte. Ein wiederholter Anfall im Sommer 1827 schwächte ihn noch mehr, bis er am 7. Aug. 1828 nach langen Leiden starb. Die Universität zu Marburg ehrre seine literarischen Verdienste bei ihrer dritten Jubelfeier durch das Diplom eines Doctors der Philosophie. Die nach seinem Tode erschienenen „Erinnerungen aus dem Feldzuge des sächsischen Corps unter dem General Grafen Reynier im Jahre 1812" (Dresden 1829) geben schatzbare Aufschlüsse über die Ereignisse jener Zeit und suchen die gewaltsame Entscheidung zu Ende des Jahres 1813 aus frühern Vorgängen zu erklären. (Vgl.. „Zeitgenossen", dritte Reihe, Nr. 12.) G. G° b lenz (Heinrich Adolf von), geboren zu Weida 1764, trat schon 1776 bei der sachsischen Cavalerie in Dienste und erhielt, nachdem er bis dahin in den andern Dienstgraden gestanden, 1809 als Oberst das Commando des später zu Uh- lanen umgeformten Dragonerregkments Prinz Clemens. Beim Beginn des Feldzugs 1812 wurde er Generalmajor und Brigadier der leichten Cavalerie des siebenten Armeecorps unter Reynier's Oberbefehl, und bildete mit seiner Brigade bald die Vor-, bald die Nachhut desselben, wobei er vielfache Gelegenheit fand, durch geschickte Leitung den stets bei weitem überlegenen feindlichen Reitermassen erfolgreichen Widerstand zu leisten. Er zeichnete sich besonders auch in dem glänzenden Gefecht bei Jsabellyn am 16. Nov. 1812 aus, und erhielt zur Belohnung das Com- mandeurkreu; des Heinrichsordens. Im Gefecht bei Kalisch von dem Hauptcorps getrennt, gelang es ihm nach einem sehr schwierigen und geschickten Rückzug, nachdem er an der schlesischen Grenze war zurückgeworfen worden, sein Corps auf neu- 126 Galotti Gamba (Peter, Graf von) trales östreichisches Gebiet und von da im Frühjahr 1813 nach Sachsen zu führen wo er dann die Cavalerie, abermals unter Reynier's Oberbefehl, führte. Die Herrschaft der fremden Gouvernements konnte nur seine Treue gegen den König bewähren, der ihn zum Befehlshaber des sächsischen Theils der Occupationsarme» und 1817 zum Generallieutenant ernannte. Nach der Rückkehr dieser Truppen übel» nahm er das Commando der Reiterbrigade. Bei seinem fünfzigjährigen Offt'zierju- biläum erhielt er 1828 das Großkreuz des Heinrichsordens. Nach dem Ausbruche der Unruhen in Dresden wurde er am 1l). Sept. 1830 Mitglied der unter dem Vorsitz des Prinzen Friedrich niedergesetzten Commission zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ruhe, und an demselben Tage auch zum Commandanten der neuerlich, teten Communalgarde und der ältern Bürgergarde ernannt. Er behielt diese Stelle noch einige Zeit nach seiner Ernennung zum Gouverneur der Stadt Dresden und zeigte in den schwierigsten Umständen große Umsicht und Geistesgegenwart, wodurch er sich, ohne um die Erhaltung der schwankenden Volksgunst bekümmert zu sein, bleibende Verdienste erwarb, die durch den Orden der Rautenkrone und das Ehrenbürgerrecht der Stadt Dresden ihre Anerkennung fanden. (34) Galotti (Antonio), aus der Gegend von Salerno, Secretair einer Earbonari-Venta, hatte bei der Revolution von 1820 eine so frühzeitige Thätig- keit bewiesen, daß er hingerichtet werden sollte, als der völlige Ausbruch am 1. Jul. 1820 ihn befreite. Auch spater nahm er an revolutionnairen Umtrieben Theil, die ihm eine dreijährige Gefangenschaft zuzogen. Kaum in Freiheit gesetzt, knüpfte er neue Verbindungen an, die einen bald unterdrückten Ausstand zur Folge hatten. Eine Menge angesehener Gutsbesitzer, Geistliche (an der Spitze der Empörung stand der Canonicus de Luca) wurden hingerichtet, G. entkam nach Li- vorno und von da nach Corsica. Hier lebte er einige Monate, als er auf Requisition der neapolitanischen Regierung verhaftet und auf die Behauptung des Gesandten, des nun verstorbenen Fürsten von Castelci-cala, daß er nicht wegen politischer Vergehungen, sondern wegen eines Mordes verfolgt werde, ausgeliefert wurde. Da aber dieser Behauptung nachdrücklich widersprochen wurde, so schickt, die französische Regierung sogleich eine Brigg nach, welche ihn zurückfederte (s. Auslieferung), und dies rettete ihm wenigstens das Leben, obwol die neapolitanische Regierung ihn in Haft behielt. Es wurde ihm der Proceß gemacht; er ward am 14. Oct. 1829 zum Tode verurtheilt, jedoch diese Strafe zu zehnjähriger Verbannung in eine Insel, d. h. soviel als Festungsstrafe, gemildert. Man brachte ihn auf die Insel Favignana bei Palermo, wo er in den Casemat- ten der Festungswerke eingesperrt wurde. Er beschreibt die Leiden, welche er auf dem Transport und zu Favignana erduldete, in seinen Memoiren. Die französische Regierung foderte ihn nach der Revolution von 1830 abermals zurück, und in Folge dessen ward er, nachdem der König von Neapel seine Strafe abermals auf zehnjährige Ve bannung aus dem Lande gemildert hatte, nach Corsica zurückgebracht. (S. ,Memoires cke <4alotti, oKrcier napolitain, couüawne trais fois a!s mort, trall. par 8. Vecctüanelli", Paris 1831.) (3) Gamba (Peter, Graf von), geboren zu Ravenna 1801, war Bruder der, durch die Anmuth ihres Geistes, ihre Schönheit, mehr aber noch durch ihre Verbindung mit Lord Byron bekannten Gräsin Guiccioli. Als der unglückliche Dichter im Freiheitskampfe der Griechen sich Ruhe zu erringen suchte, begleitete ihn Graf G. bis nach Cephalonia. Hier trennte er sich von ihm, destieg ein nach Missolunghi bestimmtes Schiff, hatte aber das Unglück, im Angesichte dieser Festung von einem türkischen Seeräuber gefangen und in die Dardanellen vor Jussuf Pascha geführt zu werden. Da er aber unter anglo-ionischer Flagge gekapert worden, entließ ihn der türkische Machthaber. Eiligst kehrte er nach Missolunghi zurück, wo ihn Lord Byron zum Offizier der Legion ernannte, welche er K, Gamba (Ritter von) Gamba (Bartolomeo) 127 Mlf seine eignen Kosten zu errichten Willens war. Allein sein plötzlicher Tod machte diesem, wie so manchem andern Plane ein Ende. G. reiste, nachdem ^cu^'er seinen Freund in der Krankheit gepflegt und ihn zur Ruhestatte begleitet esir^' hatte, nach London, wo er eine Beschreibung der letzten Reise und der letzten ' Lebensmomente des Dichters herausgab. Kurze Zeit darauf kehrte er nach Griechenland zurück, nahm albanesische Kciegcrtracht und folgte dem Obersten Fabvier ' als Freiwilliger. Hier bewies er nicht nur den glänzendsten Muth, sondern auch eine um so mehr zu bewundernde Ausdauer in Mühsal und Beschwerden, da weder seine Erziehung noch der Umgang mit dem reichen Lord ihn daran zu ge- wohnen geeignet gewesen waren. Allein schon zu Ende 182V vermochte sein Kor- ^ den mannichfachen Beschwerden des Klephtenkriegs nicht langer zu widerstehen. Ein schmerzhafter Tod ereilte ihn im Dorfe Dara, nahe bei dem Lager von Methana, im sechsundzwanzigsten Jahre seines Alters. Die aufrichtigste T^uer aller Philhellenen folgte ihm in die Gruft nach. Fabvier verlor in ihm nicht nur den muthvollen Adjutanten, sondern auch einen treuergebenen Freund. ^ A, Solche Eigenschaften, verbunden mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit, ließen -MlU q jn G.'s Umgang das Unschickliche vergessen, welches in der Verbindung mit MiM. einem Manne lag, der öffentlich mit seiner Schwester in strafbarem Umgange ge- lsbrich Ei lebt hatte. Des Grafen Schrift führt den Titel: narrstive os I,c>rck ö^ron's Isst journe^ to Vlreece" (London t 825). (8) Gamba (Ritter von), französischer Consul in Tiflis, ist durch seine Reisen im südlichen Rußland und durch mehre gelehrte Abhandlungen in den, von Maltech der ssm, Brun begründeten und von Eyries und Larenaudiere fortgesetzten „^nnales 6e--i vc^sSes" bekannt geworden. Schon von 1817—18 machte er von Odessa «M« aus, wo er sich damals aufhielt, Ausflüge nach Nikolajew, Cherson, und zu den MM deutschen, tatarischen, griechischen und mennonitischen Ansiedelungen. Von Ta- ch mzm ganrog, wo er einen Monat verweilte, besuchte er Nackschivan, eine Colonie von Armeniern, Nowo-Tserkask, die jetzige Hauptstadt der donischen Kosaken, MdiK und fuhr alsdann auf der Wolga nach Astrachan, dessen Bevölkerung fast alle MZ Nationen Europas und Asiens in sich faßt. Durch die, das kaspische Meer i M « umgebenden Sandwüsten folgte er dem Laufe des Terek bis Mosdock, Anfangs- Pm'S Punkt des Weges, der durch die Bergpasse von Dariel nach Tiflis führt. Hier - traf er den russischen Generalstatthalter Permoloss, an den er durch den Herzog von Richelieu und den Grafen Langeron empfohlen war, und unter dessen Schutz " bis Taman und Penikale vordrang, dann Kertsch, Theodosia, Simpheropol be- Ol!- ^ Odessa zurückzukehren. Er kam 1819 nach Paris, ward ' ^ aber bald wieder als Consul nach Georgien abgeschickt, um die russischen Pro- iüelM. vinzen jenseits des Kaukasus in Augenschein zu nehmen. Die ganze Umgegend , 5 - des schwarzen und kaspischen Meeres und besonders die wichtigsten Städte bis an die persische Grenze hin wurden durchstreift, ihre Handelsverhältnisse genau ^ ! erforscht und ebensowol die Erzeugnisse als die Bedürfnisse der Länder ausgemit- ^ telt, sodaß G. in die Reihe der Männer zu setzen ist, welche sich in commer- cieller und g ographischer Beziehung um jene früherhin weniger bekannten Gegen- , - ^ den große Verdienste erworben haben. Seine Reisen dauerten von 1818—24 H fast ahne Unterbrechung fort, und sind unter dem Titel erschienen: 6an-, MW la Russie merillionaje et particulierement elans les ^rovinces situees au-cleiü ^ ^ ü.i eaucase" (2 Bände, Paris 1826). (8) ^ Gamba (Bartolomeo), Vicebibliothekar der Marcusbibliothek zu Ve- nedig, Mitglied der Akademie zu Florenz, ist durch ein literarhistorisches Werk über die berühmten Manner Bassano's bekannt geworden, welches 1807 unter dem Titel: ,,ve' L-rssaoesi illustri" erschienen ist. Mit ebenso großer Gelehr samkeit als tiefem Urtheile hat dieser achtbare Gelehrte seiner Vaterstadt durch 128 Gans die erwähnte Schrift ein schönes bleibendes Denkmal gesetzt, der Literargeschichte aber einen wesentlichen Dienst geleistet. Nicht weniger Verdienste hat seine neuere Schrift über Dante: vits cki Dante ^liAÜieri scritta cka Giovanni Loccacci" (Venedig 1825), welche der Verf. dem Secretair des Instituts zu Venedig, Professor Angelo Zendrini, gewidmet hat. Der berühmte Literarhistoriker Baldelli nennt dieses Buch einen „kostbaren Edelstein" der italienischen Literatur. Solche Pretiosen hat G. seinen Landsleuten schon viele geschenkt, z. B. „v «i vol^ari^cunenti italiani ckelle «pere cki Vir^ilio", in der Zeitschrift „^oligralo" (1831) abgedruckt, und wird bei seiner unermüdeten Thätigkeit die Wissenschast immer mehr mit dergleichen bereichern. (8) Gans (Eduard), Dr. und Professor der Rechte an der Universität zu Berlin, ward geboren daselbst am 22. Marz 1798. Sein Vater, ein ausgezeichneter Geschäftsmann, der seine kluge Thätigkeit auch besonders dem Staat in bedrängten Zeiten uneigennützig widmete, war außerdem vorteilhaft bekannt durch den beißenden Witz, der ihm zu Gebote stand, und durch das ehrenvolle Zutrauen, das ihm der Staatskanzler Fürst von Hardenberg in den schwierigsten Verwickelungen schenkte. Die glücklichen Anlagen des Sohnes bestimmten diesem frühzeitig die Laufbahn der gelehrten Studien. Auf dem Gymnasium zum Zrauen Kloster empfing er die trefflichste Ausbildung, die durch den Krieg 181Z und durch einen kurzen Aufenthalt in Prag, wo er seinen Vater durch den Tod verlor, nur wenig unterbrochen wurde. Schon zu Ostern 1816 bezog er die Universität, erst in Berlin und anderthalb Jahre später in Güttingen, wo er durch n'ne lateinische Ausarbeitung über Geschichte und Rechtsverhältnisse der Insel Rhodus den für diesen Gegenstand ausgesetzten akademischen Preis gewann. 1818 ging er nach Heidelberg, wo er in Thibaut und Hegel Lehrer und Freunde fand, denen er sich innigst anschloß. Schon 1817 versuchte er sich als Schriftsteller und ließ in Berlin das „Uctheil eines Unparteiischen ü er die Habilitationsangelegenheit des Dr. Witte" drucken, worin er zu Gunsten des Angegriffenen dem Einfluß eines mächtigen Parteigcistes mit Muth und Schärfe entgegentrat. Au einem zweiten Versuche rief ihn die Pietät für das Andenken des Vaters auf, das er im „Opz>o- sitionsblatte" gegen dunkle Anschuldigungen siegreich vertheidigte. In Heidelberg schrieb er 1819 mehre juristische Aufsätze für das „Archiv" von Gensler, Thibaut und Mittermaier, wie auch einige historisch-juristische in der „Zeitschrift für die Wissenschaft des Judenthums" und eine besondere Schrift „Uber römisches Obligationenrecht" (Heidelberg 1819). Als Doctor der Rechte kehrte er 1820 nach Berlin zurück und begann hier eine ganz neue Bahn. Mit Hegel, der gleichzeitig in Berlin auftrat, eng verbunden und ebenso die philosophischen wie die historischen Studien mit gründlich tiefem Geist und rüstiger Kraft verfolgend, unternahm er es, der herrschenden juristischen Schule, die sich die historische nannte, den Krieg anzukündigen. Seine „Scholien zum Gajus", die 1820 erschienen, erregten in dieserHinsicht allgemeines Aufsehen. Vergebens schrie man über die Verwegenheit des jungen Mannes, der, ohne andere Titel als den der Wissenschaft, Männer anzugreifen wagte, welche durch Amt, Rang und Ansehen ihn weit überragten. Seine Opposition gewann nachhaltige Stärke, und er selbst säumte nicht, durch ein gediegenes, auch in historischer Forschung ausgezeichnetes, die geistreichsten Ansichten mit gründlicher Gelehrsamkeit vereinendes Werk: „Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung" (3 Bde., Berlin 1823—29), sich einen selbständigen Namen zu machen. Von einer 1825 nach Frankreich und England unternommenen wissenschaftlichen Reise zurückgekehrt, erhielt er bei der Universität zu Berlin als außerordentlicher Professor seine erste Anstellung. Hier gründete er mit einigen Freunden 1826 eine neue Literaturzeitung, woran es Berlin bisher durchaus gefehlt hatte, die „Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik", die nun schon im sechsten Jahrgange gedeihlich fortschreiten. Ferner gab er Garten - und Blumenvereine ? 29 sein „System des römischen Ckvilrechts" heraus und begann 1830 eine Zeitschrift: „Beitrage zur Revision der preußischen Gesetzgebung", die aber 1832 aufhörte. In allen diesen Arbeiten zeigte er eine seltene Gewandtheit des Geistes, Reichthum der Ideen und tapfere Gesinnung. Seine bedeutendste Wirksamkeit aber übte er durch seine Vorlesungen aus, die bald allgemeine Aufmerksamkeit erweckten und denen er unausgesetzt die beharrlichste Sorgfalt widmete. Reisen nach München und Wien, 1830 nach Paris und 1831 nach England und Schottland hielten ihn mit der gelehrten Welt wie mit den großen Ereignissen der politischen in lebendiger Beziehung. Die freimüthige Kühnheit seiner Vortrage und die ergreifende Warme seiner Darstellung bewirkten, besonders in der letztern Zeit, einen Zusammenfluß von Zuhörern, wie bisher in Berlin noch niemals stattgefunden. Dem geistreichen und muthigen Redner, der sich in Wort und Schrift rückhaltlos und über die entzündlichsten Gegenstande zu äußern pflegt, hat es nicht an öffentlichen und heimlichen Feinden gefehlt, und oft hat man seine Äußerungen zu verketzern gesucht; allein niemals konnte es gelingen, seine zwar liberalen, aber auch echt realistischen, dem Recht und der Moral huldigenden Ansichten und Grundsatze im Fehl zu finden. Mit allen Eigenschaften, auch den äußern, eines Redners trefflich begabt und zum Streite stets ausgerüstet, ist er doch von dem Vorwurfe frei, die Sache jemals der Form aufzuopfern, und gewinnt durch versöhnliche, menschenfreundliche Gutmüthigkcit und untadelige Rechtschassenheit im bürgerlichen Leben leicht auch Diejenigen zu Freunden, denen er sich in der Wissenschaft durch seine scharfe Polemik als gefährlicher Gegner gezeigt. Die Einleitung zu seinen „Vorlesungen über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre" liefert der vierte Jahrgang (1833) von Raumer's „Historisches Taschenbuch". Garten- und Blumenvereine, die jetzt fast in allen Ländern europäischer Gesittung sich bilden, kann man als ein erfreuliches Zeichen des Friedens und der fortschreitenden Humanität betrachten, die nicht dulden mag, daß eine wüste Stelle die Trägheit der Menschen, eine verkümmerte Pflanze die Unachtsamkeit anklage. Die Beeiferung, mit welcher der von England ausgegangene Gedanke zur Bildung solcher Vereine, getrennt von der Landwirthschaft im Allgemeinen, aufgegriffen wurde, ist ein Lobspruch für die Wissenschaftlichkeit unserer Tage, die den Bund zwischen Gewerbe und Spekulation, zwischen Technik und Theorie sich zur preiswürdigen Aufgabe gestellt hat, die das Alte in der Kunst zu verbessern und das Neue richtig zu würdigen sich fortwährend angelegen sein läßt. Eine solche Richtung des Geistes, welche die höchsten Probleme der Wissenschaft in die Sphäre der Gemeinnützigkeit überzuführen bemüht ist und auch das anscheinend rein Handwerksmäßige der Prüfung durch die schulgerechten Theoretiker nicht unwerth hält, war längst schon in England begünstigt durch die Einrichtungen der s bürgerlichen Gesellschaft. Daß die Horticultur von dieser Richtung nicht ausge- ^ schlössen bleiben konnte, hatte seinen Grund in der Liebe der Engländer zur Gar- ) tenpflege, die seit mehr als einem Jahrhundert als eine Nationalsache behandelt und mit zu den Gründen gerechnet wird, warum sie auf ihr Vaterland stolz sind. Milde Winter und durch die feuchte Seeluft gemäßigte Sommer fördern auf den britischen Inseln, die ihre Lage vor plötzlichen Kriegsüberfällen sicher stellt, die Vegetation, und allgemein verbreiteter Wohlstand, sowie die zu einem nationalen Bedürfnisse gewordenen Reisen haben die Liebe zu Gartenanlagen begründet, die ohnehin in der Feldwirthschaft mit ihren Heckeneinfriedigungen und in der Forst- « k pflege fortwährende Anregung findet. Gartenkunst nannten daher gerechte Eng- K lander seit mehr als einem Jahrhundert als die einzige Kunst, wodurch sie es dem s»" übrigen Europa zuvorthäten, gestanden jedoch zu, daß lange Zeit andere Nationen sie darin Übertrossen haben; denn es darf nicht vergessen werden, daß noch zu Hein- richs Vlll. Zeit jedes Gericht Kirschen oder Erbsen, womit der Tisch eines Alder- ^ Conv.-Lcx. der neuesten Zeit und Literatur. II. 9 Garren - und Blumenvereine MM aufgeziert werden sollte, aus Holland, jeder Apfel aus Frankreich bezogen werden mußte. Hollandische Gärtner waren es, die, darauf aufmerksam, um 1590 sich in Kent und Surrey niederließen und durch ihre Betriebsamkeit reicht,', chen Gewinn fanden. Angeregt dadurch suchten die Englander bald mit ihnen zu wetteifern; aber so lange die Gartenanlagen, wie es unter Karl II. Sitte ward, in Lenütre's Styl ausgeführt, sich streng in Prunkgarten und in bloße Handels- garten schieden, konnte von eigentlicher Horticultur wenig die Rede sein. Seil der Regierung Georgs II begann man, besonders von W. Chambers angeregt, die Prunkgarten mit symmetrischen Gangen und feudalistischem Aufputz durch Augär- ten zu ersetzen, denen man, seit durch die Kriege mit Amerika überseeische Pflau- zen und Gewächse bekannter geworden waren, den Schmuck fremdartiger Baume in Massen zuführte. Doch würden die verschiedenartigen Pflanzenculturen, die so nach und nach begünstigt wurden, ohne Einwirkung aufeinander geblieben sein, hatte die 1805 gestiftete Ilnrticultural soeiet^ nicht alle in nähere Beziehung gesetzt, indem sie jeden Zweig der Gartenpflege und selbst die eingreifenden Hülfs- wissenschäften der gründlichsten Erwägung Werth hielt. Bei der so allgemein verbreiteten Liebe zur Gartenpflege — denn auch die kleinste Hütte in England hat ihren Garten, und selbst Gefangene im Schuldthurme suchen durch Gärten in Scherben ihre Langweile zu erheitern — fand der Gartenbauverein die lebhafteste Theilnahme, und treffliche Aufsätze von den bewährtesten Technikern schmückten die vier Bände ihrer seit 1812 erschienenen Verhandlungen. Alles, was im Gemüsegarten wie im Treibhause, im grountl wie im Augarten mit Vortheil Anwendung findet, lag in dem Untersuchungskreise der Gesellschaft, und die bisher streng bewahrten Geheimnisse glücklicher Pflanzenpflege wurden hier zum Gemeingute gemacht. Nach Londons Beispiele, dem in Edinburg 1809 eine von Professor Duncan gestiftete ^aleckonian üorticulture»! Society gefolgt war, bildeten sich für engere Kreise ahnliche Gesellschaften in Pork, Durham, Manchester, Lancaster, Northampton, Lei- cester, Bedford, Essex, Gloucester,Worcester,Hereford, Suffolk, Berkshire, Glamor- gan, ja selbst jenseit des Ozeans in Philadelphia und Neuyork traten gleichartige Vereine zusammen. Kriegsunruhen ließen damals auf dem Festlande von Europa den Gedanken an ähnliche Verbindungen nicht aufkommen. Nur die landwirthschaM- chen Vereine, welche Gartenbau für eins ihrer Attribute ansahen, schirmten die vereinzelten Versuche, die besonders der durch Regierungen beschützten und durch Gesellschaften wissenschaftlich betriebenen Obstzucht galten. Die Pomologie zog des verdienstvollen Ministers Ehaptal Aufmerksamkeit auf sich. Er befahl (1800) den durch die Revolution nach Sceaux verlegten Obstbaumgarten der Karthauscr zu Paris auf seinem ehemaligen Standorte wiederherzustellen (?ch»iuiöre cle 1.u- x^rnkourg) und setzte damit 1809 eine Schule für Obstzüchter in Verbindung. Fast gleichzeitig bildete sich in Altenburg eine pomologische Gesellschaft, die 1810 ihre„Annalen" begann. Sie hat Chaptal's Schöpfung überlebt, der 1828 diefrarv zösijchen Kammern die jahrlich bewilligten 10,000 Francs Unterstützung verweigerten; glücklich genug in einem Augenblicke, wo der Sinn für Horticultur allgemeiner geweckt und die dort gewonnenen Erfahrungen unverloren waren. Denn im Sinne des londoner Gartenbauvereins hatte sich 1822 im preußischen Staate eine Gartenbaugesellschaft gebildet, die zunächst zwar sich zur Aufgabe machte, die bisher noch vereinzelten Nachrichten von den bessern Culturen zu sammeln und nicht bloß das Neue, sondern auch das bisher wenig Bekannte schnell zu verbreiten, die jedoch durch die Thätigkeit ihrer Mitglieder schon sehr Erfreuliches geleistet hat und in der Reihe ihrer Schriften („Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues im preußischen Staate", bis jetzt 17 Bande) über diese engern Schranken hinauszugehen sich erlauben durfte. Das allgemein verbreitete Interesse an allem Gewerblichen verschaffte bei den wissenschaftlichen Gauchos ^ Männern Deutschlands dem Gedanken an ahnliche Vereine lebhaften Eingang. In Dresden entstand eine Gartenbaugesellschaft unter dem Namen „Flora" 1828; ^ ^ ein Verein für Blumistik und Gartenbau bildete sich in Weimar 1829; ein thü- ^ Sitz, ringer Gartenbauverein zu Dietendorf in demselben Jahre; ein ahnliä)er zu Braun- schweig 183 l. Die praktische Gartenbaugesellschaft zu Frauendorf in Baiern, ei- Ä ^ ner der ältesten Vereine in Deutschland, wirkt zugleich durch die von ihr seit 1823 ^ herausgegebene „Allgemeine deutsche Gartenzeitung" für die Beförderung des Gartenbaus in seinem ganzen Umfange. Sehr ins Große gehend war die Stmiete ck'kor- ticultiire angelegt, die 1827 in Paris entstand, und obgleich 1828 aus ihrem Schoost eine 8<>cietti ü'ngronomie pratiggm hervorging, die sich nicht in ganz freundlicher Gesinnung von ihr trennte, so beweist sie doch durch die„^nnu!es cke j'lmrticultnre", daß etwas mehr als ein Name beabsichtigt war. Ihren Eifer rege zu erhalten, tragt besonders der Baron Soulange Bodin bei, der Stifter eines am 14. Mai 1829 begründeten Garteninsiituts zu Fromont (im Departement Seine und Oise) und eines wahrhaft kolossalen Weltbandelsgartens; denn dort werden alle seltenen nordamerikanischen Gewächse in waldartigen Massen sgezogen. Azaleen, Eamelien, Rhododendren, Kalmien, Magnolien, Daphnen werden mit kaum glaublicher Schnelligkeit und Leichtigkeit ins Unendliche vermehrt, und nur so ist die Wohl- fcilheit erreichbar, welche den Absatz nach allen Richtungen sichert. Von Karl X. zu einem Rnzml institut imrticnle erhoben, sah es ruhigerer Entwickelung entgegen; doch haben die „Xnnules «le 1'mstitut lmrticolt: üe ?romont" noch keine Anzeichen vom Rückgange desselben gegeben. Fast alle deutschen Gartenbauvereine verbinden mit ihren Jahresfesten Blumen - und Fruchtausstellungen, nach dem Beispiele Hollands, das, ohne gerade Vereine zu besitzen, seine Blumisten langst durch solche Feste Florens und Pomonens entzückten. Die schönsten in Deutschland möchten in Wien sein, wo die Blumenliebhaberei der Magnaten sich durch die schönsten Exemplare zu überbieten sucht. Einen gleichmäßigen Eifer hat man in Verlin noch nicht erregen können. In Paris, wo bis dorthin derNarcd^ -mx Ue»rs eine solche Ausstellung ersetzte, hatte 183k in den Gewächshäusern der Tuilerien die erste mit Preisvertheilung verbundene statt. Brüssel hat ausgezeichnet reich ausgestattete durch seine Societe ck'üvrticultm-e und durch seine Floragesellschaft; und in Gent, Antwerpen, Aerschot, Harlem, wo noch immer die Finnas Van Eden und Voorhelm fortdauern, sind sie seit lange herkömmlich. Eine fortwahrende Ausstellung gewähren die Palmenhäufer der Brüder Loddige in London und der botanische Garten in Edinburg, und auf dem Festland? der mit den königlichen Anlagen von Kew wetteifernde Prkvatgarten des Bürgermeisters Parmentier zu Enghien. (14) Gauchos. Mit diesem Namen bezeichnet man in den Provinzen am Platastrome denjenigen Theil der Landesbevölkerung, welcher sich ausschließend mit der Viehzucht beschäftigt. Das spanische Wort ^-mcku bezeichnet das Linke, in dieser Anwendung also ein linkischer, roher Mensch. Die Gauchos betrachten sich im Ganzen als Spanier oder vielmehr als Ereolen, indeß haben alle ihre Familien eine sehr bedeutende Beimischung indianischen Blutes aus den Zeiten der ersten Ansiedelungen der Europaer. Auch unterscheiden sie sich in der Bildungsstufe, auf welcher sie stehen, kaum von den wilden Pampasindianern, welche ihnen zuweilen einen Theil ihrer zahlreichen Viehheerden hinwegtreiben. Die Wohnungen der Gauchos in den Pampas der argentinischen Republik liegen zerstreut, oft 1t) — 30 spanische Meilen von einander entfernt, in der Mitte der großen Viehgüter (kstancias oder Delmsas). Sie sind aus Pfählen mit Lehm erbaut, das Dach mit Kuhhäuten gedeckt, und Kuhhäute dienen als Thüre, Fensterladen, Betten für die ganze Familie, die sich Tag und Nacht des einen Raumes bedient, aus welchem das ganze Haus besteht, sofern nicht eine ungeheure Menge von Flöhen, wenigstens 95 132 Gaupp im Sommer, die Bewohner nöthigt, unter freiem Himmel vor den Belästigungen dieser Jnsekbm Schutz zu suchen. Der Hausrath einer solchen Hütte besteht, wenn er sehr vollständig ist, aus einigen Ochsen- oder Pferdeschädeln, anstatt der Stühle, aus einem kleinen Fasse zum Wasserholen, aus einem Ochsenhorn zum Trinken, ei» nigen hölzernen Bratspießen, und einem kleinen kupfernen Gefäße, um Wasser zur Bereitung des beliebten Paraguaythees zu sieden. Oft fehlt aber auch dieses letzte Geräth, und dann bleibt nichts übrig, als zu dem genannten Zwecke ein Och senhorn ans Feuer zu stellen. Die einzige Nahrung dieser Hirten ist Rindfleisch über dem freien Feuer am Spieße gebraten. Nach den Revolutionskriegen, durch welche in mehren Gegenden das Rindvieh fast ganz vertilgt worden war, lebten die Gauchos besonders in der Provinz Santa Fe fast gänzlich vonPferdefleisch. Pflanzeftnahrung verachten sie, selbst die Milch ihrer Heerden benutzen sie nicht und Butter oder Kase bereiten sie nie. Da die großen Viehheerden dieser Hirten frei umherlaufen und nur wöchentlich einmal auf die Mitte des Gutes zusammengetrieben werden, so bringen sie bei Weitem den größten Theil ihrer Zeit mit Nichtsthun hin. Keinen Schritt thun sie zu Fuß. Auf dem Pferde hören sie die Messe vor der geöffneten Thüre der Capelle, und auf dem Pferde zechen sie, wenn sie zur Stadt kommen, vor den Thüren der Schenken oder?ulperius. Kartenspiel und Gesang zur Gui- tarre sind ihre hauptsächlichsten Vergnügungen, von denen sie das erste leidenschaftlich lieben. Sie sind treffliche Soldaten, ertragen außerordentliche Entbehrungen und Anstrengungen und haben in den Revolutionskriegen eine ganz ausgezeichnete Reiterei gebildet. Schreiben und Lesen können die wenigsten, da sie selten Gelegenheit haben, eine Schule zu besuchen. Aus Mangel an Geistlichen taufen sie häusig ihre Kinder selbst, oder schieben diese Ceremonie auch ganz auf, bis die jungen Leute Heirathen, weil dazu das Taufzeugniß gefodert wird. Sie legen den größten Werth darauf, nach ihrem Tode in heiliger Erde begraben zu werden; da aber viele von ihnen weit von einer Kirche entfernt leben, so lassen diese die Leichen ihrer Verstorbenen auf dem Felde liegen, ohne sie zu beerdigen, indem sie dieselben nur mit Steinen oder Zweigen bedecken, und sobald nichts mehr übrig ist als die Knochen, bringen sie diese zum Pfarrer, damit er dieselben bestatte. Andere zn- stücken ihre Tobten und schaben ihnen mit dem Messer das Fleisch von den Knochen, welche sie zum Pfarrer bringen, nachdem sie jenes weggeworfen oder beerdigt haben. Beträgt die Entfernung zur Kirche nicht mehr als etwa 20 Leguas, so kleiden sie den Tobten an, und setzen ihn, als ob er lebendig wäre, auf ein Pferd, indem sie den Körper durch zwei in der Form eines Andreaskreuzes befestigte Stabe aufrecht erhalten. So lassen sie den Tobten zum Pfarrer reiten. So sehr sie noch den spanischen Stolz und in vieler Hinsicht ein ritterliches Wesen haben, so weit sind sie in anderer Hinsicht vom spanischen Charakter abgewichen. So fehlt ihnen die spanische Eifersucht fast gänzlich. Die Hirtenknechte, welche sich bei ihnen verdingen und häusig gcnöthigt sind, ehelos zu leben, sollen durch die Weiber und Töchter ihrer Herren nicht selten für diese Entbehrung entschädigt werden. (29) Gaupp (Ernst Theodor), Doctor und Professor der Rechte an der königlichen Universität zu Breslau, wurde am 31. Mai 1796 zu Kleingaffron bei Räuden in Niederschlesien geboren. Seine Jugendbildung erhielt er anfänglich aus dem evangelischen Gymnasium zu Großglogau, wohin sein Vater 1800 als evangelischer Prediger versetzt worden war, und seit Ende des I. 1811, wo jener als Consistorialrath Mitglied der königlichen Regierung zu Liegnitz wurde, auf der dortigen Ritterakademie. Der Ruf zu den Waffen führte auch G. im Februar 181^ als er eben in Begriff stand, die Universität zu beziehen, in die Reihen der freiwilligen Kämpfer, und er diente nun in den Jahren 1813 — 15 (doch mit Unterbrechung des militairischen Lebens in der Zwischenzeit des Friedens, welche in Gebirgserhebung Liegnitz wieder den Studien gewidmet wurde), anfänglich als freiwilliger Jager zu Fuß, spater als Offizier in der preußischen Armee, und kam zwei Mal in das Innere von Frankreich. Im Frühling 1816 kehrte er in die Heimath zurück, und studirte bis Michaelis 1821) auf den Universitäten zu Breslau, Berlin und Göttingen. Nachdem er 1820 in Berlin zum Doctor der Rechte promovirt worden war, trat er im Winter 1820 als Privatdocent an der Universität zu Breslau auf, und wurde im Herbst 1821 als außerordentlicher Professor daselbst angestellt. Vom August 1822 bis in den Mai 1823 unternahm er mit königlicher Unterstützung eine wissenschaftliche Reise nach Italien. Im Februar 1826 wurde er zum ordentlichen Professor, vorzugsweise für das Fach des germanischen Rechts, ernannt. Eben diesem hat er seit dem Beginn seiner Thätigkeit als öffentlicher Lehrer hauptsächlich Neigung und Fleiß zugewendet, und auf mehrfachen von ihm unternommenen Reisen war sein Streben stets auch auf Erforschung altdeutscher Rechtsdenkmäler gerichtet. Außer mehren kleinen Abhandlungen und Recensionen in der „Kritischen Zeitschrift für Rechtswissenschaft", in Schunck's „Jahrbüchern", sowie in der leipziger und haitischen Literaturzeitung sind von ihm folgende Schriften erschienen: „0e nomiuis^i^oc»re" (1820); „Haatuor lolia anti^uissimi ulicujus UiAestorum coäicis rescrchtu, Keapoli nuper reperta" (Breslau1823); „Uber deutsche Städtegründung, Stadtverfassung und Weichbild im Mittelalter" (Jena 1824); „Geschichte des deutschen Reichs und des Rechts in Deutschland" (Breslau 1825); „Das alte magdeburgische und hallische Recht" (Breslau 1826); „De prolessori- bus et meäicis eorulliggie privilegiis in sirre romano" (1827); „Das schlesische Landrecht (1828); „Miscellen des deutschen Rechts, meist Beiträge zur Geschichte der Standesverhältnisse im Mittelalter enthaltend" (Breslau 1830), und eine neue Ausgabe der „I^ex krisivouiu" (1832). Gebirgserhebung. Die Ansicht von der Entstehung der Gebirgsketten durch theilweise Emportreibungen der äußern Rinde unsers Erdkörpers hat in neuern Zeiten wieder die allgemeine Aufmerksamkeit der Geologen in Anspruch genommen, und ist gegenwärtig mit solcher Allgemeinheit und Consequenz durchgeführt worden, daß sie nicht mehr als eine bloße Hypothese, sondern fast als ein erwiesener Satz zu betrachten sein dürfte, als ein Satz, welcher durch die Einfachheit seines Princips ebenso anziehend wird als durch die Mannich- faltigkeit der aus ihm abzuleitenden geognostischen Resultate und geogenetischen Folgerungen. Viele Gebirgsmassen, wie z. B. alle Sandsteine und die meisten Kalksteine, lassen es nämlich mit Bestimmtheit erkennen, daß sie als sedimentaire Bildungen auf dem ehemaligen Meeresgrunde entstanden sind, indem sich suc- cessiv eine Schicht über der andern absetzte, bis sich nicht selten Schichtensysteme von 1000 und mehr Fuß Mächtigkeit aufthürmten. Diese sedimentaire Bildungsart hat aber nothwendig im Allgemeinen eine horizontale oder doch fast horizontale Lage der Schichten zur Folge, und wir werden daher jene Kalkstcin- und Sandsteinschichten ursprünglich nur in horizontaler oder sehr wenig geneigter Lage anzutreffen erwarten können. Dies ist auch in der Regel in denjenigen Theilen ihres Vorkommens der Fall, wo sie in weit ausgedehnten Ebenen oder Hochebenen auftreten und keine altern Gebirgsketten neben sich haben. Wenn wir dagegen die Schichten sedimentairer Bildungen in sehr steiler, ja wol gar in senkrechter Lage beobachten, so werden wir nothwendig irgend eine gewaltsame Dislocation derselben voraussetzen müssen, weil jene Lage unmöglich die ursprüngliche sein kann. Nun ist es merkwürdig, daß dergleichen senkrechte oder stark geneigte Schichten der Flötzgebirge vorzüglich nur am Rande der ältern Gebirgsketten vorkommen, wie dies z. B. am Thüringerwalde, am Harze und andern Gebirgen auf eine höchst auffallende Weise stattfindet. Eine solche Schichtenstellung läßt sich aber, wenn man dabei alle übrigen Umstände sorgfältig be- 134 Geen , ^ Geer (Familie) rücksichtigt, kaum anders als durch eine, nach der Ablagerung und Festwerdung der ursprünglich horizontalen Flötzschichten erfolgte Emportreibung der altern und tiefern Gebirgsmafsen erklaren; daher denn auch schon früher diese Ansicht, welcher zufolge die steilen Flötzschichten als die aufgerichteten Ränder der durchbrochenen Thcile der äußern Erdkruste zu betrachten sind, manche Anhänger fand. Seit nun aber der plutonische oder eruptive Charakter für die Basalte, Trachyte, Porphyre und meisten Granite dargethan worden ist; seit Leopold von Buch die Convulsionen nachgewiesen, welche die tiroler Gebirge bei der Emportreibung des Augitporphyrs erlitten; seit aus allen Gegenden der Erde immer neue Beweise für die spätere Emporhebung jener Massen und für die dabei stattgefundenen Zei- reißungcn, Zertrümmerungen und Aufrichtungen der Flötzschichten gesammelt wurden— hat die Lehre von der Gebirgserhebung ein immer weiteres Feld, eine immer tiefere Begründung gewonnen. Nur ist freilich zu wünschen, daß diese höchst fruchtbare und selbst in praktischer Hinsicht beachtungswerthe Theorie sich nicht voreilig in zu allgemeine Behauptungen einlassen möge, wie dies namentlich mit Elie de Beaumont's höchst genialen, aber die Erfahrung doch etwas zu kühn anticipirenden Darstellungen der Fall sein dürfte. Er glaubt nämlich für alle Gebirgsketten von paralleler Richtung eine gleichzeitige Emporhebung geltend machen zu können und sucht aus den bekannten Altersverhältnissen derjenigen se- dimentairen Bildungen, welche die verschiedenen Gebirgsketten einestheils in geneigten, anderntheils in horizontalen Schichten umgeben, die Epochen und die Anzahl der stattgehabten Erhebungen auszumitteln, zugleich auch aus den jede Erhebung begleitenden Kataklysmen die Verschiedenheiten der aufeinanderfolgenden Flötzbildungen und Organisationsperioden zu erklären. Über die allgemeine Ursache der Gebirgserhebung hat Cordier den großartigen Gedanken aufgestellt, daß solche in der allmäligen Abkühlung des Erdballs und in der dadurch bedingten Contraction seiner äußern Kruste zu suchen sei, welcher zufolge nicht nur Spalten entstehen, sorwern auch feste und flüssige Massen aus den, Innern der Erde gewaltsam hervorgedrangt werden mußten. (k9) Geen (van), Generallieutenant in niederländischen Diensten, gehört zu den kräftigem Waffenbrüdern Chasse's und zu den erfahrenem Feldherren Hollands aus Napoleons Schule. Er befehligte 1? Jahre lang eines der größern Trup- pencorps des Königs Wilhelm, und leistete durch seinen entschlossenen Much, seine Besonnenheit und unerschütterliche Treue bei der Abtrünnigkeit und dem Unverstände so vieler andern Oberoffiziere der Sache seines Vaterlandes wesentliche Dienste, namentlich aber als er Nordbrabant gegen die Verführungen und Angriffe der insurgirlen Belgier zu vcrtheidigen hatte. Die öffentliche Meinung verherrlichte ihn nach Chasse und dem Prinzen Bernhard von Sachsen-Weimar am meisten, und seine anziehende, biedere Persönlichkeit machte ihn zum Liebling der Truppen, die er anführte. Über einige seiner Operationen und Schritte in der, unmittelbar dein Augustfeldzug vorangegangenen Epoche haben die Meinungen verschiedenartig sich geäußert; allein manche Umstände werden erst in der Folge völlig klar ans Licht kommen und den Beweis liefern, daß dieser General stets nur auf die würdigste Weise sich benommen hat. (33) Geer (Karl, Graf de) stammt aus einem alten niederländischen Geschlechte, dessen Ahnen bis ins 12. Jahrhundert sich nachweisen lassen, und das unter einem seiner Vorfahren, Reginald de Hamal, den Namen de Geer annahm. Von diesem stammt Louis de G., welcher, 1687 zu Amsterdam geboren, auf Gustav Adolfs Einladung 1620 mit unermeßlichen Reichthümern und, was noch wichtiger war, mit vielen, damals im Norden äußerst seltenen technischen Kenntnissen nach Schweden kam und sich in Enköping niederließ. Er lieh dem Könige beträchtliche Geldsummen, rüstete auf eigne Kosten mehre Schiffe gegen die Feinde des Gefängnißwesen 135 Reichs aus, unterrichtete die Schweden in der rechten Art des Kanoncngkeßcns und in der Kunst, Waffen aus Stangeneisen zu schmieden, legte in Ostgothland, Upland und Nerike viele Eisen - und Messingwerke und andere Manufacturen an und verschaffte den Seestädten auslandische Seeleute. Er wurde 1642 als schwedischer Edelmann naturalisirt und starb 1652 in Amsterdam. Seine Nachkommen theilten sich in zwei Linien, zu Leusstad und Finnspäng, und obgleich das Vermögen des Stammvaters getheilt wurde, so galten doch die Haupter beider Linien für die reichsten Grundbesitzer Schwedens. Die zweite Linie ist erloschen. Aus der ersten stammt Karl de G., geboren 1720 und gestorben 1778, der 1773 in den Freiherrnstand erhoben ward und durch sein Werk über die Insekten rühmlichst bekannt ist. Sein Enkel, Graf Karl, das jetzige Haupt des Geschlechts, ist Oberstkammerherr, und durch gerauschlose Verdienste ausgezeichnet, hat er in gleichem Grade das Vertrauen des Königs und des Volkes gewonnen. Er wurde bei den Reichstagen von 1823 und 1828 berufen, den Vorsitz im Ritterhause zu führen, und entledigte sich dieses schwierigen Auftrags selbst zur Zufriedenheit der Opposition. Zu seinem ansehnlichen Grundbesitze, dessen Werth auf 1,800,000 Thaler angeschlagen wird, gehören außer dem Eisenwerke zu Leusstad, dem größten in Schweden, noch mehre andere, welche zusammen jahrlich gegen 8000 Schisss- psund Stangeneisen liefern. (16) Gefängniß wesen. Die Gefangnisse sind vermuthlich so alt als die geordneten Staaten der Welt. Die Fürsorge für die Gefangenen scheint jedoch erst in viel spatern Zeiten ihren Anfang genommen zu haben. Weder der den Griechen noch bei den Römern, ja selbst nicht einmal bei den Juden finden sich Spuren derselben, wenn man nicht die Freigebung einzelner Gefangener zur Zeit der Panathenäen, der Göttermahle (Dectisterni-r), oder am Oster-, Psingst- und Laubhüttenfeste, bei den genannten Völkerschaften hierher zahlen will. Erst mit dem Christenthume trat, im Geiste seines Stifters, eine Fürsorge für die Gefangenen ein. Eine traurige Schilderung der römischen Gefangnisse liefert Cicero in der fünften Rede gegen den Verres; und nicht besser ist die spatere Schilderung des Hauptgefängnisses in Rom, l'ullimmm, welche Sallust entwirft. Schon im zweiten Jahrhunderte sehen wir selbst aus den Schilderungen eines Feindes des Christenthums, des satirischen Lucian, wie die Christen ihre gefangenen Glaubensgenossen besuchten, trösteten, mit ihnen beteten und bei ihnen im Gefangnisse schliefen, von fern und nahe zu diesem Liebesdienste herbeieilend und die Erlaub- niß der Gefangenwärter mit Gold aufwiegend. Bald gab es eigne männliche und weibliche Besucher nothleidcnder Gefangenen, Kranken, Armen u. s. w., welche Diakonen und Diakonissen genannt wurden, sowie die für die leibliche Pflege und Wartung, Parabolanen, die sich bald nicht nur über das ganze römische Reich, sondern auch über andere Länder verbreiteten, wohin das Christenthum gedrungen war. Seit Konstantin wetteifern die, für die Gefangenen, für deren Besuchung, und für Beschleunigung der Rechtspflege sorgenden kaiserlichen Gesetze an Zahl mit den ebendahin zielenden Beschlüssen der Kirchenversammlungcn. Wie aber diese letzten Beschlüsse, das kanonische und das als Gesetz der Kirche fortbestehende römische Recht, und der Einfluß desselben auf die neuern Gesetzgebungen, sich gleich einem goldenen Faden durch das ganze Mittelalter hindurchziehen, so auch die, in Spanien, in Italien und von dort aus über die ganze Christenheit sich verbreitende Fürsorge für die Gefangenen und die Gefängnisse, deren schönstes Denkmal der Cardinal Karl Borromäus, Bischof von Mailand, in der letzten Hälfte des ^ . 16. Jahrhunderts, in Beschlüssen der dortigen Synoden auf eine Weise hinaus terlassen hat, welche auch noch jetzt mit großem Nutzen in vielen Theilen nachge- .^6 ahmt werden dürfte. Bei dem immer lebhaftem Verkehre zwischen den verschiede- ^ O nen Theilen Europas und insbesondere Italiens und Frankreichs, zeigten sich bald , / 138 Gefängmßwesen. ley wurdm zu Oberaufsehern der neu zu errichtenden Besserungshäuser ernannt. Eingetretene Mißverständnisse verhinderten aber, daß weder diese drei Manner noch deren Nachfolger im Stande waren, die Ausführung jenes Gesetzes zu bewirken. Das einzige auf diese Weise zu Stande gekommene Besserungs- haus war das zu Gloucester, welches 1791 eröffnet wurde. Diese schöne, unter der Oberaufsicht des Parlamentsgliedes Paul stehende Anstalt, welche auch spater mit Tretmühlen versehen worden ist und etwas über WO Gefangene in zehn Gassen enthalt, gedieh so erfreulich, daß Paul 1819, nachdem dieselbe 27 Jahre bestanden hatte, vor einem Parlamentsausschusse das Zeugniß ablegen konnte, dieses Besserungshaus habe in seinen Erfolgen die von den ursprünglichem Begründern des Systems gehossten Wirkungen übertreffen, und eine lange Erfahrung habe erwiesen, daß eine milde, aber streng befolgte Leitung nach den einmal erlassenen Gesetzen hinreiche, um die Sicherheit des Gewahrsams sowie den Einfluß der Behörde zu erhalten, ohne zu Fesseln oder Leibesstrafcn Zuflucht nehmen zu müssen. Ungeachtet dieses glänzenden Beispiels und der Parlamentsgesetze von 1773 wegen Anstellung von Geistlichen in allen Gefängnissen Englands, von 1774 wegen Bewahrung der Gefangenen vor dem Kcrkerfieber, und anderer ahnlichen Gesetze aus den Jahren 1782, 1784, 1789 und 1791, erfolgte dennoch seit jener Zeit eine Art von Stillstand in der englischen Gefangnißverbesserung, welchem auch Bentham's „l'anoptikcm", das nur zu dem verunglückten Zuchthause in Edinburg benutzt worden war, nicht abhelfen konnte. Dies hat nach Howard's allzu frühem Tod theils zu der, alle Classenabtheilung hemmenden, aber freilich sehr wohlseilen Bewahrung der schweren Verbrecher auf Schiffen, wo dieselben im theuern England nicht mehr als 20 Thaler für den Kopf Zuschuß kosten, theils zur Versendung derselben als Ansiedler nach Ncusüdwales, wo sie auf 1000 Thalcr für den Kopf zu stehen gekommen sind, nach einander geführt. Erst die Bemühungen des thätigen Sir Samuel Romilly für die Milderung der überstrengen Strafrechtspflege, sowie die Wirkungen der vortrefflichen, 1818 erschienenen und in demselben Jahre sieben Mal aufgelegten Schrift des Parlamentsgliedes Button über die Frage, ob Verbrechen und Elend durch unsere gegenwärtige Gefang- nißzucht erzeugt oder gehindert werden, waren, in Verbindung mit der Thätigkeit des wackern, von 1800 — 13 eifrig bemühten Jakob Neild, eines ehemaligen Goldschmiedes in London, im Stande, mit solcher Kraft auf die öffentliche Meinung zu wirken, daß auch das Parlament kräftig einzuschreiten beschloß und den Bau des, freilich überaus kostspieligen und nicht ganz verständig ausgeführten Besserunqshaufes Milbank bei London bewirkte. Besser noch als der, in dieser Anstalt befolgte kreisförmige Plan mit der Wohnung des Vorstehers in der Mitte, und den Behaltnissen der Gefangenen um ihn her im Kreise oder Vierecke, war die musterhafte, auf religiössittliche Zucht, Beschäftigung, Classenabtheilung, Trennung bei Nacht und sorgfältige Beobachtung und Überschauung gerichtete Hautordnung dieser Anstalt. (Im Auszuge abgedruckt in dem angeführten Werke von Julius.) Was aber noch kräftiger als die eben erwähnte Anstalt auf die Verbesserung der Gefangnisse und auf die Ecweckung der allgemeinen Theilnahme für diesen Gegenstand wirkte, war die Stiftung der großen, 1817 zuerst begründeten Gesellschaft für Verbesserung der Gefängnißzucht und die Verbesserung junger Verbrecher in London, an welche sich sehr bald ähnliche Vereine, theils männliche, wie in Dublin und andernOrten des britischen Reichs, theils weibliche, deren Seele die würdige Elisabeth Fry geworden ist, anschlössen. Besonders nützlich aber wirkte die Thätigkeit jener Gesellschaft und ihrer zahlreichen und angesehenen Mitglieder, unter denen nur die Namen Hsare, Button, William Allen, Gurney, Bedford, Crawsord, Western, Holford, Bennet, Venning und Peter Cunningham genannt werden mögen, während sich dieselbe Gefätigm'ßwcsen 137 MD ljpD' So bildete sich eine, nach einem englischen Vorbilde eingerichtete amerikanische Ge- fängnißgesellschast in Boston, Livingston verfaßte sein Gesetzbuch für Louisiana und andere hierher einschlagende Arbeiten, und es bildeten sich zwei Systeme der Gefangnißbauart und der Gefangenenzucht, welche ihren Sitz in der alten Heiwach der Gefängnißverbesserung, in Philadelphia und in Neuyork hatten. Das letzte jener Systeme, bei welchem die Gefängnisse, nach dem von Julius in seinen „Vorlesungen über Gefängnißkunde" eingeführten Ausdrucke, nach dem Schachtelplane erbaut werden, wurde zuerst in Neuyork versucht. Nach demselben sind mehre Gefangnisse in dem gleichnamigen Staate zu Auburn, zu Singsing, sowie auch zu Charlestown in Massachusetts und zu Weatberssield in Connecticut nach einander erbaut worden. Der Hauptgrundsatz dieses Systems besteht darin, die Gefangenen bei Nacht in einzelnen Zellen zu verwahren, bei Tage aber gemeinschaftlich arbeiten und essen zu lassen, wobei eine strenge militairische Zucht und ein vollkommenes Schweigen der Sträflinge unabweislich gehandhabt wird. Das andere System kam in Philadelphia auf, und ist bis jetzt erst in dem einzigen, noch nicht vollendeten Besserungshause des Staates Pennsylvanien, in Philadelphia, sowie auch in Pittsburg, eingeführt worden. Es treibt die Trennung der Sträflinge noch weiter als die Anstalt in Neuyork, indem nicht allein bei Nacht, sondern auch bei Tage jeden Gefangenen einsam in seiner Zelle läßt, und die Beschäftigung in dieser als ein Belohnungsmittel betrachtet. Jede dieser Zellen hat einen besondern kleinen Hof zum Luftschöpfen für den Gefangenen. Bis jetzt ist es nicht wohl möglich, ein entscheidendes Urtheil über die Vorzüge des einen oder des andern dieser Systeme zu fällen. So viel scheint indeß gewiß, daß die in Philadelphia eingeführte Strafweise nicht allein viel kostbarer durch die nothwendigcn Bauten wird, sondern auch durch die Nichtbeschästigung vieler Gefangenen bei manchen Charakteren und lebhaften Naturen gefahrvoll werden und zum Wahnsinn führen könnte, weshalb man auch nach den neuesten Nachrichten in Pennsylvanien bereits anfängt, in den Zellen arbeiten zu lassen. Dagegen läßt sich wider das in Neuyork übliche System einwenden, daß bei dem Schachtel- plane, dessen genauere Beschaffenheit die Abbildungen in der erwähnten Schrift von Julius zeigen, die Luft in den Zellen nicht unmittelbar aus der Atmosphäre, sondern aus einem eingeschlossenen überdachten Räume, zwischen dem eigentlichen Gefängnißgebäude mit den Zellenreihen (die innere Schachtel) und den äußern, weit von jenem abstehenden Mauern (die äußere Schachtel), erneuert wird. Von mindern, Belange scheint der dem in Neuyork eingeführten System gemachte Vorwurf einer strengem militairischen Zucht, welche bei Verbrechern und Sträflingen zu ihrem eignen Besten unerläßlich ist. In Hinsicht auf die Kostbarkeit der Erbauung und des Unterhalts sowie des Arbeitsertrags ist es unleugbar, daß jenes System bedeutende Vorzüge vor dem in Philadelphia befolgten sowie auch vor der, in vielen andern Ländern gewöhnlichen BeHandlungsweise hat, wobei aber nicht übersehen werden darf, daß die Höhe des Tagelohns in Nordamerika demselben Vorzüge hinsichtlich des Arbeitsertrags verleiht, welche in Europa bei der großen Übervölkerung und der verhältnißmäßigen Theurung der ersten Lebensbedürfnisse nie zu erreichen sein werden. Kehren wir nach dieser Abschweifung über die amerikanischen Gefängnisse zu den europäischen und insbesondere zu Howard's Bemühungen zurück. Gleichzeitig mit der, durch den Krieg gegen die nordamerikanischen Niederlassungen, in welche man früher wol Verbrecher zu schicken gewohnt war, veranlaßten Überfüllung der englischen Gefängnisse kam Howard von seiner ersten Reise nach dem festen Lande zurück. Nach dem Entwürfe des großen Rechtsgelehrten Blackstone wurde 1779 das erste Besserungshaus--Gesetz vom Parlamente erlassen, und Howard, dessen berühmter ärztlicher Freund vr. Fothcrgill, ein Quäker, und Whal- 5 »' 140 Gefängnißwesm als Strafmittel im Gefängnisse mit sparsamer Kost angewendeten, sowie auch von längerer Einsperrung und Beschäftigung. 2) Als gesetzliche Vorschrift, welche nur belohnungsweise und für die bessern Sträflinge zu gewissen Zeiten aufgehoben wird, das Schweigen während des Zusammenseins der Sträflinge, als eine den Tag über fortdauernde Verlängerung der bereits oben erwähnten Einsamkeit bei Nacht. 3) Die Tretmühlen; eine für kurzzeitige Verbrecher, Landstreicher und Tagediebe, welchen der arbeitslose Aufenthalt im Gefangnisse in kalter Winterszeit nur erwünscht sein kann, sowie auch als Strafmittel für langzeitige Gefangene bei Vergehungen in der Strafanstalt höchst wirksame und nützliche Erfindung, vorausgefetzt, daß derselben stets eine ärztliche Untersuchung vor der Zuerkennung vorangehe. Es bedarf hier, was bei kurzzeitigen Verbrechern so wichtig ist, keiner Lehrzeit; sie läßt sich nach der Zahl der Arbeitenden, nach der Schnelligkeit der Umdrehungen sowie auf vielfache andere Weise abstufen und umändern und jeder gewünschten Classmabtheilung anpassen, während die durch selbige hervorgebrachte Kraftäußerung wie Wind, Wasser oder Dampf zu jedem beliebigen Zwecke verwendet werden kann. 4) Die Feierlichkeit der durch religiöse Motive verstärkten Aufnahme und Entlassung. 5) Die höhere und geachteter^ dem verdienstvollen und verantwortlichen Amte eines Gefängnißvorste- hers zu verleihende Stellung, damit dasselbe nicht mehr, wie früher, als eine Versorgung für ausgediente und abgelebte, nicht immer zu diesem Posten geeignete Militairpersonen betrachtet werde. 6) Die Anstellung eigner Geistlichen und Schullehrer, von denen der erstere im Hause wohnen und ungestört durch die Pflichten der Seelforge einer städtischen Gemeinde seine ganze Zeit den Sträflingen widmen, und nicht bloß sonntäglichen Gottesdienst nebst Morgen- und Abendandachten halten, sondern auch sich einzeln mit den eindrucksfähigen Sträflingen besprechen, und deren Bekümmernisse vernehmen, insbesondere aber den Augenblick der Zugänglichkeit benutzen soll, welcher sich dem Prediger fast immer, selbst beim verhärteten Bösewichte darbietet, wenn ihn Krankheit an das Lager fesselt. 7) Eine gehörige, ein sorgenfreies Dasein gewährende Besoldung der Gefangenwärter für die Männer, sowie der Wärterinnen für die Weibn, durch deren Anstellung allein dem unausbleiblichen Unfuge begegnet werden kann, der aus der Gewalt roher Gefangenwärter über gewandte und mehr oder weniger Sinnenreiz darbietende weibliche Sträflinge entstehen muß. 8) Die Vereinigung des gesummten Gefängnißwesens, welches in den meisten Staaten entweder als Nebensache behandelt oder unter verschiedene Ministerien vertheilt ist, unter der Obhut einer eignen, allein zu diesem Zwecke bestimmten Behörde, wie die Strafan- staltencommissi'on im Königreiche Würtemberg, und die Gefängnißräthe in den Niederlanden und in Frankreich; die Anstellung eines oder mehrer, mit dieser Gc- fängnißbehörde zusammenhängender, controlircnder und rcvidirender beständiger Generalinspectoren der Gefängnisse, wie in Irland und Frankreich; endlich die Begründung achtbarer und durch die Behörde anerkannter besuchender Männer- und Frauenvercine, als wohlthätige Controle der untern Gefängnißbeamten und Vormünder der nach vollendeter Strafzeit aus der Gefangenschaft Entlassenen, und als letzter Ring der Kette, deren erster ein Gefangnißverein ist, ohne welchen in unserer Zeit kein Staat, er sei so groß oder so klein als er wolle, mehr gefunden werden sollte. Seit dem Vorgange der 1817 gestifteten britischen Gefängnißgesellschaft haben sich 1819 die irische und die russische, 1820 die französische, 1823 die nieder- landische, 1826 die nordamenkanische in Boston, 1827 die rheinisch -westfälische, 1828 die preußische für die östlichen Provinzen der Monarchie, und bald nach dieser die weimarische, die würtembergische, die badische und die nassauische gebildet, von denen die letztern auf eine diesem Land zum Ruhme gereichende Weise Gefangnißwesen 139 nicht allein über das ganze britische Reich, sondern auch durch zahlreiche Reisende über die gebildete Welt verbreitete, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf den bisher ganz vernachlässigten, so wichtigen Zweig der Gefängnißkunde, die Gefangniß- baukunst, richtete und, ihre eignen Erfahrungen benutzend, immer weiter fortschritt. Sie empfahl 1819 durch eine der zahlreichen, von ihr neben ihren Jahresberichten bekannt gemachten Schriften den im genter Gefangnisse und seitdem mit geringen Abweichungen in allen folgenden verbesserten Gefangnissen befolgten Kreisplan, und ging 1829 zu dem, durch den Baumeister George Ainslie erdachten, bei weitem vorzüglichem Stralenplane über. Dieser seitdem durch zahllose Abbildungen, Beschreibungen und Empfehlungen der Gesellschaft (s. die Abbildung desselben und des Kreisplanes in der „Gefangnißkunde"), sowie durch viele, nach demselben erbaute Gefangnisse in den drei Königreichen und durch das in Genf errichtete Besserungshaus bekannt gewordene Plan vereinigt unstreitig auf eine, durch keinen andern erreichbarere Weise die sechs Haupterfodernisse eines guten Gefängnisses. Diese sind: 1) Die Sicherheit oder Sorge für die Aufbewahrung und Unschädlichmachung der Sträflinge. 2) Gesundheit, oder die Sorge für die Lufl- erneuerung, Bekleidung, Ernährung, Reinlichkeit, Bewegung, insoweit selbige zur Erhaltung der Gesundheit nothwendig ist, und Krankenfürsocge. Z) Beaufsichtigung oder Überschauung, welche der in einem mehrseitigen Mittelgebäude wohnende Vorsteher von dort aus sowol über die gleich Stralen von demselben ausgehenden Gebäude der Gefangenenclassen, zwischen welchen und dem Mittelgebäude ein Abstand von 15 — 29 Fuß ist, als auch über die zwischen diesen Stralen elassenweise abgetheilten Spazierhöfe der Gefangenen unaufhörlich ausübt. 4) Elassenabtheilung, nicht allein nach den Geschlechtern, sondern auch nach dem Alter, der Erstmaligkeit oder Wiederholung des Verbrechens, der Art desselben und der Aufführung. Außer diesen Abtheilungen und einer nach Zeller's Vorschlag einzuführenden Beobachtungs-, Bewähr- und einer Vorbereitungs- oder Besserungs- classe, ist es unmöglich, allgemeine Grundsätze in dieser Hinsicht festzusetzen, und das Besondere muß daher dem Gesängnißvorsteher überlassen werden. 5) Arbeit und Beschäftigung, zur Verhütung des Müssi'ggangs sowie zur Verminderung der Erhaltungskosten, und zur Befähigung des Gefangenen, durch den Überverdienst, der sich nach den Fortschritten in der Besserung und in der Stufenfolge der Classen erhöht, einen Sparpfennig für die Zeit nach der Entlassung zurückzulegen. 6) Unterricht, und zwar auf doppelte Weise, sowol religiös-sittlich, als Grundlage der Besserung und Rettung des der Gerechtigkeit verfallenen Sträflings, als auch gewerblich, zur Erwerbung der Kenntniß eines ehrlichen Unterhaltsmittcls für den Gefangenen nach seiner einstigen Entlassung aus dem Gefängnisse. Nächst diesen sechs Haupterfodernissen, welche sich am leichtesten durch die Befolgung des Stralenplans erreichen lassen, der in Großbritannien in den Gefängnissen und Besserungshäusern zu Flock, Knutsford, Glasgow, Carlisle, New- castle, Huntingdon, Leicester, jetzt auch in Westminstcr und zu Derby in Irland in mehren Grafschaftsgefängnissen, auf dem festen Lande aber bisher erst in dem einzigen Besserungshause zu Genf befolgt worden ist, müssen aber noch zur Begründung eines wahrhaften Besserungssystems der Verbrecher, welches sich mit der Vollstreckung der verdienten Strafe wohl vereinigen läßt, folgende Bedingungen sorgfältig ins Auge gefaßt werden: 1) Die Einsamkeit beim Eintritt in das Ge- fängniß für alle Sträflinge, und für die schlimmem und verderbtem zu verschiedenen, durch das Jahr vertheilten Zeitpunkten, sowie gleich nach dem Gottesdienste am Sonntage auf kurze Zeit und bald vor der Entlassung aus der Anstalt, als machtiges Beförderungsmittel der Einkehr in sich selbst, der Lostrennung von den äußern Gegenständen und der Bekämpfung der Schlangenwindungen des Lasters durch die Stimme des Gewissens. Verschieden ist diese Einsamkeit aber von der, 142 Geiger da die stadtischen Behörden, wie es auch in England der Fall ist, zu Verbesserungen wenig geneigt waren. In Frankreich, welches 4 Galeerenhöfe, 14 Correccions- hausir und 371 Arresthäuser besitzt, waren von 1817 — 31 nicht weniger als 3!) Mill. Francs auf Bauten, Vergrößerungen und Verbesserungen der Gefangnisse verwendet worden. Es ermangelten aber dennoch viele derselben selbst der gesetzlichen, keineswegs vollkommen zu nennenden Classenabtheilung und enthielten Wahnsinnige, sowie auch die Zahl der Rückfalligen, sich durch die schlechte Classenabtheilung der Gefangnisse aufeine unglaubliche Weise vermehrt hatte, am stärksten in Paris und in dessen Nahe, im umgekehrten Verhaltnisse mit der Entfernung von diesem Hauptsitze des Lasters und des Verderbnisses abnehmend. In den Niederlanden, sowol in den südlichen als nördlichen, waren die Gefangnisse im Ganzen wohl eingerichtet und in bestandiger Vervollkommnung. In der Schweiz ist unter den einzelnen Cantonen Uri ganz ohne Strafgefängniß. Gut eingerichtet waren die Anstalten in Basel und Solothurn. Bern besaß ein neugebautes, aber nach einem unvollkommenen Plane angelegtes Gefangniß. Dasselbe gilt von dem in Lausanne für das Waadtland; musterhaft aber ist das bereits erwähnte, nach dem Stellenpläne erbaute Besserungshaus zu Genf. In Ostreich ist bereits seit Joseph II. sehr viel für Ordnung und Beschäftigung. Reinlichkeit und Zucht der Gefangenanstalten geschehen. In Preußen wird, besonders seitdem das Ministerium des Innern und der Polizei unter der Leitung des Freiherr» von Brenn steht, unablässig an der Verbesserung und Erweiterung der Strafanstalten gearbeitet, und es sind bereits für die östlichen, für die Mittlern und für die westlichen Provinzen der Monarchie drei große Besserungshauser nach dem Stralenplane entworfen, sowie auch unter der Obhut des, unter dem Freihern von Altenstein stehenden Ministeriums der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegendeiten über zwanzig Anstalten für jugendliche Verbrecher meist durch freiwillige Beitrage entstanden sind, mit welchen die Bemühungen der dortigen Gefangnißgesellschaften Hand in Hand gehen. In Baiern gehört die Strafanstalt in München zu den bessern, sowie die aufder Plassenburg unter Stuhlmüller's Leitung. In Würtemberg ist das gestimmte Gefängnißwesen wohleingerichtet und unter eine besondere Strafanstaltencommis- sion gestellt; auch besitzt dieses Land zahlreiche Erziehungshäuser für jugendliche Verbrecher. In Baden kann die Strafanstalt in Freiburg mit Recht zu den bessern gezählt werden. In Nassau sind die unter Lindpaintner's Leitung stehenden Strafanstalten in Eberbach undDietz für ein so kleines Land musterhaft eingerichtet. Frankfurt am Main hat gleichfalls in den letzten Jahren ein wohleingerichtetes Zuchthaus gestiftet, sowie Bremen ein Arbeitshaus und Hamburg ein Haftgefängniß. Im Königreiche Sachsen hat die Strafanstalt zu Waldheim in neuern Zeiten manche Verbesserungen erhalten, und im Herzogthum Gotha ist unter Eberhard's Leitung viel für die Verbesserung der Zuchthäuser in Koburg und Gotha geschehen. Das Zuchthaus in Hameln besitzt an Domaier einen ausgezeichneten Vorsteher. In Mecklenburg- Schwerin ist die Errichtung einer neuen Strafanstalt vorbereitet. In Dänemark und inSchweden, besonders aber in Norwegen, sind die neuen Fortschritte derGefang- nißverbesserung nicht wirkungslos geblieben. In Rußland ist viel Gutes durch die Einwirkung der dortigen Gefangnißgesellschaft gewirkt worden, und angeblich besitzt Moskau ein nach verbesserten Planen ausgeführtes Gefängniß. In Polen hat sich die Thatigkeit des Grafen Skarbek, der zu diesem BeHufe mehre Reisen gemacht hatte, auch auf die Gefangnisse erstreckt, und dieselben würden ohne die Störungen eurch die neuesten Ereignisse wahrscheinlich noch weiter vorgerückt sein. (64) Geiger (Philipp Lorenz), Professor zu Heidelberg, einer der ersten Pharmaceuten Deutschlands, ward am 29. Aug. 1785 in Freinsheim geboren, einem Städtchen in Rheinbaiern, wo sein Vater Pfarrer war. Von diesem erhielt er den ersten Unterricht, kam im zwölften Jahre in ein Institut des Pfarrers Jo- Gefängnißwesen 141 sich so schnell verbreitet hat, daß bereits ein Mitglied auf jede 400 Einwohner gezahlt wird. Die Berichte dieser Gesellschaften, deren die englische bis jetzt acht, die irische neun, die nordamerikanische fünf, die niederländische, die rheinisch-westfälische und die russische vier, die weimarische zwei und die preußische und nassauische einen bekannt gemacht haben, enthalten, nebst den auf Kosten der britischen Gesellschaft herausgekommenen Schriften und dem Werke von Lucas über das Besserungssystem („Du Systeme penal et <1u sMeme represdik", 3 Bde., Paris 1828 — 30), in Verbindung mit dem 1823 in Norwegen erschienenen Buche von Holst über das britische Gefängnißwesen und mit Spangenberg's 1821 gedruckter Schrift „Über das Pönitentiarsystem" einen Schatz von Thatsachen und Erfahrungen, welche I). Julius in seinen, jetzt auch durch Logarmitte ins Französische übersetzten „Vorlesungen über die Gefängnißkunde" (Berlin 1828) zu einem systematischen Ganzen zusammengefaßt hat, das er durch seine monatlich erscheinenden „Jahrbücher derStraf-undBesserungsanstalten" fortführt und vervollständigt. Fügt man noch Zeller's „Grundriß der Strafanstalt, die als Erziehanstalt bessern will" (Stuttgart 1824) hinzu, so wird man das Beste und Vollständigste besitzen, was bis jetzt über die noch junge Wissenschaft der Gefängnißkunde erschienen ist, welche indeß schon ihren fleißigen Literator in Ristelhüber, dem Vorsteher des Landarmenhauses zu Brauweiler, gefunden hat, dessen „Wegweiser zur Literatur der Waisenpflege, des Volkserziehungswesens, der Armenfürsorge, des Bettlerwesens und der Gefängnißkunde" (Köln 1831) sorgfältige Nachweisungen gibt. Betrachten wir nun noch den Zustand der Gefängnisse in den verschiedenen Ländern Europas. In England waren von den 518 Gefängnissen, welche dieses Land enthält, unter 122 am Ende des Jahres 1826 noch 32 ohne alle Classen- abtheilung, 30 mit Schlafstuben für jeden einzelnen Gefangenen und 31 ohne alle Arbeit, und ein Jahr später enthielten noch 29 Gefängnisse Wahnsinnige, welcher Übelstand sowie der Mangel an Elassenabtheilung auch noch jetzt, trotz den rühmlichen Bemühungen Peel's, schmerzlich empfunden wird. Die Gefängnisse in London gehören aber, Milbank, das gegen 600 Sträflinge enthält, allein ausgenommen, zu den schlechtesten. Obgleich nach den Gesetzen von 1823 und 1824 wenigstens 10Classenabtheilung?n in jedem Gefängnißhause eingeführt werden sollen, so waren doch in der neuesten Zeit noch immer sehr viele ohne alle Abtheilungen der Gefangenen. In 22 Grafschaftsgefängnissen gab es weniger als 10 Abtheilungen. Nach dem neuesten Bericht der englischen Gefängnißgesellschaft von 1832 hatten unter 136 Gefängnissen nur 36 so viele Zellen, daß jeder Gefangene zur Nachtzeit einzeln eingesperrt werden konnte, in 40 wechselte die Zahl der in jedem Schlafraum befindlichen Gefangenen zwischen 3 und 6; in 10 Gefangnissen mit 220 Schlafstuben waren gleichzeitig 2100 Menschen bei Nacht, und in einigen der größten Anstalten befanden sich 15 — 30 Sträflinge ,n einer Schlafstube. Die Anzahl der Arbeitsstunden war im Sommer zwischen 7 und 11, im Winter zwischen 5 und 7 Stunden. In Schottland sind, mit Ausnahme des sehr guten Gefängnisses zu Glasgow, das größtentheils nach dem Stralenplane erbaut ist, und zum Theil auch der beiden Gefängnisse zu Edinburg, die übrigen Anstalten in sehr schlechtem Zustande, doch werden die Mängel derselben weniger fühlbar, da die Zahl der Gefangenen sehr gering ist. In Irland hat die treffliche Einrichtung der General- inspection der Gefängnisse wohlthätig gewirkt, und daher bemerkt man hier seit den letzten Jahren die erfreulichsten Fortschritte im Gefängnißwesen. Von den 40 Grafschaftsgefängnissen sind 9 nach dem Stralenplan und 6 nach dem halbkreisförmigen Plan ganz neu erbaut worden. Unter den kleinern Arbeitshäusern genügten der gesetzlichen Elassenabtheilung nur wenige. In vielen Zuchthäusern waren die Verhafteten ohne Beschäftigung. Die Gefangnisse in Dublin waren, mit Ausnahme des von der Regierung gegründeten Besserungshauses, sehr schlecht, 144 Geismar banesen gegen Neapel machten. Als nach der Schlacht bei Austerlitz die Nüssen Italien und bald auch Korfu verließen, um nach Rußland zurückzukehren, kam G. mit seinem Regimente nach Podolien. Vei dem Ausbruche des Türkenkriegs 1806 gehörte sein Regiment zu der vom General Miloradowitsch befehligten Division und rückte mit dem Heere unter Michelsen in die Moldau und Walachei. In diesem Kriege erwarb er sich Ruhm und Auszeichnung durch seine erste Waffen- that, indem er unter sehr ungünstigen Umständen an der Spitze von 100 Freiwilligen das feste Schloß Turbat unweit Giurgewo erstürmte. Nach den Unterhandlungen zu Rustschuk ward er in das Hauptquartier des Großwessirs geschickt, um günstige Bedingungen für die Serbier auszuwirken. Wahrend er mit dem russischen Hauptquartier in Bukarescht blieb, wurden ihm 1808 mehre Sendungen an Mustaphsr Bairaktar und an Czerny Georg aufgetragen. Nach dem Wiederausbruche der Feindseligkeiten eroberte er, wie früher Turbat, in einem kühnen Angriffe Bairaktar's Schloß Slobodno, das er, nach dem mislungenen Versuche des russischen Hauptheeres gegen Giurgewo, in die Luft sprengte. Als nach dem Ausbruche des Kriegs zwischen Ostreich und Frankreich 1809 ein russischer Heerhaufen, mit den Franzosen verbündet, in Galizien eingerückt war, erhielt G. den Austrag, in den Karpathen am Ausgange der siebenbürgischen Engpasse die Ostreicher zu beobachten. Nach dem Frieden rief Miloradowitsch ihn wieder nach Bukarescht zurück und machte ihn zu seinem Adjutanten. Als General Labanoff 1810 die Festung Rasgrad angriff, erwarb sich G. durch die Entschlossenheit und Geistesgegenwart, womit er die Unterhandlung führte, das Verdienst, den Pascha zur Übergabe zu bewegen. In demselben Feldzuge focht er, als Kamensky Schumla angriff, mit glänzender Tapferkeit gegen einen überlegenen türkischen Reiterhaufen. Bei der gleichzeitigen Belagerung der Festungen Rustschuk und Giurgewo unternahm er es mit einem Haufen von Freiwilligen, eine Brücke zu zerstören, welche überfeinen Donauarm führt, der Giurgewo in zwei Theile trennt'. Er mußte die Faschinen und die meisten übrigen Bedürfnisse, die er zur Ausführung des kühnen Unternehmens brauchte, von einem russischen General kaufen; aber aller Schwierigkeiten ungeachtet und von seinen Leuten wenig unterstützt, gelang es seiner Unerschrockenheit, den Plan glücklich auszuführen. Er sah seinen Diensteifer wenig belohnt, und wahrscheinlich bewog ihn dies, 1811 seinen Abschied zu nehmen und sich auf ein gepachtetes Landgut unweit Bukarescht zurückzuziehen. Als Rußland sich zum Kriege gegen Frankreich rüstete, reiste G. nach Petersburg und wurde als Adjutant bei dem General Bachnietief angestellt. In dem Gefechte bei Ostrowno schwer verwundet, ward er nach Petersburg gebracht, und als er, kaum geheilt, zu dem Heere zurückkehrte, waren die Franzosen bereits auf dem Rückzüge. Er kam zu dem Heerhaufen des Generals Miloradowitsch, der ihm in Kalisch den Auftrag gab, mit 300 Reitern einen Streifzug nach Sachsen zu machen. Auf dem Wege nach Dresden vereinigte er sich mit den Obersten Da- vidoss und Orloff, die denselben Auftrag hatten, und wahrend Davidoff mit dem General Durutte in Dresden eine Übereinkunft schloß, wollte G. mit Orloff über die Elbe setzen, und es gelang ihm, in den Elbdörfern mehre versenkte Kähne aufzufinden, mit welchen das Unternehmen am 14. Marz 1813 oberhalb Meißen ausgeführt wurde. G. und Orloff rückten auf der Straße nach Nossen vor, und ohne Fußvolk und Geschütz kämpften sie mit Erfolg gegen die zehnfach überlegene Macht, mit welcher Durutte und der bairische General Nechberg sie angriffen. G. ging nach der Schlacht bei Lützen nach Schlesien und stand wieder als Adjutant bei Miloradowitsch, als die Verbündeten im August gegen Dresden vorrückten. Nach dem Rückzüge derselben war G. in den engen Waldpassen bei Töplitz bemüht, die Ordnung der verfolgten Heerabtheilungen zu erhalten, bis ihn der Kanonendonner bei Kulm auf das Schlachtfeld rief, wo er durch seine Ent- Geismar 143 seph in Dallau bei Mosbach, mit der Bestimmung, sich zum theologischen Stu- dium vorzubereiten, ward indeß nach Jahresfrist, da man keine schnellen Fort- schritte in den Sprachen bei ihm wahrnahm, zu dem Apotheker Armbrecht nach sÄstd ' Adelsheim und nach dessen bald darauf erfolgtem Tode zum Apotheker Heintze ""H Heidelberg in die Lehre gegeben, wo er fünf Jahre blieb und den ersten Grund 5iüss ' ' zur praktischen und wissenschaftlichen Ausbildung in der Pharmacke legte, wobei ihm sehr zu statten kam, daß fein Principal zu den gebildetsten Apothekern feiner Zeit ge- vlin ^ ^ zugleich den Sprachunterricht unter der Leitung von Lehrern am Gymnasium fort und hörte spater auch Collegia über Physik und Mathematik. . Von Heidelberg kam er nach Rastatt zum Hofapotheker Szuhany und zwei Jahre dar- ^ ^ auf nach Landau zu Apotheker Gaupp. Im Herbste 1807 erhielt er das Provisorat ^ der Sachs'schen Apotheke in Karlsruhe, nachdem er daselbst im zweiundzwanzigsten ^ >vMnjx Jahre die Staatsprüfung glänzend bestanden hatte. Nach 11 Jahren ging er wieder ^ aus die Universität Heidelberg und besuchte daselbst die naturwissenschaftlichen, techni- ^ den, inj. schen und medicinischen Collegien. Er übernahm 1811 die Sachs'sche Apotheke in Ote,nch Karlsruhe und kaufte später eine Apotheke bei Basel, die er aber bald wieder auf- gab, worauf er 1814 eine Apotheke in Heidelberg erwarb. G. hielt 1816 die er- ldÄchtd«? sten Vorlesungen über Botanik und pharmaceutifche Chemie, erlangte 1817 die philosophische Doctorwürde, habilitirte sich 1818 als Docent und erhielt 1824 H , die Professur der Pharmacie daselbst, nachdem er bereits 1821 seine Apotheke ver- MöM lil ^ufr hatte. In demselben Jahre übernahm er die Redaction des „Magazins HeüPtMy für Pharmacie", welches sich stets durch sehr gediegene Abhandlungen ausgezeich- M entWfm "et hat und noch jetzt im Verein mit Brandes und Liebig von ihm fortgesetzt wird. sichckM Er wurde 1831 zum Generalvisitator der Apotheken des Neckar-, Main- u. Tauber- Kreises ernannt. Außer sehr werthvollen originalen Untersuchungen, die sich ins- NÜM gesammt durch Gründlichkeit und praktisches Interesse auszeichnen und in seiner iWich eignen sowie andern pharmaceutischen Zeitschriften zu finden sind, besitzen wir noch Mn« si! mehre größere und kleinere Schriften von G,, worunter vorzüglich sein „Handbuch . der Pharmacie" (erster Bd. Heidelberg 1824, vierte Aufl. 1832), jetzt eine der geschätztesten Quellen für das Studium der Pharmacie, Bemerkung verdient. Eine „?tmrm3clipoeu Luetenzis", die er im Auftrag der Regierung verfaßt hat, wird jetzt gedruckt. (11) ^ ' 7,^ Geismar (von), russischer General, ward am 12. Mai 1783 aus dem Familiengute Severinghausen bei Ahlen im ehemaligen Bisthum Münster gebo- ren, wo sein Vater als Major und Kammerherr des Kurfürsten von Köln lebte. Nachdem er in einer adeligen Lehranstalt zu Münster und später durch Privat- Unterricht sich vorbereitet hatte, kam er 1798 als Cadet in das östreichische Jn- DV-s fanterieregiment Deutschmeister, mit welchem er 1799 nach Italien zog, wo er l'ftiilS''' unter dem Oberbefehl des Generals Kray der Belagerung von Mantua beiwohnte. Hr zeichnete sich bei mehren Gelegenheiten, ;. B. in der Schlacht bei Novi, durch . AM seine Tapferkeit aus; als aber 1800 sein Regiment durch eine fehlerhaste Anordnet, A'! nung des Befehlshabers in eine gefährliche Stellung kam, gerieth G. mit seinen Waffenbrüdern in Gefangenschaft und wurde nach Genua gebracht, wo sie wah- , yM','s rend der Belagerung große Noth erlitten, bis Massena sie auf ihr Ehrenwort ent- , ließ. Nach der Schlacht bei Marengo focht G., zum Lieutenant aufgerückt, noch mit Auszeichnung in einigen Gefechten, wie bei Bozzolo am Mincio und bei . Valeggio, wo er den General Julien durch Muth und Geistesgegenwart rettete. Er nahm 1804 seinen Abschied, um in englische Dienste zu gehen, und war auf dem Wege nach Ceylon, als in Korfu der russische Genera! Apup ihn bewog, ^ unter den russischen Fahnen zu dienen, und bald nachher trat er als Fähnrich in sibirische Grenadierregiment, das auf der Insel stand. Im folgenden Jahre > ^ nahm er Theil an dem Kriegszuge, den die Russen in Verbindung mit 2000 Al- 146 Gemeindewescn Geographische Gesellschaften Gemeindewesen, s. Städteordnung. Gcndebien (Alexander), geboren zu Brüssel um 1800, machte sich als einer der Redactoren des „(lourrier cles und einer der eifrigsten Sprecher gegen das Gcsetzgebungs- und Rechtspflegesystem van Maanen's, als Vertheidiger Ainserling's in dem Flagellantenproceß zu Gent, sowie als Anwalt Potter's bekannt. Er gehörte zu der berühmten Deputation, welche nach dem Haag ging, scheinbar, um dem Könige die fortwahrende Unterwürfigkeit der Belgier zu bezeigen und um Abstellung der Beschwerden zu bitten. Nach seiner Rückkehr wirkte er als einer der Thätigsten für die Bearbeitung des Volksgeistes. Er half die ersten Clubs organisieren und gab viele Nachschlage, durch deren Befolgung alle Versöhnung unmöglich gemacht werden sollte. Seine Schwester, die Gattin des Generals Duvivier, welcher längere Zeit noch der Pflicht treu blieb, vereinigte ihre Bemühungen mit den feinigen, um auch diesen zum Abfall zu vermögen, und sie sahen bald ihre Absicht erreicht, wie dies auch bei ihrem Schwager Barthelemi der Fall war. Man sah G. fortan fast bei allen Commissionen und Verwaltungen, welche nach den Septembertagen zusammentraten, unter Denjenigen welche sich in die provisorische Negierung drängten, und ebenso ließ er sich gleich be dem Beginn des Nationalcongresses mit einer consequenten Heftigkeit bei jedem Anlasse vernehmen. Er schwankte seitdem auch stets zwischen der parlamentarischen, diplomatischen und juristischen Laufbahn und verrieth nicht undeutlich die Neigung, wenn es möglich wäre, in all diesen Laufbahnen zugleich zu glänzen. Er wußte, wie verschieden auch die Meinungen seiner Landsleute von seinen Fähigkeiten, Leistungen und Verdiensten sein mochten, doch bei allen Wechseln der Revolution sich in einiger Celebrität zu erhalten, und war stets in der Opposition gegen jede Behörde, in welcher er nicht selbst als Mitglied saß, und gegen jedes System, das er nicht gründen geholfen hatte. Als er noch im Mitbesitze der Macht war, zeigte er eine auffallende Begünstigung seiner Verwandten und eine ungemcssene Neigung, zu gleicher Zeit zu dem Besitz mehrcr Amter zu gelangen, und selbst liberale belgische Blätter rügten dies mit Bitterkeit. Nach Surlet's Ernennung zum Regenten wurde G. zum Iustizminist-w ernannt, und als er später diesen Posten abgeben mußte, zum Präsidenten des Obergerichtshoses. Er benutzte seitdem, so oft es ihm um Opposition zu thun war, die Nationalassociation und nach deren Auflösung andere Clubs. Fast bei allen Verhandlungen des Congresses über wichtige Gegenstände trat G. in der Opposition auf. Er lieferte Beiträge zu Zeitschristen und wurde zu verschiedenen Sendungen und Aufträgen gebraucht. Auch seit der Regierung des Königs Leopold zeigte er das Bestreben, sich vorzudrängen und einen starken, zunächst den Ministern gefährlichen Effect zu machen. Im Oct. 1832 ward er zum Gencralprocurator des Cassationshofes zu Brüssel ernannt, schlug aber diese Stelle aus und hat seitdem in der ihm ergebenen Partei der Republikaner eine noch kräftigere Stütze gefunden. (33) Geographische Gesellschaften, welche die Kenntniß des Erdballs in seiner mathematischen, physischen und politischen Beziehung zu befördern streben und die Erdkunde, diese mit allen Zweigen des menschlichen Wissens in Verbindung stehende Vorhalle der Geschichte, zum Gegenstande ihrer Studien machen, sind ein Erzeugniß der neuesten Zeit. Es hat zwar nie an gelehrten Vereinen gefehlt, welche die Bestimmung hatten, die Fortschritte der Wissenschaften zu beschleunigen und gewisse Theile der menschlichen Kenntnisse auszubreiten; bis zum Jahre 1821 aber hat es keine Gesellschaft gegeben, welche die Aufgeklärten aller Nationen aufrief, durch ihre Bemühungen und Geldmittel zur Vervollkommnung der Erdkunde mitzuwirken, obgleich diese mit den Fortschritten der Gesittung, mit der Vernichtung jeder nationalen Eifersucht und mit der Verbesserung des Auslandes des menschlichen Geschlechts so innig verbunden ist. Dies sind die Geismar 145 schlofsenheit und Geistesgegenwart besonders dazu beitrug, den zögernden östrei- chischen General Colloredo zu bewegen, den linken Flügel der Franzosen zu umgehen, wodurch der Sieg entschieden wurde. Im September war G. bei dem Heerhaufen des Grafen Platoff in der Gegend von Altenburg und vollzog mir glücklichem Erfolge den Auftrag, an der Spitze eines Kosackenhaufexs mitten durch das feindliche Lager zwischen Lützen und Naumburg die Verbindung mit dem Heere des Kronprinzen von Schweden bei Hatte herzustellen. Wahrend der Schlacht bei Leipzig leistete er mit dem Reiterhaufen, den er anführte, wichtige Dienste, und er war es, welchem der würtembergische General Normann und später der sächsische General Ryssel ihren Entschluß mittheilten, zu den Verbündeten überzugehen. Am 19. Oct. wurde G. mit zwei Kosackenregimentern nach Weimar entsendet, um vor den in vollem Rückzüge weichenden Franzosen einzutreffen und den Herzog zu schützen. Am folgenden Tage übersiel er den von Bertrand angeführten feindlichen Heerhaufen, und seiner Tapferkeit hatte die Stadt ihre Rettung zu danken, als am 22. Oct. der französische General Lefebvre-Desnouettes Weimar bedrohte. Er folgte dem französischen Heere, immer kämpfend, und focht tapfer in der Schlacht bei Hanau. Zum Obersten befördert, machte er den Feldzug von 1814 unter dem Herzog von Weimar, als dieser den Oberbefehl über sammtliche sächsische Truppen erhalten hatte. Mit dem Herzog in Brüssel angekommen, wurde G. mit einem Kosackenregiment und sächsischen Reitern entsendet, um über die Scheide zu setzen, zwischen den feindlichen Festungen durchzugehen und Proclamationen zu Gunsten der Bourbons zu verbreiten, was er mit großem Eifer betrieb. An der Spitze dieses kleinen Haufens, ohne Fußvolk und ohne Geschütz, drang er im Februar und Marz ins westliche Frankreich ein, im Rücken des Feindes gegen einzelne Kriegerhaufen und bewaffnete Landleute kämpfend, hemmte die Verbindung der französischen Heere im Innern, befreite viele Kriegsgefangene, lieferte dem Heere über 2000 Wagen mit Lebensmitteln und nahm durch einen raschen Angriff die befestigte Stadt Saint-Quentin. Zwar mit Orden geziert und für seine Verdienste belobt, erhielt G. doch am Ende des Feldzugs sonst nicht die mindeste Belohnung, und erst 1820 ward er General. Beim Ausbruche des Krieges gegen die Türken 1828 kam G. wieder auf den alten Schauplatz seines Wassenruhms, indem er den Vortrab des sechsten Corps unter dem General Roth führte und am 12. Mai Bukarescht besetzte. Konnten auch bei den Unfällen, welche durch die obere Leitung des Krieges herbeigeführt wurden, seine Anstrengungen nicht unterstützt werden, so behauptete er doch die kleine Walachei, welche der rechte Flügel der Russen besetzt hatte, schlug den Pascha von Widdin und errichtete in der Walachei aus den Eingeborenen ein Pandurencorps, das den Russen gute Dienste leistete. Die günstigem Ergebnisse des zweiten Feldzugs gestatteten auch ihm eine kräftigere Thätigkeir. Er machte mit seinen Panduren Streifzüge in das türkische Gebiet, eroberte im Jun. die feste Stadt Rachowa, deren Fall die Übergabe der Festung Silistria zur Folge hatte, und als nach dem Abschlüsse des Friedens der Pascha von Skutari die Russen im Rücken bedrohte, vereitelte G. durch rasche Bewegungen und tapfern Angriff den gefährlichen Anschlag. Nach dem Ende des Feldzugs besuchte er seine Heimath, wo er festlich empfangen ward. Als im Febr. 1831 ein russisches Heer in Polen einrückte, führte G. ein fliegendes Reitercerps, das Zamosc bedrohte. Das Glück war ihm nicht günstig, und in dem nächtlichen Überfalle des russischen Lagers am 31. März wurde G.'s Heerabtheilung, die den Vortrab bildete, fast ganz aufgerieben, und er mußte sich mit dem General Rosen zurückziehen. War er später, als die russischen Streitkräfte jenseit der Weichsel sich verstärkten, glücklicher, so konnte er doch auf diesem Schauplatz und gegen diese Feinde weniger Gelegenheit als in frühern Kriegen finden, sein Parteigängertalent zu zeigen. Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur, U. 10 Z48 Geographische Gesellschaften ten hervorgebracht hat. Der Zweck der loscanischen Gesellschaft für Geographie ist das Studium der physischen und statistischen Erdkunde und der vaterländischen Naturgeschichte, um dereinst eine vollständige Beschreibung Toscanas herauszugeben, ein Specialmuseum vaterländischer Naturerzeugnisse zu bilden und in allen Classen des Volks die Liebe zu jenen Wissenschaften zu verbreiten, die sein Wohlsein am gründlichsten befördern können. Die Gesellschaft zerfällt in zwei Abtheilungen: 1) für vaterländische Geographie und Statistik; 2) für vaterländische Naturgeschichte. Die nämliche Person kann beiden Classen angehören. Auch Deutschland wollte nicht zurückbleiben. Im April 1828 bildete sich zu Berlin ein Verein für Erdkunde, der sich immer am ersten Sonnabende eines jeden Monats versammelt, um über geographische Gegenstande zu verhandeln, und sich gegenseitig die neuesten Entdeckungen in diesem Felde der Wissenschaft mitzu- theilen. Bei dem Jubiläum des um Deutschlands Topographie hochverdienten Ingenieurs Reymann, dessen treffliche Karten fast in Jedermanns Händen sind, wurde die Idee dazu gefaßt. Viel hat die Gesellschaft unter Karl Ritter's Vorsitz schon bis jetzt geleistet und durch AnHaufen und Sichten genau geprüfter Materialien zu noch großem Erwartungen berechtigt. Gleich Anfangs zahlte sie 30 Mitglieder und unter ihnen Manner wie Ritter, Chamisso, Zeune, BerghauS, Encke, Klöden und Andere. Auch Sachsen erhielt bald einen ahnlichen Verein. Der rastlos thatige Beförderer mathematischen und erdkundlichen Wissens, Oberlandfeldmesser und Kammerrath von Schlieben, der kurz zuvor in einer besondern Schrift „Über Zweck und Einrichtung statistischer Bureaus" (Halle 1830) seine Ansichten der gelehrten Welt zur Beurrheilung vorgelegt hatte, entwarf schon 1830 die Statuten zu einem Vereine für vaterlandische Staatskunde, welcher mit Anfang des folgenden Jahres die landesherrliche Bestätigung erhielt. Ist gleichwol der Zweck dieser Gesellschaft, als deren Seele von Schlieben betrachtet werden kann, bloß ein specieller, Sammeln von Nachrichten über den Zustand Sachsens und seiner Bewohner in staatswirthschaftlicher Hinsicht, so sind dennoch Gegenstande, welche die Erdkunde im Allgemeinen berühren, von den Arbeiten derselben nicht ausgeschlossen. Die Zahl der Mitglieder ist unbestimmt; doch hat jedes derselben vierteljahrlich das Resultat seiner Forschungen in tabellarischer Form dem Comite vorzulegen. Nach der Anleitung dieses Ausschusses arbeiten Zweigvereine in fast allen größern StadtenSachsens zur Beförderung des vorgesetzten Zweckes. Zur ersten Einrichtung ist dem Verein eine Unterstützung von 400 Thaler bewilligt und die thatige Mithülfe der sammtlichen Behörden zugesagt worden. Bis jetzt hat er in zwei Heften seiner „Mittheilungen" (Leipzig 1831 — 32, 4.) Rechenschaft von seiner Thatigkeit gegeben. Am großartigsten aber und durch die Macht der goldenen Hebel Englands natürlich auch am einflußreichsten gestaltet sich die aufJohn Barrow's Betrieb am 15. Jul. 1830 gestiftete geographische Gesellschaft zu London (Ilm raz-al xeogra- jckncal svciet^ of I^onckon). Den Kern derselben bilden die meisten früherhin dem traveller's clud angehörenden Mitglieder. Zum Beschützer hat sich König Wilhelm IV., der im Seewesen und im Gebiete der Erdkunde selbst ausgebreitete Kenntnisse besitzt, von freien Stücken angeboten und seinen Bruder, den Herzog von Sussex, zu seinem Stellvertreter ernannt. Den Vorsitz übernahm Viscount Godcrich, unter welchem vier Viceprasi'denten (Barrow, Greenough, Hamilton und Leake), ein Schatzmeister (Biddulph), zwei Anwalte oder trübte?-- (Staunton und Ducke«), und zwei Secretaks (M'Konochin und Renouard) an der Spitze eines sogenannten Councils oder engern Ausschusses die Geschäfte leiten. Jedes Mitglied (bis jetzt 530 Einheimische und 21 Fremde) muß bei der Aufnahme 3 Pfund und dann alle Jahre 2 Pfund Sterling Beitrag bezahlen. Aus diesem Fonds und andern freiwilligen Unterstützungen, wobei der König mit Geographische Gesellschaften 147 Beweggründe, welche die Stiftung der ersten geographischen Gesellschaft, der zu Paris, geleitet haben. Mehre Gelehrte dieser Stadt, an ihrer Spitze der Dane Malte-Brun und der rastlos thatige Barbie du Bocage, versammelten sich am 19. Iul. 1819, um sich über den Entwurf eines Reglements zu diesem Behufe^zu be- rathen. Manner von anerkanntem Werth, deren Namen langst schon einen guten Klang im Gebiete der Literatur hatten, wurden mit der Abfassung desselben beauftragt. Es warenBarbie du Bocage, Fourier, Jomard, Langles, Letronne, Malte- Brun, Rossel und Walckenaer. Ein Präsident, zwei Vicevorsteher, ein Generalfecre- tair, zwei Scrutatoren, ein Schatzmeister und ein Bibliothekar, der zugl-eich die Stelle eines Archivars bekleidet, leiten die Geschäfte. Die pariser geographische Gesellschaft trat gleich in ihrem ersten Stiftungsjahre mit derselben Thätigkeit auf, welche sie noch heute auszeichnet. Sie läßt Reisen in unbekannte Gegenden unternehmen, schlägt Preise vor und erkennt sie zu, ermuntert durch Geldunterstützung, führt einen ausgebreiteten Briefwechsel mit andern gelehrten Gesellschaften, unterhalt Correspondenten auf den wichtigsten Punkten der beiden Hemisphären, fordert Berichte und Werke zum Drucke und läßt Karten stechen. Die thätigsten Mitglieder sind ' Jomard, der sich die Kenntniß von Afrika und hauptsachlich von Ägypten zur Hauptaufgabe seiner Studien gemacht zu haben scheint, Warden, der als geborener Amerikaner eine natürliche Vorliebe für alles Amerikanische hat, Eyries, Larenau- diere, Klaproth, Brue, Davesac, Roux de Rochelle, Carabocvf, Balbi, Bottin, Laroguette, Merlin, Cadet de Mch, Dincme, Ferussac, Sueur, Denaix, Beau- temps-Beaupre, Coquebert de Montbret, Bruguiere, Douville, und die Welt- umsegler Freycinet, Duperrey und Dumont d'Urville nebst dem Jngeni^urgeo- graphen Lapie. Auf den Vorschlag eines nun verewigten Stifters dieses Vereins, des Contreadmirals de Rossel, ist das Kartendepot der königlichen Bibliothek erweitert und Jomard als Conservator angestellt worden. Schon 182? zählte die Gesellschaft mehr als 890 Mitglieder, welche entweder mem- bres sc)iisclij>teurs sind, d. h. die jährlich 86 Francs Beitrage geben, und bei Empfang des Diploms 25 Francs in die Casse zahlen, oder uunndres ckonutenrs, die beim Eintritt einmal für allemal eine gewisse Summe niederlegen, deren Minimum 300 Francs ist. Sie hat Verbindungen in allen Theilen der Erde angeknüpft, sodaß ihr keine neue Entdeckung lange verborgen bleiben kann. Die Zahl der auswärtigen Ehrenmitglieder ist auf 18 festgesetzt. Zur Aufmunterung sind Preise in Medaillen von 10,000, von 1000, 300 und 100 Fr. für die wichtigste geographische Entdeckung, oder für die neueste die Wissenschast fördernde Notiz, die an das Institut gelangt. Den ersten Preis vom I. 1830 hat der berühmte Douville für seine Reise nach Angola und Benguela erhalten. Dem Beispiel von Paris folgte zuerst Florenz. Schon 1824 waren in Toscana einige Freunde der Wissenschaft zur Stiftung einer Gesellschaft für Geographie, Statistik und Naturgeschichte zusammengetreten und legten am 26. Nov. dem Großherzog den Entwurf und die Statuten derselben vor, welche alsbald genehmigt wurden. Die Begründer waren: Ritter von Antinori, GrafJ. de Bardi, I)r. P. Betti, Marchese Cino Capponi, Dr. G. Cioni, L. Fabbroni, Ritter I. Frullani, Professor I. Garreri, Professor P. Jnghirami, Professor G. Libri, Professor F. Nesti, G. P. Pagnorri, Dr. C. Passerini, Marchese C. Ridolsi, Professor I. Taddei, Professor A. Targioni Torretti, Dr. F. Tartini Salvatici, G. P. Vieus- sieux, Dr. A. Zuccagni Orlandini. Diese Männer hatten bei dieser neuen Stiftung die helvetische Gesellschaft der gcfammten Naturwissenschaften vor Augen, welche seit 1815 sich so große Ansprüche auf die Theilnahme der Menschenfreunde und Gelehrten aller Lander erworben hat. Während die Idee zur Reife gelangte, sah die Stadt Catania in Sicilien ihre „(lioienia ckelle science ^eo^raücbe c? »Mun>I>" ins Leben treten, welche bald in voller Wirksamkeit preiswürdige Arbel- 10 * 150 Geologie Ganzes, auf welches alle sonstigen Schichten bezogen wurden; die jüngsten Bildungen waren hier sehr wenig berücksichtigt, obwol diese besonderes Interesse darbieten, indem deren Bildungsart zum Theil unmittelbar zu beobachten ist. Euvier, bei seinen Arbeiten über die fossilen Thiers, veranlaßte Alexandre Brongniart, mit aller Scharfe die Geognosie der Umgegend von Paris zu untersuchen, und hier wurde ermittelt, daß im Hangenden der Kreide gar nicht bloß aufgeschwemmte Massen liegen, sondern daß hier noch ein regelmäßiges, mächtiges, verschieden gruppirtes Schichtensystem sich befindet, welches (in den „Reckerclles sur les «?s. semens fossiles" und in dem „Lssui sur lu AeoArapüie rniueruIoAiyue 6es eavi- rons cke ?uris") näher beschrieben wurde, und seitdem lernte man die große Verbreitung dieser tertiairen Schichten mehr und mehr kennen. In England war der Wegbaumeister W. Smith bei seinen Arbeiten in verschiedenen Landestheilen mit den fleißigsten Beobachtungen über die Folge der Flötze und deren Petrefacte sehr beschäftigt; er entwarf seit dem Jahre 1825 höchst specielle, werthvolle'geognosti- sche Karten, die von andern wissenschaftlichen Naturforschern sehr benutzt wurden. Lebendig erwachte hier nun die Liebe für die Geognosie, besonders seit der Gründung der geologischen Gesellschaft in London (1817); man lernte, vorzüglich durch Conybeare und Phillips, eine ganz neue Reihe von Fletzen kennen, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe man diese mit einiger Sicherheit mit den deutschen Formationen zu parallelisiren vermochte. In Deutschland erhielt während der letzten zehn Jahre Werner's System große Erweiterungen, denn man lernte zwischen dem Muschelkalk und der Kreide den Keuper kennen und das mächtige Schich- tensystem des Iuragebildes, wodurch große Analogien mit Schichten aufgefunden wurden, die in England sehr verbreitet sind. Neuerlich hat man genaue, vielseitige Untersuchungen über die Alpen angestellt, wobei sich ergab, daß die hier vorherrschenden kalkigen und sandigen Schichten meist jungen Formationen angehören und zum großen Theil in einer sehr neuen Zeit erhoben worden sind. Man' ist darauf zu dem südlichen Europa übergegangen, wo andere Verhältnisse als im nördlichen hervortreten; selbst über mehre Theile von Amerika, Asien und Afrika wurden schätzbare Nachrichten eingesammelt. Zwei verschiedene Gesteinsysteme unterschied man von jeher, nämlich die geschichteten, meist petrefactenreichen Schichten oder Flötze, und die ungcschichte- ten, krystallinischen, petrcfactenlosen Gesteine, welche häusig die höchsten Theile der Gebirge bilden und sehr allgemein als die ältesten Productiomn der Erde oder als das Urgebirge betrachtet wurden, wie der Granit, Syenit, Porphyr u. s. w. Professor Hutton in Edinburg suchte schon seit 1788 durch bestimmte Beobachtungen nachzuweisen, wie der Granit oft unter Verhältnissen hervortrete, die gar nicht für eine Bildung in der Urzeit sprechen, im Gegentheil erscheine er hausig gangartig und wie in andere Massen eingespritzt; daher stellte er die Meinung auf, daß alle diese granitischen Gesteine in einer verhaltnißmäßig neuen Zeit emporgc- treten waren und nur pyrotypische Umbildung von Sandstein sein möchten. Lange Zeit hindurch fand diese, der herrschenden Theorie entgegentretende Meinung wenig Beifall; als aber von mehren Seiten, besonders durch M'Culloch, ahnliche Beobachtungen gemacht wurden, und A. Boue (1821) nachzuweisen suchte, daß die Verhältnisse in Deutschland, selbst in der Umgegend von Freiberg, diese Theorie unterstützten, fand sie mehr Eingang, und man hat sich neuerlich immer mehr davon überzeugt, daß die krystallinischen Gebilde wirklich aus dem Innern der Erde zu Tage getreten sind, großentheils wenigstens, in einer verhältnismäßig neuen Epckche, aufweiche manschließen kann, wenn die Flötzschichten ermittelt »Verden, die zugleich mit erhoben oder aus ihrer Lage gerückt wurden, ein Verhält- niß, welches neuerlich vorzüglich Elie de Beaumont untersucht hat. Andererseits ist nicht wohl zu verkennen, wie diese krystallinischen Massen mit sandigen und Geologie 149 einer jährlichen Gabt von 50 Pfund Sterling voranging, werden Preise für die wichtigsten geographischen Entdeckungen gebildet, oder talentvolle Reisende in alle Theile der Erde ausgesendet. Eine auserwahlte Bücher- und Kartensammlung erleichtert die gelehrten Arbeiten, welche unter dem Titel: „l^ansactions c>k lüs ro^al geoArsptücal societ^ of I-onckon", alle Jahre den Standpunkt der Wissenschast bestimmen sotten. Die ersten Gelehrten Englands und die ausgezeichnetsten Manner der britischen Marine, als: R. Brown, Capell Brooke, Mountstuart Elphinstone, Frazer, BasilHall, Hobhouse, Long, Smyth, Alexander, Bankes, Beechey, Buckland, Bullock, Carey, Colquhoun, Crawford, Donkin, Everest, Capitain Franklin, Hearne, Legh, Mackenzie, Marsden, Ouseley, Parry, Sabine, Ward, Wilson u. s. w. bieten sich zu diesem Weltzwecke rüstig die Hände. Welche Hoffnungen müssen erblühen, wo solche Kräfte sich vereinigen! (8) Geologie, nach den neuesten Ansichten. Die Geologie beschäftigt sich mit der Bildungs-und Entwickelungsgeschichte unsers Erdkörpers und erscheint daher als der Schlußstein im ganzen Gebäude unserer naturhistorischen Kenntnisse. Immer setzt die Geschichte eines Gegenstandes die nähere Kenntniß seiner Beschaffenheit voraus, daher stützt die Geologie sich theils auf die waltenden naturhistorischen Verhältnisse der jetzigen Zeit (die astronomischen, geographischen, organologischen, physischen u. s. w.), theils auf die der vergangenen Zeiten, welche uns die Geognosie nebst der innig mit ihr verbundenen Petrefactenkunde vorführt, und, da man jene gewöhnlich voraussetzt oder weniger berücksichtigt, als es wol sein sollte, so verschmelzt man hausig Geognosie und Geologie, wie es vorzüglich in England und Frankreich geschieht, wo die Handbücher der Geognosie meist unter dem Titel Geologie geliefert werden; beide Disciplinen aber verhalten sich etwa wie Naturbeschreibung und Naturgeschichte. Die Geognosie hat die reine Beobachtung über den Bestand des festen Erdkörpers zum Gegenstande und bildet daher die thatsachliche Grundlage für die Geologie, welche, gestützt auf die allgemeine Physik und Naturgeschichte, auf die wirkenden physischen, chemischen und organischen Kräfte, theoretisch untersucht, wie Alles, was durch die Geognosie aufgefunden wird, allmälig geschichtlich sich entwickelt und ausgebildet haben mag. Nur durch directe Beobachtungen über die Lagerungsverhältnisse der Schichten können wir den Bau der Erdrinde — so weit es uns gestattet ist, in dieselbe einzudringen — ermitteln, und je weiter diese reichen, je specieller sie werden, desto mehr entwickelt sich die Geognosie, desto sicherer wird die Grundlage der Geologie. Wenn nun einerseits nicht zu leugnen ist, daß in der neuern Zeit die geognosti- schen Beobachtungen ganz ungemein sich erweitert haben, so ist dock) andererseits auch gewiß, daß wir noch lange nicht dahin gelangt sind, eine komparative Geognosie über die ganze Erdrinde aufstellen zu können, ja daß diese in einiger Vollständigkeit noch nicht einmal von Europa möglich ist. In der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begann man den Bau der Erde im nördlichen Deutschland naher zu untersuchen, in welcher Hinsicht der preußische Bergrath Lehmann in seiner „Geschichte von Flötzgebirgen" vom Jahre 1766 einen schönen Grund legte; vorzüglich aber war es Eh. Füchsel, Leibarzt in Rudolstadt, der durch die fleißigsten Beobachtungen die Folge der thüringischen Flötzschichten bis zum Muschelkalk ermittelte und diese, verbunden mit einer geistreichen Geologie, in seiner ausführlichen „Histnria terrae et maris etc." sin den Acten der erfurter Akademie, 1762) beschrieb und auch schon auf den petrefactologischen Charakter der verschiedenen Formalionen aufmerksam machte. Spater benutzte Werner in Freiberg diese vielfachen, aber wenig gekannten geognostischen Beobachtungen in seiner Lehre, und indem er die erste mineralogisch-geognostische Schule stiftete, wurde sein geogno- ftisches System die Grundlage der ganzen Geognosie. Man betrachtete daher die hier aufgestellte Flötzfolge als ein abgeschlossenes, über die ganze Erde gültiges 152 Geologie aber die Basalte in Deutschland, Frankreich, Ungarn u. s. w. durchsetzen alle tertiai- ren Schichten und sind daher jünger als diese; so verhalten sich auch die Granite der westlichen Alpen, mit denen viele Granite in Sachsen, Skandinavien u.s.w. gleichzeitig sein werden. Man hat daher allen Grund, anzunehmen, daß eine sehr machtige vulkanische Revolution unmittelbar vor Eintritt unserer jetzigen geschichtlichen Epoche stattfand, die wol mit der Sündflut zusammenfallen dürfte, von der die Traditionen aller alten Völker reden. Alle Gebilde der altern Erdperioden lassen sich bis in die jetzige Zeit, bis in die jetzt sich entwickelnden Schichten verfolgen, deren Erzeugung wir zu beobachten im Stande sind; so finden wir solche fortlaufende Reihen durch alle Kohlenforma- tionen bis zum Torf, durch alle Kalkformationen bis zum Meerkalk u. s. w., wir haben daher allen Grund zu glauben, daß die Schichten aller Perioden sich ebenso bildeten, wie es jetzt geschieht. Die Erfahrung lehrt, daß durch mechanische Kräfte Geschiebe, Sand, Schlamm u. s. w. zusammengeführt und abgesetzt werden; hier und da bilden sich auch wirkliche chemische Niederschlage, wenn z. B. sich Kalk- tuss aus kalkhaltigen Quellen absetzt; aber Raseneisenstein, Torf, Meerkalk (abgesehen von Korallenkalk) u. s. w erzeugen sich weder auf diese noch aufjene Art, wir sehen sie vor unfern Augen wirklich wachsen, ohne daß die materiellen chemischen Grundstoffe vorhanden sind, aus welchen diese Massen bestehen, da sich z. B- der Baggertorf ohne Zutritt von Vegetabilien erzeugt. Durch vielfache Untersuchungen ist es außer Zweifel gesetzt, daß der individuelle organische Körper durch gewisse Functionen es vermag, die allgemeinen Grundelemente, Wasser und atmosphärische Luft, in vielfache chemische Grundstoffe zu diffcrenziren, und daß auf diese Art besonders Mollusken verhaltnißmaßig große Massen von Kalk erzeugen; wahrscheinlich sind es analoge Functionen des Erdkörpers, durch welche die erwähnten Gesteinmassen gebildet werden. Daß in der Erde nicht bloß mechanische und chemische Gesetze wirken, sondern auch Processe stattfinden, die den organischen analog sind, lehren mehrfache Erscheinungen, besonders die überall verbreiteten GaS- und Wasserquellen, die im Allgemeinen von konstanter Temperatur, Qualität und Quantität sich zeigen. Das atmosphärische Wasser dringt, wie schon die alltägliche Erfahrung lehrt, wenig tief in die Erde, und sollten alle springenden Quellen durch solches Wasser vermöge heberactiger Vorrichtungen bedingt sein, so müßte die Erde ein Gewebe von Röhren darstellen, von welchen wir keine Spur finden. Alles Quellwasser enthält feste chemische Bestandtheile, und doch sehen wir nicht, wo diese irgend weggenommen wären, auch stehen diese gar nicht im Verhältniß mit den Schichten, aus welchen die Wasser entspringen. Alle diese Verhältnisse erwogen, bildet sich die Ansicht heraus, daß das Wasser mit seinen gasigen und festen Bestandtheilen durch einen Act mittels einer Function eigen- thümlich erzeugt wird, auf analoge Art, als es der Fall ist mit den Flüssigkeiten des organischen Körpers, durch Differenzirung von Wasser und Luft. Alle Gesteine der verschiedenen Erdschichten verhalten sich gegen die atmosphärische Luft auch analog den Organismen; denn sie absorbiren und assimiliren den Sauerstoff derselben; was aber jeder Theil der Erdoberfläche thut, kann nur eine gemeinsame Eigenschaft des Ganzm sein; daher absorbier oder inhalirt die Erdrinde im Allgemeinen den Sauerstoff der Atmosphäre. Dieser steten Inhalation entspricht aber offenbar die fortwahrende Exhalation der Gas - und Wasserquellen. Sobald die, oft außerordentlich machtigen Quellen von kohlcnsauerm Gas, von Schwefelwasserstoffgas u. f. w. zur Atmosphäre gelangen, verlieren sie ihre chemische Qualität, denn unmittelbar über den stärksten Gasquellen hat die Atmosphäre ihre allgemeine konstante Qualität von Sauer - und Stickstoff; in der Atmosphäre liegt daher die eigemhümliche Kraft, die differenten Körper, Kohle, Schwefel, Wasserstoff, zu indisserenziren , sie in Sauerstoff umzuwandeln oder zu asiimili- Geologie !5I '5 thonigen Flötzschichten so innig durch Übergänge verbunden werden, daß man sie nur als pyrotypische Bildungen betrachten kann, die durch einen eigenthümlichen innern (vulkanischen oder plutonischen) Proceß aus jenen sich herausgebildet haben. Die geschichteten und ungeschichteten Gesteine gruppirt man daher gegenwartig in zwei nebeneinander fortlaufende Reihen, und hat bei letztern zu berücksichtigen, aus welchen Flötzschichten sie sich entwickelt haben und in welcher Epoche sie hervortraten. Für die geschichteten Felsmassen können wir für das nördliche Europa, von unten anfangend, folgendes System von Schichten aufstellen, die sich zu Formationen gruppircn, insofern sie im Allgemeinen gleichzeitig und unter ahnlichen Verhältnissen abgesetzt wurden. 1) Das Thonschiefer- (oder Übergangs-) Gebirge mit der Grauwacke (deni cckck reck semck-wne der Englander) und dem Vergkalke; letzterer vorzüglich führt viel Reste von Meerthieren, oft machtige Korallenbänke, und wurde daher offenbar unter einem tiefen Meere abgesetzt. 2) Die Steinkohlenformation, mit häufig darauf liegendem rothen Sandstein (Roth- todtliegendes), aus dem sich viele Porphyre entwickelt haben; mit den Steinkohlen kommt ein unendlicher Reichthum von Pflanzen vor, die es außer Zweifel setzen, daß diese Formation auf festem Lande gebildet wurde. 3) Zechstein, ein nicht sehr mächtiges Kalkgebilde, mit Resten von Seethiercn. 4) Bunter Sandstein, meist ohne Petrefacten. 5) Muschelkalk, ein mächtiges Kalkgebilde mit Resten von Seethicren; fehlend in England. 6) Keuper, ein System von Mergel- und Sandsteinschichten, der alten Steinkohlenformation analog, oft sehr reich an Resten von Pflanzen, die lehren, daß dieses mächtige Gebilde sich auf festem Lande entwickelte. 7) Lias-und Jurakalk, ein ungeheurer Kalkzug, reich an Petrefacten, die nicht zweifeln lassen, daß er nur unter einem tiefen Meere gebildet sein kann. 8) Thon- und Mergelsandstein, mit Resten von Landorga- nismen, bekannt in England unter dem Namen der ^Veeckck formation, welchem die schweizer Molasse entsprechen wird. 9) Kreide, theils kalkig, theils sandig (Gcünsand), angefüllt mir Resten von Meerorganismcn, daher unter dem Meeresspiegel gebildet. Als Analogen dieser Formation erscheint im südlichen Europa das mächtige System von sandigen und kalkigen Schichten (die Flyschformation), welches die Kalkalpen, die Apenninen und überhaupt die Gebirge in den Umgebungen des mittelländischen Meeres bildet. 19) Das tertiaire und alluviale Gebilde, wie der Grobkalk, die Braunkohlen u. s. w,, welches sich theils unter einem flachen Meere, theils auf festem Lande entwickelte. — AU diese, zum Theil sehr machtigen, bald unter dem Meere, bald auf festem Lande gebildeten Schichtensysteme erscheinen als ungeheure Platten, die theils über-, theils an einander liegen, und man kann wol nicht daran zweifeln, daß eine und dieselbe Gegend abwechselnd bald unter, bald über dem Meeresspiegel sich befand. Um diese auffallende That- sache zu erklären, kann man annehmen, entweder, daß bei gleichgebliebenem Meeresniveau das feste Land abwechselnd sich gehoben und gesenkt hat, oder aber, daß das Meer nicht auf gleicher Stelle bleibt, sondern in langen Zeiträumen aus einer Hemisphäre in die andere übergeht, einmal die nördliche, einmal die südliche Halbkugel überflutend, und diese letztere Meinung wird durch vielfache Gründe wahrscheinlich. Was nun die kryftallinisch ungeschichteten Gesteine betrifft, so schließen sich diese in Hinsicht des mineralogischen Bestandes sowol als der Lagerungsverhältnisse an die Erzeugnisse unserer Vulkane an, erscheinen daher in pyrotypischer Form; bei dieser sehen wir, wie sich zuweilen ganze Bergmassen erheben (Erhe- bungsvulkane, wie 1759 am Jorullo), oder wie sich einzelne Spalten öffnen, aus denen dann geschmolzene Materie (Lava) ausfließen. Viele Basalte sind offenbar lavaarlig hervorgetreten, aber die meisten krystallinischen Gebilde erhoben sich als mächtige Massen, wol in Folge einer innern Gahrung und nicht in flüssiger Gestalt. Solche Erhebungen geschahen wahrscheinlich in verschiedenen Epochen; Z54 Georg (Großh.v.Meckl.-Strel.) Georg Heinr. (F. zu Waldeck) Wärme daher nicht Folge eines sich abkühlenden glühenden Erdkerns sein wird sondern das Resultat der organischen und chemischen Processi, deren Walten wir im Innern der Erde nicht verkennen können, um so mehr, da die innere Warme der Organismen dieser Quelle entspringt, und selbst der rein chemische Proceß mit Entwickelung von Warme verbunden ist. (41) Georg (Friedrich Karl Joseph), Großherzog von Mecklenburg - Strelitz, geboren am 12. Aug. 1779 zu Hanover, ist der dritte Sohn des Herzogs Karl Friedrich Ludwig, von seiner ersten Gemahlin Friederike, Tochter des Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt. Nach dem Tode seiner zweiten Gemahlin verließ der Herzog Hanover und begab sich nach Darmstadt, wo der Prinz mit seinem jungem Bruder Karl und seinen Schwestern die liebevolle Pflege der edlen und hochgebildeten Großmutter genoß, bis sein Vater nach dem Tode des unvermahltcn Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg-Strelitz 1794 zur Regierung gelangte. Bald nachher bezog der Prinz die Universität zu Rostock, die er 1799 verließ, um in Berlin sich dem Studium der neuern Sprachen zu widmen und in der Nahe seiner Schwestern, der Königin Louise und der Prinzessin Friederike, jetzigen Herzogin von Cumberland, zu leben. Er reiste 1802 nach Italien, wo er bis 1304 blieb. Als nach der Schlacht bei Jena der Krjpg das nördliche Deutschland berührte, reiste der Prinz nach Paris, um Unterhandlungen wegen derAnschließustg an den Rheinbund anzuknüpfen. Er besuchte 1814 den Congreß zu Wien, mit dessen Zustimmung auch Mecklenburg-Strelitz die großherzogliche Würde annahm, reiste 1815 in Gesellschaft der Herzogin von Cumberland nach England, und nachdem er seinem 1816 gestorbenen Vater in der Regierung gefolgt war, vermählte er sich 1817 mit der Prinzessin Marie, Tochter des Landgrafen Friedrich zu Hessen-Kassel. So fühlbar die Folgen der Kriegsjahre waren, so wurden doch verschiedene nützliche Einrichtungen für die Landeskultur getroffen. Gleichzeitig mit Mecklenburg- Schwerin tilgte die Regierung die lange geduldete Schmach der Leibeigenschaft, ohne daß jedoch hier so wenig als dort die bäuerlichen Verhältnisse, bei dem Übergewicht des Interesses der ritterschaftlichen Gutsbesitzer, auf eine gerechte und dem Gemeinwohl förderliche Grundlage wären gebracht worden. Es ist zu erwarten,daß die Verbesserung dieser Verhältnisse auch hier von den Domainen- und Cabinets- gütern ausgehen werde, deren das Land auf einem Flächenraum von 52 CjMcilen 245 zählt, wogegen es nur 71 Ritter- und Allodialgüter gibt. Manches geschah für die Verbesserung des Schulwesens, besonders der Landschulen, und der Großherzog wirkte für diesen wohlthätigen Zweck durch persönliche Unterstützungen, wie er auch für die Verschönerung der Stadt Neustrelitz und die Errichtung gemeinnütziger örtlicher Anstalten durch unmittelbare Beihülfe oder Begünstigung thätig war. Georg Heinrich (Friedrich), Fürst zu Waldeck, geboren am 20. Sept. 1789, ist der Sohn des 1813 gestorbenen Fürsten Georg, dessen Gemahlin die Prinzessin Albertine von Schwarzburg-Sondershausen war, das Haupt der regierenden fürstlichen Linie, vermahlte sich 1823 mit der Prinzessin Emma von An- Halt-Bernburg-Schaumburg. Die Anstrengungen, welche das kleine, nicht wohlhabende Land nach der Auflösung des Rheinbundes machen mußte, veranlaßten den Fürsten durch eine Verordnung vom 28. Jan. 1814 H die Verfassung neu zu gestalten, das früher in der Verwaltung getrennte Fürstenchum Pyrmont von kaum zwei lüMeilen mit dem Hauptlande Waldeck von 20 HgMeilen zu vereinigen und zuc Tilgung der ansehnlichen Landesschuldcn eine neue Steuerverfassung anzuordnen, welche alle frühem Befreiungen aufhob und auch die Privatbesitzungen des fürstlichen Hauses einer Grundsteuer unterwarf. Diese ohne Mitwirkung der bestehenden Landstände gemachten Anordnungen kamen jedoch nicht zur Ausführung, da *) S. „Europäische Constitutionen", Bd. Z der ersten (Leipzig 1317) und Bd. 1 der zweiten Ausgabe (Leipzig 183^). Geologie 153 ren. Ist dies der Fall, so ist auch der entgegengesetzte Proceß möglich, und der mhalirte Sauerstoff kann in jene verschiedenen Körper disserenzirt werden, wie eS im organischen Körper geschieht. AU diesen Thatsachen nach ist ein Athmungs-- proceß der Erde anzunehmen, welchem gemäß Erde und Atmosphäre sich fortwäh- rend in einander hineinbilden, und dem allgemeinen Desorydationsprocesse in der Erde ein allgemeiner Oxydationsproceß in der Atmosphäre entspricht; im Gefolge dieser wird daher auch überall Elektricität, Magnetismus und vielartige Bewegung erzeugt. Aus dem Magnetismus der Erde folgt unmittelbar ihre Rotation. Alles Mineralische, das erzeugt wird, Kalk, Schlamm, Torf, Eisen, Salz u. s. w., entsteht als schleimige Masse, die sich zu amorphischen Schichten verhärtet; in diesen liegt die Bedingung einer weitern Entwickelung, die Möglichkeit, sich in differente krystallinische Körper zu Metamorphosiren, wenn die innern krystall-clektrischen Thätigkeiten angeregt werden. Indem dies geschieht, das Gestein gleichsam aufblüht, entsteht aus Thonschiefer, Mergelsandstein u. s. w. der Glimmerschiefer, Gneis , Granit, Syenit, Porphyr, Diorit u. f. w. Hat dieser chemische Gährungsproceß in den obern Schichten statt, so schwellen diese domartig auf, es entwickelt sich keine intensive Hitze, und die krystallinische Masse verlauft sich ganz unmerklich in ihr Muttergestein, wie wir es so häufig zwischen Porphyr und rothem Sandstein, zwischen Thonschiefer und Grünstein u. f. w. bemerken; findet aber dieser Proceß in bedeutender Tiefe statt, setzt eine mächtige Decke der sich aufblähenden Masse Schwierigkeiten entgegen, dann wird er un- ^ endlich intensiver, die Masse erhitzt sich, die entstehenden Gase bedingen Erhe- M bungen und Zerreißungen, und das ganze Phänomen nimmt einen viel groß- K« artigem, vulkanischen Charakter an. Der Vulkanismus bringt die Erdmassen gleichsam zur Blüte und treibt sie zu Tage, wo sie in der Atmosphäre ihrer Vernichtung entgegengehen. Die krystallinischen, in steilen Felsen emporgetretenen Massen erleiden mit der Zeit eine neue, entgcgeligesetzte Metamorphose; theils zerfallen sie durch den Einfluß der atmosphärischen Agentien in Staub und Erde, theils bildet sich von Innen heraus ein Fäulungsproceß, durch welchen die disseren- ten Mineralien, Feldspath, Glimmer, Quarz, Hornblende, Kalkspath u. s.w., in einen homogenen Thon, Speckstein u. s. w. umgebildet werden; dieses Übergehen des Porphyrs in Porzellanerde, des Glimmerschiefers in Speckstein zeigt auch, wie durch den entgegengesetzten Proceß die differenten Gesteine auS homogenen Massen entstehen können. Die so entstandenen Thonmassen werden endlich ein Spiel der Gewässer und beginnen von Neuem den Kreislauf. So ist auch die Erde, wie der organische Körper, in ewigem Entstehen und Vergehen begriffen. Die Erde erscheint daher als ein großes, einfaches Organon, wo alle Theile harmonisch verbunden sind, welches die Bedingungen seiner Bewegungen und Veränderungen in sich trägt, sich organisch bildet und sich von jeher entwickelt hat; aber als Theil eines größern Ganzen, des Sonnensystems, steht es auch mit diesem in inniger Harmonie und empfängt vorzugsweise von der Sonne mächtige Einflüsse. Ist die Erde ein Organon, welches sich auf organische Art entwickelt, welches, wie der individuelle organische Körper, seine materiellen chemischen Stoffe aus den allgemeinen Urelementen, Luft und Wasser, sich selbst bereitet, die daher nicht gegebene Elemente der Narur sind, sondern nur zeitlich sixirte morphologische Formen, so lösen sich eine Menge geologischer Probleme, und die Frage nach dem Ursprünge der festen Erdmasse beantwortet sich von selbst; wir haben dann nicht nöthig, ein abgerissenes glühendes Bruchstück der Sonne, einen Klumpen von Schwefelkies oder ein Haufwerk von geschmolzenen Metallen und Metalloiden anzunehmen, die, sich abkühlend und orydirend, die Erdrinde gebildet hätten. Wie der organische Körper aus einem schleimigen Punkte sich entwickelt und mannich- fach gestattet, so mag auf analoge Art die Erde sich gebildet haben, deren innere 156 Geramb den, welche aus den Besitzern adeliger Güter und aus gewählten Abgeordneten der Städte und Flecken und des Bauernstandes bestehen, wurden diejenigen Rechte eingeräumt, welche in der von mehren Bundesfürsten dem Congresse übergebenen Erklärung vom 10. Nov. 1814 bestimmt waren. (Vgl. Deutschland.) Bereits im März 1816 versammelte sich der erste Landtag zu Bückeburg, dessen Verhandlungen hauptsächlich dadurch erleichtert wurden, daß der Fürst sammtliche Landesschulden auf seine Kammercasse übernahm. Bei dem Nothftande, den 1836 die Mißernte unter den größtentheils von der Landwirthschaft lebenden Bewohnern des kleinen Landes herbeiführte, erließ der Fürst alle Abgaben zur Hälfte, und die zahlreichen Anträge auf Verbesserungen in der Verwaltung, welche die nach der Verfassung jährlich sich versammelnden Landstände 1831 vorlegten, fanden die Regierung bereit, die Lasten des Volks dauernd zu erleichtern. Unter die gemeinnützigen Anstalten, welchen der Fürst feine Sorgfalt widmete, gehören besonders die kräftigen Schwefelquellen zu Eilsen bei Bückeburg, in deren reizenden Umgebungen er auch die alte, im dreißigjährigen Kriege zerstörte Burg Arensburg wiederherstellen ließ, die er mit alten, aus der reichen Sammlung zu Bückeburg genommenen Gemälden zierte. Geramb (Ferdinand, Baron von), stammt aus einem ungarischen Adels- geschlechte und wurde 1770 geboren. Er lebte um 1800 als östreichischer Kammerherr in Wien, wo er mit einem englischen Obersten in einen Zwist gerieth, der eine Herausfoderung zur Folge hatte. Zum Kampfplatze wurde, wie man sagt, der Ätna gewählt und als Bedingung festgesetzt, daß der Sieger den Verwundeten oder Gefallenen in den Schlund des Vulkans hinabstürzen sollte. G. wurde verwundet, der Engländer aber ließ die Kampfbedingung unerfüllt. Einige Jahre spater wurde G., als er sich beleidigende Bemerkungen über den französischen Kriegerstand erlaubt hatte, von einem französischen Offizier, Valabregue, dem nachmaligen Gatten der Sängerin Catalani, zum Zweikampfe gefodert und schwer verwundet. Gegen die Strenge der östreichischen Duellgesetze schützte ihn nur die Fürbitte des französischen Gesandten in Wien. In den Feldzügen 1805 und 1806 führte er ein, von ihm in Ostreich geworbenes Freicorps gegen die Franzosen und kämpfte nach dem tilsiter Frieden in Spanien. Von den siegreichen französischen Heerm mit den übrigen spanischen Streitkräften nach der Insel Leon zurückgedrängt, nahm er Urlaub und ging nach England, um von der Regierung Unterstützung zur Bildung neuer Legionen zu erhalten, die er aus den damals in großer Anzahl verabschiedeten östreichischen Soldaten bilden wollte. Während seines Aufenthalts in London aber verwickelte seine Heftigkeit ihn in neue Handel, und er kam in so großel Geldverlegenheiten, daß seine Freiheit bedroht war. Entschlossen, sich nicht ins Gefängniß bringen zu lassen, verwandelte er das Landhaus eines Freundes, wo er wohnte, in eine Festung und steckte auf das Dach eine Fahne mit der Inschrift: bouse is m? castle. Er wurde hier 12 Tage lang von den Gerichtsbeamten belagert. Die Regierung machte die Fremdenbill gegen ihn geltend; er wurde trotz seiner kräftigen Protestation ergriffen, aus England hinwcggeführt und an den Küsten der Ostsee ausgesetzt. Nachdem er einige Zeit in Hamburg sich aufgehalten hatte, wo er gegen Frankreich schrieb, ward er verhaftet und durch ganz Deutschland nach Vincennes geführt. Er saß hier in strenger Hast, als die Verbündeten in Paris einzogen. Die Annäherung des kriegerischen Lärms, erzählt man, erschreckte ihn so sehr, daß er in der Meinung, seine letzte Stunde sei gekommen, sich seinem Mitgefangenen, dem Bischofvon Troyes, zu Füßen warf und ihm bei seiner Ehre versprach, in den Trappistenorden zu treten, wenn er noch einmal Rettung fände. Er hielt Wort, ging 1816 nach Lyon, und nachdem er 15 Monate im Noviziat zugebracht hatte, legte er in dem Trappistenklosm Kmt »in «siiit bei Laval das Gelübde ab und erhielt den Ordensnamen Maria rttst Georg Wilhelm (Fürst zu Schaumburg - Lippe) 155 >ene gegen mehre, die altern Staatscinrichtungen abändernde Bestimmungen laute Beschwerden erhoben, die vor die verbündeten Monarchen kamen. Die Versuche, den Streit zu schlichten, blieben ohne Erfolg, bis der Fürst 1816 die Stande versammelte und im Einverständnisse mit denselben am 19. April den Landesvertrag'*) abschloß, der seitdem als Grundgesetz gilt. Den Ansprüchen der bevorrechteten Classen wurde nachgegeben und Pyrmont blieb in Hinsicht auf Rechtspflege und Finanzverwaltung von dem Hauptlande getrennt. Die landständische Verfassung erhielt die wesentliche Veränderung, daß außer den Besitzern der landtags- fahigen Rittergüter und den Abgeordneten der Städte auch der Bauernstand durch zehn auf Lebenszeit gewählte Abgeordnete vertreten werden sollte. Die landständischen Rechte wurden nach den aus dem wiener Congresse von der Mehrzahl der deutschen Fürsten ausgesprochenen Grundsätzen, in Beziehung auf die Steuerbewilligung, die Theilnahme an der Gesetzgebung und das Recht der Beschwerdeführung, bestimmt. Ein aus sechs Mitgliedern bestehender Ausschuß, der sich jahrlich versammelte, sollte die von den gesammten Ständen gefaßten Beschlüste vollziehen. Diese neuen Einrichtungen hatten jedoch den Bedürfnissen des Landes so wenig abgeholfen, daß der Fürst bei den Bewegungen, die 1830 fast in allen deutschen Ländern sich regten, bewogen wurde, die Stände zu berufen, um sich mit ihnen zur Erleichterung der auf dem Volke ruhenden Lasten zu berathen. Georg Wilhelm, Fürst zu Schaumburg-Lippe, geboren am 20. Dec. 1784, ist der Sohn des Grafen Philipp Ernst aus dessen zweiter Ehe mit Juliane, Prinzessin von Hessen-Philippsthal. Nach dem 1787 erfolgten Tode seines Vaters kam er rmter die Vormundschaft seiner Mutter, welche den von dem Landgrafen von Hessen-Kassel erhobenen, und mit Gewalt verfolgten Gebietsanspruch durch Entschlossenheit und Klugheit vereitelte und für die Verwaltung des Landes eifrig sorgte. Sie ließ ihren Sohn von 1789 — 94 in Salzmanws Anstalt zu Schnepfenthal erziehen. Nach ihrem Tode 1799 übernahm dar Mitvormund, der hanö- verische Feldmarschall Graf von Wallmoden-Gimborn, die alleinige Verwaltung des Landes und brachte seinen Pflegebefohlenen und dessen Schwestern nach Hanover, um ihre Erziehung zu vollenden. Der junge Graf bezog 1802 die Universität zu Leipzig, wo der jetzige Oberbibliothekar Wilken in Berlin sein Führer war, und hatte 1806 mit seinen Schwestern eine Reise nach der Schweiz und Italien angetreten, als die Ereignisse in Deutschland ihn zurückriefen. Auf Veranlassung seines Vormundes ward er in demselben Jahre vom Kaiser für volljährig erklärt, doch setzte der Graf von Wallmoden die Verwaltung des Landes fort, bis die Folgen der Schlacht bei Jena den Bestand der norddeutschen Länder gefährdeten. Nach langen Unterhandlungen ward am 18. April 1807 zu Warschau der Vertrag über den Beitritt zum Rheinbund abgeschlossen, nach welchem Georg Wilhelm den Fürstentitel erhielt. In demselben Jahre trat er die Regierung des Landes an, welches die größten Anstrengungen machen mußte, um die wiederholte Aufstellung des Contingents, das in Spanien, Deutschland und Rußland gebraucht wurde, zu bewirken. Im Dec. 1813 trat der Fürst aus dem Rheinbund und vereinigte sich mit den verbündeten Mächten. Er vermahlte sich 1816 mit der Prinzessin Ida von Waldeck. Hatte die Verwaltung des Landes schon während der Dauer des Rheinbundes manche Verbesserung erhalten, wie die gänzliche Aufhebung aller Überreste der Leibeigenschaft, und zwar auf den Domainen ohne allen Ersatz, so wurden nach der Gründungeines neuen Nechtszustandes in Deutschland mehre eingreifende Umwandlungen nöthig. Die standische Verfassung, die ganz in Verfall gerathen war, wurde durch eine Verordnung vom 15. Jan. 1816**) neu gestaltet, und den Stan- *) S. „Europäische Constitutionen", Bd. Z der ersten Ausgabe (Leipzig 1820) und Bd. 1 der neuen (Leipzig 1332). **) S. „Europäische Constitutionen", Bd. 3. 158 Gerhard (Eduard)- ein, wirft den Feind, verfolgt ihn, erkämpft Kanonen, Fahnen, Gefangene. In, Marz 1815 war G. im Elsaß Generalinspector der Infanterie. Kurz darauf ernannte ihn Napoleon zum Pair von. Frankreich und vertraute ihm das Commando des Moselheeres. Zu Anfang des Zun. erhielt er Befehl, sich in Eilmärschen nach der Nordgrenze zu begeben; er brach am 10. von Metz auf und kämpfte ruhmvoll am 1k. in der Schlacht bei Ligny. Am 18. war G. auf dem Wege nach Wavre, als man Kanonenfeuer zur Seite des Waldes von Soignes vernahm; sogleich versammelten sich die Befehlshaber der verschiedenen Corps zur Berathung. G. verlangte, man solle über die Krücke von Münster geradezu auf das Kanonenfeuer losgehen. General Grouchy widersprach und stützte sich dabei auf entgegengesetzte Befehle des Kaisirs. Man glaubt in Frankreich allgemein, die Befolgung von G.'s Rath würde der Schlacht bei Waterloo eine andere Wendung gegeben haben. (Vgl. Grouchy.) Im Augenblicke, wo er an der Spitze derInfanterie das DorfBielge angreifen wollte, drang ihm eine Kugel in die Brust. So krank er auch war, wollte er doch das Loos des Heeres theilen und ließ sich über die Loire tragen. Der Kaisir wollte ihm zum Beweise seiner Zufriedenheit den Marschallstab geben. Sobald Marschall Macdv- nald aus Befehl der Bourbons die Armee der Loire aufgelöst hatte, erhielt G. die Erlaubniß, sich in Tours heilen zu lassen, und kehrte dann nach Paris zurück. Die Minister des Kriegs und der Polizei veranlaßten ihn, eine Zeitlang außerhalb des Landes zu reisen; er begab sich nach Brüssel und vermählte sich dort mit der jüngsten Tochter des Gcnerallieutenants von Valence. Darauf kehrte er 1817 nach Frankreich zurück und wohnte auf seinem Landgute im Departement Oise. Er wurde 1822 Deputirter, 1823 und 1827 wieder erwählt, und verfocht die Freiheiten des Volkes. Er bekam 1824 auf der Jagd einen Flintenschuß und büßte dabei das linke Auge ein; sein rechtes Auge ist jetzt auch sehr schwach. Die vielen Wunden und das leidende Gesicht hinderten ihn nicht, sich am 29. Jul. 1830 an die Spitze des bewaffneten Volkes zu stellen, und es zum Siege zu führen. Die neue Regierung ernannte ihn bald daraus zum Marschall von Frankreich. Napoleon hatte ihn auf St.-Helena zum künftigen Marschall und als eine der „ckestinees cke 1'aveuir" bezeichnet. Vom 1. Aug. bis zum Oct. war G. KriegS- minister. Wie Dupont de l'Eure schlug er die 25,000 Francs aus, welche man jedem Minister zur Einrichtung seines Hauses zu vergönnen pflegte, und weigerte sich außerdem, zugleich den Gehalt als Marschall und als Minister zu beziehen. Mit rastlosem Eifer bestrebte sich G... die Armee, welche durch die Sorglosigkeit der Restauration in Verfall gerathen war, schnell zu ergänzen. Als der Krieg drohend zu werden schien, legte er, besonders wegen seines Augenübels, das Portefeuille freiwillig in die Hände des Marschalls Soult nieder. Unter Perier's Ministerium zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannt, welches dem belgischen Könige gegen Holland zu Hülfe eilte, kam er gerade zur rechten Zeit in der Nähe von Brüssel an, um diese Hauptstadt zu schützen, und geleitete dann die Holländer bis an die Grenze zurück. G. hat als Mitglied der Deputirtenkammer die Regierung unterstützt, obgleich er selten an den Verhandlungen lebhaften Anthcil nahm. Im Besitz der Gunst des Königs hat er bedeutenden Einfluß auf die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten. (15) Gerhard (Eduard), gegenwärtig in Rom, einer der phantasi'ereichsten und belesensten Archäologen unserer Zeit, ward in Breslau geboren. Unter Manso und Schneider gebildet, ging er zur Vollendung seiner Studien nach Berlin, und mit welchem Erfolge er sich der dortigen Philologenschule anschloß, bewiesen seine „^.ectinues ^pollonianae" (Leipzig 1816). Eine Anstellung als Professor in Posen gab er sehr bald wieder auf, da das Klima seiner Gesundheit, besonders seinen Augen nicht zusagte; nach erlangter Unabhängigkeit wandte er sich nach Italien, um dort der Erforschung der classischen Vorzeit, besonders aus ihren bildlichen Gvrard 557 Joseph. Er führte ein so strenges Leben, daß der Orden ihn zu seinen ausgezeichnetsten Gliedern zählte und ihm in den Angelegenheiten desselben eine wichtige Sendung nach Palastina aufgetragen wurde. Während seines Anfenthalts in London gab er 1810 ein Sendschreiben an Lord Moira über die Spanier und über Cadiz heraus und 1814 zu Paris „lettre ü Lopkie". Beide zeigen das 7^ Garage eines kräftigen Charakters, und bei aller Überspannung, die sich darin verräth, weiß G. die Schilderungen des menschlichen Elends, die er zu geben ^ hatte, ergreifend darzustellen. Gerard (Etienne Maurice, Graf), Marschall und Pair von Frankreich, zu Damvilliers am 4. Febr. 1778 geboren, begann seinen Kriegsdienst unter den Be- fehlen von Dumouriez, kämpfte bei Fleurus und wurde zu Anfang des Jahres V Ad- ^>7 jutant Bernadotte's, der ihn in den Feldzügen am Rhein und in Italien in diesem Pouche sten ließ und ihn nach Wien mitnahm, als er die Gesandtschaftstelle erhielt. Die »Iii»,,! dreifarbige Fahne an der Pforte des Botschafters ward in einem Aufstande vomPö- 'W bel der östreichischen Hauptstadt beschimpft; Bernadette selbst umzingelt, gerieth in Lebensgefahr, schrieb an den Kaiser, um Genugthuung zu verlangen, und nun galt es, den Brief zu besorgen. Der Adjutant übernimmt den Brief, reitet unverzagt durch die tobende Menge, imponirt durch seine Haltung, erfüllt den Auftrag und rettet seinen General. Zum Obersten ernannt, wurde G. Commandeur der Eh- ch, renlegion auf dem Schlachtfelde bei Austerlitz, wo er, an der Spitze der Schwadrost,M ven mit Ungestüm in den Feind eindringend, schwer verwundet wurde. Bald nckrK darauf Bcigadegeneral, machte er den preußischen Feldzug mit, und diente als WM Chef des Generalstabs bei dem Prinzen von Ponte-Corvo während des Feldzugs sitnM von 1809. Er drängte 1810 bei Fuentes Onoro die Schotten zurück. Zwei lzchÄ Jahre später war er in Rußland bei der großen Armee, wirkte kräftig zur Einnahme nchch von Smolensk mit, befehligte dann die Heeresabtheilung des gefallenen Generals VM Gudin und führte sie an der Moskwa zum Siege. Bei dem Ubergange über die MM Beresina bekam General G. zunächst unter den Befehlen des Marschalls Ney das Commando eines Corps, welches die zerstreuten Reste des Heeres decken sollte. Er rettete Tausenden das Leben. Als Eugen das Commando des heimgekehrten Königs von Neapel übernahm, vertraute er dem General G. die Arrieregarde, die aus 12,000 Neapolitanern bestand; mit diesen geringfügigen Streitkräften wußte G. die andringenden Feinde aufzuhalten. Er war in Frankfurt a. d. O., während das französische Heer schon Berlin erreicht hatte. Dem russischen Heere trotzend, zog G. allmälig bis an die Elbe, übernahm hier das Commando der Vorposten, befehligte in dem Feldzuge von 1813 eine Abtheilung des elften Corps, darauf das ganze Corps und entriß bei Bautzen dem schon triumphirendcn Heere seiner Gegner den Sieg. Wenige Tage nachher in einem Vorpostengefechte verwundet, mußte er die Armee verlassen, übernahm nach feinerGencsung wieder das Divisionscomman- do und siegte bei Goldberg, hier wie bei Bautzen den Befehlen des Marschalls Macdonald zuwiderhandelnd. G.ward an der Katzbach verwundet, wollte jedoch dasSchlacht- feld nicht verlassen; noch schwerer wurde er am zweiten Tage der leipziger Schlacht verwundet, war aber schnell genug hergestellt, um noch an den letzten nicht ruhmlosen Kämpfen in der Champagne Theil nehmen zu können. Au Ende des Jahres 1813 wurde er Commandant des Neservecorps von Paris, welches, aus jungen Rekruten bestehend, in den ersten Tagen von 1814 gegen die Verbündeten focht. In der Schlacht bei la Rochiere befehligte er den rechten Flügel; trotz den hartnäckigen Angrissen des überlegenen Feindes hielt er alle Stellungen besetzt, bis er um Mitternacht auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers die Brücke vonDienville verlassen mußte. Bei Montereau war der Angriff der Franzosen überall zurückgeschlagen worden, als G. von Napoleon Befehl erhielt, sich an die Spitze der Truppen zu stellen. Er ändert schnell die Plane, greift an, nimmt die Stellungen wieder 160 Gerlache die Geschäfte eines Viceoberbergmeisters bei dem magdeburg-halberstadtischen Ober- bergamte zu Rothenburg übertragen, wodurch ihm die Aufsicht des damals für königliche Rechnung betriebenen Kupferschieferbergbaues im preußischen Anthelm der Grafschaft Mansfeld unter der Oberleitung des Geheimen Obersinanzrathes und Berghauptmanns von Veltheim zufiel. Er wurde 1793 zum Bergrath und Oberbergmeister des Magdeburg - Halberstadtischen Bergwerksbezirks ernannt, bc- reiste 1799 Schlesien und erhielt 1801 den Auftrag, die Berg- und Hüttenwerke in Sayn-Altenkirchen und in Westfalen mit dem nachmaligen russischen Oberbergmeister Eversmann zu untersuchen. Zur Belohnung für die Ausführung dieses Geschäfts ward er 1802 zum Oberbergrath ernannt. Das Direktorium des niedersächsischen Oberbergamts ward ihm 180L übertragen. Zu gleicheren mußte er die Berg - und Hüttenwerke Hanovers untersuchen, nachdem dieses Land damals von Preußen in Besitz war genommen worden. Hier fand ihn die unglückliche Umwälzung aller Verhältnisse des preußischen Staats. Er kehrte auf seinen Posten nach Rothenburg zurück, welchen er auch bei der Errichtung des Königreichs Westfalen behielt. Die westfälische Negierung ernannte ihn zum Berghauptmann. Nach Karsten's Tode, 18 l 0, berief ihn der damalige Minister Graf Dohna zum Vorstande des gesammten Bergwerks-, Hütten- und Salinenwesens nach Berlin, mit dem Titel eines Berghauptmanns und dem Range eines Geheimen Staatsraths. Seit dieser Zeit hat er diesem wichtigen Verwaltungs- zweige mit ebenso viel Kraft als Umsicht vorgestanden. Er wurde 1815 zum Oberberghauptmann ernannt, und zur Belohnung seiner Verdienste um den Staat ward ihm außer dem eisernen Kreuze der rothe Adlerorden ertheilt. G. ist ein ausgezeichneter Geschäftsmann, der unter dem Beistande einer aufgeklärten Regierung, trefflicher Räthe in den Bergwerkscollegien und gebildeter praktischer Beamten das preußische Berg - und Hüttenwesen, der größten Schwierigkeiten ungeachtet, auf eine Stufe gebracht hat, auf welcher es in wenigen Staaten, ja vielleicht in keinem andern steht. Die königlichen Werke sind Musterwerke für die Privatwerke; ohne alle Absicht auf Gewinn werden sie stets nach den besten uO neuesten wissenschaftlichen Grundsätzen betrieben, die großartigsten Anlagen werden ausgeführt, und manche Werke bleiben auch nur deswegen im Betriebe, um den Gegenden, in welchen sie liegen, nicht nothwendige Producte zu entziehen und um eine Menge Menschen zu erhalten. Den gewerkschaftlichen oder Privat- Berg- und Hüttenwerken, mögen sie nun unter Aufsicht des Staats stehen oder nicht, werden alle mögliche Unterstützungen zu Theil, und nie stehen sie gegen die auf königliche Kosten betriebenen We^ke zurück. Ohne selbst Schriftsteller zu sein, was überhäufte Dienstgeschäfte ihm nie erlaubten, hat er doch den regsten Sinn für die Wissenschaften und befördert sie, wo er es vermag, überzeugt, daß nur der wissenschaftlich gebildete Berg- und Hüttenmann Werth hat, der bloße Empiriker aber gewöhnlich mehr Schaden als Nutzen stiftet. (49) Gerlache (von), unstreitig der wichtigste und wirksamste Mann der belgischen Revolution, welcher mit femer Berechnung, beharrlicher Consequenz und schlauer Benutzung aller Umstände wirkend und mit geistigen Kräften ausgerüstet, die neuesten Ereignisse eingeleitet und benutzt hat, wurde um 1775 zu Luxemburg geboren. Er war wahrend der französischen Herrschaft Advokat, und seine juristischen Kenntnisse wurden sehr gerühmt. Bei der Bildung des Königreichs der Niederlande erhielt er die Stelle eines Generaladvokaten beim Gerichtshof in Lüttich. Der König ernannte ihn einige Zeit später zum Rath bei derselben Behörde. G- 6 Ehrgeiz aber fand diesen Wirkungskreis allzu sehr beschrankt und faßte kühnere Hoffnungen. Ein Blick auf die damalige Lage der Dinge und die Stimmung der Gemüther in Belgien zeigte ihm, bei welcher Partei am meisten für ihn zu gewinnen sein dürfte. Er schlug sich unbedenklich zur sogenannten katholischen Partei ^ M ll!> ichcht di, Ni> ^rßiüD >ie lii>!lz>st5 >W-»^ diiRPK^ B>s' > sehen und physikalischen Wissenschaften in ihrer Beziehung auf Industrie, für Handelsangelegenheiten, hinsichtlich des Verkehrs des Inlandes mit dem Auslande, des damit in Verbindung stehenden Abgabenwescns und aller den Handel derührenden Hülfsanstalten im Staate, und für die Veröffentlichung der Verhandlungen des Vereins. Die Zahl der, jährliche Beiträge zahlenden Mitglieder betrug 1832 über dreihundert. Dieser Verein hat zwar, wie ähnliche Gesellschaften, den Zweck, die Gewerbsamkcit durch begünstigende Einrichtungen und Wegräumung von hindernden Einflüssen zu heben und den Gewerbstand zu bilden, aber er erhielt bei seiner Gründung sogleich eine höhere Stellung, indem die Regierung bekeits 1829 nach der Bestätigung der Statuten desselben versprach, bei vorkommenden, auf Belebung des Fabrikwesens und des Handels abzweckenden Verwaltungsmaßregeln das Gutachten des Industrievercins zu verlangen, und so hat sich derselbe bald zu einer berathendcn Behörde ausgebildet und als „ein öffentliches Organ des Gewerbstandes" sich auch berufen gefühlt, während der Verhandlungen über den Verfassungsentwurf bei der Ständeversammlung im Mär; 1831 auf eine wirksamere Vertretung der gewerblichen Interessen anzutragen. (Vergl. Sachsen.) Das neue Staatsgrundgesetz hat diesen Anspruch anerkannt, und 1832 wurden von dem Vereine Vorschläge zu den für die künftige Wahl der Vertreter des Handels - und Fabrikwescns festzusetzenden gesetzlichen Bestimmungen gefodert. (Vergl. die Berichte des Jndustrievereins für 18>-9 und 1831 und „Mittheilungen deS Industrievereins für das Königreich Sachsen", 1832, erste bis dritte Lieferung.) Die Thätigkeit der Gewerbvereine gab fast überall Anregung, Gewcrbschu- len anzulegen oder solche Anstalten, wo sie bestanden, für die Förderung der Industrie wirksamer zu machen. Das Gewerbeinstitut zu Berlin, ganz verschieden von den großen polytechnischen Anstalten in Wien und Prag, ist auf die Ausbildung derjenigen Gewerbe berechnet, welche nicht zu den Fabrikunternehmungcn gehören, vorzugsweise eine Gcwerbschule, und der Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen war gleichfalls thatig, Provinzialgewerbschulen zu gründen. In Baiern ist in neuern Zeiten für diesen Zweck nicht minder thatiz gewirkt worden, obgleich auch hier, wie in andern Ländern, für die Mehrheit du gewerblichen Bewohner von den ersten Elementen bis zur Vollendung des Unterrichts sich Lücken- zeigen. Der sächsische Industrievcrcin hat seit seiner Stiftung diesem Gegenstände besondere Sorgfalt gewidmet, von welcher sich um so mehr die günstigsten Erfolge erwarten lassen, da die Regierung die Absicht hat, der nächsten Standeversammlung einen Entwurf über die Begründung zweckmäßiger Unterrichtsanstalten für die allgemeine Verbreitung technischer Bildung vorzulegen. Manches Erfreuliche ist indeß bereits ins Leben getreten, wie die 1832 eröffnete Weberschulc in Chemnitz, welche aus dem Gewerbsiande selbst hervorgegangen ist, der das Bedürfniß einer theoretischen Grundlage für die praktische Fertigkeit erkannt hat. Betrachten wir indeß, was in neuern Zeiten für das Gewerbschulwesen geschehen ist, so sehen wir, daß man es fast in allen Ländern in der wissenschaftlichen Förderung der Industrie nur erst zu Anfangen gebracht hat. Zwar ist überall erkcumt worden, daß man der Industrie den Beistand der Wissenschaft gewähren, daß man sie in Stand setzen muß, den auf Naturgesetze gegründeten Zusammenhang ihrer Verfahrungsweisen mit Klarheit zu erkennen, weil es den Handwerkern bei aller technischen Fertigkeit an den Kenntnissen gebricht, von welchen der rationnelle Betrieb der Gewerbe in ihrer möglich größten Vervollkommnung abhängt; aber die große Frage, welche Lehrgegenstande es sind, die als all- l-n,» ^ Gewerbvereine 169 >l>r> k ^ ^ V. Vortrag über die Baukunst und Unterricht im architektonischen Zeichnen kamen. ^ Die Sache hatte den glücklichsten Erfolg , wozu besonders Brougham durch werk- thätiges Eingreifen und durch seine trefflichen praktischen Bemerkungen über Volkserzichung beitrug, indem er als die wirksamsten Mittel zur Beförderung der ^ ) ' Bildung des Gewerbstandes die Herausgabe wohlfeiler Schriften über «vissenschaft- ^burchj,,- ^ liche Gegenstände, Gesellschaften für geistbildcnde Besprechung und öffentliche Lehrvorträge empfahl. In London bildete sich die reich ausgestattete Handiverker- ^Ärii' anstatt (.>leelianics' institute), und jetzt hat fast jede Stadt Englands, die 10,000 ^ Bewohner zählt, eine ahnliche Bildungsanstalt, wo nicht selten Handwerker die wissenschaftlichen Kenntnisse, welche sie sich erworben haben, jungem Gewerbs- f» genossen mittheilen. Bücher für Handwerker, die schon einige Kenntnisse der skchxz Mathematik und der Naturwissenschaften voraussetzen, erfreuen sich einer weiten Verbreitung, und es zeigt sich ein wachsender Forschungsgeist und ein zunehmen- itiür ^ ^ Verlangen und mit ihm eine zunehmende Kraft, Kenntnisse zu erwerbet«, so- ^ dch; die Worte, die der Engländer Coleridge in umfassenderer Bedeutung sagte, auf ^ ^hern Volkselassen angewendet werden können: „Alles strebt emporzusteigen ltchjzj steigt empor in diesem Streben". Während auch in Frankreich Gesellschaften zur Ermunterung der Geiverb- samkcit sich bildeten, waren doch die britischen Anstalten die nächsten Vorbilder der Gewerbvereine, die sich seit einem Jahrzehend auch in Deutschland vervielfältigt 'lkN MfKlE und bereits wohlthärige Früchte getragen haben. Auch sie setzten sich den Zweck ^v>'WiW vor, dem Gewerbstande eine höhere technische Bildung zugeben, indem sie den- selben mit den wissenschaftlichen Gründen des praktischen Verfahrens bekannt «nachten, und durch Erweckung der geistigen Kräfte überhaupt ihn auf eine höhere ANM» Stufe zu stellen. Der Austand der Gewerbsamkeit in Deutschland aber mußte M mlsiN diesen Vereinen zugleich die Aufgabe vorschreiben, andere Hemmungen des ge- GkiHiG- «verblichen Verkehrs wegzuräumen, die theils in Zeitverhaltnissen, theils in nach- theiligen Einrichtungen oder in alten Vorurtheilen ihren Grund hatten; aber auch zur Erreichung dieses Zweckes war die Bildung des Gewerbftandes die Vorbedin- chfchrM gung. Diesen Hauptzweck suchten auch die deutschen Vereine durch Gründung MchlM von Gewerbschulen, durch Sonntagsschulen für Lehrlinge und Gesellen, durch z zGn.Mj ' Aufstellung von Modellen und Zeichnungen, durch Vertheilung solcher Lehrmittel MM, >'l> unter die Gewcrbtreibenden, durch Herausgabe nützlicher Schriften, durch Ein- jMiDn führung ausländischer Fabricationsvcrbesserungen, durch Ausstellung von Ge- MdiPlsili «verbserzeugnissen zu erreichen. Unter den deutschen Vereinen ist einer der wirk- - MWK samsten der durch Beuth's eifrige Bemühungen gestiftete Verein zur Beförderung Gewcrbfleißcs in Preußen, welcher von dein Staate thätig unterstützt, jene ' Zivecke kräftig verfolgen konnte und in Berlin, als dem Mittelpunkte seiner Wirk- ^ > sji iM samkcit, reiche technische Lehr- und Bildungsmittel in dem Gewerbinsiitute ver- ^ ^vigt bat. Ähnliche Vereine entstanden fast gleichzeitig in andern deutschen Staaten, z. B. in Vaiern, und auch Sachsen durfte um so «veniger zurückblei- den, da die Gewerbsamkeit dieses Landes durch die Ungunst der Zeit, durch die , Zollsperren der Nachbarstaaren, aber auch durch eine mangelhafte Gesetzgebung, ^ ein der einheimischen Betriebsamkeit nachtheiliges Abgabenspstem und durch den Einfluß eines engherzigen Zunftgeistes, bei allen Anstrengungen des Volkes, viel- fältige Störungen erlitten hatte. Seit 1827 hatten unter dem sächsischen Gewerb- stände Besprechungen über die Mittel, durch gemeinschaftliche Bemühungen die einheimische Industrie zu heben, stattgefunden, als endlich 1829 ein Jndustrie- verein für Sachsen gestiftet wurde, der wegen seiner eigenthümlichen Einrichtung nähere Betrachtung verdient. Das aus neun Mitgliedern bestehende Direc- torium des Vereins befindet sich in Chemnitz, der bedeutendsten Fabrikstadt des ^ Landes; in allen Theilen Sachsens aber haben sich 17 Bezirksvcrcinc gebil- 172 Gielgud von Mücheln, Prinz von Meau, wollte bei Gelegenheit eines Gastmahls in Löwen Ähnliches erfahren haben. Bei den Verhandlungen über das Concordat kämpfte G. aufs äußerste für die kirchlichen Nationalfreiheiten Belgiens, und ein gründliches Werk: „Observuticins Lur les libertes !? der Kirchengeschichte" (Bonn, erster Bd. 1824, dritte Aufl. 1831; zweiten Bandes MismM erste Abtheil. 1825; dritte Aufl. 1831, zweite Abtheil. 1826, zweite Aufl. iMD, Hü 1828; dritte Abtheil. 1829). Das Eigenthümliche dieses tresslichen Werkes, MMckzf das bis 1409 reicht, besteht darin, daß der Text eine pragmatische Übersicht der Kirchengeschichte liefert, die Anmerkungen aber literarische Bemerkungen, Recht- MmKA fertigüngen des Urtheils, genauere Erörterungen der Thatsachen, und zur Be- dMmsm glaubigung sowol als zur nähern Charakteristik der verschiedenen Zeiten reiche mlM mk Mitteilungen aus den Quellen geben. Der Leser erhält neben der Ansicht des Erzählers auch die Unterlagen zu einem selbständigen Urtheil, und gerade diese Mdir Eigenthümlichkeit möchte diesem Werke so ausgezeichneten Beifall gewonnen haben, da auf dem Gebiete der Kirchengeschichte unbegründetes Absprechen in irgend einem kirchlichen oder philosophischen Interesse so häufig ist. Zu Ullmann's 2 ^ ^ und Umbreit's Zeitschrist: „Studien und Kritiken" (Hamburg 1828 fg.), hat G. Beitrage geliefert, sowie zu Keil's und Tzschirner's „Analekten", Stäud- lin's und Tzschirner's „Archiv für alte und neue Kirchengeschichte", und Stäud- , , lin's, Tzschirner's und Vater's „Kirchenhistorisches Archiv". Unter seinen aka- ( demischen Gelegenheitsschristen zeichnen wir die Festrede bei der Jubelfeier 1830 ) aus: „De mociestin, zwaecchua evungelici consessoris virtute". Gifford (William), wurde 1757 zu Ashburton in Devonshire geboren, als sein Vater, ein Glaser, der früher in jugendlichem Leichtsinne seiner Heimath Z entflohen und mit einer Zigeunerbande herumgeschwärmt war, sein Gewerbe und y ' ( seine Frau verlassen hatte, um auf dem Meere Schutz gegen die Strafe für ein po- - i - lizciliches Vergehen zu suchen. Unter der Pflege seiner Mutter erhielt der Knabe dürftigen Unterricht bei einer Schulmeisterin, und später, nach seines Vaters Rück- ,. - . kehr, in einer Freischule, wo er auch nicht mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen lernte. Im dreizehnten Jahre verwaist, nahm ein harter Gläubiger die geringe Habe der unglücklichen Mutter für ein Darlehn, das er ihr in ihrem Witwenstande gege- . den hatte, dem Knaben aber, dessen Pathe er war, öffnete er sein Haus, und schickte 178 Gioja kes und Murray's, des Verlegers, Verbindungen mit einflußreichen Männern und seine Freigebigkeit verschafften dem „Huarterl/ revievv" geschickte Mitarbeiter, und G. war durch seinen unermüdeten Fleiß, seine Kenntnisse, sein treffendes Urtheil, ein ausgezeichneter Herausgeber. Wenn auch ohne tiefe Gelehrsamkeit, ohne umfassenden Geist, so war er doch gewandt und in dem gewöhnlichen Kreise geistiger Bestrebungen ungemein scharfsinnig, und Niemand harte einen feinern Takt, die Schwachen und Blößen eines Schriftstellers mit der Waffe des Spottes oder des Tadels zu züchtigen. Er verleugnete jedoch nie seine Bitterkeit, und wiewol er seine frühere Schmähsucht sich abgewöhnt hatte, so war er doch in der Beurtheilung verdienstlicher Werke, wenn sie seinen politischen Parteiansichten entgegentraten, oft ungerecht und selbst unredlich. Er besorgte die Herausgabe bis 1824, wo seine zunehmende Kränklichkeit ihn nöthigte, sie aufzugeben. Er hatte für dieses Geschäft nie einen bestimmten Gehalt bedungen, und erhielt anfänglich 200, später M Pfund jährlich, nicht stiren aber gab er seinem Verleger Geld zurück, mit der Äußerung, die empfangene Belohnung sei zu freigebig. So sehr er durch den colnn" und das „Huarterl^ revierv" den Mannern am Staatsruder genutzt hatte, wie wol kein anderer Gelehrter seit Burke, so erhielt er doch außer der Besoldung für ein geschaftslosts Amt keine Belohnung von der Regierung, und nicht lange vor seinem Tode machte er, wie so viele andere politische Schriftsteller, die Erfahrung, daß die Gunst der Regierungen eigennützig ist, als sein Gesuch um eine kleine Pfründe für einen armen Verwandten seines ersten WohlthaterS von einem Minister abgewiesen wurde. Wir sehen noch andere Lichtseiten seines Charakters. G., der bittere Kritiker, war im Lebensverkehr wohlwollend und anspruchlos, seinen Freunden treu ergeben und gern unter Kindern. Seiner Magd setzte er einen Denkstein, zum Dank für ihre treuen zwanzigjährigen Dienste. Von allen Schriftstellern, die er strenge gezüchtigt hatte, griff Keiner je seinen sittlichen Charakter an, und selbst Byron, den er nicht zu schonen pflegte, schätzte ihn sehr. Nie verheirathet, setzte er den Sohn seines ersten Wohlthäters zum Erben seines ansehnlichen Vermögens ein und bestimmte die Zinsen eines Capitals zur jährlichen Vertheilung unter die Armen seiner Heimath. Er starb am 81. Der. 18M. Sein Jugendleben hat er in dem Vorworte zu seiner Ubersetzung des Juoenal anziehend erzählt. Gioja (Melchiorre), der Vater der neuern Statistik bei den Italienern, wurde am 20. Sept. 1767 zu Piacenza geboren. Frühzeitig seiner Altern beraubt und mit vielen Geschwistern der Aufsicht eines mütterlichen Oheims übergeben, mußte er es für ein Glück ansehen, daß er eine Freistelle in dem Collegium Alberoni bei Piacenza erhielt, wo den Alumnen ein neunjähriger Studiencursus ertheilt wird. Eifrigst ftudirte er dort unter den Missionsgeistlichen, welche das Seminarium leiten, Mathematik und Philosophie. Er verließ 1793 als geweihter Priester die Anstalt und lebte nun zurückgezogen bei einem Bruder, einem Kaufmanne von Piacenza, bis das Einrücken der Franzosen in Italien ihn aus seinen bisher unfruchtbaren Meditationen weckte. Er lernte seine Kräfte kennen, als man seine eingesandte Antwort auf die Frage: „Welche Art von freier Staatsverfassung eignet sich am besten für Italien ?" krönte. G. glaubte sich daher,zur publicistischen Thätigkeit berufen, siedelte 1797 nach Mailand über und trat dadurch in sein wahres Lebenselement ein. Es war der Augenblick jener großen Bewegungen, welchen unthatig zuzusehen allen Bessern fast unredlich schien. Auch G. blieb nicht fern stehen und wurde bald durch den Titel eines Staatsgeschichtschreibers ausgezeichnet. Ein.Aufsatz über die Auläffigksit der Ehescheidungen.' „leoria civile e pönale ckel llivorzüo, ossia necesslla, cause, nuova maniera cki oi-FninziZürrZa" (Mailand 1803), war der Grund, daß man diesen Titel ihm nahm. Dafür übertrug man ihm die Leitung des sta- Gissord 177 er benutzte den Unterricht desselben mit so regem Eifer, daß sein Lehrer ihn nach zwei Iahren für reif erklarte, seine Studien auf der Universität fortzusetzen. Sein Gönner verschaffte ihm die Stelle eines Bibelvorlesers im Exetercollegium zu Oxford, deren Ertrag mit den Unterstützungen wohlwollender Freunde hinlänglich war, ihm seinen Unterhalt auf der Hochschule zu sichern. G. hatte bereits auf Anregung seines Lehrers, unter andern Beschäftigungen mit den Elassikern, dem Juvenal mit Vorliebe sich zugewendet, und eine Übersetzung der zehnten Satire versucht, die mit so ermunterndem Beifall aufgenommen wurde, daß er sich nach und nach an andere wagte. Auf den Rath seines Gönners überreichte er seine Arbeit einem Lehrer in Oxford, und die günstige Aufnahme, welche sie fand, ermunterte G., den Wink seines Freundes befolgend, seine Übersetzung zu vollenden und auf Unterzeichnung herauszugeben. Er kündigte 1781 seine Arbeit an, ließ eine Probe drucken, und W. die Unterzeichnung hatte guten Fortgang. Der Tod seines Wohlthaters zog ihn auf einige Zeit von seiner Beschäftigung mit Juvenal ab, und als er endlich, U? durch vertrautere Bekanntschaft mit den Elassikern und durch das Studium der neuern Sprachen zu reiferer Bildung gelangt, zu feinen Versuchen zurückkehrte, sah er, daß die Leichtigkeit, mit welcher er Verse schrieb, und die parteilichen Urtheile seiner Freunde ihn verführt hatten und daß zu einer Übersetzung des Juvenal mehr gehörte als er leisten konnte. Sein Entschluß war schnell gefaßt. Er legte keine unreifen Versuche auf die Seite, um sie später einer sorgfältigem Überarbeitung zu unterwerfen. Bald nachher verschaffte ihm ein glücklicher Zufall die Gunst des Lords Grosvenor, der den talentvollen jungen Mann in sein Haus aufnahm und ihm die Führung seines Sohnes, des Lords Belgrave, des jetzigen Marquis von Westminster, anvertraute, mit welchem G. mehre Jahre hindurch verschiedene Lander Europas bereiste. Nach seiner Rückkehr nahm er seine Jugendarbeit wieder vor, weil er sich durch Verpflichtungen gebunden hielt, die er einmal eingegangen war, und endlich erschien 180Z die vollständige Übersetzung des römischen Satirikers, die einen bittern, aber nicht grundlosen Angriff erfuhr, und allerdings weder treu ist, noch hinsichtlich des Tons das Original wiedergibt, das sie zu tief in Gemeinheit herabzieht. Schon 1794 gab G. eine Nachbildung der ersten Satire des Persius heraus: „1Ae öaviack", gegen eine unbedeutende poetische Coterie gerichtet, die sich anmaßend in der literarischen Welt vordrängte. Wie später als Kritiker, machte er auch in jener Spottschrift seine Angriffe mit giftiger Bitterkeit und persönlicher Schmähung. Seine spatere literarische Satire: „1Ae Naeviuck" (1795), gegen die dramatischen Dichter jener Zeit, war ebenso persönlich, doch minder grob. Bald nachher ward er Herausgeber der gegen den Demokratismus gerichteten Zeitschrift: „1Ae ^nti-lacokm", die vom 20. Nov. 1797 bis zum 9. Jul. 1798 erschien und von Canning, Ellis und Frere ihre besten Beiträge erhielt. G., der durch dieses Geschäft mit jenen Männern und andern Freunden Pitl's in nähere Verbindung kam, ward ein entschiedener Verfechter ihrer politischen Grundsatze, wiewol auf seine Ansichten mehr die Berechnung seines Vortheils als eine selbständig gewonnene Meinung Einfluß gehabt zu haben scheint. Nach dem Aufhören des „^nti-lacodin" widmete G. seine Muße vorzüglich den ältern englischen Dramatikern und lieferte zuerst 1805 eine neue Ausgabe von Massi'nger's und 1816 von Ben Jonson's Werken; seine Ausgaben von Ford's und S'hirley's Schauspielen aber erschienen erst nach seinem Tode. Diese Bemühungen sind nicht ohne Verdienst, obgleich seine Kritik in der Berichtigung des Textes nicht immer befriedigend ist. Das seit 1802 erschienene „Lckinbur^ll revierv" hatte unter der Leitung seines geistreichen Herausgebers ein so glänzendes Glück gemacht, daß G. glaubte, eine nach demselben Plane angelegte, aber auf entgegengesetzte politische Ansichten gegründete kritische Zeitschrift werde Beifall finden. Der Versuch wurde 1809 gewagt, und der Erfolg übertraf die Erwartung. Die Parteisarbe deS Wer- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 12 »i HO^ 180 Girardin (Delphine) Girardin (Saint-Marc) teshause eine fromme Menge zu, welche, obgleich zum Theil andern Confessio- nen angehörend, durch seine Vortrage sich erwärmt und erhoben fühlt. Seine eigenthümlichen Rednergaben hat er selbst für die Entfernten durch seine „Predigten über das Gebet des Herrn" (Leipzig 1817) und durch mehre einzelne Predigten bewährt. *) Die häusliche Erbauung hat er durch sein „Brautgeschenk" (Leipzig 1819 und 1824), sowie durch seine „Andachtsstunden" (3 Bde., Dresden 1823—28) wohlthatig gefördert. Auch der Meinung der Zeit ist er durch sein „Evangelium der Jesuiten" (Leipzig 1822 und 1829), durch den „Galeerensklaven" (Dresden 1828) und durch andere Schriften so kräftig als redlich gesinnt entgegengetreten. Nur seine hochdeutsche Übertragung von Hebel's alemannischen Gedichten (Leipzig 1821) hat keine allgemeine Anerkennung gefunden. Als Mensch, als Geistlicher, als Gesellschafter gleich geachtet und geliebt, ist er der vollkommensten Verehrung eines Jeden sicher, der jemals ihm näher zu stehen das Glück gehabt hat. (66) Girardin (Delphine), Gattin des Schriftstellers Emile de Girardin, Tochter der Sophie Gay, die in Italien und Frankreich einst als die schönste der Frauen und eine Generation hindurch als eine sehr geistreiche gefeiert wurde, und sogar den Deputirten Vatout, den Bibliothekar Ludwig Philipps, zu einer recht innigen Schrift begeisterte, sodaß man sagte, es sei die Schrift eines mittelmäßigen Mannes, verfaßt auf dem Schoost einer geistreichen Frau. Delphine ward 1803 in Aachen geboren und rühmt sich, auf dem Grabmal Karls des Großen getauft worden zu sein. Bei der, von der ^callemie lran- hiüse aufgestellten Preisaufgabe über die aufopfernden Bestrebungen der französischen Ärzte und der Camilla-Nonnen während der Epidemie zu Barcelona, trat sie, erst 17 Jahre alt, als Mitbewerberin auf. Am 25. Aug. 1822 wurde das von Delphine eingereichte Gedicht mit großem Beifalle vorgetragen, und man gab ihr einen außerordentlichen Preis; ohne einige mit jugendlicher Eilfertigkeit bearbeitete Theile des Gedichtes würde sie den eigentlichen Preis erlangt haben. Von nun an trat Delphine in den Zeitschriften auf; aber sie zeigte sich in ihren politischen Ansichten sehr schwankend. Nachdem sie über die Salbung Karls X. und über den altadel.'gen Mathieu de Montmorency geschrieben, machte sie Verse zu Ehren des Generals Foy, die auf dessen Grabmal gesetzt wurden, und ließ sich nachher Karl X. vorstellen, der ihr ein Jahrgcld von 1500 Francs ertheilte. In den Jahren 1826 und 1827 war sie mit ihrer Mutter in der Schweiz und in Italien. Beide wohnten in Rom einem Gastmahle bei, welches der französische Botschafter de Laval-Montmorency der Mannschaft einer französischen Corvette gab, auf welcher die von den Muselmännern gefangenen und von Frankreich ausgelösten Römer nach Civita Vecchia zurückgekommen waren. Bei diesem Festmahle las Delphine eine darauf bezügliche Dichtung vor, welche mit Begeisterung aufgenommen wurde und wofür man sie am 16. April 1817 auf dem Capitol zum Mitglieds der Tiberakademie erwählte. Rom hatte noch nie einen weiblichen Akademiker gesehen. Sehr vergnügt aus Italien zurückgelangt, ließ Delphine noch 1827 ihr schönes Gedicht: ,,1 .e retour", drucken, welches zwar in Beziehung auf italienische Chronologie nicht genau ist, aber eine recht gefühlvolle und fast naive Poesie enthalt, wie denn auch die 1824 und nachmals 1826 erschienenen „Lssms poe- titjiies" der Dichterin zur Ehre gereichen. Ihre neueste Dichtung „Napoline" erschien 1832. (l5) Girardin (Saint-Marc), geboren zu Paris um 1800, vollendete seine Studien in der pariser Normalschule, und unternahm hernach 1827 eine Reise nach Deutschland, wo er auch Göthe kennen lernte. Als er wieder nach Pa- *) Seine Festpredigt: „Der vierte September, in seinen hohen Bedeutungen für jedes Sachsenherz" (Dresden Z LZ2), ist auch merkwürdig durch große Censurlücken. D. Red. 'MÄH ^lich.'nAi '«.iindiw Girardet 179 listkschen Bureau, die er bis 1811 fortführte, wo ein Minister ihn'entließ, ohne daß die Gründe sich angeben ließen. G. schrieb einen Zeitungsartikel „1l povero tliavolo", und der Minister, der sich zu gut gemalt glaubte, brachte es Me, dahin, daß G. aus dem Lande verwiesen ward. Achtzehn Monate spater rief ihn der Minister Vaccari zurück und trug ihm'die statistische Darstellung des Kö- nigreichs als Privatunternehmen, das die Regierung unterstützte, auf, seit man sich überzeugt hatte, daß Behörden so selten im Stande sind, zuverlässige An« gaben sich zu verschaffen. Mit ungeheurer Thatigkeit widmete G. sich diesem Geschäfte, bis das Ende des Königreichs Italien im April 1814 auch seinem Staatsdienste ein Ende machte. Desto eifriger lebte er nun der schriftstellerischen Thatigkeit, die mit dem Ertrag eines kleinen Kohlenwerks die kümmerlichen Mittel zu seiner Existenz hergab. Der Staatshaushalt, wie er nach den genau ermittelten Elementen des Vorhandenen (der Statistik) und den persönlichen Be« dürsnissen der zusammenlebenden Gesellschaft zu ordnen fei, wie er bei gleichem Recht, Jedem nach dem Maße seiner Leistungen, gleiche Pflicht auferlegt, war die fortwahrende Aufgabe seiner Forschungen, die sonach die lautesten Fragen der fortgeschrittenen Civilisation zu beantworten strebte. Philosophische Studien hatten ihn etwas Höheres als das bloße Capital als letzten Zweck erkennen lassen, und mit Warme findet man dieses ausgesprochen in seinem Werke: „0k:! merito e Mack in Ulm, aber auch dort ein Theilnehmer der verhängnißvollcn Halbheit vieler, sonst verdienter östreichischen Generale, die weder zu gehorchen verstanden, noch nach den Kriegsartrkeln den bcklagenswerthen Mack abzusetzen und zu verhaften. G. ließ sich von Napoleon mystisiziren, welcher die Triplealliance von Ostreich, Rußland und Preußen um jeden Preis trennen wollte, er glaubte in allem Ernst an Napoleons Friedensantrage, und suchte diesen Glauben auch beim Kaiser Franz und bei dem Ministerium fortzupflanzen. Napoleon hatte mit einer persönlichen Zusammenkunft in Wolkeredorf geschmeichelt, die nie zu Stande kam, so bereitwillig auch die Minister Grafen Collorcdo und Eobenzl sich dazu anschickten. Graf G. sollte nun gemeinschaftlich mit dem, inzwischen in Wien eingetroffenen Botschafter, Grafen Philipp Stadion, und dem preußischen Staatsminister Grafen Haugwitz den Frieden unterhandeln. Rasch trat die austerlitzer Schlacht und in deren Folge der vertragmäßige, ganzliche Rückzug der Russen dazwischen und der preßburger Friede war nicht mehr abzuhalten. Ihn unterzeichnete i G. mit dem edeln Fürsten Johann Lichtenstein. Für die Angelegenheiten Deutsch- I lands war ihnen der Freiherr von Hormayr beigegeben. G. wurde Banus von Croa- ! tien und einer der Großbeamten der ungarischen Krone. Als Ostreich mit seinen Völkern Napoleon 1809 den Handschuh hinwarf, war G. beim Heere des Erzherzogs Johann in Jnneröstreich und Italien. Sein militairischer Ruhm wuchs nicht in diesem Feldzuge; er galt vielmehr als der Urheber jener verderblichen Halbheil und Lauheit, welche die Verfolgung des Feindes nach dem Siege bei Sacile und den strategisch großen Entschluß verhinderten, Jnneröstreich nur durch eine minder starke Abtheilung zu decken, mit dem Kern des Heeres aber sich nach Tirol zu werfen und nach Baiem vorzudringen. In seinen Folgen noch verderblicher als Girod de l'Ain 181 ris gekommen war, begann er literarische Aufsatze, besonders Recensionen im „lourns! t!es «iobots" zu liefern. Einige dieser Aufsatze, zumal sein erster, über Lesage's Schriften, und ein anderer über Ebel's „Anleitung für Reisende durch die Schweiz" fanden großen Beifall, wegen der vielen geistreichen Bemerkungen, welche in denselben hervorstachen. Die ^cackemie sräv^aise ertheilte 1828 ihm und einem andern jungen Gelehrten, PH. Chasles, den Preis für die beste Abhandlung über die französische Literatur im 16. Jahrhundert. Die beiden Abhandlungen sind zusammen unter dem Titel: „l'ableau üe !a litte- rature fran^aise au seisieme siecle par Laiut-Uarc (Zirarüin et 0t»asles" (Paris 1829), erschienen. G.'s Abhandlung ist in einem lebhaften und gefälligen Style geschrieben, voll Geist und unerwarteter Wendungen. Einige Zeit nachher wurde er Professor der Literatur bei der ?acu!te , der den umzingelten Napoleon bei Lindenau ruhig ziehen ließ. Inzwischen entwickelte er in den gewöhnlichen militairischen Vorfallen bei Mainz, Brienne, Bar und Arcis militairische Tapferkeit und Kriegserfahrenheit. Nach Frimont's Tode ward er Hofkriegsrathspräsident und mit dem höchsten Vertrauen beehrt, starb aber nach wenigen Monaten, den 11. Nov. 1831, an einer langwierigen, schmerzvollen Krankheit. Wie sein Vater, war auch sein Bruder, Graf A lb.ert G., ein in der östreichischen Militairwelt geehrter Name. (17) Gley (Julie), jetzt Schauspielerin am Hofburgtheater zu Wien, in Hamburg geboren (wo ihre Mutter, eine ausgezeichnete Sängerin, glänzte), betrat zuerst in Dresden die Bühne, zu welcher, den Wünschen ihrer Familie entgegen, ein unwiderstehlicher Drang sie trieb. Auch mit dem Vorurtheil des Publicums, das damals gegen Tieck's Einfluß auf die Hofbühne gestimmt, in dem Kinde nichts als eine gewöhnliche Anfängerin zu sehen glaubte, die der Eigensinn des Dramaturgen zu einer Künstlerin stempeln wollte, hatte sie lange und schwer zu kämpfen, bis ihr eminentes Talent immer deutlicher vorleuchtete und der progressive Triumph ihrer Gastspiele in Hamburg, Berlin, Wien keinen Zweifel mehr über ihren seltenen Beruf ließ. Wohl verdankt Fräulein G. Tieck's Unterricht viel; kein Lehrer, auch nicht der erste der Welt, kann aber eine Künstlerin bilden, wenn nicht der Prometheische Funke von Innen heraus mitarbeitet. Die ihr inwohnende Poesie, die Fülle ihrer Begeisterung arbeiteten mit der geistigen Bildung fort, die wol hauptsachlich Tieck's Werk ist, die Naivheit ihres Talents ist aber etwas Angeborenes, was kein Lehrer geben kann. Die Kritik nannte ihre Erscheinung eine ganz neue auf deutscher Bühne. Ihre Darstellungsart hat mit keiner irgend einer frühern Schauspielerin Ähnlichkeit. Am besten charakteri- sirt sie die Frage, mit der sie früher ihre Kritiker beschäftigte: ob sie sich zum Lustspiel mehr oder zur Tragödie eigne. Allerdings eignet sie sich fürs Lustspiel; sie besitzt jenen poetischen Humor, der Rührung und Frohsinn zugleich erweckt, und sie weiß ihn zu einer so zauberischen und neckischen Schalkhaftigkeit zu steigern, daß sie mit allen Reizen und Schätzen innerer Weiblichkeit gleichsam coquettirt. Ihr Spiel ist daher die ganze Mannichfaltigkeit und Vielgeftaltigkeit des weiblichen Charakters, und sie ist in jeder Rolle eine andere. Der Humor gehört aber auch in die Tragödie, in die romantische nämlich. Sie beginnt eine solche Rolle in vollkommener Iugendfrische und Lebensheiterkeit, die um so empfindlicher und reizbarer der feindseligen schmerzvollen Berührung des vernichtenden Schicksals unterliegt. Weil sie jede tragische Rolle mit der heitern Lebensfülle beginnt, hat sie eine Charakterfarbe, einen Ton der Empfindung mehr als jede andere Schauspielerin, die sogleich in Empfindsamkeit und Wehmuth, ehe noch eine Anfeindung des Lebens den Charakter berührte, erscheint. Sie kann daher die letzte äußerste Kraft bis zum äußersten letzten Momente sparen, und hier offenbart sie sich abermals als Humor, des Wahnsinns, der Agonie, der Verzweiflung. So verwirklicht sie die innige Verwandtschast des Tragischen und Komischen in der romantischen Poesie und obige Frage cha- rakterisirt daher die romantische Schauspielerin. Wo sie auftritt entschiedener Liebling des Publicums, hat sie gewöhnlich zuerst die Stimmen der Hofcirkel gegen sich, weil die Begeisterung, die sie mitbringt, dort noch fremd ist, wo man, gewöhnt an den gemessenen Ton des ältern tragischen Pathos (in dem die Schröder vielleicht der Prototyp), will, daß auch höhere Begeisterung sich in 186 Goderich als er die kräftige Fortsetzung des Krieges in Spanien nachdrücklich empfahl. Bali! nachher machte ihn Castlereagh, damals Colonie- und Kriegsminister, zum Unter- staatssecretair, und als jener wegen der im Cabinet entstandenen Zwiste seine Stelle niederlegte, trat auch Robinson zurück, obgleich Perceval, der an die Spitze der Verwaltung kam, ihm vortheilhafte Antrage machte. Nachdem jedoch sein Verwandter Pocke 1810 erster Lord der Admiralität geworden war, nahm er eine Stelle unter ihm an, die er bis 1812 behielt, wo er unter Liverpool's Ministerium Mitglied des geheimen Raths und Vizepräsident des Handelsbureau (Loc>räyf trade) wurde. Die erste wichtige Maßregel, die er in diesem Amtsverhältnisse vor das Parlament brachte, war das Getreidegesetz von 1815, durch welches die Grundherren bei den gesunkenen Kornpreisen das Agrieulturinteresse zu fördern hofften, und bei dem überwiegenden Einfluß, den sie in dem Parlamente harten, wurde der die Einfuhr des auslandischen Weizens beschrankende Gesetzvorschlog am 16. März 1815 trotz dem kraftigsten Widerspruche, mit großer Stimmenmehrheit angenommen. So laut der Verthcidiger des Vorschlags betheuerte, daß er die Maßregel nicht unterstützen würde, wenn er den Landbesitzern die Absicht zuschreiben könnte, die Kornpreise zum Nachtheil der Gesammtheit auf eine unnatürliche Höhe zu treiben, so sehr er sich bemühte, die Bestimmung des Gesetzes, daß die Einfuhr aus dem Auslande nicht eher gestattet werden sollte, bis der Preis des Weizens auf 80 Schillinge gestiegen wäre, als eine den Ackerbau schützende Vorkehrung zu rechtfertigen, so war doch dieses Gesetz so verhaßt, daß furchtbare Aufstände in London ausbrachen, wobei der Pöbel Robinson's Haus angriff und besonders auch seine reiche Gemäldesammlung zerstörte. Am folgenden Tage besetzte er sein Haus mit Soldaten, die bei einem wiederholten Angrisse Feuer gaben und einige der Aufrührer tödteten. Er ging jedoch keineswegs von der Absicht aus, die Beschränkungen des Getreidehandels als eine bleibende Maßregel einzuführen, und widersetzte sich später mit Nachdruck jeden. Versuche, dieselben zu vermehren, wie er denn überhaupt schon zu jener Zeit die Meinung aussprach, daß es Englands wahre Politik sei, die Fesseln der Handelsverbote so bald als möglich zu zerbrechen. In Übereinstimmung mit diesen Ansichten ward in dem 1815 mit den Vereinigten Staaten abgeschlossenen Handelsverträge die Gegenseitigkeit aller Säßff- fahrtsabgaben festgesetzt, eine Bestimmung, die seitdem auch in die Handelsverträge mit andern Staaten überging. Mochte er indeß glauben, daß die öffentliche Meinung auf wesentliche Veränderungen in dem britischen Handelssystem erst vorbereitet werden müsse, oder noch zu abhängig von den Ansichten der vorherrschenden Machthaber, Liverpool's und Castlereagh's, sein, er widersetzte sich noch 1L16 dem Antrage Brougham's, der eine freisinnigere Handelspolitik empfahl, aber wie er schon damals die von diesem ausgesprochenen allgemeinen Grundsätze anerkannte, erklärte er sich noch entschiedener für dieselben, als Naring 1820 diesen wichtigen Gegenstand noch einmal in das Parlament brachte. Kein Theil des britischen Handelssystems bedurfte mehr einer Verbesserung als der Verkehr der Colonien, so- wol unter sich als mit andern Weltgegenden, da die Gesetzgebung über diesen Gegenstand während des Krieges schwankend und unbestimmt geworden war, und es zeigte sich wenige Jahre nach dem Frieden, daß die Verhältnisse in den ehemaligen spanischen Colonien, der neue Zustand Brasiliens und die ganzlich veränderte Lage > der Handelswclt mit der Fortdauer der Ausschließung des auswärtigen Handels j von den britischen Colonien unvertraglich waren. Diese Umstände bewogen Robinson endlich 1822, dem Parlamente Maßregeln vorzuschlagen, welche den Colonien eine freiere Theilnahme an dem Welthandel gewährten, und es gelang ihm die Mehrheit zu gewinnen. Er wurde 1828 auf Liverpool's Empfehlung Kanzler der Schatzkammer, und von den Umstanden begünstigt, war es ihm möglich, mehre Abgaben abzuschaffen oder herabzusetzen, ohne daß, bei gleichzeitiger Einführung Goderich 185 kern, und ist Verfasser der „Versuche über die Wirkungen des Baryts, Strontians u. f. w.", der Untersuchungen über den Dolomit, und vieler andern in verschiedenen Zeitschristen. Für die Entdeckung der chemischen Bestandtheile des UltramarinS erhielt er 1829 von der würtembergischen Regierung den landwicthschaftlichen Preis. Die beiden Söhne Johann Georgs, des altern russischen Reisenden, zeichneten sich ebenfalls aus. Christian von G., geboren 1750, war ein Rechtslehrer von glänzendem Vortrag, erst zu Erlangen, spater zu Tübingen, wo er als ordentlicher Professor der Rechte und Hofrath 1820 starb. Sein Bruder, Eberhard G., geboren 1751, gestorben um 1808 als Oberamtsarzt zu Heilbronn, ward durch seine Schriften über den thierifchen Magnetismus berühmt. Der dritte Sohn des Stammhalters endlich, PhilippFried- rich G., verpflanzte den Ruf der Gelehrsamkeit ebenfalls auf Söhne und Enkel. Dessen ältester Sohn Johann Friedrich G., geboren 1748, gestorben als Hostath und ordentlicher Professor der Medicin zu Göttingen, machte sich durch viele Schriften, namentlich durch die Herausgabe der vierzehnten Auflage von Lin- nee's „Systems naturse" berühmt. Der zweite Sohn, Christian Gottlieb vonG., geboren 1749, gestorben 1818 als Professor der Rechte und Obertribunalrath zu Tübingen, war ein berühmter, äußerst fleißiger Criminalist, als Schriftsteller besonders bekannt durch seine vielfach aufgelegte „Ordnung der Gläubiger", und seine Schrift: „Grundsätze der Gesetzgebung über Verbrechen und Strafen". Drei seiner Söhne haben als Rechtsgelehrte eine öffentliche Laufbahn betreten. Der älteste, Christian Heinrich G., geboren 1780, ward als Professor der Rechte nach Bern, später nach Tübingen berufen und starb 1824 als Oberjustizrath bei dem Gerichtshofe zu Ulm. Der zweite Sohn, Friedrich Ludwig G., geboren 1784, jetzt Obertribunalrath zu Stuttgart, war eine Zeitlang Professor in Tübingen und ist feit 1815 Mitglied der zweiten Kammer der würtembergischen Stände, wo er namentlich in der Eigenschaft eines Ausschußmitgliedes an der Gesetzgebung seines Vaterlandes wesentlichen Antheil genommen hat. In der politischen Aufregung der neuesten Zeit erfuhr er — während seine Vettern in Tübingen an der Spitze der Opposition stehen — sehr heftige Angrisse von Seiten der liberalen stuttgarter Journale. Der dritte Sohn Christian Gottliebs, Ludwig Otto G., geboren 1786, war während des verhängnißvollen Rückzugs aus Rußland 1812 und 1813 Oberauditor des würtembergischen Armeekorps; er ist jetzt Oberamtsrichter, und saß seither gleichfalls als Abgeordneter in der würtembergischen Ständeversammlung. Vettern der cbengenannten sind die Söhne des göttingischen Professors, deren älterer, Eduard G., Ober- justizprocurator zu Tübingen ist; der jüngere, Leopold G., geboren zu Göttingen 1786, ist badischer geheimer Hofrath und ordentlicher Professor der Chemie zu Heidelberg, in großem Ruf durch sein mehrfach aufgelegtes „Handbuch der theoretischen Chemie" und viele zerstreute Abhandlungen. — Der berühmte Kupferstecher Wilhelm Friedrich G. ist ein Seitenverwandter der hier aufgeführten Gelehrten. (43) Goderich (Frederick John Robinson, Viscount), der jüngere Sohn des Lords Grantham, ward am 1. Nov. 1782 geboren, und nachdem er in der Schule zu Harrow und in Cambridge seine wissenschaftliche Bildung erhalten hatte, kam er bereits 1804 als Privatsecretair seines Verwandten, des damaligen Statthalters in Irland, Lord Hardwicke, in nähere Berührung mit dem politischen Leben. Altt Pitt zwei Jahre später gestorben war, kehrte Robinson nach England zurück, wurde sogleich ins Parlament gewählt und begleitete 1807 Lord Pembroke auf einer diplomatischen Sendung nach Wien. Im Anfange seiner politischen Laufbahn war er ein eifriger Gegner der Emancipation der Katholiken und ein Verfechter des vorherrschenden Grundherrninteresse; er zog jedoch erst 1809 Aufmerksamkeit auf sich 188 Göschen - H manchen Mängeln unterliegt, namentlich darin, daß es den Rahmen eines soge- nannten natürlichen Systems gibt, in welchem viele Fächer sich umgestellt zeigen Er selbst hat diese Mängel gefühlt und sie in einer neuen, zwar verkürzten, doch auch wieder reichern Umarbeitung: „Grundriß der Zoologie" (Nürnberg 18A), größtentheils verbessert. Seine 1821 unternommene Fortsetzung der „Naturge! schichte der Säugthiere" von Schreber hat den verdienten Beifall gefunden. Ein schätzbares Werk: „Naturhistorischer Atlas" (Düsseldorf), scheint G. seine Entstehung zu verdanken, wenigstens liefert er den erläuternden Text zu demselben. Die Errichtung des naturhistorischen Seminars gab ihm Gelegenheit, seine Ansichten über solche Anstalten in einer kleinen Schrift: „Ein Wort über Bedeutung naturwissenschaftlicher Institute" (Bonn 1821), auszusprechen. Sein wichtigstes Werk: „Abbildung und Beschreibung der Petrefacten" (Düsseldorf 18Z6, gr. Fol.), hat nicht bloß an dem Museum in Bonn, sondern auch an der anerkannt klassischen Sammlung des Grafen Münster die reichhaltigsten Quellen. Man kann dasselbe ohne Übertreibung hinsichtlich der Ausführung auch von Seiten des Lithographen sowie in Ansehung des innern Reichthums ein klassisches Werk nennen, jedem Paläontographen, Geologen und Zoologen unentbehrlich, welches für dieJnvertebraten Das zu werden verspricht, was Cuvier's „Osseinens fossiles" für die Vertebraten sind, welchem letztem Werke es unbedenklich an die Seite gestellt werden kann. Es erscheint in Lieferungen von 25 Tafeln mit ausführlichem Text und enthält außer der genauesten Beschreibung der Arten auch viele neue Gattungen, deren Aufstellung bei der Möglichkeit der Vergleichung so vieler Exemplare dem Bearbeiter sich gleichsam aufdrang. Bereits wurde die dritte Lieferung ausgegeben, in welcher eine Übersicht der ausgestorbenen Thiere der Vorwelt, deren Reste sich in der Juraformation finden, besonders auch für den Laien viel Anziehendes hat. (67) Gö scheu (Johann Friedrich Ludwig), Hofrath und Professor der Rechte zu Göttingen, wurde am 16. Febr. 1778 zu Königsberg geboren, wo sein Vater Münzdirector war. Er erhielt seine Schulbildung auf der Domschule zu Magdeburg und bezog 1794 die Universität Königsberg, von 1796 — 98 Göttingen. Da ihn aber hier mehr die Naturwissenschaften als die Jurisprudenz, welcher er sich gewidmet hatte, anzogen, so verließ er die Universität mit der Absicht, sich ganz der PHD und Chemie zu widmen und diese mit dem Studium der Landwirthschaft zu verbinden. Nachdem er sich zu letzterm Zwecke einige Zeitlang auf den Gütern des Grasen von Veltheim bei Helmstedt aufgehalten, kaufte er 1800 ein nicht weit von seiner Vaterstadt gelegenes Landgut, dessen Bewirthschaftung aber seine ganze Thätigkeit erfodcrte. Unglücksfälle bestimmten ihn, dieses Gut 1804 zu verkaufen und die praktische juristische Laufbahn einzuschlagen. Er begab sich daher nach Magdeburg; aber die Kriegsercignisse des Jahres 1806 schnitten ihm die Aussicht auf eine Anstellung ab und bestimmten ihn nach Berlin zu gehen, wo er auch blieb, als 1807 das linke Elbufer von Preußen abgetreten ward. Hier, im Umgange der geistreichsten Männer, Spalding, Heindorf, Buttmann, Schleiermacher, I. F. G. Delbrück u. A., erwachte sein wissenschaftlicher Sinn, der sich, angeregt durch Hugo's und Savigny's ihm bisher fremd gebliebene Werke, mit großem Eifer dem gelehrten Studium des römischen Rechts zuwendete. Letzterer munterte in Verbindung mit dem geistreichen Niebuhr seine Thätigkeit auf. G. war der Erste, der die juristische Doktorwürde auf der neugestifteten Universität Berlin und zwar aus den Händen feines nachherigen College« Eichhorn (1811) erhielt. Schon im Nov. dieses Jahres ward er zum außerordentlichen, im Febr. 1813 zum ordentlichen Professor der Rechte ernannt. Als 1816 die berliner Akademie der Wissenschaften zwei Gelehrte nach Verona sandte, um die daselbst von Niebuhr entdeckten Schätze des römischen Rechts zu heben, ward er auf Savigny 's An- Goldfuß 187 zweckmäßiger Ersparnisse, der Gesammtertrag der Staatseinnahme wäre vermindert worden. Während der vier Jahre, in welchen er die Finanzverwaltung leitete, wurden die Abgaben um nicht weniger als neun Millionen Pfund gemindert, und er war dabei besonders auch darauf bedacht, die bedeutenden Erhebungskosten herabzusetzen. Er nahm zu gleicher Zeit thätigen Antheil an den übrigen Angelegenheiten, welche die Minister und das Parlament beschäftigten, und beförderte Huskisson's Bemühungen, die Fesseln des Handels zu lösen, wie die Emancipa- tion der Katholiken. Vorzüglich hatte die freisinnige Politik Canning's, seit diese im Cabinet überwiegenden Einfluß gewann, auf Robinson's Ansichten wohlthätig gewirkt, der daher um so weniger Bedenken trug, im Staatsdienste zu bleiben, als jener 1827 an die Spitze der Verwaltung kam, und das Ministerium der Colonien zu übernehmen. Bald nachher ward er zum Discount Goderich von Nocton erhoben, um die Sache des Ministeriums im Oberhaufe zu führen. Als er nach Canning's Tode als erster Lord der Schatzkammer an das Staatsruder gelangt war, fühlte er bald, daß es ihm an Kraft und persönlicher Überlegenheit fehlte, die streitenden Elemente des Ministeriums wie fein Vorgänger zu vereinigen, und er nahm nach wenigen Monaten seine Entlassung. (S. England.) Ohne unter Wellington's Ministerium auf die Seite der Opposition zu treten, blieb er standhaft seinen Grundsätzen treu und trat bei mehren Verhandlungen über Handel und Finanzvcrwaltung im Parlament auf. Als Grey die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten erhielt, übernahm Lord G. wieder das Ministerium der Colonien. Er unterstützte die Reformbill mit Eifer, und sagte bei den Verhandlungen über die zweite Lesung derselben, er habe ihr das Opfer mancher vorgefaßten Meinung, persönlicher Vorliebe und mancher werthen Zuneigung gebracht, Opfer, die er nicht hätte bringen können, wenn ihn nicht das Bewußtsein redlicher Absichten erhoben und der Entschluß geleitet hätte, persönliche Rücksichten dem Wohle des Vaterlandes nachzusetzen. Er war im Anfange seiner parlamentarischen Lausbahn ein etwas pedantischer Redner, und obgleich er auch jetzt weder durch Scharfsinn noch durch eindringlichen Vortrag sich auszeichnet, so macht ihn doch seine vertraute Bekanntschaft mit den wichtigsten Verwaltungszweigen zu einem achtungswerthen Sprecher in den Verhandlungen. Gold fuß (Georg August), Professor der Zoologie und Mineralogie an der Universität zu Bonn, ward am 18. April 1782 zu Thurnau bei Baiceuth geboren. Er studirte zu Berlin und Erlangen Medicin. Der 1806 ausgebrochene Krieg verhinderte die Ausführung einer naturhiftorischen Entdeckungsreise, wozu erfich vorbereitet hatte. Früher Privatdocent in Erlangen, ward er 1818 nach Bonn berufen, wo er noch jetzt sich befindet und die Oberaufsicht über das zoologische Museum sowie die Petrefactensammlung, beide im Schlosse Poppclsdorf, führt, und das naturhistorische Seminar leitet. Seine schriftstellerische Laufbahn eröffnete er mit einigen kleinen Schriften entomologischen Inhalts, wovon die eine, „Limine- ratio msectorum eleutlmratoi-uin" (Erlangen 1805), für die entomologische Geographie wichtig ist. Willkommen war dem Liebhaber von Naturschönheiten sowol als dem Geologen seine „Beschreibung der Umgegend von Müggendorf und der dortigen Höhlen" (1810), in welcher Arbeit er sich zuerst als paläontographischen Forscher zeigte. Dieser kleinen Topographie folgte bald eine größere, die mit K. G. Eh. Bischoff gemeinschaftlich bearbeitete „Beschreibung des Fichtelgebirges" (2 Bde., Nürnberg 1816). Seine Verbindung mit Nees von Esenbeck gab zu verschiedenen Forschungen Veranlassung und zur ersten Darlegung seiner Ansichten über zoologische Systematik in seinem Werke: „Über die Entwickelungsstufen des Thierreichs" (Nürnberg 1817). Als eine weitere Ausführung dieser Ideen erschien 1821 sein „Handbuch der Zoologie" (2 Bde., Nürnberg), dem jedoch die Kritik nicht günstig war, da besonders das in demselben aufgestellte System 190 Göthe lebten und allseitig genossenen Thatigkeit des Daseins folgend, kann wol ebenso glücklich genannt werden, als es sein auserwählt begünstigtes Leben selbst gewesen und wie allgemein auch unsere Trauer sein mag, daß Er, auf dem der Segen da deutschen Muse ruhte und an dem die Liebe der Zeit ihren schönsten Gegenstand hatte, nicht mehr unter uns wandelt, so ist es doch mehr ein wohlthuenderSchmer, ein andachtiges Pathos, als ein erschütternd aufregendes, das bei diesem Ben lust in allen Gemüthern entsteht, wie auch in Göthe'scher Poesie selbst weniger d?r Sturmausbruch des Schmerzes, als die sinnig sich umgrenzende Wehmut!) stelz als die vorherrschende Richtung der Empfindung erscheint. Als Schiller stach plötzlich abscheidend aus der blühendsten Periode seines Lebens und StrebenS, ging eine Trauer, die fast an Leidenschaft grenzen mußte, zerreißend durch das Herz von ganz Deutschland hin, denn Jedem war eine Hoffnung mit ihm gestorben. Aber G. hat seiner Zeit Alles gegeben, was er hatte und war, und so, nachdem er vollendet wie Wenige, gelebt, auf der Höhe des Menschlichen stehend, erfüllte sich nun auch an ihm menschliches Schicksal in naturgemäßer Lösung dez Daseins. G.'s Tod hat bereits eine zahlreiche Menge von Schriften, Gelegenheitsgedichten und Broschüren aller Art veranlaßt, die sich von den verschiedensten Seiten her in Betrachtungen über den hingeschiedenen Meister ergehen, aber eine seiner würdige Todtenfeier ist bisher noch auf keine Weise ihm widerfahren, ja, es hat unter den über ihn laut gewordenen Stimmen sogar an feindlichen nicht gefehlt, welche G.'s Tod für den angemessensten Zeitpunkt hielten, um gehässige Gerüchte über seine persönlichen Verhaltnisse nachtraglich ins Publicum zu bringen. Aus all Diesem geht aber nur die merkwürdige Thatsache hervor, daß G., wie kaum je ein anderer Schriftsteller, so sehr zum Mittelpunkt der Zeit geworden, in der er gelebt, daß das Publicum sich selbst in die kleinste seiner Eigenthümlichkeiten zu versenken für Gewinn erachtet; und welchen Reichthum an Anschauungen G.'s Persönlichkeit selbst jetzt noch, nachdem er sie bereits in seinen Schriften zur allgemeinen Kunde abgeprägt zu haben schien, immer von Neuem und unter neuen Gesichtspunkten zu gewahren vermag, beweist die bekannte Schrift von Falk'. „Göthe aus persönlichem nähern Umgange dargestellt" (Leipzig 1832), in der noch mancher geheime und tiefliegende Zug dieses großartigsten aller Charaktere uns enthüllt wird. Aus demselben Grunde, aus seinem Reichthum und seiner Vielseitigkeit nämlich, sind auch die Anfeindungen zu erklären, welche G.'s Charakter während seiner überall hin anregenden literarischen Lausbahn hier und dort zu erdulden gehabt, indem er, die verschiedensten Naturen verschiedenartig berührend, eben deshalb hier abstoßen mußte, während er dort anzog. Daher die verschiedenen Perioden der Anerkennung und Wirksamkeit, welche die Werke unseres Dichters in Verfolg der von ihnen durchschrittenen Zeitlauf? abwechselnd erlebt haben, und diese Mannichfaltigkeit des Urtheils über ihn scheint selbst mit der dritten Generation seines Lebens, deren unbegrenzte Liebe und enthusiastische Verehrung G. selbst einmal als entschädigend für die ihm von frühem Zeitgenossen widerfahrene Unbill bezeichnet hat, bisher noch immer zu keinem endlichen Abschluß der Kritik über den Hohenpriester der deutschen Muse gekommen zu sein. Im Gegentheil hatte sicb in der letzten Zeit im Verhältniß des kritischen Publicums zu G. wieder eine anders gestaltete Periode zu ihm herangewandt, nämlich die der Opposition, deren Stimmführer des Dichters Ruhm auf ein gewisses endliches Maß zurückzuführen und den absoluten Werth seiner Leistungen durch die Gewalt der kritischen Dialektik zu bedingen suchen. An und für sich wäre zur Rechtfertigung dieser Richtung allerdings zu sagen, daß die öffentliche Kritik in Kunst und Wissenschaft nicht in der Art Rücksicht auf Gefühle der Pietät nehmen kann, wie ein an die Nächsten- liebe gebundenes Urtheil in moralisch-gesellschaftlichen Lebensverhaltnissen, sondern isM Gossellin Göthe 189 !''< trag nebst dem Philologen Bekker dahin gesendet. Die in Verbindung mitLetzterm ^ begonnene Arbeit half Holberg vollenden; das Resultat war die Herausgabe der ent- deckten Institutionen des Gajus, des Fragments über die Rechte des Fiscus, wozu ihn nach seiner Rückkehr nach Berlin 1817 die Akademie auffoderte. Sie erschien zuerst ohne seinen Namen 1820, dann mit demselben, sehr verbessert, 1824, und die Vorreden geben Auskunft über die Geschichte und Benutzung des wichti- Fundes. Nach Schweppe's Abgang von Göttingen folgte er im Frühling 1822 einen Ruf dahin und blieb daselbst ungeachtet eines sehr vortheilhaften Rufes nach München 1828. Mehre das römische Recht betreffende Abhandlungen in Hugo's „Civilistischem Magazin" und in seiner mit Savigny und Eichhorn herausgegebenen „Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft", die 1832 bis zum achten Bande gekommen ist, bezeugen den Scharfsinn und gründlichen Fleiß, welchen er dieser Wissenschaft widmet. Noch mehr aber ist derselbe auf seine Vorlesungen gewendet, für welche er auch eine große Anzahl von Grundrissen, unter welchen der ausführliche Pandeclengrundriß (Böttingen 1831) der bedeutendste ist, abgefaßt hat. Seine gewandte Geschäftsthätigkeit beweist sein anderthalbjähriges Protektorat (von Ostern 1831 bis Michaelis 1832), unter welchem die Universität Göttingen manche neue Einrichtungen erhalten hat. (68) Gossellin (Pascal Francis Joseph), geboren am 6. Sept. 1751 zu Lille, machte seit 1772 Reisen durch Frankreich, die Schweiz, Italien und Spanien, auf welchen er besonders die Geographie der Alten zum Gegenstande seiner Forschungen machte, und als er 1780 nach Frankreich zurückgekehrt war, gab er eine Abhandlung über den Chersones des Ptolemäus heraus. Er wurde 1789 zum außerordentlichen Abgeordneten seiner Provinz in der Nationalversammlung ernannt, 1791 Mitglied der bald wiederaufgehobenen Handelskammer und 1794 bei der Kriegsvexwaltung angestellt. Die Regierung ernannte ihn 1801 zu einem der Herausgeber der Werke Strabo's, von welchen er eine französische Übersetzung lieferte. G. war seit seiner Jugend ein eifriger Medaillenliebhaber und legte eine Sammlung an, die besonders durch eine schöne Folge silberner Kaiser- münzen und eine Auswahl alter griechischer Münzen sich auszeichnet, und diese Neigung verschasste ihm auf Millin's Vorschlag 1799 seine Anstellung als Mit- aufscher des Medaillencabinets zu Paris, die er 30 Jahre behielt. Witwer und kinderlos, führte er ein sehr einsames Leben meist in seinem Landhause zu Mont- morency. Einen großen Theil seines Lebens widmete er Untersuchungen über die Wegmaße der Alten und in seinen einsamen Stunden beschäftigte er sich damit, seine schönen griechischen Münzen gleichsam wie Gemälde zu ordnen. Er starb am 4. Febr. 1830. Seine wichtigsten Arbeiten über die Geographie der Alten sind: „0eogruptne <1es pes sie Philosophie 2oo!vA:gue" knüpfte, ist nicht nur deshalb merkwürdig, weil er vielleicht geradezu die letzte Arbeit ist, die aus G.'s Feder geflossen, sondern er enthält auch gewissermaßen Selbstbekenntnisse über die Richtung und Entwickelung der naturwissenschaftlichen Studien G.'s, die selbst in biographischer Hinsicht Werth haben dürften. G.'s „Metamorphose der Pflanzen" fand besonders in Frankreich und bei der pariser Akademie, der Geossroy de St.-Hilaire einen Bericht darüber abstattete, die ehrenvollste Aufnahme, und er selbst blieb fortwährend in persönlichem wissenschaftlichen Verkehr mit den ausgezeichnetsten französischen Naturforschern, die ihre eignen Ansichten an den seknigcn weiterbildeten. Überhaupt ist G.'s Verhältnis! zum Auslande, auch hinsichtlich der Anerkennung und Aufnahme seiner poetischen Werke, das großartigste, dessen sich je ein Schriftsteller zu erfreuen gehabt. Er fand seit den letzten Jahren besonders in Frankreich, England und Italien immer ausgedehntere Verbreitung und gelungenere Übersehung, und wir sehen den Dichterheros allmälig als allseitig anerkannte Gestalt in die europäische Weltliteratur übergehen, deren Ankunft er selbst in „Kunst und Alterthum" vorahnend angedeutet. Wie aber G. in die deutsche Eulturentwickelung eingegriffen, wird selbst dann noch anerkannt bleiben, wenn sich vieles Einzelne in seinen Werken langst überlebt haben sollte. Das Große an G.'s Dichtungen ist mehr die Form als der Inhalt, aber auf der Stufe, auf welche G.'s literarische Wirksamkeit in Deutschland fällt, bedurfte es der deutsche Geist vor Allem erst noch, daß ihm eine anziehende Form zu Theil werde, welche die Schwere des Stoffes an ihm verkläre. G.'s Talent war, wie kein anderes, dazu geeignet, ihm diese bis zur Entfaltung des höchsten Grades der Anmuth zu geben, denn wie seine Natur überhaupt eine künstlerisch gebildete und bildende war, welche die Klarheit und Sicherheit der Antike aufs Glücklichste sich angeeignet und mit moderner Reflexion zu einer scheinbar tiefergehcnden harmonischen Einheit vermischt hatte, so ging auch dies Bildende und plastisch Formende seines Talents auf alle Gegenstände des Lebens und der Kunst über, die er nur nach irgend einer Seite hin ergriff. Daher strebt er überall nach der möglichsten Herausbildung des Graziösen der Form, ja er versucht sich oft am unscheinbarsten Inhalt am liebsten, um die Lust zu haben, selbst das Unscheinbare im Zauber seiner Darstellung glänzen zu sehen. So faßte er in seinen Romanen das gesellige Leben der Deutschen auf, das sich im 18. Jahrhundert noch in seinem steifen Menuettschritt bewegte, und der „Wilhelm Meister" ist das erste deutsche Buch, das einen wahrhaft geselligen Geist, einen wirklich freien und anmuthi- gen Lebenden verräth. Die Wirksamkeit, welche dieser Roman gehabt, kann man nicht höher bezeichnen, als wenn man sagt, daß er in der That in das gesellschaftliche Leben der Deutschen selbst übergegangen und seinen Ton erhöht und veredelt hat. Nicht minder mußten seine lyrischen Gedichte, besonders siine unvergeßlichen Lieder, die ewig in Aller Mund und Herzen leben werden, auf die harmonische Gemüthsbildung seiner Zeit einwirken, indem sie eine wahre Musik der Ge- uchle, wie sie bisher noch nie in Deutschland erklungen war, in sich entfalteten. Wahrend aber seine Lyrik die schönste und freieste Beweglichkeit des Gemükhs an- ^lonv -Lex. der neuesten Zelt und Literatur. II. ? A 196 Göttingsn im Jahre 1831 sie (die nun achtunddreißigjahrige Witwe) zwar an, da aber ihre zerrütteten Vermögensumstände, die sie nur mit großer Mühe und durch manches unredliche Mittel versteckte, dann ans Licht kommen mußten, so vergiftete sie ihn(Aprjl 1823) noch vor Vollziehung der Ehe. Auch einer Freundin, der Näherin Maria H., gab sie Arsenik, wovon diese sehr krank wurde, doch ohne daß der Tod erfolgte. Nicht lange vor dieser Zeit gab sie bei einem Besuche in Stade vor, um ihren Geldmangel zu verbergen, daß sie bestohlen worden sei, und leistete einen Eid darauf. Ihr nächstes Opfer war eine vieljährige Freundin, die Musiklehrerin Anna Lucie Meyerholz, welcher sie bloß in der Absicht Gift beibrachte, um sich ihrer kleinen Ersparnisse zu bemächtigen (März 1825), dann der Com- missionnair Mosens, ein um einige Jahre jüngerer Mann (er war 33 Jahr, die G. letzt 40 Jahr alt), welcher aber Neigung zu ihr gefaßt und sich geneigt erklärt hatte, sie zu Heirathen. Auch bei diesem Morde war die Aussicht auf einen Gewinn von einigen hundert Thalern die einzige Triebfeder. Mehren andern Personen gab sie Gift, ohne bestimmten Beweggrund; es war ihr zum Bedürfniß geworden, Unheil anzurichten; sie empfand vorgeblich einen Trieb, Denen, welche zu ihr kamen, etwas zu geben. Im October 1826 verkaufte sie ihr, von ihrem ersten Ehemanne ererbtes Haus an den Rademacher Rumpf, einen kürzlich erst verheiratheten jungen Mann, für 8500 Thlr. Am 6. Dec. 1826 wurde die dreiundzwanzigjährige Ehefrau Rumpff's von ihrem ersten Kinde entbunden, und wenige Tage nachher gab die G., die sich mit der Heuchelei der innigsten Freundschaft an diese Leute gedrängt hatte, derselben in einer Hafersuppe Gift. Sie wiederholte dies nach einigen Tagen, und am 22. Dec. 1826 starb die Vergiftete. In das Jahr 1827 fallen nun noch mehre Schandthaten dieser Art. Ihre viel- jahrige treue Dienerin und Freundin, die Ehefrau des Küpers Schmidt, vergiftete sie nach ihrer Entbindung, bloß um sich einer Summe von etwas über 50 Thlr. zu bemächtigen, und noch vor der Mutter starb auch das dreijährige Mädchen derselben, welches von der vergifteten Suppe mitgegessen hatte. Im Jul. reiste sie nach Hanover, wo sie in der Familie des Beschlagmeisters Kleine, dem sie 800 Thlr. schuldig war, auf das Freundschaftlichste aufgenommen wurde. Dies vergalt sie mit Ermordung des Kleine, welcher am 24. Jul. an dem beigebrachten Gifte starb, und durch den Versuch, auch den Sohn, Thierarzt Kleine, zu vergiften. Dieser kam aber, nebst den übrigen Hausgenossen, mit einem heftigen Erbrechen davon. Vergebens suchte sie nach ihrer Rückkehr den Rumpfs in ihr Netz zu ziehen; erschien eine Abneigung, ein heimliches Grauen gegen sie zu empfinden, in einer Ahnung oder auch wol bestimmterer Vermuthung ihrer Verbrechen. Auch ihm brachte sie wiederholt Gift bei, das ihm Erbrechen und im Februar 18?8 eine bedeutende vierzehntagige Krankheit zuzog. Endlich schlug die Stunde der Verbrecherin. Am 5. Marz 1828 bemerkte Rumpfs etwas Verdächtiges an einem Stück Schweinfleisch; er zog seinen Arzt zu Rathe; man erkannte den Arsenik; die Sache wurde dem Criminalgericht angezeigt und am 6. März, an ihrem dreiund- vierzigften Geburtstage, die Entsetzliche verhaftet. In der Untersuchung bekannteste nach und nach ihre Grauel, obwol innner noch unter einer Menge von Zügen der Heuchelei und der Eitelkeit, von welchen sie selbst noch auf ihrem letzten Gange zum Richtplatze sich nicht trennen konnte. Am tiefsten blickte ihr Vertheidiger in ihr Inneres („Lebensgeschichte der Giftmörderin G. M. Gottfried", von F. E Voget, 2 Bde., Bremen 1831). Der Referent Senator Gildemeister zu Bremen hat den Fall ausführlich dargestellt, und Prof. Jarcke eine psychologische Betrachtung darüber gegeben in Hitzig's „Annalen der deutschen und auslandischen Em minalrechtspflege", Heft 21 und 22. (3) Göttingen im Jahre 1831. Die im Anfange des Jahres 1831 zu Göttingen stattgehabten Unruhen haben so allgemeines Aussehen erregt, man Gottfried 195 ist der Lebensweg der G. Ihre Altern waren redliche Bürgersleute, in einem beschrankten Kreise ein einfaches, stilles Leben führend. Sie hatten außer der nachherigen G. nur noch einen Sohn. Auf die Erziehung der Tochter wendeten sie mehr, als für den Stand des bloßen Handwerkers paßte; sie lernte Tanzen, Französisch, sie führte in Gesellschaft ihrer Freundinnen Komödien auf. Sie scheint eine zierliche Gestalt und angenehme Züge besessen zu haben, und galt für ebenso sittsam als schön. Aber schon als Kind hatte sie kleine Unredlichkeiten an ihrer Mutter verübt, und im elften Jahre einer Hausgenossin ihrer Altern einen Thaler entwendet. Im zwanzigsten Jahre warb um sie ein angesehener junger Bürger, der Sattler Miltenberg, der im fünfundzwanzigstcn Jahre schon Witwer war, und in der unglücklichen Ehe mit einem viel altern schandlichen Weibe den Rest moralischer Haltung verloren hatte, welcher ihm bei einer verzärtelnden Erziehung noch übrig geblieben war. Sie ward seine Frau, aber der rohe, liederliche und geschwächte Mensch befriedigte weder die Sinne noch das Herz des jungen Weibes, und sein geringer Erwerb ebenso wenig die Gefallsucht der nun in eine höhere Vürgerclasse getretenen Madame Miltenberg. Sie entwendete ihrem Manne und dann auch ihrem Liebhaber, dem Kaufmann Gottfried, die Summen, welche sie in Putz und Geschenken an Andere verbrauchte. Sie trat in ein ehebrecherisches Verhältniß mit einem verheiratheten Manne, und zu gleicher Zeit knüpfte sie eine sentimentale Liebelei mit dem Kaufmann G. an, einem geistig und körperlich schwächlichen Menschen, dessen zärtliche Lieder nicht rein aus dem Herzen kamen, sondern der dabei auch seinen Vortheil wahrnahm. Sie hatte fünf Kinder (eins kam todt zur Welt und eins starb früh, von dem fünften wurde sie nach Miltenbergs Tode entbunden), als ihr Miltenberg durch ekelhafte Kränklichkeit und als Hin- derniß ihrer nähern Verbindung mit dem geliebten Gottfried unerträglich wurde; und in den letzten Wochen des Sept. 1813 brachte sie ihm zu zwei verschiedenen Malen Gift, reines Arsenik, bei, woran er unter großen Schmerzen am 1. Oct. 1813 starb. Sie war damals 28 Jahr alt, und ihre äußere Erscheinung so gefallend, daß sie wiederholte und darunter sehr vortheilhafte Heirathsanträge bekam; ihr Vater brachte den sehr zerrütteten Vermögensstand ihres Mannes in Ordnung; ihr Sattlergewerbe wurde zweckmäßig eingerichtet, und sie hätte für ihre Classe mehr als wohlhabend genannt werden können, wenn sie nicht in Geschenken, prunkender Wohlthatigkeit und sonst, wie es scheint, schon damals ihre Einnahme immer überschritten hätte. Allein ihr ganzes Bestreben ging dahin, G.'s Gattin zu werden. Dazu wollten ihre Altern nicht stimmen, und sie selbst sah ihre drei Kinder als ein Hinderniß an; sie vergiftete also zuerst ihre Mutter (Ende Aprils 1815), dann ihr jüngstes Kind, ein 16 Monate altes Mädchen (9. Mai 1815), gleich darauf (13. oder 14. Mai) ihre älteste elfjährige Tochter, im Jun. 1815 ihren Vater, und endlich auch ihren fünfjährigen Knaben im September 1815. Ihren unerwartet aus der Fremde zurückkehrenden Bruder räumte sie im Sommer 1816 gleichfalls durch Gift aus dem Wege. Ihren Hauptzweck erreichte sie jedoch bei G. nur mit Mühe; sie ward schwanger, und G. hegte nicht ohne Grund Zweifel, ob er der Vater ihres Kindes sei. Er wurde zwar beredet, versuchte zurückzutreten, ließ sich aber doch mit ihr proclamiren, und nun vergiftete sie auch ihn im Sommer 181?. Auf dem Krankenbette lies; er sich noch mit ihr trauen, und zwei Tage darauf starb er. Um diese Zeit hatte sie ein neues Liebesverständniß mit einem reichen, aber verheiratheten Manne, der ihr in der Verlegenheit, in welche sie durch die Schulden G.'s versetzt worden war, zwar aushalf, jedoch, wie es den Anschein hat, nicht ohne gewinnsüchtige Ablichten und Bedingungen. Sie setzte ihr verschwenderisches Leben fort, nahm bedeutende Summen auf und wurde ihrem reichen Liebhaber mehre tausend Thalec schuldig. Einen neuen Heirathsantrag des Galanteriehändlers Zimmermann nahm 135 198 . Göttmgen im Jahre 1831 der Aufregung hinzuweisen: wie in ganz Europa allmalig Unzufriedenheit und Spannung unter den Massen der Völker entstanden sind, eine Folge der unerfüllt gebliebenen Hoffnungen und Erwartungen, der nicht gehaltenen Verheißungen und Versprechungen, der fast in allen Ländern aufs Neue um sich greifenden und immer anmaßender hervortretenden Aristokratie; wie dann die Juliusrevolution die Aufregung noch mehr befördert, indem sie den Völkern ein Beispiel gezeigt, wie sie selbst sich des unerträglich gewordenen Druckes durch einen kräftigen, raschen Entschluß zu entledigen vermöchten und wie sie sehr natürlich bei der geographischen Lage beider Länder und der zwischen beiden Nationen bestehenden lebhaften Wechselwirkung zunächst auf Deutschland zurückwirkte. Daß diese allgemeinen Gründe auch auf das hanöverische Land, daß sie vorzüglich auf die südlichen Provinzen desselben zurückwirkten, ist um so weniger zu verwundern, als in dem Nachbarlande Hessen bald die langverhaltene Gährung zum Ausbruche kam und eine Veränderung herbeiführte, welche, wie man leicht erkannte, die gesummten Verhältnisse des Landes in den wesentlichsten Punkten neu gestalten werde. Je größer aber die Hoffnungen und Erwartungen waren, welche sowol in Hessen selbst als auch in dem benachbarten Hanöverischen durch jene Umwandlung und Umgestaltung erregt wurden, um so weniger war es zu verwundern, wenn auch in dem letztern bald ähnliche Bewegungen zum Ausbruche kamen. Seit längerer Zeit ward das Königreich Hanover durch mancherlei Übel und Gebrechen bedrück; Übel und Gebrechen, die zwar zum Theil weniger bekannt geworden waren, weil wol in keinem deutschen Lande in gleichem Maße alle Publicität, zumal über die eignen Angelegenheiten gehemmt, alle Preßfreiheit unterdrückt ward als in Hanover, die aber nichtsdestoweniger allgemein und tiefgefühlt wurden. Je weniger aber die Klagen und Beschwerden laut werden durften, um so starker, wie es zu geschehen pflegt, wurde der Unmuth, und um so leichter mochte dann das Beispiel der im Nachbarlande ergriffenen Maßregeln zu ähnlichen Versuchen verführen, je weniger man eine Aussicht zu erblicken meinte, auf ordnungsmäßigem Wege Abhülfe jener Mängel und Beschwerden zu erlangen. Allerdings waren aber jene Klagen und Beschwerden großentheilö gar wohl begründet, obgleich aus vcr- schiedenen Quellen geflossen; theils waren sie begründet in der eigenthümlichn, Verfassung und Verwaltung, in den besonder« politischen Verhältnissen und Einrichtungen, theils waren sie veranlaßt durch natürliche und andere Einwirkungen, deren Hinwegräumung allerdings auch bei dem besten Willen nicht in der Hand der Regierung gestanden hätte, und die jetzt um so weniger zu erwarten war, als es der Regierung, wenn auch nicht an gutem Willen, denn doch offenbar an Kraft, Thätigkeit und Einsicht gebrach, nachdrückliche und schnelle Hülfe zu gewähren. Bitterlich ward seit langer Zeit in Hanovcr über das starre, unbesonnene Festhalten am Alten nicht nur, sondern auch an dem Veralteten geklagt, eine Folge des Vorherrschens der Adelsaristokratie, die freilich nur in der Beibehaltung so mancher alten Misbrauche und Gebrechen für ihre Vorrechte und ihre Privilegien Heil sehen mochte. Während rings umher, vor Allem in dem benachbarten Preußen, die regste Thätigkeit, die größte Empfänglichkeit für Verbesserungen aller Art sich kund gab, blieb dagegen in Hanover Alles in starrer Trägheit und bewegte sich Alles nach wie vor schwerfällig und mühsam in unpassenden, veralteten Formen. Wol hätte man vielleicht noch der Regierung das geringe Interesse verziehen, die geringe Neigung für liberale Grundsatze und geistiges Leben verzeihen mögen, hatte sie dagegen die materiellen Interessen gefördert und gehoben. Doch auch hier zeigte sich eine auffallende Unthätigkeit und vor Allem Mangel an Einsicht. Wol in keinem Lande mochten so verkehrte, von der gröbsten Unkunde zeugende Maßregeln in Beziehung auf Handel und Gewerbe angetroffen werden als eben hier. Selbst der Ackerbau, wiewo! man laut äußerte, daß Hanover wesentlich ein ackerbautreibendes Land sei und Göttingen im Jahre 1831 197 hat sie so verschieden und größtentheils so ganz falsch und unrichtig beurtheilt, und sie sind in ihren Folgen zum Theil so bedeutend geworden, daß es sich wol der Mühe verlohnt, dieselben etwas genauer zu beleuchten und zu erörtern. Der Verfasser der nachstehenden Darstellung halt sich um so eher zur Lösung der Aufgabe geschickt, als er zur Zeit jener Bewegungen selbst in Göttingen sich aufhielt und durch seine Stellung und seine Verbindungen mit Menschen von allen Parteien sich in den Stand gesetztsiah, mit den Ursachen, dem Charakter und der Tendenz jener Unruhen genauer bekannt zu werden. Man hat häufig in unfern Tagen die unruhigen Bewegungen, die namentlich auch auf mehren Punkten von Deutschland ausgebrochen, ohne Weiteres als die Folgen eines allgemein verbreiteten revolutionnairen Geistes und jakobinischer Schwärmerei bezeichnen hören. Emissaire — und vorzüglich hat man Frankreich und namentlich dem General La- fayette die Anstiftung derselben zugeschrieben — durchziehen, nach der Meinung Jener, die das Entstehen der Revolutionen und unruhigen Bewegungen in unfern Tagen so leicht zu erklaren wissen, alle Länder, vorzüglich auch die deutschen Staaten, werben sich dort Anhänger und Freunde, überreden das Volk, daß es unglücklich sei und übermaßig bedrückt, spiegeln ihm vor, wie es nur von ihm abHange, durch Veränderung der bisherigen gesetzlichen Ordnung sich ein nie getraum- tes Glück zu verschaffen, und das ^olk glaubt ihnen unbedingt, bildet sich plötzlich ein, daß es höchst unglücklich sei, auch da, wo es bisher nicht die mindeste Ursache zu Klagen hatte, und die Revolution ist fertig. So sind denn auch die Bewegungen, deren Schauplatz Göttingcn im Anfange des Jahres 1831 war, nicht selten in der Nähe und Ferne beurtheilt worden. Und daß sie namentlich auf diese Weise auch in der Nahe häufig beurtheilt worden, hat alsdann auch auf den Gang, den die Untersuchung gegen die Urheber und Theilnehmer jener Bewegungen genommen , einen unverkennbaren, leider höchst unglücklichen Einfluß gehabt. Es möchte durchaus überflüssig und unnütz erscheinen, über jene Ansicht von der Entstehung der Revolutionen, von jener Frciheitspropaoanda, welche angeblich seit so langer Zeit die bisherige politische Ordnung in Europa bedroht, auch nur ein Wort zu verlieren, wäre diese Ansicht nicht leider so sehr verbreitet und von so unglückseligem Einflüsse. Daß aber trotz der tausendjährigen Erfahrung, die aller Orten ganz unwiderleglich den Beweis gibt, daß nirgend Revolutionen bei der Masse künstlich gemacht werden können, sondern daß sie von selbst sich machen, daß sie das Werk derNothwendigkeit — einer wirklichen oder eingebildeten, das gilt gleichviel — sind, daß sie oben vorbereitet werden, um spater unten auszubrechen, daß dennoch jene abgeschmackte Ansicht von der künstlichen Revolutionsfabrik noch immer in den hohem Sphären so viele Anhänger und Vertheidiger findet, das erklärt sich gar leicht bei näherer Ansicht. Die Trägheit findet darin eine Beruhigung, das böse Gewissen die Rechtfertigung. Nicht die eigne Verkehrtheit braucht man anzuklagen, braucht nicht zu greifen in den eignen Busen, sondern kann ganz bequem alle Schuld von sich auf Andere abwälzen, kann den fremden Ranken und Umtrieben beimessen, was nur der eignen Beschränktheit, der eignen Schlechtigkeit beigemessen werden sollte. Daß man aber auch bei Gelegenheit der göttinger Unruhen jene unglückselige Ansicht geltend zu machen gesucht, davon gibt unter manchem Andern die Vertheidigungsschrist des Grafen von Münster den deutlichsten Beweis. Fragen wir nun aber nach, welche Ursachen denn die göttinger Unruhen veranlaßt und zum Ausbruche gebracht haben, so müssen wir hier wohl die allgemeinen von den besondern, diejenigen, welche in den allgemeinen Verhältnissen der Zeit, in der politischen Lage von Europa und Deutschland vorzüglich begründet waren, von den besondern unterscheiden, die zunächst in den eigenthümlichen Verhältnissen des hanövcrischen Landes und der Stadt Göttingen selbst gesucht werden müssen. Nur mit einigen Worten brauchen wir aus jene allgemeinen Ursachen 1 200 Göttingen im Jahre 1831 lich oder doch großenteils übersehen. Inwiefern ein allgemein verbreitetes Gerücht, man habe vergeblich von Seiten der akademischen Behörden zu Hanover um Vcrhaltungsbesehle bei den zu befürchtenden Unruhen gebeten, sei aber ohne Antwort gelassen worden, gegründet sei oder nicht, mag dahingestellt bleiben- widerlegt ist dasselbe nicht. Au gleicher Aeit erfolgten zu Osterode die ersten Be! wezungen, als deren Urheber und Veranlasser die Doctoren König und Freitag genannt wurden, indem dort zum Behuf einer zu entwerfenden Bittschrift an den König, um befürchteten Unruhen vorzubeugen, eine Bürgergarde sich zu bilden an. gefangen. Statt aber, was wol leicht gewesen wäre, durch einige besänftigende Worte diesen Ordnungswidrigkeiten, wobei übrigens nicht die mindeste Ausschweifang vorgefallen war, ein Ende zu machen, ward auf Befehl von Hanover der Land- drost Nieper mit bewaffneter Macht alsbald nach Osterode gesandt, und wiewsl auch nicht entfernt Widersetzlichkeit sich zeigte, wurden dennoch König, obgleich er krank war, und Freitag verhaftet und gefangen nach Hanover und von dort nach Celle abgeführt, wo Beide nun seitdem im Kerker schmachten. Während so mit einer nach dem allgemeinen Urthcile durchaus unnöthigen und übertriebenen Strenge die Bewegung zu Osterode unterdrückt wurde, war auch die Gährung zu Göttingen zum Ausbruche gekommen. In der Mittagsstunde des 8. Januars 1881, an einem Sonnabend während des Jahrmarkts, begaben sich etwa zehn Studenten und Bürger, an ihrer Spitze der Kanzleiprocu- rator Doctor Eggeling und der Doctor Seidensticker der Ältere, sowie die juristischen Privatdocenten Schuster, von Rauschenplatt und Ahrens, bewaffnet auf das Rathhaus, wo die Polizeicommisft'on versammelt war, aber alsbald, obne daß jedoch irgendeine Thatlichkeit gegen sie verübt worden wäre, wiewol der Polizeicommissair Dr. Westphal sich durch sein rauhes Betragen schon früher allgemein verhaßt gemacht, auseinanderging. Daß durch ein festes, entschlossenes Betragen der Mitglieder der Polizeicommission, sowie durch ein rasches Handeln vornehmlich von Seiten der akademischen Behörden und der Professoren die Ordnung hatte wiederhergestellt, namentlich der unmittelbar daraus erfolgte Beitritt der Studirenden hätte verhindert werden können, daran mag wol kein Augenzeuge jener Vorfälle zweifeln; daß es ab-r nicht geschah, kann Derjenige leicht begreifen, der etwas genauer mit den Verhältnissen bekannt ist. Die städtischen Behörden bestanden theils aus alten abgelebten Männern, theils aus solchen, die längst alle Popularität verloren hatten; dem Vorsitzenden der Polizeicommisfion aber, einem Manne, dem es bei beschränkten Talenten nichtsdestoweniger gelungen war, durch Verbindungen und Connexionen, dem großen Triebrade zu Hano-ver, sowie durch äußerliche Dienstbeflissenheit sich einen bedeutenden Einfluß zu verschassen, gebrach es durchaus an der erfoderlichen Entschlossenheit und Kraft des Charakters, um auf eigne Gefahr hin entscheidende Schritte zu thun. Die übrigen Professoren aber waren seit langer Zeit gewohnt, sich alles genauem Umganges mit den Studirenden sorgfältig zu enthalten; ein Verfahren, das, so unzweckmäßig und unpassend es auch erscheinen mußte, dennoch zu Hanover Beifall fand. Wäre eine solche Trennung und Abgeschiedenheit zwischen Studenten und Professoren nicht gewesen, so würde es ein Leichtes für diese gewesen sein, in kürzester Aeit einen (Leipzig 1s3l), behauptet wird, an die Errichtung einer Bürgergarde habe Niemand gedacht, so kann dagegen nicht unerwähnt bleiben, daß bereits 14 Tage vor dem erfolgten Ausbruche, als die Bewegungen in Kassel eine Neaction befürchten ließen, nach der Versicherung des damaligen Polizcidirectors 15V rechtliche Bürger insgeheim angewiesen worden waren, sich bei ausbrechenden Unruhen bewaffnet auf den bestimmten Allarmplatzen zu versammeln. Da man es durchaus vergessen, diesen Männern eine bestimmte Organisation zu ertheilen, so ward dadurch nur du Unordnung vermehrt und die allgemeine Verbreitung dcs Aufruhrs befördert. Göttingcn im Jahre 1831 199 dieser allein gepflegt werden müsse, litt immerfort unter mancherlei Beschränkungen und Hemmungen der Freiheit. Das Lehns- und Meierwescn bestand fortwahrend in seiner ganzen Strenge — ward doch sogar die wahrend der westfälischen Periode aufgehobene, in einigen Provinzen des Landes früher noch bestandene Leibeigenschast, die sogenannte Eigenhörigkeit, von der wiederhergestellten hanöverischen Regierung ebenfalls wiederhergestellt! Noch ungleich mehr aber als der Ackerbau klagte die Industrie der Städte. Immer mehr litt dieselbe, je mehr die freie Concurrenz des englischen Handels ohne alle Rücksicht wiederhergestellt ward, je mehr zugleich das immer mehr um sich greifende preußische Zollsystem der hanöverischen GewcrbS- indusirie tiefe Wunden schlug. Auch die Stadt Göttingen, wkewol allerdings auf den ersten Blick eine der am meisten begünstigten, hatte nichtsdestoweniger noch manche besondere Beschwerden. Abgesehen davon, daß selbst der Flor der Universität, der jedoch schon wieder iin Sinken begriffen war, bei den bestehenden Verordnungen über das Cre- ditwesen und bei der auch unter den Studirenden zunehmenden Armuth einen mehr scheinbaren als reellen Wohlstand unter der Bürgerclasse verbreitete, war es hauptsächlich die mangelhafte Administration der stadtischen Angelegenheiten, welche unter einer zahlreichen Classe laute Unzufriedenheit erregt hatte; namentlich ward über die Unfähigkeit, sowie über das unpassende Betragen einzelner obrigkeitlicher Personen bitter geklagt; wiederholt waren unter Anderm an den König gerichtete Petitionen von der Obrigkeit unbefugterweise unterdrückt worden; eine neue städtische Verfassung aber, welch? bereits seit mehren Jahren versprochen, und mit deren Ausarbeitung der Landesökonomierath Lueder zu Weende beaustragt war, erfolgte nicht. Trotz allen diesen Veranlassungen zur Unzufriedenheit aber möchte dennoch wol schwerlich ein Ausbruch erfolgt sein, wenn nicht auch unter einem Theile der Studirenden diese Stimmung Anhalt gefunden hätte. Der in Deutschland wiedecerwachte Geist hatte auch unter den Studirenden in Göttingcn Eingang gefunden, um so leichter, als die Studentenverbindungen — und namentlich wurde dies auch von der sogenannten Burschenschaft behauptet — zu keiner Zeit gänzlich aufgehört hatten, und es ihnen gelungen war, die Aufmerksamkeit der akademischen Behörden wiederholt zu täuschen. Ein an sich wenig bedeutender Vorfall, eine Streitigkeit, veranlaßt durch die übertriebene Ccnsurstrenge des akademischen Censors gegen eine kleine Schrift eines angehenden Privatdocenten, ward die nächste zufällige Veranlassung, daß die bereits früher auch unter den Studirenden bestandene Unzufriedenheit einen bestimmtem Charakter annahm und vor Allem eine engere Verbindung mit dem unzufriedenen Theile der Bürgerschaft herbeiführte. Wol aber möchte man fragen, wie es möglich gewesen, daß der Ausbruch so unmerklich und insgeheim habe vorbereitet werden können, daß davon durchaus nichts zur Kunde der Behörden gekommen sei. Es liegt diese Frage allerdings sehr nahe, und beinah unbegreiflich möchte die Antwort lauten, daß allerdings hinreichende Anzeichen und Warnungen erfolgten, man dieselben aber entweder gänzlich außer Acht gelassen oder doch nicht der gehörigen Aufmerksamkeit Werth gehalten habe. Und doch war dem so. Nicht nur wußte man, daß verschiedene junge Doc- toren und Studirende, sowie auch Bürger, geheime Zusammenkünfte hielten, es ward auch ein wegen ungebührlichen, aufcührischen Betragens zu Kassel verhafteter Student von andern Studirenden mit Gewalt aus dem Carcer befreit, ohne daß deshalb ein? weitere Untersuchung stattgefunden. Vergeblich wurde bei der Schwäche der Besatzung, welche, größtentheils beurlaubt, nicht über 80 Mann Zahlte, auf die Errichtung einer Bürgergardc bei den Behörden von einzelnen wohlgesinnten Männern angetragen. *) Diese Anzeichen wurden entweder gänz- ch Wenn in der Schrift: „Der Aufstand im K5n'g>, eiche Hanovcr im Jahre 1561" 200 Göttingen im Jahre 1831 lich oder doch großentheils übersehen. Inwiefern ein allgemein verbreitetes Gerücht, man habe vergeblich von Seiten der akademischen Behörden zu Hanover um Verhaltungsbefehle bei den zu befürchtenden Unruhen gebeten, sei aber ohne Antwort gelassen worden, gegründet sei oder nicht, mag dahingestellt bleiben; widerlegt ist dasselbe nicht. Au gleicher Aeit erfolgten zu Osterode die ersten Bewegungen, als deren Urheber und Veranlasse? die Doctoren König und Freitag genannt wurden, indem dort zum Behuf einer zu entwerfenden Bittschrift an den König, um befürchteten Unruhen Vorzubeugelt, eine Bürgergarde sich zu bilden an. gefangen. Statt aber, was wol leicht gewesen wäre, durch einige besänftigende Worte diesen Ordnungswidrigkeiten, wobei übrigens nicht die mindeste Ausschweifung vorgefallen war, ein Ende zu machen, ward auf Befehl von Hanover der Land- drost Nieper mit bewaffneter Macht alsbald nach Osterode gesandt, und wiewvl auch nicht entfernt Widersetzlichkeit sich zeigte, wurden dennoch König, obgleich cc krank war, und Freitag verhaftet und gefangen nach Hanover und von dort nach Celle abgeführt, wo Beide nun seitdem im Kerker schmachten. Während so mit einer nach dem allgemeinen Urthcile durchaus unnöthigen und übertriebenen Strenge die Bewegung zu Osterode unterdrückt wurde, war auch die Gährung zu Göttingen zum Ausbruche gekommen. In der Mittagsstunde des 8. Januars 1881, an einem Sonnabend während des Jahrmarkts, begaben sich etwa zehn Studenten und Bürger, an ihrer Spitze der Kanzleiprocu- raror DoctorEggeling und derDoctor Seidensticker derÄltere, sowie die juristischen Privatdocenten Schuster, von Rauschcnplatt und Ahrens, bewaffnet auf das Rathhaus, wo die Polizeicommission versammelt war, aber alsbald, obne daß jedoch irgend eine Thätlichkeit gegen sie verübt worden wäre, wiewol der Polizeicommissair vr. Westphal sich durch sein rauhes Betragen schon früher allgemein verhaßt gemacht, auseinanderging. Daß durch ein festes, entschlossenes Betragen der Mitglieder der Polizeicommission, sowie durch ein rasches Handeln vornehmlich von Seiten der akademischen Behörden und der Professoren die Ordnung Härte wiederhergestellt, namentlich der unmittelbar darauf erfolgte Beitritt der Studirenden hätte verhindert werden können, daran mag wol kein Augenzeuge jener Vorfälle zweifeln; daß es ab-r nicht geschah, kann Derjenige leicht begreifen, der etwas genauer mit den Verhältnissen bekannt ist. Die städtischen Behörden bestanden theils aus alten abgelebten Männern, theils aus solchen, die längst alle Popularität verloren hatten; dem Vorsitzenden der Polizeicommissivn aber, einem Manne, dem es bei beschränkten Talenten nichtsdestoweniger gelungen war, durch Verbindungen und Connexionen, dem großen Triebrade zu Hanover, sowie durch äußerliche Dienstbeflissenheit sich einen bedeutenden Einfluß zu verschassen, gebrach es durchaus an der erfoderlichen Entschlossenheit und Kraft des Charakters, um auf eigne Gefahr hin entscheidende Schritte zu thun. Die übrigen Professoren aber waren seit langer Aeit gewohnt, sich alles genauem Umganges mit den Studirenden sorgfaltig zu enthalten; ein Verfahren, das, so unzweckmäßig und unpassend es auch erscheinen mußte, dennoch zu Hanover Beifall fand. Wäre eine solche Trennung und Abgeschiedenheit zwischen Studenten und Professoren nicht gewesen, so würde es ein Leichtes für diese gewesen sein, in kürzester Aeit einen ("cipzig 163l), behauptet wird, an die Errichtung einer Bürgergarde habe Niemand gedacht, so kann dagegen nicht unerwähnt bleiben, daß bereits 14 Tage vor dem erfolgten Ausbruche, als die Bewegungen in Kassel eine Neaction befürchten ließen, nach der Versicherung des damaligen Polizcidircctors 15V rechtliche Bürger insgeheim angewiesen worden waren, sich bei ausbrechenden Unruhen bewaffnet auf den bestimmten Allarmplätzen zu versammeln. Da man es durchaus vergessen, diesen Männern eine bestimmte Organisation zu ertheilcn, so ward dadurch nur die Unordnung vermehrt und die allgemeine Verbreitung des Aufruhrs befördert. 202 Göttingen im Jahre 1831 Die Regierung zu Hanover, die einen früher erstatteten Bericht des akademischen Senats über die drohenden Anzeichen ganzlich unberücksichtigt gelassen, haue der wirkliche Ausbruch der Unruhen in eine um so ärgere Bestürzung versetzt; djz Maßregeln, die jetzt von ihr ergrissen wurden, zeugten hinlänglich von ihm Überraschung. Ein Ministerialrescript vom 9. Jan. sprach das höchste Misfallen aus, der Landdrost Nieper von Hildesheim ward als königlicher Eommissariuz nach Gcttingcn gesandt, um gegen die Urheber der Unruhen an Ort und Stelle alsbald eine Untersuchung anzustellen, allein seine Mission hatte bei der Unzulänglichkeit seiner Vollmachten keinen andern Erfolg, als ihm selbst persönliche Unannehmlichkeiten zuzuziehen. Die akademischen Vorlesungen, die schon von selbst aufgehört, wurden am 19. Jan. von dem akademischen Senate für geschlossen erklärt. Dagegen ward am folgenden Tage in einer Proklamation des Gemeinderaths nicht nur wiederholt der feste Entschluß erklärt, unerschütterlich zusammenzuhalten, sondern auch eine, aus Mitgliedern des Gemeinderaths nebst einem Abgeordneten der Studirenden,aus einigen Gliedern des Stadtmagistrats und dem dazu eingeladenen Professor Saalfeld bestehende Deputation nach Hanover gesandt, um dort die Bitten und Wünsche vorzutragen und die gänzlich verkannt scheinende Lage näher darzulegen. Die Bitten und Wünsche, welche die Deputation gegen den Herzog von Cambridge aussprach, gingen zunächst auf die Erlaubnis, eine Petition der Stadt rücksichtlich des herrschenden Nothstandes und der in der Verfassung des Landes vorzunehmenden Veränderungen an den König selbst durch den Herzog einzureichen, dann aber auch darauf, daß der Herzog nach Göttingen kommen möge, um die aufgeregten Gemüther zu beruhigen. In letzterer Rücksicht vorzüglich wurde zugleich lim Zurückziehung der heranrückenden Truppen gebeten. Auf die Auffoderung des Herzogs, »hre Wünsche schriftlich einzureichen, wurden von der Deputation, wie es bei deren Zusammensetzung kaum anders zu erwarten war, zwei ganz'verschieden lautende Vorstellungen übergeben. Während die eine nur um die Erscheinung des Herzogs und die Anwendung versöhnlicher Maßregeln bat, enthielt die andere zugleich das Gesuch um Gestaltung des Fortbestehens der zu Göttingen vorgenommenen neuen Einrichtungen, vorzüglich auch der Bürger- und Studentenbewaffnung, zugleich mit der dringenden Bitte um Entfernung des Militairs, indem selbst der Entschluß ausgesprochen wurde, sich jedem versuchten Angriffe gegen die Stadt zu widersetzen. Die Annahme und Beförderung der Vittschrift an den König wurde zwar von dem Herzoge zugesagt, sowie auch seine persönliche Erscheinung in Göttingen, vor Allem aber schleunige Aufhebung der willkürlich getroffenen ordnungswidrigen Einrichtungen, Aufnahme der königlichen Truppen und unbedingte Unterwerfung verlangt. Mit diesem schriftlichen Bescheide und mit der Anzeige, daß der Befehlshaber des zusammengezogenen Observationscorps im Weigerungsfalle angewiesen sei. mit Gewalt den Eingang in die Stadt zu erzwingen, ward die Deputation wiederum entlassen. In einer außerordentlichen Sitzung des Ministeriums und des geheimen Raths waren, angeblich einstimmig, die eben angegebenen Maßregeln gegen Göttingen beschlossen. Während am nächsten Tage (den 12. Jan.) eine Verordnung die Vorlesungen einstweilen bis Ostern für geschlossen erklärte und die Studi- rendcn auffoderte, alsbald die Stadt zu verlassen, erklarte zugleich eine Proklamation des Cabinetsministeriums dessen Bereitwilligkeit, zu jeder Zeit gerechten Beschwerden, so weit die Mittel reichten, abzuhelfen. Mittlerweile hatte der noch in Göttingen befindliche Rest des daselbst garnisonirenden leichten Jnsanteriebatail- lons die Stadt mit Waffen und Gepäck verlassen, und immer näher ward diejelbe jetzt von allen Seiten durch das in aller Eile auf?—8999 Mann verstärkte Observationscorps des Generalmajors von dem Busche eingeschlossen, und wiewol eine Auffoderung des Generals zur Rückkehr zur Ruhe und Ordnung für den Au- Götlmgen im Jahre 1831 203 genblick ohne sichtbare Wirkung blieb, und wiewol noch ein Theil der Einwohner, vorzüglich der Studirenden, wiederholt ihren Entschluß erklarten, sich bis aufs Äußerste zu vertheidigen, auch die Truppen durch Proclamationen zu gewinnen suchten und, so viel es die Eile erlaubte, die Stadt in Vectheidigungsstand zu setzen bemüht waren, so stieg dennoch zu gleicher Zeit um so mehr die Ängstlichkeit und die Besorgniß, vorzüglich bei den ältbrn Bürgern, als auch eine von Seiten der Universität am 14. Jan. an den Herzog von Cambridge nach Hanover gesandte Deputation keinen sichtbaren Erfolg hatte, sondern nur von Seiten des Herzogs sowol an die Bürger als an die Studirenden wiederholte Auffoderungen zu unbedingter Unterwerfung erfolgten. Vergebliche versuchten noch einige Exaltirte zu den gewaltsamsten Maßregeln anzuregen; als am 15. Jan. eine Proklamation des Generals von dem Bussche aus Nörten bekannt ward, welche eine letzte zwölfstün- dige Frist zur Niederlcgung der Waffen und zur Rückkehr zum Gehorsam bewilligte, entstand 'Abfall und Spaltung; der Gemeinderath löste sich auf, manche Theilnehmer entfernten sich, und noch an demselben Nachmittage begab sich eine aus Mitgliedern des bisherigen Gemeinderaths, des Magistrats und demselben Professor, der die Deputation nach Hanover begleitet, bestehende Sendung in das Hauptquartier des Generals von dem Bussche nach Nörten, um dort auf Bedingungen zu capituliren. Diese Bedingungen: vollkommene Amnestie und Beschrankung der Besatzung der Stadt auf das Bataillon des leichten Infanterieregiments, welches auch früher dieselbe gebildet, wurden jedoch von dem General verworfen, dagegen aber eine nochmalige äußerste Frist bis um 9 Uhr Morgens am nächsten Tage (den 16. Jan.) zur Unterwerfung festgesetzt. Noch am Abend traten der Magistrat und die ordentlichen Behörden ganz und gar wieder in ihre gewohnte Thatigkeit, wer von den Anführern entfliehen konnte, entfloh, und am nächsten Morgen gegen 11 Uhr rückte das Observationscorps in die Stadt; der Magistrat aber erließ an demselben Tage an den General eine nochmalige Erklärung, worin er die völlige Unterwerfung der Stadt, sowie der General einen Tagsbefehl am nächsten Tage an die Truppen, worin er ihnen seinen Dank für die Besitzung der widerspenstigen Stadt erklarte. So endigte die Jnsurrection von Böttingen. Allerdings war in der Form arg gefehlt, und Eigenmächtigkeiten waren begangen worden, zugleich abSr kann auch nicht geleugnet werden, daß wahrend dieser ganzen Bewegung die musterhafteste Ordnung gehandhabt, die Sicherheit von Personen und Cigenthum sorgfaltig geschützt, gegen den Namen des Königs vor Allem die unbedingteste Ehrfurcht und Achtung bei jeder Gelegenheit bezeigt worden war. So mochten denn freilich wol die unmittelbar nach der Besetzung der Stadt ergriffenen Vorsichts- und Sicher- heitsmaßregeln, die starke Besatzung, die Schließung der Universität bis Ostern und die Verfügung, daß die Studirenden bis auf wenige Ausnahmen die Stadt verlassen mußten, eine Maßregel, welche der bereits kränkelnden Universität einen tödlichen Stoß versetzte, gar Manchem um so mehr unnöthig und unzweckmäßig erscheinen, je größer unmittelbar nach jenen Unruhen die Muthlosigkeit und die Niedergeschlagenheit war. Diejenigen der Anführer und Haupttheilnehmer des Aufstandes, welche sich durch die Flucht gerettet, was mit den mehrsten Studirenden und Privatdoccnten der Fall war, wurden mit Steckbriefen verfolgt und zum Theil auf der Flucht selbst verhaftet, ein Schicksal, welches auch mehre von Denen traf, welche zurückgeblieben waren, und großentheils alsbald nach Hano- ver und von dort nach Celle transportirt, wo einer Commission der dortigen Justizkanzlei die Untersuchung gegen sie übertragen wurde. Verschiedene Bekanntmachungen der Regierung (4. und 19. Febr.) drohten zugleich mit den strengsten Maßregeln gegen ähnliche Bewegungen. Wo die Thatsachen einen so bestimmten, entschiedenen Charakter trugen, mochten die beruhigenden Äußerungen des Mi- 1 204 Göttingen im Jahre 1831 nisters und Curators der Universität, von Stralenheim, und des Cabinetsrathz Hoppenstedt, welche ebenfalls in den nächsten Tagen zu Göttingen erschienen sowie des Herzogs von Cambridge selbst, der gleichfalls die Stadt mit seinem verheißenen Besuch erfreute, nur wenig Eindruck machen. Um so tiefer und allgemeiner war dagegen der Eindruck, den ein von der höchsten Landesregierung unter dem 27. Jan. 1831 an sammtliche Obrigkeiten des Königreichs erlassenes Circular machte, indem dasselbe selbst eingestand, daß die Hoffnungen, Wünsche und Beschwerden der Einwohner bisher den obern Behörden meist gänzlich verborgen geblieben seien. Den einzelnen Gemeinden wurde zwar das freie Petitionsrechl wiederholt zugestanden, durch ein zweites Circular (9. Febr.) aber wurden Petitionen, welche durch eine Verbindung mehrer Communen zu Stande gekommen, für unzulässig erklärt. Leider schien jedoch, trotz diesen Erklärungen, die Wichtigkeit und die Bedeutung des Petitionsrechts, von welchem allerdings in der nächsten Zeit ein um so häusigerer Gebrauch gemacht wurde, je weniger bisher Gelegenheit gewesen, Klagen und Beschwerden auszusprechen, im Allgemeinen noch wenig begriffen zu sein, und nicht selten wurde das Petitioniren mit Umtriebemachen für gleichbedeutend genommen. Großes Aufsehen hatten die göttinger Unruhen im Lande gemacht, und dir Regierung selbst hatte sich genöthigt gesehen, das bisher beobachtete tiefe Stillschweigen über öffentliche Angelegenheiten zu brechen, sodaß bald zahlreiche Schriften und Abhandlungen sowol über die öffentlichen Angelegenheiten des Landes überhaupt als auch vorzüglich über die letzten Bewegungen erfolgten. Die laute!» Beschuldigungen, die von allen Seiten gegen den (12. Febr.) entlassenen Minister, den Grafen von Münster vorgebracht wurden, gaben zunächst zu einer Reihe von Flugschriften für und gegen die Veranlassung. Die Vertheidigung, welche der Graf von Münster in seinem eignen Namen bekannt »nachte, überzeugte jedoch schon um deshalb nicht, weil darin der Graf seinen streng aristokratischen Sinn nirgend verleugnete, und die von ihm starr durchgeführte Behauptung, es seien jene göttinger Unruhen nur allein das Resultat französischer Umtriebe gewesen, unmöglich großes Vertrauen zu seinem Scharfsinn und zu seiner Menschenkennt- niß einzuflößen vermochte. Daß es vielmehr die tiefgewurzelten und aller Orten gefühlten Mängel und Gebrechen gewesen, welche die Gahrung hervorgerufen, das zeigten die zahlreichen Bittschriften, welche in der nächsten Zeit von allen Städten an den König gerichtet wurden, und welche beinahe sämmtlich eine bessere Verfassung des Landes, größere Publicität und Freiheit der Presse verlangten. Allgemeine Freude verbreitete daher auch die Nachricht von der (22. Febr.) erfolgten Ernennung des Herzogs von Cambridge zum Vicekönig von Hanover, was man im ganzen Lande als den Anfang der allgemein ersehnten durchgreifenden Veränderungen ansah. Die bald darauf erfolgte Eröffnung der allgemeinen Standeversammlung (8. März), die bei dieser Gelegenheit gehaltene Thronrede deS Vicekönigs, die Rückaußerungen der Stande, sowie der in denselben sich bald aussprechende Geist schienen allerdings zu manchen schönen Hoffnungen zu berechtigen. Die nächste Zeit hat jedoch diese Hoffnungen noch keineswegs erfüllt, es ist vielmehr Manches hinzugekommen, was die bereits früher iin Lande herrschende Unzufriedenheit wo nicht vermehrt, doch wenigstens unvermindert erhalten hat. (Vgl. Hanover.) Obgleich aber die göttinger Unruhen zunächst, wie es scheint, eher Böses als Gutes bewirkt haben, so möchten sie dennoch wol in ihren Folgen nicht spurlos vorübergehen. Es ist dadurch der Geist, das politische Interesse unter dem hanöverischen Volke unverkennbar angeregt, und daß eine solche Anregung bei dem raschen Fortschreiten der Zeit nicht wieder ersterben und verschwinden »verde, daran wird kein aufmerksamer Beobachter der Ereignisse unserer Tage zweifeln. Göttling Gouvion-Saint-Cyr 205 Göttling (Karl Wilhelm), Sohn des verstorbenen Professors der Chemie an der Universität Jena, Johann Friedrich August G., geboren in Jena 1793, studirte, nachdem er seine Gymnastalftudien in Weimar beendigt hatte, in Jena, und 1814, als der Krieg gegen die Franzosen, an welchem er als freiwilliger Jager Theil genommen, beendet war, unter Wolf, Böckh und Buttmann in Berlin Philologie, wurde dann 1815 als Professor des Gymnasiums in Rudolstadt, 1819 aber als Director eines neu errichteten Gymnasiums in Neuwied am Rhein angestellt. Er nahm hier 1821 seinen Abschied und wurde, nach Beendigung einer Reise nach Paris, in Jena außerordentlicher Profestor der Philologie, 1826 Bibliothekar der Universität, bereiste dann 1828 Italien und Sicilien und ward 1832 ordentlicher Professor der Universität. Von seinen Schriften nennen wir: „^nimackversinnes critiaue in OiUIimscb! epi- gramwuta et ^cdülein 'lAtimn" (Jena 1811); „Über das Geschichtliche im Nibelungenliede" (Rudolstadt 1814); „Nibelungen und Gibelinen" (Rudolstadt 18 t6); „Die Lehre vom Accent der griechischen Sprache" (Rudolstadt 1818, dritte Austage 1825; ins Englische übersetzt London 1831); „lAemlosü ^lexamtrim gs»mmuticu" (Leipzig 1822); seine Übersetzung des Romans „Theagenes und Charikleia" (Frankfurt a. M. 1822), und seine Ausgaben der Politik des Aristoteles (Jena 1824), und der Gedichte Hesiod's (Gotha 1831). Gouvion-Saint-Cyr (L.), Marschall und Pair von Frankreich, geb. zu Toul am 13. April 1764, widmete sich anfänglich der Malerkunst, studirte 1782 und 1783 in Rom, und trat bei der allgemeinen Bewaffnung 1792 in das erste pariser Jägerbataillon, wo er alsbald zum Hauptmann erwählt wurde. Das Bataillon ging zur Rheinarmee und bei dieser hat G. alle Feldzüge bis zum Frieden von Campo Formio gemacht, alle Grade bis zum Divisionsgeneral schon seit 1794 erhalten, und in der letzten Zeit, wo das Heer gewöhnlich in drei große Abtheilungen, jede von mehren Divisionen zerfiel, eine solche Abtheilung mit Geschick und Thätigkeit gesührt. Er wurde 1798 nach Rom gesendet, um den Befehl der Armee zu übernehmen, welche eben ihren bisherigen Anführer Massena verjagt hatte, verlor ihn aber sehr bald wieder, als er es wagte, die Proconsuln zu zwingen, eine der Familie Doria geraubte kostbare Monstranz den Eigenthümern zurückzugeben. In der ersten Hälfte des Feldzugs von 1799 commandirte er den linken Flügel von Jourdan's Heere in Deutschland, bat aber um eine andere Anstellung und erhielt sie bei der italienischen Armee unter Mo- reau, wo er bis zum Ende des Feldzugs mit Auszeichnung focht. Im nächsten Jahre ging er auf Moreau's Antrag zu der von diesem befehligten Armee in Deutschland über, lieferte hier am 9. Mai das glänzende Treffen bei Biberach, verließ bald darauf das Heer, wurde zum Staatsrath in der Section für das Kriegswesen ernannt und 1861 nach Spanien gesendet, um die Operationen gegen Portugal zu leiten. Als Lucian Bonaparte wegen des übereilt geschlossenen Friedens von der Gesandtschaft zu Madrid zurückgerufen ward, erhielt G. diese Stelle, 1803 aber den Befehl über das Armeecorps, welches das Königreich Neapel besetzte, und zog sich hier wahrscheinlich Napoleons Unwillen zu, indem er, von dem Grundsatze ausgehend, daß die bewaffnete Macht nicht über politische Angelegenheiten zu berathschlagen habe, eine Adresse bei Gelegenheit der Stiftung des Kaiserthums hintertrieb. Sein Name fehlte auf der Liste der neuernannten Marschalle, dagegen empfing er das große Band der Ehrenlegion, die Ernennung zum Colone! xenerul der Cuirassiere und die Würde eines Großofsiziers des Reiches. Im Feldzuge 1805 Befehlshaber des rechten Flügels von Massena's Armee, nötbigte er am 24. Nov. bei Castel Francs das Corps des Prinzen Nohan, kriegsgefangen die Waffen niederzulegen, ging darauf mit nach Neapel und commandirte von 1806 — 8 die Küstenarmee von Vonlogne; im letztern Jahre warH ihm 7" n. ' ! 206 Grabbe der Befehl über ein gegen Catalonien bestimmtes Corps übertragen, dessen Unternehmen er selbst geschildert hat in dem „lournal lies Operations - reau's Ausspruch, daß man mit Desaix Schlachten gewinne, mit G. keine verliere, hat eine tiefe Bedeutung; als Minister hat er in dem Gesetz über die Ergänzung und das Avancement der Armee das für die Umstände Mögliche geleistet und überhaupt mehre sehr zweckmäßige Einrichtungen getroffen. Als Schriftsteller ist er etwas breit, aber genau und zuverlässig, wie denn besonders sein Werk über die Feldzüge von 1792—97 für die Begründung einer jetzt erst möglichen Geschichte der französischen Rheinarmee in jener Periode wirklich unschätzbar genannt werden kann. (69) Grabbe (Christian), wurde 1801 in Detmold geboren, wo er auf dem Gymnasium seine erste Bildung erhielt. Er wurde früh zu den griechischen Tragikern und zu Aristophanes hingezogen, und unter den Neuern ward er besonders durch Shakspeare, vorzüglich aber von Byron angeregt. Er verließ seine Vaterstadt und ging 1820 nach Leipzig, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen, konnte sich.aber mit diesemStudium, dem er bloß aus Nachgiebigkeit gegen die Wünsche seiner Altern sich zugewendet hatte, nicht befreunden, und begab sich bereits 1822 nach Berlin, wo er mit Heine und andern jungen Dichtern in freundschaftlicher Verbindung lebte. Entschlossen, die juristische Laufoahn zu verlassen und sich in der literarischen Welt eine Stellung zu gewinnen, schickte er sein bereits in Detmold entworfenes und in Leipzig weiter ausgeführtes Drama: „Der Herzog von Gothland", in der Handschrift an Tieck, der sein Urtheil in einem dem Abdruck des Stückes vorgesetzten Briefe aussprach. Er ging darauf nach Dresden, das er jedoch nach einem halbjährigen Aufenthalte wieder verließ, um sich nach Braunschwcig zu begeben, wo er mit Klingemann in Verbindung kam, aber auch hier wie dort zeigte sich keine Graberg de Hemsoe 207 Aussicht, Lebensplane auszuführen, die auf eine dichterische Thätigkeit gebaut waren, und mismuthig faßte er den Entschluß, zu der verlassenen Fahne der Rechtswissenschaft zurückzukehren. Nach einer kurzen Vorbereitung ließ er sich in Detmold prüfen, wo er seit 1829 als Regimentsauditeur angestellt ist und zugleich als Sachwalter arbeitet. Er hatte indeß seine dichterischen Arbeiten ganzlich bei Seite gelegt, als eine äußere Veranlassung, die ihm entgegenkam, ihn bewog, sie herauszugeben, und seine Neigung wieder erweckte. Er trat zuerst mit einigen früher vollendeten Schauspielen, wozu auch „Der Herzog von Gothland" gehörte, unter dem Titel: „Dramatische Dichtungen" (2 Bde., Frankfurt a. M. 1827) hervor, welchen er eine Abhandlung über die Shakspeare-Manie vorsetzte, die mit einigen herrschenden Ansichten in Opposition trat. Darauf reizte ihn die an dramatischem Stoff reiche Geschichte des -schwäbischen Kaiserhauses, einen Cyclus von Tragödien, „Die Hohenstaufen", zu beginnen, wovon der erste Band (Frankfurt a. M. 1829) „Kaiser Friedrich Barbarossa", der zweite (1830) „Kaiser Heinrich VI." enthält. Gleichzeitig erschien „Don Juan und Faust" (Frankfurt a, M. 1829). Diesen Stücken folgte eine Art von dramatischem Epos: „Napoleon, oder die hundert Tage" (Frankfurt a. M. 1831). In all diesen Leistungen tritt eine entschiedene Anlage, eine reiche Phantasie und oft eine treffliche poetische Auffassungsgabe hervor, aber in allen zeigt sich auch störend der Mangel jener künstlerischen Besonnenheit, welche ein harmonisches Ganzes zu schassen weiß. Es fehlt ihm die Gabe der poetischen Darstellung wie der psychologischen Auffassung der Charaktere, weshalb seine Zeichnungen bald carikirt und abenteuerlich sind, bald ins Gräßliche übergehen, und seine Charakterdarstellung häufig alle Wahrheit ermangelt. Der Mangel an Sinn für das Vollendete zeigt sich oft nicht minder abstoßend in der Form, im Ausdruck und in der Versisication. Graberg de Hemsoe (Jakob), wurde am 7. Mai 1776 zu Gannarsve auf der schwedischen Insel Gothland geboren, wo sein Vater Lagman oder Pro- vinzialrichter war. Nachdem er eine sorgfältige Erziehung erhalten, machte er in seinem sechszehnten Jahre auf einem Handelsschisse eine Reise nach England, Portugal und Amerika, trat dann in englischen Seedienft und wurde später bei der schwedischen Gesandtschaft in Italien angestellt. Nach mehren Reisen durch Italien, Deutschland und Ungarn wurde er 1811 zum schwedischen Viceconsul in Genua und 1815 in gleicher Eigenschaft zu Tanger ernannt. Für seine Bemühungen zur Herstellung eines guten Einverständnisses zwischen Sardinien und Marokko ward er mit dem sardinischen Orden von St.'-Moritz und Lazarus belohnt. Er begab sich 1823 als Consul nach Tripolis, von wo er 1828 auf Urlaub nach Italien zurückkehrte und seitdem mit seiner Familie zu Florenz lebt. Die Muße, welche ihm seine Amtsgeschäfte gestatteten, widmete G. vorzüglich dem Studium der Geographie und Statistik, der Geschichte, Numismatik und Sprachenkunde. Seit seiner ersten 1801 herausgekommenen Schrift: „Tagebuch der Blockade von Genua", hat er eine Menge von größern und kleinern Werken und Aufsätzen in schwedischer, deutscher, französischer, italienischer und portugiesische Sprache herausgeben, welche von seiner redlichen Forschung und seinem unermüdlichen Fleiße zeugen. Die vorzüglichsten unter denselben sind: seine „Geo- graphisch-statistischen Annalen" (8 Hefte, Genua 1802), die viel dazu beigetragen haben, den Geschmack für diese Wissenschast in Italien zu verbreiten und unter Anderm einen brauchbaren Abriß der Geschichte der Erdkunde, namentlich im Mittelalter, enthalten; sein „Historischer Versuch über Skalden" (Pisa 1811), worin er besonders beweist, daß diese nordischen Dichter keine Nachahmer der Troubadours sein konnten; die „Theorie der Statistik" (Genua 1821), und „Das gerächte Skandinavien" (Lyon 1822), worin die Beschuldigung, daß die barbarischen Völker, welche das Nomerreich zertrümmerten, Skandinavien angehört 208 Graff haben, mit siegreichen Gründen bekämpft, und das Dasein einer wahrhaften (Zivilisation der nördlichen Lander zur Zeit der Völkerwanderung behauptet wird. Zu seinen neuern Arbeiten gehört ein „Geographisch-statistischer Versuch über die Regentschaft Algier" (Florenz 1830), der eine schätzenswerthe Schilderung der arabischen Völkerstamme enthalt und auch in Deutschland bekannt geworden ist. Mitglied von mehr als 50 gelehrten Gesellschaften Europas und Amerikas, steht G. in einer ausgedehnten Corresponden; mit den bedeutendsten Gelehrten. Seine Bibliothek, womit er auch Sammlungen von Münzen und geschnittenen Steinen verbunden hat, enthalt viele sehr schatzbare seltene Werke und über 400 Handschriften, worunter me'hre kostbare orientalische sind. (58) Graff (Gottlieb Eberhard), als Sprachforscher rühmlichst bekannt, wurde 1777 geboren. Über seine Jugend und Bildung fehlen uns alle Nachrichten; nur so viel können wir aus seinem frühem Leben, ehe er sich durch seine Sprachforschung einen Namen erwarb, mit Sicherheit anführen, daß er bis 1823 Regie- rungsrath zu Arnsberg in der Provinz Westfalen war. Seine schwächliche Gesundheit ließ ihn jedoch eine Änderung des Geschaftskreises wünschen, und so ward er 1824 an die Universität Königsberg als Professor der Philosophie gerufen. Von diesem Jahre an beginnt seine mit so ausgezeichnetem Erfolge gekrönte Tätigkeit in dem Gebiete deutscher Sprachforschung; früher aber hatte er eine Schrift herausgegeben, die gleichfalls Aufmerksamkeit erregte und 1818 in der zweiten Auflage erschien: „Die für die Einführung eines erziehenden Unterrichts nothwcn- dige Umwandlung der Schulen". Seine Neigung zur Erforschung der deutschen Sprache erhielt erst durch die Erscheinung von Jakob Grimm's Grammatik (IM) ihre feste Richtung. Er selbst gibt also darüber Auskunft: „Schon seit vielen Jahren hatte ich nach Gelegenheit und ohne bestimmten Plan Wörter der althochdeutschen Sprache gesammelt. Als ich nun gerade zu der Zeit, da mir aus unerwartete Weise eine ganz freie Muße ward, Grimm's deutsche Grammatik kennen lernte, und ein günstiger Zufall mir Lachmann's belehrenden Umgang schenkte, sah ich in diesem glücklichen Ereignisse eine Auffoderung, die Bearbeitung des althochdeutschen Sprachschatzes zu unternehmen, und eine Bürgschaft für das Gelingen desselben." Seit zehn Jahren beschäftigt sich G. nun mit der Arbeit, den gesammten Wortreichthum der althochdeutschen Sprache von dem ^ bis 12. Jahrhunderte in etymologischer Ordnung darzulegen. Die preußische Regierung erkannte das Nützliche dieses Unternehmens, und damit alle Bedingungen des Gelingens da seien, gab das Ministerium des CultuS und Unterrichts dem rhätigen Sprachforscher Muße und Mittel zu einer wissenschaftlichen Reise für seinen Zweck durch Deutschland, Frankreich, die Schweiz und Italien. G., wiewol schon im herannahenden Alter und an Augenschwache und einem wiederkehrenden Nervenübel leidend, unternahm 1825 — 27 nichtsdestoweniger muthig und erwartungsvoll seine Pilgerfahrt, um die althochdeutschen Handschristen an Ort und Stelle einzusehen. Zuvor aber hatte er durch sein Werk: „Über die althochdeutschen Präpositionen" (Königsberg 1824), welches er zum Theil in dieser Absicht schrieb, seine Fähigkeit zu diesem Unternehmen ssttsarn bewiesen. Aber nicht allein der althochdeutschen Sprache, wiewol sie stets sein nächster Zweck war, sondern auch den andern und selbst den jüngern Mundarten widmete G. seine stete Aufmerksamkeit, und jede Stunde, die der Hauptzweck seiner Reise ihm übrig ließ, wandte er dazu an, daß er, um die Forschung in diesem Gebiete Andern zu erleichtern, von allem Wichtigern Abschrift nabm. Den Beweis davon liefert seine „Diutiska" (3 Bde., Stuttgart 1826—29), eine Sammlung der Denkmaler deutscher Sprache und Literatur, aus alten Handschriften zum ersten Male theils herausgegeben, theils nachgewiesen und beschrieben. Zurückgekehrt von seiner Reise, ging G. nun sogleich an die Orb- Grandauer Granet 209 nung der gesammelten Schatze für sein großes Werk; zu gleicher Zeit besorgte er aber auch die erste kritische Ausgabe der sogenannten Evangelienharmonie von Ot- fried, welche er 1831 zu Königsberg unter dem Titel: „Krift, das älteste von Ot- fried im 9. Jahrhundert verfaßte hochdeutsche Gedicht", erscheinen ließ. Fortwahrend beschäftigt ihn sein Hauptwerk, der althochdeutsche Sprachschatz, und seine rastlose Thätigkeit laßt uns der baldigen Erscheinung desselben entgegensehen. (38) Granvauer (Bernhard Michael von), bairischer Staatsrath und Ca- binetsecretair, wurde am 18. Dec. 1776 zu Würzburg von bürgerlichen Altern geboren und erhielt dort seine Bildung zur Zeit der geistlichen Herrschaft auf dem Gymnasium und der Universität. Nach der Vollendung seiner Studien war er ein fleißiger Mitarbeiter an der damals zu hohem Rufe gelangten „Oberdeutschen Literaturzeitung", besonders für die Fächer der Staatswirthschaft, der Rechtswissenschaft und dec Geschichte. Noch sel/c jung, erhielt er unter der bairischen Regierung das Landrichteramr zu Karlstadt, unweit dem Bade Brückenau, wo er dem jetzigen König noch als Kronprinzen durch Amtseifer und Energie bekannt und beliebt wurde. Da indeß seine sehr angegriffene Gesundheit G. nicht mehr gestattete, dies Amt fortzusetzen, dec Kronprinz aber, als König, ihn in seiner Nahe zu haben wünschte, so ernannte er ihn 1827 zum Oberstudienrath in München. Nach dem plötzlichen Tode des Cabinetsecretairs Martin erhielt G. 1829 dessen Stelle. Als solcher hat G. den Studienplan, den letzten Landtagsabschied und überhaupt die wichtigsten allgemeinen Verordnungen dictirt, welche der Form gemäß unter der Sanction des königlichen Namens hervorgehen müssen. Im December 1831 ward er wirklicher Staatsrath mit Beibehaltung seiner seitherigen, während der letzten Ständeversammlung heftig angefochtenen Wirksamkeit. Daß G., wie ihm manche öffentliche Blätter Schuld gegeben, an der Spitze einer jesuitischen Congregation stehe, möchte man für eine Verunglimpfung halten, ist auch von Görres, der es wissen müßte, und dem Congre- gationsblatt, der „Eos", derb und kräftig widersprochen worden. Man möchte ihn jedoch nicht freisprechen können von einer übertriebenen Hingebung an die Kapuziner und überhaupt alle Bettelmönche, und gewiß nur von ihm ist die beklagens- werthe Idee ausgegangen, in Baiern wieder das alte Klosterwesen herzustellen. Daß G., wie ihm das „Würzburger Volksblatt" aufbürdet, in geheimem Polizeibriefwechsel mit vertrauten Günstlingen stehe, ist schon darum nicht zu glauben, weil die Männer, die namentlich genannt worden sind, laut und öffentlich widersprochen haben. (35) Granet (Fran5 irave!" (3 Bde., London 1829) geben uns mannichfaltige Skizzen, bald heiter, bald in den Farben eines grotesken Humors. Hatte er uns schon früher in das Leben der Flamander und Hollander eingeführt, so gab er in seiner „Heiress ok Krudes" (1 Bande, London 1839) und in „^accpielilie vk HoII-unt" (3 Bde., London 1831) ausführlichere Darstellungen, und zeigt auch in diesen sigurenreichern Gemälden dieselbe Geschicklichkeit in Zeichnung, Gruppi- rung und Fardengebung, die seine kleinern Erzählungen auszeichnet. Auf diese Leistungen stützt sich sein schriftstellerischer Ruhm, dem einige unglückliche metrische Versuche nicht schaden können. Gregoire (Henri, Graf), Bischof von Blois, geboren am 4. Dec. 1750 zu Vetro unweit Luneville, gehörte zu den einflußreichsten Mannern, bieder Sturm der Revolution aufgeregt, fortgerissen und auf einen Punkt geführt hat, von welchem ihr ganzes übriges Leben seine Richtung nahm. Den theologischen Studien sich widmend, beschäftigte er sich früh auch mir dem Völkerrechte und den Sraarswissenschaften, und schon in der von der Akademie zu Metz !77« gekrönten Preisschrift über die Verbesserung des Auslandes der Juden („hissm sur ls r^. n^rnünn pü/silpw, mnrg'e et zroüticjire rles zuis-s", Metz 1789), eine seiner vor« züglichsten Schriften, lag dem Grundsatze nach der Keim aller polirischen Ent» würfe, die er spater auszuführen strebte. Wir finden ihn bei dem Ausbruche der Revc« lution als Landpfarrer zu Embermenssin Lothringen, wo er die Achtung seiner Amrs- genosscn und seines Kirchspiels genoß. Er hatte eine Büchersammlung für Land- leute angelegt, um Schriften über Landwirthschaft und die auf den Ackerbau anwendbaren wissenschaftlichen Kenntnisse ihnen zuganglich zu machen. Reisen nach SüddeutschlanS und der Schwei; hatten ihm auch außerhalb seines Vaterlandes schatzbare Verbindungen verschafft. So schon vielfach ausgezeichnet, ward er von der Geistlichkeit des Bezirks Nancy 1789 zum Abgeordneren für die consiituirende Versammlung gewählt. Auf diesem Schauplatz entwickelte der feurige, leicht erregbare Mann alsbald eine lebhafte Thatigkeir. Er war es, der auf die Vereinigung der Geistlichkeit mit dein Bürgerstande antrug, er war in der berühmten Sitzung im BaUhause zu Versailles einer der lautesten Sprecher, machte in der entscheidenden Nacht deö 4. Augusts, die zwischen dem alten und neuen Frankreich eine weite Kluft aufriß, den Antrag, auch die Annaten abzuschaffen, wie die Adels- vorrechre und alle Monopole vernichtet wurden, und wie früher in seiner beredten Schrift, foderte und erhielt er nun auf der Rednerbühne das Bürgerrecht für die Juden. Bald fand er Gelegenheit, seine Abneigung gegen das menarchische Prin- cip in der Versamn lung auszusprechen, aber während er gegen die Vorrechte des Tbrones und die AdelSaristokran'e kämpfte, vercheidigte er stets den geistlichen Stand, so kräftig er gegen die päpstliche Gewalt stritt und die Freiheiren der galli- kanischen Kirche verfocht. Von den Gemeinden des Sprengels Blois nach den neuen Gesetzen über die Kirchenverfassung zum Bischof ernannt, war er der Erste, der den Vürgereid ablegte. Dieser Schritt, den er in einer Schrift über die Pflicht d r Geistlichen, sich zur Beobachtung der neuen Staatsgesetze eidlich zu verpflichten, eifrig verfocht, eröffnete die große Spaltung, welche durch den Fanatismus der Geistlichkeit und durch das unkluge Schreiben des Papstes gegen die eidpflichtigcn Priester so verderblich wurde. Nie hat ihm die Hierarchie es verziehen, daß er ein solches Beispiel gegeben, und bis über das Grad hinaus ihn verfolgt. Er hatte (1799) oas Volk bereits durch eine Schutzschrift vorbereitet, als er 1791, unterstützt von der Gesellschaft der Negerfreunde, zu welcher auch Larochefoucauld und Lafayette gehörten, für die Rechte der Schwarzen und der Mulatten kämpfte und endlich das Gesetz erlangte, welches den von freien Ältern erzeugten Negern und Mulatten in den Eolonien das volle Bürgerrecht zusprach. Schon nach der verunglückten Flucht Ludwigs X'Vl. (179!) hatte G. in der Nationalversammlung Grvgoire ZIZ auf angetragen, den König zur Verantwortung zu ziehen, der durch jenen Schritt die öffentliche Meinung so sehr gegen sich aufgereizt hatte, daß die Flucht nach Va- rennes der Wendepunkt seines Schicksals wurde. Als Abgeordneter im Nationalconvent (1792) trug G. durch seine hefligeRede, worin er die Geschichte dcrKönige das Martyrerbuch der Völker nannte, viel zu dem Beschlüsse bei, der die Königswürde abschaffte und die Republik gründete. Vor der Eröffnung des Processes, als über die Unverletzlichkeit des Königs b.rathschlagt wurde (15. Nov. 1792), stimmte er dem früher gegebenen Gutachten des Gesetzgebungsausschusses bei, daß Ludwig XVI. vom Nationalconvent gerichtet werden könne. Die Nachwelt, sagte er, werde vielleicht erstaunen, daß man habe bezweifeln können, ob ein ganzes Volk seinen ersten Diener (son Premier cammis) richten dürfe. Er trug auf den Richterspruch an. In derselben Rede aber machte er auch den Antrag auf die Abschaffung der Todesstrafe, die zu den langst von ihm vorbereiteten Entwürfen gehörte, und er sagte, auch der König werde unter das neue Gesetz fallen, oder wie er sich ausdrückte, der Nationalconvent werde den König ohne Zweifel zum Dasein verdammen, damit das Schreckbild seiner Verbrechen ihn unaufhörlich in seiner Einsamkeit belagere. Seine Feinde haben in diesem Antrage spater eine Auffoderung zum Todesurtheile zu finden geglaubt, wahrend befreundete Beurtheiler in G.'s Schritten die Absicht erkennen wollten, den König gegen die erbitterte Volksmeinung zu schützen; eine unbefangene Prüfung aber kann sein Benehmen nur durch die Voraussetzung erklaren, daß er selber von der Erbitterung jener Zeit hingerissen gewesen sei. G. war als Eommissair des Nationalconvents in dem mit Frankreich vereinigten Savoy.n, als Ludwigs Verurtheilung erfolgte, und obgleich er und die übrigen Bevollmächtigten in einem Schreiben an den Convent auf Ludwigs Verdammung antrugen, so wurden doch auf G.'s Widerspruch die Worte: „Verurtheilung zum Tode", aus dem ursprünglichen Entwürfe getilgt. Auch diesen Umstand haben seine Vertheidiger, wie er selber, zu seinen Gunsten geltend gemacht. Seine Abneigung gegen das Königthum, die in der Leidenschaftlichkeit der Partei, welcher er hingegeben war, ihre Wurzel hatte, verrieth er unter Anderm auch in seiner kleinen Schrift über die Freiheitsbaume („Lssm histori^ne sur !es arbres er im Julius die polnischen Bischöfe ermahnte, das Gebot des blinden Gehorsams gegen die Gewaltigen eifrig einzuschärfen, so zeigten sich, wenn auch schlauer hervortretend, Grundsatze, die dem Geiste der Nachtmahlsbulle verwandt waren, in seinem Sendschreiben an alle Patriarchen, Erzbischöfe und Bischöfe der katholischen Kirche; er gab darin einen neuen Beweis, daß Rom nicht zurückgeht, als er gegen die fortgeschrittene wissenschaftliche Bildung predigte, in jeder Wendung die Absicht verrieth, den Geist, der die Reformatoren beseelte, anzugreifen, und jedes Aufstreben der bewegten Zeit benutzte, die Fürsten zu einem gemeinsamen Wider- ! stände gegen höhere Geistesentwickelung zu reizen. Gretsch (Nikolai), geboren am 7. Aug. 1787 zu Petersburg, studirte anfanglich die Rechtswissenschaften, verließ aber diese Laufbahn bald, um sich ausschließend schriftstellerischen Arbeiten zu widmen. Er wurde 1817 bei der kaiserlichen Bibliothek zu Petersburg angestellt und machte bald nachher eine Reise durch Frankreich, Deutschland und die Schweiz. In Frankreich lernte er Lancaster's Unterrichtssystem kennen, das er nach seiner Rückkehr in der Kriegsschule zu Petersburg einführte, und 1819 in einer besondern Schrift seinen Landsleuten naher bekannt machte. Aus seinen Reisen gab er in einigen Zeitschriften Auszüge, seine Reise durch Deutschland aber beschrieb er 1830 in der Form eines Romans, den E. Eurot unter dem Titet. „Ausflucht eines Russen durch Deutschland" (Leipzig 1831) übersetzte. G. schildert darin besonders auch das Leben der Deutschen in Petersburg. Er gab einige Zeitschriften heraus, unter welchen vorzüglich der „Sohn des Vaterlandes" Beifall fand, und schatzbare Veitrage zur Kunde Nußlands lieferte. Sein verdienstlichstes Werk aber ist seine 1822 zu Petersburg erschienene „Skizze einer Geschichte der russischen Literatur", welche, in verschiedene Zeiträume bis 1821 abgetheill, in jedem zuerst eine Übersicht des politischen Auslandes, der Eivilisation und Literatur des Landes voranschickt und darauf die wichtigsten Schriftsteller chronologisch ausführt und nach ihren Lebensverhältnissen und literarischen Verdiensten, wiewol nicht immer mit kritischer Gründlichkeit, schildert. Unter der großen Zahl der russischen Prosaiker ist G. einer der Besten. Seine russische Sprachlehre zeichnet sich vor ahnlichen Werken aus. In Verbindung mit Glinka leitete er seit 1818 die Arbeiten der Gesellschaft für Freunde der russischen Literatur in Petersburg, die eine Sammlung der vorzüglichen Schriften und Übersetzungen herausgab. Grey (Charles Grey, Discount Howick, Graf), ward am 13.Marz 1784 in Northumberland geboren, wo seine Familie, angelsachsischen Ursprungs, seit Jahrhunderten Güter besaß. Baron Grey de Werke, von Jakob I. geadelt, war der Stammvater seines Hauses. Sein Vater, Sir Charles Grey, zeichnete im siebenjährigen und amerikanischen Kriege sich aus, eroberte in dem Kampfe gegen Frankreich Martinique und andere westindische Inseln, wurde 1801 zum Baron Grey de Howick und 1806 zum Viscount Howick und Grafen Grey erHoden. Nachdem Charles G. in Eton und Cambridge seine wissenschaftliche Bildung erhalten hatte, trat er, 18 Jahre alt, seine Reise nach dem Festlands an. Zur Volljährigkeit gelangt, ward er 1788 von der Grafschaft Northumberland ins Parlament gewählt, und gegen die hergebrachte Sitte, nach welcher die politische Parteifarbe in den alten Familien des Landes gleichsam zum Stammerbe gehört, verleugnete er die Torygrundsatze seiner Verwandten und ward ein entschiedener Anhänger der Opposition, deren Haupt Fox war. Bei seinem ersten Austreten im öffentlichen Leben erkannte Pitts scharfes Auge das ausgezeichnete Talent des jungen Redners und verhieß in ihm der Whigpartei' eine kräftige Stütze. G ist den Grundsätzen, welchen er zu jener Zeit huldigte, nie untreu geworden, wenn auch spater die Ereignisse auf seine Meinungen Einfluß hatten, oder Ehrgeiz und Parteisucht ihn verleiteten. Es ist ihm der Ruhm zu Theil geworden, eine 218 Grey große Aufgabe, welcher er die Anstrengungen seiner kräftigsten Lebenszeit widmete, vollständig zu lösen, und von der Richtigkeit feiner politischen Grundsätze überzeugt, scheint er, selbst als er nach häufigen Niederlagen zurücktrat, die Hoffnung auf den endlichen Sieg nie aufgegeben zu haben. Seine geselligen lente und seine persönlichen Verhältnisse machten ihn zu einem Freunde des Prinzen von Wales, aber selbst in seinen Jugendjahren waren Züge in seinem Charakter, die ihn zu einem gefälligen Höfling des Thronerben, des erklarten Beschützers der Whigpartei, untauglich machten. Es entstand bald eine Spannung zwischen dem Prinzen und ihm, die auf sein ganzes politisches Leben Einfluß hatte. Die Ursache, welcher man diese Entfremdung zuschreibt, war ehrenvoll für ihn. Als der Prinz 1787 den Beistand des Parlaments in Anspruch nahm, um seinen zerrütteten Haushalt zu ordnen, war die herrschende Meinung, daß er mit Frau Fitzherbcrt förmlich getraut sei, ein Haupthindernis, da mehre Glieder des Parlaments es bedenklich fanden, den Thronerben mit einer Katholikin in einer solchen Verbindung zu sehen. Der Prinz, von seinen Schulden gedrückt, ermächtigte Fox, im Hause der Gemeinen förmlich zu erklären, es habe nie eine Trauung stattgefunden. Als die Freundin des Prinzen die Parlamentsverhandlungen in den Zeitungen las, erklärte sie entrüstet, ihre Verbindung mit dem Prinzen fei für immer abgebrochen, und er konnte sie nur durch die Versicherung besänftigen, Fox habe seine Vollmacht überschritten, und die Ableugnung solle förmlich zurückgenommen werden. Fox wollte nicht widerrufen und verrieth feine Empfindlichkeit. Der Prinz hoffte G., den Genossen'seiner Vergnügungen, geschmeidiger zu finden und verlangte von ihm, cr solle durch sinnreich doppelsinnige Worte, ohne entschieden zu widersprechen, die Glaubwürdigkeit der abgegebenen Erklärung zweifelhaft machen und über die Verbindung zwischen dem Prinzen und Frau Fitzherbert wieder dem Schleier des Gr- heimnisses ziehen. G. weigerte sich, solcher Zweideutigkeit als Werkzeug zu dienen, und der Prinz wurde seitdem zurückhaltend und kaltsinnig. G. war indeß ein eifriger Vertheidiger der Rechte des Prinzen, als 1788 bei der Krankheit des Königs eine Regentschaft ernannt werden sollte, da diese Angelegenheit eine Parteifrage war, und der Prinz, welcher in der Whigopposition seine Stütze sah, seine Abneigung gegen G. noch nicht entschieden ausgesprochen hatte. Der Prinz sagte sich 1792 förmlich von der Whigpactei los, und sie gab drei Jahre später nur eine bedingte Zustimmung zu dem Antrage, bei Gelegenheit seiner Vermählung noch ein Mal seine Schulden zu bezahlen. G. trat bei den Verhandlungen kräftiger auf als andere Sprecher. Als dieHofpartei die Männer, welche von den Rechten und den Bedrängnissen des Volkes sprachen, als Feinde der Würde und der Vorrechte der Krone zu schildern suchte, machte er die Bemerkung, auch er sei bereit, den wahren Glanz des königlichen Hauses zu erhöhen, aber er finde mehr wahre Würde darin, ein Herz zu zeigen, das für die Leiden von Millionen empfindlich sei, als in all jenem Flitterputz, der die Königswürde belaste, ohne sie zu zieren. Dem Prinzen, setzte er hinzu, möge die Weigerung, seine Schulden zu bezahlen, Entbehrungen auflegen, aber sie sei eine gerechte Vergeltung für die Vergangenheit, eine nützliche Lehre für die Zukunft und eine billige Rücksicht auf die, von dem Volke erlittenen härtern Entbehrungen und schmerzlichem Opfer. Unabhängig in feiner Stellung, war G. von 1792—1809, in der glänzendsten Zeit seines frühem politischen Lebens, vor Allen thätig, für die Verbesserung des politischen Zustandes zu streiten. Schon früher Mitglied des Whigclubs, ward er der eifrigste, und nach Fox der kräftigste Wortführer seiner Partei, und er stiftete l.792 mit Lord Lauderdale, Erskine, Whitbread, Sheridan und Andern die Gesellschaft der Volksfreunde, welche während ihrer kurzen Dauer in der Geschichte der Parlamentsreform einen wichtigen Zeitabschnitt bildet und den doppelten Zweck hatte, diese große vaterländische Angelegenheit ebenso sehr gegen unwissende M Grey 219 und dünkelhaste Schwärmer, die sich nach dem Vorbilde der französischen Clubisten verbanden, als gegen Pitt zu beschützen, der seit dem Ausbruche der französischen Revolution sich feindselig gegen die Reform erklärt hatte. Fox, wiewol er die Grundsätze des Vereins im Parlamente vertheidigte, gehörte nicht zu den Mitgliedern desselben, weil er dadurch den innern Zwiespalt zu verhüten hoffte, welcher die Whigpartei bedrohte. G., der Wortführer des Vereins, der 1792 seine Grundsatze öffentlich aussprach, kündigte im Parlament einen Antrag auf die Verbesserung der Volksvertretung an und wehrte mit siegender Kraft den Antrag ab, den Pitt auf den Verein machte. Im April des folgenden Jahres brachte er die von ihm entworfene Bittschrift der Nolksfreunde in das Parlament, und trug darauf an, den Zustand der Repräsentation im Hause der Gemeinen in Erwägung zu ziehen. Eine überwiegende Mehrheit verwarf den Antrag, den nur 41 Stimmen begünstigten. Jene berühmte Bittschrift sagte, die den Grafschaften zugetheilte Zahl von Abgeordneten stehe nicht in gehörigem Verhältnisse mit dem Umfange, der Bevölkerung und der Gewerbsamkeit derselben, das Wahlrecht sei so ungleich vertheilt und in vielen Fällen auf eine so geringe Anzahl von Stimmberechtigten beschränkt, daß die Mehrheit des Hauses der Gemeinen von 15,000 Wahlern ernannt werde, und die Zahl der Erwachsenen in England und Wales auch nur zu drei Millionen angenommen, nur ein Zweihunderttheil der Volksgesammtheit vertreten sei. Die Beschwerdeführer erboten sich zu dem Beweise, daß 309 Abgeordnete von 71 Peers und 91 Mitgliedern des Hauses der Gemeinen ernannt würden. Diese Beschwerde war der Text aller spätem Reformantrage und der tödliche Pfeil, der seitdem in dem morschen Körper der Wahlfleckenoligarchie festsaß. Vier Jahre später brachte G. einen umfassenden Reformplan ins Parlament, nach welchem die Zahl der Abgeordneten für die Grafschaften vermehrt, das Wahlrecht ausgedehnt und den verfallenen Flecken ihre Berechtigung gekommen werden sollte. Dieser Entwurf war in seinen Hauptzügen der nun vollzogenen Parlamentsreform gleich, außer daß G. auch auf die Wiederherstellung des alten Herkommens der dreijährigen Parlamentsdauer antrug. Der Antrag wurde verworfen, und gleiches Schicksal hatte der letzte Versuch, den G. 1800 machte. Er und seine Freunde erkalteten in ihrem Eifer, als sie so wenig Unterstützung fanden, und wie die Volksfreunde in ihrem Aufrufe an die Briten sagten, sie hatten an das höchste Gericht sich gewendet, das über öffentliche Angelegenheiten entscheidet, an das Volk selbst, und wollten von ihm geduldig den endlichen Ausspruch erwar- ' ten. Zu den andern großen Volksangelegenheiten, an welchen G. in der Zeit seiner kräftigsten Wirksamkeit Antheil nahm, gehörte der Krieg gegen Frankreich, und obgleich er 1794 offen gestand, daß die Franzosen unter harter Tyrannei seufzten, so tadelte er doch laut Englands Verbindung mit den Mächten, die Frankreichs Regierung ordnen wollten, in welche, sagte er, so schlecht sie sein möge, weder England noch irgend ein anderer Staat, außer Frankreich, sich einmischen sollte. In steter Opposition gegen Pitt, widersetzte G, sich 1800 der Union zwischen Irland und England, weil sie nicht mit der Emancipation der Katholiken verbunden war, die er für das wirksamste Beruhigungsmittel des Landes hielt. Als sein Vater zum Grafen erhoben wurde, erhielt G. herkömmlich den zweiten Titel, Lord Howiek, und kam bei der Bildung des Whigministcriums, das durch die Vereinigung zwischen Lord Grenville und Fox nach Pitt's Tode 1806 entstand, als erster Lord der Admiralität ins Cabinet. Nach Fox's Tode erhielt er das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und wurde der Führer der Whigpartei im Hause der Gemeinen. Es ist der Erwähnung werth, daß er, um die Kosten einer streitigen Wahl zu vermeiden, Abgeordneter für den verfallenen Burgstetten Appleby wurde, dem seine Reformbill 1831 das Wahlrecht nahm. Er kündigte bald nach der Übernahme seines neuen Amtes den Antrag an, daß allen Briten gegen die 220 Grey Leistung eines vom Parlamente vorzuschreibenden Eides das Recht, in derLand- und Seemacht zu dienen, und freie Ausübung ihres Glaubens verliehen werden möchte. Die Torypartei widersetzte sich einem Antrage, der darauf gerichtet war alle alten Strafgesetze gegen die Katholiken und die Test- und Corporationsacte (s. Emancipation der Katholiken) auszuheben. Georg III. foderte von Grenville und Howick das Versprechen, einen solchen Antrag nicht als Regierungsmaßregel in das Parlament zu bringen. Sie weigerten sich, und das uneinige Ministerium, das nur Fox durch seine geistige Überlegenheit zusammengehalten hatte, löste sich (1807) auf. Bald nachher nahm Lord Howick nach seines Vaters Tode als Graf Grey seinen Sitz im Oberhause. Hatte er sich schon früher, seit seiner Verbindung mit Lord Grenville, von den Verfechtern der Parlamentsreform, die an Aahl wie an Ansehen verloren hatten und die Partei der sogenannten Radikalen in verschiedenen Abstufungen bildeten, zurückgezogen und einem jüngern, kühnern Führer, Francis Burdett (s. d.), den Kampfplatz im Hause der Gemeinen überlassen, so entfernte er sich nach seinem Eintritt ins Oberhaus noch mehr von ihnen. In dieser Trennung von der rühmlich vertheidigten Fahne hat man nicht ohne Grund ein Aeichen seines persönlichen Ehrgeizes und seines stolzen Charakters finden wollen, und es ihm zum Vorwurfe gemacht, daß er eine von dem Volke verlassene Sache aufgegeben hat, statt ihr durch seine Talente und sein Ansehen eine Stütze in der öffentlichen Meinung zu gewinnen und in seinem stolz übersehenen Nebenbuhler einen Kampfgenossen zu suchen. Es hat Jemand treffend von ihm gesagt, er könne bei den volkfreundlichsten Ansichten doch nie Demokrat und bei all seinem eifersüchtigen Festhalten an den herkömmlichen Vorzügen der Geburt und desRan- ges nicht Aristokrat sein. Nahm er seit seiner Verbindung mit Lord Grenville, die einen Wendepunkt in seinem politischen Leben bildet, an keiner großen Volksangelegenheit mehr so lebendigen Antheil als früher, die Sache der Glaubensfreiheit ausgenommen, die Beide beharrlich verfochten, so lag der Grund in der damaligen Stellung der politischen Parteien. Die alte Opposition, an deren Spitze er und Grenville standen, gab die Hoffnung nicht auf, wieder ans Ruder zu gelangen, und obgleich G. seit seinem Austritt aus dem Ministerium auch des Königs Vertrauen verloren hatte, wie er bereits um die Gunst des Thronfolgers gekommen war, so schienen doch die Umstände jene Hoffnung zu nähren. Als durch denAwci- - kämpf zwischen Castlereagh undCanninz und durch den Tod des Herzogs von Portland das Ministerium der Auflösung nahe war, ließ Perceval auf des Königs Befehl an G. und Grenville die Einladung ergehen, an der neuen Verwaltung Theil zunehmen; Beide aber wiesen den Antrag ab, in ein Coalitionsministerium zu treten, an dessen Spitze sie nicht stehen konnten. G. blieb in der Opposition und trat besonders 1.810 gegen das Ministerium auf, als es nach der Schlacht bei Ta- lavera auf Dank und Belohnung für Lord Wellington antrug. Die Schlacht, sagte G. bei der Begründung seines heftigen Widerspruchs, sei von den Ministern als ein Sieg ausposaunt worden; aber man habe das Land getauscht, Wellington habe Mangel an Einsicht und Kriegskunde verrathen, und die Schlacht verderbliche Folgen gehabt. Das Spiel der Parteien wurde lebhafter, als 1811 bei der fortdauernden unheilbaren Geisteszerrüttung des Königs der Prinz von Wales die Regentschaft übernahm. G. sprach nachdrücklich gegen die dem Regenten aufgelegten Beschränkungen, und das Benehmen mehrer Glieder der alten Opposition verriet!?, daß sie die Gunst des Prinzen zu gewinnen suchten. War die Opposition, seit sich ihre Führer bei den großen Angelegenheiten des Landes lau gezeigt hatten, schon früher in dem Vertrauen des Volkes gesunken, so mußten G. und Grenville noch mehr die Gunst desselben verlieren, als sie, in der Hoffnung, wieder zum Besitze der Macht zu gelangen, Maßregeln unterstützten, welchen sie ohne solche Hoffnung Grey sich widersetzt haben würden. Ihre Hoffnungen schwanden, als der Prinz 1812 zum unbeschrankten Besitze der Rcgentschaftsgewalt gelangte. G. und Grenville schlugen abermals, wie der Regent erwarten mußte, die Einladung aus, in daS Toryministerium zu treten, an dessen Spitze Perceval stand. Als aber der Minister 1812 durch Mörderhand gefallen war, gab es weiten Spielraum für die politischen Parteien wie für die Günstlinge des Hofes. Der Regent schien, ehe Lord Liverpool die Leitung der Verwaltung erhielt, die ernstliche Absicht zu haben, ein Coalicionsministerium zu bilden und seine alten politischen Freunde in seinen Nach zu ziehen. Lord Wellesley und der Graf Moira, des Prinzen Günstling, erhielten den Auftrag, mit G. und Grenville zu unterhandeln, aber nicht bloß der Umstand, daß diesen die Bildung des neuen Ministeriums nicht überlassen werden sollte, sondern mehre Glieder desselben bereits bestimmt waren, vereitelte den Erfolg der Unterhandlung. Es war bekannt, daß die damalige Freundin des Regenten, die Marquise von Hertford, einen wcitgreifenden Einfluß ausübte, welcher selbst die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten berührte. G hatte bereits nach der frühern abgebrochenen Unterhandlung im Oberhause gegen den geheimen Einfluß, w.lcher, wie er sagte, hinter dem Throne lauerte und, im Widerspruche mit dem Geiste der Verfassung und den Interessen des Staates, zu den verderblichsten und widrigsten Folgen führte, kräftig gesprochen *) und verlangte nun in Übereinstimmung mir Grenville als Vorbedingung, daß die Besetzung der ersten Hofamtec dem Ministerium überlassen werden sollte, um die Macht der Geheimregierung zu lähmen. Als an dieser Foderung, welche selbst mehre AnHanger der Whigpartei tadelten, so laut sie ihre Unzufriedenheit über den Einfluß der Camarilla verriethen, die Unterhandlung gescheitert war, konnte G. nicht mehr hoffen, so lange der Regent lebte, an die Spitze der Verwaltung zu gelangen. Vom Volke wie vom Hofe entfernt, stand er nun einsam aüf seinem Platze. Er vertheidigte 1815 kraftig Frankreichs Recht, die Verfassung des Landes selbst zuordnen, und sprach mit der Beredsamkeit seiner besten Zeit gegen die gehässige Willkür, welche unabhängige Staaten unter ein fremdes Joch beugte und freie Länder ihrer Gesetze und Rechte beraubte; er widersetzte sich den Gewaltmaßregeln, welche weniger in einer Gefahr für die öffentliche Rübe als in der Furcht und Schwäche der Machthader ihren Grund hatten. Als seine Verbindung mit Lord Grenville, der wieder zur Torypartei überging, sich aufgelöst hatte, benutzte G. nicht diese Unabhängigkeit, sich durch Vereinigung mit der Volkspartei einen entscheidenden Einfluß auf die Förderung der großen Angelegenheit zu verschaffen, welcher er so lange seine Talente "ewidmet hatte. Er oerleugnete durch förmlichen Widerruf die Sache, deren Verfechtung er seinen Ruhm verdankte, und erklärte sich, wie es besonders bei den Verhandlungen über die Korndill (1827) geschah, für den Vorfechter des Aristokratismus und der Vorrechte. Ehrgeiz und Stolz schienen ihn abzuhalten, Can- ning's, des jungem Staatsmannes, Verwaltung zu unterstützen, welcher die Volksgunst zur Seite stand, und nachdem er ihr anfänglich sein Vertrauen verweigert hatte, lieh er zuletzt die Kraft seines Geistes einer leidenschaftlichen Opposition, deren politische Grundsätze ihm fremd waren. Die Whigpartei zog sich von ihm zurück, während er die Huldigungen Eldon's, Bathurst'6 und anderer strengen Tones empfing. Der Gang der Ereignisse brachte ihn auf die Stelle, die er jetzt einnimmt. Als die Hindernisse, die zwischen ihm und diesem Ziele seines Ehrgeizes lagen, durch Georgs IV. Tod weggeräumt waren, als die Stimme des Volkes lauter als je auf die Entfernung alter Gebrechen drang und Wellingtons herrischer Trotz gegen die Volksmeinung seinen Sturz herbeigeführt hatte, sah G. die Bahn offen. Aber er mußte auch erkennen, daß er nur auf den Schulcern des ^ ' ") S. „Hlmua! rcZistvr", 1812, S. 13Z. 222 Gribojedow Volkes zur obersten Gewalt gelangen, nur durch die Unterstützung des Volkes sich erhalten konnte, und ging nun wieder mit Entschiedenheit zu der lange verlassenen Sache der Parlamentsreform über, um mit der ganzen Kraft seines Talents an der Seite rüstiger Mitkampfer, die, wie sein Schwiegersohn, Lord Durham (Lamb- ton), und Nussel der Fahne nie untreu geworden, ihr den Sieg zu verschaffen, (S. England.) Als Redner gehört G. nach Brougham zu den ersten im Ober- Hause; seine Beredsamkeit ist kräftig, und die Reife der Jahre hat das ungestüme Feuer seiner Jugend durch Eindringlichkeit und Würde erfetzt. Er genießt im Lebensverkehr die hohe Achtung, welche die Worte der Frau von Stael bestätigt, wenn sie sagt, sie sei nie mit so hohen Erwartungen in eine englische Familie getreten und habe in keiner ihre höchste Erwartung so vollkommen befriedigt gefunden. Gribojedow (von), russischer Staatsrath, dramatischer Dichter und Diplomat, geb. um 1789, wurde ermordet in Teheran am 12. Febr. 18U Dieser geistvolle Mann hatte sich mit der englischen, französischen und deutschen Literatur bekannt gemacht, und durch Reisen und in dem Umgange mit der hohem Gesellschaft in Petersburg und Moskau bildete sich sein Talent der Beobachtung und sein Geschmack. Nach mehren glücklichen Versuchen gründete er seinen Ruf als dramatischer Dichter durch das auf der Petersburger und der moskauer Bühne mit Beifall aufgenommene Lustspiel in Versen: „Leiden durch Bildung", in vier Aufzügen (in deutsch« Jamben übersetzt von Karl von Knorring, im dritten Hefte der „Russischen Bibliothek für Deutsche", Reval 1831). Charaktcrzeichnung, Witz, Satire und viele aus dem Leben der Nation gegriffene Züge, welche die Torheiten einer eiteln Bildungssucht bezeichnen, empfehlen dieses Lustspiel, das die Russen der berühmten „Scliool kor scunllal" von Sheridan an die Seite setzen. Wenn jedoch der britische Dichter nur einen Theil der sogenannten guten Gesellschaft vor unfern Augen vorüberführt, so hat der russische Dichter die meisten Seiten derselben glücklich aufgefaßt und einige selbst in den untergeordneten Personen des Stücks witzig dargestellt. Ungeachtet nun der komischen Wirkung wegen die Farben oft stark aufgetragen sind, so fehlt es doch nicht an mannichfachen Localöe- ziehungen, die in Rußlands Hauptstädten leichter als anderwärts begriffen werden. Übrigens ist der Einfluß der französischen Literatur bei diesem Lustspiel nicht zu verkennen, obgleich es im Plane eigenthümlichen Werth hat und neu ist. Durch seine Leistungen in einigen frühern Staatsamtern der Regierung empfohlen, ward G. nach dem mit Persien am 22. Febr. 1828 abgeschlossenen Frieden von Turkmant- schai, als Gesandter an den Hof von Teheran geschickt. Hier äußerte sich unter dem Volke die größte Unzufriedenheit mit den Friedensbedingungen. Zwar hatte der Kaiser von der dem Schah auferlegten Kriegscontribution 12 Mill. Papicrrubcl erlassen; allein dessenungeachtet suchten die Großen des Reichs den alten Schah zu bewegen, den Frieden zu brechen und sich mit der Pforte, an die Rußland den Krieg erklärt hatte, zu verbünden. Die Geistlichkeit klagte Feth-Ali-Schah laut der Feigheit und des Verraths beim Volke an, und es brachen in den westlichen Provinzen bei Eintreibung des zur Contributionszahlung nöthigen Geldes wehre Aufstände aus. Unter diesen Umständen glaubte G., rasch, durchgreifend und heftig, wie er war, in keinem Punkte Nachgiebigkeit zeigen zu dürfen. Auch mochten einzelne bei der russischen Gesandtschaft angestellte Personen oder von der Diener- schaft, durch ihr Benehmen das über den schimpflichen Frieden aufgebrachte und vielleicht von fremden Emissairs aufgereizte Volk noch mehr erbittert haben, ^lls nun der Gesandte, das ihm zustehende Recht des Asyls behauptend, die Auslieferung eines von den persischen Behörden verfolgten, aus der an Rußland abgetretenen Provinz Eriwan gebürtigen Armeniers, der in seiner Wohnung Schutz geft'cht hatte, verweigerte, und zwei georgische Frauen, die von den Persern als Sklavin- Griechenland 223 nen zurückverlangt wurden, weil sie Rußlands Unterthanen waren, nicht herausgeben wollte, so brach der Nationalhaß aus. Ein Volkshaufen versammelte sich vor der Wohnung des Gesandten und foderte mit Wuthgeschrei die Auslieferung des Verbrechers und der beiden Sklavinnen. Als dies nicht erfolgte, so stürmte daS Volk gegen die Thür. Nun schössen, nach englischen Berichten, die Gesandtschafts- kosacken auf den Pöbel, wodurch sechs Menschen getödtet wurden. Dies gab das Zeichen zum Aufruhr. Die Leichname wurden in den Moscheen ausgestellt, die Mollahs riefen die Glaubigen auf zur Rache, und nun erstürmte das wüthende Volk den Palast des Gesandten. Nach russischen Berichten (vom 28. Marz 1829) hatte ein heftiger Streit zwischen den Bedienten des Gesandten und einigen Leuten aus dem Volke stattgefunden. Wahrend des Zankes sammelten sich müssige Menschen vor dem Hause des Gesandten und mischten sich in den Streit. Einige darunter wurden getödtet. Alsbald kam vom Bazar eine ungeheure Volksmenge herbei, stieß die Thore des Hotels ein, erstieg die Mauer trotz dem Widerstande der Kosacken und der persischen Garde, die vier Mann bei diesem Angrisse verlor, und drang in die innern Gemächer, wo sie Alles niederstieß, was ihr in den Weg kam. Zu spat eilte der Schah selbst in Begleitung seines Sohnes Selu Sultan, des Gouverneurs von Teheran, an der Spitze einer betrachtlichen Truppenzahl herbei. G., der zweite Gesandcschaftssecretair, Karl von Adelung (Sohn des Petersburger Gelehrten), ein deutscher Arzt, ein Dolmetscher und 15 Leute des Gefolges waren bereits den Streichen der Mörder erlegen. Der erste Legationssecretair Mal- zow und drei anoere Personen, die einen entferntem Hof des Gesandtschaftsgebäudes bewohnten, entkamen allein den» Gemetzel. Um das Unglück zu entschuldigen, sandte der Schah, nachdem er in Teheran eine achttägige Trauer angeordnet hatte, seinen Enkel, den Prinzen Khosrew Mirza, den jungern Sohn des Abbas Mirza, in das russische Hauptquartier nach Tiflis zu dem General Paskewitsch (19. Mai). Von hier begab sich der Prinz über Moskau (29. Jul.) nach Petersburg. Überall, auch in Zarstoje Sel<> (11. Aug.) wurde er mit großer Aufmerksamkeit behandelt. Endlich erhielt er in Petersburg am 22. Aug. 1829 (am 21. des Monden Safear 1215) beim Kaiser, unter Beobachtung eines besondern, ihm vorgeschriebenen Ceremoniels, eine feierliche Audienz, bei welcher der Prinz den Schmerz des Feth-Ali-Schah wegen des von den Persern begangenen Frevels bezeigte, indem er zugleich bat, das unglückliche Ereigniß der Vergessenheit zu widmen und die Freundschaft mit Persien fortdauern zu lassen. In Folge dieser Ge- nugthuung ward der Fürst Dolgorucki als russischer Gesandter an den Hof zu Teheran geschickt. In Teheran wurde dieser Gesandtenmord durch die Verbannung des Oberpriesters, des Hauptanstifters des Auflaufs, und durch körperliche Bestrafung und Verstümmelung von etwa 1590 Personen geahnet. Viele hatten sich der Strafe durch die Flucht entzogen. Die Leiche des ermordeten Gesandten wurde in Tiflis am 29. Jul. 1829 im Kloster des heil. David feierlich beigesetzt. Seine Mutter und seine Witwe erhielten jede eine jahrliche Pension von 5000 Rubel, und jede außerdem eine Summe von 80,000 Rubel in Banknoten. (7) Griechenland. Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des neugriechischen Staates, von der Erhebung der Hellenen im Jahre 1821 bis zur Gegenwart, laßt sich am füglichsten in drei Abschnitten auffassen, welche zwar in pragmatischer Verbindung ein zusammenhangendes Ganzes bilden, allein an sich auch wieder durch äußere Erscheinungen nicht weniger als durch bestimmt hervorleuchtende innere Momente besonders charakterisier sind. Der erste, bis zu Anfange des Jahres 1829, zeigt uns die nur wenig unterstützten Hellenen allein unter Sieg und Misgeschick als Kampfer gegen die Gewaltherrschaft der Osmanen und als Ordner eines auf die junge Freiheit gegründeten selbständigen Gemeinwesens. Misso- lunghis Fall am 22. April 1826 könnte vielleicht als Endpunkt dieses Abschnittes 224 Griechenland gelten. Denn kurz vorher, am 4. April, war zu Petersburg das Protokoll umerzeichnet worden, welches das Einschreiten der drei europaischen Hauptmacht, zu Gunsten Griechenlands vorbereitete und damit die Sache der Hellenen zum Gegenstande der höhern Politik machte; und eben dieses charakterisirt als entscheidendes Moment den zweiten Abschnitt, für welchen, neben der Fortdauer des Freiheitskampfes, der zu London am 0. Jul.'1827 zwischen Rußland, England uno Frankreich abgeschlossene Pacificationsvcrtrag und die damit zusammenhangenden diplomatischen Unterhandlungen, das Erscheinen der vereinten Geschwader in den griechischen Gewässern, die Seeschlacht bei Navarin am October 1827 und die Wahl des Grafen Kapodistrias zum Präsidenten von Griechenland, als du einflußreichsten und bestimmenden Thatsachen genannt werden mögen. Vom Anfange des Jahres 1828 bis auf unsere Tage endlich geben Ankunft, Wirksamkeit und Ausgang des Präsidenten Kapodistrias, die förmliche Anerkennung der Selbständigkeit Griechenlands von Seilen dvr Pforte im April 18 iO, und die Begründung des conftitutionnellen Königthums die Grundzüge des dritten Abschnittes, deren weitere Ausführung uns hier allein beschäftigen soll, indem wir für die beiden vorhergehenden auf die bereits früher gegebenen Darstellungen verweisen können. (S. Griechenland Bd. 4, und Türkei und Griechenland Bd. 12, Anhang.) Ein Blick auf den Zustand Griechenlands zu Ende des Jahres 18Z7 und zu Anfange des folgenden Jahres mag die Darstellung der Ereignisse in den letzten Jahren vorbereiten. Zwei Gesichtspunkte bieten sich dabei von selbst dar: Griechenlands Stellung zu den Hauptmächten Europas nach seinen äußern politischen Beziehungen, und Griechenland nach seinen innern Verhaltnissen als neubegründeter Freistaat. Was das Erste betrifft, so hatte zwar die Schlacht bei Navarin dem Pacificationsvertrage vcm 8. Jul. mehr Nachdruck und eine höhere polirische Bedeutung gegeben; allein die Art und Weise, wie namentlich von Seiten Englands dieses Ereigniß betrachtet würbe, trug wesentlich dazu bei, daß es in seinen nächsten Folgen den Erwartungen nicht entsprach, zu welchem man sich von vielen Seiten berechtigt glauben mochte. Anstatt sogleich die einmal betretene Bahn mit Energie zu verfolgen, konnten sich die vermittelnden Machte kaum ein gegenseitiges Misttauen verhehlen, welches in ihre gemeinschaftlichen Unternehmungen eine gewisse Unbestimmtheit brachte, bis die unerwartet energischen Maßregeln der Pforte sie zu entschiedenem Schritten nß- thigten. In der ersten Hälfte des Decembere 1827 verließen die Gesandten Rußlands, Frankreichs und Englands Konstantinopel; nichtsdestoweniger erließ da Sultan am 20. December jenen berüchtigten Hattischerif an alle Paschas, worin er seine feindlichen Absichten, vorzüglich gegen Rußland, welches um diese Zeit das persische Armenien besetzt hatte, ganz unverhohlen an den Tag legte, und gab seinen Drohungen durch unausgesetzte und sehr umfassende Rüstungen noch mehr Nachdruck. Rußland erklärte hierauf im Februar 1828, daß es von da Pforte für sich Genuglhuung verlangen, aber in Bezug auf Griechenland mit den übrigen Mächten gemeinschaftlich handeln werde, und erließ dieser Erklärung gemäß bereits am 14. Marz die Kriegserklärung, welche den russisch-türki- sehen Krieg der zwei nächsten Jahre zur Folge hatte. Dieses entschiedene Lcml>- men Rußlands konnte natürlich auch nicht ohne vorteilhaften Einfluß auf die litik der übrigen vermittelnden Machte in Bezug auf Griechenland bleiben ; und wenn auch bei ihnen durchaus noch nicht jene Übereinstimmung in Planen und Ansichten stattfand, welche das Schicksal Griechenlands schnell entschieden und dar jungen Staat in ein bestimmteres Verhältnis zum europäischen Staatenverban r gestellt haben würde, so suchte man doch so viel möglich den Schein des genieß schaftiichen Handelns zu bewahren, wie sich namentlich bei der Wahl des Grast Griechenland 225 ick-' Kapodistrkas zum Präsidenten von Griechenland bereits im Laufe des verflossenen Jahres gezeigt hatte. Im Ganzen blieb jedoch unter diesen Verhaltnissen die Stellung Griechenlands zu den europaischen Großmachten noch sehr unbestimmt, ein Umstand, welcher für das Verständnis der spatern Ereignisse von großer Bedeutung ist, und namentlich bei der Beurtheilung der Wirksamkeit des Präsidenten ebenso wenig aus dem Auge gelassen werden darf, wie die Schwierigkeiten, mit welchen er bei dem zerrütteten Zustande des Landes im Innern zu kämpfen hatte. Obgleich das Land, namentlich Morea, durch einen langjährigen Ver- heerungSkrieg fast gänzlich erschöpft war, hatten doch die Hellenen nach der Schlacht bei Navarin, vorzüglich unter dem Einflüsse fremder Führer, eine Offensive ergriffen, bei welcher einige geringe Vorrheile mit den letzten Kräften fast zu theuer erkauft werden mußten. Schon im November wurde unter der Anführung des Obersten Fabvier jene voreilige Expedition nach der Insel Scio unternommen, welche nach einer mehre Monate langen mühevollen und erfolglosen Verlagerung der Eitadelle endlich im Marz 1828 mit dem schimpflichen Abzüge der Belagerer endigte. Fast um dieselbe Zeit suchte General Church die Eroberungen der Hellenen im westlichen Griechenland zu erweitern, und wenn er auch gleich anfangs einige bedeutende Vortheile errang, so fand er dagegen später, als ihm Reschid Pascha mit überlegener Macht entgegentrat, viel zu wenig Unterstützung, als daß er mit Glück auf der betretenen Bahn hatte schnell fortschreiten können; nur der Entschlossenheit und Ausdauer dieses Generals war es zu danken, daß man sich unter großen Mühseligkeiten fortwährend im westlichen Griechenland behauptete, und daß die Unternehmung, freilich erst im Mai 1829, mit der Eapi- tulation von Astatoliko und Missolunghi glücklich beendigt wurde. Morea war zu Ende 1827 noch zum größten Theile von den Truppen Ibrahim Paschas besetzt, und wo die Osmanen bereits das Feld geräumt hatten, übten einzelne unabhängige Heerführer eine vorübergehende Gewaltherrschast, welche drückender war als der osmanische Despotismus in seiner vollendetsten Ausbildung. Räubereien zu Land und zur See, offene Parteikämpfe und geheime Umtriebe der sich feindlich begegnenden Häuptlinge hatten mehr überhandgenommen als je zuvor. Vor Allem hatte seit der Schlacht bei Navarin die Seeräuberei furchtbar um sich gegriffen. Lord Cochrane that zwar, was in seinen Kräften stand, diesem Unsuge zu steuern; allein weder die Protestationen der alliirten Flotten, noch die Verhandlungen des zu Ägina errichteten Prisengerichtes, am allerwenigsten aber die Decrete der stellvertretenden Negierungscommission, waren geeignet, das Übel von Grund aus zu vertilgen. Erst als zu Ende des Februar 1828 das Raubnest Karabusa auf Kandis zerstört worden war, kehrte die Sicherheit auf den griechischen Meeren nach und nach wieder zurück. Die oberste Leitung der Geschäfte war seit der Wahl des Grasen Kapodistrias durch die Nationalversammlung zu Trözene einer stellvertretenden Rcgierungscommisston übergeben worden, welche zu Ägina ihren Sitz halte und aus drei Mitgliedern, Georg Mau- romichalis, I. M. Mila'itis und Iannulis Nako bestand. Jedoch hatte sie bei dem aufgelösten Zustande aller Verhaltnisse, und namentlich bei der grenzenlosen Zerrüttung der Finanzen weder Kraft noch Mittel, ihre Anordnungen und Be- schlüsse geltend zu machen und zur Ausführung zu bringen. Überdies wirkte auch die Verzögerung der Ankunft des Präsidenten, von welchem man neues Heil erwartete, in vieler Beziehung nachtheilig auf die Stimmung der Gemüther, und schon hatten sich einige misbilligende Stimmen dahin geäußert, man solle einem Andern, dem Maurokordatos, die Regierung des griechischen Staates anvertrauen, als Ioannis Antonios Kapodistrias im Januar 1828 auf Ägina landete und auf die Verfassung des Freistaates den Eid leistete. (S. Kapvdistrias). Aus dem Bisherigen ergibt sich von selbst, daß die Stellung des neuen Re- Eonv-Lex dx;- tieuestm Zeit und Literatur, U. 15 22K Griechenland gmten nicht nur im Bezug auf die völlig zerrütteten Elemente des innern Staats: lebens, sondern auch im Verhaltniß zu den vermittelnden Mächten höchst schwierig war. Galt es auf der einen Seite, jeden Schein etwaiger Begünstigung der be- sondern Zwecke der einen oder der and.rn jener Mächte sorgfältig zu vermeiden, st war aus der andern die noch schwierigere Aufgabe, mit Umsicht und Willenskraft dem fast noch chaotischen Gewirr entfesselter Kräfte die Gestalt eines geordneten Staates zu geben. Von einer richtigen Würdigung, einer zweckmäßigen Anwendung und einer endlichen glücklichen Ausgleichung der sich feindlich bekämpfenden Gewallen hing dabei das Meiste ab. Namentlich kam es darauf an, dieStellung der verschiedenen Elassen der Bevölkerung, ihre vermeinten oder rechtlich begründeten Ansprüche, ihre frühem Verhaltnisse und ihr? jetzigen gegenseitigen Beziehungen, ihre Macht, ihren Einfluß und ihre Bedürfnisse ohne Vorurtheil zu berücksichtigen und bei der Anordnung des Ganzen die Interessen der Einzelnen weder zu vernachlässigen, noch vorzugsweise zu begünstigen. Es war natürlich, daß sich bei einem lange unterdrückten Volke die verschiedenartigsten Bestrebungen um so schroffer begegnen mußten, je freier die Bewegung des einmal angeregten Geistes wurde, und je mehr man im Kampfe zum Bewußtsim der Kraft gelangt war, die nun Jeder für seine Zwecke geltend machen wollte. Als Kapodistrias den griechischen Boden betrat, theilte sich das Volk der Hellenen im Allgemeinen in drei Elemente: 1) Die Primaten, welche, im Besitze der meisten Ländereien und großer Reichthümer, ihre frühere einflußreiche Stellung unter den Paschas der Pforte noch nicht vergessen konnten, die ihnen damals über das niedere Volk zugestandene Gewalt auch bei der neuen Ordnung der Dinge zu behaupten suchten und daher jedem Streben nach geordneter Freiheit, welches mit ihren Planen nicht vereinbar war, hindernd entgegentraten. L) Die Armatolen und Klephtenführer mit ihren Scharen, welche zugleich mit den Waffen die Gewalt in ihren Händen hatten, und, obwol im Dienste der Regierung, jede durch die Nothwendigkeit eines gesetzlichen Austandes gebotene Ordnung als lästige Beschränkung ihres zügellosen und durch einen siebenjährigen Kampf noch gesteigerten Freiheitsstolzes von sich wiesen. Nur in der Verachtung des kleinen Haufens regulirter Truppen (der Taktiker), welche man ihnen, meistens unter ausheimischen Führern, entgegenzustell.n gedachte, und in ungestümen An- soderungen an die Regierung, welche ihnen fast nie Genüge thun konnte, stimmten sie überein; übrigens trennte sie Feindschaft und heillose Fehde, welche zwar meistens nur in vorübergehenden Parteikampf ausartete, zuweilen aber auch, wie zwischen Rumelioten und Moreoten, den ernstem Charakter des Bürgerkrieges anzunehmen drohte. Z) Die ackerbauende, gewerbtreibende und handelnde Classe, welche die Nachwehen des langen Krieges am schmerzlichsten empfand, sich nach Ruhe sehnte und daher für Alles, was auf die Herstellung eines geordneten Staatslebens und bürgerlicher Betriebsamkeit abzielte, die meiste Empfänglichkeil zeigte. Bildeten diese drei Elasten, welche je nach verschiedenen Interessen besondere Plane verfolgten, die Masse der Bevölkerung, so kann man ihnen als eine vierte die kleine Zahl Derer an die Seite setzen, welche mit höherer Bildung eine edle Begeisterung für die Wiedergeburt ihres Vaterlandes verbanden und, indem sie das Wohl der Gesammlheit vor Augen behielten, ihr ganzes Streben darauf richteten, der schwer erkämpften Freiheit durch angemessene Formen, durch moralische und wissenschaftliche Bildung des Volkes, Festigkeit und Schutz zu schassen, jeder Beeinträchtigung derselben aber mit Entschiedenheit die Spitze zu bieten, llnd endlich darf man auch nicht jene wenigen Fremdlinge vergessen, welche von lebhaftem Interesse für die Sache der Hellenen beseelt, schon seit Jahren in Griechenland lebten, sich zum Theil durch große Opfer und wichtige Dienste die Achtung des Volkes erworben hatten und durch Überlegenheit an Bildung einen bedeutenden Einfluß besaßen. Die richtige Behandlung und zweckmäßige Anwendung dustc Griechenland 227 verschiedenen Elemente und Kräfte war die wichtigste und schwerste Aufgabe des neuen Regenten, und von der Gewandtheit, mit welcher er sie zu lösen verstand, hing das Wohl des Landes und sein eigner Ruhm ab. Das Folgende mag uns lehren, wie Kapodistrias diese seine Stellung zu würdigen wußte, wie theils Vor- urlheil, theils einige Misgriffe im Beginn seiner Verwaltung ihn nach und nach systematisch zu jener unglückseligen Gewaltherrschast führten, welche, mit dem Geiste und den Bedürfnisten des Volkes im schroffen Widerspruche, dem Lande neues Unheil, ihm selbst den zeitigen Untergang brachte. Nicht mit Unrecht ist bemerkt worden, daß die Erschöpfung des Volkes, welche einem siebenjährigen Kriege folgen mußte, in die Hände des Präsidenten ein großes moralisches Gewicht legte. Dieses bewies unter Anderm die Bereitwilligkeit, mit welcher man einer noch vom Bord des englischen Kriegsschiffes, auf welchem Kapodistrias die Küsten Griechenlands erreicht hatte, erlassenen Proklamation Folge leistete, welche das noch unftat umherschweifende Volk zur Ablegung der Waffen ausfoderte. Selbst die in Zwietracht zerfallenen Häupter der Nation vereinten sich in der Anerkennung des Präsidenten. Grivas, mit Kolokotronis in offener Fehde, und im Besitz des Palamides, nahm ohne Weigerung den Präsidenten in die Festung auf, und lieferte so den wichtigsten Platz von Morea, welcher damals in der Gewalt der Griechen war, in dessen Hände. Den größten Theil der Halbinsel hatte um diese Zeit noch, obgleich unschädlich gemacht, der gefahrlichste Feind der jungen Freiheit, Ibrahim Pascha, besetzt. Das Vertrauen, womit das griechische Volk dem Präsidenten entgegenkam, gab den ersten Maßregeln desselben, welche gleichsam die Grundsteine des neuen Staatsgebaudes sein sollten, eine gewisse Energie, welche für die Zukunft zu den erfreulichsten Hoffnungen berechtigte. Kapodistrias erkannte sogleich, daß es vor Allem nölhig sei, der Regierung des jungen Staates jene formelle Bestimmtheit zu geben, welche ihr bisher gefehlt hatte und allein im Stande war, das Volk an Gesetzlichkeit und Ordnung zu gewöhnen. In dieser Absicht errichtete er, sobald die stellvertretende Regierungscommission abgedankt und der bisherige Senat durch ein Decret vom 30. Januar die gesetzgebende Gewalt niedergelegt hatte, das aus 27 Mitgliedern bestehende Panhelle- nion, das in seiner Gesammtheit dem Präsidenten als Staatsrath zur Seite stehen, zugleich ..ber auch in seinen Theilen die obersten administrativen Behörden für die Hauptzweige der Verwaltung, die Finanzen, das Innere, die auswärtigen Angelegenheiten und das Kriegswesen bilden sollte. Die unmittelbare Leitung der Geschäfte jedes Departements ward dagegen besondern Behörden übertragen, von welchen bereits im Anfange des Februar der Kriegsrath (?roX^«xo^ der Ministerialrats) welcher, unter dem Vorsitz des Präsidenten, die auswärtigen Angelegenheiten, sowie die des Handels und der Schiffsahrt zu besorgen hatte, und eine besondere Eommission für kirchliche Angelegenheiten kntiovTiH ins Leben traten. Später, im März, kam hierzu noch das Phrontisterion als allgemeine Vecwaltungscommission, welcher Bestimmung, Verwendung und Berechnung der Summen oblag, die der Staatsschatz für die verschiedenen Zweige der öffentlichen Verwaltung, vorzüglich die Unterhaltung der Land- und Seemacht, aufwenden mußte. Um den Geschäftsgang bei der Administration zu erleichtern und dem neuen Staatsorganismus mehr Bestimmtheit zu geben, ward bereits im April der neugriechische Staat, d. h. Morea und die Inseln, in 13 Departements getheilt, von denen sieben auf Morea (Aegolis, Achaja, Elis, Obermessenien, Niedermessenien, La- kenien und Arkadien), und sechs auf die Inseln (nördliche, östliche und westliche ^poraden, nördliche, südliche und mittlere Entladen) kamen. Für jedes Departement ward zunächst ein außerordentlicher Eommissair (exT-o-xro? ker/rrm- erwählt, welcher vorläufig den Grund zu einer geordmeten Provinzialverwal- ls>5 228 Griechenland tung legen sollte und in unmittelbarer Verbindung mit den obersten Staatsbehörden blieb. Zu den ersten Obliegenheiten dieser Commiffaire gehörte es daher, den Zustand der Bevölkerung in jedem Departement, Zahl, Gewerbe und Bedürfnisse der Eingeborenen und der Fremden genau zu ermitteln, um hiernach die Art und Weise der Verwaltung, und namentlich die Besteuerung der einzelnen Gemeinden bestimmen zu können; ferner über die Wahl der einzelnen Demogeronten und die Einrichtung dcs Municipalwesens zu wachen, sowie für Kirchen, Klöster und Schulen Sorge zu tragen. Den Decreten, welche der Präsident in Bezug auf diese Anordnungen in der Civilverwaltung schnell nach einander erließ, standen bei der Ausführung freilich große Hindernisse im Wege. Es war ohne Zweifel einer der unglückseligsten Misgriffe Kapodistrias', daß er die Hellenen, welche noch nicht gewöhnt waren, sich den Erfodcrnifsen eines ausgebildeten Staatslebens zu fügen, gleich anfangs nach der Art und den Formen geordneter europäischer Staaten zu regieren und seinem Witten unterthan zu machen gedachte. Schon in den ersten Monaten seines Waltens blieben mehre der zu voreilig erlassenen Decrete unbeachtet; Mistrauen auf Seiten des Volkes war hiervon die natürliche Folge, wahrend der Präsident selbst die meist in der Ungunst der Verhaltnisse begründeten Verhinderungen seiner Plane zum Theil einer absichtlichen Böswilligkeit feindlicher Parteien zuschreiben mochte, welcher er aufjede Weise, selbst gewaltsam, begegnen zu müssen glaubte. Fehltritte waren dabei unvermeidlich; Zeit und Kraft wurden kleinlichen Zwecken aufgeopfert, während man nicht selten die höhern und größern aus dem Auge verlor. Bald sing das gegenseitige Vertrauen an, wankend zu weiden, und schon im Laufe des ersten Jahres wurden die Keime jenes heillosen Zwiespalts zwischen Volk und Regenten gelegt, welche in spaterer Zeit auf eine so traurige Weise zur Entwickelung gediehen. So mußte es z. B. höchst nachtheilig aus die Stimmung des Volkes wirken, daß die Nationalversammlung, welche der Präsident sogleich am Tage nach seiner Ankunft auf den 1. April zu versammeln versprochen hatte, nicht nur nicht zur festgesetzten Zeit berufen, sondern sogar noch weit über ein Jahrverschoben wurde. Kapodistrias entschuldigte sich deshalb zwarnoch im Lause des Aprils beim Panhellenion mit der Unkenntniß der Verhaltnisse, unter welchen rr Regierung des neuhellenischen Staates übernommen habe; allein leicht konnlm dergleichen Erklärungen von Seiten seiner Gegner in dem gehässigen Lichte despotischer Willkür dargestellt werden, zumal da die aufkeimende Opposition in dem um diese Zeit, seit dem L3. Febr. 18L8, erscheinenden „Oourrier Lm^rne" ein ebenso williges als gefahrliches Organ fand. Auch mochten sich mehre der früher einflußreichen Haupter der Nation bei den neuen Einrichtungen des Präsidenten durch wahre oder vermeinte Zurücksetzmrg beleidigt fühlen. Bereits im Mai verbreitete sich das Gerücht, man habe eine Verschwörung gegen die Person des Präsidenten entdeckt, an deren Spitze sich Kolokotronis befinde, und im Junius bewies die unerwartete Verhaftung der drei Mitglieder der aufgelösten stellvertretenden Regic- rungscommission und einiger angesehenen Spezzioten, welche als Häupter der den Absichten des Präsidenten feindlichen Jnsilpartei bezeichnet wurden, zur Genüge, daß Kapodistrias nicht nur dem einmal angeregten Verdachte Raum gegeben habe, sondern auch entschlossen sei, seine Selbständigkeit als Regent durch jedes ihm zu Gebote stehende Mittel zu sichern. In dieser Absicht wandte er neben der Civilverwaltung große So-rgfalt auf das Militairwesen, da es ihm vorzüglich darum zu lhun sein mußte, die materielle Kraft im Volke für seine Zwecke zu gewinnen. Die Starke des Heeres bestand bei der Ankunft des PrasidenSen in den über alle Theile des Festlandes zerstreuten Armatolencorps, welche ohne Einheit und Plan je nach Willkür und Zufall einzelne Distrikte besetzt hatten, unter sich aber meistens durch heillose Fehde zerfallen waren. In Westgn'echenland schlössen sich um diese Zeit die meisten Heerführer an das Corps des Generals Cburch an; um nun auch suc Griechenland 229 die über Morea zerstreuten Truppenabtheilungen, deren Gesammtheit auf 8000 geschätzt wurde, einen Einigungspunkt zu gewinnen und sie mit Nutzen anderwärts zu verwenden, erhielten sie, nachdem ihnen durch eine Proklamation vom 1. Febr. Gehorsam gegen den Präsidenten empfohlen worden war, den Befehl, sich bei Da- mala zu sammeln, wo sie noch vor Ausgang desselben Monats von Kapodistrias selbst gemustert wurden. Zu gleicher Zeit ward ein neues Reglement über Ein- theilung, Sold, Verpflegung und Disciplin dieser Truppen nach europäischem Muster erlassen, welches ohne Zweifel mehr Anklang gefunden haben würde, wenn der Präsident im Stande gewesen wäre, auch übrigens den billigen Erwartungen der Truppen in Bezug auf die Auszahlung des rückständigen Soldes zu entsprechen. Allein leider mußte er sie in dieser Beziehung mit der Unzulänglichkeit der Mittel des Staatsschatzes von sich weisen, und konnte auch für die Zukunft, außer der regelmäßigen Lieferung von Lebensmitteln, nur vierteljährige Soldzahlungcn versprechen. Dergleichen Dinge waren freilich wenig geeignet, den aufrührerischen Geist der Armatolcn und Palikarcn für die neue Ordnung der Dinge empfänglich zu machen, um ihn aber wenigstens so viel als möglich abzuleiten und zugleich dem Staate dadurch einen wesentlichen Nutzen zu schassen, wurden sie in kleinem oder größern Abtheilungen an den Hauptposilionen vertheilt, wo sie theils den noch auf dem hellenischen Festlande verweilenden Türken die Communication abschneiden, theils die Eroberungen der Hellenen im Norden nach Kräften erweitern sollten. Das Corps des Generals Church in Westgriechenland wurde durch 1000 Mann verstärkt, um es in Stand zu setzen, sich in Akarnanien bis zum Golf von Arta auszudehnen, und zugleich der Festung Missolunghi die Zufuhr zu Lande abzuschneiden, während sie von der Seeseite durch Oberst Hastings mit der Karteria und einigen andern Kriegsfahrzeugcn blokirt werden sollte; eine andere Abtheilung, gleichfalls 1000 Mann stark, wurde nach den Engpässen von Attika abgeschickt, um wo möglich die Türken in Athen auszuhungern, während das Hauptcorps im östlichen Griechenland, unter Demetrios Ppsi'lanti, bis an die Engpässe von Tbessalien vorrücken sollte, um den Bewohnern des Olymps, welche sich zum Aufstand geneigt gezeigt hatten, im Fall der Noth Hülfe zu leisten. Jedoch kamen diese Plane nur zum Theil zur Ausführung; noch im Mai wurde das Corps des Demetrios Bpsilanti von dem Bruder des Präsidenten, Viaro Kapodistrias, welcher unterdessen zum Mitglieds der Generalintendanz für die Truppen des Festlandes ernannt worden war, in dem Lager zwischen Megara und Eleusis gemustert, von wo es erst im Octobcc gegen Salona aufbrach. Je weniger aber überhaupt der Präsident sich das Zutrauen der unregelmäßigen Truppen sichern zu können glaubte, desto größere Aufmerksamkeit widmete er der Organisation und Erweiterung deS ganz nach europäischem Muster gebildeten Corps der Taktiker, welche er an strengere Subordination zu gewöhnen und dann gleichsam als Gegengewicht gegen den unruhigen Geist der Armatolen gebrauchen zu können hoffte. Den Kern dieser Taktiker bildeten damals die Reste des regulairen Corps, welches Oberst Fabvier mit zur Expedition gegen Scio verwendet hatte und eben nach Mc- thana zurückgekehrt war. Eine Musterung, welche bier Kapodistrias selbst in den ersten Tagen des Aprils unternahm, führte ihn zu der Überzeugung, daß die schleunigste Vermehrung der Taktiker unumgänglich nothwcndig sei. Schon am 22. April wurde daher ein besonderes Decret erlassen, dem zufolge eine Conscription zur Verstärkung der Armee, von Einem Kopf auf Hundert, vorgenommen werden sollte. Die Conscriptionspflichtlgen sollten das Loos ziehen und dann sämmtlich den regulairen Truppen einverleibt werden, welche man dadurch um 0000 Mann zu verstärken gedachte. Daß diese dem Geiste und der Sitte der Hellenen völlig fremde Maßregel bei dem ungeordneten Austande des Landes ohne allen Erfolg bleiben würde, hatte man vorhersehen können. Selbst Fabvier, welcher seit mehren Jah- 230 Griechenland M ' 5 I ren die Seele der Taktiker gewesen war, schien den Maßregeln der Regierung seinen Beifall nicht zu schenken, sagte sich kurz darauf von, allen Verbindlichkeiten gegen dieselbe los und kehrte um die Mitte des Jahres nach Frankreich zurück. An seiner Stelle übernahm Oberstlieutenant Heidegger (s.d.) die weitere Organisation der regulairen Truppen, welche er durch Anwerbung von Freiwilligen wenigstens auf 3999 Mann zu bringen beabsichtigte. Au gleicher Zeit ward die Errichtung eines Regiments Artillerie dccretirl, für welches man vorzüglich die jungen Matrosen von Hydra, Spezzia und Jpsaca zu gewinnen hoffte, und überhaupt in die verschiedenen Zweige der Militärverwaltung, unter Heidegger's Leitung, eine höchst wohlthätige Ordnung und Bestimmtheit gebracht. Freilich war das Fortschreiten der neuen Organisation hier am meisten von den Mitteln abhangig, welche der Regierung dazu zu Gebote standen; und wenn wir daher, neben der Abneigung der Hellenen gegen jeden disciplinirten Militärdienst, noch den schlechten Austand der Finanzen in Anschlag bringen, so darf es uns nicht wundern, daß sich das Corps der Taktiker noch in den ersten Monaten des Jahres 1829, nach Heidegger's eignen Berichten, nur etwa auf 2599 Mann belief, welche in vier Esca- drons Cavalerie, eine Compagnie Matrosen, drei Bataillons Infanterie, ein Bataillon Artillerie und zwei Coinpagnien Ouvriers und Invaliden eingetheilt waren. Noch weit größere Schwierigkeiten als bei der Organisation der Landmacht, waren bei der Einrichtung der Marine zu überwinden, deren zweckmäßige und baldige Gestaltung schon an sich die Würde und Selbständigkeit des griechischen Staates zu erheischen schien. Denn die griechische Marine hatte seit dem Erscheinen der vereinten Geschwader vor Navarin an ihrer frühern Bedeutung viel verloren, und war durch den theilweise nicht ungegründeten Verdacht der Teilnahme alt der Seeräuberei in der Achtung der europaischen Flaggen sehr gesunken. Als Kapodistrias die Regierung des griechischen Staates übernahm, waren die meisten Fahrzeuge immer noch Privateigcnthum, und raubten und plünderten auf eigne Faust, da sie im Dienste der Negierung weder angemessene Beschäftigung noch den zu ihrer Erhaltung nöthigcn Sold fanden. Besi'tzthum des Staates waren damals nur die von Oberftlieutenant Heidegger erbauten Kanonierschaluppcn, die Corvette Hydra und die Fregatte Hellas, an welche sich einige Fahrzeuge von den drei Inseln anschlössen. Die Hydriotcn boten zwar dem Präsidenten, kurz nach seiner Ankunft auf Ägina, ihre Dienste an; allein die Art und Weift, wie sie bei dieser Gelegenheit ihre Ubermacht zur See für ihren eignen Vortheil geltend machen wollten, bewog Kapodistrias, sie mit der Erklärung zurückzuweisen: die Existenz Griechenlands hänge keineswegs von der hydriotischen Marine ab; er habe Mittel in Händen, die Misbräuche, welche verhinderten, daß das Vaterland nicht auf die Marine rechnen könne, auszurotten; sie werde in Zukunft auf gleichen Fuß wie die Landarmee besoldet werden, und so sei es ihr eigner Vortheil, sich seinen Befehlen zu fügen. Im Wesentlichen war hierdurch nichts gewonnen, und die einzige traurige Folge davon war jene heillose Spannung, welche in den letzten Jahren die Insel Hydra und die Regierung auf so nachtheilige Weise entzweite. Um nur zunächst der griechischen Flagge wieder einige Achtung zu verschassen, sorgte der Präsident für eine strengere Schiffs- und Hasenpotizei, der sich alle Kauf- fechcer, welche die dem Staate zugestandene Anerkennung für sich in Anspruch nehmen wollten, fügen mußten. Jedes Schiff, welches fortan auf gesetzliche Weise Handel treiben wollte, ward verpflichtet, die griechische Flagge aufzustecken, über Größe, Werth und Bestimmung bei den Hafenvorständen seiner Heimath eigne Diplome zu lösen und überdies noch durch Pfand und Zeugen die Richtigkeit seiner Angaben zu verbürgen. Wurde dann der Eapitain ans ungesetzlichem Wege ergriffen, so ging das Pfand verloren und die Bürgen wurden zum Ersatz des etwa Griechenland 231 angerichteten Schadens angehalten. Man gewann zwar hierdurch zuvörderst eine sichere Grundlage für die Organisation der Marine, aber es fehlte freilich auf der andern Seite auch hier an Mitteln, auf dieser schnell und mit Erfolg fortbauen zu kennen. Größere Unternehmungen zur See gestattete die geringe Zahl disponibler Schiffe nicht; ihre Vermehrung verbot der Zustand des Staatsschatzes, und so mußte die Regierung ihre ganze Thätigkeit zur See darauf beschranken, daß sie die noch von Ibrahim Pascha besetzten Hafenplatze in Morea, sowie die Küstenfestun- gendes westlichen Griechenlands und aufKandia, in Blokadczustand erklärte, wozu sie aber nur ein kleines Geschwader von acht Kriegsbriggs und Goeletten mit einigen Kanonierschaluppen unter Concreadmiral Sachturis bestimmen konnte, was denn doch mit der zu deckenden Linie, von Dragomestre in Akarnanien bis Karabusa auf Kandia, in ziemlichem Misverhältnisse stand. Die Fregatte Hellas, durch welche das Geschwader hatte verstärkt werden kennen, mußte um dieselbe Zeit nebst einigen kleinem Fahrzeugen, unter Admiral Miaulis, gegen die Seeräuber im ägäischcn Meere kreuzen, ein Auftrag, dessen sie sich in kurzer Zeit zu Ehre des Staates mit dem besten Erfolge entledigte. Hätte der Präsident gleich anfangs über ansehnlichere finanzielle Mittel gebieten können, so würde er ohne Zweifel größere Plane gefaßt und ausgeführt, und überhaupt bei der neuen Organisation des Staates mit mehr Sicherheit und Entschiedenheit zu Werke gegangen sein. Allein gerade in dieser Beziehung stieß er überall auf unübersteigliche Hindernisse. In der Hoffnung, daß er seinen Einfluß zu Gunsten des griechischen Volkes vorzüglich geltend machen könne, hatte ihn bereits die Nationalversammlung zu Trözene, kurz nach seiner Berufuvg, ermächtigt, gegen Verpfändung von Staatsgütern eine Anleihe von fünf Millionen Thalern zu machen, womit man wenigstens die dringendsten Bedürfnisse des Staatshaushalts auf einige Zeit decken zu können hoffte. Kapodistrias schickte damals schon einen Theil seines Vermögens an die stellvertretende Regierungscom- mission, konnte aber, ungeachtet seines Namens und seiner persönlichen Bemühungen, die bereits etwas erkaltete Theilnahme an der Sache der Griechen nicht so weit wieder beleben, daß man ihr größere Opfer gebracht hätte, zumal da man über Art und Werth der zu verpfändenden Staatsgüter nicht die genügende Sicherheit hatte. Bei seiner Ankunft in Griechenland fand er daher nicht nur die Staatskassen völlig leer, sondern auch die Verwaltung der Staatseinkünfte in einer solchen Zerrüttung, daß er nicht einmal auf die wenigen Hülfsguellen, welche zeither dem Staate zu Gebote gestanden hatten, mit Bestimmtheit rechnen konnte. Die Norh- wendigkcit außerordentlicher Hülfe belebte sogleich wieder den Gedanken einer Anleihe, zu deren Negociirung der Bruder des Präsidenten, Graf Viaro Kapodistrias, sich nach England begeben sollte. Da man sich hierbei aber überhaupt nur wenig Erfolg versprechen konnte, und im besten Falle der nächste Zweck, schleunige Hülfe, nicht einmal erreicht wurde, so gab man diesen Plan schnell wieder auf, um zuvörderst die noch übrigen Kräfte des Landes zur Realisirung eines andern in Anspruch zunehmen, von dessen Gelingen man die besten Erwartungen hegte, nämlich die Begründung einer Naiionalbank. Gegen acht Procent Zinsen und das Anerbieten von Nationalgütern als Hypothek, sollte es Einheimischen und Fremden freistehen, Gelder in der Nationalbank anzulegen, und da der Präsident dabei vorzüglich auf die Theilnahme der reichern Kaufleute in Griechenland selbst, welche noch am meisten disponibles Capital besaßen, rechnete, so erließ er bereits am 16. Februar ein Umlaufschreiben an alle begüterten Bürger im ägäischen Meere, im Pclopon- nes und in den Provinzen des Festlandes, worin er sie zur Einlage in die Bank besonders auffoderte. Die Mahnung fand zwar nicht überall gleich günstige Aufnahme; aber das Beispie! des Präsidenten, welcher selbst mit seiner nächsten Umgebung die ersten bedeutenden Einlagen machte, blieb nicht ohne wohlthätigcn Ein- 232 Griechenland tluß auf Andere, und so belies sich bereits im Mai, wo auch Eynard 50,000 Einlage machte, das Eapital der Bank auf 100,000 Kolonaten, freilich n^r nominal, denn mehre der Beitragenden waren eigentlich nur Staatsgläubigcr welche ihre Schuldfoderungen der Bank zuschreiben ließen, um wenigstens noch tie Zinsen davon zu genießen. Obgleich nun durch die Nationalbank die dringendsten Bedürfnisse zum Theil gedeckt und der öffentliche Credit wieder gehoben wurde, st konnte sie doch im Verhaltnisse zu dem ganzen Umfange des Staatshaushaltes namentlich auf die Dauer, nur eine geringe Hülfe sein. Kapodistrias suchte daher gleichzeitig durch eine geordnete und strenge Verwaltung der Finanzen die dem Staate zustehenden, aber unter der frühern Regierung fast versiechten Hülfsquellen wieder zu öffnen. Die Begründung eines durchgreifenden und haltbaren Systems directer Besteurung setzte freilich eine genaue Negulirung und Schätzung des Grundbesitzes voraus, welche für jetzt bei der Ungewißheit aller territorialen Verhältnisse und bei dem Mangel der dazu erfoderlichen Mittel nicht ausführbar war. Die Staatseinkünfte bestanden daher überhaupt nur in indirekten Abgaben, nämlich den Zehnten, den Zöllen, den Abgaben von Manufakturen und einigen Acci- sen und Taxen. Die unmittelbare Verwaltung derselben würde, ganz abgesehen von den damit verknüpften Schwierigkeiten, einen Kostenaufwand verursacht haben, der fast ihrem Ertrage gleich gekommen wäre, und so sah sich die Regierung genöthigt, das bereits bestehende System der Verpachtung der Einkünfte beizubehalten. Die früher abgeschlossenen Pachtcontracte wurden annullirt, den dabei Betheiligten ward Entschädigung zugesagt, und die Beitreibung der Rückstände, welche im Gesammtbetrag mehre 100,000 Piaster ausmachten, nach Kräften ins Werk gesetzt. Ein reiner Gewinn von 50,000 spanischcnZhalern ergab sich hiervon in kurzer Zeit. Schon in den letzten Tagen des Februars begann hierauf die neue Versteigerung der Staatseinkünfte unter der der Regierung sehr günstigen Bedingung der Vorausbezahlung. Doch fanden nur die Einkünfte der Inseln willige Abnehmer; in Morea war Ibrahim Paschas Anwesenheit Hindcrniß genug, daß die Zehnten der dort angebauten Ländereien nicht verpachtet werden konnten, weil die Pachter in steter Besorgniß schweben mußten, daß sich die Ägypter der Ernte bemächtigen möchten; und das Land jcnseit des Jsthmos konnte hier so wenig, als bei der oben erwähnten Eintheilung in Departements in Betracht kommen, weil man noch nicht einmal Gewißheit darüber hatte, ob und in welcher Ausdehnung es Bestandthcil des neugriechischen Staates sein werde. Auch diese Finanzoperation entsprach daher nicht ganz den Erwartungen, und schon im März erklärte der Präsident in einem Privatschreiben an Eynard, daß ihm die Organisation des griechischen Staates nur dann möglich sein werde, wenn sich die hohen Mächte, welche Griechenland in ihren besondern Schutz genommen hatten, zu einer Anleihe von 20 Millionen Francs verstehen würden: eine Erklärung, die freilich nicht länger unberücksichtigt bleiben konnte, als sie der Präsident etwa einen Monat spater mit der ausdrücklichen Versicherung, daß er mit seinen geringen Geldmitteln sich in Griechenland nicht halten könne und genöthigt sein würde abzutreten, of- siciell wiederholt hatte. Die Unterhandlungen, welche deshalb von Seiten der großen Mächte gepflogen wurden, führten endlich zu dem Resultate, daß sich Frankreich und Rußland anheischig machten, vorläufig monatlich zusammen 1,000,000 Fr. als Subsidien an die griechische Regierung zu zahlen, England dagegen für jetzt lede Hülfleistung verweigerte. Frankreich war hierauf der erste Staat, welcher durch die Ernennung eines besondern Agenten mit der griechischen Regierung in ein förmliches diplomatisches Verhaltniß trat. In der Person des Obersten Varon Iuchereau de St.-Denis erschien derselbe bereits im Junius auf Ägina, und uderreichte dem Präsidenten, zugleich mit seinem Creditiv als französischer Generalkonsul in Griechenland, die ersten 500,000 Francs zum Geschenk. Fast um die- S Griechenland 233 selbe Zeit über sch'ckte die Kaiserin Mutter von Nußland der Regierung ein Geschenk von 200,000 Silberrubeln, und der Kaiser selbst ließ der Nationalbank 2,000,000 Francs als Darlehn zu fünf Procent Zinsen anweisen. Auch wurden von beiden Seiten wegen der gewünschten Anleihe genügende Zusicherungen gegeben, und überhaupt gewannen seit dieser Zeit die Verhaltnisse Griechenlands zu den vermittelnden Großmachten jene langst vermißte Bestimmtheit, welche der Präsident selbst als die sicherste Grundlage der innern Vewaltung betrachtete. Mit Frankreich im Einverstandnisse schickten einige Monate spater auch England und Rußland diplomatische Agenten an die griechische Regierung (Dawkins und Graf Bulgari), wahrend die endliche Ausgleichung der griechischen Angelegenheit die Cabinete wieder lebhafter als je beschäftigte. Die Räumung Moreas von Seiten Ibrahim Paschas war dabei natürlich die erste Bedingung jeder weitern Unterhandlung. Admiral Codrington hatte wahrend seines Aufenthalts in den Gewässern von Navarin bereits am 28. Mai an Ibrahim Pascha eine Aussoderung erlassen, worin er ihm den Entschluß der Machte erklarte, auf der Ausführung des londoner Tractats zu bestehen, und zugleich die Mittel anbot, die Halbinsel zu räumen. Ibrahim soll hierauf zwar feine Bereitwilligkeit in einer Unterredung mit Kapodistrias im Julius zu Navarin zu erkennen gegeben haben; allein ungeachtet seiner in vieler Beziehung mislichen Lage mußte er sich dem um diese Zeit von der Pforte im Zorn über Rußlands feindliche Bewegungen erlassenen Ferman fügen, welcher allen Paschas, und ihm vor allen, die strengste Weisung gab, ihre Posten unter jeder Bedingung mit der größten Beharrlichkeit zu behaupten. Bei einer Zusammenkunft des Grafen Kapodistrias mit den Viceadmiralen Codrington und Heyden auf Zante war man dann übereingekommen, daß wenigstens eine ernstliche Demonstration, zu welcher bereits Frankreich willig die Hand geboten hatte, nöthig sein würde, um Ibrahim zum Abzug zu bewegen. Obgleich daher Kapodistrias bei seiner Ankunft in Griechenland erklärt hatte, er hoffe den griechischen Boden ohne fremde Hülfe von Feinden zu befreien, so machte er doch im August, nachdem bereits Admiral Codrington am 0. dieses Monats mit Mohammed Ali Pascha einen förmlichen Vertrag über die Räumung Moreas abgeschlossen hatte, in einem Rundschreiben an das Pan- hellenion, an die außerordentlichen Commissaire der Provinzen und die Befehlshaber der Truppen eine officiclle Mittheilung über die Annäherung eines französischen Hülfscorps, dessen Zweck sei, die Räumung von Morea zu beschleunigen. Wir erinnern hier bloß an die Expedition der Franzosen nach Morea, um auf den Einfluß aufmerksam zu machen, den sie in ihren Folgen auf die diplomatischen Verhandlungen über Griechenlands Schicksal und auf die innere Verwaltung des Landes unter dem Grafen Kapodistrias hatte. Nach der Räumung der Halbinsel stellten die drei Mächte bereits durch einen Vertrag vom 10. Nov. 1828 Morea und die cykladischen Inseln unter ihre provisorische Garantie, und ungeachtet der hartnäckigen Verweigerung jeder Theilnahrm an friedlicher Ausgleichung von Seiten des Sultans, wurden die nördlichen Grenzen des neugriechischen Staates nach Beseitigung einiger streitigen Punkte durch das Protokoll vom 22. März 1829 bis zu den Meerbusen von Acta und Volo ausgedehnt. Der Tagsbefchl wegen der Rückkehr der Franzosen aus Morea war bereits am 28. December des vorigen Jahres erlassen worden; doch entsprach es nur den Wünschen des Präsidenten, als ihm zu Ende des März Marschall Maison die officielle Mittheilung machte, daß bis auf weitere Ordre, welche von dem Gange der Unterhandlungen mit der Pforte und den Fortschritten in der Organisation der von Feinden befreiten Halbinsel abhängen würde, ein Beobachtungscorps von 5000 Mann in Morea bleiben sollte. Je mehr sich aber in allen diesen Bestimmungen der feste Wille der Großmachte kund that, den neugriechischen Staat gegen die Pforte sicherzustellen, 234 Griechenland und mit dem europäischen Staatenvereine in ein angemessenes Verhältniß zu brin- gen, desto bestimmtet war der Gang des Präsidenten bei der innern Organisation des Staates, desto schneller gediehen die Keime der neubegründeten Ordnung zu erwünschter Entwickclung. Sobald nur einmal durch die dem Staatsschatze zu Theil gewordene Hülfe die dringendsten Bedürfnisse gedeckt waren, erweiterte der Präsi- denk seinen Gesichtskreis. Die Kriegsopcrationen im östlichen und westlichen Griechenland wurden mit neuem Eifer betrieben und mit Glück vollendet; an den Unterhandlungen über die Grenzen des griechischen Staates, welche von den Bevollmächtigten der vermittelnden Eabinete erst auf Poros, dann zu Neapel gepflegt wurden, nahm Kapodistrias persönlich den lebhaftesten Antheil. In dem fast ganzlich verwüsteten Mcrca konnte die Herstellung der Ordnung freilich nur langsam von statten gehen; allein es geschah auch hier noch vor Ablauf des Jahres, >vas Mittel und Umstände erlaubten. Durch die Anlage des Waisenhauses auf Ägina und die Errichtung von Elementarschulen in mehren Theilen des Festlandes und der Inseln ward eine tüchtige Jugendbildung vorbereitet, mit großem Eifer und dem besten Erfolge ward in einigen Gegenden, z. B. um Argos, das wüste Land neu angebaut; in der ersten Hälfte des Octobers legte der Präsident im Einverständnisse mit dem Panhellenion den Grund zu einer längst vermißten Poftanstalt, und überall berechtigte die erste Gestaltung der rohen Elemente zur freudigen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Daß dabei freilich einzelne Zweige der Verwaltung, wie namentlich das Gerichtswesen, noch etwas vernachlässigt blieben, und daß von Seiten des Präsidenten nicht allen Erwartungen und Ansprüchen, welche in vielen Fällen Kräfte und Mittel der Regierung ganz aus den Augen verloren, genügt werden konnte, bedarf bei dem aufgelösten Zustande des Landes und der leidenschaftlich angeregten Stimmung des Volkes weder Erklärung noch Entschuldigung. Kapodistrias erkannte wol nach Vcrfluß von wenigen Monaten, daß Strenge und Festigkeit nöthig sei, nm Eitelkeit und Freiheitsstol; des griechischen Volkes den Gesetzen eines geordneten Zuftandes unterthan zu machen; allein es gelang ihm nicht immer, seine Grundsätze und Maßregeln mit dem Geiste, den Bedürfnissen und Interessen desselben in eine dem Ganzen heilsame Harmonie zu bringen. Die Unzufriedenheit und MiSbittigung, welche sich schon gegen Ende des ersten Jahres auf die unzweideutigste Weife äußerten, erklären sich hierdurch am natürlichsten. Eine Verschwörung der durch die Unterdrückung der Piraterie beeinträchtigten Jpsarioten und Spezziotcn wurde entdeckt und geräuschlos in ihrem Entstehen unterdrückt. Weit gefährlicher und nachtheiliger war dagegen das Misvergnügen, welches mehr und mehr in den hohem Classen des Volkes herrschend wurde und in der bereits berührten, vermeinten oder wahren Zurücksetzung derselben seinen Grund hatte. Unglücklicherweise verstand es Kapodistrias nicht, mit der bei seiner Stellung nöthigen Unabhängigkeit und Freiheit des Handelns jene kluge Nachgiebigkeit zu verbinden, durch welche er selbst seine Gegner für seine Plane hatte gewinnen mögen; vielmehr führte ihn eine falsch angewendete Confequen; zu Repressalien, welche bei der Reizbarkeit der Beleidigten ihren Zweck völlig Verfehlren und die einmal eingerissene Spaltung auf alle Zeiten unheilbar machten. So sehr auch der Präsident bei der ersten Organisation der Civil- und Militärverwaltung durch die Anstellung der einflußreichsten Häupter der Nation, der Kondurions, Maurorm'chalis, Kolo- kotronis, Maurokordatos und Anderer, Vertrauen und Zuneigung erweckt hatte, so schnell schwanden diese, als er nach Verlauf von einigen Monaten durch d>e höchst unkluge Begünstigung seiner Landsleute, der Korsiolen, und vorzugsweise seiner Brüder, Viaro und Augustin, gewissermaßen'den Nationalstolz der Hellenen beleidigte. Namentlich gab die Art und Weise, wie Viaro Kapodistrias die ibm bei den höchsten Staatsbehörden, dem Phrontistcrion und den» Panhellenion, oder Griechenland 235 als außerordentlichen Commissair in den Provinzen anvertraute Gewalt geltend zu machen suchte, dem W.Uten der Regierung den Schein einer fast systematischen Willtür, welche mit den Interessen des Landes und mit den Hoffnungen des Volkes in offenbarem Widerspruche stand. Das Beispiel Maurokordatos', welcher bereits im August 1828 aus Unwillen über die verkehrten Maßregeln der Regierung seiner Stelle als Mitglied der Commisston für die Verwaltung der Kriegsvorrathe entsagt und für jetzt jede anderweitige Anstellung im Staatsdienste von sich gewiesen hatte, blieb nicht ohne Nachahmer und wirkte höchst nachtheilig auf die Stimmung des Volkes im Allgemeinen. Die Klagen über die an sich natürliche Erhöhung der Abgaben, die Beschrankungen des Handels durch Sanitatsmaßregeln, welche das Erscheinen der Pest auf einigen Inseln und an mehren Orten des Peloponnes nöthig gemacht hatte, vor Allem aber die Verzögerung der langst versprochenen Nationalversammlung, wurden von Tage zu Tage hausiger und bildeten, genährt durch die erbitterten Angrisse des „(^onerier ti diitz Schriften über neugriechische Geschichte und Literatur bekannt gewordene Iakovaki tinch«, Rizos Neroulos, welcher mit dem Präsidenten nach Griechenland zurückgekehrt teinWj war und die Stelle des ersten Secretairs bei der Nationalversammlung von Argos UF W verwaltet hatte. Mitglieder der Finanzcommission wurden Kondostavlos, Stauros ÄM und Papadopulos, der Rechnungs- und Controlekammer Ekonomidas, Spanio- lakis und Tassika. ^ seinen Die Wirksamkeit sammtlicher neu eingerichteten Behörden sollte am 1. Oct. UM- beginnen. Die heilsamen Folgen, die man sich davon wenigstens auf Seiten der Regierungspartei und im Auslande für die Befestigung der öffentlichen Ruhe und M^l- Ordnung, sowie des gegenseitigen Vertrauens versprach, konnten bei dem immer lmm noch sehr zerrütteten Zustande des Landes und namentlich bei der Beschaffenheit des MA Personals, welchem zum Theil Gewandtheit und Neigung, sich den Unbequemlich- keiten eines strenggeordneten Gefchaftslebens zu fügen, entgehen mochte, freilich erst mit der Zeit bemerkbar werden. Je weniger und je spater sie sich aber fühlbar machten, desto mehr gaben die neuen Einrichtungen der Regierung der Opposition, M Un- welche sie nur als ebenso viel Schritte zu einer systematischen Despotie darzustellen bemüht war, Gelegenheit zu heftigen und scheinbar gegründeten Angriffen auf de- ren Urheber, den Präsidenten und feinen Anhang. Und leider fanden die kühnsten Anklagen, wahr oder nicht, fast in allen Theilen des Staates einen fruchtbaren Bo- ^ ^ den, worin sie um so üppiger fortwucherten, je eifriger die Regierung daran arbei- AM sie entweder sogleich im Entstehen zu unterdrücken, oder wenigstens ihre Ver- breitung nach Kräften zu verhindern, wie z. B. die oft wiederholte aber völlig KM Zweckwidrige Polemik des Präsidenten gegen den „Eourrier cle Sm^rne" bewies, ^ M bei welcher er sogar im März 1830 den Beistand der Residenten der drei vermit- telnden Machte auf ofsiciellem Wege, wie es scheint mit wenig Erfolg, nachsuchte. Denn es fehlte auch im Laufe des Jahres 18.29 nicht an Thatsachen, welche Beweis genug gaben, daß sich die Lage und Stimmung der einflußreichsten Elasten des Volkes eben noch nicht sehr verbessert hatten. Dies gilt vorzüglich von den in ".2 verschiedenen Theilen des Festlandes stationirten Truppen, welche zwar fortwäh- 5 ^ rend im Dienste der Regierung blieben, aber weder den ihnen versprochenen Sold erhielten, noch sich geneigt zeigten, auf die beabsichtigte regelmäßige Organisation des gesammten Militairs einzugehen. Schon zur Zeit der Nationalversammlung ^ zu Argos war die Unzufriedenheit über die verzögerte Auszahlung des rückständigen ! ^ Soldes bei dem Truppencorps in Ostgriechenland in offenen Aufstand ausgebro- ^ chm, welcher nur dadurch auf einige Zeit gestillt werden konnte, daß der Bruder 'des Präsidenten, Augustin Kapodistrias, bereits im Februar zum bevollmächtigten Stellvertreter der Regierung und Armeecommissaic auf dem Festlande ernannt, mit 240 Griechenland einer angemessenen Geldsumme ins Lager eilte, um wenigstens den ungestümsten Foderungen Genüge zu leisten. Daß die Mittel des Staatsschatzes, welcher doch auch noch von andern Seiten sehr in Anspruch genommen wurde, auf die Dauer mit dem Armeebedarf überhaupt in keinem Verhaltnisse standen, ergibt sich zur Genüge aus den Summen des monatlichen Unterhaltes des Heeres, wie wir sie aus glaubwürdigen Angaben damaliger Zeit kennen. Der monatliche Sold für die 12 Chiliarchien der irregulairen Truppen betrug 645,000 türkische Piaster; eine fast gleiche Summe erfodcrte der Zuschuß für Verpflegung, Transporte, Verwaltungskosten u. f. w., sodaß die jährlichen Ausgaben für das Landheer allein auf mehr als 15 Millionen Piaster berechnet werden mußten, wahrend die nothdürstige Erhaltung der Marine auch einen Aufwand von mehr als 2 Millionen Piaster verursachte. Das Budget für diese beiden Zweige der Verwaltung betrug daher allein wenigstens 17 Millionen, eine Summe, welche die gesammten Staatseinkünfte, nach einer überschläglichen Berechnung, bereits um eine Million überstieg und, mit Rücksicht auf die übrigen ebenso dringenden Staatsausgaben, ein Deficit von beinahe 15 Millionen veranlaßt haben würde. Es wird daher leichc begreiflich, daß Soldzahlungen fast nur als letztes Mittel zu augenblicklicher Hülfe in höchster Noth und zwar nur theilweise angewendet werden konnten. Wahrend es z. B. etwas spater, im November, Augustin Kapodistrias gelang, die Truppen in Westgriechenland durch eine dreimonatliche Soldzahlung für die neue Organist- tion, bei welcher, außer einer bessern Disciplin, auch Ersparnisse beabsichtigt wm- den, zu gewinnen, drangen mehre hundert Palliaren aus andern Theilen des Festlandes mit dem Verlangen in Morca ein, man solle ihnen einen Theil der Korm- thenernte von Nationalgütern, welche sehr reichlich ausgefallen war (allein in dem Bezirke von Sparta soll sie der Regierung 65,000 spanische Thaler eingebracht haben), als Entschädigung überlassen. Je weniger man dergleichen Federungen entsprechen konnte und wollte, desto schwieriger und gefährlicher wurde die Stimmung des Heeres. In den ersten Tagen des Decembers machte ein Ausruhr auf Salamis, wo sich, nach der Auflösung der Slandlager in Ostgriechenland, ei» Corps Rumelioten, gegen 3000 Mann stark, unter Grisiottis, Vasso, Hadschi Gustos und andern unlenksamen Führern gesammelt hatte, die persönliche Gegenwart des Präsidenten nöthig. Sein Erscheinen, noch mehr aber sein Versprechen, den rückständigen Sold baldmöglichst auszuzahlen, beschwor auch dieses Mal den Sturm, ehe er zum Orkan wurde. Bei einem zweiten Besuche des Präsidenten zu Ambelaki, im Januar 1830, welcher die Berichtigung des Soldes bis zu Ende des Septembers 1829 zum Zwecke hatte, versprachen dagegen die Truppen, mit Ausnahme einiger völlig unbeugsamen Pallikarenchcfs, sich sogar dem Willen der Regierung in Bezug auf die neue Organisation zu fügen, der zufolge sie in sechs Bataillons zu 400 Mann vertheilt werden sollten, um nur zunächst eine bessere Übersicht für Disciplin und Geldzahlung zu gewinnen. Dabei ergab sich freilich ein Uberschuß von etwa 1500 Mann, welche den ebenso organisirten aber durch Desertion sehr geschwächten Truppen in Westgriechenland einverleibt werden sollten. Allein noch ehe dieses bewerkstelligt werden konnte, entfloh ein großer Theil derselben nach den Negroponte gegenüber liegenden Gebirgen, und begann, zur Plage des Landes und zum Ärger der dort noch stationirten türkischen Grenzwachen, das Klephtenhandwerk in alter Weise. Schon dieses Beispiel bewies genugsam, welche Übeln Folgen es haben müsse, wenn der, der Regierung wenigstens zugeschriebene Plan, sich durch Entlassung eines großen Theiles der irregulairen Truppen dieser Staatslast zu entledigen, wirklich zur Ausführung gebracht werden sollte. Ueberdies konnten sie auch in der That noch nicht leicht entbehrt werden, da sie mit zur Besetzung der Festungen in Morea verwendet werden mußten, welche die französischen Truppen, mit Zurücklassung eines Theiles des Artillerie- und Genie- Griechenland 241 Gütz ^'hkr ai- >>ld»sil!i ÄZifWl !>l diPikl fniG chrmd,j 'zt w! >eW ddmz?» ditkk- chk«! ' 'Wi« Wlvsrt diN U dn jsidmli» ji>W> iL. corps, bereits km November 1829 zu räumen angefangen hatten. Denn daß hierzu die wenigen rcgulairen Truppen nicht hinreichten, liegt auf der Hand. Die Organisation derselben war im Verlauf des Jahres, ungeachtet Frankreich seit dem 1. April 1829 dazu noch besonders einen monatlichen Zuschuß von 100,99t) Francs bewilligt und durch zurückgelassene Pferde und Rüstzeug wesentliche Erleichterung verschafft hatte, nur wenig fortgeschritten. Neben der natürlichen Abneigung des gemeinen Griechen gegen jeden gezwungenen Militärdienst, wobei ihm selbst die europäische Uniformirung als eine entehrende Beleidigung der Nationalität erscheinen mochte, lag die Schuld vornehmlich wol mit an dem häusigen Wechsel der obersten Leitung, welche, wie die meisten Ofsi'zierstellen, nur Ausländern anvertraut werden konnte. Oberst Fabvier, der sich in früherer Zeit die größten Verdienste um die Organisation der regulairen Truppen erworben hatte, war zwar im December 1828 wieder nach Griechenland zurückgekehrt, verließ es aber schon im Jun. 1829, in Begleitung des Marschalls Maison, auf immer. Nächst ihm widmete Oberst Heidegger als Generaldirector diesem Theile des Militairwe- scns vorzugsweise seine unermüdliche Thätigkeit, und ihm zur Seite stand General Dentzel; allein Jener verließ Griechenland auch im August desselben Jahres, und Dieser starb einen Monat spater, während seines Aufenthaltes zu Navarin. Hierauf übernahm General Trezel die Generaldirection der regelmäßigen Truppen, welche er auch noch im Jahre 1830 führte. Nach einer genauen Angabe zählte das regu- lirte Truppencorps im März dieses Jahres im Ganzen 2247 Mann unter dem besondern Befehl des französischen Obersten Gerard, welcher im Dec. 1829 vom Präsidenten zum Generallieutenant ernannt worden war. Sie waren, sämmtlkch unter ausheimischen Führern, in kleinen Abtheilungen als Besatzung in Napoli di Romania, Korinth, Patras, Merhana, Poros, Koron und Lepanto zerstreut, während in Missolunghi, Vonitza und Malvasia unregelmäßige Truppen lagen und Modon und Navarin noch in den Händen der Franzosen waren. Die Haupt- siärke der Landmacht beruhte also damals immernoch auf den unregulairen Truppen des Festlandes, wo die Armee in Westgriechenland auf 3902 Mann, die in Ostgriechenland auf 4530 Mann berechnet wurde. Allein diese beiden Armeen waren eigentlich ohne Oberanführer. Denn General Church, welcher gleich anfangs, sowie sein Landsmann Lord Cochrane, von dem Präsidenten mit beleidigender Geringschätzung behandelt worden war, hatte bei der Nationalversammlung zu Argos seine Entlassung eingegeben, und lebte seitdem als Privatmann, aber zugleich als aufmerksamer Beobachter der Ereignisse, in genannter Stadt, wo er sich bald d.r Opposition anschloß; und Demetrios Ppsllanti, seither Stratarch in Ostgriechenland, dankte am I. Jan. 1830 ab, weil er es unter seiner Würde hielt, sich den Befehlen des unerfahrenen Auguüin Kapodistrias zu fügen. In Verein mit Oberst Rhodios arbeitete Dieser zwar fortwährend an der neuen Organisation des Heeres; allein schon der Umstand, daß er durch seine Ungeschicklichkeit das Vertrauen der Truppen völlig verscherzte, war Grund genug, warum seine Anordnungen meistens unbeachtet blieben. Fast noch schlimmer stand es um die von Tag zu Tag mehr in Verfall gera- thende Marine, bei deren Generalintendanz sich, zum Unheil des Staates und zur Schmach des Präsidenten, der ältere Bruder desselben, GrafViaro Kapodistrias, die lächerlichsten Blößen gab. Sie bestand um jene Zeit im Ganzen aus 1 Fregatte zu 64 Kanonen, 1 Corvette zu 26, 3 Dampfschiffen, 2 zu 8 und 1 Zu 4 Geschützen, 9 Briggs und Goeletten von 4 bis 12 Kanonen, 5 Kanonenböten von 1 bis 3 Kanonen, etwa 28 kleinern Fahrzeugen, die nur eine Kanone führten, und einer geringen Anzahl Transports. Es bedarf nach dem Bisherigen kaum der Erwähnung, daß überhaupt das Gedeihen des nach und nach im Lande auflebenden Wohlstandes weit weniger von einer unmittelbaren Einwir- ßonv.-Sex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 16 242 Griechenland kung der Regierung auf die einzelnen Zweige der gesummten Volksthatigkeit bedingt war, als von der freien ungehinderten Entwicklung der selbstthätig schaffenden Kraft, welche im Volke lebte. Die Hauptquellen jenes Wohlstandes, Anbau des Landes und Handel, bedurften ja nur Ordnung, Ruhe und gesetzlichen Schuh gegen gewaltsame Eingriffe, um für die Bedürfnisse sowol der einzelnen Familien und Gemeinden, als auch des Staates und der Regierung auf das Ergiebigste zu stießen. Muß man auf der einen Seite zugeben, daß in dieser Beziehung der Präsident manches Zweckmäßige und Heilsame verfügte, so darf man doch auf der andern nicht die Misgriffe desselben verkennen, welche in ihren Folgen auf die Interessen der Nation den nachtheiligsten Einfluß hatten. Die Vorarbeiten zu einem neuen, mit Rücksicht auf die frühern Verfassungsurkunden zu entwerfenden Staatsgrundgesetze, welche nach Bestimmung des Nationalcongresses zu Arges einer Commission des Senats übertragen worden waren, schritten so langsam vorwärts, daß man im Februar 1860 noch nicht einmal darüber zum Resultate gelangt war, ob das Stimmrecht der einzelnen Bürger allein vom Grundbesitze abhangig zu machen sei oder nicht. Man stieß bei den Verhandlungen über diese Frage freilich auf besondere Schwierigkeiten, weil ihre Entscheidung von der Verfügung über das herrenlose Land zu Gunsten unbegüterter Bürger abhing, welche man zwar beabsichtigte, für die man aber noch keine festen Grundsätze geltend zu machen wußte. Die Commission wandte sich deshalb an den Präsidenten, welcher seine Mitwirkung jedoch nur auf eine klare Feststellung der dabei vorzüglich in Betracht kommenden Fragen beschränkte, wodurch die Arbeiten der Commission zwar bestimmtere Grundlagen bekamen, aber zugleich auch sehr in die Länge gezogen wurden. Dagegen war die Ernennung von ordentlichen Civilgouverneurs, an der Stelle der zeitherigen außerordentlichen Eommissairs (durch ein Decret des Präsidenten vom 18. Febr. 1830), ein wesentlicher Fortschritt zur bessern Verwaltung der Provinzen, vorausgesetzt, daß die Regierung dabei mehr das Wohl des Landes als ihre eignen Zwecke vor Augen hatte. Am meisten blieb auch jetzt noch die Organisation des Rechtswesens zurück, weil es gerade für diesen Zweig an Männern fehlte, welche bei so sehr verwickelten Verhältnissen eine durchgreifende Reform mit den verschiedenartigsten Interessen des Bestehenden zu verbinden gewußt hatten. Die Früchte des neubelebten Ackerbaues mochte man bereits hie und da in kleinern Kreisen genießen; in weiterm Umfange konnten sie, ihrer Natur nach, nur erst mit den Iahren reifen. Schneller und mit sichtbarem Erfolge entwickelten sich dagegen Handel und Verkehr im Innern und nach Außen. Sank die Kriegsmarine von Tag zu Tage tiefer, so war auf der andern Seite das Steigen der Handelsmarine um so erfreulicher. Namentlich zeigte sich in einigen Häfen des Archipels, vor allen in Syra, wieder ein lebhafter Umsatz an Waaren und Capitalien; Geld kam in Umlauf und ein neuer Credit sing an sich zu bilden. Selbst mit Konstantinopel und nach dem schwarzen Meere hin knüpften griechische Kauffahm, vorzüglich seit dem Frieden zu Adrianopel, wieder Verbindungen an. Das einzige Hinderniß, das sie dabei fanden, war, daß sie noch nicht als einem selbständigen Staate angehörig betrachtet wurden. Sie mußten sich daher bei der Einfahrt in die Dardanellen unter den besondern Schutz einer der drei vermittelnden Mächte begeben, unter deren Flagge sie dann jede dieser zugestandene Anerkennung und Begünstigung erhielten. Beseitigung dieser geringen Beschwerde war in Kurzem zu erwarten, da eine Deputation des griechischen Senats den russischen Botschafter bei der Pforte, Herrn von Ribeaupierre, während seines kurzen Aufenthaltes zu Nau- plia im Januar 1830, um die Verwendung bei seinem Monarchen zu Gunsten der freien Schissfahrl der griechischen Flagge auf dem schwarzen Meere gebeten hatte. In vemselben Monate bildete sich zu Sora die erste griechische Assecuranzgestil- W.Z, KM jll hiÄlUÜt SÄ- Ä-M .MM ... ÄMgiN,« z>'sll!> öitr! Ämdt, dl iÄillüdV mW auf! «MWMuf! llMtM " 'Ultv U ^ ^ ZK lliUZ,! Griechenland 243 schast, welche den Präsidenten selbst zu ihrem Teilnehmer zählte und einen Fonds von spanischen Thalern hatte. Kurz darauf ward Hydra von der Regierung auf fünf Jahre zu einem Freihafen erklärt, eine Begünstigung, welche freilich die Nachtheile einer andern Maßregel der Regierung, nämlich die von augenblicklicher Roth gebotene Erhöhung der Aus- und Eingangszölle, nicht wiederaus- wog. Zur Zeit der türkischen Herrschast hatten die gesetzlichen Abgaben von eingebrachten und ausgeführten Waaren für Franken durchgängig nur drei Proceut, für Unterthanen der Pforte deren fünf betragen ; der Präsident hatte sie dagegen gleichmäßig auf 12 Procent festgesetzt. Diese Maßregel verfehlte aber ihren Zweck, die Vermehrung der Staatseinnahme, um so gewisser, je nachtheiliger sie auf den Handelsverkehr, ohne Zweifel die ergiebigste Quelle des Nationalreich - thums, einwirken mußte. Ebenso zweckwidrig war ein anderes Decret des Präsidenten, dem zufolge die Kaufleute in zwei Elasten mit gewissen Bevorrechtungen eingetheilt werden sollten. Eine selche Beschrankung der bisherigen allgemeinen Handelsfreiheit, die am Ende nur zum Nachtheil der ärmern Elaste den reichern Eapit -listen gewisse Privilegien sichern mochte, mußte überall den gerechtesten Unwillen erregen, und veranlaßte bereits am 24. April 1830 zu Syra, welches davon am meisten betroffen wurde, einen förmlichen Aufstand. Die Art, wie er unterdrückt wurde, brachte die Gemüther nur um so mehr in Währung, je mehr sie über Plane und Absichten der Regierung Gewißheit gab. Nachdem durch die Negie- rungsbeamten die Ruhe längst wiederhergestellt war, erschien der Präsident am 29. April auf Syra, stellte über das Vorgefallene selbst eine summarische Untersuchung an, und schleppte die Rädelsführer mit sich nach Nauplia zu weiterer Verantwortung. Der Proceß gegen die Schuldigen, 13 an der Zahl, ward dann dem auf der Insel Mykoni errichteten Tribunal übergeben, und war mit solchen Weitläufigkeiten verknüpft (wozu namentlich die höchst lästigen Verhöre der Zeugen, welche alle persönlich und auf ihre Kosten erscheinen mußten, ja zum Theil mit Gewalt von Syra abgeführt wurden), daß er sich bis in das folgende Jahr verzog. Nächst Ackerbau und Handel waren es vornehmlich Kirchen und Schulen, die die Aufmerksamkeit und Kürsorge der Regierung in Anspruch nahmen. Die Unwissenheit und zum Theil auch moralische Versunkenheit der griechischen Geistlichkeit hatte schon zu häusig Anstoß gegeben, als daß nicht die Nothwendigkeit einer durchgreifenden Reform, namentlich mit in Bezug auf die äußere Stellung der Kirchendiener, allgemein gefühlt worden wäre. Was die Regierung bis jetzt dafür gethan hatte, waren freilich nur die ersten, aber doch entscheidende Schritte. Um die Überfüllung mit müßigen Priestern und Mönchen für die Zukunft zu verhindern, ward die Ordination von der Regierung unter besondere Aussicht genommen und die Ernennung der Priester durch Einziehung der geistlichen Ländereien, deren Ertrag aus zweckmäßigere Weise theils zur Besoldung der Geistlichen, theils zur Verbesserung des öffentlichen Unterrichts und der Erziehung angewendet werden sollte, von dem Willen der obersten Staatsbehörde abhängig gemacht. Die Fixi- rung des Einkommens der Geistlichkeit war davon unzertrennlich, konnte aber wegen der Menge kleinlicher Ansprüche und Interessen dabei, welche gleichwol nicht unbeachtet bleiben durften, nur erst nach und nach bewerkstelligt werden. Bisher war das Einkommen der Priester höchst unsicher, und selbst im besten Falle meistens lehr gering gewesen. Die jährliche Einnahme der Pcovinzialbischöfe z. B. beschränkte sich aus eine zweimalige Sammlung von freiwilligen Beiträgen an bestimmten Festtagen, welche im Ganzen höchstens einen Ertrag von tausend Piastern gab, auf die wenigen Accidenzien von Trauungen, Begräbnissen und andern kirchlichen Handlungen, und einen geringen Antheil an den der Kirche gehörigen Landereien. Daher beschäftigten sich fast alle Geistliche mit Landbau, wodurch 244 Griechenland sie zwar ihre äußern Umstände etwas verbessern mochten, zugleich aber auch von der höhern Ausbildung für ihren Beruf abgehalten wurden. Um diese zu befördern, hatte der Präsident ein Priesterseminar auf Ägina errichtet, das aber 1830 erst 12 Zöglinge zahlte. Da die Selbständigkeit des griechischen Staates auch in kirchlicher Beziehung eine gewisse Unabhängigkeit zu erheischen schien, ward als oberste geistliche Behörde ein Kirchenrath errichtet, welcher aus drei Bischöfen besteht und in allen äußern Angelegenheiten der Kirche sich für unabhängig von dem Patriarchen zu Konstantinopel erklärt, dagegen in geistlichen Dingen ihn noch ferner als letzte Instanz anerkennen will. Auch in der letztern Beziehung wünscht und hofft man allgemein eine Trennung, welche die Wahl eines geistlichen Oberhauptes der Kirche in Griechenland selbst nöthig machen würde. Allein ganz abgesehen davon, daß dabei vielleicht ein Schisma in der griechischen Kirche zu befürchten wäre (denn ungefähr 3,250,000 asiatische Griechen würden fortwährend die Autorität des Patriarchen von Konstantinopel anerkennen, während sich in Griechenland selbst nur etwa 750,000 griechische Christen befinden), so widersetzt sich auch die höhere Geistlichkeit aus allen Kräften einer solchen Scheidung, weil sie durch die fernere Verbindung mit dem Patriarchen zu Konstantinopel eine unabhängigere Stellung gegen die Regierung behaupten zu können glaubt. Der öffentliche Unterricht ward auf den Grundlagen weiter gebildet, welche bereits im vorigen Jahre gelegt worden waren. Das Waisenhaus, welches zu Ende 1829 gegen 500 Zöglinge aufgenommen hatte, und die Centralschule auf Ägina, vorzüglich zur Bildung von Lehrern für die Schulen des gegenseitigen Unterrichts bestimmt, sowie die Militairschule zu Nauplia, die um diese Zeit 50 Schüler hatte, und die erwähnte Vorbereitungsschule für Geistliche auf Ägina machten den Mittelpunkt sämmtlicher Bildungsanstalten aus, welche unter unmittelbarer Aussicht der Regierung standen. Die Provinzialschulen zerfielen in zwei Elasten, nämlich die Elementarschulen für die gewöhnliche Volksbildung, meistens nach dem Systeme des gegenseitigen Unterrichts organisirt, und die Schulen für die höhere Bildung, in welchen man das Altgriechische als Hauptgegenstand des Unterrichts betrachtete und auch ansing, die lateinische und ausländische lebende Sprachen zu lehren. Noch im December 1829 wurde von Seiten der Regierung die Anfertigung oder Revision allgemein einzuführender Schulbücher besondern Commissio- nen übergeben, welche sich zunächst mit der Bearbeitung eines Gebetbuches und eines Katechismus, einer griechischen Grammatik nebst Anthologie, und der für den gegenseitigen Unterricht nöthigen Werke beschäftigen sollten. Wir werden im Folgenden Gelegenheit haben, noch Einiges über die Vermehrung, den Charakter und die Mängel der griechischen Unterrichtsanstalten zu erinnern, und bemerken daher hier nur noch, daß die Regierung nicht verabsäumte, auch die übrigen ihr zu Gebote stehenden Bildungsmittel der Nation zu pflegen und zu heben. Wir rechnen hierher die Errichtung einer Bibliothek, eines mineralogischen Cabinets, des Nationalmuseums für Antiken und der Regierungsdruckereien, deren Anlage und Oberaufsicht, zugleich mit der Direktion des Waisenhauses, ebenfalls schon im November 1829, dem als Gelehrten bekannten Korft'oten Mustoxidis anvertraut wurde. Alle diese Anstalten waren natürlich erst im Entstehen und konnten bu den geringen Mitteln der Regierung auch nur langsam erweitert werden, und was die Druckereien betrifft, so konnten sie für die Nation im weitern Sinne schon deshalb nicht ein Mittel zu erhöhter und freierer Bildung werden, weil es leider im Systeme der Regierung lag, sie fast ausschließlich zum Organe der Kundmachung ihres Willens zu gebrauchen, wie die beiden während des Jahres 1829 erscheinenden Zeitungen, der „0onrr!kw ck'Onent", in französischer Sprache, an besten Stelle seit dem 13. November der „(lourrler de 1a trat, und die „Allge^ meine Zeitung von Griechenland" (/7i',x,) m neu- Griechenland 245 griechischer Sprache, zur Genüge bewiesen. Gerade dieser Punkt gab daher auch der Opposition, welche namentlich gegen das Ende des Jahres 1829 durch den Beitritt mehrer einflußreicher Manner, des Generals Church, des ehemaligen Staatssecretairs Trikupis, eines Maurokordatos, Zaimis, Zogratos, Dolianis, Konduriottis, Miaulis u. s. w., welche sammtlich ihren Stellen entsagt hatten, sehr an innerer Kraft gewann, Veranlassung genug zu gegründeten Beschwerden. Die Meinung, der Präsident sei am Ende nichts als ein russischer Agent, welcher Griechenland nur zu einer Provinz des russischen Kaiserreiches zu machen trachte, ward lauter als je zuvor und fand, so sehr auch das Benehmen des Petersburger Cabinets und die Wachsamkeit der beiden übrigen vermittelnden Machte damit in Widerspruch standen, vorzüglich nach dem Frieden zu Adrianopel *) überall Glauben. Ein gewisses vertrauliches Verhaltniß zwischen Kapodistrias und dem russischen Residenten bei der griechischen Regierung, Graf Bulgari, welcher Jenen bei seinen Reisen durch das Land wahrend des Jahres 1829 begleitet hatte, der zufallige Umstand, daß sich dabei der Präsident meistens russischer Schiffe bediente, die bedeutenden Geschenke des russischen Hofes an Geld und Waffen (erst im November 1829 hatte die russische Fregatte Elisabeth 8900 Stück Gewehre und 12 Feldstücke als ein Geschenk des Kaisers Nikolaus überbracht), endlich das durch den „Oliurrier Ue Lin^rim" verbreitete Gerücht, daß der Präsident den Ankauf von Ländereien in Griechenland durch russische Unterthanen begünstige, während er Franzosen und Engländer davon abzuhalten suche, dies waren etwa die triftigsten Beweise, welche man zur Bestätigung jener Meinung vorzubringen pflegte. Und in der That war das Letztere auch insofern nicht ganz ungegründet, als der Präsident öfter zu verstehen gegeben hatte, daß er den überwiegenden Einfluß fremder Ansiedler für nachtheilig und mit den Planen der Regierung für unvereinbar halte. Selbst die von den Griechenvereinen zu Neuyork und Boston durch De. Howe im Laufe des Jahres 1829 bei Hexamilia gegründete Colonie (Washingtons), welche doch nur den Flüchtlingen von Scios, Aivali und Athen eine Freistatt bieten sollte, wurde, wie es scheint, von dem Präsidenten sehr wenig begünstigt. Obgleich die Regierung anfangs den neuen Ansiedlern das Land auf fünf Jahre steuerfrei zugesagt hatte, 'so soll der Präsident doch späterhin der Erweiterung der Anlage so viele Schwierigkeiten in den Weg gelegt haben, daß die Gründer ihren ursprünglichen Plan, 109 Familien anzusiedeln, aufgeben mußten, und die ganze Gemeinde zu Anfange 1830 erst gegen 40 Familien zählte. Dergleichen Dinge dürfen wir freilich nicht aus den Augen verlieren, wenn wir die ungünstigen Berichte über den Zustand Griechenlands in der damaligen Zeit, welche uns durch Reisende und Oppositionsblätter zukamen, mit den Lobreden einiger Griechenfreunde vereinigen wollen, welche es bereits in den ersten *) Merkwürdig ist in dieser Beziehung ein Aufsatz, welcher, angeblich von einem Griechen verfaßt und von dem Redacteur ins Französische übersetzt, am 6. De- cember 1329 im „Lourrier lls 8lll^rne" erschien, aus welchem er in die „Allgemeine Zeitung", 18Z0, Nr. ZI — ZZ, übergegangen ist. Dabei fiel es freilich Niemanden ein, daran zu erinnern, daß eigentlich Frankreich die Macht sei, welche factisch den meisten, gleichviel ob gefahrlichen oder heilsamen, Einfluß in Griechenland gewonnen hatte. Treffende Bemerkungen darüber theilt das „Kortll ^meri- can review", Nr. 74, Januar 18Z2, S. 8 fg., bei Gelegenheit der Anzeige von Anderson's „Observntions upon tbe stklopvnnesus null ttis greelc Islsnäs MÄlis in 1829", aus dem zu Boston erscheinenden „IVlissionnr^ llernlcl" mit. Wir wollen nicht entscheiden, mit welchem Rechte der Verfasser behaupten konnte: „Idv dreelcs nre in flanAsr ok bkinZ flooäeck witb 1 ronoll inflflelit^"; aber am Ende war diese „k'renoll inflüelitz?" doch weiter nichts als der von den Franzosen genährte Freiheirssinn, welcher der Regierung, vorzüglich nach der Juliusrevolurion, als jenes furchtbare Schreckbild erschien, von dem sie sich um so heftiger verfolgt glaubte, je mehr sie es zu fliehen suchte, 2U) Griechenland Monaten i839 unternahmen, die griechische Regierung und ihr Oberhaupt ge- gen die Angriffe gereizter Gegner zu vertheidigen und von aller Schuld an den getauschten Erwartungen und der Unzufriedenheit des Volkes freizusprechen, ch Gingen beide Theile, mehr oder weniger durch Vorurtheile an klarer Auffassung der Verhaltnisse verhindert, in ihrem Eifer zu weit, so berechtigt uns schon dies zu der Annahme, daß die Wahrheit auch hier in der Mitte lag; und kann dann der Unbefangene den Präsidenten nicht frei sprechen von unbewußten oder auch absichtlichen Fehltritten, so verlangt dagegen die Gerechtigkeit eine vorurtheilsfreie Würdigung der Schwierigkeiten, mit welchen die Regierung fortwahrend zu kämpfen hatte, und unter denen der Präsident nach und nach die sichere Haltung verlor, die ihm ein Übergewicht über seine Feinde hatte sichern sollen. Zwei Dinge waren hier entscheidend: die fortdauernde und steigende Finanznoth, und die peinigende Ungewißheit, in welcher das endliche Schicksal Griechenlands von Seiten der vermittelnden Machte, unter vielversprechenden, aber in ihren Resultaten so wenig befriedigenden Unterhandlungen, gelassen wurde. Beide bilden eigentlich den Mittelpunkt des traurigen Gemäldes, welches wir noch von den Ereignissen in Griechenland bis zu dem unglücklichen Ausgange des Grafen Kapodistrias zu entwerfen haben. Ungeachtet die Nationalversammlung zu Argos durch ein Decret vom 7. Aug. 1829 („Allgemeine Zeitung", 1829, Nr. 288 B.) den Präsidenten ermächtigt hatte, die Garantie der vermittelnden Mächte für eine Anleihe von 69 Millionen nachzusuchen, so hatte dennoch die Regierung durch die deshalb gcthancn Schritte zu Ende des Jahres noch weiter nichts erreicht als ungewisse Hoffnungen und weitaussehende Versprechungen; 599,909 Fr. rückstandige Subsidicn, welche im Herbst aus Frankreich ankamen, waren im Verein mit den? nicht unbedeutenden Ertrage der dem Staate zugehörigen Korinthencrnte (an 7999 Centner, den Centner zu 49 — 59 spanischen Thalern), eine willkommene Hülfe in äußerster Noch, deckten aber kaum die dringendsten Bedürfnisse einiger Monate. Schon soll der Präsident im October auf den Verkauf der Fregatte Hellas, welche zu 5 Millionen Piaster im Verkaufspreis angeschlagen wurde, bestanden haben, als der edle Eynard, welcher um diese Zeit zu Paris selbst vergeblich alle Mühe aufwandte, um das französische Ministerium zur Fortsetzung der griechischen Subsidien zu bewegen, der griechischen Regierung aus eignen Mitteln einen baaren Vorschuß von 790,999 Fr. leistete. **) Hierzu fügte er bereits im Jan. des folgenden Jahres ein Geschenk von 209,000 Fr., welche er durch eine glückliche Speculation in griechischen Staatspapieren, obgleich man in England vor deren Ankauf öffentlich warnte, gewonnen hatte, und vorzüglich zur Ermunterung des Ackerbaues bestimmte. Nach seinem eignen Willen wurden daher allein 25,999 Fr. auf die Vollendung der Musterwirthschaft verwendet, zu welcher damals eben, unter Leitung des Herrn Paläologos, bei Tyrinth der Grund gelegt worden war. Außer diesen zufälligen und unerwarteten Unterstützungen und den laufenden sehr ungewissen Einnahmen, rechnete die Regierung vorzüglich auf den Ertrag der Nationalbank, welcher sie daher im Februar 1830 durch bestimmtere Organisation und solidere Grundlagen mehr Vertrauen und lebhaftere Theilnahme zu sichern hoffte. Denn die ursprünglichen Einlagen waren verhältnißmaßig doch nur gering gewesen, und ein Theil der Actionnairs hatte auch bereits die eingelegten Capitale wieder zurückgezogen, sodaß um diese Zeit der ganze Fonds der Bank nur 602,195 Phönix, 40Lepta — *) Bcmerkenswerth sind in dieser Beziehung die Briefe Eynard's an den Redac- tcur des londoner ,,Courier"; s. die „Allgemeine Zeitung", 183t), Nr. 33 B-, V., 126 V. ") Dem durch französische Blatter verbreiteten Gerüchte, als habe der Kaiser vo» Rußland diest Summe garantirt, hat Eynard öffentlich widersprochen. Griechenland 247 Ivo,365 Tal. 90 Cent, betrug. Um nun diesen Fonds soviel wie möglich zu erhöhen, so verordnete die Regierung, daß fortan ein Theil der Landereien, welche als Nationaleigenthum zu betrachten seien, den Bankactionnairs als Hypothek zugesagt werden sollte; und zwar zunächst in einem solchen Umfange, daß die Capi- tale der altern und neuen Actionnairs bis zum Belaufe von 3,236,000 Phönix — 539,3334 Tal. vollkommen gkdeckt sein würden. Dies nämlich war der Betrag sämmtlicher Actien, welche man vor der Hand auf 6472 Stück zu 500 Phönix — 834 Tal. festsetzte. Sobald die Zahl der Actien diese Summe überstiegen haben würde, sollten, nach dem Versprechen der Negierung, sofort auch neue Ländereien als Hypothek für den entsprechenden Betrag angewiesen werden. Für jetzt wurden zu diesem Zwecke namentlich bestimmt: die Korinthenweinberge in den Provinzen Korinth und Vostizza, die Olbaumpflanzungen bei Korinth und Salona, der Schmergelbruch und die Salinen auf Naxos, und die Steinbrüche und Salinen von Milo. Zugleich hoffte man durch eine sorgfältige Cultur und Bewirth- schaftung dieser Staatsgüter die Zinsen der Nationalbank zu decken, welche auch fernerhin 8 Procent betragen und jährlich am 1. April ausgezahlt werden sollten. Nach Verlauf von fünf Jahren, d. h. am 1. April 1835, bis wohin die jetzige Organisation der Nationalbank in Kraft bleiben sollte, ward den Actionnairs die Rückzahlung ihrer Capitale zugesichert, sobald sie nicht gesonnen sein würden, bei einer dann etwa nach veränderten Umständen vorzunehmenden neuen Einrichtung der Bank, noch ferner Theilnehmer an dem Institute zu bleiben. Vorläufig ernannte der Präsident drei provisorische Bankdirectoren; später, sobald sich eine hinreichende Zahl Actionnairs gefunden hätfe, sollten an deren Stelle ebenso viel definitive treten, von denen nur einer durch die Regierung, zwei dagegen von den Actionnairs gewählt werden sollten. Dieser an sich wohlberechnete und den etwaigen Interessenten, wie es schien, sehr günstige Plan fand jedoch weit weniger Theilnahme, als sich die Regierung versprochen haben mochte. Selbst die Sicherheit, welche die von Seiten des Staates geleisteten Garantien zu gewähren schienen, vermochte das Vertrauen nicht wieder zu wecken, welches die Regierung gerade bei der begüterten Classe, den reichern Landeigenthümern und den größern Kaufleuten, am meisten verscherzt hatte. Überdies fiel die neue Organisation der Bank in eine Zeit, wo der unselige Ausgang der diplomatischen Verhandlungen über Griechenlands Schicksal, jede Erwartung in Bezug auf die äußere Sicherstellung des neugriechischen Staates und namentlich die von dieser abhängige Verbesserung des Finanzzustandes täuschte und vor Allem das Mistrauen und die Zurückhaltung auf Seiten der Ca- pitalisten aufs Neue steigern mußte. Der Zusammenhang erfodert einen Rückblick auf diese Verhandlungen selbst, bei welchem uns jedoch der Zweck dieser Darstellung nur die Angabe der wesentlichsten Momente und der endlichen Resultate gestattet. Das Protokoll vom 22. März 1829 hatte, außer den obenberührten Grenzbestimmungen für den neugriechischen Staat, noch festgesetzt, daß Griechenland zwar unter der Souverainetät der Pforte verbleiben, und deshalb an diese 1,500,000 Piaster jährlichen Tribut entrichten, zugleich aber auch seine eigne Verfassung in der Form einer nach dem Rechte der Erstgeburt erblichen Monarchie erhalten solle, welche dem jungen Staate Freiheit der Religion und des Handels, sowie Ordnung und Wohlstand im Innern sichere. Die Weigerung der Pforte, diesen Bestimmungen beizutreten, das zweideutige Benehmen Englands, welches, selbst nach Unterzeichnung des genannten Protokolls durch seinen Residenten in Griechenland verlangte, daß die griechische Regierung ihre Truppen aus dem Festlande nach Morea und bis auf die durch den Vertrag vom 16. November 1828 bestimmten Grenzen zurückziehen solle, während gleichzeitig das Gouvernement der ionischen Inseln auf die Aufhebung der Blokade von Prevesa 248 Griechenland drang, endlich die Ungewißheit, in welcher man noch wegen des Ausganges des russisch-türkischen Krieges schwebten all Dieses verhinderte im Lause des Sommers 1829 die Ausführung des Protokolls vom 22 Marz. Der Präsident klagte daher in seiner Rede bei der Eröffnung der Nationalversammlung zu Argos laut über den Mangel an officiellen Vertragen in Betref des Verhältnisses der Regie: rung zu den vermittelnden Machten und zu der Pjorte und machte dabei Vorzug: lich darauf aufmerksam, wie nachtheilig und hindemd dieser unbestimmte und provisorische Zustand auf die innere Organisation des Staates einwirken müsse. Die Nationalversammlung billigte hierauf nicht nur das Verfahren des Präsidenten gegen den britischen Residenten, dessen obenanged'utete Federungen er bereits als unvereinbar mit den Acten der frühem Nationatongresse, welche der Regierung zur Richtschnur dienen müßten, von sich gewiesen hatte, sondern ertheilte ihm auch die Vollmacht, nach den durch die Nationalversammlung zu Epidauros ausgestellten Grundsätzen an den Unterhandlungen Theil zr nehmen, wozu ihn die verbündeten Höfe einladen dürften, um über die Bedingungen in Ansehung der Vollziehung des londoner Tractats übereinzukommen. Allein dies führte um nichts naher zum Ziele; der Gang des russisch-türkischen Krieges nahm die Aufmerksamkeit der Cabinete viel zu sehr in Anspruch, als daß mar jetzt über Griechenlands Schicksal einen definitiven Beschluß hätte fassen können, zumal da dieser so sehr von der endlichen Entscheidung jenes Krieges abhangig zu 'ein schien. Diese gab am 14. September der Friede zu Adrianopel, in dessen zehtten Artikel die Pforte nicht allein ihren Beitritt zu den Bestimmungen des Vertrags vom 6. Jul. und des Protokolls vom 22. März öffentlich erklärte, sondern sich auch verpflichtete, an den Verhandlungen, welche demnach zwischen den drei Großmächten eingeleitet werden würden, durch Bevollmächtigte Theil zu nehmen. Belebte diese Erklärung auf der einen Seite neue Hoffnungen, so erregte sie auf der andern um so mehr Besorgnisse, je weniger die Verhältnisse, unter welchen sie der Pforte gleichsam abgenö- thigt worden war, eine für Griechenland erwünschte und heilsame Entscheidung zu verbürgen schienen. Die ganz natürliche, aber, wie der Ausgang zeigte, ungegrün- dete Furcht, daß Rußlands mit den Waffen errungene Übermacht im Oriente nun auch eine diktatorische und vorzugsweise von seinen Interessen bedingte Erklärung des russischen Cabinets in Betreff Griechenlands zur Folge haben würde, gab dm Conferenzen zu London, welche in Folge des genannten zehnten Artikels erneuert wurden, eine ungemeine Wichtigkeit, und die Betheiligten, ja ganz Europa, verfolgten mit der gespanntesten Erwartung ihren Gang. Die griechische Regierung selbst schwebte darüber fortwahrend in einer beunruhigenden Ungewißheit; der Präsident beklagte sich noch im Oktober bei Eröffnung des Senats darüber, daß er in Bezug auf die Verhandlungen im Auslande, von welchen Griechenlands Schicksal abhänge, durchaus keine officiellen Mittheilungen habe erhalten können. Als die erste, welche kurz darauf erfolgte, kann man vielleicht das Schreiben des Ministers Polignac vom 7. Ott. betrachten, durch welches der Präsident benachrichtigt wurde, daß der Beitritt der Pforte zu dem Traktate vom 6. Zul. und den übrigen Bestimmungen der londoner Conferenzen den unverzüglichen Rückzug der noch in Morea verweilenden französischen Truppen unter dem Be- *) X. Uu sudlime ?orte en ll^elursnt son «Miere ultk^sion sux stipu- lutions 6u trnit6 cvnctu ü UonZres le 24 luiu luillet) 1327 entre In Uussie, tu tslruixts Uretngne et tu d'ranee, uece6e ZAuiement u l'ucte srreiä le 10 lVlars 1829, ll'un commuu uceorä entre ces meines puissunces "sur tu Vase clu tl!t traitä et eoMeimnt les urran^emens cte EMails, relatifs a suu execution Zekmtive. ^ussitot spres t'eekuiiAe lies ratilieutious Zu present tru!t6 «le puix In sudliwo ?orte nomiueru lies plenipotentiuires pour convenir uvee ceux cle tu cour imperiale d«, Griechenland 249 fehle des Generals Schneider nöthig mache. Das Schreiben erklarte zwar, daß der König genehmigt habe, die Ausführung seiner Befehle nur nach und nach so zu bewerkstelligen, daß die griechische Regierung dadurch nicht in augenblickliche Verlegenheit versetzt werden sollte, sprach aber zugleich auch die Hoffnung aus, daß fortan die griechische Regierung sich selbst mittels der Hülfsqüellen genügen könne, welche das Land besäße, und welche durch die Wiederherstellung des Friedens die fruchtbringendste Entwicklung erhalten würden. Gerade diese letzte Erklärung, eine indirecte Verweigerung der versprochenen Substdien, konnte dem Präsidenten unter den damaligen Verhältnissen nur unangenehm sein, und er bat daher in seinem Antwortschreiben vom 21. Nov., welches übrigens die großen Verdienste Frankreichs um Griechenland in den dankbarsten Ausdrücken anerkannte, den Minister um seine fernere Verwendung bei dem Könige in Betreff der noch rückständigen monatlichen Subsidien und der beabsichtigten Anleihe von 60 Millionen Fr. Daß hierauf nichts erfolgen konnte, erklärt sich zur Genüge aus den damals ob- schwebeyden Verhandlungen der Bevollmächtigten zu London, welche ja überhaupt der Stellung der vermittelnden Machte zu Griechenland einen neuen Charakter geben zu wollen schienen. Vis zu Ende des Jahres und noch im Januar 1830 trug man sich darüber nur mit unbestimmten Gerüchten. Wir übergehen diese, halten uns bloß an die definitive Entscheidung der Protokolle vom Februar 1830 und werden dann auf ihre weitern Folgen aufmerksam machen. Das erste, vom 3. Februar, erklärte: nachdem der Bevollmächtigte Rußlands über die Meinung des zehnten Artikels des Friedens von Adrianopel genügenden Aufschluß gegeben habe, und die Bevollmächtigten Frankreichs und Großbritanniens durch besondere Depeschen ihrer Gesandten zu Konstantinopel von der bereits am 9. Sept. 1829 erfolgten Zustimmung der Pforte überzeugt worden seien, halte man es für den Zeitumständen angemessener, die frühern Bestimmungen dahin abzuändern, daß 1) Griechenland ein völlig unabhängiger, selbständiger und tributfreier Staat sein solle; daß dagegen 2) die Demarkationslinie des neugriechischen Staates, um dem billigen Wunsche der Pforte nach Beschränkung der durch das Protokoll vom 22. März festgesetzten Grenzen nachzugeben *), bei der Mündung des Flusses Aspropotamos beginne, von da längs dieses Flusses nach den Höhen des Sees von Angelo-Kastro laufe, diesen sowie die Seen von Vrachori und Saurowitza durchschneide, sich dann gegen den Berg Artolino wende, und von da weiter den Kamm des Axos, das Thal von Kalouri und die Höhen des Oetagebirges bis zum Golf von Zeituni und namentlich den Ausfluß des Spec- chios verfolge; zugleich sollten Bestandthcile des griechischen Staates sein: die Insel Negroponte, die Teufelsinseln, die Insel Skyros und die Cycladen, zwischen 36 —39°N. B. und 26—29° ^>. L. Ein dritter Punkt dieses Protokolls sprach die Souverainetät des künftigen Fürsten von Griechenland aus, während die übrigen nur die nähern Bestimmungen über die Ausführungen der drei Hauptpunkte enthielten. Ein zweites Protokoll von demselben Tage bestimmte hierauf, dem Prinzen Leopold von Sachsen-Koburg die Souverainetät des griechischen Staa tes anzutragen und schon unter gleichem Datum ward diesem deshalb die bezüg liche ofsiciclle Mittheilung gemacht, welche seine Zustimmung unter gewissen Be schränkungen am 11. Februar zur Folge hatte. (Vergl. die Aktenstücke „Allge meine Zeitung", 1830, Nr. 123 B.) Die Beschränkungen, welche Prinz Leo pold erhoben hatte, bezogen sich nämlich auf die fortdauernde vollkommene Garan tie des neugriechischen Staats von Seiten der vermittelnden Mächte, die religiöse *) Dies wurde wenigstens als Hauptgrund im Protokoll selbst mit angegeben. Bergl. „Allgemeine Zeitung", 183O, Nr. 72: ,,pour (luterer au civsir ^u'a priine la ll'obteinr la relluctlon krontieres tix6es par Io protocolo <1u 22 mars". 250 Griechenland und bürgerliche Sicherstellung der griechischen Einwohner von Samos und Kan- dia, gemäß den Grundsätzen des Tractats vom 6. Jul., einige Veränderungen in den Grenzbestimmungcn, und die nöthige Unterstützung an Geld und Truppe Obgleich hierauf ein neues Protokoll vom 20. Febr. nur für den ersten und letzten Punkt scheinbar genügende Zusicherung gab, hingegen jede weitere Erörterung über die Angelegenheiten von Samos und Kandia sowie über die Begrenzung des Festlandes für unstatthaft erklärte, so betrachtete dennoch die Conferenz die Sache hiermit soweit als erledigt, daß sie bereits am 26. Febr. die geeigneten Instructionen für die Gesandten der vermittelnden Mächte zu Konstantinopel und deren Residenten in Griechenland wegen ofsicieller Mittheilung der Protokolle an die Pforte und die provisorische Regierung des griechischen Staats ausfertigte. Die Pforte gab hierauf obgleich an dem jüngst verflossenen Bairamsfeste für die Sandschaks von Lepantound Negroponte nochmals die herkömmliche Belehnung ertheilt worden war, am 24.April ihre völlige Zustimmung zu den Beschlüssen der londoner Eonferenz. Denn im Ganzen genommen waren die Interessen der Pforte dabei sehr einfach, .und dm Umständen nach auf genügende Weise berücksichtigt worden. Ganz anders war es dagegen in Griechenland selbst, wo um diese Zeit mit der Parteiung auch die Manm'chfaltigkeit sich widerstreitender Interessen und Ansichten zugenommen hatte, und schon deshalb eine Allen genügende Entscheidung nicht leicht möglich war. Vorzüglich seit dem Anfange des Jahres hatten die verschiedensten Gerüchte über die endliche Entscheidung von Griechenlands Schicksal die bereits herrschende Aufregung der Gemüther um Vieles vermehrt, und noch ehe man Gewißheit erhielt, hatte sich unter dem Einfluß der Opposition die gereizte Stimmung des Volkes an mehren Orten in Tätlichkeiten geäußert, welche der mühsam erhaltenen Ruhe und dem Ansehen des Präsidenten die größte Gefahr zu bringen drohten. Noch im Januar that daher Kapodistrias mehre Schritte, die Mittheilung der Resultate der londoner Conferenz zu beschleunigen, erreichte aber hierdurch weiter nichts, als daß ihn Prinz Leopold selbst durch ein Schreiben vom 16. Februar vorläufig von seiner Wahl und den damit in Verbindung stehenden Punkten in Kenntniß setzte. In seinem Antwortschreiben vom 6. April erklärte hierauf Kapodistrias sogleich, daß es der Regierung, zufolge den Beschlüssen der Nationalversammlung zu Argos, zwar nicht zukomme, hinsichtlich der fraglichen definitiven Anordnungen im Namen der Nation irgend eine Verpflichtung einzugehen, zumal da sie, ungeachtet wiederholter Bitten, nicht aufgefodert worden sei, an den letzten Unterhandlungen Theil zu nehmen; daß er daher auch die Resultate derselben nicht genehmigen könne, ohne vorher eine Versammlung des National- congresses einberufen und dadurch den Vorwurf von sich abgewendet zu haben, als ob er seinen Eid verletzt oder die Würde und die Rechte der Nation compromit- tirt habe; daß er es aber dennoch für seine Pflicht halte, jene Verantwortlichkeitun- ter den bestehenden Verhältnissen insofern auf sich zu nehmen, als er den Prinzen vorläufig mit den Schwierigkeiten bekannt zu machen wage, welche der Ausführung der londoner Beschlüsse im Wege stehen würden. Die schnelle Räumung von Attika und Euböa auf Seiten der Türken, fuhr er dann fort, welche das Protokoll vom 3. Februar verlange, werde ebenso wenig ausführbar sein wie die augenblickliche Zurückziehung aller griechischen Truppen aus dem westlichen Griechenland und den noch von Griechen besetzten Districten, welche durch die Conferenz dem neugriechischen Staate entzogen werden sollten; namentlich werde die letztere eine Quelle neuer Unruhen werden, denen mit Nachdruck zu begegnen die Regierung völlig außer Stand sei, wenn sie nicht von den vermittelnden Mächten die nöthige Unterstützung erhalte. Die erste Bedingung sei, daß hinreichende Fonds zur Verfügung der Regierung gestellt würden, damit sie in Stand gesetzt werde, den zahlreichen griechischen Familien, welche jene Districte verlassen würden, uw i-Ä Griechenland 251 einen Zufluchtsort in Griechenland zu suchen, die Mittel zur Subsi'stenz anzubieten, d'e sie keineswegs von ihren Stammgenossen im östlichen Griechenland und im Peloponnes erwarten dürften. Überdies solle man nie vergessen, daß die acht unter ottomanischcm Joche verbleibenden Provinzen, Akarnanicn, Vonitza, Waltos, Vlochos, Agrapha, Kravasi, Karpenissa und Patradschik, eine christliche Bevölkerung von 80— 100,000 Seelen enthalten, allein beinahe zwei Drittheile zur griechischen Armee liefern, niemals den Türken ganz unterworfen gewesen waren, und sich in dem Kampfe seit 1821 durch ihre Tapferkeit fast am meisten ausgezeichnet hätten; es sei natürlich zu fürchten, daß die Truppen jener Gegenden, welche jetzt im Dienste der Regierung standen, sobald sie wieder unter die Herrschaft der Osmanen kommen sollten, sich abermals dem alten Gewerbe der Arma- toten und Klephten ergeben würden, was für Griechenland selbst um so gefährlicher sein dürfte, da sie bei ihren dauernden Händeln mit den Türken auf keinen Fall eine Grenzlinie refpectiren könnten, welche zrach den Bestimmungen der londoner Con- ferenz dem neuen Staate nicht die geringsten Mittel zu natürlicher Verteidigung an die Hand gäbe. Schließlich und in einem zweiten gleichzeitig abgesendeten Schreiben bemerkte Kapodistrias, daß die beschleunigte Ankunft des Prinzen das einzige Mittel sei, die Krisis, in welche Griechenland durch die Ausführung der londoner Beschlüsse und namentlich die Feststellung der neuen Grenzen abermals versetzt werden müßte, zum Besten zu wenden; konnte aber dabei sein Bedauern darüber nicht verhehlen, daß man die Entscheidung der vermittelnden Mächte den Hellenen weit eher aufdringen zu wollen scheine, als daß man die Annahme derselben auf gesetzlichem Wege veranlaßt habe; sowie es denn überhaupt befremdend sei, daß die Protokolle vom Februar kein einziges Wort über die öffentlichen Rechte der Hellenen enthalten, ein Umstand, der zu der Voraussetzung nö- thige, daß der souveraine Fürst jene Rechte entweder in sich aufnehmen und vereinigen, oder durch eine im Augenblicke feines Regierungsantritts zu erlassende Erklärung anerkennen solle. In Bezug hierauf fügte der Präsident endlich noch hinzu, daß es einen dem Prinzen höchst vortheilhaftcn Eindruck auf die Nation machen werde, wenn er seinen Übertritt zur griechischen Kirche, die Annahme und Beachtung der bestehenden constitutionnellen Formen und seine Zustimmung zu der von dem Congreß zu Argos geleisteten Garantie der gesetzmäßigen Federungen aller Bürger, welche während des Krieges große Opfer gebracht hätten, vorläufig offen zu erkennen geben wolle.*) Zwei Tage nach der Abfassung dieser Schreiben, am 8. April, wurden dem Präsidenten die londoner Protokolle auf ofsiciellem Wege durch die Residenten der vermittelnden Mächte mitgetheilt, und am 16. erklärte er in einer Note an die genannten Residenten zwar die dankbare Annahme der definitiven Beschlüsse, konnte aber nicht umhin, hier ebenfalls auf die Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, welchen die beabsichtigte Gebietsabgrenzung unterliegen müsse. Eine acht Tage später, am 21. April, von Seiten des Senats erlassene Denkschrift gab den Punkten, welche der Präsident bereits in seinen Briefen an Prinz Leopold erörtert hatte, eine weitere Ausführung, während um dieselbe Zeit Kapodistrias ein drittes Schreiben an den Prinzen abgehen ließ, worin er ihn von der Annahme der Protokolle mit der Bitte benachrichtigte, seine Abreise um so mehr zu beschleunigen, je dringender die mit seiner Ankunft jedenfalls zu erwartende Geldhülfe würde; eine Million Francs sei allein nöthig, um die zu Anfange des Monats Mai fällige dreimonatliche Soldzahlung zu berichtigen, deren Verweigerung in einem so kritischen Augenblicke die traurigsten Folgen nach sich ziehen würde. *) Vgl. die Briefe Kapodistrias', „Allgemeine Zeitung", 1830, Nr. 165 nebst B. und Nr. 166 B. Gleichen Inhalts war auch ein Brief des Präsidenten an Ritter Eynard, welchen dieser spater zur Rechtfertigung Kapodistrias' im „Nonkeur" abdrucken ließ. Vgl. „Allgemeine Zeitung", 18Z0, Nr. 167 B. 252 Griechenland Ergibt sich schon aus diesen Thatsachen, deren Wahrheit wir mit diplomatischen Zeugnissen verbürgen können, daß der Eindruck, welchen die londoner Beschlüsse in Griechenland selbst machten, den Betheiligten keineswegs vortheilhasi war, und daß ihre Annahme weit mehr auf dem durch die Noch gebotenen Bedürfnisse endlicher Entscheidung, als auf der freudigen Erwartung befriedigender Zukunft beruhte, so erhalten wir für diese untröstliche Wahrheit noch schlagendere Beweise, wenn wir auf das Volk selbst sehen, dessen Gesinnungen durch die Handlungen der Regierung doch nur zum Theil repräsentirt wurden. Der Senat, weit mehr Organ der Regierung, als Vertreter der Interessen des Volkes, ward hart getadelt, daß er die Wahl Leopolds und die Beschränkung der Grenzen durch seine Zustimmung genehmigt habe, und an mehrenOrten kam es deshalb zu crnstlichcnAuf- tritten, deren üble Folgen die Regierung nur da abzuwenden vermochte, wo ihr die noch gegenwärtigen französischen Truppen hülfreiche Hand leisten konnten. Schnell hatte sich die Meinung verbreitet, die Anordnungen in Bezug auf die Begrenzung stien der Selbstsucht des englischen Cabinets zuzuschreiben, welches seine Herrschaft über die ionischen Inseln bis auf den Peloponnes ausdehnen und deshalb das Gebiet des griechischen Staats von allen Seiten offen haben wolle. In gleichem Sinne ward daher auch die Wahl Leopolds betrachtet, welche vorzüglich den republikanischen Parteien im Archipel misfällig zu sein schien, weil ein überwiegender Einfluß Englands, den man von seiner Perstn unzertrennlich dachte, die Selbständigkeit des griechischen Handels zu gefährden drohte. Weit offener waren die Motive des Unwillens in denjenigen Theilen, welche, wie die Inseln Samos, ScioS und Kandia, unter die Herrschaft der Osmanen zurückkehren sollten; und wenn die Oppositionspartei schon um deswillen der Umgestaltung der Dinge nicht abgeneigt weil dadurch der Herrschast des Präsidenten ein Ende gemacht werden jMH MD pMrsii msschim MS W war so ward diese Hoffnung sogleich wieder insofern getrübt, als Kapodiflrias in seinen Briefen an den Prinzen Leopold nur zu deutlich den Wunsch ausgesprochen hatte, daß ihm eine seinen Erfahrungen angemessene Stellung beider griechischen Regierung verbleiben möchte. Es dürste selbst jetzt noch schwer zu entscheiden sein, inwiefern dieser letztere Umstand dazu beigetragen hat, der späterhin weit verbreiteten Meinung, daß Kapodistrias absichtlich darauf hingearbeitet habe, den Prinzen zur Resignation auf die bereits angenommene Souverainetat zu bewegen, Glauben zu verschaffen und selbst eine gewisse diplomatische Wichtigkeit zu geben. *) Um sich die permanente Präsidentschaft, ja wol gar den Thron zu sichern, meinte man, habeKapodistrias dieSchwie- rigkeiten, mit welchen der neue Beherrscher des griechischen Staates zu kämpfen haben würde, in viel zu grellem Lichte und mit offenbarer Verletzung der Wahrheil geschildert, und sei dabei der Erreichung seines Zweckes um so mehr versichert gewesen, da die scheinbar selbständige, aber in der That ganz nach dem Willen der Regierung abgefaßte Denkschrift des Senats seinen Aussagen nur zur Bestätigung gedient habe. Berufen sich die Vertheidiger dieser Meinung, welche nur zu sehr das Gepräge einer in ihren Wünschen getäuschten Opposition an sich tragt, auf den Charakter, die Plane und einzelne Äußerungen des Präsidenten, so darf dagegen das unbefangene Urtheil gewisse Thatsachen nicht aus dem Auge lassen, welche damit schwerlich in Übereinstimmung zu bringen sein möchten. Wir wollen hierzu nicht einmal rechnen, daß dem Präsidenten das Lästige und Niederdrückende seiner ungewissen Stellung, welches er, selbst bei der größten Befangenheit und Selbstverleugnung, taglich mehr hätte empfinden müssen, eine Veränderung wünschend ') Noch nach der Ermordung des Präsidenten hat es Eynard für nöthig gc ten, ihn gegen diese Beschuldigung zu verlheidigen. Vergl. „ll.ott.res et 6ocuwe>u otticiels releetiks aux (Zerniens ev^nemens 6e lee türece, yui ont präceäs et smvl mort üu oviats Laxoäistrias" (Paris 1831), S. 26. Mzu .'HM Mühl -Ochrsk ''ÄdsiiN! i ist- Griechenland 253 Werth machen mochte, die ihm Erleichterung versprach, ohne ihn der Hoffnung auf fortdauernden Einfluß zu berauben; wir wollen durchaus kein Gewicht darauf legen, daß Kapodistrias die Ankunft des Prinzen auf jede Weise zu beschleunigen suchte, und daß er selbst die Adressen veranlagte, welche von Seiten der Griechen, fast wider Willen, an den Souverain abgeschickt wurden *); aber wir glauben desto mehr auf das Benehmen des Prinzen Leopold aufmerksam machen zu müssen, welches er beobachtete, noch ehe irgend eine Mittheilung des Präsidenten darauf Einfluß gewinnen konnte. Hatte er sich, wie man fast annehmen möchte, mit der definitiven Erklärung auf die Protokolle vom 3. Febr. etwas übereilt, so ward er dagegen um so vorsichtiger, als es zur Erledigung der Punkte kam, von welchen er die eventuelle Übernahme der Souverainetat des neugriechischen Staats noch abhängig gemacht hatte. Daß in dieser Beziehung das Protokoll vom 20. Februar seinen Wünschen nicht entsprechen konnte, ergibt sich aus den wenigen Andeutungen zur Genüge, welche wir oben darüber mittheilten. Schon die Unterhandlungen wegen der zu bewilligenden Subsidien, worüber sich das Protokoll in ganz ungenügender Allgemeinheit ausgesprochen hatte, gaben Veranlassung zu gegenseitigen Erlauterungen, welche zuerst auf Seiten des Prinzen ein gewisses Mistrauen gegen die Absichten der vermittelnden Machte erweckt zu haben scheinen. Absichtlich vermied er seit dieser Zeit alle persönliche Berührungen mit Männern, bei wel- chen er einer bestimmten Darlegung seines Entschlusses nicht leicht ausweichen konnte. Am auffallendsten zeigte sich dies während seines Aufenthalts zu Paris, wohin er sich im Marz begeben hatte, um über die Gesinnungen des französischen Cabinets Gewißheit zu erlangen. Privatmittheilungen zuverlässiger, über den Zustand und die Stimmung des griechischen Volkes wohlunterrichteter Männer sollen hier nicht ohne Einfluß auf die Gesinnung des Prinzen geblieben sein. Gewiß ist, daß er weder mit den Gesandten der vermittelnden Machte in nähere Verbindung trat, noch den in Paris gegenwartigen Griechen, welche sich ihm vorstellen wollten, den Zutritt gestattete. Bloß um den Schein einer Beleidigung zu vermeiden, ersuchte er vor seiner Abreise von Paris, am 27. April, den Fürsten Souzo schriftlich, jenen Griechen sein Bedauern auszudrücken, daß er sie nicht habe sehen können, und bat ihn zugleich, sie als Gesandter des Souverains von Griechenland am Hofe Karls X. in seinem Namen zu empfangen. Überhaupt war seine schnelle Abreise von Paris, welche, wie man allgemein wußte, erst 12 Tage später stattfinden sollte, ebenso auffallend als sein rathselhaftes Benehmen wahrend seines Verweilens. Man schrieb jene zwar den beunruhigenden Nachrichten zu, welche der Prinz den Abend vorher durch einen außerordentlichen Courier über die Krankheit des Königs von England erhalten haben sollte, man wußte aber auch, daß der Herzog von Wellington beabsichtige, angeblich den 30. April, dem Parlamente die auf die griechischen Angelegenheiten bezüglichen Papiere vorzulegen, was die Gegenwart und eine bestimmte Erklärung des Prinzen zu erheischen schien. Freilich war es damals auch schon kein Geheimniß mehr, daß der Prinz Willens sei, auf die bereits angenommene Souverainetät zu verzichten. Die französischen Blatter sprachen darüber mit der größten Bestimmtheit, wahrend die Bevollmächtigten der vermittelnden Höfe und das englische Ministerium diesem Gerüchte um so weniger Glauben schenken wollten, weil der Hauptpunkt, woran sich Leopold noch gestoßen hatte, zur Genüge erledigt zu sein schien. Nach einiger Zögerung von Seiten Englands nämlich waren die bei der Pa- cisication Griechenlands betheiligken Mächte übereingekommen, den Federungen des Prinzen in Bezug auf die zu bewilligenden Subsidien völlig nachzugeben, und Interessante Aufschlüsse hierüber gibt der ehemalige Capitata beim General» siabe der griechischen Truppen Dutrone in seinen ,,1lxtruits «le la eorresponsancs avec N. I« presiäe-nt (Parts 1831), S. 16. - 5 »» 254 Griechenland ihm sowol ein Capital von 15 Millionen Fr. zum Ersatz für die jahrliche Pension welche ihm das Parlament gewahrt hatte, als auch die Garantie einer Anleihe von 60 Millionen Fr. zu bewilligen. Allein bald zeigte es sich, daß hiermit die Ba denklichkeiten des Prinzen noch nicht ganz beseitigt waren. Die um diese Zeit ^ London erscheinende Denkschrift des Generals Church: „Bemerkungen über die Wahl der Grenzen Griechenlands als eines unabhängigen Staats", mußte auf den Prinzen schon deshalb großen Eindruck machen, weil die Stellung und Unparteilichkeit des Verfassers die Richtigkeit der hier niedergelegten Resultate einer mehrjährigen Beobachtung und Erfahrung sattsam verbürgte. Ehurch bewies aber eben mit der größten Klarheit, daß Griechenland nur dann militairisch gesichert sein könne, wenn ihm Ätolien und Akarnanien einverleibt würden, sodaß auf der einen Seite die Thermopylen, auf der andern Seite der Makrinoros, und zwar mit Einschluß da starken Positionen von Palradschik, Karpenissa und des Distriets Agrapha, die Grenzen bildeten. Wenn wir nun hierzu noch rechnen, daß Leopold den dringenden Bitten einiger Glieder des englischen Königshauses, sich nicht nach Griechenland zu begeben, gern Gehör schenken mochte, und daß der bevorstehende Tod des Königs selbst ihm Aussichten zu eröffnen schien, welche seine fernere Gegenwart in England rathsam machten, so dürste es wol außer Zweifel sein daß fein Entschluß, die griechische Krone wirklich anzunehmen, schon ziemlich wankend war, als die Depeschen des Präsidenten Kapodistrias, welche ihn vorzüglich zur Resignation bestimmt haben sollen, zu seiner Kenntnis gelangten. Dies geschah aber erst am 14. Mai, worauf Prinz Leopold bereits am 15. sowol den Grafen Aberdeen, Mitglied decCon- ferenz von Seiten Großbritanniens, in einem ossiciellen Schreiben von seiner wahrscheinlichen Resignation vorläufig in Kenntniß setzte, als auch den Bevollmächtigten der drei verbündeten Höfe die erhaltenen Aktenstücke mit der Bemerkung zuser- tigte, daß es ihm die daraus ersichtlichen Schwierigkeiten, namentlich die Verweigerung des Senats, zu den getroffenen Anordnungen seine volle Zustimmung zu geben, und die Unsicherheit der festgesetzten Grenzen zur Pflicht machten, die Eon- ferenz auf seine Verzichtleistung auf eine Aufgabe vorzubereiten, welche er mit lebhaftem Dankgefühl für das Vertrauen, das die verbündeten Mächte in ihn gesetzt hätten, aber auch zugleich in der Hoffnung angenommen habe, zu dem gegenwärtigen Frieden, der Unabhängigkeit und der Wohlfahrt Griechenlands etwas beitragen zu können, was ihm unter den vorliegenden Umständen kaum möglich seinwürde; seine endliche Entschließung jedoch mache er von der Ankunft der Originalurkunden abhängig, von denen er bis jetzt nur Abschriften beigelegt habe. Die Conferenz erklärte hierauf, mit Bezugnahme auf eine Depesche des britischen Residenten in Griechenland, worin dieser den Eindruck, welchen die londoner Beschlüsse auf das griechische Volk gemacht hätten, von der günstigsten Seite schilderte, in einer Note vom 17. Mai: nach dem Beitritt der Pforte und der griechischen Regierung zu den Bestimmungen der Conferenz könne von ernstlichen Schwierigkeiten oder wirklichen Gefahren nicht mehr die Rede fein; die Unannehmlichkeiten, welche allerdings bei Ermittelung der festgesetzten Grenzlinie zu befürchten sein dürften, würden wahrscheinlich im gleichen Grade stattfinden, wenn man eine andere Begrenzung entwerfen wolle, würden aber in jedem Falle durch die Gegenwart der Grcnz- commisiairs und die ihnen zugesagte Unterstützung gehoben werden; stoße sich übrigens der Prinz noch an die Unzulänglichkeit der ihm bewilligten Geldmittel, st si> die Conferenz erbötig, ihm sogleich eine mehr denn hinreichende Summe zur Bestreitung des höchsten Calculs der gegenwärtigen Bedürfnisse des griechischen Staats zur Verfügung zu stellen. „Die Bevollmächtigten", schloß die Note, „wagen ehrerbietigst, aber ernstlich zu erklären, daß Se. königliche Hoheit es Ihrem eignen Charakter, den verbündeten Mächten und der griechischen Nation schuldig ist, da Erfüllung des wichtigen und höchst ehrenvollen Auftrags, den Hochdiestlbe über- M Griechenland 255 nommen, nicht länger zu verschieben." Daß diese gehaltlose Erklärung, welche die Punkte, auf die es eigentlich ankam, nicht einmal berührte, geschweige denn erledigt hätte, den Prinzen in seinem Vorsatze, zu resigniren, nur bestärken konnte, liegt auf der Hand. Schon am 21. Mai kündigte er der Eonferenz durch eine zweite Note an, daß er nach Berücksichtigung aller Urnstände fest entschlossen sei, die Souverainetat des griechischen Staats nicht anzutreten. Alles beweise ja, daß die wirkliche und ungcschwächte Meinung des griechischen Senats und Volkes den Entscheidungen der verbündeten Machte fest und unwiderruflich feindselig sei; er sei nie Willens gewesen, die griechische Religion anzunehmen, wie man, nach den Äußerungen des Präsidenten, in Griechenland zu erwarten scheine; die Eonferenz habe nie Schritte gethan, einen förmlichen, gehörig ratificirten Vertrag abzuschließen, der ihm und dem griechischen Volte die nöthige Sicherheit gewahre, und wozu die Protokolle von ihm stets nur als die erste Grundlage betrachtet worden seien; er habe das ehrenvolle Anerbieten der Souverainetät des griechischen Volkes nur mit dem Wunsche in Erwägung gezogen, von diesem selbst fre! und einmüthig anerkannt, und als Freund bewillkommt zu werden, durch dessen Vermittlung die schwer erkämpfte Unabhängigkeit eine sichere und dauernde Grundlage erhalte; jetzt aber könne er sich nur als einen Delegaten der verbündeten Mächte betrachten, der ausersehen wäre, Griechenland durch die Gewalt ihrer Waffen in Unterwerfung zu halten; ein solcher Auftrag würde ebenso sehr seinen Gefühlen widerstreben als seinen Charakter blosstellen, da derselbe in geradem Widerspruche mit dem Inhalte des Tractats vom 6. Iul. stehe, nach welchem sich die drei Machte vereinigt hatten, die Pacisication des Ostens zu bewirken. („Allgemeine Zeitung", 1830, Nr. 160 B.) Zwei Tage später, den 23. Mai, überschickte Leopold zu seiner Rechtfertigung dem Grafen Aberdeen noch die oben erwähnte Denkschrift des Senats von Griechenland, und am 24. ward dem Parlamente darüber die Anzeige gemacht, welche die Vorlage der die griechischen Angelegenheiten betreffenden Papiere und lange Debatten zur Folge hatte, womit aber der Sache selbst um so weniger gedient sein konnte, weil man über nutzlosen Erörterungen den eigentlichen Zweck, eine befriedigendere Anordnung der griechischen Verhältnisse, bald aus dem Auge verlor. Dasselbe gilt von den langen Diatri- ben in ministeriellen und Oppositionsblättern, welche je nach ihrer Farbe die Schuld des völligen Mislingens des gleich im Entstehen verfehlten Plans theils der Wankelmüthigkeit des Prinzen Leopold, theils der Unredlichkeit der Ministes und der Unkenntniß der Bevollmächtigten zuschreiben wollten. DieserAusgang der so viele Erwartungen erregenden Unterhandlungen war vorzüglich deshalb für Griechenland selbst höchst traurig, weil damals die eigenthümliche Eonstellation der politischen Verhaltnisse im Westen die Aufmerksamkeit der Cabi- nete viel zu sehr in Anspruch nahm, als daß man den griechischen Angelegenheiten, bei deren Anordnung man sich sichtlich übereilt hatte, um sie nur zu beseitigen, für jetzt sogleich eine zweite, und zwar genügendere Erörterung hätte widmen mögen und können. Die französische Expedition nach Algier, von deren Ausgang eine neue Gestaltung der Verhaltnisse im Mittelmeere überhaupt abzuhängen schien; die Gährung im Innern Frankreichs, bei welcher man die unvermeidliche Noth- wendigkeit einer entscheidenden Krise schon nicht mehr verkennen konnte; selbst der Tod des Königs von England, an welchen sich neue Hoffnungen und Besorgnisse knüpften: all Dieses wirkte zusammen, der unmittelbaren Erledigung der griechischen Sache in den Augen der höhern Diplomatie nur eine untergeordnete Wichtigkeit zu geben. Der Herzog von Wellington soll in diplomatischen Cirkeln geradezu erklart haben, man werde die Angelegenheiten der Griechen so lange „in statu yrw" lassen, bis die Verhältnisse Frankreichs und Algiers geordnet waren; und so war es nur natürlich, daß man, ungeachtet fortgesetzter Cvnfcrenzen zu London, noch 5 256 Griechenland nicht einmal den Hauptpunkt, die Wahl eines neuen Souverams, erledigt hau? als die Ereignisse des Julius und der folgenden Monate das weitere Schicksal des unglücklichen Griechenlands völlig in Vergessenheit brachten. Prinz Paul von Würtemberg wurde zwar unter mehren deutschen Fürstensöhnen als derjenige genannt, welcher die ihm vorzüglich auf Rußlands Betrieb angetragene Souveraine- tat wirklich, obgleich ebenfalls bedingungsweise, angenommen habe; allein das Gerücht verlor sich im Laufe des Jahres unter der Masse unerwarteter Ereignisse, welche die Thätigkeit der Diplomaten und die Aufmerksamkeit des Publicum so sehr in Anspruch nahmen. Bald kam es dahin, daß Griechenland in öffentlichen Blattern kaum dann und wann einmal genannt wurde, und wenn es geschah, so glichen die von dorther kommenden Nachrichten über die täglich steigende Noch der Regierung und die mehr und mehr um sich greifende Gahrung im Volke fast mn einem trostlosen Hülferufe, der im politischen Getümmel des Westens und Nordens ungehört verhallte. Der Eindruck und die Folgen von der Resignation des Prinzen Leopold, welche dem Präsidenten im Julius durch eine gemeinschaftliche Note der Residenten der vermittelnden Mächte mit der Bitte bekannt gemacht wurde, daß er auf seinem Posten bis zu weiterer Entscheidung verbleiben möchte, konnten in Griechenland selbst nur höchst nachtheilig sein. Sogar die begeistertsten Verthcidiger des Grafen Kapodistrias vereinigen sich in der Meinung, daß vorzüglich seit dieser Zeit die griechische Regierung, unter dem Drange und der Ungewißheit der Verhältnisse, die sichere Haltung verloren, und die meisten Fehltritte begangen habe, welche man ihr mit Grund zur Last legen könne. *) Die Opposition, welche die Abdankung des Prinzen, ihrem Systeme getreu, den Machinationen des Präsidenten allein zuschreiben zu müssen glaubte, ward erbitterter als je vorher, weil sie jetzt ihren Zweck, die Entfernung Kapodistrias' und feines verhaßten Anhangs, aus lange Zeit vereitelt sah, und auch jenem gemäßigtem Theil der Nation, welcher sich aus gewissen Privatinteressen der Wahl Leopolds nicht sehr geneigt gezeigt hatte, konnte jetzt seine Entsagung schon deshalb nicht genügen, weil durch sie die Übelstände, von welchen jene begleitet gewesen war, nicht einmal gehoben wurden. Die Vorstellungen des Senats gegen die Beschränkung der Grenzen des griechischen Staats, die Räumung des griechischen Gebiets von Seiten der Türken, und umgekehrt des türkischen von Seiten der Griechen, und endlich die so sehnlich erwartete Garantie der beabsichtigten Anleihe von 60 Millionen Fr., schien die Conferenz als unwesentliche Dinge für jetzt einer weitern Beachtung nicht würdigen zu wollen. Wenigstens ließ die erwähnte Note der Residenten in Griechenland die Negierung hierüber völlig in Ungewißheit. Etwas später las man zwar in englischen und französischen Blättern ein angeblich am 27. Jun. erlassenes Schreiben der Bevollmächtigten zu London an den Grafen Kapodistrias, worin ihm nicht nur die befriedigendste Erledigung jener Punkte durch ein neues Protokoll zugesagt, sondern auch die Erlaubniß ertheilt wurde, gegen die Unruhstifter in Griechenland die bewaffnete Macht der verbündeten Höfe in Anspruch zu nehmen („Allgemeine Zeitung" 1830, Nr. 265); allein der ganze Ton desselben verrieth es sogleich als das schlecht berechnete Machwerk einer Partei, deren sich sogar die Regierung zu ihren Zwecken bedienen zu wollen schien, da sie die Ausnahme jenes Schreibens in die cf- *) So z. B. Lagarde, welcher an der wissenschaftlichen Expedition der Franzosen in Morea Theil nahm, und nach der Ermordung des Präsidenten ihn in einem an Eynard geschickten Schreiben gegen die Angriffe seiner Gegner zu vertheidigcn sucht. (Vergl. die angeführten „Uettres et lleeumens" S. 266): „Oll peew ie- mariner gue, «Ie ee moment surtout, Ie Gouvernement Aree «e montrn jusle inent inczuiet et embnrrns->6, et eommit In plupart «les fnutes gu'on peut Ie» >e procker avec gnelgue raison." Mi», Wi Griechenland 257 ficielle Zeitung von Griechenland auffallenderweise nicht verhindert hatte. Die einzige officielie Depesche, welche in dieser Zeit dem Präsidenten von Seiten der Bevollmächtigten durch die Residenten und zwar am Aug. mitgetheilt wurde, betraf einige im Ganzen unwesentliche Erläuterungen des Protokolls vom 3. Febr. in Bezug auf das Auswanderungsrecht der noch auf türkischem Grund und Boden heimischen Griechen und den Verkauf türkischer Staats- und Privatgüter im Bereiche des griechischen Staats. Daß die Conferenz anfangs entschlossen war, in den wesentlichsten Thei- len jenes Protokolls, namentlich in der Bestimmung der Grenzen und dein damit zusammenhängenden gegenseitigen Austausch der bereits festgesetzten Distrikte, nichts zu ändern, beweist der Umstand, daß um dieselbe Zeit die von den vermittelnden Mächten zur Abgrenzung des griechischen Festlandes ernannten Bevollmächtigten sich in Napoli sammelten, und von Seiten der Pforte zur Räumung von Attika und Negroponte wenigstens Anstalten getroffen wurden, während sie kein Bedenken trug, die ihr über die Inseln Kandia und Samos zugestandene Oberherrschaft selbst mit den Waffen geltend zu machen. Es war natürlich, daß man die Schwierigkeiten, welche der Verwirklichung der londoner Protokolle entgegenstanden, erst recht kennen lernte, als man ihre Ausführung mit Ernst zu betreiben anfing; und dieses, vereint mit dem geringen Antheil, welchen damals übe>- haupt die vermittelnden Mächte an Griechenland nehmen konnten, brachte gleich anfangs in die Arbeiten der Grenzcommission eine solche Lauheit, daß man eine günstige Beendigung derselben nur erst in ferner Zukunft erwarten durfte. Je mehr es der griechischen Regierung an Mitteln, an Geld und disponideln Truppen fehlte, Attika und Negroponte militairisch zu besetzen, und demgemäß neu zu organischen, desto mehr zögerte die Pforte mir der Räumung; erst als die Ehefs der Seestationen der verbündeten Mächte sich ins Mittel schlugen, und die Küsten von Attika besetzen ließen, setzte die Pforte im Nov. zur Räumung von Athen und Negroponte eine Frist von zwei Monaten fest, sodaß sie bis zum II). Jan. 1831 vollendet sein sollte; allein später soll sie wenigstens im Geheimen wieder Gegenbefehle ertheilt haben, welche um so leichter mit einem gewissen Scheine des Rechts befolgt werden konnten, da auch von Seiten der griechischen Regierung bei dem Verkaufe und Austausch der Ländereien Schwierigkeiten erhoben wurden, welche dem längern Verweilen der Türken einen willkommenen Vorwand leihen »lochten. Man schreibt die Schuld hiervon, vielleicht nicht mit Unrecht, jener falschen Politik des Präsidenten zu, der zufolge er die Ankäufe einflußreicher Fremden so viel als möglich zu verhindern gesucht haben soll. Bedeutende Ankäufe machten um diese Zeit z. B. der Befehlshaber des britischen Geschwaders, Sir Pulteney Malcolm, und die Herzogin von Piaeenza, in und um Athen. Namentlich wird berichtet, daß Kapodistrias den der Regierung von Seiten des türkischen Bevollmächtigten, Hadschi Ismail Bey, gemachten Vorschlag, die Ländcreien der Türken nach einem sehr mäßigen Überschlagspreise in Masse anzukaufen, vorgeblich aus Mangel an Geld nicht angenommen habe. Der Verkauf im Einzelnen aber konnte schon deshalb nur langsam von statten gehen, weil vorher ausgemittelt werden mußte, ob die Ansprüche der Verkaufer in der That rechtlich begründet, und inwiefern die jetzt herrenlosen Grundstücke vormals wirklich Privateigenthum, Staatsgut oder Vakuf-Güter, d. h. den Moscheen zugehörige Besitzungen, gewesen seien. Mißverständnisse, kleinliche und zeittödteude Erörterungen konnten hierbei kaum vermieden werden und brachten in das ganze Geschäft, vorzüglich auf Seiten der Käufer, bald eine unerwartete Lauheit, zumal da man in die Absichten und Plane der von der Regierung dazu ernannten Commission, an deren Spitze ein Freund des Präsidenten, Peruka, stand, gleich anfangs großes Mistrauen setzte. Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 17 258 Griechenland Unter diesen Umständen darf es uns nicht wundern, daß auch für die Ausmittelung der durch das Protokoll vom 3. Febr. bestimmten Grenzlinie des Festlandes fast nichts geschah. Wurden von den Bevollmächtigten die Vorarbeiten dazu wirklich begonnen, so ward dagegen die Fortsetzung derselben bereits im Nov. durch das Gerücht von einem neuen Protokolle, welches die Grenzen des neugriechischen Staats dennoch bis auf die Linie zwischen Acta und Volo erweitern werde, aufgehalten. Selbst die Pforte soll damals diesem Plane nicht abgeneigt gewesen sein, änderte aber später ihre Gesinnungen wieder, als die politischen Ereignisse zu Anfange des Jahres 1831 ihr eine vortheilhaftere Stellung zu den vermittelnden Machten zu sichern schienen; und so blieb hier Alles in der alten Ungewißheit, wahrend das Schicksal von Samos und Kandia, gemäß den Protokollen der Conferenz, auf die gewaltsamsteLVeise entschieden wurde. Auf Samos hatte bereits am 10. Mai 1830 die Ankunft der von einigen Truppen begleiteten türkischen Bevollmächtigten, welche, zufolge des Beitritts der Pforte zu den Bestimmungen der londoner Conferenz, von dem zu Kora residiren- den Provinzialgouverneur die Anerkennung der Oberhoheit des Sultans verlangten, einen Aufstand verursacht, welcher die Abgeordneten mit ihrer Begleitung zur schleunigen Rückkehr nach Asien nöthigte. Eine kurz darauf von dem Patrioten Lykurg Logotheti an die Samier erlassene Proclamation, worin er ihnen die Leiden, welche ihrer warteten, wenn sie sich dem Unterwerfungsvertrage nicht mit aller Kraft widersetzen würden, in den ergreifendsten Bildern vergegenwärtigte, verfehlte ihren Zweck nicht. Schon am 7. Jun. erklärten die zu einer Generalversammlung in Kora vereinten Abgeordneten der Städte und Dörfer von Samos, 79 an der Zahl, durch ein feierliches Decret, daß die Insel Samos, den in allen Generalversammlungen beschworenen Beschlüssen getreu, sich nie freiwillig vom griechischen Staate trennen werde; daß sie zwar den von den verbündeten Machten gebotenen Waffenstillstand so lange halten wolle, als sie nicht von Seiten der Türken genöthigt werde, ihn zu brechen; daß sie aber, da jene Mächte die unveräußerlichen Rechte der Samier völlig unberücksichtigt gelassen hätten, zu ihrer eignen Sicherheit und zur Vermeidung der Anarchie, aus sich selbst eine provisorische Regierung wählen müsse, welche jedoch ganz nach den Grundsätzen und im Geiste der griechischen handeln werde, da diese nur gezwungen auf das Departement der östlichen Sporaden verzichtet habe. Ein zweites Decret gab über die Grundsätze der provisorischen Regierung weitere Erklärung, und ein drittes stellte den genannten Lykurg Logotheti an ihre Spitze. Joannis Koletti, außerordentlicher Bevollmächtigter der östlichen Sporaden, sagte sich hierauf, gemäß den Befehlen der griechischen Regierung, in einer Proclamalion vom 14. Jun. von jedem weitern Einfluß auf die politischen Angelegenheiten der Samier los; und so lebten diese noch der Hoffnung, daß ihre Entschlossenheit die Beschlüsse der vermittelnden Machte ihnen zu Gunsten modisiciren werde, als zu Ende Augusts der Befehlshaber der russischen Brigg Tele- mach im Hasen von Vathi landete und dem Chef der provisorischen Regierung im Namen der verbündeten Mächte die förmliche Misbilligung der in Samos vorgefallenen Ereignisse mit der Weisung zu erkennen gab, daß Samos sich den Beschlüssen vom 3. Febr. fügen und unverzüglich unter die Botmäßigkeit der Pforte zurückkehren müsse. Dasselbe ward einer Deputation, welche sich im Sept. nach Nauplia begab, um sich über den wahren Stand der Angelegenheiten von SamoS zu unterrichten, durch die Admicale und Residenten der vermittelnden Machte wiederholt. Seitdem lebte Samos, sich selbst überlassen, in einem Zustande unverbürgter Unabhängigkeit und weigerte sich noch zu Anfange des folgenden Jahres mit der Pforte in Unterhandlungen zu treten, welche die Anerkennung der Oberherrschaft des Sultans, jedoch unter den von den vermittelnden Machten durch das Protokoll vom 20. Febr. gewährten Garantien *) zum Zwecke hatten. In Bezug auf Samos u»d Kandia heißt es in diesem Protokoll unter An- Weit verwickelter und trauriger waren die Verhaltnisse von Kandia, auf dessen schleunige Besitznahme die Pforte selbst größeres Gewicht legte. Die Reibungen, welche hier zwischen den verschiedenen Theilen der Bevölkerung seit 1821 nie aufgehört hatten, wurden auf die Nachricht von den londoner Beschlüssen heftiger als je zuvor, und die schrecklichsten Scenen des erbittertsten Guerillakriegs erneuerten sich in alter Weise. Im Allgemeinen zerfielen damals die Einwohner von Kandia in drei größere Massen, welchen die Nothwendigkeit getrennter Interessen eine unversöhnliche Feindschaft gebot: 1) die Griechen des Raths von Milopotamos, welche sich mit den Behörden der benachbarten Gegenden von Kandia sowie denen von Karabusa verbanden; 2) die Sphakioten, die ihre Gebirgscantone und die Provinz Apokorona beherrschten; 3) die Türken, welche die Festungen und die umliegenden Thaler besetzt hatten. Ohne sich gerade den Befehlen der griechischen Regierung zu fügen, war den beiden erstem das angeblich durch Emissairs vom griechischen Festlande verbreitete Gerücht, daß die Regierung zu Nauplia nicht Willens sei, in Bezug auf Kandia den Beschlüssen der londoner Eonserenz Folge zu leisten, Grund genug zu dem entschlossensten Widerstand gegen alle Maßregeln der Pforte, welche die Ausführung jener Beschlüsse zum Zweck hatten. Eine Vermittelung, welche die Admirale der Stationen der verbündeten Machte in den griechischen Gewässern bereits um die Mitte des Jun. versuchten, hatte weiter nichts zur Folge, als daß die Kandioten griechischer Herkunft eine Deputation nach Nauplia schickten, um von Seiten des Präsidenten über ihr Schicksal bestimmten Aufschluß und im Nothfall Hülfe zu erhalten. Kapodistrias entließ sie mit der trostlosen Versicherung, daß es nicht in seiner Macht stehe, weiter etwas für die Unabhängigkeit von Kandia zu thun, wahrend ihnen die Residenten der drei Mächte die Entschlüsse der Cabinete als unabänderlich bezeichneten. Unterdessen hatte auf Kandia vr. Reg- nieri, welchen der „(üourrier cke Sm^rue" — für diese Verhältnisse leider fast die einzige Quelle — nur als Agenten des Präsidenten von Griechenland darstellt, die Rolle des Lykurg Logotheti auf Samos übernommen und war fest entschlossen, selbst der bedeutenden Macht sich entgegen zu stellen, welche der zum Statthalter von Kandia ernannte Vicekönig von Ägypten, Mohammed Ali Pascha, im Sept. in Alexandrien einschiffen ließ, um die Unterwerfung der Insel zu vollenden. Der Kampf, welcher hierauf zum offenbaren Nachtheile der Griechen begann, wurde vorzüglich durch die zweideutige Besetzung des nur einige Seetoisen von der Insel entfernten Forts Karabusa durch russische und französische Truppen in die Lange gezogen. Die Griechen knüpften daran die Hoffnung einer günstigem Entscheidung ihres endlichen Schicksals von Seiten der vermittelnden Mächte, während Mohammed Ali Pascha, obgleich die ägyptischen Truppen ein entschiedenes Übergewicht behaupteten, sie für bedenklich genug gehalten haben soll, um von den AdMi- ralen der verbündeten Geschwader darüber nähere Erklärung zu verlangen. Jedoch bedurfte es dieser kaum; denn schon im Der. schmachtete die ganze Insel, mit Ausnahme der Provinzen Kandia und Sitia, unter dem Druck ägyptischer Gewaltherrschaft, welcher ein großer Theil der griechischen Bevölkerung, worunter sich derm: „Des puisssnces alli^es s'einpressent lle «l^clarer, gu'en vertu äes «NASA«- mens gu'elles ont eontraetes 6'un eoinmun aeeorll, eile« se eroient tenue« ci'as- »urer nnx lmbitaus lle D!s»0. Jun. überein, sogleich eine Summe von 1,500,000 Fr., wozu jede der verbündeten Mächte ein Drittel beizusteuern versprach, als Vorschuß auf die zu leistende Anleihe nach Griechenland abzuschicken. Diese Summe, in Verein mit 350,000 Fr., welche abermals Eynard wahrend der Verhandlungen über jene Subsidien dem Präsidenten überschickt hatte, deckten nothdürstig den Aufwand für das Heer und den öffentlichen Unterricht bis gegen das Ende des 1.1830. Die laufenden Ausgaben in den übrigen Zweigen der Verwaltung sollten aus dem Staatsschatze bestritten werden, dessen Einnahme sich in diesem Jahre etwa auf 4^ Mill. Fr. beließ. Allein schon um die Mitte des Jahres zeigte sich ein offenbares Mis- verhältniß der Einnahme zu den Ausgaben, welches natürlich mit jedem Monate größer werden mußte, da der Ertrag der dem Staate zu Gebote stehenden Hilfsquellen unmöglich in demselben Grade wachsen konnte wie der Bedarf der fortschreitenden Organisation. Um jedoch einer zu befürchtenden Lahmung in dieser vorzubeugen, nahm die Regierung, da nach der Auszahlung jenes subsidiarischen Vorschusses von 1,500,000 Fr. Verhältnisse eingetreten waren, welche die wirkliche Eröffnung der Anleihe von 60 Mill. Fr. völlig in Vergessenheit gebracht zu haben schienen, ihre Zuflucht zu der höchst mislichen Maßregel der Steuererhöhung, deren materieller Erfolg in jedem Falle höchst precair erscheinen mußte, während 1831", und einen Theil des ,,Oourner äe la tüiece" von 1831. Repräsentier dieser, seinem officiellen Charakter zufolge, nur die Gesinnungen und wlane der Regierung, so haben jene Schriften dagegen zu sehr die Farbe einer heftigen Opposition, als daß wir sie in jeder Beziehung als lautere Quellen betrachten dürften Insofern sie jedoch über Mehres wichtige thatsächliche Aufschlüsse geben, verdienen sie für jetzt vorzügliche Berücksichtigung. Griechenland 263 man ihre moralischen Nachtheile mit Gewißheit hätte voraussehen können. Wie erinnern nur an eine neue Verordnung über die Bezahlung des Zehnten vom Ertrage des Grundbesitzes, welche am 25. Nov. bekannt gemacht wurde. Durch ein Gesetz vom 7. Marz 1830 nämlich war bereits festgesetzt worden, daß der Zehnte in baa- rem Gelde, und zwar nach Qualität und Quantität der Producte in steigendem Verhältnisse von 10 bis zu 25 Procent, entrichtet werden sollte, während das Maximum des Zehnten zur Zeit der Herrschaft der Pforte durchgängig nur 10 Procent betragen hatte. Es zeigte sich jedoch sehr bald, daß der Mangel an baarem Gelde unter der ackerbauenden Classe die Ausführung dieser Maßregel unmöglich mache, und daß dem Staatsschatze daraus ein wesentlicher Nachtheil erwachse, indem der größte Theil der Grundbesitzer den Foderungen der Regierung nicht genügen konnte. Um diesem Übelstande abzuhelfen, ward durch die genannte Verordnung vom 25. Nov. bestimmt, daß die Grundsteuer fortan in Natura bezahlt werden solle, und zwar ein Zehntel von den Producten des eignen Besitzthums, ein Viertel dagegen von denen derjenigen Staatsgüter, welche Privatleuten zum Anbau überlassen worden waren. Diese Maßregel, für den kaum wiederauflebendcn Ackerbau an sich schon sehr drückend, empörte die Landbauer vorzüglich deshalb, weil den Einsammlern dabei große Willkür gelassen war, den Steuerpflichtigen hingegen der unentgeltliche Transport ihres Abgabequantums auf fünf Stunden Wegs vorgeschrieben wurde. Hierzu kam, daß die Einnahme nicht unmittelbar durch Regierungsbeamte besorgt, sondern vom 1. März an auf ein Jahr an Zeitpachter versteigert werden sollte, welche die Regierung schwerlich zu controliren im Stande sein mochte. Brachte die Verordnung vom 25 Nov., welche am 1. Marz 1831 ins Leben treten sollte, schon im Voraus unter der ackerbauenden Classe eine sehr üble Stimmung hervor, so wirkte eine andere um dieselbe Zeit gleich nachtheilig auf den Handelsstand. Alle ausländischen Waaren nämlich, welche bereits einem Einfuhrzoll von 10 Procent unterlagen, sollten fortan noch mit einer Abgabe von 6 Procent besteuert werden, sobald man Willens wäre, ihren Absatz aus den Landungsplatzen weiter nach dem Innern zu betreiben. Die Lebhaftigkeit des Binnenhandels, der sich eben erst zu entwickeln anfing, wurde hierdurch wesentlich beeinträchtigt, zumal da ein gleichzeitiges Verbot aller ausländischen, vorzüglich der türkischen Münzen, welches den Umlauf der von der Regierung ausgeprägten Nationalmünzen, deren Menge noch nicht einmal dem Bedarfs des gewöhnlichen Umsatzes entsprach, befördern sollte*), Handel und Verkehr auf die empsindlichsteWeise lähmte. Daß daher dergleichen Schritte nur das Misbehagen des Volkes, keineswegs aber die Hülfsquellen des Staatsschatzes vermehrten, bedarf eines weitern Beweises nicht. Schon zu Anfange des Jahres 1831 war die Noch der Regierung in dieser Beziehung so hoch gestiegen, daß die Besoldungen der Beamten nur zu einem Fünftel in baarem Gelde ausgezahlt werden konnten, während ihnen für den Rest Anweisungen an die Staatscassen auf unbestimmte Fristen zugefertigt wurden. Also war es nur natürlich, wenn selbst die Classe, auf deren Ergebenheit die Regierung noch am meisten rechnen mochte, von Tage zu Tage mißtrauischer wurde. **) Kapodistrias soll damals den Versuch ge- *) Der Präsident scheint dieses Verbot zu einer Ehrensache gemacht zu haben. Denn noch im „0ourrier ste la ^lrece" vom 27. Jul. 1831 findet sich deshalb eine strenge Verordnung der Finanzcommission, welche das Verbot auch auf das seit 18Z6 in Griechenland geschlagene Geld erstreckt. Freilich machte es nur einen Übeln Eindruck, daß der Präsident um diese Zeit das Haus des Dcmetrios Kalergi zu Argos für 12,000 spanische Piaster kaufte; und auch von feinen Brüdern war es allgemein bekannt, oaß sie im Besitze bedeutender Capitalien seien, über deren Erwerbung man sich wenigstens sehr anstößige Vcrmuttzungcn erlaubte. sV 264 Griechenland ßl.M - fW macht haben, im Lande selbst eine Anleihe von 300,000 Phönix zu eröffnen; al- I i ' lein die Subfcription soll nur auf 00,000 Phönix gebracht worden sein. Wieder- holte Bitten um die Eröffnung der versprochenen Anleihe oder die Fortsetzung der l«!' geleisteten Subsidien waren ebenso dringend, als sie erfolglos blieben. Selbst Ey- nard's edler Eifer scheiterte an der Bedrängniß der Cadincte, in welche sie zu Anfange des Jahres 1331 durch Verhaltnisse versetzt waren, welche ihren eignen Interessen viel näher lagen als Griechenlands trauriges Schicksal. Wahrscheinlich auf Veranlassung des Präsidenten entwarf Eynard im Jan. 1831 zu Rom eine Denkschrift an die Minister des Königs und die beiden Kammern zu Paris, worin er nicht allein bewies, daß es das eigne Interesse der vermittelnden Mächte, vorzüglich aber Frankreichs Ruhm und Ehre verlange, Griechenland in seiner höchsten Noch die hülfreiche Hand nicht zu entziehen, sondern auch darzuthun versuchte daß der griechische Staat selbst Mittel genug besitze, für eine Anleihe die nöthiqe Sicherheit zu gewähren, wenn sich nur die verbündeten Höfe dazu verstehen woll, ten, fürerst die erfoderliche Garantie zu leisten. Und sei man für jetzt nicht im Stande, hierauf einzugehen, so solle man wenigstens noch einen Vorschuß von 000,000 Fr. machen, welcher bei lener Anleihe in Abrechnung gebracht werden könnte und Griechenland vor den Schrecken der furchtbarsten Anarchie bewahren würde; überdies sei Frankreich auf die versprochenen Subsidien noch mit einer Summe von 1,645,301 Fr. in Rückstand, auf welche die griechische Regierung gern verzichten wolle, sobald das französische Cabinet nicht zögern werde, durch schleunige Übersendung jener 900,000 Fr. der dringendsten Noth abzuhelfen und zu der größern Anleihe angemessene Vorbereitungen zu treffen. *) Auch diese Vorstellungen aber blieben völlig unbeachtet. Mit Schmerzen gestand Eynard zehn Monate später, als die traurigen Ereignisse eingetreten waren, die er mit trüber Ahnung vorhergesehen hatte, daß er allein damals durch schleunige Hülfe großes Unglück verhütet habe*^); von den vermittelnden Machten erhülr Griechenland vor des Präsidenten Ausgang nicht die geringste Unterstützung. In einzelnen Zweigen der öffentlichen Verwaltung war indeß um diese Zeit mehr geschehen, als man unter solchen Umstanden hätte erwarten dürfen. Wesentliche Fortschritte in der Erziehung und Bildung der Jugend können selbst Diejenigen nicht verkennen, welche die Mangel des öffentlichen Unterrichts mit der größten Strenge rügen zu müssen glaubten. Die Vermehrung der Schulen in ollen Theilen deS Staats, vorzüglich im Lauf der Jahre 1830 und 1831, ist eine unbestreitbare Thatsache; geschah dabei viel, in manchen Gegenden vielleicht das Meiste von Seiten der Gemeinden, so widmete ihnen auf der andern Seite auch die Regierung eine ausgezeichnete Sorgfalt. Den besten Beweis dafür gibt der Bericht über Bestand und Einrichtung der Schulen in allen Theilen des Staats, welchen der StaatSsecretair für die geistlichen Angelegenheiten und den öffentlichen Unterricht, N. Ehrysogelos, der Regierung im Febr. 1831 mittkeiltc. In Bezug atlf die unter unmittelbarer Leitung der Regierung stehenden Lehranstalten ersehen wir daraus, daß das Waisenhaus auf Ägina noch 407 Zöglinge zahlte, obgleich im Laufe des Jahres 122 Knaben auf Kosten der Regierung rheils zu weiterer ^ Fortbildung ihrer Studien in höhere Bildungsanstalren eingetreten waren, theils unter Obhut des Dircctors sich irgend einem andern Berufe gewidmet hatten. Um dieselbe Zeit befanden sich in der Vorbereitungsschule aufÄgina 227, und in der Eentralschule daselbst 122 Schüler. Im Peloponnes zählte man damals 19 hö- ') Diese Denkschrift findet sich in den erwähnten „Uettre» et llvcumeiis etc." unter der Aufschrift: ,,l3ute Sur in (?rece". **) Die Summen, welche Eynard seit dem Febr. 133l nach Griechenland geschickt bat. können wir nicht näher angeben; der „0ourri«r eis Km^rn«" erwähnt im April 200,000 Fr. Griechenland 266 here Vorbereitungsschulen, in welchen die altgriechische Sprache gelehrt wurde, mit 678 Schülern und 86 Volksschulen für gegenseitigen Unterricht mit 2970 Schülern; auf den Inseln erhielten in 15 Lehranstalten der ersten Art 1073, und in 33 der zweiten Gattung 2930 Schüler Bildung und Unterricht. Ost- und Westgriechenland, deren Organisation überhaupt verhältnißmäßig noch sehr zurück war, standen auch in dieser Beziehung den übrigen Provinzen weit nach. Denn beide besaßen nur je eine Vorbereitungsschule mit 40 Schülern, während Westgriechenland deren vier für gegenseitigen Unterricht mit 329 Schülern und Ostgriechenland drei mit 407 Schülern zählte. Rechnen wir hierzu noch, daß damals sieben von der Regierung unmittelbar in verschiedenen Theilen des Landes angelegte Vorbereitungsschulen von 883, und vier in gleichem Verhältnisse stehende Schulen des gegenseitigen Unterrichts von 387 Schülern besucht wurden, so belauft sich die Gesammthest der damals wirklich cxistirenden Schulen auf 123 mit 9737 Schülern, welche sich nach der Abfassung dieses Berichts noch bedeutend vermehrten, wie aus den ofsiciellen Angaben des „<3ounier cka la (Zrece" vom vorigen Jahre ersichtlich ist. Auch hatte das Priesterseminar, seit es am 30. Ott. 1830 von Ägina nach St.-Moni auf Poros verlegt worden war, eine ausgedehntere und zweckmäßigere Organisation erhalten, und zählte allein 15 Freistellen der Regierung. In der Milirairschule zu Nauplia bildeten sich 60 Jünglinge für den höhern Militairdienst aus. Außerdem erhielten noch über 2000 Knaben in Privatlehranstalten, unter denen die auf Veranlassung des nordamerikanischen Missionscomice durch Jonas King zu Athen und auf Tenos begründeten ausgezeichnete Erwähnung verdienen, theils höhern Unterricht, theils die gewöhnliche Volksbildung. Der Erziehung der weiblichen Jugend war dagegen bis jetzt nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet worden; seit kurzer Zeit befand sich auf'Ägina eine Madchenschule, die aber zu Anfange des Jahres 1831 erst gegen 30 Schülerinnen zählte. Jedoch darf man sich auch bei jenen Schulen durch ihre äußere Blüte nicht über ihre innern Mangel tauschen lassen, welche zum Theil in der Unzulänglichkeit der Mittel, zum Theil aber auch in dem ursprünglich fehlerhaften Plane, nach welchem die Regierung die gesammte Volksbildung ihrem System gemäß einrichten und leiten wollte, ihren Grund hatten. In den Elementarschulen, welche seit dem Herbste 1830 meist nach der durch Sarazin in Frankreich eingeführten Methode des gegenseitigen Unterrichts neu organisirt worden waren, beschränkten sich die Lehrgegenstände gewöhnlich nur auf Lesen, Schreiben und die Anfangsgründe des Rechnens; in einigen kam hierzu etwas Religionsunterricht, und in sehr wenigen knüpfte man hieran die Elemente des Kirchengesangs, der Grammatik und der Linearzeichnung. Der Mangel an gehörig ausgebildeten Lehrern, welchem erst nach und nach durch die Zöglinge der bei der (Zentralschule auf Ägina befindlichen Normalschule abgeholfen werden konnte, desgleichen an Lehrbüchern und andern unentbehrlichen Gegenständen, ward an vielen Orten noch sehr schmerzlich empfunden und gab zu gegründeten und ungegründeten Klagen häusige Veranlassung; wie denn auch über die von der Regierung gebotene strenge Befolgung der Sarazin'schen Methode, welche in mancher Beziehung weder den örtlichen Verhältnissen noch dem Geiste und den Bedürfnissen der Schüler entsprach, und die geringe Ausdehnung der Lehrgegenstände, welche man einem persönlichen und absichtlichen Widerwillen des Präsidenten gegen die Aufklärung der Niedern Volksclassen zuschrieb, überall misbilligende, ja zum Theil heftig tadelnde Stimmen laut wurden. Man vermißte überhaupt bei dem ganzen Erzi'ehungswescn ;ene politische Tendenz, welche, neben der wissenschaftlichen Ausbildung der Jugend, auch eine höhere moralische, dem künftigen Staatsbürger nothwendige Bildung im Auge behalte. Den meisten Anstoß nahm man in dieser Beziehung natürlich an den höhern Bildungsanstaltcn, und vor Al- 266 Griechenland lcm an der Centralschule auf Agina, welche eben erst eine bedeutende raumliche Er: Weiterung erhalten hatte, und in mancher Hinsicht den Mangel einer Universum ersetzen sollte. Die altgriechische Sprache, die Anfangsgründe des Lateinischen und Französischen, in einigen Geographie und griechische Geschichte, in den meisten Arithmetik und die Elemente der Geometrie schloffen hier den Kreis des Unterrichts. Es wurden dem Präsidenten gleich anfangs große Vorwürfe darüber gemacht, daß er einigen dieser Fächer, z. B. der Geographie und Geschichte, namentlich in der Centralschule, nicht eine weitere Ausdehnung gegeben habe, und daß andere höchst wesentliche Theile des höhern Unterrichts, wie die Naturwissenschaften und ein Cursus über das Rechtswesen, zu deren Erlernung den jungen Hellenen in ihrem eignen Vaterlande nicht die geringste Gelegenheit geboten werde, davon gänzlich ausgeschlossen worden seien. Man blieb hierbei nicht stehen; auch der Geist des ganzen Unterrichts, welcher unter Mustoxidis' Leitung eine dem Geiste und den Zwecken der Regierung angemessene, höchst despotische Form erhalten hatte, namentlich aber die beschränkte Art und Weise, wie man die Schüler mit den Schriftstellern des klassischen Alterthums bekannt machen wollte, wurde aus das Heftigste angegriffen. Es war offenkundig, daß mehre der ausgezeichnetsten Werke des althellenischen Geistes, worunter die Schriften des Platon (gleichwol nennt Mustoxidis in seinem Berichte über die Centralschule Platon's Apologie des Sokrates mit unter den, den Schülern im I. 1830 erklärten Autoren) und einige Dichter namentlich erwähnt werden, den Zöglingen der Centralschule geradezu entzogen worden seien, angeblich, weil sie ihren Fähigkeiten nicht angemessen wären, in Wahrheit aber wol nur deshalb, weil es der Präsident nicht ertragen mochte, wenn Jünglinge aus den Schriften der Alten über Einrichtungen ) und Verwaltung von Freistaaten Ideen geschöpft hätten, welche mit den Grundsätzen der Regierung schwerlich in Einklang zu bringen gewesen wären. Ja es brachen darüber zu Anfange des Jahres in der Centralschule selbst bedenkliche Unruhen aus. Ein Theil der Schüler, meist schon in reifern Jahren, erklärten ohne Weiteres, daß, da sie keineswegs gesonnen seien, sich den despotischen Anordnungen der Regierung länger zu fügen, sie sich um so eher berechtigt hielten, die Anstalt zu verlassen, je mehr sie sich in den bei ihrem Eintritte gehegten Erwartungen getäuscht sähen, und je weniger die Regierung es sich angelegen sein lasse, die Versprechungen zu erfüllen, welche sie öffentlich gegeben habe. So unerwartet und frevelhaft eine solche Freimüthigkeit dem Präsidenten und dem ihm treu ergebenen Direktor der Centralschule Mustoxidis erscheinen mußte, so sehr bemühten sie sich, den üblen Folgen derselben nach Kräften vorzubeugen. Die Schuldigen, welche Mustoxidis selbst kein Bedenken trug als Aufwiegler mit den Zöglingen der polytechnischen Schule zu Paris zu vergleichen, wurden theils entlassen, theils gezwungen, in einer Adresse, welche dem Publicum den ganzen Vorfall als ein Discipli- narvergehen gegen einige der Lehrer, denen jedoch dabei die meiste Schuld zur Last gelegt wurde, darstellen sollte, ihre Reue durch die unterthänigste Versicherung der Anhänglichkeit an den Präsidenten an den Tag zu legen. Um dieser Darstellung noch mehr Glauben zu verschassen, aber zugleich auch die Schüler wieder etwas für sich zu gewinnen, ward kurz darauf von der Regierung ein neues Reglement für die Schulen bekannt gemacht, bei welchem eine ungewöhnliche Strenge gegen die Lehrer mit der Nachsicht gegen die Schüler im auffallendsten Eontraste stand. Gab sich die Regierung schon durch solche Schritte, welche ihren Zweck völlig verfehlten, die nachtheiligsten Blößen, so wird man leicht begreifen, wie sehr das dem Präsidenten noch geschenkte Vertrauen auf das Spiel gesetzt wurde, als man einige Wochen später im „(^'nurrier e Gouvernement pourra f-Ure revi^er pz.r 6e.i commisslons speciales les srrst», c^ui ne lui cvnvien- llront point." 268 Griechenland -i. die seinigen stets die Oberhand behaupten würden, so müsse er sich hüten, an einer Gesetzgebung Theil zu nehmen, welche, wie die erwähnte Gerichtsordnung befürchten lasse, die Kritik der aus Griechenlands Wiedergeburt aufmerksamen gebildeten Welt schwerlich aushalten würde. Es ließ sich erwarten, daß ein solches Gestandniß auf die einmal gefaßten Entschlüsse des Präsidenten nicht den geringsten Einfluß hatte. Viaro und Genatas behielten sein unwandelbares Vertrauen .und widmeten unter dieser schützenden Ägide fortan Geist und Kenntnisse der Abfassung eines neuen Gesetzbuchs und der Revision der altern Gerichtsordnung. Beide wurden gegen das Ende des JahreS 1830 bekannt gemacht, und erregten cbenso sehr durch die unleugbar vorherrschende Tendenz, alle richterliche Gewalt auf die unbeschränkteste Weise in den Händen des Staatsoberhaupts zu concen- triren, allgemeine Besorgniß, als sie im Einzelnen durch Unbestimmtheit des Ausdrucks und Verworrenheit der Darstellung, welche in vielen Fallen nur eine willkürliche Erklärung und Anwendung des Gesetzes auf Seiten des jedesmaligm Richters absichtlich begünstigen zu wollen schien, noch mehr aber durch die gröblichste Verletzung der gemeinsten Rechtsgrundsätze und die lächerlichsten Anordnungen im Gerichtswesen dem Kundigen reichen Stoff zum bittersten Spott gaben. Höchst auffallend war z. B. die Ausführlichkeit und Strenge, mit welcher das neue Gesetzbuch sich über Majestätsverbrechen erstreckte, wahrend man in Griechenland selbst noch durchaus nicht von dem Dasein der Majestät überzeugt sein wollte, deren Unverletzlichkeit man so sehr durch Gesetze einschärfen und sichern zu müssen geglaubt hatte. Was freilich die Regierung damit meine und beabsichtige, offenbarte sich nur zu bald. Schon im Iul. 1830 war gegen zwei der achtbarsten Einwohner von Salamis, Christoph Perebos *) und Michael Grivas, beide ausgezeichnet durch höhere Bildung und hochverdient als Helden des Freiheitskampfes, ein Proceß eingeleitet worden, weil sie sich angeblich in ungeziemenden Ausdrücken über das Oberhaupt des Staats geäußert hätten. Nachdem man sie während einer beinahe sechsmonatlichen Haft im Palamides über die Art ihres Verbrechens, die Instanz, welche sie richten solle, ja selbst die Gesetze, nach welchen sie zu richten seien, völlig in Ungewißheit gelassen hatte, wurden sie als Majeftarsverbrccher vor ein sogenanntes außerordentliches Tribunal, dessen Errichtung für solche Falle der Regierung durch Genatas' Gerichtsordnung ausdrücklich überlassen war"), gestellt, ihrer militairischen Grade beraubt und zu längerer Haft im Palamides vcr- urtheilt. Ebenso wenig konnte das Endurtheil in der Sache der Kauslcute von Syra befriedigen, welche, wie wir oben erwähnten, bereits im April 1830 gefänglich eingezogen und als Aufruhrer behandelt worden waren, weil sie sich mit Heftigkeit den Verordnungen des Präsidenten, in Bezug auf die Eintheilung samml- licher Handelsleute in Classen nach dem Vermögen, widersetzt hatten. Beinahe ein Jahr war unter weitläufigen Untersuchungen, welche mit der empörendsten Strenge geführt wurden, vergangen, als das auf Mykoni neu errichtete Tribunal erster Instanz die Angeklagten zwar mit einer höchst vagen Entscheidung, in welcher nicht einmal mit Bestimmtheit ausgesprochen war, ob sie schuldig *) Der bekannte Verfasser der „'/crro»»« (2 Bde., Wim 1816, 12.), welcher, nach einer Anzeige im „0oul-ri«r «l« la (lln'ce" vom 27. Iul. 1831, auch eine ausführlichere Geschichte des griechischen Freiheitskampfes zu Agina in zwei Bänden herauszugeben beabsichtigte. **) Cap. 5, Art. 75, hieß es nach dem ,,0ourriar cle 8m)ru<;" vom 16. Jan. ausdrücklich: „Ue» crlmes lle «t ceux eonlluire, ce gui est tont un. lVlsis cpianä vn v est plonZs, l'v» est tou^ t k plsün6re," Griechenland 271 anvertraut habe. Allem dies mehrte nur die Erbitterung der Regierung und trieb sie aufs Neue zu ungesetzlichen und zweckwidrigen Schritten, welche sie täglich mehr in Nachtheil brachten. Ein zweiter Versuch, den Senat zur Annahme eines strengen Preßgesetzes zu vermögen, scheiterte an der Standhaftig- keit, womit einige Senatoren, welche bereits ansingen eine indirecte Opposition gegen den Präsidenten zu bilden, wie Kolettis, Tazzi Manghina, Riga PalamidiS, ja selbst bisweilen Kolvkotronis, die Discussion darüber zu verzögern suchten. Ein strenges Verbot des „Apollon" beförderte nur seine Verbreitung und steigerte die Theilnahme, welche er im ganzen Lande und unter allen Elasten gefunden hatte, aufs höchste, und sogar die ofsicielle Beschlagnahme der ausgegebenen Nummern, welche an mehren Orten befohlen worden war, hatte so wenig Erfolg, daß man sie fortwahrend, selbst auf den besuchtesten Kaffeehäusern zu Nauplia, ungestört lesen konnte. Ebenso wenig that das gleichzeitige Erscheinen zweier neuen wissenschaftlichen Journale, der„Athina" des Georg Chrissi- dis und der„Äginaa" des Apostolidis Kosmetis, welche beide wahrscheinlich auf Veranlassung und unter dem Schutze der Regierung aus der Druckerei zu Agina hervorgingen, dem „Apollon" den ihm von Seiten seiner Gegner gewünschten Abbruch. Unglücklicher war damals ein anderes seit Kurzem erschienenes Oppositionsblatt, welches jedoch bei seiner vorherrschenden wissenschaftlichen Tendenz noch nicht die Popularität des „Apollon"erreicht hatte, nämlich die „Aurora" des Kandio- ten Antoniadis, dessen Pressen der Präsident, gestützt auf ein endlich aus eigner Willkür erlassenes Preßgesetz, ohne Weiteres versiegeln ließ. Dasselbe glaubte Kapodistrias wahrscheinlich auch in Bezug aufden„Apollon" zu erreichen, als er sich im März auf einem russischen Schiffe selbst vor Hydra begab und unter Andern die unverzügliche Auslieferung des Polyzo'ides, ja selbst des Druckers und der Pressen, jedoch vergeblich, verlangte. Die standhafte Weigerung der Hydrioten, diesem Befehle zu willfahren, hatte aber vorzüglich ihren Grund in der Stellung, in welche damals überhaupt die Insel Hydra zur Regierung von Nauplia getreten war, und die wegen ihrer entscheidenden Folgen, unsere Aufmerksamkeit zunächst in Anspruch nimmt. *) Wollten wir den Gründen nachforschen, welche die Insel Hydra gleich anfangs in ein unfreundliches Verhältniß zur Regierung des Präsidenten Kapodi- strias setzten, so würden wir sie leicht in dem eigenthümlichen Austande der Unabhängigkeit finden, welchen sie unter der Herrschaft der Pforte behauptet hatte, und von chem sie zu Gunsten einer neuen Staatsordnung keineswegs gesonnen schien viel aufzugeben. Oben S. L30 hatten wir bereits Gelegenheit, auf die Span- nung aufmerksam zu machen, welche wegen der Unterhandlungen über die Benutzung der hydriotischen Marine von Seiten des Staats zwischen den Hydrioten *) Es klingt beinahe etwas fabelhast, wenn uns der „Lourrrer «je 8m?rne" vom 19. und 26. Iun. erzählt, es seien nachmals, wahrscheinlich von Seiten eines einflußreichen Negierungsmitgliedes, sechs hydriotische Seeleute je für 1000 Kognaten und das Versprechen von 200 Srremata Land und des Commandos eines dem Staate zugehörigen Schiffes gedungen worden, in Verein mit mehren Verschworenen und unter Mitwissenschast der Regierungsbehörden auf Hydra, sowol den Redacteur des „Apollon", als auch die Primaten und die einflußreichsten einheimischen und fremden Mitglieder der Opposition auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig meuchlings umzubringen. Einer jener sechs soll, auf Betrieb seines Weibes, den Plan Kondun'ottis entdeckt und ihm zugleich alsZnchen seiner Reue den bereits erhaltenen Banditensold zurückgegeben haben. Die'en Bericht hat die „Allgemeine Zeitung", 1331, Nr. 223 außerordentl. B., aufgenommen. Den Erfolg kennen wir nicht, da wir mit dem Aufhören des „ ('ourrier lle 8mvrne", welcher bekanntlich in den genannten Nummern zum letzten Mal erschien, unsere Quelle verlieren. Übrigens soll der Präsident, nach dem Vorfalle bei Hydra, wirklich entschlossen gewesen sein, die Freiheit"der Presse zu proclamiren. 272 Griechenland mnd dem Präsidenten kurz nach der Ankunft des Letztem eintrat. Seitdem hatten die Primaten von Hydra gleichsam mit seifersüchtiger Wachsamkeit alle Handlungen der Regierung aufmerksam beobachtet, und obgleich Kapodistrias sich mehre derselben durch Ertheilung eintraglicher Ehrenstetten im Panhellenion und im Senate verpflichten zu können geglaubt hatte, so waren sie jedoch keineswegs so sebc für sein System gewonnen worden, daß sie diesem die besondern Interessen ihm Heimath hätten aufopfern mögen. Die Verzögerung der den Inseln Hydra und Spezzia durch das fünfte Decret der Nationalversammlung zu Argos für die während des Freiheitskrieges geleisteten Dienste und Vorschüsse zugesagten Entschädigung hatte, so natürlich sie auch in der Roth des Staatsschatzes begründet war, im Laufe des letztverflossenen Jahres sowol unter dem Volke als unter den Primaten die feindselige Stimmung bedeutend vermehrt. Nothgedrungen erließ endlich der Präsident im Der. 183t) ein Decret, worin er Hydra und Spezzia aus- foderte, Bevollmächtigte zu wählen, welche sich nach Nauplia begeben möchte», um mit der Regierung wegen der Ausmittelung des Betrags der zu leistenden Entschädigungen in Unterhandlungen zu treten; zugleich bestimmte aber auch das Decret, daß für jetzt nur die wicklich vorgeschossenen Summen, keineswegs aber die rückstandigen Soldzahlungen berichtigt werden würden. War diese Beschränkung schon an sich den ausdrücklichen Bestimmungen des Decrets der Nationalversammlung zu Argos zuwider, so mußte sie gerade unter den jetzigen Verhaltnissen um so ungerechter und deshalb unvorsichtiger erscheinen, weil ihre Nachtheile vorzüglich die zahlreiche Classe unbegütertcr Heerführer treffen mußten, welche zum Theil in der größten Dürftigkeit lebten, eigentlich nie Vorschüsse geleistet hatten, und ihre einzige Hoffnung auf die endliche Auszahlung des schwer verdienten Soldes setzten. Schon in den Gemeindeversammlungen, welche auf Hydra zum Zwecke der Wahl jener Bevollmächtigten gehalten wurden, kam es deshalb zu sehr heftigen Erklärungen, und wenn man bei der Wahl aus Privatinteressen sich selbst so weit entzweite, daß beide Parteien für sich Bevollmächtigte nach Nauplia schickten, so war man dagegen desto einiger in der Unzufriedenheit mit den willkürlichen Verfügungen der Regierung überhaupt, deren nachtheiligen Folgen man sich für die Zukunft durch die Errichtung einer unabhängigen Verwaltung zu entziehen beschloß. Die Ausführung dieses Beschlusses ward beschleunigt, als der Gouverneur Mauromati, der sich in Hydra nicht mehr sicher glaubte, zunächst nach Spezzia entfloh. An seiner Stelle übernahm eine Eommission, bestehend aus sieben Mitgliedern, Kon- duciottis, Admiral Miaulis, Wassilis Buduris, Manolis Tombasis, Demc- trios Vulgaris, Antonio Kriasis und NikolaoS Jkonomos, die Verwaltung d.r Insel Hydra. Also begann der offene Abfall der Hydrioten. Ihrem Beispiele folgten zuerst die Bewohner von Jpsara. Beide Inseln steckten kurz daraus die dreifarbige Flagge auf, nicht zum Zeichen des Aufruhrs, als welches sie von Seiten der Regierung betrachtet werden mochte*), sondern um dadurch zu erkennen zu geben, daß sie bei dem jetzigen Zustande von Ohnmacht und Gesetzlosigkeit sich am liebsten dem Schutze einer europäischen, namentlich der französischen Macht anvertrauen möchten, bis eine definitive Entscheidung über Griechenlands Schick- *) So wurden z. B. im April ipsarwtische Schiffe zu Ägina angehaltcn, >ceb sie bei ihrer Abreise von Poros die französische Flagge aufgesteckt hatten, u»t> er was später wurden 20 der angesehensten Einwohner von Ägina bloß dcShalv w bannt, weil die Begrüßung der französischen Flagge von Seiten eines r.n von der Regierung als ein Zeichen zum Aufstande betrachtet wurde. Der ^ zösische Resident soll sich deshalb selbst Erklärungen ausgebeten Haben, da er Benehmen der Regierung als eine offnbare Beleidigung seiner Nation betcai.a müsse- Griechenland '273 sal ihre Rechte sichern und ihre Ansprüche befriedigen würde. So stand es um Hydra, als der Präsident die Auslieferung des Polyzo'ides verlangte, der damals bereits mit der größten Freimüthigkeit die Gebrechen und Schwachen der Negierung aufgedeckt, und die Beschwerden und Wünsche der Nation ausgesprochen hatte. Beabsichtigte der Präsident, ganz von Mitteln entblößt, Hydra mit Gewalt zur Unterwürfigkeit zu zwingen, bei seinem Erscheinen vor der Insel im März, die Hydrioten auf friedlichem Wege seinem Willen unterthan zu machen, so ward dieser Plan schon dadurch gänzlich vereitelt, daß ihm die Primaten, als er sie auffoderte mit ihm am Bord des russischen Fahrzeugs, auf dem er sich befand, zu unterhandeln, geradezu erklärten, sie könnten in einer auf einem fremden Schiffe befindlichen Person durchaus nicht den Präsidenten von Griechenland anerkennen, am wenigsten aber mit ihr daselbst in Unterhandlungen treten. Die Communicationen, welche hierauf Kapodistrias dennoch anknüpfte, hatten, außer der berührten Weigerung in Bezug auf die Auslieferung des Polyzo'ides, die Übergabe einer förmlichen Reclamation von Seiten der provisorischen Commis- sion zur Folge, worin im Namen der Nation die Aufhebung aller Beschlüsse der vom Präsidenten, nicht vom Volke, gewählten Nationalversammlung (zu Ar- gos), eine Constitution, die Preßfreiheit und die Prüfung der Staatsrechnungen als die ersten Bedingungen jeder Ausgleichung festgestellt wurden. Hiermit eilte Kapodistrias nach Nauplia zurück, wo die bei Vorlage jener Foderungen dem Senate abgenöthigte Erklärung, Griechenland sei zur Preßfreiheit noch nicht reif, den Weg zur Aussöhnung mit Hydra für immer verschloß. Später soll Kapodistrias zwar den Hydrioten eine Nationalversammlung zu Argos versprochen haben, aber nur unter der Bedingung, daß sie die Herausgabe des „Apollon" auf ihrer Insel nicht mehr dulden sollten, ein Vorschlag, den man um so weniger annehmen konnte, da man die Nationalversammlung nicht in Argos, sondern auf einer der Inseln Hydra, Spezzia oder Ägina gehalten wissen wollte, weil man sie hier wenigstens dem unmittelbaren Einflüsse des Präsidenten einigermaßen zu entziehen hoffte. Unterdessen nahm Hydra, wie an Entschlossenheit, so auch an äußerer Macht zu. Sämmtliche Schiffe der Hydrioten und Spezzioten, welche sich damals bereits im Hafen von Syra befanden, um die jährliche Fahrt nach Konstantinopel und ins schwarze Meer anzutreten, kehrten nach ihrer Heimath zurück, als der Zwiespalt der Inseln mit der Regierung jene ernste Wendung genommen hatte. Denn auch andere Inseln hatten ihre Beschwerden und Wünsche mit denen der Hydrioten vereint und den Eparchen der Negierung den fernern Zutritt versagt, sowie denn überhaupt Hydra bald in ganz Griechenland als der Herd der Opposition, der Zufluchtsort der Verbannten und die Freistatt der Verfolgten betrachtet und gefeiert wurde. Gleichzeitig hatten sich jedoch auch in mehren Theilen des Festlandes Bewegungen gezeigt, welche, so verschieden sie auch ihrem Ursprünge nach sein mochten, in Erscheinung und Zweck mit denen auf Hydra sehr viel Verwandtschaft hatten. Der Bergcanton Maina, merkwürdig durch eine aus hohem Alterthume gerettete Selbständigkeit und Nationalität seiner Bewohner, und jetzt in vieler Beziehung der Insel Hydra ähnlich, verdient hier zuerst unsere Aufmerksamkeit. Es ist hier nicht der Ort, den Ursachen jener Privatfeindschaft weiter nachzuforschen, welche schon seit 1828 den Präsidenten Kapodistrias und seinen Anhang in ein gespanntes Verhältnis zu dem ehemaligen Mainotenbey PietroMauro- michalis (s. d.) und seiner Familie versetzt hatte, und ebenso wenig gehört es zu unserm Zwecke, hier zu ermitteln, in welcher Verbindung die feindlichen Absichten der Letztern mit den Unruhen standen, die bereits im Dec. 1830 von der Provinz Maina aus sich den benachbarten Gegenden mitgethcilt hatten, und einen allgemeinen Ausstand der südlichen und westlichen Morea ge- ^onv. Lex. ärmsten Aeit und Literatur. II. 18 274 Griechenland gen die bestehende Regierung zu veranlassen drohten. Thatsache ist, daß dk heimliche Entfernung des Pietro Mauromichalis aus Napoli di Romania am Ig Jan. 1831, nachdem er als Senator durch den Präsidenten seit längerer Zeit und unter allerlei Vorwänden wider Willen war zurückgehalten worden, von Umständen begleitet war, welche seinen mittelbaren Einfluß auf jene Unruhen, und seine fernem feindlichen Absichten gegen die Regierung sattsam an den Tag legten. In einem Schreiben an Kapodistrias, das er zu seiner Rechtfertigung in Nau- plia zurückgelassen hatte, erklärte er offen, daß es ihm die Verfolgungen, welche die Glieder seiner Familie bisher von Seiten des Präsidenten hätten erdulden müssen, zur Pflicht machten, sich in seine Heimath zu begeben, um selbst für die Erhaltung der Ehre und des Lebens der Seinigen Sorge zu tragen. Zugleich erinnerte er Kapodistrias mit ernsten Worten daran, wie sehr das Vertrauen, welches ganz Griechenland, und namentlich er selbst, als er seine Wahl mit Eifer betrieben, in ihn gesetzt habe, durch die Willkür seiner Verwaltung getäuscht worden sei, gegen welche sich jetzt nothgcdrungen die Arme der Hellenen bewaffnen müßten. Als Antwort auf dieses Schreiben kann man vielleicht die vom Präsidenten am29. Jan. an die Gouverneurs des Peloponncs erlassene Proklamation betrachten, welche die Entweichung des Mauromichalis ohne Weiteres mit den aufrührischen Bewegungen, die damals bereits zu Limini stattgefunden hatten, in Verbindung setzt, sie deshalb als eine strafwürdige Störung der öffentlichen Ruhe dezeichnet, und die etwa besorgten Gemüther durch die höchst problematische Versicherung zu beruhigen sucht, daß dem provisorischen Zustande des Landes nächstens durch die Entscheidung der vermittelnden Höfe, deren Bevollmächtigte zu London sich noch gegenwärtig ernstlich mit den Angelegenheiten Griechenlands beschäftigten, ein Ende gemacht werden würde. Unverzüglich ward hierauf eine Commission ernannt, welche, untcr dem Vorsitze des Bruders des Präsidenten, Maro Kapodistrias, die Anklagepunkte wider Pietro Mauromichalis entwarf, denen zufolge dieser bereits am 6. Febr. als Criminalverbrecher bezeichnet wurde, gegen welchen die Untersuchung sogleich eingeleitet werden könne. Ein dem Entwichenen neidisches Geschick begünstigte diese Schritte der Negierung. Denn als Pietro Mauromichalis, welcher Napoli di Romania auf einer dem Obersten Gordon zugehörigen und nach Zante bestimmten Brigg verlassen hatte, im Begriff war, von dieser Insel nach Kalamata im Peloponnes zu segeln, ward er durch einen Sturm nach dem kleinen Hafenvrt Katakolo an der Westküste von Morea verschlagen, hier von dm Behörden der Regierung ergrissen, und nach Napoli zurückgeschickt, wo er seitdem in dem Fort Itschkale in strengster Haft gehalten und selbst bisweilen durch die empörendste Behandlung von Seiten des Präsidenten und der Behörden auf das Empfindlichste gedemüthigt wurde. Das Mißgeschick des greifen MainotenbeyS gab dem Aufstande der Provinz Maina die entschiedenste Wendung. Mehre Glieder der Familie Mauromichalis, von der Regierung auf gleiche Weise gefürchtet und verfolgt, hatten die misver- gnügten Mainoten schon vorher gegen die Willkür der Regierung soweit aufgewiegelt, daß sie einen der Söhne des Pietro, Konstantin, welcher ebenfalls zu Nau- plia unter polizeilicher Aufsicht gestanden hatte, aber glücklich nach Maina entkommen war, zum Oberanführer der Streitkräfte emannt hatten, womit sie ihre Selbständigkeit, und die nach der Entfemung des Gouverneurs Ghenovellos ein- gesetzte provisorische Regierung, aus 12 Mitgliedern bestehend, gegen die gewaltsamen Maßregeln des Präsidenten fortan zu schützen gedachten. Nach diesen Vorfällen waren nebst andern Verwandten Pietros auch seine Brüder Kadschis un Kadschakos von der Negierung theils aus die Insel Svezzia, theils nach ArgoS m strenge Haft und gerichtliche Untersuchung gebracht worden. Am 19. Jan. gelang es Kadschakos, unter den zur Feier des Namenstags des Präsidenten verans-allt- Griechenland 275 §en Festlichkeiten, aus seinem Gefängnisse zu Argos zu entkommen, und Nachts darauf sich in Gemeinschaft seines Bruders Pietro in Napoli einzuschiffen, während der Versuch des dritten Bruders, auch von Spezzia aus zu entfliehen und sich dann mit jenen zu vereinigen, durch die Aufmerksamkeit seiner Wächter vereitelt wurde. Schon bei Napoli di Malvasi'a stieg Kadfchakos ans Land; auf seinen Ruf sammelte sich eine beträchtliche Schar Mainoten um ihn, und beschloß die ihm und seiner Familie zugefügte Schmach durch die Ermordung des Gouverneurs der Provinz zu rächen. In seiner eignen Wohnung von dem wild aufgeregten Haufen überfallen, rettete sich dieser unter dem Schutze seiner- Leibpalikaren nach einem kleinen benachbarten Fort, welches seit dem Abzüge der Türken leer stand, ward aber auch hier von den ihm nacheilenden Mainoten sogleich eingeschlossen. Schon am 29. Jan. schickte, auf die Nachricht von diesen Ereignissen, der Präsident ein Cavaleriedetaschement unter Hadschi Christos und zwei Bataillons unregelmäßiger Truppen von Napoli di Romania. ab, um den Gouverneur zu entsetzen und den Aufstand zu dämpfen. Gleichzeitig wurden auch gegen Maina selbst ernstlichere Maßregeln ergriffen. Während hier der neu ernannte Gouverneur Kornelios mit Landtruppen gegen Kimova vorgerückt war, hatte der Mirarch Konstantin Kanaris, welcher sich damals am Bord der Corvette Spezzia auf der Rhede von Armyros befand und der Regierung ergeben war, mit Konstantin Mauromi- chalis Unterhandlungen angeknüpft, welche aber sogleich abgebrochen wurden, als der junge Mainotenhäuptling das Misgeschick und die entehrende Behandlung sei- nes Vaters erfahren hatte. Seitdem war an eine friedliche Ausgleichung, geschweige denn eine freiwillige Unterwerfung der Mainoten um so weniger zudenken, da sie, ohnedies durch das Terrain im Vortheil, eine bewaffnete Macht (nach unverbürgten Berichten 4t)ea bavarica. Darauf ward er 1824 Professor der Klinik an der Ludwigsuniversität zu München, wo er leider zu früh für die Kunst und Wissenschaft am 31. Dec. 1829 starb. G. war einer der ausgezeichnetsten Ärzte und klinischen Lehrer Deutschlands. Er wurde von keinem seiner College« in der Diagnose übertroffen, und nur wenige waren so gute und einfache Therapeuten als er. Seine Klinik war höchst lehrreich; G. hatte großes Lehrertalent und einen unendlichen Schatz von Gelehrsamkeit; nur zu viel von letzterer, um als glücklicher Reformator der deutschen Medicin aufzutreten, ein Urtheil, welches wir aus seinen hintcrlassenen Werken („Opera meckica postkuma", 2 Bde., Tübingen 1831) nehmen, deren Herausgabe G.'s sonst so verdienten großen Ruf gewiß nicht erhöhen dürfte. In seinem klinischen Unterrichte bediente sich G. des Lateinischen, das er tresslich sprach. Sein Eifer für die Medicin, deren Grenzen er sehr weit steckte, war so groß, daß er in den letzten Jahren seines Lebens eine große wissenschaftliche Reise nach Frankreich, Spanien, Portugal und England unternahm, deren Resultate er, wie überhaupt die Früchte seiner tiefem Studien, leider nur dem engern Kreise seiner Schüler mittheilte. Die Zahl seiner Schriften ist sehr klein; außer einigen Aufsätzen in der „Medicinisch-chirurgischen Zeitung" erschien nur fein „Versuch einer allgemeinen Krankhcitslehre, entworfen vom Standpunkte der Naturgeschichte" (2 Bde., München 1811). Die Dankbarkeit seimr vielen, vorzüglich in Baiern lebenden und ihm innigst ergebenen Schüler setzte ihm in der Nahe des Münchner Krankenhauses eine Statue mit der Inschrift: „lmsgo viri nobilis, meclici salmileri, prolessoris egi-CFÜ, «iocti naturae scrutatori« po- sita ab smicis et Uiscipulis ci. XXI. 1>,I. X. 1831." (2) Groß mann (Christian Gottlob Leberecht), geboren zu Prießnitz im Herzogthum Altcnburg am 9. Nov. 1783, erhielt seine erste Bildung von seinem Vater, der dort Prediger war, und von seinem Oheim Börner, nach- herigem Pfarrer in Jssersheilingen, der in den alten Sprachen ihn trefflich unterrichtete. Seit 1796 Zögling der Schulpforte, bezog er Ostern 1802 die Universität Jena, um Theologie zu studiren, und bereitete sich hier, durch den mehrjährigen nähern Umgang mit Griesbach vielfach gebildet und unterstützt vom Historiker Heinrich, zu dem wichtigen Beruf eines akademischen Lehrers vor, als ihn das Einrücken der französischen Armeen im Oct. 1806 und mehre Ereignisse, die an dasselbe für ihn sich knüpften, diesen Plan aufzugeben nöthigtcn. Die Einwohner seines Geburtsortes, der an der Landstraße liegt, die aus dem Voigtlande nach Naumburg und Jena führt, wurden nach vielen erlittenen Drangsalen um jene Zeit durch ein Misverständniß beschuldigt, durchpassirende Franzosen ermorde Grotefend 285 und einen Transport angehalten und geplündert zu haben. Nach dem Beispiele von Carmagnola sollten sie daher sämmtlich mit dem Tode bestraft und ihre Hauser in Brand gesteckt werden. G.'s Unerschrockenheit und die dringenden Vorstellungen, die man an den zur Exemtion beorderten franzosischen Befehlshaber richtete, retteten Allen das Leben; der Verlust ihrer Wohnungen und sonstigen Habseligkeiten war aber nicht abzuwenden. G., der glückliche Retter der Einwohner seines Geburtsortes, wurde bald darauf nach rühmlich bestandener Prüfung Substitut seines Vaters (1808), dessen Gesundheit namentlich durch jenes furchtbare Er- eigniß wankender geworden war, und beschrieb die Schreckensscenen in der Schrift: „Ausführlicher Bericht der Einäscherung von Prießnitz am 16. Oct. 1806, nebst drei Gedächtnisreden, am Jahrestage derselben auf dem Angstplatze vor dem Dorfe gehalten" (Jena 1810). Er folgte 1811 dem Ruf als Pfarrer nach Gröbitz bei Weißenfels, wurde 1822 Diakonus und Professor in Schulpforte und schon im folgenden Jahre nach Demme's Tode Generalsuperintendent, Oberhofprediger und Consistorialrath in Altenburg. Die Tiefe und Gründlichkeit seiner Kenntnisse und seine Unbefangenheit in wissenschaftlichen Forschungen hatte er kurz vorher in der Schrift: „De procurutore purabola 1. (7 ex re provinciali Romauorum il- lusti-uta" (Leipzig 1823, 4.), beurkundet. Später gab er außer einigen einzeln gedruckten Predigten in einer Gratulationsschrift: „Observation«« aü Dlatonem et Iloratium" (Altenburg 1825), und „Dexici Dlatonic! specimea I" (Altenburg 1828) heraus, welches letztere besonders die baldige Erscheinung des dadurch angekündigten größern Werkes höchst wünschenswerth macht. Dem wiederholten ehrenvollen Antrage, an Tzschirner's Stelle nach Leipzig zu gehen, folgte G. 1829, wo er Dr. und ordentlicher Professor der Theologie, Pastor an der Thomaskirche und Superintendent der leipziger Diöces wurde. Mit der gehaltreichen Streitschrift: „Ouuestiones ?biloneae" (?. 1, II, Leipzig 1829, 4.), erwarb er sich die Lehrfreiheit auf der leipziger Hochschule und wirkt seitdem in seinem ausgedehnten Beruf als akademischer Lehrer, als Geistlicher, als Ephorus und als Mitglied der kirchlichen Oberbehörde bei der Gründlichkeit seines Wissens und seltener Gewandtheit im Geschäftsleben, auf eine höchst ausgezeichnete, segensreiche Weise. G. rückte 1832 in die dritte ordentliche Professur der Theologie auf und wurde Domherr im Hochstift Zeitz, nachdem ihn kurz vorher die Bestimmungen der Verfassungsurkunde, in seiner Eigenschaft als Superintendent zu Leipzig, zum Mitglied der ersten Kammer der Ständeversammlung gemacht hatten. (57) Grotefend (Georg Friedrich), Director des Gymnasiums zu Hanover, ward zu Münden am 9. Jun. 1775 geboren. Er besuchte das Pädagogium zu Ilfeld und später seit 1795 die Universität Göttingen, wo Heyne, Fiorillo und Tychsen die Gelehrsamkeit des Jünglings erkannten, der mit Heeren in freundschaftliche Verbindung trat. Er ward 1803 von Göttingen, wo er als Cottaborator am Gymnasium und als Privatdocent gelebt hatte, als Conrector und Professor nach Frankfurt a. M. berufen, wo er bis 1821 lebte und dann das Directorat des Gymnasiums zu Hanover übernahm. Als Schulmann hat sich G. durch eine tiefe Einsicht in das Wesen des höhern Unterrichts ausgezeichnet, auch das Gymnasium zu Hanover neu organisirt und namentlich für zweckmäßigen philologischen Unterricht gesorgt. Seine schriftstellerische Thätigkeit ist sehr ausgebreitet. Zuvörderst sind seine Arbeiten über die Deutung der Keilschriften zu nennen, als deren glücklichsten Entzifferer ihn Silvestre de Sacy und Hammer bezeichnen. Die dahin einschlagenden Aufsätze in Hceren's „Ideen", in den „Fundgruben des Orients", in Böltiger's „Amalthea" stehen dem größtenTheile nach verzeichnet inHartmann's „OlufGer- hard Tychsen". Ferner hat er die allgemeine Sprachwissenschaft (Pasigraphie) in vielen zerstreuten Abhandlungen bearbeitet, die lateinische Sprache aber ist durch seine Umarbeitung und neue Gestaltung von Wenck's Grammatik (vierte Aufl. Frank- 286 Grouchy furt a. M. 1823) sehr bereichert, die durch einen passenden Gang, durch gedieh Forschungen über einzelne Punkte und besonders durch die im zweiten Bande, ^ fast ganz neu gearbeitet ist, behandelten Gegenstande allgemein anerkannte Vor-M hat. Damit hangt seine Behandlung lateinischer Inschriften zusammen; auch deutsche, phrygische und lybische wurden von ihm erläutert und damit fruchtbare Untersuchungen über- Gegenstande der Homerischen und altrömischen Geographie verbunden. Endlich ist G. auch Stifter des frankfurter Gelehrtenvereins für deutsche Sprache (1817), dessen Schriften mehre seiner Abhandlungen enthalten, wie er auch „Anfangsgründe der deutschen Prosodie" (Gießen 1815) verfaßt hat. ^ Encyklopädie von Ersch und Gruber enthalt ausgezeichnete Beitrage von ihm. tzz ist zu bedauern, daß die Arbeiten dieses gründlichen Gelehrten gar zu sehr in Zeilschriften zerstreut sind; um so erfreulicher ist es, daß selbst das Ausland davon Kennl- niß genommen hat. G. ist schon seit mehren Jahren Mitglied der asiatischen Gesellschaft zu London und auch Mitarbeiter an dem Institute der Corrispoiui«lM urckeologica zu Rom. (48) Grouchy (Emanuel, Graf von), Ehrenmarschall und Pair von Frankreich, geboren zu Paris den 23. Oct. 1766, aus einem alten adeligen Geschlechte, diente seit seinem vierzehnten Jahre, zuerst in der Artillerie, dann in der Cavalerü, und war 1785 Capitain bei der königlichen Leibgarde. Als die Revolution ausbrach, erklarte er sich für die Grundsatze der constituirenden Versammlung und trat aus der Leibgarde , in welcher die entgegengesetzten Ansichten vorherrschten. Als Befehlshaber eines Dragonerregiments stieg er schon in dem Feldzuge 1792 zum Grade eines Marechal de Camp, befehligte dann die Reiterei in der Alpenarmee, welche Savoyen eroberte, und hemmte in der Vende'e den Fortschritt der Insm- rection. Als am Ende des I. 1793 ein Decret des Convents alle Adeligen von jedem Militaircommando ausschloß, verließ er, weil die Soldaten ihn zurückhalten wollten, die Armee des Nachts und begab sich in sein Departement, wo er als Nationalgardist gegen die Royalisten diente. Nach acht Monaten in seine Stelle wiedereingesetzt und zum Divisionsgeneral (11. Jun. 1795) ernannt, war er Chef des Generalstabs der Westarmce; er sollte spater ein besonderes Heer beseligen, schlug aber vor, die einzelnen Heere in eins zu vereinigen, und diente nunmehr unter dem Oberbefehlshaber der Küstenarmee, General Hdche, den er durch seine Ortskenntnis wesentlich unterstützte. Er selbst schlug den General Ehcirette bei St.-Cyr, worauf mit der Gefangennehmung dieses Anführers und des Genc- rals Stöpslet der Krieg auf dem linken Ufer der Loire ein Ende nahm. Am lb. Dec. 1796 ging G. als zweiter Befehlshaber der nach Irland bestimmten La:.- dungsarmee von Brest unter Segel; allein durch den Sturm von der Flotte ge- trennt, lief er am 22. in die Bantrybai nur mit einigen Schiffen ein. Er mußte daher dem Eontreadmiral Bouvet nachgeben, der nach Brest zurücksegelte, während die übrigen Schiffe nach und nach in jene Bai einliefen. Hierauf zum Gouverneur von vier Militairdivisionen im Westen ernannt, trug er durch sein gerechtes und versöhnendes Benehmen viel zur Beruhigung oieser Gegend bei. Er diente 1798 unter Joubert, dem Oberbefehlshaber der Armee von Italien, und leitete als Commandant von Turin die Unterhandlung mit dem Könige von Sardilmn, welcher seine Staaten auf dem festen Lande der französischen Republik überließ. G. erhielt den Austrag, diese Provinzen zu organischen Er unterdrückte den Aufstand in Aqui und Montftrrat; spater vertheidigte er unter Moreau Piemont gegen die austro - russische Armee und schlug am 14. Jun. den General Bellegarte zwischen Tortona und Alessandria. In der Schlacht bei Novi befehligte er, neb'l Perignon, den linken Flügel und siel schwer verwundet in feindliche Gefangen- schast, wo der Großfürst Konstantin selbst für seine Herstellung besorgt war. einem Jahre ward er gegen den englischen General Dow ausgewechselt. ^ Grvuchy 287 drang er mit seimr Division in Graubündten ein und besetzte Chur. Dann berief ihn Moreau zur Rheinarmee. In der Schlachr bei Hohenlinden hielt er nebst Ney das östreichische Heer in einem Engpasse auf, wahrend Decaen und Richepanse den Feind umgingen. Er durchbrach die feindlichen Glieder, nahm mehre Kanonen, verfolgte den Erzherzog Johann über den Inn und die Salza und drang in Steier ein. Nach dem luneviller Frieden wurde er zum Generalinspecteur der Reiterei ernannt. Dem General Moreau aufrichtig ergeben, bewies er demselben bei seinem Processi wahre Achtung und Theilnahme. Napoleon war ihm daher nicht gewogen; er brauchte ihn Mar fortwahrend zu gefahrvollen und schwierigen Unternehmungen, that aber^nichts für ihn, sondern überging ihn, indem er jüngere und weniger verdiente Generale zur Marschallswürde erhob. Im Kriege mit Preußen 1806 schlug G. die preußische Cavalerie bei Zehdenick (26. Ott. 1806), drang bei Prenzlau zugleich mit den preußischen Truppen in diese Stadt ein, so auch in der Schlacht bei Lübeck. Nicht minder tapfer bewies er sich an der Spitze seiner Reiterei gegen die Russen bei Eilau und namentlich bei Friedland (14. Inn. 1807), wo ihm von 4000 Pferden kaum 1200 blieben. Er selbst wurde verwundet und verdankte nur dem Muthe des jungen Lafayette, seines Adjutanten, sein Leben. Der Kaiser gab ihm jetzt das große Band der Ehrenlegion. Wir finden 1808 den General G. als Gouverneur von Madrid, wo er am 2. Mai dem Aufstande Einhalt that, aber an dem Kriegsgerichte keinen Theil nahm; vielmehr war er mit Murat's Maßregeln und Verfahren in Spanien sehr unzufrieden. Er verlangte daher Urlaub und ging auf seine Güter. Napoleon sandte ihn bald nachher zu dem Heere des Prinzen Eugen in Italien, wo er sich bei dem Übergang über den Jsonzo (2. Mai 1809) auszeichnete, auf dem rechten Flügel der Armee bis Ungarn vordrang und an dem Tressen bei Raab (14. Jun. 1809) Theil nahm. Dann führte er auf Napoleons rechtem Flügel die gesammte Reiterei über die Donau in die Ebene von Wagram, wo er die feindliche Cavalerie zurückschlug und die Stellung des Erzherzogs Karl umging. Der Kaiser Napoleon ernannte ihn jetzt zum Commandanten des Ordens der eisernen Krone, zum Generalobersten der Jager und Großoffizier des Reichs. In dem russischen Feldzuge 1812 befehligte G. eins der drei Cava- leriecorps und einige Divisionen Infanterie, drang der Erste über den Dniepr vor, zeichnete sich in dem Tressen bei Krasnoj (14. Aug.) aus und behauptete die Stellung vor Smolensk, bis Napoleon mit dem übrigen Heere den Angriff unternahm. Auch zu dem Siege an der Moskwa (7. Sept.) trug G. bei, indem er gegen 4 Uhr Abends die große Redoute auf dem rechten Flügel der Russen umging und dadurch die Wegnahme derselben unterstützte. Er und sein Sohn wurden an diesem Tage verwundet. Noch nicht völlig hergestellt, focht er an der Spitze seiner Truppen in dem Treffen bei Malo Jaroslawez (24. Ott.), hierauf deckte er Napoleons Rückzug nach Smolensk und rettete einen Theil der Artillerie in dem Gefechte bei Wiazma (3. Nov.). Die geschlagene französische Armee hatte durch Kalte und Hunger solche Verluste erlitten, daß sie fast aufgelöst war; Napoleon bildete daher zu seiner Sicherheit aus Generalen und Offizieren das bekannte IIa- tuüion sucre und gab dem General G. den Befehl über dasselbe; da es jedoch der Armee gelang, über die Beresina zu gehen, ward das Bataillon nicht gebraucht. Am Ende des I. 1812 hatte G. um den Oberbefehl über ein Jnfanteriecorps angehalten; allein Napoleon befahl ihm, sich wieder an die Spitze der Cavalerie zu stellen, die nicht mehr vorhanden war. Hierdurch gekrank! und vielleicht auch aus Empfindlichkeit über die Gleichgültigkeit, welche seine Dienstleistungen in den Bulletins kaum erwähnte, nahm er seine Entlassung und begab sich in das Departement Calvados. An dem Feldzuge 1813 nahm er nicht Theil; als aber nach der Schlacht bei Leipzig die verbündeten Heers über den Rhein in Frankreich einzu- 286 Grouchy. .- ' . . dringen im Begriffe waren, bot er dem Kaiser seine Dienste wieder an und übie. nahm, weil dies Napoleon ausdrücklich wünschte, den Heerbefehl über die lerie. G. vereinigte sich, nachdem er Colmar hatte räumen müssen, mit dem Marschall Victor am Fuße der Vogesen, dann nahm er an der Schlacht von Lä Rochiere (12. Febr. 1814) Theil und deckte den Rückzug der Armee gegen die Seine. Er trug zur Wiedereinnahme von Troyes bei und entschied den Rückm des Generals Kleist in dem Treffen bei Vauchamps (oder Joinvillers, 14. Febr.s In Napoleons letzter glorreichen Schlacht bei Craüne (7. Marz) wurde G. schwer verwundet und mußte die Armee verlassen. Unter Ludwig XVIll. verlor G. die Stelle eines Generalobersten der Jäger, welche der Herzog von Vsrri erhielt; weil jedoch derKönig den Offizieren ihre bishst rigen Titel und Rechte zu lassen versprochen hatte, so beschwerte sich G. darüber bei dem Kriegsminister Dupont. Sein Schreiben misfiel und er wurde exilirt. Im Im. 1815 rief ihn der König zurück und ernannte ihn zum Commandeur des Ludwigsordens; indeß erhielt G. keine Anstellung. Als daher Napoleon wieder vom Throne Besitz genommen hatte, trat G. in die Dienste des Kaisers zurück. Er hemmte bei Valence den Fortschritt der königlichen Truppen unter dem Herzoge von Angouleme, welcher bei Pont St.-Esprit, wo General Gilly stand, capitu- liren und sich in Cette einschiffen mußte. Hierauf zerstreute G. die königlichen Truppen unter Ernouf und Loverdo bei Aix und Marseille, wodurch der Süden ohne Blutvergießen unter Napoleons Herrschaft zurückkehrte. Der Kaiser ernannte ihn jetzt zum Oberbefehlshaber der Alpenarmee. Nachdem er hier für den Schutz der Grenze gegen Savoyen die nöthigen Anstalten getroffen hatte, riefihn Napoleon zur großen Armee und übergab ihm den Oberbefehl über die gesammte Cava- lerie. Nach der Schlacht bei Ligny (16. Inn. 1815) sollte er am 17. mit 34MV Mann und 100 Kanonen den Rückzug des preußischen Heeres (unter Blücher) verfolgen; auf diesem Marsche griff er am 18. den General Thielmann bei Wavre an. Wahrend dieses Gefechts lieferte Napoleon die Schlacht bei Waterloo. Hier soll G., wie seine Gegner behaupten, den Verlust der Schlacht verschuldet haben, indem er nicht bemerkte, daß drei preußische Armcecorps gegen die Linie von Waterloo hin marschirten, um dem Heere Napoleons in die Flanke und den Rücken zu fallen, wahrend Thielmann allein mit 15,000 Mann bei Wavre stehen blieb, um das zwei Mal stärkere Heer unter G. aufzuhalten. Allerdings hörte man m G.'s Lager sehr deutlich die Kanonade des nur vier Stunden von Wavre entfernten Waterloo, und General Ge'rard, der unter G. befehligte, rieth ihm wiederholt, „cke mnrcüer snr le cnnau cke I'Lmpereur". Allein G. hielt sich an die bestimmten Befehle des Kaisers vom 17.; der von Napoleon am 18. ausgefertigte Befehl, daß G. sich an den rechten Flügel des kaiserlichen Heeres hinanziehen sollte, kam erst Abends um 7 Uhr in G.'s Hände. (S. Waterloo Bd. 12, und den hier angeführten Schriftenwechsel zwischen G. und Ge'rard.) G. erwiderte daher dem General Gerard, daß er, ohne Befehl von Napoleon, keine „guerre ck 'in?j»r^ tian" führen wolle. Er blieb daher, statt dem Kaiser zu Hülfe zu eilen, zu Sart- ü-Valain stehen, wo er das Gefecht mit Thielmann noch am 19. fortsetzte. Erst aw diesem Tage Nachmittags 4 Uhr erhielt er von Napoleon den Befehl umzukehren. G. konnte jetzt nur über Namur den Rückmarsch antreten. Er bewerkstelligte ihn ohne Verlust, blieb aber ohne alle Nachricht und Befehle vom Kaiser, der seinerseits G.'s Heer für verloren hielt. Erst in Nethel erfuhr G., daß der Kaiser abgedankt habe. Nun riß Desertion in seinem Heere ein; er ließ daher Na- poleon II. ausrufen und die Cavalerie, auf der Flanke der Alliirten, in da Richtung von Laon und Soissons vorrücken, wo er glaubte, daß die Trümma des kaiserlichen Heeres sich Härten sammeln können; mit der Infanterie zog er gen Rheims. Der Marschall Soult meldete ihm nun, daß er seine Grubbe 269 »imW »jidch?» M he MM als Majorgeneral niedergelegt, und daß die provisorische Regierung G. zum Oberbefehlshaber aller Corps der großen Armee ernannt habe. Er begab sich sogleich nach Soissons, um Anstalten zu treffen, den Marsch der Alliirten auszuhalten; allein es war zu spat. Dagegen erhielt er vom Kriegsminister Befehl, in Eilmarschen Paris zu erreichen. Dies vollzog G. nicht ohne Schwierigkeiten, indem er fortwährend vom Feinde beunruhigt und bei Villers-Cotterets angegriffen wurde, so glücklich, daß er mit 45,000 Mann und 120 Kanonen vor Paris ankam. Jetzt übernahm der Kriegsminister, Marschall Davoust, den Oberbefehl zur Verteidigung der Hauptstadt. Dieser hielt Alles für verloren und sprach von der Notwendigkeit, mit den Alliirten zu unterhandeln, wahrend G. als Generalissimus den Kampf für Napoleon II. fortsetzen wollte. Er ging daher zum Herzoge von Otranto (Fouche), dem Präsidenten der provisorischen Regierung; allein auch dieser war nicht für kräftige militairische Maßregeln, sondern sprach von seinen Entwürfen im Sinne der Restauration; G. solle nebst dem Baron Vitrol- les darüber mit den Alliirten und dem Könige unterhandeln. Dazu konnte sich aber G. nicht entschließen, da er bereits Napoleon II. proclamirt hatte. Er verhandelte hierauf mit einigen Deputirtcn, die allerdings mehr Much zu kräftigen Maßregeln zeigten, aber eine republikanische Regierung zu bezwecken schienen. Bei diesem Widerspruche der Ansichten wollte G. keiner Partei als Werkzeug dienen, am welligsten unter einem Heerführer wie Davoust, der Alles verloren gab. Er legte daher den Heerbefehl nieder; indeß erklärte er noch vorher in dem zu la Billette gehaltenen Kriegsrache, daß man mit Erfolg eine von den beiden feindlichen Armeen in dem Augenblick angreifen könnte, wenn die andere ihren Übergang über die Seine bewerkstelligt haben würde. Allein der Präsident des Kriegsraths, Marschall Davoust, und die Mehrzahl stimmten dagegen. Nun zog sich G. ganzlich zurück, ein Entschluß, der von allen Theilen getadelt wurde. Bald darauf verbannte ihn die Ordonnanz vom 24. Jul. 1815 aus Frankreich. G. begab sich in die Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo er mehre Jahre in allgemeiner Achtung lebte. Nachdem der,Mon!teur" das Gesetz vom 11. Sept. 1830, die Zurückberufung der Verbannten betreffend, bekannt gemacht hatte, trat auch G. in seine frühern Rechte zurück, uno hoffte die ihm 1815 verliehene Marschallswürde behaupten zu können; allein die Wiedereinsetzung in die während der hundert Tage von Napoleon ertheilten militairischen Grade wurde erst 1831 durch ein besonderes Gesetz erklärt, das jedoch der König nicht bekannt machte, indem er jene Ertheilung als ein königliches Vorrecht in Anspruch nahm. Auf diese Weise wurde auch der Generallieutenant Marquis de G., da die Zahl der Marschälle bereits die gesetzliche Zahl erreicht hatte, zur Würde eines Ehrenmarschalls von Frankreich (MarecimI ele ?rance llcmoraire) erst durch die königliche Ordonnanz vom 19. Nov. 1831 erhoben. *) Schon früher hatte ihn das Wahlcollegium im Departement Allier zum Deputirten gewählt; als solcher saß er in der Kammer von 1830 auf der rechten Seite. Für die Kammersitzung von 1831 ist G. nicht wieder erwählt worden. Dagegen ernannte ihn der König durch die Ordonnanz vom 11. Oct. 1832 zum Pair von Frankreich. (7) G rub be (Samuel), Professor in Upsala, aus einem alten edeln Geschlechts stammend, ward am 9. Febr. 1786 im Sprengel Seglora in Westgothland geboren. Er studirte in Upsala bis 1806 und erhielt 1813 den Lehrstuhl der Philosophie, ein in Schweden seltenes Beispiel früher Beförderung zu einem solchen Lehramte. Seit 1806 machte er sich durch mehre philosophische Schriften bekannt, und eine derselben: „De llaimoma, reli^ionis «t moraiituUs", gab Anlaß zu ei- Der Viceodmiral Graf Truguet wurde aus. gleichem Grunde durch eine andere Drdonnanz von demselben Tage zum Ehrenadmwal ernannt. Csnv.-Lex. der neuesten Zeit und Literstur. II. 19 290 Gruber nem Schriftwechsel zwischen G. und Geijer, der in der Zeitschrift „Ickuna" ein!«! Bemerkungen darüber gemacht hatte. G. zeichnet sich als Lehrer durch ungemein- Bestimmtheit und Deutlichkeit aus, und strebt mit glücklichem Erfolge, seine M- senschaft zu popularisi'ren. Sein System nähert sich Schelling's frühern Ansichten doch nicht ohne kritisch-eklektische Vermittelung. In der Zeitschrist „8veu" g^ ^ zwei Aufsatze: eine Übersicht des gegenwartigen Zustandes der Philosophie, und Beitrage zur Erörterung der Lehre von der bürgerlichen Gesellschaft. Der letzte Aufsatz wurde 1836 auch besonders gedruckt, und trug nicht wenig bei, manche einseitige Ansicht der Lehren über die Religion, die Ehe, den Staat und dasVer- > haltniß zwischen Herrscher und Volk zu berichtigen. Die schwedische Akademie gab ihm für diese Schrift den von Lundblad gestifteten Preis. G. nahm 1834 als Abgeordneter der Universität Upsala an der Revision der allgemeinen Elementarer;!?- hungsanstalten Antheil, und als 1837 ein großer Ausschuß zu Berathungen üb» ! das Lehrwescn ernannt wurde, wählte der König ihn und Geijer zu Mitgliedern. Im Ausschuß traten sich zwei Hauptansichten entgegen, deren eine auf völlige Um- schaffung des Alten drang, während die andere an den Universitäten nur wenig, an den Schulen fast nichts ändern wollte; G. aber trat vermittelnd ein, und die Mehr- ! zahl der Mitglieder schloß sich ihm an. In dem Berichte des Ausschusses bearbeitete ! er den Abschnitt über die Universitäten, und entwickelte in einer Beilage seine Gedanken über die Schulen. Er wurde 1830 Mitglied der schwedischen Akademie und feierte in der herkömmlichen, in den Verhandlungen der Akademie für 1830 abgedruckten ! Eintrittsrede das Andenken seines Vorgängers, des Dichters Leopold. (6) Gruber (Johann Gottfried), Professor zu Halle, geboren am 29. Nov. 1774 zu Naumburg, erhielt den ersten Unterricht in der Stadtschule seiner Vaterstadt, wo besonders durch den damaligen Rcctor Ilgen seine Neigung zu dem Studium der alten Literatur geweckt und seine geistige Richtung bestimmt wurde, und bezog dann 1793 die Universität Leipzig, um sich dem Studium der Philosophie, Philologie und Geschichte, und später auch der Mathematik und der Naturwissenschaften zu widmen. Er nahm 1797 eine Hofmeisterstelle in Rußland an, ward aber bald durch Pauls I. Verordnungen gegen die Fremden zur Rückkehr genöthigt und kam nach einem kurzen Aufenthalte in Göttingen nach Leipzig zurück, wo er sich einer sehr verschiedenartigen schriftstellerischen Thätigkeit hingab. Seine Schrift: „Über die Bestimmung des Menschen" (Leipzig 1800 und 1809), fand auch nach Fichte's Behandlung desselben Themas Anerkennung und sein „Versuch einer pragmatischen Anthropologie" (Leipzig 1803) wurde 1810 ins Schwedische übersetzt. Das Studium der Ästhetik, durch Kant's „Kritik der Urteilskraft" angeregt, deren Princip er jedoch endlich als unhaltbar aufgab, beschäftigte ihn neben Kunstgeschichte und Archäologie angelegentlich. Er trat 1803 in Jena als Pri- vatdocent auf und wurde bald nachher Theilnehmer an der Redaktion der von Eichstädt begonnenen Literaturzeitung, in welcher er mit einer Vergleichung der Philosophie mehrer Nationen auftrat, die Göthe's Aufmerksamkeit erregte. - Nachdem er das Redactionsgeschäft wieder aufgegeben hatte, benutzte er die gewonnene freie ^ Muße zur Ausarbeitung der„CharakteristikHerder's"(Leipzig 1805), die er gemeinschaftlich mit Danz herausgab. Seine „Revision der Ästhetik" in der hallischen „Allgemeinen Literaturzeitung" (1805— 6) verbürgte seinen Beruf zur Ausarbeitung des „Wörterbuchs der Ästhetik und Archäologie", von welchem jedoch nur der erste Band (Weimar 1810) erschien. Bald nachher unternahm er das „Wörterbuch der altclassisch.n Mythologie" (3 Bdc, Weimar 1810—18). Sein Aufsatz über Romanenliteratur in der „Allgemeinen Literaturzeitung" erwarb ihm Wielands Wohlwollen, der ihn zu seinem Biographen bestimmte und ihn dazu vorbereitete. Er lebte 1810 einige Zeit in Dresden, um die dortigen literarischen und artistischen Schätze zu benutzen und wurde 1811 durch Reinhard's Verwendung als Professor Grün 29Z in Wittenberg angestellt. Wahrend der Krkegsbedrangnisse mußte er manche selten erfreuliche Verhandlungen mit den einziehenden Heerführern und dem Stadt- befeblshaber übernehmen, und mit den von Wittenberg verdrängten Studirenden nach Leipzig versetzt, erhielt er nach dem Siege der Verbündeten den Auftrag, in Blücher's Hauptquartier zu reisen, um die in Beschlag genommene Bibliothek der Universität zu retten, was ihm auch vollkommen gelang. Nach der Abtretung eines Theils des Königreichs Sachsen an Preußen schickte der akademische Senat ihn nach Berlin, um wegen der Vereinigung der Universität Wittenberg mit der Hochschule zu Halle zu unterhandeln, und nach der Erledigung dieser Angelegenheit trat er 1815 sein Lehramt in Halle an. Wahrend seines Aufenthalts in Leipzig hatte er „Wieland's Leben" (Leipzig 1814) bearbeitet, das später in einer ausführlichem und vollkommenem Darstellung (4 Bde., 1827 fg.) als Zugabe zu der Sammlung der Werke des Dichters erschien. Mit Ersch verband er sich nach Hufeland's Tode zur Herausgabe der „Allgemeinen Encyklopadie der Wissenschaften und Künste", und entwickelte in der Einleitung zu dem zweiten Theile dieses Werkes seine Ansicht über das encyklopädische Studium. Er hat zur Förderung und Ausbildung dieses Nationalwerkes rühmlich mitgewirkt und es in Verbindung mit Ersch bis zum siebzehnten Bande fortgeführt. Seit Ersch's Tode gibt er die erste Section (A — G) allein heraus, während den andern zwei Sectionen, in welchen das Unternehmen gleichzeitig fortschreitet, Andere vorstehen. Er besorgte von 1818 — 20 eine neue Ausgabe der Werke Wieland's, und man hat seine Bemühungen bei der Anordnung und Erläuterung derselben nach Verdienst anerkannt. Eine ähnliche Ausgabe von Klopftock's Oden erschien 1831. Er vollendete die von A. Jacobs begonnene Schrift: „August Hermann Niemeper. Zur Erinnerung an dessen Leben und Wirken" (Halle 1831), und setzte seinem Freunde Lafontaine ein biographisches Denkmal. Die von ihm besorgte dritte Ausgabe der „Synonymik der deutschen Sprache" von Eberhard und Maaß (6 Bde., Halle 1826 — 30) verdankt ihm gehaltvolle Bereicherungen. Seine in Zeitschriften zerstreuten Dichtungen, von welchen einige in das Französische übersetzt wurden, erschienen unter dem Titel: „Sophiens Lieblingsstunden"(Leipzig 1811). Seit Ersch's Todeist er Mitherausgeber der „Allgemeinen Literaturzeitung". Grün (Anastasius), ein Pseudonyme, für den man mit ziemlicher Gewißheit den Grafen Anton Alexander v on Auersperg angibt, der, am 11. April 1806 geboren, von seinem frühverftorbenm Vater die Grafschaft Thum am Hart in Ostreich erbte. Der Name Anastasius Grün hat einen schönen Klang in der deutschen Dichterwelt gewonnen durch das Epos: „Der letzte Ritter" (München 1831), in Balladenform und im Metrum des Nibelungenliedes, behandelnd Leben und Tod des Kaisers Maximilian I. Mit echter poetischer Lust, Jugendfrische und freiem Geiste schildert der östreichische Patriot den Kaiser, in dessen romantischem Leben die Sonnenwende des alten Ritterthums zur neuen Zeit sich am anschaulichsten darthut. Eine besonders geschickte Behandlung des Nibelungenverses zeichnet dieses Gedicht aus, dem schon mehre Nachahmungen gefolgt sind. Minder originell sind G.'s früher herausgegebene Lieder („Blätter der Liebe", Stuttgart 1830), in denen sich eine Nachahmung Heine'scher Art und Weise kund gibt. Dagegen werden ihm ebenfalls mit ziemlicher Bestimmtheit zugeschrieben die „Spaziergänge eines wiener Poeten" (Hamburg 1831, zweite Aufl. 1832), patriotische Herzensergüsse, in denen der Dichter mit ebenso viel poetischem Feuer als jugendlichem Freisinn für sein geliebtes Ostreich freisinnigere Institutionen fodert. Diese Gedichte, abgesehen von ihrem politischen Charakter, gehören zu den bessern poetischen Erzeugnissen der letzten Jahre. Sein Bildniß findet man in dem Musenalmanach für 1833 von Küntzel, Motz und Zimmermann (Darmstadt 1832). (9) 2SZ Grundtvig Grundtvig (N. F. S.), geboren 1783 l'n Seeland, war erst rationalistischer Theolog, trat aber später, noch im jugendlichen Alter, als Versich- ' tcr der strengsten Orthodoxie auf. Als Schriftsteller und als Prediger ist er di?- i sec Richtung durch ausgezeichnete Geistesgaben, große Kraft und eine gewisse schwärmerische eindringende Beredsamkeit seitdem sehr thätig gefolgt. Ohne tief gelehrte theologische Kenntnisse zu befitzen, ist er doch auch in dieser Hinsicht ein wissenschaftlich kundiger Mann, befugt über Gegenstände solcher Art zu sprechen. Daß sein Eifer ungeheuchelt, daß er in seinen rein-menschlichen und bürgerlichen Verhältnissen ein Mann von christlicher Rechtschaffenheit, unbescholtenem Rufe und friedliebendem Betragen ist, daß er nur nach inniger Uberzeugung handelt möchte zwar das Urtheil hinsichtlich seiner schonungslosen literarischen Angriffs seiner leidenschaftlichen und unbesonnenen Polemik mildern, ein solches Verfahren ! aber nicht rechtfertigen können. Seine erste theologische Schrift war eine Predigt (1810): „Hvi er Herrens Ord focsvundet af Hans Huus?" (Warum ist das i Wort des Herrn aus seinem Hause verschwunden?), die großes Aufsehen unter Gelehrten und Ungelehrten erregte und auch verdeutscht ward. G. wurde 1822 i nach Kopenhagen als Prediger bei einer der Stadtgemeinden gerufen. Schon früher, und ehe er noch ein Pfarramt in einer kleinen Stadt Seelands angetreten hatte, ließ er sich in den Kirchen der Residenz vor zahlreichen Versammlungen hören. Als Clausen (Professor der Theologie an der Universität Kopenhagen) seine Schrift: „Catholicismens og Protestantismens Kirkeforfatning:c" (Die kirchliche Verfassung, die Lehre und der Ritus des Katholicismus und Protestantismus) 1825 drucken ließ, gab G. sogleich eine Flugschrift heraus, worin er ihn wegen nicht-orthodoxer Auffassung der protestantischen Lehre auf eine Weise angriff, welche Clausen nöthigte, den Angreifer gerichtlich zu belangen. Das Urtheil in erster Instanz siel gegen G. aus; er appellirte jedoch nicht, wurde dagegen auf sein Gesuch vom Predigeramte entlassen und schien zugleich von seiner literarischen Thätigkeit sich ganzlich zurückziehen zu wollen, was jedoch nicht geschehen ist. Andere Gegnw traten indeß statt seiner gegen Clausen hervor, wie Rudelbach und Lindberg. G.'s frühere, theils religiöse, theils literarische und politische Streitigkeiten, zu welchen er während verschiedener wissenschaftlichen Studien, mitunter auch der neuern Philosophie, besonders aber der nordischen Geschichte und Alterthümer, sich häusig veranlaßt fand, übergehen wir hier, können aber seinen 1812 herausgegebenen „Kort Begrcb afVer- dens Krönike" (Kurzer Begriff der Weltchronic), der in mancher Hinsicht auch eine polemische Tendenz hatte, nicht unerwähnt lassen. Seine Forschungen in der altnordischen Literatur sind wichtig und sehr verdienstlich. Von seiner „Nordischen Mythologie" (1808) hat er jetzt eine neue umgearbeite und vermehrte Auflage angekündigt. Seine Übersetzung der dänischen Geschichte des Saxo Grammaticus und der norwegischen Geschichte des Snorro Sturlesen (aus dem Isländischen, ist keine Übersetzung im gewöhnlichen Sinn, sondern als eine nicht selten höchst geniale Umschreibung in eine kraftvolle, oft aber auch niedrige und weitschweifige Volkssprache zu betrachten. Als hochbegabter Dichter zeich- nete G. sich durch Gedichte theils über nordische, theils über andere Gegenstande aus und fand viel Beifall. Berühmt sind unter Anderm feine größern Dichtungen: „Optrin af Kaempelivcts Undergang i Norden", und: „Roeskilde-Rüm" die eine Scenen aus dem altnordischen Heldenleben, die andere poetische Erinnerungen aus der ältern und neuern christlichen Zeit Dänemarks. Mehre scincr Kanzelreden hat er unter dem Titel: „Christelige Praedikener eller Sondagsbog (Christliche Predigten oder Sonntagsbuch, 3 Bde., Kopenhagen 1827 — und verschiedene seiner kleinern Gedichte unter dem Titel: „Qvaedlmger cller Smaagvad", gesammelt herausgegeben. Seine neueste Schrift enthalt politisch? Gruner 293 Kar. Betrachtungen nebst Blicken auf Danemark und Norwegen. In London bei Black gibt G. heraus: „Libliotdeca ^aglo-Laxonica, vr tde most valuab'e ^ng!o-8axon manuscrPts, illustrative ob tde earl^ poetr^ sock literature ok tlie euglisd lau^ua^e". (4) Gruner (Karl Gustav Adolf), wurde zu Berga bei Weida am 21. Der. 1778 geboren. Sein Vater, Erdmann Rudolf, war dort Oberpfarrer und leitete die erste Erziehung des Knaben mit großer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit. Auf dem Gymnasium zu Gera gebildet, bezog er 1798 die Universität Jena, wo Hufeland und Feuerbach ihn vorzugsweise in die einzelnen Fächer der Rechtswissenschaft einführten und Fichte's geistvolle Vorträge ihn ungemein anzogen. Seit Ostern 1800 studirte er in Leipzig, wo Erhard ihn ganz besonders liebgewann und bei fortgesetzten tiefern Studien kräftig unterstützte. Er wurde nach Verteidigung der Streitschrift: „De poenisllomanorum privatis earum^ue usu llockierno" (Leipzig 1805, 4., und abgedruckt in Martin's „8el. ckiss. et commentt. luv. crimioal. collect.", Bd. 1, Jena 1822), Doctor der Rechte. Als Oberhofgerichts-und Consistorialadvokat in Leipzig erwarb er sich durch strenge Redlichkeit, klaren Verstand und umfassende Kenntnisse, verbunden mit edler Freimü- thigkeit, bald das allgemeine Vertrauen und wurde 1806 von der Handlungsinnung zu ihrem Consulenten gewählt. In der anonym erschienenen Schrift. „Ansichten einiger Hauptzweige der Industrie und des Handels von Sachsen; zur Berichtigung bekannt gemachter irrigen Urtheile" (Leipzig 1811>, wies G. gegen Reyer's „Ansichten der neuesten französischen und sachsischen Handelsverhaltnisse" (Dresden 1811), mit ruhiger Überlegung und aus dem richtig genommenen Gesichtspunkte die Vortheile einer allgemeinen Handelsfreiheit für Sachsen im Gegensatz mit Preußen und Ostreich nach, und sprach auch später noch einmal in der Schrift: „Über das Rctorsi'onsprincip, als Grundlage eines deutschen Handelssystems" (Leipzig 1820), freimüthig über Grenzzölle, deren Unzweckmäßigst und Ungesetzlichkeit, und selbst seine Gegner (z. B. Weber in „Deutschlands Retorsionsprincip als Nothwehr und nicht als Zweck", Gera 1820, 4.), mußten ihm in der Hauptsache volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er folgte 1822 auf Haubold's Veranlassung dem Rufe als Oberappellationsgerichts- rath nach Lübeck, kehrte jedoch 1825 ins Vaterland zurück und wurde als Hof- und Justizrathund Assessor der Landes-, Ökonomie-, Manufactur- und Commercien- deputation in Dresden angestellt. Mit den Gesetzen, der Verfassung und den Bedürfnissen des Landes vertraut, für Rechtspflege wie für die Verwaltung gleich geeignet, war er hier treu und gewissenhaft durch Rath und That für das Beste des Landes besorgt, und scheute selbst überhäufte Arbeiten nicht, wenn es die Beförderung des wahren Wohles galt. In Folge der Ereignisse vom Sept. 1830 wurde er mit der Untersuchung der in und außerhalb Dresden vorgefallenen Unruhen beauftragt, und zeigte hier, wie weit die Menschlichkeit und das Pflichtgefühl sich vor der Strenge des Gesetzes vereinigen lasse. G. erhielt im Ort. 1830 das Ritterkreuz des Ordens für Verdienst und Treue, nahm später den thätigsten Antheil an der Bearbeitung des Entwurfs der Verfassungsurkunde, der Städteordnung, des Ablösungsgesetzes, und arbeitete besonders eifrig an der zweckmäßigen Verwirklichung der Idee der Trennung der Justiz von der Verwaltung. Allein die Anstrengungen, zu welchen die wiederholten Unruhen in Dresden (April 1831) bei überhäuften Geschäften ihn veranlagen, erschöpften seine Gesundheit, und da auch das höhere Staatsamt eines Oberconsistorialpräsidenten, welches ihn im Mai desselben Jahres übertragen wurde, seine unausgesetzte Thätigkeit nicht minder in Anspruch nahm, so sank die einmal gebrochene Kraft immer mehr, bis er den 8. Ort. 1831 sein verdienstvolles Leben endete, zu einer Zeit, wo das Vaterland von seiner fortgesetzten Wirksamkeit den schönsten Erfolg mit Zuversicht 294 Gruithuisen ?'ß .?! erwarten konnte. G. strebte, bis zur Aufopferung fleißig, allenthalben nach Gründlichkeit, er arbeitete nicht schnell, aber was aus seiner Feder kam, war muster- Haft. Bei einem kraftigen Wuchs hatte er häusig mit großen körperlichen Beschwerden zu kämpfen, obschon mit Bestimmtheit behauptet werden kann, daß weniger die Masse der Arbeit als der Gegenstand derselben seine Gesundheit untergraben habe. Die Untersuchungen, die er leitete, ergriffen sein edles Herz tief und um so tiefer, je weniger er, eingedenk der Pflicht, die allgemeine Menschenliebe, von der er durchdrungen war, konnte vorwalten lassen. (57) Gruithuisen (Franz von Paula), anerkannt als Naturforscher, besonders im Fache der Physiologie und Astronomie, wurde am 19. März 1774 aus dem alten Ritterschlosse Haltenberg am Lech geboren. Sein Vater, PeterG., ein von Maximilian III. nach Baiern berufener Falconier aus Herzogenbusch, konnte nicht viel auf die geistige Erziehung seines Sohns verwenden, und dieser mußte nach dem Studium der gelehrten Sprachen die Chirurgie erlernen. Begierig Erfahrungen zu sammeln und die Welt zu sehen, nahm er als Feldchirurg Dienst in der östreichischen Armee, als 1788 der Türkenkrieg ausbrach. Seines Vaters steter Wunsch, seinen Sohn nach dessen Rückkehr unter den Dienern des Kurfürsten Karl Theodor versorgt zu sehen, ging erst nach seinem Tode in Erfüllung. G. gewann Zeit, sich den philosophischen Studien zuzuwenden, wobei ersich durch seine Experimente und selbst gebauten Fernröhre das Zutrauen und die Aufmunterung einer hohen Person erwarb, die ihn zur Entwickelung seiner Anlagen auf eine Universität gehen und ihm ein reichliches Iahrgeld zufließen ließ. Im Genuß freier Muße, studirte er in Landshut seit 1801 Philosophie und Medicin. Er erhielt nach seiner Promotion 1808 einen Ruf als Professorder Physik nachHof- wyl, gleich darauf aber bei der Schule für Landärzte zu München die Lehrstelle der Physik, Chemie, Naturgeschichte, Zoonomie und Anthropologie, die er auch bis 1824 versah, während ihn die Universität Freiburg für Chemie, Physik und Astronomie und Breslau für Physiologie zu gewinnen wünschten. Er nahm aber diese Berufungen nicht an, da er im Vaterlande besser gestellt wurde. Nach der Versetzung der landshuter Universität nach München erhielt er wegen seiner Entdeckungen am Himmel das Lehramt der Astronomie, das er noch jetzt mit Beifall verwaltet. Er ist Herausgeber einer geschätzten Zeitschrift: „Analekten für Erd- und Himmelskunde". Das Institut ro)a1 zu Paris verlieh ihm wegen der ersten Erfindung der Zermalmung des Steins in der Harnblase den Preis von 1000 Francs. Auf seinen Reisen durch Deutschland 1825 und 1826 erhielt er von Gelehrten aus allen naturwissenschaftlichen Fächern Beweise ehrender Anerkennung. Wir nennen von seinen Schriften: „Uber Existenz der Empfindung in den Köpfen und Rümpfen der Geköpften" (Augsburg 1808); „Naturhistorische Untersuchung über den Unterschied zweier Eiter und Schleim durch das Mikroskop" (München 1809); „Physik, historisch bearbeitet" (München 1810, 4.); „Anthropologie" (München 1810); „Organozoonomie" (München 1811); „Uber die Natur der Kometen" (München 1811); „Beiträge zur Physiognosie undHeauto- gnosie" (München 1812); „Lieblingsobjecte im Felde der Naturforschung" (München 1817); „Propädeutik der Medicin" (Nürnberg 1823); „Uber die Ursachen der Erdbeben" (Nürnberg 1825). Mehre Aufsätze lieferte er für Bode's „Astronomisches Jahrbuch", Nasse's „Zeitschrift", Kastner's „Arcyiv", und in dem letzten (Bd. 1 und 2) namentlich: „Entdeckung vieler deutlicher Spuren der Mondbewohner, besonders eines kolossalen Kunstgebäudes derselben". Eine ausführliche Abhandlung über diesen Gegenstand mit mehren Steintafeln, und G.'s übrige zahlreiche Mondbeobachtungen sind noch nicht in den Druck gegeben worden. Er glaubt die von Marschall von Bieberstein 1802 bekannt gemachten „Untersuchungen über Ursprung und Ausbildung des Weltgebäudes" durch seine Bcob- Guernon de Ranville 295 UW achtungen der Mondgebirge, die er nicht für Vulkane gelten lassen will, völlig bewahrt, und gefunden zu haben, daß die meisten Ringflachen der Mondringgebirge sich noch als die obern Segmente der in den Mond versenkten Weltkörper ankündigen, daß die Ringgebirge selbst concentrisch geschichtete Ringe sind, die sich von den versunkenen Kugeln abgestreift haben, und im Großen und theilweise, und zwar wie aus der Erde, sich als Urgebirge zeigen, woraus er den Schluß zieht, daß Biebersteins Ansicht, nach welcher man sich die größern Weltkörper aus kleinern zusammengesetzt denkt, wahr und allgemein gültig sein muß. (54) Guernon de Ranville (Martial Come Perpetue Magloire, Graf), Exminister Karls X., geboren 1787 zu Caen, wo sein Vater Bataillonschef war. Er nahm 1806 bei der kaiserlichen Garde Dienste, wurde aber bald wegen Kurz- sichtigkeit außer Thätigkeit gesetzt. Nachdem er 1813 zu Paris promovirt, arbeitete er mit Erfolg in Caen als Advokat. Er trat 1815 unter die königlichen Freiwilligen im Departement Calvados, ward einer ihrer Capitains und legte erst am 24. Marz, als das ganze Departement die kaiserliche Herrschaft anerkannt hatte, die Waffen nieder. Als Advokat zum Unterzeichnen der Zusatzacte berufen, pro- testirte er kräftig, begab sich dann nach Gent, begleitete kurz darauf den Herzog von Aumont nach der Normandie und kehrte nach der zweiten Restauration zu seiner Advokatur zurück. Im Dec. 1820 zum Präsidenten des Gerichtshofs von Caen ernannt, 1822 Generaladvokat zu Colmar, zwei Jahre spater Generalprocurator zu Limoges, 1826 zu Grenoble, sprach er nicht immer im Sinne der öffentlichen Meinung und erhielt daher am 26. Aug. 1829 eine wichtigere Stelle als Generalprocurator zu Lyon, in welcher er den zum Justizministerium berufenen Courvoisier ersetzte. In seiner Einführungsrede am 26. Oct. erklarte G., er sei ein unversöhnlicher Feind der revolutionnairen Ideen. Am 19. Nov. desselben Jahrs wurde er Minister des Unterrichts und Cultus. Die Journale warfen ihm nun vielerlei vor, was ihm in der That fremd war, und legten ihm u. A. sehr einfaltige Verse über den Herzog von Aumont zur Last. Dec Herausgeber des „?ilote, jouroal du Calvados", war Erfinder dieser Persönlichkeiten, wurde als Verleumder zu Gefängnißstrafe und Geldbuße verurtheilt, aber auf den Antrag G.'s begnadigt. Der Herausgeber des setzte die Angriffe fort, änderte aber seine Taktik und warf dem Minister vor, er sei äußerst liberal und stelle sich nur an, als sei er ein Ultra. G. vertheidigte sich dagegen im,Mo- uiteur". Ehe er seine Ministerstelle annahm, hatte er am 15. Dec. 1829 eine Denkschrift an Polignac gesendet, worin er versicherte, daß er nie an einem Staatsstreiche Theil nehmen würde; Polignac erwiderte, er selbst würde es ebenso wenig thun. Auch bei der Erörterung der Adresse, gegen welche er sich eifrig erhob, betheuerte er seine Anhänglichkeit an die Verfassung, und bemerkte, wenn die Minister je einen Rath gegen die Charte gäben, so hätten sie sich selbst die daraus entstehenden Folgen zuzuschreiben. Es ergibt sich endlich aus der Procedur gegen die Exminister, daß G. zu Denen gehörte, welche im Ministerrath gegen das Erlassen verfassungswidriger Ordonnanzen sprachen; allein er unterließ mit Chabrol und Courvoisier seine Stelle niederzulegen; und unterzeichnete die Ordonnanzen vom 25. Jul. Er habe, äußerte er vor dem Gerichtshose der PairS, im Angesichte der Gefahr nicht fliehen wollen. Am 29. Jul. wohnte er dem letzten Ministerrath in Saint-Cloud bei, und da hier die Rede davon war, unter der Präsidentschaft Mortemart's ein neues Ministerium zu bilden, so rief G. aus: „Laßt uns den Augenblick die Portefeuilles niederlegen". Es war zu spät. In dem Briefe, welchen er an demselben Tage an Courvoisier schrieb, beklagte er, daß ihn nicht beim pariser Kampfe eine Kugel durchbohrt habe. Er verließ den König in St.-Cloud, nahm zu Fuße den Weg nach Tours, wurde am 5. Aug. verhaftet, blieb bis zum 27. mit Peyronnet und Chantelauze im dortigen Gefangnisse und 293 Guilford wurde von da nach Vincennes gebracht. Am 15. Dec. erschien er vor sein-» Richtern, widersetzte sich dem Vertheidigungssysteme seines Advokaten Cremieux > welches für G. nützlicher war als für dessen Collegen, und wurde zu lebenslänglicher Verhaftung, dem Jnterdicte und den Prozeßkosten verurtheilt. Er ist ^ dem mit den übrigen Ministern in Ham. G. schrieb: „Recllerciies llistoriguex ! 5nr le jur^" (Caen 1819), ein gelehrtes und sogar freisinniges Werk. (15) Guilford (Frederick North, fünfter Graf von), Stifter und Kanzler der i Universität der ionischen Inseln, geboren 1761, war der dritte Sohn des Lords ^ North, welcher als Minister Georgs III. sich sehr bekanntgemacht hat undam 17 Aug. 1792 gestorben ist. Nachdem G. die gewöhnliche Erziehung eines britische Edelmanns erhalten und in Oxford studirt hatte, verschaffte ihm sein Vater eine Stelle bei der Schatzkammer. Nun erat er seine Stelle im Parlamente seinem äl- ! kern Bruder ab. Spaterhin zum Gouverneur der Insel Ceylon ernannt, unternahm ^ er eine Reise in das Innere der Insel. Sein Begleiter war der Geistliche James > Cordiner, dem wir eine gute Beschreibung der Insel verdanken. Bald nach seiner Rückkehr erbte North den Titel seines verstorbenen Bruders, des Grafen von G,, > und wurde dadurch Pair des Reichs. Spater sandte ihn die Regierung mit Aufträgen nach den ionischen Inseln. Hier wandte sich sein Herz ganz zu dem Schicksale des unglücklichen Griechenlands. Bildung und Neigung hatten ihn schon längst an diese^von Barbaren verhöhnten Trümmer eines edeln Ruhmes gefesset. Ohne Frau und Kinder stand Lord G. nicht einsam, Hellas Söhne wurden seine Familie. Mit einer Philanthropie, für welche, wie ein Dichter sagt, es keinen Winter gibt, verwandte er Vermögen und Talente auf das Bemühen, den Nalional- charakter der ionischen Inselbewohner wieder zu erheben und in diese schonen Eilande die frühern Tage der Blüte zurückzuführen. Es gelang ihm, auf einigen derselben, die nahe an Wcsthellas Küsten liegen, mehre Schulen (überhaupt 29 mit mehr als 1700 Zöglingen) zu gründen. Endlich sah er sich durch die Beihülfe der britischen Regierung und des ionischen Parlaments in den Stand gesetzt, seinen Lieblingsentwurf auszuführen, und Korfu wurde vorzüglich durch ihn der Sitz einer griechischen Universität. Man hat keine Vorstellung von den Hindernissen und Ränken, welche sich den Bemühungen dieses edelsi Philhellenen entgegenstellten. Nur des Lords fester Charakter, sein beharrlicher Wille in allem Wesentlichen, mit Nachgeben in Nebendingen, seine erhabene Gesinnung, mit der Kunst die Gemüther zu gewinnen verbunden, sein großer Reichthum und sein hoher Rang vermochten alle Schwierigkeiten zu beseitigen. Ungeachtet einer mit Unrecht freisinnig genannten Constitution, welche die britische Regierung den ionischen Inseln gegeben hatte, ist die Gewalt des Lord-Obercommissairs sehr ausgedehnt, und Sir Thomas Maitland, welcher damals diese hohe Würde bekleidete, war bei seinem herrschsüchtigen und harten Charakter jedem edeln und großartigen Vorschlage abgeneigt. Endlich gab das ionische Parlament 1819 zur Errichtung einer Universität auf Korfu seine Einwilligung. Nun erst zeigte Lord G. den ganzen- Umfang seiner rastlosen Thätigkeit. Unter den Ioniern gab es keine hinlänglich unterrichteten Männer zu den Lehrerstellen, und die wenigen gebildeten Fremden, welche auf dem Boden der Siebeninseln verweilten, redeten die Nationalsprache nicht so geläufig, um darin Vorlesungen zu halten. Es mußten also vor allen Dingen Professoren gebildet werden; aber oft, wenn G. glaubte das Ziel seiner Mühen erreicht zu haben, kam ein Todesfall, eine Heirath, ein Aufflug von kriegerischer Begeisterung oder sonst etwas dazwischen, und nöthigte ihn neue Nachforschungen zu machen und neue Wahlen zu treffen. Nach jahrelanger Geduld und Bemühung, nachdem er, hierbei auch von dem Grafen Kapodistrias unterstützt, mit großen Kosten Studirende auf berühmte Universitäten und in die größern Städte Europas geschickt hatte, vereinigte G. Guizot und die Doctrinaires 297 eine hinreichende Zahl von Professoren, um den akademischen Cursus 1833 eröffnen zu können. Darauf erhielt er im Nov. desselben Jahres die einzige Belohnung für so große Opfer und so edle Bemühungen: der König ernannte ihn zum Archonten oder Kanzler der Universität Korfu. Diese Universität hat außer einem Rector und einem Bibliothekar 16 Professoren. Die Erlaubnis den öffentlichen Vorlesungen und dem Unterrichte in der englischen Sprache beizuwohnen, wird umsonst ertheilt. Der Studirende hat also bloß für seine Lebensbedürfnisse zu sorgen. Bald stieg die Zahl der Studirenden von 46 im ersten Jahre auf 8? im zweiten, auf 311 im dritten (1836), und seitdem hat sie noch mehr zugenommen. Hundert davon sind Korsioten. Auch die Errichtung der Universitätsbibliothek ist eine von den Wohlthaten G.'s; er selbst stattete sie mit den ersten Büchern aus, und die Hälfte ihres Bestandes von 9006 Bänden war sein Geschenk. Später ist sie durch wichtige Werke vermehrt worden, welche ihr die beiden englischen Universitäten in Indien, der König von Dänemark, der Graf Mocenigo von der Insel Zante u. A. überschickt haben. G. machte ihr kurz vor seinem Tode ein neues Geschenk mit 8000 Banden und 3000 Handschriften, von denen sich die meisten auf die neuere Geschichte, seit dem 13. Jahrhunderte bis jetzt, beziehen. Gegenwärtig zählt die Bibliothek an 30,000 Bände und steht dem Publicum offen. G. starb den 14. Oct. 1837 in London, wo er einige Monate sich aufgehalten hatte; dem Herzen und der Gesinnung nach war und blieb er stets einer der ersten Bürger Joniens. Reichgebildet an Geist, edel und freisinnig, nachsichtig und wohlwollend im Umgange, freigebig mit Überlegung, war er die Freude und der Stolz seiner Freunde. Seine Adelswürde, die er nach dem Tode seines ältern Bruders 1817 erbte, ist seinem Vetter, Francis North, Präbendar von Winchester, dem ältesten Sohnej des verstorbenen Doctor North, Bischofs von Winchester, nebst einer Jahresrente von 18,000 Pf. St. zugefallen. (7) Guizot und die Doctrinaires. Guizot (Francis), geboren den 4. Oct. 1787 zu Nismes, einst Unterstaatssecretair des Innern im Ministerium Decazes, dann im Aug. 1830 und Oct. 1833 Staatsminister, ein Protestant, hat seit der Juliusrevolution eine publicistische Berühmtheit erlangt. Er wird als das Haupt der sogenannten Doctrinaires (f. Bd. 3), wie 1830 von dem „äourual 6es ckebuts", so jetzt von den Oppositionsblättern mit Erbitterung verfolgt. *) Diese verbinden nämlich mit jenem Worte einen Begriff, der das ganze Ministerium vom 11. Oct. 1833, zu welchem G. als Minister des öffentlichen Unterrichts gehört, gehässig und verächtlich machen oder stürzen soll. Die„0la2ette „Journal cku commerce" bemerkt, daß gerade das „äournal cies äebats", welches jetzt fortwährend die Vertheidigung der unter diesem Beiworts angegriffcnm Männer führe, 1816 diesen Spitznamen erfunden habe. Das heutige Unglück der Doctrinaires bestehe darin, daß sie aus der Mode gekommen seien. Im Grunde stimmen alle Blätter der Opposition in dem Vorwurfe überein, daß die sogenannten Doctrinaires die Iuliusrevolution nicht gemacht, daß sie sich aber der Folgen derselben bemächtigt haben, um den Begriff der Volkssouverainetät allmäli'g dem Begriffe der Legitimität unterzuordnen; habe doch G. selbst zuerst eine Quasilegitimi- tät dem Volkskönigthum des Julius einimpfen wollen, indem er die Wahl Ludwig Philipps mit auf den Grund, weil er ein Bourbon *) sei, gestützt habe. Beurtheilt man G. nach den in seinen Schriften dargelegten Grundsätzen, so ist er aus Überzeugung ein Freund der Freiheit und der Monarchie. Ein Historiker wie er kann unmöglich Paris und Frankreich für geeignet halten, das Mutterland einer europäischen Republik zu werden; aber ebenso wenig wird er ze irgend einer Rückkehr zu den Formen der alten Feudalmonarchie seinen Beistand leihen. Er ist besonnen, gemäßigt und fest in seinen Ansichten; er ist ein geübter Redner auf der Tribüne, und in der klaren, geordneten und gründlichen Entwickelung seiner Ansichten kommen ihm Wenige gleich. DaS Gefühl nun, ihn nicht widerlegen zu können, erbittert seine Gegner. Alle Vorwürfe, die ihm die beiden entgegengesetzten Parteien machen, kommen darauf zurück, daß er, aus Grundsatz und aus Erfahrung, von jedem Äußersten in der Theorie wie im Handeln sich entfernt halt. In Ansehung der Legitimität erklärte er sich so: „Ich glaube weder an das göttliche Recht, noch an die Souverainetät des Volks, wie man beide gewöhnlich versteht; ich erblicke darin nichts als die Anmaßungen der Gewalt. Ich glaube an die Souverainetät der Vernunft, der Gerechtigkeit, des Rechts: dies ist der legitime Sou- verain, den die Welt sucht, und den sie stets suchen wird; denn die Vernunft, die Wahrheit, die Gerechtigkeit sind nirgend ganz und unfehlbar vorhanden. Wenn ein Mann sich für das Bild Gottes auf der Erde ausgibt und unter diesem Titel einen leidenden Gehorsam verlangt, so sah er die Tyrannei gegründet. Hat ein Bolk sich nach Köpfen gezählt und die Allgewalt der Zahl proclamirt, so hat es die Tyrannei gegründet. Von diesen beiden Usurpationen ist die erste die unverschämteste, die zweite die brutalste. Die Erblichkeit der Throne hat keine andere Absicht, als die Erhebung des Rechts auf den Thron, damit dasselbe überall sei; durch diesen Titel allein ist die Erblichkeit legitim, aber auch durch diesen Titel wird sie eine wahre Legitimität, und aus diesem Charakter, der ihre Kraft ausmacht, entspringen zugleich all ihre Vortheile." Die Revolution ist nach G.'s Schriften der durch den natürlichen nothwenbigen Gang der Bildung herbeigeführte Kampf des Rechts gegen die Privilegien, der Kampf der gesetzlichen Freiheit gegen die Willkur. Darum widersetzte er sich stets unter Villele's Ministerium bis 1836 der Gegen- *) Dupin rief aber dagegen sein bekannte« Obgleich aus. Daher sasle du' „Ovnstitutivnnel^ nach dem 11. Oct. 1LZ2: durch die Ernennung des neuen nisteriums habe das Weil über das Obgleich gesiegt. 300 Guizot und die Doctrinaires von Broglie Minister des Cultus und des Unterrichts, zugleich Präsident des Staatsraths; Guizot Minister des Innern; Louis Finanzminister; Graf Mole Minister des Auswärtigen; Gen. Sebastiani Marineminister. Lassitte, Casimir Pe'rier, Dupin d. Ä. und Bignon wurden ohne Portefeuille Mitglieder des Ministerrats. Sowie seine Collegen veränderte auch G. das Personal seines Ministeriums. Von 86 Präfecten wurden 76, von 277 Unterpräfecten 19ff von 86 Generalsecretairen 53, und von 315 Präfecturräthen 127 entlassen, weil sie der neuen Ordnung nicht ergeben sein konnten. Diese und die übrigen Veränderungen in dem Dienstpersonal zeigte G. der Kammer an in seinem merkwürdigen Bericht vom 13. Sept. über den Gang der Verwaltung seit dem 1l. Aug. 1830. Gleichwolfuhr die Opposition fort, die Grundsätze und die Absichten des Ministeriums zu verdächtigen und anzugreifen; insbesondere wurde der Ausdruck Huasile^itimite, durch welchen G. die Legitimitätsfcage mit Ludwig Philipps Thronbesteigung zu vermitteln glaubte, dem Minister und den Doctrinaires zum bittem Vorwurfe gemacht. Der Konig änderte daher durch die Ordonnanzen vom 2. und vom 18. Nov. 1830 sein Ministerium auf eine Art ab, daß das doctrinaire System seinen Einfluß großentheils verlor und die Grundsätze der Iuliusrevolution mehr in den Vordergrund traten. Der Herzog von Broglie, Louis, Guizot und Gerard wurden entlassen; Dupont blieb Justizminister, Laf- sitte wurde Präsident des Ministerrathes und Finanzminister. Der Graf Monta- livet, Pair von Frankreich, erhielt das Ministerium des Innern, der Marschall Soult das Kriegsministerium, Graf Sebastiani das Auswärtige, der Staatsrath Merilhou den öffentlichen Unterricht, den Cultus und den Vorsitz im Staatsrats, Graf d'Argout die Marine. (Vgl. Frankreich seit dem 1.1829.) Von jetzt an nahm G., als Deputirter von Lisieux (Departement Calvados), in der Kammer, wo er auf der linken Seite saß, an allen wichtigern Verhandlungen über die Innern und die äußern Angelegenheiten lebhaften Antheil. Er vertheidkgte und entwickelte ebenso gründlich als beredt die bisher von der Regierung befolgten Grund- ^ sätze und die von ihr genommenen Maßregeln. Als späterhin, seit dem 13. März 1831, Cas. Perier an die Spitze des Ministeriums, Lafsitte aber in die Opposition getreten war, schloß G. sich an das System der richtigen Mitte und des Friedens an, mußte jedoch mehrmals den Vorwurf hören, daß er während seines Ministeriums die flüchtigen Spanier mit Geld unterstützt und dadurch die Plane der jetzt von ihm bekämpften Propagandisten selbst mit befördert hätte. Bei der wichtigen Frage über die Erblichkeit der Pairie, stimmte er, wie Thiers und Hu- ! mann, und wie der Herzog von Broglie in der Pairskammer, mit der Minorität, wobei die von ihm unterstützte Erblichkeit nur 80 Stimmen erhielt. Indem G. so bei jeder Gelegenheit mit Kraft und Muth für das Ministerium in die Schranken trat, entfaltete er ein rednerisches Talent, vielleicht das größte, welches Frankreich gegenwärtig besitzt, das ebenso sehr die Bewunderung seiner Freunde, als die Eifersucht der Gegner und den Haß der Bousingots (Republikaner) erregte, die nunmehr in ihm die ganze Schule (clcxttrme) lächerlich zu machen suchten. Allerdings muß man ihnen zugeben, daß G., des berühmten Royer-Collard berühmtester Schüler, in seinen öffentlichen Reden Das, was man seine Metaphysik nannte, bisweilen sehr zur Schau darlegte. Nach Perier's Tode mußte das Ministerium, welches seit der Erklärung von Paris in Belagerungszustand (/. *) Die provisorische Regierung, welche aus den Generalen Lafayctte, ^ Gerald und dem Herzoge von Choiseul bestand, hatte am 3V. Jul. provisorisch die iUzm- sterien auf folgende Art vertheilt: Herzog von Broglie Minister des Innern; zot Minister des öffentlichen Unterrichts; Bignon Minister des Auswärligen; u - miral Truguet Marine-, Dupont Justiz-, Louis Finanz-, und Gerard äcricg-- minister. Guizot und die Doctrinaires 391 Zun. 1832) die öffentliche Meinung gegen sich hatte, neu gebildet werden. Hier gab es nun zwei Combinationen für die neue Zusammensetzung desselben, um die Majoritatin den Kammern zu erhalten: entweder die Verbindung der Doctrinaires mit Dupin d. Ä., welcher nebst seinen Freunden, Berenger und Bignon, eine Mittelpartei zwischen den sogenannten Doctrinaires und der äußersten Linken bildet, oder die Dupin's mit Odilon-Barrot, wenn man nicht den Letztern nebst d-en Wortführern des Oompte rendu (f. Frankreich) an die Spitze der Verwaltung stellen wollte. Da aber der Marschall Soult, bei der drohenden Stellung, die Frankreich gegen Holland annahm, an die Spitze des Ministeriums gestellt wurde, so weigerte sich Dupin, welcher dem Marschall Soult und noch mehr G. (man sagt, aus literarischer Eifersucht) persönlich abgeneigt zu sein scheint, beharrlich in ein Ministerium zu treten, wo er die Vertheidigung der von ihm gemisbilligten Maßregel des 7. Zun. hätte übernehmen müssen. Ebenso wenig konnte sich der König entschließen, durch eine Annäherung zur linken Seite Odilon-Barrot zu wählen und das System vom 13. März aufzugeben. Es wurde daher durch die Ordonnanz vom 11. Ott. 1832 das gegenwärtige Mini- ste.rium gebildet, von welchen eigentlich nur vier Mitglieder zu der sogenannten Doctrine gehören: der Herzog von Broglie (Minister des Auswärtigen), welcher, wenn er nicht G. zum Collegen erhielte, in das Ministerium zu treten sich geweigert hatte, Humann (Minister der Finanzen), Thiers (Minister des Innern, eigentlich der Polizei), und G., welcher aber nur das Ministerium des öffentlichen Unterrichts, weil er als Protestant den Cultus nicht verwalten sollte, erhielt. Die Culte wurden eine Abthcilung des Justizministeriums unter Barthe. Das Unterrichtsministerium umfaßte jetzt nach der Ordonnanz vom 12. Oct. folgende Attributionen: das königl. Institut von Frankreich, das Museum der Naturgeschichte, das Oollegs delnmce, die öffentlichen Bibliotheken, die Akademien und literarischen Socie- taten, die Ltabllssemeris dritunuiczues, die Lcole de cllurtes, das Depot de 8te.-(3enevieve, die encour Bunde mit dem Jesuitismus herrscht, und in dem preußischen Fürstenthum Neuenburg ihre Anhänger hat —, so entschloß er sich entschieden auf die Seite der Landschaft zu treten. Er verließ die Stadt am 5. Jan. 1831, nachdem bereits im Dec. ein eifriges Organ der Stadtfaction ihn durch einen Drohbrief einzuschüchtern versucht hatte, und wurde von dem Lande an die Spitze der Geschäfte gestellt. Als die Sache der Landschaft aus Mangel an Einigkeit und Vorbereitung unterlag, verließ er den Canton, nie aber die Schweiz, um nicht den Schein auf sich zu laden, als suche er Hülfe im Auslande. An mehren Orten machte die Polizei Jagd auf ihn; aber weder die Vernichtung seiner bürgerlichen Verhältnisse, noch diese traurigen von Basel aus geleiteten politischen Verfolgungen hatten ihn je bestimmen können, nur etwas von seinen Foderungen nachzulassen und seine Überzeugung zu verleugnen. Im Gegentheil protestirte er öffentlich gegen alle von Basel aus gegen ihn und seine Unglücksgefährten erlassenen Urtheile und erwarb sich durch sein tadelloses Benehmen und seine würdige Haltung bald die Achtung der meisten neuen Regierungen und sogar der Feinde seiner politischen Grundsätze. Beim neuen Ausbruche des Bürgerkriegs, ! ^7 Gymnasialwesen 309 am 21. Aug., 1831, begab er sich wieder in den Canton, suchte besonders die Vorsteher von Lieftall zu ermuthigen und von einer Unterwerfung zurückzuhal» Gtte ^ ten. Er berief dann in einer sehr kritischen Lage eine Landesgemeinde, von welcher sogleich wieder eine neue provisorische Negierung ernannt wurde. Auch hier stand Chatte er an der Spitze und wurde nebst drei Andern durch eidgenössische Truppen nach ihreU^ .. Bremgarten in eidgenössische Hast abgeführt. Seit seiner Rückkehr nach fünf- wöchiger Gefangenschaft arbeitete er besonders gegen die Ranke, welche der eidge- nössische Repräsentant Tscharner zu Gunsten Basels anwandte. Nach erfolgter Trennung von Seiten Bafels prasidirte er im Verfassungsrathe der Landschaft und ch - ^ ^ Spitze der Regierung. Im Verfassungsrathe bestritt er beharrlich das ^ ultrademokraUsche Princip, besonders die Landesgemeinden als gesetzgebende Behör- Avitiem Seinen Grundsätzen nach ist er sehr gemäßigt, jedoch ein entschiedener Feind aller Orts- und Familienprivilegien. Jetzt wirkt er hauptsächlich für Hebung des Volksschulwesens. Er zeichnete sich von jeher sowol im schriftlichen als mündlichen . .. "lA Vortrage durch eine bewunderungswürdige Leichtigkeit und Gewandtheit aus ' ^ es ruhte während der ganzen Zeit des Kampfes fast alle Last der Geschäfte WM auf ihm. ^ (29) » M Gymnasialwesen. Die Griechen gaben der gesammtcn Erziehung MmlH heranwachsenden Jugend zwei Theile; sie nannten sie Gymnastik und Musik MchlW (Trankt« und Trttttje/« Jene bezog sich auf die Aus- »chW aij bildung und Übung der Körperkräfte; diese, im weitern Sinne des Worts, um- chiMuim, faßte alles geistige Streben, das im Dienste der Musen stand; gründliche Kennt- li mNii« «iß der Sprache, Dichtkunst, Beredtsamkeit, Philosophie, Mathematik, Geschichte, Ert> - und Naturkunde gehörte in dieses Gebiet. Wenn auch der spatere Gebrauch MHi« die Namen Gymnasium, Lyceum, Akademie, welche früher einzelnen Platzen Athens und den Schulen, die dort ihre Stätte aufgeschlagen hatten, eigen- thümlich waren, auf besondere Classen von Lehranstalten beschrankt hat, so ist DtDii doch der erste Charakter der Erziehung, wie man sie bei gebildeten Völkern verlangt, und der Kreis des Unterrichts, durch welchen diese Bildung der Jugend gewährt MWil wird, derselbe geblieben. Gymnasium nennt man jetzt die Lehranstalt, welche tliD ff den vorbereitenden Unterricht in den ersten Elementen schon voraussetzt und die Mz W schon reifere Jugend durch ihre Ausbildung zu dem Studium der Wissenschaft MsB und zu der Anwendung der Wissenschaft im Leben überführt; es steht über der vckiM Elementarschule und der sogenannten lateinischen Schule, die man besser das jn den^ Progymnasium nennt, und unter der Universität oder Akademie. Als Gelehrten- MA ' schule hat das Gymnasium eine bestimmte Augabe der Erziehung und Bildung; ArDD denn ihm sind die Knaben und Jünglinge anvertraut, welche entweder die Wis- senschaft zu der Beschäftigung ihres ganzen Lebens wählen, oder durch wissen- schafcliche Vorbildung sich zur Führung öffenlicher Ämter, welche diese Bildung voraussetzen, tüchtig machen wollen. So unerscheidet es sich von den Anstalten, welche zur Ausübung eines bürgerlichen Gewerbes, sei es Handwerk oder Handel oder irgend eine Thätigkeit, die nur Fertigkeit und Kenntniß der Sachen, Stoffe, Hülfsmittel verlangt, vorzubereiten bestimmt sind. Durch diese besondere Rich- tung und durch die derselben eigenthümlichen Mittel verschieden, hat es dennoch W" den Zweck rein-menschlicher Ausbildung mit jeder andern Form der Erziehung gemein; Frömmigkeit, Fleiß, Frohsinn sind auch hier die Tugenden, welche in die jungen Gemüther gepflanzt und in ihnen genährt und erhalten werden müssen. ^ ' ^ Die Frömmigkeit ist die Verbindung alles geistigen Strebens mit einer hohem , . Weltordnung, das Gottesbewußtsein, das sich in christlichem Glauben, Liebe und Hoffnung verklärt und jeder andern Thätigkeit und Auszeichnung die wahre ' . Weihe und die ewige Bestimmung gibt; ohne mönchischen Zwang und Formcn- ^ dienst und ohne äußere Frömmelei wird sie durch fortgefetzten Unterricht in der ^^ . 310 Gymnasialwesen Religion, welche Geist und Wahrheit ist, durch Kenntniß der Geschichte und der Fortschritte wie der Jrrthümer der Menschen aller Zeiten dem Verstand und dem Gemüth der Jugend auf gleiche Weise als das Ziel aller geistigen Vollkommenheit und als das Bedürfniß alles geistigen Lebens eingepflanzt. Der Fleiß ! wird nun immer weniger der eignen Wahl nach Laune und Willkür überlasten' I Gewöhnung an bestimmte, regelmäßige Thätigkeit und strenger Gehorsam gegen jede Vorschrift der Sitte und Arbeit ist Denen am nöthigsten, welche einst Anden i führen, belehren, regieren wollen, weil, wer nicht gehorchen gelernt hat, nie befehlen lernt. Der Frohsinn aber kann nur da sein, wo in einem gesunden Korper ein gesunder Geist wohnt. Die neue Zeit und ihre Erziehung verschmäht mönchische Abtödtung des Körpers, und ungeregelte und einseitige Geistesthätig- keit ohne Berücksichtigung oder zum Schaden des Körpers. Rousseau, Basedow, Salzmann, Campe, GutsMuths, und Alle, welche man die philanthropischen Erzieher genennt hat, haben wesentlich dazu beigetragen, daß man der Natur ihre Rechte wiedergab, und nicht nur nöthige Bewegung, sondern auch Übung des Körpers zu Gewandtheit und Kraft gleichfalls zu einem Haupttheil der Gelehrtenerziehung macht. Die Turnkunst überschritt eine Zeitlang durch Veranlassungen, welche in der Zeit und ihren Ereignissen lagen, die richtigen Grenzen, welche ihr Zweck, körperliche Übung der Jugend, bestimmen sollte; durch Überschätzung der physischen Kraft bedrohte sie das höhere Werk der Geistesbildung, und trug Ansichten der bürgerlichen Verhältnisse in die Schulen ein, die da und dort Anmaßung, Rohheit und ungeordnetes Selbstvertrauen erzeugten und die Regierungen, durch manche ungünstige Erscheinung bedenklich gemacht, veranlagen, sie weniger als zuvor zu begünstigen oder sogar zu unterdrücken. Aber das wahrhaft Vernünftige besteht auch bei dem Misbrauche Einzelner; allmälig findet man sich wieder in die rechten Schranken. So ist es gekommen, daß man die ! anfänglich über alles Maß gepriesenen, dann zu rasch verbotenen Turnübungen, wenn auch unter dem einfachen Namen der Leibesübungen, wieder in ihrer wahren Nützlichkeit anerkannt und befördert hat. Die ersten Anstalten des preußischen Staats haben sie zweckmäßig wiederhergestellt; die Schriften von Föhlisch: „Über die Nothwendigkeit der Gymnastik aus dem Standpunkt der Humanitätsbildung" j (Wertheim 1815 und 1817), und von Strauß: „Über die Nothwendigkeit geordneter Leibesübungen für die Gelehrtenschulen" (Erfurt 1829), fanden gerechte Billigung; und das preußische Ministerium würdigte die gymnastische Üdungs- anstalt in Magdeburg einer öffentlichen Belobung. Der Unterricht der Gymnasien hat die wissenschaftliche Ausbildung zum Endzweck, aber ohne einen besondern Stand, des Theologen, des Rechtsgelchr- ten, des Arztes u. dergl. zu berücksichtigen. Es fragt sich daher: welche Mittel geben dem menschlichen Geiste die Tüchtigkeit, die höhern Aufgaben des geistigen Strebens und der geistigen Thätigkeit im künftigen Leben glücklich verfolgen und lösen zu können? Die Geschichte und die Erfahrung so vieler Jahrhunderte führt von selbst zu den ersten Lehrmeistern der Völker, zu den Griechen und Römern zurück, deren Leben freier von dem Zwange und den Schranken kleinlicher Verhältnisse und in willkürlichen Unterschieden der bürgerlichen Gesellschaft weniger i befangen als das unserige war, deren Sprachen sich bei der schönsten menschlichen Organisation und unter den vortheilhaftesten Begünstigungen des Himmelsstriches und der äußern Lage zu logischer Richtigkeit, vielfältiger Gewandtheit und formeller Schönheit ausbildeten, und deren geistvolle Lebendigkeit z i freier Ausübung und kunstgemäßer Regelung jeder Wissenschaft und Kunst den Grund legte. Alle Sprachen, Kenntnisse, Fertigkeiten, Einrichtungen der neuern Völker beruhen auf der großen Erbschaft des Alterthums; sie sind nur nach den besondern Verhältnissen jedes Volkes weiter ausgebildet, zu verschiedenen neu entstandenen Gymnasiale sen 311 Bedürfnissen anders angewendet und mit neu erfundenen Hülfsmktteln erwektelt und vervollkommnet worden. So bleiben mit Recht und auf gut historischem Grunde die Sprachen der Griechen und Römer die Grundlage der Gelehrtenbildung ; und weil sie nur aus den besten Schriftstellern derfclben gründlich erlernt werden können, und diese wiederum die ersten und in Form und Wesen die vorzüglichsten Lehrer aller Wissenschaft und Kunst sind, und alles Lernen sich erst in der Anwendung bewahrt, so ist mit dem Lesen derselben das Studium der Sprache an sich, als die erste Logik, und die Regeln der Dichtkunst und der Beredtfam- keit, sowie die historische Erforschung der Fortschritte des Menschengeschlechts in Entwickelung seiner religiösen Ansichten und Meinungen und in Begründung seiner bürgerlichen Einrichtungen, unzertrennlich verbunden. Es ist also nicht bloß Grammatik in todter Form, sondern die Sprache in ihrer blühenden Lebendigkeit und die Alterthumskunde überhaupt, die wir aus den schönen Vorbildern aller Sprachen lernen, welche das Gymnasium lehren soll. Dadurch erleichtert und begründet es auch die genauere und tiefere Kenntniß der Muttersprache, die dem nun an Nachdenken über Sprache und ihre Gesetze und Schönheiten gewöhnten Geiste nicht mehr als eine leichte Gewohnheit, die man ohne Schaden vernachlässigen könnte, sondern als ein Heiligthum erscheint, an welchem man sich viel weniger als an denen der Vorzeit versündigen darf, und die zu eben der Vollkommenheit, zu derselben Anmuth der Form und des Ausdrucks zu bringen, die man in den Meisterwerken des Alterthums bewunderte, ein vorzüglicher Gegenstand des Strebens für Geist und Gemüth, und für die sich geistig fühlende Jugend eine Aufgabe der erwachenden Vaterlandsliebe wird. Die zweite Bildnerin des jugendlichen Geistes neben der Sprache ist die Mathematik, die Wissenschaft, welche in den beiden Formen alles menschlichen Denkens, dem Raum und der Zeit, folgerecht und mit unabänderlicher Bestimmtheit vorschreitet, und durch das Erlernen und die Übung selbst dem Verstände Festigkeit und Ruhe und dadurch allem geistigen Schassen und Wirken Gesetzmäßigkeit gi'et, sodaß der in beiden, in Sprachen und in Mathematik, Geübte durch diese ebenso sehr vor leichtsinnigem Schwanken und gedankenlosem Herumirren, als durch die Lebendigkeit jener vor steifem Formwefen und geistiger Erstorbenheit bewahrt werden kann. Das Werk tüchtiger Lehrer ist, durch lebendigen Unterricht und geschickte Leitung beide zur Anwendung zu bringen, die Sprache in Rede und Gedicht und in mündlichem Vortrag, die Mathematik zu der Erdkunde, Naturlehre und den praktischen Ausführungen, welche durch die Grenzen des Schulunterrichts und die Hülfsmittel der Anstalt gestattet werden. Vergl. Drobisch's „Philologie und Mathematik als Gegenstande des Gymnasialunterrichts betrachtet, mit besonderer Beziehung auf Sachsens Gelehrtenschulen" (Leipzig 1835), und Richter's „Lehrbuch der Rhetorik für die obern Classen der Gelehrtenschulen" (Leipzig 1832). Was wir bis jetzt über den Umfang und die Grundlage des Gymnasialunterrichts gesagt haben, ist in den Schriften unserer erfahrensten und gelehrtesten Erzieher weiter ausgeführt und begründet worden. Bei dem lebendigen Streben, das vorzüglich Deutschlands Lehrer beseelt, und dem Wetteifer der einzelnen Staaten des in Sprache und Wissenschaft ungetrennten Gefammtvater- landes ist es nicht möglich, alle Stimmen zu nennen, die für die gemeinschaftliche Sache gesprochen haben. Wir führen aus der großen Menge guter Schriften folgende an: Wiß, „Melanchthon, oder Encyklopädie und Methodologie der Gymnasialstudien, mit der nöthigsten Literatur" (Lemgo 1830); Derselbe, „Die höhere Humanitätsbildung in ihren Hauptstufen" (Rinteln 1829); Kirchner, „Über den Organismus des öffentlichen Unterrichts an Gelehrtenschulen" (Stralsund 1821); Hanhart's „Reden und Abhandlungen pädagogischen Inhalts" (Win- terthur 1824); Desselben „Blätter zur Belehrung und Erbauung für Jünglinge 312 Gymnasialwesen edler Erziehung" (Winterthur 1824); Rauchenstein's „Bemerkungen über den Werth der Altcrthumsstudien auf Gymnasien und höhern Schulanftalten" (Aarau 1825); Gerlach's „Verhältniß des Sprachunterrichts zu den übrigen Lehrgegenständen" (Basel 1825); Thierfch, „Über gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Baiern" (Stuttgart 1826 fg.); Friedemann's „Deutsche Schul, reden" (Gießen 1829), und Desselben „Paränesen für studirende Jünglinge aus deutschen Gymnasien und Universitäten" (Braunschweig 1827); Baumgarten« Crusius, „Briefe über Bildung und Kunst in Gelehrtenschulen" (Leipzig 1824); Böhme's „Schule und Zeitgeist, ein Beitrag zur Pädagogik für Gelehrtenschulen" (Neustadt a. d. O. 1824). Einen Schatz von Erfahrungen und Erinnerungen enthalten Harm.nn's „Kleine Schulschriften" (Königsberg 1814), und die„9oi>. süiu sckolusticu" von F. A. Wolf (Wertheim 1829 und 1839). Die Schulprogramme, die besonders in dem preußischen Staat regelmäßig geschrieben und mit Nachrichten über die einzelnen Schulen ausgestattet werden, und unter den Zeitschriften besonders die in Darmstadt erscheinende „Schulzcitung", und die „Jahrbücher für Philologie und Pädagogik", früher von Jahn allein, seit 1831 in Verbindung mit Seebode herausgegeben, tragen vorzüglich dazu bei, Alles, was Gelehrsamkeit, Unterricht, Erziehung, Einrichtung, Ordnung und Ausstattung der Schulen anbetrifft, in kurzer Zeit zu allgemeiner Kenntniß und die Schulmänner unter einander in innigere Verbindung und zu wetteifernder Teilnahme an der wichtigen Angelegenheit zu bringen. Gegen so einstimmige Erklärungen hat sich aber seit einiger Zeit der alte Krieg des Realismus aufs Neue entzündet. Die Klagen desselben gehen dahin, daß mit dem Erlernen der lateinischen Sprache zu früh angefangen, daß mit derselben, und noch mehr, daß mit der sehr Wenigen nöthigen griechischen auch Diejenigen geplagt werden, die dem Gewerbe, Handel und andern Beschäftigungen des bürgerlichen Lebens sich bestimmt haben, daß man überhaupt alles Heil, alle Bildung allein in dem Alterthum suche, und darüber die Kenntnisse, ohne welche Niemand sich im Leben finden und nützlich machen kann, vernachlässige, daß man eine schmähliche Unbekanntschaft mit der Muttersprache dulde und selbst befördere, anstatt ihr besondere Aufmerksamkeit zu widmen, daß man allein das Gedächtniß und den Verstand der Jugend beschäftige und wol gar die christliche Frömmigkeit der heidnischen Verständigkeit und Kunstgewandtheit nachfetze. Diese Vorwürfe, die vielleicht einzelne Lehrer und Anstalten treffen mögen, sind im Ganzen zu wenig begründet, als daß öffentliche Anklagen unserer Gelehrtenschulen gerechtfertigt wären. Ueber Religion und Muttersprache — denn die mochte, seine Kräfte hauptsachlich der vaterlandischen Geschichte zu widmen. Nach langen und umfassenden Vorbereitungen unternahm er 1790 die Geschichte der Regierung Gustav Adolfs, von welcher bis 1796 vier Bände erschienen waren, als er sein Werk liegen ließ, ehe er den glänzendsten Lebensabschnitt des großen Königs erreicht hatte, sei es, daß, wie Einige glauben, ein Wink der damaligen lichtscheuen Regierung ihn dazu bestimmt, oder daß seine Unbeständigkeit ihn verleitet habe, auf halbem Wege stehen zu bleiben. Das Werk fand bei den Zeitgenossen allerdings nur eine kalte Aufnahme, da die gelehrten Forschungen, welche darin niedergelegt waren, die gewissenhafte Quellenbenutzung, die sich auch durch Mittheilung ausführlicher höchst interessanter Auszüge aus den Urkunden des Reichsarchivs bewahrte, dem Zeitgeschmack nicht zusagten. H. trat 1800 mit einem Werke auf, welches das Ergebniß einer ganz andern Richtung seiner Forschungen war: „Historische Bemerkungen über die Apokalypse", worin er den Hauptgedanken auszuführen suchte, daß der Evangelist nach talmudisch-kabbalistischen Ueberlieferungen den Untergang der heidnischen Welt und die Annäherung einer christlich-messianischen Weltherrschaft, deren Mittelpunkt Jerusalem sein werde, dem jüdischen Volke verkündet habe. So viel Widerspruch seine Ansicht erfuhr, so zeigte er doch auch hier seine Gelehrsamkeit und die vertrauteste Bekanntschaft mit den Schriften der Talmudisten. Seine Ernennung zum Secretair der Akademie der Geschichte und der Alterthümer und zum Aufseher des königlichen Münzcabinets veranlaßte ihn, Untersuchungen über kusische und orientalische Münzen herauszugeben, die ihn mit Tychsen, Münter und Frahn in nähere Verbindung brachten. Er verfolgte frühere Forschungen in seiner „Ili-sguisitio de nvlmnibus in linFUÄ sveo-gotbica lucis et visus" (2 Bde., Stockholm 1816), worin er den großen Umfang seiner Kenntniß der morgenlandischen und europäischen Sprachstämme darlegte. Er ging von dem Grundsatze einer allgemeinen Sprachverwandtschaft aus, aber so viele einzelne tressliche Bemerkungen in jenem Werke zerstreut sind, so ist doch die Etymologie oft zu willkürlich und mehr aus einzelne Lautähnlichkeiten als auf eine streng kritische Auffassung desHauptcha- raktcrs jedes Idioms, auf tieferes Eindringen in den innern Bau der Sprache gestützt. H. hat überdies verschiedene, die Alterthümer Schwedens erklärende Abhandlungen herausgegeben und gegen Lagerbring's „Geschichte des schwedischen Reichs" eine scharfe Polemik in zwei Banden (1819 — 22) erhoben. Er ist noch rüstig im hohen Alter und jetzt damit beschäftigt, die Briefe berühmter Männer an ihn zur Vertheilung an Freunde abdrucken zu lassen. (6) Halirsch (Friedrich Ludwig), geboren im März 1802 zu Wien, wo sein Vater, der noch lebende vr. Thomas H., als Advokat prakticirt, auch sonst als juristischer Schriftsteller und Mitredacteur der von ihm und Schuttes gegründeten „Annalen der östreichischen Literatur" bekannt ist. Das Leben eines östrei- chischen Gelehrten ist nicht vieler Abweichung von der durch den Staat gegebenen Norm unterworfen. H.'s Erziehung fand schon im vaterlichen Hause wissenschaftlichen Grund und Boden; er vollendete seine Studien in Wien, trat 1823 in Staatsdienste, und ward als Beamter des Hofkriegsraths nach Hamaker 323 Italien gesandt. Die Geschäfte der östreichischen Kanzleibeamten sind nicht so niederdrückender Art wie anderwärts, um nicht den Beamten Muße zur Erholung, oder, wer sie vorzieht, zu ästhetischen und künstlerischen Beschäftigungen zu gestatten. Auch herrscht dort nicht dasselbe Vorurtheil, wie in norddeutschen Ländern, gegen Beamte, die neben dem Staat auch der Muse dienen. Bei der mehr patriarchalischen Regierung wird grade auch das Menschliche im Staatsdienec berücksichtigt. Jm»Verein mit mehren Jünglingen auf der wiener Universität (1819), die ein gleiches wissenschaftliches Streben zusammenführte, von denen I. G. Seidl, v. Bauernfeld, v. Hermannsthal, Graf Auersperg (Anastasius Grün) sich seither einen Namen gemacht, schritt er zur Herausgabe einer Zeitschrift, von welcher der erste Vierteljahrband unter Zacharias Werner's Mitwirkung, unter dem Titel „Eichenblätter" erschienen ist. Die vollendeten Studien, der Beruf und andere Gesinnungen und Richtungen trennten inzwischen jene Freunde und das Unternehmen hatte ein schnelles Ende. H. trat hierauf mit seiner ersten größern, selbständigen Dichtung „Petrarca" (Leipzig 1823) hervor, die auch außer Ostreich günstig aufgenommen wurde, dann folgte das Trauerspiel „Die Demetrier" (Leipzig 1825) und „Der Morgen auf Capri", dramatisches Gedicht (Leipzig 1829), im wiener Burgtheater und auf vielen deutschen Bühnen aufgeführt. Ein Band „ Novellen" war schon früher (1827) erschienen; an diese reihten sich die gesammelten „Balladen und lyrischen Gedichte" sowie zwei Bände „Dramaturgischer Skizzen" (Leipzig 1829), eine revidirte Sammlung der von ihm für deutsche Zeitschriften gelieferten kritischen Aufsatze. H., im Gefühl der Jsolirtheit, in welcher Ostreich ästhetisch bisher von dem übrigen Deutschland gestanden, setzte sein Bestreben darein, mit den namhaftesten Literaten des Auslandes in Verbindung zu treten, und der fortdauernde schriftliche Verkehr mit denselben erhöhte seine Thätigkeit und sein eifriges Bestreben, einen ernsten Sinn für die Literatur in seinem Vaterlande zu erwecken und zu pflegen. Diese ehren- werthe Gesinnung zeigt sich in seinen kritischen Arbeiten, die eine nicht ungewandte sichere Feder verrathen. Von dem Theater scheint er sich, nach einigem Verdruß, den, unvermeidlich im Verkehr mit der heutigen Bühne, nur ein leichtes Gemüth leicht abschüttelt, abgewandt zu haben. Als Dichter ist er am lebendigsten in seinen Balladen; in seinen „Erinnerungen an den Schneeberg", vierzig Reisebildern, spricht sich der östreichische Patriot auf eine erfreuliche Weise aus. H.'s mehrjähriger Aufenthalt in Italien hatte dem Dichter neue Stoffe, neue Anschauungen, neue Lebenserfahrungen gegeben; aber die Hoffnung, von ihm eine deutsch wahrhaftige Würdigung des noch im italienischen Volke vorhandenen Lebenskeimes zu erhalten , vernichtete sein am 19. März 1832 in Verona unerwartet erfolgter Tod. H.'s Vater hat die Absicht den literarischen Nachlaß seines Sohnes herauszugeben. (9) Hamaker (Heinrich Arens), Professor der orientalischen Literatur zu Leyden, hat sich mit Hülfe der dort befindlichen äußerst schätzbaren Sammlung arabischer Handschriften besonders um die arabische Literatur verdient gemacht. Er begann mit einer Probe seiner Verbesserung des sehr mangelhaften Katalogs jener Handschristen: „Lpeeimou tllutaloFi coüicum manuscrPt. orientalium bidliotliecns 1.uFtIrum - k-rtavue" (Leyden 1820), worin er zugleich die Lebensbeschreibungen der Verfasser der von ihm geschilderten Handschriften mitthrilt, nebst äußerst reichhaltigen Anmerkungen, grammatischen, kritischen und vorzüglich literarhistorischen Inhalts. Diese Methode, umfassende Anmerkungen beizufügen, welche mir Citaten aus Handschriften gefüllt sind, hat er auch in allen seinen spätem Werken beibehalten. Einen Beitrag zur Geschichte der Kreuzzüge lieferte er in seiner Schrift: „luk^ecktlini ^.1 mukriziü nurratio cle ex- peditianibus n 0!ruecis b'rauciscgue a.cr Haardt 183Z). Hammarsköld 3ZI und die junge Frciheitsaat zu zertreten. Mit Recht hat man es beklagt, daß, als manche Erscheinungen den Geist des Festes ankündigten, Manner sich entfernt hielten, die schon lange als rühmliche Kämpfer für gesetzliche Freiheit gesprochen und gewirkt, und der Feier jene würdige Haltung hatten geben können, die spater das Volksfest in den Psingsttagen zu Badenweiler auszeichnete, wo Deutschlands Einheit in cdlerm Sinne verkündet ward — als Gemeinschaft der Erstrebung und Abwehr auf gesetzlichem Wege, als Einheit der Gesinnung und Richtung. Wenige Wochen nachher fuhr jener blendende Blitzstrahl aus der schweren Gewitterwolke, die auf Deutschland lag, und wenn auch der Donnerkeil lange vor dem „Nationalfest der Deutschen" geschmiedet und gegen andere Titanen gerichtet war, so gab doch die stürmische Aufregung, die sich gleich nach der hambacher Philippika in vielen Gegenden des Rheinlandes zeigte, bequeme Gründe, die bundesgesetzlichen Abwehrmaßregeln zu vertheidigen. (Vergl. Siebenpfeiffer und Wirth.) (52) Hammarsköld (Lorenz), geboren am 7. April 1785 zu Tuna, einem Landgute in Smaland, das seinem Vater gehörte, welcher Kammerherr und Ritter war. In seiner Elementarbildung vernachlässigt, ging er, erst 16 Jahre alt, auf die Universität zu Upsala, und wurde, nach Beendigung seiner Studien, als Gehülfe in der königlichen Bibliothek und als Secretair der Buch- druckersocietät zu Stockholm angestellt. Von seiner Besoldung und dem Ertrag seines nicht unbedeutenden Vermögens lebte er mehre Jahre unabhängig und glücklich, biserauf den Einfall gerieth, eine eigne Buchdruckerei anzulegen, die ihn bei seiner Unbekanntschaft mit Geldgeschäften und seiner Unheholfenheit in allen mercantilischen Verhältnissen, in Verlegenheiten verwickelte, aus welchen er sich nur mit Aufopferung eines beträchtlichen Theils seines Vermögens ziehen konnte. Dieser Unfall nöthigte ihn, den schriftstellerischen Erwerb als Lebensunterhalt zu ergreifen, er lernte aber nie die Kunst, sein Talent mit Vortheil zu verkaufen. Seitdem zeigte er eine in Schweden seltene literarische Fruchtbarkeit, die sich auf alle Gebiete des Wissens erstreckte. Anfanglich widmete er sich hauptsächlich der Dichtkunst, der Ästhetik und der Bibliographie, in seinen spätem Iahren aber mehr der Spekulation. Seine erste Leistung war ein 1804 in einer Zeitschrift abgedruckter Aufsatz über die neuesten bedeutenden Dichter Deutschlands, merkwürdig als die erste schwedische Druckschrift, welche die Namen Novalis und Tieck nannte. Ein Band Gedichte, der 1806 und in einer neuen Auflage 1813 erschien, enthielt nur einige kleinere Dichtungen, die sich auszeichneten, und bewies im Ganzen, daß H., so viel Sinn für Poesie er besaß, der schöpferischen Kraft ermangelte. Bedeutender waren seine kritischen Arbeiten, die er theils in den, von ihm herausgegebenen, theils in andern Zeitschriften, theils einzeln drucken ließ. Besondere Erwähnung verdienen seine 1808 erschienene ausführliche Beurthei- lung der Werke Schiller's und seine scharfe Kritik des schwedischen Dichters Leopold, der 1810, wo sie gedruckt wurde, noch aufder Höhe seines Ruhmes stand und nur an bewundernde Huldigungen gewöhnt war. H. beurtheilte ihn mit einer nur zu sichtbaren Leidenschaftlichkeit, ohne auf die Bildungszeit des Dichters die geringste Rücksicht zu nehmen, und ergoß sich in den bittersten Tadel. An der schwedischen Literaturzeitung, die 1812 begann und, wöchentlich in einem Bogen erscheinend, 15 Jahre dauerte, nahm er so thätigen Antheil, daß beinahe der vierte Theil des Ganzen seine Arbeit war, während er in derselben Zeit noch viele andere Beweise seiner schriftstellerischen Fruch'barkcit gab. Er beurtheilte fast Alles, was ihm vorgelegt wurde, und selbst in Fächern, die ihm fremd waren, trat er mit einer Gewandtheit auf, die oft selbst Kenner täuschte. Er hatte sich einen außerordentlichen Vorrath von Kenntnissen erworben; er kannte fast in jedem Fache die geringsten Einzelnheiten, überhaupt Vieles was Wenige wissen, aber 332 Hand was jeder Schüler weiß wußte er oft nicht, so mangelhaft Mr seine erste Bildung gewesen. Er, der den dunkeln Plotin in das Schwedische übersetzte, den Virgil erläuterte, verirrte sich oft in den leichtesten Stellen eines lateinischen Schriftstellers, und schrieb das Lateinische ebenso schlecht, als er in seiner Muttersprache sich holperig und nachlassig ausdrückte. Je mehr er sich auf sein außerordentliches Gr- dächtniß verließ, oft ohne ein Buch anzusehen oder seine Erinnerungen zu prüfen desto leichter ward er ungenau in der Angabe von Thatsachen. Bei seinem Streben, eine ganzliche Parteilosi'gkeit zu zeigen, beurtheilte er selbst seine Freunde nicht nur strenge, sondern zuweilen bitter, und beobachtete überhaupt in seinen Ur- theilen, mochte er loben oder tadeln, weder Maß noch Schicklichkeit. Trotz seiner polemischen Bitterkeit und Leidenschaftlichkeit, war er im Leben milde, bescheiden fern von Dünkel und Selbstsucht, ein trefflicher Hausvater, ein dienstfertig^ treuer Freund. Von seinen zahlreichen Schriften, welche die Gebiete der Poesie, Kritik, Geschichte, Philosophie, Literaturgeschichte, Bibliographie und Pädagogik berühren, nennen wir als die vorzüglichsten: „Historisch-kritische Bemerkungen über die schöne Literatur Schwedens " (2 Bde., Stockholm 1818 —19), vielleicht seine beste Leistung; „Entwurf einer Geschichte der bildenden Künste" (Stockholm 1817); „Briefe über das philosophische System Plotin's" (Stockholm 1814); „Geschichte der Fortschritte und der Entwickelung des philosophischen Studiums in Schweden" (Stockholm 1821); „Gcundzüge der Geschichte der Philosophie" (4 Bde., Stockholm 1825 — 27), sein letztes Werk. All diese Schriften haben die'Vorzüge und Gebrechen seiner literarischen Leistungen; sie sind großartig angelegten Gebäuden zu vergleichen, die im Innern mit seltenen Kostbarkeiten ausgestattet sind, aber auf einem unsichern, eilig gelegten Grunde ruhen. Während seiner zwanzigjährigen Schriftstellerlaufbahn hat er vier Zeitschriften, allein oder in Verbindung mit Andern, herausgegeben und zu 18 — 20 andern Beiträge geliefert. Erwähnung verdient auch seine Übersicht der schwedischen Literatur im „Hermes", Nr. 17 und 2V. Ein bedeutendes Verdienst erwarb er sich durch die Herausgabe hinterlassener Schriften berühmter Manner, z. B. die neue vollständige Ausgabe der Werke Stjernhjelm's, des Patriarchen der schwedischen Dichtkunst (1818), und der Dichtungen des tresslichen Stagnelius (3 Bde., Stockholm 1824 — 26), die H. mit großem Fleiße sammelte. Er starb am 15. Ott. 1827. (6) Hand (Ferdinand Gotthold), Professor der griechischen Literatur in Jena, geboren den 15. Febr. 1786 zu Plauen im Voigtlande, wo sein Vater Superintendent und Pastor war. Den ersten Unterricht erhielt er durch Hauslehrer, und besuchte, nachdem sein Vater nach Sorau als Superintendent und Consistorial- assessor versetzt worden war, das dortige Lyceum. Bei seinem Abgange von der Schule schrieb und vertheidigte er eine Dissertation „De mntre ma^na lleorum". Er bezog 1803 die Universität zu Leipzig und widmete sich den philologischen Studien unter Hermann's Leitung. Eine anhaltende Krankheit seines Vaters rief ihn ab, und er verweilte anderthalb Jahre in der Hcimath zur Pflege des Kranken. Bei einer von der oberlausitzer gelehrten Gesellschaft über den psychologischen Schatz in den Werken des Tacitus aufgestellten Preisaufgabe erhielt er 1805 den ausgesetzten Preis, zwei Jahre später auch den Preis für eine Abhandlung über die psychologische Kunst des Plautus. Zurückgekehrt nach Leipzig, übernahm er die Herausgabe von Carus' „Nachgelassenen Schriften" (5 Bde., Leipzig 1808^10) und habilitirte sich als akademischer Docent durch die Dissertation: „Dllservatwnes in OntuIIum" (Leipzig 1809). Unter zwei von Danzig und von Weimar an ihn gelangten Rufen wählte er den letztern, und ging an Passow's Stelle als Profep sor an das Gymnasium zu Weimar Michaelis 1810 ab. In diesem Amte hatte er sieben Jahre gearbeitet, als ihm die Dircctorstelle des Gymnasiums zu Handelsschulen 333 Schwerin angetragen wurde. Der Großherzog von Weimar aber gab ihm 1817 eine außerordentliche Professur in Jena und die Aussicht über die damals dort stu- direnden Griechen In demselben Jahre ward ihm eine ordentliche Professur mit Sitz und Stimme im Senat ertheilt und die Mitdirection am philologischen Se- minarium übertragen. Wie in Weimar, so war in Jena der Lehrerberuf ihm daS Wichtigste, daher er, außer einem thätigen Antheil an den Literaturzeitungen zu Halle, Jena und Leipzig, nur Gronov's „Diatride in Lwtium" (2 Bde., Leipzig 1812) und den ersten Theil einer Ausgabe des Statius (Leipzig 1817) zum Druck beförderte. Er übernahm 1818 den Unterricht der Prinzessinnen Maria und Au- gusta von Weimar und führte denselben bis zu deren Verheirathung fort. Er begleitete sie auf einer Reise nach Petersburg, wo er ein Jahr verweilte. Die dort gesammelten Beobachtungen über Kunstschätze und Anstalten legte er in seinem Buche „Kunst und Alterthum in Petersburg" (Weimar 1827) nieder. Außer kleinern Aussätzen, z. B. „Uber Charakterdarstellung" in der „Urania" für 1817, nennen wir noch von seinen übrigen Schriften zwei Abhandlungen „De Partien- Iis Araecis", und ,/lurseIIinus seu de partieulis latinis commentarü" (Leipzig 1829 — 32). Vorbereitet hat er Ausgaben des Catullus und Statius. Handelsschulen. Bei den erhöhten Anfoderungen, welche unsere Zeit an alle Stande der bürgerlichen Gesellschaft um so dringender macht, je veränderter und bedrängter die Verhältnisse sich gestaltet haben, und je schwerer es jetzt in jedem Stande ist, ohne gründliche Ausbildung in seinem Fache und im Verstehen Dessen, worauf es besonders ankommt, sein Glück zu machen, oder auch nur seine Stelle befriedigend auszufüllen, war es Bedürfniß, daß Institute mannichfaltiger Art zum leichtern und schnellern Fortschreiten in Wissenschaft und Kunst sich bildeten, da man mit Recht nur dadurch diesen Anfoderungen und sich selbst zu genügen glaubte. War aber auch in dieser Hinsicht in allen cultivirten Staaten in den letzten Jahrzehnten viel geschehen, boten verbesserte Schulen und Anstalten verschiedener Art vielen Classen der heranwachsenden Staatsbürger Gelegenheit, sich für ihren künftigen Beruf ebenso wissenschaftlich als praktisch auszubilden, so mußte man doch fast überall noch Anstalten vermissen, in welchen Jünglinge, die sich dem Handelsstande oder einem ihm verwandten höhern bürgerlichen Gewerbe widmen, einen der vorgeschrittenen Zeit und denveränderten Verhaltnissen angemessenen, zu höherer Intelligenz als bisher führenden Unterricht empfingen. Daß weder Bürger- und Gelehrtenschulen diesem Mangel abhelfen können, noch der alte Gewohnheitsgang, eine bloß praktische Lehre, in keinem Zweige des Handels mehr ausreicht, und den angehenden Kaufmann bei den Schwierigkeiten, die jetzt überhäufte Concurrenz und viele andere Bedrängnisse kaufmännischer Unternehmungen in den Weg legen, für sein Fach zu befähigen und ihm eine sichere Stütze bei seinem Thun zu verleihen im Stande ist, lehrt die Erfahrung täglich mehr. Wer wollte in Abrede stellen, daß gerade der Han- dclsstand für die Wohlfahrt eines Staats von hoher Wichtigkeit ist, indem er bei seinen vielfachen Verzweigungen so wohlthätig auf Landwirthschaft, Gewerbfleiß, Fabrik-und Manufacturwesen, Erfindungen, auf innern und äußern Verkehr, also auf die Masse des circulirenden Geldes einen besonders wohlthätigen Einfluß äußert, und daher mit Recht in der neucrn Zeit die Aufmerksamkeit umsichtiger Regierungen auf sich zog. Es war daher wol ein schöner und glücklicher Gedanke, Handelsschulen zu errichten, um dem längst gefühlten dringenden Bedürfnisse unserer Zeit abzuhelfen, und dem jungen Kaufmanne in einem mehr oder minder reichen Schatz von Kenntnissen ein Capital zu geben, das, weniger als Geld dem Verlust ausgesetzt, auch dem Unbemittelten reiche Zinsen für das ganze Leben darzubieten vermöchte. Die erste umfassende Anstalt dieser Art in Deutschland sah Hamburg in seiner 334 Handelsschulen Handelsakademie 1767 schon in seinen Mauern entstehen und zur vorzüglichste ihrer Art in Europa gedeihen. Der rühmlichst bekannte Professor der Mathematik Johann Georg Büsch erwarb sich das Verdienst ihrer Stiftung, das Hamburg durch ein öffentliches Denkmal ehrte. Er wirkte unermüdet und mit Glück durch Wort und Schrift als Director für die Heraufbildung derselben bis zu seinem Tode 1806, und zeigte, was Handelsschulen leisten können, wenn sie zweckmäßig eingerichtet sind; denn es bildeten sich unter ihm Kaufleute, die heute noch dem Handelsstande Hamburgs Ehre machen. Nach dem Muster der Hamburger Handelsakademie wurde eine andere zu Lübeck gegründet, welche mit dem theoretische Unterricht zugleich und hauptsachlich auch die praktische Ausbildung junger Leute in einem singirten Handelscomptoir mit ausgebreitetem Geschäftsgänge verbindet Ebenso bestehen noch zu Bremen, Magdeburg, Nürnberg, Erfurt und Gotha ähnliche Anstalten, welche den gleichen Zweck zu fördern sich zur Aufgabe machten. Auch Frankreich folgte dem Beispiele Deutschlands, und stiftete 1820 eine öffentliche Special-, Handels-und Industrieschule (Lcale speciale de commerce et tl'iackustrie) zu Paris, die, nach einem umfassenden Plane eingerichtet, und unter der Aufsicht und dem Schutze von Mannern, die entweder in der gelehrten oder in der Handelswelt einen ausgebreiteten Ruf erworben haben, gleich bei ihrem Entstehen die Aufmerksamkeit auf sich zog, und jetzt vor allen andern Instituten dieser Art mit Auszeichnung genannt zu werden verdient. Was Frankreich in seiner Lcole cle commerce besitzt, das erhielt endlich Deutschland in der neuesten Zeit durch seine 1831 ins Dasein gerufene und nach einem das ganze Gebiet des kaufmannischen Wissens umschließenden Plane gestaltete öffentliche Handelslehranstalt zu Leipzig, die, von der dasi'gen Kramerinnung begründet, als ein dem Bedürfniß der Zeit ganz entsprechendes und wahrhaft weltbürgerliches Institut in ihrer innern Einrichtung ihre festeste Stütze findet. Sie sucht nach den ihr zum Grunde gelegten Statuten den doppelten Zweck zu erreichen: 1) allen HandlungS- lehrlingen Gelegenheit zu geben, die nothwendigste wissenschaftliche Ausbildung zu erwerben, die dem Kaufmanne nöthig ist (niederer Curs), und 2) Jünglingen, die sich spater erst dem Kausmannsstande, dem Fabrikwesen oder einem andern verwandten höhern Gewerbe des bürgerlichen Lebens widmen wollen, theoretisch und praktisch zugleich die nöthige Vorbildung in den dazu erfoderlichm Wissenschaften, Kenntnissen und Künsten zu geben (höherer Eurs). Beide Hauptabtheilungen , von welchen die erste aus einen vierjährigen, die zweite auf einen dreijährigen Cursus berechnet ist, zerfallen in verschiedene Classen, ohne daß jedoch dadurch allzu enge Schranken gezogen würden, da Jünglinge, die in einem Fache höhere Kenntnisse mitbringen, oder schnellere Fortschritte machen als in andern, für dieses Fach in verschiedenen Abtheilungen einer höhern Classe sitzen können, und nur die Leistungen in mehren Fächern über die allgemeine Rangordnung entscheiden. Die erste Hauptabtheilung zerfallt in zwei Unterabtheilungen, deren jede vier Classen hat: a) in die mit wöchentlich 8 Lectionen, für Kalligraphie, deutsche und französische Sprache, kaufmännische Arithmetik, die Elemente der Eomptoirwissenschaft, Handelsgeographie und Waarenkunde; 2) in die mit wöchentlich 16 Lectionen, wo zu dem Obigen noch englische Sprache, höhere Eomptoirwissenschaft, die Elemente der Algebra und Geometrie, Geschichte und Gewerbskunde kommen. In der zweiten Hauptabtheilung, bestehend aus drei Classen, mit wöchentlich 30 Lectionen, verbreitet sich der Unterricht äußerten genannten noch über folgende Lehrgegenstände: Zeichnen, italienische Sprache, praktische Sprachübungen und Theorie des Styls, freien Vortrag in deutscher und französischer Sprache, Geschichte des Handels und des Gewerbwcsens, Mathe- matik, Encyklopadie der Naturwissenschaften, Physik und Chemie, angewendet auf Gewerbe und Gewerbkunde, Handelswissenschaft mit Inbegriff des prakci- Handelsschulen 335 S schen Theils derselben, als: die gesammte kaufmännische Arithmetik, die Comp- toirwissenschaft, nämlich: kaufmännische Aufsätze, Briefwechsel, Buchhaltung auf Handels - und Jndustriegeschäfte und Verwaltung angewendet, Handelsund Waarenlehre, Waarenkunde nach vorgelegten Producten, Technologie, Geld-, Maß-und Gewichtkunde, Handelsrecht, insbesondere Wechselrecht, und die Elemente der Staatsökonomie. Haben die Zöglinge alle Theile der Comptoir- wissenschaft einzeln aufgefaßt, so werden Comptoire, unter Anleitung des Directus, gebildet, damit die Zöglinge sich in den praktischen Arbeiten im Zusammenhange ausbilden, und die Führung sowie den Gang eines Geschäfts kennen lernen. Tritt, nach vollendetem Cursus, ein Zögling dieser Abtheilung bei einer Handlung in Leipzig oder in einer andern sächsischen Stadt in die Lehre, so werden ihm, vorausgesetzt, daß er mit einem ehrenvollen Zeugnisse aus der Anstalt entlassen ward, die auf derselben zugebrachten drei Jahre als zwei wirkliche Lehrjahre angerechnet. Die Oberaufsicht zur Handhabung der Statuten und des Regulativs führt eine Verwaltungscommission, welche aus patriotisch gesinnten Männern des Handelsstandes besteht, und jährlich Bericht über den Fortgang des Instituts zu erstatten hat. Die Leitung des Ganzen und der Studien ist dem Director A. Schiebe übertragen, einem Manne, der bereits früher bei einer von ihm in Strasburg begründeten kaufmännischen Bildungsanstalt, sowie als Schriftsteller durch Werke im kaufmännischen Fache, seinen ausgezeichneten Beruf für diesen Posten an den Tag gelegt hat. Zur Aufnahme in jede Abtheilung ist erfoderlich, daß der Zögling das vierzehnte Jahr zurückgelegt und durch einen guten Schulunterricht hinlänglich vorbereitet ist. Übrigens werden Jünglinge aller Nationen, und bei der Voraussetzung, daß jeder in seiner Religion bereits unterrichtet ist, ohne Unterschied der Religionen aufgenommen. Theils zu Handhabung der Disciplin, theils zu Berathungen über das Interesse der Anstalt sind bestimmte Lehrersynoden veranstaltet, welche vom Director geleitet und in welchen geringere Vergehen der Schüler durch Verweise in mehrfacher Abstufung bis zur Androhung der Ausschließung geahndet werden; auf gröbere Vergehen erfolgt die wirkliche Ausschließung vor dem Vorstande und dem Lehrerverein. Zur Beförderung des Fleißes dienen jährliche Prüfungen, Censuren, Abgangszeugnisse, Ernennungen zu Classeninspectoren u. s. w., und über das sittliche Verhalten, häuslichen Fleiß und Ordnung der fremden Zöglinge wachen die Lehrer, von welchen jeder eine bestimmte Anzahl derselben unter specielle Aufsicht genommen hat. Über die Pensionnaire der Lehrer führt der Director selbst die Aufsicht. So hat die Anstalt in dem trefflich entworfenen und folgerecht ausgeführten Regulativ die festeste Grundlage ihres innern Wohlseins und ihres Bestehens. Da nichts gespart wurde, um das Gedeihen und die Dauer derselben sicher zu stellen und vollständigen Unterricht ertheilen zu lassen, so ist auch die äußere Einrichtung nicht minder zweckmäßig als die innere. Ein in der gesundesten und angenehmsten Lage der Stadt erkauftes und geschmackvoll eingerichtetes Grundstück mit 14 hellen und geräumigen Lehrsälen und einem zur Erholung der Zöglinge bestimmten Garten, gewährt einen überaus freundlichen Aufenthalt. Eine reiche Bibliothek, eine Sammlung von Berg-und Hüttenproducten, ein Herbarium und eine allgemeine Waaren-Mustersammlung, ein immer anwachsendes Cabinet aller im Handel vorkommenden Münzen in guten Abdrücken und Abgüssen, sowie der Mitgebrauch des chemischen und physikalischen Apparats der leipziger Universität geben Lehrern und Lernenden die schönste Gelegenheit ihre Kenntnisse zu erweitern. Da übrigens diese großartige Anstalt durch einen vorhandenen ansehnlichen Fonds der leipziger Kramerinnung sicher begründet, und ohne auf pecuniairen Gewinn berechnet zu sein, mit einem sehr bedeutenden Kostenaufwand glänzend ausgestattet ist; da Leipzig, in dem kunst- und industriereichen Sachsen, vor vielen andern 336 Hänel Hanka » .. ! Handelsstädten Deutschlands in so vielfacher Beziehung dem Gedeihen eines Instituts dieser Art so große Vortheile gewährt: so mußte das Unternehmen zu d« ' Hoffnung eines guten Gedeihens berechtigen, die denn auch bald durch eine ledhafte Theilnahme aus der Nahe und Ferne zur schönen Wirklichkeit wurde, indem schon beim ersten Stiftungsfeste, 1832, die Anstalt 140 Zöglinge, und untn diesen viele Ausländer,'zählte. Hänel (Gustav Friedrich) wurde den 5. Oct. 1793 zu Leipzig geboren, Der erste Unterricht wurde ihm im Hause seines Vaters, eines allgemein geachteten Mannes, des Kaufmanns und Rathsherrn Hänel, durch Hauslehrer «- theilt, worauf er auf der Klosterschule zu Roßleben, besonders unter des Rectors Wilhelm Leitung, den Grund der gelehrten Bildung legte. Er bezog i810 die Universität Leipzig und besuchte dann noch Göttingen. Seine erste Schrift „De testamento militari", welche er unter dem Vorsitz des Oberhofgerichtsraches Müller vertheidigte, erschien 1815; durch den zweiten Theil derselben erwarb er sich im folgenden Jahre die juristische Doctorwürde. Haubold, unter dessen große Verdienste es besonders mit zu rechnen ist, daß er so leicht erkannte, wer zur akademischen rein wissenschaftlichen Laufbahn berufen sei, wirkte besonders auf ihn ein, und nachdem H. mehre Jahre Vorlesungen an der Universität gehalten und zum außerordentlichen Professor ernannt worden war, mit auf Haubold's Veranlassung, unternahm er eine siebenjährige wissenschaftliche Reise durch Europa. Italien, die Schweiz, Frankreich, Spanien, Portugal, England, die Niederlande und Deutschland bereiste er auf diese Weise, und war auch die Jurisprudenz, und besonders das antejustinianeische Recht der Hauptgegenstand seiner Forschungen auf den Bibliotheken, so widmete er doch auch andern Wissenschaften, und besonders den Handschriften überhaupt, seine Aufmerksamkeit, wie sein wichtiges Werk: „Natale,Fi librorum Älss,, gm in dikliotkecis 0lalliae, Ilelvetiae, Hispamae, I^usitauiae, Lelgii, Dritiin- inae U. asservantur" (Leipzig 1829, 4.), durch welches er um jede fernere Untersuchung dieser Art sich große Verdienste erwarb, beweist. Vorläufige Notizen über seine wichtigen juristischen Sammlungen, Ergebnisse dieser Reife, befinden sich an mehren Orten der französischen Zeitschrift „Illemis" und in Haubold's „Apparat, liten.". Band 2, sowie andere in den Institutionen, die Schräder herausgibt, aufgenommen werden. Den hauptsachlichsten Ergebnissen dieser Reisen, der Herausgabe des „Lreviarium ^laricianmn", der vorjustinianei- schen Codices und Novellen nebst dem Paulus und Julian, mit Benutzung aller bekannten Handschriften, sowie der „ Dissensiones Vominurum " können wir im Laufe der nächsten Jahre entgegensehen, da H. diesen Ausgaben schon dedeutend vorgearbeitet hat, und darin gewiß eine große Bereicherung der Wissenschaft erwarten. (34) Hanka (Wenzel), böhmischer Sprach- und Alterthumsforscher, und Bibliothekar des vaterländischen Museums in Prag, wurde am 10. Jun. 1791 zuHorc- nowes in Böhmen geboren. Eines Landmanns Sohn, trat er erst im sechzehnten Jahre seines Alters in die lateinische Schule und hörte dann die Philosophiestn Prag, die Rechte in Wien. Durch seine Liebe zu den slawischen Sprachstudien, und durch Eifer in Aufsuchung der Denkmäler altböhmischer Literatur, zog er bald Dobrowsky's Aufmerksamkeit aus sich; seinen Ruf begründete jedoch der von ihrn am 16. Sept. 1817 im Kirchthurme der Stadt Königinhof (Xrälovvö 1)wur) >n Böhmen gemachte Fund der berühmten königinhofer Handschrift, einer Samm lung epischer und lyrischer Gesänge aus dem 13. Jahrhunderte in böhmisch^ Sprache, die an poetischem Gehalt, an Kraft und Anmuth der Sprache, an ^n- nigkeit und Zartheit des Gefühls keinem poetischen Erzeugnisse der Vorzeit Mi- chen, in der altslawischen Literatur aber einzig dastehen. Er gab sie, zugleich m> Hanke Hanover 337 Professor Swoboda's deutscher Übersetzung, zuerst 1818, dann 1829 (bei Calve in Prag) heraus. Außerdem beförderte er seit 1817 eine große Zahl der ältesten Denkmaler böhmischer Sprache und Literatur, bisher in 10 Banden, zum Drucke, und übersetzte mehre historische und philologische Werke ins Böhmische. Von seinen Originalwerken ist nur eine Sammlung von Liedern (dritte Auflage, Prag 1831) bekannt geworden. Bei dem böhmischen Nationalmuseum wurde er gleich nach dessen Gründung als Bibliothekar angestellt, welche Stelle er noch bekleidet. Kaiser Nikolaus belohnte seine Verdienste um die altslawische Literatur mit der Verleihung des Wladimirordens. (32) Hanke (Henriette Wilhelmine) ward am 24. Inn. 1785 zu Jauer geboren, wo ihr Vater, Johann Jakob Arndt, als Kaufmann lebte. Im einfachen Familienkreise sorgfaltig erzogen, zeigte sie viel Lernbegier und entwickelte früh ein Erzählungstalent, das zur Unterhaltung ihrer jungen Gespielinnen oft in Anspruch genommen wurde. Die Vereitelung einer glücklichen Hoffnung legte ihrem jugendlichen Herzen schmerzliche Prüfungen auf und trübte ihren fröhlichen Sinn. Sie hatte schon lange in stiller Ergebenheit Ruhe gefunden, als 1814 der Pfarrer Hanke zu Dyherrnfurth an der Oder, ein vielseitig gebildeter Mann, ihre Hand begehrte, um seinen verwaisten Kindern eine sorgsame Mutter zu geben. Sie erfüllte die Pflichten, die sie erst nach einem schweren Kampfe übernahm, mit gewissenhafter Treue, und geliebt und geachtet, fand sie ihr Glück in dem häuslichen und gesellschaftlichen Kreise, in welchen sie trat. Die Schwägerin ihres Gatten, Charlotte Haselich, als Schriftstellerin bekannt, die oft in dem anmuthigen Dorfe verweilte und die Arbeiten ihr vorlas, welche in der Stille des Landlebens gereift waren, weckte zuerst in ihr die schlummernde Neigung, ähnliche Versuche zu wagen. Sie widmete die wenigen Mußestunden, welche die Sorge für ihr Hauswesen ihr übrig ließ, ihrer ersten schriftstellerischen Arbeit, mit welcher sie ihren Gatten an seinem Geburtstage überraschen wollte. Eine schwere Krankheit unterbrach sie, ehe sie ihre Erzählung vollendet hatte, und kaum war sie genesen, als ihr Gatte im März 1819 ihr durch den Tod entrissen wurde. Sie kehrte in demselben Jahre zu ihrer Mutter nach Jauer zurück, und nachdem ihr Gemüth ruhiger geworden war, fand sie eine wohlthätige Zerstreuung in der Vollendung ihres Romans, der unter dem Titel: „Die Pflegetöchter" (Liegnitz 1821), anonym erschien. Der Beifall, den ihr Erstling fand, ermunterte sie und bald folgten mehre Erzählungen, bis sie mit einem größern Roman „Claudia" (3 Bde., Liegnitz 1825) unter ihrem Namen auftrat. Von ihren spätem Schriften erwähnen wir besonders: „Der letzte Wille" (Liegnitz 1830); „Vergeltungen" (2 Thle., Berlin 1830); „Die Schwiegermutter" (2 Bde., Hanover 1830); „Die Schwester" (2 Bde., Hanover 1831). Die Darstellung des Familienlebens zur Lehre und Warnung für die Jüngern ihres Geschlechts gelingt dieser Schriftstellerin mit entschiedenem Glück, und durch einfache Erfindung, treffende Charakteristik, besonders weiblicher Gestalten, und frommen Sinn zeichnet sie sich vor vielen 'Andern rühmlich aus. Hanover. Nicht leicht hat irgend ein anderes Land so wenig als Hanover von dem Experimentiren der Legislation und Theorie gelitten, es kann das Land des Herkommens genannt werden. Ein daraus gezogener Schluß auf einen lockern Zusammenhang der einzelnen nach und nach in den hanöverischen ^taatsverband gekommenen Provinzen, auf ein recht lebendiges Volksleben, auf recht freisinnige Institutionen in diesem Staate, würde indeß sehr irrig sein. In den einzelnen Theilen hatten sich zwar Provinziallandstände erhalten, bestehend aus den Deputirten der Ritterschaft, der Städte und der geistlichen Stifter; diese Landstände bildeten aber längst nicht mehr die Repräsentanten des Volks, sondern einer, zwar ehrenwerthen, aber nichtsdestoweniger nachtheiligen Aristokratie, welche nur zu Gunsten ihrer eignen Feudal- und Bannalrechte die sürst- Eonv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur II. 338 Hanover liche Regierungsgewalt beschränkte, und bei dem, aus der Bemühung zur Auf- rechtcrhciltung ihrer erworbenen oder durch die bestehende Ordnung gesicherten Rechte hervorgehenden Grundsatze der Stabilität für das nationale Interesse, be- I sonders für die Entwicklung der nationalen Kräfte und die Erhöhung der poli- ^ tischen Cultur, weit nachteiliger wirkte, als wenn der Fürst vollkommen uneingeschränkt gewesen wäre. Es würde jedoch dieser Aristokratie nicht gelungen sein, das Princip unverrückter Stabilität, während andere Nachbarstaaten unter dem Scepter weiser und kräftiger Herrscher in politischer Ausbildung unaufhaltsam > voraneilten, zu behaupten, wenn nichteine besondere Eigenthümlichkeit der ha- növerischen Verfassung in dieser Beziehung die kräftigste Hülfe geleistet hatte. Die gesammte untere Verwaltung nämlich, verbunden mit der ganzen vollziehenden Gewalt, war auf dem platten Lande, wie in vielen kleinen Städten, in die Hände der Domanial-Patrimonialgerichte, Ämter oder Amtsvogteien genannt, gelegt. Diese Behörden aber hatten einen doppelten Charakter, sie waren wirkliche administrative Staatsbehörden, und zugleich auch wieder wirkliche Kameralbehörden, indem sie unter der Aufsicht der Kammer, einem Collegium von ebenso zusammengesetzten Dienstgeschäften und ebenso zweifelhaftem Charakter, das ganze Kameralrentwesen und fast die gesammten gutsherrlichen Rechte des Fiscus zu verwalten hatten. Namentlich dieser letzte Umstand erstreckte die amtliche Wirksamkeit dieser Unterbehörden fast über jede Privatthätigkeit des, im Hanöveri- schen beinahe ausschließend dem Meierzwange unterworfenen, Landmanns; denn wenn auch, wiewol ausnahmsweise, die einzelnen Landleute von Privatgutsherr- schaften abhängig waren, so wurde doch fast über alle wichtigern Angelegenheiten des Meiers, nach der eingeführten Verfahrungsweise, gewöhnlich den Vorschlägen der Ämter gemäß entschieden. Mehre Umstände kamen hinzu, durch welche die Thätigkeit dieser Unterbehörden doppelt nachtheilig wurde. Dahin gehört vor Allem eine gewisse hohe Milde der Kammer, welche, ganz dem Wohl- thätigkeitssinne der nach England hinübergegangenen hanöverischen Regentenfamilie folgend, völlig das milde, aber nichtsdestoweniger gefährliche System der Hierarchie angenommen hatte, nämlich mehr mit einem anerkannten Rechte sich zu begnügen, als dasselbe mit finanzieller Schärfe zu nutzen. Eben diese Milde in der Ausübung nutzbarer Rechte, verbunden mit den nur zu hülfreichen Bemühungen der durch ihren Diensteid zur besondern Wahrung der siscalischen Interessen verpflichteten Beamten, war die Ursache, daß sehr viele wohlerworbene Privatrechte, ohne erheblichen Widerstand der Betheiligten, allmalig in das Eigenthum des Fiscus übergegangen und an;ede Quelle des Nationalerwerbs fisca- lische Saugröhren gelegt waren, welche nur durch ein kräftiges Gebot in Bewegung gesetzt zu werden brauchten, um in kurzer Zeit das ganze Land in finanzieller Rücksicht völlig zu entnerven. Ein anderer, ebenso nachtheiliger Umstand war, daß die Beamten dieser Unterbehörden, durch ein ungemein hohes Diensteinkommen und überhaupt durch eine wahrhaft glanzende äußere Lage, sonne durch die umfassende, über jede Privatthätigkeit sich erstreckende, namentlich auf das gefährliche geheime Berichtswesen gestützte, in ihre Hände gelegte Macht, ein mit ihrer eigentlichen Stellung in gar keinem Verhältnisse stehendes Ansehen und Gewicht im Staate erlangt hatten. Es war nicht nur das Princip der Plus- macherei und Regiersucht eine natürliche Folge dieser innern Ausammensetzung und äußern Ausstattung, sondern gerade sie gewährte auch das Mittel, diese Dienstaristo- kratie mit der Feudalaristokratie zu verknüpfen, indem diese die durch Gehalt und Ansehen gleich ausgezeichnete Beamtenlaufbahn um so passender für sich silbs fand, je häufiger ihre Besitzungen mit Schulden belastet, und je entschiedener bei der Beförderung die verfassungsmäßigen Vorzüge waren, welche das Herkommen hier dem Adel gesichert hatte. Hanover 339 Mm- Bei einem solchen Bündniß der Regiersucht und der Plusmacherei, welche den Einzelnen blos als Mittel zur Erhaltung des Ganzen betrachtete, mithin die ganze Tendenz des Staats umkehrte, mit dem natürlichen Einflüsse der Geburt und des äußern Glanzes, und dem hohen Gewichte der ganzen vollziehenden Gewalt, mußte natürlich jede Opposition, welche der Drang nach Fortbildung und Freiheit im Volke etwa hatte erzeugen können, gänzlich verstummen. Obgleich die höchste Rechtlichkeit und das Billigkeitsgefühl der untern Beamten, verbunden mit den väterlichen Gesinnungen, die man der Regierung im Ganzen mit Recht nachrühmte, so wenig einen hohen finanziellen Druck, als Härte und Ungerechtigkeit gegen Einzelne*) zuließ, so lag dennoch die, alle Privatthätigkeit gängelnde und leitende Regiersucht der Beamten einem Alp gleich auf dem Lande, sodaß an ein kräftiges Volksleben, an eine entscheidende öffentliche Meinung gar nicht zu denken war. Diese hätte nur in den Städten ihren Atthaltpunkt finden können; hier aber repräsentirten die städtischen Behörden, auf deren Thä- tigkeit das verführerische Beispiel der Dienstaristokratie eingewirkt hatte, und wenn etwa die Stimme der Bürgerschaft durchdrang, so geschah dies, ziemlich egoistisch, nur zum Schutz der erworbenen Bannalrechte. Wie war es nun wol zu verwundern, daß jede neue Gestaltung durch ein Herkommen, bei welchem nur der Bund dieser beiden Aristokratien, nicht aber eine durch kräftige Opposition die Wage haltende öffentliche Meinung thätig sein konnte, stets zu einer neuen Fessel, sowol der politischen, als auch der damit eng zusammenhangenden statistischen Ausbildung des Volkes wurde, einer Ausbildung, welche nur einen Sturz dieser beiden Mächte zur Folge hatte haben können; wie war es endlich zu verwundern, wenn eben diese Mängel um so tiefer in den Fundamenten des gesammten Gemeinwesens Wurzel schlugen, je schwieriger es bei der Entfernuug des Königs und bei dessen Verhältniß zu England war, ihn von dieser Lage der Dinge genügend in Kenntniß zu setzen. Trotz diesem Drucke befand sich das Land im Anfange dieses Jahrhunderts in dem Zustande der höchsten Zufriedenheit. Günstige Verhältnisse hatten überall einen zwar nicht glänzenden, aber sehr glücklich vertheilten Wohlstand gegründet: Anhänglichkeit an die angestammte Regentenfamilie, und besonders an den allgemein verehrten Georg III., gab allen Herzen einen Ersatz für das erloschene Nationalgefühl, und die Milde der Regierung, sowie die ausgezeichnete Rechtlichkeit aller Staatsdiener, ließ sowol die bei einer solchen Hauptlingsgewalt der Unterbehörden natürliche Schwäche der höchsten Staatsgewalt übersehen, als sie auch mit dem daraus hervorgegangenen Drucke versöhnte, den ohnehin bei seinem allmäligen Entstehen das Volk zu empfinden längst verlernt hatte, und der, wie allerdings anerkannt werden muß, bei den stattfindenden einfach patriarchalischen, man könnte sagen, gemüthlichen Verhältnissen in der That nichts mit sich führte, was wirklich hätte direct verletzen oder gar erbittern können. All diese Verhaltnisse änderten sich in den Jahren 1803 —14, wo auf einmal ein ganz widersprechendes System im Lande die Oberhand gewann, herbeigeführt durch die, in eine endliche Einverleibung des Landes in das französische und westfälische Reich übergegangene französische Besitznahme. Der Sinn der französischen Krieger, welche die Vorthcile der Demokratie alle selbst genossen, die Nachtheile derselben dagegen nur durch Anschauen aus der Feme kennen gelernt hatten, war keiner Aristokratie hold, und die französische Regierung, welche bei ihren riesenhaften Unternehmungen von ihren Unterthanen fast übertriebene körperliche und finanzielle Anstrengungen fodern mußte, konnte ebenso wenig einem Systeme gewogen sein, welches die nationale Thätigkeit, deren höhere *) Das Verfahren gegen den Hofrichter von Berlepsch, eine Verletzung des klarsten Rechts, wird die Geschichte freilich als Ausnahme geltend machen. D. Red. 22* 340 Hanover Entwickelung allein im Stande war, jene Leistungen möglich zu machen, in eine träge Bequemlichkeit einwiegte. So wurden, bei allem Hasse gegen den französischen Usurpator und sein System, dennoch die bisherigen Grundlagen der öffentlichen Ansicht von zwei Seiten her allmalig untergraben, nämlich im geselligen Leben durch das einschmeichelnde Benehmen des gewandten Franzosen, und von der dienstlichen Seite durch die Aussoderungen einer unleugbar sehr energischen Regierung zu allgemeiner rastloser Thätigkeit, welche durch die verlangten ungemeinen Leistungen nothwendig gemacht und durch den hohen Preis aller Produkte und den ungemein erleichterten Erwerb begünstigt wurde, den ein rascher Geldumlauf, besonders aber das so lockende Gewerbe des Schleichhandels darbot. Die Siege der Verbündeten gaben dem Lande die rechtmäßige Regierung wieder, und hier gerade war es, wo ein großer politischer Fehler begangen wurde. Der Haß gegen die Fremdherrschast und ihr System verleitete zu der Unbesonnenheit, alle französischen Einrichtungen, auch die guten und beliebt gewordenen, umzustürzen und die ganze frühere Verfassung und Verwaltung mit all ihren gothischen und feudalistischen Anhängseln so vollkommen wiedereinzuführen, als ob das Jahr 1815 das Jahr 180 t gewesen wäre, obgleich die fieberhaften Ereignisse des dazwischen liegenden Jahrzehends die Entwickelung eines vollen Jahrhunderts mit sich geführt hatten. Nur das Fachwerk vermochte man wiederherzustellen, ohne dieses mit dem frühern moralischen Inhalte fällen zu können; man zog das Kleid, welches der Knabe getragen hatte, dem emporgeschossenen Jünglinge wieder an, und so patriotisch die Anstrengungen, mit welchen Hanover zu dem Befreiungskriege beigetragen hatte, so allgemein die Jubellieder waren, die das jauchzende Volk bei dem Einzüge der rechtmäßigen Regierung hören ließ, so offenbarte sich doch bald nach dem Rausche der Freude eine gewisse Unbe- haglichkeit, welche nicht, wie man in tröstender Selbsttäuschung glaubte, die natürliche Folge eines eben beendeten Krieges, sondern des wiedereingeführten drückenden Systems war, das aber jetzt um so drückender wurde, weil man ersten der Zwischenzeit diesen Druck zu empfinden gelernt hatte. Das erste Neue, das von der Regierung eingeführt wurde, war die Constituirung einer provisorischen Ständeversammlung im Jahre 1814, welche, ohne alle bestimmte Befugnisse, ohne eine grundgesetzliche Gestaltung des Ganzen, und nur bestehend aus einer Mehrzahl ritterschaftlicher Deputirten, aus einer Anzahl von Staatsdienern und einer geringen Zahl städtischer Beamten, weder im Stande war, eine Nationalrepräsentation zu bilden, noch überall mit einer gewissen Kraft und Würde auszutreten. Ihre Thätigkeit beschränkte sich, mehre von der Regierung nicht beachtete Gesetzvorschlage nicht gerechnet, fast ausschließend auf das Steuer- und Schuldenwesen, und war in dieser Beziehung um so planloser und nachtheiliger, da eine feste und sichere Kunde von den eigentlichen Gesammtbedürfnissen des Staats ihr durchaus abging. Nachdem 1818 die Provinziallandschaften wiederhergestellt waren, wurde dem Lande 1819 eine Verfassung gegeben, die nur durch das, trotz dem Widerspruche der Mehrzahl der versammelten Stände durch den Grafen von Münster eingeführte Zweikammersystem, welches recht eigentlich auf Wiederherstellung der Adelsmacht berechnet zu sein schien, und durch die, freilich auch vage, Bestimmung der standischen Befugnisse sich auszeichnete, im ssbrigen aber hinsichtlich der frühern, dem Wesen einer Volksrepräsentation entgegenstehenden Mangel nichts änderte. So war es ziemlich natürlich, daß ihr Einfluß nirgend wohlthätig ins öffentliche Leben eingriff, daß sie nicht vermochte bei denselben Theilnahme zu erwecken und immer bedeutungsloser wurde, bis sie endlich 1831 zu einer, bis dahin gar nicht geahmten Kraft sich erhob. Das dienstliche Staatsleben nach der Restauration zeichnet sich durch wenige erhebliche Reformen aus. Eine der wichtigern war die bedeutende Herabsetzung Hanover 341 M U- WM der Beamtengehalte und elne Aufhebung der Adelsvorzüge in dieser Laufbahn, eine Verfügung, welche freilich damals nur die nachtheilige Folge hatte, daß die durch die allerdings lobenswerthe Mäßigung der Adelsaristokratie beschrankte Dienstaristokratie in ihrem nachtheiligen Vielregieren noch bestärkt wurde, jedoch für den jetzigen Zeitpunkt, eben weil durch das herbeigeführte Auflösen des Bundes beider Aristokratien der Adel eine mehr nationale Stellung erhalten hat, von günstigem Einflüsse ist, da nun alle ins Dienstleben eingreifenden Reformen um so leichter geworden sind. Eine zweite wesentliche Abänderung war die Aufhebung der frühern Kammer und die Einrichtung von Landdrosteien, als mittlere Ver- waltungs- und zugleich Kameralbehörden. Die Folgen dieser Einrichtung waren höchst nachtheilig. Als administrative Behörde begünstigte sie das Vielregieren der Beamten, als Kameralbehörde mit blos finanzieller Tendenz das System der Plusmacherei, und so war es natürlich, daß die beiden hauptfächlichen Mängel, wozu in der alten hanöverifchen Amtsverfassung die Keime lagen, nun mit der verderblichsten Üppigkeit sich ausbildeten. Alle Saugröhren des Fiscus wurden in Bewegung gefetzt und fast alle baaren Kräfte des Landes flössen in seine Cassen. Die Regiersucht der Beamten bevormundete jede Privatthätig- keit auf eine Weife, welche eine Entwicklung der nationalen Kräfte, einen Aufschwung zu höherer Thätigkeit und freierer Spekulation durchaus verhinderte, und Beides kam zusammen, um durch ein feindliches Mistrauen die unglückliche Trennung zwischen Volk und Regierung immer unheilbarer und nachteiliger zu machen. Bei dieser Lage der Dinge konnte ein Blick in das bürgerliche Leben nur betrübende Gefühle erwecken. Bald nach der Restauration wurden Spuren einer sich verbreitenden Unzufriedenheit erkennbar, indem der Landmann die gehosste Erleichterung nicht erlangte, der Bürger sein Gewerbe, durch Umgehung seiner wohlerworbenen Bannalrechte, aufdas Land verpflanzen sah, und der gebildete Mittelftand, bei abnehmendem Erwerbe, auch in seinen immer lebhafter empfundenen politischen Bedürfnissen sich gekränkt fand. Eine Begleichung mit den französischen Einrichtungen siel in mancher Hinsicht zum Nachtheil der vaterländischen Institutionen aus, und die Anhänglichkeit an das Bestehende begann zu erlöschen. Der damalige Prinz-Regent war nicht der völlige Erbe der Verehrung geworden, mit welcher das hanöverische Volk Georg III. zugethan war. Die öffentlichen Abgaben und Lasten waren drückend, die häuslichen Bedürfnisse un gemein gesteigert, und Beides wirkte um so nachtheiliger, da die Quellen des Na tionalerwccbs zu versiegen begannen. So bildeten sich im Lande zwei gefährliche politische Seuchen, nämlich eine immer mehr um sich greifende allgemeine Verarmung, und eine immer höher steigende Gleichgültigkeit gegen das Vaterländische und Öffentliche, und Beides, verbunden mit der, aus dem Vielregieren hervorgegangenen Ansicht des Volks, Alles von der Regierung erwarten zu dürfen, erzeugte jene hohe Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, welche, gleich einer ansteckenden Krankheit, allmälig der Regierung ein Herz nach dem andern entfremdete und jene gefährliche Auflösung der moralischen, das öffentliche Leben mit dem Privatleben verknüpfenden Bande herbeiführte. Fehlerhafte Regierungsmaßregeln, unzeitige Bedrückungen des freien Worts und der freien Presse kamen hinzu, und das daraus entsprungene Mistrauen, sowol gegen die Weisheit als gegen den guten Willen der Regierung, vollendeten den unheilbaren Bruch. Von jetzt an gewöhnte sich das Volk die Regierung mit ihren Anhängern als eine ihr feindlich gegenüberstehende Partei zu betrachten, und von diesem Augenblicke an war eine wirkliche Revolution bereits im vollen Fortschreiten. Leider aber erhob sich keine redliche Stimme, um mit Freimuth und Wahrheit die Regierung zu warnen, konnte sich auch kaum erheben, und bei dem Mangel aller öffentlichen 342 Hanover / Organe, bei der, der Regierung jeden tiefern Blick in die untern Verhältnisse versagenden Abgeschiedenheit vom Volke, blieb all dies der Regierung auf eine Weise unbekannt, welche die Ergreifung kraftiger Gegenmittel ganz unmöglich machte. Zwei sehr traurige Jahre hatten die allgemeine Roth auf das Höchste gesteigert, da siel plötzlich im Jul. 1830 in Frankreich ein Donnerschlag, der auch in Hanover durch die Ueberzeugung, daß rasche Gewaltthat das sicherste Mittel sei, selbst noch mehr als Das zu erlangen, was von Allen so sehnlich gewünscht wurde, die dumpseUnzufriedenheit in eine wirkliche revolutionnaire Gährung verwandelte, und es fehlte, um alle Schrecken einer gewaltsamen Umwälzung herbeizuführen, nur ein Signal im Lande selbst. Die größere Halste der Revolution, die Auflösung aller moralischen Bande zwischen Regierung und Volk, war langst vollendet, und es war nur noch der Umsturz der äußern Schranken der bürgerlichen Ordnung übrig; Jenes konnte nur durch jahrelange nachtheilige Einwirkungen vollbracht werden. Dieses war das Werk eines gewaltsamen Augenblicks. Nur zu bald schien dieser Augenblick nahen zu wollen. Holzentwendungen, öfter wiederholte Pöbelaufstände gewaltthätiger und gefährlicher Art bezeichneten den Charakter der Zeit. Die Regierung, erschreckt, aber in der Meinung, daß nur die allgemeine Noth, kein politisches Bedürfniß die Veranlassung der einzelnen Vorfälle ausmache, suchte deshalb nur jenen Grund zu heben; die Folge ergab jedoch, daß es damit keineswegs gethan war. Daher unterblieb eine rasche Zusammenberufung der Stände, welche, so gefährlich sie bei der allgemeinen Aufregung unstreitig gewesen sein würde, doch jetzt das einzige Mittel war, jenen Bewegungen vorzubeugen. Im Süden dcS Königreichs hatte sich schon seit längerer Zeit eine besonders unzufriedene Stimmung kundgegeben, und hier bildete sich auch der Brennpunkt der nachherigen gewaltsamen Unternehmungen. Am 5. Jan. 1831 erfolgte in Osterode die erste revolutionnaire Bewegung. Auch hier hatte sich die Unzufriedenheit über eine unvollkommene Vertretung, über Nahrungslo- sigkeit und mancherlei andere Misverhältnisse seit längerer Zeit schon auf eine sehr bittere Weise offenbart und in einer, jedoch ohne Antwort gebliebenen, Beschwerdeschrift an die höchste Landesbehörde kundgegeben. Es bildete sich hierauf ein ziemlich zahlreicher Verein, welcher die Überreichung einer Beschwerdeschrist an den König durch dessen Bruder, den Herzog von Cambridge, Generalgouverneur von Hanover, beschloß, eine Communalgarde, angeblich zur Verhütung von Excessen, zu errichten begann und zu diesen Unternehmungen die Zustimmung der städtischen Obrigkeit nicht nur nicht einholte, sondern auch, wenigstens zum Theil, deren Functionen aufhob. Die Sache wurde bei der höchsten Landesbes Hörde zur Sprache gebracht und von derselben der Landdrost Nieper in Hildesheim beauftragt, nötigenfalls unter Beistand der in der Gegend befindlichen Truppen, die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen, zu welchem Ende eine Schwadron Cavalerie, eine Abtheilung Artillerie und ein Bataillon Infanterie nach Osterode beordert wurden. Gleichzeitig mit diesen Vorfällen ward eine Schmähschrift: „Anklage des Ministeriums Münster vor der öffentlichen Meinung", verbreitet, worin der anonyme Verfasser in einer sehr leidenschaftlichen Sprache eine Menge Beschwerden, in welchen Übertreibungen, Verdrehungen und Unwahrheiten mit mancher schneidenden Wahrheit abwechseln, aufstellt und auf eine gar nicht zu rechtfertigende Weise alle Schuld dem Grafen Münster beimißt. Die Wirkung dieser Schmähschrift war bei der allgemeinen Aufregung um so größer, da Niemand über die eigentlichen Ursachen des Druckes sich Rechenschaft zu geben wußte, und jeder daher mit der Begierde des, einen Gegenstand zur Auslassung seines Zorns aufsuchenden Unwillens mit dZsto grö- ßerm Eifer Dasjenige aufgriff, was als Ursache davon bezeichnet wurde. Die zu- Hanover 343 sammengezogenen Truppen rückten in die Stadt, wo sie auf das Beste von den Bürgern empfangen wurden, und nachdem der vermeintliche Verfasser der oben erwähnten Schmähschrift, vr. König, und zugleich vr. Freitag, beide aus Osterode und als die angeblichen Urheber der stattgefundenen Bewegungen, gefänglich nach Hanover abgeführt waren, endete hier die Sache mit dem Versprechen der Bürger, sich ruhig zu betragen, und mit der dagegen ertheiltcn Versicherung, daß der Herzog von Cambridge die Beschwerden der Stadt dem Könige selbst empfehlen und vorlegen werde. *) Aber nicht bloß in Osterode, sondern auch in der Umgegend, hatten lebhafte, jedoch bald erstickte, Bewegungen stattgefunden, und ganz gewiß ist es, daß, wenn nicht ein Observationscorps in diesen Gegenden sich befunden, oder nur ein entschlossener umsichtiger Mann sich an die Spitze des Aufstandes gestellt hätte, der größte Theil jener Gegend und dann freilich sehr bald das ganze Land im offenen Aufstande sich befunden haben würde. Die nach den osteroder Unruhen folgenden göttinger Austritte bewiesen, was in dieser Rücksicht zu befürchten war. In Göttingen hatten alte Gebrechen der städtischen Verfassung und neuere Mis- griffe und Ausschreitungen der örtlichen Behörden die Bürger höchst unzufrieden gemacht. Wie am 8. Jan. 1831 der Aufstand ausgebrochen, als Einige an die Spitze der Bewegung traten, um welche Bürger und Studenten sich sammelten, wie man die bestehende örtliche Behörde zur Auflösung genöthigt, eine Stadt- wehr gebildet und einen gewählten Gemeinderath eingesetzt, wie aber durch Un- entschlossenheit und Schwäche das Unternehmen bald in sich selbst zerfallen und am 16. Jan. die Stadt der herbeigezogenen Kriegsmacht die Thore geöffnet und sich unterworfen, ist in dem Art. Göttingen im Jahre 1831 ausführlich erzählt worden. Mit der aufgeregtesten Erwartung folgte das ganze Land jenen Bewegungen, und nur die bei der Unterdrückung derselben bewiesene Kraft vermochte die Lust der Menge, zu gleichen Gewaltthätigkeiten Auflucht zu nehmen, im Aaume zuhalten. Aber es war noch ein Grund hinzugekommen, welcher dazu beitrug, den Kampf der Gewalt zu verhindern. Schon vor dem Ausbruche der Bewegung in Osterode und Göttingen war I)r. von der Horst in Rothenburg mit einer Flugschrift aufgetreten, worin mit edelm Freimuthe einige der wichtigsten Landesbeschwerden erörtert wurden. Ihm folgte der Advokat Gans in Celle mit einer noch freimüthkgern und schärfern Darstellung der Gründe des öffentlichen Verfalls **), ohne daß die Regierung dagegen eingeschritten wäre. Diese Schriften verbreiteten sich mit ungemeiner Schnelligkeit und wurden mit dem größten Interesse gelesen, und da von Seiten der Regierung diesen Versuchen ebenfalls nur die Presse entgegengesetzt wurde, so sah das ganze Land einen würdigern Kampfplatz als den der rohen Faustgewalt, den Kampfplatz der Wahrheit geöffnet, in welchem es zwar langsamer aber desto sicherer und ohne Verbrechen zu dem gewünschten Aiele gelangen konnte. Die muthmaßlichen Urheber der stattgehabten Unruhen wurden, so weit man ihrer habhaft werden konnte, gefänglich eingezogen, nach Celle geführt und einer dort niedergesetzten Commissi'on zur Untersuchung und Bestrafung übergeben. Jndeß ist von dem Erfolge der, noch immer nicht geschlossenen Untersuchung im Publicum nichts bekannt geworden, da die Heimlichkeit des hanöveri- schen Criminalverfahrens nur dem Inhaber der Acten Aufschlüsse ertheilt. *) Vergl. „Der Aufstand im Königreich Hanovcr im Januar 1831" (Leipzig 1831). Der Verfasser hat auch die Vorfalle in Osterode, nach der Versicherung von Augenzeugen, der Wahrheit gemäß dargestellt. D. Red. ") „Über die Verarmung der Städte und des Landmanns, und den Verfall der städtischen Gewerbe im nördlichen Deutschland, besonders im Königreich Hanovcr" (dritte Austage, Braunschweig 1831). st 344 Hanover Gleich beim Ausbruche der Unruhen war dem König darüber Bericht.ibge- stattet worden, und ein königlicher Erlaß, worin jeder revolutionnaire Versuch mit der Anwendung der vollen gesetzlichen Strenge bedroht wird, war davon die Folgt Es erfolgte im Febr. die sehr ehrenvolle Entlassung des an der Spitze der deutschen Kanzlei in London, eines wirklichen Thcils des hanöverischen Ministeriums stehenden Grafen Münster, und die Ernennung des Herzogs von Cambridge zum Vicekönig von Hanover, ein Ereigniß, das um so lautern Jubel im Lande erweckte, je weniger die allgemeine Aufregung, ja selbst der Aufstand sich gegen den Thron oder den König und die Glieder seines Hauses richtete, und je mehr der Herzog durch freundliche Aufnahme der aus dem ganzen Lande zusammenströmenden Beschwerden anLiebe gewonnen hatte, wie es denn überhaupt bemerkenswerth ist, daß die nationale Partei nur gegen die Beamten und den Adel ankämpfte. Eine dritte Sendung an den König, durch höchst liberale Manner, hatte die Zusammenbcru- fung der allgemeinen Standeversammlung zur Folge, welche im Anfange des Marz 1831 eröffnet wurde. Die Eröffnung selbst geschah mit feierlicher Förmlichkeit, wodurch die äußere Bedeutsamkeit des ganzen Instituts gewann. Öffentlich hatte sich, als Wunsch des Landes, die Einführung einer zeitgemäßen Verfassung, Vereinfachung der Finanzverwaltung durch Vereinigung der Domainen- einkünfte mit dem Steuerschatze, Preßfreiheit und Amnestie für die Anstifter der revolutionnairen Bewegungen, in welchen das Land Märtyrer seiner Sache zu erblicken glaubte, ausgesprochen. Es machte daher einen Übeln Eindruck, daß in der Eröffnungsrede des Vicekönigs von all dem nichts enthalten war. Sie erweckte nur wenige Hoffnungen, indem sie hinsichtlich der verhafteten Urheber des göttinger Aufstandes auf den Spruch der Gerichte verwies, übrigens aber das Petitionsrecht der Unterthanen anerkannte, in Rücksicht einer veränderten Verfassung die höchste Vorsicht empfahl> und die Beibehaltung des Zweikammersystems für nothwendig erklärte, eine verbesserte Wahl der städtischen Deputaten, die Ablösbarkeit der gutsherrlichen Lasten und eine Theilnahme des Bauerstandes an den Ständeverhandlungen zusicherte, an eine Erledigung des entworfenen neuen Strafgesetzbuchs erinnerte, von einer Verminderung der städtischen und bauerlichen Abgaben durch höhere Besteuerung der befreiten Gcund- eigenthümer, von einer Herabsetzung der Personalsteuerbeiträge für die untern Classen, von Modift'cationen der Eingangssteuer zu Gunsten der inländischen Gewerbe und von einer zu errichtenden Witwencasse für die Staatsdienerschaft redete, endlich aber von einem gleichen Anspruch auf Anstellung im Staatsdienste sprach. Mehr Hoffnungen als diese Thronrede erweckten diejenigen Worte, die der Vicekönig am Eröffnungstage zu den Ständen sprach, und in welchen sich der redlichste Entschluß, in jeder Rücksicht Verbesserungen einzuführen, in würdiger aber herzlicher Offenheit aussprach. Gleich beim Anfange der Sitzungen äußerte sich in der zweiten Kammer ein bis dahin nicht gekannter Geist der Kraft und des Freimuthes, indem der Wunsch nach einer zeitgemäßen liberalern Verfassung, nach Öffentlichkeit der ständischen Verhandlungen, nach geregelter Preßfreiheit, nach Vereinigung der Domanial- und Landescasse unter Feststellung einer königlichen Civilliste, kräftig ausgesprochen und eine Empfehlung der Verhafteten in Celle an die Gnade des Königs in Autrag gebracht wurde. Aber gleich anfangs offenbarte sich der Widerstand der ersten Kammer, welche den Grundsatz der Stabilität auf das Äußerste festhalten zu wollen schien. Die dahin einschlagenden Beschlüsse der ersten Kammer, hinsichtlich einer liberalern Verfassung und einer Vereinigung der Cassen, regten die zweite Kammer sehr auf, und vielleicht war es nur das Gerücht von einer Adresse der zweiten Kammer an den König, und einer freiwilligen Auflösung, oder Verweigerung der Steuerbewilligung, was die erste Kammer bewog, in die gemach- Hanover 345 > Tie er- ten Eintrage unter einigen Modificationen einzugehen. Es erschien der Gesetzvorschlag über die Ablösbarst, welcher die erste Kammer höchlich erbitterte, während derselbe der zweiten Kammer noch lange nicht genügte. Ein Minifterwechsel, ein Widerstand gegen Freiheit der Presse und vor Allem gehässige Umtriebe und Verdächtigungen der Häupter der liberalen Partei erweckten hohe Spannung und Mistrauen, und veranlagte einen Beschluß zu einer Bitte an den König, durch seine Gegenwart eine rasche Entscheidung herbeizuführen. In dieser Lage der Dinge wurde von der Regierung auf Bewilligung des Budgets angetragen, und die zweite Kammer trug Bedenken, die letzte Waffe gegen ein hartnäckiges Beharren aus der Hand zu geben. Die Erörterung hierüber führte aber zur Beruhigung, indem die Regierung ihre liberalen Ansichten nun offen mittheilte, und nach einer Anzeige derselben, daß die Anträge der Kammer dem Könige vorgelegt worden, bewilligten die Stände das Budget. Ein dritter Zwiespalt erhob sich über das Ablöfungsgesetz, das durch einige Anträge der ersten Kammer scheinbar in seinem ganzen Wesen unterdrückt werden sollte. Der liberalere Theil der ersten Kammer ward entschieden in die Minorität zurückgedrängt, die Aufhebung mancher Befreiungen und höhere Besteuerung des Adels wurden verworfen, die Berathung über die verlangte, so dringend gewünschte und so nothwendig erscheinende Preßfreiheit ward ausgesetzt, und sogar von der ersten Kammer eine von der zweiten in Antrag gebrachte weitere Conferen; zurückgewiesen. Die Spannung stieg auf den höchsten Punkt, und es gesellte sich dazu ein Mistrauen gegen die Regierung, welche die Gelegenheit vorübergehen ließ, durch Aufhebung der Censur durchzugreifen. Da wurde noch einmal der kräftige Versuch gemacht, in Conferenzen die Sache zu beendigen, und nachdem das Ablösungsgesetz und mancher andere Antrag glücklich durchgegangen waren, wurde, nach viermonatlicher Arbeit, die Ständeversammlung bis zum Herbst vertagt. Das Land hatte indeß mit der höchsten Theilnahme den, zum Glück durch den Druck veröffentlichten ständischen Verhandlungen zugesehen, und der Much, mit welchem die zweite Kammer auftrat, die ruhige Besonnenheit und Kraft, mit welcher sie den einmal eingenommenen Standpunkt zu behaupten gewußt und einige wesentliche Abänderungen schon jetzt durchgesetzt hatte, brachten ein Vertrauen zu ihr hervor, welches die aufgeregten Gemüther beruhigte. Jeder sah, was der Gewalt versagt war, werde der Vernunft gewährt; und in vollkommener Ruhe wurden die Herbftverhandlungen erwartet. Die Regierung benutzte die Zwischenzeit zur Bearbeitung des Verfassungsentwurfs;, als aber derselbe im Herbste beendet war, verhinderte der noch nicht vollendete Bau eines hinreichend geräumigen Locals für die zweite Kammer, vielleicht auch wol das Annähern der Cholera, welche im Oct. in Hamburg ausbrach, und bald nachher, ohne jedoch weiter fortzuschreiten, in Lüneburg und andern Orten an der Nordgrenze des Landes mehre Opfer foderte, die Zusammenberufung der allgemeinen Ständeversammlung. Die Regierung beschränkte sich daher darauf, landesherrliche Commissarien zu ernennen und den bereits früher zu diesem Behuf gewählten ständischen Bevollmächtigten, welche im Nov. zusammenberufen wurden, den ausgearbeiteten und vom Könige genehmigten Verfassungsentwurf zur Berathung vorzulegen. Die Grundzüge dieses Entwurfs bestehen, insofern derselbe die bisher bestandenen Institutionen abändert, in Folgendem: Jeder Staatsbürger hat gleichen Anspruch auf den Schutz des Gesetzes, ist aber auch gleich zur Tragung der öffentlichen Lasten verpflichtet. Jeder mündige Staatsbürger hat das Recht der Petition bei dem Souverain und allen Landcsbehörden. Es soll Freiheit der Presse, jedoch unter Beobachtung der desfallsigen Bestimmungen des deutschen Bundes, stattfinden. Jeder Staatsbürger soll zu einer bestimmten Gemeinde gehören. Die 346 Hanover Städte sollen sämmtlich öffentlich bekannt zu machende Verfassungs- undVer- waltungsformen erhalten, und dutch fteigewählte, zu allen das Gemeindewc- sen betreffenden Berathungen zuzuziehende Repräsentanten vertreten werden Die Landgemeinden sollen ebenfalls das Recht haben ihre Vorsteher selbst ^ wählen. Jede Gemeinde soll, lediglich unter der Aufsicht der Regierungsbehörde ihr Gemeindevermögen selbst verwalten. Die Aufhebung geistlicher Stiftungen kann stattfinden, jedoch soll deren Vermögen nie zum Staatsvermögen gezogen werden. Es sollen in den Provinziallandschaften wie in der allgemeinen Ständeversammlung durch freigewählte Deputirte auch die Pflichtigen Grundbesitzer vertreten werden. Alle neuen Staatsleistungen der Landeseinwohner bedürfen der Einwilligung der Ständeversammlung, in Rücksicht der übrigen allgemeinen Gesetze sollen die Stände, welche indeß auch das Recht der Initiative haben, mit ihrem Rath gehört werden. Das gesammte Domainenvermögen wird als ein beständiges, nur ausnahmsweise und unter Beschränkungen in seinen einzelnen Theilen veräußerliches Krongut festgestellt, und mit dem Landesschatze vereinigt, unter Vorbehalt einer Civilliste von jährlich etwa K00,>!» Hanover 351 auf so lange fest, bis zwischen König und Standen eine neue Übereinkunft zu Stande gekommen, wodurch das wesentlichste Recht der Stande, die jahrliche Prüfung und Bewilligung des Ausgabebudgets, der Sache nach vernichtet ward, denn obgleich die Bewilligung der Abgaben und Steuern dem Namen nach den Standen überlassen wurde, war sie doch nur ein leeres Wort, indem da, wo die Ausgaben einmal festgestellt sind, auch die zur Deckung derselben erfoderlichen Einnahmen nicht verweigert werden können. Eine veränderte, von I)r. Sermes beantragte, die Rechte der Stande mehr sichernde Fassung wurde, freilich mit geringer Stimmenmehrheit, angenommen; nur auf die Dauer zweier Landtage höchstens sollten die Ausgaben bewilligt werden. Vergebens hatte die Regierung eine geordnete und regelmäßige Verwaltung damit für unvereinbar erklärt, und die Behauptung aufgestellt, daß die Stände von jetzt an, wo die Domainencasse, auf welche ihnen bisher durchaus keine Einwirkung und Controle zugestanden, mit der Steuercasse vereinigt werden würde, keineswegs das unbedingte Bewilligungsrecht der Ausgaben, das sie früher allein in Beziehung auf den Ertrag der Steuern und Abgaben ausgeübt, zu fodern berechtigt fein könnten. Doch war die Freude der liberalen Partei von kurzer Dauer. Die erste Kammer hatte, wie sich erwarten ließ, den Vorschlag der Regierung ohne alle Abänderung angenommen. Die Conferenz trat zusammen, um diese Verschiedenheit der Ansichten auszugleichen. Advokat Klenze, Deputirter des hildesheimischen Bauerstandes, der zum Mitglieds der Conferenz war gewählt worden, that einen Vorschlag, der mit geringen Veränderungen den Ministerialentwurf wiederholte. Der Bedarf für den Militair- etat und die Grundsatze, welche bei Bewilligung der, in den übrigen Hauptausgabezweigen begriffenen Gehalte und Pensionen zu befolgen wären, sollten durch Regulative gemeinschaftlich mit den Ständen festgestellt werden. Diese Regulative sollten alsdann bis dahin, daß ein Anderes zwischen König und Ständen ausgemacht sein würde, der ständischen Bewillung zur Norm dienen, jedoch auf Antrag der allgemeinen Ständeversammlung jederzeit einer Revision unterworfen werden. Einige andere, dem Paragraphen noch hinzugefügte Bestimmungen waren von geringerer Bedeutung. Da aber für den Fall, daß sich bei den vorzunehmenden Revisionen König und Stände nicht würden vereinigen können, nichts weiter bestimmt war, es daher alsdann natürlicherweise beim Alten bleiben mußte, so hielten wo! nicht mit Unrecht Diejenigen, die sich gleich anfangs gegen den neunzehnten Paragraphen in der Fassung des Entwurfs erklärt hatten, auch durch diese Fassung das Recht der Stände, die Ausgaben zu prüfen und zu bewilligen, für aufgeopfert. Am 7. Sept. ward über den Conferenzvorschlag namentlich abgestimmt. Achtundzwanzig Stimmen waren für, ebenso viel Stimmen gegen denselben, da gab dem.Reglement zufolge der Präsident, Stadtdirector Rumann, den Ausschlag, indem er sich für den Conferenzvorschlag erklärte. Schon einige Wochen früher war eine andere Lebensfrage in der zweiten Kammer auf eine für die Freunde einer durchgreifenden und kraftigen Reform gleich betrübende Weise entschieden. Er ward nämlich am 22. Aug. der Antrag des Professors Saalfeld auf das System Einer Kammer mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt, wiewol selbst Manche von Denen, welche gegen den Antrag stimmten, die Zweckmäßigkeit desselben anerkannten, allein nach einer nicht selten geübten verderblichen Praxis sich gegen Dasjenige erklärten, was sie für unerreichbar hielten. Die Niederlagen, welche die liberale Opposition bei der Frage über die Organisation der Kammern und bei der Entscheidung über den neunzehnten Paragraph erlitten, waren zugleich der Wendepunkt ihrer politischen Bedeutung überhaupt. Mit der Zeit wurden ihre Reihen immer mehr gelichtet; Manche traten über, weil sie doch die Sache, die sie bisher unterstützt, für verloren hielten, Andere aus Schlaffheit und Ermattung. Fast alle wichtigen Fragen wurden seitdem ganz in dem Sinne 352 Hansard der Ministerialpartei entschieden; nur bei der Entscheidung von unbedeutenden Nebenpunkten gelang es vielleicht noch zuweilen der Opposition, den Sieg davomu- tragen. Wie sehr der Einfluß der Opposition gesunken war, das zeigte sich vor- nehmlich in der Leichtigkeit, mit welcher die Verantwortlichkeit der Minister die eine förmliche Anklage zur Folge haben sollte, nur allein auf absichtliche Verletzungen der Verfassung, nach der Bestimmung des Regierungsentwurfs beschränkt die grobe Fahrlässigkeit aber, auf welche die Opposition ebenfalls eine Anklage begründen wollte, mit einer ziemlichen Majorität abgelehnt wurde; daß aber eine Anklage wegen absichtlicher Verletzung der Verfassung nie zur Anwendung kommen werde ließ sich leicht voraussehen. In gleichem Maße aber, als die Opposition immer schwacher ward, als es ihr immer weniger gelang, wesentliche Verbesserungen durchzusetzen, verringerte sich auch das Interesse des Volks an den ständischen Verhandlungen und der Ständeversammlung überhaupt, und dies um so mehr, je weniger zugleich die gehossten materiellen Erleichterungen, namentlich die allgemein und zuversichtlich erwartete Reduction des übermäßig starken und kostbaren Mili- tairetats, erfolgten. So sind denn am 29. Oct. die Verhandlungen über das Staatsgrundgesetz bis auf die Resultate der Conferenzen über die zwischen beiden Kammern streitigen Punkte vollendet. *) Obgleich man nicht in Abrede stellen kann, daß allerdings das Staatsgrundgesetz, sowie es, aus den Verhandlungen der beiden Kammern, vorzüglich der zweiten, hervorgegangen ist, manche tüchtige Bestimmungen enthalte, so kann man dennoch ebenso wenig leugnen, daß der Erfolg der Bcrathungen, daß überhaupt die ganze Wirksamkeit der Stände keineswegs den Erwartungen entsprochen, welche man im In- und Auslande davon gefaßt hatte. Freilich mag einigermaßen zur Entschuldigung der hanöverischen Ständeversammlung oder vielmehr der zweiten Kammer gereichen, daß allerdings bald die äußern Verhältnisse die ungünstigsten wurden, unter welcher möglicherweise eine Ständeversammlung eine neue Verfassung berathen konnte. Die Bundestagsbeschlüste vom 28. Zun., die in manchen andern Anzeichen sich kundgebenden Reactivn traten hemmend und lähmend ein, und lösten bald das lockere Band, welches die liberale Partei anfangs noch zusammenhielt. Je größer aber zum Theil beim Zusammentritt den Kammern die Besorgniß der Gegenpartei gewesen war, um so eifriger benutzte sie bald ihren leichten Sieg zu den unwürdigsten Neckereim und Angrissen auf die Gegner. Wie sich namentlich einzelne öffentliche Blätter unter den Augen und der Censur der Regierung es erlaubt, ihre Gegner anzugreifen und zu beschimpfen, würde unglaublich erscheinen, wären nicht die Blätter vorhanden, welche von einem solchen Verfahren den Beweis geben. So ist denn die dermalige Lage des hanöverischen Landes keineswegs eine sehr erfreuliche; an die Stelle der zuversichtlichen Hoffnung ist Muthlosigkeit und Niedergeschlagenheit, an die Stelle des Vertrauens dumpfe Unzufriedenheit getreten. Sehr würde man sich irren, wollte man diese Gleichgültigkeit und Theilnahmlosigkeit an dem Allgemeinen, welche mit der noch vor kurzem überall herrschenden regen Teilnahme und dem lebhaftesten Interesse an öffentlichen Angelegenheiten einen traurigen Contrast bildet, für Zufriedenheit halten. Freilich scheint die hanöverische Aristokratie dieses Glaubens zu sein; möchte sie nicht zu spät ihren Irrthum erkennen ! Hansard (Luke), geboren 1748 zu Norwich, lernte die Buchdruckerkunst in seiner Vaterstadt bei einem Manne, der seine Geschäfte aus Zerstreuungssucht . Der durch Stimmenmehrheit in der zweiten Kammer entschiedene Antrag auf Öffentlichkeit der Verhandlungen ist zwar neuerlich noch als erfreuliches Ereignis hervorgetreten, dagegen aber auch bei der Frage über die Ablösung der Grundeigen- thumsbelastungen der Kastengeist in der ersten Kammer desto schroffer erschienen. D. Red- Hansteett 353 W G NW vernachlässigte und seinem Lehrling, dessen Geschicklichkeit und Eifer sich ihm erprobt hatten, die Leitung seiner Angelegenheiten fast ganz überließ. H. erwiderte dieses Vertrauen durch die strengste Pflichterfüllung, und dieses Ver- haltniß trug nicht wenig dazu bei, ihn an die pünktliche und gewissenhafte Geschäftstätigkeit zu gewöhnen, die er später unter weit wichtigem Umständen zeigte. Als er seine Lehrjahre geendigt hatte, ging er nach London, wo er 17715 als Setzer zu Hughs, dem Buchdrucker des Unterhauses, kam. Auch hier erwarb sich H. das volle Vertrauen seines Dienstherrn, der ihn 1789 als Gesellschafter eintreten ließ und ihm schon 1800 das ganze Geschäft abtrat. Die Druckerei des Unterhauses hatte vor jener Zeit bei weitem nicht den bedeutenden Umfang, den sie seitdem durch die stets zunehmende Ausdehnung der Parlamentsgeschäfte erhielt, und Zeit genug übrig, auch für Buchhändler Arbeiten zu übernehmen. H. kam dadurch mit mehren berühmten Schriftstellern in Verbindung, besonders mit Burke, Johnson und Porson, welche die Druckerei, deren Geschäfte er hauptsächlich leitete, allen andern vorzogen, und H. erhielt durch den Verkehr mit diesen und andern ausgezeichneten Schriftstellern vielfältige Gelegenheit, seine Kenntnisse zu erweitern. Als die Arbeiten für das Parlament, besonders seit der französischen Revolution, immer zahlreicher und umfassender wurden, mußte sich die Druckerei denselben ausschließend widmen und H. wußte durch die Handhabung der strengsten Geschäftsordnung und viele mechanische Verbesserungen, die seine ausgezeichnete Kunstgeschicklichkeit bewiesen, die Schwierigkeiten der Unternehmung so glücklich zu überwinden, daß er Pitt's Wohlwollen und Vertrauen gewann. A?s 1805 die Arbeiter sich verbündeten, um höhern Lohn zu ertrotzen, kamen auch die Buchdrucker in Verlegenheit, und an einem Tage, wo H. die dringendsten Druckschriften für das Parlament zu liefern hatte, gingen 24 Drucker von den Pressen weg. H. verlor keinen Augenblick, suchte Arbeitslose in den Straßen und wo er sie sonst finden konnte, und man sah ihn und seine Söhne in der Arbeitsjacke die ungeübten Leute durch Anweisung und Beispiel unterrichten. In einem 1828 dem Hause der Gemeinen abgelegten Ausschußbericht über die Druckangelegenheiten erhielten H.'s Verdienste eine öffentliche Anerkennung, und es wurde besonders auch erwähnt, daß er durch die von ihm angegebene Einrichtung des Drucks von Tabellenwerken dem Staatsschatze einen bedeutenden Kostenaufwand erspart habe. Wie in seinen Geschäftsverhältnissen unermüdlich arbeitsam und feine wachsame Aufsicht auf alle Einzelheiten seiner großartigen Anstalt ausdehnend, war er auch als Mensch und im häuslichen Kreise ein höchst achtbarer Mann, und hinterließ ein rühmliches Andenken seiner edeln Gesinnung in einer freigebigen Stiftung für arme alterschwache Buchdrucker. Bis in sein hohes Alter im Genuß einer festen, durch Mäßigkeit und regelmäßige Lebensordnung gestärkten Gesundheit, fühlte er erst zu Anfange des Jahres 1828 eine beunruhigende Abnahme seiner Kräfte, und als er am Schlüsse der Parlamentssitzung den für ihn so ehrenvollen Bericht gedruckt hatte, nahm er feierlichen Abschied von allen Arbeitern in seiner Anstalt, und starb bald nachher am 29. Ott. im Kreise seiner zahlreichen Familie. Sein ältester Sohn Thomas Curson H. besitzt seit 1805 eine eigne ansehnliche Buchdruckern und hat sich durch ein umfassendes Werk über die Buchdruckerkunst: „IJpNArupkia, an üistorical sleetcü of tüe origin unck progress yf priiitinj;" (London 1825), bekannt gemacht. Seine jüngern Söhne James und Luke, schon lange Theilhaber seines Geschäfts, setzen die Parlamentsdruckerei fort. Die Parlamentsverhandlungen („?mliamentar^ mui-nals"), eine lange Reihe von Bänden, gehen unter Hansard's Namen. Hanfteen (Christoph), Professor der Astronomie zu Chriftiania, geboren daselbst den 26. Sevt. 1784, wo sein Vater Accisinspector war, erhielt seine erste Bildung auf der dortigen Kathedralschule und bezog 1802 die Conv.-Ler. der neuesten Zeit und Literatur. Ii. ^3 » ^ I 354 Harding Universität zu Kopenhagen, um sich der Rechtsgelehrsamkeit zu widmen. Die mathematischen Wissenschaften zogen ihn jedoch mit so unwiderstehlicher Gewalt an, daß er sich ausschließend auf dieselben und zwar mit dem glücklich- ! ften Erfolge legte. Als Lehrer an der gelehrten Schule zu Fcederiksburg, auf der Insel Seeland, leitete ein Zufall sein Nachdenken auf die magnetischen Kräfte der Erde. Erging in seinen Forschungen immer weiter, und als die Akademie der > M Wissenschaften zu Kopenhagen eine auf diesen Gegenstand bezügliche Aufgabe de- .K kannt gemacht hatte, legte er derselben eine Abhandlung vor, welcher einstimmig der Preis zuerkannt wurde. H. erlangte dadurch einen bedeutenden Ruf und eine Anstellung als Lehrer der Astronomie an der eben errichteten Universität in Chri- stiania. Er begab sich wahrend des Kriegs 1814 in einem leichten Fahrzeuge dahin, nicht ohne Gefahr von den, die norwegischen Küsten blokirenden englischen Kreuzern aufgebracht zu werden. In seinem Vaterlande erhielt er einen, seinen Kräften angemessenen, sich mehr und mehr ausdehnenden Wirkungskreis, da er sich bald als einen in allen Theilen der Mathematik, sowol der reinen als angewandten, bewanderten Gelehrten geltend machte, und die Klarheit seines Vortrags gewann der Mathematik viele talentvolle Anhänger, sowol unter den Studiren- den als den jüngern Offizieren. Mit rastlosem Eifer setzte er seine in Dänemark angefangenen Forschungen fort, deren Früchte er durch königliche Unterstützung dem I H gelehrten Publicum in seinem Werke: „Untersuchungen über den Magnetismus M der Erde", von welchem bis jetzt nur der erste Theil nebst einem Atlas ans Licht M getreten ist, 1819 vorlegen konnte. Seine Arbeit erfreute sich einer allgemeinen ^ Anerkennung der Männer vom Fache. Englische Mathematiker überzeugten sich uch bald von dem Nutzen seiner Angaben für die Schissfahrt, und aus allen spatern M Entdeckungsreisen trug man Sorge für Anstellung magnetischer Beobachtungen nach dem von H. empfohlenen Verfahren. Er selbst machte zu diesem Zwecke Reisen nach London, Paris, Hamburg, Berlin und Finnland, wie auch nach ^ allen Gegenden seines Vaterlandes. Es war jedoch sein sehnlichstes Verlangen, ! die von ihm aufgestellte Theorie selbst in Sibirien zu erproben. Ohne Schwierig- M keit verwilligte ihm das Storthing 1827 die von ihm zu diesem Unternehmen erbetene Summe. Seine mit vielen Beschwerden, sogar mit Lebensgefahr ver- - bundene Reise, auf welcher der norwegische Marinelieutenant Due sein Begleiter war, dauerte vom Mai 1828 bis Jun. 1830, und hatte den glücklichsten Er- folg. Nicht nur fand er seine Theorie, hinsichtlich eines nordöstlichen magnetischen Pols, vollkommen bestätigt, sondern er berichtigte auch die Erdkunde durch z. Beobachtungen der Länge und Breite. Überall fand er die bereitwilligste Unter- z. stützung von Seiten der russischen Behörden. Die Akademie der Wissenschaften ^ zu Petersburg erkannte feine Verdienste dadurch, daß sie ihn zu ihrem Mitglieds ernannte. Früher hatten dies die Akademien zu Drontheim, Stockholm und Edinburg gethan. Man darf eine ausführliche Beschreibung seiner Reise erwarten. Er hat bereits die Ergebnisse derselben, wie überhaupt seiner Forjchun- gen, in mehren Zeitschriften, besonders in dem zu Christiania erscheinenden „Magazin for Naturvidenskaberne", in Poggendorfs „Annalen der PhD und Schuhmacher's „Astronomischen Nachrichten " niedergelegt. (1) Harding (Karl Ludwig), Professor der Astronomie in Göttingen, ward am 29. Sept. 1765 zu Lauenburg geboren, wo sein Vater Prediger war und ihn durch seinen Unterricht zum Studium der Theologie vorbereitete. Von 1786-^oll ftudirte H. zu Göttingen, und besonders wurde durch Lichtenbergs Vorlesungen un die lehrreichen Unterredungen desselben bei manchen Abendbesuchen, die der wohlwollende Mann ihm erlaubte, seine früh gefühlte Neigung zur Naturlehre un Astronomie noch mehr angeregt. Die spätere persönliche Bekanntschaft mit dem Justizrach Schröter zu Lilienthal führte ihn in das Haus desselben ein, wo er neun Häring 355 IW Jahre lang von 1796 — 1805 in glücklicher Vereinigung mit diesem verehrungswürdigen Manne lebte und an seinen astronomischen Beobachtungen Theil nahm. Die wahrend dieser Zeit erfolgte Entdeckung der Eeres durch Piazzi in Palermo und der Pallas durch Olbers in Bremen veranlaßte H. zur leichtern Aufsindung dieser kleinen Planeten vollständige Himmelskarten zu entwerfen. Er wurde durch diese Arbeit mit den teleskopischen Sternen bekannt und entdeckte 1804 am 1. Sept. Abends nach 10 Uhr im Sternbilde der Fische den kleinen Planeren Juno, welchen er als Stern achter Größe in seine Sternkarten eingetragen hatte und dessen Forlbewegung er bei nochmaliger Durchmusterung am 4. und 5. desselben Monats erkannte. Wegen dieser wichtigen Erweiterung der Kenntniß unsers Planetensystems erhielt er 1805 die von dem berühmten französischen Astronomen Lalande ausgesetzte Preismedaille. H. setzte seine speciellen Untersuchungen des gestirnten Himmels auch in Göttingen eifrig fort, wohin er 1805 als Professor berufen wurde, und vollendete nach zwanzigjähriger mühsamer Arbeit die Sammlung von 2? Himmelskarten, welche 1822 unter dem Titel: „Xttas nvvus coelestis", erschienen sind. Durch diese trefflich gearbeiteten Karten, auf welchen nur die Grenzen der Sternbilder angedeutet, nicht aber die Figuren selbst dargestellt sich finden, ist die Kenntniß des Sternhimmels im Allgemeinen wesentlich befördert worden. In dieselben sind alle bis dahin mit Zuverlässigkeit beobachteten Sterne eingetragen und von H. ohne Ausnahme selbst nachgesehen worden. Seit 18Z0 gibt H. in Verbindung mit seinem Freunde, dem Amtmann Wiesen zu Rehburg, die „Kleinen astronomischen Ephemeriden" heraus, welche zum Gebrauch für Freunde der Astronomie bestimmt sind, um diesen ihre Beobachtungen und Rechnungen zu erleichtern und sie mit den neuesten Entdeckungen bekannt zu machen. Bei diesem sehr verdienstlichen Unternehmen wird er durch mehre ausgezeichnete Astronomen thalig unterstützt. (54) Häring (Wilhelm), wurde im Jun. 1798 in Breslau geboren, wo sein Vater bei der dortigen Kriegs- und Domainenkammer Kanzleidirector war, abstammend aus einer Refugie-Familie aus der Bretagne, welche nach Aufhebung des Edicts von Nantes in der Neumark Aufnahme gefunden und dort ihren französischen Mimen in den entsprechenden deutschen übersetzt hatte. Der Letzte, welcher den französischen oder bretagnischen Namen IlarenA (oder Härene) geführt, war Advokat in Reimes gewesen. Die ersten poetischen Eindrücke, deren sich H aus der Kindheit erinnert, knüpfen sich an die Belagerung Breslaus 1805, welche er in einem Nonnenkloster miterlebte. Nach dem Tode seines Vaters zog er mit der Mutter nach Berlin, wo er auf dem dortigen werderschen Gymnasium erste die wissenschaftliche Ausbildung erhielt. Diese Anstalt blühte damals unter der Leitung Bernhardi's, Spilleke's u. A., und vornehmlich scheinen die beiden genannten Manner, welche sich in ihrer Richtung und Gesinnung dem aus der Tieck-Schlegel'schen Literaturperiode hervorgegangenen Princip der sogenannten Lebensironie angeschlossen hatten, durch ihr Einwirken seinem Geist schon früh eine eigenthümliche Anschauungsweise mitgetheilt und ihm den Keim zur Jronisirung der Lebensverhältnisse eingepflanzt zu haben, die sich in manchen seiner Novellendarstellungen als charakteristischer Zug hervordrängt. Er machre 1815 als Freiwilliger im Regiment Kolberg den Feldzug mit. Sein Antheil an demselben beschränkte sich auf die Belagerungen der Ardennenfestungen, und manche romantische Eindrücke aus dieser Zeit finden sich in seiner Novelle „Jblou" niedergelegt. Er bezog 1817 zuerst die Universität Berlin, dann Breslau, wo er außer der juristischen Berufswissenschaft sich mit mancherlei historischen Nebenstudien beschäftigte und besonders Sa- vigny und Raumer zu Lehrern hatte. Wahrend seiner akademischen Jahre und nachher machte er vielfach Ausflüge auf Fußreisen, auf denen er nicht selten Gelegenheit gehabt, das Volksleben in seiner unmittelbaren Wirklichkeit zu belauschen tmd jeme Phantasie mit Scenen und Gestalten dieser Art zu bereichern, was später 23 * IX Ii M'I 353 Haring auch als eigenthümlicher Bestandtheil in seine Novellen überging, in denen gerade aus allen diesem Kreise ungehörigen Partien die lebendigste Frische spricht. Seine juristische Laufbahn scheint jedoch keine geborene Wahlverwandtschaft für ihn gewe- I sen zu sein, denn nachdem er in Berlin Auscultator und Kammergerichtsreferendar geworden, verließ er sie wieder, als er die bestimmte Überzeugung gewonnen, daß sie sich für ihn mit dem literarischen Beruf, der ihn zu entschieden drängte, nicht vereinigen lasse. Dem letztern lebt er seitdem ausschließend in Berlin, seit 183Y zugleich mit der Redaktion des „Freimüthigen" beschäftigt, welches Journal, ver- ! bunden mit dem ehemaligen „Berliner Conversationsblatt", unter seiner Leitung unstreitig einen geistigern Charakter erhalten, nachdem er früher das ältere „Berliner Conversationsblatt" in Gemeinschaft mit Fr. Förster drei Jahre hindurch redigirt hatte. Von der philosophischen Facultat der Universität Halle wurde ihm 1828 das Doctordiplom als öffentliche Anerkennung seiner literarischen Leistungen zugesandt. Als Schriftsteller machte sich H. zuerst bekannt durch einige kritische Abhandlungen in den wiener „Jahrbüchern der Literatur" und im „Hermes", indem er als literarische Firma den »am lle Auerre W. Alexis beibehielt, mit dem ihn seine Universitätsfreunde zu nennen pflegten. Als seinen ersten produktiven Versuch ließ ! er ein idyllisches Epos in Hexametern: „Die Treibjagd" (Berlin 1820), erscheinen, das, obwol von geringerer Bedeutung, doch Gnade fand vor Jean Paul und von Müllner gelobt wurde. Frucht längerer Studien über England und hervorgegangen aus einer scherzhaften Wette war der Walter-Scott'sche Roman „Walladmor" (3 Bde., Berlin 1823—24), eine flüchtige und rasch hingestellteArbeit, die der Verfasser kaum durchgesehen haben mochte, ehe er sie in den Druck gab. Dieser Roman erregte allgemeines Aufsehen, und man kann wol sagen, daß er von den Walter- Scott-Lesern begieriger verschlungen wurde als die eignen in ausgedehnterer Breite gehaltenen Darstellungen desselben. Mit der Jronisirung Walter Scott's, wovon wol die Rede gewesen, hatte es H., der eigentlich für das Talent des Briten sehr eingenommen ist, nicht so ernstlich dabei gemeint; er wollte nur beweisen, daß man eben in Deutschland auch einen Scott'schen Roman schreiben könne, und der Erfolg rechtfertigte die in guter Laune unternommene Spekulation. „Walladmor"ist fast in alle lebende Sprachen übersetzt und jüngst erst ins Polnische; in der englischen Übersetzung erschien er sehr umgearbeitet. Ein englischer Kritiker, wahrscheinlich Walter Scott selbst, nannte ihn die kühnste Mystifikation unsers Jahrhunderts. Ernster gemeint war der darauf unter gleicher Maske erschienene Roman „Schloß Avalon" (3 Bde., Leipzig 1827), in dem der Verfasser gründliche geschichtliche Studien über die Floriaus revolutian niederlegte; doch ließ diese Arbeit, bei ihrem zu streng historisch gehaltenen Charakter, die größere deutsche Lesewelt kälter, obwol sie in den wiener Nachdrücken getrost als Scott'sche Roman wieder abgedruckt wurde. UnterH/s Novellen, die theils einzeln, theils in Taschenbüchern zerstreut erschienen, sind die erste und die letzte: „Die Schlacht bei Torgau" (Berlin 1823) und „Das Dampfschiff" (in der „Urania" für 1832) ohne Zweifel die originellem; „Die Geächteten", „Venus in Rom" und „Acerbi" die bedeutendem, und letztere wol nicht mit Unrecht vom Verfasser selbst als seine gelungenste Arbeit in Anspruch genommen. In der begonnenen Sammlung derselben, von der bis jetzt vier Bände herausgekommen (Berlin 1830 fg.), erscheinen sie streng durchgearbeitet und in sorgsamer Feile wieder; mehre davon sind in die nordischen Sprachen übersetzt. Weniger Glück machte H. mit theatralischen Arbeiten, von denen sich nur ein Lustspiel: „Der Prinz von Pisa", und ein Fastnachtsschwank: „Der verwunschene Schneidergeselle", einige Zeit auf der Bühne hielten. Dagegen richtete sich die Theilnahme des Publikums mit allgemeiner Anerkennung auf sein Talent als Novellist, und hier möchten wir sagen, daß er weniger originelle Schöpfungskraft der Phantasie als lebendig eigenthümliche Auffassung und Wiedergeburt des Empfangenen, we- Harleß 357 niger Feuer als Warme, weniger ursprüngliche Begeisterung als dauernde Liebe in seinen Darstellungen besitzt und gezeigt hat. Aber er ist Meister in der Beschreibung, die nur, wenigstens in seinen frühern Arbeiten, zuweilen etwas zu detaillirt ausfällt, und die glanzende Lebhaftigkeit seiner Darstellung, die Alles sehen, hören, fühlen laßt, geräth vielleicht mitunter nur in den einzigen Fehler, zu theatralisch und dramatisch angespannt zu sein. Seine lyrische Ader schlagt schwacher und reißt nicht hin durch Fülle der Empfindung; dagegen ist die humoristisch-ironische die stärkste und eigenthümlichste an ihm. Gedankenreichthum ist kein hervorragendes Element in seinen Novellen; wo er Gedanken auftreten laßt, erscheinen sie fast immer plastisch gestaltet und hier nicht selten scharf und tief eingehend, dagegen sie sich in seinen Raisonnements, wo er besonders das Streben blicken laßt, populair zu sein, leicht verflachen. Sein Styl ist lebendig, elegant, und ermangelt nur zuweilen der Gedrängtheit. Das Talent scharfer Wahrnehmung und anschaulicher Auffassung hat er an verschiedenartigen Gegenstanden in sciner„Herbstreise durch Skandinavien" (2 Bde.,Berlin 1828), welche er in Gesellschaft mit dem FranzosenAmpere 1827 unternahm, nicht minder bewahrt. Zu gleicher Zeit mit derselben erschienen die von ihm herausgegebenen „Wanderungen im Süden" (Berlin 1828), Schilderungen des französischen Lebens in den letzten Jahren unter Villele, besonders durch ein darin mitgetheiltes Reisebild: „Der stumme Bettler", beliebt. Sein neuestes Werk: „Cabanis", ein aufFamilientraditionen beruhen, er vaterlandischer Roman (6 Bde., Berlin 1832), der in Preußen und Sachsen zur Zeit des siebenjährigen Kriegs spielt, ist die Frucht einer vieljährigen Arbeitsamkeit und eines begeisterten Patriotismus. Es scheint immer H.'s Lieblingsgedanke gewesen zu sein, einmal Preußens Walter Scott zu werden, und wie weit ihm das gelungen oder gelingen wird, darüber muß die Stimme des Publicums entscheiden, die über diesen neuen Roman bis jetzt noch nicht geurtheilt hat. (47) Harleß (Johann Christian Friedrich), Professor der Medicin auf der Hochschule zu Bonn, Adjunct des Präsidiums der leopoldinisch-carolinischen Akademie der Naturforscher, wurde geboren zu Erlangen den 11. Inn. 1773, Sohn des Philologen Gottlieb Christoph H. Nachdem er durch tüchtige Lehrer vorbereitet war, bezog er die Universität seiner Vaterstadt, wo er sehr bald die medicinische Doctorwürde erhielt und 1796 außerordentlicher Professor der Medicin ward. Von 1801 — 3 bereiste er Italien und bildete sich vorzüglich unter dem berühmten Frank mehr aus. Nach seiner Rückkehr widmete er sich in Erlangen mit großem Eifer der Klinik und der Therapie, und hielt, nachdem er 1808 anhalt-bernburgischer geheimer Hofrath geworden war, bis 1818 Vorlesungen über Pathologie, Therapie und Geschichte der Medicin. Er folgte 1818 einem Rufe nach Bonn, wo er als Zierde der berühmten medicinischen Facultät lebt. H. war als Schriftsteller sehr fruchtbar und hat nach Hufeland die meisten ärztlichen Schriften verfaßt, von denen keine werthlos ist, viele für werthvoll und mehre für originell mit Recht gehalten werden. Außer seinem „Handbuch der ärztlichen Klinik" (3 Bde., Leipzig und Koblenz 1817 — 24), seinen Schriften über das gelbe Fieber und mehren geschätzten Monographien, unter welchen sich die Schrift: „Die Verdienste der Frauen um Naturwissenschaft, Gesundheits- und Heilkunde, sowie um Länder-, Völker- und Menschenkunde von ältester Zeit bis auf die neueste" (Göttingen 1830) auszeichnet, war er besonders auch durch die Herausgabe von Zeitschriften thätig, indem er allein die „Annalen der französischen, englischen, italienischen und holländischen Medicin und Chirurgie" (Nürnberg 1809 —14), die „Rheinischen Jahrbücher der Medicin und Chirurgie" (Bonn und Elberfeld 1819 24), die „Rheinisch-westfälischen Jahrbücher der deutschen Medicin und Chirurgie" (Hamm 1824 fg.), mit Hufeland und Schreger das „Journal der auslandischen medicinischen Literatur" (1802 — 3) und dessen Fortsetzung mit Hufe- 51 --' ^ 358 Harring land und Ritter (1804 — 8), und einige Zeit mit Hufeland das „Journal d« praktischen Heilkunde" besorgte. H. hat einen Schatz von Gelehrsamkeit, der ikn, > ^ bei einem trefflichen Gedächtniß augenblicklich zu Gebote steht, und wodurch ! Umgang ebenso belehrend als unterhaltend ist. (Z) ! Harring (Harro Paul), geboren am 28. Aug. 1798 zu Jbenshofbej Husum, der Sohn eines friesischen Gutsbesitzers, erhielt, da der Wohlstand sei- ^ ner Altern zerrüttet wurde, nur dürftigen Unterricht in seiner Heimath, und nach- > dem er einige Jahre beim Zollamt angestellt gewesen war, begab er sich nach Kr- ^ penhagen, um sich der Malerei zu widmen. Spater ging er nach Kiel und endlich nach Dresden, wo er 1819 die Kunstakademie besuchte, ohne jedoch wirkliches Talent oder auch nur technische Fertigkeit anzukündigen. Schon um jene Zeit beschäftigte er sich, durch äußere Einflüsse angeregt, mit poetischen Versuchen, die er unter dem Titel: „Blüten der Jugendjahre" und „Dichtungen" (beide zu Schleswig 1821), herausgab. H. hielt seinen Schriftstellerberuf für entschieden und gab die Beschäftigung mit der Kunst fast ganz auf, da er selber erkannte, daß er keine Anlage dazu hatte. Von einem unruhigen Triebe ergriffen und ohne ein festes Ziel im Auge zu haben, ohne eine sichere Grundlage geistiger Bildung, ging er 1820 nach Wien. Seitdem trieb er sich in einem bewegten Leben umher, dessen bunt wechselnde Erscheinungen er durch die Abenteuer, die er aufsuchte, herbeigeführt hat, und das er in seiner Biographie: „Rhonghar Jarr, Fahrten eines Friesen in Dänemark, Deutschland, Ungarn !c." (4 Bde., München 1828), beschreibt. Die Richtungen, die damals unter der deutschen Jugend vorwalteten, scheinen ihn nahe berührt zu haben und auf seine Lebensschicksale nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. Als er Ostreich verlassen hatte, ging er durch Franken und die Rheinlande nach Holland und kehrte endlich in seine Heimath zurück. Durch einen Gönner ward er wieder in Stand gesetzt, sich in Kopenhagen der Kunst zu widmen, verließ aber Danemark nach einiger Zeit, um nach Griechenland zu gehen. Mit mehren Philhellenen aus allen Nationen schiffte er in Marseille sich ein und landete bald in Morca, wo er sich in seinen Erwartungen ganzlich betrogen sah. Er kam aus Griechenland nach Rom, und der Umgang mit deutschen Künstlern führte ihn wieder zu Pinsel und Palette, bald aber wanderte er durch die Schweiz und Deutschland in sein Vaterland zurück. Wir finden ihn 1825 in München, wo er Erzählungen und dramatische Versuche herausgab, in welchen manche aus Griechenland und Italien mitgebrachte Anschauungen verarbeitet sind. In seinen Leistungen ließen sich Talent und die Gewandtheit der Darstellung, die das Ergebniß vieler Federproben ist, nicht verkennen, aber ebenso sichtbar war der Mangel einer sichern Kunstansicht und fester Geschmacksbildung, der sich besonders auch in der Hingebung an eine Manier, wie z. B. in „Serenaden und Phantasien", dem „Vorlaufer" der Fahrten des Friesen, in einer abstoßenden Nachahmung der Manier Heine's, kundgab. Nach dem Ausbruche des Kriegs zwischen Rußland und der Pforte nahm H. 1828 wieder den Wanderstab, um gegen die Türken zu fechten. In Warschau angekommen, sah er seine Hoffnung vereitelt unter dem polnischen Heere den Feldzug zu machen, und mußte als Estandartjunkcr im Garde-Lancierregiment dienen. Er kam 1830 nach Deutschland zurück. Seine Schrift: „Der Pole" (3 Bde., Baireuth 1831) und seine „Memoiren über Polen unter russischer Herrschaft" (2 Bde., Deutschland und Nürnberg 1831) schildern in manchen interessanten Zügen die Zustände der polnischen Hauptstadt kurz vor der Revolution. Er lebte in Leipzig, bis ihm 1831 der Aufenthalt in Sachsen untersagt ward, und da er auch in Baiern nicht verweilen durfte, so begab er sich im Sept. nach Strasburg, wo er Herausgeber der Zeitschrift: „Das constitu- tionnelle Deutschland", wurde. Er ging wieder über die deutsche Grenze, das hambacher Fest zu besuchen, fand es aber, um der bairischen Polizei zu W düilö' Hartig (Franz, Graf) Hartig (Georg Ludwig) i559 entgehen, nöthig, schnell wieder nach Frankreich zurückzukehren. Er lebt jetzt bei Nancy. Hartig (Franz, Graf), östreichischer Kämmerer, Geheimrath und Gouverneur in Mailand, Herr des Lehngutes Platt in Ostreich und der böhmischen Herrschaften Altaicha, Domaslowitz, Niemes und Wartenberg, ward am 5. Iun. 1789 geboren. Sein am 1. Mai 1797 verstorbener Vater, Graf Franz H., vermählt an Ekonore, Tochter des Eabinetsministers Grafen Colloredo, war einer der ausgezeichnetsten Diplomaten des wiener Hofes und Präsident der böhmischen Akademie der Wissenschaften, überhaupt ein warmer Freund der Literatur, ein Beförderer des Volksunterrichts und ein offener Gegner des Pfaffenthums und des Unwesens der geheimen Polizei. Noch zahlte der Sohn nicht acht Jahre, als der Vater starb. Er wurde mit vieler Sorgfalt erzogen und verrieth ungewöhnliche Talente, die er mit nicht geringerm Fleiße auszubilden bemüht war. Kaum 20 Jahre alt, vermählte er sich 1810 mit der Grasin Julie Gcundemann, aus einer Familie, die sich der besondern Gunst der Kaiserin Maria Ludovica von Este, dritten Gemahlin des Kaisers Franz, erfreute. Graf H. wurde 1815 Gubernialrath in Brünn, begann seine sinnvollen Arbeiten für das Landesbauwesen und für die ra- tionnelle Landwirthschaft, letztere nicht ohne freundliche Mitwirkung des als Berg- und Hüttenmann und als großartig experimmtirender Ökonom hoch verdienten Grasen Hugo Salm. Er wurde 1819 Hofrath und Referent der politischen Hofkanzlei unter dem ihm besonders gewogenen obersten Kanzler Grasen Saurau, und obgleich der in Ostreich taglich mehr um sich greifenden Partei der Intoleranz und der Verfinsterung verdachtig, als viel zu gemäßigt, wurde GrafH. 1825 Gouverneur von Jnneröstreich. Dort fand er an dem Erzherzoge Johann einen eifrigen Beistand in Allem, was geeignet war, die Verbreitung nützlicher Kenntnisse und neues Leben in den gesunkenen Erwerbszweigen des schönen Steiermarks und Un- terkärnthens zu fördern. Aber er fand auch einen nach Umstanden offenen oder heimlichen Gegner in dem Bischof des Landes, Roman Zängerle, ehemals Mönch in der schwäbischen Abtei Wiblingen. Doch waren alle Umtriebe der Obskuranten, denen meist auch die Mittel der geheimen Polizei zu Gebote stehen, fruchtlos gegen H.'s taglich neu bewahrtes Verdienst. Ihm wurde 1829 nach dem Tode des Grafen Strasoldo das nebst Gallizien schwierigste Gouvernement des öst- reichischen Kaiserstaats, jenes von Mailand zu Theil. Er steht demselben mit großer Gewandtheit und Mäßigung bis zu diesem Augenblicke vor, und hat in der öffentlichen Meinung und Stimmung bereits mancbe glückliche Veränderung hervorzubringen gewußt. (17) Hartig (Georg Ludwig), Staatsrath und Oberlandforstmeister zu Berlin, wurde am 2. Sept. 1764 zu Gladenbach unweit Marburg geboren, wo sein Vater als großherzoglich hessischer Forstmeister lebte. Aus einer Familie stammend, die mehre Generationen hinauf fast nur Forst - und Jagdbeamte zählte, widmete auch er sich von früher Jugend an dem Weidmannsleben, und nachdem er seit 1779 einige Jahre die Jägerei bei seines Vaters Bruder im Harz erlernt hatte, besuchte er die Universität Gießen, um eine wissenschaftliche Grundlage seines künftigen Berufs zu gewinnen. Er erhielt 1785 den Zutritt im Oberforftqmte zu Darm- stadt, wo er Gelegenheit hatte, sich mit den forstlichen Verwaltungsgeschäften bekannt zu machen, kam aber bereits 1786 als Forstmeister des Fürsten von Solms nach Hallgen in der Wetterau. Hier gründete er sein Forstlehrinstitut und begann seine schriftstellerische Laufbahn 1791 mit seiner „ Anweisung zur Holzzucht" wovon die siebente Auflage (Marburg 1817) erschienen ist. Als er 1797 Landforst- meister und Forstrath im Dienste des Fürsten von Oranien-Nassau geworden war, verpflanzte er seine Lehranstalt nach Dillenburg, auf welche der weite Wirkungskreis, den ihm die Leitung der Forst-und Jagdwirthschaft in ausgedehnten ICO Hartman» Waldungen eröffnete, und die kraftige Unterstützung, die seine Verbesserung- plane von der Regierung erhielten, einen so günstigen Einfluß hatten, daß hix Zahl der Zöglinge auf 5l) stieg, da besonders die belehrende Abschätzung der Forste I welche H. leitete, viele junge Leute und selbst Forstbeamte aus allen Gegenden ' Deutschlands nach Dillenburg zog. Er hatte hier 1806 sein „ Journal für das I Forst-, Jagd-und Fischereiwesen" begonnen, als die politischen Umwälzungen dem Fürsten von Oranien feine Besitzungen raubten, die mit dem Großherzogthum Berg vereinigt wurden. H. nahm einen Ruf des Königs von Würtemberg > an und ging als Oberforftrath nach Stuttgart, wo er auch seine Forstlehranstalt wieder eröffnete, die aber unter ungünstigen äußern Verhältnissen und bei den, Mangel wirksamer Unterstützung dort ebenso wenig gedieh, als H. selbst einen genügenden Spielraum für seinen Eifer und seine Thätigkeit fand. Er trat in einen desto ausgedehntem Wirkungskreis, als er 1811 die Stelle eines Oberlandforstmeisters im preußischen Staate annahm, und er hat sich seitdem um das preußische Forstwesen, das besonders in den neu erworbenen Landestheilcn sehr in Verfall gekommen war, große Verdienste erworben. Seine Forst- und Jagdlehranstalt setzte er in Verbindung mit der Universität zu Verlin in der Art fort, daß die Universitätslehrer die Hülfswissenschaften vortrugen und er bloß über Forst- und Jagdwiffenschaft Vorlesungen hielt, da die umfassenden Verwaltungsgeschafte seine Thätigkeit fast ganz in Anspruch nahmen. Er wurde 1830 zum Professor Honorarcus an der Universität zu Berlin ernannt. Außer den bereits genannten Werken hat sich H. um Forst - und Jagdkunde durch mehre Schriften verdient gemacht, unter welchen besonders 'auszuzeichnen sind: „Anleitung zur Taxation und Beschreibung der Forste" (Gießen 1791, vierte Auflage 1819, 4.); „Anleitung zur Forst- und Weidmannssprache" (Tübingen 1809, zweite Ausg. Stuttgart 1821); „Grundsätze der Forstdirection" (Hadamar 1803, zweite Auflage 1815); „Lehrbuch für Förster" (3 Bde., Tübingen 1807, siebente Auflage 18L7, und ins Böhmische und Polnische übersetzt); „Lehrbuch für Jäger" (2 Bde., Tübingen 1809, fünfte Auflage 1832); „Die Forstwissenschaft nach ihrem ganzen Umfange" (Berlin 1830). Durch sein „Forst- und Jagdarchiv", das von 181k — 26 (7 Bde., Leipzig und Stuttgart) erschien, hat er, wie durch seine übrigen Schriften, für die Verbreitung praktisch bewährter Grundsätze und Ersahrungen vielfach gewirkt. Hartmann (Anton Theodor), Consistorialrath und Professor der Theologie in Rostock, wurde am 25. Jun. 1774 zu Düsseldorf geboren, und nachdem er die Gymnasien zu Osr.abrück und Dortmund besucht hatte, ging er 1791, um sich der Theologie zu widmen, nach Göttingen, wo während seines Ausenthalts bis 1796 vorzüglich Eichhorn auf seine Bildung einwirkte. In seine Vaterstadt zurückgekehrt, lebte er einige Zeit als Privatlehrer, bis er 1797 die zweite Lehrstelle an dem Gymnasium zu Soest erhielt, die er 1799 mit der Stelle eines Prorectors am Gymnasium zu Herford vertauschte, wo er fünf Jahre blieb. Darauf ward er 1804 als Lehrer nach Oldenburg berufen, und kam endlich 1811 an Ziegler's Stelle nach Rostock. Er wurde 1815 Consistorialrath und 1818 Aufseher der Münzsammlung. Die Erstlingsfrucht seiner Forschungen in der Literatur des Morgenlandes war die Schrift: „Über die Ideale weiblicher Schönheit bei den Morgenländern" (Düsseldorf 1798), die jedoch kritische Bearbeitung des Gesammelten vermissen ließ. Ähnliche Beiträge zur Kunde des Morgenlandes, reifere Forschungen, folgten später, in den von ihm herausgegebenen „Aufklarungen über Asien für Bibelforscher" (Oldenburg 1806 fg.). Zu den von ihm übersetzten morgenländischen Märchen und Dichtungen, z. B. „Medschnun und Leila (2 Thle., Amsterdam 1808), gab er Erläuterungen über orientalische Sitte und Denkart. Eine historisch-kritische Beleuchtung der „1001 Nacht" lieferte er Hase (Karl) 361 Wt, ^ »Mihi» MG "> PwWi MOl im „Hermes", Bd. 30, 33 u. 34. In dem biographisch-literarischen Werke: „Oluf Gerhard Tychsen, oder Wanderungen durch die mannichfaltigsten Gebiete der biblisch-asiatischen Literatur" (2 Bde., Bremen 1818), gab er manche schatzbare Mitheilungen, wiewol einige seiner Urtheile über Tychsen's paläographische Forschungen ihm die schärft aber gründliche Rüge des berühmten Paläographen Kopp zuzogen. Für alttestamentliche Sprachforschung war H. zuerst in seiner „Erklärung des Propketen Micha" (Lemgo 1800) thalig, indem er die grammatischhistorische Auslegungsweise streng übte und viele lexikographische Erlauterungen, besonders aus arabischen Quellen, darbot. Seine Schrift: „Die Hebräerin am Putztische und als Braut" (3 Bde., Amsterdam 1809 —10), ist eine anziehende Frucht biblischer und orientalischer Forschungen, besonders in den Partien, wo die Quellen reichlich fließen. Die „Einleitung in das Studium der Bücher des Alten Testaments" (Bremen 1818) liefert Beiträge zu den hebräischen Wörterbüchern und gibt Aufklärungen des spätem hebräischen Sprachgebrauchs. In seinen „Historisch-kritischen Forschungen über die Bildung, das Zeitalter und den Plan der fünf Bücher Moses" (Rostock 1831) sucht er darzuthun, daß der größte Theil des Pentateuch erst nach Salomo's Tode verfaßt worden sei. Die Schrift: „Die enge Verbindung des Alten Testaments mit dem Neuen" (Hamburg 1831), leitet die religiösen Vorstellungsarten des Neuen Testaments aus den ältesten Urkunden des Judenthums ab. Schätzbar ist H.'s „Einleitung in das Buch Koheleth" (in Winer's „Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie", Bd. 1), und sein Aufsatz „Über Charakter und Auslegung des Hohenliedes" (ebendaselbst) erwirbt sich das Verdienst, die Geschichte der sinnbildlichen Auslegung desselben aus den ältesten Schriften aufzuklären. Als freisinniger Theolog machte sich H. schon früher durch seine Schrift: „Blicke in den Geist des Urchristenthums" (Düsseldorf 1802), bemerklich, und obgleich er über diese Jugendarbeit, die nicht mit der Gründlichkeit der Untersuchung und der Würde der Darstellung, welche der Gegenstand erfodert, geschrieben ist, selbst das Verdammungsurtheil ausgesprochen hat, so ist er doch der darin vorherrschenden Ansicht treu geblieben und hat fortdauernd für echten Protestantismus und Religiosität das Wort genommen. Hase (Karl), Professor zu Jena, wurde am 25. Aug. 1800 zu Steinbach im Fürstenthum Altcnburg geboren, wo sein Vater Pfarrer war, nach dessen frühem Tode er in Altenburg erzogen ward und das dortige Gymnasium von 1813 —18 besuchte. Er bezog darauf die Universität Leipzig, wo er bis 1820 blieb und sich nach langem Schwanken zwischen der Rechtswissenschaft und der Theologie endlich für diese entschied. Der rege wissenschaftliche und vaterländische Sinn, der zu jener Zeit unter der bessern deutschen Jugend erwacht war, ergriff auch H.'s Ge- müth, und seine thätige Theilnahme an der Burschenschaftsverbindung hatte die Folge, daß er bei den eingeleiteten Untersuchungen von der Hochschule verwiesen wurde. Seit 1821 studirte er in Erlangen, wo sich seine theologischen Ansichten befestigten. An dem Jünglingsbunde, der sich damals bildete, um den Geist, der in der burschenschaftlichen Verbindung lebte, auf einen größern Kreis auszudehnen, nahm auch H. Theil; wie fremd er aber jeder ungesetzlichen Richtung dieses Vereins war, bewies sein Austreten aus demselben, als er 1822 in Würzburg die stärkere überspannte Partei der Bundesglieder gegen die Grundsätze der Gemäßigten gestimmt fand. Er habilitirte sich 1823 zu Tübingen, die Untersuchungen aber gegen den Jünglingsbund brachten ihn nach siebenmonatlichec Haft auf die Festung Hohenasperg, wo er durch des Königs Wohlwollen eine ziemlich freie Lage genoß und bei wissenschaftlichen Arbeiten und in frohen geselligen Kreisen gegen fünf Monate lebte. Nach seiner Freilassung hielt er sich in Dresden auf und ging darauf nach Leipzig, wo er sich auf des ihm befreundeten Tzschirner's Antrieb 1828 habilitirte. Seine zahlreichen Schüler, die er durch seine geistreichen Vor- I ,, 362 Hase (Heinrich) Hasse träge und durch seinen Umgang anregte und bildete, sahen ihn ungern scheiden als er 1829 einen Ruf nach Jena annahm. Er machte darauf eine Reise über die Alpen, bis er 1830 sein Lehramt antrat. Sein eigenthümliches theologisches System hat er in seinen Schriften: „ Des alten Pfarrers Testament" (Tübingen 1824), „Lehrbuch der evangelischen Dogmatik" (Stuttgart 1825), „Gnosis" (3 Bde., Leipzig 1826 — 28), „Leben Jesu" (Leipzig 1829), niedergelegt, in welchen tiefes religiöses Gefühl und besonnene Forschung sich zeigen. Außer einigen anonymen Schriften ist vorzüglich seine Darstellung der Bewegungen in Sachsen, die er unter dem Titel: „ Sachsen und seine Hoffnungen, von Karl von Steinbach" (Leipzig 1830), herausgab, zu erwähnen, ein im Ganzen treuer Bericht von jenen Begebenheiten und eine unparteiliche und besonnene Erörterung der damaligen Verhältnisse. Hase (Heinrich), wurde zu Altenburg am 18. Jan. 1789 geboren, besuchte das dortige Gymnasium und nach Vollendung seiner akademischen Studien zu Jena und Leipzig lebte er von 1809 — 17 als Hauslehrer in Kurland. Auf einer wissenschaftlichen Reise durch Frankreich und Italien, die er im Aug. 1817 antrat, hielt er sich ein Jahr lang in Paris auf, wo ihn besonders die Vergleichung griechischer Handschriften mehrer Werke des Aristoteles u. A. in der königlichen Bibliothek beschäftigte. Von Paris ging er über Mailand und Florenz nach Rom, setzte hier bei einem si'ebenmonatlichen Aufenthalte seine Untersuchungen griechischer Handschriften in der Vaticana und in andern Bibliotheken fort, besuchte noch den elastischen Boden Neapels bis Pastum, trat sodann seinen Heimweg über Venedig an, wo er sich hauptsachlich mit Sammlung von Materialien zu einer Darstellung der Zeit des Cardinals Bessarion beschäftigte, wurde 1820 Jnspector des Antiken- und Münzcabinets zu Dresden und erhielt 1826 den Hofrathstitel. Seine literarische Thätigkeit begann er anonym durch mehre Aufsätze in der von Albers in Mie- tau herausgegebenen „Ruthenia". Mitthcilungen über ein Fragment von Euripides' „Phaethon" in der rescribirten Handschrift der Paulinischen Briefe der königi. Bi- ^ bliothek zu Paris, abgedruckt in Gail's „?llilologue", veranlagten die weitern Untersuchungen eines Burgeß und Immanuel Bekker. Aus den Studien über Aristoteles ist bis jetzt nichts hervorgegangen als eine Ausgabe von Excerpten aus Aspa- si'us' Commentar über Aristoteles' Ethik im „(llassicnl zournal". Seine Colla- tionen zu der „Poetik" hat Göttling bei seiner Ausgabe benutzt. Eine gedrängte Ausammenstellung aus dem beabsichtigten lateinischen Werke über Bessarion enthält Ersch's und Grubor's „Encyklopädie". Außer vielen gehaltvollen Aufsätze in Zeitschriften zeichnen wir ganz besonders aus seine „Nachweisungen'für Reisende in Italien, in Bezug aufOrtlichkeit, Alterthümer, Kunst und Wissenschaft" (Leipzig 1821); „Verzeichniß der alten und neuen Werke in Marmor und Bronze in den Sälen der Antikensammlun.g in Dresden" (Dresden 1826 und 1828). Mehre Vorträge an der Akademie der Künste zu Dresden über Kunstgeschichte, die ihm seit 1824 übertragen waren, veranlaßten die „Übersichtstafeln zur Geschichte der neuern Kunst von den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung an bis zu Rafael Sanzio's Tode" (Dresden 1827 fg.). Eine neue Anordnung des Münzcabinets und mannichfache damit zusammenhängende Arbeiten nahmen späterhin so viel Thätigkeit in Anspruch, daß zu größern literarischen Unternehmungen wenig Zeit übrig blieb. Inzwischen erschien noch „Elastische Alterthumskunde", erster und zweiter Band (Dresden 1828), und wir dürfen bei H.'s vielseitigen Kenntnissen und gründlichen Forschungen auch ferner aus thätige und kräftige Förderung der Wissenschaft rechnen. Hasse (Friedlich Christian August), Professor der historischen Hülfswisi senschaften zu Leipzig, wurde am 4. Jan. 1773 zu Rehfeld im ehemaligen wit- tenberger Kreise geboren, wo sein Vater, später nach Bockwitz versetzt, Prediger Hasse 363 war. Unter des Vaters Leitung zweckmäßig begründet, erhielt seine Schulbildung schon auf dem Lyceum zu Lübben durch den Rector Suttinger die Richtung für seinen spatem Lehrerberuf, indem er mit Basedow's, Campe's, Salzmann's und anderer Pädagogen Schriften bekannt gemacht und durch Ertheilung von Unterricht in der Methodik geübt wurde. Er bezog darauf 1791 die Universität Wittenberg, wo er, von dem hoch verdienten Conferenzminister von Einsiedel unterstützt, bis 1795 die Rechtswissenschaft in fortwährender Verbindung mit Philosophie und Geschichte studirte. Er war zwei Jahre Repetent gewesen und wollte eben in die praktische Laufbahn als Sachwalter eintreten, als ihn der Fürst von Schonburg-Waldenburg zum Lehrer seiner drei Söhne wählte, und er blieb in diesem Verhältnisse, bis er 1798 als Professor an das Cadettenhaus zu Dresden berufen wurde, das zu jener Zeit durch den General von Christian! und den Professor Pölitz in eine wahrhaft pädagogische Bildungs - und Lehranstalt umgeschaffen wurde. Der Gang seiner Studien nahm hier eine literarisch-encyklopädische Richtung, da er in mehren Fächern, hauptsächlich in Geographie und Statistik, Unterricht zu geben hatte. Seit 1803 zum ordentlichen Professor der Moral und Geschichte ernannt, bearbeitete er auch die Studien-und Lectionsentwürfe. An diesem blühenden, längere Zeit hindurch zu einer allgemeinen Studienanstalt erweiterten Institute erhielt H. d:-irch die nähere Verbindung mit ausgezeichneten Mannern, mit den Generalen von Christian«', von Emmerich und von Gersdorff, mit dem Professor Pölitz, Major Lehmann, dem Hofrath Böttiger, Studien- director des später (1814) mit dem Cadettenhause vereinigten Pageninstituts, besonders aber durch nähern Umgang mit talentvollen Zöglingen vielseitige Veranlassung zu seiner wissenschaftlichen und praktischen Fortbildung, wozu auch verschiedene Reisen in Deutschland während der Ferien beitrugen. Er machte 1805 eme größere Urlaubsreife mit der Familie des russischen Gesandten am spanischen Hofe, Grafen von Stroganoff, über Berlin, Hamburg, London und Lissabon nach Madrid und kehrte nach einem halbjährigen Aufenthalte in Spanien allein über Paris, wo er zwei Monate verweilte, im Oct. 1806 nach Dresden zurück. Bruchstücke aus seinem Taaebuche hat er in Kind's „Harfe", in Voß' „Zeiten", in der „Abendzeitung" (1806) und andern Zeitschriften mitgetheilt. In Dresden hielt er zwei Winter hindurch öffentliche historische Vorlesungen in französischer Sprache, die auch von den dort lebenden Fremden zahlreich besucht wurden. Als er 1825 von der Universität zu Leipzig einen Ruf als Professor der Geschichte erhielt, ward er nach der Entscheidung des verewigten Königs seiner Stelle am Cadettenhause nicht entlassen; drei Jahre später von der Universität noch einmal vorgeschlagen, erhielt er die Erlaubniß, sich ganz dem akademischen Berufe zu widmen. Seitdem er sein neues Lehramt im Oct. 1828 angetreten hat, hält er Vorlesungen über Statistik und einzelne historische Disciplinen, leitet historische Übungen und gibt Privatissima über die Geschichte der Friedensschlüsse in französischer Sprache. Wir nennen von seinen frühem Leistungen, außer einer Skizze von „Tharand und seinen Umgebungen " (Meißen 1801), vorzüglich „Dresden und die umliegende Gegend" (Pirna 1801, und zweite Aufl., 2 Bde., Dresden 1804), das erste Buch, das die früher mit geistloser Trockenheit behandelte Topographie der sächsischen Hauptstadt und ihrer Umgegend aus höhern statistischen Gesichtspunkten anziehend und belehrend darstellte. Als H. seine literarische Thätig- keit dem Gebiete der Geschichte zu widmen begann, lieferte er vorzügliche biographische Gemälde, unter welchen die Lebensgeschichten Moreau's (Dresden 1816) und Gerhard's von Kügelgen (Leipzig 1824) und mehre Beiträge zu Niemeyer's „Biograph" und den „Zeitgenossen" sich auszeichnen. Wie er hier besonders auf hervorragende Gestalten in der Zeitgeschichte seine Blicke richtete, so waren seine historischen Forschungen überhaupt der neuern Geschichte vorzugsweise zuge- 364 Hassel wendet, deren Betrachtung ihm auch die Idee zu dem Werke: „ Gestaltung Europas seit dem Ende des Mittelalters bis auf die neueste Zeit nach dem wiener Con- gresse" (erster Theil, Leipzig 1818), gegeben hat, das den glücklich ausgeführten Anfang einer historisch-statistischen Entwicklung der neuesten europäischen Zustande liefert, indem es den frühern Grund der bürgerlichen Gestaltung Europa in den Charakteren und in der geistigen Bildung der verschiedenen Völker und in ihrem Wechselleben unter einander aufsucht. Das Ergebniß einer gründlichen Forschung ist seine „Geschichte der Lombardei" (4 Tkeile, Dresden 1826 — 28), die zur „Historischen Taschenbibliothek" gehört. Für die Richtung seiner schriftstellerischen Wirksamkeit war von wichtigem Einflüsse die literarische und bald fortwährend freundschaftliche Verbindung mit einem um Deutschlands Literatur hoch verdienten Manne, dem Buchhändler Friedrich Arnold Brockhaus, für welchen er seit 1813 bei mehren literarischen Unternehmungen als Mitarbeiter thätig war. Nachdem H. bereits zahlreiche Beiträge zu dem von Brockhaus seit 1809 mit ebenso viel Einsicht als glücklichem Erfolg umgeschafsenen „Conoersations-Lexikon" geliefert hatte, übemahm er die Durchsicht des zweiten Abdrucks der fünften Auflage dieses Werks, der 1820 erschien, wie des dritten, der 1821 ausgegeben wurde. Die von Brockhaus 1822 begonnene „Neue Folge" des „Conversations-Lexikon" besorgte H. nach dem frühen Tode jenes ausgezeichneten Mannes (20. Aug. 1823) vom Buchstaben G an (1824 — 26), sowie er auch an der Vollendung der 1822 begonnenen sechsten Auflage des „Conversations-Lexikon" in zehn Bänden eifrigen Antheil nahm. Er erhielt gleichfalls die Redaction der gänzlich umgearbeiteten, mit der „Neuen Folge" verschmolzenen siebenten Auflage dieses Werks in zwölf Banden (1827—29) und die Durchsicht des zweiten Abdrucks derselben (1830), und so hat er für dieses Werk, hinsichtlich der äußern Gestaltung wie der innern Ausbildung, eine von der Verlagshandlung mit lautem Dank anerkannte Thälig- keit entwickelt, die wesentlich dazu beigetragen hat, dem „Conversations-Lexikon" den Ruf zu verschassen, den es in allen Landern deutscher Zunge und im fernsten Auslande genießt. Früher hatte er in Verein mit mehren Gelehrten die, von jenem Werke ganz unabhängige und nach einem ganz verschiedenen Plan angelegte „Taschenencyklopädie, oder Handbibliothek des Wissenswürdigen, in Hinsicht auf Natur und Kunst, Staat und Kirche, Wissenschaft und Sitte" (4 Bde., Leipzig 1816—20) herausgegeben. Die Redaction der „Zeitgenossen" besorgt er seit 1824. Zu mehren Zeitschriften, z. B. dem „Hermes", dem „Literarischen Con- versations-Blatt" und den „Blättern für literarische Unterhaltung", Luden's „Nemesis", lieferte er gehaltvolle Beiträge. Im Oct. 1830 ward ihm von der sächsischen Regierung die Redaction der „Leipziger Zeitung" und der „Leipziger Fama" übertragen, die er gemeinschaftlich mit 1>r. Gretschel seit dem 1. Jan. 1831 herausgibt. (72) Hassel (Johann Georg Heinrich) ward am 30. Dec. 1770 zu Wolfenbüttel geboren, wo sein Vater als braunschweigischer Consistorialrath lebte. Seine Familie stammt aus England und kam im 17. Jahrhundert nach Braunschweig. Auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt unterrichtet, bezog er 1789 die Universität Helmstedt, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen, besuchte aber mit größerer Theilnahme die Vorlesungen über Geschichte und Geographie. Als er 1792 die Prüfung gut bestanden hatte, fand er einen Gönner in dem damaligen braun- schweigischen Minister, nachherigen Fürsten Hardenberg, und ward im Residenzamte Wolfenbüttel angestellt. Er sammelte schon zu jener Zeit eifrig für Geschichte, Geographie und Statistik und gab in Verbindung mit dem Justizamtmann Bege zu Helmstedt eine „Geographisch - statistische Beschreibung der Fürstenthumcr Wolfenbüttel und Blankenburg" (2 Bde., Braunschweig 1802), h^aus, we- cher sein „Statistischer Umriß der sammtlichen europaischen Staaten" (2 Hefte, Hasse! 365 Braunschweig 1805, Fol.) folgte. Beide Schriften erhielten den Beifall des Herzogs von Braunschweig, der H. einen kleinen Gehalt bewilligte und ihm eine höhere Stelle gegeben haben würde, wenn nicht die Folgen der Schlacht bei Jena alle Verhältnisse zerrissen hatten. H. wollte sich ganzlich der literarischen Thätigkeit widmen und schlug einige vortheilhafte Berufungen auf auswärtige Universitäten aus. Er gab 1807 zu Nürnberg seinen „Statistischen Abriß des östreichischen Kaiserthums" und bald nachher einen „Statistischen Abriß des russischen Kaiserthums" (Nürnberg 1807) heraus. Nach einem kurzen Aufenthalt in Nürnberg ging H. nach Göttingen, wo er die Bibliothek benutzte, endlich aber auf Bertuch's Einladung nach Weimar, um bei den literarischen Unternehmungen des Jndustriecomptoirs mitzuwirken. Als der ehemalige braunschweigische Minister, Graf von Wolfradt, Minister des Innern im Königreich Westfalen wurde, rief er H. 1809 zu sich, übertrug ihm die Leitung des statistischen Bureaus und gab ihm bald nachher eine Anstellung im Departement des Unterrichts und des Cultus. H. fand in diesen Dienstverhältnissen vielfache Gelegenheit, wohlthätig zu wirken, und es gelang seinen Gegenvorstellungen, die Vereinigung der westfälischen Universitäten und des Pädagogiums zu Jlefeld mit Göttingen zu verhüten. Sein Rath galt in staatswirthschaftlichen Angelegenheiten viel, und trotz der herrschenden Finanznoth erlangte er die Ausführung mancher Verbesserung. Er schrieb, außer einen „Geographisch-statistischenAbriß des Königreichs Westfalen" (Weimar 1809), eine „Statistische Ubersicht der elf Departements Westfalens" (Braunschweig 1811, Fol.) und andere für westfälische Geschäftsmänner nützliche Hülfsmittel und gab in Verbindung mit Karl Murhard die Zeitschrift: „Westfalen unter Hieronymus Napoleon" (2 Bde., Braunschweig 1812) heraus. Nach der Auflösung des Königreichs Westfalen ward er von der braun- schweigischen Regierung zum Bevollmächtigten bei der Ausgleichung der westfälischen Centralangelegenheiten ernannt und 1815 nach Paris geschickt, das entführte braunschweigische Eigenthum zurückzufedern. Bei der Gewogenheit des Herzogs Friedrich Wilhelm, schien er eine dauernde Wiederanstellung in Braunschweig erwarten zu dürfen; durch einen feindseligen Einfluß aber wurde diese Hoffnung vereitelt, indem man dem Herzog die Meinung beibrachte, H. habe 1809 einen Aufsatz im „Westfälischen Moniteur" über den Rückzug des Herzogs geschrieben. Er ging 1810 nach Weimar, um für Bertuch's Verlag neue literarische Arbeiten auszuführen. Die bedeutendsten Früchte seiner Thätigkeit waren sein „Allgemeines europäisches Staats- und Adreßhandbuch für 1810" (4 Bände, Weimar 1817—18); „Allgemeines geographisch-statistisches Lexikon" (2 Bde., Weimar 1817 — 18); „Lehrbuch der Statistik der europäischen Staaten" (Weimar 1812), vielleicht das gehaltreichste seiner Werke; „Statistischer Umriß der sämmtlichen europäischen und der vornehmsten außereuropäischen Staaten" (3 Hefte, Weimar 1833 — 24, Fol.). Von 1824 — 29 gab er in Verbindung mit einigen Freunden den „Genealogisch-historisch-statistischen Al- manach" heraus. Für die periodische Schrift: „Länder- und Völkerkunde", lieferte er (1819) Beschreibungen von Frankreich, Hanover, Braunschweig und Oldenburg. Zu dem „Vollständigen Handbuche der neuesten Erdbeschreibung" (Weimar 1819 fg.) u. s. w., das er in Verbindung mit Gaspari, Cannabich und GutsMuths besorgte, gab er die bedeutendsten Beiträge. Seit Bertuch's Tode besorgte er die Herausgabe der „Geographischen Ephcmeriden". Schon früher ein thätiger Mitarbeiter an der von Ersch und Gruber gegründeten „Allgemeinen En- cyklopädie" übernahm er, als die Abtheilung dieses Werkes in drei Sektionen beschlossen war, in Verbindung mit dem Bibliothekar Wilhelm Müller die Besorgung der zweiten Sectio», die er nach Müller's Tode (1827) mit dem Kirchenrath Hoffmann in Jena thätig fortsetzte, bis er am 18. Jan. 1829 zu Weimar starb. 366 Hauch Hauff H. war ein Meister in seinem Fache, der Statistik, und bei einem großen Reichthum von Kenntnissen, besaß er eine seltene Leichtigkeit, das Angeeignete mit Kür;, ! und Bestimmtheit darzustellen, wenn ihn jene Leichtigkeit auch zuweilen zur Flüchtigkeit verleitet haben mag. Hauch (Johann Carsten von), öffentlicher Lehrer der Physik an der Akademie in Ssröe, geboren 1791, hat, außer einigen philosophischen und naturwissenschaftlichen Abhandlungen, mehre dramatische Dichtungen herausgegeben, Ein jugendliches Werk „Rosaura", lyrisches Drama, das eine reiche dichterische Phantasie verrieth, erschien 1817, vorzüglich aber war es sein Trauerspiel: „Ti- I berius, Roms Cäsar", das seinen Ruf gründete. Dieses Stück, nebst dem frühern episch-dramatischen Gedicht „Hamadryade", kündigte den wahren Dichter an, Beide, nebst drei Tragödien: „Bajazet", „Gregor Vll." und „Don Juan" erschienen 1828 — 30, und wurden vonH. selbst ins Deutsche übersetzt, doch sind diese Ubersetzungen bis jetzt noch nicht gedruckt. H.'s neueste dramatische Werke sind: „Den Babyloniske Taarnbygning i Mignature" (Der Thurmbau zu Babel), eine aristophanisch-polemische Komödie, und zwei Trauerspiele: „Karl den Femtes Död" (Der Tod Karl V.) und „Mastrichts Beleiring" (Die Belagerung Mastrichts, deutsch Leipzig 1833). H. besitzt eine gründliche Kenntniß der alten Literatur und kennt das menschliche Herz und die Leidenschaften; seine Diction ist kraftvoll, warm und höchst poetisch. Unter seinen Tragödien hat man vorzüglich „Tiberius" und „Gregor" ausgezeichnet, aber auch „Don Juan" zeigt uns un kraftig behandeltes Charakterbild. (4) Hau ff (Wilhelm), ward am 29. Nov. 1802 zu Stuttgart, wo sein Vater damals Regierungssecretair war, geboren und nach des Vaters Tode (1809) in der Mutter Hause zu Tübingen erzogen. Im hauslichen Kreise bildete sich seine Gabe, zu erzählen, von Außen nicht geahnt (denn der Knabe galt keineswegs für talentvoll), früh aus, und sein Hang zuGebilden der Phantasie nährte sich nicht nur aus modernen Romanen, sondern auch aus dem an alten Historienwerken reichen Büchersaaie des mütterlichen Großvaters, bei welchem sein alterer Bruder (der jetzige Redacteur des „Morgenblatts", vr. Hermann Hauff) erzogen wurde. Im Umgange des Letztem gewöhnte er sich früh daran, die gewonnenen Bilder im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst ward. H. wuroe zur Theologie bestimmt, 1810 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen und bezog 1820 die Universität Tübingen und das evangelische Se- Fn'nar. Aus dieser Zeit (1820 — 24) fanden sich Überbleibsel schriftstellerischer Vorübungen und lyrische, nicht besonders ausgezeichnete Versuche in seinem Nachlasse. Nach Vollendung seiner Studien ward er Hauslehrer zu Stuttgart bei dem jetzigen Kriegsminister Freiherrn von Hügel, und eröffnete seine schriftstellerische Laufbahn, zu der ihm die nöthige Muße blieb, mit dem „Märchenalmanach auf das Jahr 1826". Nirgends ist H. der Poesie fo auf die rechte Spur gekommen als in diesen Märchen, deren Stoff zwar meist entlehnt ist, die jedoch mit so freiem Phantasiespiele behandelt, und dabei durch die Darstellung so schön abgerundet sind, daß sie, obgleich weniger gekannt, doch unter seinen Werken obenan stehen. Auf sie folgten die „Mittheilungen aus den Memoiren des Satans" (Stuttgart 1826), ein mehr fragmentarisches Werk, auch reich an Phantasie und Darstellungskunst, in welchem sich überdies der Scherz, soweit das äußerlich Lächerliche seinen Gegenstand ausmacht, schon dichterischer zeigte. Der dadurch erworbene Ruf und das gesellige Leben, in welches er getreten, foderten ihn nun zu bequemern Darftellungen auf und so erschien fein berühmter „Mann im Monde" (Stuttgart 182/), ein Roman, der, als Original angelegt, unter den Fingerzeigen einiger Freunde un unter der Hand des Verfassers zu einer Caricatur der Clauren'schen Manier war, femer Meinung nach als Satire auf jenes Unwesen betrachtet werden sollte, von der Häuser 367 ^ ' Menge aber im Grunde, wie jedes andere Werk Clauren'scher Leichtigkeit und Lü- sternheit, verschlungen wurde. Der Name Clauren, der auf dem Titelblatte stand, ^ verwickelte den Verleger Franckh in einen Proceß, den derselbe verlor. Auf dieses Werk ließ H. eine ernstlicher gemeinte „Controverspredigt" (Stuttgart ^ 1827) gegen Clauren folgen. Im Übrigen wurde er immer mehr den Darstel- ^iir? lungen der modernen Welt zugeführt, wie der zweite Band der „Memoiren des sDi? Satans", aus welchen das Phantastische fast ganz verbannt ist, und seine Erzäh- Grtz lungen, unter welchen sich „Das Bild des Kaisers" auszeichnet, beweisen; doch l L suchte er mit richtigem Gefühl ein Gegenmittel gegen die Verflüchtigung seines Afiid Talents im historischen Roman und sein „Lichtenstein" (3 Bde., Stuttgart 1826), dessen angeblich schwäbische Sage jedoch eine Erfindung ist, zeichnet sich durch geschickte Benutzung der Zeitbegebenheiten, größtentheils wohl getroffenes Costume und Wahrheit einiger Charaktere (namentlich der schwabischen Bauern), sowie durch blühende Naturschilderung seines Vaterlandes aus, und ist reich an wahren Schönheiten im Einzelnen, sodaß von einem neuen historischen Roman, der in Tirol und der neuern Zeit spielen sollte, und mit dessen Entwurf er kurz vor seinem Lebensende beschäftigt war, Ausgezeichnetes erwartet werden durfte. Auch führte ihn die Poesie zu seinen Märchen zurück, von welchen noch zwei Jahrgänge erschienen. Von einer Reise nach Paris und durch Norddeutschland (1826) brachte er Bilder und Skizzen, von Ausgearbeitetem nur die nach Erfindung und Darstellung treffliche „Phantasie im bremer Rathskeller" (Stuttgart 1827) mit. Er übernahm nun die Redactkon des „Morgenblatts", aber bald unterlag er am 18. Nov. 1827 einer tückischen Nervenkrankheit. Wie besitzen seine sprechend ähnliche Büste vom Bildhauer Wagner, einem der besten Schüler Dannecker's, und seine Werke sind von G. Schwab (Stuttgart 1830 fg.) im Interesse der Witwe gesammelt worden. (43) Hauser (Kaspar). Es gibt vielleicht in Deutschland kein Dörfchen und in den benachbarten Ländern keine Stadt, worin nicht der Name dieses Findlings und etwas von seiner Lebensgeschichte bekannt wäre. Dieser weitverbreitete Ruf ist eine Folge theils der seltsamen, in schauerliche Dunkelheit gehüllten Begebenheiten und Verbrechen, die sich an seine Person knüpfen, theils der enthusiastischen Theilnahme, welche ihm viele ausgezeichnete Männer geschenkt haben. Wie immer, so hat auch im vorliegenden Falle die Wahrheit durch die Geschäftigkeit der Fama nichts gewonnen, vielmehr ist durch sie die Geschichte H.'s dergestalt verwirrt undent- stellt worden, daß es überhaupt, besonders ohne Kenntniß der bis jetzt geheim gehaltenen Untersuchungsverhandlungen, höchst schwierig bleibt, die wahrgenommenen Thatsachen von den bloß angegebenen oder vermutheten zu sichten, sich vom unbegründeten Glauben wie vom Zweifel gleich frei zu erhalten und selbst mit der größten Vorsicht und Unparteilichkeit bloß Wahres zu berichten. Dies soll jedoch in der folgenden Darstellung versucht werden. Es war am zweiten Psingstfesttage (26. Mai) 1828 Nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr, als ein auf dem Unschlittmarkte zu Nürnberg wohnender Bürger nicht weit von seinem Hause einen, als Bauernburschen gekleideten jungen Menschen gewahr wurde, der ihm durch die Haltung des Körpers und ein ungeschicktes Bemühen, sich vorwärts zu bewegen, auffiel. Er ging näher zu dem jungen Menschen, der ihm einen Brief, an den Rittmeister bei der vierten Escadron des sechsten Reiterregiments zu Nürnberg adrefsirt, entgegenhielt. Der Bürger führte den jungen Burschen in die Wohnung des bezeichneten Rittmeisters. Unterwegs suchte er ein Gespräch mit dem Fremdling anzuknüpfen, der aber nichts zu begreifen schien, jedoch auf die Frage: woher er komme? antwortete: „Von Regensburg"; auch am sogenannten neuen Thore in altbairischer Mundart die Bemerkung machte: dies sei gewiß erst neu erbaut worden, weil man es neues Thor <1 368 Haustr heiße. *) Beim Eintritt in die Wohnung äußerte er gegen den Bedienten, er wolle ein solcher Reiter werden, wie sein Vater gewesen. Auf alle Fragen erfolgte die nämliche Äußerung oder die: „Jh woais nit". Nachdem der Rittmeister gegen 8 Uhr nach Hause gekommen und nicht im Stande war, etwas über die Person und Herkunft des ihm Unbekannten durch Fragen herauszubringen, wurde dieser auf die Polizeiwachtstube geführt. Die hier anwesenden Unterbeamten und Polizcisti: baten bemühten sich gleichfalls vergebens mit Fragen über seinen Namen, Stand u. s. w., und man hielt ihn daher für einen Blödsinnigen oder Halbwilden, oder auch wol für einen feinen Betrüger, da er kindlich-kindisch wimmerte, nur kurze unverständliche Satze vorbrachte, gleichwol aber eine ihm dargereichte Feder geschickt zwischen die Finger nahm und in festen leserlichen Zügen auf einen Bogen Papier die Worte „Kaspar Hauser" schrieb, ohne jedoch auf Verlangen den Ort seiner Herkunft, oder sonst etwas beizufügen. H. war damals dem Ansehen nach 16— 17 Jahre alt; ein ganz dünner Flaum überzog Kinn und Lippen. Sein Körperbau untersetzt (44 bair. Fuß) und breitschulterig, zeigte ein vollkommenes Ebenmaß. Seine Haut war sehr weiß und fein; seine hellbraunen Haare krauselten sich in kleinen Locken; seine Glieder waren zart gebaut, die Hände klein und schön geformt, ebenso die Füße, welche keine Spur zeigten, daß früher ein Schuh sie beengt habe, vielmehr waren die Fußsohlen ohne Hornhaut, so weich, als das Innere einer Hand und mit frischen Blutblasen bedeckt. An beiden Armen zeigten sich die Narben der Impfung. Seine Gesichtsfarbe verrieth keine Kränklichkeit und seine bläulichen Augen waren klar. Beim Weinen verzerrte er widerlich den Mund, sein Lächeln aber war lieblich, wie bei einem Kinde. Auch sein Gang war dem eines Kindes ähnlich und wenn er mit ausgestreckten Schenkeln auf dem Boden saß, so war am Kniebug nicht die geringste Höhlung zu bemerken. H. zeigte gegen alle Speisen und Getränke, außer trockenem Brot und Wasser, heftigen Widerwillen. Schon der bloße Geruch der gewöhnlichen Speisen erregte ihm Schauder und ein wenig Wein, Bier, Fleisch und dgl. verursachte ihm Angstschweiß, Erbrechen oder Durchfall. Sein Sprechen beschränkte sich auf wenige Wörter oder Satze im altbairischen Dialekt, z, B. „Reuta währe, hoäm weisa, Bua (Bube), Roß" u. s. w.; er zeigte dabei eine große Un- bekanntschaft mit den gemeinsten Gegenstanden und den alltäglichsten Erscheinungen der Natur und Gleichgültigkeit gegen die gewöhnlichen Bequemlichkeiten und Bedürfnisse des Lebens. Außer den nothdürftigen bäuerlichen Kleidungsstücken hatte H. nichts bei oder an sich, was über seine Herkunft eine Vermuthung hätte geben können, als einen mit gelber Seide gefütterten Filzhut, worin das Bild der Stadt München war, ein Schnupftüchlein mit den Buchstaben K. H. roth gezeichnet und mehre geschriebene katholische Gebete, sowie geistliche Schriften mit den Druckorten : Altöttingen, Burghausen u. s. w. Der mitgebrachte Brief war also da- tirt: „von der Bayerschen Gränz daß Orte ist unbenannt 1828". Der — wahre oder simulirte — Briefsteller sagt darin, daß er ein armer Taglöhner und Vater von 10 Kindern sei; daß ihm der Knabe am 7. Oct. 1812 von seiner unbekannten Mutter gelegt worden; daß er denselben vor dem Landgerichte verheimlicht und keinen Schritt weit aus dem Hause gelassen habe, und dieser nicht wisse, wie das Haus oder der Wohnort des Pflegers heiße; daß der Knabe christlich erzogen wer- den, lesen und schreiben gelernt habe, auch geschickt und gelehrig sei und em Reiter zu werden wünsche, wie sein Vater einer gewesen; endlich, daß er ihn bei Nack aus seinem Hause fortgeführt und bis Neumark begleitet habe. In dem Briest tag ein, wie von der Mutter (mit lateinischen Buchstaben) geschriebener Zette, worin es heißt, daß sie ein armes Mägdlein, der Knabe am 3V. April 1812 geboren *) Uber diesen, keineswegs als Thatsache anzunehmenden Umstand ver^- wa» Feuerbach's unten angeführte Schrift. D- ^ccv. dB? z? Hauser 369 worden, sein Taufname Kaspar und sein Vater, ehemals ein Chevauxleger beim sechsten Regiment in Nürnberg, gestorben sei. H. wurde vom Magistrate zu Nürnberg als ein verwahrloster Junge von unbekannter Heimath behandelt und deshalb in polizeiliche Verwahrung gebracht. Er erhielt ein eignes Zimmer auf einem Thurme der Burg mit weiter, schöner Aussicht und eine sorgfältige Pflege vom Gefangenwärter, der ihn im Geheimen beobachtete. Er benahm sich hier wie ein Kind und brachte die meiste Zeit auf dem Boden sitzend im Spiel mit den vielen Kinderspielwaaren hin, welche ihm die Theilnahme der Nürnbergcrverschaffte. Am liebsten spielte er mit Pferdchen, die er mit Bandern schmückte und mit Brot zu füttern versuchte. Spater bezeigte er große Freude an Bildern und Kupferstichen, die er zumTheilnachzuzeichnen bemühtwar. Nichtminder machte ihm das Schreiben Vergnügen, worin er schon am ersten Morgen eine Probe seiner Gewandtheit ablegte, indem er ohne eine Vorschrift einen ganzen Bogen mit Buchstaben, Sylben und Wörtern, desgleichen mit den arabischen Ziffern in vollkommenerOrdnung, beschrieb. Im Umgange mit den vielen Personen, welche Neugierde oder Gutmüthigkeit fast stündlich zu ihm führten, lernte er zur allgemeinen Verwunderung bald so viel sprechen, um seine Gedanken nothdürftig auszudrücken, obwol seine Sprachverfuche ein so dürftiges, kindisches Wortgehäckfel bildeten, daß der Hörende Vieles nur vermuthen oder errathen mußte. Der Vorstand des Magistrats, Bürgermeister Binder, früher ein Justizbeamter von bewahrter Geschaftskenntniß, widmete der seltsamen Erscheinung seine besondere, sowol menschenfreundliche als amtliche Theilnahme. Er ließ H. fast taglich in sein Haus bringen, wo er in seiner würdigen, gemülhvollen Gattin eine zweite Mutter fand, die ihn jedoch nach Art zärtlicher Mütter etwas verwöhnt und ihm die Einbildung einer vornehmen Abkunft unabsichtlich erregt haben mag. Das Hauptbeslreben des Bürgermeisters ging dahin, durch vielfältiges Unterreden mit H. den Sch.eier so viel möglich zu lüften, der auf dem frühern Leben desselben lag. Dies glaubte er bald bewirkt zu haben, und er erließ bereits unterm 7. Jul. eine öffentliche Bekanntmachung, worin er das Leben und Leiden Kaspars schilderte und alle Behörden zur Mitwirkung behufs der nähern Ermittelung der an ihm verübten Verbrechen und ihrer Urheber aussoderte. Nach diesem Umlaufschrei-, den, welches überall die lebhafteste Sensation erregte und den Findling zu einem Gegenstände des höchsten Interesse im In- und Auslande machte, war derselbe von seiner Kindheit an in einem unterirdischen Behältnisse, von der Natur und allen Menschen ganz isolirt, bloß mit Brot und Wasser durch einen Mann aufgezogen worden, der sich ihm selbst nicht einmal zeigte, sondern ihn, während er im natürlichen oder durch Opiate bewirkten Schlafe lag, verpflegte, reinigte und ankleidete. Der unglückliche Knabe, bloß mit einem Hemde und hinten offenen Hosen bekleidet, harte in dem Kerker nicht einmal ausgestreckt liegen, darin nie einen Laut hören, nie die Sonne oder nur die Tageshelle sehen können und daher auch nicht den Unterschied zwischen Tag und Nacht erfahren. Er hatte keine andere Beschäftigung gehabt, als mit zwei hölzernen Pferden zu spielen. Einige Zeit vor der Wegführung nach Nürnberg hatte der Mann sich in dem Kerker öfters eingefunden und den Gefangenen durch Führung seiner Hand im Schreiben, sowie durch Aufheben der Füße im Gehen unterrichtet. Endlich hatte er ihn einmal auf die Schultern gelegt, zu dem Loche heraus einen Berg (oder eine Treppe) hinaufgetragen und sich mit ihm auf die Reife nach Nürnberg begeben. Von Allem, was H. unterwegs in die offenen Augen und Ohren gedrungen, oder er sonst empfunden, war nichts von ihm zu erfragen, das über die Gegend, aus welcher er gekommen, oder über die Richtung, Länge und Dauer des Wegs nur den geringsten Aufschlug hätte geben können; nur an unbedeutende, sich von selbst verstehende Dinge, erinnerte er sich. Nicht einmal das Gesicht des Mannes, nut welchem er in der Eonv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. Is. Z4 M W -- KV 370 Hauser letzten Zelt seiner Gefangenschaft öfters umging, hat er beschrieben und M ^ es, obwol es nicht vermummt war, nie angeblickt haben, weil es ihm verboten ! worden. Diese Erzählung, die unter den vorliegenden Umstanden nur eine hypothetische sein konnte und sollte, wurde als eine authentische aufgefaßt und die Quelle der vielen, im Publicum umlaufenden Vermuthungen und Gerüchte, nnch welchen H. bald die Frucht einer sündlichen oder verbotenen Liebe und der natürliche Sohn eines Geistlichen oder einer vornehmen ledigen Mutter, bald ein Fürstenkind oder das Opfer einer tückischen Erbschleicherei sein sollte. Es fehlte auch nicht an I Zweiflern, die in Allem nur einen groben oder feinen Betrug witterten; wozu das viele Dunkle, Lücken - und Rathselhafte der Geschichte überhaupt, und einzelne psychologische wie physiologische Widersprüche insbesondere, reichlichen Stoff darbieten. Am 18. Iul. 1828 wurde H. dem Professor Daumer zu Nürnberg zur Erziehung in seinem Hause anvertraut. Die Bildungsgeschichte des Knaben-Jünglmzs ist dadurch pädagogisch merkwürdig, daß seine ursprüngliche Wißbegierde und Beharrlichkeit, sein erstaunenswürdiges schnelles und zähes Gedächtniß, sowie dienichtmin- der bewundernswürdige Schärfe seiner Sinne, besonders des Gesichts und Geruchs, in dem Grade abnahmen, in welchem sich der Kreis seiner Kenntnisse erweiterte. Daß H. im Dämmerlichte scharf und weit Vesser als am hellen Tage sah; daß er sogar bei Nacht dunkle Farben von einander unterschied, kann nicht auffallen; dagegen erscheint es räthselhaft, daß er, der nie seine Fernsehkraft zu üben Gelegenheit gehabt hatte und deshalb die vor seinem Fenster ausgebreitete ferne Landschaft für einen buntbemalten Laden ansah, dennoch von der Höhe der Burg die Fensterreihm der über 3 — 4 Stunden entfernten Häuser zu zählen im Stande war. Die beste Anlage zeigte er zum Schreiben und Zeichnen und ein entschiedenes Talent zum Reiten, das er in unglaublich kurzer Zeit erlernte. Für Gegenstande des Glaubens, wie überhaupt für das Unkörperliche, Unsichtbare zeigte er wenig Sinn. Geistliche und Ärzte waren ihm besonders zuwider und in der Kirche war ihm unwohl und unheimlich. Seine Fortschritte waren im Ganzen gering und wurden zuletzt durch Kränklichkeit und einen Vorfall unterbrochen, der die ziemlich gesunkene Theilnahme der Bewohner Nürnbergs wie des Auslandes aufH Neue in hohem Grade aufregte. Am 17. Oct. (1829) Mittags bemerkte die Schwester des Professors Daumer zuerst auf der Treppe Blutflecken, sodann beim Abtritte im untern Hausgange einen Haufen geronnenen Bluts. Als Kaspar nicht zu Tische kam, ging die Mutter des Professors, Böses ahnend, ihn zu suchen. Sie fand an der Kellerthüre eine blutähnliche Feuchtigkeit und stieg in den mit Wasser gefüllten Keller hinab, wo sie in einem Winkel etwas Weißes schimmern sah. Es war H. selbst der wie todt dalag, das bleiche Gesicht mit Blut bedeckt. Dies kam aus einer schau fen Schnittwunde auf der Stirn, welche zwar weder lebensgefahrlich noch an sicb bedeutend war, jedoch dem Verwundeten heftige Paroxksmen zuzog. Nachdem er wieder zur Besinnung gekommen war, erzählteer, daß er, auf dem Abtritte sitzend, einen Mann mit g anz schwarzem Kopfe, den er für den Schlotfeger gehalten, heran- schleichen gesehen habe. Dieser Mann habe ihm, sowie er den Kopf hervorgestrcckt einen Schlag auf die Stirne gegeben, in Folge dessen er sogleich auf den Boden gc- stürzt sei. Nachdem er wieder zu sich gekommen, habe er zur Mutter seines Lehrer hinaufgewollt, sei aber in der Angst zuerst an seine Stube und sodann wieder >e Treppe hinunter an den Keller gekommen, in dem er sich verkrochen habe. Da darin befindliche kalte Wasser habe ihn anfangs zum bessern Bewußtsein 9^^' indessen habe er dieses nach einem Erbrechen wieder verloren. Mit Recht nahm dieser Vorfall die ausgezeichnetste Thätigkeit der Justiz- und Polizeibehörden' Anspruch und es wurde keine Mühe gespart, dem verborgenen Tbäter au, ' " ^ Spur zu kommen, den man bald nach der That, die Hände in einer Wasserkufe auf der Straße abwaschend, auch noch vier Tage spater in eleganter Kleidung gesehen haben will. Allein alle Nachforschungen blieben erfolglos und fügten zu den alten Rathseln nur noch neue schwierigere hinzu. Da man H. in der abgelegenen Wohnung seines bisherigen Lehrers nicht sicher genug hielt, so wurde er in das Haus des Magistratsraths Biberbach gebracht und durch zwei Polizeisoldaten fortwahrend bewacht. Diese hörten, nachdem er hier einige Monate gelebt hatte, einmal in seinem Zimmer einen Schuß fallen und sahen ihn, als sie hineinstürzten, auf dem Boden liegen, sodaß sie glaubten, er habe sich erschossen. In der That hatte er sich am Kopfe mit einem Kugelschusse aus einer Pistole verwundet, die an der Wand gehangt hatte und nach seiner Angabe losgegangen war, als er beim Herabholen eines Buchs einen Stuhl bestiegen, das Gleichgewicht verloren und das Gewehr angegriffen hatte, um sich zu halten. Dies war das letzte Ereigniß, welches bei dem Publicum Bestürzung verbreitete; Verwunderung hingegen erregte noch eine Unterredung H.'s mit dem von einer Reise nach Ungarn rückkehrendcn preußischen Lieutenant v. Pirch, bei welcher Er- sterer eine Kenntniß mehrer ungarischer Wörter verrieth. Man glaubte, hierdurch den Schleier des Geheimnisses gelüftet und eine Spur des Verbrechens in jenem fernen Lande gefunden zu haben. Es verbreiteten sich dieserhalb die wunderbarsten Gerüchte, die hier jedoch nicht naher erwähnt zu werden verdienen, weil keines derselben begründet oder verbürgt werden kann. Unter den vielen Fremden, welche den berühmten Findling zu sehen kamen, batte zuletzt H.'s Genius auch den Grafen Stanhope hinzugeführt, welcher ihn liebgewann und ihn als seinen Pflegesohn förmlich angenommen hat. Hierdurch ist der Unglückliche, der bei seinen geringen Fortschritten im Wissenschaftlichen und bei der unterbliebenen Erlernung eines Gewerbs sein künftiges Fortkommen vielleicht nicht gesichert gesehen hatte, jeder Sorge enthoben worden. (Die merkwürdige Erscheinung Kaspar Hauser's ist in Vorstehendem nach ihren Hauptzügen dargestellt worden. Je weniger bis jetzt über den Gang und die Ergebnisse der eingeleiteten Untersuchung bekannt geworden ist, so lange lückenvolle, ja widersprechende Darftellungen vorlagen, desto leichter konnte Zweifel und Unglaube erwachen. Der Erste, der an der Wahrheit der Geschichte zweifelte, war der Polizeirath Merkel in Berlin, der in seiner Schrift: „Kaspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger" (Berlin 1830), die berichteten Thatsachen bei seiner vorgefaßten Meinung, daß H. ein Betrüger sei, nicht unbefangen prüfen konnte. Diese Schrift stützt sich lediglich aus die frühern, theils mangelhaften, theils un- A. wahren Berichte, und auf öffentliche Bekanntmachungen, die zu einer Zeit geschrie- ^ den wurden, wo H. noch nicht im Stande war, eine bestimmte Einsicht in sein Schicksal zu veranlassen, und wo sich nur aus Bruchstücken ein Urtheil zusammen- stellen ließ. Ungefähr um dieselbe Zeit suchte der Eriminaldirector Hitzig zu Ber- I.A liu in seinen „Annalen der t«utschen und ausländischen Criminalrechtspflege (Heft 14) der Theilnahme des Pudlicums eine bestimmte Richtung zu geben und foderte ^ zu Geldbeiträgen auf, um die schwierigen Untersuchungen zu fördern. Seitdem hat Feuerbach die erste kritische und unparteiliche Zusammenstellung der bewährter thatsachen in seiner Schrift: „Kaspar Hauser, Beispieleines Verbrechens am Seelenleben" (Ansbach 1832), gegeben und, mit den Untersuchungsacten bekannt, den Zusammenhang der Geschichte so weit aufgeklärt, als das bis jetzt gewonnene Ergebniß gestattete, Amtspflicht und Vorsicht es erlaubten. Er hat besonders auch darauf hingewiesen, wie man früher Vermuthungen oder Schlüsse als Thatsachen aufgestellt habe, die von den Zweiflern benutzt worden sind, und er spricht sein Bedauern aus, daß man es gleich bei dem ersten Erscheinen Hauser's in Nürnberg an sorgfaltiger Beobachtung, aufmerksamer psychischer und körverlicher Pflege und 24* 372 Hausmann Haxo '' ' ' scharfer Untersuchung habe fehlen lassen, da durch diese Vernachlässigung manche der feinsten Fäden der geheimnißvollen Geschichte verloren gegangen sein mögen die sich später nicht wiederanknüpfen ließen. Hätte man zu jener Zeit genau be5 obachtet und die Ergebnisse bekannt gemacht, so würde es wahrscheinlich nicht Anlaß zu Verdächtigungen gegeben haben, die auf der andern Seite warme Verthei- digungen hervorriefen, wodurch unbefangene Erforschung ebenso sehr verhindert wurde. Die Versehen bei der ersten Untersuchung haben vielleicht auch aus die spätem Nachforschungen insofern nachtheilig gewirkt, als die Besorgmß, amtliche Personen zu compromittiren, Einfluß hatte. Über einige bei der Untersuchung wichtige Momente spricht Schmidt von Lübeck in der kleinen Schrift: „Über Kaspar Hauser" (Altona 1831). Daumer's „Mittheilungen über Kaspar Hauser" (2 Hefte, Nürnberg 1832) sind für die Erklärung mancher psychischen und physischen Eigenheiten schätzbar. Graf Stanhope hat H. nach Ansbach geschickt, um ihn weiter unterrichten und dann nach England bringen zu lassen. Dem Präsidenten von Feuerbach übergab er eine bedeutende Summe zur Förderung der Untersuchung und zur Verfolgung jeder Spur. D. Red.) Hausmann (Johann Friedrich Ludwig), Hofrath und Professor der Technologie und der Bergwerkswissenschaften zu Göttingen, wurde am 22. Febr. 1782 zu Hanover geboren, und nachdem er sich auf dem dortigen Gymnasium, auf dem (5oIIegsium (^arolinuin zu Braunschweig und auf der Universität zu Göt- tingen vorbereitet hatte, trat er als Auditor bei dem Bergamte zu Klausthal in den Staatsdienst. Er wurde darauf als Kammersecretair bei dem Berg - und Hüttendepartement der Kammer zu Braunschweig angestellt und befand sich aus einer derg - und hüttenmännischen Reise durch Skandinavien, als die Folgen der Schlacht bei Jena auch das Herzogthum Braunschweig in die Gewalt des Siegers brachte. Nach der Gründung des Königreichs Westfalen erhielt der ausgezeichnete junge Mann den wichtigen Posten eines Generalinfpectors der Berg-, Hütten- und Salzwerke im Finanzministerium zu Kassel, allein er zog es vor, ganz dm Wissenschaften zu leben und übernahm nach Beckmann's Tode dessen Lehramt, welches er besonders dadurch erweiterte, daß er nicht bloß über Technologie und Agronomie, sondern auch regelmäßig Vorlesungen über Mineralogie, Geognosie, Kristallographie, Bergwerkskunde im Allgemeinen und Eisenhüttenkunde hielt. Seine schriftstellerische Thätigkeit war besonders früher bedeutend und seine wichtigsten Schriften sind folgende: „Krystallographische Beiträge" (Braunschweig 1603); „ Entwurf zu einer Einleitung in die Oryktognosie" (Helmstedt 1505); „Entwurf eines Systems der unorganisirten Naturkörper" (Kassel 1809); „Handbuch der Mineralogie" (3 Bde., Göttingen 1813); „Norddeutsche Beiträge zur Berg - und Hüttenkunde" (4 Stück, Braunschweig 1806 — 10); „Reise durch Skandinavien" (5 Bde., Göttingen 1811 —18); „Untersuchungen über die Formen der leblosen Natur" (Göttingen 1821); „Umrisse nach dcr Natur" (Göttingen 1831), Ergebnisse seiner Reisen durch die Alpen, Italien, Spanien, England und Frankreich; „Über den gegenwärtigen Zustand und die Wichtigkeit des hanöverschen Harzes " (Göttingen 1832). Au den Commenta« lionen der Societät der Wissenschaften zu Göttingen lieferte er eine Reihe wichtiger Abhandlungen, von welchen mehre auch besonders abgedruckt sind, z. B. ,,U« urte kerri conliciontii veteruin" (1820); „De .4penninorum constitutione geognostica" (1823); „De coniectione vasorum aotiyuorum conlectiliuw, tjuae vuijzo etruscu uppelluotur " (1824); „De Dispuniae constitutione geog- «osticn" (1830). ^ (W Haxo (Francis Nicolas Benoit, Baron), geboren am 24. Iun. 1 "7 , der Sohn des während der Revolution in der Vendee, im Kampfe gegen gefallenen Divisionsgenerals Haxo, trat früh in Kriegsdienste und zeichnete st , TB MW' 18U! besonders 1809 bei der Belagerung von Saragoza auS, wo er ein Bataillon befehligte. Zum Obersten befördert, ward er im Sommer desselben Jahres nach Deutschland gerufen und bewährte in der Schlacht bei Wagram den Ruhm seiner Tapferkeit. Napoleon schickte ihn wieder nach Spanien, wo er zu dem Heere de» Generals Suchet kam, der Lerida belagerte. H. errichtete die Batterie, welche die Eroberung der Stadt entschied, und leistete im Jun. 1810 bei der Einnahme von Mequinenza wichtige Dienste. Bald nachher ernannte Napoleon ihn zum Brigadegeneral, rief ihn nach Frankreich zurück und machte ihn zu seinem Adjutanten. Er begleitete den Kaiser nach Rußland, zeigte große Kriegserfahrung in dem Tressen bei Mohilcw und wurde Divisionsgeneral. Im Jun. 1813 erhielt er den Auftrag, die Befestigungsarbeiten zu leiten, die Napoleon um Hainburg anlegen ließ. Einige Zeit nachher ward er mit Vandamme gefangen, dem er Befehle vom Kaiser überbracht hatte. Als er 1814 nach Frankreich zurückkehrte erhielt er von Ludwig XVIII. den Ludwigsorden und wurde Commandeur der Ehrenlegion. Zu Anfange des Jahres 1815 stellte ihn der König an die Spitze de« Jngenieurcorps der königlichen Garde; nach Napoleons Rückkehr ging H. zu ihm Uder und focht bei Waterloo. Als er sich mit den Überresten des Heeres hinter die Loire zurückgezogen hatte, ward er mit den Generalen Gerard und Kellermann zu Ende des Jul. nach Paris geschickt, um von der Regierung zu verlangen, daß das Heer vereinigt bleiben sollte, so lange fremde Kriegsvölker auf Frankreichs Boden wären, daß kein Beamter in der Verwaltung oder im Heere abgesetzt und Niemand wegen seiner Meinungen beunruhigt werden sollte. H. kehrte zu dem Heere mit der Nachricht von der erfolglosen Sendung zurück und begab sich bald nachher wieder nach Paris, wo er von Neuem angestellt ward. Er war Mitglied des Kriegsraths, der über den General Lefebvre-DesnouettcS richten mußte, und stimmte für den Tod seines alten Waffenbruders. Spater ward er Gc- neralinspector der Ingenieurs. Er hat in Frankreich den Ruhm deS ausgezeichnetsten Jngenieurofsiziers, besonders in Beziehung auf die Leitung einer Belagerung und die Kenntniß der wirksamsten Angrisssmittel, wahrend in der Theorie der Beftsiigungskunst Valaze und Bernard ihm vorgezogen werden. Im Nov. 183Z erhielt er die Leitung der Belagerung von Antwerpen unter dem Marschall Girard. Hazlitt (William), der Sohn eines Geistlichen von der Glaubenspartei der Unitarier in Shropshire, widmete sich in seiner Jugend der Malerei und hatte nicht unbedeutende Fortschritte in der Kunst gemacht, als er den Pinsel mit der Feder vertauschte. Die ganze Richtung seines Geistes war mehr kritisch als schöpferisch; er konnte seine Ideen nicht zu seinereignen Befriedigung darstellen, und statt die Kunst auszuüben, verlor er sich in Erörterungen über die Grundsatze derselben. Diese eigenthümlichc Gcistesrichtung zeigte sich in der ersten Schrift, mit welcher er auftrat, einem metaphysischen Versuch über die Grundsatze deS menschlichen Handelns. In der ersten Zeit seiner schriftstellerischen Laufdahn war er Berichterstatter über die Parlaments- und Gerichtsverhandlungen für die Zeitungen, und stand 1808 besonders mit Perry, dem Herausgeber des ckronicle", in Verbindung, entzweite sich aber endlich mit ihm, weil er in seinen politischen Grundsätzen mehr ein Radikaler als ein Whig war. Diese Beschäfti- gungen gaben ihm wahrscheinlich den Gedanken zu dem Werke: „3^ e!oc;uence ot tke britisk Lenste" (London 1808), worin er eine Auswahl der besten Parlamentsreden von Karl I. Regierung bis auf die neuesten Zeiten, mit biographischen, kritischen und erklärenden Anmerkungen gab. Eine neue englische Sprachlehre, die er 1810 herausgab, hatte das Verdienst, die geistreichen Ansichten deS trefflichen Hörne Tooke und anderer gründlichen Sprachforscher zuerst dem größern Publicum und den Schulmannern zugänglich zu machen. Seine literarische Thä- 374 Heber tigkeit war seitdem hauptsachlich den Zeitschriften gewidmet, für welche er über ! litik, Theater und bildende Kunst schrieb. Die meisten dieser zerstreuten Aussätze sammelte er spater, wie in „l'üe ronnck tadle" (2 Bde., London 1817), ^ die politische Wochenschrift „Iba exsminer", welche er mit Leigh Hunt herausgab, geschriebenen Aufsatze, und andere in seinen „?o!itica1 essa^s snä sketcbez ot'public ckaracters". Seine dramaturgischen Ansichten legte er besonders auch in seiner Schrift: „Otiaracters ok Sbakspeare's pla^s" (London 1817) dar, ohne jedoch, bei manchem feinen Blicke, die Tiefe des Dichters zu ergründen. H. war zu bequem, als daß seine Schrift: ,/1Ae literature ol tke LIi-abettian age" dem gründlichen Forscher hatte genügen können. Der immer herbe und bitten Kritiker verleugnete sich auch in dem „View «k tbe british stage" (London .1818) nicht. Seine Vorlesungen über die englischen Dichter, die er 1818 in der 8urre^ Institution hielt und unter dem Titel: „I,ectures on tbc british p»etz" herausgab, sind bei manchen feinen Urtheilen, an welchen nur die Kritiker von der alten Schule Anstoß nahmen, nicht frei von schielenden Ansichten und Zierereien. Weit sorafaltiger und gründlicher sind seine, in verschiedenen Sammlungen zerstreuten kritischen Aussatze über Gegenstande der bildenden Kunst, und seine Schrift über die britischen Kunstsammlungen. Da war er des Stoffes vollkommen mächtig. Zu seinen gelesensten Schriften gehören „Ibe tadle talk", „Ilm spirit ottbe age" (London 1825) und,,'ltre plaiu Speaker". Sein umfassendstes Werk und i am sorgfaltigsten gearbeitet, ist„'1Ae lite ofKapoIeou"(4 Bde., London 1828 fg.), zwar ebenso wenig als Walter Scotr's Buch, mit welchem es in Opposition trat, von Parteisucht frei, und mehr raisonnirend als erzählend, aber ein achtbares Denkmal seines gewandten und kräftigen Geistes. Seine letzte Schrift: „Oonversations oklainesNortcotbe" (London 1880), enthält anziehende Unterhaltungen über Literatur und Kunst mit einem der geehrtesten britischen Künstler, reich an trefflichen Bemerkungen. H. verrieth in all seinen Schriften den Mangel eines gründlichen Studiums. Er war in einem beschränkten Kreise von Ideen befangen, an welchen er hartnäckig festhielt, und die er, um fremde Forschungen fast ganz unbekümmert, aber durch ungemeinen Scharfsinn unterstützt, immer nur umbildend wieder hervorrief. Bei seiner geistigen Abgeschiedenheit, bücherscheu, war er für eigentliche gelehrte Arbeiten wenig passend, aber da die Noch ihn zum Schreiben zwang, so ward er, indem er alten Stoff neu zu gestalten suchte, oft überspannt und unverständlich. Er hat Dinge geschrieben, die den Träumen einer verstörten Phantasie gleichen. Wich er in seinen geistigen Strebungen von der ausgetretenen Bahn ab, stieß er besonders auch durch seine politischen Grundsätze bei einer mächtigen Partei an, so gab er seinen Gegnern durch manche anstößige Verkehrtheiten im Leben begierig benutzte Blößen. Die Ungerechtigkeit, mit welcher besonders einige Toryzeitschriften ihn behandelten, verwundete ihn, und als er einmal, wie er selber sagte, in Hader mit der Welt war (at teuä witb tbe worlä), wurde der sonst so milde, ja kindliche Mann zu einer bittern Empfindlichkeit aufgereizt, welche die Ruhe seines Urtheils störte. Er starb am 18. Sept. 1830 zu London. Heber (Reginald), Bischof von Calcutta, gehört zu den wohlthuenden Gestirnen des Jahrhunderts, wie sie in einer Zeit selbstsüchtiger Genügsamkeit oder eiteln Strebens nach gemüthloser Größe selten sind. Ein Menschenfreund im schönsten Sinne des Wortes, ein achtbarer Dichter und Schriftsteller seines Vaterlandes, hat er auch als Geistlicher bewiesen, daß unter den erstarrten Formen und Misbräuchen der englischen Episkopalkirche ein Geist wie er erstar- ken und, das wahre Christenthum pflegend, seinem Stande die höchste Achtung erwerben könne. Geboren am 21. April 1783 in Porkshire, wo seiner angesch^ nen Familie mehre einträgliche Pfründen grundherrlich oder lehnsrechtlich zustan- Heber 375 den verrieth schon der Knabe den Fleiß, die Besonnenheit, Milde und Lcrnbe- gie/, welche den Mann auszeichneten. Es wird erzahlt, daß ihm die Mutter die Banknoten in der Tasche festnahte, damit er sie nicht jedem Bittenden Hingabe. Als siebenjähriger Knabe übersetzte er die Fabeln des Phädrus in englische Verse, und oft, um nicht vom Schlafe beim Studiren übermannt zu werden, umwickelte er den Kopf mit nassen Tüchern. Auf der Universität in Oxford erwarb er 1803 einen Preis durch sein religiöses Gedicht „Palästina", welches, bald in ganz England beliebt, in die wälische Sprache übersetzt und als Oratorium componirt, jetzt bei vielen ernsten Feierlichkeiten in England aufgeführt wird. Schon mit großem Ruf und den glänzendsten Aussichten machte er 1805 und 1806 eine Reise durch Schweden, Norwegen, Finnland, Rußland und Deutschland, soweit Napoleons Herrschaft dies den Engländern damals vergönnte. Er brachte viel schätzenswerthe Bemerkungen über die russische Geistlichkeit mit, Material zu einer Geschichte der Kosacken, die herkömmlichen englischen Vorurteile über deutsche Universitäten, aber Liebe für die deutsche Sprache, in der er sich selbst viel geübt, wie der curiose Versuch, in deutschen Hexametern einen Freund zum Essen einzuladen, beweist, wovon hier, der Seltenheit wegen, eine Probe: Aber ich muß dir sagen, daß kein ausländisches Essen Gebe ich dir; mit Schinkengeschmack die sauere Kräuter Nicht die herrliche Fischer, die kostbare Suppe des Sterlet Oder mit salzem Butler den Barsch, den Wassergekochren. Und ach leider des Armuths! den guten vortrefflichen Rheinwein Hier bekommest du nicht aus grünen Gläser getrunken; Und das dickes Bü'r, was liebt der durstige Deutscher! Hier sind bloß Kartoffeln und nur ein gewältiges Beefsteak u. s. w. Seine deutsche Poesie, sieht man, muß Voß zum Vorbild gehabt haben, wie seine englische Walter Scott. Dem reichbegabten Jünglinge standen die Pfründen seiner Familie offen. Mit mehr Ernst und Beruf als meist die englischen Pa- tronatsherren und Pfarrer und mit patriarchalischer Hingebung zu seinen Pfarr- kindern, verwaltete er von 1807 — 22 das Pfarramt zu Hodnet in Shropshire. Bekannt in jeder Hütte, mit jedem Kinde, Allen ein thätiger Rather, war er in ganz England als aufrichtiger und milder Kämpfer für den Glauben und seine Kirche, als Dichter von Kirchenliedern, als Forscher in der Schrift, als Historiker geschätzt, als er den Ruf zum Bisthum Calcutta erhielt, mehr ehrenhalber, als weil man glaubte, daß er, der zu den höchsten Stellen in England berufen schien, ihn annehmen würde. Die ihn beriefen, baten ihn selbst fast dringend doch nicht zu gehen in das „mörderische Tropenland". Aber H., der schon früher erklärt, „wenn ihm der Herr nicht einen andern Wirkungskreis angewiesen und er nur auf sich allein Rücksicht zu nehmen hätte, würde er sich fröhlich dem Zuge der Märtyrer (Missionare) anschließen", sah dies als einen göttlichen Ruf an, und von einer tresslichen Gattin in seinem Entschluß bestärkt, sagte er allem Comfort, allen Ehren im Vaterlande Lebewohl und segelte, nachdem er von seiner Gemeinde in einem rührenden Hirtenbriefe, der als ein Muster gilt, Abschied genommen, 1823 nach Indien. Sein kurzer Aufenthalt daselbst, seine beiden ungeheuer» Visitationsreisen durch das mächtige Reich, die Nachrichten, die er davon in seinen Briefen und Tagebüchern hinterlassen, und der Tod, den er dabei mitten im angestrengten Berufe fand, haben ihm seinen europaischen Namen verschafft. Ausgerüstet mit Liebe und Beharrlichkeit zu dem großen Werke, mit möglichster Kenntniß der orientalischen Sprachen und aller der Pracht, welche seine Stellung, gemäß den Vorstellungen der morgenländischen Völker, foderte, trat er im Jun. 1824 die erste Reise an. Nachdem er die westlichen flachen Theile Bengalens bis Dhaka besucht, schiffte der christliche Bischof auf einem Fahrzeug, 376 Hecker - von Mohammedanern gesteuert, den heiligen Gangesstrom hinauf, besuchte das Gebirgsvolk der Puharri, sah das alte Patna und das uralt heilige Benares. Vo„ ! Allahabad wandte er sich nördlich abwärts vom Ganges in das den Britten v», Kündete Königreich Oudh und drang bis Almorah, der äußersten britischen Besitzung, wo er die eisbsdeckten Gipfel des Himalaya, denen nichts auf Erden gleicht, in ihrer majestätischen Schönheit erblickte. Von hier sich wieder südwärts wendend, besuchte er die Kaiserstadt Delhi und durch die Staaten von Radschputana über Jugerit nach Bombay reisend, schiffte er sich hier (im Aug. 1825) nach Ceylon ein. Kaum von dieser heiligen Insel in Calcutta wieder angelangt, treibt sein rastloser Eifer ihn zur zweiten Visitationsreise nach der Küste von Coroman- del, wo er, in Tritschinopoly, am 3. April 1826 sein wirkungsreiches Leben beschließt. Man fand ihn todt im Bade. Wo er erschien, bei Hindus, Moslems und Christen kam H. als Bote des Friedens und der Versöhnung; Liebe, An« hänglichkeit, Begeisterung folgte dem edeln Menschenfreunde. Für das Christenthum in Indien hoffte er nur etwas durch Ausdehnung des Schulunterrichts, nicht durch Zelotismus der Missionare; er suchte die bengalische Kirche mit der altorien- talischen Christenkirche in Verbindung zu bringen, wohingegen auch dieser ausgezeichnete Mann sich nicht von dem alten Vorurtheil der Episkopalen gegen die presbyterianischen Sekten ganz frei zu machen wußte. Ungemein war die Trauer um seinen Tod; Trauerflaggen, Kanonenschüsse, Collecten zu milden Stiftungen, Statuen u. s. w. haben sie documentirt. „ Reginald Heber's Name", sagt ein Engländer, „nimmt eine Stelle unter denen ein, deren Canonisation in früherer Zeit von der allgemeinen Stimme gefodert wäre." Der Sektengeist schwieg in seiner Bewunderung. Seine Nachrichten über den gegenwärtigen Austand des Wunderlandes Indien werden lange eine Quelle und ein Muster bleiben, wie ein englischer Reisebeschreiber beschreiben sollte. S. „^urrutive ofusOurlle^ttIrougil tke upper provinces of luciiu" (2 Bde., London 1828). H. hat unstreitig ein tief poetisches Gemüth. Auch als Skizzenzeichner hat er Verdienste und besonders das eine, uns fern liegende, kaum von Europäern berührte Gegenden vor Augen gebracht zu haben. Kaum begreift man, wie der von seinen Berufsgeschästen überladene Reisende noch so viel Zeit und Munterkeit haben konnte zu einem solchen Tagebuche. Freilich erdrückte ihn auch die Arbeit. Ihr unterlagen auch beide nach H. dorthin gesandte Bischöfe. Seine Witwe gab seine Lebensgeschichte („Dke Icke ol Rexinall! Heber" (2 Bde., London 1830,4.), mit Auszügen aus seinem Briefwechsel und dem Tagebuch seiner Reise durch Norwegen, Schweden, Rußland und Deutschland heraus. Über sein Leben und seine Reisen durch Indien siehe die umfassende Zusammenstellung in dem empfehlenswerthen Werke: „Reginald Heber's Leben und Nachrichten über Indien, nebst einem Abrisse der Geschichte des Chriftenthums in Indien von Friede. Krohn" (2 Bde., Berlin 1831). Inder Kirche zu Hodnet ward ihm 1829 ein Denkmal gesetzt. (9),. Hecker (Justus Friedrich Karl), Professor der Medicin an der Universität zu Berlin und Mitglied der Ober- Examinationscommission daselbst, wurde 1>9v zu Erfurt geboren, Sohn des Professors August Friedrich H. zu Berlin. H. studirte Medicin zu Berlin, wo er 1817 promovirte und sogleich Privatdocent ward und 1822 die Professur der Medicin erhielt. Er hat seine ausgezeichnete Thätigkeit wie sein Studium vorzüglich der Theorie und der Geschichte der Medu ein zugewendet, in welchen beiden Fächern er Vorzügliches leistet. Der „Geschichte der Heilkunde", die H. begonnen und von der zwei Bände erschienen sind, erfuhr von einer gewissen Partei mit Unrecht große Anfechtung; sie zeichnet sich durch gründliches Studium der Quellen und durch eine beredte Darstellung aus, und wir nach ihrer Vollendung eine Zierde der deutschen medicinischen Literatur sein. Dun« Herausgabe seiner medicinischen „ Annalen", die sich durch Mündliche und gelehr e Hedouln Hegel 377 M«,W» gl»' «S^ Kritiken gleich bei ihrem ersten Erscheinen bemerklich machten, übt H. einen wohl- thätigen Einfluß auf die medicinische Literatur unserer Tage, und in den letzten beiden Jahren hat er mit einer eigenthümlichen Kraft das durch die Cholera erschütterte und erschreckte europäische Geschlecht durch geschichtliche Erinnerungen an die Seuchen früherer Jahrhunderte, durch die Schrift: „Der schwarze Tod im 14. Jahrhundert" (Berlin 1832), ermuthigt und gestärkt. Auch seine neueste Leistung: „Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter" (Berlin 1832), ist ein schatzbarer Beitrag zur Geschichte der Medicin. Allgemein humane Bildung, Bestimmtheit des Urtheils über die Wissenschaft und das Leben, Kenntnisse der neuen wie der altern Sprachen, sind Eigenschaften, die H. auszeichnen. (2) Hedouin (Charles Francis), Botaniker, geboren zu Paris am 25. Marz 1761, starb am 15. Aug. 1826 in dem Gehölz von Vincennes, wo er eben herborisirte. Er hatte fortwahrend obrigkeitliche Ämter bekleidet, aber alle freie Stunden der Naturgeschichte und der Älterthumskunde gewidmet. Unter seinen hinterlassenen Handschriften fand man ein „Veni mecum (lu naturaliste", das mit ebenso viel Urtheilskraft als Geschmack abgefaßt ist; ferner Denkschriften „8ur les fossiles cke (ZriAnon", „8ur nn treäeinonstmenx etc." und eine „?Iore ein doi» cke Loulogme". Das schatzbare Cabinet dieses geachteten Naturforschers ist verkauft worden. Sein trefflich geordnetes Herbarium von 26 großen Banden befindet sich nebst mehren Sammlungen von Insekten und Schmetterlingen im Besitze der Witwe. S. die „Police es werden damit die Punkte bemerklich, in denen er von Schölling abweicht. Es wird nämlich hier die wahre Gestalt der Wahrheit in die Wissenschaftlichkeit ge- setzt, oder, was Dasselbe ist, behauptet, sie habe an dem Begriffe allein das Element ihrer Existenz, und hinzugefügt, dies stehe im Widerspruche mit der Ansicht, welche das Wahre, das Absolute, nur in der Anschauung oder dem Gefühl findet, nicht in dem Begriff. Nach Schelling ist aber die intellektuelle Anschauung das Organ für das Absolute. Biv jetzt sei zwar der Begriff des Absoluten ausgesprochen, aber nur noch als unmittelbarer, d. h. als das noch in seine Einfachheit verhüllte Ganze, welchem die Ausbreitung und Besondcrung des Inhalts, sowie die ausgebildete Form fehlt, ohne welche die Wissenschast auch immer der allgemeinen Verständlichkeit entbehren muß. Jenen versinkt Alles in den Ad- ^ grund des Absoluten, worin Alles Eins ist und wie in der Nacht die Besonderheit der Individualität vernichtet. Die lebendige Substanz ist das Sein, welches in Wahrheit Subject ist, oder wirklich nur insofern, als sie die Bewegung des Sichselbstsetzens, oder die Vermittelung des Sichanderswerdcns mit sich selbst ist, d. h. sich entzweit, sich dadurch negirt, aber in der Negativität sich sclbster- halt und wiederherstellt, sodaß es erst in seiner Entwicklung sich vollendet und erst am Ende ist, was es in Wahrheit ist. So ist der Embryo wol an sich Mensch, aber nicht für sich. Für sich ist er es nur als gebildete Vernunft, die sich zu Dem gemacht hat, was sie an sich ist. Das Werden der Wissenschaft ist es, was die Phänomenologie des Geistes, als erster Theil des Systems, darstellt. Dadurch werden die reinen Gedanken Begriffe, sie breiten sich mit Nothwendigkeit zu einem organischen Ganzen aus, und entspringend aus dem unmittelbaren Dasein des Geistes, dem Bewußtsein, treten sie alle als Gestalten des Bewußtseins aus Dabei erklärt sich H. entschieden gegen den naturphilofophischcn Formalismus da Schelling'schen Schule. Diese Gestalten des Bewußtseins sind nun: die sinnliche Gewißheit, die Wahrnehmung, die Kraft und der Verstand, oder Erscheinung und übersinnliche Welt, die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst, die Gewißheit und Wahrheit der Vernunft, der Geist, die Religion und das absolute Wissen- Dieses absolute Missen, der Begriff, die Wissenschaft ist die letzte Gestalt de Hegel 379 Geistes. Die Bewegung, die Form seines Wissens von sich hervorzutreiben, ist die Arbeit, die er als wirkliche Geschichte vollbringt. Nach der Phänomenologie des Geistes gab H. die„Wissenschaft der Logik" (2 Bde., Nürnberg 1812 —16) heraus, ein merkwürdiges Denkmal seines originellen Geistes. Die Logik ist ihm die eigentliche Metaphysik oder reine spekulative Philosophie. Die Fortbewegung des Bewußtseins selbst, sowie die Entwicklung alles natürlichen und geistigen Lebens beruht auf der Natur der reinen Wesenheiten, die den Inhalt der Logik ausmachen. Sie sind die reinen Gedanken, der sein Wesen denkende Geist. Die Phänomenologie des Geistes war nichts Anderes, als die Deduktion des Begriffs der reinen Wissenschast. Diese enthalt den Gedanken, insofern er ebenso sehr die Sache an sich selbst ist, oder die Wahrheit, daß das Ansichseiende der Begriff, und der Begriff das Ansichseiende ist. Die Logik ist sonach als das System der reinen Vernunft, als das Reich des reinen Gedankens zu fassen. Dieses Reich ist die Wahrheit selbst, wie sie ohne Hülle an und für sich selbst ist, man kann sagen, die Darstellung Gottes, wie er in seinem ewigen Wesen, vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes ist. Auf diese Weise wird die Logik ganzlich umgestaltet, und von allem psychologischen, pädagogischen und physiologischen Material gereinigt. Die Logik zerfallt in objektive und subjektive. Die objektive ist die Logik des Seins, sie entspricht zum Theil der transscendentalen Logik Kant s und tritt an die Stelle der vormaligen Metaphysik. Die subjektive Logik ist Logik des Begriffs. Bestimmte aber hat sie drei Theile, die Logik des Seins, die Logik des Wesens und die Logik des Begriffs. Das Sein ist reines Sein, gleich Nichts, das Werden, als Einheit des Seins und des Nichts, dann weiter Dasein, als bestimmtes Sein, Realität, Bestimmtheit, Unendlichkeit, Fürsichsein, Eins, Attraktion und Repulsion, Größe, die Quantität, das Quantum, das quantitative Verhältniß, und das Maß, welches in das Wesen übergeht. Das Wesen ist Reflexion in ihm selbst, wobei die Reflexior.-sbestimmungen der Identität, des Widerspruchs und des Grundes zum Vorschein kommen. Dann tritt die Sache in die Existenz, das Wesen erscheint. Die Einheit des Wesens und der Existenz ist die Wirklichkeit. Die Einheit des Innern und Äußern ist die absolute Wirklichkeit. Hierher gehört die spinozistische Substanz, sowie die Monadenlehre Leibnitz'. Von der Sub- stantialitat ist der nächste Fortschritt zu der Causalität und der Wechselwirkung der Substanzen, aus welcher dann die einfache Bestimmtheit des Begriffs, das Reich der Subjektivität oder der Freiheit hervorgeht. Dieses ist das des Begriffs, als die Einheit des Seins und der Reflexion. Der Begriff in dieser freien Existenz ist das Ich, oder das reine Selbstbewußtsein. Die Momente des Begriffs sind die Allgemeinheit, die Besonderheit und die Einzelheit. Die Urtheile zerfallen in Urtheile des Daseins, und zwar a) in das positive, 6) das negative, c) das unendliche; L) in Urtheile der Reflexion, diese sind das singulaire, das particulaire und das universelle; (!) das Urtheil der Nothwendigkeit zerfällt in das kategorische, hypothetische und disjunktive; v) das Urtheil des Begriffs ist das assertorische, das problematische und apodiktische. Auch der Schluß zerfällt in den Schluß des Daseins, in den der Reflexion und in den der Nothwendigkeit. Der zweite Abschnitt der Logik enthält die Objektivität. Au dieser gehören der Mechanismus, ^ Chemismus und die Teleologie. Der dritte Abschnitt endlich handelt von der Idee, und zerfällt in das Leben, in das Erkennen und in die absolute Idee. Die ^ absolute Idee allein ist Sein, unvergängliches Leben, sich wissende Wahrheit und alle Wahrheit. Sie ist der einzige Gegenstand und Inhalt der Philosophie. Die Natur und der Geist sind unterschiedene Weisen, ihr Dasein darzustellen, Kunst und Religion ihre verschiedene Weisen , sich zu erfassen und ein sich angemessenes Dasein zu geben. Hierdurch kehrt die Logik in ihren Anfang zurück. Sie ist nun 380 Hegel reiner Begriff, aber auch erfülltes Sein, der sich begreifende Begriff; aber «v " noch logisch, die Wissenschaft nur des göttlichen Begriffs, welcher dann in ^ ' Natur ausschlagt. Die bequemste Übersicht des ganzen Hegel'schen Systems gewährt die„Ency- klopädie der philosophischen Wissenschaften" (Heidelberg 1817, dritte Aufl. 18Zj> Hier hat er das Formelle des Vortrags zu mildern und zu mindern, und durch ? cxoterische Anmerkungen abstrakte Begriffe dem gewöhnlichen Verstandnisse und ' den concretern Vorstellungen naher zu rücken gesucht. Es wird die Philosophie^ drei Theile getheilt, die Logik, die Wissenschaft der Idee an und für sich, die Naturphilosophie, als die Wissenschaft der Idee in ihrem Anderssein, und die Philosophie des Geistes, als der Idee, die aus ihrem Anderssein in sich zurückkehrt, Die Logik ist hier mit einem besondern Vorbegriffe bereichert worden, welcher von den verschiedenen Stellungen des Denkens zur Objektivität handelt. Das Wesen der Natur ist die Idee in der Form des Anderssein, oder die Äußerlichkeit, Dadurch erhalten die Begriffsbestimmungen den Schein eines gleichgültigen Besle- hens und der Vereinzelung gegeneinander. Die Natur zeigt in ihrem Dasein keim Freiheit, sondern Nothwendigkeit und Zufälligkeit. Die Natur ist zwar an sich, in derIdee göttlich, aber wie sie ist, entspricht ihr Sein ihrem Begriffe nicht; sie ist vielmehr der unaufgelöste Widerspruch. Man mag in ihr wol die Weisheil Gottes bewundern; aber jede Vorstellung des Geistes, die schlechteste seiner Einbildungen, das Spiel seiner zufälligsten Launen, jedes Wort ist ein vortrefflicherer Erkenntnißgrund für Gottes Sein, als irgend ein einzelner Naturgegenstand. Und geht die geistige Zufälligkeit, die Willkür, bis zum Bösen fort, so ist dieses selbst noch ein unendlich Höheres, als das gesetzmäßige Verhalten der Gestirne, oder als die Unschuld der Pflanze. Die Natur ist als ein System von Stufen zu betrachten, deren eine aus der andern nothwendig hervorgeht, aber nicht so, daß sie aus ihr natürlich erzeugt würde, sondern in der innern den Grund der Natur ausmachenden Idee. Das unmittelbar Concrete ist ein Reichthum von Eigenschaften , die außereinander und mehr oder weniger gleichgültig gegeneinander sind, gegen die eben darum die einfache für sich seiende Subjektivität ebenfalls gleichgültig ist und sie äußerlicher, mithin zufalliger Bestimmung überlaßt. Dies ist die Ohnmacht der Natur, den Begriffsbestimmungen nicht getreu zu bleiben, und ihnen gemäß ihre Gebilde zu bestimmen und zu erhalten. Die Idee als Natur ist! I. In der Bestimmung des Außereinander, der unendlichen Vereinzelung, außer welcher die Einheit der Form, und daher als eine ideelle, nur gesuchte ist — Mechanik. Dazu gehören: Raum und Zeit, Materie und Bewegung. II. In der Bestimmung der Besonderheit, sodaß die Formbcstimmungen realisirt, oder die Realität mit immanenter Bestimmtheit und existirendcr Differenz gesetzt ist, ein Reflcxionsverhältniß, dessen Jnsichsein die Individualität ist — die Physik- Dazugehören: s) die freien physischen Körper, das Licht, die Körper des Gegensatzes, Sonne, Planet, Mond, Komet; t>) die Elemente. In diesen Momenten besteht die allgemeine Individualität. Die Physik der besonder« Indivi- dualität umfaßt die Schwere, die Cohäsion, den Klang, die Warme; und endlich die Physik der totalen Individualität enthält die Gestalt, die Bcsonderung des individuellen Körpers, und den chemischen Proceß. III. In der Bestimmung der Subjektivität, in welcher die realen Unterschiede der Form ebenso zur ideell-n Einheit, die sich selbst gefunden und für sich ist, zurückgebracht sind — Orgamk. M dieser gehören: s)die geologische Natur; h)die vegetabilische Natur; c)der thieriW Organismus.— Der dritte Theil der Philosophie ist diePhilosophie des Geistes. Der Geist hat für uns die Natur zu seiner Voraussetzung,deren Wahrheit,und damit t^r.n absolut Erstes er ist. In dieser Wahrheit ist die Natur verschwunden, und derben hat sich als die zu ihrem Fürsichsein gelangte Idee ergeben, deren Objekt eben!?- «A, ^ Hegel 381 ' wol als das Subject der Begriff ist. Das Wesen des Geistes ist deswegen for- ^ mell die Freiheit, nach welcher er von seiner eignen Äußerlichkeit, seinem Dasein selbst abstrahiren kann und überhaupt sich zu einem Besondern macht. Daher ist ^ " seine Bestimmtheit Manifestation. Er setzt die Natur als seine Welt. Das Absolute ist der Geist; dies ist die höchste Definition des Absoluten. In seiner Entwickelung ist der Geist I. subjektiver Geist. Dieser ist unmittelbar, Seele oder Naturgeist, Gegenstand der Anthropologie. Hier ist die Rede von dem Verhaltnisse zwischen Seele und Leib, von den natürlichen Qualitäten der Seele, von den Rassenverschiedenheiten, den Lebensperioden, von der Empft'n- U ^ dung, von Traum und animalischen Magnetismus, sowie vom Selbstgefühl und ' der Gewohnheit. L) Für sich, noch als identische Reflexion in sich, Bewußtsein, ililchy^ der Gegenstand der Phänomenologie des Geistes, wovon schon oben. (!) Der sich in sich bestimmende Geist, als Subject für sich, der Gegenstand der Psychologie. Das Fortschreiten des Geistes ist Entwickelung, und so ist er a) theoretischer Geist, d.h. Vernunft für sich zu sein, als Intelligen; zu wissen, daß sie Vernunft ist. Die sogenannten Kräfte oder Vermögen des Geistes sind bloße Reflexionsbestimmungen, wodurch der Geist zu einem Aggregatwesen, einer verknöcherten mechanischen Sammlung gemacht wird. Das Gefühl ist die niedrigste Form des Geistes, das bloß Subjective, das Verzichten auf die Natur und den Begriff der Sache. Von dem Gefühl steigen die Geistesthätigkeiten in folgender Reihe auf: Anschauung, Vorstellung, Erinnerung, Einbildungskraft, Ge- dächtniß, Denken. Der Gedanke ist die Sache, einfache Identität des Subjektiven und Objektiven. Was gedacht ist, ist, und was ist, ist nur, insofern es Gedanke ist. Das Denken als diese freie Allgemeinheit ist Verstand, Urtheil und Vernunft, und insofern es auch dem Inhalte nach frei ist, der Wille. Zuerst zeigt sich dieser praktische Geist im Gefühle des Rechts, des Sittlichen :c. Die weitere Ausgabe aber ist, das Vernünftige darin in der Gestalt der Vernünftigkeit aufzufassen. Das Übel, welches an dieser Stelle eintritt, ist nichts Anderes als die Unangemessenheit des Seins zu dem Sollen. Die Abhandlung der Triebe, Neigungen und Leidenschaften, nach ihrem wahrhaften sittlichen Gehalte, ist die Pflichtenlehre. II. Der objektive Geist. Dieser ist die Einheit des theoretischen und praktischen, der freie Wille, der sich denkt und freie Intelligenz ist. Diese Realität, als Dasein des freien Willens ist das Recht, L) die Moralität, (!) die Sittlichkeit. Die Sittlichkeit ist die Vollendung des objektiven Geistes, und die Wahrheit des objektiven und subjektiven Geistes selbst. Die freie Substanz ^ hat in ihr als der Geist eines Volks Wirklichkeit. Dazu gehören das Familien- I>,A leben, die bürgerliche Gesellschaft, der Staat, welcher durch seine Geschichte in die Weltgeschichte übergeht. Hierdurch wird der Geist zum Weltgeiste. Der Geist eines jeden einzelnen Volks ist bestimmt, nur Eine Stufe in der Entwickelung desselben auszufüllen und nur Ein Geschäft der ganzen That zu vollbringen. III. Der absolute Geist. Der absolute Geist ist die ewig insichseiende und insi'chzu- rückkehrende und zurückgekehrte Identität, die Eine und allgemeine Substanz, als geistige, das Wissen der absoluten Idee. Die Entwickelungsstufen desselben sind: H die Kunst, ü) die geoffenbarte Religion, c) die Philosophie. Diese ist die höchste Stufe des Bewußtseins, welche nicht bloß die Einheit der Kunst und Religion ist, sondern sie auch zum selbstbewußten Denken erhebt. Der Begriff der ^ ^ Philosophie ist die sich denkende Idee, die wissende Wahrheit, das Logische mit ^ v ^ Bedeutung, daß es die im konkreten Inhalte als in seiner Wirklichkeit bewährte > ^llgerneinheitist, sodaß die Wissenschaft auf diese Weise in ihren Anfang zurück- geht und das Logische ihr Resultat geworden ist. Es kann hier nicht der Ort sein, dieses System zu prüfen. So viel aber gebt aus einer unbefangenen gründlichen Beurlheilung desselben hervor, daß, so «ti 382 Herschweiler H» sehr man auf der einen Seite Ursache hat, die Originalität des ganzen Systems in seinem Gliederbaue, den großen Scharfsinn und Tiefsi'nn, sowie die seltene Gei- fteskraft und Ausdauer zu bewundern, mit welchen hier, vorgeblich nach ^ strengsten Methode, alle Probleme der Philosophie von dem einfachsten Anfang in der sinnlichen Gewißheit bis zum Bewußtsein des absoluten Geistes, durch jongehende Metamorphosen des Einen Princips behandelt und scheinbar gelöst W. den, und dabei durch die frappantesten Ubergange, und die eigenchümlichen Lichter, welche auf ganz dunkele Partien der Welt fallen, und wodurch das Weitaus- einandergelegene witzig aneinanderrückt, geblendet und bestochen wird, derLesii ebenso sehr auf der andern Seite durch die seltsam harte, schwere, scholastisch-^, struse, oft grammatisch-unrichtige Sprache, die willkürliche Terminologie, durch das Gezwungene der Ubergänge, sowie noch mehr durch das Befremdende, dm natürlichen Bewußtsein des gesunden Menschenverstandes Widerstreitende der Resultate und die anmaßende, wegwerfende Behandlung der Andersdenkenden, sich erkaltet und abgestoßen fühlt und in jenen zauberischen Lichtern mehr Irrwische und Theaterlichter erblickt, welche leuchten ohne zu erwarmen, und in Demjenigen, was uns das Theuerste sein muß, uns trostlos uns selbst überlassen. Ein System, in welchem der Begriff das Eine und All, der Wcltschöpfer und der Vollender ist, und praktische Freiheit, Unsterblichkeit, Natur und ein persönlicher Gott nur kommende und verschwindende Momente, nothwendige Vorstufen, um sich in das philosophische, logische Bewußtsein zu erheben, kann zwar einige Zeit Aufsehen erregen, der Eitelkeit und dem Hochmuthe junger Leute schmeicheln, auch wol schwachköpsige Alte berücken, aber, wir hoffen es zum gegenwartigen Geschlechte, in die Länge sich nicht behaupten, nie zur allgemeinen Ueberzeugung der Gebildeten werden und die Wissenschaften beherrschen; ein glänzendes Meteor, wie so manche, welche am Horizonte der Geschichte aufgestiegen sind, und wie sie verbleichen und sinken wird, wahrend das Christcnthum und die himmlische Sonne des moralischen Bewußtseins in uns in ewigem Marpe fortstralen werden/— Von „Hegel's Werken", herausgegeben von Marheimcke, Schulze, Gans, von Henning, Hotho, Michelet, Fr. Förster, ist zu Berlin 1832 die erste Lieferung, enthaltend den ersten und neunten Band, erschienen. Über H.'s System aus dem Standpunkt seiner AnHanger vergl. Göschel „Hegel und seine Zeit" (Berlin 1832). (73) Hegetschweiler (Johann), Regierungs- und Staatsrath, wurde 1789 zu Rifferschweil im Eanton Zürich geboren, und nachdem er einige Privatinstitute in der Nahe seiner Heimath besucht halte, in welchen die Anfangsgründe der deutschen, französischen und lateinischen Sprache gelehrt wurden, legte er von 1804 — 8 auf der Cantonsschule in Aarau, die damals unter Evers Leitung blühte, den Grund zu seiner tüchtigen, allseitigen, wissenschaftlichen Ausbildung. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater waren praktische Ärzte gewesen, und auch er wählte diese Kunst. Nachdem er ein Jahr in dem medicinisch- chirurgischen Institute seiner Vaterstadt Zürich zugebracht, bezog er 1809 die Hochschule zu Tübingen, wo er bis 1813 verweilte. Als er daselbst die medm- nische Doctorwürde erlangt hatte, kehrte er in das Vaterland zurück und wurde 1814 als Oberarzt in ein Militairlazareth an der Grenze berufen, wo er beinah- ein Opfer des Nervensiebers geworden wäre. Von 1814 — 15 lebte er als pra - rischer Arzt in seinem Geburlsorte und schrieb mehre kleine Abhandlungen botar»- schen und medicinischen Inhalts. Auf Veranlassung seiner Verheirathung zog ^ 1815 nach Stäfa, einem der blühendsten Orte am Aürichersee, der Heim-M Bodmer's, Pfenninger's und anderer freimüthigen und standhaften Vertreter >l Rechte des Landvolks gegen die Anmaßungen der Stadt, wo er bald ^ ausgedehnten Praxis, die sich selbst in die Cantone St.-Gallen, Schwyz und Gla- Hegewisch 383 rus erstreckte, sowie mehre Jahre der Stelle eines Bezirksarztes rühmlichst vorstund und mehre Schriften über Medicin und Botanik herausgab, z. B. eine neue Auflage von Suter's „l'lora Helvetica" (Zürich 1822); „Reisen in dem Ge- birgsstock zwischen Glarus und Graubündten :c." (Zürich 1823 — 25). Seit 1824 gibt er eine Sammlung von Abbildungen aller Schweizerpflanzen heraus, von welcher bereits 67 Hefte in 8., jedes mit sechs colorirten Abbildungen und ausführlichem Texte, erschienen sind, welche in der Schweiz und im Ausland die verdiente Anerkennung gefunden haben und noch fortgesetzt werden. Wahrend derselben Zeit hat er auch m 6 Heften die Giftpflanzen der Schweiz beschreiben und abbilden lassen. Die große Anzahl neugeschaffener Speeles, welche der „?Iora Helvetica" weder als Arten konnten einverleibt werden, da sie nur gradweise, wahrscheinlich von Einflüssen der Außenwelt producirte Unterschiede zeigten, noch als Abarten, da viele constante Physiognomien darunter waren, welche sich regelmäßig bei einer großen Anzahl von biegsamen Pflanzenarten wiederholen, veran- laßten ihn zahlreiche Versuche über den Einfluß der Außenwelt auf die Pflanzen anzustellen. Die merkwürdigen Resultate dieser vieljährigen Beobachtungen sind in den „Beitragen zu einer kritischen Aufzahlung der Schweizerpflanzen " (Zürich 1831) niedergelegt, und sie dürften zu einer weit einfacher» genetischen Behandlung der Pflanzenarten und ihrer Formen führen. Seit einiger Zeit arbeitet er auch an einer kritischen Aufzählung der schweizerischen Phanerogamen, welche bald erscheinen dürfte. — Aber nicht nur als praktischer Arzt und ausgezeichneter Botaniker wirkt H.für das Wohl seiner Mitmenschen und die Ausbildung der Wissenschaft, er ist auch ebenso thätig als einsichtsvoller, charakterfester Vaterlandsfreund. Bei den politischen Bewegungen im Canton Aüurich, von Aug. bis Dec. 1830, trat er, aufgesodert von seinen Gemeindebürgern, bei der großen Volksversammlung in Uster, am 22. Nov. 1830, welche die politische Reform des Cantons Zürich entschied, als Sprecher auf. Seine gehaltvolle energische Rede, welcher sein Wahlspruch : „Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei und war' er in Ketten geboren", zu Grunde lag, elektrisicte die Menge. Bald daraus wurde er von der Gemeinde Stafa in den großen Rath und von diesem während seiner ersten Sitzung zu einem der Gesandten auf die schweizerische Tagsatzung gewählt. Im März 1831 ward er zum Regierungsrath und an die Stelle des verewigten Bürgermeisters Usteri zum Präsidenten des Gesundheitsrathes ernannt. Als solcher schrieb er eine kleine Schrift: „Uber den Charakter, die Cur und die Verhütung der ostindischen Brechruhr" (Zürich 1831), in welcher er der Cholera einen flüchtigen Ansteckungsstoff zuschrieb und als wahrscheinlich erklarte, daß sie Bergländer vermeiden würde. Vom großen Rath zum Bürgermeister des Cantons berufen, lehnte er die Wahl 1832 beharrlich ab. Die liberale Partei der Schweiz verehrt in H. einen ihrer talentvollsten und geistreichsten Sprecher, und das Landvolk im Canton Zürich zeigt ihm, als einem seiner wohlwollendsten, redlichsten und treuesten Verfechter und Beschützer der errungenen Freiheit und Rechte, die größte Liebe und 'Anhänglichkeit. (29) Hegewisch (Franz Hermann) wurde 1783 zu Kiel geboren, wo sein durch mehre historisch^ Schriften bekannter Vater als Professor der Geschichte starb. Nachdem er in der Schule zu Eutin seine wissenschaftliche Vorbildung erhalten hatte, widmete er sich in Göttingen und später in Würzburg und Wien dem Studium der Arzneiwissenschaft. Als er 1805 Paris und London besuchte, machten die politischen Contraste, die er in diesen Städten bemerkte, einen bleibenden Eindruck auf ihn und gaben seinen Ansichten die Richtung, die sich in wehren anonym und Pseudonym meist in Zeitschriften bekannt gemachten Aus- sätzen gezeigt hat, worin er seine Bekanntschast mit dem Geiste der englischen Ver- fassung darlegt. Er hat besonders die Nothwendigkeit der Theilung der legislati- 384 Heiberg ven Versammlungen in zwei Kammern, aber auch die Beschrankung des auf die ältesten Familien eifrig und beharrlich verfochten. Von ihm ist die sM dem Grafen von Schlabrendorf zugeschriebene Flugschrift: „ Einige entfernt» Gründe für die ständische Verfassung" (Leipzig 1817), und die „Lobrede auf den Feldmarschall Blücher" (Berlin 1819 ,4.). Unter dem Namen Franz Baltisch gab er heraus politische Freiheil" (Leipzig 1832). Er bekämpft in dieser die Liedlingsmeinungen beider Extreme und eine Ansicht Möser's; aber während polemisch austritt, stellt er zugleich dogmatisch die Idee der Arbeit als Pcincipdez Staatsrechts und der Staatswirthschaft auf. Bei mehren Gelegenheiten hat er den, ^ in seinen Schriften ausgesprochenen politischen Charakter gemäß gehandelt und zH, der gezwungenen Einführung des Papiergeldes sich widersetzt. Bei den über die schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ausgebrochenen Streitigkeiten hielt ernft Dahlmann und Lornsen zusammen. Vor Kurzem lieferte er zu einem Bildnisse Christian I. von Oldenburg einen historischen Rahmen, welcher das Grundgesetz da Herzogthümer Schleswig und Holstein enthält. Seit 1809 als Professor der M, dicinin Kiel angestellt, hielt er 15 Jahre hindurch Vorlesungen, zog sich darauf I aber vom Lehramt zurück und lebt seitdem als praktischer Arzt in Kiel. Als medici- nischer Schriftsteller suchte er Currie's Methode, Fieber durch Übergießung mit Wasser zu heilen, in Deutschland einzuführen, wobei er aber nicht sowol ein Übergießen als ein kühles Waschen angewendet wissen will. Auch machte er Erfahrungen über die Behandlung des Croups bekannt. Heiberg (Johann Ludwig), Sohn des in Paris lebenden dänischen Schriftstellers P. A. Heiderg, wurde 1791 in Kopenhagen geboren, und nachdem er auf der dortigen Universität studirt hatte, als Lehrer der dänischen Sprache an der Universität in Kiel, später aber als Theaterdichter an der königlichen Bühne in Kopenhagen angestellt. Die nationalen Lust- und Singspiele (Vaullevilles)dieses Dichters haben in den Theaterannalen Dänemarks Epoche gemacht, und außer Holderg und Oehlenschläger war kein Schauspieldichter im Besitz eines so allgemeinen Beifalls. Seine Jugendarbeiten kamen unter dem Titel: „Marivmt- Theater" schon 1813 heraus; noch deutlicher aber zeigte sich der künftige Komiker in dem dramatischen Gedicht: „Iulespög og Nytaarslöier" (Weihnachtsscherz und Neujahcspossen), das 1810 erschien. Dieses Stück war, wie ein paar Schauspiele, die er um dieselbe Zeit herausgab, nicht für die Bühne bestimmt. Seine „Nina eller den Vanvittige" (Die Wahnsinnige) schrieb er dagegen für das Theater; das Stück machte aber, seines poetischen Werthes ungeachtet, kein Glück. Umso glücklicher war sein erstes komisches Singspiel oder Vaudeville: „Konz Salomen og Jörgen Hattemager" (Der König Salomon und der Hutmacher Jürgen). Aufgemuntert durch diesen Beifall, brachte er hernach eine Reihe ähnlicher Stücke: „Den 28. Januar", „Recensenten og Dyret", „Aprilsnarrene", „De Uadskille- lige", „Et Eventyri Rosenborgs-Hauge w. (Der 28. Januar, Der Recensent und das Thierchen, Die Aprilnarren, Die Unzertrennlichen, Ein Märchen im rostnbur- ger Schloßgarten w.) auf die Bühne, welche fast alle mit derselben ausgezeichneten Gunst aufgenommen wurden und sich derselben noch erfreuen. Die Musik dieser Stücke ist aus verschiedenen Compositionen von dem Dichter selbst ausgewählt, mit Ausnahme des rosenburgcr Märchens, das von Weise trefflich componiü ist. Ein nicht geringeres Glück als H 's Vaudevillen, machte sein musikalisches Schauspiel „Elverhöi", mit Kuhlau's ungemein schöner Musik. Seine neue- sten Theaterstücke sind: „Kiöge Huuskors" (Das Hausgespenst in Kiöge), em Vaudeville, und „Magt og List" (Macht und List), „Sprogläreren" (Der Sprachlehrer). Einige Jahre hindurch gab er ein Tageblatt heraus, wozn tr einige beliebte Novellen und mehre Aufsatze ästhetischen und satirischen Inhalt lieferte. (^) Heidegger 385 Heidegger (Karl Wilhelm von Hei deck, genannt), als Krkegsmann und als Künstler gleich ausgezeichnet, wurde 1788 zu Saaralben in Lothringen aeboren. Sein Vater, aus einem alten schweizerischen Geschlechte stammend, stand unter einem Schweizerregiment in französischem Solde, trat aber später in zwei- brückische Dienste, bis er sich bei dem Ausbruche der französischen Revolution nach Zürich zurückzog. Schon wahrend H. das Gymnasium zu Zuriet, besuchte, entwickelte sich sein Kunsttalent unter der Leitung des Professors Mayer und des Schlachtenmalers Geßner. In Zweibrücken, wohin er sich 1799 mit seiner Mutter begab, setzte er seine wissenschaftlichen Studien fo-t und bildete sich auch im Zeichnen aus; eine überwiegende Neigung zum Kriegsleben aber führte ihn 1801 in die Militärakademie zu München, wo er, tüchtig vorgebildet, bald schnelle Fortschritte machte. Unter der Leitung der bei der Akademie angestellten Professoren Maria Quaglio und Kaeser bildete sich auch seine Kunstfertigkeit sowol im Archi- tektmzeichnen als im Landschaftsfache bedeutend aus. Der Krieg rief ihn 1805 als Artillerielieutenant zum Heere. Er wohnte 1808 dem Feldzuge in Preußen bei kämpfte 1809 gegen Tirol, stets durch Tapferkeit ausgezeichnet, ging 1810 mit Genehmigung des Königs von Baiern als Freiwilliger zum französischen Heere in Spanien, und kehrte 1813 kurz vor der Schlacht bei Hanau in sein Vaterland zurück. Zum Major befördert, ging er 1814 im Gefolge des damaligen Kronprinzen nach England,spater zum Congreß nach Wien und wurde endlich nach der dauernden Herstellung des Friedens 1816 als Mitglied der Grenzberichtigungscommission nach Salzburg geschickt. Wahrend dieses unsteten kriegerischen Lebens erhielt sein Kunsttalent eine selbständige Entwickelung, und fern von den Studien der Schule, allein an die Natur gewiesen, lernte er diese mit Lebendigkeit, Wahrheit und charakteristischer Eigenthümlichkeit auffassen. Im Kriegslebcn wurden die nächsten Gegenstande die Bilder, die er nach der Natur oder nach den ersten frischen Eindrücken seiner Phantasie darstellte. Er übte sich besonders auch in treuer Darstellung der Pferde. Die physiognomischen Eigenthümlichkeiten in Costume und Lebensweise der Völker suchte er treu wiederzugeben. Die glücklichsten Landschaftsstudien gewährte ihm sein Aufenthalt unter der großartigen Natur Salzburgs und dort war es, wo sich der einfache Styl bildete, der seine Landschaften auszeichnet. Erst 1816 sing er in München an sich in der Ölmalerei zu versuchen und brachte es bald zu entschiedener Meisterschaft. Er malte in den Jahren 1816—25 nicht weniger als 67 Ölbilder. . . „ . Eine neue Laufbahn, die sich ihm eröffnete, zog ihn lange von semen künstlerischen Beschäftigungen ab und seine Wirksamkeit in und für Griechenland lenkte auf ihn die Aufmerksamkeit des europaischen Publikums. Als^berstlieutenant inbairi- schen Diensten verließ H.,nachdem ervomKönige dazu besondere Erlaubniß und außerordentlichen Urlaub erhalten, zugleich mit acht baltischen Offizieren niederer Grade zu Anfange des Herbstes 1826 München und betrat, nach einem unvorhergesehenen einmonatlichen Aufenthalte auf Zante, und nachdem er in den Gewässern von Mo- don der türkischen Flotte, unter welche das ihn begleitende Geschwader durch einen nächtlichen Sturm verschlagen wurde, glucklich entgangen war, am 5. Dec. in Napoli di Romania den griechischen Boden. Mit Briefen von Eynard und den Münchner Philhellenen, deren Namen zum Theil selbst dem Volke nicht mehr unbekannt waren, versehen, fand er fowol unter diesem, als auch bei der gerade in ' Napoli anwesenden Regierungscommisston die freundlichste Aufnahme, mußte aber KS ! 1 ^'"en ursprünglichen Plan, sogleich seine Thatigkeit vorzugsweise der Bildung re- ^ „ ? gulairer Truppen zu widmen, für jetzt aufgeben, da die dazu nöthigen Mittel noch ' nicht vorhanden und überhaupt vor der Organisation einer neuen Regierung nicht s,» zu erwarten waren. Es war dieses um so mehr zu bedauern, da H. sehr richtig er- Msi S kanm hatte, daß eine zu strenge Anwendung europaischer Formen und Disciplin Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 383 Heidegger weder mit dem Terrain noch mit dem Nationalcharakter der Griechen vereinb sei, und daß es sich eigentlich um weiter nichts handele, als die Errichtung ch' nach eigenthümlichen Grundsätzen geregelten leichten Infanterie. Daß man soj/! dergleichen Ansichten neben dem überwiegenden französischm Einflüsse nicht ^ nug berücksichtigte, war vielleicht ein Hauptgrund der geringen Fortschritte s der Organisation der Taktiker. Indessen eröffnete sich doch für H. bald ein seg^I reicher Wirkungskreis, da er kurz nach seiner Ankunft an die Spitze der zu Napeii l errichteten Commission trat, welche für eine zweckmäßige Vertheilung und Anww dung der vorzüglich von deutschen und französischen Griechenvereinen meist unta Eynard's Vermittelung nach Griechenland geschickten Lebensmittel und Geldcchiz gen sollte. Im Verein mit vr. Bailly, welcher in dieser Absicht von dem M hellenencomite zu Paris nach Griechenland geschickt worden war, erwarb sich H, seitdem nicht nur durch eine wahrhaft nutzbare und gewissenhafte Verwendung da ihm überlassenen Fonds, welche in frühern Zeiten oft auf die unvorsichtigste Weise nutzlos verschleudert worden waren, ein wesentliches Verdienst um die griechische Sache, sondern suchte auch den Werth dieser Fonds auf eine für Griechenland selbst ersprießliche Weise noch dadurch zu erhöhen, daß er den Ankauf von Lebensmitteln, welcher seither meist in den westlichen Häfen des Mittelmeers stattgefunden hatte, auf den reichern Inseln des Archipels, namentlich in Syra, zu betreiben anfing und überhaupt nach und nach ein Verpflegungssystem einführte, bei welchem bei bedeutende Aufwand an Transportkosten vermindert und jedem Unterfchleife leicht vorgebeugt werden konnte. Au diesem Zwecke wählte H. die Insel Poros, welche dem Kriegsschauplatze näher lag und überdies mehr Sicherheit gewährte, zur ! Hauptniederlage von Proviant und Munition und ward dadurch in den Staub gesetzt, außer den regelmäßigen Lieferungen an die griechischen Nationaltruppen,! auch den fast völlig verlassenen Philhellenen und einigen trostlos umherirrenden! Chioten eine höchst wohlthätige Unterstützung angedeihen zu lassen. H.'s Tätigkeit beschränkte sich jedoch nicht allein auf diesen Wirkungskreis, dm u bis zur Ankunft des Präsidenten Kapodistrias zu Anfange des Jahres M8 größte Sorgfalt widmete. Schon im Febr. 1827 nahm er an der freilich die mislungenen Expedition Theil, welche unter der Leitung des Philhellenenow sten Gordon von Salamis aus im Piräus landete, um den Entsatz der vou dem Seraskier hart bedrängten Akropolis zu versuchen; und als man im folgenden Monate, während sich schon alle Streitkräfte auf den Ebenen von Athen zusammendrängten, eine Diversion gegen Orogos in dem Canal von Negroponte, wo die Türken ihre Hauptmagazine hatten und eine beträchtliche Besatzung unterhielten, zu machen beschloß, ward ihm der Oberbefehl der kleinen hierzu bestimmten Escadre übertragen. Sie bestand aus der Fregatte Hellas unter Miaulis' Befehlen, dem Dampfschiff Karteria, und der dem Jpfarioten Demetrios Papa Nikoli zugehörigen Brigg Nelson, welche sämmtlich eine angemessene Zahl Landungstruppen, angeblich 460 Mann, am Bord hatten, mit denen man Orogos selbst anzugreifen gedachte, während die Schisse durch die Blokade des Golfs von Eretria den Feinden die Zufuhr abschneiden sollten, wodurch man namentlich den Abzug de Hauptcorps vor Athen zu beschleunigen hoffte. Am 15. März erschien das M- schwader in den Gewässern von Orogos; allein die beabsichtigte Landung, welche zur Nachtzeit zwischen diesem Orte und Kalamos stattfinden sollte, ward durch >e Dazwifchenkunft zweier feindlicher Briggs verhindert, mit welchen man, indem nu auf sie Jagd machte, fast gleichzeitig in den Abendstunden auf der Rhede von Orog°f anlangte. Sogleich ließ H. die Artillerie seiner Schisse gegen die am Lande ^ feindliche Batterie spielen, und brachtenicht allein diese, welche nur aus drei bestand, bald zum Schweigen, sondern zerstörte auch einen großen Theil der zungen und der Magazine. Zugleich gelang es dem Dampfboot mit Unterstützung^ Ki'! IM» -B« Ä -Ms DM äW Wli ich Heidegger Z87 Barken von der Fregatte, sich noch vor Einbruch der Nacht jener zwei Briggs, , welche mit Lebensmitteln beladen waren, zu bemächtigen, und mit Tagesanbruch Ml wurden die Truppen ans Land gesetzt, welche dann während des ganzen Tages ein lebhaftes Feuer gegen die Verschanzungen der Türken unterhielten, indem die Schisse das Bombardement gegen die Magazine fortsetzten. Schon gegen ^ Abend erfuhr man durch Uberläufer, daß zwar der größte Theil der vorhande- 'ttM Vorräthe vernichtet, der Feind jedoch noch 600 Mann stark sei, die nicht en y - nur durch ihre Stellung im Vortheil waren, sondern auch noch an demselben ' Abend durch 150 Mann verstärkt wurden. Unter diesen Umständen hielt es H. für zweckwidrig, gegen die Ubermacht nutzlos Zeit und Munition länger zu verschwenden, zumal da der Hauptzweck der Expedition, die Zerstörung der Magazine, erreicht war, und man überdies noch jene zwei Briggs als gute Prise hinwegführen konnte. Zur Nachtzeit zog er daher seine Truppen, welche nur we- nig gelitten hatten, auf die Schiffe zurück, ließ bloß die Fregatte Hellas zur Blo- Negroponte in jenen Gewässern und lief bereits am 18. März mit den Äw?' Fahrzeugen wieder in den Phalerus ein. Hier hatte er kurz darauf eine Zusammenkunft mit Lord Cochrane, deren Hauptzweck gegenseitige Mittheilung der über die griechischen Angelegenheiten gewonnenen Ansichten und namentlich der für den Entsatz des Akropolis entworfenen Plane war. Auch wurde er um diese Zeit in die Nationalversammlung zu Damala eingeführt, welche ihm vorzüglich für die Theilnahme, die sein Monarch und sein Vaterland dem Schicksale der Griechen beweise, den lebhaftesten Dank zu erkennen gab; und später, im Mai, ward diese Dankbarkeit noch dadurch auf eine würdige Weise an den Tag gelegt, daß dieselbe Versammlung ihm zugleich mit vr. Bailly, Eynard und Fabvicr einen Naturalisationsbrief ertheilte. Die Operationen gegen das Belagerungscorps der Akropolis im April und Mai half H. beim Armeecorps des Obersten Gordon leiten, und setzte sich dabei der größten Gefahren aus; dagegen ward ein zweiter von ihm beabsichtigter Seezug nach Orogos, der nach einem umfassendem Plane ausgeführt werden sollte und vielleicht Athen gerettet hätte, durch die Unlenksamkeit der Hellenen vereitelt. Der Fall der Akropolis im Mai, welcher alle Verhaltnisse anders gestaltete, als man erwartet hatte, gab auch der Wirksamkeit H.'s eine neue Richtung. Seine Begleiter, welche nach den Vorfällen bei Athen, wobei sie ihre Truppen fast gänzlich verloren hatten, nicht sogleich wieder eine zweckmäßige Thä- tigkeit finden konnten und überhaupt sich in ihren Erwartungen getäuscht sehen mochten, kehrten mit Ausnahme des Oberlieutenants Schnitzlein bereits im Jun. nach derHeimath zurück; er selbst benutzte die kurze Muße, welche ihm die durch den Verlust des Heeres verminderten Geschäfte der Verpflegungscemmifsion gewährten, zu einem Ausfluge nach Milos, um dort in den Besitzungen des Königs von Baiern Nachgrabungen nach Alterthümern zu veranstalten, von deren Resultaten jedoch nichts bekannt geworden ist. Die Händel, welche um diese Zeit zwischen Gcivas und den Rumeliotenhäuptlingen der neuen Brüderschaft an deren Spitze Kolettis, Photomaras und Alexander Metaxas standen, wegen des Besitzes des Palamidcs und der Albanitika, der obern und untern Citadelle von Nauplia, ausgebrochen waren und eine ernstere Gestalt bekommen hatten, riefen auch Oberstlieutenant H. bereits im Jul. nach dieser Stadt Zurück. General Ehurch, welcher im Verein mit Oberst Fabvier den Aufruhr zu stillen suchte, trug ihm hier das Commando der Stadt an; da er es aber nur unter M! > der Bedingung annehmen wollte, daß sie den regulairen Truppen eingeräumt ftil! - würde, die Pallikaren dagegen sich hierzu nicht verstehen mochten, so zerschlugen si. sich die deshalb gepflogenen Unterhandlungen, worauf sich H. nach Poros begab, um theils die Arbeiten der Verpflegungscommission wieder zu leiten, theils durch die Anlage eines Forts diese Insel zu einem sichern Wassenplatze für die Zukunft 388 Heidegger einzurichten. Au gleicher Zeit ließ er daselbst mehre Kanonenböte, die er für die beste Waffe in den griechischen Gewässern hielt, bauen und würde schon damals seiner Wirksamkeit eine noch größere Ausdehnung gegeben haben, wenn ihm die dazu nöthigen Fonds, deren Mangel er namentlich in den Briefen an Eynard bitter beklagte, zu Gebote gestanden hatten. Dabei verband H., wie wenige M Hellenen, mit einer umfassenden militairischen Bildung die glückliche Gabe, sich bald in den Charakter und die Bedürfnisse des griechischen Volkes zu schi^ welche ihm sowol die Achtung und Anerkennung der höhern Classen als auch das Vertrauen des Volkes in hohem Grade verschaffte. So ward ihm z. B. noch vor Ablauf des Jahres von Seiten der Kandioten wiederholt der Antrag gemacht, auf ihrer Insel die Leitung der Civil- und Militairverwaltung zu übernehmen; allein H. wies sie stets mit der Bemerkung zurück, daß er überhaupt kein Commando in Griechenland zu übernehmen Willens sei, und daß man vor Allem die Ankunft des Präsidenten erwarten müsse, von dessen Anordnungen die weitere Gestaltung der Dinge zunächst abhängen würde. Kapodistrias erkannte in H. sogleich eine Hauptstütze seiner Verwaltung, bat ihn auch um eine Verlängerung seines Urlaubs nachzusuchen, die ihm von Seiten des Königs gewährt wurde, und übertrug ihm schon zu Anfange des März 1828, nachdem sich Grivas und Photomaras unter Vermil- telung des Präsidenten zur Übergabe der noch von ihnen besetzten Citadellen, ja selbst zur Aussöhnung verstanden hatten, das Commando von Napoli di Roma- nia, von dessen sicherm Besitze damals das Meiste abzuhängen schien. Gleich darauf übernahm H. auch noch das Militairgouvernement von Argos und die Oberaufsicht über die Staatseinkünfte im argolischm Meerbusen, welche er durch eine zweckmäßige und strenge Verwaltung in kurzer Zeit so zu heben wußte, daß sie eine monatliche Einnahme von 35 — 40,OVO Piastern gewährten, während sie früher nur das jährliche Pachtgeld von 40,000 Piastern eingetragen hatten. Nach Fabvier's Rückkehr nach Frankreich siel ihm überdies noch die fernere Organisation der Taktiker zu, welche zugleich die oberste Leitung der Centralmilitairschuk zu Nauplia und die Aufsicht über alle mit dem Militairwesen in Verbindung stehenden Anstalten in sich schloß. Konnte H. in Bezug auf den letztern Theil seines ausgebreiteten Wirkungskreises die bereits früher ausgesprochenen Grundsatze nicht mehr so in Anwendung bringen, wie er es wünschen mochte, so erwarb er sich doch durch eine klare und einfache Anordnung der gesammten Militairverwaltung unleugbare Verdienste. Die Anlage eines Militairspitals auf Ägina, die zweckmäßige Einrichtung des Zeughauses und seiner Werkstätten, die Anstellung einer eignen Commission für Montirung und Equipirung der Truppen, welche bald bedeutende Ersparnisse zur Folge hatte, und die Ausstattung der dazu nöthigen Magazine gingen von ihm aus und würden bald zu einer großen Vollkommenheit gebracht worden sein, wenn nicht die Beschränktheit der Mittel und der Mangel an geschickten und thätigen Leuten überall unvorhergesehene Hindernisse in den Weg gelegt hätten. Ubermäßige Anstrengungen, vorzüglich aber die zu Nauplia herrschende üble Luft griffen H.'s Gesundheit jedoch so an, daß er sich zu Anfange des Herbstes genöthigt sah. seinen Posten auf drei Wochen zu verlassen, um in dem gesundem Klima von Ägina frische Kräfte zu sammeln. Noch nicht völlig hergestellt, kehrte er nach Nauplia zurück und widmete sich wiedermit der angestrengtesten Thätigkeit seinen vielfachen Geschäften. Vorzüglich lebte er jetzt ganz der Organisation der regelmäßigen Truppen, welche ungeachtet aller Schwierigkeiten nach und nach doch auf ein in europäischer Weise geordnetes und eingetheiltes Armeecorps von beinahe 3000 Mann gebracht wurden. Zu dem früher auf Ägina angelegten Militairspital kamen jetzt ähnliche Anstalten in den vorzüglichsten Garnisonstadtcn, wie Napoli, Argos und Korinth, und überhaupt erhielt das militairische San>- tätswesen unter Mitwirkung des von H. angestellten Münchner Arztes 0r. Zuc- Heidegger 389 "W, r Bilk »k>«F» M- 'W carini eine so zweckmäßige Organisation, daß es den früher in dieser Beziehung so schmerzlich empfundenen Bedürfnissen bald völlig entsprach. Daß bei einer so wohlthätigen und uneigennützigen Wirksamkeit H. von den unverschämten Angriffen des „Oourrier cke Sm^rne", welcher ihm namentlich eine zu große Begünstigung seiner Landsleute, Eitelkeit, Unmenschlichkeit gegen türkische und arabische Gefangene, ja zuletzt selbst Zwietracht mit dem Präsidenten und dem aus Frankreich zurückgekehrten Obersten Fabvier vorwarf, nur wenig getroffen werden konnte, versteht sich von selbst; und am wenigsten waren sie geeignet, ihm die Achtung zu schmälern, welche er bei Allen, die mit ihm in näherer Berührung standen, und selbst bei der ganzen Nation auf so verdiente Weise genoß. Dagegen ward seine Gesundheit von fortgesetzten Anstrengungen, dem ungesunden Klima und den bei so ausgebreitetem Geschäftskreise unvermeidlichen Verdrießlichkeiten abermals so erschüttert, daß ihn namentlich zu Ende des Jahres und im Jan. 1829 fast ununterbrochene Fieberanfalle zu dem Entschlüsse brachten, Griechenland sobald als möglich zu verlassen. Der Ausführung dieses Entschlusses standen jedoch vielerlei Hindernisse im Wege, die nicht so schnell beseitigt werden konnten, als man auf Seiten der Regierung erwarten mochte. Der Präsident, dessen Vertrauen H. im höchsten Grade genoß, gab nur sehr ungern der Notwendigkeit nach, welche H.'s Heimkehr zur ersten Bedingung seiner einst möglichen und von Kapodistrias sehnlichst gewünschten Rückkunft machte. Sein Platz war schwer und am wenigsten durch Einen Mann zu ersetzen, welcher mit so rastloser Thatigkeit zugleich so umfassende Kenntnisse und so viel geistige Kraft verbunden hätte, als H. besaß. Die Theilung seiner Geschäfte aber war eine höchst unwillkommene Störung in der ganzen Staatsverwaltung, welche man um so eher zu vermeiden wünschen mußte, je mehr den neuen Einrichtungen der Regierung überhaupt noch Festigkeit und Bestimmtheit entgingen. Dagegen verzögerte sich H.'s Abreise aus Griechenland von Monat zu Monat, obgleich ihm der König von Baiern schon zu Anfange des Jahres dazu die Erlaubniß und als Zeichen besonderer Zufriedenheit die Beförderung zum Obersten im Generalquartiermeisterstabe der bairischen Armee ertheilt hatte. Auch wünschte H. noch vor seiner Abreise diejenigen Theile Griechenlands zu bereisen, von welchen ihn bisher sein Geschäftskreis, fast nur auf Napoli di Romania und Poros beschränkt, fern gehalten hatte; und so verging der größte Theil des Sommers, ehe er die Abreise antreten konnte, was endlich im Aug. geschah. Auf sein Abdankungsschreiben an die griechische Regierung antwortete ihm der Präsident in einer Zuschrift vom 15. Aug. im Namen des damals gerade zu Argos versammelten Nationalcongresses, welcher ihm einmüthig eine öffentliche Danksagung für die der Nation geleisteten Dienste und die Ertheilung des Generalspatents decretirt hatte, sobald der König von Baiern, als sein Souverain, ihn ermächtigt haben würde, diesen Grad in griechischen Diensten anzunehmen. Also verließ H. Griechenland, dem er während eines beinahe dreijährigen Ausenthalts große Dienste geleistet und schwere Opfer dargebracht hatte; begab sich über die ionischen Inseln nach Italien, und widmete zu Rom, nachdem ihm abermals der Urlaub verlängert worden war, den Winter 1829 und das Frühjahr 1830 der Herstellung seiner noch sehr geschwächten Gesundheit und der lange entbehrten ungestörten Ausübung seiner Kunst. Erst zu Ende des Mais schloß er sich an das Gefolge des eben aus den Badern auf Jschia zurückkehrenden Königs Ludwig an, und traf mit diesem zugleich am 9. Jun. wieder in München ein. Seitdem lebte H. auch hierin seinen Mußestunden fast ausschließend der Malerei. In der Auffassung der mannichfaltigsten Gegenstände zeigt sich, wie H. jeden Austand der Natur, jede Scene des Lebens nach der neuesten Wahrheit und dem eigen- thumlichsten Charakter durchschaut und das Bedeutungsvolle aus dem Allgemeinen der Erscheinungen herauszuheben und zur Einheit zu verbinden weiß. Die Anordnung 390 Heideloff (Victor Peter — Kart Alexander) W ki, i seiner Bilder ist in dieser Hinsicht so glücklich, daß nichts hinzugethan, nichts hinw^. genommen werden könnte. Nicht weniger als in geistreicher Auffassung und künü- lerischer Anordnung zeigt sich sein ungewöhnliches Künstlervermögen in der Dar- stellungsweise. Correctheit der Zeichnung, nicht wie sie durch mühsame Übung und I trockene Kenntniß des darzustellenden Gegenstandes gewöhnlich dem Auge und der Hand eines Künstlers eigen wird, sondern wie sie aus jenem lebhaften Durchdringen der Eigenthümlichkciten des Gegenstandes hervorgeht, welches inderinnern Natur die äußere Gestaltung bedingt findet, gehört zu seinen Hauptvorzügen Seine Gemälde tragen das Gepräge geistreicher Lebendigkeit und Heiterkeit, wodurch selbst die gleichgültigsten Gegenstände des wirklichen Lebens zu erfreulichen Erscheinungen werden. Auch in der Frescomalerei versuchte sich H. mit ausgezeichnetem Erfolge, indem er in der Glyptothek in München das Viergespann am Wagen des Helios wahr und lebendig ausführte. Waren seine frühern Bilder meistens der Darstellung einzelner Kriegsscenen aus seinen Feldzügen in Tirol und Spanien gewidmet, so eröffnete sich ihm durch den Aufenthalt in Griechenland eine neue Welt, welche sein Talent ungemein ansprach und die er aufunvergleichliche Weife bildlich wiederzugeben verstand. Die an sich schon so pittoresken Eigenthümlichkeiten des griechischen Volks und Landes sind in H.'s Palikarenscenen, in seinen Darstellungen des öffentlichen Verkehrs und des innern Familienlebens der verschiedenen griechischen Stämme, durch eine höchst treffende und charakteristische Composttion zur lebendigsten Anschauung vergegenwärtigt, während eine ihm ganz eigenthümliche Anwendung hoher Farbentöne die Reinheit und Heiterkeit des südlichen Himmels, sowie die , üppige Frische der sich schnell verjüngenden Natur, mit ihren wunderbaren Contra- ften fast stets winterlicher Gebirgszüge und immer grünender Thalcbcnen, in überraschender Wahrheit schildert. H.'s Bilder werden übrigens, zumal in Privat- sammlungen, um so mehr als Seltenheiten stets einen hohen Werth behalten, da sie zum größten Theile, namentlich in den letztern Jahren, für die Sammlungen des Königs von Baiern bestimmt wurden, und da H. abermals in einen Wirkungskreis eingetreten ist, der ihn zu ihrer Vervielfältigung nur wenig Muße lassen dürfte. Denn kaum war er um die Mitte 1832 zum Mitglieds einer Commission ernannt worden, welche den Festungsbau zu Ingolstadt an Ort und Stelle beaufsichtigen und leiten sollte, als die Erhebung des Prinzen Friedrich Otto von Baiern auf den neubegründcten griechischen Königsthron ihm abermals einen höhern Wirkungskreis in und für Griechenland bestimmte. Schon früher als königl. bairischerKämmerer angestellt, wurde er durch ein Decret vom 5.Oct. 18?2 vom Könige von Baiern mit der Beförderung zum Generalmajor zum Mitglieds der Commission ernannt, welche nach dem zwischen der Krone Baiern und den dm Großmächten abgeschlossenen Vertrage vom 7. Mai 1832, während der Minderjährigkeit des Königs Otto die Regentschaft des griechischen Staats führen soll. Dem neuerdings verbreiteten Gerüchte, als sei von Seiten der Griechen, namentlich auf Betrieb des Admirals Miaulis, gegen diese Ernennung H.'s protestirt worden, ist durch eine ofsicielle Erklärung der im Oct. und Nov. zu München anwesenden griechischen Deputation, bei welcher sich Miaulis selbst befindet, förmlich widersprochen worden. H. ist in den ersten Tagen des Dec. bereits von München abgereift, wird in kurzer Zeit in Griechenland eintreffen, und, wie früher, zunächst seine Thätigkeit der zweckmäßigem Organisation des griechischen Militairwescns widmen. (18) Heideloff (Victor Peter) wurde 1757 zu Stuttgart geboren, wo er gleichzeitig mit Schiller, Dannecker, Hetsch ein Zögling der dortigen Akademie war und unter Zaibel die Geschichtsmalerei, unter Scotti die Theatermalern D- dirte. Der Herzog Karl von Würtemberg schickte ihn 1782 nach Italien und sM l nach Paris. In sein Vaterland zurückgekehrt, ward er als Professor und als Holl Heimathsrecht 39l und Theatermaler angestellt, und fand vielfältig Gelegenheit, sein Talent als ein, in allen Fächern gewandter Künstler zu zeigen. Bei dem Theater verbannte er den, in den Decorationen und Costumen herrschenden altfranzösischen Geschmack. In seinen historischen und allegorischen Gemälden, unter welchen die vier Jahreszeiten im Schlosse zu Stuttgart und ein Altarbild in der Kirche zu Rotweil besondere Erwähnung verdienen, zeigte er eine lebendige, schöpferische Phantasie. Er starb 1816, nachdem er seit 1804 theilweise erblindet war. — Karl Alexander, sein Sohn, geboren 1788 zu Stuttgart, ward in einer guten Schule zum Zeichner und Architekten gebildet, und die vielen Bauten und glänzenden Feste unter der Regierung des prachtliebenden Königs Friedrich, wie das Zusammenleben mit dem, in Stuttgart angestellten berühmten Künstlern, gaben ihm Gelegenheit zu weiterer praktischer Ausbildung. Mit dem Studium der Bauwerke des klassischen Alterthums verband er, durch den romantischen Geist der mittelalterlichen Baukunst angezogen, auch die Betrachtung des altdeutschen Baustyls, in welchem er sich sowol in Entwürfen als in Ausführungen, z. B. in dem Denkmal auf den Fürstbischof Georg Karl im Dom zu Bamberg, rühmlich versuchte. Als Lehrer an der polytechnischen Schule zu Nürnberg angestellt, fand er während seines zwölfjährigen Aufenthalts vielfältig Gelegenheit sein Talent zu üben. Der „Sammler für Kunst und Alterthum in Nürnberg" gibt genaue Nachricht über Alles, was H. während jener Zeit dort neu geschassen oder verbessert und verschönert hat. Auch im Gebiete der Zeichnung und Malerei hat er viel Kunstfertigkeit gezeigt, und besonders in Vignettencompoft'tionen und Kupferradirungen Vorzügliches geliefert. Als Bildnißmaler zeichnet er sich durch das Talent aus, Verstorbene oder entfernte Bekannte aus der Erinnerung oft treffend darzustellen. In seinem Lehrerberufe übt er einen wohlthätigen Einfluß auf die Verbesserung des Geschmacks in den Gewerbserzeugnissen und auf tüchtige Bildung zu jeder Kunstfertigkeit aus. Heimathsrecht. Die strengere Gemeindeverfassung der ältern germanischen Zeit brachte es mit sich, daß die Genossen derselben gegenseitig für einander hasteten, und darin lag auch die Verbindlichkeit, verarmte Mitglieder zu verpflegen. Dies hat sich zwar auch bis in die neuem Zeiten erhalten, und darauf bezogen sich eine Menge örtlicher. Statuten, indem die Gemeinden stets eifrig bemüht waren, diese Verpflichtung so viel als möglich von sich abzuwenden. Sie suchten die Aufnahme in den Gemeindeverband zu erschweren, durch bedeutende Summen, welche dafür erlegt, durch eine Vermögenssumme, welche nachgewiesen, und Cautionen, welche geleistet werden mußten. Auch wurde oft dieses Verhältniß mit dem eigentlichen Bürger- und Nachbarnrechte ver wechselt und Allen, welche nicht zur eigentlichen bürgerlichen Gemeinde gehör ten, mit den Ihrigen das Recht der Niederlassung streitig gemacht. Daraus entstanden, vornehmlich in der Schweiz, aber auch in Deutschland die sogenannten Heimathlvsen, Unglückliche, welche man nirgend dulden wollte und gegen welche man mit den härtesten Gesetzen zu verfahren sich erlaubte. Todtkranke, Weiber in Kindesnöthen wurden bei strenger Kälte von einem Orte zum andern geschafft, um nicht die geringen Kosten der Beerdigung tragen oder dem zu erwartenden Kinde die Rechte Eingeborener gewähren zu müssen. Je mehr die Staaten endlich daraufhielten, daß jeder Ort seine Armen zu verpflegen schuldig sei, desto wichtiger wurde die Sache. Die gesetzliche Armenverpflegung in England z. B, hatte nicht weniger als 26 verschiedene Parlamenrsacten über den Ort, wohin die Armen gehören (settlement) zur Folge und die Bestimmungen darüber nehmen fast den ganzen vierten Band von Burn's Werke: ,/1Ae justice ol tlle peuce Anck purisll vgicer" ein. In Deutschland wurde der Gegenstand noch verwickelter durch die Trennung in eine so große Zahl unabhängiger Staaten, und die Ver- !?! schiedenheit der Grundsatze, welche von diesen hierüber aufgestellt wurden. Baier» z. B. erkannte keine Begründung des Heimathsrechts durch die bloße Geburt, sondern erklärte zu Ernährung der Kinder diejenigen Gemeinden, Gutsherrschaften, Geist- liche verbunden, in und von welchen eine Trauung vorgegangen war, daher man' chem armen Pfarrer, der vor vielen Jahren ein Ehepaar getraut hatte, die unverhoffte Freude zu Theil wurde, eine zahlreiche und nahrungslustige aber arbeitsscheue Familie zur Versorgung durch den Schub zu erhalten. Auch dadurch suchten die Gemeinden die Versorgungspflicht von sich abzulehnen, daß sie kurze Fristen (von Ü, 7 und 10 Jahren) festsetzten, in welchen durch bloße Abwesenheit das Heimathsrecht schon verloren ging, während es in diesen und andern Orten eines viel längern Zeitraums und daneben noch anderer Voraussetzungen bedurste, um dasselbe zu erwerben. Hierdurch wurde also auch wieder die Zahl der Heimath- losen sehr vermehrt, ohne daß man bedachte, daß es doch in der That kein un- I glücklicheres Gefühl geben kann, als das, ohne Heimath und gleichsam aus dem Volke, ja aus der Menschheit, dem indischen Paria gleich, ausgestoßen zu sein, Allerdings ist es für eine Gemeinde eine große Last, arbeitsunfähige Menschen verpflegen zu müssen, aber sie erfüllen auch in der Regel diese Pflicht, wo sie sich derselben nicht zu entledigen wissen, auf eine Art, daß sie dabei von den Verpflegten wenig Dank verdienen. Eine große Schwierigkeit liegt dabei noch in dem Verhältnisse der Gutsherrschaften zu den Gemeinden. Die Gutsherren haben häusig das Recht, Fremden Schutz zu ertheilen, und sie beziehen dafür Abgaben und Dienste, dann aber, wenn die Schützlinge oder ihre Nachkommen verarmen, sollen die Gemeinden eintreten, oder wenn das Gut in andere Hände gekommen ist, werden die Familien ehemaliger Besitzer in kostspielige und im Grunde doch unbillige Processe verwickelt. Aus all diesen Gründen ist es freilich sehr nothwcn- dig, diesen Gegenstand durch Gesetze zu bestimmen, aber mehr zu wünschen als zu hoffen, daß dabei nicht bloß das Interesse der Gemeinden und Gutsherrschasten, sondern auch in etwas das Interesse der Menschheit und der Armen berücksichtigt werde. Aber wie unsere deutschen Landstände einmal constituirt sind, ist das materielle Interesse fast durchgehend so übermächtig geworden, daß ein anderes daneben nicht leicht aufkommt. Es wäre ferner zu wünschen, daß das Restchen von individueller Freiheit, welches in dem heutigen Europa dem Einzelnen nicht schon durch eine immer schärfere Polizei, durch Zölle und Handelsverbote, durch Kriegsdienste bis ins vierzigste Jahr u. f. w., entzogen wird, nicht auch dadurch noch verkümmert werde, daß, z. B. wie in einem neuern Gesetzentwurse verordnet wird, Jeder, auch der unabhängige wohlhabende Mann, der Staatsdiener mit ausreichender Besoldung sich nicht verheirathen darf, ohne die Erlaubniß der Ortsvorsteher dazu erbeten zu haben, und sich dabei, wenn man will, den entehrendsten Nachfragen auszusetzen, ob z. B. die Braut nicht im Zuchthause gesessen habe, und Zeugnisse darüber beibringen zu müssen. Endlich ist auch mehr zu wünschen als zu hoffen, daß die verschiedenen Staaten sich über gleichförmige Grundsatze vereinigen möchten, weil gerade bei diesem Gegenstande sonst die unangenehmsten Collisionen entstehen können, wenn der eine Staat andere Bedingungen des Heimathsrechts aufstellt als der andere, und z.B. dasselbe durch Umstände verloren gehen laßt, welche nach den Gesetzen des andern ein neues nicht begründen. Es existiren zwar mehre Gesetze darüber; das neueste ist, so viel wir wissen, das badische vom 31. Dec. 1831. Allein es bleibt doch noch viel zu thun übrig und es mögen einige Gesichtspunkte hier Platz finden, welche dabei einige Beruch sichtigung zu verdienen scheinen. 1) Das Heimathsrecht darf durchaus nicht nn dem Orts - und Gemeindebürgerrechte verwechselt, nicht an die Bedingungen de letztem geknüpft werden, sondem es ist das ganz für sich bestehende Geburtsrech (birtk-rixiit), welches einem Jeden zu statten kommt. England und Frankreich >»« i Heine 393 geben es auch den von fremden Altern im Lande Geborenen ganz allgemein. 2) Das Heimathsrecht schließt in sich: a) das Recht zum bloßen Aufenthalt; b) zu Betreibung aller der Gewerbe, wozu das eigentliche Ortsbürgerrecht nicht nöthig ist; c) zu Erwerbung des eigentlichen Bürgerrechts unter Erfüllung der dafür gesetzten Bedingungen; ü) den Anspruch auf Verpflegung. 3) Es ist nicht durchaus nochwendig, daß das Heimathsrecht local sei, denn es laßt sich sehr wohl ein solches denken, welches nur für den Staat in seiner Gesammtheit gilt, und wobei die Versorgungspflicht auch der Staatskasse obliegt (badisches Gesetz tz.85), 4) Das Heimathsrecht ist unauslöschlich, d. h. es wacht auch dann wieder auf, wenn es ^ ausgegeben worden ist, aber kein anderes einheimisches mehr existirt (badisches ^ Gesetz Z. 73, Nr. 1). Dann 5) ohne Heimath soll kein Mensch sein, und sowie das G Vaterland immer noch, selbst nach Auswanderung und Naturalisation in einem w fremden Lande, Rechte an seine Söhne behalt, so muß es auch als liebende Mut- dm ter keinem, der dahin nach manchen Irrfahrten des Lebens zurückkehren will, die !»». Aufnahme versagen. (3) A Heine (Heinrich) wurde 1797 in Düsseldorf geboren und ftudirte in «j Bonn, Berlin und Göttingen, wo er die juristische Doctorwürde erhielt. Seit- ^ er sich abwechselnd in Hamburg, Berlin, München und Paris auf. Bei ^ « mch in s^nem ersten Aufenthalte in Berlin gab er 1822 die erste Sammlung seiner Ge- ^ MchrmD dichte heraus, die zugleich mit dem „Lyrischen Intermezzo" (1823) und den Ge- W ichUzÄ« dichten aus den beiden ersten Banden der „Reisebilder" in das 1827 erschienene WWW«, „Buch der Lieder" nach einer sorgfältigen Auswahl, die namentlich die schauerli- NMWW chxn Nachtstücke der ersten Sammlung ausschloß, aufgenommen worden ist. Zwei Tragödien: „Almansor" und „Radcliss", erschienen 1823, und von 1826 an die iWWchW „Reisebilder" in vier Theilen. Außerdem hat er auch eine Zeitlang in Gemein- chfiMchiuIs schast mit F. L. Lindner die „Neuen allgemeinen politischen Annalen" herausgege- muMchiA ben und einzelne Aufsatze und Gedichte in Zeitschriften abdrucken lassen. Es ist schwierig, ein bestimmtes Bild von H.'s poetischem Talent zu entwerfen. Er hat chWD, D ein reines, stilles, frommes Gemüth, das sich gern in dem Kinderglauben einer hei- A, WM tern Märchenwelt heimisch fühlt, das mit der ganzen Kraft und Zartheit, die ihm n, WM» eigen ist, in solcher Heimath Wurzeln schlagen und gedeihen möchte. Er hat einen scharfen Geist, der oft, ohne zuvor bedächtig die Schale gelöst zu haben, durch kühne MM, dmii Combination den Kern durchschaut, der mit einem feinen erregbaren Nervensi'nne die Fühlfäden nach außenhin bewegt und in beneidenswerthem Reichthum von Bildern, Wendungen und Verknüpfungen, wie in einem leicht beweglichen Mienen- und Muskelspiel, die Art und Weise, wie er afsicirt worden ist, abspiegelt. Er hat M Begeisterung und kann sich begeistern, er hat Kühnheit der Phantasie und drückt chrD der Sprache gewaltig seinen Stempel auf. Und was mangelt ihm, um die Palme zu gewinnen? Um es mit einem Worte zu sagen: die Treue, welche diese gött- M« lichen Gaben des Genius zur höhern Harmonie verklären sollte. Weil er aber mit diesem Überschwang von Geist und Talent, der sich in alle Formen und Farben zu MlK kleiden weiß, dem eine jede wohl ansteht, ohne stete Richtung nach einem idealen Ziele, das höher ist als er selbst, in welchem sich die vereinzelten Straten des Talents wie in ihrer Sonne zusammenfinden, umherflattert, und eben nur sein Talent spielen und gewähren laßt, so erzeugt sich in ihm jener Widerspruch, der sein ganzes Wesen so schmerzlich zerschneidet. Seltsamere Gegensatze haben kaum jemals in ' derselben Menschenbrust gewohnt. Überweiche Zartheit und wilde Kraft, ergrei- ") sende Tiefe und satyrhafte Frivolität des Gedankens und der Empfindung, Adel > zi und Gemeinheit, großartige Gesinnung und — nicht Feilheit, aber ironische Kälte, W tödtende Gleichgültigkeit, und all dies nicht etwa zu verschiedenen Zeiten, bei ver- ! schiedenen Gelegenheiten, sondern in einem und demselben Athem. Wer ihn mit W Lord Byron vergleicht, kennt weder ihn noch Byron. Byron ist treu und beharr- 394 Heinrich (Herzog v.Anh.-Köthen) Heinrich XIX. (Fürst Reuß) lich in seiner düstern Verzweiflung. Nicht so H.; er wird von zwei Welten, der irdischen und geistigen, gleich stark angezogen. Aber dieses Spiel mit sich selbst sich gerächt; sowie Hamlet's vorgeblicher Wahnsinn zum wirklichen wird, so 5^ seine erheuchelte Wunde wirklich zu bluten an, und würde sich rettungslos verblutet haben, wenn nicht ein großes Interesse, der Balsam, der seinem kranken Dasein bisher immer gefehlt hatte, sie geheilt und sein ganzes Wesen mit reiner Begeisterung gekräftigt und gehoben hätte. Wie er einmal ausgesprochen hat, daß auch die Freiheit eine Religion sei, so kann man sagen, daß sie zuvörderst ihm zur Religion geworden ist, daß er die Sprache des Gebets und der Frömmigkeit, der Begeisterung und des Kinderglaubens, nach welchem er sich sonst wie nach einem verlorenen Paradiese ohnmächtig zurücksehnte, in dem Gottesdienste der Freiheit zuerst wiedergefunden hat. H. entwickelt als politischer Schriftsteller keine Doctrinen, und die Wärme der Empfindung treibt ihn wol oft über die Grenze hinaus, die der Verstand sich gesteckt haben würde. Gleichwol ist er in keiner beschrankten Parteiansicht einseitig befangen, er weiß, wo in jeder der entgegengesetztesten Richtungen der Zeit ein Herz schlägt und fühlt die warmen Pulsschläge des Lebens, wo und wie es sich zeigen möge, in seinem Dichterherzen nach. Fern von ihm liegt jener zerstörende Rationalismus, den man ihm häusig Schuld gibt, denn die Freiheit ist seine Religion und er dient ihr im Geist und in der Wahrheit. Seine seit 1831 aus Paris geschriebenen Mittheilungen für die „Allgemeine Zeitung" hat er unter dem Titel: „Französische Zustände" (Hamburg 1832), herausgegeben und durch ein Vorwort eingeführt, das seine Ansicht der Gegenwart mit Entschiedenheit ausspricht. (59) Heinrich, Herzog von Anhalt-Kothen, geboren am 30. Jul. 1778, zweiter Sohn des Fürsten Friedrich Erdmann von Anhalt-Pleß und dessen Gemahlin Luise Ferdinande, Tochter des Grafen Heinrich Ernst von Stollberg-Wernigerode, erhielt, als sein Bruder Ferdinand (s. d.) 1818 zur Regierung des Herzogtums I Anhalt-Köthen gelangt war, die Standesherrschaft Pleß in Schlesien, welche Fürst Friedrich Erdmann von seinem Großvater, dem Grafen von Promnitz, geerbt hatte. Als sein Bruder am 23. Aug. 1830 ohne Nachkommen gestorben war, eilte der Fürst in das ererbte Land, und die Hoffnungen, die der Wechsel der Herrschast erweckte, mögen es vor dem Einflüsse der unruhigen Bewegungen bewahrt haben, für welchen seines Bruders unbedachtsamcr Kampf gegen die öffentliche Meinung Empfänglichkeit genug erweckt hatte. Die Bemühungen des Herzogs Ferdinand, eine katholische Gemeinde in Köthen zu stiften, zerfielen, sobald die äußere Begünstigung aufhörte, die von ihm herbeigerufenen Geistlichen verloren sich wieder, und die katholische Kirche, die schon zum Theil eingestürzt war, blieb unvollendet. Der Herzog lebt seit 1819 in kinderloser Ehe mit Auguste Friederike Esperance, Prinzessin von Neuß-Köstritz. Heinrich XIX., Fürst Reuß zu Greiz, ward am 1. März 1790 geboren, dersSohn des Fürsten Heinrich XIII. zu Greiz und dessen noch lebender Witwe Wilhelmine Luise, Prinzessin von Nassau-Weilburg, und kam 181? zur Regierung des Landesantheils der ältern Linie des Hauses Reuß. Zur Erläuterung der biographischen Skizzen, die wir hier und in den beiden folgenden Artikeln geben wollen, müssen wir zuvörderst an die genealogischen und statistischen Verhältnisse der Fürsten und ^ ihres Gebiets erinnern. Das alte reussische Haus, einst im Besitze des ganzen Voigtlands, besteht seit dem 17. Jahrhundert aus zwei Linien, der ältern, welche bis 1763 in die Äste Obergreiz und Untergreiz getheilt war, und der jünger», die 164? durch Theilung des Gebiets in vier Linien, Gera, Schleiz, Saalburg und Lobenstein, zerfiel. Die Linie Schleiz erlosch 1666 wieder und bei der Theilung ihres Gebiets unter die drei andern Aste wurde Reuß-Saalburg nach Schleiz verletzt un blühte als die Linie Reuß-Schleiz fort. Von ihr trennte sich 1683 die Nebenlinie Heinrich XIX. (Fürst Rcuß zu Greiz) 395 Köstritz, welche, da indeß das Primogem'turrecht eingeführt war, keinen Landestheil erhielt und noch in mehren Gliedern fortdauert. Die Linke Lobenstein trennte sich durch Gebietstheilung 1678 in die Zweige Lobenstein, Hirschberg und Ebersdorf. Hirschberg starb 1711 aus. Die beiden andern Zweige erbten gemeinschaftlich mit Schlei; das Gebiet der 1802 erloschenen Linie Gera. Die Linie Reuß-Greiz hatte bereits 1773 die reichssürstliche Würde erlangt, welche 1806 auch die Grafen von Schlei;, Lobenstein und Ebersdorf erhielten. Als 1824 die Linie Lobenstein erlosch, erhielt der jüngere Zweig Ebersdorf die Besitzungen derselben, wozu auch ein Viertheil von Gera gehörte, und besitzt seitdem die Hälfte der mit Schlei; noch unqetheilt verwalteten Herrfchaft Gera, die in neuern Zeiten den Namen eines Fürstcnthums führt. Diese Linie heißt nun Reuß zu Lobenstein und Ebersdorf. Das Gebiet der altern Linie Reuß-Greiz begreift etwas über 6 HZM. mit 24,000 Einwohnern, Reuß-Schlei;6 HjM. mit 17,000 Einwohnern, Lobenstein-Ebersdorf 7 f^M. mit 15,000 Einwohnern und das den beiden jungem Linien gemeinschaftlich gehörende Gera 7 H>M. mit einer Volksmenge von 23,000 Seelen. Das gefammte reusstsche Fürstenhaus ist durch Familienver- trage verbunden. Der den Lebensjahren nach älteste regierende Fürst, jetzt Heinrich HXIl. zu Neuß-Schleiz, ist jedesmal Senior, führt den Titel „des ganzen Stammes Ältester", und hat das Directorium in allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten des Landes und des Geschlechts. Der älteste regierende Fürst der andern Linie, jetzt der Fürst Reuß-Greiz, ist sein Adjunct. Alle Fürsten Reuß führen den Namen Heinrich, welchem die nächste Zahl nach der des zunächst vorher Geborenen in der Art beigesetzt wird, daß die ältere Linie bis hundert (0!) zählt und dann wieder von l ansängt, die jüngere Linie hingegen den Erstgeborenen in jedem Jahrhundert mit I bezeichnet und dann bis Ende des Jahrhunderts fortzählt. Die reussischen Fürsten- thümec haben Landstände, deren Wirksamkeit aber äußerst unbedeutend ist. Sie leiten ihren Ursprung von einer Bclcihungsurkunde des Kaisers Ludwig des Baiern vom Jahre 1329 ab, und bestehen bloß aus Ritterschaft und Städten. Die in mehren Schriften wiederholte Angabe, daß auch die Landgemeinden oder Pflegen Abgeordnete zu den Landtagen senden, beruht aufeinem Jrrthum, da keine Landgemeinde in den reussischen Landen vertreten wird. Die sogenannten Pflegen sind einzelne Lan- destheile mit einer kleinen Stadt, welche vor Zeiten besondern Linien gehörten und jetzt zum Theil an die Hauptstämme gefallen sind, wie die Pflegen Saalburg und Langenberg im Fürstenrhum Gera, die Pflege Hirschberg im Fürstenthum Lobenstein und Ebersdorf, die Pflege Neichenfels mit Hohenleuben im Fürstenthum Schlei;, welche jetzt noch die paragirte Linie Schleiz-Köstritz besitzt. Niemand re- präsentirt diese Landestheile auf den Landtagen. Von der Pflege Saalburg erscheint der Bürgermeister für die gleichnamige Stadt, von Hirschberg gar Niemand, für Reichenfels aber ein Abgeordneter des fürstlichen Besitzers. In den Besitzungen der ältern fowol als der jüngern Linie führen die Hauptstimmen in der Standeversammlung die fürstlichen mit Rittergütern im Lande angesessenen Vettern durch Bevollmächtigte, die sie zu den Landtagen zu senden berechtigt sind, wo sie dann durch ihre Abgeordneten mehr als eine Stimme führen. So hat der Besitzer von Köstritz mehre Dörfer im Fürstenthum Greiz, wegen deren er auf dem Landtage vier Stimmen hat. Im Fürstenthum Greiz wurden die Landstände seither ziemlich regelmäßig, nämlich nach der Verfassung von acht zu acht Jahren, wie zum letzten Mal 1817 und 1824, versammelt. Jährlich werden überdies in Greiz sogenannte De- putationstage gehalten, welchen hauptsächlich die Abnahme der Landesrechnungen obliegt. Weit weniger geordnet ist die Wirksamkeit der Stände in den Gebieten der jüngern Linie. Schon 1776 mußten die Grafen Reuß von dem Reichskammergericht angehalten werden, einen allgemeinen Landtag zur Erledigung der Lan- desangelegenheiten zu berufen, und seitdem hat keine ordentliche Ständeverfamm- 396 Heinrich I.XII. (Fürst Reuß zu Schleiz und Gera) lung stattgefunden. Als 1780 der größte Theil der Stadt Gera abbrannte, ward auch das Regierungsgebäude, von welchem ein Flügel zu den Versammlungen der Stande bestimmt war, ein Raub der Flammen, und dieser Theil des Gebäudes liegt noch in seinen Brandtrümmern: ein Sinnbild der ganzen standischen Wirksamkeit. Verhandlungen der gesammten Stande der drei Fürstenthümer, welche verfassungsmäßig als eine eigne Corporation betrachtet werden, sind daher eine Seltenheit geworden. Wird das Gutachten der Stande des Fürstenthums Gera gewünscht, so erhalten sie schriftliche Mittheilungen, worauf sie sich in einem Gailhöfe auf einige Stunden versammeln und ihre Erklärung schriftlich abgeben. Über die Rechte der Stände waren große Processe bei den ehemaligen Reichsgerichten anhängig; jetzt scheinen sie nur noch über außerordentliche Steuerbewilligungen und zuweilen über Gesetzentwürfe befragt zu werden, wie auch Abgeordnete derselben bei der Ablegung mehrer Rechnungen zugegen sind. Nach der Verfassung bilden die Stände der Fürstenthümer Schleiz und Lobenstein-Ebersdors selbständige Corporationen für die Berathung der besondern Angelegenheiten dieser Gebiete; aber die Wirksamkeit dieser Stände ist noch unbedeutender und der Geschäftsgang ihrer Versammlungen noch ungeregelter als bei der Gesammtlandschast. Das für die Verhandlungen mit den gesammten Landständen verfassungsmäßig bestimmte Organ, die Regierung zu Gera, ist bei den Verhandlungen mit den gesonderten Ständen der Fürstenthümer ganz ausgeschlossen. In Schleiz hat der Fürst die meisten landtagsfähigen Rittergüter an sich gekauft, sodaß die Zahl der Landstände dort sehr gering ist. Aus diesen Angaben geht hervor, daß es mit der Vollziehung des dreizehnten Artikels der Bundesacre in den rcussi'schen Fürsten- thümern nicht erfreulich aussieht; es scheinen sich auch keine nahen Aussichten zu einer bessern Gestaltung der Verfassung zu öffnen und was in der neuesten Zeit öffentliche Blätter von der Bearbeitung einer Verfassungsurkunde für die Gebiete der jüngern Linie gesagt haben, hat bis jetzt noch keine Bestätigung gefunden. — Der Fürst von Reuß-Greiz verdankt seine mehr als gewöhnliche Bildung weniger seiner frühern Erziehung als der eignen Entwicklung seiner ausgezeichneten Talente und einem vicljährigen Aufenthalt in Wien, der aber auch auf seine politischen Ansichten nicht ohne Einfluß geblieben ist. Während seiner Regierung erhielt das Land eine Wechselordnung, da früher dort kein Wechselrecht galt, eine neue Gesindeordnung, und es ward ein abgekürztes gerichtliches Verfahren eingeführt, obgleich noch viele Misbräuche in der Rechtspflege bestehen, und selbst Ca- binetsbefehle in Justizsachen nicht unerhört sind. Als 1830 auch in Greiz unruhige Bewegungen auszubrechen drohten, wußte derFürst sie durch sein persönlichesAnsehen und durch zweckmäßige Maßregeln im Entstehen zu unterdrücken, indem die Hauptanstifter sogleich verhaftet, einige Dorfgerichtspersonen abgesetzt und alle Verdächtige in Untersuchung gezogen wurden. Vermied er es auf diese Weise sich Zugeständnisse abdringen zu lassen, so unterblieben aber auch zeitgemäße Einrichtungen und nothwendige Veränderungen in der Regierungsform. Das arme Land liegt unter einer schweren Schuldenlast, die frühere Regenten ihm aufgewälzt, und die einen fortdauernden Abgabendruck zur Folge gehabt haben. Bei dieser Lage des Volks muß das, in Greiz geduldete Lotto-Wett Comptoir, das nach den Lottozie- Hungen in Koburg sich richtet, nur noch verderblicher wirken. Der Fürst ist se> 1822 mit der Prinzessin Gasparine, Tochter des östreichischen Feldmarschalllieute- nants Fürsten von Rohan-Rochefort, vermählt, der ansehnliche Güter in Böhmen und Frankreich besitzt. Er hat aus dieser Ehe nur zwei Töchter, und da außer st>- nem jüngem Bruder, Heinrich XX. (geboren 1794), östreichischem Major, dcr unvermählt ist, kein Verwandter der ältern Linie lebt, so wird ihr Gebiet wutm scheinlich an die jüngere fallen. ^ . Heinrich I.XII., Fürst Reuß zu Schleiz und Gera, geboren am 3^,.> Heinrich I^XXII. (Fürst Reuß zu Lobenstcin und Ebersdorf) 397 1785, Sohn des Fürsten Heinrich XI.II. zu Reuß-Schleiz und dessen Gemahlin Karoline Henriette, Tochter des verstorbenen Fürsten zu Hohenlohe-Kirchberg, kam 1818 nach seines Vaters Tode zur Regierung des Fürstenthums Schleiz und zur Mitregierung des Fürstenthums Gera. Er wurde mit seinem jüngern Bruder Heinrich I.XVII. (geboren am 20. Ott. 1789) von dem jetzigen Superintendenten Oeder in Schleiz unterrichtet, und besuchte, in Begleitung des durch mehre historische Schriften bekannten Friedrich Majer, 1804 — 6 die Universitäten Würzburg und Erlangen. Er kehrte kurz vor dem Ausbruche des Kriegs nach Schleiz zurück, das bald alle Drangsale großer Heereszüge empfinden mußte, welche der Fürst mit der ihm eignen Hcrzensgüte so viel möglich zu erleichtern suchte. Nach dem Frieden ward er mit seinem Bruder, der die preußischen Kriegsdienste verlassen hatte, nach Dresden geschickt, wo beide bis 1809 blieben. Nach dem Antritte seiner Regierung wurde besonders für die Verbesserung des Schulwesens, durch Erhöhung der Schullehrerbesoldungcn, durch Stiftung von Schulcassen, durch Unterstützung der Gemeinden bei der Wiederherstellung oder Erbauung von Schul- hausern, wohlthätig gewirkt, wiewol die neue Einrichtung des Lyceums zu Schleiz, als einer nur nothdürftig zur Universität vorbereitenden Gelehrtenschule, manchen Tadel erfuhr, da durch die gut eingerichtete gemeinschaftliche Landcs- schule (Rutheneum) zu Gera für das Bedürfnis des kleinen Landes hinlänglich gesorgt war. Die Einrichtung, daß einige Zöglinge des Lyceums, welche Schullehrer werden wollen, von gewissen Lettionen dispensirt sind und dagegen in einigen, für Schullehrer nöthigen Kenntnissen nothdürftigcn Unterricht erhalten, hat man uneigentlich die Gründung eines Schullehrerseminariums genannt. Die Verbesserung der nach Schleiz führenden tresslichen Kunststraßen und die Verschönerung der Umgebungen der Stadt verdankt man der persönlichen Einwirkung des Fürsten. Mit verständiger Sparsamkeit hat er ein sehr gut eingeübtes Musikcorps geschaffen, das zu seinemHofstaat gehört und, nach der von ihm verordneten Aufhebung des altenStadt- pfeiferprivilegiums in Schleiz, bei allen Feierlichkeiten im Fürstenthum die Musik besorgt, was auf die Verbesserung des musikalischen Geschmacks günstig eingewirkt hat. Au den neuern, von dem Fürsten gegründeten Einrichtungen gehört das Leichenhaus in Schleiz, welches aber, da der Gebrauch desselben dem freien Willen überlassen ist und in jener Gegend des Voigtlands noch viel Aberglaube und Vorurtheil herrscht, nur wenig benutzt wird. Der Fürst ist unvermählt. Sein einziger Bruder, Heinrich 1.XVI1., der eigentlich in Gera, jetzt in Koburg lebt, seit 18W mit Sophie Adelheid Henriette, Prinzessin von Reuß-Ebersdorf, vermählt, hat jetzt zwei Söhne, Heinrich V., geboren 1821, und Heinrich XIV., geboren 18i!2, auf welchen die Erhaltung des regierenden reussischen Stammes ruht. Heinrich I.XX1I., Fürst Reuß zu Lobenstein und Ebersdorf, am 27. Mar; 1797 im Schlosse zu Eoersdorf geboren, war der einzige Sohn des Fürsten Heinrich 1.1. Reuß zu Ebersdorf und dessen Gemahlin, Luise Henriette, Tochter des Reichsgrafen Gotthold Adolf von Hoym, der ansehnliche Güter in Sachsen besaß. Er erhielt unter den Augen seiner Ältern, die sich auch häusig in Dresden aushielten, den ersten Unterricht, bis er 1816 nach Bern ging, wo er mit den politischen Ansichten Karl Ludwigs von Haller, wie sie in der „Restauration der Staatswissenschaft" dargelegt werden, und die ihn ansprachen, bekannt wurde. Daraus besuchte er Göttingen und lebte 1818—19 in Dresden, wo er von einigen Geschäftsmännern Privatunterricht erhielt. Er folgte seinem Vater 1822 in der Regierung und machte im folgenden Jahre eine Reise nach England, wohin er, nachdem er die Wintermonate des Jahres 1824 in Paris zugebracht hatte, zum zweiten Male ging, um auch Schottland und Irland zu besuchen. Er war wieder in Frankreich, als der Tod seines Vetters, des Fürsten Reuß zu Lobenstein, am 7. Mai 1824, seinem Gebiete einen neuen Zuwachs gab. Durch eine, schon am 14. jenes Monats / 393 Heinrich I^XXII. (Fürst Rcuß zu Lobenstein und Ebersdorf) an die Hofcommission nach Ebersdorferlassene und von dieser bekannt gemachte Verordnung wurde verfügt, daß die im Fürstenthum Ebersdorf bestehenden besondern Ge- setze, von dem Tage der Erscheinung dieses Befehls an, auch in Lobenstein gelten und in Collisionsfällen den lobensteinischen Gesetzen vorgehen sollten: eine Verfügung die wol nur vielfaltige Unannehmlichkeiten herbeiführen konnte. Nach der Rückkehr des Fürsten im Sommer 1824 ward eine Claffensteuer eingeführt, die manche Beschwerden veranlaßte, da die Grundeigenthümer nur geringe Erleichterung dadurch erhielten, und die armen Bergleute und Eisenarbeiter, wie überhaupt die dürftigen Fabrikarbeiter, die den größten Theil der Landesbewohner ausmachen, schwer belcht wurden. In demselben Jahre wurde die Versicherung aller Gebäude im Lande bei der Magdeburger Versicherungsgesellschaft vorgeschrieben. Während dieser Zeit wurde zwar für die Verbesserung des Schulwesens, besonders der Landschulen, Einiges gethan; mehre auf diesen Gegenstand sich beziehende Anordnungen blieben jedoch, da sie theils in der Ausführung schwierig, theils den örtlichen Verhältnissen nicht angepaßt waren, ohne Erfolg. Die Verwandlung der Sporteln und NebengeMe der Beamten in feste Gehaltsummen war um so weniger hinlänglich, dem schlechten Zustande der Rechtspflege abzuhelfen, da die Beamten so dürftig besoldet warm, daß eine thätige Justizverwaltung nicht erwartet werden konnte. Für die Verbesserung der Landstraßen ward auch hier gesorgt, der Obstbau durch Anlegung großer Baumschulen ermuntert und die Umgebung der Residenz Ebersdorf durch geschmackvolle Anlagen verschönert. Es fehlte indeß nicht an vielfältigen Veranlassungen zu Ausregungen unter dem Volke. Der Bauernstand ist in den reus- sischen Landen, durch ungewöhnlich hohes Lehngeld, durch die Triftgerechtsame und Frohnbefugnisse der Rittergutsbesitzer, besonders der Domainen und fürstlichen Chatoullegüter, schwer gedrückt. Die Noch wurde hier durch einen übermäßigen Wildstand und durch unaufhörliche Forst- und Iagdbedrückungen erhöht. Den nächsten Anlaß oder Vorwand zu den Beschwerden gaben die hohen Brandversicherungsbeiträge, welche für die erste Hälfte des Jahres 18W 'xPrv- cent des versicherten Gebäudewerths betrugen. Mehre Dörfer im Amte Lobenstein blieben gänzlich im Rückstand und die Auspfändung wurde verfügt. Es erfolgte zwar die Bekanntmachung, daß es nach Ablauf des auf drei Jahre geschlossenen Vertrages mit der Magdeburger Gesellschaft Jedem freistehen sollte, aus dieser Verbindung zu treten; die Unzufriedenheit ward aber dadurch nicht gestillt. Am 2. Oct. versammelte sich eine große Anzahl von Landleuten in dem Dorfe Harra. Eine Abtheilung von Soldaten rückte heran, nachdem sie langevordem Schlosse, auf Befehl wartend, verweilt und der allgemeinen Behauptung nach, mehre sich berauscht hatten. Die versammelten Bauern waren nicht bewaffnet, sondern hatten, um den Schein zu vermeiden, ihre Stöcke im Wirthshause zurückgelassen. Als sie der Auffoderung, sich zu entfernen, nicht gehorchten, gaben die Soloaten Feuer, und es wurden 14 getödtet und noch weit mehre verwundet. Die Gährung dauerte in den nächsten Tagen fort, wurde aber durch das zusammengezogene reussifche Bataillon unterdrückt. Der Fürst übertrug die Untersuchung einem weimarischen Beamten, doch ist bis jetzt weder Jemand bestraft worden, noch überhaupt das Ergebnis der Untersuchung zur öffentlichen Kunde gekommen. - Die unruhigen Bewegungen in Gera im Sept. 1830 lenkten die Aufmer > samkeit Deutschlands wieder auf die reuffischen Lande. Das Fürstenthum Mra, dessen statistische Verhältnisse wir bereits (s. Heinrich XIX.) angedeutet haben, theilte manche Beschwerden mit den übrigen reussischen Gebieten. Wie an andun Orten ward auch in Gera der gemeine Haufen von Personen aus den 3^. / Ständen vorgeschoben, welche eine Veränderung der städtischen Verwaltung wüNich- ten. Es blieb indeß bei Drohungen und Aufregungen, ohne irgend eine thatigkeit, und der bewegte Hausen ließ seinen Unmuth nicht gegen stadtische, sc Heinroth 399 B -H- dem gegen diejenigen fürstlichen Beamten aus, deren Wirkungskreis ihn unangenehm berührt hatte. Wahrend der Fürst von Neuß-Schleiz seinen Geheimrath nach Gera sandte, war der Fürst von Ebersdorf gerade selber anwesend, und suchte durch Ermahnungen und Verheißungen den Aufstand zu stillen. Die aufgeregte Masse wurde durch die Zugestandnisse, die in der ersten Bestürzung ihr gegeben wurden, ermuthizt. Die Entfernung der Beamten, gegen welche der Unmuth sich gerichtet hatte, ward ohne Untersuchung zugestanden, gegen die Urheber des Aufstandes aber nicht eingeschritten. Einige Tage nach dem Aufstande wurde ein ausführlicher Auszug aus den Steuerrechnungen bekannt gemacht, nach welchem die Verwaltung der Landescassen so günstige Ergebnisse gehabt hatte, daß ein großer Theil der Kriegsschulden getilgt war. Wie an andern Orten wurden nun auch in Gera veraltete Bannrechte und Jnnungsansprüche wieder geltend gemacht, und mit so glücklichem Erfolge, daß man selbst den Tagelöhnern eine Art von Zunftrecht bewilligte. Die Stadtverfassung wurde nach den Foderungen der Wortführer verändert, aber das Ergebniß hat den Erwartungen wenig entsprochen, und der Grundsatz der Trennung der Justiz von der Administration besteht nur dem Namen nach. DieGährung war durch alle Zugestandnisse so wenig gestillt worden, daß im Marz 1831 ein neuer Aufstand ausbrach. Man zog die gesammte reussi- sche Kriegsmacht von 740 Mann in Gera zusammen und bat den König von Preußen um Beistand, der darauf auch Soldaten an die Grenze rücken ließ. So wurde die drohende Bewegung unterdrückt, die Aufregung aber nicht beruhigt. Heinroth (Johann Christian Friedrich August), Hofrath und Professor der psychischen Heilkunde an der Universität Leipzig, wurde den 17. Jan. 1773 zu Leipzig geboren, wo sein Vater, ein wackerer, freigesinnter Mann, Militairchicurg war, und der religiöse Sinn der frommen Mutter sich schon früh dem Gemüthe des Knaben tief einprägte. Doch ebenso früh entwickelte derselbe einen lebendigen, gegen alle Beschrankung ankämpfenden Sinn und eine Neigung, mehr die Einbildungskraft als den Verstand zu beschäftigen. Während ihm jede mechanische Thätigkeit verhaßt war, mochte der sechsjährige Knabe lieber malen, reimen, Märchen lesen und — predigen, als seine Schularbeiten besorgen. Vom neunten bis achtzehnten Jahre besuchte er die Nicolaischule, wo aber erst in den höhern Classen ein Trieb zu wissenschaftlicher Thätigkeit, besonders zu philosophisch-religiöser Spekulation, in ihm rege wurde. Als Beleg hierzu kann ein damals verfaßter Aufsatz „De nitülo" dienen, in welchem er apagogisch das Dasein Gottes zu beweisen suchte, und als ein Zeichen seiner Neigung zur Theologie der sreigewählte Stoff seiner Abschiedsrede gelten: „Hun meute Heus Llium suum in munckum miserit.". Doch ergriff er auf der Universität, welche er 1791 bezog, nicht, wie man erwarten konnte, das Studium der Theologie, sondern der Medicin, zu welcher er sich bestimmtglaubte, weil auch sein Vater Arzt gewesen war. Daß H. seinen Beruf verkannte, hat die Folgezeit gelehrt, welche erst spät den Zwiespalt zwischen seinem ärztlichen Thun und Treiben und seiner religiös-philosophischen Richtung ausglich. Diese Richtung trat während der Universitätszeit, von welcher die Jahre 1796 — 1801 in praktisch ärztlicher Thätigkeit unter Leitung des wackern I)r. Schirmer, und im vertrautesten Umgange mit August Apel und Adolf Müllner dahinschwanden, in den Hintergrund; sie wurde aber, eigenthümlich genug, durch Fichte's „Wissenschaftslehre" wieder geweckt und H. machtig angeregt, sich der Theologie zuzuwenden. Dieser Entschluß kam jedoch nicht zur Ausführung, zumal da H. durch den vr. Kapp in Leipzig Gelegenheit erhielt, einen kranken russischen Grafen als Reisearzt nach Italien zu begleiten. Erinnerungen an ein dort verlebtes Jahr hat er im ersten Bande (Leipzig 1818) seiner unter dem Namen Treumund Wellentreter herausgegebenen „Gesammelten Blätter" aufbewahrt. Nach dem in Rom erfolgten Tode seines Patienten begab sich H. nach Wien und hörte 4V0 Heinroth den berühmten Peter Frank, immer jedoch durch die Neigung zur Theologie in s'. nen ärztlichen Studien unterbrochen. Als er 1803 nach seiner Vaterstadt zurü! gekehrt, zweiter Arzt am Jakobshospitale geworden war, übersiel ihn, nach Tode seines Vaters und einer innig geliebten Schwester, der Drang, sich der Theologie zu widmen, abermals und so stark, daß er sich jetzt entschloß ihm zu Er begab sich daher nach Erlangen, wurde aber dort mehr zurückgeschreckt als auf- gemuntert, indem er von allen Unterstützungsmitteln entblößt war, auch borchz das zweiunddreißigste Jahr erreicht hatte. So faßte er nun den festen Entschluß bei der Medicin zu bleiben, ging nach Leipzig zurück und war in vier Wochen Nov. 1805) Doctor der Medicin und Chirurgie. Er widmete sich von jetzt U der arztlichen Praxis, betrat aber zugleich auch die akademische Laufbahn, und laz im Sommerhalbjahr 1806 sein erstes Collegium über Anthropologie. Durch dm Einmarsch der Franzosen wurde jedoch das Dociren unterbrochen. H. diente von jetzt an als Militairarzt in mehren französischen Hospitalern, und noch 181Z beim Einzüge der Verbündeten, befand er sich in einem solchen Hospitale alz Oberarzt. Nachdem er von 1810 an wieder akademische Vorlesungen über mehre medicinische Disciplinen gehalten, gab 1812 sein Buch: „Beitrage zur Krankheitslehre" (Gotha 1810), durch eine neue Darstellung der psychischen Krankheiten die Veranlassung, daß dem Verfasser die neuerrichtete außerordentliche Professur der psychischen Therapie an der Universität Leipzig übertragen wurde welche Lehrstelle bis jetzt (1332) die einzige in ihrer Art geblieben und für die ganze literarische und praktische Richtung H.'s entscheidend geworden ist, um so mehr, da er auch 1814 als Arzt am Zucht-, Waisen- und Versorgungshause zu St.-Georgen, verpflichtet wurde, wo er reichliche Gelegenheit fand, die psychischen Gebrechen in allen Gestalten und Graden zu beobachten. Durch diese Anstellung war H. aus das seiner Thätigkeit angemessenste Feld gelangt und der lange Widerspruch und Streit seines innern und äußern Lebens geschlichtet. Auf diesem Felde hat er sich angebaut, Seelenheilkunde im weitesten Sinne ist der Gegenstand seiner unermüdlichen ärztlichen und schriftstellerischen Thätigkeit. Namentlich hat er sich um die Lehre von den Seelenstörungen verdient gemacht, wobei er von der Überzeugung ausgeht, daß diese Zustände ebenso wie Leidenschaft, Wahn und Laster ihrem Grundenach keine körperlichen Auständesi'nd, so sehrauch derKörpervonihnen angegriffen werden mag; sondern daß sie, aus falscher Lebensführung entspringend, weniger durch bloße körperliche Behandlung, als durch Behandlung der ganzen Person heilbar, und überhaupt weniger heilbar, als vielmehr durch richtige Lebensführung zu verhüten sind. Diese „Orthobiotik" zu begründen und zu verbreiten, istH. unablässig bemüht, und zu diesem Zweck überträgt er seine Forschungen auf das Gebiet der Philosophie überhaupt und der Anthropologie insbesondere, sowie auch auf das der Theologie. Als Mensch und Schriftsteller ist H. gleich achtungswerth. Gediegenheit des Wesens, heitere Offenheit, geselliger, von aller Kopshängerei entfernter Frohsinn lasten ihn stets liebenswürdig erscheinen, sind aber nur der äußere Schmuck seiner Tugenden, die er als glücklicher Gatte, Arzt, Freund und Lehrer besitzt. Als Schriftsteller ist H. geistreich im wahren Sinne des Wortes; seine strömende, stets von einem heiligen Feuer belebte, gedankenvolle Beredtsamkeit und seine klassische Diction machen die Lesung seiner Schriften in hohem Grade anregend, und auch Andersgesinnten nölhigt der Eifer, mit welchem H. seine Überzeugung verficht, und die Gewandtheit, mit welcher er sein Hauptthema zu variiren versteht, Achtung ab und schafft ihnen Genuß und Belehrung. Die Zahl von H.'s Schriften ist sehr groß; wir erlauben uns mit Übergehung vieler Dissertationen, Programme, cmzemcr Aufsätze u. s. w., hier folgende anzuführen. Es erschienen 1807 seine „Grundzüge der Naturlehre des menschlichen Organismus"; 4810 die schon erwähnten „Beiträge zur Krankheitslehre"; 1812 eine neue Bearbeitung von Danj'„Allge- Heller Helvig 401 meiner medicinischer Zekchenlehre", die er mit einer Anleitung zur psychischen Se- miotik vermehrte; 1818 sein „Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens" (2 Bde.), wozu er 1825 als Nachtrag eine „Anleitung für angehende Irrenärzte zu richtiger Behandlung ihrer Kranken" folgen ließ; 1822 das „Lehrbuch der Anthropologie", wovon 1831 eine zweite vermehrte und verbesserte Auflage erschien ; 1823 — 24 das „Lehrbuch der Seelengesundheitskunde" (2 Bde.); 1824 „Uber die Wahrheit"; 1825 das „Antiorganon, oder über das Irrige der Hahnemann'schcn Lehre" und sein „System der psychisch-gerichtlichen Medicin"; 1827 „Die Psychologie als Selbsterkenntnißlehre"; 1828 „Uber die Hypothese der Materie und ihren Einfluß auf Wissenschaft und Leben" und „Von den Grundfehlern der Erziehung und ihren Folgen"; darauf erschien 1829 „Der Schlüssel zu Himmel und Hölle im Menschen, oder über moralische Kraft und Passivität"; und in demselben Jahre seine „Pifteodicee, oder Resultate freier Forschung über Geschichte, Philosophie und Glauben". Wie erster? Schrift die subjektive, so enthalt diese die vbjective Bedingung des sittlich-religiösen Lebens. Die „Geschichte und Kritik des Mysticismus aller bekannten Völker und Zeiten" gab er 1830 als Rechtfertigung wegen des gegen ihn gehegten Verdachts mystischer Ansichten heraus, und 1832 erschienen die „Grundsätze der Criminalpsychologie, oder die Theorie des Bösen in ihrer Anwendung auf die Criminalrechtspflege". Außerdem lieferte H. Übersetzungen von Georget's Werk „Über die Verrücktheit" (1821), von Burrow's „Untersuchungen über gewisse, die Geisteszerrüttung betreffende Jrrthümer" (1822), die er mit Beilagen begleitete, wie auch 1827 kritische und erläuternde Zusätze zu Hille's Bearbeitung von Esquirvl's „Pathologie und Therapie der Seelenstörungen". Von Treumund Wellentreter's „Gesammelten Blättern" sind von 1818 — 27 vier Bandchen erschienen, aus deren prosaischem und poetischem Inhalt sich das reiche Gemüth des Verfassers zu erkennen gibt. (23) Heller (Joseph) ward am 22. Sept. 1798 zu Bamberg geboren, und nachdem er das dortige Gymnasium besucht hatte, mußte er sich nach dem Willen seiner Altern dem Kaufmannsstande widmen, den er aber bald wieder verließ. Er wendete sich seitdem ausschließend dem Studium der Kunstgeschichte und andern historischen Untersuchungen zu und besuchte 1821 die vorzüglichsten Bibliotheken in Ostreich und einem Theile Italiens und 1825 die Sammlungen in der Schweiz und am Rhein. Spater zog er auch die Geschichte seines Vaterlandes in den Kreis seiner Studien und bereiste mehre Gegenden Frankens, um artistische und historische Denkmäler und bedeutende Bauwerke kennen zu lernen und sich zugleich mit den örtlichen Verhältnissen bekannt zu machen. Er ist zu dem Besitz einer bedeutenden Kupferstichsammlung gekommen, die sich durch die sehr vollständigen Werke von Albrecht Dürer und Lukas Kranach auszeichnet. Von seinen kunstgeschjchtlichen Schriften nennen wir: „L. Kranach's Leben und Wirken" lBamberg 1821); „Geschichte der Holzschneidekunst" (Bamberg 1822); „Das "den und die Werke Albrecht Dürer's" (zweiter Band in drei Abtheilungen, Leip- "Monogrammen-Lexikon" (Bamberg 1831); von seinen historischen Arbeiten: „Resormationsgeschichte des ehemaligen Bisthums Bamberg" (Bam- erg 1825), und unter seinen topographischen Schriften möchte außer dem „Hand- uch für Reisende in dem ehemaligen fränkischen Kreise" (Heidelberg 1828) das " alchenbuch von Bamberg" (Bamberg 1831) zu erwähnen sein. Sammlerfleiß ^ sich in all diesen Leistungen, nicht aber überall kritische Sorgfalt. Gottfried), ehemaliger schwed. Generalfeldzeugmeister und ^ ganzen Artillerie, gegenwattig königl. preuß. Generallieutenant außer Dienst ^64 Z'! Stralsund geboren. Sein Vater, Kaspar Chri- wen'" k ^^uaermeister und Aldermann des Aimmergewerkes zu Stralsund, war 'S emittelt, und konnte den Knaben nur die gewöhnliche Stadtschule besuchen °"v.'Ler. der neuesten Zeit und Literatur. 11. 402 Hemans lassen. Der Conrector Mildahl bemerkte an ihm ein besonderes Talent mathematische Figuren zu zeichuen und nahm sich seiner im mathematischen Unterrichte an. H. mußte nach dem Willen des Vaters Lehrling des Aimmerhandwerks werden ; von Körperbau schwächlich, war er aber nicht geschickt genug, das schwere Beil zu regieren und verletzte sich das Bein so schwer, daß er auf Veranlassung des Ingc- nieurhauptmanns Pähl das Handwerk aufgab und sich so fleißig mit Forrisica- tionszeichnungen beschäftigte, daß er 1781 die Prüfung bestand und als Ingenieur- cadett zum Festungsbau nach Gothenburg geschickt wurde. Das geringe Reisegeld, das er aus dem älterlichen Hause mitnahm, war bald mit guten Freunden verzehrt, und da ihm der in Gothenburg commandirende Genera! durchaus keine Unterstützung gewährte, ließ sich H. als gemeiner Artillerist anwerben. Er wurde 1782 Unteroffizier, machte einen Feldzug gegen die Norweger mit, wurde 1788 Unterlieutenant, 1798 Eapitain bei der reitenden Artillerie, 1797 Major, 1803 Oberstlieutenant, 1805 Oberst, 1807 Generalfeldzeugmeister. Bei der 181ti erfolgten Trennung Pommerns von Schweden trat H. als Generalmajor in die preußische Armee und erhielt 1826 ehrenvollen Abschied als Generallieutenant. Während seiner Dienstzeit in dem schwedischen Heere erhielt H. mehre diplomatische Austräge, unter denen seine Sendung nach Konstantinopel, Griechenland und Rom die bedeutendsten waren. Er wurde von dem Könige von Schweden in den Adel- stand erhoben, lehnte es jedoch ab, sich des Prädicats „von" zu bedienen, da dies bei den alten adeligen Familien in Schweden nicht herkömmlich ist. Seit 1803 war H. mit Amalia von Imhof vermählt, welche durch ihre schriftstellerischen Arbeiten und durch ihre gelungenen Copien berühmter Gemälde sich einen bedeutenden Namen erworben hat. General H. lebt gegenwärtig in Berlin, mit einem großen Werke über Vitruv beschäftigt. Hemans (Felicia). Unter den zahlreichen Dichterinnen, die in neuem Zeiten auch in England sich vermehrt haben, behauptet seit beinahe zwei Jahrzehn- den diese bochbegabte Frau die erste Stelle. In Wales, so viel wir wissen, geboren und verheirathet, lebt sie in stiller Häuslichkeit in einer der schönsten Gegenden des romantischen Landes. Sie begann ihre literarische Laufbahn unter ungünstigen Umständen. In der Zurückgezogenheit ihres Familienkreises aufgewachsen, fern von allem literarischen Verkehr, verdankte sie ihren Ruf blos ihrer Geisteskraft und ihren Anstrengungen. Auch soll sie, wie verlautet, schwer geprüft, in der Poesie bei vielfachen Leiden Trost finden. Das erste Erzeugniß, das ihr einen Namen machte: restorution of tke Morles of urt in erschien 1816; ein unglücklich gewählter Stoff für eine Dichtung von solcher Länge, die bei schönen Beschreibungen und leichtem Versbau der Einheit ermangelt. Im nachstenJahre folgte,, Ide mm!on> (ilreece". Seit diesen beiden, schon in früherer Lebenszeit geschriebenen Gedichten, bemerkte man schnelle Fortschritte. Hatte sie sich früher mehr durch gefallige Form ausgezeichnet, so zeigte sie in ihren später» Dichtungen Gedankenreichthum und lyrische Kraft. Ihr Geist hat sich ebenso sehr durch Nachdenken und Studium gebildet, als sie durch Fleiß ihre Kenntnisse vermehrt hat, aber das Studium hat sie nicht wie Andere zur Assectation verleitet. Immer neu in Gedanken und Ausdruck, ist sie heiter, mild, rein, echt weiblich, ohne einen Zug, dessen eine zartfühlende Frau sich schämen müßte. Nach ihren Erstlingsversuchen trat sie mit einer erzahlenden Dichtung auf: ,,'lulos und Historie scenes" (1819), Studium eines schnell reifenden Talents. Um dieselbe Zeit gab sie Übersetzungen aus Camoens, Lope de Vega, Tasso, Geßner, Chaulieu heraus, die ihre zunehmende Gewandtheit bewiesen. Darauf erschien (1820) „Dko sreptio", ein didaktisches Gedicht, das in dem Ernst upd dem frommen Sinn, die es durchwehen, den Charakter der Dick' terin bezeichnet. Bald nachher wagte sie ihren ersten dramatischen Versuch: „l'iw vosprrs os i>a>ormo", das gleichzeitig mit Delavigne's Drama: „1>5 vopers 51' «SO Hcmprich cüiennes" erschien, welches durch das englische Stück an Erfindung, Interesse und Chacakterzeichnung übertroffen wird. Zur erzahlenden Dichtung ging sie wieder in „'lüe last Onstuntine" (1823) über. Hohe Vollendung zeigte„3Ae so- rest sanctuar?" (1827), die Geschichte eines spanischen Protestanten, der vor den Verfolgungen in seiner Heimath nach Amerika entfloh. Wahrend sie diese und andere größere Dichtungen herausgab und bis in die neueste Zeit, hat sie viele kleinere Gedichte bekannt gemacht, unter welchen sich mehre ihrer besten Arbeiten und die vorzüglichsten lyrischen Producte befinden, welche die neuere englische Literatur besitzt. Hemprich (Friedrich Wilhelm) ward am 24. Jan. 1796 zu Glatz geboren, wo sein Vater als Kreischirurg lebte. Die erste Anregung zu geistiger Entwicklung verdankte er dem würdigen Pfarrer Pohle, dessen er noch in Afrika mit liebevoller Dankbarkeit gedachte. Er wurde 1808 in das Gymnasium zu Glatz aufgenommen, folgte aber 1813 und 1814 dem Rufe des Vaterlandes und diente unter seines Vaters Anleitung als Milirairchirurg. Nach dem Frieden kehrte er in jene Anstalt zurück, die er nach einem halbjährigen Aufenthalte verließ, um sich in Breslau der Arzneiwissenschaft zu widmen. Als neue Kriegsrüstungen die preußische Jugend nach Frankreich riefen, trat er wieder als Militairwundarzt in Dienste und kam erst 1817 zur Fortsetzung seiner Studien wieder nach Breslau, wo er bald nachher durch die Beantwortung einer physiologischen Aufgabe einen Preis gewann. Im Oct. begab er sich nach Berlin, um feine wissenschaftliche Ausbildung zu vollenden und die Prüfung zu bestehen. Hier begann ein neues Leben für ihn. Die unter Lichtenstein's Pflege bereicherten Naruralie.'-!sammlun- gen Berlins begeisterten ihn und erweckten eine Jugendneigung für das Studium der organischen Natur zur lebendigen Äußerung. Rudolphi's gründliche Naturforschung sprach ihn besonders an und das zufallige Zusammentreffen meh- r.r in gleichen Bestrebungen begriffenen Studirenden, mit welchen er sich befreundete, entschied für sein künftiges Leben. So war auch gleich im Anfange seines Aufenthalts in Berlin ein Freundschaftsvcrhältniß zwischen ihm und Ehrenberg entstanden, welches bis zu seinem Tode in gleicher Innigkeit gedauert hat. Der Tod seines Vaters, durch den Biß eines tollen Hundes herbeigeführt, erschütterte den Jüngling in seinem tiefsten Gemüthe und seine äußere Lage wurde abhängig von dem Bedürfniß seiner Mutter und seiner verwaisten jüngern Geschwister. Vielfache Theilnahme bestärkte ihn in seinem Entschlüsse, sich mehr der physiologischen und naturhistorischen als der praktisch-medieinischen Thätigkeit hinzugeben. Nachdem er die Doctorwürde erlangt und die Staatsprüfung bestanden hatte, wurde er durch Lichtenstein bei dem zoologischen Museum angestellt und trat als Lehrer der Physik und Naturgeschichte am königlichen Cadettencorps zu Berlin ein. Bald darauf habiütirte er sich als Privatdocent für vergleichende Physiologie bei der Universität und beschäftigte sich dabei auch mit medicinischer Praxis. Seine Dissertation, welche von der Entzündung handelte, zeugte zwar von der Gewandtheit seines Geistes und seinen literarischen Kenntnissen, die erste Probe wissenschaftlicher Selbständigkeit aber gab er in einer lateinischen Abhandlung über zwei neue Arten der Schlangengattung ^mptnsbaena, die er 1820 in der berliner natursorschenden Gesellschaft vorlas und die einen Vorlaufer einer umfassen- en sehr mühsamen Arbeit über die ganze Classe der Amphibien bilden sollte, wozu ^zoologischeMuseum ihm reiches Material dargeboten hatte. Hieran schloß sich ^em Leitfaden zum Unterricht in der Naturgeschichte, zunächst für seine Vorige bestimmt, der unter dem Titel: „Naturgeschichte für höhere Lehranstalten", er- Men und mit Beachtung des Neuesten so klar abgefaßt war, daß dieses Buch zurbe- ^ ewen Übersicht der Naturgeschichte sehr passend gefunden und in mehren Lehran >n zum Grund gelegt wurde. Die zweite Auflage fBerlin 1829) desselben ist von 26^ 404 Hempnch Rcichenbach in einem so verschiedenen naturphilosophischen Sinne umgearbeitet, daß sie H.'s Bestrebungen und Darstellungsweise ganz fremd geworden. Mitten in dieser Beschäftigung wurde er zu dem Reiseunternehmen abberufen, welches seinen Namen und seine Thätigkeit in größere Ferne getragen hat. Der Generallieutenant Menu von Minutoli, welcher die Absicht hatte, eine antiquarische Reise nach Ägypten zu unternehmen, wurde die Veranlassung, daß die berliner Akademie der Wissenschaften Ehrenberg und H. gleichzeitig mit Mitteln versah, ebendahin eine naturhistorische Reise zu unternehmen, die sich zur gegenseitigen Sicherung an jene des Herrn von Minutoli anschließen sollte. Freudig ergriff H. diese Gelegenheit zur Erfüllung seines innigsten Wunsches, zumal da er die Zusicherung erhielt, daß in der Zwischenzeit und bei ungünstigem Ausgange seine Mutter vor Noth geschützt werden solle. Nur wenige Wochen waren zur Vorbereitung vergönnt. Schon am 1. Zun. 1821 trat er mit seinem Freunde die auf zwei Jahre berechnete Reise an. Sie verweilten nur kurze Zeit in Wien, wo H. seine Arbeit über die Amphibien vervollständigen und vollenden zu können glaubte; als er aber im dortigen Museum viel mehr Neues als er vermuthete entdeckte und Herrn Fitzinger mit einer ahnlichen Arbeit weit vorgerückt fand, überließ er, jedem kleinlichen Egoismus fremd, diesem Gelehrten seine ganze muhevolle Arbeit zur Benutzung, da er seinen Zweck erreicht und jenseit des Meers reichen Stoff zu lebendigem Forschungen sah. Von Triest segelten die beiden Freunde am 3. Aug. nach Ägypten ab und erreichten am 2. Sept. Alexandrien, wo am 7. mit einem andern Schiffe auch Herr-von Minutoli eintraf. Es wurden sogleich Plane zu einer großen Reife von Alexandrien nach der Cyrenaica berathen und deren Äusführung vorbereitet. H. war, wie sein Freund Ehrenberg, der Meinung, daß dies ohne einige Erfahrung im Bereisen der Wüsten mislich sei, und deshalb machten sie vorläufig allein kleinere Exkursionen in der Nähe von Alexandrien und dann eine vierzehntägige größere mit zehn Kameelen in die Wüste bis Abusir. So gewannen sie unter Anderm die Erfahrung, daß es rathsam sei, der weniger zweckmäßigen und schon von fem Neugierige, Spötter und Räuber anlockenden europäischen Kleidung zu entsagen, den Bart wachsen zu lassen, den abgeschorenen Kopf mir einem rothen Tarbusch zu bedecken und sich den Eingeborenen gleich zv: kleiden. Beschwerdevoll war das Einstudiren in diese neue Rolle, aber alle Hindernisse besiegte die Begeisterung für den Zweck. Am 1. Ort. zog die vereinigte, mehr als vierzig Kameele und fast ebenso viel Bewaffnete starke Karavane in die Wüste der Cyrenaica entgegen. Die Bosheit der eignen Bedeckung und Begleitung machte aber große Anstrengung durch Bewaffnung und Nachtwachen nöthig, und veranlaßt? zuerst die Rückkehr und Trennung des Herrn von Minutoli, dann auch das Aufgeben der ganzen Unternehmung. Von Kasr Eschdäbie wendeten sich die getrennten Karavanen beide nach der Oase des Jupiter Ammon und H. kehrte mit seinen Gefährten nach Alexandrien zurück. H. hatte auf diesem mühevollen Zuge, der jedoch keineswegs ohne mannichfach interessante naturhistorischc Ergebnisse war, neben den großen Beschwerden der Wüstenreise an äußerst heftigem Zahnweh sehr gelitten. Ihre Begleiter Limon, Söllner und Gruoc und ihr Diener starben in weniger als Jahresfrist rasch auf einander, und dies machte einen tiefen Eindruck auf beide Reifende, aber dennoch erkaltete H.'s Liebe zu dem lang gepflegten ernsten Plane nicht. Als sie 1821 Mittelägypten, die Umgegend der Pyramiden und die Halb- Oase Fajum durchforschten, pflegte H. seinen bei Sakkara schwer erkrankten Freund drei Monate lang auf das sorgfältigste, ward aber gleichzeitig selbst von Augenentzündung ergriffen, die ihn längere Zeit unfähig zu aller Arbeit machte. Die Reisenden hatten zu viel gewagt und im Verhältniß noch zu wenig errungen, als daß sie jetzt, wo die ursprünglichen Reisemittel erschöpft waren, hätten umkehren mögen, und Nachrichten aus Berlin machten Hoffnung zu fernem Mitteln. Hempnch 405 So ward die Fortsetzung der Reise nach Oberägypten und Nubien beschlossen, die sie iln Aug. antraten. Im Febr. 1822 erreichte H. mit seinem Freunde Dongola, jedoch nicht ohne neues Unglück, denn ein Diener war im Nil ertrunken und ein anderer hatte durch Stur; vom Kameele den Arm gebrochen, Abdim Beg, damals Gouverneur von Dongola, nahm sie freundlich auf, und wahrend Ehrenberg sich einer Festungsbauangelegcnheit eifrig annahm, behandelte H. mit Theilnahme und glücklichem Erfolg eine Fußverrenkung des Begs und ertheilte vielfachen medicini- schen Rath. Der Beg ließ daher alle Subsistenzmittel wahrend des mehr als halbjahrigen Arffenthalts für die ganze Karavane unentgeltlich reichen, und wenn man auch die Annahme derselben von den armen Einwohnern so viel als möglich vermied, so wurde doch die Erlangung derselben durch jene Verfügung erleichtert. Im Zun. erreichten die beiden Freunde Ambußohl, den südlichsten Punkt von Dongola in gerader Richtung. Von hier machte H. allein mit den Dienern eine Excursion in die Wüste und brachte eine wichtige naturhistorische Ausbeute an großen afrikanischen meist unbekannten Thieren zurück. Einsehend, daß die vorhandenen Transportmittel die hierzu erwartende reiche Ausbeute nicht fassen könnten und daß die Reise- cinrichtung auf längere Zeit nicht mehr ausreiche, entschloß sich H. mit den zusammengebrachten Sammlungen nach Ägypten zurückzureisen, um sie auf ein europäisches Schiff in Sicherheit zu bringen, und alsbald mit neuem Material zur Reise zurückzukehren, während Ehrenberg ihm die Kameele überließ und allein in Am- bukohl für ihre Zwecke thätig zu bleiben bereit war. Auf dieser Rückreise hatte H. mit großen Beschwerden zu kämpfen. Alles ward jedoch glücklich überstanden und er übergab die sehr ansehnliche Sammlung einem europaischen Schisse, fand aber unangenehme Nachrichten aus Europa, die ihn zu dem Entschlüsse brachten, die ' weitem Anstrengungen aufzugeben, weshalb er den Dolmetscher allein nach As- suan schickte, um seinen Freund aus Dongola zurückzurufen. Dieser hörte dort, daß vor Kurzem drei Europäer (unter welchen Frediani war) in Dongola ermordet worden, bezog dies auf Ehrenberg und kam den langen Weg mit dieser Nachricht zurück. Ehrenberg, den die Ermordung des Jsmael Pascha und die kriegerischen Bewegungen der Türken schon aus Dongola vertrieben hatten, langte jedoch fast gleichzeitig zu Anfang des Jahrs 1823 mit dem Dolmetscher in Kahira an und konnte den höchst unglücklichen Eindruck, den jene Nachricht auf H. gemacht hatte, wenigstens bald beseitigen. In dieser Zeit voller Sorge und Kummer hatte H. einen leichten Anfall von Dysenterie überstanden, der kein Unwohlsein zurückzulassen schien. Neu angekommene Briefe aus Europa ermunterten zur Fortsetzung der Reise und Ehrenberg, den der erste Eindruck der Zwischenereignisse nicht getroffen hatte, war geneigter sie zu vergessen, was H., obwol E., der am Fieber heftig litt, mit ihm umkehren wollte, zuletzt ebenfalls that. In dieser Zeit erhielt H. von Dusap, Director des ägyptischen Medicinalwesens, den Antrag mit 40l) Fl. monatlichen Gehalt als zweiter Director in den Dienst des Pascha zu treten, was er, um seine Mutter zu unterstützen, fast bereit war anzunehmen. Mehre mit dem Lande bekannte Freunde riethen nicht dazu, weil er zu ehrlich sei, und mit Ehrenberg's Ankunft lehnte H. selbst es entschieden ab. Im Anfange des ^ahrs 1823 wurde Unterägypten, besonders am östlichen Nilarme, bis Damiette durchsucht und bei der Rückkehr nach Kahira starb der Dolmetscher Ibrahim, als sie cken im Begriff waren, das Sinaigebirge zu bereisen, an der Pest. Im Zun. bra- shm sie nach Suez auf und gingen zu Schiffe an die Küste des Sinaigebirges auf lummrliche Inseln des Einganges zum Meerbusen von Akaba bis Moileh, deren ^graphisches Verhältniß sie zuerst berichtigten, und kehrten im Aug. nach ^or zurück, von wo H. den Sinai bestieg, während Ehrenberg, durch Besuchen der Korallenriffe am Fuße verwundet, in Tor blieb. Es wurde nun der Entschluß mM, mit den erwarteten neuen Reisegeldern die Untersuchungen auf das ganze 406 Hempnch rothe Meer bis Habessmien auszudehnen, und H. reiste deshalb, um Gelder und Reisegeräth in Empfang zu nehmen, allein nach Kahira ab. Der triestiner Con- sul, welcher die Gelder hatte abschicken sollen, zögerte aber, und obwolH, zuletzt Ehrenberg nach Alexandrien berufen zu müssen glaubte, so vergingen doch durch die weite Entfernung fünf Monate, ehe dieser Nachricht von seinem Freunde und der Lage ihrer Sachen erhielt, wahrend welcher Zeit er sich besonders mit Korallenbeobachtung und wiederholter Besteigung des Sinaigebirges beschäftigte. Auch er kehrte zu Anfang des Jahrs 1824 über Kahira nach Alexandrien zurück, wo das Frühjahr ihnen reiche botanische Schatze aufschloß. Der Eonsul hatte sich entleibt und das Geld war verloren, dazu kam die Pest von Kahira nach Alexandrien. Um nicht unthätig zu sein, gingen H. und Ehrenberg zu Schiff nach Bairut in Syrien, und besuchten in den Monaten Jun. und Jul. 1824 den Libanon und Balbek. D. wurde von einer Viper gefahrlich gebissen, überwand es aber. Reichbeladen mit Beobachtungen und Sammlungen kehrten sie im Aug. über Bairut nach Da- miette zurück. Neue Reisemittel waren unterdeß angekommen und sie bereiteten nun die lange beschlossene Untersuchung des rothen Meeres und Habesimicns vor. Am 12. Dec. fuhren sie zu Schisse von Suez nach Tor, Djambo, Djedda, wo sie, nachdem sie mehrfachem Unglück entgangen waren, Weihnacht feierten. In Djedda fühlte sich H. krank an starkem Rheumatismus, seine Hautfarbe hatte sich besonders iin Gesicht dabei so verändert, daß sein Freund und endlich er selbst, der nicht gern Krankheit eingestand, rathsam fanden, ein Zimmer am Lande zu mie- then, während die Effecten auf dem Schiffe blieben und nur übergeladen wurden. H. befolgte strenge Diät, wollte aber keine Medicin anwenden und drang in Ehrenberg, seinetwegen eine Excursion in das Balsamgebirge nicht aufzugeben. Diese wurde gegen den Willen des Commandanten ausgeführt, und brachte außer dem Balsamstrauche mancherlei merkwürdige Landeserzeugnisse und Kenntniß der Ge- birgsart ein. Nach H.'s Genesung setzten die beiden Freunde auf einem ägyptischen Schiffe die Reise nach Gumfude fort, wo sie am 7. Febr. 1825 eintrafen, und wo H. Mehemed Beg, den Befehlshaber der ägyptischen Truppen gegen die Wechabiten, alsbald vom typhösen Wechselft'eber rettete. Der dankbare Türke, welcher indirect erfuhr, daß er nicht bezahlen dürfe, bot Ehrenberg, der sich unterdessen mit Untersuchung des Landes beschäftigte, 1t)0 Mann Soldaten an, um das Gebirge zu besteigen; Ehrenberg nahm aber blos vier Mann und einen Offizier und besuchte in 12 Tagen die Berge der Wechabiten, wo noch kein Europäer gewesen war, bis zum Berge Derban. Die ersten wilden Assen (O^noceplialus Hamanns), Nashornvögel und andere Merkwürdigkeiten fand er dort. Am 4. März verließen sie Gumfude und entdeckten am 7. die große bewohnte Insel Farsan, aufdieH, als erster Europäer, der sie betrat, sogleich eine Excursion machte. In Loheie, wo sie beim Einlaufen das Gewehrfeuer eines feindlichen Kauffahrteischiffes aushalten mußten, machte H., dem die Landreisen wohl zu bekommen schienen, sogleich einen Ausflug zu Kameel nach dem Kaffeegebirge gegen Surdud, fand viele durch Forskat und Niebl'.hr merkwürdige Pflanzen. Die Bewohner waren im Kampfe mit einander, wie auch in Loheie selbst zwischen dem Commandanten und der Garnison ein Streit ausgebrochen war. Ehrenberg schickte daher Boten an H. mit Ermahnung zum Rückzüge und zur Weiterreise nach Habessmien. Am 6. erreichten sie die Insel Cameran. Zwischen Cameran und Dhalac berührten sie eine unbekannte querliegende Jnselreihe, auf deren einer, Belhosse, sie landeten. Am 18. April 1825 bestiegen sie die Insel Hauakel, bis zum 24. verweilten sie auf Dhalac und an demselben Tage kamen sie auf der Insel Massaua an. Eine schnell angetretene Reise auf das Festland bei Arkiko unternahm H., um Menschen und Land kennen zu lernen; an sie sollte sich eine größere Landreise bis Gcndar und zu den Semelmgebirgen schließen. Reiche Ausbeute und Interesse am Lande hielten H. Hendersvn 407 langer auf, als verabredet war, und die aus Liebe für den Zweck unternommenen beschwerlichen Auge, Jagden und übrigen verschiedenartigen Beschäftigungen brachen seine Gesundheit, die allerdings in Djedda zuerst stark gewankt zu haben schien. Wahrend H.'s Abwesenheit von Massaua war Ehrenberg dort erkrankt, H. war bei seiner Rückkehr selbst so angegriffen, daß er nur nach Ruhe verlangte. Er batte heftiges Fieber, dem ein Brechmittel nicht abhalf. Ehrenberg fürchtete den Ausbruch eines typhösen Wechselfiebers, konnte aber H. nicht zum Gebrauche von China bewegen, bis am neunten Tage der Typhus deutlich hervortrat, aber der geschwächte Körper das sonst vielfach wirksam befundene Mittel nicht mehr vertrug. Unter taglich erneuten, aber dreitägig stärker« Fieberanfällen, welche den Körper sichtlich von Tage zu Tage aufrieben und eine Ortsveränderung, das wahrscheinlich sichere Heilmittel, nicht gestatteten, starb er, auf das treuefte gepflegt und nur manchmal durch Sorge für seine Mutter beunruhigt, in den Armen seines Freundes am Abend des 30. Jun. Ehrenberg begrub ihn auf der kleinen Insel Toalut, zwischen Massaua und dem Festlande. Die Akademie der Naturforscher zu Bonn hatte ihm vor seiner Abreise, der Sitte gemäß, sonderbar ahnungsvoll den Beinamen Forskal der zweite gegeben. Beide liegen sich gegenüber fast am südlichen Endpunkte des rothen Meeres. — H.'s Reife ist sein Leben. Der Zweck seiner Reise war ernste naturwissenschaftliche Beobachtung im Gegensatz der unseligen Beschreibung von Fragmenten der Museen, welche die Kenntniß der Natur- körpcr und ihres Wechselverhältnisses so erschwert und verwirrt. Nur als Mittel zu jenem andern Zwecke übernahm er mit seinem Gefährten das beschwerdevolle Einsammeln und Übersenden bedeutender Sammlungen, welche durch aufmerksame Beobachtung der Lebensverhältnisse aller Einzelheiten ihren eigenthümlichen Werth haben sollten. Es wurden 114 Kisten zu 20—30Kubikfuß an das königliche Museum zu Berlin gesendet. Diese enthielten 2900 etiquettirte Pflanzenarten in etwa 46,660 getrockneten Exemplaren, 135 Arten Säugthiere, 430 Arten Vögel, 546 Fisch- und Amphibienarten, etwa 600 Arten Anneliden und Crustaceen, etwa 2600 Jnsektenarten und 300 Stück mineralogischer Gegenstände. Die Ge- sammtzahl der gesammelten Thiere ist ungefähr 34,000 Individuen. Fast ohne Ausnahme wurden alle Pflanzen und alle größern und selbst kleinern Thiere, die Insekten ausgenommen, nach dem Leben beschrieben und zergliedert und mehr als 1000 unterwegs abgebildet, auch von den Insekten sind die Fundorte und Lebensverhältnisse, zuweilen die Verwandlung bemerkt. Mit den Wirbelthieren und Crustaceen beschäftigte sich H. vorzugsweise. Seine Tagebücher und Berichte waren aber mit denen seines Freundes absichtlich verschmolzen, damit der Überlebende beides als ein Ganzes benutzen sollte, und nicht durch unzeitige Publikation der bloßen Reisenotizen der mit so viel Aufopferung verfolgte Zweck mehr gehindert als gefördert werde. Von einer Reisebeschreibung hat Ehrenberg bisher den ersten Theil des ersten Bandes erscheinen lassen. Von den naturhistorischen Resultaten, welche aufKosten der Regierung bekannt gemacht worden, sind bisher 20 Tafeln Abbildungen neue Säugthiere, 10 Tafeln Vögel und 12 Tafeln Würmer, zusammen 40 Foliotafeln mit 64 Bogen lateinischen Text von Ehrenberg bearbeitet erschienen und überdies 36 Tafeln mit 318 Insekten und 25 ? Bogen Text von Klug. Alexander von Humboldt lieferte einen Bericht über H.'s und Ehrenberg's Reise in den Schriften der berliner Akademie 1826. Henderson (Ebenezer), einer der eifrigsten Verkünder des göttlichen ^vorts unter den Heiden, eines der eifrigsten Mitglieder der britischen Bibel- ^sillschaft, zeigte schon in frühester Jugend einen großen Hang zur religiösen Betrachtung. Der Beruf eines Missionars schien ihm selbst in den Jahren, wo der lebenskräftige Jüngling sich mehr dem Zeitlichen als Ewigen zuwendet, der wunschenswertheste; während seine Familienverhältnisse ihn noch an sein Vater- 408 Hengstenberg land fesselten, begnügte er sich damit, die Lehren des Chriftenthums, wenigstens auf mittelbarem Wege, durch Austheilung von Bibeln zu verbreiten, damit aber solche Geschenke nicht in ungeweihten Händen todte Schätze blieben, wollte er sich persönlich von dem Seelenzustande der Empfänger überzeugen und dann durch lebendiges Wort die christliche Lehre vergeistigen. Vom Nahen zum Entferntem übergehend, faßte er in seinem edeln Eifer zuerst Europa ins Auge und reiste im Zun. 1814 nach Island, wo er 1183 Bibeln und 1668 Neue Testamente unentgeltlich vertheilte. Dieser Reise verdanken wir eine der gehaltreichsten Beschreibungen jenes merkwürdigen Eilan-des. Ein gleicher Eifer führte ihn 1820 nach den entferntesten Provinzen Rußlands, um in den wichtigern Städten dieses Reichs Bibelgesellschaften zu begründen. Hier hatte er viel durch die geheimen Umtriebe der Jesuiten zu leiden, welche den Kaiser Alexander und den Fürsten Galitzin, den Minister der geistlichen Angelegenheiten, von der politischen Gefahr des Bibelvertheilens zu überzeugen suchten. In Begleitung seines Landsmanns Paterson, der am Kaukasus und in Schuschi an der persischen Grenze Missionen gründete, durchstreifte er Bessarabien und die Krim. Sein Reisewerk: „Uilsticnl researcstes unä tru- vels in kussm" (London 1826), gibt mancherlei Aufschlüsse über Sitten und Gebräuche der südrussischen Völkerstämme und hauptsächlich über die religiösen Sekten der Starowärtzi, Roskolniken, Bezpoputschini. Nach so schön vollbrachter Arbeit entschloß sich H. auch die transatlantischen Länder der Wohlthaten des Evangeliums theilhaftig werden zu lassen. Die Indianer in Südamerika schienen derselben am meisten bedürftig. H. trat 1827 in Begleitung des geschickten MalerS Choris, der schon Otto von Kotzebue auf seiner ersten Reise um die Welt begleitet hatte, von Rio de Janeiro aus die Reise an; Beide aber fielen bald darauf (am 22. März 1828) als Opfer barbarischer Habsucht, indem sie auf dem Wege zwischen Veracruz und Jalappa von Straßenräubern auf eine graßliche Weise ermordet wurden. (8) Hcngftenberg (E. W.) und die Evangelische Kirchenzei- tung. Zu den merkwürdigsten, obgleich für den Freund einer gesunden und freien Entfaltung des religiösen Lebens nicht eben erfreulichen Erscheinungen unserer Zeit gehört ohne Zweifel die religiöse und zugleich kirchlich-politische Richtung einer Partei, die in H. ihren Vorkämpfer und Wortführer und in der „Evangelischen Kirchenzeitung" ihr Organ gefunden h,at. H. ward am 20. Ott. 1802 zu Frondenberg, einem Dorfe in der Grafschaft Mark, geboren, wo sein Vater, ein Mann von gründlicher Gelehrsamkeit, jetzt in Wetter bei Soest, damals Pfarrer war und seinen Sohn, ohne ihn dem Unterrichte eines Gymnasiums zu übergeben, selbst unterrichtete und zur Universität vorbereitete. Wenn auch der Vater den Grund zu einem ernsten religiösen Sinn überhaupt in dem Sohne gehegt haben mag, so rührt doch von ihm keineswegs unmittelbar die schwärmerischdüstere Religionsansi'cht her, die H. nachmals aussprach; vielmehr war jener dem Rationalismus, wiewol einem gemäßigten sogenannten christlichen oder supcrna- taralen, zugethan und mag sich erst später durch den Einfluß seines Sohnes dem Pietismus mehr zugeneigt haben. H. selbst folgte während seiner Studienzeit einer ganz andern geistigen Richtung. Er bezog 1820 die Universität zu Bonn und beschäftigte sich hier mir philologischen, namentlich auch orientalischen Studien. Unter den Studirenden zu Bonn war damals, wie auf den meisten andern deutschen Universitäten, ein von jugendlichem Enthusiasmus für Freiheit und Vaterlandsliebe lebhaft aufgeregtes Treiben, das in den burschenschaftlichen Vereinen seinen Mittelpunkt fand, welche, obgleich von den Behörden verboten, heimlich sortbestanden. H. schloß sich dieser freien Richtung mit Lebhaftigkeit an, er war für die Burschenschaft mit großem Eifer, mit Wort oder Arm thätig, schloß sich aber derjenigen Partei an, welche den Zweck dieser Verbindung über die bloße Hen.gstenberg 409 Anordnung der Studentenangelegenheiten hinaus auf gegenseitige Erweckung bestimmter politisch - und wissenschaftlich-freisinniger Grundsatze ausdehnte. Dieser Richtung mit Enthusiasmus bis an ihre äußersten Grenzen folgend, ward er ganz politischer Idealist und bekämpfte mit Eifer die Ansichten derjenigen seiner Freunde die in der Politik noch an historischer Grundlage festzuhalten suchten. Eine Fmcht jener Begeisterung für politische und sittliche Ideale in den Burschenschaften war die Erweckung eines ziemlich allgemeinen lebhaften Eifers für philosophische Studien, besonders für praktische Philosophie, unter den ftudirenden Jünglingen., und auch H. wurde davon ergrissen. Er studirte Kant uno vorzüglich Fries, dessen Schriften in ihren praktischen Theilen seinem Freiheitssinn am meisten Nahrung gaben. Diese beschäftigten ihn noch späterhin ernsthaft und galten ihm eine Zeitlang als Grundlage seiner philosophischen Überzeugung. Daß H, so lange er dieser philosophischen Ansicht zugethan war, überhaupt einer freisinnigen Richtung des Geistes entschieden angehörte und namentlich auch in religiöser Hinsicht von kirchlicher oder offenbarungsgläubiger Autorität frei war, ist für alle Diejenigen unzweifelhaft, denen die philosophischen Ansichten jenes ausgezeichneten Denkers bekannt sind. Gegen Hegel's Philosophie äußerte er sich damals oft, doch hauptsachlich wol nur aus dem politischen Gesichtspunkte, wegen der Tendenz, die sie in ihrem Verhältniß zu dem preußischen Ministerium angenommen hatte, mit einer gewissen Bitterkeit und Verachtung. Dennoch lag auch in diesem, im Ganzen freisinnigen Geiste der Burschenschaft ein Element, das jene spätere Umwandlung H.'s vielleicht vorbereiten konnte; nämlich diemittelalterlich-roman- tische Richtung des von Jahn, Arndt u. A. angeregten sogenannten Altdeutschthums, das eine religiös- und politisch - illiberale Richtung hatte. Das anfänglich durch das Interesse für praktische Philosophie erweckte philosophische Streben H.'s nahm spater durch den Einfluß des damals (1822) nach Bonn gekommenen gründlichen Forschers im Gebiete der Geschichte der Philosophie, Brandis, eine mehr historische Richtung. Durch ihn veranlaßt und geleitet, unternahm H. in der letzten Zeit seines Aufenthalts in Bonn eine Übersetzung der „ Metaphysik" des Aristoteles (erster Theil, Bonn 1824), zu welcher Brandis Anmerkungen schreiben wollte, die jedoch nicht erschienen sind. Bei all diesen Beschäftigungen aber blieb H doch den vom Anfange seiner Studienzeit an mit besonderer Vorliebe getriebenen orientalischen Studien treu, sodaß er eine in diesem Fache gegebene Preisausgabe, die Herausgabe eines arabischen Schriftstellers, rühmlich löste (,,-^m rmReisi Uoallitkuk", Bonn 1823). Er hatte früher die Absicht, nach dem dreijährigen Studium der Philologie ebenso lange Zeit auf das Studium der Theologie in Berlin zu verwenden. Er begab sich jedoch, von Sacy empfohlen, schon nach Basel als Lehrer eines jungen Mannes in den orientalischen Sprachen. In Basel scheint seine theologische Umwandlung, wahrscheinlich auf Anregung der Pietisten, die dort in dem Missionsverein einen Sammelplatz haben, vor sich gegangen zusein. Auch seine äußern Verhältnisse zu der preußischen Regierung, die durch seine nicht unbekannt gebliebene lebhafte Theilnahme an der Burschenschaft nicht vortheilhaft für seine Aussichten auf preußische Staatsdienste sein konnten, gestalteten sich zu derselben Zeit günstiger. Während seines Aufenthalts in Basel wurde er nämlich von dem preußischen Ministerium aufgefodcrt, einen Bericht über seine Studien einzureichen, worauf er 1824 als Privatdocent der Theologie in Merlin auftrat, ohne einen eigentlichen theologischen Cursus gemacht zu haben. In schneller Folge ward er seitdem befördert: 1828 zum außerordentlichen Professor er Theologie, 1828 zum ordentlichen, und 1829 ward er Doctor der Theologie, eine Thatigkeit als akademischer Lehrer beschränkte sich anfänglich fast ganz auf ertrage über orientalische Literatur, seine literarische auf einige kleine Schriften, - „Uber das Verhältniß des innern Worts zum äußern" (Berlin 1825), „Die 41V Hengstenberg preußische Ministerialverfügung überMysticismus, Pietisnrus und Separatismus mit einigen Bemerkungen und einer authentischen Erklärung versehen" (Berlin 1826), bis er 1827 als Redacteur der bekannten „ Evangelischen Kirchenzeitung " üuftrat und damit in derjenigen Gestalt erschien, in welcher er eine gewisse Berühmtheit in unserer Zeit gewonnen hat. Zwar hat er auch seit dieser seiner mehr praktischen und polemischen Thatigkeit für die Sache der „Evangelischen Kirchenzeitung" nicht aufgehört im Gebiete der eigentlichen Wissenschaft und namentlich der orientalischen Sprachen und Literatur thätig zu sein. Seine „ Christologie des Alten Testaments" (ersten Theils erste und zweite Abtheilung, Berlin M9) und seine „Beitrage zur Einleitung ins Alte Testament" (erster Band, Berlin 1880) zeugen davon. Aber auch diese Werke sind nichts weniger als in dem rein wissenschaftlichen Interesse für die Sprache oder Geschichte des Alten Testaments, sondern nur zu sichtbar im Sinne und für die Zwecke jener religiösen Partei gearbeitet, der er sich jetzt unbedingt hingegeben hat. Unverkennbar leuchtet die Absicht aus ihnen hervor, mit Hülfe der neuem Ergebnisse für orientalische Sprach- und Geschichtskunde das alte dogmatische Vorurtheil von der messianischen Bedeutung der Weissagungen des Alten Testaments von Neuem geltend zu machen und dadurch das Dogma von der göttlichen Inspiration der heiligen Schrift, das durch die neuere biblische Kritik am meisten in Rücksicht des Alten Testaments wankend gemacht worden war, wieder zu behaupten. Nur durch dieses dogmatische Parteiinteresse ist es H. gelungen, mit diesen Werken ein gewisses Aufsehen in der theologischen Welt zu erregen, das sie auf rein wissenschaftlichem Standpunkt schwerlich erregt haben würden. Anerkannt ausgezeichnete Forscher in diesem Gebiete, wie Baumgarten - Crusius und Paulus, haben in ihren gründlichen Beurcheilungen derselben dargethan, daß, ungeachtet alles Aufwands von Gelehrsamkeit und sophistischem Scharfsinn, die zu Grunde liegende dogmatische Ansicht nichts weniger als genügend gerechtfertigt ist. Die wahre Eigenthümlichkeit H.'s tritt erst in seiner Stellung als Nedacteur der „ Evangelischen Kirchenzeitung " als Haupt oder doch Wortführer der Partei, die durch sie spricht, hervor. Wir müssen diese Partei selbst naher charakterisiren, was sie auch, wegen des Interesses, das sie für unsere Zeit erregen muß, schon an sich verdient. Es ist jedoch nicht leicht, den Geist und das Wesen dieser Partei mit einem Worte zu bezeichnen, da, wie schon die Namen Derjenigen beweisen, die als Mitarbeiter jener Zeitschrift genannt sind, sehr verschiedene Elemente in ihr zusammentreffen. Halten wir uns zunächst an ihr eignes Bekenntniß, so sehen wir diese Partei, wie schon der Name „ Evangelische" andeutet, den sie nicht bloß ihrer Kirchenzeitung, sondern auch sich selbst und ihrem Glauben beilegt, mit dem Anspruch auftreten, die Sache der wahren ursprünglichen evangelischen Kirche gegen den angeblichen Abfall des Rationalismus, oder vielmehr der ganzen Gesinnung und Bildung der neuern Zeit von ihr, zu vertreten und zu vertheidigen. Begründung und Vertheidigung der Lehreinheit der evangelischen Kirche, wie sie in den Bekenntnißschriften derselben ausgesprochen wird, ist nach den Worten der ersten Ankündigung Hauptzweck der „ Evangelischen Kirchenzeitung Für diesen Zweck will sie, nach einer spätem Erklärung der Redaction, nicht allein gegen Deismus und Rationalismus, sondern auch gegen den Supernaturalismus, sofern er nicht die durch Sünde verderbte spekulative Vernunft unbedingt der göttlichen Offenbarung unterwerfen will, gegen unsicheres Gefühlsleben und gegen unevangelischen Mysticismus und Pietismus die reine Lehre der objektiven göttlichen Wahrheit vertheidigen. Wie wenig jedoch diese Partei berechtigt sei, sich vorzugsweise und ausschließend das Prädikat der evangelischen beizulegen und im Namen und Interesse der evangelischen Kirche zu sprechen und zu handeln, darüber hat die gebildete öffentliche Meinung in dieser Kirche längst entschieden. Die evan- Hengstenberg 4t l. qelisch-protestantische Kirche ist ihren höchsten Grundsätzen nach, die schon ihre Gründer, die Reformatoren, leiteten und in neuerer Zeit entschiedene Anerkennung gefunden haben, eine Kirche der freien religiösen Überzeugung. Sie unterwirft den Glauben ihrer Mitglieder keiner menschlichen Autorität und erkennt als gemeinsamen Ausdruck ihres Glaubens nur die in der heiligen Schrift geoffen- darte göttliche Wahrheit an, für die sie zu selbständiger Auslegung und freier vernunftgemäßer Anerkennung berechtigt. Ihr können daher die von Menschen verfaßten symbolischen Bücher durchaus nicht als bindende Norm des Glaubens gellen, auch haben diese bereits seit längerer Zeit factisch aufgehört, solche Gültigkeit zu haben, seitdem man eingesehen hat, daß sie ihrer eignen historischen Bestimmung nach nur den vorübergehenden Zweck der klaren Unterscheidung der damaligen Lehre der protestantischen Kirche von der katholischen hatten und nur durch Misverstand eine Zeitlang eine Glaubensautorität für die Kirche sich anmaßten. Eine völlig grundlose Anmaßung ist es daher, wenn die Partei der „ Evangelischen Kirchenzeitung" sich darum ausschließend den Charakter der evangelischen zueignet, weil sie die Autorität der alten symbolischen Lehre geltend zu machen strebt. Völlig im Widerspruch steht sie mit den Grundsätzen der protestantischen Kirche, wenn sie nicht allein allen freien Vernunftgebrauch in der religiösen Überzeugung verwirft und anfeindet, sondern sie widerstreitet auch dem historisch-positiven Charakter derselben, wenn sie mehr die Lehre der symbolischen Bücher als die der Bibel aufzustellen, und diese sogar von jener durch eine dogmatische oder traditionnelle Auslegung abhangig zu machen sucht. Aber auch nicht einmal jener symbolischen Lehre der Kirche ist die Partei der „Evangelischen Kirchenzeitung" streng treu geblieben. Wie eine völlige Übereinstimmung der religiösen Überzeugung mit dem Buchstaben einer, in einerlangst vergangenen Zeit, bei ganz anderer Denkart und Eigenthüm- lichkeit der Zeit, bei ganz anderer Bildung, ganz andern philosophischen Grundsätzen und historisch-gelehrten Hülfsmitteln aufgestellten Lehre möglich sei, ist schon psychologisch völlig unbegreiflich. Auch ist schon häufig der „Evangelischen Kirchenzeitung " von den tüchtigsten Theologen im Einzelnen nachgewiesen worden, daß sie oft von der symbolischen Kirchenlehre abgewichen. Namentlich enthalt sie mystische, pietistische, schwärmerische, fanatische, separatistische Elemente in stch, die ausdrücklich von der alten Kirche verworfen werden, daher man ihr nicht mit Unrecht Münzerianismen und Schwenkfeldianismen vorgeworfen hat („Amtliches Gutachten über das Verderbliche des Rationalismus", S. 63). Mit jenen Beziehungen aber hat man ihren Charakter ebenfalls nur sehr unvollkommen angegeben, da die Ausdrücke mystisch und pietistisch gewöhnlich in einem viel zu unbestimmten Sinne gebraucht werden, wissenschaftlich schärfer genommen aber nicht ganz auf diese Partei passen. Die Mystik hat ihren Ursprung in einem tiefern und reinem Gefühl der Frömmigkeit, als sich bei den Meisten dieser Partei geoffenbart hat; auch gehört ihr eine freiere innere Geistesbewegung, die sich selten so knechtisch einem todten äußern dogmatischen Formelwesen hingegeben hat, wie die sogenannten Evangelischen. Die religiös-praktische Gesinnung des Pietismus aber hat in seiner gesunden Erscheinung in Spener's Schule sowol als in mner krankhaften Gestalt in den neuern Conventikeln weder die dogmatische Schroffheit noch das fanatische hierarchische Streben gehabt, das diese Partei zeigt. Am unbestreitbarsten kann man die ganze Partei zu den Supernaturalisten zählen; ^"erdings hat Scheidler („Oppositionsschrift", dritten Bandes erstes Stück) r aus den Quellen dargethan, daß die augsburgische Confession ihrem wah- inscbp ursprünglichen Zwecke nach durchaus nur als apologetische und ire- Dur-tt - ^ keineswegs aber als Kirchcnconstitution angesehen werden muß. Bücher^ ^ Eoncordienformel "nd den übrigen symbolischen 412 Hengstenberg die Grundsatz? des Supernaturalismus liegen allein zum Grunde, in theoretischer Bedeutung, als unbedingter Glaube an eine übernatürliche Offenbarung der göttlichen Wahrheit, der die menschliche Vernunft unbedingt zu unterwerfen wäre, und in praktischer als Lehre von der anmerkten Sündhaftigkeit und absoluten Unfähigkeit des Menschen zum Guten, von der Seligkeit allein durch Gnade und der Erlösung durch Christi Stellvertretung, wie sie in der Augustinischen Sündentheorie ausgesprochen und in den symbolischen Büchern, nach der damals gerade vorherrschenden persönlichen Autorität der Reformatoren, wiederholt worden ist. Man würde daher ihre Eigenthümlichkcit ganz und gar nicht hinlänglich bezeichnen durch das Prädicat des Supernaturalismus, da dieser bisher noch nie in diesem schwärmerisch fanatischen Charakter aufgetreten ist, und da der gewöhnliche Supernaturalismus in der „ Evangelischen Kirchenzeitung" oft als unentschiedene Lauheit oder todte Orthodoxie angegriffen wird, sowie die Supernaturalisten oft gemeinschaftlich mit den Rationalisten gegen die Evangelischen streitend sich erhoben haben, wie namentlich in der bekannten hallischen Streitfache. Ein deutliches Bild von der Buntfarbigkeit dieser Sekte und einen Beweis, wie wenig sie dem aufgestellten Zwecke derLehreinheit und der reinen Kirchenlehre entspreche, wird uns ein Blick auf Einige der bedeutendsten unter Denjenigen geben, welche in der „Evangelischen Kirchenzeitung" das Wort führen. Das Sektenhaupt selbst, Hengstenberg, läßt die Propheten des Alten Testaments mit Aufhebung aller eignen selbständigen Geisteskraft, also des Verstandes und Bewußtseins, blind und passiv von dem göttlichen Geist in ihren Weissagungen getrieben werden, eine Lehre, die, nichts weniger als kirchlich, die göttliche Inspiration in eine neuplatonische Ekstase verwandelt und aus kirchlichen» Gesichtspunkt zu sehr bedenklichen Folgen für die Göttlichkeit des Christenthums führt, da auf der Messianitat der Propheten des Alten Testaments die durchgehende Inspiration der heiligen Schrift beruht, und da auch die des Neuen Testaments, ja die Autorität Christi selbst, gefährdet wird, weil auch die Weissagungen Christi eben diesen Charakter haben. Die Grundlage der kirchlichen Lehre selbst wird erschüttert, wenn H. die freie einfache Schrifterklärung bald mit einer exegetischen Tradition (wie in seiner „ Chri- stologie des Alten Testaments"), bald mit einer mystischen auf sogenannte „mnere Erfahrung" gegründeten Auslegung vertauschen will („Evangelische Kirchenzeitung", 183?, Nr. 10). Wie wenig wird ihm hierin und in andern Lehren der ihm zunächst stehende und an Gelehrsamkeit und philosophischer Bildung tüchtigste von dieser Partei, Tholuck, beistimmen, er in seinen exegetischen Schriften immer einer freiem Methode der Auslegung gehuldigt hat. Aber auch die von ihm aufgestellte Theorie von der Sünde wird wol selbst nicht darauf Anspruch zu machen wagen, als die rein kirchliche zu gelten. Weit aber steht von ihm entfernt auf der einen Seite der in der Behandlung der Dogmatik von rationalistischen Princi- pien ausgehende und nur nach dem supernaturalistischen System inconsequent hinlenkende Hahn, und auf der andern Seite der an naturphilosophische Spekulation in scheinbarer Orthodoxie die kirchlichen Formeln accommodirende Stessens und der mystisch platonisirende Heinroth. Neben diesen sehen wir dann wieder die freie geistige Ansicht des der starren Lehreinheit der Kirche widerstrebenden Pietismus Neander's oder die mystische Gnosis Olshausen's, und dagegen wieder das dialektisch-künstlich gemachte Christcnthum Göschel's, der nach Hegel's Formeln das Kirchensystem zu construiren versuchte. Und neben diesen dann das verworrene Schwärmergeschrei, bald in wild fanatischem, bald in widerlich süßlichem, bald in zügellos phantastischem, bald in pfäfsisch sinsterm Tone, wie es die de Valenti, Grundtvig, Guerike, Krummacher, Böttiger-Reichmeister, Stier, von Gerlach, von Meyer, Schmieder, Rudelbacb u. s. w. vernehmen lassen. Endlich denke man an die öffentlich verhandelten Streitigkeiten, welche die ehemaligen Mitar- Hengstenberg 4l3 heiler der „Evangelischen Kirchenzcitung", Neander und Steudel, bei Gelegenheit ihrer Lossagung von derselben geführt haben. Bei dieser Mannichfaltigkeit und Bun -lfarbigkeit der religiösen Denkarten und wissenschaftlichen Richtungen, die in dieser Partei zusammenkommen, muß man es überhaupt aufgeben, eine gemeinsame, bestimmt ausgeprägte dogmatische Lehre derselben aufzufinden, und es bleibt nur ein kirchlich-politischer Charakter derselben übrig. Die Partei besteht, wie schon oben bemerkt wurde, aus einem Zusammenfluß aller, mit der freisinnigen Richtung des religiösen Geistes der Zeit Unzufriedenen ; es ist die Partei des Widerstandes oder der Reaction in religiöser Hinsicht, die sich hier durch ihre äußere Vereinigung kirchlich-politisch geltend zu machen strebt. Innerlich in die verschiedensten religiösen und dogmatischen Elemente zerrissen, höchstens in der Anerkennung einer übernatürlichenOssenbarung und derAugustinisch-LutherischenSün-' den- und Erlösungstheorie locker verbunden, findet sie ihre Vereinigung nur in dem gemeinsamen Interesse des Widerstrebens gegen alle freieGeistesbewegung in Sachen der Religion und in d*w Absicht, eine kirchliche Gewalt zu erkämpfen. Als Grundlage dazu will sie die besiehende protestantische Kirche in Besitz nehmen, indem sie sich als wahre, ursprüngliche Kirche ausruft und alle Freigesinnten als Abtrünnige herauszutreiben sucht. So vereinigten sich alle verschiedenen Denkarten der neuen Sektein dem Bemühen, sich die Formen der symbolisch-kirchlichen Orthodoxie so viel möglich anzupassen, um nun mit dem gemeinsamen Feldgeschrei der Reinheit und Einheit der Kirchenlehre in geschlossenen Reihen gegen alle Andersdenkenden anzurücken. Unbedingte Autorität der symbolischen Kirchenlehre, Unterdrückung alles Vernunftgebrauchs und freien Weiterstrebens in Sachen der Reli- gionsüberzeugung, Ausübung einer hierarchischen Gewalt in der protestantischen Kirche, dies warm die kirchlich-politischen Grundsätze, in welchen die neue Sekte sich vereinigte. Mit einer in der protestantischen Kirche bis dahin ganz unerhörten Keckheit tritt jetzt offen in dem ganzen Thun und Treiben dieser Partei, wie es sich namentlich in der „ Evangelischen Kirchenzeitung " ausspricht, ein entschiedenes System der Glaubensverfinsterung, der Intoleranz und des Ketzexmachens, das Streben nach kirchlicher Macht und inquisitorischer Richtergewalt hervor, das unverkennbar auf das Ziel einer protestantischen Glaubenshierarchie hindeutet, die, unter der eisernen Gewalt eines ewig starren, tobten Worts der Symbole, an furchtbarer Harte weit über der römischen, die in der Person des Papstes noch ein Princip des Lebens hat, stehen müßte. Der Keim zu dieser Denkart liegt schon in dem Wesen des Supernaturalismus an sich, sobald er consequent auf das Leben angewendet wird. Theoretischer Supernaturalismus, Glaube an eine übernatürlich geoffenbarte absolute göttliche Wahrheit, schließt die Anerkennung einer untrüglichen Lehre und eines alleinseligmachenden Glaubens in sich, und führt so in ^ 'Anwendung gerade zur Intoleranz, zum Glaubenszwang und zu hierarchischer Gewalt. Praktischer Supernaturalismus führt mit seinen Lehren von der Verderbtheit der menschlichen Natur und bloß übernatürlichen Beseligung durch Gnade zu demselben Ziele; denn alles natürliche Leben des Menschen kann nur zur Auslosung aller sittlichen Ordnung in Anarchie und thierische Rohheit führen, und muß daher durch äußere Zucht, durch hierarchischen Zwang im Namen Gottes gebändigt werden. Die Grundsätze der Toleranz, der Glaubensfreiheit und der reinen sittlich-rechtlichen Ordnung sind wesentlich rationalistisch. Dennoch hat der ^umpf zwischen Nationalismus und Supernaturalismus lange Zeit bestanden, ehe er diese praktische Wendung nahm. Es war nur ein Stveit der Wissenschaft, ^obei man im Leben meist in friedlichem Verhaltniß blieb, ja wo man den ganzen d p^isch nichtsbedeutend erklärte und zum Theil noch jetzt erklärt, oder dem ^ jenseitig duldete. Erst die neuere Zeit hat durch mancherlei Umstände streit diese neue Wendung gegeben, wodurch der vorder milde, ruhige und 414 Hengstenberg besonnene Supernaturalismus einen leidenschaftlichen, intoleranten, fanatischen Charakter angenommen hat. Dazu trug vorzüglich eine, durch die deutschen Befreiungskriege in den Jahren 1813—15 herbeigeführte geistige Aufregung viel bei; damals gelang es, an den Haß gegen die Franzosen und ihren politischen Liberalismus auch, eine religiöse Reaction gegen den Rationalismus anzuknüpfen. Wie man in politischer Hinsicht die seit der Revolution durch französischen Einfluß großentheils umgestürzten alten Staatsformen des ehemaligen deutschen Reiches mit seiner feudalistisch - aristokratischen Herrlichkeit wieder zurückwünschte, st strebte man auch in religiöser Hinsicht die Trümmer des zersprengten alten Glaubens wieder zu einem Gebäude des Kirchenglaubens zusammenzufügen. Die politische Restauration verband sich mit einer religiös-kirchlichen. Von dieser Zeit her vorzüglich stammt eine religiöse Reaction gegen die freie Geistesbewegung im Gebiete der Religion, die sich in den verschiedensten Richtungen kundgab. Gleichzeitig strebte man in der katholischen Kirche, die alten Formen und die alte Macht der Hierarchie wiederherzustellen, und in der protestantischen, die alten kirchlichen Symbole wieder geltend zu machen. Ob auch eine geheime äußere Verbindung zwischen diesen beiderseitigen Reactionsparteien stattfinde, mag, wiewol man es mit Grund vermachen darf, ungewiß bleiben; gewiß aber ist, daß sie innerlich durch den Geist ihres Strebens auf das Engste verbunden sind. Während aber dieses Zurückstreben in der katholischen Kirche an die noch bestehende Macht des Papstes und der Hierarchie sich anlehnen und von da aus unter dem Schutze der Kirche sich geltend machen konnte, fand sich dasselbe in der protestantischen Kirche verlassen von der bestehenden Kirchenverfassung und größtenteils auch von den weltlichen Behörden, und so kam es uns zunächst in jenen separatistischen Conven- tikcln zur Erscheinung, die unter dem Namen des Mysticismus und Pietismus anfänglich wenig beachtet wurden. In dem Pietismus waren die Grundsätze des Supernaturalismus bereits praktisch geworden, aber nur in der Anwendung auf das Leben der Einzelnen, und sie zeigten sich hier als engherzige herrnhuthische Weltscheu, krankhafte religiöse Empsindelei und Gefühlsschwelgerei, manierirte Frömmigkeit und geistlichen Hochmuth; ihre Anhänger behielten jedoch in denEon- ventikeln den stillen und ruhigen Charakter des Separatismus, ohne Andersdenkende mehr als durch zudringliche Proselytenmacherei in ihrer Überzeugung zu stören. Natürlich aber war es, daß jene neue thätige Reactionspartei sich hauptsächlich an diese Pietistenvereine, in welchen sie eine für ihre Plane empfangliche Menge fand, anschloß. Gestärkt durch mancherlei andere Zeitumstände, namentlichauch durch Begünstigung mancher Fürsten und hohen Staatsbeamten, haben sie es endlich in den letzten Iahren gewagt, eine Anwendung ihrer Grundsätze auf das öffentliche Leben zu versuchen und angriffsweise gegen den bestehenden Zustand der Religion und der Kirche sich zu erheben. Sie sind nun aus ihren Conventikeln herausgetreten, und haben angefangen sich als eine Macht in Staat und Kirche geltend zu machen. Die Grundsätze des Supernaturalismus von dem alleinseligmachenden Glauben und der Verderbtheit der menschlichen Natur sind hier als Grundsätze der Hierarchie und des Obskurantismus praktisch geworden. So hat die ehemals harmlose Pietistenpartei einen politischen Charakter angenommen und ist dadurch in Fanatismus übergegangen. Diesen neuen Zeitpunkt bezeichnet am sichtbarsten die Gründung der,, Evangelischen Kirchenzeitung". Auch außer dieser tritt indeß die eifrige Thätigkeit dieser hierarchischen Obscu- rantenpartei deutlich hervor. Sie hat in Norddeutschland, hauptsachlich in Preu- sen, ihre Hauptmacht gefunden und erstreckt von hier aus ihre Wirksamkeit nach allen Theilen Deutschlands und anderer Länder, besonders Englands. Conventikel oder Betstunden, Missions-, Bibel- und Tractatengesellschaften, die besonders in allen Tbeilen Preußens gegründet sind, bilden überall Sammelplätze und Hall- Hengstenberg 415, W A» !- ldkliiirche punkte und erhalten eine enge Verbindung unter allen Mitgliedern der Sekte. Den Centralpunkt ihrer Thatigkeit aber, gleichsam die Staatszeitung oder das Regierungsblatt der neuen Kirchengewalt, in welcher taglich neue Verdammungs- urtheile gegen die Ungläubigen, Verhöre über die Verdachtigen, Gesetze für die Glaubigen publicirt werden, bildet die „Evangelische Kirchenzeitung". Aus ihre Wirksamkeit müssen wir daher noch einige Blicke werfen. Hier tritt uns aber schon in den ersten Worten der Ankündigung der, alle freie religiöse Überzeugung ausschließende Zweck der „streng gehaltenen Einheit in den Grundlehren des Christenthums" wie sie in den Bekenntnißschriften der Kirche ausgesprochen sind, entgegen, woran sich dann in jeder Nummer die Behauptung einer untrüglichen göttlichen Wahrheit, die Foderung unbedingter Unterwerfung der menschlichen Vernunft unter die Autorität der Kirchenlehre knüpft. So war es ganz consequent, wenn offen und ohne Scheu Intoleranz, Glaubenszwang, Verketzerung gelehrt, Toleranz, Glaubensfreiheit und Milde als schwächliche Lauheit bezeichnet und nur für Diejenigen angemessen gefunden wird, die bloß „subjective Meinungen" besitzen (Band?, Nr. 1 und 26, Band 6, Nr. 19). Diese Grundsätze werden denn auch in der „Evangelischen Kirchenzeitung" nach Kräften angewendet durch Verketzerung der angesehensten rationalistischen Theologen, gegen welche sie nicht wissenschaftlich ankämpft, sondern nach dem Maßstab ihrer kirchlichen Orthodoxie verdammend und schmähend aburtheilt. So werden ein Röhr, Krug, Niemeyer, Schulz, v. Cölln, Clausen, selbst Schleiermacher als abgefallene Ketzer und Heiden bezeichnet. Ihr Kampf gegen den Rationalismus wird überhaupt als gleichbedeutend dargestellt mit dem Kampf des Glaubens gegen den Unglauben, des Christenthums gegen das Heidenthum, des Göttlichen gegen das Menschliche, der Wahrheit gegen die Lüge. Nicht bloß eigentliche Rationalisten aber, auch Su- pernaturalisten, wenn sie nicht blind ihrem System huldigten, wurden diesen Verdammungen unterworfen, wie Bretschneider, Goldhorn, Steudel, Neander, Fritzsche, Ruft. Vorzüglich war der durch seine „Schullehrerbibel" und andere praktische Schriften hochverdiente Dinker oft der Gegenstand ihrer Anfeindungen. Düe „Stunden der Andacht", in denen viele Tausende wahrhaft religiöse Erbauung gefunden hatten, wurden als ein durchaus unchristliches Buch, als eine „Bibel des Naturalismus " verschrien. Den Höhepunkt dieses Inquisttorengeschäfts der „Evangelischen Kirchenzeitung" bezeichnet jedoch die berüchtigte Verketzerungs- geschichte der beiden hallischen Theologen Wegscheidel und Gesenius. Es konnte aber den Neuevangelischen unmöglich entgehen, daß der Kampf, den sie führten, nicht bloß auf dem Gebiete der Theologie und praktischen Religionslehre durchgekämpft werden könne; sie mußten einsehen, daß die freie Geistesbewegung, die sie zu unterdrücken und dem tobten Wort ihrer Orthodoxie zu unterwerfen strebten, aus alle Gebiete der Wissenschaft und des Lebens sich erstrecke, und so wendeten sie ibre Grundsätze des Obskurantismus mit einer nicht zu verkennenden Geschicklichkeit und Planmäßigkeit in den verschiedensten wissenschaftlichen und praktischen Beziehungen an. Überall, wo sich freier Geist zeigte, traten sie ihm verketzert» entgegen. So erhoben sich ganz allgemeine Anklagen gegen die Zeit und ihre freie Geistesrichtung überhaupt. „Die Religion der Gebildeten", hieß es, „ist ein Ge- wisch von Heidenthum, Mohammedanismus und Afterphilosophie"; die „ganze Seitgesinnung mit ihrer Geistesbildung ist Abgötterei"; der „Kunst - und ^'^nschaftsenthusiasmus unserer Zeit ist nur ein Surrogat für die erstorbene ekigiösität, und ein Ausdruck des heidnischen Sinnes". So mußten die He- unserer deutschen Literatur: Schiller, Göthe, Herder, Jean Paul, Jacobi, Mckelmann, sich vor ihr Ketzergericht stellen und den freien Schwung ihres Ge- " nach dem engherzigen Maßstab einer tobten Orthodoxie als unchristl'ch und Mensch verurtheilen lassen. Alle Zweige der Wissenschaft und Kunst suchten sie HM 416 Henke Henmcke der Norm der Kirche und Bibel zu unterwerfen. Nach ihrer beschrankten Ansicht sollten Philosophie, Pädagogik und Poesie den Charakter der Christlichkeit annehmen; die Psychologie wurde eigens dem Supernaturalismus angepaßt wie B. Heinroth die kirchlichen Lehren von der Sündhaftigkeit und Erlösung psychologisch zu begründen suchte (Band 2, Nr. 18 fg.); selbst die Naturwis- senschaft soll sich, trotz den riesenhaften Fortschritten der neuern Zeit, unter die in der Bibel vorkommenden rohen und kindischen naturwissenschaftlichen Vorstellungen der Israeliten beugen, wie denn namentlich die bewahrtesten Resultate der neuern geologischen Forschungen als gottlos, verdammt werden, weil sie mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte im Widerspruch stehen (Band 1, Nr. 13). Endlich auch in der Politik tritt die „Evangelische Kirchenzeitung" unbedingt der Sache des freien Geistes entgegen, und eifert lebhaft gegen das Streben der Völker nach freien Verfassungen und Bürgerrechten (Band 8, Nr. 18; Band 9, Nr. 1 u. a.). So führt also die ganze Tendenz der „Evangelischen Kirchenzeitung" entschieden auf ganzliche Vertilgung aller Früchte der freien Geistesbewegung und auf Gründung einer völligen Barbarei und Verfinsterung, auf Knechtschaft des ganzen Lebens in Wissenschaft, Kunst, Sittlichkeit, Staat, unter dem starren Wort der Kirche hin. Daß es jedoch dieser Obscurantenpartei nicht gelingen werde, dieses Ziel zu erreichen, dafür bürgt uns die Allgewalt des freien Geistes, der, einmal in unserer Zeit zum Leben geweckt, alle Hemmungen, die seinem Lauf entgegentreten, durchbrechen wird, wie vielmehr das Ketzergeschrei dieser schwachen Sekte! Nicht die protestantische Kirche allein, die ihrem historischen Grund und ihrem Geiste nach wesentlich Rationalismus ist, sondern unsere ganze geistige Bildung, Wissenschaft, Kunst, Sitte, bürgerliche Ordnung und Gesetzgebung ruhen auf freier Geistesthatigkeit und haben durch sie ihre Existenz; all Dieses müßte umgestürzt und vernichtet werden, sollte an der Stelle der freien Geistesbildung die starre Form eines veralteten Glaubens gewaltsam dem Leben aufgedrungen werden. Nur der tolle Wahn der Schwärmerei kann dies versuchen. (21) Henke (Adolf Christian Heinrich), Hofrath und ordentlicher Professor der Therapie, Klinik und Staatsarzneikunde, Director des klinischen Instituts an der Universität zu Erlangen, wurde zu Braunschweig den 12. April 1775 geboren, studirte zu Göttingen und Helmstädt und promovirte 1799 auf letzterer Universität. Er prakticirte darauf zu Braunschweig und ward 1806 Professor zu Erlangen, wo er als Zierde der medicinischen Facultät, die von manchen Schwestern deshalb häusig beneidet ward, lehrt. Mehr der Theorie als der Praxis, die er gänzlich verlassen hat, zugewendet, ist H. einer der fruchtbarsten ärztlichen Schriftsteller unserer Zeit, namentlich auf dem Gebiete der Pathologie, Therapie und der gerichtlichen Medicin. Seine Schriften haben den größten Beifall erhalten, und viele derselben sind zu wahren Lehrbüchern der deutschen medicinischen Jugend geworden, z. B. sein „Lehrbuch der gerichtlichen Medicin", welches die siebente Auflage (Berlin 1832) erlebt hat. Als Erläuterung dieses Werks gab er heraus! „Abhandlungen aus dem Gebiete der gerichtlichen Medicin" (4 Bde., zweite Aufl. Leipzig 1822—30). War H. auf dem Gebiete der Pathologie auch mehr Compi- lator als eigentlicher Urheber neuer Ideen, so zeigte er doch Geist und Gründlichkeit. In der gerichtlichen Medicin hat dagegen H. wahrhaft Großes und Bleibendes geleistet, und das Vaterland wird seinen Namen gewiß noch in später Zeit dankbar nennen. H. ist eigentlicher Gründer dieses Zweiges des ärztlichen Wissens in Deutschland. Er fand auch auf den bairischen Landtagen, als Deputirter der Universität Erlangen, Anerkennung und Beifall. (2) Hon nicke (Johann Friedrich), großherzoglich weimarischer Legationsratb zu Gotha, ward am 19. Nov. 1764 zu Göttingen geboren, wo ihn der Einfluß Heusel 417 der dort vereinigten Bildungsmittel für die wissenschaftliche Laufbahn bestimmte. Er widmete sich den historisch-philologischen Studien unter Heynes Leitung, der ihn auch in das philologische Seminar aufnahm, und erhielt 1788 für seine reich- haltige „(>'wmklltutio de Fe0graj>kiu^sricul1oweu"dkN königlichen Preis. Nachdem er 1789 den Antrag zu einem Lehramt amIohanneum zu Hamburg abgelehnt hatte, ward er an der Universitätsbibliothek zu Göttingen angestellt. In den nächsten Jahren benutzte er die Schatze der Bibliothek zu seiner weitern Ausbildung und machte die Vorarbeiten zu der 1791 in Göttingen gedruckten Schrift über die nach den benutzten Quellen zu bestimmende Glaubwürdigkeit des Strabo, welche er bei der philosophischen Facultat zur Erlangung der Doctorwürde einreichte. Er hat überdies wahrend jener Seit mehre Gelehrte in Gottingen bei ihren literarischen Arbeiten mit der Ausdauer und Sorgfalt unterstützt, die ihm Beckmann in der Vorrede zu seiner 1791 erschienenen Ausgabe des Antigonus Earystius nachrühmt. In Gotha, wohin H. 1791 als Lehrer an dem Gymnasium abging, eröffnete sich ihm eine vortheilhafte Laufbahn und zugleich ein ibm willkommener Wirkungskreis, als der Hofrath Zacharias Becker, dessen Schwester er geheirathet hatte, ihn 1798 vermochte, die Redaction des von Becker und Andre gegründeten „Anzeigers" zu übermhmen, der späterhin „Reichsanzcigcr" und seit dem Aug. 1806 „Allgemeiner Anzeiger der Deutschen" genannt wurde. Seitdem war H.'s Thatigkeit ausschließend der Besorgung jenes Blattes gewidmet, das seine Wirksamkeit über ganz Deutschland zu verbreiten strebte, und seine Schicksale und Erlebnisse wurden mit der Geschichte desselben auf das engste verknüpft. Er war eifrig bemüht, diese Zeitschrift der Besprechung über alle wichtigen Angelegenheiten der Menschheit zu öffnen, und nahm an Allem, was die öffentliche Wohlfahrt nah und fern berührte, warmen Antheil. Die mit der Herausgabe verbundenen Arbeiten häuften sich mi,t jedem Jahre, und wuchsen so sehr an, daß er seine Lehrerstelle am Gymnasium 1799 niederlegte, und er sah sich zu diesem Entschlüsse um so mehr gedrungen, da er die Besorgung der von dem Freiherrn Franz von Zach seit 1798 in Verbindung mit mehren Gelehrten herausgegebenen „Allgemeinen geographischen Ephemeriden" übernommen hatte. Als mit dem Anfange des Jahres 1800 an die Stelle jener Zeitschrift die „Monatliche Correspondenz zur Beför- deiung der Erd- und Himmelskunde" trat, erhielt H. gleichfalls die Redaction, die er aber nur bis 1810 führte. Au beiden Zeitschriften lieferte er mehre geographische Abhandlungen und Beurtheilungen neu erschienener Werke. In seinem Wirkungskreise als Herausgeber des „Allgemeinen Anzeigers" sah er sich in neuern Zeiten oft gehemmt, da die Censur, welcher diese Zeitschrist immer, doch m t Würdigung der Rechte der Preßfreiheit, unterworfen gewesen war, seit 1800 und 1811 immer mehr, am meisten aber seit den karlsbader Beschlüssen geschärft wurde, was dem Blatte ebenso nachtheilig wurde, als es die Geschäfte der Redaction erschwerte. Nicht bloß diese äußern Umstände, sondern auch Veränderungen bei der mechanischen Geschaftsbesorgung haben H.'s freie Muße seit 1821 so sehr beschränkt, daß er die Ausführung einiger mit Liebe gepflegten wissenschaftlichen Entwürfe aufgeben mußte, wozu er reichen Stoff gesammelt und viele Vorarbeiten gemacht halte, wie unter Andcrm zu einer vollständigen Beschreibung des französischspanischen Grenzgebirgs. Hensel (Wilhelm), königlich preußischer Hosmaler und Professor der Historienmalerei zu Berlin, wurde den 0. Jul. 1794 in dem kurbrandenburgischen Stadtchen Trebbin geboren und zeigte schon als Knabe einen besondern Trieb zu üblicher Darstellung und zum Coloriren, wobei er mit glücklicher Erfindungsgabe Üch aus Beeren und Blattern die Farben zu bereiten suchte. In seinem sechszehn- ^ahre brachte ihn der Vater nach Berlin, wo er in der königlichen Bergbau- lchule als Zögling aufgenommen wurde. Der damalige Director der Akade- Eonv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur 11. ^7 418 Herbart mie der Künste, Profestor Frisch, welcher zufällig einige Zeichnungen von H. sich, munterte ihn auf, sich ausschließend der Kunst zu widmen, wozu es des Zuredens nicht bedurfte, da H. von lebendiger Neigung getrieben ward. Er verließ die Bergbauschule und widmete sich ganz der Kunst, wobei er an dem Unterricht, welcher bei der Akademie in der Anatomie und Perspective ertheilt wurde, Antheil nahm. Diese Studien wurden bald durch den Ausbruch des Befreiungskrieges unterbrochen, in welchem H. als Freiwilliger und später als Offizier die Feldzüge 1813—15 mitmachte. Seinen zweimaligen Aufenthalt in Paris benutzte er zu einer sorgfaltigen Betrachtung der dortigen Kunstfchätze, und mit er- '' neuter Liebe zu der begonnenen Laufbahn kehrte er nach der Heimath zurück. Durch die nach seines Vaters Tode übernommene Sorge für die Familie sah sich H. genöthigt, fast mehr an Erwerb als an eine stufenweis fortgesetzte Ausbildung zu denken; er malte und zeichnete Portraits, machte kleine Zeichnungen für Al- ^ manache und radirte einige Blatter selbst. Für den Vorsaal des großen Saales im Schauspielhause malte er Vorstellungen aus berühmten Tragikern, bei deren Com- position er einen poetischen Sinn bewährte; noch in höherm Grade aber zeigte er diesen bei Ausführung einer Reihe von Zeichnungen, welche er nach einem festlichen Aufzuge bei Hof, Scenen aus Moore's Gedicht KooKK" vorstellend, ausführte. Diese Blätter wurden später in London sauber gestochen. H. ging 1825 mit königlicher Unterstützung nach Italien, wo er bis 1828 mit der Ausführung einer Copie der Transsiguration von Rafael und mit einem großen Bilde eigner Composition: Cbristus und die Samariterin, zubrachte. Je mehr H. durch seine frühem Arbeiten für die Genremalerei bestimmt zu sein schien, um so mehr überraschte er durch die aus Rom mitgebrachten Bilder, welche in dem edelsten und großartigsten Styl gedacht und ausgeführt sind, sodaß man selbst der Copie nach Rafael selbständigen Werth und Charakter zuerkennen muß. Gegenwartig ist H. mit einem großen Bilde: Christus vor Pilatus, beschäftigt. Mit Wilhelm Müller und dem Grafen Kalckreuth gab H. 1816 Gedichte unter dem Titel: „Bundesblüten", heraus. (26) Herbart (Johann Friedrich), Professor der Philosophie und Pädagogik zu Königsberg, wurde 1776 zu Oldenburg geboren, wo sein Vater als Justizrath angestellt war. Der Religionsunterricht eines mit der damaligen Aeitphilo- sophie bekannten Lehrers veranlaßt? den zwölfjährigen Knaben, sich über Gott, Freiheit, Unsterblichkeit einem Nachdenken hinzugeben, das nicht mehr abbrechen konnte, besonders da ihm erst aus Wolfs, spater aus Kant's Schule Nahrung dargeboten wurde. In seinem achtzehnten Jahre bezog H. die Universität Jena, wo er bald in nähere Bekanntschaft mit Fichte kam, der jedoch um so weniger einen gehorsamen Schüler in ihm fand, da Schelling's Schrift „Vom Ich" deS Meisters Beifall erhielt, während sie die entschiedene Opposition des Schülers ausregte. Dies trug bei, H.'s akademische Jahre abzukürzen, und der Antrag zu einer Hauslehrerstclle in der Schweiz war feiner Reiselust willkommen. Schon in Bern erwachte in ihm der erste Gedanke einer auf Mathematik gestützten Psychologie, und je deutlicher sich Fichte in seiner damals erschienenen „Sittenlehre" erklärte, desto vollständiger überzeugte sich H., daß er dessen spekulative Bahn ganz und aus immer verlassen müsse. Zu jener Zeit beschäftigte ihn lebhaft das Studium der Geschichte der Philosophie, das ihn besonders mit Plato und den Eleaten befreundete, und die eignen in Fichte's Schule begonnenen Untersuchungen fortsetzend, kam H. in den Jahren 1862 — 5, wo er in Göttingen Vorlesungen über Philosophie hielt, zu einer eigenthümlichen systematischen Form, die später zwar von ihm sehr erweitert, aber nie wesentlich verändert worden ist. Durch vorherrschendes praktisches Interesse, und zum Theil durch die persönliche Bekanntschaft mit Pestalozzi, wurde H. veranlaßt, zuerst mit pädagogischen Schriften aufzutre- Herbart 419 w« >» M W, ten unter welchen besonders „Pestalozzi's Idee eines A BC der Anschauung, untersucht und wissenschaftlich entwickelt" (Göttingen 1802) und die „Allgemeine Pädagogik" (Göttingen 1806) zu erwähnen sind. Seine „ Allgemeine praktische Philosophie"(Göttingen 1808) brachte ihn mit der herrschenden philosophischen Denkart in eine Opposition, über welche er in seiner Schrift: „Übermeinen Streit mit der Modephilosophie dieser Zeit" (Königsberg 1814), sich erklarte. Er unterließ für lange Zeit die ausführliche Darstellung seiner metaphysischen und die davon abHangenden psychologischen Untersuchungen, bis er endlich mit seiner „Psychologie als Wissenschtsst, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik" (2 Bde., Königsberg 1824 — 25) hervortrat. Ihr folgte die „Allgemeine Metaphysik, nebst den Anfangen der philosophischen Naturlehre" (2 Bde., Königsberg 1828—29). In den Dienst des praktischen Interesses trat er wieder zurück in seiner neuesten Schrift: „Kurze Encyklopädie der Philosophie, aus praktischen Gesichtspunkten entworfen" (Königsberg 1831). Ein abgelehnter Ruf nach Heidelberg gab 1805 Gelegenheit zur Erlangung einer außerordentlichen Professur in Göttingen, die er bis 1809 bekleidete, wo er sein Lehramt in Königsberg antrat. H. ist der Urheber eines eigenthümlichen, sehr interessanten Systems, auf welches zwar das Fichte'sche unverkennbaren Einfluß geäußert hat, wie es denn in der skeptischen Auffassung der Erfahrung und in der Lehre von den Vorstellungen seine Abhängigkeit von jenem Idealismus und dem der Eleaten, welchen er unter den Alten den ersten Rang zuerkennt, nicht verleugnen kann, aber gleichwol durch eine andere Methode, durch ein skeptisches Moment in Beziehung auf das Ich selbst, sowie durch realistische Principien, welche an Leibnitz'Monaden erinnern, sich von demselben wesentlich unterscheidet. Auch nennt sich H. zuweilen einen Kantianer, welcher Ausdruck jedoch wie Hohn klingt, wenn man erwägt, daß er dem Hauptwerke Kant's, der „Kritik der reinen Vernunft", fast allen objektiven Werth abspricht, sie, sowol der Ausführung als dem ihr zum Grunde liegenden Gedanken nach, für ein verfehltes Werk hält, dessen Weg, wenn anders Metaphysik dauerhaft begründet werden solle, man gänzlich aufgeben müsse, um sich in einer ganz andern Richtung zu bewegen. Philosophie unterscheidet sich, nach seiner Meinung, nicht durch einen besonder« Gegenstand, sondern durch die Art und Weise, wie sie jeden sich darbietenden Gegenstand behandelt. Der Gegenstand wird dabei als bekannt vorausgesetzt, und heißt eben deshalb Begriff. Philosophie 'st daher Bearbeitung der Begriffe. Aus den Hauptarten der Bearbeitung der Begriffe ergeben sich die Haupttheile der Philosophie. Der erste ist die Logik. Sie betrachtet die Deutlichkeit in den Begriffen und die daraus entspringende Zusammenstellung derselben. Allein die Auffassung der Welt und unserer Selbst führt Begriffe herbei, welche Zwiespalt in allen Betrachtungen anrichten. Es bleibt bahcr die Aufgabe, diese Begriffe so zu verändern, wie es durch die besondere Beschaffenheit eines jeden nothwendig gemacht wird. Bei der Veränderung kommt etwas Neues hinzu, eine Ergänzung. Die Wissenschaft der Ergänzung der Be» ßnffe j>l die Metaphysik, als der zweite Hauptheil der Philosophie. Die Methode, bw nothwendigen Erganzungsbegrisse aufzusuchen, damit uns die Formen der Erfahrung, welche wirklich gegeben sind, aber widersprechende Begriffe liefern, denkbar werden, ist die Methode der Beziehungen. Hierdurch allein können auch die " ugen Begriffe von der Welt und von uns selbst gehörig bestimmt werden. So 'tttstchr noch eine angewandte Metaphysik, die man in Psychologie, Naturphilo- wpbic und natürliche Theologie theilt. Eine dritte Classe von Begriffen endlich Zusatz in unserm Vorstellen herbei, der in einem Urtheile des Beifalls g f. Ellens besteht. Die Wissenschaft hiervon ist die Ästhetik. Angewandt a? Gegebene, geht sie in eine Reihe von Kunstlehren über, welche man prak- U7* 4 ^ 420 Herder tische Wissenschaften nennen kann. Ihnen liegen Musterbegriffe zum Grunde nämlich die Idee der Vollkommenheit, die Idee des Wohlwollens oder Übelwollens , die des Rechts und der Vergeltung oder der Billigkeit. In der Metaphysik werden drei Hauptprobleme als solche angegeben, welche mit Widersprüchen behaftet sind: das Ding mit mehren Merkmalen, die Veränderung und das Ich. Um diese Widersprüche zu losen, und die äußere und innere Welt übereinstimmend und denkbar zu machen, nimmt H. an, die Qualität des Seienden sei schlechthin einfach. Dem Seienden, als solchem, kommen daher keine räumlichen und zeitlichen Bestimmungen zu; es steht aber in Beziehung auf ein Was; das Was der Dinge ist das Wesen. Wo das Was eine Vielheit von Attributen ist, da sind auch viele Wesen gesetzt. Diese vielen einfachen Wesen sind die Principicn aller Dinge, und diese somit nichts Anderes als Complcxionen einfacher Wesen. An sich sind sie im intelligiblen Räume, nicht aber im sinnlichen, welcher bloß für Körper ist. Das eigentliche einfache Was dieser Wesen erkennen wir gar nicht, wir können jedoch über deren innere und äußere Verhältnisse eine Summe von Einsichten erlangen. Sie treffen im Räume zufällig zusammen, womit sie sich einander stören, aber als einfache zugleich sich selbst zu erhalten suchen. So äußern sie sich als Kraft, obgleich sie keine Kräfte sind oder Kräfte haben. Durch diese Princi- pien sucht nun H. die ganze bisherige Psychologie umzugestalten. Demnach lehrt er, auch die Seele ist ein solches einfaches Wesen, und als solches ist und bleibt es völlig unbekannt; sie ist kein Gegenstand der speculativen, so wenig als der em> pirischen Psychologie. Sie ist ohne alle Vielheit in ihrer Qualität, nicht irgendwo noch irgendwann; sie hat keine Anlagen und Vermögen, weder etwas zu empfangen noch zu produciren, und Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Vernunft, die sich bald bekämpfen, bald einträchtig wirken, sind eine Erdichtung der Psychologen; ebenso wenig liegen in ihr Formen des Anschauens und Denkens, oder Gesetze des Wollens und Handelns. Als einfaches Wesen ist sie in ihrem zufälligen Beisammen mit den übrigen, wie diese, in Störung und Selbsterhaltung befangen. Ihre Selbsterhaltungen sind die Vorstellungen, welche der Hauptbegriss in H.'s Psychologie sind, aus deren Mechanismus, ihren gegenseitigen Hemmungen und Befreiungen er, mit Hülfe der Mathematik, das ganze Seelenleben abzuleiten und zu berechnen sucht, wenigstens nach allen Hauptmomenten, da das Leben des Individuums diesem Calcul sich entzieht. Deshalb leugnet er auch die moralische oder transscmdentale Freiheit, gesteht jedoch dem Menschen einen gewissen Charakter zu. Auch behauptet er die Unsterblichkeit der Seele wegen der Zeitlosigkeit des Realen. Der teleologischen Betrachtung der Natur sichert er ihren Werth; er findet das Beginnen eines zweckmäßigen Natuc- laufs höchst wunderbar. Zu einem Wissen Gottes fehlen uns aber alle Data und sind uns vielleicht weislich versagt. Mangelhaft ist dieses System darin, daß es erstens von der natürlichen Ansicht des gesunden Menschenverstandes sich zu sehr entfernt und in die Natur und unser Selbst erst die Widersprüche hineinlegt, welche es dann durch die Methode der Beziehungen wieder zu entfernen sucht; zweitens, daß die Lehre von den einfachen Wesen bloß hypothetischen Werth hat, und aus ihnen die Erscheinungen nur sehr gezwungen und durch geschraubte Deductionen abgeleitet werden können; drittens, daß insonderheit die Mathematik in der hier versuchten Anwendung aus Psychologie zur Erklärung des Seelenlebens in seiner Erscheinung nicht ausreicht, und daß das Aufgeben der moralischen Freiheit die Ethik verdorben hat. Unverkennbar ist endlich in diesem Systeme ein gewisses Hinneigen zu Spitzfindig' keiten. ^ (76) Herder (Siegmund August Wolfgang, Freiherr von), sächsischer Obec- Berghauptmann, Sohn des berühmten Herder, geboren den 18. Aug. 1776 z» H rder 42l Vückeburg in Westfalen, verlebte zu Weimar, wohin sein Vater schon im Sept. desselben Jahres als Generalfuperintendent ging, seine Jugend unter den glücklichsten Verhaltnissen im Kreise von sechs Geschwistern und unter dem schönen Vorbilde seiner Altern. Das wissenschaftliche und poetische Leben, welches sich in den letzten Decennien des verflossenen Jahrhunderts zu Weimar regte, übte auch großen Einfluß auf den jungen H., der, als besonderer Liebling der geistreichen Herzogin Amalia, Göthe's und Knebel's, schon als Knabe in den hochgebildeten Kreisen der Erstem Zutritt hatte. Das damals von vielen ausgezeichneten Mannern Weimars eifrig betriebene Studium der Mineralogie und einige Reisen in Gebügs- und Bergwerksgegenden mit Göthe erweckten in ihm eine vorherrschende Neigung zu den mineralogischen Wissenschaften und zum Bergbau. Nach Beendigung seiner, zuletzt unter Böttiger betriebenen Gymnasialstudien wurde er 1794 erst auf ein Jahr nach Neufchatel geschickt, um unter neuen Verhaltnissen, inmitten einer großartigen Natur, seine Vorbildung zu vollenden. Hierauf studirte er Mathematik, Physik, Chemie, Mineralogie und andere Wissenschaften erst in Jena, dann in Göttingen unter Kastner, Lichtenberg und Beckmann, welche Alle, sowie auch Blumenbach, Heyne, Eichhorn und andere Freunde seines Vaters, ihn ihres nahern Umgangs würdigten. Er begann 1797 in Freiberg seine berg- und hüttenmännischen Studien. Unterstützt durch die besondere Freundschaft Werner's und durch die Theilnahme des Berghauptmanns von Heinitz, der Bergraths von Char- pcntier, von Gutschmidt und von Oppel gelang es seinem Eifer, den Cursus in drei Jahren zu beendigen. Die Hoffnung auf sachsische Dienste veranlaßte ihn, der juristischen Studien wegen, von Freiberg nach Wittenberg zu gehen, welches er 1892 nach Vertheidigung seiner Dissertation: „De stire nicht weniger als 380 Doppelsterne und schon 1823 legten Beide gemeinschaftlich der königlichen Gesellschaft zu London eine Denkschrift vor („Okservations oftbe upparent distances and positivus o5 tkree dundred and eigcht^ double anä tripla stars", London 1825, und im dritten Bande des „?üiIosopbicaI transac- tions" für 1825), welche die Ergebnisse von 10,000 einzelnen Beobachtungen über die scheinbaren Entfernungen und die Lage jener Sterne mittheilt. Die Physik bereicherte er durch seine Forschungen über den Galvanismus, über die Gesetze der Fortpflanzung des Schalls, die er in seinem „IVeatise on sound" sin der „Lac ^clopaedia Metropolitana", 1830) ebenso gründlich als anziehend darstellte, und über die Bewegung der flüssigen Leiter. Eine seiner vorzüglichsten Leistungen ist seine „Theorie des Lichts", die Schmidt (Stuttgart 1831) verdeutscht hat. In Lardnec's „O ^ciopaedia" gab er (1830) eine Übersicht des Studiums der Naturwissenschaften („X preliminarx disconrse ou tlle stuch ol natur al plülosopd/"), die das ganze Gebiet mit geistreichem Blicke umfaßt. Hersent (Louis), geboren zu Paris den 10. Marz 1777, einer der ausgezeichnetsten Geschichtsmaler der jetzigen französischen Kunstschule, verdankt seine Bildung der alten pariser Akademie, namentlich Rcgnault, der mit Vien und David die Richtung vorbereitete, wodurch ein so großer Umschwung in die französische Kunst kam. Von der großen Menge seiner Werke, die seinen Ruhm begründet haben, nennen wir Daphnis und Chloe, Ruth und Boas, die Thronbesteigung Gustav Wasa's (von Dupont trefflich gestochen) und Ludwig XVI., der wahrend des harten Winters Almosen austheilt; Gemälde, die durch Wahrheit und Ruhe in der Anordnung, durch innig empfundene Motive, treffliche Zeichnung und Meisterschaft in dem technischen Theile ebenso sehr anziehen als fesseln. Ein Portrait Spontini's, das 1826 in Berlin ausgestellt war, verschaffte H., der Offizier der Ehrenlegion, Mitglied des Instituts und des Senats der Kunstakademie zu Paris ist, die Auszeichnung der Mitgliedschaft bei der berliner Akademie. (14) Hertz (Henrich) wurde 1792 in Kopenhagen geboren und im mosaischen Glaubcnsbekenntniß erzogen, bis er 1832 zur protestantischen Religion überging. Er ist Verfasser der sogenannten „Gienganger-Breve eller poetiske Epistler fra Paradis" (Geisterbriefe oder poetische Episteln aus dem Paradies), die 1830 erschienen und in Danemark ein allgemeines Aufsehen erregten. Das Publicum bemühte sich einige Zeit vergebens den Verfasser zu erforschen, bis sich H. selbst nannte. Er gab 1832, noch unter strenger Anonymität, eine Sammlung lyrischer und dramatischer Gedichte unter dem Titel: „Anonym Nytaarsgave" (Anonymes Neujahrsgeschenk), heraus. Dem Theater hat er einige nationale Lustspiele geliefert, unter denen nur das versisicirte Lustspiel: „Amors Geniestreger" (Amors Geniestreiche), vorzügliches Glück machte. Dies kleine Lustlpiel ward 1830, ein anderes: „En Dag paa Öen Als" (Ein Tag auf der Insel Als), in zwei Aufzügen und ebenfalls versisicirt, 1831 gedruckt. Drei prosaische Lustjpie- le, alle in fünf Aufzügen, sind erst neulich in einer Sammlung erschienen. (4) Herzberg (Friedrich August von), braunschweigischer Generallieutenant, wurde 1776 zu Salzmünde bei Halle geboren, wo sein Vater als preußischer Ea- pitain stand. Er trat 1792 in preußische Dienste und wurde 1793 Offizier. Als der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Öls zu Anfang des Jahrs 1803 zu Nachod in Böhmen sein nachher so berühmt gewordenes Freicorps warb, erhielt H. den nachgesuchten Abschied als Capitain und ward in gleichem Grade in senes Corps aufgenommen. In Sachsen wirkte er erfolgreich zur Vergrößerung desselben, wurde beim Abmarsch von der böhmischen Grenze Major, und nahm Herzberg 427 an dem kühnen Zuge durch das nordwestliche Deutschland Theil, von Friedrich Wilhelm wegen seines Muthes und deutschen Sinnes unter die Ersten des Heldenhäufleins gestellt. Er ging, seit das Corps in englische Dienste getreten war, im Herbst 1810 nach Portugal zu Wellingtons Heere. Schon 1811 ward er Oberstlieutenant und Regimentskommandeur, nahm an den Schlachten bei Salamanca, Vittoria, Pampeluna und Orthes, sowie an der Belagerung von Badojoz Theil und erhielt für seine ausgezeichneten Dienstleistungen 1814 bei Entlassung des Regiments das Commandeurkreuz des Bathordens, den Löwenorden und die für die verschiedenen Schlachten bewilligten Medaillen und Auszeichnungen. Nach Braunschweig kam er erst, als die neugebildeten braunschweigischen Truppen bereits aus Brabant zurückgekehrt waren, und wurde daraufOberst und Mitglied- des Kriegscollegiums. In dem Feldzuge 1815, in welchem Braunschwcigs Krieger wesentlich zur Erringung des folgenreichen Siegs beitrugen, war H. im Gefolge seines Fürsten, doch wahrend des blutigen Kampfes bei Quatrebras fern von demselben, dem Hauptquartiere des britischen Oberfeldherrn, Herzogs von Wellington, beigeordnet. Erst am 19. Zun., nachdem seit dem Tode des Herzogs der Oberst Olfermann an der Spitze der Braunschweiger verwundet und der an seine Stelle getretene Oberstlieutenant von Heinemann gefallen war, übernahm H. das Commando des Corps, führte dasselbe nach Paris und übergab es dort dem wieder hergestellten Obersten Olfermann. Nach Braunschweig zurückgekehrt, ward er bald zum Generalmajor ernannt, 1821 Vicecommandant der Stadt Braunschweig, 1828 nach dem Regierungsantritt des Herzogs Karl Commandern des neu organist'rten Corps und 1829 Generallieutcnant. Durch seinen rechtlichen und menschlichen Sinn hatte ek sich bald die Liebe der Truppen und die Achtung seiner neuen Mitbürger zu erwerben gewußt, und selbst mit dem jungen Fürsten, dessen gehässige Eigenschaften bald deutlich genug hervortraten und besonders auch dem Militair empfindlich wurden, blieb er bis zu der Katastrophe desselben in einem leidlichen Verhaltniß, obgleich er nie zu schmeicheln gewohnt war, und bei mehren Gelegenheiten wider die mannichfaltigen, von dem Fürsten ausgegangenen Beeinträchtigungen des seiner Sorge zugewiesenen Osfiziercorps kraftig das Wort genommen hatte. Es standen ihm noch gefahrlichere Verwickelungen der Pflichten bev?>. Bereits einmal hatte er vergebens durch die dringendsten Vorstellungen die Zurücknahme des Befehls zu erwirken gesucht, bei einem erwarteten Volksauf- stand mit Kartatschen unter die Menge feuern zu lassen. Es erfolgte zum Glück keine Veranlassung, Bürgerblut zu vergießen, als aber bald das empörte Volksge- sühl das Joch der unerträglich gewordenen Herrschaft zerbrach, sollten die Vater- landsvcrtheidiger den Zwingherrn gegen die für das Recht sich erhebenden Bürger beschützen. Der Anführer der Truppen hatte nicht verlernt Bürger zu sein, wie schon daraus erkannt werden konnte, daß an dem ersten stürmischen Abend des Aufstandes (8. Sept. 1880) der Herzog selbst den General von H. den in den Schloßhof dringenden Volkshaufen entgegensandte, um sie anzureden und zur Ruhe zu ermahnen. „ Es lebe der Herzog Wilhelm! Es lebe der brave General von Hcrzberg!" scholl es ihm entgegen. Die Volksmenge verhielt sich nach einigen Versprechungen leidend, wich aber nicht. Der Herzog wollte sie mit Kartatschen auseinandertreiben lassen; nur H.'s männlichem Widerstreben gelang es, den schrecklichen Befehl zurückzuhalten. Am folgenden Tage kündigte der Herzog schon am Morgen dem General in Gegenwart mehrer Hofbeamten und Mitglieder des Ministeriums seine Absicht an, gegen das Volk, wenn es neue Angrisse versuchen sollte, militairische Gewalt zu gebrauchen. H. unternahm es wieder, dem kaum einen Widerspruch ertragenden Herrscher entgegenzutreten. Er wies auf ie Unmöglichkeit hin, den Fürsten auf die Dauer gegen die gerechte Erbitterung ganzen Volkes zu schützen; er suchte ihm das Unnütze, ja das Gefährliche der 428 Hessel in blinder Wuth beschlossenen Unmenschlichkeit zu zeigen; sein Herz riß ihn fort einen letzten Versuch zu wagen, die bessere Empfindung in dem ganz verstockten Gemüthe aufzuregen, wo aber nur die selbstsüchtige Sorge geweckt wurde. Ob den Soldaren zu trauen sei, war die wichtige Frage; und wofern sie wankten, meinte der Herzog sie durch Preisgebung der öffentlichen Cassen zu gewinnen. H. lehnte es ab, der Überbringer solcher Botschaft zu sein, und selbst wer die militairische Ehre in unbedingten Gehorsam gegen den Soldherrn setzt, wird in dem Benehmen des Generals die höhere Ehre des Mannes erkennen, der es wagte, dem Ansinnen des Fürsten entgegenzutreten, dem er nur zu eigner Schande und mit Beschimpfung des braven Offiziercorps gehorchen konnte. So blieb der Herzog in bangen Zweifeln, Am Abend wurden die Truppen nach seinen eignen, ganz fehlerhaften Anordnungen vertheilt und dadurch in der That jede Vertheidigung des Schlosses unmöglich. Der Herzog ertheilte auch die Befehle zum Feuern nicht, und entfloh. (S. Braunschweig.) Kurz vorher harte er dem General H. das Commando mit unumschränkter Vollmacht, ganz nach eignem Ermessen zu handeln, übergeben. H. blieb sich selbst getreu auch in dem schwierigsten Verhalt- niß. Niemand war da, die schwere Verantwortlichkeit von seinem Haupte zu nehmen. Er wünschte das Schloß zu retten, er wollte es aber nicht auf Kosten des Bluts der Bürger retten, das jetzt bei gestiegener Verwirrung vielleicht in Strömen vergossen werden mußte; er wollte es nicht, weil der Erfolg unmöglich schien, und die gereizte, nie ganz zu bändigende Wuth sich auf neue Opfer wenden konnte. So hat er echt menschlich, echt bürgerlich gehandelt, als er das Militair zum Abzug commandirte, wo nichts zu retten und viel zu verlieren war. In den folgenden Tagen wirkte H. und das Militair in Übereinstimmung mit der schnell ins Leben getretenen Bürgergarde unermüdet, kräftig und erfolgreich zur Herstellung der Ordnung. Der Herzog Wilhelm ließ H.'s Handlungsweise die gebührende Anerkennung widerfahren und gewährte ihm den schon länger gehegten Wunsch, seiner schwachen Gesundheitsumstände wegen das Commando des activen Corps niederzulegen und sich auf den ehrenvollen Posten eines Commandanten der Residenzstadt zurückzuziehen. Die Einwohner Braunschweigs empfanden tief, was sie diesem Manne schuldig waren; sie ehrten ihn bei vielfachen feierlichen Veranlassungen, und ein Ehrendegen schmückt als Geschenk der dankbaren Bürger den Bürgerkrieger. Hessel (Johann Friedrich Christian), Professor der Mineralogie und Technologie zu Marburg, wurde am 27. April 1796 zu Nürnberg geboren, wo er zuerst in der von Wolf geleiteten Industrieschule und spater in der Realschule gebildet wurde. Seit 1813 studirte er die Arzneiwissenschaft in Erlangen, seit 1814 in Würzburg, wo er sich besonders auch mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Studien beschäftigte und 1817 die Doctorwürde erhielt. Er ging'darauf nach München, um in der öffentlichen Krankenanstalt sich auszubilden, hatte aber mit den Schwierigkeiten einer ungünstigen äußern Lage so sehr zu kämpfen, daß er den Antrag des als Professor nach Heidelberg berufenen Mineralogen von Leonhard annahm, ihn zu begleiten und ihn durch seine mathematischen Kenntnisse bei dem Studium der Krystallographie nach Hauy's System zu unterstützen. In Heidelberg gab er das Studium der Medicin bald ganz auf, und widmete sich unter Leonhard's Leitung ausschließend der Mineralogie, während er sich noch eifriger als früher mit Mathematik, Physik und Chemie beschäftigte, und trat 1821 als Pri- vatdocent auf. In demselben Jahre ward er nach Marburg berufen. Seitdem hat er sich besonders auch mit der geognostischen Untersuchung des Sandsteingebirgs der dortigen Umgegend beschäftigt, deren interessante Ergebnisse er bald bekannt machen wird. Außer mehren naturwissenschaftlichen Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften sind von seinen wissenschaftlichen Leistungen die aus der neuen Bear- Hessen (Großherzogthum) 42S beitung des Gehler'schen „Physikalischen Wörterbuchs" besonders abgedruckte Schrift: „Krystallonotrie oder Krystallonomie und Krystallographie" (Leipzig 1831), „Einfluß des organischen Körpers auf den unorganischen, nachgewiesen von Enkriniten. Pantakriniten und andern Thierversteinerungen" (Marburg 1826) und „Über positive und negative Permutationen" (Marburg 1824) auszuzeichnen. *H essen, Großherzogthum. Der Landtagsabschied vom 12. Iun. 1827 war streng, fast abstoßend gewesen, und besonders machten die Festsetzung der Slaatsausgaben für 1827—29 und das Finanzgesetz einen ungünstigen Eindruck. Der achte Artikel des Finanzgesetzes erhielt unter Andern, die Bestimmung: „wenn über die Handelsverhaltnisse und über die Anlage gemeinschaftlicher Zölle eine Übereinkunft mit den benachbarten Staaten geschlossen würde, oder mit einzelnen Staaten Vertrage zu gegenseitiger Erleichterung des Handelsverkehrs zu Stande kamen, so sollten im Lauf der Finanzperiode hinsichtlich der Verbrauchsteuer, der Durchgangsgebühr, der Consumtionsauflagen und des Chausseegeldes diejenigen Abänderungen eintreten, welche als nothwendige Folge solcher Sraats- verträge erscheinen." Früher schon hatte man im Großherzogthume Hessen südwärts seiner Grenzen Anschließungspunkte gesucht und einen Handelstractat mit Baden geschlossen, der aber nur ein Jahr dauerte. Als die Stande jene Stelle des Finanzgesetzes genehmigten, hatte man von Seiten derselben, dem bestimmtesten Anscheine nach, ebenfalls wieder die süddeutschen Staaten im Auge, und man pflog deshalb Unterhandlungen; aber sie scheiterten an der Weigerung Badens, beizutreten. Man wandte sich gegen Norden. Die Übereinkunft mit Preußen vom 14. Febr. 1828 kam zu Stande. Wesentliche Punkte waren: gemeinschaftliches Zoll- und Handelssystem, unter Beitritt Hessens zur bestehenden preußischen Gesetzgebung über die Eingangs-, Ausgangs- und Durchgangsabgaben auf 64 Jahr. Die Zollverwaltung im Großherzogthume bleibt der großherzoglich hessischen Negierung überlassen, wird jedoch gleichförmig mit der preußischen Zollverwaltung organisirt. Dabei wird gewahrt: gleiche Rechte wegen etwaiger künftiger Abänderungen des Zolltarifs oder anderer das Zollwesen betreffenden Bestimmungen, neuer Convcntionen, wechselseitiger Controle, Berechnung von Einnahme und Ausgabe, Vertheilung des Ertrags; aber doch keine Zollvereinigung, wie aus dem beibehaltenen Verbote des Einbringens mancher Dinge, z. B. Spielkarten und Salz, oder der verbliebenen relativen Besteuerung des Weins, Biers, Branntweins, Schlachtviehs, derTabacksblatter und des fabricirten Tabacks hevorgcht. Die öffentliche Meinung, insofern man von öffentlicher Meinung in einem Lande sprechen kann, wo nicht Preßfreiheit herrscht, war dem Unternehmen nicht ungünstig. Ja, die rheinhessischen Wein- und Getreideproducenten jubelten, ebenso die Tabacksbauern und einige Getreideproducenten in der Provinz Starkenburg. Oberhessen, die ärmste Provinz, hatte den geringsten Vorteil; ja, die armen Fabrikanten an der kurhessischen Grenze sahen ihren Absatz dahin vernichtet und es war ihnen unmöglich, mit den bessern preußischen Fabrikaten die Concurren; auszuhalten. Die ins Leben getretene Einrichtung zeigte allerdings Schattenseiten. Aufenthalt, Unbequemlichkeit, Verzögerung, verdorbene Gegenstande, Verlegenheiten aller Art, Mühseligkeiten, unabsichtliche Defraudationen, zuweilen Tödtung der Schmuggler oder Solcher, die man dafür hielt; weitläufige und kostspielige Untersuchungen; ein neu angestellter Fiscal hauptsächlich im Felde derDenunciationspraxis und erhobener Appellationen; Neubauten, zu deren Kosten Preußen nichts beitrug; Kostspieligkeit des ganzen Instituts durch ein verhaltnißmäßig enormes Personal; große Gehalte und eventuelle twenpensionen; Theuerung des Zuckers und Kaffees, die als europaische Nahrungsmittel eingebürgert sind; improvisirte Verordnungen, dabei die Überzeugung, 430 Hessen (Großherzogthum) daß, trotz allen Vorkehrungen, Massen von Waaren eingeschmuggelt würden; die gesetzlichen Steuern des unredlichen Bürgers dem redlichen Bürger zugewälzt; Entsittlichung unter dem Volke. Aber die ungünstigen Grenzen des Großherzogthums, gezackt und auseinandergezerrt, ließen selbst ein Übel als relativ Gutes anerkennen. Dabei galt Vergrößerung des Vereins im Publicum als sehr wün- schenswerth, und so wurde der preußisch-hessische Handelsvertrag mit den Kronen Baiern und Würtemberg vom 2?. Mai 1829 gut aufgenommen. — Endlich waren die Angelegenheiten der süddeutschen constitutionnellen Staaten mit dem römischen Stuhle geordnet worden. In Folge dieses Umstandes ließ die großherzogliche Sraatsregierung am 12. Oct. 1829 die papstlichen Bullen zur Errichtung des Landesbisthums Mainz bekannt machen und am 21. Oct. 1829 ermächtigte der Großherzog den bisherigen Domdechanten Burg in Freiburg zum Antritte der Würde und zur Ausübung der Functionen als Bischof von Mainz. Der Landtag ward am 3. Nov. 1829 eröffnet. In der zweiten Kammer hatte diesmal keine Integralerneuerung stattgefunden. Der Abgeordnete Ernst Emil Hoffmann aus Darmstadt, erst kurz vor Eröffnung des Landtages vom angeschuldigten Verbrechen beleidigter Majestät, nach dreijähriger Untersuchung, freigesprochen, trat nun gleichfalls in die Kammer. Die Berichterstattungen des Finanzministeriums gaben ein im Ganzen nicht ungünstiges Ergebniß. Die ordentliche und außerordentliche Einnahme in der Finanzperiode 1824 — 26 betrug 20,345,777, die Ausgabe 20,344,960 Gulden. Den geringen Betrag des Überschusses suchte der Regierungscommissar zu rechtfertigen, und gab den wahrscheinlichen Überschuß der Periode von 1827 — 29 zu 375,879 Gulden an. Die der Staatsschuldencasse überwiesene Landesschuld betrug 1821 überhaupt 12,949,178 Gulden. Von 1821 — 28 kamen zu dieser Summe an einzelnen Posten, theils von den mittlerweile liquid gewordenen Staatsschulden, theils von den zumStraßen- bau gebrauchten Summen noch 1,879,769 Gulden. Von 1821 — 28 wurden getilgt 1,902,421 Gulden, sodaß der Bestand der Schuld zu Ende des Jahres 1828 sich auf 12,926,553 Gulden belief. Die Regulirung des Frohnwesens in den Domainen der Provinzen Starkenburg und Oberhessen war ganzlich beendigt, in den standes- und patrimonialgerichtsherrlichen Bezirken dieser Provinzen aber ihrer gänzlichen Beendigung sehr nahe gebracht; die Staatsfrohnen waren von den auf privatrechtlichem Titel beruhenden geschieden, die Staats- und Jagdfrohnen den Frohnpflichtigen unentgeldlich erlassen und den Unterthanen noch überdies diejenigen Frohnen vergütet worden, welche sie etwa seit 1817 in Natur oder Frohngeldern zu viel geleistet. Die übriggebliebenen ablöslichen Domanialfroh- nen, insofern sie ungemessen waren, hatte man in gemessene verwandelt und zu geringen Geldsummen angeschlagen. Hinsichtlich der nach erfolgter Ablösung der Iagdfrohnen noch verbliebenen gutsherrlichen und Leibeigenschaftsfrohnen bestand seit 1827 die freiwillige Abschaffung gegen eine aus der Staatskasse zu leistende Entschädigungsrente und sehr geringe und ablösliche Vergütungen in Gelde, welche die vormals frohnpflichtigen Unterthanen nun zur Staatskasse zu leisten haben. Nach einer spätem amtlichen Übersicht vom 23. März 1831 gibt das Resultat für beide erwähnte Provinzen: Jährlicher Geldwerth der abgelösten Frohnen: 61,815 Gulden; jährliche von den Frohnpflichtigen an die Staatskasse zu leistende Ersatzrente: 5,585 Gulden; mithin jährliche Erleichterung der Frohnpflichtigen durch die Gleichstellung: 56,230 Gulden. Als jährliche Einnahme- und Ausgabesumme ward im Hauptvoranschlage der Einnahmen und Ausgaben für 1830 — 32 eingetragen: 6,363,336 Gulden. Im Finanzgesetz für 1830 — 32 wurden an direkten Steuern (Grund-, Personal- und Gewerbsteuer) vorgeschlagen: 2,128,023 Gulden, später von den Ständen auf 1,983,509 G. festgesetzt. Von den verschiedenen indirekten Steuern: Tranksteuer und Zapfge- Hessen (Großherzogthum) 481 bühr vom Wem, Tranksteuer von Obstwein, Branntwein und Bier, Schlacht- accise, Chausseegeld, Salzsteuer, Zollgefallen und einigen der Provinz Rheinhessen eigenthümlichen Abgaben dieser Art, ward auf den Vorschlag der Staatsregierung, die Schlachtaccise vom 1. Jan. 1831 aufgehoben, und die Tranksteuer vom Obstwein gemindert. Die Charakteristik beider Kammern ließe sich im Allgemeinen in folgenden Zügen geben. Es zeigte sich das Bestreben der Stande, auf das ge- ^ueste — was oft bei einzelnen Mitgliedern der zweiten Kammer zum Kleinlichen wurde das Verfahren derStaatsregierung als Verwaltungsbehörde zu untersuchen und wo möglich überall Crfparungen eintreten zu lassen; diese Ersparungen wurden jedoch nicht mit der erfoderlichen Kraft durchgesetzt, namentlich nicht im Fache der Gesandtschaften; man nahm die Verfassung zu oft nur formell, nicht in ihrem lebendigen Sinn, in dem Sinne der Fortentwickelung, Fortbildung und echter Repräsentation, daher die Lauheit der ersten Kammer bei den Verhandlungen über die Preß- sreiheit, über die veraltete Formel des Huldigungseides, das Aufrücken der Offiziere, die Anstellung der Cadetten, die Abschaffung des Cölibats; überhaupt zeigte sich in der ersten Kammer ein Kämpfen für Stabilität, Aristokratismus und Rückgang, das besonders bei den Berathungen über Zusätze zur Gemeindeordnung hervortrat und gegen Ende des Landtags eine wahrhafte Spaltung zwischen der ersten und zweiten Kammer hervorbrachte und mit gemeinschaftlicher Ablehnung jener Zusätze endigte. Ein langsamer, schleppender Geschäftsgang herrschte besonders in der zweiten Kammer, hauptsächlich deshalb, weil hier das Meiste gearbeitet werden mußte; zuweilen schärferer Verstandesblick in der ersten als in der zweiten Kammer und demgemäß Auftreten gegen Regierungsmaßregeln, z. B. bei den widerruflichen Zulagen an eine große Anzahl von Beamten, welche die Staatsregierung zwischen den Landtagen von 1826 und 1829 keineswegs im Sinne der öffentlichen Meinung bewilligt hatte. Die erste Kammer war zerrissen und aus ziemlich barocken Einzelbestandtheilen zusammengesetzt, aber in ihren Zwecken entschieden und einig; der zweiten Kammer stand weniger Intelligenz als eine ziemlich große Masse einzelner Kenntnisse und Erfahrungen zu Gebote, die sich dann auch kraftig, wie bei den Abgeordneten E. E. Hossmann, Hellmann und Andern äußerten, während die Intelligenz, hauptsächlich durch mehre rheinhessische Abgeordnete möglicher Weise glänzend vertreten, doch in der That die Vorsicht selbst spielte, mindestens häufig in diesem Sinne schwieg, wenn auch nicht stimmte. Indessen zeigten sich hier achtbare Ausnahmen, besonders bei den althessischen Deputaten Geheimrath Schenck, Hofgerichtsrath Schenk, Regierungsrath Elwert. Von den vielen Mittheilungen der Staatsregierung an die Stande war besonders wichtig die officielle Zusicherung definitiver Besoldungsetats für den nächsten Landtage in Beziehung auf die bei der Civiladministration Angestellten, da die Besoldungen für das Militair bereits, seit längerer Zeit geordnet sind und der Rechtspflege eine Umwandlung bevorstand. Die Stände sprachen bei Gelegenheit der Berichterstattungen über Finanzgegenstände manche Wünsche aus, z. B. über die Bereinigung mehrer Behörden, über die Verbesserung der Gymnasien, die Errichtung mehrer Realschulen und andere den öffentlichen Unterricht betreffenden Einrichtungen; über die Aufhebung der Polizeideputationen in Darmstadt und Gie- bM; sie erhoben Beschwerden gegen die Oberforstdirection in Darmstadt und lehnten den Antrag auf Besoldungserhöhungen bei dem Militair ab. Die Handels- verhaltnisse des Großherzogthums und insbesondere die Übereinkunft mit Preußen wurden von den Ständen zur Sprache gebracht. Der Großherzog Ludwig I., schon um Rande des Grabes wankend, hatte in Beziehung auf diese bei Eröffnung des tages gesagt: dieser Vertrag verdanke seine Entstehung der Übereinstim- ung der Gesinnungen und Ansichten eines mächtigen Monarchen und der seini- " hinsichtlich Dessen, was das Wohl ihrer beiderseitigen Unterthanen fördern 432 Hessen sGroßherzogthum) könnte, und ruhe auf der Grundlage, welche Staatsregierungen ein? längere Dauer sichere, auf dem wechselseitigen Vortheile. Zwar ließ sich über diesen wechselseitigen Voctheil Manches sagen; aber nicht nur in den Dankadressen wurde herkömmlich eine vollkommene Anerkennung des Beabsichtigten und Erreichten ausgesprochen sondern auch bei den ständischen Verhandlungen äußerten beide Kammern einstimmig und ohne Opposition Zufriedenheit mit der genommenen Maßregel; gewiß wichtig und für die Überzeugung sprechend, wie nöthig uns Deutschen einen Zoll- linie thut, wie man jede Annäherung daran willkommen heißt, wenn auch Manchen das Medium der Annäherung misfällt. Nach den Daten des Präsidenten des Finanzministeriums betrug der Werth der vom 1. Jul. 1828 bis 1. Jul. 1829 aus dem Großherzogthume Hessen in den preußischen Staat ausgeführten Artikel sehr mäßig berechnet: 3,198,431 Gldn.; ein Zollbetrag von 871,429 Gldn. wäre davon zu entrichten gewesen, der nun wegsiele. Die Bilanz der Ausfuhr stellte sich für den preußischen Staat noch bei Weitem günstiger. Im Hauptvoranschlage von 1830— Z2 war die wahrscheinliche reine Einnahme der Zollgefäile für Hessen auf 500,000 Gulden jährlich berechnet; 400,000 Gulden jahrlich hat Preußen ga- rantirt. Allerdings war wol manche Angabe des Regierungscommissars, welche die Mittheilung begleitete, nicht ganz begründet, manche Hypothese gar zu gewagt; aber das erste Jahr konnte noch keine so glänzende Resultate bringen, als die folgenden mit erweiterten und gesicherten Beziehungen geben können. Dann mußte auch die inzwischen gegründete offenbacher Messe (s.d.) noch ergiebiger geworden sein. Übrigens rügten die Kammern nicht einmal, daß die Staatsregierung auf die oben angeführte vage Eoncession hin auch einen wahrhast drakonischen Strafcodex in die Abänderungen wegen der Verbrauchsteuer übergesiedelt hatte. Noch weniger dachten sie an die, wahrscheinlich damals noch nicht reife und erst in den Berathungen der badischen zweiten Kammer ausgesprochene Wahrheit: daß kleinere constitutionnelle Staaten nur bei sichernden Garantien mit größern absoluten Staaten in Handelsverträge sich einlassen dürften. Sie dachten nicht daran, als solche sichernde Garantien, die der ganzen Sachlage nach nur geistig sein können, Preßfreiheit, ungehemmte Versenduno der Erzeugnisse der Presse ins Preußische u. dergl. zu verlangen; sie dachten namentlich nicht an die Folgen eines möglichen Krieges des absoluten Preußens, welches zugleich europäische Großmacht ist, für Hessen, bei gemeinsamen finanziellen Interessen, bei festgegliederter, gemeinschaftlicher Grenzbewachung, und daß ein Handelsverein zwar kein Schutz- und Trutzbündniß, aber doch etwas der Art sei. Der Wunsch größerer Ausdehnung ward übrigens lebhaft von den Ständen ausgesprochen und fand Anklang bei der Staatsregierung. Auch erklärt Art. 6 des neuen Finanzgesetzes die oben erwähnte Bestimmung des achten Artikels des Finanzgesetzes vom 12.Jun. 1827 als „fortwährend in Gültigkeit". So entstanden die Handelsverträge mit Hessen-Homburg (am 31. Dec. 1829), Sachsen-Koburg-Gotha (6. März 1830), und Hü- sen-Kassel (25. August 1831). Im Großherzogthum Hessen wird immer noch an der Gesetzgebung hier und da geflickt; kein Vorwurf, hätte man nur erst eine große, gleiche Grundlage, iowarecS Bau- und nicht Flickwerk. Jetzt aber gelten in den beiden ältern Provinzen außer dem subsidiarischen römischen, canonischen und gemeindeutschen Rechte auch noch ein ba - des Dutzend Landrechte und eine Masse Prajudicien und Verordnungen, ;a, die Fuw. damente sind noch nicht einmal festgestellt, worauf, nach Art. 103 der Verfaß sungsurkunde, für das ganze Großherzogthum ein bürgerliches Gesetzbuch, e>n Strafgesetzbuch und ein Gesetzbuch über das Verfahren in Rechtssachen eing^- führt werden soll. Während in dieser Beziehung die Provinz Rheinhessen nocy der französischen Gesetzgebung sich erfreut, ist sie in Communalsachen, der Adm>- nisiration überhaupt und dem größten Theile der Finanzeinrichtung harmomM Hessen (Großherzogthum) 433 ..7 ^ Mit. estellt mit den Schwesterprovknzen. Dieses Verhältniß erklart denn auch, warum in letzterer Hinsicht schon jetzt mehr Gleichmaßiges, Neues, wiewol Einzelnes, in allen Provinzen in Vollzug gebracht und berathen werden kann, als es für streng juridische Gegenstande möglich ist, wo noch Rheinhessen und die altern Provinzen jedes seine dürstige Speise bereitet erhalten. Von der bezeichneten allgemeinen Art waren die von der Staatsregierung vorgelegten Gesetzentwürfe über das Verfahren gegen Cassenbeamte, welche Recesse machen; über den Maus und die Verwandlung der siscalischen Grundrenten in den Provinzen Starkenburg und Obcrhessen— darum allgemein, weil in Rheinhessen keine siscalischen Grundrenten mehr bestehen; über die Vervollständigung des Gewerb- sreuertarifs; über die Leistungen der Gemeinden bei Erbauung der Staatskunststraßen ; über die Pensionirung der auf Widerruf angestellten Staacsdie- r und Beamten; über die Wiesencultur; über die Erbauung und Erhal- ng der Provinzialstraßen; über Abänderungen und Zusätze zum Recrutirungs- gesetze vom 6. Aug. 1821; über die Zusendung unbestellter Lotterieloose; über Abänderung und Zusätze zur Gemeindeordnung von 1821; über Feststellung und Erhaltung der innern Grenzen und zur Sicherung des Grundeigenthums und Hypothekenwesens ; über Sicherstellung der Rechte der Schriftsteller und Verleger gegen dm Nachdruck. Alle diese Gesetzentwürfe wurden meist mit geringen Modifikationen angenommen. Provinziell waren die Gesetzentwürfe über Abschaffung der Strafe der Brandmarkung in der Provinz Nheinhessen; eine Regulirung des altbekannten civilprocessualischen Verfahrens durch Zahlungsbefehle für Starkenburg und Oberhessen; über die Aufhebung der dilatorischen Termine bei den Untergerichten in den eben genannten Provinzen; übe? die Zwangsveräußerungen in Rheinhessen; für dieselbe Provinz über das Verfahren in Contraventionssachen gegen die Gesetze über indirecte Auflagen; über die Wirkungen der Generalhypotheken in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen. Diese Gesetzentwürfe wurden meist mit wichtigen Modifikationen angenommen, und nur der letzte von der zweiten Kammer abgelehnt, welche auch bei dieser Ablehnung beharrte. Von den Anträgen, welche die Regierung an die Stände brachte, betrafen die wichtigsten die Übernahme von zwei Millionen Gulden Privatschulden des Großherzogs und die Hofbaukosten. Der Inhalt des ersten Antrags war im Wesentlichen : a) daß dem Großherzoge Ludwig II. die Eivilliste seines Vaters bewilligt werde, nämlich die jährliche Summe von 591,604 Gldn., die aber durch zufällige Umstände auf 576,304 Gldn. herabgesetzt wurde; b) daß die Gebührnisse des Erbgroßherzogs Ludwig, so lange derselbe nicht vermählt sei, von bisher 13,200 Gldn. aus jährliche 25,000 Gldn.; c) die Apanage des Prinzen Georg von Hessen, Bruders des Großherzogs, von bisher 14,000 Gldn. auf jährliche 20,000 Gldn., u) die Gebührnisse des Prinzen Karl von Hessen, nachgeborenen Sohns des Groß- ffrzogs, vom Zeitpunkte seiner Vermahlung an, von bisher 14,000 Gldn. auf lahrlich 30,000 Gldn. erhöht, und e) für noch 10 Jahre jährliche 20,000 Gldn. an die inlandischen Gläubiger des verstorbenen Landgrafen Georg Karl von Hes- Im bewilligt würden. Zwei Millionen Gulden Privatschulden des Großherzogs entweder mit den Zinsen vom 1. Jul. 1830 an auf die Staatsschuldentil- gungscasse, welcher zu diesem Zwecke jährlich 100,000 Gldn. zu überweisen wären, u "nommen, oder die Eivilliste des Großherzogs auf eine, dieser Summe und km Bedürfnisse ihrer successtven Tilgung entsprechende Weise erhöht werden, cr er«,w Ausschuß der zweiten Kammer hielt eine Eivilliste von 452,000 Gldn. wollte die Übernahme von zwei Millionen abgelehnt wissen, dun^ "'c ^gungsfonos noch einen Zusatz zur Eivilliste gewähren, die da- wuw- 5MH00 Gldn. erhöht werden sollte. Am Schlüsse des Berichts " aus besondern Rücksichten auf die Person des Regenten und auf ob- "nv.-Lex. der neuesten Zeit und Atemur. II. 28 434 Hessen (Großherzogthum) waltende eigenthümliche Verhältnisse 570,000 Gldn. vorgeschlagen. Die übrigen Anträge der Regierung wurden theils nur bedingt bewilligt, theils abgelehnt, wogegen der erste Ausschuß der ersten Kammer für die Gewährung der bisherigen Civilliste stimmte. Den Berathungen der zweiten Kammer über jene Gegenstände ging die Verhandlung über einen verwandten Gegenstand, die Überlassung der als Familieneigenthum des großherzoglichen Hauses anerkannten zwei Drittheile der Domainen an den Großherzog zur Bestreitung der Civilliste voraus. Ein Antrag des Abgeordneten Grafen Lehrbach, oder, nach Vieler Meinung, ein Gedanke des Hofs, zur leichtern Erlangung der zwei Millionen, mindestens zur Änderung des ganzen Verhältnisses auf eine ihm vortheilhafte Art, fand schon im Ausschußberichte der zweiten Kammer keinen Beifall. Man wollte das durch die Verfassung gegründete Verhältniß, wonach zwei Drittel Domainen schuldenfreies, unveräußerliches Familieneigenthum des großherzoglichen Haufes sind, wäh^ rend die Einkünfte desselben im Budget aufgeführt und zu den Staatsausgaben verwendet werden, nicht geändert wissen. Nachdem die Sitzung auf Verlangen des Regierungscommissars eine geheime geworden, erfuhr man von einer Art Protestation des ersten Ausschusses der ersten Kammer, des Hauptinhalts, er habe außer der Bewilligung der ganzen frühern Civilliste über Apanagen und Schuldenübernahme sich bis jetzt nicht bestimmt geäußert, sondern diese Punkte weiterer Erwägung vorbehalten. Anders erläuterten diesen Punkt die Ausschußmitglieder der zweiten Kammer. Es ergab sich, daß einige Mitglieder des ersten Ausschusses der ersten Kammer, welcher eine ganze Woche hindurch nicht vollständig zusammenzubringen war, gern eine definitive Berathung ausgesetzt sehen mochten, und daß aus dem Benehmen der Mitglieder der ersten Kammer jener Schluß auf völlige Beistimmung ziemlich gut zu ziehen gewesen. Als eingeschriebene Redner für die Anträge sprachen hierauf von der Tribüne mehre Abgeordnete. Nechtsgründe, theils aus allgemeinen staatsrechtlichen Principien, theils aus der hessischen Vcr- fassungsurkunde gezogen, Gefühlsgründe, Klugheitsgründe, allgemeine und besondere politische Rücksichten, sachliche und BiUigkcitsgründe wurden hier entwickelt; mit besonderm Glücke und großer eindringlicher Kraft vom Abgeordneten Weller. Für die Proposition der alten unveränderten Civilliste sprach dann der Regierungscommissar Freiherr von Hofmann. Bei der Discussion wurde die Frage erhoben: Was kann als Anhaltspunkt bei Bestimmung einer neuen Civilliste gelten? Einige nannten die alte Civilliste; Andere das Bedürfniß des neuen Regenten; Andepe die Kräfte des Landes und das Wohl des Volkes. Wahrend man ins Einzelne ging, wurden Waffen für und wider hervorgesucht. Die Re- gierungscommissaw von Hofmann und Eigenbrodt verwahrten sich gegen die ihnen zugeschriebene Äußerung, die Stände müßten die Civilliste in der Art und m Betrage, wie vom Fürsten verlangt, genehmigen. Kräftig wurde namentlich von dem Präsidenten Schenck und Abgeordneten Weller behauptet, daß den Standen auch in Beziehung auf die Civilliste das Verwilligungsrecht zustehe. In Fallen der NichtVereinbarung, wie bei allen nothwendigen, gar nicht oder nicht genügend bewilligten Ausgabeposten, trete ein Provisorium auf die Verantwortlichkeit der Minister ein. Wurde dagegen die Meinung aufgestellt, der Regent habe in solchen Fällen das Recht, zwei Drittheileder Domainen auf so lange zurückzunehmen , bis der Zwiespalt aufgesetzlichem Wege ausgeglichen sei, so erwiderte man darauf, der neue Regent dürfe unter keinen Verhältnissen, ohne Einwilligung der Landstände, nach den zwei Dritteln Domainen zurückgreifen und sie in direc e Nutznießung nehmen. Einige Abgeordnete nannten die Theorie deS ersten Au - schusses der zweiten Kammer, welche auch Freiherr von Gagern nachher in «r ersten Kammer eine unzweifelhafte nennt, daß nämlich die Civilliste mit dem Zo des Regenten erlösche und die neu bewilligte unbeschwert übergehe, eine kalte. ^ Hessen (Großherzogthum) 435 Frage, ob Verbindlichkeiten der Civilliste auf die Erben des Allodialnachlasses übergehen, wurde mehrseitig erörtert. Für die Übernahme der zwei Millionen machte man den Grund geltend, daß die einmal vorhandenen Schulden nicht anders getilgt werden könnten, und appellirte an Liebe und Billigkeit, wahrend die Gegner, und unter ihnen besonders Ernst Emil Hossmann, in dem Mangel einer Bevollmächtigung der Stande, in der traurigen Lage des Landes, in der Entbehrlichkeit solcher Aufopferungen, in der Unmöglichkeit einer Bürgschaft gegen ahnliche künstige Ansprüche, ihre Gegengründe fanden. Es wurden einzelne Vorschlage zu einer bedingten Übernahme der Schulden gemacht, die aber ohne Ergebniß blieben. Vollwichtig war die begründete Erklärung des Präsidenten Sche.'.ck gegen die Übernahme der zwei Millionen. Der Antrag hinsichtlich der Apanage-Erhöhung des Erbgroßherzogs fand an sich keinen Anstand; desto mehr die Deputatserhö- hungen für die Prinzen Georg und Karl. Bei der Abstimmung wurde die Übernahme der Schulden des Großherzogs in allen angetragenen Formen mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt, eine Civilliste von 576,000 Gldn. bewilligt, dem Erbgroßherzog eine jährliche Summe von 25,000 Gldn. gewährt, den Prinzen Karl, Georg, Friedrich und Emil wurden aber nur die seitherigen Gebührnisse zugestanden, und für die übrigen Glieder des großherzoglichen Hauses einige Vortheile gewährt. Ganz anders war das Ergebniß der Verhandlungen in der ersten Kammer, welche den Maßstab für die Bestimmung der Civilliste in dem wahren Reinerträge des Familiengutes, der zwei Drittheile der Domainen, gefunden hatte. Der Kanzler von Arens hatte im Namen des Ausschusses der ersten Kammer daraus angetragen: dem Beschlüsse der zweiten Kammer wegen der auf576,000 Gldn. festzusetzenden Civilliste beizutreten; den Großherzog zu bitten, die Entscheidung der Frage über die Annahme oder Ablehnung des Antrags wegen Übernahme der zwei Millionen Schulden bis zum nächsten Landtage zu vertagen; den theils ablehnenden, theils genehmigenden Beschlüssen der zweiten Kammer, hinsichtlich der Apanagen oder Apanage-Erhöhungen beizustimmen. Bei den Verhandlungen sprachen Mehre über das Recht der Stände, die Civilliste kraft des Bewilligungsrechts, wiewol nicht willkürlich, zu mehren und zu mindern, und stellten den Werth der zwei Dritthcile der Domainen als Maßstab auf. In der ersten Kammer ward in Gegenwart von neun Mitgliedern abgestimmt und Prinz Georg stimmte ungehörig mit. Durch den Kammerbeschluß wurde die Civilliste von 576,000 Gldn. bewilligt, ein Beschluß wegen der Schulden des Großherzogs und der Antrag auf Erhöhung der Apanagen der Prinzen Karl und Emil von Hessen abgelehnt. Die zweite Kammer war mit den Ansichten der ersten nicht einstimmig, obgleich diese ihren Beschluß als der Entscheidung der zweiten gleichförmig bezeichnet hatte, und sie verwarf mit großer Stimmenmehrheit die aus der ersten Kammer zurückgekommene Fassung des Beschlusses. Der Landtagsabschied vom 1. Nov. 1830 bemerkte hinsichtlich der abgelehnten Posten: „Schmerzlich war es Uns, daß unsere getreuen Stände Dasjenige nicht bewilligt haben, was Wir für Prinzen unsers großherzoglichen Hauses und um unsere eignen Angelegenheiten zu regeln, noch weiter von ihnen anzusprechen genöthigt waren. Die nächste Zukunft wird ergeben, daß die Voraussetzungen, welche diesmal unsere getreuen Stände abgehalten haben, unserm Ansinnen zu entsprechen, sich nicht realisiren können." . ^ufdem Landtage von 1826—27 waren 173 für sich bestehende, nicht mit m Beschlußnahmen über vergangene Fknanzperioden und dergleichen zusammen- Anträge einzelner Abgeordneten in der zweiten Kammer gemacht worden, ss" Landtag von 1829 — 30 brachte ährer nur 82. Allerdings wenigere, aber Mluer sihr oj^. Dabei waren sie nothwendig, weil Preßfreiheit, Petitionsrecht sck ""b ^ute, freisinnige inländi- satter fehlen; aber auch erklärlich, weil nichts leichter ist als wünschen, 28* 436 Hessen (Großherzogthum) weil die bestehenden Einrichtungen, häusig Stückwerk, auch Stückwerk nöthig machen, weil wirklich oft Wichtiges zu ergänzen ist, und weil vielen Deputirten der Wille oder die Einsicht fehlte, das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und nur Ersterm ihre Wünsche und ihre ganze Kraft zuzuwenden. In der zweiten Kammer vorgekommene Anträge waren unter andern: das Armenrecht; eine Revision des Gesetzes über Aufhebung der Fornicationsstrafen; die Freiheit der Presse in vaterländischen Angelegenheiten; die Aufhebung der Classenlotterie in Darmstadt und das Verbot des Spielens in auswärtigen Lotterien; Revision der landstandi- schen Geschäftsordnung; die Stellung der Rechnungskammer in Darmstadt; die Aushebung des Cölibats; die Dienstverhältnisse und die Amtsverrichtungen der Bürgermeister diesseit des Rheins; die Revision der Statuten der Landesuniversität Gießen; die Ausarbeitung eines Hausgefttzes für das großherzogliche Haus; der Eid bei der Huldigung und Ansässigmachung der Staatsbürger; das Ofsi'ziers- avancement beim großherzoglichen Truppencorps und die Prüfungen zum Behuf der Besetzung der Cadettenstellen; die Überlassung der als großherzogliches Familiengut anerkannten zwei Drittheile Domainen an den Großherzog zu-r Bestreitung der Civilliste; die Verkündigung der nach Artikel 106 der Verfassungsurkunde zuzusichernden Festhaltung der Verfassung; die Verwandlung fämmtlicher Cult- oder Pfarrschulen in Gemeindeschulen; die neue Gesetzgebung u. f. w. Die meisten dieser Anträge rührten ganz oder teilweise von dem Abgeordneten E. E. Hossmann her, der überhaupt an 26 Anträgen Theil nahm. Auf dem Landtage von 1826 — 27 hatte die erste Kammer, außer einigen Abänderungen in der Gemeindeordnung, für sich gar nichts der Art zu wünschen gehabt. Diesmal brachte der Freiherr von Gagern zwei Anträge, welche von beiden Kammern angenommen wurden. Gleiches konnte man von den meisten wichtigem Propositionen der zweiten Kammer nicht sagen; ja, einige kamen in der zweiten Kammer nicht einmal zum Vortrage, während Localinteressen einer glücklichern Förderung sich erfreuten. Aber man verständigt sich leichter über Unbedeutendes als über Lebensfragen und auch nur halb wichtige Principien. Das Verhältniß zwischen Staatsregierung und Ständen war im Allgemeinen gut; doch erregte das Ministerialpublicandum über Artikel 96 der Verfassungsurkunde bald nach Eröffnung der Ständeversammlung Unruhe und Bedenken bei Staatsdienern und Standen, und steigerten sich, als man nicht durch Zurücknahme oder Modisication den gethanen Misgriff wieder aufhob. Erst im Landtagsabschied geschah dies, nachdem auch die erste Kammer in der Sache Partei genommen. Ebenso siel es unangenehm auf, daß die Staatsregierung, ziemlich gegen Ende des Landtags, die zweite Kammer auffoderte, die in mehren Sitzungen dieser Kammer von einigen Abgeordneten geschehenen allgemeinen Äußerungen und Beschwerden gegen die großherzogliche Forstverwaltung und insbesondere die Oberforstdirection speciell anzugeben und zu begründen. Die zweite Kammer beschloß einstimmig, dieser Auf- foderung nicht zu entsprechen. Der Landtagsabfchied (1. Nov. 1880) war mild und höflich abgefaßt. Er enthielt namentlich die Zusage, Staatsrechnungen und Belege den Ständen künftig zur Einsicht zuzustellen, ein Punkt, der praktisch bisher von der Staatsregierung zugestanden, aber dem Principe nach hartnackig von ihr bestritten wurde. Dessenungeachtet hatte auch dieser Abschied unter der Contrasignatur: du Thil entschiedene Anklänge aus dem vorigen, bei dessen Erlasse von Grolman noch gelebt hatte. An einigen Stellen bezog er sich sogar auf diesen, nahm dessen Motive an und that dies namentlich den Beschlüssen beider Kammern zuwider und also auf nicht verfassungsmäßige Weise, in Beziehung auf das Finanzgesetz. Am 3. Nov. 1829 war der Landtag eröffnet worden. Später traten Ferien und die nach dem Tode des Großherzogs angeordnete Vertagung des Land- Hessen (Großherzogthum) 437 tags (vom 6. April bis 16. Zun. 1830) ein. Nicht bloß die Juliusrevolution und andere europaische Ereignisse, auch wichtige Lan-desbegebenheiten walzten unterdessen um die Berathungen der Kammern hohe drohende Wogen auf, oder bewegten doch stärker eine Flache, die besonderer Erregung bisher kaum gewohnt war. So der Tod des Großherzogs Ludwig I. (6. April 1830), der Regierungsantritt Lu d wig II. (s. d.), die Unruhen in Oberhessen, welche einer ausführlichem Darstellung bedürfen. Am Ende Sept. 1830 und schon früher entstanden die bekannten Volksbewegungen in Kurhessen, besonders in der Grafschaft Hanau, gegen lang getragenen Druck. Diese Bewegungen pflanzten sich in die angrenzenden Theile des Großherzogthums fort, die meist arm und durch Mauth- sperre viel leidend, besonders dafür empfanglich waren. Aktenvernichtung, Zerstörung des Privateigenthums verhaßter Beamten, auch im Einzelnen Plünderung und gemeine Dieberei waren Hauptzwecke des anschwellenden Haufens, der bald Hunger und Mangel litt, und besonders eines Anführers entbehrte, „eines Kopses", wie er sich selbst ausdrückte. Diesem abzuhelfen, nahm er zuweilen angesehene Leute, selbst Geistliche mit, und ließ sie den mit Feldgerathschaften, Prügeln und Flinten bewaffneten Colonnen so lange vorausreiten, bis sie Gelegenheit zum Entkommen fanden. Büdingen, welches nur durch ein kleines Militaircom- mando geschützt war, nahmen sie bald. Nidda, Bingenheim, Ortenberg, Gedern, Schotten setzten den Rebellen keinen Widerstand entgegen, sondern ließen sie ruhig gewähren. Lich, ein Stadtchen mit 3000 Einwohnern, wollte gleichfalls neutral bleiben, aber die Haufen kamen nicht mehr dahin. Sie waren, da sie sich theilten und einzeln das Land durchzogen, von den braven Einwohnern der Gemeinden Melbach, Florftadt, Södel und Wölfersheim angegriffen und zurückgetrieben worden. Höhere politische Zwecke hatten diese Leute gewiß nicht, obgleich Einzelne zuweilen „Freiheit und Gleichheit!" riefen. „Keinen Mauthzwang an der Grenze und mehr Brot!" war die richtige Übersetzung jener alt-sansculottischen Phrase. Ebenso wenig hatte wol Grund, was man von Aufhetzung durch frankfurter Geld oder von Umtrieben der deutschen Hochtories bei dieser Sache redete, oder vielmehr, auf unerwiesen? und dabei unbedeutende Umstände sich stützend, fabelte. Nur drei bis vier Tage hatten die partiellen Meutererzüge gedauert, als sie schon, in Folge jener Ereignisse, sich auflösten. Im großherzoglich hessischen Regierungsblatt war indessen, nach gleichzeitiger Absenkung von Cavalerie, Infanterie und berittener Artillerie nach Oberhessen, ein Martialgesetz vom 1. Ott. 1830 erschienen, welches für die Theile des Landes, wo Meuterer mit den Waffen in der Hand ergriffen würden, standrechtliches Verfahren anordnete, und zugleich eine Verfügung, welche dem Prinzen Emil von Hessen den Oberbefehl über die zusammengezogene Truppenmasse anvertraute. Am 1. Oct. zog ein Theil derselben von Friedberg aus in die nördlichem Theile der Provinz. Vor dem Dorfe Södel angekommen, dessen Einwohner am Tage vorher so tapfer gegen die Meuterer sich gehalten und mehre derselben gefangen genommen hatten, meldete der Hauptmann von B. dem Generalmajor Z., daß sich hinter dem Dorfe Spuren von Rebellen zeigten. Die Cavalerie setzte sich in Galopp; in Södel selbst angelangt, befahl von B. die Verhaftung eines Soldaten vom vierten Linienregimenr, den er unter dem ruhig zusehenden Landvolk stehen sah, und von dem er glaubte, aß er bei seinem Regiments sein müsse; ebenso schien ihm, ohne allen genügen- en Grund, noch der eine und andere Umstehende verdachtig, und er ließ auch sie ^haften. Dies war das Signal zu empörenden Gewaltthaten. Ein verhafteter Mster ward von den Cheveauxlegers ans Ende des Dorfs geschleppt, dort von ih- en zusammengehauen und auf ihn geschossen. Er starb zwei Tage nachher an erhaltenen Verwundungen. Einige Pistolenschüsse, von Soldaten abgefeuert, en auch die schon durch das Dorf gezogenen oder erst einreitenden Colonnen auf 438 Hessen (Großherzogthum) Vor und in dem Dorf, besonders auf der rechten Seite desselben, erfolgte alsbald ein Angriff der Cheveauxlegers. Die unglücklichen Dorfbewohner flohen, die Reiter setzten ihnen nach, verwundeten und mishandelten selbst Weiber und bereits Verwundete und Verhaftete. In einet Viertelstunde sah man, außer dem tödlich verwundeten Förster, einen an der andern Seite des Dorfs von,den Soldaten ge- tödteten Einwohner und sechs Verwundete; Eigcnthumsbeeinträchtigungen, geringere Mishandlungen, Ängstigung ganz unschuldiger Menschen und Störung des öffentlichen Friedens ungerechnet. Nur der Umstand, daß viele Cheveauxlegers betrunken gewesen, erklart einigermaßen, aber doch nicht genügend, das Ereignis, den schweren, so sehr unwahrscheinlichen Jrrthum, unbewaffnete Rebellen vor sich zu sehen, sie tödten und mishandeln zu müssen. Noch vor dem Dorfe löste dasMis- verstandniß sich auch auf. Der Generalmajor A. sprach seine Entschuldigungen aus, die spater erst durchziehende Jnfantcrieabtheilung fand keine Spur mehr von dem Geschehenen. Zwei Tage darauf, am 3. Ott., ward eine Extrabeilage der darmstäd- ter Zeitung verbreitet, welche einen Bericht auch über den södeler Vorfall enthielt und am 2. Ott., also mindestens 12 Stundennach der Aufklarung des unglückseligen Jrrthums, geschrieben war. Dieser Bericht, welchen man bis jetzt im Publicum für keinen andern als oinen ofsiciellen hielt und auch für keinen andern halten konnte, enthielt die Nachricht von „Rebellen", auf welche die Truppen in Södel gestoßen seien, von Tödtung und Verwundung mehrer derselben. Dies wurde ganz bestimmt und unzweifelhaft ausgesprochen und nichts von der erfolgten Auflösung des blutigen Rathsels erwähnt; dabei die Bemerkung, „in der Gegend zwischen Berstadt und Hungen (also jenseit Södel, aber noch am nämlichen Tage) sei der Prinz Emil zu den Truppen gestoßen". Alsbald ward die Einleitung der Untersuchung über jenen Vorfall durch das Civilgericht, aber keine durch das Mi- litairgericht gemacht, obgleich allerdings gesetzlicher Anlaß dazu vorhanden war. Die Standesherrschaft Lich hatte sich zu diesem Zwecke sogleich an den Prinzen Emil gewendet, aber im Oct. die Antwort erhalten, solche blutige Ereignisse seien bei Beseitigung von Volksunruhen durch Soldaten unvermeidlich, und es sei zu wünschen, daß die Gemeinde sich mit der Versicherung begnügen möge, das Er- eigniß werde allgemein als ein unglückliches Misverstandniß betrachtet. Die Untersuchung von Seiten des Militärgerichts begann erst nach zwei Monaten, nachdem die Akten des Civilgerichts schon lange vorher waren eingesendet worden und ein lauter Schrei des Unwillens im Publicum und seinen Organen, den öffentlichen Blattern, sich hatte vernehmen lassen. Aber immer wurde die von der darm- städter Zeitung gegebene Nachricht, die von Rebellen gesprochen, weder zurückgenommen noch auch nur gemildert, was erst nach neun Monaten geschah. Es wurden 23 Militärs vor das Gericht gestellt, unter welchen drei Offiziere waren. Zwei Offiziere wurden freigesprochen, der dritte zu dreimonatlicher Festungshast, und nach eingelegter Appellation zu vierzehntagigem scharfen Hausarrest verur- theilt; die übrigen Militärs theils freigesprochen, theils bestraft; die Harteste Strafe war acht Monate Festung. Natürlich war durch die lange verzögerte Untersuchung vollständige Überweisung der meisten Thäter, deren Zahl aufs Doppelte stieg, unmöglich geworden. Auf die Dorfbewohner und insbesondere die Gc- tödteten und Verwundeten, kam nicht die mindeste Schuld. Das öffentliche Mitleid nahm sich ihrer an, besonders E. E. Hossmann in Darmstadt; spater auch der Staat. Um dieselbe Zeit beinahe, wo die Cheveauxlegers ihr Urtheil vom Kriegsgericht empfingen, erhielten es auch die gefangen genommenen oberhessischen Unruhestifter. Das erwähnte Martialgesetz vom 1. Oct. 1830 bestand, obgle'.ch schon längere Zeit die Ruhe wiederhergestellt war, und die Truppen überhaupt keine Unruhen mehr gefunden hatten, bis zum 23. Oct. 1830, wo es durch eine Verordnung zurückgenommen ward. Im Anfange der ausgebrochenen Unruhen und Hessen (Großherzogthum) 439 nach Entblößung der Residenz von einem großen Theile der Besatzung, welche theils nach Oberhessen, theils an die Grenze zur Beschützung von Mauthhäusern verlegt war, hatten sich mehre Bürger und Angestellte in Darmstadt an den Großherzog mit der Bitte gewendet, eine Bürgergarde errichten zu dürfen. Die Antwort war höchst anerkennend und bejahend; man fand darin eine Auffoderung, viele Bewohner Darmstadts meldeten sich freiwillig zu diesem Zwecke, und es ward ein Ausschuß zur Entwerfung der Statuten gewählt, deren Inhalt freisinnig und auf eine bleibende Einrichtung berechnet war. Als die Statuten zur höchsten Genehmigung waren eingereicht worden, erfolgte keine Antwort, und so ward in Darmstadt wie an andern Orten des Großherzogthums, z. B. in Offcn- hach, die Bürgerbewaffnung im Keime vernichtet. Am 1. Nov. 1830 warder Landtag geschlossen worden. Am nämlichen Tage gab eine große Anzahl von Einwohnern Darmstadts der zweiten Standekammer ein festliches Mahl. Die Mitglieder des Staatsministeriums waren zur Theilnahme eingeladen. Sie kamen nicht, und dieselben Spuren von Lauheit, Gezwängtheit und, wie Manche sagen, heimlicher Feindseligkeit gegen entschiedene Äußerungen des constitutionnellen Sinns zeigten sich auch bei vielen andern obern und untern Angestellten noch in der neuesten Zeit. Die neuen Bürgermeisterwahlen, welche im Dec. 1830 und Jan. 1831 im Großherzogthume vorgenommen wurden, gaben Anlaß zu regerm, wenn auch nur momentan öffentlichem Leben, doch auch zu Reibungen. So in Worms/Mainz, Darmstadt. In Mainz siegte die Majorität; in Darmstadt nicht. E. E. Hoffmann, obgleich zwei Drittel der Stimmen für ihn waren, erhielt die Bestätigung nicht. Durch ein Urtheil des Provinzialhofgerichts in Darmstadt vom 23. März 1831 ging endlich auch die letzte Untersuchung wegen demagogischer Umtriebe im Großherzogthume Hessen zu Ende. Die Hofgerichtsadvo- katen H. K. Hofmann und Rühl in Darmstadt, welche wegen Theilnahme an frühem staatsgefährlichen Verbindungen in Untersuchung gewesen waren und längere Zeit gefangen gesessen hatten, wurden völlig freigesprochen. Im April 1831 wurde das Schriftchen: „Der Deutschen Mai", in einem Theile des Großherzogthums verbreitet, namentlich im Odenwald, wo früher schon Untersuchungen wegen aufgefundner aufrührischer Schriften in Katechismusform waren angeordnet worden. Die Sache hatte keinen wesentlichen Erfolg. Lebendigen Anklang fand die polnische Sache im ganzen Großherzogthume, der sich durch Beisteuern und Charpiesendungen, namentlich aus Mainz, Darmstadt, Worms, Gießen und dem kleinen Butzbach verrieth; spater, im Dec. 1831 und Jan. 1832, durch Unterstützung der polnischen Heimathlosen. Au diesem Zweck wurden Mädchenvereine in Mainz, Frauenvereine in Worms, in der Wetterau, in Darmstadt und an der politisch rege gewordenen Bergstraße gestiftet. Theils Folge der Eholeraangst, welche die Regierung in guter Meinung durch ihre Anstalten zu Ende Aug. 1831 noch recht förderte, theils wirklicher Sympathie für Polen waren die bekannten Adressen an den Bundestag, deren erste, die darmstädter, 474 Unterschriften zählte; kräftiger und ausführlicher war die Mainzer Adresse. Aber die Adressen wurden vom Bundestag zurückgegeben, und bald kam das Verbot gemeinschaftlicher Adressen an denselben. Im Sept. 1831 wurden Unterschriften zu Adressen an den Abgeordneten Welcker in Karlsruhe, einen geborenen Hessen, im Großherzogthume und Kurfürstenthume Hessen gesammelt. Dies fand besonders lebendigen Anklang in Rheinhessen, wo überhaupt immer mehr deutscher Sinn hervortritt. Im Dec. 1831 fanden die ersten Vorbereitungen auf den künf- ^"dtag statt, auf welchen nun das nächste Interesse gerichtet war. Die Kühlkammer ward gänzlich erneuert Am 12. Marz 1832 ward eine landes- hmllche Verordnung über den Beitritt zu Vereinen, die politische Zwecke haben, erlassen, die allgemeines Staunen und gerechten Tadel erregte. An diese 440 Hessen (Großherzogthum) Verordnung schlössen sich die beiden andern vom 23. Inn. 1831 wegen Aufhebung des bisherigen Cassationshofs für Rheinhessen und die Verfügung Volksfeste und Volksversammlungen, Abzeichen u. s. w. an. Beide machten einen ungünstigen Eindruck. Es waren nur die Vorlaufer des Beitritts zu den Bundesbeschlüssen vom 28. Jun. Im Iul. begann die Reihe landesherrlicher Verordnungen über die Organisation der dem Ministerium des Innern und der Iusch untergeordneten Regierungsbehörden, namentlich erfolgte die Aufhebung der Pre- vinzialregierungen, der Kirchen- und Schulräthe, der Pädagogcommissionen des Oberforstgerichts, der Polizeideputationen in Darmstadt und Gießen, der Landräthe (ausgenommen in den patrimonialgerichtsherrlichen Bezirken) und der Waisenhausdeputation in Dacmstadt. An die Stelle derselben traten mit Kreis- eintheilung Kreisräthe, ein Oberconsistorium, ein Oberschulrath, ein Oberstudienrath, ein Administrativjustizhof; die Polizeigerichtsbarkeit ging an die entsprechenden Gerichtsstellen über, ebenso die Forstgerichtsbarkeit; die Gemeindc- rechnungen sollten von der Oberrechnungskammec geprüft werden, wie auch das Kirchenrechnungswesen. Alle diese Bestimmungen, woran sich natürlich eine Menge Detailveranderungen, Amtsinstructionen und Personalbesörderun- gen und Versetzungen reihten, gaben zu den verschiedenartigsten Urtheilen Anlaß. Die Liberalen, manches Gute und Freisinnige des Neuen gern anerkennend, stellten doch das Recht in Abrede, diese Veränderungen vorzunehmen; außerdem fühlten sich ganze Stande, namentlich der achtbare geistliche Stand durch Einräumung beinahe despotischer Gewalt an die Superintendenten, durch das absolute Schweigen von Synoden, durch geringe Beachtung der kirchlichen Gemeinde verletzt, und ebenso fanden sich viele Privatinteressen beeinträchtigt. Andere klagten über die offenbare Kostspieligkeit der neuen Einrichtungen und die Vermehrung der BeHerden, statt deren Vereinfachung; namentlich E. E. Hoffmann, der in seinem „Hessischen Volksblatte" geradezu sagte, die neue Organisation habe „Unzufriedenheit in allen Ecken" erregt. Mit dem 15. Ott. 1832 traten die meisten jener Veränderungen unterdessen in Wirksamkeit. Die Bekanntmachung der Bundestagsbeschlüsse fand am 10. Aug. mit dem Zusätze statt: „wodurch übrigens der Verfassung des Großherzogthums in keiner Hinsicht Eintrag geschieht". Dieser Ausatz kann auf doppelte Art verstanden werden; entweder: die Rechte, welche die Stände und Staatsangehörigen in Folge der Verfassung haben, sind keine bessern als diejenigen, wie sie die Bundesversammlung interpretirt, was aber die Stände schwerlich zugeben werden; oder: sie haben bessere und sollen sie auch trotz den Bundesbeschlüssen behalten. Dies hätte aber deutlicher ausgesprochen werden sollen und ist überdies unwahrscheinlich. Die Bundestagsbeschlüsse vom 14. Jun., 5. und 9. Iul. wurden zu gleicher Zeit bekannt gemacht. Spätere großherzogliche Verordnungen betrafen die Vorbereitung zum Staatsdienste im Justiz- und Administrativfache, die Aufstellung der definitiven Etats: die Organisation der Baubeamten, den Gymnasialbesuch, die Maturitätsprüfungen und die Beziehung der Universität. Am 9. Nov. 1832 erschien die lange erwartete Verordnung über die Zusammenberufung der Stände auf den 1. Dec. 1832. (16) Die Wahlen waren meist im Sinne der Vaterlandsfreunde ausgefallen und die Regierung hatte von der verfassungsmäßigen Befugniß, den Staatsdienern die Annahme der Wahl zu verweigern, nur selten Gebrauch gemacht. Die Rede, mit welcher der Großherzog am 1. Dec. die Ständcversammlung eröffnete, gab ein günstiges Bild vom innern Zustande des Landes, deutete auf neue Verbesserungen der Gesetzgebung und warfauch einen Rückblick auf die unruhigen Bewegungen des Jahres 1830, die sie fremder Aufreizung zuschrieb, während sie an die Milde der Regierung gegen die Schuldigen erinnerte. Der Vortrag, den später der Fi- Hessen (Großherzogthum) 441 uanzpräsident an die Stande hielt, sollte erläutern, was die Rede über die Lage des Landes gesagt hatte, indem sie rühmte, daß der Betrag der Einnahme den ' Voranschlag überstiegen habe, die Staatsschuld vermindert, ein Überschuß gewon- M? ^ nen sei, und eine Ursache dieses günstigen Verhältnisses in dem höhern Ertrage der nd! ? Zölle seit der Vereinigung mit Preußen fand. Es zeigte sich jedoch gleich nach der , ^ Eröffnung der Sitzungen der zweiten Kammer bei den Berathungen über die Ant- wort auf die Thronrede, daß ein freisinniger Geist in ihr walte. Die durch über- siegende Stimmenmehrheit beschlossene Adresse der Wahlkammcr war nicht, wie lö hje Erwiderung der ersten Kammer, ein leerer Wiederhall der fürstlichen Rede, son- dem die Stände knüpften an die Anerkennung des von der Regierung Gelei- st^en und Verheißenen einige Bemerkungen, wodurch sie ihre Rechte verwahrten. So hieß es, sie hätten die Äußerung des Großherzogs, daß das Streben der Rc- ^ Hl- gierung, das Landeswohl zu befördern, durch die Beobachtung der Verfassung be- dingt sein sollte, um so mehr mit freudigem Danke vernommen, da neuere, das ^ »li Ah hessische Staatsrecht bedrohende Beschlüsse unter der großen Mehrheit des Volks unselige Zweifel erweckt hätten. Auf die Erinnerung an die Unruhen deutend, steten sie, bei dem Zustande der, aller Öffentlichkeit ermangelnden Strafrechts- O'lkn An- pflege in Oberhessen und Starkenburg sei den Ständen das Verhältniß der mora- »ÄiMnh Aschen Schuld zu der den Angeklagten zuerkannten Strafe unbekannt geblieben. ' chckin Jenen Ereignissen, setzten sie hinzu, sei bei der ersten Nachricht durch Entstellung lhEi«- der Thatsachen eine zu große Bedeutung beigelegt worden, und es würde möglich Gute gewesen sein, dieselben im Entstehen zu unterdrücken, wenn die Behörden die ih- Mdii- nen zustehenden Mittel mit Kraft hätten gebrauchen wollen. Die Stände wünsch- iiOMr ^ tcn, daß ihnen nicht sowol Entwürfe zu Verbesserungen einzelner Zweige der Ge- > setzgebung vorgelegt werden möchten, sondern hofften, daß es endlich zu einem Allst» Einverständnisse über die Grundlage einer verbesserten Gesetzgebung kommen werde. ,!!nM> Sie sprachen die Erwartung aus, daß sie Gelegenheit erhalten würden, sich auch Mckii mit der Prüfung der von der Regierung ausgegangenen neuen Einrichtung der !MK Verwaltungsbehörden zu beschäftigen. Die Antwort des Großherzogs konnte die Verstimmung nur erhöhen. Sie Mll- war aus der Ansicht hervorgegangen, daß die Stände aus den Schranken ihrer wchdit Befugnisse getreten wären. Er kenne keine Beschlüsse, welche den ftaatsrechtli- «i Hm chen Verhältnissen des Landes Gefahr drohten, und die Bemerkung der Stände iiTM über die Verkennung des Charakters der Unruhen in Oberhessen, wurde mit den Ich dm Motten zurückgewiesen, jene Versuche wären auch bei milder Deutung strafbar und Msol- , ^Regierungen dürften in dem Bestreben, sie zu unterdrücken, nicht nachlassen, ff Zun, s^sich nach der Eröffnung der Versammlung gingen von mehren Abgeordneten Hzliibl lrcimüthige Anträge aus, welche die Aussicht auf wichtige Verhandlungen össne- Ernst Emil Hossmann verlangte in einem ausführlich begründeten Antrage MN' '" Beziehung auf die Bundesbeschlüsse vom 28. Zun., die Ständeversammlung ?öge gegen jede verfassungswidrige Einmischung in die innere Verwaltung des MU jeden Versuch einer Beschränkung der Rechte des Großherzogs, der sß sthischm Stände und des hessischen Volks eine feierliche Verwahrung einlegen, und d:e Regierung ersuchen, fortan nur im constitutionnellen Sinne zu handeln ^ , ^öesgesetzliche Unabhängigkeit der gesetzgebenden Gewalt des Großher- ^ hinsichtlich der innern Angelegenheiten gegen jede Einmischung der ^ ^^"ttmüung aufrecht zu erhalten. Die Anträge mehrer andern Ab- ^ kenn Weichem Sinne sprachen es geradezu aus, die Ständeversammlnng hält ^ Handlung ihrer Wirksamkeit ausüben, ohne sich vorher über das Ver- ^ ^ ^ Beschlüsse der Bundesversammlung hervorge- ^ verfass foderte die Stände auf, bestimmt auszusprechen, daß sie ihre - Mngsmäßigen Rechte ohne alle Rücksicht auf jene Beschlüsse ausüben und 442 Hessen (Kurfürstcnthum) Heusinger festhalten würden. Ein anderer Antrag Hossmann's sprach gegen die Fortdauer der 1819 verfügten Preßbeschränkungen; die Regierung möge ersucht werden bei der Bundesversammlung auf die Zurücknahme der Beschlüsse gegen die Presse anzutragen, und die den Bewohnern des Großherzogthums verfassungsmäßig zustehende Preßfreiheit unbedingt eintreten zu lassen. Ähn-liche Anträge wurden von andern Abgeordneten der zweiten Kammer gemacht. Indeß ward über die Frage verhandelt, ob die Kammer durch eine Ausatzadresse das Mißverständnis, welches nach der Antwort des Großherzogs obwalte, zu heben suchen solle, und obgleich, um die Verstimmung zu lösen, darauf angetragen wurde, so verwarf doch die Mehrheit der Kammer einen Vorschlag, mit dessen Annahme ihre Würde nicht bestehen konnte. D. Red. Hessen, Kurfürstenthum, s. Kurhessen. Heusinger (Karl Friedrich), Professor der praktischen Medicin und Klinik zu Marburg, aus einer in Franken und Sachsen weit verbreiteten Familie, die viele in der Literaturgeschichte bekannte Namen zahlt, ward am 28. Febr. 1792 zu Farnroda unweit Eisenach geboren, wo sein Vater damals Pfarrer war. Er kam in seinem zehnten Jahre auf das Gymnasium zu Eisenach, und nach gründlicher Vorbildung, mit einer bereits vorherrschenden Neigung zu den Naturwissenschaften, bezog er 1899 die Universität Jena. Kaum hatte er hier das Studium der Medicin begonnen, als er schon Vorliebe für die vergleichende Anatomie gewann, mit welcher er sich, ohne irgend einen fremden Unterricht, praktisch beschäftigte, wie er denn überhaupt, bei der Entschiedenheit, welche anregende Verhältnisse schon in der ersten Jugendzeit seinem Charakter gegeben hatte, auch seine Studien selbständig und selbstthätig verfolgte. Unter seinen Lehrern wirkte allein Oken auf ihn, indem er ihn zum eignen Forschen anleitete und ihn mit der neuem naturwissenschaftlichen und physiologischen Literatur bekannt machte. Als er 1812 in Jena die medicinische Doctorwürde erlangt hatte, ging er nach Göttingen, wo er, besonders durch Blumenbach, Hausmann und Stromeyer angeregt, seine wissenschaftlichen Forschungen fortsetzte und sich das Ziel steckte, in den Naturwissenschaften, vorzüglich in der vergleichenden Anatomie und Physiologie, sich allseitig auszubilden. Chirurgie und Augenheilkunde waren die Zweige des ärztlichen Studiums, welchen er sich vorzüglich widmete, und schon damals beschäftigte er sich mit Untersuchungen über den Bau und die Verrichtungen der Milz, die in späterer Zeit der Gegenstand seiner ersten Schrift wurden. Bald nach Czernitfchess's Einfall in das Königreich Westfalen 1813 trat er, da er als Arzt nicht unter die streitbare Mannschaft aufgenommen werden konnte, als Militairarzt in preußische Dienste, ward in verschiedenen Spitälern im westlichen Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich angestellt und stand nach dem zweiten pariser Frieden gegen drei Jahre iu Thionville. Als 1818 das preußische Corps Frankreich verlassen hatte und das letzte zurückgebliebene Spital geleert war, ging H. 1819 wieder nach Göttingen, wo wissenschaftliche Untersuchungen, aus welche ihn besonders die Werke Bichat's und Pinel's geleitet hatten, und die Bear- beitung seiner in den Spitalern gesammelten Erfahrungen ihn beschäftigten. Cr erhielt 1821 einen Ruf nach Jena und eröffnete dort im Nov. seine Vorlesungen über verschiedene Theile der Medicin. Nach Ablehnung eines Rufs nach Ruß' land, nahm er 1824 den Antrag zu dem Lehramt der Anatomie und Physiologe in Würzburg an, das er aber 1828 wieder verließ, um dem erhaltenen Ruf nach Marburg zu folgen. Außer seinen physiologisch-pathologischen Schriften üw de Milz, die von 1817 — 23 erschienen, und zahlreichen Beiträgen zu Rust „Magazin für die gesammte Heilkunde" und Meckel's „Archiv für die Physio^ gie", sind von seinen Schriften vorzüglich zu erwähnen: „System der Histologe (erstes und zweites Heft, Eisenach 1822, 4.); „Zeitschrift für organische Physik Heyden 443 M d!l (Z Bde., Elsenach 1827 28), welche mehre Abhandlungen von ihm enthalt. Zu Putsche's „Encyklovädie der Land- und Hauswirtschaft" (Leipzig 1826 fg.), lieferte er „Grundzüge der vergleichenden Physiologie mit besonderer Bezichung auf die nutzbaren Hausthiere". Siehe seine Autobiographie in Ju- sti's „Grundlage zu einer hessischen Gelehrten-, Schriftsteller- und Künstlerge- .'5 Heyden (Friedrich August von), preußischer Regierungsrath zu Breslau, wurde 1789 in Ostpreußen auf dem Landgute seines Vaters geboren und empfing seine erste Erziehung im alterlichen Hause, worauf er erst das Gymnasium, dann die Universität zu Königsberg bezog. Früh erwachte Liebe zur Poesie und Neigung ;u historischen Studien führten ihn, wahrend er sich zum Staatsdienst vorbereiten sollte, mehr zum Studium der Sprachen, der Kunst, der altern und neuern Literatur und endlich zum Entschluß, die akademische Laufbahn zu betreten. Er ^ing nun über Berlin, wo er Niebuhr, Wolf und Fichte hörte, nach Göttingen. Der Unterricht der dortigen Gelehrten, die eifrig benutzte Universitätsbibliothek förderten auf der einen Seite sein Streben, wahrend auf der andern ein Zufall ihn j„ den bedeutenden Familienkreis der gelehrten Dorothea von Rodde, Schlözer's Tochter, führte, wo er in genauer Bekanntschaft mit Villers und Benjamin Eonstant, die er ein Jahr hindurch taglich sah, die lebhafteste Anregung zu fernerer Entwickelung seiner bisher im Geheimen gepflegten dichterischen Anlagen fand. Da jedes Gesprach über Politik und Tagsgeschichte in dieser hochgebildeten Gesellschaftausgeschlossen war, so statteten sie geistreiche Manner und Frauen dafür mit den schimmerndsten Gaben der Wissenschaft, der Einbildungskraft, des Gefühls und des Witzes aus. Hier fand der junge Dichter neben der ersten, reinen, begeisternden Aufmunterung auch den Maßstab des Schicklichen in der Poesie. Familienverhältnisse und eine längere durch die Zeitbcgebenheiten herbeigeführte Unterbrechung seiner Studien (1813 —15) bewogen ihn, nach Entlassung aus dem Militair, unter dem er als Freiwilliger gedient, nach dem Frieden Anstellung im Staatsdienst zu suchen. Auf dem gewöhnlichen Referendariatswege rückte er zu der Stellung, die er jetzt bekleidet, und zudem in glücklichen Familienverhältnissen durch eine liebenswürdige Gattin (Tochter des Regierungspräsidenten von Hippel, Neffen des Schriftstellers), fand der Dichter auch in seinem Beruf als Staatsbeamter eine Befriedigung, die in unfern Tagen der Zerrissenheit der reine Dichter selten, am seltensten aber in der Collision mit Amtspflichten findet. Genaue Zeiteintheilung und Vermeidung zweckloser Zerstreuungen haben ihn Raum gewinnen lassen, sowol seinen historischen Studien als der Poesie fortzuleben, welche seine Erholungsstunden erheitert. Ehe er 1815 zum zweiten Male mit ins Feld Zvg, trat er mit seinem Drama „Renata" auf. Vor der Festung Landau, in schöner Gegend, reich von Erinnerungen an die Hohenstaufen, erwuchs in der Muße des Lagerlebens die Tragödie „Konradin". Hierauf kamen die „Dramatischen (aber keineswegs für die Bühne bestimmten) Novellen", die „Dichtungen", das Trauerspiel: „Der Kampf der-Hohenstaufen" (spater überarbeitet), und «Die Gallione" (1825), eine episch-romantische Dichtung. Ein großer, umfassender, mit besonderer Vorliebe gehegter Plan: in zwei Dichtungen ein Bild der rcmantsichcn Heldenalter, sowol in Europa als in Asien, bei verschiedener Volks- und Landeseigenthümlichkeit zu geben, kam endlich in dem Gedichte „Reginald", 'n fünf Gesangen (Berlin 1831), insoweit zur Ausführung, als H. in diesem schönen Gedichte, das mehr bekannt zu sein verdiente, die Zeit Kaiser Friedrich II. >n poetischer Verklarung tresslich dargestellt hat. Das Gegenstück, „Akbar", sollte "n analoges Bild aus der glänzendsten Epoche der mongolischen Herrschaft im M ostan darstellen. Die der romantischen Epik ungünstigen Zeitstürme dürften r au5fuhrung dieses Gedichts indessen hinderlich sein. Eine nicht geringe An- 444 Heyst Heytesbury zahl Erzählungen und Novellen, in Taschenbüchern und Zeitschriften nochzerst^ sind neben jenen Dichtungen die Früchte von H.'s Muße, dessen Muse nicht M Adlersittigen zur Sonne rauscht, noch in die infernalischen Tiefen dringt, ober sichern Schwungs in anmuthigen Mittelregionen sich hinbewegt, durch Klarheit Milde, Warme und entfernt von jeder Zerrissenheit zum Herzen sprechend, (g) ^ Heyse (Johann Christian August), geboren am 21. April 1764-u Nordhausen, ging 1783 von dem Gymnasium seiner Vaterstadt nach Göttingen um sich der Theologie und Pädagogik zu widmen, wahrend er zugleich Philosoph,/ Geschichte und Naturwissenschaften in den Kreis seiner Studien schloß. Der A»- trag zu einer Hauslehrerstelle führte ihn 1786 nach Oldenburg, wo er 1792 alz Lehrer am Gymnasium angestellt ward, nachdem er bereits früher eine Mädchenschule als Privatanstalt errichtet hatte. Er legte 1806 seine Lehrerstelle am Gymnasium nieder, nahm aber 1807 einen Ruf nach Nordhausen an, wo er Rector des Gymnasiums wurde, das kurz vorher eine verbesserte Einrichtung erhalten hatte. Er wirkte wohlthätig für diese und andere Schulanstalten seiner Vaterstadt, bis er 1819 zum Direktor einer neu zu errichtenden Mädchenschule für die gebildeten Stände nach Magdeburg berufen wurde. Seine Thätigkeit auch in diesem Wirkungskreise fand allgemeine Anerkennung, bis er am 27. Jun. 1829 nach kurzem Krankenlager starb. Wie das Geschäft der Jugendbildung die Aufgabe seines Lebens war, so haben auch seine zahlreichen Schriften vorzugsweise diese praktische Richtung. Sein Erstling war „Neuer Jugendfreund oder Ernst und Scherz" (4 Bde., Hamburg 1801 — 2). Seine grammatischen Arbeiten begann er mit einem zuerst 1804 zu Oldenburg erschienenen Wörterbuch zur Verdeutschung der Fremdworte, das später umgearbeitet und erweitert, unter dem Titel: „Allgemeines Fremdwörterbuch", in der sechsten Auflage (2 Theile, Hanover 1833) herausgegeben wurde. Seine „Theoretisch-praktische deutsche Grammatik" (Hanovcr 1814, vierte Auflage 1827) hat vielfältig dazu beigetragen, die Ergebnisse der neuern sprachlichen Forschungen zu verbreiten. Ein 1816 erschienener Auszug aus diesem Werke erlebte als vielbenutztes Schulbuch bis 1830 neun Auslagen. In seinen letzten Jahren beschäftigten ihn die Vorarbeiten zu einem Wörterbuch der deutschen Sprache mit Rücksicht auf Rechtschreibung, Bildung, Biegung und Fügung der Wörter und deren Sinnverwandtschaft, wovon er einen ansehnlichen Theil in in der Handschrift hinterließ. Die Ausführung dieses Plans hat sein Sohn K. W. L., Professor in Berlin (bekannt als Herausgeber von Solger's „Vorlesungen über Ästhetik", Leipzig 1829) in dem „Handwörterbuch der deutschen Sprache" (erster Theil, Magdeburg 1831 — 32) begonnen. Heytesbury (Lord) ist der älteste Sohn des 1795 zum Baronet erhobenen, 1817 gestorbenen Sir William Pierce Ashe A'Court, der als Eigenthümer im verfallenen Flecken Heytesbury ins Parlament kam. Er widmete sich nach seiner wissenschaftlichen Vorbildung der diplomatischen Laufbahn und hat unter dem Namen Sir William A'Court an mehren der wichtigsten politischen Verhandlun- s Ws Mi OD M' WA MÄRZ» chch Ä, KZ 'M D gen nach 1815 Antheil genommen. Zuerst trat er als britischer Gesandter in Nea- ^..5 ^ wo pel auf, weit wichtiger aber war seine diplomatische Sendung nach Spanien, er nach dem Aufstande von 1820 während der Cortesherrschaft das englische Ea- binet vertrat. Als nach den Verhandlungen des Congresses zu Verona Rußland, Ostreich und Preußen sich in diplomatischen Noten gegen die Grundsätze der spanischen Constitution erklärt und Frankreich die Vollziehung der Beschlüsse der heiligen Allianz übernommen hatte, spielte das französische Cabinet in den Unterhand- lungen mit den Machthaber» in Spanien eine falsche und trügerische Rolle, und ließ Frieden hoffen, wahrend es sich rüstete und die Feinde der spanischen Constitution begünstigte. Ehe der Grundsatz strenger Neutralität von den britischen Macht- habcrn ausgesprochen war, ließ man die täuschende Friedensaussicht fortdauern, l« Hieroglyphen , 445 und die englische Regierung begnügte sich den Cortes Nachgiebigkeit gegen Frank- ? ^ reichs Federung einer Veränderung der Constitution im Sinne der monarchischen Grundsätze anzurathen und seine Vermittelung anzubieten. Wurde das englische Ministerium bei seiner schwankenden Politik vollkommen überlistet und dahin -i Fracht, Spanien der heiligen Allianz zu überlassen, so scheint der kluge A. Hz dus Spiel gut durchschaut zu haben. Den Grundsätzen der Tones ergeben und in Eastlereagh's Schule erzogen, war er den Wortführern der entgegengesetzten Par- HHW tei in England so gut bekannt, daß sie für die Befestigung freisinniger Staatsein- Deix. Achtungen in Portugal wenig hofften, als A. 1824 nach Lissabon gesandt wurde. erHzs Johann VI. hatte durch den Einfluß Frankreichs die Cortesconstitution wieder aufgehoben, aber auch nach der Unterdrückung der von Don Miguel gestifteten Verschwörung kam es nicht zu einer festen Begründung der Verfassung, während die Zwistigkeiten über die Anerkennung der Unabhängigkeit Brasiliens die Verhält- "'sie noch mehr verwickelten. Die französische Politik war vorherrschend im Rathe des Königs. A. sollte diesem Einflüsse entgegenarbeiten, und fand bei Palmella lchM und einigen andern Ministem so viel Unterstützung, daß seine Bemühungen den «HnG günstigsten Erfolg hatten. Als der König dem Tode nahe war, riech A. den por- Nnch«!'- tugicsischen Ministern, ihn zur Ernennung einer Regentschaft zu bewegen. Die ch siM Jnsantin Isabella wurde zur Verwaltung des Reichs berufen, und bald nach den, iesepM Tode des Königs ließ sein Sohn Don Pedro das neue Staatsgrundgesetz bekannt undSch^ machen. In dem Kampfe der Parteien, der Anhänger der Königin und ihres W er niil Sohnes, Don Miguel, und der Freunde der Constitution, spielte A'Court eine be- dchmch deutende Rolle. Die Regentin, schwach und schwankend, ließ sich zu Schritten tb, AM verleiten, die der Befestigung der neuen Ordnung der Dinge nachtheilig waren, W» "^em sie die standhaften Vertheidiger derselben entfernte. A. zog sich den Vor- Fiwv murf zu, daß er Don Miguels Ansprüche begünstigt habe, und die Anhänger der Eonstitution sprachen diesen Argwohn laut aus, als nach Saldanha's Verabschie- dung ein starker Haufen gegen die Wohnung des Gesandten anstürmte, und den dm, W verrätherischen fremden Einfluß verwünschte. Auf die Ernennung des neuen Mi- MM m^ls, der Saldanha's Stelle erhielt, hatte A. entschiedenen Einfluß. England «Münz sandte der Regentschaft, die von Miguels bewaffneten Anhängern unter Abrantes knMl« ^d Chaves bedrängt wurde, im Der. 1826 ein Hülfsheer, aber bald brach zwi- i sm NK s^n dem Befehlshaber desselben, General Clinton und A., eine Spaltung aus, G t'e so auffallend wurde, daß die Berichte des Gesandten über die Stimmung in da dM« ^ugal mit den Meldungen des Generals im schneidendsten Widerspruche stan-, den, Als nach Canning's Tode der Einfluß der Torypartei siegte, scheint A., der MtttiB ^ ^sichten derselben kannte, in der Begünstigung der Gegner des neuen Grund- weiter gegangen zu sein. Ehe die Entscheidung, die er vorbereiten ge- ^atte, nach Don Miguels Rückkehr eintrat, wurde A. abberufen, und, nAdi« .^,^d Heytesbury erhoben, als Gesandter nach Petersburg geschickt, wo die Verwickelungen, die der Krieg zwischen Rußland und der Türkei her- A "suhrte, einen gewandten Diplomaten foderten. Er begleitete 18?8, nach der ^"ung des Feldzugs, den Kaiser Nikolaus, dessen besondere Gunst er gewann, . ^en übrigen Gesandten in das Hauptquartier. Er behielt seine Stelle auch ""er Grey's Ministerium. ' uk ^ ^ ? 3 iyPhen. Dieses griechische Wort bedeutet heilige Schriftzüge, M ^ tv:r bezeichnen mit demselben vorzüglich die alten ägyptischen Schriftzüge, die den Papyrusrollen geschrieben, theils an den Obelisken, Tempel- l l ^ ^räberwänden in Ägypten eingegraben oder gemalt finden. Unter "tten ägyptischen Schriftzügen müssen drei verschiedene Arten, welche frei- p^i^u sich verwandt sind, unterschieden werden; nämlich: 1) hierogly- ^ Schrift im engern Sinne, die sowol in den Papyrusrollen als an den 446 Hieroglyphen öffentlichen Denkmälern vorkommt, und unter deren Schriftlichen viele düngen von Menschen, Vögeln, Pflanzen und Gerätschaften sich befinden; z; hieratische Schrift, welche vorzüglich in Papyrusrollen und auf Mumiensch gen vorkommt, ein mehr buchstabenähnliches Ansehen hat, jedoch mitunter auck flüchtig gezeichnete Abbildungen von Menschen und Vögeln zu enthalten schein 3) enchorische Schrift, welche fast nur in Papyrusrollen vorkommt und ein ganz buchstabenartiges Ansehen hat; diese dritte Art nennt man auch demotische und epistolographische Schrift. Schon Herodot, Diodoc und Clemens Alexan- drinus unterscheiden diese drei Arten der alten ägyptischen Schrift, und Clemens gibt über die Einrichtung derselben einige allgemeine Nachrichten, die indes bei weitem nicht den Leser in den Stand setzen, einzelne ägyptische Texte wirklich lesen und verstehen zu können. Viele neuere Gelehrte beschäftigten sich daher damit, eine Methode aufzufinden, nach welcher die Hieroglyphen, und zwar besonders die eigentlichen Hieroglyphen im engem Sinne, gelesen und erklärt werden könnten. Die Schwierigkeit dieser Untersuchung wurde dadurch erhöht, daß man auch über die Beschaffenheit der alten ägyptischen Sprache, welche in den Zeltender einheimische Könige, der persischen Herrschaft und der Ptolemäer geredet worden, in Zweifel war. Wir kennen zwar aus vielen Schriften die spätere ägyptische oder koptische Sprache, welche in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung gesprochen ward; aber ob diese einerlei mit der ältern sei, blieb ungewiß. Was nun die Beschaffenheit der alten ägyptischen Schrift betrifft, so konnte diese vornehmlich von dreierlei Art sein: entweder n) Bilderschrift, welche die Begriffe darstellt durch Abbildung der sinnlichen Gestalt des Gegenstandes derselben, sodaß z. B. der Begriff Mensch dargestellt wird durch das Bild eines Menschen; oder li) symbolische Schrift, welche die Begriffe darstellt durch willkürlich angenommene Zeiä)en, z. B. den Begriff Mensch durch drei übereinanderstehende Punkte, oder irgend ein anderes beliebiges Zeichen; oder c) Buchstabenschrifft, welche nicht den Begriff unmittelbar darstellt, sondern nur das Wort, welches in der Spracht den Begriff bezeichnet. Die Meinung der meisten frühem Gelehrten ging dahin, daß die alte ägyptische Schrift für Bilderschrift und symbolische Schrift zu halten sei, indem sie eine so große Anzahl von Zeichen enthalte, die doch nicht lauter verschiedene Buchstaben sein könnten, und auch unter ihren Schriftlichen so viele Abbildungen sinnlicher Gegenstände, als Geier, Eulen, Ganse, Eier, Schlangen, Löwen, Füße, Hände, sich fänden. Diese Meinung schien auch bestätigt zu werden durch des alten Schriftstellers Horapollo Werk: „llierogl^ptuca" worin viele alte ägyptische Schriftlichen als Bilderschrift erklärt werden. Indem nun aber die neuern Gelehrten die hieroglyphischen Texte als mit Bilderschrift und symbolischer Schrift geschrieben zu erklären ansingen, fehlte es ihnen dabei freilich ganz an festen Fundamenten für die Erklärung der einzelnen Zeichen, und sie uberließen sich dabei ihrer mehr oder minder besonnenen Phantasie. Der Pater Athanasius Kircher schrieb mehre Foliobände über die hieroglyphischen Inschriften unb las darin metaphysische und theosophische Lehren einer wunderlichen von ihm erson- nenen Dämonologie. Der Abbe Pluche in seiner „Distoire ckn ciel" las darin Kalenderbemerkungen, Mondwechsel, Wetterbeobachtungen. Der Schwede Pa- lin gebrauchte die bei den verschiedensten Völkern der Erde üblichen Embleme zur Erklärung der Hieroglyphen. Der Verfasser des Werks: „De l'etucke lies ws°' Zinkes" (Paris 1812), las in den hieroglyphischen Inschriften Davidische Palmen. Sickler zu Hildburghausen nahm an, die alte ägyptische Sprache sei der hebräischen ähnlich gewesen, und die Ägypter hätten nach dem Systeme ^ner gcw' ' sen Paronomasie geschrieben, sodaß sie einen Begriff bezeichneten durch die Ab >' dung eines zweiten Begriffs, dessen hebräisches Wort ungefähr ebenso lautete a- das hebräische Wort jenes ersten Begriffs. Am vorsichtigsten verfuhren der li-mg- MF ..AB Hieroglyphen 447 länder Warburton und der Dane Zoega, welche sich begnügten, die von den alten Schriftstellern über die Hieroglyphen hinterlassencn Nachrichten zu sammeln und -u commentiren, welches Geschäft denn freilich nur geringe Resultate liefern konnte. Endlich gelang es seit dem Anfange dieses Jahrhunderts durch ägyptische Denkmäler, auf welchen gleichlautende ägyptische und griechische Texte standen, der Beschaffenheit der alten ägyptischen Schrift näher auf die Spur zu kommen, und es haben sich bei diesen Untersuchungen vorzüglich der Engländer Thomas Young und der Franzose Champollion der Jüngere ausgezeichnet. Das erste wichtige Denkmal, welches zu diesen Entdeckungen führte, war die berühmte Inschrift zu Rosette. Sie befindet sich auf einem Steine, welcher während der französischen Expedition bei der Stadt Rosette gesunden, später von den Engländern in Besitz genommen und in das britische Museum zu London gebracht wurde. Die Inschrift, welche seitdem durch Kupferstiche und lithographirte Abbildungen bekannt gemacht worden ist, hat drei Abtheilungen. Die obere, stark beschädigte Abtheilung enthält hieroglyphische Schrift; die mittlere enchorische Schrift; die untere endlich griechische. Diese griechische Abtheilung meldet, daß dem Könige Ptolemaus Epiphanes im neunten Jahre seiner Regierung, also ungefähr im Jahr 197 vor Christus, von der ägyptischen Priesterschaft gewisse Ehrenbezeigungenbewilligt worden seien, und daß diese Bewilligung auf diesen Stein geschrieben worden, mit heiliger Schrift, mit enchorischer Schrift und mit griechischer Schrift. Hieraus ergab sich also, daß die beiden obern Abtheilungen in ägyptischer Schrift denselben Sinn ausdrückten, welchen die griechische Abtheilung enthielt, und man hatte nun einen festen Punkt, von welchem man bei Erklärung der obern Abheilungen ausgehen mußte. Hierzu kam noch der günstige Umstand, daß der Anfang der Inschrift viele Eigennamen enthält, welche, da sie auch in bedeutend verschiedenen Sprachen wenig verändert zu werden pflegen, in noch unbekannten Schriftarten immer am leichtesten wiedererkannt werden und so die Kenntniß einzelner Buchstaben liefern, welche Kenntniß dann zu dem Lesen anderer Worte forthilft. Man unternahm nun zuerst die Erklärung der mittlem Abtheilung, welche die enchorische Schrift enthält. Silveftre de Sacy entzifferte fünf Eigennamen, z. B. Ptolemaus, Alexander, in der enchorischen Schrift und machte diese Entdeckung bekannt in seiner „lettre uu cito^en (Aspta!" (Paris 1803). Es ergab sich aus dieser Entzifferung, daß die enchorische Schreibung dieser Namen Buchstabenschrift sei. Der Schwede Äkerblad setzte diese Entdeckung fort, und entzifferte elf Eigennamen und mehre Appellativa, welches er bekannt machte in seiner „lettre sur l'inscription e^ptienue cke Rosette" (Paris 1803). Manche andere kleine Schriften über diese Inschrift erschienen, welche aber die Entzifferung des ägyptischen Textes nicht wesentlich förderten. Etienne Quatremere indeß zeigte in scmen „Recllerckes sur lu ImiFne et ja litterature ele j'L^pte" (Paris 1808), das, nach den von den alten Schriftstellern angeführten ägyptischen Wörtern zu urtheilen, die alte ägyptische Sprache im Wesentlichen einerlei gewesen mit der statern koptischen. Seit 1814 begann Thomas Poung seine glücklichen Untersuchungen über die ägyptische Schrift, und zwar besonders über die enchorische. dem zu Cambridge erscheinenden „lUuseum criticum" (Nr. 6, 1815) lieferte er eine bisher noch nicht übertroffene muthmaßliche Übersetzung des ganzen enchorischen Abschnitts der Inschrift, die Entzifferung sämmtlicher darin ommender Eigennamen und außerdem die Erklärung von 80 andern Wör- ern und ein aus diesen Erklärungen sich ergebendes enchorisches Alphabet. Ob- v nun der Werth dieser einzelnen enchorischen Buchstaben völlig außer Zweier ^ dennoch der größere Theil der enchorischen Abheilung der unlesbar, weit darin noch eine Menge Schriftzeichen, vorkam, en Gattung sich noch nicht ausmitteln ließ. Poung kam bald auf die Ansicht, 448 Hieroglyphen > daß viele enchorische Wörter nicht alphabetisch geschrieben seien, sondern symbolisch durch Abkürzung oder flüchtige Zeichnung der gleichbedeutenden hieratischen und hieroglyphischen Schriftgruppen. Indem er die in der großen französischen ,vg. scriptiou 6e l'L^pte" abgebildeten hieratischen Papyrusrollen ftudirte und ihre Texte mit correspondirenden hieroglyphischen Texten verglich, erkannte er deutlich, daß die hierarischen und enchorischen Schriftgruppen sehr häusig nur abgekürzte Cursivhieroglyphen seien. Diesen Satz stellte er in dem „N,i8eum criticum" (Nr. 7, 1816) aus, welches Heft aber erst 1821 in den Buchhandel kam. Poung unternahm nun auch die Untersuchung der hieroglyphischen Abtheilung der Inschrift zu Rosette, und lieferte 1819 in einem Supplement der „ Lnczpclopueckiu üriturmicu " den Artikel worin er 296 hierogly- phische Schriftgruppen symbolischer Art erklart. Zugleich bemerkte er aber auch daß in Eigennamen, wie Ptolemäus und Berenice, alphabetische Hieroglyphen gebraucht zu sein schienen, sodaß z. B. ein Löwe den Buchstaben I. oder die Syke 1.0, zwei Federn den Vokal L bezeichneten. Diese Bemerkung Uoung's wurde dann von dem Franzosen Champollion aufgefaßt, und führte ihn zu seinerbe- rühmten Entdeckung der phonetischen oder alphabetischen Hieroglyphen, die er darauf fortwahrend vervollkommnete. Den Gang seiner Forschungen wollen wir jedoch unten angeben und zunächst die Arbeiten Poung's verfolgen. Poung gab seit 1823 eine große Sammlung Abbildungen ägyptischer Schrifttexte unter dem Titel „HieroAftpüics" heraus, worin er auch die ganze Inschrift mit einer Interlinearübersetzung lieferte. Mehre nach Europa gebrachte Papyrusrollen, welche rheils griechische, theils enchorische Schrift enthielten, lehrten, daß diese Rollen häufig Kaufbriefe über verkaufte Grundstücke und andere Gegenstande enthalten. Dies zeigten Böckh in seiner „ Erklärung einer ägyptischen Urkunde auf Papyrus in griechischer Cursivschrist" (Berlin 1821), Poung in seinem „äc- eount os some recent ckiscoveries in IneroAl^pInca! iiterature" (London 1823), Buttmann in seiner „Erklärung der griechischen Beischrift unfeinem ägyptischen Papyrus" (Berlin 1824), Kosegarten in seinen „Bemerkungen über den ägyptischen Text eines Papyrus aus der Minutoii'schen Sammlung" (Greisswald 1824). Nach Berlin, Turin, Paris, Leyden wurden jetzt große Sammlungen ägyptischer Papyrusrollen gebracht, aus welchen die von Pöring gefundenen Resultate über die, theils aus Buchstaben, theils aus symbolischen Aeichen bestehende enchorische Schrift vermehrt werden konnten. Kosegarten gab in seiner „Oommentutio prima ettres ü klr. !e eine ele Lineas ck'^ulps " (Paris 1824 — 26). Er zeigte, daß in den hieroglyphischen Texten Manches alphabetisch und Manches stmbolisch geschrieben ist, und zwischen der enchorischen, hieratischen und hieroglyphischen Schrift eine solche Verwandtschaft stattfindet, wie sie schon Poung angenommen hatte. Die Erklärung mancher einzelnen Gruppen, welche er gab, blieb noch zweifelhaft, und er änderte von Zeit zu Zeit seine Ansichten von der Bedeutung einzelner Gruppen. In Italien entdeckte Champollion auch aus einigen ihm aus Ägypten zugekommenen Zeichnungen die meisten Zahlzeichen in den drei "Mischen Schriftarten. Klaproth stellte noch eine neue Art Hieroglyphen auf, welch? er akrologische nannte, die aber wenig Wahrscheinlichkeit für sich haben. Da Champollion diese verwarf, so ward er von Klaproth heftig angegriffen in der Vorrede zu einer von Dorow herausgegebenen Sammlung von Abbildungen ägyptischer Alterthümer. Jndeß mußte Klaproth die Hauptresultate der Champollion'- schen Forschungen anerkennen, und konnte nur einzelne Erklärungen desselben bestreiten. Zuletzt machte Champollion 1828 und 1829 eine Reise nach Ägypten, und soll dort noch große Fortschritte in dem Lesen der hieroglyphischen Texte gewacht haben. Die Resultate dieser Reise werden noch erwartet. Champollion starb 18li2, soll aber ein grammatisches und lexikographisches Werk über die Hie- ^glyphen im Manuskript vollendet zurückgelassen haben. Seit 1819 beschäftigte sich auch Spohn zu Leipzig mit der Entzifferung der ^sttteschcn Inschrift und der enchorischen Papyrusrollen. Er ging von richtigen Anfangen aus, indem er die Eigennamen der enchorischen Abtheilung jener Zuschrift ebenso las wie Poung. Er glaubte nun aber mit dem hieraus sich dad auch alles Übrige alphabetisch lesen zu können, und lieferte süb, ^ Masse falscher Lesungen, die ihn immer weiter vom rechten Wege ab- ^ M. Man findet seine Resultate in der von Seyffarth ergänzten und beraus- onv.^Lcx. der neuesten Zeit und Literatur. Ii. 450 Himly (Karl Gustav — Ernst August Wilhelm) gegebenen Schrift: „De Imgim et literis veterum ^e-;>ptic>r»in" (Leipzig 1825 — 31). Seyffarth, von Spohn's Forschungen ausgehend, lieferte ein besondres System der Hieroglyphenerklärung: „K'it1linentutiierogl)zi!iices" (Leipzig 1826)^ und besuchte darauf viele Museen, um seine Ansichten zu vervollkommnen und zu begründen. Obgleich wir durch Poung's und Champollion's Forschungen nur erst dahin gelangt sind, in den ägyptischen Texten viele Einzelnhciten, Namen der Fürsten und Privatpersonen, Genealogien, Namen der Götter, Zeitdatirungen, einzelne Satze und Wörter mit Sicherheit entziffern zu können, so haben uns diese Resultate doch nicht bloß über die Beschaffenheit der alten ägyptischen Schrift und Sprache, sondern auch über viele andere interessante Gegenstände schon belehrt. Das verschiedene Alter der ägyptischen Denkmäler, der Tempel, Obelisken, Graber, Statuen, läßt sich nun durch die darauf angebrachten Inschriften genau bestimmen. Die Geschichte Ägyptens, die Genealogie und Chronologie seiner Dynastien haben aus den entzifferten Inschriften Aufklärungen erhalten. Die Mythologie der Ägypter ist in vielen Punkten erläutert, über die gesellschaftlichen Einrichtungen und Verhaltnisse des alten Ägyptens ist manches neue Licht verbreitet worden. (36) Himln (Karl Gustav), hanöverischer Hofrath, ordentlicher Professor der Heilkunst und Director des akademischen Hospitals der Universität Göttingen, wurde am 30. April 1772 zu Braunschweig geboren, wo sein Vater geh. Cabinets- rath war. H. studirte seit 1790 am anatomisch-chirurgischen Collegium seiner Vaterstadt und seit 1792 zu Göttingen. Ein Schüler Blumenbach's und Richter's, ward er 1794 Gehülfe des Letztern und diente später als Voloutair in den Lazare- then der preußischen Armee am Rhein, hieraus kehrte er über Würzdurg, wo damals von Siebold lehrte, nach Braunschweig zurück, wo er 1793 Professor du medicinisch-chirurgischen Klinik ward; 1802 folgte er einem Rufe nach Jena als Professor der Medicin und Mitdirector der Klinik, voll wo aus er 1803 an seine jetzige Stellung nach Göttingen gelangle. H.'s Auftreten als Lehrer und Schrift- i steller siel in eine vielbewegte Zeit, auf die er sehr bald als Systematikcr und Lehrer einflußreich wirkte. Die Zahl seiner Schüler war groß, weil er es, wie nicht leicht ein Anderer, versteht Anregung zum medicinischen Selbstdenken zugeben; jene würde noch größer gewesen sein, wenn er, der Natur treuer als dem Systeme, nicht zu früh, auf einem zu eng begrenzten Gebiete der medicinischen Theorie und Praxis ruhend, still gestanden hatte. H. gehört außerdem das Verdienst, die Augenheilkunde wahrhaft gefördert zu haben. Er gründete eine Zeitschrift („Ophthal' mologische Beobachtungen", auch unter dem Titel „Ophthalmologische Bibliothek", 3 Bde., Bremen 1801 fg.) für diesen wichtigen Zweig der Medicin, der später I. A. Schmidt als Mitredacteur beitrat, eine Zeitschrift, die niä ! im Strudel der Tagsliteratur unterging, .sondern noch jetzt großen Werth hat und denselben noch lange behalten wird. H. war als praktischer Arzt und Augm- operateur vielbeschäftigt und glücklich, und als Schriftsteller ausgezeichnet; stine Schriften sind die beredtesten Zeugen seines schaffenden und belebenden Geistes. Wir erwähnen von denselben: „Lehrbuch der praktischen Heilkunde" (erster Thul, Göttingen 1807, zweite Auflage 18ll>); „Einleitung in die Augenheilkunde (Göltingen 1820). Mit Hufeland gab er von 1809 - 14 das „Journal für praktische Heilkunde" und die „Bibliothek der praktischen Heilkunde" herauf — Ernst August Wilhelm H., sein Sohn, ward am 14. Dec. 180 zu Braunschweig geboren, und nachdem er die Gymnasien zu Göltingen un Holzminden besucht hatte, studirte er zu Göttingen Arzneiwissenschaft. Er >) langte 1823 die medicinische Doctorwürde, und gewann den von der m.'.uu ^ nischcn Facuttat idm zuerkannten Preis durch ftin? „(Vmmeut-Nin 4e ^ Hjortsberg Historische Romane 451 ckexüs et cuccxRxmüs" (Göttingen 18?.?, 4.). Er machte dann eine wissenschaftliche Reise durch einen großen Thcil Deutschlands nach Paris, wo er ein Jahr hindurch hauptsächlich die klinischen Vortrage Laennec's und Dupuytcen's, die physiologischen Experimente Magendie's und die vergleichende anatomische Sammlung des larckin cles plantes zu seiner weitern Ausbildung benutzte, hierauf nach London, Edinburg und Dublin, wo er vorzüglich die reichen anatomischen Sammlungen untersuchte, und kehrte 18?5 durch die Niederlande nach Göttingen zurück. Hier begann er durch öffentliche Vorlesungen über vergleichende Anatomie und Physiologie der Respirationswerkzcuge seine Laufbahn als akademischer Lehrer, und hielt fernerhin Vortrage über Physiologie des Menschen und der Thiere, über allgemeine medicinische Chirurgie in Verbindung mit pathologischer Anatomie, und über gerichtliche Medicin. Im Frühling des Jahrs 183? ward er zum außerordentlichen Professor ernannt. Unter seinen literarischen Leistungen sind zu erwähnen: „Darstellung des Dualismus am normalen und abnormen menschlichen Körper" (Hanover 18?9, 4.); „Geschichte des Fötus in Fötu" (Hanover 1831, 4.; beide auch unter dem Titel: „Beiträge zur Anatomie und Physiologie", erste und zweite Lieferung). Hjortsberg (Lars) ward am ??. Nov. 1?7? zu Stockholm geboren, und obgleich sein Vater, ein Steinmetz, wenig bemittelt war, so stab er ihm doch eine gute Erziehung. Sehr jung wurde H. bei dem damaligen französischen Theater zu Stockholm angestellt, wo er ein Schüler des berühmten Monvel, eines der größten Künstler der französischen Bühne, ward. Bald erregte er die Aufmerksamkeit Gustavs III. und wurde von ihm unter die sogenannten (Baryons bleu«, eine Art nichtadeliger Pagen, aufgenommen, später aber als Vorleser und Bibliothekar aus dem Lustschloß Haga angestellt. Den König begleitete er während des Feldzugs 1799 in Finnland und auf der Reise nach Aachen und Spaa. Nach des Königs Tode erhielt er den Titel eines Hofsecretairs, und 18?4 wurde ihm der große Preis der schwedischen Akademie als ein Beweis der Achtung dieser Gesellschaft für seine Verdienste gegeben. Kenner haben H. als Komiker eine Stelle neben den ausgezeichnetsten Künstlern seiner Zeit zuerkannt; jch es gibt sogar gewisse Rollen,;. B. Schema im „Juden", wo Niemand sich mit ihm vergleichen dürste. Auch besitzt er ein außerordentliches Talent, verschiedeneMasken anzunehmen, namentlich war seine Nachahmung Friedrichs des Großen im Lustspiel „Die Kammerpagen" so täuschen daß bei seinem Anblick selbst die Neffen dieses Monarchen, Gustav Iii. und seine Bruder, in staunende Bewunderung geriethen. Nach einer mehr als fünfzigjährigen Theaterlaufbahn ist H. noch die Zierde der schwedischen Bühne. (8) Historische Romane. Dieser in der neuesten Literatur so üblich gewordene Name bezeichnet eine Gattung des Romans, über deren poetischen und überhaupt kunstmäßigen Werth man ebenso sehr in Zweifel sein kann, als es außer Zweifel ist, daß heutzutage der Geschmack des größern, stoffreicher Unterhaltung bedürftigen Lcsepublicums sich für dieselbe mit nur zu großer Vorliebe entschieden hat. Dieses größere Lesepublicum pflegt indeß nur nach seinen Bedürfnissen und nicht nach Poesie und Kunst zu fragen, und so kommt es, daß auch die für dasselbe arbeitenden Schriftsteller das Bedürfniß mit der Kunst verwechseln und in dem Streben nach der stärksten materiellen Befriedigung die poeti- I'hen Interessen allmälig untergehen lassen. Diese Erscheinung hat sich wol u>u,rdings auf keinem Gebiet entschiedener herausgestellt als in dem des sogenannten historischen Romans, und sie scheint uns demselben auch in der That so k'gemhümlich anzuhaften, daß wir die nachstehenden Betrachtungen über jene Utung wie naturgemäß mit dieser Bemerkung beginnen mußten. Das urlheü enve nlso nicht das lesende Publicum ist auch längst über die Anerkennung ^ 'storischen Romans qetbeilt gewesen, lind wabrend ine Einen auf denselben 452 Historische Romane wie auf ein neues und erneuerndes Evangelium der Poesie hinweisen, sind die Andern ebenso geneigt, ihn als eine Zwittergattung von dem Gebiet der Kunst auszuscheiden. Die Erstem gehen dabei offenbar von einer umfassenden Ansicht der Geschichte aus, die an sich höchst achtenswerth ist. Sie wollen, daß der Dichter der Geschichte, dieser Lehrerin und Offenbarerin aller Tiefen und Lichtseiten des Menschen - und Völkerlebens, sich nicht entfremde und sie und vornehmlich auch die Geschichte seines eignen Vaterlandes als den würdigsten Stoff seiner Muse auffasse; aber sie bedenken nicht, ob die Geschichte nicht zu erhaben und ernst dazu sei, um zum bloßen Stoff zu dienen, und zwar zum Unterhaltungs- ! ftoss im Sinne jener Mehrzahl der historischen Novellisten, denen für ihre kleine Feder jeder große Gegenstand nur gerade gut genug erscheint, um ihn in aller Eile und ohne eigentliche genauere Kenntniß, weder von Zeit noch Ort, zu einem mit romantischen Zuthaten gewürzten Lieblingsgericht für die Lesewelt zuzurichten. Die sogenannten historisch-romantischen Abgeschmacktheiten, welche sich Novellisten dieser Art unaufhörlich mit der Geschichte erlauben, indem sie die reine Wahrheit historischer Gestalten, die am siegreichsten ungeschmückt auftritt, dem kranken Lesekitzel opfern, belegen diesen Vorwurf nur allzu häufig und deutlich. Reicht doch Walter Scott selbst, der erste und vorzüglichste Repräsentant dieser ganzen Richtung, eigentlich nur für die vaterländische Geschichte und Localität aus, innerhalb deren er seine eigenthümlichsten und anerkennenswerthesten Bilder und Charaktere entwickelt. Sobald er aber diesen Boden verläßt und andere geschichtliche und nationelle Gebiete und Charaktere in seinen Romanen berührt, wird auch selbst er, ungeachtet seiner vielseitigen Kenntnisse und einer ihm nicht abzusprechenden Klarheit und Tüchtigkeit der Anschauung, unsicher, und aushandelt hier Geschichte, Persönlichkeiten und Lokalitäten, oder macht es sich wenigstens leichter mit ihnen als es die Würde der Gegenstande verträgt. Die Andern hingegen, welche den historischen Roman als eine Zwittergattung abgewiesen wissen wollen, können sich dabei ebenfalls auf eine höhere Ansicht der Geschichte und der Poesie zu gleicher Zeit berufen. Sie wollen das historische und das poetische Element rein von einander gesondert halten, und wenn sie vom historischen Standpunkt aus mit ihrer Befeindung dieser Gattung meistentheils Recht haben, weil die Geschichte als solche so selten darin zu ihrem Rechte kommt, so hat man wol vom poetischen Gesichtspunkt aus fast noch öfter Ursache, ihnen darin beizupflichten, daß diese überwiegend materielle Mischung des Historischen und Poetischen einer barbarischen Composition ähnlich sieht, welche wenigstens nicht die Aufgabe der Dichtkunst sein kann. Der Roman als eine poetische Gattung — und wir dürfen sie als solche doch nun für anerkannt und eingebürgert annehmen—verweilt allerdings zunächst auf einem rein poetischen Grund und Boden und hat es nur mit poetischen Interessen, mit Entwickelung und Lösung menschlicher Charaktere und Schicksale, mit Witz und Tragik der Lebenssituationen zu thun. Es läßt sich daher wol sagen, daß dies wenigstens einleuchtend ein Jrrthum von Seiten der Freunde des historisch-romantischen Genre ist, wenn sie meinen, daß die Idee des Romans durch Aufnahme des historischen Elements erhöht werden könne. Da die Idee des Romans eine poetische ist, kann sie wol höher gefaßt werden als poetisch, und kann es wol innerhalb ihres Gebiets eine höhere Aufgabe geben als i die poetische? Man sagt gewöhnlich, es sei doch als ein Fortschritt anzuerkennen, daß im Roman nicht mehr die gewöhnlichen Familien- und Liebesintriguen zum Hauptgegenstand der Darstellung gemacht werden; aber es fragt sich dagegen, was trivialer sei, die ernsten großen weltgeschichtlichen Ereignisse im tändelhaften Ver- kleinerungsspiegel des Romans abgeschwächt zu erblicken, oder die abgedroschenste Familienmisere von Neuem darin aufgebaut zu sehen? Und übrigens ist der Roman, selbst wenn er nur anf poetisch-romantischem Boden sich halten will, doch "IP keineswegs auf das Familienleben und auf die Schilderung der Liebe als auf die Grenze seines Stoffes beschrankt. Abgesehen davon, daß er diese Gegenstande durch die psychologische Behandlung, auf die der Roman vorzugsweise gewiesen semsoll, ungemein vielseitig, inhaltsreich und unerschöpflich an Anziehungskraft darzustellen vermag, kann er den Umkreis seines Stoffs auch noch durch die man- nichtigsten anthropologischen und ethischen Phänomene, ja selbst durch Aufgaben der Reflexion vielfach erweitern, und er wird diesen Kreis so reichhaltig finden, daß er sich wenigstens durch Mangel an Stoff nie genöthigt fühlen wird, ein historisches Element zu seiner Verstärkung und Bereicherung hervorzusuchen. Kann nun auch der Roman dadurch, daß er der Tagesmode nach ein historischer, oder gar ein sogenannter historisch - romantischer wird, allerdings nicht in seinem Interesse, das poetisch sein soll, erhöht werden, so ist doch auch anzuerkennen, daß bei der ungemeinen Dehnbarkeil und Vielgestaltigkeit dieser Gattung, wonach sie von jeher Interessen aller Art, artistische, pädagogische, didaktische und religiöse in sich zu verarbeiten gewohnt gewesen, ihr auch das historische Element nicht als fremd und unzugänglich zu verschließen sei, und daß somit der histv. rische Roman ebenso gut als auf einer andern Seite der Kunstroman als eine gültige Art der ganzen Gattung das Recht habe dazusein. Schwierig wird es freilich immer für ihn bleiben, sich eine feste und kunstgemäße Gestalt zu gewinnen, da er seiner Natur nach einem beständigen Schwanken ausgesetzt ist, das wir ihn selbst unter Meisterhand fast nie ganz verleugnen sehen, indem er bald zu sehr und zu streng sich zu dem Historischen hinneigt und dadurch unpoetisch wird, bald aber der historischen Treue und Gewissenhaftigkeit, die auch der Romanschreiber der Würde der Geschichte immer schuldig ist, durch poetische und romantische Ausschmückungen zuwiderzuhandeln Gefahr lauft. Jndeß, wenn der Dichter nur wirklich von einer höhern Geschichtsansichr beseelt ist und nicht, wie sich auch bei Walker Scott und seinen Nachahmern nur zu oft gezeigt hat, bloß die materielle Seite der Geschichte auffaßt, so kann man erwarten, daß auch die strengsten historischen Ausführungen wenigstens dem Eindruck nach die Poesie des Romans nicht zu sehr gefährden werden. Poesie und Geschichte sind ja keine feindlich gegenüberstehenden Gegensätze, ja sie haben vielmehr ihre Zeit der Einheit in den Urzuständen der Menschheit gehabt. Im Epos, der Anfangspoesie aller Völker, zeigt sich die historische und dichterische Seite ihrer Nationalität noch so eng verbunden, daß man sie kaum von einander zu trennen vermag. Aber diese Zeit der Einheit von Geschichte und Poesie ist mythisch, und sie trennt sich wieder los, sobald die Völker in ihre wahrhaft historischen Perioden eintreten. Jedoch das Bedürfnis der Geschichte, nicht nur erlebt, sondern auch geschrieben zu werden, hört nie auf, und so entnimmt sie immer noch am liebsten von der Poesie, ihrer einstigen unzertrennlichen Gefahrtin, wenigstens die Kunst der Darstellung, um ihre Thaten verherrlicht zu sehen. Klio mit dem zeichnenden Griffel ist auch eine Muse. Daher wird jeder wahre Geschichtschreiber nicht umhinkönnen, etwas vom Künstler zu borgen, und es wird auch umgekehrt eine Seite der Geschichte geben, deren Darstellung fast ausschließlich nur in die Werkstatt des Künstlers gehört. Dies ist nun die Seite, welche wir vorzugsweise als die Aufgabe des historischen Romans anerkennen und herausheben möchten, wenn es einmal einen historischen Roman und eine eigenthümliche Aufgabe für denselben geben soll. Wir meinen die Por- traitmalerei der Geschichte. Dieses historische Element eignet sich vortrefflich für den Roman., und er kann um so naturgemäßer historische Portraitzeichnungen fu stch aufnehmen, da das Historische von dieser Seite her gewissermaßen bereits rn das psychologische und individuelle Gebiet, also in ein dem Roman zunächstlie- gendes , hinübergetreten ist. In Anschließung an diese Aufgabe erscheint uns der Morsche Roman am ehrmwerthesten, und am meisten geeignet, seiner Art Gül- 454 Historische Romane tigkeic zu erwerben. Walter Scott und die glücklichern seiner Nachfolger haben hierin Manches geleistet, was alle Achtung verdient und ein nicht abzuleugnendes Interesse für sich hat, indem solche Portraitzeichnungen durch die Einrahmung in allgemein menschliche Verhaltnisse, die ihnen der Roman gibt, zugleich eine - anschauliche Beleuchtung gewinnen, wie sie ihnen in anderer Formselten so günstig zu Theil werden kann. Bei weitem bedeutungsloser ist dagegen eine andere Gattung historischer Romane, welche diesen Namen nur dadurch in Anspruch nehmen, daß sie sich einen bloßen historischen Hintergrund heranziehen, auf dein sie ihre ersonnenen Gestalten und Begebenheiten, deren Interesse mit dem historischen meistentheils in gar keiner Berührung steht, auftreten lassen. Hier vertritt ' das Historische gewissermaßen nur die Stelle einer äußerlichen und oft zufälligen Dccoration, die der Romanpoet zu Hülfe gerufen, um ftiner Fabel durch einen solchen Hintergrund einen größern Anschein von Wirklichkeit zu geben. Der Eindruck solcher Romane kann jedoch ihrer heterogen durcheinander gemischten Be- standtheile wegen nur ein widerwärtiger und alles Kunstreizes ermangelnder sein, und auch die dabei zun» Grunde liegende Absicht des Autors kann unmöglich erreicht werden; denn besitzt sein Talent nicht durch sich selbst soviel schöpferische Kraft, um seinen Gestalten das volle Leben der Wirklichkeit einzuhauchen, so wird es auch der historische Hintergrund nicht thun, ja die historische Wirklichkeit, die in dcp Ferne gezeigt ist, wird bei den schwach erträumten Gebilden des Dichters die innere Unwahrheit und Leere nur noch fühlbarer machen. Einen solchen Widerspruch zwischen dem historischen und dichterischen Element finden wir auch leider bei den meisten historischen Romanen, die in neuester Zeit, besonders in der ^ deutschen Literatur, hervorgetreten, und diese Misgeburten, vereinigt mit denen, welche ihrerseits noch die widerwärtige historisch-romantisirende Manier zu Tage fördert, indem sie an den historischen Gestalten selbst zerrt und mit ihnen herum- phantasirt, sind allerdings wenig geeignet gewesen, für diese ganze Romangal- tung ein günstiges Vorurtheil bei der Kunstkritik zu erwerben. Der Werth historischer Romane ist jedoch auch vielfältig selbst ganz außerhalb alles Kunsti»terefseS behauptet worden, indem man gesagt hat, das große Publicum erfahre doch auf diesem Wege leicht und spielend etwas von der Geschichte und befreunde sich mit historischen Interessen, die ihm sonst fern bleiben würden. Wenn dies auch seine Richtigkeit haben mag, so ist das doch daran unrichtig, daß man den Roman, der auch als historischer doch immer ein Kunstwerk sein soll, auf diese Weise in die Nützlichkeitskategorie hineinschiebt, die nun einmal in keinem Fall ausdie Kunst anwendbar ist. Denn käme es darauf an, ob ein Roman nützlich zu lesen sei oder nicht, so könnte es mit demselben Recht, wie historische, auch bald geographische, chemische, ja selbst medicinische und diätetische Romane geben. Soll aber der historische Roman seine Gattung würdig vertreten, so muß ihm auch das Historische kein bloß äußerliches und zufällig herübergenommcnes Element sein, sondern es muß in seiner Fabel eine nothwendige Stelle einnehmen und sich von dem Poetischen theils spiegeln und beleuchten lassen, theils von demselben die Darstellungskunst zu seiner Schilderung entnehmen. Zu welcher Stufe des Kunstwerthes es aber auch der historische Roman immer bringen mag, so scheint es doch auch zweckmäßig, heutzutage einmal daran zu erinnern, daß die i bedeutendsten und einflußreichsten Erscheinungen in der Literatur des Romans bei allen Völkern keineswegs diesem historischen Genre angehören. Wenn uns bei den Italienern Boccaccio und seine Nachfolger, bei den Spaniern Cervantes, beiden Engländern Sterne, bei den Deutschen Göthe und Tieck als wirklich poetiicl> Muster des Romans gelten — wir nennen die Franzosen hier nicht, weil sie eigentliche Muster und eigcnthümliche Richtungen im Roman nicht hervorgebracht haben — so sehen wir hier auch ein wirklich poetisches und phantastisches Gebiet, wie Historische Romane „ti D'i" Quixote", „Wilhelm Meister", den „Wahlverwandtschaften", das dm Grund und Boden dieser Romane und den Träger ihrer Interessen abgibt, ES könnte jedoch dagegen behauptet werden, daß der historische Roman rben eine neue und unserer Zeit eigens ungehörige Gattung sei, die n>t der früher in dieser Literatur einheimisch gewesenen nicht verglichen werden dürfe, sondern an sich selbst den Beruf habe, von nun an die zeitgemäße Form des Romans über Haupt darzustellen. Diese Meinung, von der die Anhänger und Nachahmer Walter Scott's, welche den historischen Roman einzig und allein auf diesen berühmten Autor zurückführen, auszugehen scheinen, ist jedoch schon literargeschicht- lich völlig unrichtig und daher abzuweisen. Man übersieht nämlich gewöhnlich, daß es in der deutschen wie in der französischen Literatur schon lange historische Romane gegeben, noch che Walter Scott damit Epoche zu machen angefangen. Man denke in Deutschland nur an die zahlreichen, in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ersä)ienenen Romane von Schlenkert, Benedicts Naubcrt, Keßler u. A., welche vorzugsweise historische Stoffe, oft selbst ohne alle romantische Ausschmückung, zu ihrem Gegenstande haben. In Frankreich gab es ebenso lange vor Scott die historischen Romane der Lafayette, der Madame Cottin, der Frau von GenliS u, A.; auch Chateaubriand's frühere Romane könnten in gewisser Hinsicht hier genannt werden. In England hingegen war zu Anfang dieses Jahrhunderts, kurz ehe Walter Scott auftrat, der Roman in einen sehr verfallenen und charakterlosen Zustand gerathen. Die durch Richardson in, 18. Jahrhundert angeregte englische Romanperiode nebst den Bestrebungen seiner talentvoller!, Nach- folger war langst verschollen, und es hatte sich seitdem nichts bedeutend Neues und Eigcnthümliches auf diesem Gebiete bei den Engländern hervorgethau. Einen um so größern Eindruck mußte damals f18l4) Scott durch den „Waverley" und seine sich rasch darauffolgenden andern Romane machen, die unter der Firma der „Wa- verley-Novellen" bei seinen Landsleuten bald das Ansehen einer neuen Gattung erhielten, und in denen sie außer der ihnen lange nicht geboten gewesenen Stossbal- tigkeit und derben Lebendigkeit der Darstellung zugleich ihren vaterländischen Patriotismus befriedigt und auf eine neue Weise in Anspruch genommen fanden. Das nationelle Interesse trug offenbar das Meiste dazu bei, Scott's Romanen gleich bei ihren, ersten Auftreten einen so allgemeinen Eingang zu verschaffen, und wie, was in England Epoche macht, auch leicht übers Meer dringt und den gan- zen Eontinent beschäftigt, so sah man auch bald die „Waverley-Novellen" mit gleicher Schnelligkeit in die europäische Literatur übergehen und bei allen literarisch- gebildeten Völkern der Zeit nicht nur in Übersetzungen sich verbreiten, sondern auch die vielfältigsten Nachahmungen dieser Richtung anregen. So entwickelte sich seit dcm Jahre 18!4 allmälig die Walter-Scottomam'e fast in allen Ländern des literarischen Eontinents, bis sie im letztverflossenen Iahrzchend ihren Gipfel erreichte und seitdem bereits auch wieder, wie eS mit allen Lieblingsschriftsteller!, der Fall zu sein pflegt, durch die Übersättigung des Publicums an dieser Manier zu erlöschen angefangen hat. Man begann jedoch nach Walter Scott's Beispiel überall historische Romane genau in seinem Genre zu schreiben, und man schien der Meinung, daß es von jetzt an nicht mehr anders abgehe, als'daß jedes Land und Volk seinen Walter Scott habe. In ganz Europa begann, möchten wir sa- M, ein uncndlichfach zertheilter Walter Scott sich zu regen, und in Deutschland, Frankreich, Italien, ja selbst in Rußland traten Schriftsteller auf, welche ih- stm berühmten Vorbilde theils speciell nachahmten, theils für ihr Land und selbst lm ihre Provinz gewissermaßen selbständige Walter Scott's zu werden strebten. konnte der Jrrthum leicht entstehen, daß dieser britische Autor den historischen vornan, der nach seinem Muster plötzlich so allgemein angebaut wurde, eigentlich wst in der Literatur hervorgebracht habe, während es doch in Wahrheit nur der 456 Historische Romane historische Roman in Scmt'scher Manier war., der durch ihn in allen Literaturen Eingang gefunden hatte. Wirklich war es auch von der andern Seite nur zu oft die bloße Manier Scott's, die von seinen Nachahmern festgehalten wurde, und wie es zu gehen pflegt, sogar nur die negative Seite seiner Manier, wie seine Breite, seine peinliche Umständlichkeit, oder gewisse Stereotypcharaktere, die bei ihm überall wiederkehren. Dadurch ist neuerdings eine gewisse mechanische Norm des historischen Romans in Aufnahme gekommen, die, man kann es nicht oft genug wiederholen, nicht die Norm des historischen Romans überhaupt, sondern nur die der Scott'schen Manier ist. Zu dem Ansehen des Mechanischen, das der Walter-Scottismus an sich hat, kommt jedoch auch oft noch der Umstand hinzu, daß die vaterlandische Begeisterung und das Beruhen auf »rationellen Interessen, was bei Walter Scott's Romanen der eigenthümlichste Reiz gewesen, bei seinen unter ganz andern Nationalverhaltnissen lebenden Nachahmern nicht immer gleich machtig und wahr vorhanden und als ähnliches Anziehungsmittel ihrer Darstellungen wirken kann. Es ist indeß für die Literaturgeschichte unserer Zeit von Interesse, in den verschiedenen Landern die verschiedenen Bestrebungen für den historischen Roman, die sich thcils seit Walter Scott, theils durch Walter Scott hervorgethan haben, zu verfolgen. Hier ist unter den in englischer Sprache Schreibenden zuerst der Amerikaner James Fenimore Cooper zu nennen. Man hat ihm oft den Beinamen des transatlantischen Walter Scott gegeben, ohne daß man ihn jedoch darum einer Nachahmerei in der Manier zu beschuldigen berechtigt wäre. Eooper zeigt sich vielmehr überall als ein sehr selbständiger Darsteller, der von seinem cigenthümlichen Thema das Colorit seiner Romane entnommen, ist weniger breit und minutiös in der Schilderung als Walter Scott und darum bereits der für den Augenblick vorgezogene Liebling des Lesepublicums. In dem Talent der historischen Portrait rung steht jedoch Walter Scott offenbar höher als er. Neuerdings hat Cooper die Steppen der amerikanischen Urwalder und die Wasserwüsten des Ozeans verlassen und bewegt sich mit nicht mindern» Geschick auch in andern Loealitaten, wie in seinem „Bravo" in Venedig, oder in der „Heidenmauer"am Rhein. Sein neuester Roman, der unter dem Titel: „ Der Scharfrichter von Bern", bereits angekündigt worden, wird in der Schweiz spielen, wo Eooper selbst Materialien gesammelt hat. Eine eigenthümliche Färbung gab Edward Lytton Bul- wer, der Verfasser des „Falkland" und „Pelham", dem historischen Roman, in welchem er, offenbar ganz unabhängig von Walter Scott, eine geistigere und innerlichere Richtung zu entwickeln wußte. Er ging indeß auch ursprünglich mehr von jenem Genre der englischen Fasyionable-Romane aus, das er mit einem ebenso geistreichen als scharfen Talent für die Schilderung des modischen und ständischen Lebens in England ergriff. Doch hat er auch in dem historischen Element seiner Romane, wie namentlich im „Devereux", manches Tressliche geleistet und hier wie anderswo viele Musterschilderungen berühmter Personen, wie Bolingbroke's, des Regenten Orleans u. A., gegeben. Washington Irving, der neuerdings in seiner „Alhambra" den spanischen Legendenreich- thum als Frucht seiner Reise so anziehend ausbeutete, sucht meistentheils das historische Gebiet strenger zu scheiden und hält es lieber innerhalb seiner eignen Sphäre, wie in seiner trefflichen Geschichte des Eolombo und der Züge seiner Gefährten. Unter Denen, welcye sich dagegen enger und bestimmter als Nachahmer an Walter Scott angeschlossen, ist gegenwärtig in England besonders Thomas Colley Grattan, ein Jrländer, der Verfasser der „ Heer - und Querstraßen", zu . nennen. In seinen historischen Romanen, wie in der „Erbin von Brügge" und der „Jacqueline von Holland" hat er sich vornehmlich der niederländischen Gcschiaste zugewandt, für die er auch als Historiker in einer zusammenhängenden Darftefl Historische Romane 457 lung aufgetreten. Seinen Romanen wirft man jedoch nicht mit Unrecht eine zu funke Hinneigung zur Scott'schen Manier vor, deren ganze Breite und Weitschweifigkeit sich bei ihm pünktlich wiederfindet. Andere englische Anbaucr des historischen Romans sind Horace Smith, I. Banim, Grifsith, Allan Cunning- ham, besonders bekannt durch seine „Schottischen Erzählungen" und „Paul Jones". In Frankreich tritt der historische Roman in neuester Zeit besonders durch die Schriftsteller der romantischen Schule glänzend auf. Der ausgezeichnetste Roman unter den hierhergehörigen ist ohne Zweifel Alfred de Vigny's „De ciny mars", der mit allem Reichthum und Farbenschmuck des romantischen Styls die Geschichte einer Verschwörung unter Ludwig XIII. behandelt. In seinem neuesten Roman: „Stcllo", hat dieser Dichter jedoch die historische Gattung wieder verlassen und sich dem deutschen humoristisch-phantastischen angenähert. Neben dem Roman: „I^e ciutj Nars ", dürste Victor Hugo's „I^otre Dame ete ?aris" hier zu nennen sein, eine historische Darstellung aus der Zeit des Jahrs 148L, voll der glänzendsten Darstellungen aus der Sittengeschichte des Volks -, Staats - und religiösen Lebens der Pariser im Zeitalter Ludwigs XI., der hier einige Jahre vor seinem Tode ebenfalls in einem gelungenen Portrait auftritt. Die reiche Phantasie dieses Dichters durchdringt auch seine historischen Stoffe, die er sich wählt, überall mit einer hinreißenden Kraft und stattet sie mit ungewöhnlichen Reizen aus. Nach llmi nennen wir Jules Janin, gegenwärtig einer der fruchtbarsten und gelesensten Schriftsteller Frankreichs. Unter seinen Romanen gehört vornehmlich sein „Var- nave", eine Geschichte aus der Revolution von 1789, der historischen Gattung obwel es mehr eine historisch-phantastische Schauergeschichte zu nennen sein an dürste. Jedenfalls sind die Lobsprüchc der französischen Kritik, welche diesem Werke nachsagten, daß es die Romane Walter Scott's mit denen Sterne's in sich vereinige, für übertrieben zu achten. Der gewöhnlichen und strengern Form historischer Romane ähnlicher gehalten sind die des Bibliophilen Jacob (PaulL'a- uost), eines jungen Schriftstellers, der sich zuerst durch seine „Soirees ete Walter bicott" einen Namen machte. Er hat besonders das französische Mittelalter fleißig studirt, und besitzt das Talent, historische Personen der Wahrheit getreu zu schildern, in einem nicht geringen Grade. In seinem Roman: „Do roi ckes >>- bunlls", tritt Ludwig XII. auf im Verhältniß zu seiner dritten Gemahlin, Maria von England, und dem Herzog von Valens. Andere historische Romane sind von ihm: „Dez lleux tous" und „Des m-mvais gnroons", beide zur Zeit Königs Franz I. spielend, der in dem erstgenannten Roman vortrefflich charaktcristrt wird. Eine Eigenthümlichkeit dieses Schriftstellers sind die altfranzösischen Ausdrücke, mit denen er die Rede seiner Romane zur lebendigem Veranschaulichung ihres Zeit- colorits zu färben pflegt. Den Romanen historischer Tendenz hat sich neuerdings m Frankreich nicht selten auch der Einfluß der Tagspolitik unverkennbar beigemischt. Es gibt gegenwärtig in der französischen Literatur nicht nur politische Romane von allen Farben und Parteien, liberale, absolutistische, republikanische, H'gitimistische, ja selbst Juste-Milieu-Romane, in denen auf dem friedlichen Ge- aet der Dichtung der Parteistreit sein Kriegslagcr aufschlägt; sondern auch den Worischen Roman selbst, wiefern er auch oft seinem Stoff nach den Interessen cr Gegenwart liegen mag, sieht man zu Anspielungen auf die Tagsverhältnisse mutzt, sodaß seine historische Grundlage dadurch gewissermaßen zu etwas Allego- ^!chcm zu werden scheint. Von dieser Art ist z. B. der bekannte Roman des Herrn M Arlincourt: „Des redelles sous (Rarles V", in welchem der historische ^ off d.^rchcmg nur wie eine Allegorie der Gegenwart austritt, sodaß Karl V. hier eb" als Karl X., und die Jenen umgebenden Verhältnisse zu nichts Anderm ^ raucht sind als zu einem Spiegel des Unrechts, das durch den Sturz der äl- 458 Historische Romane tern Linie der Bourbons verübt sei. Bei diesem zweideutigen historischen Wcr,h des Arlincourt'schcn Romans ist auch die poetische Seite desselben nicht höher anzu. schlagen als bei seinen frühern Romanen, denen man bombastischen Schwulst und Manierirtheit des Styls nicht mit Unrecht zum Vorwurf gemacht hat. In Italien, wo sich gegenwärtig alle Formen der Poesie nicht aus selbständigem und nationalem Boden, sondern in Aneignung und Durchbildung dcz Fremden zu erneuern streben, sehen wir auch den historischen Roman in den ätzten Jahren mit einer unverkennbaren Hinneigung zu dem englischen Typus desselben austreten. Wie es vornehmlich Öberitalien war, wo jene Richtung ans die deutsche und englische Literatur zuerst die Revolution der heutigen italienischen Poesie begann, welche sich von hier aus bald über die ganze Halbinsel verbreitete, so war es auch zunächst von Mailand aus, von wo durch Alessandro Manzoni, des Haupt der neuem italienischen Romantik, der Roman in einer bisher noch nicht in der italienischen Literatur gekannten Gestalt in dieselbe überging. Manzoni ist offenbar unter den treuesten Nachahmern der Walter- Scott'schen Manier zu nennen, von der er auch die Gedehnthcit und die langweiligen Eigenschaften alle nur zu sehr angenommen hat. Sein berühmter Roman „ l promessi sposi" trägt alle diese Merkmale an sich; doch sind in demselben auch die eigcnthümlichen vaterländischen Anklänge wol nicht zu verkennen und das Streben des Verfassers, auf die politische Zeitstimmung seiner Landsleute dadurch hinzuwirken. Sein Nachfolger und Nachahmer in diesem Gebiete ist Giovanni Nosini, also gewissermaßen ein Nachahmer des Nachahmers, der in seinem ebenfalls sehr beliebt gewordenen historischen Roman: „I^u lnonucu ^ flucht eines Russen nach Deutschland, ein Roman in Briefen", derttsch ^ Eurot, Leipzig 1851), und W. Uschakof („ Xirgis-Xnisnk ", ein kirgiß! b . Historische Romane 459 hth^ Roman), die ,edoch nicht geradezu der hier in Rede stehenden Gattung an- sink/' gehören. Blicken wirendlich im eignen Vaterlande, in Deutschland, umher, so finden »vir ist auch hier in den letzten Jahren fast vorzugsweise den historischen Roman, und cbcn- Gfalls nicht ohne vielfache Beziehung auf den Walter - Scott'schen Typus desselben, ^ angebaut. Die eine Zeitlang so übertrieben geäußerte Vorliebe der Deutschen für ? Scott muß um so mehr als ein auffallendes literarisches Phänomen bezeichnet wer- den, da wir in unsern Nationalromanen längst Das entwickelt hatten, was Wal- '"W ^ >'n den seinigcn kaum jemals vermocht hat, nämlich — Poesie. Jndeß war die Walter - Scottomanie bei uns so groß, daß sich nothwendig bald auch die ^ Ironie gegen sich selbst in ihr entwickeln mußte und dadurch zugleich ein Schritt V, Ks. Abhülfe geschah. Diese Ironie hätte in der bekannten Mystifikation, welche UlichG stg durch seinen „Walladmor" mit Walter Scott und dem Publicum trieb, ^ „och glücklicher und wirksamer hervortreten können, wenn es mit dieser Ironie M damals nur überhaupt mehr Ernst gewesen wäre. Wir dürfen uns jedoch über die MÄiU Mehrten Bestrebungen, die sich in dieser Hinsicht von manchen Seiten her in ^ unsere Literatur einschlichen, beruhigen, wenn wir sehen, daß es in neuester Zeit «DW uuch nicht an andern wahrhaft großartigen Erscheinungen bei uns gefehlt hat, ^che sich der Form des historischen Romans auf eine originelle und selbständige bemächtigt haben. Hier ist vor Allen Henrich Stessens mit seinen ebenso Hrnchn genialen als vielumfassenden Novellen-Cyklen: „Die Familie Walseth und Ml« Lxjlh" und „ Die beiden Norweger", zu nennen. Unserer Ansicht nach ist in die- MiW sin Dichtungen die Idee des historischen Romans zum ersten Mal in einer univer- ch sM si,lcn und geistigen Tendenz aufgefaßt und erweitert worden, wie es bisher noch ,n keiner Literatur und von keinem Schriftsteller auch nur annähernd geschehen, jl Steffens hat den Geist ganzer Jahrhunderte in diesen Novellen zur Gestalt werden lassen, und indem er die Zeit von den größten bis zu den kleinsten Erscheinungen Hck« herab in allen Kreisen des Lebens abzuspiegeln versteht, zeigt er unsers ErachtenS «, ^5 >- .uff eine glanzende Weise, wie sich Historiker und Philosoph im Dichter begegnen MM müssen. In seiner neuesten Novelle: „Malkolm", gehört das historische Element Wsi» mehr dem Bereich der Sage an, und das eigentliche Leben der Dichtung bewegt lHMai sich .uff rein poetischem Boden. Stessens ist letzt neben Tieck ohne Zweifel der HnMS größte der jetzt lebenden Novellendichter. Auch Tieck hat in seinem „Aufruhr in sltnWa!' d.m Cevennen", der leider immer noch ein Torso ist, bewiesen, wie der historische HM Roman unter den Händen des wahren Dichters zu einem poetischen Kunstwerk f in werden könne und müsse, und wie die Idee desselben keineswegs von dem stehen- den Typus des Waverley, Autors abhängig und bedingt sei. Im Ganzen ist es icdoch nicht die eigenthümliche Sphäre Ticck's, Gegenstände der Geschichte als MiBf solche zur Aufgabe seiner poetischen Produktion zu machen, und die Haupttendenz « Inner Novellen ist auch selbst da, wo eine historische Grundlage hinzutritt, doch nnmer die phantastische, ironische und psychologische, in welcher Richtung er lanen Gestalten die originellste Beleuchtung zu geben weiß. Unsere beliebtesten .kßiE' Zclesensten Schriftsteller im Felde des historischen Romans sind: Spindler, cr vornehmlich in seinen frühern Darstellungen aus der Geschichte des deut- M IHM Mittelalters ein ungemein lebendiges Talent bewiesen hat; W. Alexis, I^nen „Cabanis" der Schöpfer des ersten preußischen Nationalromans; "N ^usf, der zu einem würtembergischen Walter Scott den Anflug N > ' durch den Tod gehemmt; Karoline Pichler; van der Velde; Alex- " ä' lia ^ ""^n>ski, j,r seinen Romanen aus der polnischen Geschichte, nament- „Hippolyt Boratinski", nicht unverdicnstlich; A. v. Tromlitz, ffF', - .m Blumenhagen, letztere Beide mehr Fabrikarbeiter und ohne Eigen- /- tyumlichkeit, u. A. (47) 460 Historische Vereine Historische Vereine. In sehr kurzer Zeit haben sich über einen fjen Theil von Deutschland Gesellschaften zur Beförderung des Studiums der Ge- schichte verbreitet, und es ist nicht anzunehmen, daß sie nur aus einzelner Lieble berei oder wechselseitiger Nachahmerei entstanden, sondern daß sie aus einem wvki- crkannten Bedürfnisse unsererZeit hervorgegangen, welches am allerersten fühlbargeworden durch dieAufhebung oder auch nur durch die Beschrankung der Klöster, wodurch für die tiefern historischen und aufengereOrtlichßeiten beschrankten Studien kein Raum mehr geblieben. Hierzu kam fast in gleicher Zeit das Aufhören der vielen kleinen Staaten in Deutschland, die alle ihre eignen Archive und in diesen die Bildungsschulen deutscher Geschichtsforscher und Archivarien hatten, welche nun in solcher Art bald ganz und gar ausgestorben sein werden. Der schlimmste Umstand trat nun vollends da ein, wo man diese Provinzialarchive in die Hauptstädte der neuen Gebieter abfahren ließ, und wo denn das AnHaufen, und man sollte beinahe sagen das Aufschütten, auf andern ebenso wenig benutzten Materialien, der erstorbene Reiz des alten väterlichen Bodens und die ermangelnde Kenntniß der Letalitäten den Schlüssel zu all diesen Schätzen verloren gehen ließen. Da aber ein Volk auf nichts mit mehr Schmerz verzichter als auf feinen alten Namen und seine alte eigne Geschichte, und sich dafür von Schmeichlern und Heuchlern nichts so ungern aufdringen läßt als eine kahle Geschichte der neuen Dynastie, oder eine hochmüthige Geschichte des sogenannten alten Landes, bei der die Geschichte des sogenannten neuen Landes als eine demüthige Magd die Schleppe nachtragen soll, so ist es beinahe eine allgemeine Sympathie geworden, daß alle unterworfenen Gebiete gleichwol die Geschichte ihres alten Ruhmes, die Denkmäler ibrer edeln Geschlechter, ihnr Bürgergröße und ihrer frommen Hüttcnbewohner aus den Fluten der Zeiten und ihren Umwälzungen gleichsam mit dem muthigsten Ameisenfleiß zu retten und auf das Trockene zu schleppen suchen. Glücklicherweise sehen wir andererseits, wie die Regierungen diesen Wünschen so verständig entgegenkommen, sie sogar bei ihren ältern Gebieten auf gleiche Art ins Leben rufen, bereitwillig die Archive öffnen, und also klug und bedachtsam den Zeitpunkt vorbereiten, wo aus all diesen einzelnen Geschichten eine Gesammtgeschichte des Reiches hervorgehen kann, welche dann jeder einzelne Bezirk auch für die seinige erkennen mag. So lange diese Saat nicht bis dahin gereift ist, sollten alle zusammengesetzten größern Staaten, wie z. B. Ostreich, Preußen, Baiern, auf die voreilige Ernte einer allgemeinen Landesgeschichte verzichten. Alle Versuche, die bisher schon gemacht worden sind, scheinen uns verunglückt, und wir halten es für unmöglich, einen solchen wunderlich gemischten Stoff jetzt schon bewältigen und eine Form dazu finden zu können. Wollte man sich doch lieber an die Sichtung der alten und die Öffnung neuer Quellen, an das Zusammenstellen der Urkunden, die Entwickelung der alten Ländervereine, an die Monographien und Biographien halten. Wir stellen die verschiedenen historischen Vereine, soweit sie uns bekannt geworden, der Reihe nach vor, und zwar: Inden östreichischen Lande» 1) Das Johanneum zu Grätz, dem Erzherzog Johann zu Ehren also benannt seit 1810, wenigstens zählte es schon 1824 seinen fünfzehnten Jahresbericht. Es va- breitet sich aber nicht bloß über historische Studien mittels der reich ausgestattet^ Bibliothek, des Archivs, deö Münzcabinets, des Antiquariums, sondern auch neben eigens dafür begründeten Lehranstalten auf die naturwissenschaftlichen Sammlungen für Mineralogie, Chemie, Botanik, Zoologie, Technologie; auch ist eine bestu^ Landwirthschaftsgesellschaft damit verbunden. Der Verein, aus etwa 135 "u- gliedern bestehend, hat gegen 5000 Gulden W. W. jährliches Einkommen, die M schüsse für die Landwirthschaftsgesellschaft ungerechnet. In der Leseanstall luge 60 wissenschaftliche Journale vor, welche größerntheils vom Erzherzog -3^. abgegeben werden. Ein Graf Brigido hat ein so ansehnliches Capital zum V - Historische Vereine 461 'NUN, l!»Ä Äle schenk dargebracht, daß der Verein ein eignes Gebäude hat können aufführen lassen. Solche großartige Anstrengungen des reichen öftreichischen Adels sind nicht selten. Die diplomatischen Vorlesungen am Lyceum werden durch die dargereichten Originalurkunden aus dem Vereinsarchiv unterstützt. Das Organ der Gesellschaft ist die„Steiermärkische Zeitschrift", aus der wir, im historischen Fach besonders, auch die Arbeiten eines Muchar erwähnen wollen. 2) Das Ferdinandeum zu Inn spruck, für Tirol und Vorarlberg, von seinem Protektor, dem Kronprinzen Ferdinand, also benannt; mit besondern Sammlungen für Antiquitäten, Münzen, Wappen und Siegeln, Urkunden, Manuskripten, Büchern und auch für Gegenstande der Naturwissenschaft. Die Mittelzahl der Glieder ist 350. Es wurde nach der vom Landesgouverneur Grafen von Chotek gegebenen ersten Idee 1823 eröffnet. Der erste Jahresbericht ist von 1824. Der Verein sieht sich durch seine Beitrage in Stand gesetzt, Besoldungen zu zahlen 900 Gldn., Stipendien 400 Gldn., auf Ankäufe zu verwenden 1317 Gldn. Nach den verschiedenen Districten sind besondere Mandatare ernannt. Organ des Vereins ist die Schrift: „Beiträge zur Geschichte, Statistik, Naturkunde und Kunst von Tirol und Vorarlberg." Nähere Nachricht über Entstehung und Einrichtung der Gesellschaft gibt auch Hor- mayr's „Archiv für Geschichte", 1825, Nr. 79. 3) Gesellschaft des vaterlän- dischenMuseums in Böhmen, zu Prag, seit 1816 mit angelegten Sammlungen für Geschichte, Münzen, ethnographische, botanische, zoologische und belletristische Gegenstände, einer Bibliothek, deren Bibliothekar, der berühmte slavische Gelehrte Hanka, Entdecker der königinhofer Handschrift war. Der Vermögensstand des Vereins belief sich 1829 auf 125,000 Gulden W. W. an Capitalien, und es konnten allein 4664 Gulden auf Besoldungen verwendet werden. Organ der Gesellschaft war die „Monatsschrift der»GeseUschaft des vaterlandischen Museums", unter Redaction des böhmischen Geschichts- und Sprachgelehrten Palacky; seit 1830 ist der Titel: „Jahrbücher für Natur, Länderkunde, Geschichte, Kunst und Literatur". — Wenn man in Wien selbst keine ähnliche Gesellschaft findet, so laßt sich dieses wol darus erklären, daß hier ohnehin der Centratpunkt der Bibliotheken, Archive, Kunst- und Naturaliensammlungen und der kaiserlich ausgestatteten polytechnischen Schule ist, und daß das tressliche „Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst", seit 1808 regelmäßig fortgesetzt, für sich selbst schon ein idealer literarischer Verein zu nennen war. Als Repräsentanten der ober- und niederöstreichischen Geschichte wollen wir indeß den Chorherrn Kurz im Augustinerstift St.-Florian anerkennen. Außerdem besteht auch in Mähren zu Brünn ein Museum, Francisceum benannt, von welchem wir nicht näher unterrichtet sind, sowie auch in^Ungarn zu Pesth ein Museum, das freilich schon jenseit unserer deutschen Geschichte liegt. Ungarn hat ungeheure historische Privatsamm- ^ngen, worin freilich auch viel verwandter Stoff für unsere deutsche Geschichte liegt. Mr können nicht umhin, hier Feizer's „(?a6ex ckiplomaticus liunAanae" zu erwähnen. k. Im Königreich Preußen: 4) zu Breslau, die historisch-geographische Section der Schlesischen patriotischen Gesellschaft, die sich zum Hauptgegenstand die alte Geographie und Geschichte des östlichen Gerinnens genommen, wobei neben Andern besonders Dr. Büsching Vorzügliches geleistet. Ihr Organ ist „Archiv für alte Geographie, Geschichte und Alter- Dr. Kruse, Secrctair der Section. 5) Der th üringi sch- sä chsi - !che Verein für Erforschung des vaterländischen Altertsiums zu ^a l le war vorher in Naumburg, und stand als solcher mit der leipziger Gesellschaft ^^^"dung, ward aber 1823 nach Hatte übergesiedelt. Der Mitglieder waren uin m ^ Districtsdirectorien zu Naumburg unter Lipsi'us, zu Leipzig cr robbe, zu Roßleben unter Wilbelm, zu Sondershausen unter von Aiegler, zu 462 Historische Bereine Nordhausen unter Oswald, zu Güttingen unter Hausmann, zu Bilzingsleben unter von Helmolt, zu Magdeburg unter Weygart, zu Wittenberg unter Nits» zu Schlieben und Lebusa unter Wagner. Zu einem besondern Zweck hatte sich^ Verein ein „(Corpus rernm ^ermnnicurum uscqueÄtl unnum 500" gesetzt, doch h^ er sich als Gesammtheit von diesem, allerdings sehr unbestimmt und ohne UmM angelegten Plan neuerlich losgesagt. Sein Organ war früher Kruse's Zeitschrist „Deutsche Alterthümer, oder Archiv für alte und mittlere Geographie und Alkn- thümer, insonderheit der germanischen Völkerstämme", wovon seit 1824 —W drei Bände in sechs Heften erschienen, deren letztes Professor Lorentz, nach Kruse'z Abgang Secretair des Vereins, herausgab. Seit auch Lorentz nach Rußland gt- gangcn ist hat Professor Rosenkran; in Halle, der jetzige Secretair des Verein-! die „Neue Zeitschrift für die Geschichte der germanischen Völker" begonnen, woven des ersten Bandes erstes und zweites Heft" (Halle 1832) erschienen sind. Vo» diesem Verein wurden, als er noch zu Naumburg bestand, herausgegebene „Mittheilungen aus dem Gebiete historisch-antiquarischer Forschungen" (Naumburg 1822), ein mit vorzüglichen Abhandlungen reich ausgestattetes Werk. 6) Die Gesellschaft für Pommeresche Geschichte, Alterthümer und Kunst zu Stettin, gegründet 1826 bei Gelegenheit des Erinnerungsfestes der vor 1000 Jahren von Bischof Otto von Bamberg eingeführten christlichen Religion, unter vorzüglicher Mitwirkung des Präsidenten Sack, mit dem bestimmten Zweck, die alten Denkmäler zu retten, den Geschichtschreibern Pommerns brauchbare Stoffe vorzubereiten, zu welchem Ende, wegen Verwandtschaft mit der Nachbarschaft, es auch erlaubt sein sollte, in die Geschichte von Schweden und Polen überzuschreiten. Sie theilt sich in einen stettiner und greifswalderAus- schuß, besteht aus einer Mittelzahl von 139 Gliedern, hat den Kronprinzen unmittelbar zum Protector und scheint sich überhaupt großer Theilnahme selbst der obersten Staatsbehörden zu erfreuen, sowie des besondern Vortheils, daß sie auch mit dem Archiv in Berührung steht, dem an dem Herrn von Medem ein sehr eifriger Verwalter zu Theil geworden. Der Ausschuß zu Greifswald hat sich eine antiquarische Karte der Insel Rügen zur Aufgabe gemacht. Ihr Organ sind „Neue pom- merscheProvinzialblätter", herausgegeben von Lud. Giesebrecht undI.E.L.Haken (Stettin 1827 fg.). Die Aufnahme von Poesien scheint uns, wenn nicht ganz fremdartig, doch auf alle Fälle zu unverhältnißmäßig. Ihre neuesten Schris ten sind betitelt. „Baltische Studien" (Stettin 1832). 7) Der Verein für Geschichte und Alterthumskunde Westfalens zu Paderborn, eröffnet 1824 unter dem Domcapitular Meyer als Vorsteher. E? schloß sich ihm 1825 auch noch ein münsterscher Verein an. Er wurde bis hervom Staat jährlich mit einem Geschenk von 200 Thalern unterstützt; auä> wurde ihm die bedeutende Kindlinger'sche Urkundensammlung zur Benutzung über lassen. Der Verein sucht sich streng auf die westfälischen Erde zu begrenzen: alb Streben nach der Weite und Höhe sei vergeblich, wenn man sich vom Vaterlam und vom geschichtlichen Boden abwende. Besonders beschäftigt sich die mit Ausführung des Plans zu Herausgabe der noch unged.uckten Urkunden Wh falens bis zum Jahre 1180, die nach einem 1832 gefaßten Beschlüsse belchleuM werden soll. Ihr Organ ist: „Archiv für Geschichte und Alterthumskunde tv-s falens", herausgegeben von Paul Wigand (Hamm, feit 1826), bis jetzt vr- Bände, die des Gediegenen viel enthalten. 8) Die westfäli sehe Gefeilsch'^ zur Beförderung der vaterländischen Eultur zu Minden, die vier Sektionen theilt, hat auch eine Abtheilung für Geschichte und Alterlbum !,l künde, die in neuerer Zeit sehr lhätig war, und eine historisch? Spezialsecuon Herford. Organ des Vereins: „Westfälische Provinzialblatter", die zu ^ ^ den erscheinen. Daß es in Berlin selbst an einem solchen Geschichtsverein'v' Historische Bereine 46?» ' gelt, beruht wol auf demselben Vcrhältniß wie bei Wien, obgleich sich in Berlin ^in minder reges Leben in der Provinzialhistorie zu erkennen gibt. Ein eigner . - Verein für die Marken möchte wol zu wünschen sein, sowie auch für Rheinpreußen, chM ,vo man gewiß brave Schildhalter finden würde, wie an Hüllmann, Simon, Gün- thcr, Binterim, Moosen. In Königsberg scheint der Weinberg gut bestellt durch den Professor Voigt als Archivar und die neuesten „Historischen und lite- irischen Abhandlungen der königlichen deutschen Gesellschaft", herausgegeben von F. W. Schubert (Königsberg, seit 1830). Die innere Einrichtung dieser ^chKil deutschen Gesellschaft, und wie sie für die Bearbeitung der Geschichte noch be- sonders erweitert werden könnte, ist uns nicht bekannt. 0. Sachsen. 9) Einigein Leipzig wohnende Mitglieder des thüringische sächsischen Vereins bildeten dort 1824 eine eigne Gesellschaft, der man den Na- Lw mm des Sachsischen Vereins für Er-forschung und Bewahrung vaterlandischer Alterthümer gab, ohne dadurch eine Beschrankung ih- N" Kw rer Forschungen auf Sachsen andeuten zu wollen. Der verstorbene Domherr Titt- ekMs' mann war ihr Vorstand, und der damalige Conrector, jetzige Rector und Pro- sisstrNobbe ihr Secretair. Sie faßte gleich bei ihrer Gründung den Entschluß, mmM „Beitrage zur vaterländischen Alterthumskunde" herauszugeben, von welchen 1826 knchrU der erste Band, einige werthvolle Mittheilungen enthaltend, erschien. Im April Mkmt 1827 verband sich dieser Verein mit der 1697 gegründeten und 1727 erneuten deutschen Gesellschaft, die sich die Beförderung der deutschen Sprache zum «W m Zweck gesetzt hatte, zu jener Zeit aber bis auf vier Mitglieder geschmolzen war, m Twk während der sachsische Verein bereits über hundert Theilnehmer zahlte, und der Ver- WM ein nannte sich nun: Deutsche Gesellschaft zu Erforschung vater- MM« ländischer Sprache und Alterthümer. Die Gesetze des sächsischen Vereins wurden größtentheils beibehalten. Au Ostern 1832 erhielt die Ge- sellschaft neue Gesetze. Seit der Vereinigung beider Gesellschaften zeigte sich eine regere Thätigkeit, welche besonders durch den gelehrten Kenner der Baukunst siiMp 9r. Stieglitz geweckt wurde. Der Zweck der Gesellschaft ist die Betrachtung der sMW Kunst des Mittelalters und ihrer Geschichte, die Erforschung der Sitten, Ge- söWi» brauche und Ereignisse des Mittelalters und zugleich die Beschäftigung mit der ^ M Sprache und Literatur der frühern Jahrhunderte wie der jetzigen Zeit. Vorstand ^sW W der Gesellschaft ist seit Tirtmann's Tode vr. Stieglitz, Geschäftsführer I)r. Putt- yn VM rich, und 1832 betrug die Zahl ihrer einheimischen und auswärtigen Mitglieder, ^ PiB Ehrenmitglieder und Correspondenten 224. Sie besitzt Sammlungen von Ur- HP. ^ künden, Siegeln, Münzen, Waffen, Anticaglien, Urnen w. und eine kleine Büchersammlung. Ihre jährlichen Berichte, die von 1827 — 32 regelmäßig Ml! erschienen sind, enthalten mehre schätzbare Mitteilungen, unter welchen besonders verschiedene Beiträge zur Geschichte der altdeutschen Baukunst von Stieglitz ÄiO ^ auszeichnen. Für Sprachforschung ist wenig darin zu finden und auch nicht viel für altes Recht. Uber die Wirksamkeit des ehemaligen sächsischen Vereins - wurden drei Berichte (1825 — 27) gedruckt, von welchen der letzte (auch eine Ge- lachte d^' deutschen Gesellschaft enthaltend) zugleich den ersten Bericht der vereinig- "Gesellschaft bildet. 10) Nach den vaterländischen und andern Vorbildern, wurde Dresden der Sächsische Alterthumsverein unter dem Vorsitze cht! ^ Punzen Friedrich August gestiftet, an dessen Stelle nach 1830 der Prinz Johann ^ksorgung der 'Angelegenheiten der Gesellschaft ward ein Ausschuß und st ^ Zum secretair der Oberbibliothekar Ebert ernannt. Die Zahl der Mitglieder sich vorzüglich durch die 'Aufnahme hochgestellter Staatsbeamten und Der- w Alterthumsüberreste einsendeten, zu Ehrenmitgliedern. Aus den frei- ' w Geldbeiträgen der Mitglieder sollte ein Fonds zu den nöthigen 'Ausgaben, ^ 'Mbungen u. s. w. gebildet werben; durch Vernackstasü'gung des Einkoderns M. 464 Historische Vereine derselben aber betrug 1831 der Cassenbestcmd nur gegen 330 Thaler, und es w.ncn so viele Reste angewachsen, daß die Bezahlung derselben von sämmtlichen Mitgliedern abgelehnt wurde. Je mehr der Verein in seiner ursprünglichen Gestalt nicht sowol Untersuchung als Anhäufung von Alterthümern und historischen Materialien zum Zwecke hatte, desto glücklicher war der Gedanke des Hofraths Eben demselben ein historisches Element beizugesellen. Dies geschah 1829 durch die Bildung einer Gesellschaft, die sich rein geschichtliche Forschungen und insbesondere Erklärung der vorhandenen Urkunden zur vaterländischen Geschichte zum Zweck setzte. Die Mitglieder gehörten nicht alle dem Alterthumsverein an. A? versammelten sich zu bestimmten Zeiten in einem Saale der königlichen Bibliothek, und es wurden mehre gehaltvolle Abhandlungen geliefert. Manche ungünstige Umstände wirkten zusammen, die Thätigkeit der Gesellschaft, die indeß als historische Section des Alterthumsvereins anerkannt war, seit 1831 fast ganz zu lähmen. I In demselben Jahre bildete sich eine artistische Abtheilung jenes Vereins, die sich mit Erhaltung und Bekanntmachung der Kunstdenkmale beschäftigen wird, und der ein Ausschuß von drei Mitgliedern vorsteht. K. G. von Quandt, eines dieser Mitglieder, gab in seinen „Hinweisungen auf Kunstwerke der Vorzeit" (Dresden 1831) Fingerzeige für eine zweckmäßige Wirksamkeit der artistischen Section. Sie erhielt darauf den gesammten Cassenbestcmd des Alterthumsvereins zu ihrer Verfügung und dadurch zum Theil die Mittel, ein altes Gemälde: die heilige Nacht, in der Sacristei der Kirche zu Annaberg, und später die Altargemälde von MichaelWohlgemuth in der Kirche zu Zwickau wiederherstellen zulassen, 11) Drei ausgezeichnete Lausitzer, von Gersdorff, von Schachmann und der verdienstvolle Forscher Dr. von Anton, faßten 1779 den Gedanken, eine literarische Gesellschaft zu Görlitz zu stiften, welche anfangs Oberlausitzische Gesellschaft zur Beförderung der Natur-und Geschichtskunde hieß.später aber den Namen Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften annahm und hier unter den sächsischen Vereinen aufgeführt wird, weil sie vor der Theilung des Landes entstand und seitdem fortdauernd auf die wissenschaftliche Cultur der gesammten Lausitz wohlthätig eingewirkt hat. Sie theilte sich in zwei Classen, die physische und historische. Ihre Statuten wurden 1792 gedruckt. Ihre Vorsteher, von Gersdorff, der Graf von Callenberg, der jetzige sächsische Conferenz- minister von Nostiz, wirkten in Vereinigung mit dem Secretair von Anton (gestorben 1818) anregend und fördernd auf die Thätigkeit des Vereins. Die historische Abtheilung hat sich seit dem Bestehen der Gesellschaft rüstig geregt. Zwei ihrer Hauptaufgaben, die sie bis jetzt unverrückt im Auge behalten hat, sind die Bearbeitung einer Topographie der Oberlausi'tz, wozu nach Anton's Plan von 1782 bis in die neueste Zeit reichhaltige Vorarbeiten geliefert wurden, und die 1781 begonnene Anlegung einer Urkundensammlung als Materialien zu einer genauen und vollständigen Geschichte der Oberlausitz. Von 1799—1823 sind 9 Hefte des Verzeichnisses der gesammelten Urkunden gedruckt worden. Die Stifter von Gersdorss und von Anton schenkten der Gesellschaft außer andern Vermächtnissen ihre Büchersannn- lungen, wodurch die Bibliothek auf 20,000 Werke angewachsen ist. Außerdem besitzt sie Sammlungen von Alterthümern, Gemälden, Kupferstichen, Landkarten, Münzen, Mineralien, Pflanzen und andere Naturalien. Die Organe der ^ sellschaft waren seit ihrem Entstehen die „Provinzialblätter", die 1783 aufborten, die „Lausitzische Monatschrift", die von 1793 — 1808 unter ihrer Mitwicks erschien, und das seit 1821 erscheinende und seit 18.32 von C. A Pescheck inMa» berausgegebene „Neue lausitzische Magazin". Alle diese Zeitschriften enthalten wer ^ volle Beiträge zur Geschichte der Oberlausi'tz. 12) Durch den Superintenden > Meißner zu Waldenburg, Dr. Schmidt und Diakonus Alberti zu Hohenleuben u Fürstenthum Reuß-Schlei; wurde 1825 der Voigtländische Alterthum Historische Vereine 465 verein gestiftet, der seinen Sitz zu Hohenleuben hat. Nach den 1826 bestätigten Statuten ist der Zweck dsr Gesellschaft: Beförderung der vaterländischen Geschichte und Alterthumskunde, jedoch nicht aufdas Voigtland beschränkt; Aufbewahrung aiterthümlicher Uberreste und Sammlung gangbarer Volkssagen, die besonders seit 1828 eifrig betrieben wurde ; Beachtung alterthümlicher Gebräuche; Sammlung geschichtlicher Urkunden. Sie hat seit ihrer Gründung mehre Nachgrabungen mir günstigem Erfolge veranstaltet Ihr Organ ist die von Alberti herausgegebene Zeitschrift „Variscia", wovon zwei Hefte (Greiz 162S — 30) erschienen sind. 0. In Bai ern. 13) Die erste Auffoderung zur Stiftung eines historischen Vereines zu Anspach geschah 1827 im „Hermes" (Band XXIX) vom Ritter von Lang; der jetzige Finanzminister von Mieg, als damaliger Regierungspräsident, suchte den Vorschlag festzuhalten. Präsident von Fcuerbach trat mit lebendiger Theilnahme bei, und so ward der Verein 1830 mir 122 Mitgliedern eröffnet. Am Ende des Jahres erschien schon der erste Jahresbericht. Das Wesentlichste dieses Vereins ist, daß er ohne alle Geldbeiträge besteht und sich bloß aus dem Ertrag seiner eignen Jahresberichte und sonst mit andern kleinen Hülfen erhält ; daß darin äußerlich nicht viel protokollirt wird, sondern daß sich das Ganze mehr in Art der Correspondenz oder mündlichen Besprechung um die Axe des Cvn- servators dreht, der die literarischen Anfragen der Mitglieder beantwortet, die Mittheilungen empfangt, sie deurtheilt, zu weitern Erkundigungen oder Aufklärungen Veranlassung gibt, überall das Brauchbarste zu den Sammlungen legt, zum nächsten Gebrauch auszieht und so am Ende des Jahres die Quintessenz in seinem Jahresbericht liefert. Dabei beschrankt man sich sowol in Materien als in den Mitgliedern streng auf den Umfang des Regierungsbezirks, um sich in d.r La.,e des eigPN Bodens warm zu halten, wie Jakob Grimm sagte, der dieser Einrichtung, als einer gewiß verstandigen, sowie auch den ersten Versuchen seinen freundlichen Beifall gegeben. Die Jahresberichte fassen besonders auch die Rechtsalter- thümer, alte Sitte und Verfassung ins Auge. Die übrigen, für den Jahresbericht selbst nicht benutzten Mittheilungen sammelt man theils für die besondere Herausgabe der Vereinsschristen, theils als Material einer künftigen historischen Topographie des ganzen Regierungsdezi'rks. Obgleich dieser Verein sich absichtlich in dem Charakter einer reinen und unabhängigen Privatgesellschaft erhält, ohne eine ausdrückliche Genehmigung oder Protection des Staats zu suchen, so hat doch der Konig diese Erscheinung mit einer solchen Gunst ausgenommen, daß er überall unmittelbar und gerade nach diesem Muster die Errichtung ähnlicher Vereine in allen andern Kreisen veranlaßt und dabei allen Mitgliedern die wichtige Vergünstigung vecsiattet hat, bei ihren Arbeiten sich persönlich an die Provinzial- archive zu wenden. So besteht also bereits auch in Wirklichkeit in solcher historischer Verein 14) in München, von dem wir jedoch noch keinen öffentlichen Bericht erhalten haben. 15) In Augsburg hat freilich der Regierungsdirector Ritter von Kaiser gleichsam ein großes Capital schon vorausbezahlt durch seine vielfachen Arbeiten über die römischen Alterthümer und die zahlreichen Notizen über die Erwerbungen und Besitzungen, des alten Adels und der Klöster in diesem Kreise, Revortrefflich sind, und worauf wir in einem defondern Artikel (f. Raiser) zurückkommen werden. Der Reichthum des Materials ist aber so groß, daß auch für unen Verein Überreichliches noch zu leisten übrig wäre; z. B- eine Chronik der Augsburg, nach dem trefflichen Muster für Regensburg von Gemeiner, le Geichichle des Handels und der Künste, die Rechtsalterthümer auf diesem zuma! ^'watchchen Boden, die Verfassungen der Gemeinden und Zünfte. 16) Der in ^ egensburg bestehende Verein hat den Legationsrakh Gumpelzhaimer zum erwählt, der in neuerer Zeit eine Geschichte von Regensburg herausgeben, stwie auch andere historische Schriften, z. B. von Börner, erschienen sind. ^-'.'nv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 30 ^ i 'V F 1 fl 466 Historische Vereine Der Verein hat seine „Verhandlungen", eine Quartalschrist (Regensburg 183s)), bekannt zu machen angefangen. 17) Der Verein zu Passau ist bis jetzt noch mit Bericht und Nachrichten in Rückstand. 18) Über die vereinigten historischen Gesellschaften zu Bai reuth und Bamberg hat der Herzog Wilhelm von Baiern die Protection übernommen. Der Verein zu Bamberg hat seine Verhandlungen eröffnet mit einer Monographie: „Geschichte der Burg Rabenstein", von Österreicher. In Baireuth hat sich das „Archiv für baireuthische Geschichte und Alterthumskunde" vom Bürgermeister Hagen und Pfarrer Dorfmüller zu Weiden (Baireuth 1828), das aber mitunter an manchen kritischen Schwächen gekränkelt, nunmehr zu einem „Archiv für Geschichte und Alterthumskunde des Obermainkreises" (Baireuth 1831) umgestaltet und wird hoffentlich als solches desto erfreulicher erstarken. 19) In Würz bürg hat Legationsrath Scharold die Herausgabe der Schriften des historischen Vereins angekündigt. 20) In Speier wirkte anregend der große Antiquar, Regierungspräsident von Stichaner; schade daß die vielen Notizen, so viel wir wissen, nur in dem speierschen Kreis- oder Wochenblatt gegeben worden und dadurch für uns untergehen. 15. In Baden. 21) Die Gesellschaft für Beförderung der Geschichtskunde zu Frei bürg hatte an Leichtlen einen schönen aufgehenden Stern und jetzt noch an Schreiber einen archivarischen Sachkenner; Secretair war Ernst Münch. Ihre Schriften hat sie seit 1828 herausgegeben, aber sehr fremdartige Stoffe aufgenommen, z. B. das Leben des Cicero. Sie sucht, wie uns scheint, ihre Mitglieder aus zu großer Ferne zusammen. 22) In Sinsheim bei Heidelberg bildete sich 1830 auf Anregung des dortigen Pfarrers Wilhelm, eine Gesellschaft zur Erforschung der vaterlandischen Denkmale der Vorzeit, nachdem schon seit 1827 Ausgrabungen in der Umgegend w«engemacht worden. Ihr Präsident ist der Markgraf Wilhelm von Baden. Sie gab 1831 ihren ersten Jahresbericht, von Wilhelmi besorgt. — Karlsruhe selbst, Heidelberg und Manheim stehen noch leer. ?. In Nassau. 23) Die Gefeilsch aftfür Nassauer Alterth umstünde und Geschichtsforschung zu Wiesbaden wurde 1821 gestiftet und erhielt eine jährliche Geldunterstützung von der Regierung. Ihr Organ sind die „Annalen der nassauischen Alterthumskunde", seit 1827 von Habel in Schierstein herausgegeben. Sie wird sich, wie wir nicht zweifeln, aus den alten Pfahlhecken und Drususburgen noch in den edelsten Schacht der deutschen Geschichte selbst hindurchgraben.— In Württemberg, wo Memminger 's Amtsbeschreibungen hochgestellt zu werden verdienen, gibt es noch keinen eigentlichen historischen Verein, wenn man nicht den zu Rotweil bestehenden Verein zur Aussindung von Alterthümern dazu rechnet, der sich bis jetzt auf das Sammeln von Alterthu- niern beschränkt. Von den beiden Hessen und Frankfurt wissen wir zur Zeit auch noch nichts von ahnlichen Anstalten zu melden. Kein Forscher in der deutschen allgemeinen Geschichte wird sich von nun an entbinden können, von den Schriften und Verhandlungen dieser Vereine, die hoffentlich nun bald das ganze Deutschland umspannen werden, fortwahrend Einsicht zu nehmen Diese Vereine, gehörig unterstützt, werden sich allmälig zu wab- ren Landesarchiven umbilden, dagegen die eigentliche diplomatisch-archivarische Schreibe-, Lese- und Sprachkunst sich auf die größern Bibliotheken zurückziehen, weil dieses bisher oft wie ein gewaltiges Mysterium behandelte archivausche Hand- werk in dieser Art zu einseilig ist und als wahre Wissenschast künftighin nur in Ve» einigung mit der Manuscriptenkunde und einem tiefen Studium der altdeutschen Sprache würdig betrieben werden kann. Ein gemeinsames Organ zur Beförderung wechselseitiger Theilnahme sind Wigand's „Jahrbücher der Vereine für Geschichte und Alterthumskundc" (4 Hefte, Hemgo 1831 — 32). Die vom General von Hittorff 467 Minutoli vorgeschlagene jährliche Versammlung der Geschichts- und Alterthumsforscher könnte auch erweckend und fördernd wirken, (35) Hjttorff(J. I.), Architekt, wurde 1792 zu Köln geboren und erhielt in seiner frühesten Jugend durch seines Vaters Liebe zur Baukunst eine zu diesem Fache vorbereitende Erziehung. Mathematik, Figuren - und Architekturzeichnung waren seine Hauptstudien. Seit seinem fünfzehnten Jahre, als Steinhauer und Maurer arbeitend, machte er mehre Entwürfe zu Häusersa^aden, welche in seiner Vaterstadt ausgeführt wurden. Sehnsucht nach höhern Studien und Wißbegier trieb ihn nach Paris, wo er in seinem siebzehnten Jahre anlangte. Ein Ungefähr, welches auf seinen spatern Wirkungskreis großen Einfluß übte, führte ihn zu dem Architekten Belanger, welcher ihn bald wie einen Sohn pflegte und unter dessen Leitung er in den folgenden Johr^ die Projekte des damals entstandenen monumentalen Schlachthauses in der Straße Rochechouard und der eisernen Kuppel der Kornhalle ausarbeitete, deren Ausführung er theilweise vorstand. Zur nämlichen Zeit besuchte H. die Kunstakademie unter Leitung des berühmten Architekten Percier, welcher beim Anblick einer seiner akademischen Skizzen ihm unentgeltlichen Unterricht anbot, sein zweiter Lehrer ward und stets sein Freund blieb. Als bei der Rückkehr der Bourbons 1814 Belanger, ehemaliger königlicher Architekt der Feste und Ceremonien des Hofs, diese Stelle wieder antrat und die großen Vorbereitungen zu dem Einzüge Ludwigs XVIIl. leitete, verlrat H. das Amt eines ersten Jnspectors dieser Arbeiten, welche in Errichtung von mehren Triumphpforten und Säulen und in der Wiederausstellung der kolossalen Statue Heinrichs lV. nebst zwei Friedenstempeln bestanden; unter diesem Titel und der Oberaufsicht Belanger's hatte er ebenfalls Antheil an allen Vorbereitungen für die Feste und Ceremonien, welche dieser Architekt bis zu seinem Tode ausführte. Bei Belanger war es auch, wo H. mit Lecointe bekannt ward; um zehn Jahre älter als H. war dieser geschickte Künstler sein Leiter und Freund, und später sein Mitarbeiter. Zum königlichen Architekten an Belanger's Stelle ernannt, führte H. seit 1819 gemeinschaftlich mit Lecointe in einem Zeiträume von 11 Jahren folgende Arbeiten aus: in St.-Denis die königlichen Ceremonien zur Grablegung des Prinzen von Conde, des Herzogs von Berri und Ludwigs XVIll., in Paris zur Taufe des Herzogs von Bordeaux und in Rheims zur Krönungsfeier Karls X., dann die Wiedererbauung des italienischen Theaters (Salle kavarrl) und den neuen Bau des Tdeatre ;ahrs 1839 unterbrochen wurde. H. führte nebenbei in Paris mehre Privatbanken aus, und verfertigte für seine Vaterstadt ein Projekt zu einem Theater und kincs zur Errichtung eines Museums in dem dazu bestimmten alten Gebäude, chvhchm diesen Arbeiten machte H. verschiedene Reisen nach Deutschland und England, wo er sich besonders damit beschäftigte, die Gebäude des Mittelalters und die der wiederauflebenden Kunst zu studiren. Er unternahm 1822 endlich >kah ernsten Vorbereitungen, begleitet von einem seiner Schüler, Zanth, sein? eise nach Italien. Nachdem H. einen Theil des südlichen Frankreichs, Turin, Mailand, Genua, Florenz, Siena, Perugia, Lucca, Viterdo, Feryara, 305 468 Hiltorjf Vicenza, Pavia, Venedig, Rom und seine Umgebungen, Neapel und Pompeji besucht und neun Monate mit Zanth und Sner, einem jungen deutschen Architekten, welchen er auf seine Kosten mitnahm, in Sicilien zugebracht hatte, kam er 1824, reich an Zeichnungen und Manuscripten, zurück. Seine Sammlung von Monumenten aus allen Epochen besteht aus mehr als 1000 Zeichnungen, H.'s interessanteste Arbeiten waren indessen die genauen Aufnahmen von den berühmtesten Städten Siciliens und die Vermessungen von vielen antiken Tempeln und andern Denkmälern des Alterthums, einer Menge merkwürdiger Ornamente in Marmor, Stein und gebrannter Erde, wie von mehr als fünfzig Gebäuden aus dem 0. bis zum 18. Jahrhundert; Materialien zu seinem großen Werke über die Geschichte der Baukunst dieses Landes, welches theilweise schon unter den Titeln: „Arcllitecture untreue" und „Arctntecture mollerne cke !a8ici!e", nebst 120 Kupfertafeln erschien, und täglich fortschreitet. Außer den Entdeckungen in Bezug auf das System der Constitution und der äußern Form der griechischen Gebäude, fanden H.'s gewissenhafte Nachsuchungen bei den griechischen Werken der Baukunst aus allen Zeiten den Gebrauch der Farben als charakteristische Zierde in ihren verschiedenen Nuancen von Glanz und Pracht und mythischen Anspielungen. Auch machte er Vorbereitungen zu einem besondern Werke, diese Entdeckung mit allen Belegen systematisch darzuthun. Es ist betitelt, „^'arckitec- ture pol^cllrüme cüe? lo8 (ürecs", mit sechs colorirten Kupfern, die Wiederherstellung des Tempels zu Selinunt darstellend. Diese Wiederherstellung ist nach dem Urtheile der französischen Akademie und aller Gelehrten und Künstler, die sie sahen, die einzige vollständige Darstellung eines griechischen Heiligthums, in all seiner Herrlichkeit wieder gegeben undausgeziert mit allen Nebentheilen, welche, in Gemälden, Statuen, Altären, Exvotos, Weihgeschenken und dergleichen mehr bestehend, dem Ganzen den bestimmten Local- und Zeitcharakter aufdrücken. H. gab 1832 eine französische Übersetzung des englischen Werkes „1Ae uuellitelt anti- quitie» of Attica" heraus, durch viele Anmerkungen und Zeichnungen vermehrt, mit gründlichen Berichtigungen des Originaltextes und wichtigen Aufschlüssen über die Theorie der hellenischen Baukunst wie über mehre bis dahin unverstandliche Stellen Vitruv's. Eine seiner größten zur öffentlichen Ausstellung des Museums in Paris gelieferten Arbeiten war eine Zeichnung, 81 Zoll lang und 21 Zoll hoch, die innere Ansicht einer antiken Basilika, nach den Überresten dieser Gebäude in Italien und den alten Schriftstellern hergestellt. Sie erhielt großen Beifall und ward als erstes Aquarell in dieser Art von dem Könige für die Galerie im Luxemburg angekauft. Bei dieser Ausstellung und im Laufe seiner akademischen Studien erhielt H. mehre Preise nebst den großen goldenen Medaillen der ersten und zweiten Clafse. H. verlor 1830 nach der Revolution seine Stelle als Architekt des Königs, doch blieb ihm sein Antheil, als Mitarbeiter seines Schwiegervaters Le- pere, an der Erbauung einer der größten modernen Kirchen, St. - Vincent de Paus zu Paris. In fünf Schiffe getheilt, mit zwei Etagen Säulen im Hauptschisse, einer auf zwölf Säulen gestützten Vorhalle und im Ganzen auf mehr als 1W Säulen ruhend, kann diese Kirche bei ihrer schönen Lage und der jorgfaltigen Ausführung, wie durch die auf Effect und Convenicnz berechnete Einrichtung, eines der schönsten modernen Gebäude der Hauptstadt werden. Sie enthalt eine im Project ursprünglich hineingedachte Anwendung von allen Kunsterfmdungen unsers Jahrhunderts; so ist die monumentale Wandmalerei im Innern angebracht, die Glasmalerei in den Fenstern als transparente Altargemalde, von wcb-r aus den Bildern der Heiligen, von Straten umflossen, das Licht sich ins Heiligthum verbreitet. H. wurde vor Kurzem von dem Minister der öffentlichen Ardu- ten zum Arclntecte an cbef der Gebäude des Gouvernements ernannt, welche zu der sechsten Abtheilung der Stadt Paris gehören. Hitzig 469 Hitzig (Julius Eduard), Criminaldirector zu Berlin, ältester Sohn des 1818 zu Potsdam verstorbenen Stadtraths Hitzig, eines um das stadtische Gemein- und besonders das Armenwesen seines Wohnorts vielfach verdienten Mannes, wurde am 26. Marz 1780 zu Berlin geboren. Seine Schulbildung erhielt er auf dem dortigen joachimsthalschen Gymnasium, dessen Director, Meierotto, unserm H. mit besonderer Neigung zugethan war. H.'s Fleiß und gute Anlagen machten es möglich, daß er schon 1795 von dem Gymnasium abgehen konnte, bei welcher Gelegenheit sich sein Talent und seine entschiedene Vorliebe für Poesie in einer von ihm ausgearbeiteten, aus mehren hundert Alexandrinern bestehenden Abschiedsrede aussprachen. Noch zu jung, um die Universität zu beziehen, mußte er wider seinen Willen in ein Comptoir eintreten, um die Handlung zu erlernen; doch schon 1796, in seinem sechszehnten Jahre, erreichte er seinen Zweck und ging nach Halle, um dort die Rechte zu studiren. Hier, wo er im Umgange mit den gleichgesinnten Freunden Bartholdy, Clemens Brentano, Schmieder (jetzt in Kassel) und einigen andern, wahrhaft den Musen huldigenden Jünglingen lebte und die anziehendste Erholung in den Familien eines Niemeyer, Eberhard, F. A. Wolf und namentlich Reichardt's in Giedichenstein genoß, verweilte er bis zu Anfang des Jahrs 1799, da er mit seinem Freunde Bartholdy sich nach Erlangen begab, dort seine Studien zu vollenden. Beiden schloß sich hier, als unzertrennlicher Gefahrte, Ludwig Wieland an, der später als freisinniger Schriftsteller bekannt genug geworden ist. Im Herbst 1799 meldete sich H. zur ersten Prüfung im Staatsdienst, worauf er, da es in Südpreußen an angebenden Arbeitern mangelte, nach Warschau ging und hier als Auscultator bei der Regierung (so hießen damals die jetzigen Oberlandesgerichte) angestellt wurde. Hier bestand er auch balo die zweite Prüfung als Referendarius und knüpfte ein inniges Freundschaftsverhqltniß mit den Dichtern I. I. Mnioch und Werner, vorzüglich mit dem Letztern, der an dem jungen Freunde ein offenes Herz und rege Theilnahme für das erste poetische Werk fand: „Die Söhne des Thales", womit er sich damals beschäftigte, und sich darin gefiel, die Individualität H.'s, wie er sie aufgefaßt hatte, in dem einundzwanzigjayrigen schottischen Tempelritter Robert d'Here- don darzustellen. H. verließ 1801 Warschau und ging nach Berlin, um beim Kammergericht sich zu der dritten Prüfung vorzubereiten, die er 1804 bestand, und nunmehr zum Assessor bei der Regierung zu Warschau ernannt, dorthin an der Seite einer jungen Gattin zurückkehrte. Hier stand er als Collegen E. T. A. Hoff- mann. Auf welche ergötzliche Art beide bekannt wurden und bis zu Hoffmann's letztem Hauche Freunde blieben, ist in dessen Leben (Bd. 1, S. 290) erzahlt. Nachdem jedoch der Sieg Napoleon's 1806 der preußischen Herrschaft in Warschau ein Ende gemacht, ging H. nach Berlin zurück, und sing, da er es im Staatsdienst überfüllt von brotlosen südvreußischen Beamten fand, dort an, literarisch zu taglöh- nem, um sich mit seiner Familie zu erhalten. Meistens fand er dabei nur Beschäftigung in ihm ganz fremden Fachern; so übersetzte er z. B. die vier starken Nande von Ehaptal's mix urts", die dann unterHermbstädt's Ägide erschienen sind. Dabei legte er sich auf Erlernung des Buchhandels, zu welchem ihn schon früh eine besondere Neigung hingezogen hatte, und begründete 1808 wirklich unter seiner eignen Firma ein bald sehr bedeutend sich gestaltendes Verlagsgeschäft, aus welchem manches interessante Werk hervorgegangen ist, Unländern die eleganten Ausgaben von Werken des Cervantes, Camoens und C. Gozzi, die vielleicht nicht ohne Einfluß auf die Wiederbelebung des Geschmacks an er Literatur des Südens geblieben sind. Spater verband er damit einen Sörti- wnushandel, und 1810, als in Berlin die Universität errichtet ward, ein eigen- tburmiches literarisches Institut, „das Lesezimmer für die Universität", wo auf - ^.gchen, nach den Facultaten, taglich Alles, was jede Wissenschast an Neuiz- 470 Hitzig keiten producirt hatte, zur Einsicht für Professoren und Studirende ausgelegt wurde., Alle diese Unternehmungen standen in der schönsten Blüte, als der Be- ! freiungskrieg ausbrach und die berliner Universität sich fast ganzlich auflöste. Noch vor der völligen Beendigung desselben hatte aber H. das große Unglück erfahren gerade am zehnten Jahrstage einer sehr glücklichen Ehe, seine Gattin zu verliere^ die ihn, mit der Sorge für sechs kleine Kinder beladen, als Witwer zurückließ. Um sich ganz der Erziehung derselben widmen zu können, und da nach geschlossenem Frieden auch die Aussichten für den Staatsdienst günstiger geworden waren, beschloß H. in denselben zurückzutreten, verkaufte im Sept. 1814 seine Handlung an den lhätigen Buchhändler Dümmler, der sie noch fortführt, und begann von Neuem die juristische Laufbahn beim Kammergericht, wo gleichzeitig mit ihm auch sein alter Freund Hossmann, dereinstweilen Musikdirector in Bamberg, Dresden und Leipzig gewesen war, als Hülfsarbeiter eingeführt wurde. Eine entschiedene Vorliebe für das Criminalfach veranlaßte H. zu der Bitte: der Chef der Justiz möge ihn dem Könige nur zu einer solchen Stellung vorschlagen, in welcher er dieser Neigung genügen könne, und in Folge dieses Wunsches ward er zuerst (1815) zum Criminalrath beim Kammergericht, und später (1827) zum Director des Kammergerichts-Jnquisitoriats ernannt. Von diesem Standpunkt aus begründete er 1825, beim Beginn des Geschäfts der Revision der preußischen Gesetze, seine „Zeitschrift für die preußische Criminalrechtspflege", und, da dies Unternehmen sich eines großen Beifalls zu erfreuen hatte, zog er später auch das Ausland in seinen Kreis, und sing 1828 an, die „ Annalen für deutsche und auslandische Criminalrechtspflege" herauszugeben, welche gleichfalls in ununterbrochenem Fortschreiten begriffen sind. Doch nicht bloß hierauf beschränkte sich H.'s literarische Thätigkeit. Um das Publicum mit den in Berlin so zahlreich angesessenen Bürgern der Gelehrtenrepublik bekannt zu machen, ließ er im Jahr 1825 sein „Gelehrtes Berlin" erscheinen, und von dem Gedanken erfüllt, einen Concentra- tionspunkt für literarische Mittheilung in der weitläufigen Residenz, wo sich Freunde oft in Jahren nicht zu sehen bekommen, zu bilden, stiftete er 1824 die Gesellschaft für deutsche, und 1829 die Gesellschaft für ausländische schöne Literatur, die, von ihm und Streckfuß als Vorstehern geleitet, die ausgezeichnetsten Literaten und Künstler als Mitglieder gewannen, und unter der gewissenhaftesten Befolgung ihres unabänderlichen Grundgesetzes, daß Niemand, er sei Mitglied oder Gast, eine eigne Arbeit vorlesen darf, sich frei von gegenseitigen Weihraucherun- gen zu erhalten gewußt haben und auf das fröhlichste gedeihen. Den Ruhm eines ausgezeichneten Schriftstellers erntete H. vorzüglich durch seine Biographien von Hossmann und Werner. Diese fanden nicht nur volle Anerkennung im Jnlande, wo z. B. Jean Paul sich über dieselben höchst belobend aussprach, sondern auch im Auslande, wo Walter Scott und Thomas Carlyle im „Foreign re- view" sehr gründliche und geistvolle Beurtheilungen derselben lieferten. Ganz richtig hatte auch ein dritter englischer Kritiker aus diesen Schriften den Charakter unsers H. erkannt, indem er ihm an sccarate snct precise knorvlecige vk üumclu nature on tüe ove ürmll, auck er lar^e Portion ok tde milk "l kuman limüoess «n tke otüer zuschrieb. Schon in diesem kurzen Lebensabrisse erscheint uns H. als ein Mann, bei dem sich glücklich vereinigt zeigt, was die Natur sonst zu trennen liebt: Heller, scharfer Verstand und leichte Beweglichkeit der Phantasie; treffliche Urtheilskraft und Wärme des Gefühls, das leicht durch alles Gute und Schöne zum Enthusiasmus erhoben wird; ernste Beschäftigung mit der Wissenschaft und Berufzur Poesie mit ausgezeichneter praktischer Tüchtigkeit. Finden wir nun noch diese Eigenschaften auf dem Boden eines sittlich reinen, milden und liebenswürdigen Charakters, so wird uns die große allgemeine Ach- tung, in welcher H. steht nur gerecht erscheinen. Diese Achtung öffentlich aus- G ch«. ^ ll« Hobhouse Hochverrath zusprechen lassen auch die IVorttües sich angelegen sein, wie z. B. Feuerbach sein Meisterwerk: „Actenmäßige Darstellung merkwürdiger Verbrechen", außer Martin und Srübel auch unserm H. zugeeignet, und die Juristenfacultat in Bübingen ihn zum 1. Jan. 1832 mit dem in den ehrenvollsten Ausdrücken abgefaßten Doctordiplom überrascht hat. (23) Hobhouse (Sir John Cam) erhielt seine wissenschaftliche Bildung im Trinity-College zu Cambridge, wo er mit Lord Byron einen Freundschaftsbund schloß und.1809 eine Sammlung von poetischen Nachbildungen nebst eignen Gedichten herausgab, welche auch einige der ersten Jugendarbeiten seines Freundes enthält. Als Lord Byron 1809 seine erste Reise antrat, begleitete ihn H. Sie besuchten Albanien, ehe sie eine andere Gegend des türkischen Reichs bereiften, H. kehrte aber schon 1810 nach England zurück, wahrend Byron bis 181 1 seine Reise fortsetzte. Zu derselben Zeit, wo der Dichter mit den ersten Gesängen des „Childe Harold" hervortrat, gab H. seinen interessanten Reisebericht („lournev into Schimm nnst otsier j>rlivillLes tke turkisb emchre", London 1812, 4.) heraus. Zu dem spater erschienenen vierten, ihm gewidmeten Gesänge des „Childe Harold", der die Reiseabenteuer in Italien enthalt, gab H. weitläufige Erläuterungen. Als Napoleon von Elba zurückkehrte, war H. in Frankreich und lieferte in den „Detters dritten au enAlissiman ckurin^ tlre last reign <>f l>ürjt<»Ieon" (London 1815) einen anziehenden Bericht von den Ereignissen der hundert Tage. Hatte er schon früher sich zu den Ansichten der Radikalen bekannt, so reizte er noch mehr die herrschende Torypartei, als er offen erklärte, die Nachricht von der Schlacht bei Waterloo habe ihn tief betrübt. Eine Flugschrift, die er 1819 herausgab, enthielt einen Angriff auf das Haus der Gemeinen, den man für eine Verletzung der Privilegien des Hauses erklärte, und H. mußte in das Newgate-Gefängniß wandern, wo er bis zur Prorogation des Parlaments blieb. Das Volk nahm sich seiner Sache mit so lebhaftem Eifer an und er wurde so beliebt, daß er 1820 zum Abgeordneten für Wesiminster erwählt wurde, obgleich die gemäßigten oder alten Whigs, vereinigt mit der Regierung, Alles aufboten, den Anhänger der Radikalismus zu verdrängen. Er zeigte sich seitdem als einen tüchtigen und gewandten Sprecher und während er fortdauernd das Vertrauen seiner Wähler behielt, nahm er an mehren der wichtigsten Verhandlungen thätigen Antheil, und verfocht besonders auch 1831 die Sache der Parlamentsreform, deren eifrigster Wortführer er stets gewesen war. Als durch Bentham und seine Anhänger das „tVestmiuster re- vien" gegründet wurde, gesellte sich auch H. zu den Mitarbeitern. In der neuem Zeit wurde sein Radikalismus nach und nach milder und er näherte sich den gemäßigten Whigs, wie sein Freund Burdett. Als Sir Henry Parnell 1831 aus dem Ministerium trat, wurde H. Staatssecretair für das Kriegsdepartement und zeigte seitdem noch mehr, daß er nicht mehr zu den Radikalen gehörte. Bei den neuen Wahlen 1832 weigerte er sich, wie Burdett, bestimmte Verpflichtungen für seine Abstimmung im Parlament einzugehen, wurde aber dennoch gewählt. Hochverrath, Staatsverrath, Landesverrath, Majestäts- v e rbre ch e n. Die letzten fünf Jahre sind wiederum reich an Hochverraths- und Majestätsverbrechen gewesen, freilich besonders in Frankreich, von dem der letzten Minister Karls X. an bis zu dem baldiger Entscheidung unterliegenden der Herzogin von Verrinnt ihren Anhängern; aber auch in Deutschland, wegen der Unruhen der Jahre 18Z0und 1831, in den Niederlanden, wo sie der belgischen Revolution vorangingen, in Italien, Spanien und Portugal. Auch in England gaben die aufrührischen Bewegungen, die Zerstörung der Maschinen, die Brandstiftungen in den Jahren 830 und 1831 den Criminalgecichten viel zu thun. Polen brauchen wir nur zu nennen. Es sind Symptome einer tief bewegten Zeit, die sich nicht mir nian- ! n frühem Unternehmungen vergleichen lassen, in welchen es bloß auf den Sturz 472 Hochverrat!) > die Erhebung einzelner Herrscher, auf den Sieg einer oder der andern Parte,' nur die Personen, nicht aber die Grundsatze verschieden waren, auf Ländererwcrl! oder wo nur VIV-Prionen, aorr vie vsrunvsllyr -vurri», nur canoererwerb und Befriedigung anderer persönlichen Zwecke, der Feindschaft, der Rache, des religiösen Fanatismus ankam, oder wobei Verrath von Staatsgeheimnissen, Auslieferung wichtiger Urkunden, Verrath einer Festung an den Feind, Meuchelmord und Ähnliches im Spiele war. Nur die Reformation bot ein ahnliches Schauspiel dar wie die Gegenwart, indem auch damals die Menschheit in die beiden großen Parteien der Bewegung.und des Stillstandes gegeneinander in die Schranken getreten war. Sieht man auf den Ausgang der neuesten Hochverraths - und Majestäts- processe in Begleichung mit frühern, so geräth man in Versuchung, der Milde des Zeitalters eine Lobrede zu halten. Welche Ströme von Blut flössen sonst in ahnlichen Fallen, z. B. bei den Versuchen das Haus Stuart wieder auf den Thron zu setzen (1715 und 1745), und mit welcher Harte wurden selbst einzelne unruhige Austritte, wie der an sich unbedeutende Vorfall in Thorn (1k. Jul. 1724), geahndet, wo wegen eines Auflaufs der protestantischen Einwohner der Bürgermeister Rösnerund elfRathsherren und angesehene Bürger hingerichtet, viele aber aus dem Lande getrieben wurden. In Frankreich blieb zwar der Antrag, die Todesstrafe ganz abzuschaffen, welchen Tracy vor dem Proceß der Minister in der Deputirtcnkammer machte, noch für diesmal ohne Erfolg, aber dennoch wurde kein Todesurtheil gefällt, wiewol die nicht viel gelindere Verurtheilung zu lebenslänglichem Gefangnisse und dem Verlufte aller bürgerlichen Rechte. (S. Todesstrafe und Proceß der Erna i n i st e r K a r l s X.) Baron Görz in Schweden und GrafStruensee in Danem..rk büßten eine Schuld, welche nicht größer und nicht besser begründet war, mit dem Tode. Spater sind zwar wegen der Aufstände in Paris am 5. und k. Zun. 1832 von den Gerichten einige Todesurtheile gesprochen, aber die Verurtheilten alle begnadigt worden und unfehlbar wird dasselbe in Ansehung der Unruhen in der Vendee geschehen, wenn bloß politische Verbrechen zu bestrafen sind. 'Aber andere gemeine Verbrechen, die Ermordung mehrer Beamten und Gutsbesitzer, Brandstiftung und Raub, welche mit den politischen Umtrieben verbunden waren, geben diesen freilich einen ganz andern Charakter, und in dieser Hinsicht ist zwischen den Theilnehmern an dem Aufstande vom 5. und k. Zun. und der Chouanerie ein sehr großer Unterschied. Bei den Zerstörern der Maschinen in England und den Brandstiftungen kam zunächst etwas Politisches gar nicht in Frage, obgleich auch da die Parlamentsreform und manche gesetzliche Bestimmung von politischer Natur mit im Hintergrunde lag. Der nächste Zweck war vielmehr fast überall nur Erhöhung des Arbeitslohns, welche, wie leicht einzusehen ist, weder durch die Wegschaffung der Maschinen noch durch Verordnungen erreicht werden konnte, sondern nur durch Ersparnisse in dem Staatshaushalt, Herabsetzung der Abgaben und durch tiefer in die Verhältnisse des Volkslebens, sowie in die Einrichtungen des Staats und der Kirche eingreifende Gesetze herbeigeführt werden kann. Daher wurde auch der innere Zustand des Landes erst dann ruhiger, als ein Ministerium gebildet wurde, von welchem man sich ernstere Bemühungen zu Abstellung der allgemeinen Volksbeschwerden und namentlich eine wirksame Beförderung der Parlamentsreform versprach; die Unruhen singen wieder an, sobald von einem Zurücktreten der jetzigen Minister die Rede war. Die Maßregeln der Strenge, wodurch man vorher jene unruhigen Auftritte zu unterdrücken gesucht hatte, die Hinrichtung einiger Maschinenzerstörer und Brandstifter in den am meisten aufgeregten Theilen des Landes, waren dagegen ohne Erfolg geblieben. Die Gesetzgebung und Rechtswissenschaft in Beziehung auf Hochverralh oder politische Verbrechen ist überhaupt auf dem alten Standpunkte geblieben, und die große Zahl sehr verschiedenartiger Fälle, welche hierher gerechnet werden müssen, ist nicht besser als vorher geschieden und unter feste Begriffe geordnet worden. D'.e Hochverrath 47.? englische Gesetzgebung über Hochverrath beruht noch immer auf einem Gesetze Eduards III- vom Jahre 1351, dessen Zweck schon war zu verhindern, daß nicht die geringfügigsten Handlungen für Hochverrath ausgegeben werden, und aus einem Gesetze Georgs III. von 1796. Darnach sind sieben Fälle des Hochverraths aufgestellt: 1) Versuch oder gefaßter Entschluß, den König, die Königin oder den Thronerben umzubringen, sobald nur irgend eine äußere Handlung, auch bloße Reden zu diesem Zwecke stattgefunden haben; 2) Unzucht mit der Königin, der ältesten noch unvermählten Tochter des Königs und der Gemahlin des Thronerben; Z) Ergreifen der Waffen gegen den König; 4) Übergang zur Partei des Feindes; 5) Nachmachen des großen Staatssiegels und des Eabinets- oder Handsiegels des Königs; 6) Falschmünzen unter dem Namen des Königs; 7) Mord an dem Großkanzler, dem Schatzmeister oder einem der Oberrichter in der Ausübung ihres Amts. Dazu sind denn noch einige Fälle durch besondere Gesetze hinzugefügt worden, welche sich zum Theil auf die katholische Religion und den Papst, zum Theil auf die Ordnung der Thronfolge bezogen. Die Reform der englischen Cri- minalgesetze, welche Peel unternahm, hat sich nicht auf den Hochverrath verbreitet, und nur die sonderbare und barbarische Strafe desselben (das auch in Deutschland gesetzliche Viertheilen, nur in etwas anderer Art) ist durch ein neueres Gesetz von 1814 gemildert worden. Nach älterm Recht sollte nämlich der Verbrecher auf einer Hürde zum Richtplatz geschleift, dort zuerst gehenkt aber lebend wieder abgenommen, an einen Pfahl gebunden, ihm die Eingeweide aus dem Leibe gerissen und vor seinen Augen verbrannt, endlich ihm der Kopf abgeschnitten und der Körper in vier Theile zerstückt werden. Das neuere Gesetz verordnet nun die Veränderung, daß der Verbrecher hängen soll, bis er todt ist, und alsdann soll erst der Kopf vom Rumpfe getrennt und der Körper zerstückt werden. Bei der Revision des französischen Strafgesetzbuchs 1832 haben dagegen die Bestimmungen über die Verbrecher gegen die innere und äußere Sicherheit des Staats bedeutende Änderungen erfahren. Die Consiscation des Vermögens ist im Allgemeinen aufgehoben, fallt also auch hier weg. Der Begriff des Attentats ist genauer gefaßt; vorher war jede äußere Handlung, welche auf das Verbrechen Bezug hat, schon ein Attentat, jetzt wird nur der Anfang der wirklichen Ausführung, nicht die bloße Vorbereitung, darunter verstanden. Das Complot, welches in mehren Fällen des Hochverraths (gegen das Leben und die Person des Königs und der königlichen Familie) mit dem Tode bedroht war, soll nur mit Deportation bestraft werden, wenn lchon eine äußere Handlung darauf erfolgt war, mit Gefängniß, wenn es nur bei dem Entschluß Zweier oder Mehrer zu handeln stehen geblieben war. Bloße Gespräche ohne Entschluß zu handeln sind gar nicht strafbar. Die Strafen, welche Ms die unterlassene Anzeige eines Complots oder eines von einem Einzigen gefaßten Vorsatzes eines Verbrechens gegen den König und den Staat gesetzt waren sovile pennl, Art. 103—108), sind gänzlich aufgehoben. In Deutschland haben sowol die von 1817 an geführten Untersuchungen wegen revolutionnairer Umtriebe, besonders gegen die Mitglieder des 1823 entdeckten Bundes der Jünglinge, als auch die neuem gerichtlichen Verhandlungen wegen der Vereine für Preßfreiheit, svtgm des hambacher und anderer Feste die sonderbarste Verschiedenheit in den Gesetzen der verschiedenen Lander und in den Ansichten der Gerichtshöfe an das Licht gebracht. Die Theilnehmer an der Verbindung, die 1823 entdeckt wurde, sind bei er vollkommensten Gleichheit Dessen, was sie gethan und verschuldet hatten, in dem ^"en Lande mit leichter Gefängnißstrafe von wenigen Wochen, in andern mit einem ^ mre, in noch andern mit sechs Jahren, endlich in Preußen mit fünfzehnjährigem Fe- ungSarrest bestraft worden, wovon sie auch wirklich den dritten Theil in den Festungen zugebracht haben. In den einzelnen Fallen sind die Urtheile noch abwei- H'Nder ausgefallen; diejenigen jungen Leute, welche sich am aufrichtigsten benäh- 474 Hoff ("Karl Ernst Adolf von) men, sind in der Regel am übelsten weggekommen, und dagegen sind andere, wclck- sich mit diesen in völlig gleichem Falle befunden haben, von Strafe und Kost^ gänzlich freigesprochen worden. Auch bei den spatern Processen hat sich eine gi«^. Divergenz der Ansichten und Urtheile ergeben. Einige Gerichte haben es ganz ^ gelehnt, sich im Allgemeinen über die Strafbarkeit der Vereine für Prcßfreiheit auszusprechen (Präsident von Feuerbach in der „Allgemeinen Zeitung", 1832, außerordentliche Beilage Nr. 442), andere haben auch diese schon für Hochverrath erklär! In einer darmstädtischen Verordnung wurden auf einen solchen Hochverrath Gesäng- nißstrafen von zwei bis acht Tagen und Geldbußen gesetzt. (Wem dies nicht beweiss wie nöthig für ein engverbundenes Staatensystem wie Deutschland dieAnnahmeei- nes gemeinschaftlichen Strafgesetzbuchs sei, für den, möchte man sagen, gibt es überhaupt keine Beweise.) Bei vielen dieser Entscheidungen und Erklärungen überHoch- verrath hat man es schon für strafbar gehalten, sich mit Andern zu dem Zwecke zu vereinigen, um durch gesetzliche Mittel eine Veränderung des Bestehenden zu bewirken, vornehmlich eine sogenannte geistige Revolution herbeizuführen. Dagegen ist von der andern Seite angeführt worden, daß es Niemand verwehrt ist, auf eine Veränderung der bestehenden Gesetze und der Verfassung hinzuarbeiten, wenn er sich dabei nur keiner rechtswidrigen Mittel bedient, keines Aufruhrs,-keiner Aufwiegelung der Bürger, keiner Verleumdung der Regierung, keines Mords und ähnlicher an sich unerlaubten Handlungen. Wenn er aber Überzeugungen verbreitet, aus welchen nach und nach eine solche Übereinstimmung in den Begriffen des Volkes und eine so bestimmte öffentliche Meinung entsteht, daß sie auf die Gesetze und die Staatseinrichtungen Einfluß gewinnen, so ist nicht abzusehen, was daran Unrechtes sein könnte, und wenn die verbreiteten Meinungen falsch sind, so muß man sie nur zu widerlegen suchen. Alle großen geistigen Revolutionen haben endlich auch zu politischen geführt, und die Hinrichtungen eines Sokrates, der ersten Verbreiter des Christenthums und so vieler Anhänger der Reformation haben weder den Entwickelungsproceß des menschlichen Geistes aufhalten noch dem gerechte Tadel der Nachwelt entgehen können. Daher ist es so wichtig, daß das englische Recht einen öffentlichen Act und das französische eine Verabredung zum wirkliche» Handeln fodcrt, selbst um die geringem Strafen in Anwendung zu bringen. (S. Politische Vereine.) (H Hoff (Karl Ernst Adolf von) wurde am 1. Nov. 1771 zu Gotha gebo- wo sein Vater 1801 als Geheimer Assistenzrath des gothaischen Minisieren riums starb. Nachdem er am Gymnasium zu Gotha Unterricht erhalten hatte studirte er von 1788 — 91 die Rechte zu Jena und Göttingen. Lichtenbergs und Blumenbach's Vorträge und der nähere Umgang mit diesen Männern nährten in ihm die schon früher erwachte Vorliebe für Naturkunde. Nach siina Rückkehr ward er bei der Kanzlei des gothaischen Ministeriums und bei dem gehet- men Hausarchive angestellt, und besonders in herzoglichen Hausangelegenheiten, auch zu manchen Sendungen gebraucht. Er erhielt 1812 die früher von seinem Vater bekleidete Stelle, und 1817 wurden ihm die Verhandlungen mit dem^ei- manschen Hofe über eine neue Organisation der gemeinschaftlichen Universität übertragen. Nach Abschluß eines Vertrags darüber und über eine bedeutend erhöhte Dotation dieser Anstalt wurde er von seinem Hofe zum Commissar für die Anger- genheiten der Universität ernannt. Nach dem Aussterben des Hauses Gotha -Altem bürg ernannte der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha ihn zum Mitglied simc Ministeriums und übertrug ihm die durch den Abgang des Geheimraths von Emdenau erledigte Curatel der Sternwarte Seeberg. Zu Ende des Jahres 182b erhielt er die gesuchte Entlassung aus dem Ministerium, und wurde, bei der urz darauf erfolgten neuen Organisation der gothaischen Landesbehörden, zum ^ rector des dasigen Oberconsistoriums ernannt. Seine schriftstellerischen Arbei t Hoff (Georg Will). Friedr. v.) Hossmann (Ernst Emil) 475 betreffen größtentheils Geologie, z. B. seine gekrönte Preisschrist: „Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberflache" i^Theile, Gotha 1822—24), auch hat er einige der deutschen und sächsischen Staatskunde angehörende Arbeiten geliefert. Hoff (Georg Wilhelm Friedrich von), Bruder des Vorigen, ward am 3. Febr. 1779 zu Gotha geboren. Er ftudirte die Rechte, verließ aber die, nach bestan dcncr Prüfung erhaltene Anstellung zu Gotha aus Neigung zum Kriegsstande und nahm Dienste bei der damaligen batavischen Republik. Er machte den Fcldzug d gegen Ostreich 1805 mit, und den preußischen in den I. 1806 u. 1807, wo er , ^ Colberg gefährlich verwundet wurde. Bald darauf zog ihn seine Neigung zum Seedienst, und er erhielt bei den Rüstungen in den Gewässern von Walcheren 1809 dus Commando eines Kanonenboots. Als diese Rüstungen durch die Unternehmungen der britischen Macht vereitelt wurden, trat er wieder in die Infanterie und wurde, nach der Vereinigung Hollands mit dem französischen Reich, zu einem französischen leichten Regiment versetzt. Mit diesem 1812 bis Wilna gelangt, rief ihn ein Befehl ab und ernannte ihn zum Adjutanten des auf des Insel Rügen comman- direnden Generals Anthing. Als solcher nahm er 1813 an der Schlacht bei Lützen Zheil, in welcher er schwer verwundet wurde. Nur unvollkommen geheilt, folgte er nach dem allgemeinen Rückzüge feinem General nach Strasburg. Nach dem Frieden wurde er wieder im niederländischen Dienste angestellt, und benutzte oie Muße des Friedens, um während eines einjährigen Urlaubs die große Armencolo- niemOmmerschanz cinzurichteü. Er lebt jetzt zu Vliessingen als Major und Platzcommandant, und hat mehre schriftstellerische Arbeiten im Fache des philosophischen Staatsrechts und der Volksbildung in deutschen und holländischen Zeitschriften geliefert. Seine neueste in holländischer Sprache verfaßte Schrift hat den Titel: „Uet Kluveu van lleriimerinF." Hoff (Heinrich Ernst Joseph von), Bruder der Vorgenannten, geboren zu Gotha am 29. Sept. 1782, kam schon in seinem fünfzehnten Jahre als Junker in das preußische Infanterieregiment von Götze zu Berlin und spater in das neuerrichtete Regiment von Wartensleben zu Erfurt. Er wohnte mit den Grenadieren dieses Regiments der Schlacht bei Auerstadt bei, und schloß sich nach der allgemeinen Zersprengung an das Winning'sche Corps an, bei welchem ihm vor Lübeck eine Kugel den Arm zerschmetterte. Nach seiner Genesung erhielt er den gesuchten Abschied aus dem preußischen Dienst als Hauptmann und nahm würtembergische Dienste. In diesen wurde er gleich zu Anfange des Treffens bei Eggloffs 1809 wieder schwer verwundet, aber ebenfalls glücklich hergestellt und vom König mit dem Militairverdienstorden belohnt. Auch diesen Kriegsdienst verließ er ein Jahr später und erhielt die Postmeisterstelle zu Biberach, später das ^berpostamt zu Tübingen, und einige Jahre nachher eine Stelle als Rath in der sürstlich Thum und Taxischen Generalpostdirection zu Frankfurt. Er hat viele Landkarten herausgegeben, darunter eine große Karte von Würtemberg und eine Wandkarte von Europa, deren jede aus mehren großen Blättern Hoffmann (Ernst Emil) wurde 1785 zu Darmstadt geboren, und nachdem er in mehren deutschen Städten, besonders in Hamburg, die Handlung "lernt hatte, errichtete er 1806, ohne eignes Vermögen, ein Handelshaus in ^armstadt, das er aber späterhin, als er durch seine rastlose Thatigkeit in eine gunstigere Lage gekommen war, wieder aufgab. Seitdem übernahm er Lieferun- g'u, besonders für das Kriegswesen, hatte Verkehr in Staatspapieren und machte ^"anlagen zur Verschönerung seiner Vaterstadt. Er war 1813 bei der " greinen Landesbewaffnung der erste vollständig gerüstete Landwehrmann, aber " Wügte sich nicht selbst die Waffen zu ergreifen, sondern rüstete auch auf eigne 476 Hoffmann (Ernst Emil) Kosten mehre Jager vollständig aus, und sicherte ihnen für Unglücksfalle lebenslängliche Pensionen zu. Große Opfer brachte er 1821, und in Verbindung den Griechenfreunden in Darmstadt, Stuttgart und Basel unterstützte er ein'cln. nach Griechenland wandernde Philhellenen, reiste auf eigne Kosten als Bevollmächtigter sammtlicher Vereine nach Marseille, um die Einschiffung derselben!» besorgen, und verschaffte durch seine ausgebreiteten Verbindungen den Vereinen ansehnliche Beiträge. Seit 1820 die neue Verfassung in Wirksamkeit trat, ^ H. einer der Thätigsten, dem Volke den Genuß seiner Rechte zu sichern, anfänglich als Wahlmann, später in einem umfassendem Kreise. Als auch in Hessen dieRe^ tion sich erhob und heimlich oder offen gegen die junge Freiheit arbeitete, als Verdächtigungen und Verfolgungen gewöhnliche Waffen gegen unerschrockene Manner dcz Volks wurden, fand sich leicht ein Vorwand, H. eines Verbrechens beleidigter Majestät zu beschuldigen, und ihn wegen angeblicher Einmischung in die Wahlen derAb- geordneten in eine Untersuchung zu verwickeln, die drei Jahre lang verzögert wurde,'j Endlich 1829 von der Anklage freigesprochen, trat er, von dem Vertrauen seiner Mitbürger berufen, als Abgeordneter in die Kammer, wo er durch seine Thätigkeit, seine Vaterlandsliebe, seinen lebendigen Eifer für gesetzliche Freiheit, großen Einfluß gewann. Während des Landtags von 1829 — 30 gingen mehre der wichtigsten Antrage von ihm aus. Er foderte Preßfreiheit für alle Erörterungen über inlandische Angelegenheiten. Er war es, der am 17. Jun. 1830 seine Stimme für die Aufhebung des Cölibats erhob, die von der badischen Kammer Katholiken gefedert halten, hier aber ein Protestant verfocht. Sein Antrag ging dahin, die Regierung zu ersuchen, auf geeignetem Wege die nöthigen Schritte zur Aushebung des Cölibats zu thun, aber auch zu erklären, daß, wenn binnen einer gewissen Zeit der Erfolg ihre Erwartungen nicht erfülle, sie es alsdann nach ihren Befugnissen nur dem Gewissen der katholischen Geistlichen überlassen werde, sich mit Zustimmung der überwiegenden Mehrheit der Gemeindeglieder zu verehelichen, und jene wie diese ihren Schutz gegen alle Beeinträchtigungen genießen sollten. Der Berichterstatter des Ausschusses der zweiten Kammer, Graf Lehrbach, fand zwar den Grundsatz, auf welchen der Antrag sich stützte, richtig, wendete aber dagegen ein, daß nach Ubereinkunft der Regierung mit dem Papste das Bestehende in der katholischen Kirche, wozu auch der Cölibat, obgleich nur Disciplinarsache, gehöre, unter ihren Schutz gestellt sei. Er hielt, da Hessen zur oberrheinischen Kirchenprovinz gehöre, einzelne Schritte für erfolglos, und machte den Antrag, die Regierung mit den Wünschen der Stände bekannt zu machen, und sie zu ersuchen, mit andern Staaten über diese Angelegenheit Unterhandlungen anzuknüpfen. H. stimmte dieser Ansicht bei und ließ seinen ursprünglichen Antrag fallen. Strenger nahm der Berichterstatter in der ersten Kammer, Freiherr von Gagern, diese Sache. Er bedauerte, daß der Antrag ausgesprochen worden, erwünschte, daß die Unterhandlung über diese Angelegenheit von katholischen Machten ausgehen möchte, damit von den protestantischen Regierungen jeder Schein einer Einmischung in kirchliche Satzungen entfernt werde, ja er girch, seltsam genug, so weit zu sagen- wenn - Katholik wäre, so würde er bei der herrschenden Übervölkerung und Nahrungslostß- keit vorschlagen, den Cölibat bei den protestantischen Geistlichen wieder einzusuo- ren, und schloß mit der Auffoderung, den Antrag zu verwerfen, was denn am geschah. Als im Oct. 1830 die aufrührischen Bewegungen gegen die anstellten ausbrachen, erließ H. einen Aufruf an seine Mitbürger, worin er die am- tung vor dem Gesetze mit Wärme einschärfte, und darauf hindeutete, daß die Mauthabgaben größtentheils von der reichern Volksclasse getragen würden un *) K. seine „Aktenmäßige Darstellung nebst Vertheidigung in Untersuchungssa^ > gegen E. E, Hsffmann :c." (dritte Aufl., Darmstadt 1829) und „Krin che leuchtung der Aktenmäßigm Darstellung ?c." (Heidelberg 1829). Hoffmann (Georg Ludwig) 477 wenn sie wegfielen, die Armem den dadurch entstehenden Ausfall in der Staats- ^nahme decken müßten. Man misverstand seine Worte als eine Verteidigung der Mauthanstalt. Er sagte darauf in einer andern Erklärung, daß er im Allge- ineinen ein Feind solcher Anstalten sei, daß er sich zuerst der Verbindung angeschloft , ^ habe, welche die Handelsfreiheit im Innern Deutschlands auf gesetzlichem ^ ^ ^ Wege erstreben wolle, daß aber durch Aufruhr und Brand sie zu bewirken nur Benuchte wollen können. Nach den unglücklichen Vorfallen in Södel (s. Heft sen) war er vor Andern eifrig bedacht, sich der Verwundeten anzunehmen. H. ^ndi^ ehielt einen neuen Beweis der Achtung seiner Mitbürger, als er 1831 bei der Bürgermeisterwahl zu Darmstadt durch zwei Drittheile der Stimmen gesetzmäßig gewählt wurde, aber die Regierung verweigerte die Bestätigung. Gleich nach der MWU Eröffnung des Landtags machte er, am 8. Der. 1832, einen Antrag, der auch außer Hessen lauten Anklang fand. Er foderte die Stände auf, ge- gen jeden Versuch, die Rechte des Fürsten, der Stände und des hessischen Volks Willis, ^beschränken, eine Verwahrung einzulegen und die Unabhängigkeit des Staats liWtzü v gegen jede Einmischung der Bundesversammlung aufrecht zu erhalten. Zu gleich» KG cher Zeit trug er auf die unbedingte Gewährung der Preßfreiheit nicht bloß für in- kHWj. landische Angelegenheiten an. H. ist Herausgeber der viel verbreiteten Zeitschrift: „Das hessische Volksblatt". HrM Hofsmann (Georg Ludwig) ward am 15. Oct. 1765 zu Meisenheim lMllM geboren, das damals zu Pfalz-Zweibrücken gehörte und jetzt der Hauptort des RtzMM W5 für Hessen-Homburg gebildeten Fürstenthums ist. Nachdem er in seiner mMW Viterstadt den ersten Unterricht erhalten hatte, kam er 1782 nach Trarbach, wo chiliM er das Gymnasium besuchte, und ftudirte darauf von 1783 — 86 in Gießen, dem WM Geburtsorte seines Vaters, der pfalzzweibrückischer Landschaftscommissar war. Wim:! ^ widmete sich seinem Berufstudium, der Rechtswissenschaft, mit geringerm Mmb Eiser als den Staatswissenschaften, zu welchen er theils durch die Aufregung, die skMchi Amerikas Revolution in ihm erweckt hatte, theils durch die väterliche Liebe, die der schwärmerisch-philanthropische Schlettwein ihm schenkte, hingezogen wurde, ^eich nach Vollendung seiner Unrversitätsstudien ward er bei dem Rentamte in MM» Zweibrücken, 1789 als Waisenschreiber bei dem Oberamte daselbst angestellt. Diese Km, M'l verlangte mehr rechtswissenschaftliche Kenntnisse als H. besaß, und er suchte HenMU dm Mangel so eifrig zu ersetzen, daß er sogar Neigung zu diesem Studium gewann, KsM» die Staatswissenschaften zu vernachlässigen. Er wurde 1790 auch Asseft A niii aiü» ^ bei dem protestantischen Oberconsistorium. Als die Franzosen das Land besetz- ^ H, M wanderte H. mit seiner Familie aus und verlor den größten Theil seines Ver- Der zweibrückische Minister Salabert empfahl ihm, als die Verwal- ^ ^ des Landes geordnet wurde, dem französischen Beamten, und später wurde .-wMdil und allen Beamten von dem herzoglichen Cabinet befohlen, bei der neuen Einrichrung sich um Stellen zu bewerben, und sich zu bemühen, die Unterthanen külM w Gehorsam gegen die herzogliche Regierung zu erhalten, wobei man ihnen große ! Ä ^ ^pwchungcn machte, die aber am Ende nicht erfüllt wurden. H. erhielt gegen seine ^ung die Stelle eines Notars, die er viele Jahre verwaltete, und die ihm Ge- ^"cheü gab, die Eigenthümlichkeiten, Sitten und Vorurtheile der verschiedenen hBl» ollsclasscn, die Bedürfnisse der untern Stände und die Gebrechen der Gesetze > und ^taatseinrichtungen kennen zu lernen- Er wurde 1815 von der gemeinschaft- "streichisch - dänischen Landesverwaltung zum Appellationsgerichtsrath in weibrücken ernannt und der König von Baiern bestätigte ihn später in dieser w Tod vier trefflich gebildeter Söhne versetzte ihn in eine trübe die er durch wissenschaftliche Beschäftigungen neben sci- iu zerstreuen suchte. Er hatte schon früher Vorarbeiten ^ andern Entwürfe zu den Vorlesungen, die er seinen Söh- 478 Hoffmann (Johann Gottfried) nen hielt, jedoch ohne die Absicht als Schriftsteller aufzutreten. Eine seiner Gm Leistungen war eine Beurtheilung der Schrift: „I)u principe conservateur" Zschokke's „Uberlieferungen" für 1821. Darauf folgten „Untersuchungen über die wichtigsten Angelegenheiten des Menschen als Staats - und Weltbürger" 0 Bde., Zweibrücken 1830). Andre" s Preisaufgabe veranlaßt? die Schrift) , ?),? staatsbürgerlichen Garantien, oder über die wirksamsten Mittel, Thrones» Empörungen und die Bürger in ihren Rechten zu sichern", die zuerst im „H'spe- rus", darauf einzeln (Stuttgart l 828) und in einer umgearbeiteten Auflage in zwei Banden (Leipzig 1831) erschien. Er nahm für kurze Zeit Antheil an Siebenpfch fer's Zeitschrift: „Rheinbaiern", aber diese, auf einige Bemerkungen und den Anfang eines Aussatzes über das Cafsationsgericht in Zweibrücken beschrankte Theilnahm- zog ihm viele Unannehmlichkeiten zu. Man hatte die Absicht, ihn nach Altbaiern zu versetzen, im Jan. 1831 wurde jedoch durch ein Schreiben an den Generalprocurator des Appellationsgerichts dieser Entschluß zurückgenommen, in der sichern Erwartung, wie es hieß, daß H. durch ein ernstes, dem Richteramt angemessenes Benehmen das gegebene böse Beispiel wieder gut machen werde. (jch Hoffmann (Johann Gottfried), wirklicher geheimer Oberregierungsruth und Mitglied des Staatsraths seit 1817, Direktor des statistischen Bureaus, und ordentlicher Professor der Staatswissenschaften an der Universttat zu Berlin seit 1810, ward am 19. Jul. 1765 zu Breslau geboren. Er war seit 1790 Lehm am Collegium Fridericianum zu Königsberg, seit 1792 Disponent der Pinnau - schen Fabriken bei Melau, dann seit 1801 Lehrer an der Kunstschule zu Königsberg und Obermühlenbauinspector, seit 1803 Assessor bei der ostpreußischen Kriegs- und Domainenkammer, seit 1807 ordentlicher Professor der Kameralwissenschaf- ten an der Universität zu Königsberg, hierauf seit 1808 Staatsrath in der Gc- werbesection des Ministeriums des Innern, wurde dann 1812 Mitglied des Jm- mediatsinanzcollegiums, 1813 vortragender Rath bei dem Staatskanzler, endlich 1816 geh. Legationsrath und vortragender Rath im Ministerium der auswärtiger Angelegenheiten. Als Gelehrter und Staatsmann nimmt er im preußischen Staate eine gleich ehrenvolle Stellung ein. Von früh an die Theorie mit der Praxis verbindend, wie es das von ihm gewah-te Fach vor andern erfodert, hat er in erster Hinsicht sowol durch seine Schriften als durch öffentliche Vortrage, unter welchen sich namentlich die über Statistik und Finanzwissenfchaft durch den glücklichen Standpunkt als Staatsbeamter, der ihm stets die besten und neuesten Übersichten darbietet, und durch seine eigenthümliche Sorgfalt, die auch die detaillirtesten Notizen zum Ganzen als Theile sammelt, vorzüglich auszeichnen, erfolgreich gewirkt Unter den Schriften, welche ihm das Publicum verdankt, sind namentlich anzuführen: „Die Berechnung und Benutzung des Bauholzes" (Königsberg 1799): „Der Wassermühlenbau mit besonderer Rücksicht auf Mahlmühlen" (Königsberg 1800); „Das Interesse des Menschen und Bürgers bei den bestehenden Aunst- verfassungen" (Königsberg 1803); „Übersicht der Bodenflache und Bevölkerung des preußischen Staats" (Berlin 1818, 4., zweite Aufl. 1819); „Beitrage zur Statistik des preußischen Staats" (Berlin 1821, 4.). Einige Aussatze lleftr" er in die „Annalen des Königreichs Preußen" und in das „Preußische Archiv". Sei längerer Zeit hat er Vorarbeiten zu einer Finanzgeschichte des preußischen St.uk gemacht. Was seine Wirksamkeit als Staatsbeamter betrifft, so liegt es in der Natur der Verhaltnisse und der natürlichen Bescheidenheit des Mannes, daß diestl cn nicht so genau von dem Mitwirken Anderer auszuscheiden sind; doch gibt davon vor Allem die Thatigkeit des unter seiner obern Leitung stehenden statistischen Bureau-, selbst nach dem Tode des Staatskanz-lers von Hardenberg, der auch hier rve lhatig und belebend wirkte, ein schönes Zeugniß. Was er als Mitglied desStaa raths, als vorherrschend einflußreicher Mitarbeiter an der zu erwartenden neue >« Hofmann (August, Freiherr v.) Hofmann (Heinrich Karl) 479 - Gewerbordnung und als thätiger Beirath zu dm zeitgemäßen Handelsverbindun- k«.en durch praktische Kenntniß und wohlbegründete Vorliebe für Handels- und Ge- d,verbfreiheit gewirkt, ist bereits hervorgetreten und wird künftig noch mehr sich er- ie lieben. Hofmann (August, Freiherr von), großherzoglich hessischer Präsident des . Finanzministeriums, geboren zu Nidda in der Provinz Oberhessen, begann seine Laufbahn als Advokat zu Darmstadt, wurde darauf Fiscal, später Oberappella- ^>»!' tionsrath, 1819 geheimer Referendar bei dem Ministerialdepartement der Finan- ^ dann geheimer Staatsrath, 1827 in den Freiherrnstand erhoben, 1829 nach dem Tode des Staatsministers von Grolman zu seiner gegenwärtigen Stelle be- fördert und zugleich zum wirklichen Geheimrath ernannt. Schon als Anwalt zu Mbchn,!. diplomatischen Sendungen gebraucht, fand er später noch mehr Gelegenheit, sein Talent zu üben, als ihm 1824 der Abschluß des Zollvertrags mit Baden uns l828 der Übereinkunft mit Preußen aufgetragen wurde. Die Herabsetzung des iWhM Zinsfußes der Staatsschulden auf vier Procent, die Ordnung des ganzen Staats- fls schuldenwesens, die Einrichtung des Abgabensystems und des Finanzwesens über- Haupt im Einklänge mit den neuen Formen der Verfassungsurkunde, verdanken mBuWs r ihm sehr viel. Er hielt stets, auch wenn er die tüchtigen Talente untergeordneter !t jM» Beamten benutzte, den Faden in der Hand. Auf den frühern Landtagen lohnte MM seine thätigen Bemühungen ein guter Erfolg, und wenn dies auf dem Laudtage nt dH» von 1829—30 weniger der Fall war, so lag der Grund theils in dem Einflüsse HMK. des vorgerückten Alters, theils aber auch in der Natur der Gegenstände, die er zu MM- behandeln hatte, wozu besonders die Vertheidigung der Anträge der Regierung «MW über die Civilliste, die Apanagen und Gebührnisse der Glieder des fürstlichen Hau- MHM sis gehörten. (S. Hesse n.) Hier verließ ihn oft nicht nur die dialektische Gewandt- MzlWx heit, sondern auch die Ruhe; er erlaubte sich persönliche Reizungen, verwickelte MchF sich und konnte endlich doch nicht retten, was er vertheidigen sollte, oder doch die OMR gemachten Foderungen nicht völlig durchsetzen. Er ist vor Kurzem auch als Schrift- ßeller aufgetreten, indem er durch seine „Beiträge zur nähern Kenntniß der Gesetz- gebung und Verwaltung des Großherzogthums Hessen" (Gießen 1832) die hes- Miil chi sischen Ministerien seit 1806, und besonders die jetzige Verwaltung, wie überhaupt das System der Regierung, als vorzüglich darzustellen und die entgegengesetzten 'kn gM Ansichten zu berichtigen versuchte. Das Publicum legte jedoch noch mehr Ge- sWWP ""chtauf dje j„ dieser Schrift entwickelten staatsrechtlichen Ansichten, die Man- ^ geradezu für volksfeindlich erklärte, wenigstens kann nicht geleugnet werden, daß aus denselben eine, durch Verdächtigung oder offene Anklage sich zeigende Ab- ^ung gegen Volksfreiheit und Repräsentativsystem hervorleuchtet. Eine kräf- ^ ^ Erwiderung gab das „Freimüthige Sendschreiben an S. E. Herrn Präsidenten ÄßD' ouuberrn von Hofmann" (Offenbach 1832), das viel Aussehen machte und dem ^fm-strath und Professor Hundeshagen zu Gießen zugeschrieben wurde. (16) . Hofmann (Heinrich Karl) wurde am 31. Mär; 1795 zu Neckarsteinach, ^ Mi' > damals mainzischen, jetzt zum Großherzogthum Hessen gehörenden Orte ge- ! lK ^ und nachdem er auf dem Gymnasium zu Darmstadt den ersten Unterricht ' I! ^ ^atte, studirte er bis 1815 die Rechtswissenschaft zu Gießen und Heidel- ^ worauf er 1816 bei dem Sekretariat des Hofgerichts in Darmstadt und ^ Hafgerichtsadvokat angestellt wurde. „Meine Jugend", sagte er selbst unten anzuführenden „Beiträgen", „siel in eine vielfach bewegte Zeit; auch H^rde von ihr ergriffen und sortgerissen, zu keiner Handlung, die ich bereuen über zu sehr vielen, die man mich schwer entgelten ließ. Die Grundsatz-', Meine Jugend begeistert hatten, erhielten im Kerker, in der Verbannung ja ^^langer Trennung von Allem, was dem Menschen hienieden lieb und heilig ausrecht; sie haben sich mir in Freude und Leid bewährt." Er war mehre 480 Hogg Male in Untersuchungen wegen angeblicher demagogischer Umtriebe verwickelt' erst 1820 in Beziehung auf die in Erbach ausgebrochenen Unruhen, spater (jz^ nach seiner Verheirathuna wegen der erfurter VerschwörungSgeschichw und Bundes der Alten und Jungen. Er wurde zur Confrontation mit mehren angeblichen Mitschuldigen nach Köpenick (s. d.) gebracht und dort nebst dem richtsadvokaten Rühl aus Darmstadt zurückbehalten, bis es endlich 182H der^, herzoglich hessischen Regierung gelang, seine Wiederauslieferung zu bewirken. A- gen Bürgschaft seiner Haft in Darmstadt entlassen, ward er später (im April ZM von dem Provinzialgerichtshof daselbst in der zweiten Untersuchungssacht von dem ihm angeschuldigten Verbrechen und der Bezahlung der Untersuchungskosten freigesprochen. Er wurde vor der Eröffnung der jetzigen Standeversammlung M Abgeordneten erwählt, wozu er oft in öffentlichen Blattern war vorgeschlagen w- den. Bei mannichfaltigen Kenntnissen und Talenten, der schriftlichen Rede mächtig, besitzt er, auch im Genüsse eines anstandigen Vermögens, die nöthige Unabhängigkeit, um in dieser neuen Laufbahn wirken zu können. Seine Schrift „Deutsche Volksgeschichten aus dem Jahrhundert vor und nach Christi Gebmi" (Heidelberg 1821), ist nicht sowol ein streng geschichtliches Werk als ein Volksbuch und in diesem Sinne sehr ansprechend. Während seiner Gefangenschaft schrieb a „Übersicht der Geschichte des Großherzogthums Hessen" (Darmstadt 1828). Erst seit seiner Freisprechung zeigte er eine regere schriftstellerische Thätigkeit, th.ilSin verschiedenen Zeitschriften, theils in seinen „Beitragen zur Erörterung vaterlanbi. scher Angelegenheiten", von welchen bis jetzt der erste Band (Darmstadt löZ!) erschienen ist. Diese Schrift, .die größtenteils nur Arbeiten des Herausgebers und viel Freisinniges und Wahres enthalt, ward in Preußen verboten, und dies hat dazu beigetragen die Verbreitung derselben zu hindern, vielleicht aber auch der Umstand, daß H. bei aller Freisinnigem in mehren Punkten die richtige Mitte hält, strenge über Belgien spricht, das strasburger „Consiitutionnelle Deutschland" m- urtheilt, und die Anlehnung der süddeutschen constitutionmllen Staaten an Frank reich, wenn sie vielleicht von Preußen sich zurückziehen müßten, nicht für möglÄ hält. Von seinen „Versuchen in Bearbeitung des römischen Rechts" sind zwei Hefte (Darmstadt 1830 — 31) erschienen. Seit dem April l8i2 gibt er die m Darmstadt erscheinende Wochenschrist „Der Beobachter in Hessen und am Rhein" heraus. (bfi) Hogg (James), der Ettrick - Schafer, ward am 25. Jan. l7geboren, in einer romantischen Gegend des südlichen Schottlands, Ettrick Wald genannt, eine gebirgige, großartige Landschaft, meist wild und rauh wie der Nim ihrer ehemaligen Bewohner. Sein Vater, ein Landwirt!) und Schafzucht», vcn unverdientem Misgeschick verfolgt, hatte ein kleines Pachtgut in dieser öden Gegend und war zu arm, seinen Kindern mehr Unterricht und Bildung zu geben, a!S was er selber und seine wackere Frau in den Abendstunden ihnen mittheilen konnten; doch die fromme Gesinnung, die sie beseelte, suchten sie früh in den jungen^ müthern zu erwecken. In seinem siebenten Jahre genoß H. während einiger Me- nate dürftigen Schulunterricht, mußte aber bald nachher in die Emsamkut ba Berge ziehen, Kühe zu hüten. Später ward er Schafhirt. Fern von mens - liehen Blicken und menschlichen Tönen, hörte er nur den Gesang der und in dem Rauschen der Ströme glaubte er die Stimmen unsichtbarer Gch.cc jn vernehmen, die durch die Thäler schwebten. Unter solchen Umgebungen mußte empfänglicher Geist mächtig angeregt werden, und lange vorher, ehe er eine geschrieben, entströmten seiner vollen Brust die Gedanken und Gefühle, die r»U' Worte finden konnten. Die alten Lieder und Sagen, die in Südschottland dam« noch mehr als jetzt im Munde des Volks lebten, die Erinnerung an die Kriege ^ Grenzbewohner, d-e alte heimische Stammverfassung, die das Volk, meisi no, Hogg 48 l eil, tzilj izi'Wllit- Hirtenstande gern erhalten mochte, all Dies nährte die lebendige Phantasie des Knaben. Schon in früher Jugend bildete er alte Sagen nach oder brachte sie in rohe Reime. So wuchs er als Hirt auf, oft mit harter Noth kämpfend. Seinen geringen Dienstlohn brachte er seinen Altern, als er aber in seinem vierzehnten Jahre einige Schillinge erspart hatte, kaufte er sich eine alte Geige und nach vollbrachtem Tagewerk spielte er dann seine schottischen Lieblingsmelodien. Die Landleute in der Waldgegend, bei welchen er diente, kümmerten sich wenig um den träumerischen Reimer und gaben ihm noch weniger Beifall, da das ernste Volk zu jener Zeit Reimen für nicht viel Anderes als ein Mittelding zwischen Müssiggang und Sünde hielt. In seinem achtzehnten Jahre war er kaum fähig seinen Namen zu schreiben, und selbst im Lesen so ungeübt, daß er, als ihm das Leben des schottischen Helden Wallace und der „dentis süeptrerck" in die Hände fielen und ihn machtig anzogen, sie doch lieber in Prosa oder wenigstens in der einfachen Versart der jchottischen Kirchenpsalmen gelesen hätte, so schwer wurden ihm die Verse, da er bei der nächsten Zelle den Reim der vorhergehenden vergessen hatte. Sein reger Lern- trieb führte ihn bald weiter und er ließ keine Gelegenheit unbenutzt, sich auszubilden. Ein wohlwollender Dienstherr, bei welchem er seit 1790 mehre Jahre zubrachte, lieh ihm Bücher und H. lemte bald Alles was er las verstehen. Seine ersten Versuche, Verse niederzuschreiben, entstanden 179Z und Übung machte ihn nach und nach mit Sprache und Versbau vertrauter. Seine ersten Arbeiten waren Schafergedichte und schottische Balladen, schon 1795 aber wagte er sich an ein Lustspiel in fünf langen Akten, das in den ländlichen Versammlungen zu Ettrick, wenn er es vorlas, immer mit lautem Beifallgelächter aufgenommen wurde. Er schrieb dieses Stück mitten unter seiner Heerde. Ehe er auszog, steckte er einige zusammengeheftete Bogen Papier in die Tasche, und statt des Dintenfasses diente ein kleines Glas, das er in seinen Brustlatz schob, mit einem Stöpsel an einem Bindfaden. So ausgerüstet, benutzte er jeden Augenblick, wo seine Schafe ihm Ruhe ließen, und setzte sich nieder, um seine Gedanken aufzuschreiben. Auch spater blieb er der Gewohnheit treu, wenn er Prosa schrieb, immer die Feder in der Hand zu halten, um die aufsteigenden Gedanken schnell hinzuwerfen. Ganz anders wenn er Verse machte. Auch das längste Gedicht entwirft und arbeitet er bis ins Einzelne im Geist aus, ehe er es niederschreibt, und ist es niedergeschrieben, so läßt er sich nicht leicht dazu bringen, nur eine Zeile zu ändern. Schon zu jener Zeit lernte er Walter Scott kennen, welcher, Balladen und Legenden für sein „Alin- streif of tke 5eottisli dvrcker" sammelnd, Wanderungen machte, und bei dem armen Schafer, den er in einem wilden einsamen Thale traf, einen reichern Vorrath fand als im Gedächtnisse des ganzen Grcnzlandes. H. faßte nach und nach eine höhere Meinung von seinem dichterischen Vermögen, und dem feurigen Geiste vertrauend, der ihn beseelte, nahm er einst seine Handschriften mit, als er seine Schafe aus den Markt nach Edinburg brachte. Er ließ 1801 auf seine Kosten einen Band Gedichte drucken, die Niemand kaufte, Niemand beachtete, und so kam er mit einigen Büchern, aber ohne Geld, in seine Waldheimath zurück. Walter Scott, dessen Dichtungen H.'s Geist noch mehr angeregt hatten, ermunterte den Sänger dem ersten unglücklichen Versuche, und ihm verdankte es H., daß seine nächste Dichtung: ,,'IAe monnwm barck", und sein Buch über die Schafzucht ein Glück wachten, das alle Erwartungen des Schäfers übertraf. Er gewann damit 300 Uund! so unerschöpflicher Schatz in seinen Augen, daß er zwei nicht undedeu- !>nde Pachtungen übernahm, deren Bewirthschaftung ein zehnfach größeres Eapi- ^ Äderte. In kurzer Zeit war sein Verderben entschieden. Er überließ seine A. Gläubigern und kehrte nach Ettrick zurück, um wieder zu dienen, aber ^mand wollte dem Poeten und verdorbenen Pachter Schafe anvertrauen. Er einen ganzen Winter ohne Beschäftigung, ohne Geld zugebracht, da warf ^onv.^ex. der neuesten Seit und ?.'ttratur. 0. 31 482 Hogg er im Febr. 1810 verzweiflungsvoll sein Plaid um die Schultern und wanderte nach Edinburg, um als Schriftsteller sein Glück zu versuchen. Aber dort wurden, wie er sagt, seine Dichtergaben nicht höher geschätzt, als seine Schaszüchter- kenntniß in Ettrick. Vergebens klopfte er an bei Buchhändlern und bei Herausgebern von Zeitschriften. Eine Wochenschrift: „Der Spion", war sein erster Versuch, der anfänglich guten Erfolg versprach, aber einige anstößige Stellen im dritten oder vierten Stücke verscheuchten viele Theilnehmer und das Blatt erhielt sich nur ein Jahr. Eine lange und schwere Krankheit erhöhte die Noch des Verlassenen. Er arbeitete sich indeß durch alle Bedrängnisse, bis er 1813 mit seiner Dichtung „l'lle Hueeo's waice" auftrat, die ungemeinen Beifall fand. Es ist eine Reihe von Balladen, die Maria Stuart in Holyrood von Barden und Harfnern aus dem Hochlande und Südschottland sich erzählen läßt, welche um dm Preis, eine silberne Harfe, sich bewerben. Diese Balladen geben der Dichtung allein Werth und unter ihnen ist „Kilmeny" ausgezeichnet. Die Unredlichkeit seines Verlegers brachte H. um den Ertrag der ersten Ausgaben und er mußte neue Anstrengungen machen. Seine nächsten Gedichte „l'tre piigrims ol tlle sun" (18W), und ,Mackor ol tiie moor" (1816) machten nicht viel Glück. Sein Plan, eine Sammlung herauszugeben, die eine neue Dichtung von jedem lebenden britischen Dichter enthalten sollte, wurde durch Scott's beharrliche Verweigerung eines Beitrags vereitelt, was ihm H. lange nicht verzeihen konnte. Später trat er mit dra- matisirten Erzählungen („Dramatik wies") hervor, die wenig ansprachen. Als er mit seiner Zeitschrift verunglückt war, entwarf er den Plan zu einer andern, den darauf sein Freund und Verleger, Blackwood in Edinbmg, in dem reichhaltigen „Diadrwoock's Lckintmrßch magazckne" durch Professor Wilson ausführen ließ. In dem geistreichen stehenden Artikel dieser Monatschrift ,Moctes ambrosianae" ist die stereotype Figur James Hogg, eine ideale Schöpfung des Herausgebers, dem Ettrick-Schäfer wenig ähnlich, dem dieser Gebrauch seines Namens oft unangenehm geworden ist. Sein Ruf war indeß, trotz spätem verfehlten Bestrebungen, durch seinen Balladenkranz gegründet und man betrachtete ihn als eine Art von literarischem Wunder. Der verstorbene Herzog von Buccleugh überließ ihm ein kleines Pachtgut, in einem einsamen Thale am Narrow, unter so günstigen Bedingungen fürH. und seine Erben, daß eres als sein Eigenthum ansehen konnte. In diesem Besitzthume hat er neben den ältern Gebäuden ein freundliches Haus errichtet, ^Itrive, wo er jetzt wohnt. Die ländlichen Beschäftigungen konnten ihn indeß nicht von schriftstellerischer Thatigkeit abziehen. Als er seine dramatischen Versuche herausgab, hatte er, nach seiner naiven Erzählung, die Absicht, jährlich ein Schauspiel zu dichten, in der Hoffnung, es allmälig zur Vollkommenheit z» bringen, wie die Lehrjahre zum Lebensberuf bilden. Der ungünstige Erfolg brachte ihn davon ab, ja er faßte den Entschluß, die Poesie ganz aufzugeben, und ließ cm episches Gedicht: „(jueenDvncke", liegen, das er erst später vollendete und herauf gab. Er schrieb seitdem viele Erzählungen in Prosa, theils Wunderlegenden, the> anziehende Schilderungen des schottischen Volkscharakters, z. B. „Ibe os kockskeck" (1818), eine seiner besten; ,Mmter evemnx wies" (low), Mtre tirree periis «L man; nr >var, >vomen, anck witeircratt" (182?), „ timee periis of ^vnman; or iove, ieasing (izänA), anck jeaious^" viele Erzählungen in „Riacievvoock's ma^a^ine", die er unter dem Titel. „ -llepirerck's caiencker" (2 Bde., 1839) sammelte. Nach dem Gange, N)M seine Bildung genommen, war seine Neigung vergangenen Zuständen zugewen >, die seine Phantasie verklärte, und bei seinem abgeschiedenen Leben konnte tt der beschränkten Weltansicht kommen, aus welcher seine starren Twryörundsatze ^ vorgegangen sind. Wie er früher mit Liebe die alten Lieder der Anhänger des . fes Stuart in Mke ckacndite reiics nf Scotiavck (1819 — 21) sammelte u Hölderlin 483 mit eignen Zugaben in gleichem Geiste vermehrte, so gab er in der neuesten Zeit in ^ queer book" (Edinburg 1832) Gedichte gegen die Emancipation der Katholiken und gegen die Reformbill. Aus seinem Bildungsgange laßt sich auch sein schriftstellerischer Charakter erklaren. Ein tiefes poetisches Gefühl, eine reiche und kräftige Phantasie neben Nohheit und Ungeschmack zeigen sich in seinen metrischen wie in seinen prosaischen Werken; bei anziehender Erfindung, lebendiger Schilderung der Volkseigenheit und geschickter Spannung des Interesses, Mangel an Haltung in den Charakteren. Man hat nicht mit Unrecht gesagt, er fei in der Märchenwelt heimischer als in der wirklichen. Seine äußere Lage ist in der neuesten Zeit wieder ungünstig geworden. Nicht gewitzigt durch früheres Misgeschick, hatte er in seinem Thale ein Pachtgut, Mount Benger, übernommen, das er mehre Jahre bewirthschaftete, bis er 1830 in drückende Verlegenheiten gerieth, die seitdem durch den Bankrott seines Verlegers so sehr gestiegen sind, daß seine Freunde den Plan entworfen haben, „I'lle Hueen's nake" in einem neuen Abdruck auf Unterzeichnung, zu einer Gumee das Exemplar, bei Murray herauszugeben, und es eröffneten sich günstige Aussichten für das Unternehmen, da H. in London, das er im Frühling 1832 besuchte, Thcilnahme und hohe Auszeichnung gewonnen hat. Er selber begann eine Sammlung seiner Schriften in 12 Bänden, unter dem Titel: ,Mrive tslos", deren ersten Band (London 1832) er mit einer höchst anziehenden Geschichte seines literarischen Lebens eröffnet. H. ist noch rüstig und kräftig, schlicht und bäuerlich in Sitte und Tracht. Sein blühendes, gutmüthiges Gesicht hat das Gepräge anspruchloser Bescheidenheit, aber man sieht in diesen ehrlichen Zügen, diesem schlichten Benehmen doch das stille aber stolze Bewußtsein.- Ich bin der Verfasser der „Hueeu's wake", „der Erste unter Schottlands herrlicher Bauerschaft". Ein englischer Schriftsteller sagt von ihm: „Wer den begeisterten Schafer ganz kennen lernen will, muß ihn sehen, wie ich ihn gesehen, wenn er den Segen des Himmels auf seinen gastlichen Tisch Herabrust, oder wenn er, väterlich sorgsam, seine Kinder um sich sammelt, seinen Sohn an seiner Seite, die jüngere Tochter zwischen seinen Knien, die dritte seinen Nacken umfassend, wahrend die Mutter mit ihrer Nadel und Scheere ein altes Kleid erneut und zuweilen die Arbeit ruhen läßt, um mit dem Lächeln des Stolzes und der Freude zuzusehen, wie die Kinder wetteifern, ihre Schulaufgaben vollkommen herzusagen." Hölderlin (Friedrich). Durch sein unglückliches Schicksal, wie durch die großartige Erscheinung seines ursprünglichen Talents die Theilnahme seiner Zeitgenossen gleich sehr in Anspruch nehmend, ist dieser merkwürdige Dichter, der ohne Zweifel den größten Lyrikern unserer vaterländischen Literatur beigezählt werden muß, neuerdings auch durch mancherlei Bemühungen seiner Freunde, welche theils über ihn und seine Verhältnisse öffentlich Auskunst gegeben, theils Wiederabdruck und Sammlung seiner Gedichte besorgt haben, dem Dunkel der Vergessenheit wenigstens als Poet wieder entrissen worden, dem er als Mensch durch unfreien Geisteszustand schon seit länger als zwanzig Jahre verfallen und in dem er wahrscheinlich noch unter uns wandelt, ohne seinem Bewußtsein nach zu uns zu gehören. Ausführlichere Kunde haben die „Zeitgenossen" (dritte Reihe, Nr. 8) burch einen aus W. Waiblingens Nachlaß abgedruckten Aufsatz über Hölderlin's ^'bcn und Wahnsinn mitgetheilt, der in vieler Hinsicht lesenswerthe und psycholo- g'Ich tief eingehende Erörterungen enthält, die Waiblinger um so eher zu geben berufen war, da er zuletzt unter allen Freunden H.'s in Tübingen mit ihm gelebt und M durch täglichen Umgang mit dem Kranken in den innern Zusammenhang seines sustandes hineinzuversetzen gesucht hatte. Schon früher ließ L. Achim von Arnim s^.^Berliner Conversationsblatt", 1828, Nr. 31 fg., Mittheilungen über den ^fthter unter dem Titel: „Ausflüge mit Hölderlin" erscheinen, welche, weniger e entlich für die Erforschung seiner Lebensverhältnisse, mehr seinen Charakter als 3z s 484 Hölderlin Dichter angehen und manche beachtenswerthe Hindeutungen über die fehlenden Gedichte enthalten, welche in der 182k bei Cotta erschienenen und von Schwab und Uhland veranstalteten Sammlung derselben nicht mitabgedruckt wurden. Aus allen bisher von verschiedenen Seiten eingegangenen biographischen Daten läßt sich ungefähr Folgendes über H. zusammenstellen. Er wurde 1770 zu Reislingen im Würtembergischen geboren; von Andern wird Lausten als sein Geburtsort genannt. Nachdem er in Tübingen seine theologischen Berufsstudien, deren Wahl nicht mit seiner Neigung zusammenzuhängen schien, vollendet hatte, verließ er Würtemberg und begab sich nach Frankfurt am Main, wo er Hauslehrer wurde. Hier fesselte ihn eine höchst unglückliche Neigung zu der Mutter seiner Zöglinge, einer Frau von schwärmerischer Phantasieglut, welche das Veryältniß zu dem dichterischen und ihr gefühlsverwandten H., den in seiner Jugend zugleich eine seltene Schönheit des Aeußern ausgezeichnet haben soll, von ihrer Seite nur begünstigte und nährte. Sie findet sich unter dem Namen Diotima vielfach in seinen Gedichten gefeiert, und auch in der unter demselben Namen vorkommenden Gestalt im „Hyperion" scheint der Dichter seine eigene Liebe verherrlicht zu haben. Schon dieses Verhältnis aber konnte auf sein reizbares Gemüth nicht anders als höchst gefährlich einwirken und mußte den krankhaften Widerspruch mit der Welt in ihm nur bis zum Äußersten steigern, auf den ihn ohnehin seine Charakteranlage und die ganze geistesrevolutionnaire Stimmung der damaligen Zeit verwiesen. Nachdem er in Frankfurt am Main seinen Roman „Hyperion", wie es scheint, bereits vollendet hatte, begab er sich nach Weimar und Jena. Schiller, der sein Talent hochachtete und auch Beiträge von ihm in den „Musenalmanach" aufnahm, gewann ihn lieb und war bemüht, ihm eine Professorstelle in Jena auszumitteln. Dies würde entscheidend für H.'s Schicksal gewesen sein und hätte ihn durch Eröffnung eines bestimmten Berufskreises vielleicht für immer gerettet, aber leider wurde dem nie vom Glück Begünstigten ein Anderer vorgezogen, und so sah sich der arme H. wieder hoffnungslos in das Weite hinausgestoßen. Er ging hierauf nach der Schweiz, wo er mit Lavater und Zollikofer in freundschaftliche Verbindung trat, und nahm sodann eine Hofmeisterstelle in Bordeaux an, wohin er sich um so lieber begab, da sich ein tiefer Überdruß am deutschen Wesen und Leben seiner bemächtigt hatte, der es ihm wünschenswerth machte, Deutschland zu verlassen. Dieser sein Zwiespalt mit dem deutschen Nationalcharakter spricht sich auf eine in der T'at furchtbare Weife an einer Stelle im zweiten Theile seines „Hyperion" aus, welche an Harte und zugleich an Energie des Hasses Alles übertrifft, was je bei irgend einem Volke und in irgend einer Zeit gegen die Deutschen gesagt worden. Ja Frankreich scheint endlich H. zu dem unglückseligen Wendepunkt seines Schicksals dadurch den ersten Anstoß gegeben zu haben, daß er hier ansing, den großen Schmerz über verfehltes Dasein, der an ihm zehrte, durch Sinnenrausch und Ausschweifungen in sich betäuben zu wollen. Hieran mußte seine Natur, die dafür nicht angelegt war, sondern sich im Gegentheil immer der idealen Sphäre des Lebens zugewandt hatte, vollends brechen und in Folge dieses gewaltsamen Extrems da. Gleichgewicht verlieren. H. erschien plötzlich wieder in Deutschland, und erschreckt, seine Freunde, besonders den Dichter Matthisson, den er in Stuttgart aufsuchte, durch seine wilde, in Bettlertracht gekleidete Gestalt, die durch ihre Zerrüttung da. unverkennbarste Bild des Wahnsinns zur Schau trug. Jndeß ließ dieser Zujtan doch noch einige Hoffnung, und obwol sich sogar Anfälle von Wuth und Raser" zeigten, so stellten sich doch auch lichte Momente ein, in denen er sich wieder zu wissenschaftlichen und philologischen Beschäftigungen zu wenden unternahm er jene unselige Ubersetzung des Sophokles, von der zwei SM > (Frankfurt am Main 1804), erschienen, und in deren Anhangen der grauen V teste Wahnsinn mit dem Tiefsinn mancher Bemerkungen, von dem er Ursprung > Holland (Henry Richard Vassall, Lord) 485 ausgeht, zu dem entsetzlichsten Chaos sich verschwistert hat,das je in Wort und Schrift zur Öffentlichkeit gefördert worden. Die Übersetzung selbst ist größtentheils matt, obwol in den Zeiten seiner ungeschwächten Kraft H., welcher den Geist der Antike so lebhaft in sich aufgenommen und in eignen lyrischen Gedichten mit so genialer Bemeisterung der Form wiederzugeben verstand, gewiß der Berufenste gewesen wäre, den Sophokles zu übertragen. Auch äußerlich war jetzt von seinen Freunden für eine Besserung seines Lebenszustandes gesorgt worden, und ein deutscher Prinz ernannte ihn zu seinem Bibliothekar; aber es war vergeblich, für ihn noch etwas zu thun, und der Dämon der Krankheit, die in ihm Wurzel gefaßt, verfinsterte sein Bewußtsein immer mehr. Unter dem Vorwande, einen Büchereinkauf zu machen, wurde er nach Tübingen gesandt und dem dortigen Klinicum anvertraut, aus dem er nach Verlauf von zwei Iahren als unheilbar wieder entlassen werden mußte. Seitdem lebt er in Tübingen in dem Hause eines Tischlers in der tiefsten Abgeschiedenheit, und da in den letzten Iahren keine Kunde von seinem Hintritt eingegangen, so laßt sich annehmen, daß er noch daselbst verweile, obwol es fast unbegreiflich scheinen könnte, daß die physische Kraft des Menschen die Vernichtung der geistigen eine so lange Reihe von Jahren hindurch zu überdauern im Stande sein sollte. Es ist eigentlich keine fixe Idee, die den beklagenswerthen Dichter in diesem Zustande beherrscht, wie es Waiblinger in dem oben angeführten Aufsatze einsichtsvoll darzustellen gesucht, sondern vielmehr der höchste Grad der Nervenzerrüttung, der ihn unfähig zu einer zusammenhangenden Wahrnehmung und Ausfassung der Dinge in der Welt gemacht hat. Gleichwol war er noch immer auch in diesem abgeirrten Leben seiner Seele damit beschäftigt zu dichten und pathetische Oden meist in antiken Rhythmen niederzuschreiben, die, so viel uns davon bekanntgeworden, in der Form fast immer sehr regelrecht sind, aber dem Inhalt nach, wenn sie auch mitunter merkwürdige Äußerungen darbieten, sogleich in sinnlose Redensarten auslaufen und das ohnmächtig gewordene Vermögen der Denkkraft verrathen. Das Vollendetste, was H. geschaffen, sind ohne Zweifel seine lyrischen Gedichte, die durch seltene Glut der Phantasie, durch Tiefe und Fülle der Gedanken und geniale Anschauung ihren Werth für immer behaupten werden. Großartiger jedoch als Alles, was er geschrieben, ist der Anlage nach sein Roman: „Hyperion, oder der Eremit in Griechenland" (zuerst Tübingen 1797—99, 2 Thle.), aber an der erhabenen Kraft, welche darin in Bildern und Gedanken endlos wogt, kann beim Leser keine reine Freude aufkommen, denn sie deutet schon durch ihre sich im Schwung übernehmende Gewaltsamkeit auf den Keim der Selbstzerstörung schmerzlich hin. Auch ist in künstlerischer Beziehung hier nirgends an eine Umgrenzung gedacht, und der Stoff, nur in innerlichen und chaotischen Seelenzustän- den wühlend, bleibt ganz ohne den Anhalt eines äußern Rahmens. (47) Holland (Henry Richard Vassall, Lord), der einzige Sohn von Stephan Fox, Lord Holland, ward am 23. Nov. 1773 geboren, verlor seinen Vater bereits im folgenden Jahre, erhielt aber durch die Fürsorge seiner Verwandten eine tressliche Erziehung zu Eton und Oxford, wo er bis 1792 seine Studien fortsetzte. Bald nachher ging er nach Frankreich und lebte dann zwei Jahre in Italien. Im Auslande knüpfte er ein zärtliches Verständniß mit der schönen Gemahlin des Sir Godfrey Webster, der darauf gegen ihn klagte und eine Entschädigung von 6009 Pf. St. erhielt. Als sie geschieden war, vermählte sich Lord H. mit chr und nahm bei der Gelegenheit den Beinamen Vassall, den Familiennamen seiner Gemahlin, an. Nach seinem Eintritt in das Oberhaus ward er bald ein furchtbarer Gegner der Minister. Er sprach gegen den Krieg mit Frankreich, gegen die neuen Taxen und die Vereinigung Englands mit Irland. Dagegen war er für me Reform der Parlamentswahl, erhob sich 1799 kräftig gegen die vierte, von 486 Holland (Benedict von)' >, .„F Pitt durchgesetzte Suspension der Habeas - Corpusacte und die Beschränkung der Preßfreiheit) und drang auf den Abschluß eines Friedens mit Frankreich, Seine geschwächte Gesundheit zwang ihn, nach dem Frieden von Amiens mit seiner Familie nach Spanien zu gehen, wo er sich eifrig mit der spanischen Literatur beschäftigte; im Dec. 1804 kehrte er über Lissabon nach England zurück. Nach seiner Heimkehr verfocht er seine politischen Grundsätze mit steigender Lebhaftigkeit erhob sich 1805 kräftig gegen die Verwaltung des Colonieministers Melville und protestirte gegen das Urtheil des Parlaments, das Melville freisprach. Als sein berühmter Oheim Fox an die Spitze der Verwaltung kam und das sogenannte Ministerium „aller Talente" bildete, wurde Lord H. Siegelbewahrer. Nach dem Tode seines Oheims, der am 13. Sept. in seinen Armen starb, trat er wieder in die Reihen der Opposition über. Im Mai 1808 unterstützte er das Emancipationsgesuch der irländischen Katholiken, und schlug bald nachher vor, Spanien gegen Napoleon kräftig zu unterstützen. Er widersetzte sich 1810, obgleich vergeblich, der Mehrheit, welche nach Lord Liverpool's Vorschlag den Prinzen Regenten in der Ausübung der königlichen Vorrechte beschrankte. Am 27. Jun. 1814 unterstützte er die Motion des Lords Grenville gegen den Artikel des pariser Friedens, welcher Frankreich den Sklavenhandel noch fünf Jahre gestattete, sprach aber, wie schon unter dem Ministerium Fox, für die Sache der Neger in der Colonialverwaltung, und drang darauf, daß für die Unterweisung der Negersklaven im Christenthum kraftiger gewirkt werde. Im Febr. 1817 widersetzte er sich abermals, jedoch vergeblich, der von den Ministem verlangten Suspension der Habeas-Corpusacte. Als im Mar; 1818 Graf Montholon und Santini, im Auftrage von Bonaparte, über die Harte der Einschränkungen Napoleons vor dem Parlamente schriftlich Beschwerde führten, drang Lord Holland auf Vorlegung aller von St.-Helena angekommener. Papiere; seine Motion ward aber nach den Erläuterungen des Lords Bathurst, dec jene Beschwerden fast alle als ungegründet, die Einschränkungen als unerläßlich darstellte, von der Mehrheit verworfen. Bei dem Processe der Königin stimmte er gegen die Regierung. Als Graf Grey an die Spitze der Verwaltung trat, wurde Lord H. Mitglied des Ministeriums als Kanzler des Herzogthums Lancaster. Er gehört zu den ausgezeichnetsten Männern Englands. Vielfache Reisen, vertrauter Umgang mit den ersten Männern unserer Zeit, ernste, anhaltende Studien erwarben ihm eine hohe geistige und gesellige Bildung und gaben feinem Charakter neben den geschmeidigen Formen des Weltmannes jene Unabhängigkeit und Selbständigkeit, welche er in einer langen Reihe von Jahren im öst ^ichen Leben an den Tag legte. Mit Lord Byron, Thomas Moore, Rogers und au.berühmten Männern verband ihn schon frühe die innigste Freundschaft. Er ist im Besitz einer seltenen Kunstsammlung. Seine biographischen Werke über Guillen de Castro und Lope de Bega haben verdiente Anerkennung gefunden; außerdem hat man von ihm eine Übersetzung von drei spanischen Luftspielen, Gedichte und politische Flugschriften; auch gab er seines Oheims Fox ok tüe pnrt oltbe reigu ok luog Uames II" mit einer Biographie des Verfassers heraus. Er ist wahrscheinlich auch Herausgeber der interessanten „Nemürs Irom 1754 to 1758" des Grafen von Waldegrave (London 1821, 4.) Sein Sohn, der Oberst Fox, ist mit der Tochter des Königs von England, Marie Fitz-Clarence, vermahlt. . Holland (Benedict von), geboren 1775 zu Medlingen im Königreiche Würtemberg, trat 1792 in die Abtei Neresheim, welche wegen ihrer vormW- chen Einrichtungen einen ausgezeichneten Ruf hatte, indem sie auch die Pflege der Wissenschaften auf eine in Klöstern seltene Art förderte. Von 1800 war H. Professor der Dogmatik im Kloster, dann ein Jahr lang mit Bewilligung des Fürsten von Thurn und Taxis, der von der Abtei Besitz genommen, Prosefl^ ,'n Salzburg und zugleich Universttatsprediger, Als darauf in dem aufgeloma Holman 487 Reichsstifte eine Lehr- und Erziehungsanstalt unter dem Namen I^ceum cluroli- num gegründet wurde, kehrte H. von Salzburg zurück und erhielt den Auftrag, den ausführlichen Lehrplan für dieselbe zu entwerfen, der allgemeine Anerkennung fand. Bald erhielt die neu gegründete Anstalt einen ehrenvollen Ruf durch ganz Deutschland und einen ungewöhnlich großen Zugang an Schülern; als aber Neresheim 1806 unter die Landeshoheit Baiecns kam, ward die Anstalt aufgehoben und H. kam als Direktor der Erziehungsanstalt und Professor der Philosophie an das Lyceum zu Neuburg. Nachdem er auch dort seinen Ruf als Erzieher bewahrt hatte, ward er Director der Erziehungsanstalt in München, die er noch in der unveränderten Verfassung traf, wie sie unter den Jesuiten gewesen. Die Zöglinge hatten noch die Obliegenheit, in der Hofcapelle und den meisten übrigen Kirchen der Stadt als Sanger und Jnstrumenralmusiker Dienste zu leisten, ja sie wurden selbst bei den Opern des Hoftheaters als Choristen und Statisten verwendet und mußten den schmählichen Gewinn an die Okonomieverwaltung der Anstalt abtreten. Dieser Misbrauch konnte nicht ohne großen Kampf abgestellt werden. Nach einem Jahre gelang es, die verderbliche Last mit Aufopferung nicht unbedeutender Renten von der Anstalt abzuwälzen, die nun allmälig das Vertrauen des Publicums gewann. H. konnte nun seine Verbesserungsplane ausführen, die auf Festsetzung einer Verfassung nach den Principien einer veredelten Erziehung und aus Erweiterung und Ergänzung des Unterrichts gerichtet waren, der bisher auf die philologischen Studien sich beschränkt hatte; die Zahl der Zöglinge stieg. Den Unterricht empfingen sie zuerst am Gymnasium und die Anstalt gewährte ihnen nur einigen Musikunterricht. Der Unterricht in den vier Vorbereitungsclassen ward im Institute selbst durch eigne Lehrer ertheilt und endlich eine völlig abgeschlossene Lehr- und Erziehungsanstalt gebildet, deren Zöglinge durch alle Gym- nasialclassen von eignen Lehrern, welche zu wählen H. durch lange Erfahrung trefflich verstand, geleitet wurden. Sieben Jahre lang blühte die Anstalt mit dem erfreu- lichsten Erfolge, da gelang es dem Neide und den Umtrieben einer Partei, sie wieder aufzuheben und die Zöglinge an das neue Gymnasium zu verweisen, wodurch das Institut die alte Hausordnung und das Vertrauen verlor, und jetzt vielfach gestört und gehemmt fortlebt. Als H. die nahe Umwandlung seiner mit Liebe gegründeten und gepflegten Anstalt sah, zog er sich 1824 von derselben zurück und ward Oberstudienrath; bei dem Eintritt der neuen Regierung wurde das ganze Collegium des Oberstudienraths in Ruhestand versetzt, und auch H. mit seinen reichen Kenntnissen und Erfahrungen allen öffentlichen Geschäften entzogen. Holman (James), Lieutenant bei der englischen Marine, war schon seit längerer Zeit gänzlich erblindet, als er 1819 England verließ und bis 1821 Frankteich, Italien, die Schweiz und Holland bereiste. Er wagte es sogar den Vesuv zu besteigen, und reiste von Neapel bis Amsterdam in Gesellschaft eines Tauben. Sein Reisebericht („I'lle nurrative o5 u journe^ uuäertslren in tlle )ears 1819, 1820 anck 1821 tllroußll krsnce, Iw!/, 8avo^, Znätzierlanck unck Hollunck", London 1822) enthält anziehende Mittheilungen und gibt dem Leser vielfältig Gelegenheit, die merkwürdigen Eindrücke zu beobachten, welche die Werke der Kunst, die Natur, die verschiedenen Sitten der Völker auf den Blinden machten. Hatten die Unabhängigkeit des Geistes und der Much, die zur Ausführung eines solchen Unternehmens gehörten, schon die Blicke seiner Landsleute aus ihn gezogen, so wurde die Theilnahme noch mehr geweckt, als er bald nach seiner Rückkehr England wieder verließ, um Rußland zu bereisen. Er kam bis in die südlichen Provinzen des Reichs, als die russische Regierung seinem weitern Vordringen Schwierigkeiten m dtn Weg legte, und so mußte der „blinde Spion", wie man ihn nannte, den Ruckweg antreten. H. entwarf noch kühnere Reiseplane. Er umschiffte Afrika 488 Holste;» Holter und ging über die Insel Mauritius nach Indien, bereiste mehre Theileüer indischen Halbinsel, drang so weit in China vor, als man ihm gestattete, besuchte Ceylon Madagaskar, darauf im Sommer 1831 Australien, das amerikanische Festland und kam 1332 nach fünfjähriger Abwesenheit wieder in seinem Vaterlande an Was er über seine Reisen durch Europa und über die Negercolonie Liberia bekannt gemacht hat, erregt die Erwartung, daß die Ergebnisse seiner feinen Beobachtungsgabe, die er für die öffentliche Mittheilung bearbeiten wird, reichen Ertrag liefern werden. Holstein, f. Schleswig-Holstein. Holtei (Karl von), aus einer angesehenen kurlandischen Familie stammend, ward im Jan. 1797 in Breslau geboren. Von frühester Kindheit an, nach dem Tode der Mutter, in einem reichen großmütterlichen Hause nach den laxen Grundsätzen einer üppigen Zeit erzogen, lernte er den Ernst des Lebens erst spät durch bittere Erfahrungen kennen. Auch der Glückswechsel im pflegealterli- chen Hause mahnte ihn noch nicht. Gewöhnt an die Befriedigung aller Wünsche, wollte sich auch der heranwachsende Jüngling wenig versagen; die trübe Zeit wies ihn nicht auf sich zurück und zu ernsten Studien. Der Drang zum Theater, ge- , wöhnlich bei vielen Knaben, wurde bei ihm durch keine Reize eines heitern, heiligen Familienlebens bewältigt-, dies wurde zur fixen Idee, Göthe's „Wilhelm Meister" schien ihm wie für ihn geschrieben. Nachdem er 1815 sich unter die Reihen der Freiwilligen gestellt, darauf in Breslau als Student immatciculirt war, betrat er daselbst 1819 als Mortimer die Breter. Aber der Jubel der breslauer Studeüten i folgte ihm nicht nach Dresden. Als er dort eine herbe Prüfung bestanden (siehe seine „Erinnerungen", vielleicht das Beste, was er in Prosa geschrieben), verließ er die Bühne, verlor aber nicht Lust, Liebe und Thätigkeit für dieselbe. Seine frühe Heirath mit der liebenswürdigen Schauspielerin Louise Rogee, einer Zierde ihres Geschlechts und Standes, verband ihn noch enger damit. Von Breslau, wo seine Gattin der Liebling des Publicums war und er, Theatersecretair und Theaterdichter, durch mehre Prologe und Stücke (von denen seine „Farben" das gelungenste) sich vortheilhaft bekannt gemacht (auch durch Herausgabe zweier Zeitschriften: „Ober- nigker Bote", eine Asmusiade, und „Die deutschen Blätter", ein Journal von gutem Ton), vertrieb ihn ein zu unglücklicher Publicität gekommener Streit über das Auftreten einer Seiltänzerbande auf der breslauer Bühne, welches er mit Leidenschaftlichkeit begünstigte und betrieb. Wenn auch noch Andere die Schuld theilten, so hatte sich H. mindestens übereilt. Nach einigem UmHerreisen wurde seine Gattin Mitglied des berliner Hoftheaters. Er schrieb hier seine „Wiener in Berlin' und „Berliner in Wien", durch deren brillantes Erscheinen das deutsche Liederspiel eine neue Wendung bekam. Die fröhlichen wiener Melodien wurden hierdurch zuerst in Norddcutschland beliebt. Als ein schneller Tod ihm die liebenswürdige Galtin entrissen (durch eine Sammlung Gedichte: „Blumen auf das Grab der Schauspielerin Holtei u. s. w.", Schmerzensklänge, in die ganz Berlin einstimmte, w warb sich H. einen ehrenwerthen Platz unter den deutschen Lyrikern), schloß er M dem mittlerweile entstandenen königsstädtischen Theater an. Er betrieb das Engagement der Sontag und während sowie nach dieser blühenden Opernperiode des Theaters schrieb er eine Reihe von Stücken, zum Theil nur für das besondere W- dürfniß und die eigenthümliche Stellung dieser Bühne berechnet, z. B. „Arm und Reich", „Die Sterne", „Staberl als Robinson", „Des Sohnes Rache", „Dr. ^ Hannes Faust" (weil seine Bearbeitung des Göthe'schen „Faust" der Bühne untersagt wurde), „Robert der Teufel". Mit den Liederspielen: „Der alte Feldherr" (Kos- ciuszko), „Erinnerung" und „Lenore", das patriotisch preußische Drama, das, m Berlin von rauschender und dauernder Wirkung, fast auf allen deutschen Theatern Psifall fand — das berühmte Mantellied daraus hört man durch ganz Deüt - Home Hoogvorst 489 — hat H. ein neues Genre in Deutschland geschaffen, zu dem ihn die Noch med, indem der Ernst auf jenem Theater nur mit Musik erlaubt ist. Diese Stücke sind theils in seinem „Jahrbuch deutscher Bühnenspiele" seit 1823, theils in seinen Beiträgen für das königsstädtische Theater" (Wiesbaden 1832) oder einzeln gedruckt. In Berlin erschienen auch seine gesammelten Gedichte, sowie Sine andere Sammlung in schlesischer Mundart und eine dramaturgische Monatsschrift. Eine neue Erscheinung bildeten hier seine öffentlichen dramatischen Vorlesungen klassischer Lustspiele und Tragödien. Je mehr letztere von der reellen Bühne verschwinden, ein um so größerer Kreis von gebildeten Zuhörern fand sich hier zusammen und inH.'s lebhaftem Vortrag eine Befriedigung, welche die heutige Bühne nur noch stückweise gewährt. Nachdem das königsstadtische Theater in andere Hände übergegangen, verließ H. 1830 mit seiner zweiten Gattin, geborene Holzbecher, einer im Naivkomischen anmuthigen Schauspielerin, Berlin, einem vortheilhaften Doppelengagement bei dem neuen darmstädter Theater folgend. Als die Rückwirkungen der Juliustage auch dies mit großen Versprechungen begonnene Institut auflösten, kehrte er 1831. nach Berlin zurück, wo seine Gattin abermals bei der Bühne, auf der sie gebildet worden, eingetreten ist. H. hat einen dreifach begründeten Anspruch auf seinen deutschen weitverbreiteten Ruf, durch die geschickte Einbürgerung des Vaudeville bei uns, vermöge seiner „Wiener in Berlin", durch seine „Lenore" und dadurch, daß er was Tieck und Schall bis da nur privatim gethan, die dramatischen Vorlesungen zum öffentlichen Kunstbetrieb stempelte. Bei ernstern Studien würde H. einen höhern Rang als Dichter errungen haben; aber er ist ein Dichter, der sich freilich weniger durch Tiefe und Ausbildung als durch Eigenthümlichkeit und Wahrheit der Empfindungen auszeichnet. Unstat im Leben, liebenswürdig im Umgange, war er, stels sanguinischer Parteimann, in unzahlige Streitigkeiten verwickelt, und, eifrig als Freund wie als Feind, hat er an allen Orten sich ebenso viel Feinde als Freunde gemacht. Im Jan. 1833 trat H. wieder auf der königsstädtischen Bühne auf. Home (Sir Everard), geboren 1758, der Sohn eines Arztes in Edin- durg, einer der ausgezeichnetsten englischen Wundarzte und Physiologen, war der Schwager des berühmten Anatomen John Hunter und dessen Mitarbeiter. Bei Hunter's Leben war er oft beauftragt ihn bei seinen Vortragen zu ersetzen, sowie ihm denn auch die Herausgabe der Werke jenes Gelehrten übergeben wurde; doch erst nach Hunter's Tode erlangte H. den Ruf, der ihn in seinem Vaterlande ehrte. Er wirkte über 40 Jahre mit großem Erfolge als praktischer Arzt in London und wurde 1813 zum Baronet und Leibarzt erhoben. Er starb am 31. Aug. 1832 im Jnvalidenhause zu Chelsea, wo er eine Amtswohnung hatte. H. war Präsident des königlichen Collegiums der Wundarzte, Professor der Anatomie und Chirurgie bei der königlichen Wundarzneischule zu London. Die Mehrzahl seiner Schriften, auf vergleichende Anatomie, Physiologie und Wundarzneikunst bezüglich, findet sich in den trunsucticms". Unter seinen Schriften von grö- ßcrm Umfange sind zu erwähnen, außer verschiedenen Monographien, z. B. über dm Krebs, seine „Vorträge über vergleichende Anatomie". Es ist eine vollständige Sammlung seiner Schriften versprochen worden. Von den letzten Untersuchungen, die ihn beschäftigten, haben besonders die über die Blutkügelchen angestellten viele Aufmerksamkeit und auch viel Widerspruch erregt, da man Ungenauigkeiten in den Beobachtungen zu bemerken glaubte, die wol mehr Schuld der Instrumente als der Beobachtung waren. (14) Hoogvorst (Emanuel, Baron Vanderlinden d') stammt aus einem al- yi" ""gesehenen Adelsgeschlechte im südlichen Brabant. Nach der Besetzung BUgiens durch die Verbündeten (1814) ward er von der provisorischen Regierung Mm Vorstand des Forstdevartcments in Südbrgbant ernannt und vom König der 49l) Hope (Thomas) Niederlande später in dieser Stelle bestätigt, die er aber mehre Jahre nachher ausgab. Er war Mitglied der Provinzialstände und zeichnete sich übrigens nur durch seine Geburt und sein Vermögen aus, welche, in Verbindung mit seiner Wohltätigkeit, ihm besonders unter den geringen Volksclassen in Brüssel, wo er gewöhnlich lebte, viel Ansehen verschafften. Bei dem Ausbruche des AufstandeS im August 1830 trat er auf einmal aus dieser ehrenvollen Dunkelheit. Er schlug sich ^ den Beförderern der Revolution. Die provisorische Regierung ernannte ihn gleich anfangs zum Commandanten der Bürgergarde, die, ihrer eigentlichen Bestimmung nach nur zur Unterdrückung von Unordnungen und zur «Sicherheit des Eigenthums bestimmt, bald ihre Rolle ganz veränderte, wodurch ihr Anführer einer der einsluß- reichsten Männer wurde. Seine Anstrengungen trugen wesentlich dazu bei, jeden Versuch zu einer Aussöhnung zu vereiteln, wiewol er in der ersten Zeit dazu geneigt zu sein schien. Er machte mit seinem Freunde, dem Baron von Secus, den Vor, schlag, Abgeordnete nach dem Haag zu schicken, um dem Könige die Beschwerden des Volks vorzulegen, und sein Bruder Jose pH (1814 Maire zu Brüssel) war Mitglied dieser Deputation. Die Beschwerdeschrift war jedoch in einem solchen Tone abgefaßt und die Ereignisse in Belgien hatten in der Zwischenzeit eine solche Wendung genommen, daß ein günstiger Erfolg dieses Schrittes nicht erwartet werden konnte, selbst wenn der König in den meisten Punkten hatte nachgeben wolle». Als darauf der Prinz von Oranien am 1. Sept. nach Brüssel kam, wurde H. zum Mitglieds der Commission gewählt, welche Maßregeln zur Dämpfung der Unruhen vorschlagen sollte; aber man wirft ihm vor, daß er der Erreichung dieses Zweckes entgegengearbeitet habe. Bei dem Kampfe in Brüssel leitete er mit Negier und Joly Angriff und Verteidigung, und zeigte besonders am 22. Sept., als viele Anführer der Bürgergarde vor den eindringenden Holländern wichen, gro^e Unerschrockenheit. Bei den spätem Verhandlungen war er eifrig bemüht, die Erklärung der Thronentsetzung des Königs und der Unabhängigkeit Belgiens herbeizuführen. Er trat darauf allmälig in den Hintergrund zurück. Im Febr. 1831 nahm er seine Entlassung als Mitglied der provisorischen Regierung, indem er erklärte, daß er, da man einen Generalstatthalter zu wählen im Begriff stehe, keine Verwaltungsstelle mehr annehmen wolle; er erhielt jedoch das Commando über die gesammte Nationalgarde Belgiens und den Generalstitel. H. ist jetzt wieder aus der. Zurückgezogenheit hervorgetreten, seit er im Jan. 1833 durch Rogier's Einfluß zum Civilgouverneur von Antwerpen ernannt worden. (74) Hope (Thomas) wurde 1770 zu London geboren und stammt aus einer alten noch blühenden schottischen Familie, von welcher ein jüngerer Zweig sich in Holland niederließ. Thomas H., der zu diesem Zweige gehörte und der Nesse des Stifters des Hauses Hope und Comp, in Amsterdam war, machte früh eine Reise durch verschiedene Theile von Europa, Asien und Afrika, und brachte eine reiche Sammlung von Zeichnungen meist nach Bauwerken und Skulpturarbeitcn mit. Nach seiner Rückkehr machte er sich zuerst durch ein Schreiben an I. Annes- ley bekannt, worin er die von dem Baumeister Wyatt für ein öffentliches Gebaut in Cambridge entworfenen Zeichnungen so strenge und gründlich beurtheilte, daß du Ausführung des Baues dem Architekten Wilkins übertragen ward. H. kaufte ein großes Haus in London und wendete viel Sorgfalt auf die innere Einrichtung und Ausschmückung desselben, meist Nachbildungen italienischer Muster, von we- chen er alle Zeichnungen mitgebracht hatte. Ebenso geschmackvoll stattete er sew Landhaus zu Deepdene bei Dorking mit Gemälden und Bildhauerarbeiten au, und ließ nach seinen eignen Entwürfen eine Bibliothek und Gemäldegalerie nn einem Amphitheater zur Ausstellung der Antiken bauen. Er machte 1805 Ze'ch' nungen zu seinem Hausgeräthe in einem Foliobande unter dem Titel: „Lmue- stolck furuitures snck internal ilecorations" bekannt, und ungeachtet das ,,La>u< Hope und Comp. 49 t burgk reviev" dieses Werk lächerlich zu machen suchte, so hat es doch eine vollständige Revolution in der Verzierung des Innern der Wohnungen der vornehmen Welt Londons hervorgebracht. H.'s Haus stand allen Gebildeten offen und der Geschmack des Besitzers war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Er vermahlte sich 1806 mit Louise Beresford, der Tochter des Erzbischofs von Tuamin Irland, die sich ebenso sehr durch Schönheit als durch ausgebreitete Kenntnisse und gesellige Talente auszeichnet. Er war ein freigebiger Beschützer der Künstler und seine Prachtliebe förderte auch die Kunst insofern, als der Ehrgeiz der jungem Künstler geweckt und vorzügliche Talente auf eine angemessene Weise beschäftigt wurden. Flaxman erhielt ehrenvolle Auftrage, das aufkeimende Talent Chantrey's wurde gehoben, ermuntere und in Thatigkeit gesetzt. Thorwaldsen fand an ihm einen freigebigen Beschützer, wie die vielen Arbeiten des Künstlers zu Deepdene beweisen. Der Maler Dawe fand durch H. Mittel, seine Talente zu entwickeln. Auch auf Handwerker erstreckte sich seine freigebige Aufmunterung. Er besuchte oft entlegene Gassen, Durchgänge und Höfe, um Leute von Talent und Geschicklichkeit aussindig zu machen und zu beschäftigen. Nur ein Künstler vergalt ihm mit niedrigem Undank. Ein Franzose, Namens Dubost, empfindlich über Einwendungen gegen den Preis oder die Ausführung eines Gemäldes, das er für H. gemacht hatte, stellte eine Caricatur mit der Unterschrift: „I^a beaute et la bete" aus. H/s Gemahlin war als beaute abgebildet und er, allerdings nichts weniger als schön, legte als bete seine Schätze zu ihren Füßen, indem er sie mit den Worten des französischen Märchens anredete. Die Ausstellung zog so viele Neugierige herbei, daß täglich gegen 30 Pfund am Eingange eingenommen wurden, bis endlich H.'s Schwager das Bild im Ausstellungszimmer zerhieb. H. gab 1809 „TAe costumes ok tbe ^n- cients" in zwei Quartbänden heraus; sie enthalten 130 Umrisse, größtentheils nach Zeichnungen von H., und zeugen von einer genauen Bekanntschaft mit der Du' Kunst des Alterthums, worauf 1812 seine „vosixns of möllern costumes" in ei- tr/Ä nem Foliobande folgten. Sein Roman „Anastasius, or tbe memoirs o5 n wo- im? llern 0reek" (3 Bde., London 1819, deutsch'von Lindau, 5 Bde., Dresden 1821—25) beurkundet einen durch reiches Wissen genährten Geist, eine glän- jslldii zende Phantasie und eine ausgezeichnete Gabe des Vortrags. Wir finden in Mb: düsem trefflichen Werke ein treues Gemälde der Sitten, Gebrauche, der Lebens- kvzw weise, des Charakters der Türken und Griechen, schatzbare historische und topo- graphische Ausführungen. Bis jetzt sind vier Ausgaben dieses Werks erschienen auss und in jedem neuen Abdruck gewahrte man die nachbessernde Hand des stets höher Mstrebenden Verfassers. Außer diesen Werken finden sich Arbeiten von ihm in itt'W verschiedenen periodischen Blättern; noch während seiner letzten Krankheit beschaf- A ligte ihn eine Schrift: „Ou tbe ori^in «rill prospects ot man", welche jedoch die erregten Erwartungen nicht befriedigte. H. starb zu London am 3. Febr. 1831, und hinterließ eine reiche Sammlung von Zeichnungen und Kupferstichen, Bauwerke und Landschaften aus Griechenland, der Türkei, Italien, Frankreich und Deutsch- M: land darstellend, auch viele Abbildungen der von ihm gesammelten alten Bildhauerwerke, Vasen und dergl. Man erwartet, sein ältester Sohn werde den Nachlaß bincs Vaters bekannt machen. H. war ein Mann von ungemein bescheidenen, an- sprachlosen Sitten, von Allen geliebt und geehrt, die ihn naher kannten. (5) Hope und Comp., die Firma des berühmten Handelshauses in Amster- uu, das 1756 von den Brüdern Thomas und Adrian H., den Söhnen eines Predigers in England, gegründet wurde, die mit einem gar nicht beträchtlichen Ver- s^vgen nach Holland zogen, um Wechsel - und Speditionsgeschäfte zumachen. , urch Thatigkeit und Einsicht, und vom Glück begünstigt, erhob sich dieses Haus von Jahren ^ einem der reichsten und zu einem europäischen Rufe. ''t 1/82 baute einer der beiden Stifter hei Harlem ein Schloß, das durch kö- 492 Hoppenstedt nigliche Pracht sich auszeichnete und über 500,000 Gulden kostete. Es wurde spater vom König Ludwig Napoleon gekauft und gehört jetzt dem König Wilhelm führt aber noch immer den Namen Hope's Haus. Als 1795 die Franzosen Holland besetzten, ging der Vorstand des Hauses nach England, und für einige Zeit wurden alle ummittelbaren Geschäfte eingestellt. Sobald aber die öffentliche Sicherheit hergestellt war, trat es unter Labouchere's Leitung wieder in Thätigkeit, und das allgemeine Vertrauen, in dessen Besitze es war, bestimmte die Regierungen bei ihren Finanzoperationen sich der Vermittelung desselben zu bedienen. So übernahm es 1798 eine Anleihe von 88 Millionen Gulden für Rußland, 1805 für Spanien von 19 Mill., und 1897 eine zweite Anleihe von 30 Mill. Nach der Herstellung des Friedens 1814 wurden H. Sillem, A. van der Hosp und F. Lestapis von der Familie Hope ermächtigt die Firma Hope und C o m p. als alleinige Theilhaber zu führen. Seitdem nahm dieses Haus bedeutenden Ancheil an den verschiedenen Anleihen für Rechnung der Regierungen. In Vereinigung mit dem Hause Naring in London übernahm es die große Anleihe, die Frankreich nach der Besetzung durch die Verbündeten machen mußte, um seine außerordentlichen Bedürfnisse bis 1818 zu decken, und das Glück begünstigte diese ungeheure Unternehmung. Gleichfalls in Verbindung mit Baring übernahm das Haus H. 1822 eine Anleihe von 40 Mill. Silberrubel für Rußland, 1828 zur Deckung der Kriegskosten eine andere von 42 Mill. Gulden, nach dem Ausbruch des Ausstandes in Polen 1831 eine dritte, und 1832 eine vierte, jede von 20 Mill. Silberrubel. Die jetzigen Inhaber der Firma sind: H. Sillem, A. van der Hosp und S. Labouchere. (74) Hoppenstedt (August Ludwig), Abt zu Loccum, ward am 22. Marz 1763 zu Größen-Schwülper im Fürstenthum Lüneburg geboren, wo sein auch als gelehrter Theolog ausgezeichneter Vater damals Prediger war. Nachdem er seit seinem zwölften Jahre in der Domschule zu Halberstadt und darauf im Lyceum zu Hanover Unterricht genossen, ging er 1782 nach Göttingen, wo er neben dem Studium der Theologie besonders auch denjenigen Wissenschaften sich widmete die der Pädagog zu seiner Vorbildung braucht, da der Wunsch, einst für das Schulwesen zu wirken, tief in seiner Seele lag. Als Koppe, sein Lehrer, von Göttingen nach Gotha gegangen war, um das Amt eines Oberconsistorialraths zu verwalten, nahm H. die Stelle eines Hauslehrers bei ihm an. In diesem Verhältnisse erhielt er Anleitung und Gelegenheit, sich zu seinem künstigen Beruft vorzubereiten, indem er mit Koppe die Kirchen und Schulen des Hcrzogthums besucht! und mit den mannichfaltigsten Erfahrungen sich bereicherte. Er folgte Koppe, als dieser in das Consistorium zu Hanover berufen ward. So vorgebildet, erhielt H. 1783 von der hanöverischen Regierung denAuftrag,mehre deutscheLänder zu bereisen, um das Schulwesen des Auslandes zur Benutzung für Hanovcr und besonders sm das Schullehrerseminarium kennen zu lernen. Mit den reichen Ergebnissen se'lM Beobachtungen kehrte er 1789 zurück und wurde zum ersten Jnspector des SM - lehrerseminariums in Hanover ernannt. Für die Verbesserung dieser Achta sorgte er mit erfolgreicher Thätigkeit, und behielt die Aufsicht über dieselbe^ auch nachdem er 1792 Mitglied des Consistoriums geworden war, bis er 1796 intendent zu Stolzenau wurde. Hier wirkte er nicht nur wohlrhätig in seuu amtlichen Kreise, sondern wußte auch, als die Franzosen 1803 das Land defth ^ durch kluges und vorsichtiges Betragen die Noth der Zeit so glücklich abzuwm e oder zu mildern, daß die Bewohner der Gegend ihn mit Bedauern scheiden W - als er 1805 dem Rufe als Generalsuperintendent nach Harburg folgte. . wurde das Schulwesen bald ein Hauptgegenstand seiner Sorgfalt und mit des derm Eifer ließ er sich auch die Verbesserung der Armenpflege angelegen ftiw den schwierigen Verhältnissen wahrend der Dauer des westfälischen Reim.' Horn 45N zhB »igte er km Leben wie auf der Kanzel Klugheit und edle Frekmüthigkekt, die ihm die Liebe der Gleichgesinnten und die Achtung der Feinde erwarben. In den verhängnißvollen Jahren 1813 und 1814, als die Stürme des Krieges die Gegend trafen, war er die Stütze und der Schutz seines Wohnorts. Zum Consi- storialrath und Generalsuperintendent in Celle ernannt, trat er 1815 in eine umfassendere Thatigkeit, und auch hier war, außer der Verbesserung der Schulen, das Armenwesen der Gegenstand seiner eifrigsten Bemühungen, deren Ergebniß die 1821 vollendete musterhafte Einrichtung der Armenversorgung war. Neben seinen Amtsgeschasten entwarf er einen Plan zur Verbesserung aller Landschullehrerstellen im Königreich Hanover und machte in Auftrag des Consistoriums Vorarbeiten zu einem neuen Gesangbuche für das ganze Land. Als Abgeordneter der Stadt Harburg war er bereits Mitglied des ersten provisorischen Landtags gewesen, und 1825 ward er vom Könige zum Repräsentanten der Geistlichkeit in der Standeversammlung ernannt. Seit 1820 Coadjutor des Abts im Kloster Loccum, ward er, nachdem der würdige Abt Salfeld im Dec. 1829 gestorben war, am 6. Jan. 1830 in seine neue Würde eingeführt. Seine Gesundheit hatte schon seit einigen Jahren gewankt und wurde durch den Schmerz über die Opfer, die aus dem Kreise seiner Familie der Tod hinwegnahm, noch mehr erschüttert. Nach einer kurzen Krankheit starb er am 25. April 1830. H. glänzte weniger durch ausgebreitete theologische Gelehrsamkeit als durch praktische Tüchtigkeit, und zeigte besonders in Administrativgeschäften durchdringenden Scharfblick, eifrige Thätigkeit, Klugheit und Ausdauer. Wie im öffentlichen Leben würdig, wußte er sich im Kreise seiner Familie ein reiches frohes Leben in der Liebe zu schassen, und bei allem Ernste des Alters und des Berufs bewahrte er stets die volle Kindlichkeit des Gemüths. Unter seinen Schriften erwähnen wir außer den weitverbreiteten „Liedern für Volksschulen" (fünfte Auflage, 1825), seine „Predigten" (3 Bde., Hanover 1818 — 19), von welchen der erste Band die „Predigten in den Jahren der feindlichen Unterdrückung" und der zweite die „Predigten in den Jahren der Befreiung und Wiederunterjochung" enthält, beide durch treffliche Vorträge ausgezeichnet. Horn (Ernst), preußischer geheimer Medicinalrath, seit 1821 ordentlicher Professor der Heilkunde an der Universität zu Berlin, früher, seit 1806, an der chirurgisch-medicinischen Militairakademie, Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen im Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medi- cinalangelegenheiten, wurde am 24. Aug. 1772 zu Braun, chweig geboren, und nach leinen, mit Auszeichnung zu Göttingen gemachten Studien, wo er 1797 als Sru- dirender das Accessi't bei der Prcisvertheilung erhielt und noch in demselben Jahre promovirte, 1798 zum zweiten Garnisonsarzt und 1800 zum Professor für Mili- tairwundärzte zu Braunschweig ernannt. Er folgte 1804 einem Rufe nach Wittenberg, wo er als ordentlicher Professor der Heilkunst und Vicesenior der medici- nischen Facultät angestellt ward; allein nach einem kurzen Aufenthalt an dieser Universität ging er im Herbst 1804 als preußischer Hofrath und ordentlicher Professor nach Erlangen. Von hier kam er 1806 nach Berlin als zweiter Arzt am königlichen Charite'-Krankenhause, welche Stelle er jedoch in Folge großer Streitigkeiten. die zwischen ihm und vr. Kohlrausch wegen Behandlung der Irren entstanden und zu schriftlichen Erörterungen mancher Art Veranlassung gaben, 1818 niederlegte. S. „Öffentliche Rechenschaft über meine zwölfjährige Dienstfähig als zweiter Arzt des königlichen Charite-Krankenhauses zu Berlin, nebst Erfahrungen über Krankenhäuser und Irrenanstalten" (Berlin 1818), und „Der ^ohlrausch-Horn'sche Proceß und die in dieser Sache erschienenen Streitschrif- ^würdigt von einem praktischen Arzte" (Braunschweig 1819). Seit ^t vermehrte sich H.'s Ruf in Berlin wie im Auslande so sehr, daß er " der beschäftigtste praktische Arzt der Hauptstadt Preußens ward. H. hatte 494 > M < ^ Hornemann Hornschuch schon früh auf Reisen Gelegenheit, sein praktisches Talent durch den Besuch b-. Spitaler Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs zu üben, und war sp^ da er mehr der Theorie als der Praxis sich widmen konnte, darauf bedacht, ^ praktische Medicin in ihrem ganzen Umfange literarisch zu bearbeiten. Es gcsch^ dieses bald mit größerm bald mit geringerm Erfolge in einer großen Reihen Schriften über medicinische und chirurgische Klinik, Arzneimittellehre u, s, ^ Seit 1804 gibt H. ein „Archiv für medicinische Erfahrung" heraus, welches stets ein großes Lesepublicum gehabt hat. Früher geschah dies in Verbindung M Nasse und Henke, jetzt mit Nasse und Wagner. ^ ^ Hornemann (Jens Wilken), geboren 1770, ein würdiger Schüler und Nachfolger des berühmten danischen Botanikers Vahl, studirte auf der Universität Kopenhagen und legte sich früh auf die Naturgeschichte, besonders die Botanik. Seine „Dansk oeconomisk Plantelaere" (Danische ökonomische Pflanzenlehre) gab er 1795 heraus; sie gewann eine Prämie und erlebte mehre Auflagen. Er trat 1798 eine botanische Reise nach Deutschland,Frankreich und England an, und wurde 1801 als Lehrer am botanischen Garten zu Kopenhagen angestellt; jetzt ist er ordentlicher Professor der Botanik an der Universität. Früher war er mehre Jahre Secretair der dänischen Landhaushaltungsgesellschaft. Für das Studium der Botanik und für Verbreitung botanischer Kenntnisse in Dänemark hat er viel gewirkt und zahlt mehre ausgezeichnete Schüler. Dem botanischen Garten hat er nach Vahl vorgestanden, ihn vielfältig bereichert, die Einrichtungen desselben verbessert, und durch die Ausgabe des „Hvrtus re^ius kotsnicus Luvmensis" (2 Bände, Kopenhagen 1813 —18), sowie durch Vorlesungen gemeinnütziger gemacht. Seit Vahl's Tode besorgt er die Ausgabe der „?!oru vamca" und hat zu diesem Behuf die dänischen Provinzen, die Herzogthümer Schleswig und Holstein und später Lauenburg bereist. (4) Hornschuch (Christian Friedrich), geboren am 21. Aug. 179-? zu Rodach imHerzogthumeKoburg, wo sein Vater Apotheker war, erhielt den ersten Unterricht auf der Stadtschule seines Geburtsorts, und trat 1808 nach dem Tode seines Vaters als Lehrling in die Apotheke zu Bartenstein im Fürstenthum Hildburghausen. Während seiner Lehrjahre erhielt seine früh erwachte Neigung zu den Naturwissenschaften eine bestimmte Richtung, und mit besonderm Eifer studirte er Chemie und Botanik. Um sich Gelegenheit zu verschaffen, sich in der Botanik mehr auszubilden, nahm er 1813 eine Gehülfenstelle in Regensburg an, und benutzte den Sommer dazu, die Umgegend botanisch zu durchforschen. Professor Hoppe, dessen Leitung er viel verdankte, rieth ihm 1814, als Gehülfe in die Apotheke des als Naturforscher bekannten Apothekers Funck zu Gefrees im Baireuthischen, zu treten, dessen reiche naturhistorische Sammlungen ihm die erwünschteste Gelegenheit darboten, sich auch mit den andern Zweigen der Naturgeschichte, besonders Ornithologie, Entomologie und Mineralogie, bekannt zu machen. Auf seinen Wanderungen durch das Fichtelgebirge flößte ihm der Reichthum desselben an Laubmoosen eine besondere und dauernde Vorliebe für diese Gewachsfamilie ein. In Hoppe s Gesellscha t trat er 1816 eine Fußreise nach den Küsten des adriatischen Meers an, verweilte vier Monate in Triest, machte von dort aus Ausflüge nach Pola, Venedig un Padua, ging im Jun. über Jdria nach den Alpen in der Nähe des Glockners, verweilte daselbst bis zum Herbste, folgte hierauf mit seinem Reisegefährten ema Einladung des Grafen Kaspar von Sternberg, bei welchem er drei Wochen verweilte, und ging dann nach Koburg, wo er seine Muße benutzte, darauf der "eise geführte Tagebuch für den Druck einzurichten. Im April 181 > trat er mit Hoppe eine abermalige Reise durch Salzburg, Tirol und Kärnthen an. Nach seiner Rückkehr ging er im Herbst zu dem, damals in Sickershausen in Fmm ken lebenden, Präsident der Leopoldinischen Akademie der Naturforscher I>r Nee Hositrup 495 von Esenbeck, um den gemeinschaftlich mit Hoppe entworfenen Plan zur Herausgabe einer botanischen Zeitschrift, der „Flora oder botanische Zeitung", zu besprechen und verlebte den Winter größtentheils in Gesellschaft mit Panther, d'Alton und Dvllinger, und mit Untersuchung der auf seinen Reisen gemachten Ausbeute beschäftigt. Im Frühjahr 1818 folgte er dem Rufe als Demonstrator der Botanik nach Greifswald, wo er?im Sommer als Docent auftrat. Im folgenden Jahre brachte er, in Gesellschaft seines Freundes Rees von Esenbeck, drei Monats im botanischen Garten in Berlin zu und ordnete Wildenow's Moossammlung, machte darauf mit Berzelius eine Reise nach Schonen, durchwanderte diese Provinz in Gesellschaft des Professors Agardh aus Lund und ging dann nach Kopenhagen. Im April 1820 ward er zum außerordentlichen Professor der Naturgeschichte und Botanik in Greifswald ernannt, wo ihm zugleich die Direktion des botanischen Gartens und die Gründung und Leitung eines zoologischen Museums übertragen ward. Er begab sich in demselben Jahre nach Bonn und bereitete dort die mit Rees von Esenbeck gemeinschaftlich unternommene Herausgabe der „vr?- ologia germanica" vor, darauf reiste er 1823 durch Süddeutschland und die Schweiz nach Paris und kehrte über Holland und Hamburg zurück. Den Sommer 1826 brachte er zum dritten Male auf den Alpen Tirols, Salzburgs und Karnthens zu, wo er reiche Ausbeute sammelte. Zum ordentlichen Professor ernannt, machte er im Herbste 1827 eine wissenschaftliche Reise nach München, Prag und Wien, größtentheils in Gesellschaft des Grafen Kaspar von Sternberg. Bei der Jubelfeier 1830 ernannte ihn die medicinische Facultat zu Greifswald zum vr. der Medicin; 1831 wurde er Lehrer der Naturgeschichte bei der neu errichteten medicinisch-chirurgischen Lehranstalt daselbst, und Mitglied der Examina- tionscommission für die Staatsprüfungen der Ärzte. Von seinen Schriften nennen wir: „Tagebuch einer Reise nach den Küsten des adriatischen Meers und den Gebirgen von Krain, Karnthen, Tirol, Salzburg!c." (Regensburg 1818); „Llaotae pkanervAam., Aramiuum et cr^pto^am. selectae" (Regensburg 1817), beide gemeinschaftlich mit Hoppe herausgegeben; „Rryolo^ia ^erma- nica" (2 Theile, Nürnberg 1823—31), in Verbindung mit Nees von Esenbeck und Sturm bearbeitet. Er lieferte einige gehaltvolle Beitrage zu den Verhandlungen der Leopoldinischen Akademie, z. B. mit Reinwardt über die Moose in Java, und außerdem noch viele Abhandlungen in der „Flora". Hoßtrup (Gerhard v.on), geboren zu Hamburg am 23. April 1771, der Sohn eines wohlhabenden Privatmanns, lernte auf einem dortigen Eomptoir das Handelsgeschäft in weiter Ausdehnung kennen und gründete in seinem zwanzigsten Jahre ein eignes Handelshaus, das er bis 1812 fortführte. Seitdem widmete er seine ganze Thatigkeit der von ihm gegründeten Börsenhalle, welche in mercantilischer, politischer und literarischer Beziehung eine Wichtigkeit erlangt hat, d>e von keiner ähnlichen Anstalt in Deutschland erreicht, von keiner im Ausland übertroffen wird. Bei dem ersten Entwurf war die Rücksicht auf den Handelsstand vorherrschend. H. hatte auf seinen Reisen in England und Frankreich die Uberzeugung Monnen, daß für seine Vaterstadt ein Mittelpunkt der Geschäfte, der zugleich ein ^tennpunkt für die Sammlung der von allen Seiten zuströmenden mercantilischen cachrichten wäre, von ausgezeichnetem Nutzen sein würde. Eine sv'lche Anstalt, hoffte er, würde sich aufActien leichi gründen lassen; er fand aber selbst bei bedeuten- .^ ^usern keinen Much und beschloß 1802, auf eigne Kosten es zu wagen. Mehre ebäude in der Nahe der Börse wurden angekauft, niedergerissen, und das Ganze Architekten Rame aufgeführt. Es sott ein Capital von ,V00 Mark Banco auf die Einrichtung verwendet worden sein. Der Unternehmer batte sich nicht geirrt. Seit der Eröffnung (23. Jan. 1804) hat die öffentliche ^ n^bme mit jedem Jahre zugenommen. Nur wahrend der Belagerung Äam- 496 Hoßtrup burgs 1813 wurde die Börsenhalle geschlossen, da der große Saal derselben statte von Davoust zum Magazin gebrauchten Nicolaikirche für den Gottesdienst benu^ werden mußte. Mit dem entfesselten Verkehr feit 1814 kehrre auch das Bedürfnix der in so hohem Grade erleichterten, und nur auf diese Weise zu bewirkenden inseitigen Mittheilung zurück. Im untern Raum der Halle sammelt sich Alles, ^ auf Handel und Schissfahrt Bezug hat. Nicht nur amtliche Bekanntmachungen W gedruckte Listen, sondern auch die Berichte zahlreicher Correfpondenten in den bedeu- tendsten Hafenstädten werden gleich nach dem Empfang öffentlich angeschlagen. Kein Wunder, wenn bedeutende Assecuranzgeschäfte vorzugsweise sich dorthin gezogen haben, nsie auch aus einem ähnlichen Grund der Verkehr mit Staatspapinen in seiner ganzen Ausdehnung dort seine Heimath erhalten hat. Unmittelbar nach der Ankunft der verschiedenen Posten werden die wichtigern politischen Neuigkeiten, die theils durch die Zeitungen, theils durch Correspondenz eingegangen stirb, in Bulletins zusammengestellt und durch Anschlag bekannt gemacht. Eine schöne Sammlung von Karten und von Werken zum Nachschlagen ist ebenfalls zur Hand. Wenn das geraumige, zum Theil von oben erhellte Erdgeschoß vornehmlich für den Uberblick von Thatsachen und die Anknüpfung von Geschaftsverhält- nissen bestimmt ist, so gewahren dagegen die Lesezimmer eine Übersicht der Literatur des Tages, wobei natürlich die politische obenansteht. Der das ganze Jahr ununterbrochene Verkehr mit Großbritannien, die wahrend der schönen Jahrszeit beinahe tagliche Communication mit den Seestädten des nördlichen und südlichen Amerikas und mit den westindischen Inseln führt hier eine reiche Sammlung von Zeitungsblättern, periodischen Werken und Flugschriften zusammen, die mit sehr bedeutenden Kosten angeschafft werden, indem mehre der großen englischen Blätter zwei- und dreifach, durch die Dampfboote, durch die Mailpost und über Ostende bezogen werden, um jede zufällige Unterbrechung zu vermeiden. Die pariser Journale und französische Handelszeitungen finden sich ebenfalls in großer Anzahl, und es trifft sich, daß im Sommer auch die französischen Nachrichten über Lontm schneller als auf dem geraden Weg nach Hamburg gegangen. Die Journale von Dänemark, Schweden und Norwegen wird schwerlich ein anderes deutsches Lesezimmer so vollständig besitzen. Neben den deutschen politischen Zeitungen findet man die geschätztesten literarischen und kritischen Journale und eine Auswahl neuer Bücher, die je einen Monat aufliegen. Einige andere Zimmer enthalten eine Sammlung der neuesten Kupferwerke und einzelner Kunstblätter, worunter die englischen und französischen Caricaturen stets einen großen Kreis von Beschauern um sich versammeln. Wahrend auf diese Weise das Institut das Neueste aus der Politik und der Literatur vereinigt, so ist auch wieder durch die verschiedenen in da Börsenhalle herausgegebenen Zeitschriften für die weitere Verbreitung des Innres santesten gesorgt. Die „Abendzeitung" der Börsenhalle (der mercantilische Tha von F. Niebour, der politische von I. D. Runge besorgt) war früher, unter dem Titel der „Liste der Börsenhalle", eine Art von „läo/ck's iist", mit einer kmzerr Nachschrift über die neuesten Welthändel versehen. Die Wichtigkeit der politische Ereignisse hat die Erweiterung herbeigeführt, in welcher das Blatt, gegenwattg eine politische Zeitung, die englischen und nordischen Nachrichten, dum»' Verbindungen des Instituts und durch zuverlässige Correspondenzen begunNg, mit großer Vollständigkeit und schnell mittheilt. Der Hauptinhalt jener nM > Liste wird dagegen jetzt durch die „Schiffsliste und Seeberichte der Börsenhalb - setzt, die im Sommer, wie das Hauptblatt, täglich, Sonntags ausgenomm - rscheinen > Die „Literarischen Blatter der Börsenhalle" (redigirt von F.. und Rath Ludwig) liefern hauptsächlich Auszüge aus den englischen und ^ fischen Journalen. Die „Kritischen Blatter der Börsenhalle", die wechw ^ zwei Mal erscheinen und von 1>r E. F. Wurm redigirt werden, geben eine re» Hoyrr (Familie) 497 AM» .Dl»» ,1 MNtildi!»- nicende Übersicht der neuesten deutschen, besonders politischen Literatur. Seit 1828 erscheint auch der „Hamömrßk reporter" (unter der Redaction des Engländers E. W. P. Sinnet), die einzige in Deutschland gedruckte Zeitung in englischer Sprache, mit Nachrichten von und für England. Durch eine Auswahl der los- llmg srlicles der Tagblatter von verschiedenen Farben und durch die ausführlich mitgeteilten Parlamentsverhandlungen macht sie einem weiten Kreise von Lesern im Innern von Deutschland und an den Usern der Ostsee die englischen Blätter entbehrlich. Als Beilage zu dieser Zeitung erscheint drei Mal wöchentlich ,,'IAe xle-r- vor" eine literarische Zeitschrist. Sammtlichc Journale werden in der Börsenhalle selbst gedruckt. In der Druckerei, die mit zwei Schnellpressen (von König und Bauer) versehen ist, werden täglich über fünfzig Menschen beschäftigt. Außerdem wird ein zahlreiches Personale durch die Geschäfte der Redaction und Expedition, durch dieAuf- sicht über die Lesezimmer und bei den übrigen Zweigen desJnstituts in Anspruch genommen. Mehre große Säle der Vörsenhalle werden zu Versammlungen der Assecu- ranzcempagnien, zu Auktionen und dergleichen benutzt. Auch werden im Winter von Zeit zu Zeit Vorlesungen über Literatur und Geschichte dort gehalten, und 1830 wurde der ganze entbehrliche Theil des Gebäudes, das jetzt durch den Ankaufanstoßender Häuser bedeutend erweitert wird, den in Hamburg anwesenden Naturforschern von dem Eigenthüiner zum Zweck ihrer öffentlichen Sitzungen und der Sectionsarbciten zuvorkommend eingeräumt. Hoper (Johann Gottfried von), sächsischer Generallieutencmt, HauS- und Landzeugmeister, um 172l) geboren, trat in die sächsische Artillerie, wo er als Lieutenant im siebenjährigen Kriege, in dem bekannten Lager bei Pirna den ersten Kanonenschuß that. Bis zum Stabsoffizier gestiegen, ward er Director der 1700 errichteten Artillerieschule, und sorgte mit unermüdetem Eifer für die, besonders praktisch wissenschaftliche Ausbildung der Zöglinge. Die Artillerie erhielt durch ihn in Hinsicht des Materiellen eine zweckmäßige Einrichtung der Richtschraube des Mörsers; ein neues Wurfgeschütz: das 9 Kaliber lange vierpfündige Granaöstück,'das sich in den Kriegen von 1773 und 1793 sehr nützlich erwiesen hat; endlich eine vierpfündige Kanone, 21 Kugeldurchmesser lang, die durch eine leichtere Lassete und leichte Munition, besonders aber durch große Genauigkeit des Schusses die vermehrte Schwere des Rohres ausglich. Die Geschützkunst verdankt ihm eine zweckmäßige Anwendung der parabolischen Theorie auf das Bombenwersen, dessen Genauigkeit durch die erleichterte Veränderung der Erhöhungswinkel erzielt ward. Als er zum General ausgerückt war, bekam er zugleich den Oberbefehl über das dresdner Arsenal und über das ganze Materielle der sächsischen Artillerie. Es hinterließ drei, bei der Artillerie angestellte Söhne, deren jüngster Gustav Gottfried, Eommandant der Artillerie, von dem russischen Gouvernement zum Generalmajor ernannt, nach der Rückkehr des Königs aber, mir Pensen entlassen, 1813 als Oberst in preußische Dienste trat. — Karl Gott- >ried, des Gemrallieutenants Bruder, starb 1787 als Major und Comman- dam der sachsischen Pontoniere, für deren Bildung er viel that, indem er die Form der bisherigen blechernen Pontons verbesserte und neue hölzerne, nach Fomr der östreichifchen, bloß für den Elbstrom bestimmt, einführte. Sein ^oha Ivhann Gottfried, geboren am 9. Mai 1767, war anfangs für die di- p^maüscht Laufbahn bestimmt, und erhielt eine diesem Berufe angemessene gelehr te ^ildung, trat aber beim Beginnen des Feldzugs 1778 in die Compagnie feines j. ward 1781 zum Offizier in der Artillerie befördert, wo er 1781 — 85 ''(er Artillerieschule neben der eigentlichen Geschützkunft in den neuern Sprachen 'ch vollkommener ausbildete, wie er auch nachher 1788 in seinem Garnisonort >rna ^>ine Bekanntschaft mit der rcmiischen Literatur erweiterte. Die Muße, iym der lange Frieden gewährte, widmete er neben dem Studium der mili- ^"V.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 82 498 Huber tairischen Wissenschaften, literarischen Arbeiten, die in verschiedenen Zeitschriften eine Stelle fanden, und einigen Ubersetzungen, z. B. von Raynal's Werk über die politische Lage und den Handel von S.-Domingo, und schrieb anonym eine „Aromatische Geschichte der sachsischen Truppen" (Leipzig 1791). Schon 1788 zur Pon- toniercompagnie versetzt, gab er auf Befehl des damaligen Kurfürsten sein „Handbuch der Pontonierwissenschaften" (Leipzig 1793, zweite Ausgabe 1830, 2 Bde) heraus. Für eine französische Preisschrift über Gustav Adolfs Verdienste um das Kriegswesen und die durch ihn eingeführten Verbesserungen erhielt er den doppelten Preis von der Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, auch später das Diplom als Mitglied der Akademie der Militärwissenschaften. Um seinen Wirkungskreis zu erweitern, hatte er schon 1801 die Absicht, in preußische Dienste zu treten, und es öffneten sich ihm günstige Aussichten, als er 1802 Capitain ward und 1803 das Com- mando der Pontoniercompagnie erhielt, weshalb er jenenPlan aufgab. Er hatte 1W wesentlichen Antheil an der Vereitelung der Besetzung Wittenbergs durch den Major von Schill, ward Major und 1810 Oberstlieutenant. Durch den russischen Gesandten in Dresden, General Chanikoff, dringend veranlaßt, in russische Dienste zu treten, suchte er um seinen Abschied an, den er jedoch wegen der nach dem Waffenstillstände eingetretenen Veränderungen, erst spater von dem russischen Gouvernement erhielt, worauf er als Oberst in preußische Dienste trat. Er hielt anfangs in Berlin Vorlesungen über die Kriegsbaukunst, ging 1815 mit der Armee nach Frankreich und ward nach seiner Zurückkunft Brigadier der märkischen und pommerschen Festungen, 1818 aber Generalmajor und Jnsperteur der Festungen und Pionniere in Pommern und Preußen. Als solcherkam er bei der aus Ersparnißrücksichteneingetretenen Verminderung der Generale 1825 mit Jnactivitätsgehalt in Ruhestand. Neben den bereits angeführten Schriften sind noch mehre von ihm erschienen, unter welchen die wichtigsten sind: „Geschichte der Kriegskunst, seit der Erfindung des Pulvers" (2 Bde.,Göttingen 1798—1801); „Neues mititairisches Magazin"(Lcip;si 1798 —1808); „Allgemeines Wörterbuch der Artillerie" (2 Bde., Tübingen 1804, und Supplementband 1830); „Allgemeines Wörterbuch der Kriegsbau- kunst' (3 Bde., Leipzig 1810); „Lehrbuch der Kriegsbaukunst" (2 Bde., Berlin 1810—18); „Taschenbuch für Ingenieurs und Artilleristen" (Berlin 1818); Zur „Handbibliothek für Offiziere" lieferte er die „Literatur der Kriegswissenschas- ten" und die „Besestigungskunst und Pionnierdienst" (Berlin 1832). Einige der von ihm herausgegebenen Übersetzungen kriegswissenschaftlicher Werke erhielten durch seine Bearbeitung höhere Brauchbarkeit, wie Morla's „Lehrbuch der Artillc- riewissenschaft" (zweite Auflage, 3 Bde., Leipzig 1821 — 24) durch die hinzugefügte Minierkunst. Huber (Franz), geboren am 2. Jul. 1750 zu Genf, einer der ausgezeichnetsten Naturforscher, dessen Beobachtungen um so merkwürdiger ericheinen, a! er schon in seiner Jugend des Gesichts beraubt wurde. Sein Vater, ein gel - reicher, besonders von Voltaire geschätzter Mann, welcher selbst ein großer Lie^ba a der Naturgeschichte war, erweckte in dem Sohne zuerst gleiche Neigung. fand bald mehr Nahrung, indem H. Saussure's Vorlesungen besuchte und einem Verwandten, welcher sich mit Alchemie beschäftigte, in dessen Laboratorium lu d Die geistigen Fähigkeiten des Jünglings entwickelten sich bald, aber nur zum v a - theil sehner Gesundheit und namentlich zeigte sich schon in seinem fünfzehnten^^ eine bedeutende Gesichtsschwäche, die bei seinem ununterbrochenen Studircn u dem Lesen von Romanen bei Mondschein, wenn man ihm das Licht nftgna) ^ ^ sich nur steigern konnte. Sein Vater reiste mit ihm nach Paris, um dortige "tj zu Rathe zu ziehen, von denen Tronchin zur Stärkung der Gesundheit das da leben vorschlug, Wenzel die Blindheit voraussagte, eine Operation aber nickt v nehmen wollte, sondern sogar ernstlich widerrieth. H.'s Gesundheit starrte ff Hudson-Lowe 499 ' durch die ländlichen Beschäftigungen, aber er erblindete. Dies hinderte indeß ein l geistreiches Madchen, Aime Lullin, welche H. früher gekannt hatte, nicht, ihm nach ihrer Volljährigkeit, ungeachtet des Widerspruchs und sogar der Verfolgun- gen ihres Vaters, ihre Hand zu geben. Vierzig Jahre lang lebten sie in der glück- wichsten Ehe, und die Gattin war des Blinden Vorleserin und Beobachterin. ! Durch Bonnet war H. auf die Bienen und die Dunkelheiten in der Naturgeschichte Mist derselben aufmerksam gemacht worden, und so unternahm der Blinde das Geschäft, ^ sie aufzuklären. Er lehrte seinem Bedienten, Franz Brünens, die schwere Kunst hliN des Beobachtens. Sinnreich ausgedachte Bienenstöcke von Glas halfen die Thier- Äp chm belauschen. Was Brünens gesehen hatte, ward auch H.'s Frau und den Freunden gezeigt, und aus den übereinstimmenden Beobachtungen Aller zog H. 6m- seine Ergebnisse, die der Welt zuerst 1792 in Briefen an Bonnet unter dem Titel: äW Monvelles Observation-; snr !es abeilles", mitgetheilt wurden. Als Brünens eine öffentliche Anstellung erhielt, wäre H. aller Hülfe entblößt gewesen, hätte nicht zu- HA «st die Gattin, dann der Sohn des Dieners Stelle ersetzt. Aber auch Freunde halfen und namentlich Sennebier, welcher wegen der über das Athemholen der Bienen anzustellenden Versuche zu Rache gezogen, dadurch selbst auf andere Arbeiten geleitet wurde und mit H. gemeinschaftlich die berühmt gewordenen Beobachtungen über das Keimen der Samen anstellte, die in dem ,Memoire sur l'mlliience cle I'air et lles ckiverses substances ^a^euses ckans ia Aermination cle üilZe^ rentes plautes" niedergelegt sind. H.'s spätere Beobachtungen über die Bienen erschienen als eine neue Ausgabe seines obengenannten Werkes (2 Bde., Paris und Genf 1814). Man verdankt H. besonders die Bestätigung der schon früher geahmten Erzeugungsart des Wachses im Leibe der Bienen, Angaben über die Sinne dieser Insekten, über das Athmen derselben, die Bestätigung der Angabe Schirach's, daß aus Arbeitsbienen Königinnen entstehen können, wenn eine veränderte Behandlung und Nahrung der Larven eintritt, wobei auch der Einfluß, den die Zelle auf die Verwandlung des Insekts hat, nachgewiesen wird; ferner den Beweis von dem Eierlegen der Königin, von dem Legen fruchtbarer Eier durch eine gewisse Art von Arbeitsbienen, von dem Erkennen der Bienen untereinander durch die Fühler, einen genauen Bericht von der sogenannten Drohnenschaft u. f. w. Außerdem ist H. auch der Stifter der Gesellschaft für Physik und Naturgeschichte zu Genf. Seine Correspondenz führte H. meist gedruckt, indem er das mechanische Talent eines Dieners, Claude Lecher, st ausgebildet hatte, daß ihm dieser eine Druckerei einrichtete, mit deren Hülster stine Briest drucken konnte. H. war auch ein leidenschaftlicher Liebhaber der Mu- ük und hatte eine angenehme Stimme, In seinen spätem Jahren lebte er zu Lausanne bei feiner Tochter Frau MoUin, in deren Armen er am 22. Dec. 1831 starb, nachdem er noch im vollen Bisitze seiner Geisteskräfte am 20. Dec. einen herzlichen Brief an einen geliebten Freund geschrieben batte, sein nahes Ende nickt ahnend. " (67) ' Hudson-Lowe (Sir), königlich großbritannischer Generallieutenant, k>n Name, der durch Napoleon mit auf die Nachwelt kommt. Sir H. war näm- uch als Gouverneur von St.-Helena der Kerkermeister des gefallenen Helden. Er überbot noch durch Härte und sinstern Argwohn die zur sichern Aufbewahrung des ^fürchteten Gefangenen ihm von seiner Regierung vorgeschriebenen Maßregeln; -ayer der bittre Haß Napoleons gegen ihn und ^ englische Regierung, welche so Großmuth in die unabweisliche Strenge zu legen wußte, oder erst, als es Zu spät war, bessere Anstalten für „Europas berühmten Staatsgefangenen" auf angwood treffen ließ. Wir verweisen auf die Schriften von O'Meara, Las Cafes 'Nv auf Napoleons Memoiren. Auch Personen aus Napoleons nächster Umge- 'NA, unter Andern Las Cafes, wurden von ihm beleidigt und als verdächtig einge- 32 * 500 Hugo kerkert, oder von der Insel entfernt. Sir H. hatte, ehe man ihm jenes trauche Amt übertrug, in der Armee als General gedient und in Neapel das unregelmäßig und noch mehr als unregelmäßige Corps der sicilischen Jäger befehligt. Nach Napoleons Tode kehrte er nach England zurück, wo seine Waffenbrüder ihn aus ihrem Militairclub ausgeschlossen haben sollen; diesem wurde jedoch in öffentlichen Blättern widersprochen. Gewiß ist es, daß Emanuel de Las Cases der Sohn absichtlich nach London reiste, ihn (am 22. Ort. 18212) auf der Straße beleidigte und zum Zweikampf herausfoderte, den Sic H. aber nicht annahm. Bald daraus ward er zum Gouverneur der Bermuden (im Jul. 1823), und als er diese Stelle nicht annahm, zum zweiten Befehlshaber oder Majorgeneral im Stabe der Insel Ceylon ernannt. Er begab sich vorher, Ende Oct. 1825, nach Paris, Ivo er sich natürlich noch weniger gefiel, und er reiste schon am 15. Nov. von dort nach Wien. Angeblich hatte ein meuchlerischer Anfall auf Las Cases am 11. Nov. dem Gerüchte Anlaß gegeben, sich vielfach mit ihm zu beschäftigen aus diesem Grunde soll er Paris sobald verlassen haben. Im Jan. 1826 verließ er Wien und begab sich nach Konstantinopel. Durch seine traurige Berühmtheit zog er überall die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und reizte den Haß einzelner Franzosen. Es schien, als ob Napoleons Schatten ihn verfolge. So drang (am 3. April 1826) in Smyrna ein fanatischer Franzose, der Consularagent Perry, mit einem Dolch bewaffnet, in H.'s Wohnung, erbrach die Thüre und zertrümmerte alles Gerüche. Sir H. befand sich glücklicherweise auf einem Schisse. Perry drohte, daß er den Mörder Napoleons, seines ehemaligen Herrn, schon zu treffen wissen werde. Man verhaftete ihn und Sir H. bewohnte seitdem ein englisches Schiff, oder ließ sich von englischen Soldaten als Wache begleiten. In der Mitte 1826 kam er auf Ceylon an, welches er nach einer zweijährigen Verwaltung seiner dorti- gen Stelle im Frühjahr 1828 verließ. Er nahm diesmal seinen Rückweg nach England zur See, konnte aber auch hier nicht der Beschimpfung, die ihm auf Sl.- Mauririus (Jsle de France) von französischen Colonisten in Port Louis widerfuhr, entgehen, weshalb der Statthalter dieser Insel, SirG.LowryGole, insemerBe- kanntmachung vom 1,0. Mai einen sehr strengen Tadel öffentlich aussprach. *) 17) Hugo (Victor), geboren am 26. Febr. 1802 zu Vesan^on, begleitete, erst fünf Jahre alt, seinen Vater, einen Obersten, nach Italien, wo dieser Comman- dant einer Provinz wurde und die Räuberbanden, unter Andern Fra Diavolo, bekämpfte. Zwei Jahre später, nach Paris zurückgekehrt, erhielt H. von seiner Mutter, die aus der Vende'e stammte, von einem bei ihr versteckten Royalisten, der später mit Mattet ums Leben kam, und von einem Geistlichen den ersten Unterricht. Pvlybius und Tacitus gehörten zu den Schriftstellern, die er frühzeitig las. Er kam 1811 mit Mutter und Brüdern nach Spanien, wo sein unterdessen zum General erhobener Vater zwei Provinzen befehligte, wohnte im Palaste Macerano in Madrid, trat dann ins adelige Seminar ein und sollte nachher bei König Joseph Page werden. Im folgenden Jahre kehrte seine Mutter mit ihm und seinem Bruba Eugen nach Paris zurück. Der Aufenthalt in Italien und Spanien, der Repa' lismus und der fromme Sinn seiner Mutter, die Begeisterung seines Vaters für Napoleon, all Dieses spiegelt sich in H.'s späterm Leben und aus jeder Seite seiner Schriften. Dreizehn Jahr alt, versuchte er seine ersten Verse zu Ehren -^land und des Ritterthums. Er mußte bald nachher auf gerichtlichen Befehl seine Mutler verlassen, die vermuthlich wegen abweichender polirischen Ansichten mit ihrem Gatten zerfiel, wurde von seinem Vater in ein zum Gymnasium )6<»üs le Orun gehöriges Institut geschickt, und schrieb dort, aus Verdruß über die Trennung vc« ') Die aus dem Englischen übersetzten „Denkwürdigkeiten von Sir ^ we, Gouverneur von St.-Helena, über Napoleons Gefangenschaft und Tod- Stuttgart lL.'v) sind wahrscheinlich unecht. Hugo 50! inner Mutter, ein royalistisches Trauerspiel, zu Ehren Ludwigs XVIII., mit ägyp- lischen Namen, unter dem Titel: „Jrtamene". Von dem Institute Cordien und Decote aus schickte er Verse „8nr los uvuntu^es cko l'etucke^an die Vouclemie/ran- ^ise; Mitbewerber waren Lebrun, Delavigne, Saintine, Loyson, die sämmt- lich diesmal zuerst auftraten. H. erhielt den Preis nicht, aber eine ehrenvolle Erwähnung. Die Preisschrift des fünfzehnjährigen Dichters schloß mit den Versen: Uui gui tonjour» kuvant, les eit^s et Isz com,, De trois lustres a peius oi vu linir ls eours. Die Akademiker glaubten es nicht, daß der Verfasser nur 15 Jahr alt wäre, und fühlten sich beleidigt; als H. seinen Taufschein zum Berichterstatter Ray- nouard brachte, war der Preis schon vergeben. Im folgenden Jahr erhi.lt H.'s Bruder Eugen einen Preis bei den jeui twrmil zu Toulouse; Victor ward eifersüchtig, und trug 1819 bei derselben Akademie zwei Preise davon: über die Statue Heinrichs IV. und über die Jungfrauen von Verdun. In Toulouse hatte man freilich auch nicht glauben wollen, daß H. so jung wäre; und der Präsident der Akademie beschwerte sich ausdrücklich. Die Ode über die Statue Heinrichs IV. hatte der junge Dichter in Einer Nach! vollendet. Er wachte bei seiner kranken Mutter und sie bedauerte, daß er eine Mitbewerbung versäumen sollte; am folgenden Morgen aber war es die höchste Zeit zum Absenden der Preisschrift. Früh am nächsten Tage war das Gedicht vollendet und kam, von der Mutter Thränen benetzt, zeitig genug nach Toulouse. H. wurde 1820 für ein Gedicht: „Moses am Nil", nochmals gekrönt und zum maitre es jeui sioruux ernannt. Durch diese Arbeiten wurde er allerdings sehr in seinem Rechtsstudium gehindert, und dazu kamen noch die Nahrungssorgen und die Politik, welche seinen Geist in Anspruch nahmen, besonders aber die Liebe. Sein Grausen erregender Roman: „Klan ä'Islantle", den er 1820 begann, den aber erst 1828 ein Verleger annahm, hatte keinen andern Zweck, als der Geliebten, der von Jugend auf seine Neigung gehört hatte und zu der man ihn am Ende nicht mehr gehen ließ, seine Gefühle mitzutheilen. Er schrieb zugleich feinen ersten Band realistischer und religiöser Oden und gab mit einigen Freunden den „Oonservstsur littermre" heraus, worin Artikel von ihm über Watter Scott, Byron, Moore, auch politische Satiren stehen. Die damals unter dem Namen d'Auverney erschienenen Übersetzungen aus Lukan und Virgil, und die Epistel von Aristides an Brucus über Du und Sie sind H. Im „(lonservuteur litteruire" schrieb er auch über die ersten ,Me' ä'tations pnetchues", deren Verfasser sich noch nicht genannt hatte. Jedes Wort dieses Artikels drückt die Überraschung, das Erstaunen über den neuen Dichter aus und bittere Ironie gegen die zu erwartenden ersten Urtheile des Publicums über diesen Dichter — Lamartine. Zwei Jahre nach der Erscheinung jenes Artikels, 1821, wurde er persönlich mit Lamartine bekannt. Als ihn kurz nachher Chateaubriand in einer Note zum „(lcmservsteur" enlunt sublime nannte, ging H. mit dem Abgeordneten Agier zu ihm. Er knüpfte ein freundschaftliches Verhältniß mit ihm, das mehre Jahre dauerte. Nach dem Tode seiner Mutter, 1821, bezog er eine kleine entlegene Wohnung, nahm aber von seinem Vater kein Geld, und arbeitete Tag und Aacht, mit dem Vorsatze, sobald als möglich um die Hand seiner Geliebten zu wer- en. Sein Jugendfreund Delon war in die Verschwörung von Saumur ver- e» - 5ch^eb an dessen Mutter und bor dem Flüchtigen sein Zimmerau, er Brief siel in die Hände der Polizei, Ludwig XVIII. las ihn, und H. erhielt w erpe erledigte Pension. Im Oct. 1822 ward er mit seiner Geliebten verbunden. » lange H. sich ausschließend zu den Royalisten hielt, fand er in Paris fast nur a lcr^und seine ersten Schriften, so geistreich sie waren, gaben der Kritik aller- ^3s -olößen. In Versen gefiel seine Romantik noch besser als in Prosa; seine ' I 502 Hüllmann Oden von 182), seine Oden und Balladen von 1824 gefielen mehr als „Hi>n «l'Isiuncke" und „Kuß larAol" (1826). Seine dichterische Sammlung „1^ muse Irun^ai-e" dauerte von 1828 — 24. Für die Beschreibung seiner 1825 mit No- dier nach der Schweiz unternommenen Reise fand er keinen Verleger; die Schrift ist noch jetzt ungedruckt. Ganz anders, als H. sich der öffentlichen Meinung näherte. Sein schon 1824 erschienenes Gedicht „Napoleon" fand den verdienten Beifall. Er dichtete 1827 seine Ode ,A In coloime" und gewann allgemeine Bewunderung. Sein Vater starb 1828, und seine letzten Stunden warm durch die begeisterten Worte, womit sein Sohn, den Kaiser verherrlichte, beglückt worden. Um diese Zeit entspann sich der Kampf zwischen der Romantik und dem Clas- sicismus mit erneuerter Heftigkeit, und nahm eine Weile die Aufmerksamkeit des Publicums fast mehr in Anspruch als die Politik; H., an der Spitze einer kleinen Schar, führte den Kampf gegen die zahlreichen Classikcr mit abwechselndem Glücke. Sein Drama „Cromwell" (1827), nicht für die Bühne geeignet, voll bewundernswerther Stellen, allein oft bizarr, breit, unbeholfen, war eher eine Niederlage als ein Sieg. Die „Orientales" (1828) schlugen den Classicismus aufs Haupt; nie hatte ein Franzose solche Lyrik gedichtet. Ee- ist dies ein Werk voll kindlichen Gefühls, voll glühender Begeisterung; nur die Verse, welche bloß den Classikern zum Trotze geschrieben wurden, sind zu sonderbar. Allein der Widerstand der Nachbeter des einst ehrenwerthen. jetzt langweilig gewordenen Classicismus hatte ihn gereizt, und den ersten Hauptsicg benutzend, schrieb er „I.e ». 504 Humboldt ten begnügt, allein H. weigerte sich ebenso standhaft als zuvor und spater/ als ihm Perier das Finanzministerium antrug. Es geschah dies in dem Augenblicke, wo Perier sich zurückziehen wollte, aber wegen des zwischen Holland und Belgien ausbrechenden Kriegs wieder in der Verwaltung blieb und dieselbe durch den Beistand talenrvoller Manner zu verstärken wünschte. H. begnügte sich mir seiner ehrenvollen Stellung in der Kammer, die ihn zum Präsidenten der Generalsinanzcommis- sion ernannte und am 3. Febr. 1831 seinen Bericht über das Einnahmebudget von 1 832 vernahm. Bei der Bildung des neuen Ministeriums unter Scult's Vorsitz im Nov. 1832, übernahm H. endlich nach langen Unterhandlungen d.'e Verwaltung der Finanzen. Als Schriftsteller über Finanzgegenftände, in mehren pariser Sammlungen, entwickelte H. viele neue Ideen, und seine Reden und Berichte in der Kammer zeichnen sich durch Klarheit, praktischen Blick und Vaterlandsliebe aus. slö) * Humboldt (Alexander von). Das reiche, der Wissenschaft geweihte Leben dieses Mannes hat sich durch unser Jahrhundert, bei dessen Beginn er in den Urwaldern, in den Savannen, auf den machtigen Berggipfeln, unter den Denkmalen alter Cultur und den Werken der Neuzeit auf der westlichen Erdhälfte, die Natur in all ihren großen Zügen, die Zustande der Menschen, die Verhaltnisse der Staaten erforschte, großartig fortgezogen, und selten verging ein Jahr, ohne daß sein, alle Tiefen der Naturwissenschaft durchdringender Blick neue Ausbeute gefunden, neue Aussichten entdeckt hätte, die ihn und Andwe zu weitern Forschungen anregten. Die wissenschaftlichen Hülfsmittel der französischen Hauptstadt und der Verkehr mit den Gelehrten, die mit ihm in demselben Gebiete der Wissenschaft arbeiteten, hielten ihn bis 1825 fast immer in Paris zurück. Sein früherer Entwurf zu einer Reife in die Hochgebirge Asiens schien aufgegeben zu sein, aber er war dagegen fortdauernd mit der Zusammenstellung der Ergebnisse seiner mit Bonpland unternommenen Forschungen beschäftigt, und von der„Reise in die Äqui- nvctialgegmden des neuen Continents"erschien bis 1832 der sechste Theil; wahrend er zugleich einzelne Resultate seiner frühern und spatern Beobachtungen "bekannt machte, wie das „Rssni ?ur le gisiment cke« rocke? ck-ms los ckenx ksmizpkeres" (deutsch von Leonhard, Strasburg 1822—^23), und seine für die physische Geographie neue Ansichten gewahrenden Untersuchungen über die Gesetze der Wärmevertheilung ouf der Erdoberfläche. Ein anderer Gegenstand seiner Forschungen war die Theorie des Erdmagnetismus, deren Fortschritte wir hauptsachlich ihm verdanken. Er hat dazu nicht nur durch zahlreiche Beobachtungen auf seinen Reisen beigetragen, sondern seit 20 Jahren auch Andere zu Beobachtungen aufgefo- dert. Sein Eifer, dieses dunkle Gebiet zu erforschen, ließ mitten in dem bewegtesten Leben nicht nach, dafür zu wirken. Mehre Gelehrte, die fern von dem Mittelpunkte der europäischen Civilisation lebten, und keine Berufsneigung zu wissenschaftlichen Untersuchungen hatten, wurden durch ihn angeregt, und zu vielen Unternehmungen hat er freigebig die Mittel dargereicht. Nach Berlin 1825 zurückgekehrt, hielt er im Winter 1827 — 28 vor zahlreichen Zuhörern Vorlesungen über physische Weltbeschreibung, deren Bekanntmachung durch den Druck ange- kündigt ist. Als 1828 die deutschen Naturforscher und Ärzte ihre siebente Jahresversammlung zu Berlin hielten, wurde H. nebst Professor Lichtenstein zum Vorstand ernannt, und auch hier zeigte er einen vielfach fördernden Einfluß, indem durch die Einrichtung, daß für die einzelnen Zweige der Naturwissenschaften besondere Sectionen gebildet wurden, die eigne Versammlungen zu Besprechungen und weitläufigem Erörterungen hielten, der wissenschaftliche Zweck der Zusammenkunft vollkommener erreiche werden konnte. H. eröffnete die Sitzungen durch eine gehaltreiche Rede (f. „Isis", 1829, drittes Heft, und den besondern Abdruck der Rede, Berlin 1829), worin er über den Geiff und Nutzen der Naturforscherversammlungen Humboldt Ä05 sveach. In den trefflichen Veranstaltungen den Gasten ihren Aufenthalt angenehm und" lehrreich zu machen, war sein dankbar erkanntes Watten wirksam. Während er sich zu einem neuen Reiseunternekmen vorbereitete, war sein umfassender Blick stets auf das Ganze der Naturwissenschaften gerichtet, und er gab fortdauernd Anregung zu wichtigen Untersuchungen, wie er denn 5828 Beobachtungen über die Temperatur in den Bergwerken Preußens veranlaßte. Im Sommer 1829 trat er, unter besonderer Begünstigung der russischen Regierung, welche eine geognostische Untersuchung des Uralgebirgs wünschte, von vr. Ehrenberg und Gustav Rose begleitet, seine Reise nach Sibirien und dem kaspischen Meere an, und legte im Laufe eines Jahres einen Weg von beinahe 23u"u5 Ue AäoloAis et Uo climutolo^ie asiatiiiues" (2 Bde., 606 Hume Paris 1831, deutsch von Löwenberg, Berlin 1832). Der Hauptinhalt begeht aus einer, durch neue Mittheilungen von H. und Anmerkungen von Kln cvth B bereicherten Übersetzung der Abhandlung über die asiatischen Gebirgsketter, aus - . einer reichhaltigen Darstellung der klimatischen Verhaltnisse Asiens, und aus Un- tersuchungen über die empirischen Gesetze der Wärmevertheilung auf der Erde, die ein Bruchstück der zu erwartenden physischen Weltbeschreibung sind. Den Er! trag ihrer gemeinschaftlichen Forschungen werden die Reisenden in einem Werke " zusammenstellen, das aus drei Abtheilungen bestehen soll, wovon die erste das geo- gnostische und physische Gemälde des nordwestlichen Asiens von H., die zweite die auf chemische Untersuchungen gegründete mineralogische und geognostische Darstel- ^ lung von Rose, und die dritte die botanischen und zoologischen Ergebnisse der Reise von Ehrenberg enthalten wird. — H. war seit seiner Rückkehr aus Frankreich (1826) in der nächsten Umgebung des Königs von Preußen, den er auf verschiede- . nen Reisen begleitete, wie auch seine Reise nach Paris seit 1830 mit vertrauten diplomatischen Aufträgen verbunden gewesen zu sein scheint. Dieses Verhältnis blieb nicht ohne wohlthätig fördernden Einfluß auf die Anstalten für Wissenschaft ^ Nu und Kunst im preußischen Staate. Hume (Joseph), geboren 1777 zu Aberdeen, widmete sich, nachdem er Mj-K einige wissenschaftliche Vorbildung erhalten hatte, der Wundarzneikunst, und nach Vollendung seiner fünfjährigen Lehrzeit besuchte er die Universität Edinburg. Un- H^il gefähr 23 Jahre alt, machte er als Unterwundarzt in dem Heere des Generals -MN Lake den Krieg gegen die Mahratten mit. Er trieb des Studium der morgen/an- -.M ^ dischen Sprachen mit so gutem Erfolge, daß er bald als Dolmetscher bei dem Heere . ^ dienen konnte, und bewies dabei viel Eifer und Geschicklichkeit, die ihm die Zufrieden- ^ heit seiner Vorgesetzten erwarben und während seines Aufenthalts in Indien mehre einträgliche Stellen verschafften. Er kehrte 1808 als ein wohlhabender Mann nach England zurück. Einige Zeit nachher besuchte er Portugal und Griechenland. Als er 1812 ins Unterhaus gekommen war, machte er verschiedene Anträge zur Ver- ^ besserung der Rechtspflege in Indien. Nachdem er mit kurzer Unterbrechung im Un- 7^ ^ terhause gesessen hatte, wurde er 1826 von der Grafschaft Aberdeen zum Abgeordm- , ten erwählt. Bei dem Processi der Königin trat er als einer der eifrigsten Vertheidi- ger der Angeklagten auf, und erwarb sich später großen Ruf durch seine strengen Prü- fungen der Staatsrechnungen und seine unablässigen Bemühungen den Auswand . für die öffentliche Verwaltung zu beschränken. Er zeigte bei den Parlaments»»- -A fl Handlungen über diese Angelegenheiten eine so genaue Kenntniß des Finanzsystems und eine so beharrliche Opposition gegen Vergeudungen, daß der Kanzler der ^ Schatzkammer immer auf rüstige Gegenwehr bedacht sein mußte, wiewol H. auf der andern Seite in seinen Ersparungsvorschlägen nicht selten zu kleinlicher Knau- -Vj serei überging. Seine politischen Widersacher benutzten die Streitigkeiten, d:e bei ^ k Gelegenheit der ersten griechischen Anleihe entstanden, gehässige Beschuldigungen gegen H. zu erheben. Er hatte, um dem Unternehmen Vertrauen zu gewinnen, mit 10,000 Pf. St. Antheil genommen. Als einer der Commissarien, die über ^ R tzi die Verwendung dieses Geldes wachen sollten, erklärte er sich gegen die fernere Ab- > W sendung neuer Summen von der Anleihe, unter Umständen, die nach seiner Mei- , nung eine solche Anwendung des Geldes seiner Landsleute bedenklich machten. ' Die griechischen Abgeordneten suchten den Grund dieses Benehmens in H.'s An- theil an der Anleihe. Er verkaufte nun seinen Schuldschein mit ansehnlichem Ver- luste, obgleich die Abgeordneten freiwillig versprachen, H.'s Antheil sollte der grie- chischen Regierung nach dem Nennwerth zur Last geschrieben werden. Als später die ^ ^ griechischen Papiere bedeutend stiegen, boren die Abgeordneten den Ersatz jenes Ver- lustes an. Konnte H. dieses Erbieten annehmen, ohne sich einem Vorwurf au--- ^ zusetzen, so machte es doch einen sehr ungünstigen Eindruck, daß er auch die Zin- Hupfeld 507 in s n nahm- — Unter seinen parlamentarischen Bemühungen sind besonders zu er- maynen: seine Anträge gegen das Anleihesystem und den Tilgungsfonds; sein Vor- >!d'Mag, die Zehnten in Irland abzuschaffen und die Geistlichen aus dem Ertrag der 5icchenländereien zu unterhalten; sein Antrag zu Gunsten der ionischen Inseln; ^ seine Versuche, die Arbeiter gegen die Bedrückungen der Fabrikherren zu schützen; ^ Unterstützung der Aufhebung der Test und Corporationsacte und der Eman- ' cipation der Katholiken. Obgleich nach seinen Grundsätzen ein Verfechter der Par- ^mentsreform, war er dochunit mehren Bestimmungen der Bill nicht zufrieden, und schlug vor, die sammtlichen britischen Eolonien durch 19 Abgeordnete repräsen- linn zu lassen. Die Gegner der Reform sahen alsbald, daß dieser Vorschlag die Abführung der Maßregel erschweren würde, und hatten ihren Beifall schon aus- gesprochen, als der Antrag verworfen ward. Im Herbst 18Z2 vor dem Anfange ^ Wahlen zum neuen Parlament bereiste er die Grafschaft Aberdeen und gab AMt über sein Benehmen bei den letzten Parlamentsverhandlungen, indem er jede Frage über einzelne von ihm verfochten? oder bekämpfte Maßregeln beant- ^ wertete. Mit allen Einzelnheiten der Staatsgeschäfte genau bekannt, konnte er bei solchen Besprechungen viele irrige Ansichten berichtigen, und die Nothwendig- Hit gder den Vorwand entfernen, ihm bestimmte Verpflichtungen über seine Ab- ( ^ stimmungen anzusi'nnen. Hupfeld (Hermann), ordentlicher Professor der orientalischen Spra- ' chen und der Theologie in Marburg, wurde daselbst 1796 im Hause seines Großvaters geboren. Sein Vater war Pfarrer in Dörnberg, einem anhalti- scheu Dörfchen unweit Holzappel, und hier und in Melsungen, wohin er bald bald als zweiter Prediger versetzt wurde, verlebte H. seine erste Jugend und em- zugleich von seinem Vater den ersten Unterricht. In seinem dreizehnten wurde er auf zwei Jahre dem etwas strengen, aber für seine frühzeitige wis- M - smschaftliche Ausbildung sebr fruchtbaren Unterricht eines Oheims, des Pfarrers Sigel zu Siglingen bei Heilbronn übergeben, und beendigte seine Schulbildung stii auf dem Gymnasium zu Hersfeld. Im siebzehnten Jahre bezog er, Ostern 1813, ^ ^wlich vorbereitet, die Universität zu Marburg, wo er zugleich als Zögling in NÄ,^' derniedcrhessischen Stipendiatenanftalt aufgenommen wurde- Zwar hatte er sich i für das Studium der Theologie bestimmt, aber eine durch seinen Oheim Sigel ihm eingepflanzte engherzige pietistische Ansicht von dem Christenthum brachte ihn m Widersprüche mit später gewonnenen freicrn historischen Ansichten von der na- Mf-' türlichen Entstehung desselben, die er damals noch nicht zu lösen vermochte, und i deswegen wendete er sich hauptsächlich der Philologie zu. Nach Beendigung der Universitatszeit promovirte kr 1817 in der philosophischen Facultät, erhielt bald darauf die Stelle eines sogenannten Majors in der Stipendiatenanstalt M zu Marburg mit der Assistenz bei dem ersten reformieren Prediger, aber in dieser praktischen Wirksamkeit als Prediger bei seinem theologischen Gemüths- ^and und der Wissenschaft mehr zugewendeten Streben keine Befriedigung badend, folgte er mit Freuden dem Antrag zur Übernahme der dritten Leh- hjisilpf stelle am Gymnasium in Hanau, die er 1819 antrat. Kränklichkeit nöthigte ^sen für die Schule gedeihlichen und seiner Neigung ganz zusagenden ^"skungskreis bald aufzugeben und (1822) seine Stelle niederzulegen. In der lK ^icht, sich zur Übernahme eines Predigtamts vorzubereiten, kehrte er jetzt zu den '1. Logischen Studien zurück, und hier war es, wo er durch das genauere Studium ?^tcn Testaments eine klare und feste theologische Ansicht gewann und i,^'^ 17^'^ wissenschaftliche Thätigkeit die entschiedene Richtung auf die orienta- "H-exegetische Grundlage der Theologie erhielt. Diese beiden Elemente blieben ^ ^ ^ die Factoren seines wissenschaftlichen Charakters. In seiner theologi- ^ Denkart blieb als Grundlage der aus der Jugend mitgebrachte und seiner gei- 508 Hurlebusch , stigen Eigmthümlichkeit entsprechende Supematuralismus als tiefe und lebendige Herzenslehre stehen, aber ein freier historischer Blick gab demselben zugleich ein Princip der freien Fortdiloung der Glaubenslehre a> historischem Grunde, und sicherte seine Theologie damit ebenso sehr gegen dietodte Stabilitateines bloß dogrna- ' tischen Supematuralismus, als gegen die oft hohlen und geistlosen Theorien eines einseitigen unhistorischen Verstandesrationalismus. Wenn er dabei auf hjstori- schem Wege nahe zusammentrifft mit einer aus philosophischer Grundlage hervor- gegangenen neuern, ästhetisch-symbolischen BeHandlungsweise der positiven Glau- B Kens lehre, welche dem Rationalismus eine tiefere Grundlage und bessern Einklang ' Mü aus den religiösen Bedürfnissen des menschlichen Herzens und mit dem Rechte der s U Geschichte zu geben verspricht, so wird jene bloß historische Ansicht doch den An- sprächen des freien Denkens nicht volle Gnüge zu leisten im Stande sein. Glück- licher war die Anwendung desselben historischen Princips auf das Studium der orientalischen Sprachen; auch hat H. in dogmatischer Hinsicht seine Ansichten nie öffentlich entwickelt, man müßte denn Das hierher ziehen, was er kürzlich über Kir- chenverfassung in diesem Sinne ausgesprochen hat, in seinem Nachwort zu I. W. Ws ^ Bickell's Schrift: „Über die Reform der protestantischen Kirchenverfassung, in besonderer Beziehung aus Kurhessen" (Marburg 1831), wo er mit fteimüthigem Ernste auf Herstellung einer freien presbyterianischen Verfassung füe die hessische Kirche dringt. Doch seine ganze Kraft wandte er zunächst auf die orientalische Li- teratur. Für diesen Zweck begab er sich nach Halle, wo er unter Gesenius' Lei- ^.1«^ tung in diesem Fache weiter forschte. Aber seine ganze Richtung konnte in gram- ' matischcm Dogmatismus keine Befriedigung finden, und die neue Bahu der um- fassenden historischen Ausbildung des Sprachstudiums, die durch Jakob Grimm i zunächst für die germanischen Sprachen gebrochen war, suchte er für die orimtali- sehen Sprachen geltend zu machen. In diesem Sinne schrieb er seine „kxercita- twnes setüiopicue" (Leipzig 1825, 4.), ferner seine „0ommeutatlo nommenen Umgestaltung dieser Gerichtsbehörde in ein, mit verschiedenen andern Regierungen gemeinschaftlich gebildetes Oberappellationsgericht genöthigt, ihn in j den Ruhestand zu versetzen. Diese Maßregel fand ihren Grund vorzüglich in dem, ^ ) Huskisson 509 ?on ihm, nach Übernahme des Vorsitzes in jenem Gerichtshofe bewiesenen Leiden- Gastlichkeit und in der Herausgabe einer, seine Amtsgenossen mit ziemlich deutli- M Anspielungen bloßstellenden Schrift, wodurch er dem öffentlichen Ansehen deS ''.mdesgerichts schadete und die Erklärung seiner Eollegen, nicht ferner mit ihm Lienen zu wollen, veranlaßte. Es entsprang'wol hauptsächlich aus dem Gefühle da ihm hierdurch vermeintlich widerfahrenen Kränkung und aus dem Bestreben, das Wohlwollen des künftigen Landesfürsten zu gewinnen, daß H. eine Abhandle „Üoer den Zeilpunkt der Volljährigkeit der Prinzen aus dem Hause Bcaun- chweig" (Helmstedt 1820) erscheinen ließ, worin er diese, damals viel besprochene, unter den Rechtsgelehrten nicht unbestrittene Frage nach oer von dem Herzoge Karl späterhin ausgestellten und beharrlich festgehaltenen Ansicht entschied. Ohne Zweifel wurde hierdurch zunächst der Herzog auf ihn aufmerksam gemacht, und als derselbe einige Jahre nach seinem Regierungsantritt, in den bekannten Streit mit seinem Vormunde verwickelt wurde, ernannte er H., theils weil er von dessen Pen- sionirung einen seiner unhaltbaren Veschwerdepunkte gegen die vormundschaftlicke Regierung hergenommen hatte, theils weil er sich einen neuen, fähigen Verteidiger seiner Sache mochte gewinnen wollen, im Mai 1827 zum Präsidenten des Consistociums zu Wolfenbüttel. Als der Herzog eine Eommission zur Untersuchung oder vielmehr Aufsuchung angeblicher, dem Geheimrath Schmidt zur Last fallender Dienstvergehen anordnete, wurde H. an deren Spitze gestellt, und hielt es nicht für unangemessen, im Laufe der Untersuchung, wahrend ihm erst die Ermittelung einer Schuld des Angeklagten oblag, eine Schrift unter dem Titel.- „Über dm entwichenen Herrn Geheimrath von Schmidt", herausgegeben, worin schon die demselben auf dem Titel gegebene Bezeichnung ein Urtheil ausspricht. H. wurde nach dem, im Herbst 1880 erfolgten Regierungswechsel wieder in Ruhesland versetzt. Er hat sich übrigens, wahrend seiner Laufbahn als Iustizbeamter, den Ruf eines gründlichen, theoretisch und praktisch gebildeten Rechtsgelehrten erworben, wofür auch die von ihm, unter verschiedenen Regierungen im Justizfache bekleideten wichtigen Ämter und eine Reihe geschätzter Abhandlungen aus verschiedenen Theilen der Rechtswissenschaft zeugen; allein schon früh, bei Gelegenheit der, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von dem Herzoge Karl Wilhelm Ferdinand von Vraunschweig beabsichtigten Einführung einer verbesserten Kirchenagende, gab er, in einem dadurch veranlaßten Streite mit dem tresslichen Henke zu Helmstedt, der dieser Angelegenheit mit Wärme das Wort redete, Beweise einer leidenschaftlichen Gemüthsrichtung. Huskisson (William), ein Name, der sich an die wichtigsten Erscheinungen des neuesten Staatslebens in England knüpft und mit den immer weiter sich entwickelnden Folgen eines siegreich behaupteten Verwaltungsgrundsatzes auf die Nachwelt gehen wird. Wie sein Freund Canning nur durch eignes Verdienst Rhoden, bahnte er sich durch alle Hemmnisse, welche die aristokratische Hierarchie an picbejen Talente, wenn es nicht ihr Werkzeug sein wollte, entgegensetzte, den zu der hohen Auszeichnung, die er erreichte. Sein Vater, der Sohn eines ündgutbesitzers in Stassordshire, übernahm ein ansehnliches Pachtgut zu Birch ^ in Worceftershire, wo William H. am 11. Marz 1770 geboren wurde. ach dem frühen Verluste seiner Mutter kam H. nach und nach in verschiedene l) und gab früh Beweise seiner großen Talente. Seiner Mutter Bruder, , em, gelehrter und geschätzter Arzt, der 1702 mit dem britischen Gesandten rnic Bedford nach Paris gegangen war, und spater, durch den Umgang äin Freunden angezogen, sich dort niedergelassen hatte, nahm den Ä ^ ^ ^ ^ 6" erziehen. Es ist später behauptet worden, und stellt ^ verbreitet, in dem Wahn einen Schatten auf den hochge» - öu werfen, er habe anfänglich die Arzneiwissenschast studirt, in einem Wechselhause als Gehülfe gedient. Beide An- 510 Huskifson gaben sind von Andern als irrig verworfen worden, und da der größte Theil des alterlichen Guts in Staffordshire auf ihn vererbt war, so hatte er nicht nöthig, zu seinem Lebensunterhalt ein Berufsfach zu wählen. So viel ist gewiß, daß der Aufenthalt m Paris früh auf seine Bildung Einfluß harte, und seines Oheims genaue Bekanntschaft mit Franklin, der bis 1785 als Gesandter der Vereinigten Staaten dort lebte, scheintauch dazu beigetragen zu haben, dem Jüngling früh eine Richtung auf die Politik zu geben, welche durch die ersten Ereignisse der Revolution und die Aussichten, die sie eröffnete, noch entschiedener hervorgerufen ward, Ex war bei der Einnahme der Bastille, und zeichnete sich bald nachher durch eine Rede in dem Club Hnatre-vmgt-neuf aus, die noch vorhanden ist, und gründlich über die Frage spricht, ob eine weitere Ausgabe von Assignaten angemessen sei. Er empfahl statt der Ausgabe eines entwertheten Papiers den Verkauf der Nationalgüter, um den Staatsbedarf zu decken. Daß er dem Jakobinerclub angehört habe, ist nicht erwiesen, so oft es seine politischen Gegner behauptet haben, um ihn als einen wüthenden Demokraten zu brandmarken. Seine vertraute Bekanntschast mit der französischen Sprache empfahl ihn dem britischen Gesandten, Lord Gow r (dem jetzigen Marquis von Stafford), mit welchem er 1792 nach England zurückkehrte. Als einige Zeit nachher der damalige Minister des Innern, Henry Dundas (spater Lord Melville), einen des Französischen kundigen Mann wünschte, um die Unterstützung der Ausgewanderten in England zu leiten, schlug Lord Gower H. vor, der 1793 unter dem Minister angestellt ward. Entschlossen, sich dem öffentlichen Leben zu widmen, verkaufte er sein Erbgut, und es öffneten sich ihm bald die günstigsten Aussichten. Pitt und Dundas wurden auf seine Talente und seine Geschäftsgewandtheit aufmerksam, wahrend er mit Canning, der eben damals auch die politische Laufbahn betrat, einen festen Freundschaftsbund schloß. Schon 1795 wurde H. Unterstaatssecretair im Coloniedepartcment, dem damals Dundas vorstand, und kam, durch Pitt begünstigt, ins Unterhaus. Er behielt seinen Sitz bis zur Auslösung des Parlaments 1802, konnte aber bei der neuen Wahl nicht durchdringen, und kam erst 1804, als Pitt und seine Freunde noch ein Mal an die Spitze der Verwaltung gelangten, wieder ins Parlament. S-itdcm war er ununterbrochen Mitglied des Hauses, zuletzt für die Stadt Liverpool. Nach Pitt's Tode legte er seine Stelle nieder und gehörte wahrend der kurzen Verwaltung unter Grenville und Fox zur Opposition. Er wurde aber 1807 wieder bei der Schatzkammer angestellt, wahrend Canning Minister der auswärtigen Angelegenheiten wurde. Als dieser 1809 aus dem Ministerium trat, folgte ihm H, und nahm nicht eher wieder ein Amt an, bis Canning 1814 Gesandter in Portugal geworden war. H. blieb in seiner untergeordneten Stelle in dem Ministerium, bis er 1823 Robinson's Nachfolger als Präsident der Handelskammer ward und bald nachher ^ ins Cabinet kam. Nach Canning's Tode ward er unter Goderich's Ministerium ^ Staatssecretair für die Colonien, und behielt diese Stelle auch unter Wellington s Verwaltung bis zum Mai 1828. Werfen wir einen Blick auf diese lange Laufbahn. So lange er in untern Verwaltungsstellen war, trat er nur selten bei Parlamentsverhandlungcn auf, da es die Dienstsi'tte den Unterbeamten nicht gestattet, häufig zu sprechen und chre Meinung über wichtige Fragen abzugeben, und daher geschickte Wortführer der Opposition viele Vortheile vor höher begabten Männern haben, die durch solche Rücksichten gebunden sind. H. lieferte dagegen den Sprechern der Regierung eine reiche Masse von Angaben, von deren Genauigkeit die parlamentarische Erörterung der Verwaltungsmaßregeln wesentlich abhing. Während er in diesen Dienstverhältnissen stand, war er mit den herrschenden Machthaber» nicht immer einig, und obgleich seine Meinung nicht durchdringen konnte, so blieb er doch stets siu nen Grundsätzen teeu, indem er die Beschränkung des Verwaltungsaufwan^s empfahl. So oft er im Parlament auftrat, erweckte die Klarheit seiner Entwicke- Huskisson 511 langen schwieriger Gegenstände stets Aufmerksamkeit. Er gewann durch diese Borzüge allmalig Ansehen im Hause der Gemeinen, wiewol er in spaterer Zeit einen Geistesreichthum zeigte, den man selbst nach den ersten Ankündigungen seines Talents kaum hatte erwarten können. Seine Erörterungen waren stets bündig, aber er brauchte Zeit und Übung, che er die Waffen der Redekunst anwenden lernte, um seine Ansichten desto siegreicher zu verfechten. Bei der berühmten Streitfrage über die Baarzahlungen der Bank (1811) trat er glänzend auf und vertheidigte im Parlament wie durch eine gründliche Schrift („l'ke ^uestion concerninA tke cke- j.reciation ok mir currency 5tateä aock exsmineck") die Nothwendigkeit zu baarer Zahlung zurückzukehren. Im Finanzausschuß von 1819 und in den spatern Verhandlungen über das Budget verdankte seinen Anstrengungen die damalige Verwaltung wahrscheinlich ihr Bestehen, und eine Rede, die er bei dieser Gelegenheit hielt, verrieth die gründlichste Kenntnis des Finanzzustandes der Staaten des Festlandes. Als Mitglied des Cabinets gründete er die neue Handelspolitik Englands; aber die Grundsatze, welchen er Anerkennung zu verschaffen suchte, berührten so viele Privatinteressen, die bei der Fortdauer der Monopole und dem Genüsse einträglicher Privilegien betheiligt waren, daß er dem lauten Geschrei des Eigennutzes ausgesetzt war, wahrend die Masse des Volks ihm Beifall zurief. Noch wichtiger waren seine neuen Einrichtungen im britischen Colonialsystem, indem er 1823 allen Landern an dem Handel mit den früher auf den Verkehr mit dem Mutterlande beschränkte Colonien die unmittelbare Theilnahme gewahrte, sei es in eignen Schissen oder in den Fahrzeugen der Colonien, wohin sie bestimmt waren. Auch von andem Fesseln befreite er den Verkehr. Er hob mehre Einfuhrzölle auf, die nicht sowol mit Rücksicht auf die Staatseinkünfte als zur Begünstigung eines Monopols unter dem Namen einer Schutzabgabe für den einheimischen Produ- centen aufgelegt waren, und daher Gegenverbote im Auslande zur Folge hatten. Er zeigte, daß die auf diese Weise am meisten begünstigten Zweige der Manufactur- thatigkeit am meisten verfallen waren; daß übertriebene Abgaben nur dem kühnen Schleichhändler Vortheil bringen, wahrend sie eine zahlreiche Volksclasse entsittlichen, die Erwartung des Manufacturisten tauschen, den redlichen Kaufmann zu Grunde richten, die Staatscasse betrügen, und daß dagegen die echte Politik und der wahre Vortheil der Betheiligten fodere, die Zölle so weit herabzusetzen, als es gerade hinreichend ist, den Abgaben entgegenzuwirken, die auf die Einführung roher, in den Manufacturen gebrauchten Stoffe gelegt sind. In demselben Geiste milderte H. die Verfügungen der Navigationsacte, und als das Geschrei sich lauter gegen ihn erhob, foderte er die Widersacher seines freien Handels auf, die Vorzüge ihres gefesselten Handels darzuthun. H. wünschte die Ausführung dieser politischen Grundsätze, von welchen nach wner Überzeugung Englands Wohlfahrt abhing, selber zu leiten, und dies bewog 'dn, als Goderich's schwache Hand das Staatsruder niederlegte, unter der neuen Verwaltung, deren Ansichten über die wichtigsten Fragen von den seinigen so vermieden waren, im Ministerium zu bleiben. Wellington war indeß bei dieser Verewigung nicht ganz aufrichtig und ein Misverständniß in der Deutung der Ansich- chH. s über das Korngesetz, das dadurch im Oberhause verstümmelt wurde, ver- ' "ne Verschiedenheit der Meinungen über diesen wichtigen Gegenstand. Der ^ ruch, den Wellington wünschen mochte, ward im Mai 1828 bei den Verhandlungen über die Frage, wem das dem Flecken East- Retford zu entziehende Wählet zugetheilt werden sollte, völlig entschieden. H. stimmte, einer früher über- Verpflichtung treu, gegen die übrigen Minister. Er erklarte sich als- ww s' SchckNr: einem Schreiben an Wellington, worin er sagte, daß, Ann ^ jn diesem besondern Falle es nothwendig machte, er sein üs wollte. Wellington betrachtete diese Erklärung als ein unbeding- nll.issungsZesuch und eilte den König damit bekannt zu machen, und trotz 5l-i HujjUt! H/6 spätem Erläuterungen beharcte er auf seiner Deutung der ersten Zuschrift „Es ist kein Misverstandniß", sagte er zu H.'s vermittelndem Freunde, Lord Dud- ley, „es kann kein Misverständniß sein, es soll keins sein/' H. blieb keine Wahl als sich zurückzuziehen. Hatte er schon früher manchen Tadel über seine Verbindung mit dem bittern Gegner seines Freundes Canning und der von diesem verfochtenm Grundsätze erfahren, so konnten es ihm Viele^noch weniger verzeihen, daß er in den Verhandlungen mit dem hochfahrenden Minister seine Würde vergaß, und es ist nicht zu leugnen, daß er durch diese Schritte und durch die Anhänglichkeit an seine Stelle, die aus seinem Benehmen trotz allen Beschönigungen unzweideutig hervorging, in der öffentlichen Meinung sank. Er machte bald nachher eine Reise auf das feste Land. In der nächsten Parlamentsitzung sprach er mit gewohnter Einsicht für die Freiheit des indischen Handels, für die Emancipation der Katholiken, für die Begünstigung der Auswanderung als einer Erleichterung des Mutterlandes, und mit Nachdruck gegen die von Eanning's Nachfolgern beobachtete Politik in Beziehung auf Portugal und für Grant's Antrag zu Gunsten der Juden. Nach der Auflösung des Parlaments (1830) war seine Gesundheit so sehr geschwächt, daß er bei seiner Wahl in Liverpool nicht zugegen sein konnte. Ein kurzer Aufenthalt auf der Insel Wight gab ihm neue Kräfte, und er entschloß sich, im September seine Wahler zu besuchen und der feierlichen Eröffnung der Eisenbahn zwischen Liverpool und Manchester beizuwohnen. Er wurde mit lebhafter Theilnahme bewillkommt und verfocht in seiner Anrede an das Volk noch ein Mal kraftig die Freiheit des Handels. Am 1ü. Sept. wurde die Eisenbahn eröffnet. Auch Wellington erschien bei der Feierlichkeit. H , der auch nach dem Bruche stets in höflichem Verkehr mir seinem politischen Gegner geblieben, hielt eS als Repräsentant der Stadt für angemessen, den Herzog zu begrüßen. Wahrend der Wagenzug auf der Eisenbahn eine Pause machte, stieg er aus, um dem Herzoge die Hand zu reichen. Seine Rückkehr zu dem Wagen wurde dadurch verzögert, und diesem Umstände war das Schicksal zuzuschreiben, das ihn traf. Er fiel, und die Wagen rollten über sein Bein. Mit großer Standhaftigkeit ertrug er seine Schmerzen, aber alle ärztliche Hülfe war vergeblich, und er starb am 15. Sept. 1830 in den Armen seiner Gattin, welche Zeugin des unglücklichen Ereignisses gewesen war. Er wurde in Liverpool begraben, wo die Achtung und Dankbarkeit der Bürger ihm ein Denkmal geweiht hat. H. zeigte im Lebensverkehr dieselbe Milde und Leutseligkeit, die er auf dem Schauplatze seiner öffentlichen Thatigreit nie verleugnete. Es war eine freundliche Ruhe in seinem Benehmen, und nur wenn ein Gegenstand der Forschung ihn aufregte, oder im Gesprach mit vertrauten Freunden, traten die Schätze seines reichen Gemüths hervor und seine Unterhaltung wurde lebendig. Hussein, Exdei von Algier (s. d.),'ist zu Vourla in Natolien 1764 geboren. In Konstantinopel erzogen, diente er unter den Topschis (Kanonieren). Nach Andern soll er zum Corps der Ulemas gehört und früher in Algier sich mit Tabackshandel beschäftigt haben, Ein Engländer, der als Freiwilliger und wol auch als politischer Beobachter bei der Vorhut des französischen Heeres an dem Feldzuge Theil nahm, Hauptmann Mansell, mischte sich, nach Algiers Eroberung, etwas zudringlich in die Verhandlungen. Er und der englische Consul interess.rtcn sich sehr für den Dei, und schlugen vor, ihn nach England oder nach Malta abgehen zu lassen. H. begab sich mit seinem Harem und seinem Gefolge nach r>- vorno, wo er seirdem sich aufhielt. Er kam im Aug. 1831, nur von einigen Dienern begleitet, nach Paris, wie es hieß, um auf die Erfüllung einiger Capu tulationspunkte zu dringen. Er ward am 24. Aug. dem Könige vorgestellt. gl), gefiel den Parisern durch geistvollen Ernst, eine bei den Morgenländern unge- wohnliche Geistesbildung, ein einnehmendes Betragen, und er nahm sogar einige europäische Gebrauche an. Er verließ Paris im Ott. 1831 und lebt seitdem wieder in Italien. v) Adelet Ilgen 5!3 I. ^deler (Christian Ludwig), ist der Sohn eines Landpredigers zu Großen- Brest bei Perleberg, wo er am 21. Sept. 1766 geboren wurde. Er ist seit 1794 mit dem Titel eines königlichen Astronomen für die Berechnung der Kalender im preußischen Staate angestellt, seit 1821 Professor an der Universität zu Berlin und seit 1826 Mitglied der Kalenderdeputation. Die berliner Akademie der Wissenschaften und die asiatischen Gesellschaften zu Paris und London haben ihm die Mitgliedschaft verliehen. Verrathen schon seine „Untersuchung über den Ursprung und die Bedeutung der Sternnamen" (Berlin 1809), seine „Historischen Untersuchungen über die astronomischen Beobachtungen der Alten" (Leipzig 1806), und mehre seiner vor der Akademie zu Berlin gehaltenen Vorlesungen, z. B. „Über den Kalender des Ptolemaus", „Über die Wegemaße der Alten", „Über das Atter der Runcnkalender", den gründlichen Forscher, so ist das „Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie" (2 Bde., Berlin 1825—26) eine Bereicherung der Wissenschaft, das erste umfassende Werk, das dem Geschichtsforscher, wie dem Astronomen, eine klare Übersicht der Zeitrechnung alterer und neuerer Völker gewahrt, auf wissenschaftliche Grundlage gebaut, und reich an eigcnthümlichen Untersuchungen. Ein Auszug aus diesem Werke ist das „Lehrbuch der Chronologie" (Berlin 188 l). Ilgen (Karl David), ehemaliger Rector der preußischen Landesschule Pforte, ward im Marz 1768 zu Burgholzhausen im preußischen Herzogthume Sachsen geboren, studirte auf der Stadtschule zu Naumburg und dann auf der Universität Leipzig Theologie und Philologie, wo er einer von Bcck's ersten Zuhörern war. Seine ausgezeichneten Kenntnisse in der klassischen und orientalischen Philologie verschafften ihm 1790 den Ruf zum Rector der Stadtschule in Naumburg, von wo er 1794 einem Rufe nach Jena als ordentlicher Professor der orientalischen Sprachen und außerordentlicher Professor der Theologie folgte. Nach einem mehrjährigen Aufenthalte, der ihn durch den vertrauten Umgang mit Fichte, Niethammer, Hegel, Schütz, Paulus und besonders mit Wilhelm von Humboldtsehrwerth geworden war und zugleich mehrfache Gelegenheit dargeboten halte, sich durch gelehrte Arbeiten auszuzeichnen, nahm er 1802 die Stelle eines Rectors in Pforte an. Hier trat I. als strenger Reformator der damals verfallenen Schulzucht auf und hat in dieser Beziehung viel geleistet. Wahrend seiner ganzen Amtsführung bewahrte er sich als ein ernster Freund der alten Zucht, ohne jedoch als ein Feind und Störer jugendlicher Freuden zu erscheinen. Darum ist sein Andenken auch >n Ehren bei den Vielen geblieben, die unter seiner Leitung erzogen und seinen überaus gründlichen Unterricht im Lateinischen und Hebräischen genossen haben. Seit 18^/ ward seine ungewöhnlich kräftige Natur von mancherlei Leiden und Krankheiten heimgesucht, sodaß er sich veranlaßt sah, 1820 um seine Entlassung nachzusuchen, die ihm auch auf eine höchst ehrenvolle Weise bewilligt ward. Im März W1 verließ er Pforte und lebt seitdem in Berlin. I. machte sich als Schriftstel- ^ zuerst durch die Abhandlung: „(Amrns Llrsecurum tragsicus czuulis lusrii, et guäre ejus usus üockie revocuri ueyueut" (Leipzig 1788), bekannt. Diese mit "b k" ""dern Abhandlungen ist in seinen „Opusculis" (2 Bde., Erfurt 1797) "gedruckt, unter denen sich namentlich die Untersuchungen über die Skolim der nechen auszeichnen. Aber sein philologisches Hauptwerk ist die Ausgabe der de A"' (Halle 1796), sowie auch seine letzte Schrift, die Bearbeitung ^T^ilianischen ,,(!ops" (Halle 1821), seine tiefe und ausgebreitete Gelchrsam- eurkundet, die hier und da nur die Rücksicht auf die Fortschritte der neuern "v^ex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 33 5,4 Zmnm'mann Philologie vermissen lassen. Von seinen theologischen Schriften erregten seine Forschungen über das Buch Hiob zur Zeit ihreS Erscheinens (1798) vieles Aus sehen. Außerdem besitzt I. eine außerordentliche Local- und Geschichtskenntniß seiner vaterlandischen thüringischen Gegend, ist in der Medaillenkunde wohl bewandert und vereinigt auch überdies in sich sehr verschiedenartige Kenntnisse, wie man sie sonst bei Philologen wolnicht anzutreffen pflegt. (48) Jmmermann (Karl), 4796 in Magdeburg geboren, empfing seinen ersten Unterricht und die Richtung seines Lebens durch seinen Vater, einen ehrenfesten, strengen Altpreußen aus Friedrichs des Großen Zeit. Gehorsam, Ordnung, Fleiß war das einzige System, das mit unerbittlichem Ernst gehandhabt wurde. Hiernächft war der Hauptgrundsatz: nicht eher etwav Neues vorzunehmen, als bis das Frühere so aufgefaßt war, daß es nicht wieder vergessen werden konnte. Dieser strengen, consequenten, reinen und einfachen Erziehung will I. Alles verdanken, was ihm eigen ist. Und doch regte sich daneben eine unwiderstehliche Lust zu Versen und zum Theater. Schon im zwölften Jahre schrieb er Geburtstagsgedichte, im sechszehnten einen Roman, ein Drama: „Prometheus", und besang den Tod Heinrichs von Kleist. Aber aus der Theaterlust schreckten ihn die Verhängnisse des Staats auf. Er blieb ein strenger Altpreuße unter der französischen Herrschaft. Aus jener Zeit datirt er eine düstere Lebensstimmung (er hat Monate lang in völliger Waldeinsamkeit gelebt), Hinneigung zur Natur und zu einer gewissen Abgeschiedenheit. Von der Universität Halle aus, die er 5813 bezog, lernte er einen letzten Silberblick der deutschen Schauspielkunst auf dem weimarischen Theater, über dem noch Göthe's Geist schwebte, kennen. Wenn er dramatisch dichtet, denkt er an diese Zeit, die nicht mehr ist. Eine andere Zeit, ein anderer Geist erwachte. Nachdem ein Nervensieber den 1813 eingetretenen Volontair gehindert, vor der Einnahme von Paris seinem Corps nachzufolgen, und er nach dem Frieden seine Studien fortgesetzt, machte er den ganzen Feldzug 1815 in den Niederlanden und Frankreich mit. J.'s Name ist darauf verwickelt in den trüben Streitigkeiten zwischen den Studirenden der Universität Halle. Er kämpfte mit männlichem Sinne und im Geist einer neuen Zeit gegen eine veraltete Burschentyrannei unter dem neuen Namen Teutonia und scheute, im Bewußtsein moralischen Muthes, nicht den entgegengesetzten Vorwurf der Feigheit, den alte rohe Schlagcrlust in neumodisch-altdeutschen Röcken allen Denen machte, welche sich aus ihren verjährten Satzungen herausarbeiten wollten. Persönliche Entschlossenheit verrieth er zur Genüge durch seine persönliche, unmittelbare Vorstellung an den König in Berlin. Seine Schrift wurde von den Turnern beim Wartdurgsist verbrannt. Seit 1818 ist er im Staatsdienst, als Referendar in Magdeburg, dann als Auditeur in Münster, wo er manche freundliche Verbindung anknüpfte, angestellt; seit 1827 lebt er als Landgerichtsrath in Düsseldorf, wo er größere Freiheit gewonnen und im Verhältniß zu poetischen Freunden, Künstlern und Gleichgesinnten (Schadow, Fr. von Üchtritz, Schnaase u. A.) ein Lebenselement gefunden, welches ihn zufriedenstellt. 1821 erschien sein Lustspiel: „Die Prinzen von Syrakus". Ihm folgten drei Trauerspiele: „Das Thal von Rom reval", „Edwin", „Petrarca", ein Band Gedichte und der Halbroman: „Die Papicrfenster eines Eremiten"; 1822 „Periander" und 1824 das „Auge der Liebe" (wol sein geistreichstes Lustspiel). Pustkuchen's „Wanderjahre" veranlaß- ten ihn zu dem „frischen, schönen Trauerspiele vom Pater Brey, dem falschen Propheten". Darauf erschien 1826 „Cardenio und Celinde" (wol sein phantasiereichstes Trauerspiel, trotz des abschreckenden Apparats); sowie eine Schrift: „Uberden Ajax des Sophokles". Ergriffen von tiroler Liedern schrieb er 1827 in vier Wochen zwischen den Acten sein „Trauerspiel in Tirol", um so bedeutender, je mehr gehul- sige Parteisucht die deutsche Begeisterung des Dichters angefochten hat, und daraus Improvisatoren 5! 5 Kaiser Friedrich It.", „Die Schule der Frommen", „Die schelmische Grafin" Die Verkleidungen", „Der Carneol" und „Die Somnambule". Den ersten Anlaß zu„Tulifäntchen", einem von wirklichem Dichterhauch durchwehten Gedichte, gab ihm ein überaus kleiner und zierlicher Graf. Er antwortete l 829 durch seine Schrift: „Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Cavalier", ebenso derb als Platen's ungeschliffener Angriff es war, demselben. Seine neuesten Dichtungen sind „Alexis", eine Trilogie, und „Merlin, eine Mythe"; und wir haben bald zu erwarten den Roman: „Die Epigonen", welcher alle deutsche Zustande der jüngsten Zeit umsassen soll, und „Der Schwanenritter", ein episches Märchen. J.'s Wesen spricht von einer gewissen Abgeschlossenheit und herben Kraft, entsprungen aus jenen angege denen Verhaltnissen. Er ist ein norddeutscher — ein altpreußischer Dichter. Seine Dichtungen sind aus ganz individuellen Stimmungen und Anlassen hervorgegangen. Was man als Nachahmung aus Shakspeare getadelt, ist oft nur eine getreue Re lation von wirklich Erlebtem. Was Welt und Menschen anlangt, hat J. mehr inne resVerhaltniß zumachen als zu Personen. Mehr angesprochen vom unzubereiteten Stoffe des Lebens als von dem subumirten, fühlt er sich oft angezogen zu praktischen, ganz unpoetischen Menschen. Deshalb hat ihn was gute Gesellschaft heißt nur vorübergehend berührt, literarische Verbindungen hat er eher vermieden als gesucht. Sein dichterischer Name gehört zu den ehrenwerthen, er rangirt unter den deutschen Dichtern, welche eine Gesinnung haben: ein Unterschied, der jetzt mehr als je festgehalten werden muß. Hinsichtlich seiner Wirksamkeit ist nur zu bedauern, daß er, fern von der realen Bühne, nicht den Einfluß auf dieselbe gewonnen, zu dem ihn sein Talent und seine Gesinnung berechtigte. (9) Improvisatoren. Wenn deutsches Klima und deutsche Lebensge- wohnheit der Kunst des Improvisators günstiger waren, so ließe sich erwarten, wie- wol eben nicht wünschen, daß sich dieselbe bald auch bei uns als eine heimische und öfter wiederkehrende Erscheinung zeigen würde, da von der andern Seite der literarische Tageszustand unserer heutigen Dichtkunst einem solchen poetischen Unter Haltungsspiel allerdings eine Stütze und die nöthigen Befähigungsmittel von selbst darbietet. Das persönliche productive Talent eines Improvisators ist nämlich, so viel die bisherigen Beispiele wenigstens in Deutschland gelehrt haben, in der Re gel als höchst gering anzuschlagen, da es vielmehr augenscheinlich nur in der eigen lhümlichen Fertigkeit sich verriet!), über einen bereits erworbenen und im Gedächtnis angesammelten Vorrath von Vers- und Gedankenverbindungen zu herrschen und denselben durch eine Art Taschenspielergewandtheit der Phantasie mit dem aufgegebenen Thema in einen augenblicklichen Rapport zu setzen, sodaß in solchen Hervorbringungen durch die poetische Laune des Zufalls nicht weniger als durch die fangende Verlegenheit des Moments, welche ja in so vielen Fällen anstatt der Begeisterung dienen und den Pegasus anspornen muß, oft die überraschendsten Sendungen und Anspielungen entstehen, welche man nur gar zu bereitwillig der Produktivität des Improvisators und seiner genialen Bemeisterung des Gegenstan sss zuzuschreiben pflegt. Daher ist es nicht zu verwundern, sondern erklärt sich vielmehr folgerecht daraus, daß diese Dichter des Augenblicks öffentlich improvisierend die besten Wirkungen erreichen, während sie in der Stille, welche doch eigent- "ch die geweihte Werkstatt eines jeden Kunstwerks ist, wo aber für sie der bedin Mde Drang und das äußere Reizmittel der Umstände fehlt, fast nie etwas wahrest Poetisches zu Stande bringen. Der gegenwärtige Zustand der deutschen Poe I'e ober, der aus der reichsten und zugleich naheliegendsten Vergangenheit her eine M;e Fmchtkammer des äußern und innern dichterischen Apparats aufgehäuft hat, ume deshalb vor Allem dazu gee.ignct erscheinen, Improvisatoren bei uns her- ^rzudnchgen und der Kunst derselben durch ein unerschöpfliches Füllhorn von Re- "Weenzen zu Hülfe zu kommen; denn die Reminiscenzen dienen dem Improvi- 516 Improvisatoren sator ebenso, wie dem ein verwandtes Kunststück machenden Variationen - und Phantasienspieler in der Musik die zum Grunde liegenden Passagen eines Themas, die er unaufhörlich, aber stets mit der größten Gewandtheit verkleidet und modisi- eirt hindurchiönen laßt. Von diesem Gesichtspunkt aus könnte man sich daher wundern, daß in Deutschland jetzt noch nicht mehr Improvisatoren öffentlich ausgetreten, und die Erscheinungen dieser Art, welche in den letzten Iahren wirklich bei uns gehört wurden, so einzeln und ohne zahlreichere Nachfolge geblieben sind. Der erste namhafte Improvisator, der sich vor ungefähr acht Jahren öffentlich als solcher in Deutschland ankündigte, war O- L. B. Wolff, welcher zuerst vornehmlich in Hamburg und Berlin Proben seiner allerdings nicht gewöhnlichen Fertigkeit ablegte. In Privatcirkeln, im geselligen Kreise hatte wol schon früher mancher Dichter, welcher sich nebenher eines solchen Talents der Schnelligkeit rühmen durfte, auf diese Weise zur Unterhaltung beigetragen, aber durch Wolff scheint zuerst aus dem poetischen Himmelsstrich Italiens herüber die Sitte, öffentliche Vorstellungen und Schaubühnendeclamatorien mit diesem Talent zu geben, auf unfern Boden verpflanzt worden zu sein. Er nannte sich auch damals sogar auf Büchertiteln nur pur excellence „den deutschen Improvisator", ohne sonst feinen Namen hinzuzufügen (z. B. „Erzählungen des deutschen Improvisators", Gera 1827), doch hat er in den letzten Jahren diese Öffentlichkeit wieder aufgegeben und, besonders seit seiner Anstellung als Professor in Jena, der bloß literarischen Wirksamkeit sich gewidmet. Er pflegte seine Improvisationen häufig mit Begleitung der Musik zu verbinden, indem ein ihm befreundeter Musiker, der, wenn wir uns recht erinnern, seinerseits ebenfalls auf seinem Instrument improvisirte, die Pausen des Nachsinnens durch eine übereinstimmende Tonphantasie auszufüllen hatte oder auch angemessenen Stellen des Vortrags ein musikalisches Accompagnement widerfahren ließ. So hörte man ihn nicht nur lyrische Stücke nach Aufgaben aller Art, sondern selbst kleine Dramen in vollständiger Exposition, Scenerie und Personendurchführung improvisiren, und es läßt sich nicht leugnen, daß ihn bei seiner großen Gewandtheit auch noch hinzukommende mannichfaltige Kenntnisse und Bildung unterstützten, um seinen Leistungen alle Achtung zu verdienen. Auf einer bciweitem niedrigem Stufe steht sein Nachfolger Langenschwarz, der zuerst 1830 im königlichen Hoftheater in München improvisirte und seitdem als der zweite deutsche Improvisator von Pro fession im Süden und Norden von Deutschland auf sein Talent herumreist. An diesem Improvisator sieht man eigentlich recht, wie wenig dazu gehört, um heutzutage in der deutschen Poesie, selbst mit einigem Beifall, improvisiren zu können. Eine sehr geläufige Bemeisterung des Verses, besonders wo es darauf ankommt, große und bekannte Vorbilder darin zu copiren, ist auch Langenschwarz keineswegs abzusprechen; aber ihm fehlt gründliche Bildung und Vielseitigkeit der Kenntnisse, die zur Routine eines Improvisators unentbehrlich sind, und die sich nicht immer durch anmaßenden Schein und Abenteurerkeckheit ersetzen oder beschönigen lassen. Außerdem hat man wol noch in»einzelnen deutschen Provinzialstadten hier und da von Improvisatoren gehört, die aber vbscurer geblieben sind und ihr Talent wol auch nur als poetisches Braten Intermezzo auf der Ressource mögen haben walten lassen Unter allen den genannten Versuchen, diese Kunst bei uns einheimfich zu machen, sind selbst die bedeutendem nur etwas Vorübergehendes und Erkünsteltes gewesen, das keinen warmen Anklang im deutschen Leben hat finden können, während dagegen in Italien das Jmprovisatortalent so volksthümlich ist und der ganzen Richtung des Nationalcharakters so sehr entspricht, daß es dort nie auszusterben vermag, und erst in d. n letzten Jahren wieder eine neue ausgezeichnete Erscheinung dieser Art hervorgetreten ist. Wir meinen die bekannte Rosa Taddei in Rom, der W. Waiblingen in einem aus lebhafter Anerkennung geschriebenen Aufsatz über Ingersleben 517 M eine ihrer Vorstellungen, im letzten Jahrgang seines „Taschenbuch aus Griechenland und Italien", ein rühmendes Denkmal geletzt hat. Der Deutsche ist zu schwer und ernsthaft, zu gründlich und bedenklich, um die Poesie mit genialer Leichtigkeit in sein öffentliches Leben übertragen oder darin dulden zu können; und wenn wir auch der Improvisatoren gern bei uns entbehren mögen, da ihre nur den: geselligen Spiel dienende Kunst überhaupt nie auf die sich entwickelnde National- literatur eines Volkes einen producrivcn Einfluß äußern wird, so hatte eS doch nicht schaden können, wenn Das, was sich auch bei uns auf diesem Gebiete gezeigt, so machtig und eigenthümlich einwirkend gewesen wäre, daß es durch seinen günstigen Eindruck einmal die Meinung unsers Publikums für das öffentliche Erscheinen der reinen Poesie an sich gewonnen und begeistert hätte. (Vergl. Clercq, Pradel und Sgricci.) (47) Ingersleben (Karl Heinrich Ludwig von), preußischer geheimer Staats- mimster und Oberpräsident der Rheinprovinzen, ward am 1. April 1753 geboren und von seinem Vater zunächst für die militairische Laufbahn bestimmt. In dieser Beziehung brachte er die Jahre 1764 und 1765 auf der Ritterakademie zu Brandenburg, die Jahre 1766 und 1767 in derLcole uülitmre in Berlin zu und trat 1768 als Fahnenjunker in das Manstein'sche Kürassierregiment. Bei geringer Aussicht auf Beförderung, suchte er 1786 um seinen Abschied nach, der ihm auch bewilligt wurde. Im folgenden Jahre erwählte ihn die Ritterschaft der Altmark zum Landrath des tangermünder und arneburger Kreises, wo er sich bald in einem so hohen Grade auszeichnete, daß er von Friedrich Wilhelm II. 1795 zum Präsidenten der Kriegs - und Domainenkammer in Halberstadt ernannt wurde, ohne die gewöhnlichen Dienstgrade durchlaufen zu haben. In dieser Stelle entwickelte er so ausgezeichnete Eigenschaften, daß ihn Friedrich Wilhelm III. 1798 zum Präsidenten der Kriegs- und Domainenkammer der größern Provinz Pommern ernannte. I. hat sich durch vielfache Thätigkeit um diese Provinz sehr verdient gemacht; die gänzliche Auflösung der Leibeigenschaft in den ausgedehnten pommerschen Domainen wird seinen Namen dort stets in Ehren erhalten. Bis 1806 war es ihm gestattet, hier zu verweilen, wo er zum Minister erhoben, aber auch zugleich zum Chef der Organisationscommission ernannt wurde, die für Preußen das Kurfürstenrhum Hanover in Besitz nehmen sollte. Das Traurige und Schwierige des Geschäfts wußte I. durch Milde und Gerechtigkeit zu erleichtern und hat daher auch bei den Bewohnern Hanovers sich ein bleibendes Andenken gegründet, welches ihm selbst Georg IV. noch 1821 durch die Verleihung des Guel- phmordens öffentlich ausgedrückt hat. Nach dem tilstter Frieden (1807) entließ der König den Minister I. wie mehre seiner obersten Staatsbeamten, weil er ihrer Dienste bei dem geschmälerten Staate nicht mehr bedurfte. Auch J.'s Entlassung war mild, fast entschuldigend. Nach wenigen Jahren einer wohl verdienten Ruhe ernannte Friedrich Wilhelm III, auf die Bitte der pommerschen Stände, den Minister Z. 1812 zum Präsidenten der pommerschen Regierung. Seine Thätigkeit -ei den bald erfolgenden Kriegsrüstungen war ebenso rastlos als wirksam. Unter mner Leitung ward der Beschluß der pommerschen Stande gefaßt, ein Cavalerie- ugirnent auf Kosten der Provinz zu errichten. Wohl ausgerüstet zog dasselbe in dm Kampf gegen Frankreich; J.'s einziger Sohn diente in demselben und fand wmen Tod in der Schlacht bei Großbeeren. Das Vaterherz ward mit der tiefsten ^rauer erfüllt, aber das Pflichtgefühl und die Liebe zum Vaterlande gaben ihm tacke, die mühevollen Geschäfte jener Zeit zu erfüllen, wofür ihn die Verleihung d nsirnen Kreuzes und 1815 die Ernennung zum Oberprästdenten von Pom k>e ^ Eigenschaft ward er mit der Besitzergreifung und Annahme r rbhuldigung in Neu-Vorpommern beauftragt und vollzog diesen Auftrag mit ur e und Humanität, aber auch mit einer so zarten Berücksichtigung des Kö- 518 Intervention mgs von Schweden, daß ihm derselbe als Anerkenntniß das Commandeurkreuz des Nordsternordens verlieh. Die zweite Periode in J.'s amtlicher Thätigkeit begann 161k mit seiner Ernennung zum Oberpräsidenten des mit der preußischen Monarchie vereinigten Großherzogthums Niederrhein. Auch hier galt es wieder, wie in Hanover, die Formen der preußischen Verwaltung beliebt zu machen und die Rheinländer fester an das gemeinsame Vaterland zu ketten. I. hat sein Talent für diese Art der Geschäftsthatigkeit in einem solchen Grade beurkundet, daß er sich die reinste Hochachtung aller gutgesinnten Rheinpreußen erworben hat, und sein Andenken bei ihnen unvergeßlich sein wird. Obgleich ihn eine warme Anhänglichkeit und ganzliche Hingebung an König und Vaterland beseelte, so schenkte er auch allen billigen Anfoderungen der Rheinpreußen die nothwendige Rücksicht und wußte bei semer aufrichtigen Liebe für alles Gute und seinem Wohlwollen für jeden Bedrängten, mit seinem scharfen Blicke und seiner Geschäftserfahrung auch in diesen neuen Verhaltnissen vielfach zu nützen. Unter seiner Verwaltung hat in den preußischen Rheinprovinzen (denn seit 1822 war I. auch Oberprasident der Provinz Jülich- Kleve-Berg) das innere Leben bedeutend zugenommen, der Verkehr sich gesteigert, die Cultur des Bodens Unterstützung erhalten, die Fabrikthatigkeit an Ausdehnung gewonnen, und die Dampfschissfahrt ist auf dem Rheine eingerichtet tbordcn Keiner nützlichen Unternehmung versagte er seine Zustimmung und thätige Begünstigung; er beförderte nach Kräften die Vereine zur sittlichen Besserung der Gefangenen und die Anstalten für gewerbliche Thätigkeit. Für die Reparaturen im Dome zu Köln zeigte er eine besondere Theilnahme. Den hohen und nieder« Schulen widmete er stets viele Aufmerksamkeit, wenn er auch nicht nach dem Beispiele anderer Oberpräsidenten dieselben öfters besuchte und Lehrer und Lernende durch feinen Zuspruch erfreute. Der als Übersetzer des Hcrodot bekannte Reg'ierungsrath Lange (damals in Koblenz) bearbeitete diese Angelegenheiten unter ihm, und hat ihn stets als einen liberalen Beförderer wissenschaftlicher Cultur erkannt. In seinen Verhältnissen zur katholischen Geistlichkeit bewies I. Umsicht und Klugheit und wußte etwaige Anmaßungen derselben mit Bestimmtheit in ihre gesetzmäßigen Schranken zurückzuweisen. Auch bei der Leitung der landständischen Versammlungen zu Düsseldorf entwickelte er viel Besonnenheit und verstand auf eine glückliche Weise die Ansprüche der Rheinländer, hinsichtlich der Beibehaltung ihrer Justizverfassung und anderer französischen Einrichtungen, zufrieden zu stellen. Auf dem Landtage des Jahrs 1831 fehlte seine gewinnende Persönlichkeit und ward durch seinen Stellvertreter nicht ganz ersetzt. Mit diesen Vorzügen des Geschäftsmanns begabt, konnte I. schon am 15. Ott. 1818 sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum und zehn Jahre spater sein sechzigjäriges feiern. Bei beiden Gelegenheiten aber verbat er sich die allgemein gewünschte öffentliche Feier, und man konnte das seltene Ereigniß nur in Privatcirkeln begehen. In seinem Privatleben zeigte I. stets eine würdevolle Heiterkeit, das innigste Gefühl für eheliches Glück und Familienfreuden und die ausdauerndste Treue in der Freundschaft. Seine Gesundheit war bis zu den letzten Jahren sehr gut und gestattete ihm öftere Reisen und die Theilnahme an den Freuden der Geselligkeit. Nur in den letzten Monaten seines Lebens schwanden seine körperlichen Kräfte sehr sichtbar, aber sein heiterer Sinn blieb unverändert, und er selbst unausgesetzt thätig, ja noch in den Nachmittagsstunden seines letzten Tages erfüllte er die Pflichten seines Amtes Ein Lungenschlag machte in der Nacht auf den 14. Mai 1831 seinem Leben schnell und sanft ein Ende, nachdem er dem Staate K3 Jahre gedient hatte. Auch sein Begrabniß bewies, daß ihm die Zuneigung der Rheinpreußen in einem hohen Grade zu Theil.geworden war. (4s) Intervention. Die Befugniß der Staaten, sich in die Angelegenheiten anderer theils durch Vermittelung und Räch, theils durch Drohungen und end- Intervention 519 lich durch Gewalt der Waffen einzumischen, ist aus dm verschiedenarttgsten Gründen behauptet und zu ebenso verschiedenen Zwecken in Anspruch genommen, aber auch fast nie von den beteiligten Staaten zugestanden worden. Als 1746 der Erbe des Hauses Stuart, der Prinz Karl Eduard, noch in Schottland verborgen war. und man glaubte, daß er der Gefangenschaft kaum werde entgehen können, schrieb der französische Minister an den Holtändischen Gesandten in London und foderte ihn auf, sich dafür zu verwenden, daß man nicht nach der Strenge der Gesetze gegen den Prinzen und seine AnHanger verfahren möge, indem dies dem ganzen Knege eine Erbitterung und Schonungslosigkeit geben könnte, deren Opfer viele Unschuldige werden würden. Der Baron Hoey ließ sich von diesen Rücksichten der Menschlichkeit hinreißen und schrieb in der gewünschten Weise an den englischen Minister Herzog von Newcastle; er bekam aber nicht allein eine sehr empfindliche Antwort, wottn ihm gesagt wurde, weder das Völkerrecht, noch bestehende Vertrage, noch der Gebrauch gestatte einer fremden und sogar feindlichen Macht (Frankreich), sich in Dinge einzumischen, welche bloß das Recht des Königs über seine Unterthanen beträfen, sondern es wurde auch eine sehr nachdrückliche Beschwerde bei den Generalstaalen erhoben, und Hoey mußte wegen seiner Übereilung der englischen Regierung eine förmliche Abbitte leisten. (S. Martens, „Nauses ceiebre- du üroit äes gens", I, 311.) Es ist in der neuesten Zeit wieder viel von einer Intervention der europäischen Machte zu Gunsten der Herzogin von Bern gesprochen worden, allem auch in diesem Falle würde die französische Regierung schwerlich andere Grundsätze anerkennen als Georg II. von England. So war auch die Verwendung, welche die damalige Königin Maria Theresia 1743 ihrem Gesandten in Petersburg auftrug, um die Freiheit des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig, seiner Gemahlin und ihres Sohnes, des unglücklichen Prinzen Iwan, zu bewirken, ohne Erfolg. Auch haben sich die Mächte öfters Derer angenommen, welche der Religion wegen Bedrückungen erlitten, ohne daß jedoch das Recht dazu von der andern Seite immer zugestanden worden, oder die Dazwi- schenkunst von Erfolg gewesen wäre. Die folgenreichsten Interventionen dieser Art waren die Heinrichs II. von Frankreich im 16. Jahrhundert und Frankreichs und Gustav Adolfs von Schweden im dreißigjährigen Kriege zu Gunsten der deutschen Religionsfreiheit und zu Erweiterung der eignen Macht. Diesem letzten Zwecks mußten freilich stets andere Gründe zum Vorwande dienen, und eigensüchtige Absichten der Eroberung, der Herrschsucht und des Ehrgeizes, auch in fremden Angelegenheiten zu entscheiden, hat noch nie eine Regierung eingestanden. Wo man nicht die Chimäre des Gleichgewichts von Europa brauchen konnte, wie m den Kriegen um die spanische und östreichifche Thronfolge, mußten andere Motive, etwa eine wirklich oder vorgeblich übernommene Garantie, die eigentlichen Beweggründe Verbergen, und für die deutschen Angelegenheiten war daher die Garantie des westfälischen Friedens, welche Frankreich und Schweden unstreitig übernommen hatten, Rußland aber auch, wiewol mit Widerspruch von mehren Sei- tm, geltend zu machen suchte, ein nie fehlender Vorwand auswärtiger Einmischung. Wenn man freilich die Rechte und Pflichten der Garantie genauer untersucht und sich überzeugt, daß der Garant erst dann berechtigt ist, einzuschreiten, wenn er zur t-rsullung seiner Verbindung von Denjenigen aufgerufen wird, zu deren Gunsten dieselbe übernommen hat, so wird in vielen Fällen, wo die Gamms ihrer eignen Bortheile wegen sich eingemischt haben, die Unzulänglichkeit jenes Grundes klar hervortreten. Innere Unruhen eines Staats, heftige Parteiungen in einem Volke M oft der vorgegebene und auch in der That der wahre Grund einer solchen Einmischung gewesen, indem Herrscher, welche aus bloßer Ruhmsucht und Kampf- u> langjährige blutige Kriege geführt hatten, auf einmal fanden, daß sie das Blut- ttMßen Andern nicht gestatten dürften. Innere Spaltungen aber und bürger- 1 '1 520 Intervention liche Kriege sind für machtige Nachbarn, ehedem wenigstens, die erwünschteste Gelegenheit gewesen, das eigne Gebiet zu vergrößern, und gerade diese Nachkam waren daher am eifrigsten bemüht, innere Uneinigkeiten anzustiften und zu einem Ausbruche zu bringen, welcher ihr öffentliches bewaffnetes Einschreiten rechtfertigte. Das Einmischen fremder Gesandten in die innern Verfassungsangelegenheiten ist daher oft ein Gegenstand sehr dringender aber vergeblicher Beschwerden gewesen, und z. B. die schwedische Kriegserklärung gegen Rußland 1741 wird gerade auf eine solche unrechtmäßige Einmischung gegründet. Napoleons Eingriffe in die Verfassung der Schweiz, in die innern Angelegenheiten Spaniens wurden durch ähnliche Vorwände gerechtfertigt, können aber nicht als beweisende Beispiele angeführt werden, weil von den andern Mächten jederzeit widersprochen worden ist. In dem neuern Völkerrechte ist die Intervention, und vorzüglich die bewaffnete, in die Verfassunqsveränderungen und andere innere Angelegenheiten fremder Staaten seit 1815 in verschiedenen Beziehungen sehr ernstlich zur Sprache gekommen, und die europäische Diplomatie hat sich darüber in zwei Parteien geschieden, rndem der eine Theil behauptete, daß jeder Staat befugt sei, Veränderungen zu bmdern, wodurch sein eigner Vortheil oder seine eigne innere Ruhe und Ordnung bedroht würde, der andere Theil aber das Princip der Nichtintervention als das einzig rechtmäßige anerkennen wollte. Es ist bekannt, daß Rußland, Ostreich, Preußen und Frankreich darauf ihre Beschlüsse zu Unterdrückung der neapolitanischen Revolution (1820) und später der spanischen (1823) stützten; daß England hingegen jederzeit, mit größerer Bestimmtheit aber seit dem Tode des Ministers Castlereagh und Canmng's Eintritt in das Ministerium, das Princip der Nichtintervention geltend zu machen suchte. Einen, wiewol nicht glücklichen gelehrten Vertheidiger fand das Princip der Intervention in der Schrift: „Völkerrechtliche Erörterung des Rechts der europäischen Mächte in die Verfassung eines einzelnen Staats sich zu mischen" (1821). Aber das Schicksal führte bald selbst für England die moralische Nothwendigkeit herbei, von dem strengen Princip der Nichtintervention abzuweichen. So lange die Griechen noch mit einiger Hoffnung kämpften, wies auch England die Einmischung zu ihren Gunsten immer zurück und beobachtete gegen sie das gleiche Verfahren wie gegen die spanischen Colonien in Amerika, ihren Kampf um die Unabhängigkeit neutral anzusehen, und erst dann, wenn sie sich aus eigner Kraft zur Selbständigkeit erhoben haben würden, Verbindungen mit ihnen anzuknüpfen. Als aber durch die Ägypter jede Aussicht der Rettung abgeschnitten war, und der Anfang gemacht wurde, die ganze christliche Bevölkerung aus Morea nach Ägypten überzuführen, um sie durch Afrikaner zu ersetzen, trat England mit Rußland und Frankreich dazwischen, um eine solche Barbarei, die nunmehr doch eine bloße innere Angelegenheit der Pforte war, zu verhindern, und es hat seitdem an der Einrichtung des neuen griechischen Staats, an der Wahl seines Herrschers und der Befestigung seiner Unabhängigkeit stets einen thätigen Anthei! genommen. Ebenso nahm auch England einen sehr einflußreichen Antheil an der Trennung Belgiens von Holland, obgleich darin gerade die Art der Intervention zu liegen scheint, welcher England früher am nachdrücklichsten widersprach, indem es jeden Schein einer richterlichen oder anordnenden Autorität, die sich die verbündeten fünf Mächte beilegen könnten, zu vermeiden suchte. Endlich sind auch von der päpstlichen Regierung innere Einrichtungen gefodert worden, wodurch offenbar in die innern Angelegenheiten eingegriffen wird. Dagegen sind die andem Mächte ihrerseits in Beziehung auf Frankreich und Belgien selbst von dem strengern Princip abgegangen, und haben die französische Revolution von 1830 durch förmliche Verträge mit der neuen Dynastie, auch die eigen- machtige Losreißung Belgiens von Holland anerkannt. Es führt dies zu dem Intervention 52! v> AM -Resultate, wel6)es auch durch eine rein wissenschaftliche Erörterung der Sache gewonnen wird, nämlich, daß die Intervention an sich selbst weder rechtmäßig noch unrechtmäßig ist, sondern wie andere Handlungen, z. B. die Tödtung eines Menschen und der Krieg, das eine oder das andere, je nachdem die Fälle verschieden sind. Es kommt nicht auf die Intervention an sich, sondern auf die Ursache derselben an, und wenn diese eine rechtmäßige ist, so ist es auch jene. Dabei ist aber der große Unterschied nicht aus den Augen zu lassen, welcher zwischen Unterstützung einer Partei aus Verlangen derselben und einer Einmischung aus eigner Bewegung oder sogar gegen den Willen der beteiligten Regierung .stattfindet. Es sind alsdann hauptsachlich folgende Sätze, welche sich theils aus der Natur der Dinge (der Vernunft) ergeben, die doch da, wo eS an einer gesetzgebenden Gcwaltgänzlich fehlt, auch etwas gelten muß, theils aber auch von den Staaten bisher ziemlich allgemein gegenseitig anerkannt sind. Nicht Das, was die Regierungen gegeneinander gethan haben, stbt eine völkerrechtliche Observanz, weil sonst jede Ungerechtigkeit und Gewaltthat dadurch gerechtfertigt werden könnte, sondern Das, was sie mehrmals als Recht anerkannt, wenn auch nicht immer befolgt haben. Die unrichtige Anwendung eines Princips und die Unwahrheit der factischen Voraussetzungen, nach welchen gebändelt worden ist, heben das Prkncip selbst nicht aussondern, indem man sich genö- chigtgesehen hat, dieThatftchen in einem solchen Lichte darzustellen, daß sie als fac- tische Rechtfertigung des Handelns gelten konnten, wird eben jenes Princip selbst m der Verletzung desselben noch anerkannt. Jene Satze sind nun: I- Jeder Staat, klein oder groß, genießt an und für sich vollständiger Unabhängigkeit in seinen innern Einrichtungen und es ist eine Verletzung seines Rechts, wenn ein anderer Staat sich in dieselben einmischt. Auch das Unrecht, welches im Innern begangen wird, widerrechtliche Unterdrückung des Volkes. Gewissenszwang, Umstürzung der bisherigen Verfassung, geht an und für sich einer auswärtigen Regierung nichts an, sondern dies Unrecht haben nur Die, welche es begehen, bei ihrer Obrigkeit und bei sich selbst zu verantworten. Nur wenn in den Beschlüssen einer Regierung oder in dem innern Handeln eines Volkes zugleich ein directer Angriff auf andere Staaten oder eine Verletzung wirklicher Rechte enthalten ist, wird das Recht der Vertheidigung begründet, z. B. als der französische Nationalconvent eine Legion von Königsmördern errichten wollte; oder als fremde Gebietstheile, die Grafschaft Montbelliard und Avignon, ohne vorangegangene Abtretung mit Frankreich vereinigt wurden. II. Ein bloßes Interesse berechtigt keinen Staat zur Einmischung in innere Angelegenheiten eines fremden Staats, sondern nur eine directe Verletzung. Die Kraft des schwedischen Volkes war 1719 durch aristokratische Beschränkung der Regierung gelähmt worden; 1740 ging man damit um, diese Beschränkungen wiederaufzuheben, um der Krone mehr Macht und Freiheit des Handelns zu verfassen. Dies konnte allerdings den Nachbarstaaten unangenehm sein, allein unmöglich konnte man eine Verletzung ihrer Rechte darin erkennen. Wenn ein Staat ieme Industrie durch Verbote fremder Einfuhr zu heben sucht, wenn er die Jndu- iüie der Nachbarstaaten durch hohe Zölle bedrückt und vielleicht zu seinem eignen Stoßen Schaden ganz zerstört, wenn England durch seine Navigationsacte dem ^eehandel aller andern Nationen Fesseln anlegt, wenn ein Staat Institutionen Aufhebt, welche bei den Nachbarn noch für nothwendig gehalten werden, wenn er Pachtungen macht, welche bei andern Völkern den dringenden Wunsch ähnlicher esormen erregen: so können dadurch zuweilen andern große Nachtheile und Ver- egmheitenzugezogen werden, aber Rechtsverletzungen sind es nicht. Wer sich nur />nes Rechts bedient, begeht keine Rechtsverletzung, wenn er auch Andem mittelsteste große Nachtheile zufügt, wie in den vorhin angeführten Beispielen klar lick ^/^üglich kann die innere Entwickelung der Kräfte den Nachbarn sehr gefähr- erden; wollte man aber deshalb eine Einmischung gestatten, so würde man 522 Intervention ?! R.1I > zu der ungereimten Folgerung gelangen, daß man einem Staate verwehren könne seine Finanzen zu ordnen, einen Schatz zu sammeln; man würde den Engländern die Vermehrung ihrer Marine, die Erwerbungen großer Lander in Ostindien, Neuholland (eines Landes so groß als Europa), neuerlich von Neuseeland (Preußen an Größe gleich, fruchtbar, höchst wichtig durch sein Holz und seinen Flachs, höchst wichtig für Wallsischfang, und durch die anfangende Eultur der Einwohner, welche schon gern als Matrosen in Dienst gehen, von nicht zu berechnenden Folgen) vei^ wehren können; man wurde den Russen ihre Militaircolom'en und den Preußen ihre Landwehr nicht gutwillig gestatten dürfen , weil all Dieses im Fall eines Krieges eine große Vermehrung der Kräfte gewährt. Ja, man würde auch den friedlichsten Einrichtungen, der Verbesserung der Volksschulen und den preußischen Gesetzen über Grundeigenthum und bäuerliche Verhaltnisse widersprechen dürfen, weil sie die moralische Starke der Nation mehr als irgend etwas Anderes erhöhen. Was denn vorzüglich die Staatsverfassung betrifft, von welcher man sagen kann, daß sie doch eigentlich nur die Sicherstellung einer gewissen Regierungsweise sein soll, welche den. Bedürfnisse des Volkes sowol in der Gegenwart, als für die weitere Entwickelung angemessen ist so läßt sich zweierlei vollständig erweisen: a) daß in der Staatsverfassung an sich nur sehr selten ein directer Angriff gegen andere Staaten liegt, und am allerwenigsten m dem constituuonnellen Prinu'p, weil dieses der Eroberungslust des Herrschers die wirksamsten Schranken setzt; und !>) daß die Voraussetzung, eine Staatsreform könne andern Staaten wirkliche Nachtheile drohen, wenigstens in der Regel jactisch unrichtig ist; denn wenn auch der Einfluß der Staatsverfassungen aufeinander gar nicht geleugnet werden kann, so sind doch nur gewaltsame Erschütterungen ein unmittelbares Übel, hingegen besonnene und Naturgemäße Reformen für jeden Staat eine Wohlthat. Jene werden durch die Reformen benachbarter Staaten allein nie herbeigeführt, sondern nur Wünsche und Nachahmungsluft geweckt, welche die Regierung durch Gerechtigkeit, Mäßigung und eifrige Erfüllung ihrer Pflichten immer in den gehörigen Schranken halten kann, und sie wird gerade durch Gewährung wirklich nöthiger Reformen von gewaltsamen Ausbrüchen zurückhalten. Die Gewährung des Guten verhindert das Schlechte von selbst. Der Satz, daß ein Staat seines bloßen Interesses wegen sich in fremde Verfassungen mischen dürfe, führt aber zu einer zweiten Ungereimtheit. Das ganze völkerrechtliche System beruht auf Gegenseitigkeit; kein Staat kann (außer dem Vertragsmäßigen) etwas als Recht ansprechen, was er demselben nicht auch als solches zugesteht. Wie nun, wenn das constitutionnelle Princip die Oberhand gewinnt, wird man alsdann nicht auch den constitutionnellen Staaten zugestehen müssen, daß sie zu ihrer Sicherheit auch von ihren Nachkam gleiche Einrichtungen fodern, und wo würde dies endigen? Würde nicht England, Frankreichs Holland, Belgien, Schweden und Norwegen mit den constitutionnellen Staaten Deutschlands wenigstens an die übrigen deutschen Staaten dergleichen Ansoderun- gen machen können? Würden sie nicht einer Aufhebung der polnischen Constitution widersprechen müssen ? Das Ende davon aber würde ein ewiger Krieg sein, bis zur gänzlichen Unterdrückung des einen oder des andern Princips; ein Krieg, ebenso ungerecht in seinen Ursachen, als die ehemaligen Religionskriege und ohne Möglichkeit eines vernünftigen Ausgangs oder Ziels. Zuletzt läßt sich doch einem Volke eine seinem Sinn und seiner Culturstufe widersprechende Verfassung nicht gewaltsam aufdringen, und eine in seinem Geiste und seinen Sitten gegründete weder nehmen, noch auf die Dauer vorenthalten. Da sich nun aber diese Bedinguw gen und Entstehungsursachen einer Verfassung stets verändern, so würde auch jener Principienkrieg immer von Neuem beginnen müssen. Daher muß ein sne liches Nebeneinanderstehen verschiedener Constitutionen und eine völlige Freiyei jedes einzelnen Staats in dieser Hinsicht als eine der Grundlagen des Völkerrecht Irland 523 M« W Lodert werden. UI. Gänzlich verschieden davon ist aber das Recht der Staaten, sich der Unterdrückten anzunehmen. Dieses Recht ist in der menschlichen Natur gekündet und hat keine Grenzen. Nur die eigne Würde der Staaten fodert, daß es nicht aus gewinnsüchtigen Absichten und nicht als Vorwand, sondern lediglich aus 5er Überzeugung von der Gerechtigkeit einer Sache gebraucht werde. Die Emmi schung Gustav Adolfs in den dreißigjährigen Krieg, die Intervention der drei Mächte zu Gunsten der Griechen wird zu allen Zeiten als em Act der höchsten Gerechtigkeit gepriesen werden. England selbst wird nunmehr bekennen, daß die Mächte, welche sich der Amerikaner annahmen, nicht allein dazu berechtigt waren, sondern ihm auch, wicwol damals gegen seinen Willen, die größte Wohlthat erwiesen haben. Es wäre ein Glück für Frankreich gewesen, wenn eine andere Macht im Stande gewesen wäre, den protestantischen Unterlhanen Frankreichs gegen Richelieu und den jesuitischen Beichtvater Ludwigs XIV. zu Hülfe zu kommen; namentlich die Vendee, in welcher damals Alles protestantisch war, würde der Regierung keine Besorgnisse erwecken. Diese Einmischung aber wird doch immer für eine Feindseligkeit gehalten, bei welcher es auch nur darauf ankommt, ob die Ursache derselben eine gerechte und löbliche ist. Unruhen in einem Lande anzustiften oder zu unterhalten, oder gar an Verschwörungen durch die Gesandten Theik zunehmen, ist von jeher für eine Beleidigung der bestehenden Regierung, und was die Gesandten betrifft, für einen Misbrauch ihrer völkerrechtlichen Stellung angesehen worden. Wenn aber die innern Bewegungen soweit gediehen sind, daß eine neue Regierung mit den Mitteln der Macht factisch bekleidet »st, sei dies eine das Ganze oder nur einen Theil (durch Losreißung) betreffende Veränderung, so bedient sich jeder andere Staat wieder nur seines Rechts, wenn er mit dem einen oder dem andern Thüle Verbindungen eingeht und ihm Unterstützung leistet. Unrecht an sich liegt nicht darin, auf welcher Seite auch der Beistand gewährt werde;' es wird aber natürlich daraus leicht eine wirkliche Theilnahme am Kriege entstehen können, wenn die Gegenpartei so stark ist, daß sie einen dicecten und offenen Feind mehr nicht zu schonen braucht. Eine Anerkennung eines factisch zur Unabhängigkeit gelangten Staats, wie der amerikanischen Colomen und neuerlich Belgiens, ist an und für sich keine Rechtsverletzung gegen den bisherigen Hauptstaat. I V. Etwas ganz Anderes liegt noch in den Combinaticnen der Machte, durch welche das Handeln der einzelnen so gebunden wird, daß das Ganze einen Anschein von Wek- ttgierung oder Völkergericht bekommt, wie dies in allen Angelegenheiten Europas seit 1815 bemerkbar ist. So sehr sich Canning gegen diese Tendenz der Allianz der Monarchen von Rußlaad, Ostreich und Preußen sträubte, so ist es doch dahin gekommen, daß man den Frieden in Europa nur durch ein gemeinschaftliches Handln erhalten konnte und sich also entschließen mußte, die Ereignisse, welche einen chemeinen Krieg herbeiführen konnten, gemeinschaftlich zu erwägen und gewisse Grenzen zu bezeichnen, bis zu welchen man den Umständen und den gegenseitigen -lnsichten und Interessen nachgeben wolle. So wurden die Kriegszüge Ostreichs und Frankreichs nach Neapel und Spanien (1821 und 1823) von England, der Krieg Rußlands gegen die Türken (1828) von England, Frankreich und Ostreich nachgegeben, aber unter der Bedingung, keine Eroberungen zu machen, und so baden die Mächte die Unabhängigkeit Belgiens und die bewaffnete Einmischung Frankreichs nachgegeben, aber unter ähnlichen Bedingungen. Diese Combina u°n der europäischen Mächte könnte als der Anfang einer positiven Ordnung unter w Völkern betrachtet werden, welche allerdings als Strebeziel des Völkerrechts brachtet werden muß, allein sie scheint dies selbst nicht zu wollen, und so wird mancher Sturm über die Welt wchen, und noch mancher Acker mit Blut ge- ungt werden müssen, ehe zum ewigen Frieden der Grundstein gelegt wird. (3) Irland. Seit einer langen Reihe von Iahren wird unaufhörlich wie- 524 Irland derholt, daß Irland in dem gefahrlichsten Austande, daß eine oder die andere Grasschaft in offenem Aufstande ist; daß Verbindungen durch das ganze Land be^ stehen, um systematisch die Hauptpachter der großen Besitzungen englischer Eigentümer, die Einnehmer der Zehnten und Pachtgelder zu ermorden, wenn sie da- bei mit einiger Strenge verfahren, sowie Diejenigen, welche in Criminalprocesscn solcher Art gegen die Mörder zeugen; daß der größte Theil der acht Millionen Menschen, zu welchen nun das irlandische Volk angewachsen ist, sich mit Mühe ' des Verhungerns erwehrt; daß Tausende ohne Heimakh und Obdach sind, Andere Z-Mt in Hütten leben, die man anderwärts kaum für das Vieh gut und reinlich genug finden würde — und doch geht noch Alles den alten Gang und bis in die neueste Zeit hat man an ernstliche Anstalten, diese Übel in der Wurzel anzugreifen, nicht gedacht. Indessen scheint doch die Gefahr immer ernster zu werden, und die bin- >^,!i gerliche Gleichstellung der Katholiken hat der englischen Aristokratie nur durch die Furcht einer allgemeinen Empörung entrissen werden können, ist aber so gut als . . -st die Parlamentsreform an sich nur eine Vorbereitung und ein Mittel zu großem ^ >M Erleichterungen des Volkes, nicht aber für sich selbst eine Maßregel, welche un- mittelbare materielle Vortheile gewahrte. Höchst wahrscheinlich wird man aber nun auch in Irland die Früchte der Parlamentsreform genießen wollen, und wenn das Eine, die katholische Emamipation, durch Furcht erlangt wurde, so ist nicht abzusehen, warum nicht auch Anderes, die Einziehung der protestantischen Kir- chengüter, wo keine protestantischen Gemeinden vorhanden sind, vorläufig die Ab- schassung der Zehnten; femer die Herstellung einer getrennten Staatsverfassung und Verwaltung, wie Irland sie mit einem eignen Parlament bis zur Union von 1800 besaß; warum nicht endlich auch die Zurücknahme der Confiscationen aus dm drei letzten Jahrhunderten, wodurch die Eingeborenen nach und nach fast ganz ihres ' ^ . eiZnen Bodens beraubt und Heimathlose Fremde in ihrem eignen Lande wurden, ' ^ ^ durch das gleiche Mittel durchgesetzt werden sollte. Irland ist von den Engländern seit Jahrhunderten mit größerer Härte und Ungerechtigkeit behandelt worden, als irgend ein anderes unterjochtes Volk, und dennoch hat es seit Heinrich II. seine Nationalität, seine von der englischen völlig verschiedene Sprache, Vieles von der alten Sitte und die katholische Religion behauptet ; unter 8 Millionen Menschen ist kaum eine Million einem andern Glauben zugethan, und nur die Hälfte von dieser der bischöflichen Kirche, welche die einzige vom Lande dotirte ist ; die andere Hälfte sind Presbyterianer, Quäker und andere Glaubensgenossen. Die alte Verfassung Irlands war patriarchalisch; das Volk in Stamme getheilt, mit einem aus dem Stamme gewählten Häuptling an der Spitze; mehre Häuptlinge unter einem gemeinschaftlichen Oberhaupte, einem Fürsten, vereint, und diese wenigstens in Zeiten gemeinschaftlicher Kriege unter einem Könige verbunden. Das Grundeigenthum gehörte dem ganzen Stamme, der Häuptling hatte dasselbe unter die Mitglieder zu vertheilen, und bezog von ihnen gewisse Abgaben neben dem ansehnlichen Theile des Bodens, welchen er selbst innehatte. Diese Verfassung ^ dauerte auch nach der ersten Eroberung noch lange fort. Aber die irischen Haupt- linge wurden durch die nach und nach eingeführte Lehnsverfassung Vasallen der ^ englischen Krone und dadurch der ganze Charakter ihres Besitzes verändert, zu- ch gleich aber auch der Grund zu dem Verderben und dem jetzigen Elend des irischen „ Volkes gelegt. Bis dahin hatte der Stamm ein eignes Recht am Boden, ein so ^ strenges Gesammteigenthum, daß jeder erwachsene Mann seinen Theil von dem ^ Gemeinlande verlangen konnte und die Inhaber ihm Viesen Theil abgeben muß- ^ ten, wenn kein freies Land vorhanden war, oder daß, mit andem Worten, eine neue Vertheilung vorgenommen werden mußte, wenn die Zahl der Antheilberech- tigten sich veränderte. Der Häuptling aber war nur Vorsteher des Stammes, nicht Grundherr, und die Dienste und Leistungen, unter diesen besonders die Be- 'h Irland 525 berbergung seiner Familie und seiner Kriegsmannen, sowie das Aufziehen seiner Kinder, wurden ihm nicht als dem Eigenthümer der Landerei, sondern als dem Anführer des Stammes gewahrt. Indem er aber sich der englischen Krone unter- wmf, und seinen Landbesitz in Lehn verwandeln ließ, wurde der König von England oberster Grundherr; er selbst besaß von nun an das Land nicht mehr kraft der Wahl seines Stammes und als Repräsentant desselben, sondern kraft königlicher Verleihung, und seine Stammgenossen wurden aus freien Eigenthümern seine Vasallen, die ihr Recht am Boden nur von seiner Verleihung abzuleiten hatten. Diese Veränderung ging von Heinrich II. an, jedoch zuerst sehr langsam vor sich, indem bis zu Heinrich VIII. nur ein Theil des Landes um die Hauptstadt (das Land rvitbin tke pale) völlig unterworfen und auf englische Weise eingerichtet war. Sie war den Häuptlingen in ihren nächsten Folgen so vortheilhaft (und an das Entferntere denken die Menschen so selten!), daß diese selbst gar wohl zufrieden waren, englisches Lehnrecht anzunehmen. Die schlimmem Folgen zeigten sich erst, als solche englische Lehnleute sich zu Empörungen verleiten ließen und nach ihrer Niederlage ihr Land von der Krone wegen Felonie eingezogen wurde. Dabei verlor nicht nur die eigentliche Familie des Häuptlings ihr Recht, indem das Lehn nun an Andere, an königliche Beamte und Offiziere vergeben wurde, sondern der ganze Stamm, die Masse des Volkes, die Landbauern wurden als bloße Zeitpächter und Ainsleute (als Meier ohne Eigenthumsrecht) behandelt und von dem neuen Lehnsinhaber nach Belieben fortgeschickt. Einige größere Lehen wurden auch woi für Rechnung der Krone eingezogen, zu Grafschaften gemacht, wie unter Philipp und Marie aus den Besitzungen der O'Connor und O'Moore die Königs-Graf- schast und Königin-Grafschaft (Xing's (lount/ und Hueen's (lount^) entstanden sind. Diese Art des Verfahrens veranlaßte viele Engländer ihr Glück in Irland zu suchen; sie gingen in königlichen Diensten dahin, mit der Aussicht, bei vor kommenden Confiscationen ihren Theil an der Beute zu erhalten, thaten daher aber auch, was in ihren Kräften stand, um so viel irische Wilde als möglich war, zu Felonien zu nöthigen (durch ungerechte Bedrückung und Neckerei), oder unter dem Vorwand begangener Felonie des Ihrigen zu berauben. Die erste große Eon fiscation dieser Art betraf die Gerald's (jetzt Fitz-Gerald, Herzoge von Leinster) unter Heinrich VIII. und Shane O'Neil unter Elisabeth. Besonders zeichnete sich durch Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Statthalter Elisabeths Graf Grey (1578—82) aus, welcher eine große Zahl edler Irländer ohne^Proceß hinrichten ließ und ihre Güter einzog. Es kam zu einer fast allgemeinen Empörung der Jr lander, welche der Günstling der Königin, ungeachtet er bedeutende Streitkräfte mitbrachte, nicht dämpfen konnte, die aber zu neuen Confiscationen geführt hatte, che sie gerade um die Zeit des Todes der Königin beigelegt wurde. Nun faßte Jakob I. den unglücklichen Gedanken, Irland förmlich zu colonisiren (zu bepflanzen nannte man es), d. h. die irländischen Besitzer, Grundherren und Bauern ganz durch englische Ansiedler zu ersetzen; es wurden eine Masse Güter, von den Fami- l'en O'Neil undO'Donnel allein 500,000 Morgen, eingezogen, theils wegen wahrer oder auch nur erdichteter Verschwörungen, theils auch wegen bloßer Kanzleifeh- lu bei den frühern Lehnbriefen, wegen deren auch 500,000 Morgen ihren alten ./ich"« entrissen wurden. Aus diesen Ländereien wurden neue Lehen zu 1000, . W und 2000 Morgen gebildet und mit gewissen Bedingungen verliehen, z. B. A Baronet mußte dem Könige drei Jahre lang 30 Mann stellen; wer 2000 orgen erhielt, sollte ein Schloß mit Wall und Graben bauen. Irländer sollten ^ nicht als Pachter und Zinsleute angenommen werden. Diese Bedrückungen, /kch auch die Religionsspaltungen mischten, hrachtm 1641 den Aufstand z^^Protesianten hervor,in welchem eine große Zahl derselben (Einige sagen ,00y) ermordet wurden. Cromwell unterdrückte diesen Aufstand und gab fei- 526 Irland I ^ nen Soldaten zur Belohnung abermals Ländereien in Irland, was nur durch neue Beraubung der alten Eigenthümer geschehen konnte. Die Restauration unter Karl II. hals um so weniger, als sie mit abermaligen Ungerechtigkeiten verknüpft 7 war, und endlich gab die Anhänglichkeit der Jrländer an Jakob II. und der Sic), A Wilhelms III. Anlaß zu den letzten Consiscationen, die zwar nur eine Million Morgen betrafen, aber den Katholiken, d. i. dem Stamme des alten Volkes, fast nichts übrig ließen. Seitdem ist das Volk in seinem eignen Lande fremd. Sein ) - Boden gehört theils der Kirche, die nicht seines Glaubens ist; bloß die vier Erz- bisthümer und 20 Bisthümer sind mit mehr als einer Million Morgen Lan >. des ausgestattet, d. i. ein Achtzehntel des ganzen Landes. Die Capitel bei den Bisthümern und die 1266 Pfarreien haben ebenfalls im Ganzen ein bedeutendes > Landeigenthum. Die Einkünfte dieser Geistlichkeit, welche nur etwa 500,000 , Glaubensgenossen hat, betragen, maßig berechnet, 1? Millionen Pfund Sttr- ling. Der für das Land drückendste Theil dieser Einkünfte fließt aus den Zehnten, welchen der größte Theil des Bodens unterworfen ist und sich auf Dinge erstreckt, die in andern Landern nickt leicht zehntbar sind, z. B. Milch. Der zur eng- tischen Kirche in Irland gehörigen Personen sind etwa 850, indem mehre Pfrün- »lldiut! den und Pfarreien auf ein Haupt gehäuft sind. Es ist leicht zu begreifen, daß die »TsN Entrichtung der Zehnten an eine dem Volke und seinem Glauben fremde Geistlich- üMsn keit bei der großen Armuth des Landes die größte Unzufriedenheit erregen muß, aiWa denn die weltlichen Zehnten verhalten sich zu den geistlichen etwa wie eins zu sechs HU Daher hat auch die Verweigerung der Zehnten in den letzten Jahren so überhand ki, ZH genommen, und ihre Ermäßigung, wo nicht gänzliche Aufhebung, wird eine der drin Mmi gendsten Maßregeln des reformirten und resormirenden Parlaments werden müssen. Mssii Denn neben dieser unmaßig reichen Geistlichkeit der englischen Kirche (das Bisthum Ätz, zii Derry tragt gegen 95,000 Pfd. jährlich, das Eczbisthum Armagh 63,000 Pfd., das Erzbisthum Tuam 50,000,das Bisthum Elphin 32,000 Pfd.) erhalt das Volk auch noch aus freiwilligen Gaben seine katholischen Geistlichen. Allein der Grund des Elends, in welchem die Masse des Volkes sich befindet, liegt doch nicht darin, HM sondern offenbar in dem Verdrangen desselben von seinem Boden, dem Verluste chM, seines Eigenthumsrechts an demselben durch die oben in allgemeinen Umrissen dar > ^ ^ gestellten Ereignisse. Es sind wenig kleine Grundeigenthümer oder Freisassen in UM Irland vorhanden, die Zahl der Freeholders beträgt im Ganzen etwa 52,000, und darunter 20,000 mit einem jahrlichen Ertrage des Landes von 10 Pfd., 10,000 mit einem Einkommen von 20 Pfd. und 22,000 mit 50 Pfd., die zusam- men schwerlich mehr als 1^ Millionen Morgen oder kaum ein Zehntel des Bodens besitzen. Das Übrige ist (außer der Kirchenlanderei) in der Hand weniger großer Gutsbesitzer, meist vermöge der alten Consiscationen, und diese verpachten ihr Land an große Pachtunternehmer, welche dasselbe wieder in sehr kleinen Thei- len am die eigentlichen Landbauern in Afterpacht geben. Der Afterpachter muß für seine Wohnung selbst sorgen, und dies sind daher Hütten, mehr Ställen, wozu sie freilich auch dienen, nzeil das Vieh mit in der Wohnung ist, als menschlichen , ^ Wohnungen ähnlich. Die Asterpachtungen haben gegen den Eigenthümer nicht ^ ^ die mindeste Sicherheit, und wenn mit dem Hauptpachter eine Veränderung vor- geht, werden sie auf der Stelle fortgetrieben. Dann zieht ein Theil Heimathlos im Lande umher, ein anderer lebt in den Niederungen und Gebirgen. Daß ein . ' solcher Zustand, zumal bei der trotz allen Auswanderungen nach Canada, Neuhol u land, dem Cap der guten Hoffnung, reißend zunehmenden Bevölkerung, endlich einen , , Grad erreichen muß, wo sein längeres Bestehen unmöglich wird, bedarf keim . Beweises, und er scheint in Irland diesen Grad erreicht zu haben. Die Einfuh ^ rung einer Armensteuer wäre reiner Unsinn, weil das ganze Volk beinahe sie ew' - . pfangen müßte und nur Wenige sie geben könnten. Es werden Gesetze nolhwen- H Irving 627 dig über die Elementarverhaltnisse des Volkes, erbliches festes Meiecrecht und dergleichen, und diese kann Irland von dem englischen Parlamente nicht erwarten. Daher ist das Streben der Manner des irlandischen Volkes zunächst auf eine Aufhebung der Union und Wiederherstellung eines befondern Parlaments und einer unabhängigen Staatsverwaltung Irlands gerichtet. Und gewiß hat Irland mit einem Volke von 8 Millionen, von reinem gaelischen Stamme, mit einer eignen Sprache, mit einer uralten Literatur gegründete Ansprüche auf eine nationale Existenz, und nur das Zugeständniß derselben scheint auf die Lange die Verbindung mit England sichern zu können. (Vergl. den Art. O'Connell, an welchen sich die Darstellung der neuesten Bestrebungen für diesen Zweck anknüpfen wird.) sst / Irving (Edward), presbyterianischer Prediger, wurde 1792 zu Annan in der schottischen Grafschaft Dumfries geboren, und nachdem er auf der Universität zu Edinburg studirt und einige Zeit in öffentlichen Anstalten Unterricht ertheilt hatte, ward er durch die Begünstigung des berühmten Predigers Chalmers in Glasgow als dessen Gehülfe angestellt. Sein Ruf stieg bald so hoch, daß er zum Prediger des ursprünglich für Hochländer gestifteten caledonischen Bethauses zu London gewählt wurde, und nachdem zu seinen Gunsten die stiftungsmäßige Bedingung, auch in gallischer Sprache zu predigen, die I. nicht verstand, war aufgehoben worden, trat er 182? sein Amt an. Der Herzog von Park, der als Vorstand der Stiftung bald nachher das Bethaus besuchte, wurde durch J.'s Vortrag so überrascht, daß er in den Hofkreisen von der merkwürdigen Erscheinung sprach und die Neugier erweckte. I. hatte überdies angekündigt, daß er die Grenzen der Kanzelermahnung überschreiten und ungewöhnliche Waffen gegen einflußreiche Manner richten werde; er hatte es für den Zweck seiner Sendung erklart, „phantasiereiche? politische, gesetzkundige, gelehrte Männer, welchen die Welt in die Hand gegeben, zu lehren, wie sie die Sache mit ihren Seelen berathen müssen, auf daß sie fortan keine Entschuldigung haben". Die Ankündigung, die feine Welt bekehren und die britische Au stokratie zum Evangelium bringen zu wollen, konnte ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Persönlichkeit des Predigers und die eigenthümliche Art seines Vortrags tha- tm das Übrige. Der Zudrang zu dem kleinen Betsaale in Croß - Street wurde so ^roß, daß sich die Neugierigen vorher schriftlich melden mußten, um durch die Stadtpost Eintrittskarten zu erhalten. Der Eintretende glaubte sich, obgleich der einfache Saal seine gottesdienstliche Bestimmung ankündigte, in ein Theater ver seht, wo die vornehme Versammlung von Männern und Frauen ein sehenswürdi ges Schauspie! erwartete. Der Prediger erschien. Ein Mann, über sechs Fuß doch, ein bleiches Gesicht, dessen Umriß von der Ovalform fast zum Dreieck abwich, ch't sonst regelmäßigen und kräftigen Zügen, hoher Stirne, von üppigem raben ^Warzen Haar umgeben, das sorgfaltig gescheitelt und auf beiden Seiten nieder ^kammt war nach mitteralterlich italischer Sitte; ein voller wohlgepflegter Backen ^t, dichte Augenbrauen und eine seltsame Richtung des Auges beim Aufblick. Chatte die breite schottische Aussprache bei einer wohllautenden biegsamen Stimme, die aber von den leisesten uud dumpfesten Lauten bis zum heftigsten Aufschrei, ohne alle Verbindung zwischen Ton und Gedanken, launisch wechselte. Ebenso Wbar auf Wirkung berechnet war das gewaltsame und eindringliche aber un- g'Mige Geberdenspiel. Wie der sorgfältige Anzug an den Putztisch erinnerte, so wurde die Aufmerksamkeit oft auf die Äußerlichkeit gelenkt, wenn die Finger hau- Tätigkeit waren, das gescheitelte Haar zu ordnen, und das weiße Taschen- n! in der Hand, die Schweißtropfen von der schönen Stirne zu wischen. eine Sprache hatte eine manienrte Alterthümlichkeit, mit eingestreuten Dichter derb^^m Eindringlichkeit der Rede suchte er durch Persönlichkeiten und Se/ ohne alle Rücksicht auf seine vornehmen Zuhörer, zu erhöhen, "c Gemeinde, stolz auf den Beifall, den ihr Prediger fand, baute ein größeres 528 Jsambert Bethaus; als es aber vollendet war, hatte der Zauber aufgehört, die Seltsamkeit des «,4 Mannes war zur Gewohnheit geworden. Zwei Schriften, die er drucken üeß: „1^ ^ vraeles ol Spanischen übersetzten Werke über die Ankunft des Messias schrieb, gab einem Theologen Anlaß, ihn als einen AnHanger der Meinung von der Sündhaftigkeit, /s-" Sterblichkeit und Verweslichkeit des Leibes des Messias anzuklagen. Die Sache ^ kam vor die Presbyterialbehörde, die J.'s Ansichten anstößig fand. In einem ge- ' ^ druckten Schreiben an den König sprach er 1828 gegen die Aushebung der Test- und CorporationSacte, und gleichzeitig gab er heraus: ,,'1'lre liest llazs; ächz, course vir tbe ovil cbaractor o5 Uiose our timos, provin^ ttiem tu de tke perilous times of tüe last z^ schlössen, und im Mai 1832 erklarte die oberste schottische Kirchenbehörde I. fm unwürdig, das Predigtamt zu verwalten. Jsamberl (Franeois Andre), französischer Rechtsgelehrter, geboren zu Aunap im Departement Eure und Loire am 3V. Nov. 1792, Zögling des Grafen ^ , Lanjuinais, ist seit 1818 Advokat am pariser Cassationshofe. Er verfocht nach der Restauration die Freiheit des Volkes standhast gegen die Minister, vertheidigte X Italien in den Jahren 1831 und 1832 529 von 1824—28 die Mulatten der Insel Martinique, Bissette und Fabian, gegen die Verfolgungen der Colonialmagistrate und ViUele's. Der Minister Peyronner klagte ihn 1817 wegen eines Artikels in der„0m2etto des tribunmix" an, worin I, nachgewiesen hatte, daß ein Bürger, wenn nicht auf einem Verbrechen ertappt, nur auf gerichtliches Urtheil verhaftet werden dürfe. Alle Rechtsgelehrtcn Frankreichs erklarten sich für I., der von Barthe, dem jetzigen Justizminister, und von Dupin, jetzt Präsident der Kammer, vertheidigt, und darauf freigesprochen ward. Auch als Abgeordneter des Departements Eure und Loire 1880, bliebJ. seinen Grundsätzen getreu. Nach der Juliusrevolution ward er als Rath am pariser Cassationshofe angestellt. Wie als Advokat, gehört I. auch als Schriftsteller zu den ausgezeichneten Mannern Frankreichs. Von seinen kleinern Schriften erwähnen wir die „Dissertation sur les lois maritimos des Rkodiens", im ersten Bande der Zeitschrift „Thenns"; ein ,Memoire Zur les proces tl'impiete tuit- ckez les lZrecs, les Romains et en Rrance", bei Gelegenheit des Protestes gegen den Mourrier tran^ais" im 1.1828. Seine Vertheidigungsschriften für die Mulatten von Martinique machte er in fünf Banden bekannt, und ließ auch seine von 1818 —30 gehaltenen gerichtlichen Reden drucken, die sich sämmtlich durch ein originelles Talent und durch biederes Festhalten an den freisinnigen Principien auszeichnen. Sein „Rssai Instoricple Sur I'etnde du droit uaturel, du droit public, et du droit des ^ens, d'apres les sourees" erschien 1826. Sein ,/IAaite sur lu voirie" (3 Bde., 1825 — 30) ist ein sehr gelehrtes Werk. Sein „Memoire, -»r l'lüstoire du droit d'election en Rrauce" erschien 1830. In seiner „<3ol- lectiou des lois de 1814 ä 1828", mit einem Commentar, stehen viele nicht ins „kulletiu des lois" eingetragene Acten der vorigen Regierung. Besonders wichtig und mit neuen Forschungen ausgestattet ist sein „Recueil gendral des au- ciennes lois ir-uxMses depuis l'ori^ine de la monarctrie jusc^u' a Rouis XIV" (18 Bde., 1822—29) und wurde fortgesetzt durch Decrusy und Taillandier für die Regierung von Ludwig XIV. und XV., und von Jourdan für Ludwigs XVI. Re gierung, sammt dem alphabetischen Verzeichnisse im Ganzen 30 Bände. I. ist einer der vorzüglichsten Kenner des französischen kanonischen Rechts, wie dies schon aus seinen Vertheidigungsreden für den Pfarrer von Chartres, gegen den Bischof und nachherigen Cardinal Latil, hervorgeht. Er beschäftigt sich jetzt mit einem großen Werke über das französische Criminalrecht. Er war einer der Gründer und lange Zeit Mitarbeiter der „(3a2ette des tri-bunaux". Neben den juristischen Ar- bäten widmete I. auch der Erdkunde einen Theil seiner Zeit, verfaßte viele Karten für Gml's Atlas zu Herodot, Thucydides und Tenophon, half demselben Gelehrten bei der Redaction seiner vor der Akademie gelesenen Abhandlungen, zeichnete Mi Karten zu Theokrir, eine zur Eintheilung des römischen Reichs unter Justi- Mn, eine andere über die Einnahme Konstantinopels zu Segur's Weltgeschichte, war einer der Gründer der pariser geographischen Gesellschaft, wurde 1832 Se- aetair des Correspondenzcomites dieses Gelehrtenvereins, und in demselben Jahre unannle ihn die Howard'sche Gesellschaft zu Dublin für Verbesserung der Gefangne zu ihrem Mitglieds. (15) Italien in den Jahren 1831 und 1832. Als mit Napo- ^urze sein Werk, das Königreich Italien, sank, war der Conflict der ^lchiedenen Meinungen und Interessen zu heftig, um eine ruhige Prüfung unk ^statten, was die nun abgetretene Verwaltung dem Lande genutzt insl welchen Einfluß die abermalige Zerstückelung der Halb- e m eine Menge von Staaten haben werde. Einzelne drückende Vorkehrun- yj^^tltlich in finanzieller Hinsicht, hatten eine leidenschaftliche Verkennung Privat veranlaßt, unberücksichtigte Ansprüche, gekränkte Eitelkeit, verletzte Interessen hatten der Regierung zahlreiche Gegner zugezogen. Aber es wahrte vv. tzex. der neuesten Aeit und Literatur. II. 34 530 Italien in den Jahren 1831 und 1832 nicht lange/bis die Italiener die Veränderung ihrer Lage mit mehr Umsicht betrach- i ^ ^ teten und die schon durch die willkürliche neue Theilung des Landes verursachte Un- ^ Zufriedenheit sich heimlich und öffentlich Luft machte. Die Aufmerksamkeit, nicht mehr durch die wichtige Stellung, welche Italien durch sein Verhältnis zum französischen Kaiserreich eingenommen, auf äußere Dinge abgelenkt, grübelte nun um so ^ ^ mehr über die innere Gestaltung und über nicht erfüllte Erwartungen. Eine Folge dieses Standes der Dinge waren die Versuche, sie umzugestalten, welche 1821 zu- ^ gleich im Süden und Norden, in Neapel und Piemont zum Vorschein kamen und im Kirchenstaate zum Ausbruch reif waren. Da die Ursachen jenes MisvergnügenS nicht weggeräumt wurden, sondern sich im Gegentheil von Jahr zu Jahr mehrten, da die Sehnsucht nach einer bis jetzt nur getraumten Nationalität immer stärker wurde, so war die Anhäufung revolutionnairer Stoffe sehr erklärlich, und es de- durfte nur eines Funkens, um die Flamme von Neuem hervorzulocken. Die Julius- tage und die Revolutionen Belgiens und Polens mehrten noch die Gährung, bis 5^ endlich das Verfahren des Herzogs von Modena zu Anfang des Februars 1831 den Ausbruch gewaltsam hervorrief. Man würde, sich tauschen, wenn man glaubte, daß äußere Einflüsse die Hauptveranlassung zu den nun folgenden Begebenheiten gewesen seien, daß eine revolutionnaire Propaganda ein ruhiges Volk aufgehetzt und liM'e irregeleitet habe. Das Übel saß tiefer, es saß im Herzen. Die Verwaltungssysteme des Kirchenstaats und des Herzogthums Modena sind allein Schuld an allem Vor- gefallenen. Betrachten wir vorerst den papstlichen Staat, so tritt uns die mon Ad W! ftruöseste Verfassung entgegen, die es in Europa geben kann. Nirgend wol zeigen Mit die Nachtheile einer Wahlmonarchie sich in so Hellem Lichte als hier, wo die Politik dMii der Eardinäle mit dieser Form alle Übel verbindet, deren sie fähig ist. Da meist be- nW zahrte Männer zu Herrschern gewählt werden, ist ihre Regierungszeit selten lang, > suG und alle Jntriguen und Kabalen, das Unwesen des Nepotismus und der Inter- WUa regna kehren vor und mit jeder neuen Wahl zurück, indem jeder Cardinal, die papst- Mi liche Würde als sein rechtmäßiges Erbe betrachtend, seine Ansprüche darauf so theuer als möglich zu verkaufen sucht. Die Vereinigung der Würde eines BeHerr- Äiim i schers des römischen Staats mit jener des Statthalters Christi auf Erden besteht «Hr nicht nur zum größten Schaden der Religion, durch den falschen Bund der Interessen »M, des Himmels mit denen der Welt, wodurch die erstem der nie zu sättigenden Hab- sucht und dem Ehrgeiz der letztern dienen müssen, sondern auch zum fühlbaren Nach- kllU^ tyeil der römischen Unterthanen. Ein geistlicher Rath, das Collegium der Carbi- nale, nachdem er sich das Recht angemaßt, den Papst aus eigner Macht und aus seiner Mitte zu wählen, glaubt auch, daß die bürgerliche Verwaltung des Staats nur ihm angehöre und hat auf solche Weise eine drückende geistliche Oligarchie gc- bildet. Nur der Priesterstand ist angesehen, nur durch ihn kann man zu Ehrcnjlel- len, zu Würden und Einfluß gelangen, während alles nicht dazu Gehörende selb- ^ stisch hintangesetzt und unterdrückt wird und die nützlichsten Glieder des Staats sich vernachlässigt sehen. Diese privilegirte Kaste, aus Männern bestehend, die meist ^ der Geschäfte völlig unkundig sind und deren Begriffe sich in Klöstern und Senu- narien eben nicht erweitert haben, muß Minister und Gouverneurs von Provin- ^ ^ zen, Gesandte und Gerichtspräsidenten liefern. Durch sie wird das MisverbalU niß zwischen der Hauptstadt und den Provinzen nur um so größer. Rom mit den überschwenglichen Kosten seines Hofes erschöpft alle Hülssquellen des Landes, ohne ^ zu seinem Besten auch nur das Mindeste beizutragen, und sendet den nördlichen ^ Provinzen überdies Cardinäle unter dem Namen von Legaten und andere begun stigte Geistliche als Delegaten, Prolegaten, Governaloren u. s. w., die mit ci- ^ nem Ungeheuern Aufwände als unabhängige Herrscher schalten und walten. 3" >. dem stehen die Römer an Bildung und Aufklärung den Bewohnern der , übrigen Theile des Staats nach, namentlich denen der Provinzen Bologna, ^ Italien in den Jahren 183! und 1832 5^1 rara und Romagna, die bereits 1797 durch den Vertrag von Tolentino abgetreten, 18 Jahre lang einen Theil der cisalpinischen Republik und des nachmaligen Königreichs bildeten. Sieht man nun genauer nach den bürgerlichen Verhaltnissen der römischen Unterthanen und fragt man nach Garantien für persönliche Sicherheit, bürgerliche und religiöse Freiheit, so findet man — keine. Jeder kann, ohne daß es dazu weiterer Befugniß bedürfte, durch einen einfachen Polizeiact gefangen genommen werden, ohne daß man ihm einen Grund anzugeben braucht, und oft ohne daß man eine Verteidigung erlaubt. Zahlreiche Polizeibehörden, weltliche und geistliche, öffentliche und geheime, haben das Recht, in das hausliche Leben einzudringen und Familiengcheimnisse auszuspähen, und nirgend ist das schändliche Wesen der Angeberei so ausgedehnt als hier, wo es von Amtswegen gutgeheißen wird. Gesetzgebung und Gerichtsverfassung sind ein Chaos, aus übel verbundenem Fragmenten aller Jahrhunderte ungeschickt zusammengesetzt. Die Gerichtshöfe sind ohne Zweck in den Gattungen vervielfacht, die Competenzen verworren bestimmt, die Processe werden auf verderbliche Weife in die Lange gezogen und können alle an die Gerichte der Hauptstadt verwiesen werden. Geistliche Gerichte greisen in die Angelegenheiten der Laien ein. Die Richter genießen selten der öffentlichen Achtung und stehen meist im Rufe der Käuflichkeit; sie können nach Willkür versetzt und abgesetzt werden und stehen ganz unter dem Einflüsse der Delegaten und Polizeipräsidenten, die den Vorsitz führen, wenn es ihnen ansteht. Neue Edicte können jeden Augenblick das Bestehende umwerfen. In welchem Zustande das Gerichtswesen vor der Revolution war, beweist der Umstand, daß die provisorische Regierung, wenige Tage nach ihrer Einsetzung, am 9. Febr. 1831 ein Edict ausgab, wodurch die Sitte des Lateinfprechens bei den Verhandlungen abgeschafft und das Motiviren des erlassenen Unheils befohlen wurde; wonach es den Angeklagten freigegeben wurde, chre Vertheidiger zu wählen, Verhaftungen ohne spe- ciellen Befehl der competenten Obrigkeit und das Annehmen von Geschenken von Seiten der Richter untersagt wurden! Noch im Mai 1829 wurde das Jnqui- sitionsgericht (sunto DMaio) in der Romagna neu eingerichtet, und der Generalinquisitor, Fra Angelo Domenico Ancarani, erließ in Forli ein Edict, worin er die verschiedenen Arten der Ketzerei auseinanderfetzte und Allen unter Androhung der Ercommunication und anderer Strafen gebot, im Verlaufeines Monats jeden ihnen bekannten Fall von Ketzerei oder Verdacht derselben dem Gerichte anzugeben, indem er den heimlichen Anklägern bei ihrem frommen und heiligen Werke, wodurch Gottes Ehre und die Reinheit des Glaubens vertheidigt würden, die strengste Verschwiegenheit versprach. Das Unwesen der Steuern ist in den päpstlichen Staa- un aufs Höchste gestiegen. Die papstliche Regierung erbte von der des Königreichs Italien, welche ihr die reichsten Provinzen in einer sehr verbesserten Lage hinterließ, ün Capital von mehr als 20 Millionen, ein? treffliche Grundlage zur Deckung der damit zu übernehmenden Staatsschuld. Aber die neue Verwaltung stürzte oald jede nützliche Anordnung der frühern um, und dringender Bedürfnisse nicht achtend, waren in kurzer Zeit zahllose Summen an die Wiedererrichtung von Klägern und Kirchen, an die Ausstattung von Priestern und Mönchen verschwendet, wahrend die Staatsgläubiger, während der öffentliche Unterricht und die öffentliche ^acherheit, während Alles, was noth that, auf eine unverzeihliche Weise vernach- a >igt wurde. Um den Ausfall zu decken, wurden nun die Steuern nicht nur u dem hohen Stande gelassen, auf welchem man sie vorfand (während alle Ver- wttnifse sich gegen vorige Zeiten sehr zum Nachtheil verändert hatten), sondern vv ^ durch sehr drückende Abgaben, wie den kocalico (eine Herd- ^.^"p^re, die besonders schwer auf dem Landmann lastete und von der provi- chchm Regierung durch ein Decretvom 19. Febr. abgeschafft wurde), dieAb- 34-» 532 Italien in den Jahrm 1831 und 1832 gäbe vom Vieh, die Mahlsteuer u. s. w. Dadurch sind die Provinzen der Ro- magna und Bolognas, trotz ihren vielen Hülfsmitteln in den Erzeugnissen ihres Bodens und dem Fleiße ihrer Bewohner, noch auf Jahre unwiederbringlich zu Grunde gerichtet. Ungeachtet aller dieser Erpressungen sind die Finanzen immer in einer sehr traurigen Lage und werden nicht nach bestimmten Gesetzen, sondern nach willkürlichen Verordnungen verwaltet. Das Zollwesen scheint nur zum Verderben der Unterthanen da. zu sein, und der Tarif ist so übertrieben, daß bei seiner Bekannt: machung mehre Delegaten erklarten, sie sahen keine Möglichkeit, ihn einzuführen. Eine fast ganzliche Vernichtung des Handels und Ackerbaus und die Verarmung des Landes sind die Folge gewesen, und Niemand gewinnt dabei als die Nachbarstaaten und Schleichhändler, nichts ist dadurch befördert worden als Elend und Entsittlichung. Dazu kommt noch das System der Pachtcontracte, der Monopole und der Patente, denen Eisenwerke, Glashütten, Vitriol- und Alaunfabciken, Salz- und Tabacksverkauf u. s. w. unterworfen sind, wodurch der Schatz offenkundig zwei Drittel Dessen einbüßt, was in den Provinzen durch drückende Fiscalgesetze erpreßt wird, und wodurch Einzelne zum Nachtheil des Ganzen auf die unrechtmäßigste Weise begünstigt werden. Der Eardinal Albani, vielleicht der reichste Privatmann Italiens, dessen ungeheures Vermögen der Herzog von Modena erben wird, hatte, während er Legat von Bologna war, unter Anderm das Monopol der Stecknadeln. Vergleicht man nun diese kurzen Bemerkungen über die administrativen Verhältnisse des römischen Staats mit denen des benachbarten Herzogthums Modena, so erschrickt man darüber, noch größeres Elend, noch grausamere Unterdrückung, noch schamlosere Beeinträchtigung der heiligsten Menschenrechte zu finden. Ein Theil der ehemaligen Besitzungen des Hauses Este, die Provinzen Modena, Reg-, gio und Garfagnana fiel 1814 mit einer die Zahl von 450,000 Seelen nicht übersteigenden Bevölkerung (wozu im Nov. 1829 das kleine Herzogthum Massa- Carrara mit etwa 25,000 Einwohnern kam), dem Erben des östreichisch-esteschen Hauses anHeim. Der kleine Staat war nicht arm an ausgezeichneten Mannern, die wie Paradisi, Nobili, Lamberti, Testi und Andere während der italienischen Regierung ihre Talente bewahrt hatten. Statt ihrer umgab sich der neue Herrscher mit Solchen, die von ihrer Fähigkeit bis dahin gar keine Proben gegeben. Die Abschaffung mehrer nützlichen Einrichtungen des Königreichs machte den Ansang, die Wiedereinführung des verjährten esteschen Gesetzbuchs — einer verworrenen Vermengung des römischen Rechts mit dem Schwärm der Glossatoren und den Dekreten aller mittelalterlichen Jahrhunderte — statt des (locke Napoleon folgte, und auch diesem wurden häusig neue Ordonnanzen und Motu-proprien untergeschoben, die das bestehende Recht nach drm Gefalün des Fürsten änderten, während Specialgerichten aller Art, wo es keine Appellation, keine eigne Wahl des Vercheidi- gers, keine Zeugenconfrontirung gab. die Thür offen gelassen wurde. Die Richter konnten willkürlich versetzt und ihrer Stellen beraubt werden, wenn ihnen ihr guter Ruf höher galt als die Gunst des Fürsten. In den ersten Iahren der Regierung erschien ein Gesetz über dieMisbräuche in den Studien, ein Versuch, Wissenschaften und Kenntnisse durch Ausschließung der Mittlern und untern Elassen zum privilegirten Eigenthum von Wenigen zu machen. Die Universität, einst durch ihre Muratori und Tiraboschi berühmt, wurde aufgehoben und statt ihrer eine Art von Eollegien eingerichtet, wo die Jünglinge einer mönchischen Zucht unter frömmelnden oder heuchlerischen Direktoren unrerworsen waren. Vier juristische Eollegien, mit einem oder zwei Lehrern, sollten die Jugend zu richterlichen Ämtern und zum Advokarenstande bilden. Der Elementarunterricht wurde ganz in die Hände der Jesuiten und Priester gegeben; die bestehenden unentgeltlichen Schulen schaffte man ganz ab. Der Besuch fremder Universitäten, selbst der benachbarten lombar- Italien in den Jahren I83l und 1832 533 bischen, ist, sowie das Reisen ins Ausland überhaupt, beinahe unmöglich gemacht. Den Israeliten war der Besuch der öffentlichen Schulen, die Erlangung akademischer Würden und nebenbei die Erwerbung liegender Gründe untersagt. Die strengste Vü- chercensur wurde eingeführt und jedes Buch einem inquisitorischen Stempel unterworfen, indem man den Gang des menschlichen Geistes durch die unsinnigsten Verordnungen und Verbote zu hindern suchte. Das durch viele fromme Schenkungen begünstigte Findelhaus in Modena wurde unterdrückt und die Fonds zu andern Zwecken verwendet, wahrend die Last der Unterhaltung unehelicher Kinder den Gemeinden aufgebürdet ward. Der von der italienischen Regierung erhaltene militärische Pensionsfonds sowie jener des Ordens der eisernen Krone wurden zur Beeinträchtigung einer Menge von Individuen eingezogen. Monopole und Privilegien beschranken Industrie und Handel. Zahlreiche Klöster, namentlich der Bettel- orden, sind für Burger und Landmann (die sich von diesen Zufluchtsorten des Müßiggangs glücklich befreit gesehen) eine neue Bürde. Die Sanitatsverordnungen wurden ganz außer Acht gelassen, und die Folge waren schreckliche Verwüstungen durch die Kinderpocken. Für eine geringe Verminderung der Personcn- fieuer wurden Abgaben von Vieh und Grenzzölle erhoben, welche die Einkünfte des Staats fast auf das Zehnfache ihres Betrags unter den letzten Este erhöhten. Noch jetzt wie früher sind Getreide, Wein, Vieh u. s. w. im Preise sehr niedrig, und doch hat sich ein Einkommen von 575,590 Lire unter den frühern Regenten auf 2,800,000 Lire vermehrt. Die Grundsteuer wurde bei ihren hohen Verhaltnissengelasien, obschon der geringe Preis aller Landerzeugnisse und der Mangel an Freiheit des Verkehrs die Unterthancn an den Bettelstab brachten und sie häufig zum Verkauf ihres Eigenthums zwangen, was der Herzog sich zu eignem wohlfei lenAnkaus zuNutze machte, wodurch er einen für einen so kleinen Staat Ungeheuern Landbesitz erworben hat. Der einzige Rest freier Verfassung, das Municipal- wesen, aus allen Stürmen der Jahrhunderte gerettet, wurde abgeschafft, und die obern Magistratspersonen der Gemeinden (Podestü und Priori) wurden von dem Fürsten selbst meist in der Person junger Edelleute aus begünstigten Familien ernannt, bei denen ihre Tauglichkeit zu der ihnen anvertrauten Stelle am letzten in Betracht kam. Die Polizeiverfassung ist eine unerträgliche Plage gewor den. Ihre Macht ist unbeschrankt wie ihre Gier und die Quälerei der Bürger. Polizeistreifen, wobei keine Rechtfertigung gegönnt wird, greifen überall in die rich. terliche Gewalt ein. Die polizeiliche Aufsicht, unter der eine große Menge von Personen steht, ist so drückend als hindernd für alle Beschäftigung und freien Verkehr, namentlich wenn sie Personen der arbeitenden Classen trifft; nothwendige Folge davon ist, daß solche Leute zu allerhand unmoralischen und unerlaubten Mitteln greisen, um nur ihre Existenz zu sichern. Man darf (so weit geht die Beschränkung) von keinem Orte zum andern in dem kleinen Herzogthum reisen, ohne eine besondere Erlaubnis dazu zu haben, die nach Gefallen ertheilt oder verweigert werden mag. ^ So waren die Verhältnisse dieser beiden Lander, deren Zustand in den '»tzten Zahren durch den unheilvollen frömmelnden Despotismus der Regierung LeosXll. und die immer schärfer, immer argwöhnischer, immer erfinderischer werdende Tyrannei des Herzogs von Modena mehr und mehr unglücklich und gedrückt gewor- en war. Die Ursachen der Gährung von 1821 waren nirgendwo gehoben wor- sn -, die unzähligen Proscriptionen in der Romagna und das Kerkerwesen des Car- wais Rivarola ließen nur noch liefern Groll zurück. Wenn endlich im Herzogtum Modena die Unruhen zuerst von Neuem ausbrachen, so liegt der Grund, ab- Mhen von den oben kurz berichteten administrativen Veranlassungen, vielleicht in erhaltnissen, die wol nie recht klar werdeil können, und in einem Plane des Her- ^ sich an die Spitze einer italienischen Revolution zu stellen, um eine Verein! 534 Italien in den Jahren Z831 und 1832 gung der getrennten Staaten des Landes zu versuchen, ihr Ziel haben sollten. Ein !F junger Modenese, Ciro Menotti, soll nebst verschiedenen Andern von dein Herzoge zur Erforschung und Vorbereitung dieser Verhaltnisse gebraucht worden sein. Aber der Herzog sei inne geworden, daß die Meinung ihm sehr ungünstig war, daß die Fortschritte des Liberalismus zwar auch eine Revolution bezweckten, aber eine solche, die niit seinem Plane unmöglich stimmen konnte: deshalb sei er aus seiner Hut gewesen und habe seine frühern Verbindungen abgebrochen. Soweit die Muth- maßung: nun die Thatsache. In der Nacht vom 3. auf den 4. Febr. j8Z1 wurde dem Herzoge hinterbracht, daß in Menotti's Hause eine Anzahl junger Leute versammelt sei, worauf er selbst an der Spitze eines Truppencorps sich vor die Woh- nung begab und den darin Befindlichen ihre Verhaftung ankündigen ließ. Waren diese nun wirklich mit dem Plane der Verschwörung, deren der Herzog sie anklagte, ^ beschäftigt oder nicht: kurz, sie verweigerten sich zu ergeben, verrammelten dieThüre ^ und vertheidigten sich mit Feuerwaffen so lange, bis aufgefahrene Artillerie und das ^ Musketenfeuer der Truppen sie überwältigte und in des Herzogs Gewalt gab, der gleich am folgenden Morgen eine Militaircommission bestellte, um über die indes- . sen in die Citadelle gebrachten Gefangenen zu richten. Obgleich die Bewohner von ^ Modcna sich bei diesen Vorgangen vollkommen ruhig verhalten hatten, ließ doch der Herzog alle Truppen aus der Umgegend in die Hauptstadt rufen, als die Nach- richt von dem Aufstande in dem benachbarten Bologna anlangte. Dort hatte der ^ " Kanonendonner von Modena die nächste Veranlassung zu Zusammenrottungen des Volks gegeben; am 4. Abends sah der Prolegat Paracciani-Clarelli (der wahrend " der Anwesenheit des Legaten Cardinal Bernetti beim Conclave die Geschäfte führte) sich genöthigt, 'eine Commission von acht der geachtetsten Einwohner (aus Adeli- gen, Professoren und Rechtsgelehrten bestehend) zusammenzurufen, „um Ordnung zu bewahren, da die öffentliche Ruhe bedroht sei'''; am 5. früh Morgens erklarte die Commission sich für permanent, foderte alle Bürger von 18 bis 50 Iahren auf, an der Provinzialgarde Theil zu nehmen und die dreifarbige italienische Cocarde (weiß, roth, grün) aufzustecken, die man sogleich von der ganzen Stadt angenom- men sah; bald darauf, als unterdessen die Nachricht von der am L. desselben Mo- ^ nats erfolgten Wahl des Cardinals Capellari zum Papste unter dem Namen Gre- Ml gor XVI. angekommen war, verließ der Prolegat, dem man zu verstehen gab, daß man seiner nicht mehr bedürfe, die Stadt und die bisherige Commission consti- ^ms, tuirte sich als provisorische Regierung der Stadt und Provinz Bologna, unter dem drchl Präsidium des Advokaten G. Vicini. Die Kunde dieser Begebenheiten reichte für 'AS, die den Herzog von Modena hin, sich in seinem Lande, wo er des Hasses und der Ver- N abscheuung des größten Theils des Volkes gewiß war, nicht mehr sicher zu glau- Ken. Mit seiner Familie, seinen Schätzen und seinen Truppen begab er sich auf ^ Wx das benachbarte Gebiet von Mantua, indem er von den Gefangenen, die bereits ii iie n zum Tode verurtheilt worden waren, die er aber doch nicht den Muth hatte, hin- Äi, biz richten zu lassen, worauf sein Günstling und Rathgeber, der Fürst von Canosa, gc- drungen haben soll, den einzigen Menotti mit sich nahm. Von seiner bedrückenden ^ ^ Furcht befreit, überließ das Volk sich nun rumnltuarischen Scenen und wollte die Gefängnisse erbrechen. Um unvermeidlichen Unordnungen, die durch eine allge- meine Befreiung aller Gefangenen entstehen mußte, vorzubeugen, machte der Ad- vokat Borelli den Vorschlag, dies durch eine Übereinkunft mit dem Regierung?- rathe, Grafen Guidelli, zu bewerkstelligen. Es geschah, und die aus politischen Gründen Verhafteten wurden befreit; Borelli aber mußte später für seinen Rath, ch ^ der die Aufrechthaltung der Ordnung zum Zwecke hatte, mit dem Leben büßen. Die Insurrection verbreitete sich unterdessen mit Blitzesschnelle über die Provinzen von Modcna und Reggio. Um dem Unheil zü steuern, das aus der allgemeinen ^ Gahrung entstanden sein würde, ordnete man Bürgergarden an und ernannte eure Italien in den Iahren 1831 und^ 1832 535 vcovisorische Regierung, die später in eine Dictatur und endlich in eine vereinigte Regierung der Provinzen Modena und Reggio umgeschassen wurde. Eine in die mailgnder Blätter eingerückte drohende Protestation des Herzogs gegen die neue Ordnung der Dinge rief nur eine starke Antwort hervor, worin ihm selber Schuld gegeben ward, sein Volk verlassen und durch den Druck seiner Regierung deren Joch unerträglich gemacht zu haben. Die neue Regierung widmete indeß ihre Sorgfalt der innern Verwaltung, verminderte die Zölle und Abgaben, schaffte alle Privilegien in der Gerichtsverfassung ab, stellte die Universität wieder her und berief solche Männer zu den Ämtern, die durch Kenntnisse und Redlichkeit dazu am geeignetsten waren. Von Bologna aus hatte der Aufstand sich rasch über die ganze Romagna verbreitet. Schon am 6. Febr. zeigte die Regierung an, daß Jmola, Faenza und Forli gleichfalls provisorische Eommissionen eingesetzt hatten, und ein Theil der neuen Bürger- gacde wurde unter dem Befehl des Obersten Sercognani beordert, die päpstlichen Truppen aus den Stellungen, die sie noch in den Provinzen innehatten, zu vertreiben. Unterdessen erklarte man am 8. die zeitliche Herrschaft des Papstes für beendigt und verkündete die Zusammenberufung von Wahlcollegien, um zur Ernennung von Deputirten zu schreiten, welche die neue Verfassung bestimmen sollten. Der Sülzpreis wurde vermindert, die Lotterie- und Zottverordnungen des Königreichs Italien wieder angenommen und ein Revisionsamt für das Zollwesen eingesetzt. Eine Centraldirection der Finanzen wurde ernannt, welcher die Administrationen des Salzes und Tabacks, die Direction des Civilregisters, des Stempels und der Hypotheken, nebst der Post- und Lotterieverwaltung untergeordnet sein sollten; das oben derührte Decret über die Umwandlung der Justizverfassung, Gesetze für die Presse, den Getreidehandel und gegen den Schleichhandel erlassen. Eine provisorische Reform der sehr verwahrlosten Universität wurde vorgenommen und ein derselben fehlender Lehrstuhl des öffentlichen und Völkerrechts angeordnet. Das Fis- caltribunal und die Taxe wurden abgeschafft. Die weiseste Mäßigung und Kenntnis der Bedürfnisse, des Landes zeigte sich in allen Verordnungen der Regierung, die sich den allgemeinen Dank der Bürger dadurch erwarb. Mittlerweile verbreitete sich die Revolution über den größten Theil des Kirchenstaats. Ferrara lehnte sich trotz der östreichischen Besatzung seiner Ci- tadelle auf, früher schon Ravenna, Rimini und der ganze Küstenstrich. Am 1t?. Febr. brachen auch in Parma Unruhen aus. Die Herzogin Marie Luise verließ am 15. die Stadt, um sich erst nach Casal-maggiore, dann nach Piacenza zu begeben, nachdem ihr Minister, Freiherr von Werklein, entflohen war, und ging endlich nach Wien. Sercognani nahm am Ii?. Febr. das Fort S.-Leo, am 17. capitulirte die Citadelle von Ancona, nachdem die Stadt sich bereits am 3. für die neue Ordnung der Dinge erklärt hatte. Später drangen die Vürger- truppen bis Rieti und Civita Castellana, besetzten die Straße von Florenz nach Rom und bedrohten selbst die Hauptstadt, wo zu gleicher Zeit eine Empörung kurz vor ihrem Ausbruche unterdrückt wurde. Die große binnenländische Provinz Umbrien mit ihrer Hauptstadt Perugia steckte gleichfalls die dreifarbige Fahne auf. In den äußersten Schrecken versetzt, ohne Geld und ohne Soldaten, und da die Proclamationen des neuen Staatssecretairs Cardinal Bernetti, worin die Heiligen die bedeutendste Rolle spielten, nicht fruchteten, suchte der päpstliche Hof alle Mittel hervor, sich vor dem drohenden Sturme zu retten. Die Car- dinäle Oppizzoni (Erzbischof von Bologna) und Benvenuti (Bischof von Osimo und Cingoli) wurden abgeschickt, eine Gegenrevolution zu bewirken: aber Ersterer verlor bereits in Florenz den Muth und ging nicht weiter, und der Letztere ward bei seinem Versuche, das Landvolk aufzuwiegeln, gefangen genommen und nach Bologna geführt, wo m an Bernetti's Briefe an ihn, die sowol von der Hülflosigkeit 536 Italien in den Jahren 1831 und 1832 des Hofes als den schlimmen Mitteln, deren man sich zu bedienen gedachte, einen Beweis lieferten, in den öffentlichen Blattern drucken ließ. Am 26. Febr. fand die erste Versammlung der Abgeordneten der freien Provinzen Italiens zu Bologna statt, welche einstimmig proclamirte: 1) die völlige Emancipation äe stire et 6e kactc» der auf der Versammlung repräsentirten Lander und Provinzen von der zeitlichen Herrschaft des Papstes; 2) die vollkommene Vereinigung genannter Lander und Provinzen und Constituirung derselben in einen Staat eine Regierung, eine Familie. Die Föderativverwaltung sollte aus einem Präsidenten, einem Ministerräte und einer gesetzgebenden Consulta bestehen, die am 4. Mar; ernannt wurden. So gestaltete sich in diesen Provinzen mit einer Ruhe, Ordnung, Gesetzlichkeit und Mäßigung, die vielleicht nie wie hier im Gefolge einer Revolution gewesen sind, Alles zum Bessern. So sehr sich auch die Gegenpartei bemühte, die offenbarsten Lügen und Verleumdungen auf die Liberalen zu häufen, ebenso schlagend wurden sie durch die That widerlegt. Die bekannte Politik des römischen Hofes, die Religion als Aushängeschild zu gebrauchen und allen Tadel der zeitlichen Regierung als Angriff auf den Glauben darzustellen, wurde auch in diesem Falle versucht, und das Heer der Priester und Mönche bot Alles auf, um durch diese falsche Vereinung unvereinbarer Interessen den minder aufgeklärten Theil des Volkes zu reizen und zu verführen, um wo möglich einen Bürgerkrieg zu erregen, den man im Voraus als einen Kreuzzug gegen der Christuslehre schlimmste Feinde darstellte. Glücklicherweise schlug das Unternehmen fehl; aber die unausbleibliche traurige Folge war, daß sie selber der Religion, deren Wohl sie heuchlerisch als ihren einzigen Endzweck ausgaben, unendlich schadeten, indem das Volk die Sache dieser von der ihrer Diener nicht hinlänglich zu trennen wußte. Wenn man auf den allgemeinen Zustand des Landes schaut, so hat man in diesen Gegenden, die sonst wegen der Moralitat nicht eben berühmt waren, von Excessen aller Art nie weniger gehört, als während jene sogenannten Gott- und Glaubens- verächtcr den Geschäften vorstanden. Das Volk war wie umgewandelt, die öffentliche Sicherheit war zurückgekehrt, die bessern Gefühle wiedererwacht. Die feste Hoffnung einer nunmehrigen bessern Lage erfüllte, belebte, ermuthigte Alle. Aber es war anders beschlossen: äußere Einflüsse sollten bald den Dingen eine entgegengesetzte Richtung geben und das jetzt noch so glückliche Volk in doppelt tiefes Elend stürzen. Mit seinen eignen und östreichischen Truppen betrat der Herzog von Mo- dena wieder lein Land. Die Bürgergarden leisteten bei Carpi (6. März) erfolglosen Widerstand, und ohne Kampf zog er am 9. desselben Monats in seine Hauptstadt ein, indem er eine Proclamation vorausschickte, worin die Grade der Schuld abgemessen und wol von Strafe und Rache, aber nicht von Verzeihung die Rede war, und die er sogleich durch eine den Juden aufgelegteAwangsteuer von 600,009 Lire (weil sie sich der Revolution geneigt bewiesen!) und Gefangennehmung Aller, die an der Umwälzung Theil genommen oder ihr günstig gewesen waren und das Land nicht verlassen hatten, bewahrheitete. Die am meisten Gefährdeten nebst einem Theile der Bürgergarden hatten unter dem Commando des Generals Zucchi sich auf das bolognesische Gebiet begeben, wo sie (Decret vom 6. März) entwaffnet wurden, um nicht den mindesten Grund zur Klage zu geben. Der östreichische Feldmarschalllieutenant Fürst Bentheim war unterdessen am 6. über den Po gegangen und Ferrara besetzt worden, während am 13. östreichische Truppen unter dem Baron d'Aspre in Parma einrückten Doch noch immer wollten die Bologneser an keine Intervention glauben, bis endlich nicht mehr daran zu zweifeln war. Jetzt befand man sich in der größten Verwirrung; ein Versuch, durch Vorausbezahlung der Abgaben die leeren Cossen zu füllen, war ohne Erfolg. Der General Zucchi wurde zum Oberbefehlshaber ernannt, und am 20. März verkündigte die Regierung ihre Verlegung nach Ancona. Am 21. wurde Bologna von den Oestrci- ^ l>W H«, d>! »lil W Italien in den Jahren !831 und 1832 537 chern besetzt; bei Rimini kam es am 55. zum Gefechte, wo die Italiener, nachdem die Östrcicher unter dem Commando des Generals Mengen die Barrikaden der Vorstadt erstürmt hatten, weichen mußten. Den wichtigen Paß bei La Cattolica zu vertheidigen machte man keine Miene. Am 56- legte die provisorische Regierung m die Hände des Cardinals Benvenuti, den man nach Ancona mitgeführt hatte, die Verwaltung nieder, bewogen dazu (so lautete die Erklärung) durch die Verletzung des Princips der Nichteinmischung, wozu die Nation, die es aufgestellt und garantirt, einwillige, und durch die Unmöglichkeit, einn großen Macht mit Erfolg Widerstand zu leisten. Vorher hatte der Cardinal eine vollständige Amnestie verkündet und Alle, die das Land zu verlassen wünschten, mit Pässen versehen. Am 27. öffnete Ancona dem General Geppert die Thore. Das Corps Sercognani's legte am 30. März zu Spoleto (welches am 4. April von päpstlichen Truppen besetzt ward) die Waffen nieder, da fernerer Widerstand nutzlos gewesen wäre. Eine Abcheilung dieser Mannschaft nahm ihren Weg durch Toscana, um sich zu Li- vorno nach Corsica einzuschiffen; Sercognani selbst begab sich nach Paris. Diejenigen, welche sich durch ihre Theilnahme an der Revolution am meisten compromit- tirt sahen, schifften sich 98 an der Zahl im Hafen von Ancona auf einem päpstlichen Fahrzeuge ein, um sich nach den ionischen Inseln zu begeben. Obgleich mit Mm dcS Cardinals Benvenuti versehen, wurden sie von zwei östreichischen Goe- lettcn unterhalb Loreto angehalten und g. fangen nach Venedig geführt, wo sie am 3. April ankamen. Erst nach mehren Monaten wurden die päpstlichen Untertha- mn auf freien Fuß gesetzt und zum Theil ihrem Wunsche gemäß nach Frankreich gebracht, wo sich der Professor Orioli, Graf Mamiani della Rovere, Marquis Aappi und Andere noch jetzt befinden. Von den unglücklichen Modenesen schmach ten noch mehre im Gefängnisse. General Zucchi wurde nach einer östreichischen Festung gebracht. So endete für diesmal wieder der Versuch einer politischen Regeneration in Italien. Wenn man auch der provisorischen Regierung Schuld geben kann, daß sie sich zu sehr auf eine eingebildete Sicherheit verlassen, daß sie namentlich die letzte Zeit mit unnützen Berathungen verloren habe, statt an ernstliche Maßregeln zu denken, daß sie überhaupt zu angstlich gewesen sei und dadurch manche Vortheile vernachlässigt habe, so thut man doch den Italienern Unrecht, wenn man sie rücksichtslos der Feigheit anklagt. Abgesehen von der gedrückten Lage, in welcher Italien sich seit 1815 befunden hat, von der Erstickung alles kriegerischen Geistes und der Auflösung der Nationalarmee, die in Spanien, in Deutschland, in Rußland nicht zu Napoleons untüchtigsten Truppen gehörte, wäre es die höchste Ungerechtigkeit zu verlangen, daß ein Haufen halb bewaffneter, undisciplinirter, kaum von einigen guten Offizieren angeführter Bürger und Landleute sich der kolossalen r.nd gefurchteren Macht, die wie ein Sturm über sie hereinbrach, entgegensetzen sollte. Hatte man voraussehen können, daß Frankreich eine fremde Einmischung in die Angelegenheiten Italiens gestatten würde, so hatte man bei der völligen Hoffnungslosigkeit der Sache wahrscheinlich noch länger geduldet und geschwiegen. Diese Möglichkeit aber ließ sich im Febr. 1831 auch kein einher Italiener träumen. Der Herzog von Modena erklärte sogleich nach seiner Rückkehr alle Verordnungen und Acte der provisorischen Regierung für ungültig — was am 18. April gleichfalls der päpstliche Hof that — und berief dann eine Commission, welche eine -Nenge von Individuen zum Tobe, zu lebenslänglichem Gefängniß, zur Galeeren- und Zuchthausstrafe verurtheilte. Zwei derselben, Menotti und Borelli, des Hoch- Herraths angeklagt, endeten am 38. Mai am Galgen ihr Leben. Die eiserne Hand es Herrschers ruht seitdem auf dem unglücklichen Lande noch schwerer als vorher, und die Polizei, von zwei Neapolitanern, dem schon genannten, nur zu wohlbekann- eu ehemaligen Polizeiminister Fürsten Canosa, und einem gewissen Francesco Garo- I 538 Italien in den Jahren 1831 und 1832 falo geleitet, hat die Zahl und die List ihrer Spürcr nur verdoppelt. Der römische Hof erklärte (am 5. April) die von Benvenuti erlassene Amnestie für ungültig, obschon dieser mit unumschränkten Vollmachten versehen worden war und sich, voll Mis- murh über ein Verfahren, das seine Ehre in ein zweideutiges Licht stellte, in sein Bisthum zurückzog. Behauptungen, die ihre Falschheit an der Stirne trugen wurden von der Priesterpartei ersonnen, dies Benehmen zu rechtfertigen und Jen/ welche ihr Vaterland aus seiner traurigen Lage hatten reißen wollen, in den Augen der Welt zu brandmarken. Wenn öffentliche Verfolgungen, Güterconsiscatio- nen hier nicht wie im Modenesifchen stattfanden, fo muß man das Verdienst davon nicht sowol der Milde des Priestergeistes zuschreiben, der nur zu gern jede Gelegenheit ergriffen haben würde, sich für den Haß und die Verachtung, die man ihm bezeigt hatte, zu rächen, und der durch das Edict vom 14. April, welches die Einsetzung von Militaircommissi'oncn, die über die Theilnahme an der Revolu- Tion richten sollten, befahl, sich in feinem wahren Lichte zeigte; sondern der Grund lag in der Ohnmacht des Staats und in den Vorstellungen fremder Machte, welchen die Lage des Volkes nicht ganzlich verborgen bleiben konnte, wenn sie auch leider nur allzu wenig bekannt wurde. Nur dem letztem Einfluß darf man das etwas mildere Edict vom 30. April, das man sehr uneigentlich eine Amnestie nannte, und die Einsetzung der Gemeinde- und Provinzialräthe (durch die Bekanntmachung vom 5. Jul.) zuschreiben, wodurch man einen sehr großen Schritt zn Concessionen gethan zu haben glaubte und vorgab, wahrend im Grunde sehr wenig dabei gewonnen wurde. Die ostreichischen Truppen verließen unterdessen auf Frankreichs Vorstellungen die Legationen — am 18. Mai wurde Ancona, am 15. Jul. Bologna geräumt — , ohne daß von Seiten der päpstlichen Regierung etwas Wesentliches gethan worden wäre, die ihr abgeneigten Gemüther zu gewinnen, den gegründeten Klagen abzuhelfen, das sich immer mehrende Elend zu lindern. Pallia- tivmittel konnten hier unmöglich aufhelfen, und man kann es eigentlich nur als Zeichen derFurcht, von Neuem den Aufstand zu veranlassen, betrachten, wenn t. mporaice Maßregeln, wie die Erwählung von Laien zu Prolegaten, die Gewährung der Errichtung einer Bürgergarde u. f. w., angenommen wurden, die durch nichts garan- tirt waren. Und was war es denn, was das Volk wünschte und verlangte, und ohne welches eine dauernde Beruhigung des besten Theils der pästlichen Provinzen unmöglich war? Unzählige Flug- und Bittschriften sprachen die Gegenstände dieser Wünsche aufs Bestimmteste aus, und sie lassen sich auf folgende Punkte zurückführen : Umschaffung der jetzigen fehlerhaften Verfassung des Staats, Trennung der geistlichen von der weltlichen Verwaltung, Säcularisation der Regierung, Reform der Justizverfassung, Abschaffung der Inquisition, Garantien für die Sicherheit der Personen und des Besitzes, Freiheit des öffentlichen Unterrichts, des Handels und der Industrie, Abschaffung der Monopole und eine Amnestie für die Verbannten. Der erste Act des Revolutionsdramas im Kirchenstaate — denn in den Her- zogthumern Parma und Modena blieb es von jetzt an ruhig — schloß mit einer doppelten Intervention, einer bewaffneten von Seiten Ostreichs und einer diplomatischen von Seiten der sogenannten großen Mächte. Die erstere, welche mit dem Monate Jul. zu Ende ging, stellte die Verhaltnisse anscheinend auf den stühern Fuß wieder her, indem die päpstliche Regierung von Neuem in ihre Rechte eintrat und die von der provisorischen Verwaltung getroffenen Vorkehrungen und Einrichtungen aufhob. Die zweite beendigte ihr Werk nicht so leicht. Am A, Mai 1831, drei Tage nach der Räumung Anconas, überreichten die fünf Bevollmächtigten zu Rom dem Cardinal Staatssecretair Bernetli eine Note, welche, von dem Grundsätze ausgehend, daß die päpstliche Regierung den Bedürfnissen und dem Interesse des Volkes nicht entspreche, eine Veränderung des Geistes derselben -'!>N Italien in den Jahren 183! und 1832 539 der administrativen Formen vorschlug. Konnte auch diese Note, die, ganz im , 'itimistischen Sinne urtheilend, die Unrcchtmäßigkeit der Revolution in den Vor- Urgrund stellt, die Provinzen nicht befriedigen, so diente sie doch dazu, ihnen mehr Much und Vertrauen einzuflößen, indem durch dieselbe offenbar ward, daß die fttMdenMachte von dem wahren Stand der Dinge nicht ganz ununterrichtet geblichen und von der Nothwcndigkeit einer Reform überzeugt waren. Ob die Provinzen nicht zuerst auf den ernsten Willen der Beratenden gebaut, und die Schlangen- nntur des Hofes, mit welchem sie zu thun hatten, zu sehr außer Acht gelassen, wird die Folge zeigen. Jeder schaute nun mit einer Art von Beruhigung den verheißenen Veränderungen entgegen, deren Reihe endlich mit der am 5. Iul. erlassenen Verordnung eröffnet ward, welche die Grundzüge der künftigen Verfassung der Provinzen enthalten sollte. Diese Verordnung umsaßt unter drei Titeln die Verfügungen für die Verwaltung der Delegationen, jene für die Organisirung der Geinemden und endlich die Einsetzung der Provinzialräthe und Administrationen. An die Gewährung des Hauptbedürfnisses und der ersten Bedingung einer wirklichen Reform, der Säcularisirung der Regierung, war natürlich jetzt, wo die Prie- stcrpartei durch fremde Hülfe wieder den Sieg errungen hatte, nicht zu denken. Die Einteilung des Staats in Delegationen wurde beibehalten, und diese in Regierungen sgoverni) getheilt. Den Delegaten oder Legaten, welchen die Jurisdiction in allen Regierungs- und Verwaltungsacten zusteht, ist eine Governativcongre- gation beigegeben, welche vom Papste ernannt wird, in Rechnungsangelegenhei- len eine deliberative, sonst aber eine consultative Stimme hat, wahrend die Entscheidung vom Delegaten abhangt. Hiermit war also wenig geändert; der Hauptpunkt aber, der eine solche Menge von Streitigkeiten veranlaßt hat, den man der Gewährung constitutionneller Formen gleichzustellen sich bestrebte, und der von den Verteidigern der papstlichen Regierung immer vorgeschoben wird, wenn sie die Undankbarkeit und Straflichkeit der Provinzen in Vergleichung mit den ihnen von der Regierung verliehenen Wohlthaten recht ins Licht setzen wollen, ist die Einführung von Gemeinde- und Provinzialräthen. Man würde sich sehr tauschen, wenn man diese wirklich für Das hielte, wofür man sie auszugeben sich bemüht hat, und wenn man glaubte, daß sie, wie verfassungsmäßige Kammern oder auch nur wie die alten Landende vieler deutschen Staaten, von der Nation ausgingen und den Willen der Nation auszusprechen vermöchten. Die Gemeinderäthe gehen nicht vom Volke aus, sondern von der Regierung, sie sind Gliederpuppen an der Schnur des Hofes, der Delegat ernennt die Mitglieder, die vom Staatssecretair bestätigt werden, es gibt keine Freiheit und Unabhängigkeit der Discussion und Berathung, denn die Gegenstande derselben werden in der Berufungsacte speciell vorgeschrieben. Annahme und Verwerfung von Beschlüssen sind ganz der Willkür des Delegaten an- ^eimgestellt. Ebenso wenig können die Provinzialräthe die Volksmeinung reprä- Miren, denn sie werden von der Regierung aus jenen Gemeinderäthen gewählt, von derselben Regierung eingesetzt worden sind. Alles, was man ihnen zu thun glaubt, ist die Discussion über das Bpdget der Provinz, und selbst dies nicht öf- ^ulich und bloß consultativ, während ihre Berathungen die doppelte Sanction des Delegaten und des Papstes erlangen müssen. Auf solch? Weise ist diese sogenannte "eue Verfassung nichts als ein von einer lichtscheuen Regierung ersonnenes wohlfei- ^ "Uskunstsmittel, wodurch man an die Gewährung bedeutender Zugeständnisse Gliben machen will, während der Gang der Vewaltung nur gehemmt und erstreck wird. Es ist ein grober Jrrthum, wenn der französische Botschafter zu om in seiner Adresse vom IL. Jan. 1832 an den Eardinal Bernetti bei Auf- aller vom heiligen Vater seinem Volke erzeigten Wohlthaten neben andern bak Entstellungen behauptet, ein der Verordnung beigefügter Nachtrag c die Provinzialräthe autorisirt, die Wünsche des Volkes und ihre eignen Be- < 540 Italien in den Iahren 1831 und 1832 merkungen über die verschiedenen Theile der neuen Reform vorzutragen, inb^ diese Concession in einem nach der heftigen Opposition der Romagna von der h». logneser Localbehörde ohne Sanction und Anerkennung von Seiten der Regierung am 8. Ott. erlassenen Circular enthalten ist (da bis kurz vorher das Edict in dieser Legation gar nicht ofsiciell bekannt gemacht worden war) und auf das Ganze nicht den mindesten Einfluß haben konnte. Kurz nach Bekanntwerdung dieses Edicts, das aber nur sehr spat und theil- weise in Ausübung gebracht wurde, und nachdem die Machte dem Papste neue Garantien für die Beschützung seiner Rechte gegeben, aufweiche derselbe in seiner Proklamation an die Nomagnolen vom 12. Jul. hinzudeuten nicht unterließ, wurden die Legationen (15. Jul.) ganz von den öftreichischen Truppen geräumt. Dich Maßregel soll beschleunigt worden sein, damit der König der Franzosen in der Thronrede am 23. Jul. verkündigen konnte: „die östreichischen Truppen hätten aufsein Verlangen die römischen Staaten verlassen; eine wahrhafte Amnestie, Abschaffung der Ccnsiscation, wichtige Veränderungen im Verwaltungs- und Justizwesen seien die diesem Staate gesicherten Verbesserungen" — Verheißungen, deren Erfüllung man leider noch am heutigen Tage vergebens erwartet. Bei der allgemein gereizten Stimmung der Gemüther (welche, obgleich man sonst den östreichischen Truppen und namentlich dem Commandanten Bolognas, General Hra- bowski, Gerechtigkeit widerfahren ließ, durch die zu Mailand am 12. Jul. erlassene Proklamation des Barons Frimont noch gesteigert wurde) hatte man anfangs gefürchtet, der Abzug der Truppen werde zu neuen Unruhen Veranlassung geben; aber theils war das Land zu erschöpft und hoffnungslos sich von dem Druck, unter welchem es schmachtete, zu befreien, theils wollte man auch die weitern Ergebnisse der verheißenen Reformen und das Anbrechen der versprochenen „neuen Aera" abwarten. War nun je für eine Regierung ein günstiger Zeitpunkt gekommen, sich die verlorene Liebe der Unterthanen wieder zu erwerben, so war dies gegenwartig im Kirchenstaate der Fall; aber der römische Hof dachte nur darauf, durch Tempo- risiren Kräfte zu erlangen und das Volk unterdeß durch Scheineoncesstonen hinzuhalten, um es später desto sicherer zu unterdrücken: ein Spiel, das die Macchia- vellistische Staatskunst nicht übel angelegt hatte, das aber die ungeschickten Hände des heiligen Collegiums nur zur eignen Schande durchführten. Das Land war freilich für den Augenblick ruhig, aber die Hülfsquellen waren erschöpft. Der Schatz war leer und keine Aussicht vorhanden, ihn zu füllen; die Provinzialverwal- tung war völlig desorganisirt; die Armee, wenn man ihr noch diesen Namen geben konnte, war zum Gespötte des Volkes geworden. Man suchte nun schleunigst für die Legationen auszuhelfen. Bis dahin hatte der Erzdischof Cardinal Oppiz- zoni dieselben provisorisch verwaltet, mit Ausnahme Ferraras, wohin sogleich nach dem Einrücken der Ostreicher ein hartnackiger und unwissender Priester, GrafAs- quini, als Prolegat geschickt worden war. Jetzt ließ man die Legatenstellen unbesetzt und ernannte in Bologna, Ravenna und Forli Laien zu Prolegaten. Die wenigen Tauppen, die der Staat auszurüsten vermochte, waren kaum hinreichend zur Besetzung von Ancona, Civita Castellana u. f w., da man aber die Provinzen nicht ohne bewaffnete Macht lassen konnte, sah man sich, so sehr auch der Widerwille des römischen Hofes dieser Maßregel entgegenstrebte, noch vor dem Abzüge der Fremden genöthigt, die Bildung einer Bürgergarde in den drei letztgenannten Legationen zu bewilligen, wie sie schon im Febr. und Marz bestanden hatte. Diese Bürgergarde, deren Nothwendigkeit man allgemein eingesehen, welche der Papst selbst einmal für seine Schöpfung erklarte, und deren wackeres Verhalten er belobte, die aus den achtbarsten Leuten im Lande gebildet war und mit musterhafter Ordnungsliebe allen Unruhen steuerte, mußte später die schwärzesten Verleumdungen erfahren und gerade darum, weil sie sich nicht von Schurken aller Classen mit Fü- U5- Italien in den Jahre-. 183! und !8Z2 541 llUiU kidil^ w/bk l 5ksstM sangs gt- lGch lm" ö ilhsck O «»i i. D» M f- HWizll iL« »tV „B-l' Al^' x.n treten lassen wollte und sich der Occupatio« der Provinzen durch eine Horde un- M'plinirten Gesindels, das man eine Armee nannte, mit Festigkeit widersehte, m einer nochmaligen Invasion von Außen den Vorwand geben. Wie unerläßlich cs übrigens für die Provinzen war, aus ihrer Hut zu sein, und wie wenig sie den scheinbar gemäßigten Gesinnungen des päpstlichen Hofes trauen konnten, zeigten 5ie Vorfalle in solchen Gegenden, die sich beim ersten Schreck unterworfen und in Ms/ was man ihnen aufdrang, gefügt hatten, wie Umbrien, die MarkAncona und die nordöstlichen Delegationen. Mit genauer Noth brachte man etwa 2000 Mann Truppen zusammen, welche die Küstenlinie von Ancona bis Rimini in verschiedenen Cantonnirungen besetzten, während ein Oberstlieutenant, Zamboni, nach Tirol und Obcritalien zum Recrutiren geschickt wurde. Als eine Abtheilung der genannten Truppen unter dem Commando des Obersten Bentivoglio am 10. Jul. in Rimini einrückte, floß schon an demselben Abend Bürgcrblut; eine Warnung für die Romagnolen, sie nicht weiter rücken zu lassen. Uberhaupt ließ sich nur der verwerflichste Pöbel bei diesen Truppen anwerben; aus der Romagna erhielt man Niemand, aus den Marken Wenige, in Umbrien mußte man bei dem unwissenden LMvolre Kunstgriffe aller Art anwenden, und in die römischen Gebirge wurde ein berüchtigter Bandit, Namens Graziös,' (gewöhnlich Gasparone genannt), als Mrbeosfizier gesandt. Den Geist und dw Neigungen einer auf solche Weise zusammengesetzten Soldateska, die man sich nicht scheute selbst aus dem Bagno zu recrutiren, kann sich Jedermann leicht denken. War aber noch etwas nothwendig, um die wahre Gesinnung des päpstlichen Hofes zu entlarven, so geschah dies durch das unwürdige Spiel, welches mit den Legationen und ihren Bürgergarden getrieben wurde. Eben weil letztere meist aus unabhängigen und achtbaren Bürgern bestanden, die nicht von tollem Schwindel ergriffen waren, aber auf Gewährung ihrer Rechte, aus Realisirung Dessen drangen, was die europäischen Mächte vor der erneuerten Garantie der Unverletzlichkeit der weltlichen Macht des Papstes als eine ilct unerläßlicher Bedingung ausgesprochen, wurden sie vom Hofe zugleich geyaßt und gefürchtet. Gesetzlich anerkannt, suchte man doch durch Ränke ihre Organisation und Bewaffnung zu hindern, und als dies trotz den Bemühungen der Nuntiatur in Florenz, des Prolegaten von Ferrara und heimlicher Anschwärzer in Bologna und andern Städten nicht gelang, suchte man zahllose Gerüchte über Anarchie und Terrorismus, die in den Provinzen herrschen sollten, zu verbreiten, die aber durch die That Lügen gestraft wurden. Umbrien und die Legationen, von welchen erstens Land ohne irgend eine Garantie wieder ganz in der PriesterHände gegeben war, und letztere unmöglich mit der sogenannten neuen Verfassung zufrieden sein können, da das alte Unwesen der Gerichte, der Steuern und Zölle und der Priefterma- chinationen wieder begonnen hatte, sandten zu wiederholten Malen Deputationen uuch Rom, um den Bedürfnissen des Landes entsprechendere Verfügungen und '"^durchgreifende Umschaffung der schlechten Verwaltung zu erlangen, welche ent- u-der gar nicht angenommen oder mit leeren Worten abgespeist wurden. Die un- 'M'leibliche Folge davon war, daß, obgleich die Rube nirgend gestört ward, die ^Position immer allgemeiner durch alle Stände sich verbreitete und mit jedem ^age an Intensität zunahm, daß man sich weigerte die Gemeinderäthe anzuneh- wenn die Wahlen nicht freigegeben würden, daß die Bürgergarde die päpstliche aufstecken wollte, und die Prolegaten sich wegen der Geldsendungen in fortwährender Verlegenheit befanden. Um die Provinzen in Furcht cwr - ^ ^ ^ stehenden Mittel geschäftig das Gerüche " rc.tm, die Truppen würden, wenn man sich nicht unbedingt und völlig unter- ^ päpstlichen Farben annehme, bald auf Forli und Bologna rücken ein G' ' ^ Widerstand finden, von den Öftreichern neuen Beistand erhalten — 'sucht, das durch die fortdauernde Verstärkung dieser Truppen wahrscheinlich 542 Italien in den Iahren 1831 und 1832 gemacht wurde, obgleich Cardinal Bernetti es wiederholt verneinte und der Papste Ende Sept. die Abgesandten Bolognas und der Romagna versichert hatte, seineTrup- pen würden nicht in die Provinzen einrücken, wenn diese nicht selbst die Veranlassung ^ ^' dazu gaben, wobei er zugleich die Haltung der Bürgergarde belobte (während da Prolegat von Ferrara sie ofsiciell für eine „unrechtmäßig constituirte Gewalt" cr- M? klarte, was doch wenigstens ein aufrichtiger Ausspruch der Gesinnung war, wogegen der heilige Vater sich nur verstellte) und verhieß, daß die Verwaltung der öffemii- chen Cassen sowie die Berathung über alle die Provinzen interessirenden Gesetze und ^ Civil- und Administr'ationsverordnungen bald Mannern von allgemein anerkann- rer Rechtlichkeit anvertraut werden sollte, welchen das Recht der Deputation zustehen würde. Um Seiner Heiligkeit für diese Versprechungen ihre Dankbarkeit zu beza- gen, nahm nun die Romagna (Cesena, Forli, Jmola, Faenza, Ravenna) die päpst- 'lDiil! liche Cocarde an; nur in Bologna hatten die deshalb von den derseitigen Abgeord- neten gepflogenen Unterhandlungen keinen Erfolg, weil man etwas Factisches ver- langte, und die drohende Stellung der Truppen an der Grenze, die Bildung von Reserven in der Mark und die Verstärkung der nahen Östreichcr, zu denen sich nun auch einzelne päpstliche Abtheilungen in Ferrara gesellten, nicht eben für eine Ge- Mch rvährleistung der Aufrichtigkeit des päpstlichen Hofes gelten konnten. Daß man M nicht falsch geurtheilt, zeigte die Folge der Begebenheiten. Von einer vollständigen Nes i Amnestie war nicht die Rede; viele der talentvollsten Männer blieben verbannt und ,»Dche Denen, welchen der Wiedereintritt gestattet wurde, gewährte man dies nur unter WH! entehrenden Bedingungen. Personen, bei welchen man liberale Gesinnungen furch- chnW lete, wurden aufjede Weise gekränkt und zurückgesetzt. Die Priester suchten na- !Sc, m mentlich das Landvolk gegen die wahren Freunde des Landes aufzuhetzen, denen «jMi man unter Anderm Schuld gab, durch ihre Verbrechen den Zorn Gottes in dem Erdbeben, das später einen Theil Italiens betrübte, herabgerufen zu haben. Bei der Wahl von Beamten sah man nicht auf Rechtlichkeit und Kenntnisse, sondern nur auf blinde Ergebenheit gegen den päpstlichen Stuhl. Die Universitäten wur- m M den geschlossen, weil eine solche Regierung nur da vegetiren kann, wo man im Z«, lew Dunkeln tappt und die Vermessenheit hat zu glauben, daß sie in ihrer Ohnmacht l'chch« den Fortschritt des menschlichen Geistes aufhalten könne, weil sie ihn haßt und fürchtet. Es verging nun fast kein Tag, an welchem nicht Proklamationen und Ermahnungen von Seiten der Behörden, Protestationen und Flugschrift ten von Seiten des Volkes zum Vorschein gekommen wären. Die Nation^war zu dem klaren Bewußtsein gekommen, daß die Regierung nur mit Lug und Trug umgehe, daß sie mit zweizüngiger Fertigkeit Gutes verspreche und Schlimmes be- H ^ fehle, und nur den Augenblick erwarte, wo äußere Mittel ihr das Handeln erlauben würden. Die Aufregung hatte nach und nach den höchsten Grad erreicht, und die Erhaltung der materiellen Ruhe verdankte man nur der Bürgergarde, welche in diesem kritischen Zeitpunkt Alles vermeiden wollte, was dem Hofe den Vorwand , geben könnte, die Provinzen als in Empörung begriffen zu erklären. Der Erzbischof . und Prolegat von Bologna sahen sich genöthigt, die Universität auf eigne Verant- wortlichkeit zy öffnen, nachdem dies von Rom aus zwei Mal verweigert worden war ^ ^ und endlich mit genauer Roth von der Regierung zugestanden wurde, während dusi . ^ ^ nicht umhinkonnte, sich später in einem ofsiciellen Zeitungsartikel bitter überdies ^ Willkür ihrer eignen Beamten zu beklagen. Die Universität Perugia blieb geschlossen und deshalb abgesendete Deputationen blieben ohne Wirkung. Die Jugend, der man > den Besuch fremder Universitäten nicht gestattete, mochte nun zusehen,wie es mit ibren Ltudien stand. Unterdeß wurden in der Provinz Umbrien und der Mark die Gemein- > deräthe zusammenberufen (t3. Oct.), ohne, wie man sich leicht vorstellt, auch nur . ^ das Geringste thun zu können, zu sollen und zu mögen. Während dieser Vorgange . ^ waren endlich am 3!, Oct, uich 5. Nov die lange erwarteten Verordnungen über die « Italien in den Jahren 1831 und 1832 543 ^^schaffung der Civil-und Criminalprocedur, erster? in 1t Titeln, die zweite in >-ch Büchern und 749 Abschnitten, in Rom ausgegeben worden. Es läßtsich nicht leug- ch i,.n, daß dadurch Manches an der frühern Gerichtsordnung verbessert worden ist, «x ^ ^bec kaum ein Verdienst genannt werden kann, da es unmöglich gewesen sein ^ würde, etwas daran zu verschlechtern. Die Hoffnung, eine vernünftige Resort» ^ des alten Systems zu erhalten, wurde aber grausam getauscht. Die Direktion der ffnr,, ^richte blieb nach wie vor in den Händen und in der Abhängigkeit der in der Ju- kttül risprudenz, wie in den meisten andern Dingen, kläglich unwissenden Geistlichkeit, lkw die Instanzen wurden nicht vereinfacht, der Übertragung der Processe an die Ge- ßeft! ^chte der Hauptstadt und dem Verschleppen derselben nicht gesteuert, falschen An- Zedern und falschen Zeugen blieb nach wie vor die Thür offen, indem deren Verant- M,' .Mtlichkeit fast gar nicht zur Sprache kam. Die heilige Inquisition wurde beibe- M Wen, die geistlichen Gerichte, wobei Laien sich in offenbarem Nachtheile befan- ^ den, indem von einem der ersten Grundsätze einer guten Verwaltung, der Gleicher heit vor dem Gesetze nicht die Rede war, und eine Menge specieller Justizhöfe wur- Ichr den nicht abgeschafft. Die Freiheit der Wahl des Vertheidigers blieb beschränkt, willkürliche Deutungen waren zulassig, Heimlichkeit im Verfahren ward nicht auf- Ygehoben. ich > Diese Tauschung einer lange und sehnlichst gehegten Erwartung, all diese Mli! unverzeihlichen Mängel veranlagen zu Bologna die heftigste Opposition gegen die Mi i Einführung der neuen Gerichtsverfassung. Die Rechtsgelehrten jener Stadt versuch einigten sich beinahe sämmtlich zu einer Protestation, und der Prolegat erließ am M 2. Dec, eine Bekanntmachung, wodurch er die Wirksamkeit des. neuen Gesetzen buches bis auf weitere Verfügung aufhob. Der päpstliche Hof hatte unterdessen durch eine unter Vermittelung Ostreichs abgeschlossene Anleihe von .3 Millionen Scudi, unter Verpfandung der Güter und Einkünfte des Staats und namentlich der Douane und des Salz- und Tabacksmonopols, sich wieder erholt und nahm nun eine andere Sprache an; eine Bekanntmachung des Staatssecretairs vom 15. Dec. donnerte gegen dieses „neue Attentat wider die Souverainität" und die Überschreitung seiner Befugnisse von Seiten des Prolegaten, befahl unverzügliche Einführung der neuen Gerichtsordnung, erklarte alle sonstigen Justizacte für nichtig und verordnete, im Fall der Widersetzlichkeit, die Verlegung des Appellations- gerichts nach Ferrara, was am 23. Dec. wirklich geschah. So groß auch die Aufregung war, welche diese Bekanntmachung in Bologna hervorbrachte, wo der Prolegat sie im ersten Augenblick nicht zu verkünden wagte, so blieb doch die Ruhe ungestört. Um dieselbe Zeit wurde der Cardinal Albani, dem man die unterdeß neu gebildete Legation Pesaro und Urbino übertragen, zum apostolischen Commift uür für die Legationen mit fast unbeschränkter Gewalt, sowol für die Civil- als für die Militairadministration ernannt. Die von der frühem ganz verschiedene Haltung des römischen Hofes wurde nun immer entschiedener, und die Provinzen be- güfsensie. Die Wahl des neuen Commissars, eines Mannes, dessen Charakter tncin nur zu gut kannte, sowie man sich auch in Rom über die Gesinnungen der Provinzen gegen denselben nicht einen Augenblick hatte täuschen können, hob vol- suds den Schleier. Am 25. Dec. wurde in Bologna eine Versammlung ge- Uülten, der die drei Prolegaten von Bologna, Forli und Navenna, die Mitglieder la Governativcongregationen und die Befehlshaber der Bürgergarde beiwohnten uu worin bestimmt ward, daß am 5. Jan. 1832 ein Generalcongreß zur Wahl ^ ^pmirten, um dem Papste die wahre Lage der Dinge von Neuem ans Her; .^ttsinden sollte. Die vom Unterstaatssecretair Capaccini am 30. Dec. uin ü^sandte Protokoll dieser von sämmtlichen Localbehörden sanctivn- ^.n Versammlung erlassene Antwort erklärte: Seine Heiligkeit werde die De- ' ^ nicht annehmen und sei höchst beleidigt über dm Inhalt des Schrei- 544 Italien in den Jahren 1831 und 1832 Kens der Pcolegaten, welche von der Notwendigkeit neuer Institutionen, Gesetze !^?A und Verordnungen redeten. Jetzt sahen die Provinzen, daß alles Beharren auf ^..1 dem bisherigen Wege vergebens und nichts als neues unsägliches Unheil die Folg? sein würde. Der neue Commandant zu Rimini, Oberst Barbieri, hatte seine Svl- ^ l baten schon zur Tapferkeit bei ihrer neuen Unternehmung aufgemuntert, die in der > ^ ? Geschichte Epoche machen werde — ein Wort, das sich leider bestätigt hat, aber zur ^ Schande des römischen Hofes! — in Ferrara stand eine zweite Abtheilung unter ^ dem Obersten Zamboni zum Vorrücken bereit. Der Prolegat von Bologna erließ ^ - am 5. Jan. eine Bekanntmachung, es sei ihm unmöglich, ferner dem Wunsche des Volkes gemäß zu handeln, da der Hof sich gegen alles Geschehene mit unum- wundener Misbilligung erklärt habe; er werde nun die Gcmeinderäthe nach der ^ Norm des Edicts vom 5. Jul. zusammenberufen. In gleichem Tone sprach die Proclamation des Commandaten der Bürgergarde: „sie ständen an der letzten Li- ^ nie, welche Treue vom Aufstande trenne; sie seien keine Rebellen und wollten es nicht werden". Die Deputirten reichten zugleich ihre Entlassung ein. So hatte nun der römische Hof erreicht, was er verlangte, und die Unterwerfung der Provin- ^ ? zen war mit vollkommener Ruhe und Ordnung erfolgt. Die Opposition war nun ^ zu Ende, man hatte sich in die frühern administrativen und Justizverordnungen gefügt, und es hing, jetzt gänzlich von der Regierung ab, den neuen Zustand der ^ ^ Dinge zu ihrem und des Volkes Besten zu benutzen. Aber es war anders beschlos- ^5" sen, und man kann nicht umhin, sich über die unbegreifliche Verblendung dieses ^ Hofes zu wundern, während man deren traurige Resultate beklagt. Am 1U. Jan. richtete der Cardinal Staatsfecretair eine Note an die Bevollmächtigten von Ostreich, Frankreich, Preußen und Rußland, des Inhalts: „der heilige Vater habe seinen Unterthanen jene Institutionen gegeben, welche ihr Glück erfodere; er habe die gerichtliche, administrative und finanzielle Verfassung vervollkomm- net (!), und werde nunmehr seine neu organisicten Truppen zur Aufrechthal- lung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in die Legationen rücken lassen; deshalb sei die Entwaffnung der Bürgergarde beschloffen, weil es Zeit sei, dem -^»4 ernstlichen Übelstande dieses nur durch die Notwendigkeit an die Hand gege- denen Auskunftsmittels ein Ende zu machen, den Gesetzen wieder Gehorsam, den s'W« Beamten Ansehen zu verschaffen und die Ordnung herzustellen. Sollten etwa 4, »ch seine Truppen Widerstand finden, so rechne er auf den nöthigen Beistand zur Aufrechthaltung der rechtmäßigen Obrigkeit." Die vier Gesandten erklarten sich A p darauf in ihren am 12. Jan. erlassenen Antwortschreiben, worunter das des französischen unter Anderm die offenbare Unwahrheit enrhält, die öffentlichen Cas- sen seien von den Einwohnern der Provinzen beraubt worden. Ihre Höfe waren nach diesen Erklärungen mit Allem einverstanden, erkannten alle vom heiligen Vater seinem Volke gewährten Wohlthaten an, waren über die Undankbarkeit der Legationen aufs Äußerste entrüstet und drangen auf unmittelbare und unbedingte ^ Unterwerfung dieser Feinde des allgemeinen Friedens. Es ist überflüssig, über die ^ Verschiedenheit des Inhalts dieser Zuschriften und der in der schon genannten Note vom 21. Mai 1831 ausgesprochenen Vorschlage ein Wort zu verlieren. Durch dieselben sah sich ein Volk, das Monate lang unter einer elenden Regierung Ruhe, ^ ^, Ordnung und Mäßigung beobachtet, und bei hinterlistiger Behandlung alle Qualereien geduldig ertragen hatte, dessen heiligste Rechte ungestört mit Füßen wa- ^ ren getreten worden, für undankbar, rebellisch, verworfen erklärt, weil es aus die . . Erfüllung geleisteter Versprechungen ehrerbietig gedrungen, weil es Gerechtigkeit und redliche Verwaltung gefodert, weil es einer Horde wüsten Gesindels Leben und > Eigenthum nicht preisgeben wollte! Darf man sich wundern, wenn in dem un- ^ glücklichen, von halb Europa mit Vernichtung bedrohten Lande, durch das ent schliche Erdbeben, welches am 1-" . Jan. und den folgenden Taget» Foligno unv ä bedenklicher bei manchen Wohlmeinenden die Täuschung, die durch den man- Masten Volksunterricht unterhalten wird, und während die Indifferenten, vertäfelnd an der Möglichkeit einer Regene.ation, die Italien aus Italien selbst vwmen könne, sich durch den unverkennbar zunehmenden materiellen Wohlstand MnedengestM finden, blicken Andere in schmerzlicher Enttäuschung auf die frem- t Heffer hin, die Sismondi's Schrift: „Drs «--perancez et Ues Kevins (Paris 18'12), den allgemeinen Wahn thcilend, begrüßte. Mehr als talentvoller Mann betrauert jetzt, sirn von» schönen Italien, das Vertrauen in d fremder Factionen; und eben in den Verirrungen, twnen sich ^ Augenblicken der Ungebundenheit manche begabte Männer Hingaden, sah Aus ^ Bekräftigung, die Maßregeln für weise zu achten, die bisher die dn I'k niedergehalten hatten. Weder größere Begünstigung beförderte in das Gedeihen der Literatur, noch drückte sie härtere Beschran- A er fortschreitende Geist der Zeit war dem letzter»', allzu sehr entgegen. An 548 Italienische Literatur der neuesten Zeit Umfang hat die Masse der Bücher wesentlich gewonnen. Gegen den unbegründeten Vorwurf, daß das Beste darunter nur vom Auslande entlehnt sei, suchte Italiens Literatur der „LöMo sulla swriu ckcllu letwrswra iwliuua nei primi venti- cin^ie ernni ckcl sec. XIX" (Mailand 1831) zu vertheidigen, ein Werk, das in dieser löblichen Absicht ebenso befangen sich aussprach, als Ant. Lombardi in der „Swrür ckcllu letteraturu ituliunu nel sec. XVIII" (4 Bde., Modena 1829 fg.), und eine gerechte Würdigung des Geleisteten bleibt daher noch immer ein für Italien zu schreibendes Werk, da Eam. Ugoni in seiner „Swrin ckellu letteratura iwli-wa" (deutsch, Zürich 1828 fg.) nur Einzelnes hervorhebt und an biographische Notizen dies anknüpft, und Salsi dem Auslande gehört. Doch mit gegründetem Selbstgefühle konnte in all diesen Werken auf die Pflege hingewiesen werden, die man dem schönsten Bande zwischen den so vielfach getheiltcn Provinzen, der Allen gemeinsamen Sprache zuwandte. Mit Geist und Tiessinn setzte ihre allgemeinem Beziehungen A. Fontana in der „dr-rmmuticu peckaxo-stca, elementare italmna" (Brescia 1828) auseinander, und mit Vergnügen bemerkt man in Ambrosoli's „iVlanmtle llella ZinAua ital'mnu" Berücksichtigung ahnlicher Forschungen. Aber aufs Neue nehmen die Florentiner in dcn„Vtti 2. ckellu linFua ita- liunu", und Manno's zwei Bücher „I)e!!n sortnnn ckelln purolu" (Turin 183 l) gäben wol noch eine und die andere Ausbeute. Wenig Zustimmung fand bei den so eifrigen Sprachforschern der Gedanke des Abate Mazzoni Toselli, in de^.Ongmo ckell-r lin^un iwliunu" (Bologna 1832) ausgesprochen, die italienische Sprache auf die gallisch-boische zurückzuführen, doch war es ein Beitrag mehr, die Erusca zu widerlegen, daß nicht am Arno allein die Anfänge des Idioms zu suchen Wien, dem die drei großen Dichter durch ihren Genius die Ausbildung, den Neichthum und die allgemeine Anerkennung in Europa verschafften. Höchst schätzbar ist dcr Eifer, der überall die Spuren der Volkssprache aufsucht, und in eignen Werken cin v'/ Italienische Literatur der neuesten Zeit 549 verzeichnet, was jeden Dialekt von dem andern unterscheidet. Dadurch ist ein Quell immer wiederkehrender Verjüngung offen gehalten. Als eine Probe der bologneser Volkssprache hatte Mazzoni Toselli seinem oben genannten Werke M Gedicht des Paganino Bonafede von 1360: „0 tesoro !chm und erläuternden Anmerkungen von Fort.Cavazzoni Pederzini und Andern 1820^" ^^^), ebensowie die „Vita nnova" (Mailand 1827, 4., und Pesaro ), und selbst des Dichters Briefe ließ man nicht unbeachtet („vantiz .^ligll. 650 Italienische Literatur der neuesten Zeit epp. cguae extant", mit Noten von Karl Witte, Padua 1827). Bei Gelegenheit des Denkmals, das in der Kirche Sta.-Croce zu Florenz dem Andenken Dan- te's errichtet ward (worüber man des gelehrten Abate Missirini Schrift! „D^ memoria 3i Dante ^3. e 3el suo mau-oleo in 8ta.-Ooce", Florenz 1832, nachlesen mag), erschien eine den Dichter naher angehende Schrift von demselben Missirini: „Dali' amore 3i Dante ^el. e 3el ritratto 3i Laatr. ?ortinari^ (Flo- renz 1832), deren graphische Beilage aber Bedenken erregte. Marsand, dessen „Divliotaca petrarcliesca" (Mailand 1828) einen ganzen Quartband einnimmt, scheint die Untersuchungen über Petrarca in der Art erschöpft zu haben daß dem gelehrten Fleiße von Petrarca's Verehrern wenig nachzuholen übrig blieb! Ausgaben fehlten zwar nicht („Dirne 31V. mit erklar. Noten von C. Giacomo Leopardi, Mailand 1826, und mit Commentar von Tassoni, Muratori und Andern, Padua 1826 — 27), aber wesentlich Neues ward dadurch nicht zu dem schon Bekannten hinzugethan. Die Vertheidigung des Dichters, dem man das Buch „De vita solitaria" absprechen wollte, übernahm ein deutscher Gelehrter („Blatter für literarische Unterhaltung", 1828, Nr. 92), sowie man denn auch eben dort (Jahrgang 1827, Nr. 278) die Ehrenrettung gegen den Vorwurf des Plagiats nach proven?alischen Mustern antrifft. Vielleicht tragt zur richtigem Würdigung von Petrarca's ganzem Werths die vom 'Advokat Rossetti zu Triest besorgte Ausgabe der „?oe,5ie minori ckel ?. sul testo latino, posto
  • 3a poca ckelunti" (3 Bde., Mailand 1829 fg.) bei. Ciampi hat interessante Beitrage zur genauem Kenntniß Boc- caccio's zu Tage gefördert. In seinen „Xloliumenti 3i un manoscritto anto- ßralo e lettere ineckite 3i (?iov. koccaccio" (zweite Ausgabe, Mailand 1839, 12.) sind einige genauer erörterte Angaben, sowie in der Schrift: „Sulla kal-ita ckella lettera 3i (3iov. Doecaccio al Vriors ckella (Ackesa 3« 88. ^postoli" (Florenz 1839) mehre Briefe beigebracht, die für den gelehrten Boccaccio und sein Zeitalter bezeichnend sind. Auf eine andere Reliquie seien die Freunde Boc- caccio's in der „?>!ovella eck epistola traite 3a un (lock. ckel secolo XI V e pub- dlicate per le no^e (laimo-Dra^orii^ (Udine 1829, 4.) verwiesen. Bei der Ausgabe des „Drlancko inamorato" (eine nach ursprünglichen Ausgaben kritisch bearbeitete darf man sich im zweiten Bande des leipziger „Vamasso it 'liana" versprechen) in der von Bettoni zu Mailand besorgten „Diklioteca enciclopeclica italiaiia" war Schönheit und 'Augenfälligkeit des Drucks mit Wohlseilheit die Hauptsache. Die treffliche Ausgabe des Ariosto von Morali gehört wie die „Dpere 3i Doren?io cke' Neckici cketto il maAnittco" (Florenz 1825, 4.) eigentlich einer frühern Zeit. Torquato Tasso's vereinzelte Gedichte wurden als seltene Reliquien aufs Neue dem Drucke übergeben; so sein„DqLo cki Orirma" (Venedig 1826), der in der sonst zu empfehlenden Ausgabe der Dichtungen des Torquato „con varianti e nute ckel (lolombo, ckel (illierarckini e ckel (lavecknni" l Mantua 1828, 16.) nicht mitangekündigt ist. Aber eifriger noch als aus die Feststellung seiner Werke wandte man die Aufmerksamkeit auf die Erforschung seiner unglücklichen Schicksale, und Giacomazzi'S „Dialogln sop-a gli amon, pri^iouia eck il ^eni» 3i 'Vorgs. 'V. con un ckiscorso iniorno alle ultima ^ue opere"(Brescia 1827,12.) dürften den Freunden von Tasso's Muse ebenso wenig fremd bleiben, wenn sie seine letzten Werke richtig beurtheilen wollen, als Giov. Rosini's „8aMo sugli amori 3i T'. V. e sulle cause ckella sua pripüonia" (Pisa 1832) zum Verstandniß seiner frühern Werke übersehen werden darf. Halb um der Sprache, halb um der Sachen willen, ward „ll liliro 3el (lortigiano", von Bal. Eastiglione (Bergamo 1828) von Manchen willkommen geheißen, und Zweifel an der Alterthümlichkeit erregte wegen seines Inhalts der von Rott herausgegeben? „Vorttmati'5 8icu!us ossia l'avventuroso 8ici!iano 3i öusone a Italienische Literatur der neuesten Zeit 65! guddio. Homan-o sturico scritto nel 1311" (Florenz 1832). Von den Schriftstellern einer neuer» Zeit, die diesseit der Linie der testi lli liugua liegen, wird bei den einzelnen Fächern der Wissenschaften zu reden sein. Daß Gamba (mit Bettio, Pezzana, Manzi und Amati die eifrigsten Pfleger der Bibliographie in Italien) eine neue Ausgabe der „Serie llei testi lli lingua italiana" (Venedig 1828, 4.) besorgt, kann hier nicht unerwähnt bleiben. Bisher nicht herausgegebene Arbeiten von A. Caro, von B. Lorenzi, von G. Gozzi (dem Bruder Carlo Gozzi'S), selbst von Ugo Foscolo („?uesie iuellite lli Kicc. ^osculo", Lugano 1830) zog man mit einer dem Ruhme der dadurch Geehrten vielleicht kaum zuträglichen Beeiferung ans Licht. Doch neben diesen Gegenständen der Verehrung aus den neuesten Tagen blieben auch die von Dante, Petrarca und Boccaccio so hochge- feierten Alten nicht ohne Huldigungen und eine Menge Übersetzungen der Griechen und Römer, freilich nach einem Maßstabe gearbeitet, der uns nicht genügen kann, bewiesen die fortdauernde Anerkennung ihrer Meisterschaft. Eine Übersicht der Übersetzungen aus dem Griechischen gibt Federici, „De^li scrittori ^reci e llelle itMue versiuni llelle Iura opere" (Padua 1828), und die „Oollana llegli an- ticbi storici greci vulgär." umfaßten 1829 schon 59 Bände. Keine von ihnen möchte wegen ihrer Abgemessenheit, Treue und kritischen Erwägung einer der vielen gleichzustellen sein, die in Deutschland von wetteifernden Ubersetzungskünst- lem gegeben werden, und wahrscheinlich liegt der Grund darin, daß man in Italien noch so häusig verabsäumt, die Alten ohne Hülfe von Übersetzungen zu lesen, wenigstens die Griechen ohne Übersetzungen verstehen zu lernen. Denn für klassische Literatur geschah, Alles zusammengerechnet und erwogen, wenig'Erhebliches. Der gelehrte Monsign. Ang. Majo vermehrte zwar den klassischen Apparat durch seine „Scriptorum veterum nuva cullectiu e vaticanis cullicilms ellira", von der bis 1832 6 Quartbände in der vatikanischen Buchdruckerei zu Rom erschienen; aber daß die Reihe der klassischen Werke dadurch vermekrt worden, kann keineswegs gesagt werden Nicht so ergiebig waren in der neuern Zeit Peyron's Forschungen nach unentdeck- ten Fragmenten, da ihn die Papyrusrollen des turiner Museums fast ganz in Anspruch nahmen (Amad. Peyron's „?ap)ri graeci 11.I'aurini iVlusei ^eg)?ptii", Turin 1826,4.), und was sonst für classische Literatur geschah, beschränkte sich mehr aufMonographien und auf die Wiederholungen einiger deutschen Ausgaben, namentlich durch die Ofsicin Pomba in Turin (1831 schon 89 Bde.), aber selten vermehrt durch die reichen handschriftlichen Schätze, die den Besorgern zu Gebote standen. Eine ehrenwerthe Ausnahme macht die durch einen Nachfolger Majo's in der Ambrosiana besorgte Ausgabe von „Oicerunis epist. all familiäres, all ^tticuin, all ?ratrem" von Bentivoglio (5 Bde., Mailand 1826—31), die eine rühmliche Richtung auf Realerklärung der Classiker andeutet, ohne die Kritik zu vernachlässigen. Noch wesentlicher gewann durch der Italiener gelehrte Sorgfalt Gitruvius, in dessen Bearbeitung man sich gerade zu der Zeit gefiel, wo durch die genauere Bekanntschaft mit Überresten echt griechischer Baukunst stin Ansehen bei den Ultramontanen fortwährend sank. So wurde die glänzende Ausgabe „lVI. Vitruvii?ul!iunis arclntectura, tvxtu ex recensiune cullll. emevllatu, c. exercitatiuuilms nutisc^ue uuvissimis luaun. ?uleni et cumm. allllitis nunc primum stnlliis 8!m. Straticu" (8 Bde., Udine 1825 — ^9,4.) zu Ende gebracht, eine andere in Rom vom Ritter Marini angekündigt und drei Übersetzungen unternommen (von Viviani, 'Amati und Marini), deren zweite beinahe vollendet ist. Zwar in Italien hoch gepriesen, aber für den Standpunkt ultramonraner Theologen durchaus nicht angemessen, ist der nach A. B. z.mlleau's Sammlung in Mailand besorgte und durch einige Ausätze bequemer Zugerichtete,, IResaurus patrum llc'escpie llucturum gui cum in tlieolugia tum iu >' > oxapllia olim claruerunt" (9 Bde., Mailand 1827—31); sowie denn Andern c "AM 552 Italienische Literatur der neuesten Zeit anheimgestellt bleiben mag, ob sie die „(lollectio 8. LcclesiemV-Urum" (Mailand ^ 1832) für einen beachtenswerthen Beitrag zur Parristik ansehen mögen. Mehr Ehre der italienischen Wissenfchafclichkeit bringend sind die imFache der orientalischen Literatur gemachten Erwerbungen, die Lucchesini in seiner Schrift: „Velin illusti-z. xiane Uelie lin^ue unticlle e moUerne eck orieutuli, procurats nei sec. XVIU ckagli Itaiinni" (2 Bde., Lucca 1827), gewissenhaft aufzahlt. Wifcmann's „vo- 1!^? rne s)-rincne^ (Rom 1827,4.), die mehr anregenden als leistenden Untersuchun- gen Lanci's: „vn scrittura sscru Iii. c. monumenti keuico - nssirj eck egiziinni" ..1^^ (2 Bde., Rom 1827, 4.), vor allen aber der unermüdet wirksamen Mechitaristen Leistungen, wie Ciakciak's „Kuova cki-iennria itickiaao-srmeno-turco" (Venedig 1829) und „Huuckra ckella storin ietterarin cki Armenier" von Suklas Soma! ie« (Venedig 1829), gehören nicht bloß Italien, sondern dem ganzen Europa. Nur für den ersten Bedarf berechnet scheint Antonio Ciadyrgy's „vi-iouano turco urallo e persiano, rickott» sul lessica ckel cel. Aleninsiei" (Mailand 1832), das für die Fortschritte in der Schule der Propaganda nicht den günstigsten Beweis ablegen möchte. Wie in dem Assemanni'schen, von Majo in der „dollectio novascri- UiilP ptorum veterum" aufgenommenen Kataloge der vaticanifchen hebräischen, ara- Blkßsei, bischen, syrischen und persischen Handschriften, sind die orientalischen Wörter bei kckiW" Ciadyrgy mit lateinischen Buchstaben gedruckt. Als einen andern Zweig der Sprachkunde fördernd, ist die Ausgabe jener gothifchen Übersetzung des zweiten Paulinischen Briefs an die Korinther nicht zu vergessen, die durch Majo 1817 unter den Palimpsestcn der Ambrosiana entdeckt ward („Dlpllilae versio gotllica Wch epistolae vivivauli ack (iorintllios secunckne",. Mailand 1829, 4.). Sie gc- «sMr hört zu den bedeutendsten Hülfsmitteln für die Erkenntniß eines Sprachstammes, M m den so wenige Überreste uns erhalten haben. Uch«i! Vielfache Gelegenheit, ihre Sprachkunde zu zeigen, fanden die italienischen Mm. A Gelehrten, die sich mit der Erklärung von Inschriften abgaben, bei den mancherlei ZM epigraphifchen Unternehmungen der letzten Periode. Sammlungen erschienen von Äch e Vermiglioli: „vo uuticlle iscri^ioui Perugias" (Perugia 1832, 4.) ; Cavedoni: „vielliaru?i. ckegli satielli marmi mockeaesi" (Modena 1828); Malmusi: ,Mu- lirzjcDA 800 lapickurio niackeaese" (Modena 1830); Aidini: „Lulle aaticlle lapicki ti- einesi" (Pavia 1831); Marchefe Malaspina di Sannazaro: „vcri-wni lspi- ckurie raecolte ckul Alarcll. AI. cki 8. uclla cki lui caser in ?avia" ^Mailand 1830, «s 4.) und die von Gaet. Marini hinterlassene Sammlung der christlichen In- schriften des Vaticans, ein Werk großer Gelehrsamkeit, im fünften Bande von Majo's oben erwähnter Sammlung. Herr von Hammer gab in der „villi. ckul." (1831, Bd. 02) Nachricht über die orientalischen Inschriften, die ihm in den verschiedenen Sammlungen, Kicchenschätzen u. f. w. Italiens vorge- kommen waren, und seit man sich in Italien darüber verständigt hatte, daß es nicht ^ unziemlich sei, die täglich geübte Volkssprache zu Inschriften öffentlicher Denkmä- ler zu gebrauchen (f. die Verhandlungen „Villi, ital.", 1828, Bd. 50), fehlten auch ^ ^ die Mustersammlungen nicht, die sich bald an die Inschriften einzelner Orte, bald ^ an allgemeinere Auswahlen hielten, so z. B. Cicogna's „Iscriznoai veaeaiane" ^ ^ (4 Bde., Venedig 1827). Man vergleiche damit die „8celta cki iscri -ioai wo- ^ ckerae iil lingua itnliunu" (Pesaro 1829), die „Wuova rsccoltn cki epigraü . ^ ital. cki uutori ckiv." (Rom 1829), und Rambelli s „Iscriznooi" (Lugo 1829). ^ Die in Italien einst so blühenden literarischen Gesellschaften und Akademien, von denen Zanon in den „8i den „Memoria della L. ^cc. delle scien-e eil Mwino" Thl. 35 (Turin 1830), Ng den „llleinorie lassend, zeigte sich überall ein ernsteres Streben. In die Reihe der durch Druckschriften wirksamen trat die medicinisch-chirurgische Akademie von Ferrara ein („Ldrstto delle memorie «cientillelle", Ferrara 1831). Erfreulich und gewiß von den segensreichsten Folgen begleitet, ist die immer um sich greifende Wirksamkeit der Akademien und Gesellschaften für Ackerbau, die in Italien sich bilden. Außer der siorentiner, der Georgosilj, von deren Verhandlungen der siebente Band 1830 in Florenz erschienen ist, und der königlichen Ackerbaugesellschaft in Turin, entstand am 31. Jan. 1829 eine zu Pesaro, eine andere zu Gör; (8oc. sgraris (I! knrisia), die durch einen „(luida per istruire All a^rieoltori clel lp,;. torale sogli ingrassi" (Udine 1829) schon sich sehr nützlich erwiesen hat. Für die Wirksamkeit der veronesischen ^ccademia di a^ricoltnra, arti e comm. spricht der Name ihres berühmten Präsidenten, des Professors Zamboni, der in einer „Ltoria del! ^ec. d'a^ric. di Verona" (Verona 1830) ohnehin den Beweis dafür beibrachte. Die Akademien der schönen Künste zu Mailand und Venedig machen sich eigne Untersuchungen über kunstgeschichtliche oder kunsttechnische Gegenstandein ihren Versammlungen nicht zur Aufgabe; aber gern benutzen ihre Secretaire den Anlaß feierlicher Preisvertheilungen, um interessante darauf bezügliche Aufgaben zu erörtern („Diseorsi letti nella ^cc. di b. arti", Venedig 1829), und die neu begründete Akademie zu Ravenna versäumte nicht diesem Beispiele zu folgen (s. Cappi, „lntorno alla iondaxione del! ^,cc. di t>. arti in La- venoa", Ravenna 1831). Zu beklagen ist, daß dieser Eifer der rein literarischen italienischen Akademien ach nicht zu geschichtlichen Unternehmen vereinigt, um Werke wie Urkunden- simmlungen für Städte und Länderstrecken auszuarbeiten, die noch hier und da chmcrzlich vermißt werden. Eine Menge der neuerdings lebhaft angeregten Formungen würden dadurch auf einmal einen historischen Boden gewinnen, den ihnen ideologische Erörterungen nicht ersetzen können. Überhaupt mögen äußere Ver- NsUtnisse von dem lebhaftem Studium der Geschichte, besonders der alten, ab- ^ ^ Erscheinungen dieses Faches gegen Das gehalten, wag in den exacten . chenschasten geleistet wird, nicht gleichmaßig gediegen sind. Micali'S längst be- ^nn auch durch Raoul Rochctte ins Französische übersetzt, nimmt / ui seiner neuern Gestalt noch zu wenig Notiz von den durch Niebuhr in Um- / 554 Italienische Literatur der neuesten Zeit schwung gebrachten Ansichten, und doch ist es das wichtigste, das über die früh«? Geschichte des Landes geschrieben werden. Vielleicht findet man in Micali's ann- kündigtet „8toria ckegli auticlü populi italiani" sauf drei Bände berechnen die bisher vermißten Berücksichtigungen. Manche mochten glauben durch dn bändereiche „(^ollexioue cke' «torici italiani antioüi e mockerni" (Mailand 182g 12.), wenigstens was die altere Geschichte betrifft, den Quellen näher zu sein; sie di!^' gaben die alte Zeit auf und wendeten sich der Mittlern und neuern Geschichte zu wo einzelnes sehr Beachtenswerthe zu Tage kommt. Mit Beifall aufgenommen wurde so Graf Cesare Balbo's „8toria ck'ltalia" (Turin 1830), die den Zeitraum , ^ von 476 nach Christus bis 1789 umfassen wird. Wo Balbo endet, begann Carle Botta, der seine „8t»ria- land 1830), Volta's „tüomjtenckio crouolnF.-critico ckeller stniia cki ^ (2 Bde., Manrua 1825 — 27), Cibrario's „Delle storie cki Olüeri" (2 Bde., ^ Turin 1827) und Sclopis' akademische Abhandlungen in den Verhandlungen > der turiner Societät über die Langobarden in Italien. Für Triest und Jstnen fm- ^ det man im „tlrolriogrukio triestine" (Triest 1829) beachtenswerthe Beitrage z 1 und das Verzeichniß der einzelnen hier zu nennenden Abhandlungen (wie die von Ciampi über den Titel Marchese, „vidi, iw!.", 1829, Bd. 55) möchte weit utm ^ > die Grenzen dieser Übersicht hinausgehen. Für die Geschichte der erlauchten . > Geschlechter, die Graf Pompeo Litta in seinen „?awiglie celebri ital." (bis l'tz ^ t 21 Hefte) fortwährend erläutert, ist Datta's „8toria cke' principi cki 8avoj» u> Italienische Literatur der neuesten Zeit 555 läwo t!i Vcaja, signvri de! Uicmnnte" (2 Bde., Turin 1832) ein achtenswerther Beitrag, der gegen David Bertolotti's „Istoria dellaR. <üasa di 8avo)a" (Mailand 1830) sich ehrenvoll bemerklich macht. An diese, Savoyen betreffenden Geschichtsbücher, schließen sich Manno's „Geschichte Sardiniens" (Turin 1825) und Al- beri'S „Vuerre d'Italia del principe LuZenio di Savnja" (Florenz 1830, 4.) an. die man I,nit Vacani's „Sterin delle campague e de^li assed) lieg!' Italiani in I-jiclgna dal 1808 al 1813" (Mailand 1823 fg.) vergleichen mag. Zu den vor züglichsten Arbeiten im historischen Fache gehört Sauli's „Velin culnnia dei <3e- ix.vesi in Valuta" (Turin 1831), die neben Baldelli Boni's „Sterin lieiie rein- 2,Mi vieenlieveli lleii Lnrepn e lieli Vsia" (Floren; 1827, 4.) um so mehr Freude macht, da ihr noch junger Verfasser beweist, wie vertraut er mit den Quellen ist und der historischen, besonders in Piemont bemerklichen, Richtung dadurch als Wegweiser dienen kann. Grasst, der Herausgeber von Montecucoli's Schriften, wurde den historischen Forschungen kürzlich durch den Tod entrissen und sein militärisches Lexikon möchte daher schwerlich sobald die Vollendung erreichen. Noch sind für die neueste Geschichte Coppi's „Vnnali d'ltalia dal 1750" (Rom 1827,4., der vierte bis 1819 reichende Band) eine nicht genug gewürdigte Quelle, lindselbstPapi's„Vninmentarj deliarivvlux. siancesedallamortedivuiAiXVüno gl riktabilmento de'Rurlinui" (6 Bde., Lucca 1830 — 31) verdienen schon wegen des Ortes, wo sie ans Licht traten, Berücksichtigung. Unter den einzelnen Untersuchungen ist keine ein so beliebtes Thema geworden, als das Schicksal Romeo's und Iuliens, das durch Shakspeare allen fühlenden Herzen so nahe gebracht ist. Die frühere Vernachlässigung hat man wetteifernd einzubringen sich bemüht. Außer da ursprünglichen Novelle selbst („viulietta e Romeo. Kov. stur, di vuigl l. I. 0. religmis" (Rom 1830), und auch ein Aufsatz in der „Libl. ital." (Junihcft 1831): „Oostuinanre relative alla predica-ioue degli anticld ?adri della Oltiesa", wird nicht zu übersehen sein. So vermißt man in keinem Zweige des Wissens die Ausfassung der geschichtlichen Beziehung, und auch die zweite Hälfte der Geschichte, die Kenntniß der Ort- lichkeit, ward durch manche nur leider nicht immer zur allgemeinen Kenntniß gekommene Arbeiten gefödcrt. So ist Fr. Jnghirami's „Oarta tnFonometricadclla 'IR-cana" (f. „4ntolox!a", 18Z1, Mai), eines der schönsten Denkmaler italienischer Wissenschaftlichkeit, nun vollendet; und mit der „Oarta corogralica di ciascun commune della'üoscana", mit Zuccagni Orlandini'S „Alante gco- ^rgsico, kciscu e storico (lella 3"o«cana" (Florenz, Jmpecialfolio), und F. Jnghirami's Schrift: „Vlevazdone «opraillivellodel mare delle principali eininenre clella 1 oscana determin. tri^onometricainente" (Florenz 1829) zusammengenommen, werden wenige Länder sich gleicher Hülfsmittel rühmen können. In gleicher Weise trefflich angelegt war die vom Ritter Antonio Litta Biumi angekündigte „Oarta d'ltali»" auf 84 Blätter berechnet, die nach dem Muster des Lesage- schen Arlas Alles vereinigen sollte, was statistisch-geographisch sich in die Karte ausnehmen ließ. Man durfte nach derselben Litta's „VopoFralia swrico-sM- tistica di Nilano", die er 182k in Proben bekannt machte, die größte Genauigkeit bei graphischer Vollendung versprechen. Gleicher Verdimstlichkcit 'st >NP Italienische Literatur der neuesten Zeit 557 6arta topo^ralica ckei ckucatt cki ?arma, ?iacenxa e (Zuastslla ecc." (Mai- Und 1829, in 9 Blättern), und die seitdem oft erprobte „(larta ckella l'urcbia eurapea, e «na parte ckell' Asia minore" (Mailand 1829, in 21 Blättern). - Die Empfänglichkeit für solche, mit Berücksichtigung der Ansprüche unserer Zeil ausgeführte Werke bezeugte der Beifall, den in Italien selbst Giuli's „Statt- sticn sgraria ckella Val cki (lliiana" (2 Bde., Pisa 182S — 3V) fand, ein Werk, das zu den erfreulichsten Erscheinungen der italienischen Länderkunde gehört. Gleich genaue Angaben, in anderer Beziehung zusammengestellt, gab Tenore in der „Suc- cinw rela^ione ckei viaAgsio fatto in Abroxxo eck in alcune paiti ckeilo statoponti- bei»" (Neapel 183t)), während desselben Verfassers „Via^io per ckiverse parti lZd-m^z Svi^era, ?raneia" (Neapel 1828), ungefähr gleichen Zweckes mit Or- ^cai» ti's „^isggio all ckne Licilie" (Verona 1825), und Bertolotti's „ViagFio in 8av»ja" (2 Bde., Turin 1828) den leichtern Ruhm der Touristen zu beabsich« «M. lizm scheint. Unter den zahlreichen Reisebeschreibungen über einzelne Striche Ita- Ilms und unter den Handbüchern, die zunächst das Bedürfniß der Reisenden im llugehaben, hält eS schwer, eine Auswahl zu treffen. Auch Rampoldi's „(inro- ßU'sm ckell' Italia" (Mailand 1832) wird die eigne Prüfung nicht überflüssig Wichen. Die Masse des zuwachsenden Stoffes macht es schwerer als je, Genügen- ,!cev^, des zu geben. Wie namenreich z. B. ist die Liste der Heilquellen und Bäder, die "Dsi P. Paganini in seiner „iVott/äa oompenckiaw cki tickte le accpie minerecki e llsgni zsifme- ältiäia" (Mailand 1827) aufstellt. Außereuropäische Länder wurden in der ünMl lehlen Acit von den Italienern seltener dargestellt. Das Prachtwerk über die tos- Wimz,!, Misch-sranzösische Erforschungsreise durch Ägypten ist nur erst angekündigt („I mo- jMch luimeuli doli'Lgitto e ckellii l^ullia"). In brieflichen Mittheilungen hatte der dM» cftmchische Generalconsul Acerbi zu Alexandria gem gelesene Berichte durch die Mb „Ml. iwlimia" vorausgeschickt. Den alten Ruhm erneuend, gab Baldelli Boni ihmib „ll Alilione (Ii Naico I *olo" (2 Bde., Florenz 1827, 4.), und selbst Sigoli's I'iaggi ul Monte Sinai" hielten Luigi Fiacchi und Franc. Poggi nicht unwerth, MKz- M dem Staube der Bibliotheken hervorzustechen (Florenz 1829), um der bessern dzckiißr Einsicht der Gegenwart zur Folie zu dienen. Baratta'S „(iostanttnopoll nel isi Kl (Genua 1831) scheint auf dem asiatischen User geschrieben; er preist die iiM.lli loschen Einrichtungen mit mehr als diplomatischer Vorliebe. Die „Scelta M B üi ieltere eclilicanti scritto ckulle missioni strsniere" war 1829 (Mailand) bis zu 1l) Landen gekommen. ^ Mannichfaches Interesse verdanken jetzt weniger beachtete Orte Italiens den ^ümantikern, die nach Walter Scott'S Beispiel in ihren Werken die Phpsiogno- ^ uiim der Örtlichkeit nicht unbenutzt lassen. Seit Alessandro Manzoni mit seinen »M- ck rvmezzi zposi" (3 Bde., Mailand 1825 — 26) hervortrat und durch Göthe's ^yfehlunz die Zweifel an dem Werthe dieses Werkes vollends beschwichtigt wur- ln, hzt es nicht an Nachfolgern gefehlt, die des Dichters überraschenden Ruhm, laicht durch gleiche Anstrengungen des Talentes, doch durch nochum- zM' Werke zu erstürmen suchten. Fruchtbarer hat sich keiner gezeigt als der M's ^ der „Sibilla Ockaleta» episockio ckelle guerre ck'It. al üoe ckei sec. XV" ^d 1827), der schon im folgenden Jahre ihr ückan-ata ii^ure, v3sia >!! . « caratteri ckei popoii ckella riviera si nostri tempi" (2 Bde., si' > ^ 1828), dann „ttleroümi"(Mortara 1829) und gleichzeitig „I prigioneri ztbc l )k!N, l-Hil Ä .1^. . Olllllt ^^/eoecurci UIIV ^trtU/zrt^>g „t lui, '^'°^ttone" (3 Bde., Mailand 1829) folgen ließ, aber durch diese läberei- cleick s zweideutigen Einlagen vollends verdarb. Wetteifernd strebte nach B Gänzen Bazzoni, der Verfasser des „(lustello cki'I're^o" (Mailand 1827) lie seinen „eadttim ?oncku!o" (Mailand 1827), G. Nosini durch e'li» cl'"m ^ llcAlonxa" (3 Bde., Pisa 1829), der minder genannten (Zorzk, „O- ' Guerrazzi, „Uattagsta cki Lenovento") gar nicht zu gedenken. 558 Italienische Literatur der neuesten Zeit Diese ausgesprochene Vorliebe für den historischen Roman (Rosini's „M. naca rli lVlan-a", in Mailand unter dem Titel „Signara cli Alau^a" nachgedruckt ^ erlebte 14 rechtmäßige Auflagen) schien allen andern dichterischen Formen Eintrag zu thun, die nicht gleiche Entwickelung der Charaktere und gleiche Breite und Mau- nichfaltigkeit der Darstellung zuließ. Die altheimischen Ritterromane, deren Ge- schichte Ferraris fleißig erzählt hat, „8taria eck analisi ckegli anticlri roman?! di „ cavalleria e ckei paemi ramansescln ck'ltal." (Mailand 1829), wozu ein „8np. ^ ^ plem. alla kiblio^rafta cke' ramauTi" (Mailand 1831, 4.) kam, zogen nur als G?- genstand des gelehrten Studiums noch an, fanden aber weder in epischer Erneue- ^ ^ rung, wie T. Grofsi's „I I^amdarcki alla prima craciata" (Mailand 1826), noch in leicht sentimentaler Behandlung, wie Bertolotti einige versuchte, Theilnahme. Die innere Kraftlosigkeit wie der Ernst der Zeit benahmen den Geschmack an den dar- gebotenen komischen Heldengedichten („Vita e avveickurc cki kl. ftacini", Mailand ^- 1830). Überhaupt ließe sich fragen, od sich Poesie den heutigen Italienern als Be- ^ ^ dürfniß bewähre, und wol könnte die Antwort verneinend ausfallen, wenn man ^ die akademisch geübten Reimereien und die Poesie für das Haus, wie sie bei allen ^ Völkern Europas getrieben wird, nicht für wirkliche, alle Stande des Volkes er- quickende und erhebende Poesie will gelten lassen. Zwar beklagen die Lombarden den Verlust ihres Monti, als sei mit ihm die Stimme verklungen, die alle Herzen getroffen, in allen Nachklang gefunden habe, aber nicht ohne landsmannschaftliche Befangenheit. Manzoni's Hymnen, auf die der Dichter, als der Congregalion be- freundet, bekanntlich den meisten Werth legt (lateinisch übersetzt erschienen die „Irmi ^ sacri cki lVlan-ani" von Filippi, Udine 1829), erregten in Rom Zweifel („luwr- na gli Inn! sacri cki ^.lVIauxoni ckubd). cki Cüus.Zalvagnali iVlarcketti", Rom 1829), ' ^ ^ die Ultramontanen zwar nicht stören werden, aber schwerlich vermögen diese Hym- nen einen rein ästhetischen Genuß zu verschaffen, da die Richtung, die in dem Werke „Lickla marale caitalica" hervortritt und in der „Calanua mlamc" wol noch beut- licher sich darlegen würde, wenn sie jemals in das Publicum käme, zu sehr als eine auf äußere Zwecke berechnete hier sich geltend macht. (Vergl. „Opere cli eil. Klau- 'PW 2vm", mit Nicc. Tommaseo's Anmerkungen, 5 Bde., Florenz 1828 und 1829.) Neben Manzoni hat Pindemonte noch seine Verehrer („Opere in prosa eck in versi", tch s Mailand 1829, 16.), aber diese im Gesäusel der akademischen Säle erzogenen Lorberreiser scheinen im Anhauche der frischen Luft zu kränkeln und nur in der Stille der Büchersäle ihre zusagende Temperatur zu finden. Au gleicher Auszeich- Heß nung in den Gesellschaftszimmern und Museen erhob die Stimme der Recensen- ten die feinscherzenden „Hclrer^i paetici e pittarici sapra smore" von de Roffi, Ricci's Versuche in>allen poetischen Formen und besonders Luigi Carrer's „?aesie" (Padua 1832). Als ein Beispiel großartigen Muthes muß daneben der Versuch ^ eines Ungenannten erwähnt werden, eine Hölle (nach Dante) in Terzinen zu geben („U ter^a nnavissima ossia l'Iriferno in ter?a rima Run Italiana", Italien H 1826). Vielleicht weisen die Winke, welche in den „Osservaaiam sulla paesia ^ cke' 1'ravackari e solle principali maniere e forme cki essa, consrontate alle an- »>^ ^ ticbe ital." (Modena 1829) ausgestreut liegen, so achtenswerthe Talente aus Das H hin, was jederzeit in den Kern der Volkstheilnahme eindringt, und sie stimmen dann, ^ um nicht blos Dichter für die Recensenten, fondern für das Volk im schönsten Sinne des Wortes zu werden, wieder die Weisen an, die ebenso Petrarca s und ^ Tafso's besten Liedern als den Liedern der Hirten der Campagna („8agß>o «" 4^ canti papalari ckelle pravmcie cki Maritima e cki Campagna", Rom 1830) und den Gesängen der Slawen („Carmi slavi track. ckal cans. Cialeick", Venedig 1829) zum Grunde liegen. ^ ^ 3H Um die schnellste WirkMg auf die Empfänglichkeit der Zeitgenossen hervo^ zubringen, wählten geistreiche Dichter vorzugsweise die Form des Dramas, d» ^ Italienische Literatur der neuesten Zeit 559 Mlli Imd Will lK) pzlHÜl l III i» Hlch- Wstl>' tW )!»!' !,< !ii'^ F t jg allen Staaten, die der Organe zur freien Verhandlung und Besprechung ent « ^-hren, mit Grund als das wichtigste Verbindungsmittel, als die Seufzerbrücke gesehen wird, wodurch ihr abgeschlossnes Zimmer mit der freien Welt in Be- Mrung steht. Eingehend in diese Ansichten, fanden namentlich die Werke Nic- iMi's, sein „Antonio loscarim" (Florenz 1827) und noch mehr seine sicilische Wer („(uovanni cln vi-ocitia", Floren; 1829) stürmischen Beifall bei ihrem bekanntwerden, obgleich die „Kid!, ital." des letztem Trauerspiels mit keinem Worte ^gedenken für gut fand. Niccolini soll jetzt mit einem Trauerspiele „vodnvicc» ij moro" beschäftigt sein. Gleich freie Gesinnung spricht aus Silvio Pellico's^ie nnove trageäie" (Turin 1812) an, der schon früher durch seine „^rancesca geschätzt, die offen dargelegte Gesinnung durch eine lange Gefangenschaft aus Spielberg erhärtet hat. Nicht mit gleicher Anerkennung wie scine Mlisca eli U0N2N" wurde Rosi'ni's //I'orHuuto Tusso, ckrumu storico" (Pisa 1832) aufgenommen, doch erlangte es die Ehre der Aufführung, die Tedaldi 8ms, der Verfasser von „voutrice Tericiu" und „I Tiesctü eri i vorig" (Mai- 1829) nicht immer zu beabsichtigen scheint. Alle die genannten Dichter, mehr oder weniger nach den Fvderungen der jetzigen Zeit sich fügend, scheinen zu fthlm, daß die ältere französische Tragödienform nicht mehr genügen könne. Co- nolan di Bagnolo machte daher den Versuch, in seinem „Teutro trgZico" (Turin l830) Werke des Corneille umzugestalten, begreiflich mit keinem Erfolge. Kann man daher auch Pagani Cef! („8ovru il teutro tragico iwliurio", Venedig 1826) und Beduschi („8u1In stuto uttuule ckellg trg^eelig in ltaliu", Parma 1827) nicht in dem Lobspruche beistimmen, die er dem Geleisteten ertheilt, so muß man dach die UnVerdrossenheit anerkennen, die edle Kräfte einer Bühne widmet, wo das Bessere oft mühsam genug sich feinen Platz erkämpfen muß. Italiens Dichter dürfen die Ansprüche an die poetische Empfänglichkeit nicht zu hoch spannen, wenn sie bedenken, mit wem sie die Auszeichnung theilen, die Gerngesehenen auf dm Bretcrn zu sein. Mit größerer Beeiferung noch, als man ihre Werke aufsucht, übersetzt manIffland („Teutro cli liUauel", Treviso 1828), Kotzebue („Ten- lro diXot?ehue", von Gravisi, Venedig 1828, und ein zweites Mal das. 1828) mdSmbe („Teutro cd der alte Ruhm leichter Hervorbringung den heutigen Italienern noch gebühre. Ran mußte fast Nein sagen, wenn sie nicht gleichzeitig sich eines Reichthums an Improvisatoren rühmten, wie Ceroni, Ferroni, Perfetti, Gianni, Sgricci, L. ueconi und Bridocci, der Alles überbietet, was man jemals in reichern Zeiten Ellens vereinigt sah. Liebe zum Auslandischen, das den Italienern jetzt weniger ^'mdartig oder barbarisch scheint, mag manchen geringem Produktionen den Zu- '"lt erleichtert haben; das Edlere, wie die Werke von Gothe und Schiller, die bmize de' Battisti, Maffei und Caimi wetteifernd übersetzten, sowie die Werke ^kspeare's, die einzeln Gaet. Barbieri und Gius. Niccolini, im Ganzen Giunio 'Wni mit Giac. Sormani, dann auch Virg. Semini übertrugen, verschafften ^>t dem Mindern, das gleicher Abkunft sich rühmte, duldsames Hinnehmen, ^nn leidet auch Italiens Publicum, außer in der Oper, am nie zu sättigenden ^ Neuem; und die Förderer der Schaubühne, ungern auf den Vorzug M Menge sprechen zu können, wollten lieber durch solche Mittel ihr ümd ^ Einfluß auf das ungern lesende Publicum aufgeben. Gegen- .in ^^p-^chungen ist das Lustspiel im heutigen Italien gewesen. Eben hatte der„kihl. ital."eine Geschichte desselben seit Goldoni angefangen ^!lte(^ Salsi in der Fortsetzung des Ginguene die gleiche Aufgabe sich ^ deutsch von Reumont, Aachen 1839) und auffallend genug mit ^ NW.-.»,, reintxaf, daß namentlich durch die Beeintrachti- 560 Italienische Literatur der neuesten Zeit gungen der Oper es mit dem Drama, besonders mit dem Lustspiele, trübselig besiM sei. Fast könnte man eine Rache der aufgegebenen Masken und der Oommeckiz dell' srte in den Stücken finden, die seit de Rossi's, Grivaud's und Avelloni's Tode vcni ^?-> Advokat Nota (Oommeckle", zehnte Ausgabe, 2 Bde., Mailand 1826), : neghezzi („(lommeckie", Mantua 1828) und ihnen ähnlichen dem Volke dargeboten ' werden, das durch seine Theilnahme früher so echtkomische Talente entwickelte und sich selbst darstellend die zweite Hälfte des Stückes auf den Bretern hinzutha/ ^ Diese alten Traditionen sich zu erhalten, ist der ,/I>Attato sulia commeckia ddp ' nrte ossia impro^visn, muscüere ital'uene eck ulcune scene cke! carnevzle d ^ Roma" (Berlin 1826,4.) sehr zu empfehlen, und wie nüchtern gegen den Natur- witz jener ältern Zeit die Titel der in den schönsten Gebäuden (s. Ferrario's „Stanz e ckescrixione cke' princPrcki teatri unticüi e mockerm", Mailand 1836) Vorgestell- ^ ? ten Stücke klingen, wird am besten aus den „^nnrcki ckel teatro ckella cittz di ReMo" hervorgehen, die Graf Ritorni seit 1807 herausgibt und die dem Thea- ter von Reggio eine Art von Ansehen unter den „Künstlern" verschafft haben. In der Kritik würde ein Mittel gesichert sein, die dichterischen Vorsänger auf rechten Weg zu weisen, oder auf dem eingeschlagenen bessern zu erhalten, wenn sie mit größerer Unbefangenheit geübt würde. Denn unverkennbar steht ihr anerkanntestes Organ, die „Rilckioteou iteckiann", jetzt von Gironi, Carlini, Fumagalli und Brugnatelli herausgegeben, in ihrem nicht die exacten Wissen- schaften angehenden Theile, ebenso wie die „^ntoIoFin", die Vkeusseux zu Florenz ^ herausgibt, unter dem Einflüsse landsmannschaftlicher Ansichten, und der von Ortis besorgte „^olij-rufo" hat noch nicht zu der SelbständigkeitdesUrtheils getan- gen können, die ihm einen Platz neben den genannten beiden Zeitschriften verdiente. Das „(Uorrucke srcuckico" scheint eingegangen zu sein, oder wenn es noch besteht, sich wie die „Leo" und andere in den einzelnenStädten herauskommende Tageblätter auf den nächsten Umkreis seines Entstehens zu beschranken, nur zu oft mit den ^ Erscheinungen des Auslandes sich beschäftigend. ^ Aber stets ist der Blick auf die Leistungen der physischen und mathematischen M», Wissenschaften tröstend, wenn man in den erheiternden und in der Literatur Lücken Mm oder Misverstänoniß zu bemerken glaubt; denn noch glänzen hier die bedeutendsten 'Men Namen, wenn auch Sterne wie Scarpa, Eesaris, Oriani untergegangen sind, Medi um ganz der Geschichte anzugehören. Keine neue Erscheinung im Gebiete der Narur und im ganzen Umfange der mathematischen Wissenschaften bleibt dort unbeachtet oder ohne wesentliche Bereicherungen, und von der Astronomie ab, deren Gebiet Beobachter wie Cacciatore, Brioschi, Dümouchel, Jnghirami fort- während erweitern, wahrend Mathematiker wie Nobili, Amici, Giorgini, Fran- --H, chini, Piola, Santini ihre Gesetze genauer erörtern, bis auf den Seidenbau und die Käsebereitung bemerkt man den Einfluß wissenschaftlicher Erörterung. Das Ge- biet der Chemie und den Elektromagnetismus erörtern Vigio, Baccelli, Antinori, Zanted/eschk, Libri, Marianini, und die in der „Lilckivteca italisno" (1836, >iG Bd. Ü8) gegebene Ausammenstellung der in Italien über Elektromagnetismus ge- wonnenen Resultate reicht allein hin, die Wisscnschaftlichkeit der jetzigen Zeit zu verherrlichen. Au den mannichfaltigstcn meteorologischen Beobachtungen vcr- anlaßten der strenge Winter 1829 und 1830 und die Lufterscheinungen -m Sommer 1831. Geistreiche Manner, wie Filiast, Scuderi und Carlini knüpften daran Hypothesen und Axiome, und daß die Menge auffallender Erscheinungen 4^ in dem thierischen Leben, die dadurch herbeigeführt wurden, nicht verloren gingen, ^ sorgten Forscher wie Rusconi, Savi, Tommastni, Pollini und Metaxa, die in ^ Schriften und auf dem Lehrstuhle unermüdet den Ruhm des forschenden Italien ^ aufrecht zu erhalten bemüht waren. Für die Verbreitung allgemeiner von Deutsch- ^ land ausgehenden Ansichten über die Entwickelungen des Lebensorganismus >n ^ Ztalinsky 56 l ganzen Natur waren Nobile in Padua u. A. thätig, wenn auch das philoso- vhische Studium, von Schranken aller Art umstellt, mehr in der Anwendung aus Staatswissenschaft (Gioja und Romagnosi) und in der Befragung bei krankhaften Zustanden (Bagutti's „8tato üsico, iutellettuaie e morale cie' sorcko-muti") ,u einer Art Selbständigkeit kam, als im Zurückgehen auf seine ersten Principe. Wohlmeinende betrachteten es als einen Fortschritt, daß zur Belebung oes philosophischen Studiums A. Matthia's ,Manuale lli lilosolia" (Lugano 18'.n)) für die akademische Jugend übersetzt ward, und ein so glücklich gewähltes Lehrbuch kann den Freund der Humanität um so mehr erfreuen, je begründetere Besorgnisse sich ihm bei einer beinahe verschenkten blattweisen Ausgabe der „Opere tlel desto ^If. lVlarra cki Liguori" (Monza 1830, 12.) und bei der zweiten Ausgabe von Alexander von Hohenlohes ,Ma«!ita2ioni eck istr uxioni cki- votissime" (Mailand 1830, 16.) aufdrangen. Alle die mannichsachen Blüten, welche der Stamm der italienischen Literatur zeigt, scheinen krankhaft, so lange an seiner Wurzel solches Reisig wuchert und die in einzelnen Theilen sehr geförderte Ausbildung doch der Masse noch so fremd bleibt. (14) Itallnsky (Andrei Jakowlewitsch) stammte aus einer saporojischen Kosa- ckenfamilie, die ursprünglich ihren Sitz an den Wasserfallen desDnieper hatte, sich aber in den Mazeppa'schen Unruhen in einem Marktflecken unfern Kiew niederließ. J.'s Familie gehörte seitdem zur Classe des kleinrussischen Adels und erwarb sich in jener Gegend ein Landgütchen, führte aber noch keineswegs den Namen Jta- linsky, sondern begnügte sich mit dem saporojischen. Den spater so berühmt gewordenen nahm Andrei Jakowlewitsch wahrend seines Ausenthalts in England aus unbekannten Ursachen an. Andrei, geboren 1743, verdankte seinem rechtschaffenen Vater die Grundlage seiner Bildung, die er auf dem Seminar zu Kiew fortsetzen sollte. Unzufrieden mit dem engen, ihm dort gezogenen Kreise, fand er in seinem neunzehnten Jahre durch die zufallige Bekanntschaft mit mehren nach Konstantinopel reisenden Englandern Anlaß, seinen Blick auf die weitere Ferne zu richten. Von seinem schönen Ansehen und seiner Lernbegierde eingenommen, eröffneten ihm die Englander Aussicht, seine Studien in England zu machen. Durch sie und andere Freunde unterstützt, ging er 1761 nach Petersburg, um am dortigen medicinischen Collegium sich für sein künftiges Fach, die Medicin und Chirurgie, vorzubereiten; aber wahrend dieser Studien brach unter seinen Augen die große Thronumwälzung aus, die Peter Iii. Zepter und Leben kostete, und der zu Folge Katharina II, den Thron bestieg. Wie nahe er Zeuge derselben gewesen sei, ließ I. in spatern Äußerungen nur ahnen; aber entschieden ist, daß der Blick, den er bei dieser Gelegenheit in das Getriebe der Welthandel that, ihn seinem früher gewählten Berufe untreuer machte und überhaupt auf seine ganzen Lebensschicksale entscheidend einwirkte. Reichlich unterstützt durch Freunde, die er sich erworben, schiffte I. sich 1764 nach England ein, wo die vorzüglichen Empfehlungen, b>e er mitbrachte, ihm in London die gastfreundlichste Aufnahme verschafften. Besonders nahm Sir John Prcndel, damals Präsident der königl. Gesellschaft, sich seiner mit der aufmunterndsten Güte an und brachte ihn in Berührung mit Samuel Johnson, Capitain Cook, Priestley und andern Gelehrten. Medicin blieb ^i den wjsienschMjch^ Bestrebungen, welchen er sich hingab, die Grundlage, ^ach einem mehrjährigen Aufenthalte in Edinburg, einer Reise nach dem Vater- lande, die ihn mit vielvermögenden Landsleuten näher befreundete, und einem Ukuen Ausenthalte in Lepden und Paris, lernte er in letzterer Stadt den Baron ^nrnm kennen, dem die Söhne des Feldmarschalls Rumjänzoss übergeben waren. nmm gedachte in seinem Briefwechsel mit Katharina II des jungen I. mit Ausrechnung und stellte ihn dem Großfürsten Paul vor, der 1780 als (lomte «in ^ >n Paris war und so sehr von den Formen und der Gewandtheit des jungen onv.-Lex. her neuesten Zeit und Literatur. II. Z6 562 Ztzstein Landsmanns eingenommen wurde, daß «r nach seiner Rückkehr für ihn zu sorgen versprach. Großfürst Paul erfüllte sein Versprechen. I. erhielt den Posten als Ge- sandtschaftssecretair in Neapel (1781), weil seine sehr angegriffene Brust ihm den Aufenthalt in einem mildern Klima nothwendig machte; und wahrend der 1h Jahre, die er dort unter den Gesandren Skavronsky und Galovkin verbrachte entwickelte er eine solche Fähigkeit zu den Geschäften und so bestechende Talente, daß die Ernennung zum wirklichen Staatsrathe, zum Kammerherrn und außerordentlichen Gesandren am neapolitanischen Hofe bei Kaiser Pauls Thronbesiei, gung langst schon verdient schien. Der nähere Umgang mit Sir William Hamilton, seinem College» am neapolitanischen Hofe, führte I. den Studien wieder zu, die er einst schon in Kiew begonnen h irre. Alterthumswissenschaften im gan« zen Umfange des Wortes beschäftigten jede Stunde der ihm reichlich gelassenen Muße, und Sammlungen, die alle fremden Gesandten nach Hamilton's Beispiele um sich vereinigten, schmückten bald auch die weitläufigen Zimmer seines Palastes. Noch im hohen Alter erzählte er gern, wie er auf seinen Spazierfahrten von seinem Palast aus bis Sta.-Lucia die ganze Reihenfolge der griechischen Dichter und Historiker, im Wagen fahrend, wieder durchgelesen habe, und als Frucht dieser ernstlichem Studien ist der Text der zweiten von Tischbein bekannt gemachten Hamilton'schen Vasensammlung anzusehen, der 1791—1809 zu Neapel in vier Quartbänden erschien. Kaiser Alexander sandte in den ersten Jahren seiner Regie» rung I. als außerordentlichen Gesandten nach Konstantinopel, wo er bis zum Ausbruche deS russisch - türkischen Krieges blieb, dem der Friede von Bukarescht 1812 ein Ende machte. Gemeinsam mit dem General Kutusof unterhandelte und unterzeichnete diesen.Frieden I., der darauf zum zweiten Male als bevollmächtig» ter Minister nach Konstantinopel zurückkehrte. Fast überhäuft mit den Zeichen der Gnade seiner Monarchen, benutzte I. nun seine Stellung, eine Bibliothek zusammenzubringen, die Hammer, in der„Lisi!iotscn iwl-ana", Jan. 1828, für eine der auserwahitesten orientalischen Handschristensammlungen erklärte. Spater (1817) ward J.nach Rom in gleicher Eigenschaft versetzt, wo er bis zu seinem Tode am 27. Jun. 1827 im freundschaftlichsten Verkehre mit Allem, waS Rom und das Ausland Ausgezeichnetes besitzen, ebenso sehr den Wissenschaften als seinem Berufe lebte. Seine mehr als 30,()0() Bande starke auserwählte Büchersammlung nahm den ganzen obern Stock deS großen Gesandtschaftshotels de§ Palastes Pamsili am Platze Navona ein und vereinigte um ihn eine Menge von Be» rühmtheiten Diese herrliche Bibliothek, mit Ausnahme der orientalischen Handschriften, welche er dem asiatischen Institute in Petersburg vermachte, kam mit seinen Möbeln, seinen Kleinodien, seinem silbernen Geräthe und Gemälden zu Gunsten seiner treuen Dienerschaft unter den Hammer. Em im kiewschen Gouvernement gelegenes Landgut, mir dem ihn Kaiser Paul beschenkt hatte, hinterließ er seinen Verwandten. Er ward auf dem griechischen Gottesacker zu Livorno beerdigt. Unter der Menge von Ordenszeichen, welche den Sarg umstanden, war das merkwürdigste der türkische Mondorden, ein Geschenk des Sultans Mahmud, der diesem Zeichen seiner wohlwollendsten Gesinnung sein eigenes iin Serail gemaltes Bildniß beigefügt hatte. In der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg ist auf Befehl des Kaiser« Nikolaus J.'s von Canova gearbeitete marmorne Büste aufgestellt und unter den Mitgliedern der königl. Gesellschaft zu London prangt sein Name. (^) Jtz stein (Johann Adam von), geboren am 18. Sept. 1775 zu Mainz, wo sein Vater kurfürstlicher Geheimratk war. Seine Laufbahn im Staatsdienste begann er I7st'8 als Accessist bei dem kurmainzischm Amte Amorbach, wurde jedoch schon im nächstfolgenden Jahre von der Abtei Amorbach als ihr Sondiku und Beamter ihrer Ortschaften unter kurmainzischer Hoheit angestellt. Von h>er Jtzstein .563 wurde er 1803 von dem Fürsten von Leiningen, den ihm die Aufhebung der Abtei zum Landesherr» gegeben , als Beamter nach Miltenberg und spater als Stadl- director in die Residenz Amorbach berufen. Nachdem er dieses Amt ein Jahr lang verwaltet, trat er als Rath in die Justizkanzlei des Fürsten, welcher ihn von dieser Zeit an mit großer Auszeichnung behandelte. Durch einen bei der Ausgleichung üder die Mediatisationsverhältnisse zwischen Baden und Leiningen abgeschlossenen besonder» Vertrag von Baden übernommen, sollte I. als Beamter zu dem Landamte Freiburg kommen, er machte aber mit Verwahrung seines bisherigen Ranges als Rath eines obern Justizcollegiums Gegenvorstellungen, und wurde starr dessen als Oberamtmann in Schwezingen angestellt. Diese Stelle hatte er von 1810—19 versehen, als ihn der eben auf den Thron gekommene Großherzog Ludwig plötzlich und gegen seinen Willen zu dem Hofgerichr in Manheim versetzte. Hier wurde I. 1822 von der Stadt zum Deputirten erwählt, und betrar so zum ersten Male einen Schauplatz, auf welchem ihn so viele stampfe und so viele Lorbern erwarteten. Im Laufe der Verhandlungen zeneS Landtags entwickelte sich der bekannte Streit zwischen Kammer und Regierung über das Budget und namentlich den Militairetat, woraus bei der Weigerung der Majorität, sich dem unbedingt gestellten Verlangen zu unterwerfen, zuletzt ein wahrer Kriegszustand wurde. I., den die Kammer zu ihrem ersten Secretair gewählt, zeigte sich bald als einen Kampfer, den die Regierung fürchten und das Volk lieben lernte, trat als Berichterstatter der Budgetcommission in die erste Reihe, und verfocht in den stürmischen Debatten mit Aufwand aller Kräfte die ständische Fode- rung vernünftiger Ersparnisse. Die Regierung, als sie die Pflichttreue der Volks- Vertreter durch andere Mittel nicht zu überwinden vermochte, antwortete durch Vertagung und nachfolgende Auflösung der Kammer und durch Verfolgungsmaßregeln gegen die Häupter der Opposition. I. befand sich noch in Geschäften der Kammer in Karlsruhe, als ihm die Versetzung zu dem Hofgericht in Meersburg angekündigt wurde: bei der Abgelegercheit dieser Stadt und der krankenden Absicht der Verfügung eine Art von Verbannungsstrafe für I., eine doppelte Beeinträchtigung, da eine so weite Entfernung ihm die Aufsicht über sein in Mainz befindliches, in Häusern bestehendes Vermögen fast unmöglich machte. I. machte Gegenvorstellungen, berief sich auf den Reichsd.putationsschluß, wonach er in keiner andern Provinz, als worin er bei der Übernahme angestellt unb mir Liegenschaften ansässig war, die Anstellung anzunehmen brauchte, und foderte sonach seine Pension. Umsonst; rasch auf einander folgende Verfügungen bedrohten ihn, hart die Abreise betreibend, wegen Ungehorsams mir Verlust seiner Stelle— einReactions- zwang, der auf eine andere Weise sein Opfer nicht verfehlte. Die Gesundheit 5 's, noch an den Nachwehen der parlamentarischen Anstrengungen leidend, unterlag den auf ihn einstürmenden Gemüthsbewegungen, und die Folge war ein ichweres, nervöse« Kopfleiden, worauf er, auf ärztliche Zeugnisse sich berufend, einen Urlaub auf unbestimmte Zeit zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nachsuchte. Nunmehr versetzte ihn die Regierung schnell in Pensionsstand, nicht ohne pecuniairen Nachtheil für I., der dadurch 7—800 Gldn. jährlich einbüßte. Die Krankheit blieb, und nur die Enthaltung von jeder geistigen Anstrengung, in Verbindung mit beständigen Reisen, vermochteI.'s Gesundheit allmalig so w.it herzu- w "V ^ ^ günstiger« Umständen wieder auf den Kampfplatz gerufen, dem ^ufe folgen konnte. So nahm er die Wahl zu dem Landtage von 1831 an und ^ Ständeversammlung, mit gebleichtem Haar, aber durch den Auf- chwung der Zeit gleichsam zum Jüngling erfrischt. Die Prasidentenwürde, wel- cht >bm in Anerkennung so vieler Verdienste fast einstimmig angeboten ward, kt)Nle er zwar wegen seines noch immer schwankenden Gesundheitszustandes ab, "st pch aber bald mit voller Theilnahme in die varlamentarischen Geschäfte und 36 ^ 564 Jack setzte den ganzen langgedehnten Landtag hindurch nie seine Thatigkeit aus, allenthalben eingreifend, der Sache des Volkes und der Freiheit ein nie fehlender Kampfer. Unter seinen Motionen nennen wir die auf Wiederherstellung der Verfassung, welche den ersten Erfolg des Landtags bildete, und den Antrag, daß die jahrliche Conscription ebenso wie der Betrag der jährlichen Steuern der standischen Bewilligung vorgelegt werden sollte. Den ausgezeichnetsten Rang aber erwarb er sich bei den Budgetverhandlungen, wobei er seine alte Rolle als Berichterstatter wiederaufnahm, Hauptredner und Vorfechter der Commission, ein strenger Rechner, überall den Weg zu weiser Ersparniß zeigend, und geizend mit dem Schweiße des Volkes, sodaß ihm auch von Seiten der Kammer selbst ein die Commissions- vorschlage übersteigender Betrag nur mühsam abzupressen war. Nach dem Schlüsse des Landtags bot ihm die Regierung eine ehrenvolle Stelle an, welche er jedoch aus Gesundheitsrücksichten ablehnte; bei dem Volke aber war er hochgcseiett, wurde von mehren Seiten mit Ehrengaben bedacht, und die öffentliche Meinung nannte ihn stets unter den Ersten dieser, mit so vielen volksthümlichen Namen glanzenden Versammlung. Seinen politischen Grundsätzen nach gehört I. der äußersten Linken an ; in der Anwendung derselben ist er entschieden und vorzugsweise praktisch, als Redner aber auf seltene Weise ausgezeichnet, von wohllautender, dem Ohre schmeichelnder Stimme, zugleich feurig und besonnen, scharf angreifend und glatt entschlüpfend, reich an epigrammatisch treffenden Wendungen, in allen Verhaltnissen fein, elegant, auch wo er den Gegner zu Boden wirft, mit seiner Kraft sparsam bis zum entscheidenden Augenblick und, um ein Bild zu gebrauchen, in dem Geplänkel der Discussion ein Meister in der Kunst des klei- daselbst als Bibliothekar angestellt, zu einer Zeit, wo die Büchersammlungen der aufgehobenen geistlichen Stiftungen des Fürstenti/ums mit der Bibliothek der damaligen Universität vereinigt wurden. Er hat besonders seit dem Tode seiner beiden Amtsgenossen, Frey und Schmötzer, für die Verwaltung dieser Anstalt thätig gesorgt, wie schon seine Geschichte derselben („Isis", 1819, achtes Heft) und seine „Vollständige Beschreibung der öffentlichen Bibliothek" (erster und zweiter Th.il, Nürnberg 1831—32) darthun. Um die Bibliotheken des Auslandes genau kennen zu lernen, machte er eine zweimalige Reife, gemeinschaftlich mit Heller, durch Ostreichs, Oberitalien und Tirol, und später allein durch Frankreich, England und die Niederlande, über welche er in 6 Bdn. ( Weimar 1822—26) Bericht erstattet hat. Aus dem übrigen Ertrage seiner schriftstellerischen Thätigkeit nennen wir in Beziehung auf die Geschichte und Topographie seines Vaterlandes: „Geschichte der Provinz Bamberg" (3 Bde., Erlangen 1808—9); „Lehrbuch der allgemeinen Geschichte Bambergs" (Bamberg 1815); „Bamberg und dessen Umgebungen" (Erlangen 1812—19); „Bamdergische Jahrbücher" (4 Bde., Bamberg 1829—32) ; „Baierns neueste Kunde" (als 13. Bd. der „Lander - und Völkerkunde", Weimar 1820). Die Bemühungen der Anhänger des römischen Hofes, Deutschland durch Concordate ein neues Joch aufzulegen, veranlaßten zwei anonyme, in Baiern unterdrückte Schriften: „Wünsche für die katholische Kirche Deutschlands"" (Bamberg 181?) und „Aphorismen zur Beleuchtung des Concordats" (Bamberg 1818), und eine historische Entwickelung in seinen nen Kriegs. (22) Jackson 565 Rückblicken auf die Verhältnisse der Bisthümer Beuerns" (3 Hefte, Erlangen 1818 —19). Gegen die Wiederherstellung der Klöster in Baiern war gerichtet: Wahres Bild der Klöster" (2 Theile, Bamberg 1826—27). Eine weite Verbreitung fand die von ihm herausgegebene „Taschenbibliothek der wichtigsten und interessantesten See- und Landreisen" von welcher 82 Bandchcn (Nürnberg 1827 — 32, 16.) erschienen sind. Im 39. Bandchcn dieser Sammlung hat er Materialien zur Geschichte seines Lebens geliefert. Jackson (Andrew), General, Präsident der Vereinigten Staaten von Norda.nerika, das Haupt einer einflußreichen und darum sehr angefeindeten Partei, die seine Wahl zum Präsidenten des Eongresses am 11. Febr. 1829 bewirkt hatte, tzc stammt von irländischen Altern. Diese verließen im Jahr 1765 Irland, und am 14. März 1767 wurde Andrew aufeinem Meierhofe geboren, den sein Vater in der Grafschaft Wex-Saw, 45 englische Meilen von der Handelsstadt Camden in Südcarolina, besaß. Von seiner Mutter zum geistlichen Stande bestimmt, besuchte er die Schule, als die Engländer in die Provinz einfielen. Der fünfzehnjährige Jüngling, auferzogen in den politischen Gesinnungen seiner Altern, ergriff rasch die Waffen und stellte sich in die Reihe der freiwilligen Krieger. Er wurde gefangen. Der Offizier, der ihn gefangen genommen hatte, befahl ihm, seine Stiefeln zu putzen. Als I. dies zu thun schlechterdings sich weigerte, hieb jener ihm nach dem Kopfe; doch I. wehrte den Hieb mit der linken Hand ab, wovon er noch die Narbe trägt. Zwei ältere Brüder fielen im Kampfe, sein Vater starb, und aus Gram bald darauf die Mutter. Nun folgte der Jüngling, jetzt 17 Jahre alt, seiner Neigung und studirte zu Salisbury die Rechte. Er wurde 1786 Advokat und prakticirte in Nordcarolina. Vier Jahre spater zog er nach Nashvitte in Tennessee, wo ibn seine Mitbürger zu ihrem Generaladvokaten (Procurator) wählten. Auch befehligte er die Miliz gegen die Wilden, welche er mehrmals zurückschlug und von fernem Einfällen abhielt. Dadurch stieg er bis zum Generalmajor in der Militairdivision der Provinz. Als Tennessee zu einem Staate der Union erhoben wurde, erwählte man ihn zu einem Mitglieds des Bürgerausschus- sis, welcher im Jahr 1796 die Verfassungsurkunde von Tennessee entwarf. Ein Jahr nachher wählte der junge Staat ihn zu seinem ersten Stellvertreter bei dem Kongresse, später zum Senator. Weil man aber die Regierungsform zu ändern suchte, verzichtete er auf seine Stelle und kehrte nach Tennessee zurück. Hier ernannten ihn seine Mitbürger im Jahr 1799 zum Oberrichter in der Provinz und zum Oberbefehlshaber der Miliz. So hatte I., kaum einige dreißig Jahre alt, vier der höchsten Stellen in seinem Vaterlande bekleidet, als er sich ins Privatleben zurückzuziehen beschloß. Er lebte jetzt auf seinem Meierhofe am Cumberlandflusse, mit dem Landbau und mit den Studien eines Staatsbürgers beschäftigt. Als die Vereinigten Staaten (18. Jun. 1812) den Krieg an Großbritannien erklärt hatten, übergab der Congreß dem Generalmajor I. den Heerbefehl über die Milizen. Er rief sofort seine Mitbürger zu den Waffen und 2566 Freiwillige stellten sich unter die Fahne der Republik. Mit diesen schiffte er den Missisippi hinab, um das Küstenland bei Neuorleans zu vertheidigen. Der befürchtete Angriff fand aber nicht statt, und I. erhielr den Befehl, seine Truppen zu entlassen. Nachdem er dagegen umsonst Vorstellungen gemacht hatte, kehrte er in seine Heinrath zurück. Allein kaum war er in Tennessee angekommen, als die Creekindianer, welchen die Spanier zu Pensacola (Florida) Waffen und Schießbedarf gegeben hatten, in das Land einfielen und alle Niederlassungen an der Grenze mit Feuer und «Schwert verheerten. Mit raschem Entschluß zog jetzt I. seine 2566 Mann bei Fayetteville zusammen, griff die Indianer an, schlug sie gänzlich, jagte sie nach Florida zurück und bemächtigte sich durch Uberfall der Stadt Pensacola, wo >e Indianer und ihre Aufwiegler, einige Engländer, in Sicherheit zu sein glaub- 566 Jackson ten. Einige Zeit nachher unternahmen die Englander wirklich einen Angriff auf Neuorleans, die Hauptstadt Louisianas. Hier glaubten sie, ohne auf großen Widerstand zu stoßen, einen Waffenplatz und Stützpunkt für ihr Heer zu erobern und von da aus die gesammte schwarze Bevölkerung zu den Waffen zu rufen und mit sich zu verbünden. Die Gefahr war dringend und nichts dagegen vorbereitet. Der Congreß übertrug zwar dem Generalmajor I. den Hecrbefehl über die Linientruppen und die Vertheidigung von Louisiana; allein er fand bei seiner Ankunft in Neuorleans weder Soldaten, noch Waffen und Schießbedarf; das Arsenal war leer und eine Seemacht zur Abwehr der Landung nicht vorhanden. Der größere Theil der Einwohner zeigte sich bei der Gefahr gleichgültig, ja sogar übelgesinnt, und der gesetzgebende Körper ohne Kraft und Willen. Unter diesen schwierigen Verhaltnissen entwickelte I. die ganze Energie seines Charakters und seiner Tha- tigkeit. Mit Strenge durchgreifend, überwand er alle Hindernisse, bildete ein Heer aus Milizen und Freiwilligen, rüstete es aus und traf an den bedrohten Punkten die nöthigsten VertheidigungSanstalten. Noch war nicht Alles vollendet, als die englische Flotte in der Nacht vom 22. zum 23. Oct. 1814 in der Nähe von Neuorleans 4 — 5000 Mann Truppen ans Land setzte. I. hatte nicht mehr als 2000 Mann unter den Waffen; gleichwol beschloß er den Feind sogleich anzugreifen, um von der Unordnung in der ersten Aufstellung desselben Nutzen zu ziehen und seinen eignen ungeübten Truppen Vertrauen einzuflößen. Das erste Gefecht hatte den günstigsten Erfolg. Zu schwach jedoch, um den überlegenen Feind aufhalten zu können, zog er sich in die schon vorher dazu ausgewählte Stellung zurück, wo er sich wahrend der Nacht verschanzte. Der Feind näherte sich dem Lager, wagte es aber nicht vor dem Eintreffen seiner zweiten Division die Amerikaner anzu- greifen; dadurch gewann I. Zeit, die Freiwilligen aus Kentucky an sich zu ziehen und seine Vertheidiaungsanstalten zu erweitern. Seine Macht zählte jetzt 3700 Mann. Am 8. Jan. 1815 griffen die Engländer, 10,000 Mann alte Truppen, die unter Wellington in Europa siegreich gekämpft hatten, die Verschanzune.en der Amerikaner an. Sieg oder Tod, war die Losung des Bürgergenerals. „Wir wollen", rief er seinen Kriegern zu, „unser Vaterland befreien, oder im letzten Graben der Verschanzung unser Gvab finden!" Der Kampf war blutig, aber für Amerika glorreich. Drei britische Generale, unter ihnen der Oberbefehlshaber General ^ackenham, 00 Offiziere und 2000 Mann blieben auf dem Schlachtfelde; der Uberrest zog sich zu den Schissen zurück und verließ den Boden der Freiheit am 18. Januar. *) In Zeiten der Gefahr kann der langsame Gang des Gesetzes den Staat nicht retten. Darum hatte I., was ihm nach dem Siege zum bittern Vorwurfe gemacht wurde, die gesetzliche Ordnung überschritten. Um den bösen Willen der Einen, um die Schlaffheit der Andern zu bezwingen, ließ er das Martialgesetz bekannt machen; er hob die Berathung der Legislatur auf, und verbannte einen Nichter, der sich seinen kraftigen Maßregeln widersetzte. Auch einige Freiwillige ließ er wegen Insubordination erschießen. So handelte I. als Diktator; aber er rettete den Staat. Bei seiner Rückkehr von Washington nach Nashville empfing der B.sieger der Briten fast von allen Städten, Districten und Legislaturen der Republik Dankschreiben ; nur jene von ihm verbannte Magistratsperson trat als Kläger gegen J.auf. Dem Gesetze gebührte Genugthuung. Ein Verhaftbeseh! wurde gegen den General erlassen, und als er demselben nicht Folge leistete, eine Buße von 1000 Dollars ihm auferlegt. I. bezahlte die Geldstrafe; doch mehr als tausend dn vornehmsten Bürger erstatteten ihm die Summe durch freiwillige Unterzeichnung. *) Unterdessen war bereits zu C'mt am ?4 Dec 004 der Friedensvertrag unterzeichnet worden, welchen der Congreß zu Washington «m l7. Febr. 1K15 ratisicwe. Jackson 567 Von 1816— 21 erhielt I. militairische und anders Aufträge in Bezug auf den Krieg mit den Indianern, die er glücklich vollzog. Damals ließ er zwei Engländer als Urheber des indianischen Kriegs hinrichten, was er nach dem Kriegs- rechte thun durfte, was ihm aber heftige Vorwürfe von feinen Gegnern zuzog. Im Jahr 1821 ward er beauftragt, die Abtretung Floridas von Spanien zu bewerkstelligen. Hierauf zog er sich vom öffentlichen Leben zurück, und lehnte nicht nur die Verwaltung des Kriegsdepartements, welche ihm Madison bei seiner Erhebung zum Präsidenten angetragen hatte, sondern auch den Gesandtschaftsposten in Mexico ab. Wie CincinnatuS und Washington war er jetzt Jahre lang mit dem Landbau beschäftigt, als ihn im Jahr 1825 die Achtung seiner Mitbürger durch dm gesetzgebenden Rath des Staats Tennessee zur Präsidentenstelle in Vorschlag brachte. Allein nun erhob sich das Mistrauen und die Eisersucht der Republikaner gegen die Wahl eines so rasch und entscheidend handelnden Feldherrn zu der Würde des ersten Beamten der vollziehenden Gewalt in einem Frei- Me. Sein Charakter, sagten öffentliche Blätter, und so manche Tharsache feinet öffentlichen Lebens bedrohe die Freiheit. Ihm gegenüber stand als Mitbewerber ein schlichter Bürger, der mir Europas Politik vertrautere, durch vielseitige Bildung und reine demokratische Gesinnung ausgezeichnete John Quincy AdamS. An die Namen beider Candidaten heftete sich jetzt der bisher haupttos gewesene Antagonismus der südlichen und der nördlichen Staaten. I. war der Mann des Südens, Adams der oes Nordens. Alle Gründe und Vorurtheile für den Einen wie für den Andern wurden mit Heftigkeit erörtert. Endlich kam eö zur Abstimmung. Von 262 Stimmen erhielt I. 99, 'Adams 84; da nun keiner die entscheidende Mehrheit von 132 Stimmen hatte, so siel die Wahl dem Senat? anHeim, und dieser ernannte John Quincy Adams zum Präsioenten. Wahrend Adams' Verwaltung wandle sich jene Opposition der südlichen Staaten der Union gegen die Cenrralregierung sechst. Dieselbe hatte nämlich in Folge des Gesetzes vom 19. Mai 1828 einen Zolltarif eingeführt, den kne Ackerbauprovinzen als ihre Interessen beeinträchtigend und auf ausschließenden Vorth.il der fabriktrei- bendcn nördlichen Staaten berechnet ansahen. Die Ami-Aoamisten setzten dahcr jedes Mittel, und vorzüglich die Presse in Bewegung, um die Wicdererwäh- lung des John Quincy AbamS, oder die Wahl des Mitbewerbers Clay (s. d.). J.'s entschiedendsten Gegner, zum Präsidenten zu verhindern. Es gelang ihnen, denn bei der Wahl erhielt der General I. von 262 Stimmen 178, Adams aber wiederum nur 84. Der Congceß erklärte hierauf (1k. Febr. 1829) I. gesetzlich zum Präsioenten, und I. E. Calhoun (aus Südcarolina) zum Vice- Mstdtnten. So stand nun (seit dem 4. März 13 29) einGeneral an der Spitze ^ des ersten Freistaats der transatlantischen Welt! Allein dieser General war in einem weit höhern Sinne auch Bürger und Staatsmann. Der neue, von Vielen gefürchtete, Präsident erklarte in seiner ersten Amtsrede mit ebenso viel Würde als Bescheidenheit: Ein gerechtes Mistrauen in seine Fähigkeit lehre ihn auf das Vorbild der großen Vorgänger in seinem Amte blicken; die Einsichten und der Beistand erfahrener Amtsgenossen sollten ihn leiten; er hoffe auf die Nachsicht und Unterstützung seiner Mitbürger. Nie werde er seine Amtsvollmacht überschreiten, noch le etwas fodern, was nicht Recht, aber auch nichts bewilligen, was Unrecht sei! Es lag in der Natur der Verhältnisse, daß die Männer der Adams'schen Verwaltung, welche zum Theil J.'s persönliche Gegner waren, ihre Stellen nicht behalten konnten. Er umgab sich daher mit andern als tüchtig erprobten Geschäftsmännern. An des bisherigen StaatssecretairS Clay Stelle trat van Buren, aus welchen C. Livingston (aus Louisiana) gefolgt ist. Die Grundsätze, zu welchen m seiner Verwaltung sich bekannt hat, waren die der Mäßigung und des Frie- ens in dm auswärtigen Verhältnissen, sowie der gänzlichen Enthaltung von jeder 568 Jackson Einmischung in die politischen Handel der europaischen Staaten unter sich, um die A usbreitung des amerikanischen Handels nach den Grundsätzen einer auf Gegenseitigkeit gestützten freisinnigen Handelspolitik zu befördern; dabei hielt er fest auf die Würde der Republik, und erlangte von mehren Staaten die den Bürgern derselben schuldige Genugthuung, oder die Entschädigung für gerechte Ansprüche In den innern Verhältnissen stellte er das demokratische Princip der freien Wahlen auf, und schlug vor, die Amtsdauer aller öffentlichen Stellen auf vier Jahre zu beschränken. Schon vor dem Antritte seiner Präsidentschaft hatte er den Beschluß der beiden Häuser (9. Febr. 1829) veranlaßt, daß der Präsident nicht mehr nach Willkür Offiziere der Land - und Seemacht solle entlassen dürfen; nur in Folge des Urtheils eines Kriegsgerichts könne die Entlassung stattfinden. So sehr nun auch der gesetzmäßige Gang der innern Verwaltung die Besorgnisse der öffentlichen, von J.'s Gegnern geleiteten Meinung, daß gewaltsame Veränderungen und durchgreifende Maßregeln die Freiheit unter einem, an blutige Vollziehung der Militairbefehle gewohnten Präsidenten gefährden würden, widerlegte, so fuhren dennoch Adams' und Clay's Anhänger fort, den Charakter, die Fähigkeit und die Absichten J.'s zu verdächtigen, oder sein System als nachtheilig und verwerflich darzustellen. Hierzu gaben mehre Lebensfragen der innern Politik vielseitige Veranlassung, insbesondere die über die Fortdauer einer Nationalbank, über den Tarif und über die Streitigkeiten mit den Indianern, deren Stamme, in Folge der sogenannten indianischen Bill vom Mai 1830, durch Vertrage nach und nach auf die rechte Seite des Missisippi zu ziehen bewogen wurden. Bei der Spannung mit Großbritannien und bei der immer erbitterter sich gegenseitig anfeindenden Stimmung der nördlichen und der südlichen Provinzen, fanden die Vorwürfe, welche man in Amerika Jackson's System machte, in den meisten englischen Blättern Beifall und Verbreitung, sodaß man im Jahr 1832 an der Wiedcrerwahlung des Präsidenten I. sehr zu zweifeln anfing. Allein in Amerika selbst prüfte das öffentliche Urtbeil nur die Thatsachen, ohne sich durch die leidenschaftliche Sprache der Oppositionsblätter irre leiten zu lassen. Konnte doch selbst der ausgezeichnete Oppositionsmann Webster gegen J.'s Verwaltung keinen gegründeten Tadel ausbringen. Die parteilose Mäßigung, mit welcher der Präsident die verschiedenen Interessen der westlichen und östlichen, der südlichen und nördlichen Staaten auszugleichen bemüht war, die Achtung, welche er der unabhängigen Stellung des Senats und des Hauses der Repräsentanten in dem, freilich sehr langsamen, Gange der Gesetzgebung bewies, und die Weisheit seiner Urtheile und Rathschläge, welche aus seinen Botschaften an den Congreß hervorleuchtete, gewannen ihm den Beifall aller Unbefangenen. Persönlich von der Richtigkeit des Grundsatzes der Handelsfreiheit überzeugt, war er für die Aufhebung des Tarifs; allein der Congreß beschloß am 14. Jul. 1832 nur eine Herabsetzung desselben. Diese Acte stellte aber die südlichen Staaten nicht zufrieden. Da nun die offene Widersetzlichkeit derselben, besonders Südcarolinas (im Nov. 1832), gegen den letzten Beschluß des Congresses, eine kraftvolle Hand in der obersten Leitung erfoderte, so ward I. am Ende des Nov. 1832 in den meisten Staaten der Union aufs Neue zum Präsidenten gewählt. Seine Botschaft an den Congreß am 4. Dec. 1832 enthielt einen Rechenschaftsbericht über den bisherigen Gang der Verwaltung und über die neuen Schwierigkeiten ihrer Aufgabe, das Band der Union zu befestigen, welcher jenes Vertrauen nur rechtfertigen konnte. Aus dieser Botschaft, deren Sprache ebenso wahr als einfach und edel ist, ersieht man unter Anderm, daß die Marine der Vereinigten Staaten in dem letzten Jahre um 80,000 Tonnen, daß der Gesammtoe- trag der Ein - und Ausfuhr um 40 Millionen Dollars zugenommen hat, daß die Einkünfte im Jahr l832 bis über 30 Millionen Dollars (darunter aber freilich Jacotot 569 über 28 Millionen von den Zöllen nach dem hohen Tarif vom Jahr 1828) gestiegen sind, die Ausgaben aber nicht mehr als 161 Millionen Dollars betragen Hafen, sodaß 18 Millionen für die Zinsen und die Abtragung der Schuld bestimmt werden konnten. Da man nun die Schuld im Jahr 1833 ganz zu tilgen hoffe, so werde die für die Schuldentilgung bestimmte Quelle der Einkünfte durch die Zolle des Tarifs entbehrlich. Dieser glanzenden Lage aber droht ein Bürgerkrieg. Der Präsident gestand, daß der Tarif vom 14. Jul. 1832 einen bedeutenden Widerstand erfahren, und daß ein Theil der Union sich demselben entzogen habe. Unter diesen Umstanden kann nur die Aufhebung oder eine beträchtliche Herabsetzung des Tarifs dem Sturme vorbeugen. Da nun der Präsident I. schon früher eine I solche Maßregel unterstützt und auch in seiner letzten Botschaft sich dafür erklärt bat'), so wird man um- so mehr die Rettung des Staats in der gegenwärtigen Lage ihm anvertrauen, und die Wiedererwählung desselben zum Präsidenten ist zu erwarten. Die Proklamation, die er nach der Erklärung des Staats Südcarolina erließ, vereinigt Kraft und Würde mit Versöhnlichkeit. (Vergl. Vereinigte Staaten.) General I. ist ein langer, hagerer Mann; daher sein früherer Beiname Hickory — von dem Namen eines einheimischen Walnußbaums. Er ist noch im- i wer so kräftig und thatig, wie sonst; bei großer Charakterfestigkeit und raschem Handeln aber angenehm, freundlich und Jedem zuganglich. **) s?) Jacotot (I.), zu Dijon geboren und in der polytechnischen Schule zu Paris gebildet, hat ein reiches, vielbewegtes Leben geführt, als dessen reifste Frucht die Idee des Universalunterrichts betrachtet werden kann, die er seit etwa 15 Jahren entwickelt und ebenso mannichfach als glücklich zur Anwendung gebracht hat. Nach Beendigung seiner Studien wurde er Advokat, dann Professor der Humanitätswissenschasten, später Capitain der Artillerie, Secretair im Kriegsministerium, und nachdem er Substitut des Direktors der polytechnischen Schule und Professor der Sprachen und der Mathematik geworden war, erhielt er einen Ruf nach Löwen, als Professor der französischen Sprache und Literatur. Hier führte er seine Idee des Universalunterrichts in das Leben ein, nachdem er 30 Jahre lang nach der alten, ihm verkehrt scheinenden Methode gelehrt hatte. Seit- ! her hat der Universalunterricht in Belgien und Frankreich viel Aufsehen erregt, manche Verehrer und Jünger, aber auch ebenso viele, wenn nicht mehr, Feinde gefunden. Auch das deutsche pädagogische Publicum hat seit einigen Jahren angefangen mit J.'s Unterricht sich bekannt zu machen, sich für und wider beniesten zu erklären. Es fehlt sogar nicht an Einigen, die nicht bloß mit Worten, sondern auch mit der That demselben Eingang zu verschassen suchen. Es steht ^ stdoch zu befürchten, daß die Deutschen, bei welchen sich der Eifer für neue Methoden durch frühere Vergeudung desselben an jedes, oft unbedeutende, oft zu nichts fahrende Experiment abgekühlt hat, der Ansicht und durch manche Erfahrung "probten Verfahrungsart J.'s weniger Aufmerksamkeit schenken werden als heilem wäre. Man lasse sich nur nicht durch die Form der Paradoxie, in welche er w Vortrag seiner Lehren kleidet, durch den Gegensatz, in welchen sie und ihre Anwendung mit allem Hergebrachten zu treten scheinen, abschrecken, und bedenke Vielmehr, daß die Wahrheit selten vernommen, daß sie oft von uns selbst für Blüe ^ ausdrücklich, der Tarif sei nur ein temporaircr Schutz für die erste rif w » Nationalindustrie; wie diese fest begründet fem würde, müsse der Ta- völlige Handelsfreiheit eintreten. Jndtß sei schon jetzt die Aufhe- sohr kämm ^ ^hsam, wenn dadurch wesentliche und allgemeine Interessen in Ge- »rkt! wehren über ihn erschienenen Flugschriften zeichnet sich die auch hier bc- >e I Warden in Paris 1829 herausgegebene „hsvtice bio^osnklgne ->ur i-">- aus. 570 Iacotot trivial gehalten wird, wenn sie in einem ganz einfachen Gewände erscheint, und ^ daß überhaupt das Herg-ebrachte ebenso oft unwahr ist als das Neudargebotenc Die erste und letzte theoretische Voraussetzung, von welcher I. ausgeht ist der äußerst paradox klingende Satz: Alle Menschen haben gleiche Intelligenz' M' gleichen Verstand, — ein Satz, der fast Alle, die ihn vernommen, vor den Aoxf gestoßen, gegen I. eingenommen und Manche verleitet hat, den Vertheidiger des: iift" selben für einen Charlatan zu erklaren oder für den gefährlichsten Radicalreformcr, Namentlich hat der Herzog von Levis, in einem Briefe an I. selbst, diesen Aus- yDt? spruch geradezu sitten - und staatsverderblich genannt; und gewiß stimmen M alle vornehmen Leute und Geister dem Herzog bei. Allein Furcht und Erstaunen, Ärger und Verwunderung über ein unerhörtes Wort sind nicht geeignet, es genau zu vernehmen, geschweige denn zu verstehen und zu untersuchen, ob denn iiM'' Der, welcher es ausgesprochen, auch selber den Sinn und die Folgerungen damit verbindet, die man ihm beilegt. Die mitgetheilten wenigen Notizen über J.'s idüM»« Leben lassen uns schon vermuthen, daß er, kein Stubengelehrter, sondern ein Mann des Ledens und der Erfahrung, seinen Satz nicht in einem Sinn auf, gestellt haben werde, der aller Erfahrung widerstreitet. Er kann nicht gemeint »li« haben, daß alle Menschen, wie sie umherlaufen, gleichen Verstand, gleiche In- MW telligenz haben, d. h. in und für jeden Fall das gleiche, treffende Urtheil, die Miß richtige Einsicht, das geistige Geschick, Alles gleich glücklich anzugreifen und auszuführen. Er hat indeß deutlich genug ausgesprochen, was man Genie nenne, imV exist^re gar nicht, oder wenn man durchaus von Genie reden wolle, so hätten alle Menschen Genie, oder könnten es doch haben. Genie sei weiter nichts als die M, durch unermüdliche, auf Alles gerichtete Thätigkeit und Mung bewährte Ver» Miü nunst und Intelligenz selbst. Dieselbe sei, der Anlage nach, gerade insofern sie Genie sei, bei allen Menschen die gleiche, ungleich sei sie nur in ihren durch Natur, m M Umstände und den Willen des Menschen bedingten, kräftigem und mattern Äußerungen und Betätigungen-, denn von einer Entwickel-ung, Bildung, H-M Vervollkommnung des Geistes könne schon darum nur uneigentlich die Rede ^ sein, weil der Geist überhaupt das Unveränderliche, sich selbst Gleiche sei; und WH dies gelte nicht nur vom Geiste überhaupt, sondern vom Menschengeiste besonders; «M der Geist, der den Menschen zum Menschen mache, müsse ein und derselbe sein und bleiben, weil bei der Ve'-schiedenheit oder Verwandlung dieses Geistes der Mensch aufhören würde, ein Mensch zu sein. Alle Verschiedenheit setzt I. in die Umstände, in die äußere Natur, in den starkem oder schwächern Willen, oder, wie er sich ausdrückt, in Trägheit und Fleiß, in zerstreute und aufmerksame Thätig- keit des Geistes. Was man auch hiergegen einzuwenden haben möchte, so ist doch klar, daß man es gar nicht unternehmen könnte, zu unterrichten, daß der Philosoph seine Vorlesungen, der Schulmeister seine Schule schließen müßte, wenn er nicht stillschweigend voraussetzte, daß seine Zuhörer und Schüler, jo- > ^ fern sie nur den nöthigen Fleiß und die ersoderliche Aufmerksamkeit hätten. begreisen und lernen könnten, was er vortragt und lehrt. Oh-ne diese Voraussetzung ^ wäre das Thun aller Pädagogen geradezu ein verrücktes. Weiter will auch I. nichts; od eine metaphysische Ansicht des Geistes damit übereinstimme oder nicht, darum kümmert er sich nicht. Die Menschen haben eine gleich organistrte, eine gleichartige Vernunft und ein Hauptmerkmal dieser Vernunft ist, daß itM ^ ^ Bethätigung keine Schranken gesetzt sind. Der zweite Grundsatz, die zwei» Annahme I.'s ist in dem ebenso oft vorgetragenen Ausspruch enthalten- Alles ist in Allem, — ein Satz, der uns weniger befremdet, weil er uns an die panthe- ^ istischen Lehren einiger philosophischen Systeme, ja an den zum Sprichwort gewor- denen Satz erinnert: Das Dasein Gottes könne aus und an einem Strohhalm- ' erwiesen werden. Zacotot 571 Aus der ersten Voraussetzung läßt sich der Geist und jede Eigenthümlichkeit ^ ^Methode ableiten; die zweite hängt mehr mit der Wahl des Stoffes zusam- incn, Was nun zuvörderst den Geist der Methode anlangt, so geht derselbe, wie Pestolozzi's Methode, darauf aus, den Geist in Thätigkeit zu setzen, die Kraft ^ dksselden sich in der Erwerbung von Kenntnissen zu bewahren, beständig anzu- Dllj /u einem nie ruhenden Bedürfniß und zur andern Natur des Menschen zu und so den Geist zur Herrschaft über Alles zu erheben, was an und um ^ »mMenschen äußere materielle Natur ist. Die, aus der sinnlichen Natur fließende '»U Mheit des Menschen ist es, die dadurch bekämpft werden soll, daß der Wille Wz ^ suter, wacher, besonnener Thätigkeit des Geistes angeregt wird. Als unerlaß-- l, !l! liche Bedingung, jene Herrschaft deS Geistes, oder wie es auch genannt wird, die geistige Mündigkeit (emancipirtion intelloctuelle) zu erreichen, wird Selbstüberwindung betrachtet, worin I. mit der höchsten Ansicht stoischer wie christlicher Moral zusammentrifft. Welcher Mittel man sich bedienen müsse, um für du« Leben dieses höchste Ziel, die Tugend, oder wenn der Ausdruck erlaubt ist, sie größtmögliche Tugendfertigkeit zu erreichen, davon hatJ. in seinem Werke über dm Universalunterricht noch nicht Gelegenheit nehmen können, zu sprechen, obgleich er tugendlichcs Denken und Thun, Weisheit, nicht Wissen, als Bestimmung si§ Menschen aufstellt. In Bezug auf den Unterricht, auf das Lernen, auf das Erwerben von Kenntnissen, auf das Erkennen, auf die Einsicht in daS Wesen der menschlichen und natürlichen Dinge, die uns durch die Erfahrung dargeboten werden, stellt er nun unausgesetzte Übung und Stärkung des Gedächtnisses an die Spitze. Dieser Grundsatz, das Gedächtniß bis zu einer Fertigkeit und Sicherheit zu üben, die an Unfehlbarkeit grenzt, mit welchem er der altern Methode sich in demselben Maße zu nahern scheint, in welchem er sich von der neuem, bei uns geltenden, eine bloße nackte Verftandesbildung bezweckenden entfernt, scheint aller Berücksichtigung werth. Es gibt gar keine gesunde Thätigkeit des Verstandes, als die sich auf irgend einen Stoff der sinnlichen oder geistigen Welt bezieht. Soll das Denken und Urtheilen dem Geiste gelingen, so muß er zuerst des Seoffes machtig sein; den Stoff als solchen nimmt der Geist aber nur durch das Gedächtniß in Besitz. So bald aber das Gedächtniß dem Geist einen Stoff zugeführt hat, laß: I. auch sogleich die eigenthümliche Bearbeitung dieses Stoffes durch den Geist beginnen, damit dieser wahrhaft Herr desselben werde, nicht etwa Knecht desselben bleibe. Hierin entfernt er sich von der alten, bloß gedächtniß- mäßigen Lernwcise und nähert sich wieder der neuern verstandesmäßigen. Fragt man nun nach dem Verfahren, das I. den Geist beobachten laßt, um den Stoff >n völlige Gewalt zu bekommen, so ist es dasselbe welches der Geist seiner Natur »»ch, nur so lange es ohne Bewußtsein geschieht unabsichtlich, nicht anhaltend, nicht »leng genug beobachtet. Alle Geistes - und Verstandeschätigkcit ist ebenfalls anämisch, auseinanderlegend und überlegend, oder synthetisch, verbindend, nachbildend. Mattend; und oft in so rascher Aufeinanderfolge, daß beide Tätigkeiten in eine Wmmenzufallen scheinen. Nachdem nämlich irgend ein Gegenstand des Wissens, ^a eine Geschichte auswendig gelernt ist, so wird sie näher betrachtet, in ihre 'Ndchnie zerlegt, ^ moralische oder anderweitige Wahrheit entwickelt, auf ° schon bekannte Falle angewendet, mit veränderten, aber ähnlichen Umständen ^hit. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Sprachunterrichte, der auch in J.'S - etbode bereits am weitesten entwickelt ist, so findet durchweg, vom Lesenlernen ' ? Ins zur Composition von Abhandlungen, Neben, Gedichten, eine vom statt. Aej dcm xestu jst ^eder vom Buchstabiren, noch nicht Lautircn die Rede; sondern man legt einen 5" langen Satz vor, liest ihn laut, indem man auf jedes gelesene Zugt und läßt den Satz durch Vor- und Nachsprechen auswendig lernen. 572 Jacotot Darauf müssen die Lernenden zuerst nach der Reihe, dann außer der Reihe, vor wärts, rückwärts jedes Wort zeigen, das man ausspricht. Geht dies fehlerlos und hat man sich versichert, daß der ganze Satz noch im Gedächtnis jst^ ^ zerlegt man jedes Wort in seine Sylben, indem man es nach den Sylben aus spricht, und läßt den ganzen Satz sylbcnartig, aber ohne Unterbrechung nachsuchen Hierauf werden die einzelnen Sylben genannt und die Schüler müssen,,? zeigen, in und außer der Reihe, vorwärts und rückwärts. Kommt dasselbe Won oder dieselbe Sylbe mehr als einmal vor, so muß dies auf die vorgelegte Fraq? von den Schülern selbst gesagt und gezeigt werden. Geht es ohne Fehler, s? erfolgt die Auflösung in Buchstaben und dabei wird das alte Verfahren wieder beobachtet, bis der Lernende den Satz fehlerlos hersagen, jedes Wort, jede Sylbe, jeden Buchstaben anzugeben weiß. Dann geht man zum zweiten Satz über. Er wird gelernt und der erste wiederholt; dann beginnt die Betrachtung damit ob ein schon bekanntes Wort, eine schon vorgekommene Sylbe, ein dagewesener Buchstabe sich in dem neuen Satz finde. Die noch nicht dagewesenen Wörter, Sylben, Buchstaben müssen von den Schülern selbst bezeichnet und dann alles Neue auf die beschriebene Art bemerkt werden. Fällt bei den ersten Sätzen kein Fehler mehr vor, so geht man zum dritten Satz über. Hiermit werden aber von Anbeginn an auch Schretbübungen verbunden: was gelesen und gelernt wird, muß auch kalligraphisch und orthographisch geschrieben werden. Wie die deutschen Pestalozzianer auf ein Schreibendlesenlernen gekommen sind, so I. auf ein Lesendschreibenlernen. Nicht I, nicht seine Schüler allein, sondern auch andere unparteiische Beobachter versichern, daß auf diesem Wege sehr schnelle Fortschritte gemacht werden, denn wer etwa eine Seite, höchstens zwei so durchgegangen, könne mit Ausnahme einzelner ganz ungewöhnlichen Wü.ter, und selbst diese bald fertig lesen. Die orthographischen Übungen erfodern längere Zeit, aber höchstens ein Jahr, oft nur ein halbes, während wir unsere Jugend kaum nach sechsjährigem Unterrichte zu fehlerfreier Orthographie bringen. Überhaupt macht sich I. anheischig (und es ist von glaubwürdigen Männern, die in J.'S Schulen gewesen, bestätigt worden), mittels dieser Methode seine Schüler im Durchschnitt binnen zwei Jahren mit ebenso vielen und gründlichen Kenntnissen auszustatten, als die herkömmliche Methode nicht in 7 Jahren vermöge. Es kommt auf den Versuch an, der wol in Waisenhäusern und Armenschulen anzustellen wäre, ohne daß man Gefahr liefe, der Jugend zu schaden; denn jedenfalls wird ihre Gedächtnißkraft geübt, und wenn sich nach einem halben, höchstens nach einem ganzen Jahre, die gewünschten Erfolge nicht zeigen, so kann man ja immer noch zeitig genug den herkömmlichen Unterricht wieder eintreten lassen. Aber freilich gehören Lehrer dazu, welche mit großer Lebhaftigkeit und Gewandtheit des Geistes ebenso viel Geduld, Ausdauer und Fassung verbinden. Die orthographischen Übungen leiten zum eigentlichen Sprachunterrichte über, der, wie der Leseunterricht, die Umkehrung des gewöhnlichen ist. Weder mit der Lehre von den Redetheilen, noch mit Deklinationen und Eonjugationen, noch mit der Satzlehre oder Syntax beginnt man, sondern mit der allseitigen Betrachtung irgend emes Lesestückes, einer Geschichte, einer Fabel. I- ügt allem Sprachunterricht den„Telemach"zum Grunde, behauptet aber, jedes andere Buch, welches dieselben Vortheile eines musterhaften Styls und moralisch religiöser Lebensansicht gewahre, leiste gleiche Dienste. Er laßt nach und nacb die sechs ersten Bücher des „Telemach" auswendig lernen und durch beständige tägliches (versteht sich theilweises) Wiederholen dem Gedächtnis einprägen, aber schon nach Einprägung der ersten Capitel fängt die ftylistische Betrachtung an. Diese beginnt damit, daß der Lehrer den Schüler anfangs durch Fragen^ dann durch allgemeiner gestellte Aufgaben nöthigt, Rechenschaft über den Jnha 5-l 5 Ilch Vilich Ml' Ä kjU kni > I, Jacctot 5)3 « ... ^ eingeprägten Stückes und zwar jetzt mit andern Worten und in anderer Wortfolge zu geben, als es dort geschieht. Dann wird die Bedeutung synonymischer und homonymischer Ausdrücke entwickelt, nicht vom Lehrer, sondern durch den Schüler, der wieder nur durch Fragen und Aufgaben dazu angeregt ; wird- Diese Übung beginnt jedoch erst, wennschon eine gewisse Menge Stoff > ^n Gedachtniß eingeprägt und eine Auswahl mehrer Synonymen oder Homo- d nymen möglich ist. Jede vom Schüler gegebene Erklärung muß mit einem l Beispiel aus den auswendig gelernten Lesestücken belegt werden. Bei fehlerhaften Erklärungen hat der Lehrer nur das Fehlerhafte zu zeigen und eine richtigere sc ;u veranlassen, nie selbst zu geben. Diese Übungen werden so lange fortgesetzt, ^ bis sie zur Fertigkeit geworden. Dann folgen Nachahmungen kleiner Erzählun- cr gen, und Aufsatze, in welchen ein Grundgedanke, eine Wahrheit ausgesprochen i, ist. Bon fast wörtlichen Wiederholungen wird zu freien mit andern Wendungen, -? von diesen zu freien Nachbildungen, zum Vortrag derselben Gedanken, derselben lz Wahrheit in anderm Gewände fortgeschritten. Alle diese Übungen werden theils mündlich, theils schriftlich angestellt. Wie anfangs synonyme Wörter, so werden nun synonyme Redensarten, synonyme Bilder, Urtheile, Gedanken betrachtet, -! Matt, nachgebildet, frei gestaltet, und wie der Grundgedanke eines Lesestückes, -wer Erzählung, Fabel, Abhandlung zu geben war, so müssen nun auch Ge- i danken und Aufgaben nach gegebenen Mustern frei entwickelt werden. Nach und nach werden alle Stylarcen, Erzählungen, Beschreibungen, Schilderungen, Abhandlungen, Reden, Gespräche eingeübt. Aber wie ist das möglich ohne Grammatik? Mit der Grammatik allein noch weniger. Man vergesse nicht, daß J.'s Schüler schon früh durch das beständige und unvergeßliche Einprägen und durch das allseitige Besprechen, Erörtern, Durcharbeiten einen Neichthum anWvrtern, Redewendungen und Darstellungsformen erlangen, wovon man sich, ohne es erfahren zu haben, keine Vorstellung machen kann. Warum können die Italiener so gut improvisiren? Weil sie ihre besten Dichter beinahe auswendig wissen. Und wozu auch bei uns durch Neigung und glückliches Gedachtniß Einzelne gelangen, dahin werden J.'s Schüler mit Absicht geführt. Sie müssen über Alles mit und ohne Reime, oder, wenn man lieber will, gereimt und ungereimt improvisiren und es sollen einige, die kaum zwei Jahre J.'s Unterricht genossen, es mit großer Leichtigkeit und Geschicklichkeit geübt haben. Der grammatische Unterricht tritt später, aber nicht etwa erst nach völliger Beendigung des stilistischen ein, sondern läuft, sobald als möglich, parallel mit demselben. Es wird dazu eine höchst kurz und bestimmt abgefaßte Grammatik gewählt, die gar keine Beispiele zu haben braucht. Man laßt dem Schüler einen Paragraphen nach dem andern merken und die Beispiele dazu in seinem Gedächtniß oder im ^lcbuche suchen. ES kann ja in der Sprachlehre keine Regel stehen, die der Schüler nicht schon selbst oft angewendet, oder doch angewendet gefunden hatte, -üan sieht, es ist bei diesem Unterrichte durchweg darauf abgesehen, die lebendige ^'ivitthätige Aufmerrsanlkeic des Schülers in ununterbrochener Regsamkeit zu er- ^üen. Ganz dieselbe Methode wird bei dem Erlernen fremder, alter, wie neuer Drachen beobachtet, und hier zeigt J.'s Methode einige Verwandtschaft mit der Alerlinearversionsmethode des EngländersHamilton. Nur scheint das Auswendig- welches I. auch bei diesem Unterricht vorangehen läßt, größere Vortheile zu ^'währen. Auch hat der Schüler keine gedruckte Jnterlincarversion vor sich, sondern ^ ^ird ihm die Übersetzung eines auswendig gelernten Stücks gegeben und er nach Anleitung der Wortstellung und des Lehrers die entsprechenden Wörter ^ finden Sprache selbst zu suchen, später freilich aus dem deutschen Satz auch fremden wiederherzustellen. Ist aus diese Weise ein Capitel, ein Abschnitt zu ^ -i^m, vorerst noch mechanischem Verständniß erhoben, so beginnt die gram- 574 Zcmin matische Analyse und Synthese und wird mit dem weiter zu Lernenden alsdann immer verbunden. Zuerst wird die Aufmerksamkeit auf die Formen, dann auf die Syntax gerichtet. Auch hier sind überraschend schnelle und gründliche Fortschritt« Folge der gewissenhaft angewendeten Methode gewesen, nach welcher Lesen, Auswendiglernen, Übersetzen, Auslegen des Gelesenen und Gelernten Aufschreiben, Nachbilden, mündliche und schriftliche Übungen in einem ebenso ununterbrochenen Kreislauf als in der Muttersprache vorgenommen werde» Auch auf Mathematik, Geographie, Geschichte, Naturkunde wird J.'s M. thode mit Erfolg angewendet. Wie, laßt sich noch nicht genau bestimmen, da hierüber I. selbst erst einige beiläufige Bemerkungen mitgetheilt hat. Die allgemeine Regel: Lernt ein Buch vollkommen kennen und verstehen, bezieht alles Andere darauf, so kann es nicht fehlen — wird auch für diese Gegenstande, unter Modifikationen, die deren Natur gebietet, geltend gemacht. So äußert sich I. z. K über den geographischen Unterricht, daß für diesen das eigentliche Buch die Karte sei, die nicht fest und tief genug eingeprägt werden könnte, eine Ansicht, der man in Deutschland schon seit einiger Zeit, ohne von I. zu wissen, gefolgt ist und die unter andern auch K. v.Raumer's,.Beschreibung der Erdoberfläche" (zweite Aufl., Leipzig 1832) zu Grunde liegt. Ebenso ist J.'S Methode für Musik und Zeichnenkunst von ihm und seinen Nachfolgern überraschend glücklich benutzt worden. Bei dem Zeichnen geht I vom Zeichnen bestimmter Gegenstande aus, wobei er natürlich die einfachem voranstellt und nicht eher fortschreitet, b:'S sie so vollendet als möglich nachgebildet sind. Hierbei drangt sich gewöhnlich der Vorwurf wieder hervor, welcher der ganzen Methode gemacht wird, nämlich, daß besonders das zartere Alter durch das ewige Auswendiglernen, Wiederholen, Nocheinmalmachen zu sehr angestrengt, ermüdet, gelangwcilt würde. Eben dieser Vorwurf aber ist es, der unserer Meinung nach, wenn er überhaupt gegründet wäre, der Methode zur größten Empfehlung gereicht und die Hauvtlehn einschließt, deren ernste Berücksichtigung der pädagogischen Welt nicht genug zu empfehlen ist. Die Jugend kann und soll durch Erziehung und Unterricht dahin geführt werden, sich selbst zu überwin» den, den Stoff zu beherrschen, und zwar nur durch Aroeic, Mühe und Anstrengung; sie soll aber in bestandiger, reger, allseitig in Anspruch genommener Geistes- rhätigkeit erhalten werden, die der Gesundheit eher förderlich als nachtheilig ist, wenn sie naturgemäß geordnet und von vernünftiger Pflege für leibliches Gedeihen begleitet wird. Langweile wird nicht zu befürchten sein, wo einmal das Interesse erweckt ist, etwas Vollendetes darzustellen. So wenig ein unverdorbenes Kind ermüdet, ein Kartenhaus, wenn es hundert Mal vor der ganzlichen Vollendung eingestürzt war, noch einmal aufzubauen, so wenig wird ein wohl geleitetes Kind ermüden, eine Übung oder Arbeit so oft zu wiederholen, bis sie gelungen ist. Gerade diese Kraft der Seele, welche jedes gesunde Kind zeigt, sobald es nur über- kaupt seiner mächtig ist, die Kraft nicht abzulassen, bis ein Vorsatz, welcher es auch sei, durchgefübrt ist, die alles Große geschaffen hat, was je von Menschen geschaffen ward, dieselbe Kraft des geistigen Wittens ist eS, die J.'s Methode und alle wahre Pädagogik auf die höchste Stufe m erheben sich vorsetzt, Os sind schon viele Schriften über J.'s Methode in Frankreich und Deutschland erschienen. Das Beste bleibt immer , Jarotot's Lehrmethode (melsiolle '", dessen ^ec- Janssms 575 redacteur er damals war, und nach der Juliusrevolution für oaS „lonroal lies cie- l,ztz". Er ist in der Politik sehr unstät, doch bemühen sich alle französischen Journale, ihn für sich zu gewinnen, denn Niemand nimmt es an Leichtigkeit der Schreibart und Scharfe des Witzes mit ihm auf. Seit 1829 verfaßte er auch größere Schriften, zuerst „I/ane mort et la temme Zuillotinee", welches eine originelle Parodie eines Werkes von Victor Hugo ist; dann „K>a confessivn" (2 Bde., Paris 1830), etwas verworren, aber nicht ohne Geist. „Larnave" (4 Bde., Paris 1831) hat schon mehre Ausgaben erlebt und istJ.'s bestes Werk. Es ist eine Sammlung seiner Schriften angekündigt, die auch seine schönen Beitrage zu der Kerue cle?sris", den noch ungedruckten Roman ,Malvinn" und vie cl'ar- li»te" enthalten werden. In seinen „Lontes iantastihnes et contes littersires" s4 Bde., Paris 1832) ist die durch Hossmann empfangene Anregung ficht» bar, doch der eigne Geist bewegt sich frisch, selbst wo einzeln, Charakterbilder an Gestalten des deutschen Erzählers erinnern. Seine Schrift: „?aris cl^uis I» Solution sie 1830" (Paris 1832), malt mit karlistischen Farben geistreich lebendig. Seitdem sind noch „Pontes lwuvean»" (4 Bde., Paris 1833) erschienen. ZmUmgange ist J. wo möglich noch liebenswürdiger als in seinen Schriften. (15) Janssens (Jan Willem), niederländischer Generallieutenant, ward am 12. Ott. 1702 zu Nimwegen geboren, wo sein Vater als Offizier in Garnison stand, trat früh in Kriegsdienste und war vor vollendetem fünfzehnten Jahre schon Offizier. Als Hauptmann macht« er 1793 unter dem Heere der niederländischen Republik den Feldzug mit und ward im Sept. vor Menin gefährlich verwundet, wo das Corps, bei welchem er stand, von der überlegenen Macht der Franzosen unter Houchard fast ganz aufgerieben wurde. Nach der Revolution, welche 1795 die batavische Republik gründete, diente er fortwährend seinem Vaterlands, doch ließ er sich wegen seiner schwankenden Gesundheit im Kciegs- verwaltungsfache anstellen, welchem seine Geschicklichkeit und anerkannte Uneigen- nützigkeit ihn empfahlen. Im Marz 1795 ward er als Obercommissar bei den französischen Truppen im Solde der Republik angestellt, nnd hatte in diesem Dienstverhältnisse Gelegenheit, seine strenge Redlichkeit zum Vortheil seines Vaterlandes zu bethätigen. Nach dem Frieden von Amiens ging er als Gouverneur mir dem Rang eines Generals, auf das Vorgebirge der guten Hoffnung, wo er eben sosehr das Wohl des Mutterlandes als der Ansiedler im Auge hatte und für di» Sicherheit der Colonie durch den Abschluß eines vorrheilhaften Friedens mit den Kafsirn sorgte. Als bald nachher der Krieg mit England wieder ausbrach, gab die damische Regierung dem General I. Befehl, den größten Theil der Kriegsvölker nach Batavia einzuschiffen. Er behielt nur ungefähr 1W0 Bewaffnete, die größ- ttntheils aus europäischen Ansiedlern, Sklaven und Hottentotten dastanden. Der englische General Baird erschien mit einer Flotte und 10,000 M. Landungstruppen, und nach einer tapfern Gegenwehr erhielt I. ehrenvolle Bedingungen, nach welchen er mit seiner Mannschaft nach Holland geschickt wurde. Bei seiner Rückkehr wurde er vom König Ludwig 1306 zum Staasrath und 1807 zum KriegSministec ttncmm. Nach der Abdankung des Königs gab die provisorische Regierung ihm un Auftrag, die Nachricht von diesem Ereignisse dem Kaiser Napoleon zu Überzügen, der darauf 1810 den Genera! I. zum Gouverneur der französischen Bedungen in Indien und östlich von Jsle de France emannte. Nach seiner Ankunft ^ava war er eifrig bedacht, für VertheidigungSmittel dieser reichen Besitzungen iu sorgen, was er aber um so schwieriger fand, da alle Kriegszucht unter den Trup- >n aufgehst ^nd Seuchen unter ihnen würheten. Er war nicht im Stand?, Engländern zu widerstehen, die im Sept. 1811 Batavia angriffen. Die Ge- ^ ruhmvoll. Der Major Müller, dem I. die Vettheidigung eines wicht!» es anvertraut hatte, spungt. es in die Luft und wurde mit seinen Kämpft glit ^ >1 » >V a' -8 576 Jarcke genossen und vielen Englandern unter den Trümmern begraben. Aller Widersteh aber war vergeblich; die Eingeborenen flohen auf allen Seiten, und I., nur von wenigen Tapfern umgeben, mußte Bedingungen eingehen. Er ward als Kriegsgefangener nach England gebracht und erst nach mehren Monaten auf Ehrenwert entlassen. Nach seiner Ankunft in Paris verlangte er, daß sein Betragen durch ein Kriegsgericht untersucht werde; Napoleon aber, der bereits die Sache geprüft und den General gerechtfertigt gefunden hatte, gestattete es nicht, sondern machte ihn zun, Reichsbaron und übergab ihm bald nachher den Oberbefehl in der 31.Militairdivision deren Hauptort Groningen war. I., der noch immer durch die Bedingungen der (5a- pitulation gebunden war und bei den fortdauernden Feindseligkeiten mit England in eine unangenehme Lage kommen konnte, ward auf seine Bitte an die Spitze der zweiten Militairdivision nach Mezieres verfetzt, wo er endlich im Febr. 18lZ nach Kriegsgebrauch ausgelöst wurde. Im März 1814 befahl ihm Napoleon, mit allen Kriegsvölkern, die er sammeln könnte, zum Hauptheere zu stoßen, und I. kam mit 6000 M. bei Rheims zu dem Kaiser, dereine feindliche Heerabtheilung besiegt hatte. Napoleon bot ihm bald nachher den Oberbefehl über die Li. Militairdivision mit sehr ausgedehnten Vollmachten an. I. aber erklärte ihm, daß er nie gegen sein Vaterland kämpfen werde, und lehnte den Antrag ab, da die Ereignisse holländische Kriegsvölker in den Bezirk jener Militairdivision führen könnte. Es ward ihm erlaubt, in Paris den Ausgang des Kriegs abzuwarten. Nach dem Einzüge der Verbündeten verließ I. den französischen Kriegsdienst und ging nach Holland, dem König seine Dienste anzubieten. Er wurde Generallieutenant und erhielt den Auftrag, die Infanterie und Cavalerie neu einzurichten. Nach der Vereinigung Belgiens mit Holland ward er Kriegsminister, im Mai 1815 aber erhielt er auf seine wiederholte Bitte seine Entlassung. Der König belohnte ihn, außer andern Auszeichnungen, mit der niederländischen Adelswürde und er ward unter die Ritterschaft der Provinz Holland aufgenommen. (74) Jarcke (Karl Ernst), bis Michaelis 1832 außerordentlicher Professor der Rechtswissenschaft an der Friedrich - Wilhelms - Universität zu Berlin. Die wenigen biographischen Notizen, die wir hier anzuführen im Stande sind, erscheinen gleichwol genügend, um für die schriftstellerische Thätigkeit dieses Mannes, den das Publicum als den anonymen Verfasser der historisch-staatsrechtlichen Schrift „Die französische Revolution von 1830" und als den Begründer des „Berlinerpolitischen Wochenblatts" kennt, die leitenden Motive anzudeuten. Um 1799 zu Danzig von protestantischen Altern geboren, mochteI. seine erste Ausbildung in der protestantischen Heimath erhalten haben und studirte sodann die Rechte in Bonn, wo sich die Widersprüche jugendlicher Verirrungen in ihm erzeugten und seinen übertritt zur katholischen Confession nach sich zogen. Von dem Schwindelgeist jenes Demagogismus, der die jungen Gemüther in den Jahren 1816 —19 fast allgemein mehr oder weniger erhitzte und ausblähte, eine Zeitlang lebhaft mitergriffen, mußte sich auch in I., nach dem nüchternen Erwachen aus hohlen Träumereien, jener Widerwille gegen haltungslose Verflüchtigung und jene Sehnsucht nach einem festen Hintergrunde entwickeln, die ihn unter dein Einfluß eines bedeutenden Mannes, der einer geheimen Propaganda in Bonn vorzustehen scheint, zum Converti- ten reif machte. Statt das quälende Gefühl schlaffer Haltungslosigkeit, das sich nach dem Verfliegen des demagogischen Rausches seiner bemächtigt hatte, aus losophischem Wege und überhaupt geistig und im Reiche des Geistes zu übcrwin- den, wähnte er vielmehr im Bezirke äußerlicher Wirklichkeit Schutz und Trutz gegen die frühere Verflüchtigung und nur in der unerschütterlichen Festigkeit des katholischen Dogma den nöthigen Haltpunkt zu finden. Sein Übertritt, der mit dem Religionswechsel seines Freundes Philipps zusammenfiel, entstand keineswegs aus Überschwenglichkeit einer inner» Gefühlswelt, die sich im protestantischen R>- Jarcke 577 tus unbefriedigt fand, auch gewinnsüchtige, äußerliche Absichten dürfen nicht als Motiv angenommen werden; sein Ubertritt war durchaus — was er selten sein mag — Erzeugniß des Verstandes, der sich im Bewußtsein der Unzulänglichkeit seiner endlichen und beschrankten Kräfte für verloren hält und nicht im Stande ist, > sich zur Vernunft zu erheben, die einzig und allein auf wahrhaft dialektischem Wege das Endliche mit dem Unendlichen verknüpft und versöhnt. Und so hat sich denn I,, wie dies seine Schriften bezeugen, den lebendigen Forschungssinn des Verstan- ! des gar wohl erhalten und sein spähender Scharfsinn reicht überhaupt soweit als der i M Endliches an Endliches anreite nde Verstand zu führen vermag; wo dieser seinen ^ Gegenstand nicht mehr beherrscht, da wird uns ein Sprung zugemuthet, der den Man- I gel einer tiefern Durchführung und den beschränkten Standpunkt einer oberflächlich j abgeschöpften Staatslehre fühlbar macht. Daß in Jarcke's „Handbuch des gemeinen deutschen Strafrechts" (Berlin 1827—30), von welchem bereits drei Bande erschienen sind, im Einzelnen eine glückliche, scharfsinnige Dialektik herrscht, räumt jeder Jurist, zumal der praktische, gern ein vergebens aber würde man nach der Idee der Gerechtigkeit und nach der organischen Gliederung eines fettigen Staats unter seinen Ansichten suchen, und an eine Vermittelung des endlich gegebenen Gesetzes mit dem absoluten Recht ist nicht zu denken. Ebenso wenig hatJ. die Ioee des i Staats irgendwie fest und sicher aufgestellt und der beliebt«, aber ganz ungenügende Ausspruch: „Das Königthum ist unmittelbar von Gott gegeben und der Fürst ist > der Beamte Gottes", ist doch so unwissenschaftlich und so lax als möglich, und führt zu nichts, da Alles und Jedes ein von der Gottheit positiv Gesetztes ist. Bald nach seinem Übertritt zur katholischen Kirche habilitirte sich I. zu Bonn als Docent der Rechtswissenschaft, trat jedoch nach einiger Zeit von der akademischen Laufbahn zurück und begab sieh mit dem Professortitel, den man ihm bei seinem i Ausscheiden bewilligte, nach Köln, um dort als Advokat zu prakticiren. Die Liebe zur frühem Thätigkcit mochte aber von Neuem in ihm erwachen, denn er hielt nicht lange darauf um die Erlaubniß an, als akademischer Lehrer wieder auszutreten. Unter der Bedingung einer Ortsveränderung und ohne ihm die Aussicht aus Gehalt zu eröffnen, wurde ihm endlich von Seiten des preußischen Ministeriums gestattet, an der Universität zu Berlin zu dociren, wo er namentlich in seinen Vorlesungen über das Criminalrecht ein nicht unbeträchtliches Zuhörerpersonal um sich versammelte, das sich durch seinen klaren, bündigen Vortrag und durch die Dialektik seiner verstandigen Forschung angezogen fühlte. Insofern er auf die starre Ruhe absoluter Staatsformen hinwies, konnte man ihm in Preußen allerdings einen Wirkungskreis dieser Art eröffnen; nur wer ihm tiefer bis auf die Basis seiner Rchren folgte, mußte gar wohl bemerken, daß Das, was psychologischer Scharfsinn und historische Treue schien, oft nur ein schielender Advokarenwitz war, sich le- d'glich auf die unerschütterliche Unzuganglichkeit katholischer Dogmen stützte und nlle Beweglichkeit seines prüfenden Gedankens vor diesem steifen Hintergrunde nur daher spielte. Besonders aber war es, außer der oben angeführten Schrift über d'e Juliusrevolution in Frankreich, das im Ott. 1831 begonnene „Berliner politische Wochenblatt", wo I. von bedeutenden Aristokraten, die in ihm den ver- I Endigen Dialektiker begünstigten, mit ansehnlichen Mitteln unterstützt, und auf ^ruheliebende, der Neuerungssucht müde gewordene Publicum rechnend, seinen ^mpf alle Bewegung, im Reiche der Geschichte wie im Bezirke des Ge- ^nkens, vollauf entwickelte. Vielen schien diese Eröffnung des Streits gegen den ^"^ismusder gegen die doctrinaire Sucht, nach flüchtig erhaschten Ab- vtctionen Verfassungsformen zusammenzusetzen und politische Luftschlösser zu nicht nur großartig, sondern auch kühn; allein die Sehnsucht nach dem ^ .arren aus den festen Formen historischer Entwickelung war schon damals lc- 'fg genug geworden und die Geschichte des Liberalismus schien sich für den Au- neuesten und Literattw. II. 37 578 Jarcke gcnblick einem klaglichen Abschluß zu nähern. Frankreich schlug sich damals gerade durch die Schmälerung einer der drei Staatsgewalten, derPairie, eine tiefe Wunde' während ein großartiger Minister die Revolution in ihr Ufer zurückzudrängen suchte; in Belgien war ein ohnmächtiges Gemisch von Widersinnigkeiten; in England kämpften die Aristokraten für das alte Herkommen; für Portugal entwarf Don Pedro den Plan, seinem Volke einen Liberalismus aufzunöthigen, den man dort weder kennt noch wünscht; Griechenlands Lage zeigte, wie ein Volk ohne vereinenden Mittelpunkt eines Herrfcherhauptes untergehen könnte; Polen war da innern Zwietracht nicht minder als dem Schwerte des äußern Siegers anheimgefallen : da erst eröffnete I. seinen Feldzug gegen den Liberalismus, der das gesunde germanische Leben zu zerstören drohte. Aber die Stimmung des Publikums war gegen Ende des Jahres 1831 noch vag und schwankend, und J.'s Verdienst bleibt immer noch groß genug, mit historischer Bestimmtheit und assertorischer Festigkeit nicht minder als mit sarkastischer Bitterkeit den Despotismus und die Lüge, die unter der Larve des Liberalismus oft genug einherfchleichen, in ihrer ganzen Blöße aufzudecken, über die theoretisch-doctrinellen politischen Spekulationen die Geißel zu schwingen und die flache Hohlheit des mattköpsigen und doch trunkenen Gefasels von ganz abstrakter Freiheit zusammenzustürzen, das die Sehnsucht der Völker belügt und das Ziel ihrer Wünsche durch eine vorschnelle Geburt in die noch unreife Gegenwart hereinzerren möchte. *) Räumen wir I. vollauf ein, daß er die Schattenseite des Liberalismus so dunkel und schwarz, wie sie ist, gezeichnet hat, so gereicht es ihm jedoch zum größten Vorwurf, daß er für die Lichtseite desselben blind ist, mithin seine Zeit und ihre großen Erscheinungen miskennt. Es gibt aber einen Liberalismus, mit welchem der Geist unsers Jahrhunderts ganz identisch ist, und dem selbst die drei osteuropäischen Mächte, nicht aus Convenienz gegen den Bund von Frankreich und England, sondern vom Weltgeist unbewußt getrieben, huldigen müssen, und wäre es selbst mit Inkonsequenz gegen locale, besondere Interessen. Daß man den Franzosen nicht nach orthodox bornirter Weise des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen Bourbons aufzudringen suchte und Frankreichs Wunden, die es sich damit selbst geschlagen, still verbluten läßt, daß man sogar den Belgiern selbständig zu werden erlaubte, die Insurrektion in Braunschwcig sanctionirte, Griechenlands Grenzen sicherte, ihm einen König gab und für seine organische Ruhe sorgte, und überall, wo es sich nur selbst siegreich und energisch wie mit einem einzigen Wurfe vollendete, dem Walten des modernen Geistes, selbst wenn man ihn nicht begreifen konnte, seinen Spielraum ließ, dies sind Erscheinungen, die unserer Zeit den Stempel höchster Eigenthümlichkeit aufdrücken. I. kennt sie nicht, er schweigt darüber verdrossen und sein beschrankter Standpunkt zeigt sich hier abermals ungenügend und der hohen Empfänglichkeit für die Größe seiner Zeit baar und ledig. Die Gegenwart ist, wie jeder Zeitmoment, ein Werdendes und kein stabiler Sumpf. Das verkennt I., indem er nur deshalb an die Erscheinungen der Vergangenheit und an die Erfahrung, die daraus gewonnen ist, appellirt, um die Gegenwart in eine chinesische Starrheit zu bannen. Jede Reform, auch wenn sie auf die gesetzmäßigste Weise ins Leben tritt, ist ihm verhaßt und heißt ihm Revolution. Was z. B. in der badischen Kammer über die Aufhebung des Zehnten durch Rotteck in Anregung gebracht wurde, nannte man lin „Berliner politischen Wochenblatt" schreiende Willkür, jedoch nur so lange, bis es die dortige Regierung bestätigte; sobald der Regent sanctionirt,so schweigtJ. Zwar hat er auch gegen liberale Fürsten eine fast stehende Redensart, indem er sag - „Wenn die Großen, selbst Könige mit der Revolution buhlen"; aber er wendet pfiffig genug diesen grandiosen Ausspruch auf keinen bestimmten Fall an. i^dcc 5) S. „Berliner politisches Wochenblatt", Nr. 5, vom L6. Nov. l331. Jaup 579 Preuße jedoch, der da weiß, daß auf den Willen seines Monarchen dem Adel die Steuerfreiheit genommen, den Städten die Freiheit, eigne Obrigkeiten selbst zu wählen, eingeräumt und die bauerlichen Verhaltnisse regulirt wurden, muß oder müßte sich empört fühlen, daß im Schooße seiner Hauptstadt dergleichen Ranke geschmiedet werden konnten. I.'s Stellung zu Preußen war durchaus ein Misver- hältniß, ans welchem ihn eine Berufung nach Wien im Herbste 1832 befreit hat. Es mußte einem Manne, der nach seiner Gesinnung Ostreich angehört, leicht scin, einen Staat zu verlassen, wo seine Thätigkeit immer etwas Schielendes an sich tragen mußte. Seitdem arbeitet I. im Staatsarchiv des Fürsten Metternich. . (76) Jaup (Heinrich Karl), Sohn des verstorbenen Geheimraths und Vice- kanzlcrs H. B. Jaup in Gießen, wo er den 28. Sept. 1781 geboren ward, widmete sich von 1798 — 1801 auf der dortigen Universität den Rechtswissenschaften, besuchte dann eine Zeitlang Regensburg und Göttingen, promovirte 1803 in Gießen und begann daselbst seine akademischen Vorlesungen. Er wurde 1804 außerordentlicher, 1806 ordentlicher Professor der Rechte, und blieb, ungeachtet mehrfacher, sehr glänzender Antrage aus dem Auslande, bis er 1815 zum geheimen Referendar beim Staatsministerium in Darmstadt ernannt ward. Seit 1821 als geheimer Staatsrath dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zugewiesen und Mitglied des neuconstituirten Staatsraths, erhielt er 1821 Dispensation von den Ministerialarbeiten, um an die Spitze der Gesitzgebungs- commission zu treten, welche Stelle er jedoch 1828 mit dem Präsidium des in Darmstadt befindlichen Cassations- und Revisionsgcrichtshofs für die Provinz Rheinhessen vertauschte. Dieses letzte ist keineswegs Sinecure, doch füllen seine Arbeiten auch nicht entfernt die Zeit eines Mannes, der zu den thätigsten seines Wohnorts lgehörte. Ihn wieder im Staatsministerium thätig zu sehen, ist übrigens, bei der Fortdauer des jetzigen Systems, ganz unwahrscheinlich. Von Oben nennt man I. einen Demokraten und Ultraliberalen, weil er gemäßigten freisinnigen Ideen, jedoch mit Umsicht und steter Wahrung der äußern Verhältnisse, anhangt und dies durch Rath, That und lebendigen Eifer beweist. Und so ist das persönliche Zerwürfniß mit von Grolman, der den alten Collegen auf dem akademischen Katheder in Gießen nicht leiden mochte, nachhaltig geworden. Früher war I. leidenschaftlicher Anhänger Napoleons, weil er glaubte, Napoleon, der überall, wo er auf neue Staatsformen wirkte, nur Reprasentativverfassungen gründete, werde die wohlthätigen Folgen der französischen Revolution für ganz Europa sichern und aufrecht erhalten, was seines Erachtens nur darum nicht geschah, weil Napoleon durch eigne Erfahrung von dem damaligen unbedingten Servilismus in Frankreich, namentlich bei den zum Widerspruch verfassungsmäßig berechtigten Behörden, verleitet wurde, ganz Europa hiernach zu beurthei- In jener Zeit, als Freund des Despotismus verschrien, war I. immer beruht, das gesetzlich Bestehende zu achten und zu vertheidigen, und, obgleich vom unken Centrum politischer'Ansicht aus, zu vermitteln. Daß diese letzte Neigung auf der entschiedenem Linken bisweilen Misbilligung fand, muß hier angeführt lvcrden. Zugleich Mitglied des Gemeinderaths der Residenz und emsig an den Gästen desselben Theil nehmend, Förderer der Polenunterstützung, bei jedem ^,'lden Zwecke thätig und beitragend, populair, zuvorkommend, wohlhabend, gün- Uger Familienverhältnisse sich erfreuend, sieht sich I. in jeder Hinsicht in einen ^gmsrcichcn Wirkungskreis gesetzt. Früher gab er mit Crome die Zeitschrift „Ger- n^ama" (5 Bde., Gießen 1808 — 11) heraus. Von seinen neuern literarischen ^'stungen verdient hauptsächlich „Der Staatsbote" (1826, 1827) angeführt zu m cn, Unternehmen, welches durch die Zeitumstände mindestens vertagt ward. «812 von der Stadt Friedberg zum Landtagsabgeordmten aewählt worden Z7* 58V - Jeffrey Jeitteles (Familie) und hat bereits in mehren Verhandlungen der zweiten Kammer ein freies Wort gesprochen. (16) Jeffrey (Sir Francis), der Sohn eines schottischen Gerichtsbeamtcn ward am 22. Oct. 1773 zu Edinburg geboren und erhielt in der Iligb «ckool seine erste Bildung. Er ging 1787 nach Glasgow, wo er vier Jahre einem vielseitigen Studium der Wissenschaften sich widmete, und darauf 1791 nach Oxford. Schon 1795 trat er als praktischer Rechtsgelehrter auf, doch schien der Erfolg seiner Bestrebungen ansanglich zweifelhast zu sein, und es währte lange, ehe er den ausgebreiteten Ruf erhielt, den er später erlangte. Er ward einer der ausgezeichnetsten Sachwalter. In Scharfsinn, in der Kunst klarer Entwickelung, in umfassender Gesetzkunde, in glänzendem Witz, scharfer Satire und kräftiger Beredtsamkeit möchten ihn Wenige erreichen. Obgleich der Erste unter den schottischen Rechtsgelehrten, verdankt er doch seine Berühmtheit mehr seinen literarischen Leistungen. Früh nahm er eifrigen Antheil an den Arbeiten der Gelehrtenvereine in Edinburg und war ein thätiges Mitglied des zur Übung in politischen Reden gestifteten Zpeeuürtive club, zu dessen Zierden damals auch Brougham (s. d.) gehörte. Als Gründer und Hauptmitarbeiter des „Ldindurgti review" (seit 1803), das in (er britischen Literaturgeschichte eine neue Epoche eröffnete, war er gleichsam ein literarischer Gewaltherrscher, furchtbar durch seinen unbarmherzigen Spott und seine scharfe, nicht immer unparteiliche Kritik, die ihn beinahe zu einem Zweikampfe mit Thomas Moore gebracht hätte, und Byron, dessen „Rours ok idleness" unter seine Geißel gekommen waren, zu der Satire „Lnglisk bard-j and scotcü reviewers" erbitterte. Die meisten von I. herrührenden Artikel des „Review" betreffen poetische Werke. Die politische Farbe dieser Zeitschrist war seit ihrem Beginn entschieden im Charakter der Whigpartei, die jedoch zu Anfang dieses Jahrhunderts keineswegs beliebt in Schottland war, wo es zu jener Zeit wenig Anhänger derselben gab; aber diese beharrlich verfolgte Richtung machte das Glück des Unternehmens, wahrend sie zugleich dazu beigetragen hat, die öffentliche Meinung für die von I. und seinen Freunden verfochtenen politischen Grundsätze zu gewinnen, die endlich durch die Reformbill den Sieg errungen haben. J.'s Beitrag zu der „Luc^clopaedia Ki-itsnnica" über das Schone gehört zu dem Besten, das die neuere englische Literatur über ästhetische Kritik besitzt. Das „RdinburAÜ review" besorgt Napier, der Herausgeber der „Rnc^clopaedia britannica", seit I. als I^ord advocate von Schottland 1830 Mitglied der neuen Verwaltung geworden ist. Bei den Verhandlungen über die Reformbill hielt I. eine ausgezeichnete Rede, verlor aber nachher seinen Sitz im Parlament wegen einer, bei seiner Wahl ftattgefundenen Verletzung der Formen. Jeitteles, eine israelitische Familie in Böhmen, die seit einigen Generationen sich in mehren wissenschaftlichen Zweigen ausgezeichnet hat. Jonas geboren zu Prag 1735, gestorben 1806, Doctor der Arzneikunde und Phystkus der israelitischen Gemeinde zu Prag, zeichnete sich als praktischer Arzt aus und ward auch als medicinischer Schriftsteller beachtet. Er erwarb sich das Verdienst, daß er bei dem Eintritte in die medicinische Facultat seinen Glaubensgenossen für die Zukunft die Erlaubniß der ungehinderten medicinischen Praxis auswirkte Benedict J., sein ältester Sohn, geboren 1762, war als Religionslehrer für die Bildung und Aufklarung seiner Glaubensgenossen in Prag erfolgreich tbatig, trotz dem Gegenstreben finsterer Eiferer. Als nach den Schlachten bei Dresden und Kulm die Verwundeten in Prag sich häuften und alle Spitäler überfüll! waren, suchte er eine Privatheilanstalt z-u gründen, und war unermüdet, den verwunde- ten Kriegern aller Nationen Labung und Beistand zu reichen. Er ward im Der. 1813 ein Opfer des Nervensiebers. Sein Bildniß von Berka hat die Inschrift - „Menschlicher als gelehrt; der Gelehrtesten Einer." Seinen ungemeinen Eckarh Jesuiten und Jesuitismus 581 sinn bezeugen auch seine Schriften, unter welchen seine „Kritischen Bemerkungen über einige Werke desMaimonides"^ (3 Bde., Brünn 1801, Fol.) geschätzt werden. Er bearbeitete auch eine hebräische Übersetzung von Campe's „Seelenlehre", deren Herausgabe sein Tod verhinderte. — Ju d a I., geboren im Marz 1773 zu Prag bildete sich unter seines Bruders Benedict Leitung und widmete sich besonders dem Studium der hebräischen und chaldaischen Sprache. Er befriedigte das Bedürfnis! cinerhebräisch geschriebenen chaldäischen Sprachlehre durch sein,MevoHuIuccüon, zeu iuntjaweliw liliguae: ctiA!claieae"(Prag 1813), worin er ein neues System von grammatischen Regeln aufstellte, und arbeitet seit mehren Jahren an einem vollständigen chaldaisch - deutschen Wörterbuche, das besonders die Wurzelwörter der im hebräischen Text des Alten Testaments vorkommenden Chaldaismen erklaren sott. Unter seinen übrigen Schriften erwähnen wir noch eine „Sammlung hebräischer Sinngedichte, Fabeln, Sprüche, dramatisirte Scenen w." (Prag 1821). Au der in Berlin begonnenen Zeitschrift: „Der Sammler", und der in Wien erscheinenden Fortsetzung derselben (1820—32) hat er viele Beitrage geliefert.— Ignatz I., Benedicts Sohn, geboren zu Prag 1784, verließ die juristische Laufbahn, sür welche er sich auf der Universität zu Prag vorgebildet hatte, und ist jetzt Teilhaber eines Handelshauses in Wien. Außer seinen „Analekten, Arabesken und Allegorien" (Prag 1807) hat er zu vielen Zeitschriften Beiträge gegeben.— Aloys I., Enkel von Jonas, lebt als ausübender Arzt in Brünn, wo er 1795 geboren ward. Er bildete sich in Prag und besonders in Wien unter Hilde- drand zu seinem Berufe aus. Mehre seiner seit 1819 bekannt gemachten lyrischen Gedichte fanden Beifall. Gemeinschaftlich mit Castelli schrieb er die Parodie: „Der Schicksalsstrumpf" (Leipzig 1818), bearbeitete 1870 nach Jngemann das Drama: „Der Hirtenknabe aus Tolosa", begann eine Übersetzung des Caldern (Bd. 1, Brünn 1824), und brachte 1829 Moreto's Lustspiel: „Die Macht des Blutes", auf die Bühne. — Ludwig I., Judas Sohn, wurde 1800zu Prag geboren und erhielt seine wissenschaftliche Bildung auf der Universität zu Wien, wo er seit 1828 als Prosector angestellt ist. Seine Dissertation: „De emimi acliectilms" (Wien 1825), zeichnet sich durch Gründlichkeit aus, und die von ihm bearbeitete fünfte Auflage der „Anatomischen Beschreibung des ganzen menschlichen Körpers" (Wien 1831) hat anerkannte Brauchbarkeit. Auch er wurde früh zur Poesie hingezogen und hat in mehren periodischen Blättern und Sammlungen Proben seines Talents gegeben. Jesuiten und Jesuitismus. Wollen wir die Ausbreitung und Wirksamkeit der Jesuiten auch in der neuesten Zeit von dem richtigen Standpunkte ausfassen und würdigen, so müssen wir uns erinnern, wie der Grundcharakter des Ordens sich gebildet hat. Als nach dem Tode seines fanatischen Stifters der Jesuitenorden durch ausgezeichnete Mitglieder, welche theils als Generale des Ordens, theils als Beichtväter an den Höfen europäischer Fürsten wirkten, einen festen inner» Zusammenhang erhalten hatte, ward er für Gewissensfreiheit, echte Religiosität und Sittlichkeit, Fortschreiten der Wissenschaft, und selbst für ungehemmte politische Entwickelung der Staaten gefährlich, da nach und nach durch das Bemühen seiner gelehrten und schlauen Mitglieder Verfassung und lehre den Charakter gewannen, den sie bis auf die neueste Zeit behaupteten und dm man gewöhnlich mit dem Namen des Jesuitismus bezeichnet. Aus dem Gehorsame, der als Mönchsregel galt, ward eine unbedingte Unterwürfigkeit unter ^e Obern, aus den Missionen eine Waffe, sich auf Kosten der übrigen Orden lchse und Reichthümec zu erwerben, aus dem Schulunterrichte ein taugliches "lltel zur Bevormundung des Pöbels und selbst der Gebildeten, zur Bekam- Psung des Protestantismus, zur Verketzerung abweichender Meinungen. Von ^ Päpsten begünstigt und von den gewöhnlichen mönchischen Beschäftigungen 582 Jesuiten und Jesuitismus des Chors, des Breviers u. s. w. freigesprochen, mit höherer Genehmigung Erziehungsinstitute leitend, gehörten sie halb dem Laienstande, halb dem Stande der Priesterkaste an; sie konnten jede Welt, die diesseitige wie die jenseitige, zur Bereicherung und Machtvermehrung ihrer Gesellschaft benutzen. Bei einer auf unbedingten Gehorsam gegen die Obern gestützten Verfassung, hat der Jesuit außer seinem Ordensgeneral in Rom nur Christus und dessen Stellvertreter, den Papst, zum Oberhaupte. Der niedere Jesuit ist nach den Statuten der Leichnam, der General seine Seele, der Jesuit der Stock, der General die Hand die ihn leitet. Die Jesuiten sind auch jetzt noch p-oiessi, wenn sie als Geistliche das wirkliche Ordcnsgelübde ablegen; Scholastiker, wenn sie zum Unterrichte verwendet werden; Coadjutoren, oder Helfer, theils Geistliche, theils Laien wenn sie außerhalb des Ordenshauses unter der Volksmasse dem Orden Preschten verschaffen; Novizen, wenn sie^um Eintritt in den Ordcnsstand vorbereitet werden. Mehre Grade muß der Jesuit durchgehen, bis er in die Geheimnisse des Ordens eingeweiht wird, und erst dann, wenn er sich im Alter des gekreuzigten Heilandes befindet, wird er Mitglied der innersten Gesellschaft des Ordens. Intoleranz gegen Alles, was seinen Zwecken zuwider ist, zeichnet den Orden aus, der übrigens von jeher sich höher gestellt hat als den Papst und die römische Curie. An der Seite des Generals in Rom befinden sich fünf Gehülfen (Assistentenst für Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien und Portugal; der portugiesische fehlte zwar in der neuesten Zeit, seit der Wiedereinführung der Jesuiten in Portugal (1832) wird der portugiesische Assistent jedoch wahrscheinlich als neues Glied in dem heiligen Collegium erscheinen. Die Lehre der Jesuiten geht von dem Zwecks aus, die Völker in Unwissenheit und Aberglauben zu erhalten, dem Orden und der Hierarchie selbst die Oberherrschaft der Welt zu verschaffen. Das Glauben ist — zu dieser Überzeugung kam der Orden früh — dem Unwissenden leicht, wenn man den Stoff zu Zweifeln von ihm fern halt, auf jeden Fall leichter als ein Charakterstarke und sittliche Kraft in Anspruch nehmendes Handeln. Daher des Ordens laxe Moral, daher seine sanfte nachgiebige Sprache im Beichtstühle, an den Höfen der Könige und im Privatleben. Ihm gilt der Grundsatz, den man gewöhnlich den jesuitischen nennt: der Zweck heiligt die Mittel. Wahlspruch des Ordens ist: „Alles zum größern Ruhme der Gottheit"; natürlich sind unter der Gottheit auch ihre Organe, die Ordensorakel in Rom, Papst und General, begriffen. Nur Wenige sehen die eigentlichen geheimen Zwecke des Ordens ein, der oft die geistreichsten und schlauesten Mitglieder zahlte. Man trennte die Gesellschaft in einen esoterischen (innern) und exoterischen (äußern) Kreis. Der Pöbel der Vornehmen und Geringen ist die Masse, die von den Jesuiten bearbeitet wird; die weniger geistreichen Mitglieder des Ordens werden, ohne eingeweiht zu sein, nach Maßgabe des Talents, Vorurtheils, Standes, Charakters zu den höchsten Zwecken der Gesellschaft als Mittel gebraucht, ohne daß die Blinden und Willenlosen die eigentlichen Absichten des Ordens kennen. Keinen großem' Feind findet der Orden für seine Zwecke, Völkerbevormundung durch religiösen Aberglauben und Priesterherrschaft, als in der Religions- und Gewissensfreiheit, zumal in dem diese als Princip aufstellenden evangelischen Protestantismus. Die Bekämpfung der AnHanger dieses Bekenntnisses, wie ihrer Grundsätze, ist ihm Pflicht und heiligstes Gesetz. Von diesem Standpunkte müssen seine Missionen betrachtet werden. Der Aberglaube der Unmündigen, den er auf alle mögliche Weise zu vermehren sucht, wahrend im Innern der Gesellschaft oft Freigeisterei herrscht, ist ihm die dienstlichste Waffe in diesem Kampfe. Er begünstigt daher Rosenkränze, Brüderschaften, Wallfahrten, Reliquiensammlungen, abergläubige Feste, Verehrung der Ordensheiligen, und mischt sich in das Leben als Beichtvater, als Missionar, als Lehrer. Planmäßig wird die Jugend zu Jesuiten und Jesuitismus 583 diesem Zwecke unterrichtet, selbst die Werke des elastischen Alterthums werden willkürlich verstümmelt. Das Einerlei und Mechanische des Unterrichts, die Scheu, die er im Relioionsvortrage der Jugend vor dem Denken und Zweifeln beibringt, das übertriebene Lob, das er ihr bei unbedeutenden Fortschritten ertheilt, und wodurch er sich schon in der frühesten Zeit Freunde und begeisterte AnHanger ver- ' i schafft, sind natürlich den Ordenszwecken förderlich. -Ä i Ein Orden, der planmäßig mit allen Waffen des Verstandes und religiösen ^ Gefühles egoistische Zwecke zu erreichen suchte und eine so überwiegende äußere ^ , Mcht in der christlichen Welt besaß, daß er 1750, der Zeit seiner größten Aus- Hl! breitung, 22 ,589 Glieder zählte, mußte gefährlich werden. Nicht sowol seiner «», eliziösen Grundsätze, als seiner dem Staate gefährlich scheinenden Ansichten und seines Reichthums und äußern Ansehens wegen, wurde der Orden (1773) aufgehoben. Die Gesellschaft Jesu hatte aber in dem Aberglauben des Pöbels ü und in der Herrschsucht der durch die Aufklärung niedergedrückten Hierarchie ^ eine zu starke Waffe, als daß nach der Besiegung Bonaparte's und der Wie- derherstellung des weltlichen Kirchenstaats Papst Pius VII. hätte Bedenken tra- Zn zm sollen, die feierliche Erlaubniß zur Wiedereinführung der Jesuiten in allen A allen katholischen Ländern zu geben. Die Reaction war mehr oder minder von 'ist dieser Zeit an bis auf unsere Tage theils durch offene, theils durch verkappte Je- ich ^ smten, unter Laien und Weltgeistlichen, in katholischen und protestantischen Län- un dem unermüdet, die Grundsätze des Ultramontanismus zu verbreiten. Der ues Orden erhob sich mächtig seit seiner Wiedereinführung. In Irland wurden m (1825) Ordenshauser und Schulen errichtet. In Frankreich wirkten die Je- suiten seit der Restauration als Missionare und Väter des Glaubens; seit 1823 immer bedeutender, im Besitze der Bischofswahlen. In Italien lebten sie auf und hatten Erziehungshauser zu Genua, Parma und Ferrara. Die von Ferdinand VII. verlangte Herstellung der Jesuiten in Spanien wurde 1824 genehmigt, die Jesuiten waren und blieben die unsichtbaren Hebel der aus den unwürdigsten Individuen zusammengesetzten apostolischen Camarilla. Der Orden erhob sich 1823 in Sardinien. Zu Stony-Hurst in der Grafschaft Lancashire hatten in der neuesten Zeit die Jesuiten ein Collegium von 500 Zöglingen und mehre kleine Kostschulen. Leo XII. begünstigte sie (1824) in den Niederlanden, wo sie in Brüssel von dem größten Einflüsse auf die Volksfactionen waren. Daß die Bischöfe in den Niederlanden, wenn auch nicht öffentlich, doch versteckt durch Besteigung der Anstellung, 1830 sich weigerten, die Zöglinge des philosophischen Kollegiums in die Seminarien aufzunehmen, war ein Resultat der Bemühungen der Jesuitenpartei. In Ostreich wirkten die Jesuiten unter dem Namen der Liguo- Gm, welche zur Jesuitenfamilie gehören und zu Jesuitengrundsätzen sich bekennen. Daher wurde Liguori, Bischof im Königreiche Neapel, der nach der Legende durch die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 so heftig ergrissen wurde, er zwei Tage lang leblos war, von Pius VII. (1815) selig und ( 1830) hei- üg gesprochen. Vorzüglich thatig zeigten sich die Jesuiten in der Schweiz. Bis M Aushebung des Ordens war die Erziehung der Jugend in ihren Händen gewe- Die Jesuitencollegien behielten nach ihrer Wiedereinführung (1814) im ^Amtlichen die frühere Einrichtung bei. Die untern Classen der Collegien füh- den Namen Gymnasien, die obern Lyceen; in den untern wird vorzüglich (5? ^ ""d Rhetorik, in den obern Philosophie und Theologie gelehrt. Das stsensystem ist geisttödtend, die Prüfungen sind mechanisch, mehr für das Ge- achtniß als den Verstand berechnet. Man spricht von allgemeiner Bildung und der Jugend, hat aber den unter dieser Form verborgenen Zweck, dem los Stande so viele Zöglinge als möglich zu gewinnen und auf eine geistig ALeise als künftige Kleriker zu blinden Werkzeugen des Wittens der Obern 584 Jesuiten und Jesuitismus heranzuziehen. Die Jesuiten schlössen sich in der Schweiz bei allen ihren Umtrieben von jeher an die Nuntiatur und die päpstliche Curie an. Hauptsache war bei diesem Streben die Unterstützung der Hierarchie, der Macht und des Ansehens des Ordens, daher Erziehung bloße Nebensache. Schon bei der Aufhebung der Jesuiten suchte die Nuntiatur in der Schweiz das Wohltharige derselben zu vereiteln indem die Vater, nach einem kurzen Aufenthalte bei Verwandten, als Weltgeistliche wiederkehrend, natürlich an Geist und Gesinnung dieselben, den Unterricht wieder zu leiten begannen, und ihren Einfluß, ausgenommen in Luzern, das aber später dennoch der Sitz des kirchlichen Obskurantismus wurde, nirgend einen Augenblick verloren. Nach der Wiedereinsetzung des Ordens zogen die Jesuiten in Sitten und Brieg in Wallis, sowie in Freiburg im Uechtland ein. Erziehunqsinstitute wurden gegründet, Missionsstreifzüge in einzelne Cantone veranstaltet, den Orden empfehlende Schriften überall verbreitet und selbst Werbedepots für den Orden angelegt. Dummheit, Aberglaube, Intoleranz verbreitete sich durch die Missionen, welche von Sitten und Freiburg ausgingen, in der gläubigen katholischen Schweiz. Die Prozessionen glichen geistlichen Possenspielen. „Umgeben von Fackelträgern", sagte 1818 ein Augenzeuge, „helitönenden Glöcklein und Kreuzen zogen sie zu Thal und Berg, predigten Buße und Bekehrung, und knieten oft, die menschliche Demuth zu wraugenscheinlichen, in den tiefsten Koth." Sie feierten wieder den Sieg der Katholiken in der Religionsschlacht bei Vill- mangen (1656), wo Schweizer gegen Schweizer fochten und sich mordeten, ungeachtet dieses barbarisch-religiöse Fest seit 1798 durch den Einfluß des neuen Regiments abgeschafft worden war. Seit 181k bildete sich ein Verein von Wun> derthatern und Teufelsbannern, die mit Weihwasser und Zauberformeln Krankheiten und Teufel verjagten, deren Mitglieder Pfarrer, Kaplans und selbst Professoren waren. Unter Landleute, Bürger und Schüler wurden fanatische Bücher, z. B.,, Des Menschen Herz ein Tempel Gottes oder eine Satanswohnung", verbreitet. Rousseau's Schriften, aus dem Nachlasse eines Geistlichen, wurden in Freiburg öffentlich verbrannt. Die Jesuitenpartei zeichnete sich in der Schweiz, wie anderwärts, durch zwei Hauptrichtungen aus: Haß gegen die deutsche Kirche und deren AnHanger und Vertheidiger, und unbedingte Annahme des pseudoisido- rischen römischen Papismus. Nach der genauesten Angabe waren 1829 in der Schweiz im Collegium zu Freiburg, im Seminar zu Stasis, im Pensionäre, Gymnasium und Athenäum zu Kreiburg, mit Einschluß der Zöglinge, Professoren, Li- guorianer, überhaupt 1465 Jesuiten und Jesuitenanhanger. Die Jesuiten erhielten in der neuesten Zeit an vielen Orten bedeutende Begünstigungen. In Rom nahm die Zahl der Jesuiten (1829) so sehr zu, daß man außerhalb der Stadt für ihr Unterkommen Platz suchen mußte; die Semina- rien waren überfüllt. Durch ein königliches Decret vom 12. Jul. 1829 erhielten die Jesuiten in Neapel, außer dem ihnen seither bewilligten Rechte des Unterrichts in Collegien für alle Bürgerkinder ohne Unterschied, auch das Recht der ausschließenden Erziehung des jungen Adels in einem Lyceum. Selbst Heiligsprechungen wurden zum Zwecke der Jesuitenbegünstigung angewendet. A n -N Nov. 1831 wohrue der Papst Gregor XVI. einer Generalversammlung der Con- gregation des Ritus bei, in welcher die vorlausigen Verhandlungen über die Hei- ligsprechung des seligen Alfons Rodriguez und zweier Mitglieder der Gesellschaft Jesu stattfanden. In Frankreich hatten die Jesuiten das meiste Unheil gestiftet. Die Anstalten zur Erziehung der Geistlichen wurden 1828 in zwei Classen getheilt, in die großen und in die kleinen Seminarien. Die großen wurden ausschließend von Geistlichen besucht, die kleinen, auch geistliche Secondairschulen genannt, nahmen künftige Geistliche und Laien als Zöglinge auf, welche in allen Unterrichts- gegenstanden unterwiesen wurden. Alle Professoren in den großen und kleinen Jesuiten und Jesuirismus 686 Seminarim waren jedoch immer von dem Bischof angestellte Geistliche. Die Bischöse maßten sich über die kleinen Semknarien, die im Grunde weltliche Schulen waren, die alleinige Oberaufsicht an. Die Universität hatte nur über die weltlichen Schulen dü'Aufsicht, und unter dem zum Iesuitismus hinneigenden Ministerium Karls X. wurden solche Gewaltstreiche zur Vermehrung ihrer Macht- Willkür den Bischöfen nicht schwer. In jeder Diöcese Frankreichs war 1828 wenigstens eine Secondairschule, in manchen gab es drei, im Ganzen 120 solcher Institute mit etwa 45—50,000 Zöglingen. Unter diesen Anstalten gab es acht den Jesuiten gehörige Secondairschulen: zu St.-Acheul bei Amiens, zu Ste.-Anne in der Bretagne, zu Dole im Iura, zu Montmorillon in der Vienne, zu Bordeaux, zu Aix, Forcalquier und zu Billom, welche zwischen 3000—3500 Zöglinge zahlten. Das Bestehen dieser Jefuitenschulen war den Landesgesetzen zuwider, dennoch hatten sie vor den Augen einer blinden oder sich blind stellenden Regierung immer weiter um sich gegriffen und reizten die Negierung zu Gewaltmaßregeln. Die Verbannung der Jesuiten aus Frankreich war 1790 durch ein besonderes Dccret erneuert worden, und im 11. Artikel des von Napoleon genehmigten französischen Concordats hieß es, in Frankreich sollten keine andern Schulen sein, als die unter die Oberaufsicht der Bischöfe gestellten Semmarien, und keine Congregation sollte ohne besondere Ermächtigung geistliche Schulen bilden. Die Charte von 1814 behielt das kaiserliche Decret in dieser Beziehung bei, und zwei nach einander erschienene Gesetze setzten fest, daß kein Mannskloster mehr gestiftet werden sollte und die Frauenklöstcr durch die in das Gesetzbulletin eingerückten Ordonnanzen ermächtigt werden müßten. Die von dem Grafen von Mvntlosier gegen die als factisch bestehend bezeichneten Jesuiten an die Kammer der Pairs gerichtete Petition (1827 ) wurde an den Präsidenten des Conseils mit 11Z Stimmen gegen 73 verwiesen, und das in Antrag gebrachte Übergehen zur Tagsordnung, wodurch die Petition beseitigt worden wäre, trotz allen Bemühungen des Ministers der geistlichen Angelegenheiten, des Bischofs von Hermopolis, der die Sache der Jesuiten zu der seinigen zu machen schien, vereitelt. Der Com- missionsbericht des Grafen Portalis hatte gewirkt. Die Ordonnanzen vom 16. Zun. 1828 verfügten, daß 1) mit dem 1. Ott. die geistlichen Secondairschulen (namentlich die der Jesuiten) der Oberleitung der Universität unterworfen werden sollten, und 2) Niemand mit der Leitung des Unterrichts in einer von der Universität abhängigen Lehranstalt, oder in einer der geistlichen Secondairschulen beauftragt werden oder in diesen Instituten bleiben dürfe, welcher nicht vorher schriftlich erklart habe, daß er keiner in Frankreich nicht gesetzlich bestehenden religiösen Congregation angehöre. Der König aber war zu schwach und zu sehr von den Geistlichen abhängig, die Hierarchie sah sich in den Jesuiten verletzt, die Bischöfe Frankreichs protestirten, man schrie über Gewaltthätigkeiten gegen die Rechte der Kirche und wendete sich an den Papst. Der römische Hof gab seine Misbilligung zu erkennen; die nächsten Umgebungen des Königs waren keineswegs geeignet, einen andern Geist hervorzurufen; die abcrgläubigen Gemüther wurden beunruhigt; der Erzbischof von Toulouse, Clermont- Tonnere, und die ^rzbischöfe von Rheims und Rouen erlaubten sich Schritte einer mittelalterlichen 0adinetspolitik, und die nach dem Berichte des JusUzministerS Portalis bereits m 20. Jan. 1828 gebildete Commission, welche das Gesetz in Beziehung auf ^ geistlichen Secondairschulen vollziehen sollte, war nach diesen Bemühungen Stande völlig durchzugreifen. Die Jesuitenpartei suchte sich indeß durch w Mittel, welche sie bisher so wirksam gefunden hatte, ferner zu halten. Es ur die große Kunst, auf der einen Seite den Pöbel, auf der andern die höhern ^stsen und den Hof zu bevormunden. Der Erzbischof von Paris, Graf von ^uelen, suchte noch kurz vor der Juliusrevolution (25. April 1830) die an- 586 Jesuiten und Jesuinsmus geblichen Gebeine des heiligen Vincen; von Paula hervor und ließ sie in ein.m mit 60,000 Francs bezahlten Kasten aussetzen. Zwar meinte man, der anq-h- liche Heilige sei nur ein Strohmann mit Gesicht und Händen von Wachs; der Erzbischof aber achtete wenig auf solche Äußerungen, und verkündete- durch Fürbitte dieses Heiligen würden die französischen Waffen gegen Algier siegreich sein. Die bedeutendsten französischen Familien schickten ihre Söhne in das Jc- suitencollegium zu Freiburg in der Schweiz, und Valerne d'Avignon überreichie 1829 der Deputirtenkammer eine Schrift, worin er den Wunsch ausdrückte, man möge den König um die Vorlage eines Gesetzes bitten, durch welches den in den Jesuitencollegien zu Fpeiburg und anderwärts Gebildeten, der Zugang zu Civil- und Militairstellen verschloffen werde. Das Ministerium Polignac vollendete was die Jesuitenpartei begonnen. Die Priester benahmen sich, ungeachtet an vielen Mitgliedern der Jesu'tenpartei die Regierung Ludwigs XVl., die französische Revolution, das Kaiserreich, die Restauration vorübergegangen waren, als hatten sie in einer so langen und erfolgreichen Zeit nichts gelernt; sie sahen noch einen Unterschied zwischen Adel und Bürgerthum, behaupteten noch eine göttliche Bevorrechtung der Priesterkafte, ihre Anmaßung und Unwissenheit, ihren Fanatismus und ihre Intoleranz überall geltend zu machen; noch sprachen sie für Stabilität und Absolutismus, ungeachtet alle Stimmen in der Kammer nur zu deutlich andere Gesinnungen und Ansichten ausdrückten; allein in der freien Sprache sah ein verblendetes Ministerium nur die Auffoderung zu größern Zwangsmaßregeln. Die Julius- woche war hinreichend, das Gebäude jahrelanger Umtriebe der Jesuitenpartei zu stürzen. Sie hatte nicht geglaubt, oder schien nicht glauben zu wollen, daß das Mittelalter verschwunden sei und seit der Reformation der Geist der Neuzeit sich entwickelt habe. Viele flüchtige Jesuiten erschienen in Rom, mit ihnen auch mehre Bischöfe in pnrtibus, und seltsam genug, worüber sich aber der Kenner der Geschichte des Romanismus nicht wundern wird, hielten sich überall, wo Jesuiten sielen, die Bischöfe und geistlichen Regierungen in Frankreich für gestürzt. Fremde Geistliche füllten die Straßen Roms, und kaum war die Gastfreundschaft der christlichen Hauptstadt einer so Ungeheuern Pilgerschaft gewachsen. Auch die geistlichen Häuser der Gesellschaft Jesu zu Freiburg und Stasi's nahmen die Flüchtlinge auf. Bei Zerstörung des Jesuiteninstituts St.-Acheul fand man ein gedrucktes Heft, nach welchem zu Anfange des Jahres 1830 der Orden in Frankreich 149 Priester, 163 Scholastiker, 124 Coadjutoren, im Ganzen 436 Jesuiten zahlte. Eine königliche Ordonnanz erklarte 1831 aus Merilhou's Bericht das Gesetz vom 25. Sept. 1816, welches die Missionsgesellschast in Frankreich ermächtigte, für erloschen und die Gesellschaft für gesetzwidrig. Der Minister des Cultus und des öffentlichen Unterrichts erließ (23. Nov. 1831) ein Um- laufschreiben an die Vorsteher sämmtlicher höhern Schulen Frankreichs mit der Nachricht, daß alle Erzbischöfe und Bischöfe zu genauer Beobachtung der Ordonnanzen vom 16. Jun. 1828 hinsichtlich der geistlichen Seminarien aufgefodert worden seien, und erinnerte sie an ihre Pflicht, zur Ausführung dieser Ordonnanzen mitzuwirken. Zugleich ward an die Hauptbestimmung der Verordnung erinnert, nach welcher Niemand Vorsteher oder Lehrer in einer von der Universität abhängigen Anstalt oder in den geistlichen Seminarien werden kann, wenn er nicht schriftlich erklärt hat, daß er keiner ungesetzlichen religiösen Genoffenschaft angehöre. Schon früher hatte der König von Preußen unter dem 13. Jul. 1827 eine Cabinetsordre des Inhalts erlassen, daß junge Leute von ihren Angehörigen in Zukunft nicht mehr zu Fortsetzung ihrer Studien an auswärtige Jesuitenschulen geschickt werden sollen; zugleich gibt der König hierüber seinMisfallen zuerkennen, weil, wie es in der Cabinetsordre heißt, bei der Fürsorge, welche er allen Zweigen des öffentlichen Unterrichts widme, und da die vaterlandischen Lehr- und Erzie- Jesuiten und Jesuitismus 58? pungsanstalten auch für die katholische Jugend auf einen Standpunkt gebracht ,verde« seien, der dem Bedürfnisse in religiöser und wissenschaftlicher Hinsicht entspreche/ der Vorzug, welcher solchen auslandischen Instituten gegeben werde, nur hebe befremden können. Auch in Amerika werden die Jesuiten schwerlich ihr Glück machen; die Vereinigten Staaten von Nordamerika stellen die Religion dem Geissen eines jeden Einzelnen frei und kennen keine bevorrechtete Kirche. Nach einer Unordnung vom 6. Sept. 1830 hob der Congreß von Central-Amerika alle religiöse Orden mit Ausnahme der Bethlehemiten auf; die Republik erkennt auch kein Nonnengelübde mehr an und die Mönche treten in den Weltpriesterstand. Don Miguel, dessen Usurpation auf Mönche, Beichtväter und verwilderte Soldaten gegründet ist, hat seit dem 30. Aug. 1832 die Jesuiten in Portugal wiedereingeführt; doch vermochte seine Liebe zur römischen Kirche nicht so viel über ihn, daß er das der Gesellschaft Jesu bei ihrer Aufhebung entzogene Eigenthum zurückerstattet hatte. In England, wo nach den neuesten Berichten 119 Jesuiten sind swovon55 in Ston»)-Hurst und22 zu Hodder-House), werden sie schwerlich jemals sehr gefährlich werden. Die Jesuiten, inwiefern man sie als eine besondere Mönchsgesellschaft betrachtet, haben sich jetzt überlebt, noch haben sie aber die alte Gesinnung und denselben Willen. Sie sind nicht mit der Zeit vorgeschritten, während man sie ehedem als die besten Erzieher in Ermangelung besserer Institute kannte; allein ihre Grundsätze, welche ihnen unter allen Anhängern der Reaction gegen Freiheit und Aufklärung Freunde verschaffen, verbreiten den Jesuitismus weit über die Grenze des Ordens, und man hat mit Re-cht behauptet, daß der Jesui- lismus die Schwächen der Regierungen und die Aufwallungen der Völker gleich sehr benutze. Mehre Stimmen sprachen in der neuesten Zeit den Geist und die Absichten dieser Partei unverhohlen aus. Eine jesuitische Zeitschrift („I/uposto- ^ l>gue",vom 12. Febr. 183(1) behauptete, daß die Fortschritte der Künste und Wissenschaften bei allen Völkern Lächerlichkeit und Unglauben erzeugen. In Beziehung aufbie niederländische Regierung in Belgien sagte nach der Unterdrückung des philosophischen Collcgiums dasselbe Blatt: „Sage uns doch Jemand, mit welchem Fug und Recht ein Ketzer Christen befehlen darf ? Ja, ihr Könige und ihr Völker, ihr seid nur dazu geboren, der himmlischen Braut Christi zü gehorchen. Furchtbares Unheil muß euere Empörung gegen Denjenigen erregen, der nach der Ordnung Melchisedek's den ewigen Hohenpriester darstellt." Kurz vor der Juliusrevolution erschien ein antirevolutionnairer Katechismus, in welchem zu lesen war: »Frage: Was muß man von unserm Jahrhundert denken ? Antwort: Die Philosophen sagen, daß es das Jahrhundert der Aufklärung, der Vervollkommnung l sü; verständige Menschen dagegen, welche die seit 600(1 Jahren gültigen Prin- j lipim annehmen, nennen es das Jahrhundert der Unwissenheit, der Selbstsucht, ^ ber Treulosigkeit, der Ungerechtigkeit, der Freigeistern, der Ruchlosigkeit." Alle Freunde bloßer Autorität ohne Vernunftgründe, kirchlicher Stabilität und eines papistischen Absolutismus sind ihrer Gesinnung nach Ultra».outanisten, wenn sie b'lbst das bestehende Rom verwerfen sollten, sie bekennen sich, wenn sie sich auch l°n der äußerlichen Verbindung mit der Gesellschaft des Jgnaz von Loyola los- ! lagen, zu den Grundsätzen des Jesuitismus. Durch ihn wird die freie For- ! Ichung, die reine Sittlichkeit, die echte Religiosität verletzt. Kein Wunder da- bcr, daß der wahre Protestantismus unter Katholiken und evangelischen Protelanten alle Kräfte zu seiner Bekämpfung aufbot. Die protestantischen Regierungen und selbst die katholischen, welche sich mehr an die Gmndsatze des gallicanisch-febronianischen Kirchenrechts anschließen, wer- 'N dem Aufkommen der Gesellschaft Jesu überall im Wege stehen. Preußen, ^ nchen und Baiern haben in neuester Zeit öffentlich erklärt, keine Jesuiten in -Staaten aufnehmen zu wollen. So lange jedoch die ultramontane Partei 588 Jesuiten und Jesuitismus der Römlinge in der katholischen Kirche (s. Katholicismuö) mit dem Geunl- satze der Unfehlbarkeit und Stabilität ihres Instituts machtig ist, so lange die «ii- verbreitete, in Rom ihre Wurzel sindende Hierarchie auf blindes Glauben und heji ligen Nimbus des kirchlichen Pharisaismus ein Gebäude der geistlichen Alleinherrschaft gründet, so lange man die Gewissen der Gläubigen an dem Gängelbünde der Autorität führt, und mehr auf mystisches Treiben und andächtige Entzückung als auf Verstand und rein sittliches charakterfestes Handeln Rücksicht nimmt, st lange viele Journale in Frankreich, Deutschland, Ostreich und in der Schweiz so thätig für den Uitramontanismus und Absolutismus und gegen jede aufstrebende freisinnige Idee im Gebiete des Kirchenthums kämpfen, so lange gibt es noch Jesuitismus, und wenn auch die Gesellschaft Jesu zum zweiten Male aufgehoben würde. Der Erzbischof von Paris gehorchte der Auffoderung des Ministers des öffentlichen Unterrichts nicht, nach welcher die Geistlichkeit keinen der aufgehobenen Feiertage mehr ankündigen und feiern sott. Im liturgischen Kalender der Divcese findet man das Fest des heiligen Herzens Jesu (das Symbol der Restauration und des Jesuitismus) wieder auf den 10. Jul. 1831 angezeigt. Der Abbe Lamen- nais (s. d.) bekämpft die Grundsätze der gallicanischcn Kirche, nennt Bossuet einen feigen Knecht, erkennt in seiner Zeitschrift „^veiür" keine andere Macht an, als die von Gott ausgeht und'die sich im Papste offenbart. Die Franzosen sind nach ihm auserlesen, den Griechen und Römern gleich, den Völkern der Erde die Freiheit zu bringen; allein durch die Freiheit, sagt der Jesuit, darf die Wahrheit nicht vernichtet werden. Die Volkssouverainetät ist nach Lamennais der höchste Grundsatz, mit ihrer Quelle Gott, von dem sie stammt, und der Offenbarung dieser Quelle auf Erden, dem Papste in Rom. Der Katholicismus gibt nach seiner Ansicht der Freiheit Ordnung, der Protestantismus unterwirft, wie der Schlaue meint, die Rechte Aller der Willkür jedes Einzelnen. Die zu Freiburg in der Schweiz erscheinende Zeitschrift „I,e vericki^ue" ist ebenfalls ein Jesuitenorgan. Der Jesuitismus wird bestehen, so lange das Bestreben der Reaction des Ultramontanismus und Romanismus dauert, er wird seinen verderblichen Einfluß, so lange dieses Streben wirkt, in allen Farben und Formen des Bonzenthums unter Pseudokatholiken und Pseudoprotestanten offenbaren. Er ist mächtiger als man glaubt, und nicht umsonst haben tressliche, durch traurige Erfahrungen belehrte Männer vor ihm gewarnt. Er ist kein Schreckbild der Phantasie, er greift um sich schnell und unvermerkt, weil er nicht einem bestimmten Orden, einer bestimmten Religion, einem bestimmten Vaterlande angehört. Sein Grundsatz ist und bleibt Bevormundung der Menschen und Priesterherrschaft durch Aderglauben, Durchsetzen egoistischer Zwecke unter dem Heiligenschein der Aufopferung, Uneigennützigkeit und religiösen Begeisterung; er ist allmächtig, denn eben in diesem Heiligenscheine, in dem Aberglauben des Volkes, in der Gemüthlichkeit der Menschen, die sich so leicht betrügen läßt, im politischen Absolutismus und in allen verschmitzten und engherzigen Feinden der Aufklärung hat er starke und beharrliche Verbündete. Allein, ob er auch bald mit Freiheit um sich werfe, wie LameunaiS in Frankreich, oder mit Absolutismus, wie die spanischen und portugiesischen Blatter, ob er im Beichtstuhle oder im Ministerium, in Bearbeitung Einzelner oder ganzer Volkshaufen, durch die Grundsätze der Stabilität oder der Reaction, der Gewalt oder Revolution zu seinem Zwecke zu kommen suche, immer ist seine e.oige und göttliche Gegnerin die Wahrheit, die, obgleich die Heuchelei ihr hundertkopsi- geö Schlangenhaupt erhebt, stegreich über den Trümmern untergegangener Lugen- werke einer selbstsüchtigen Priesterzunft steht. *) ^ ^ *) Die Zeitschrist: „Der canonische Wächter" (Leipzig 18Z0 — ZZ), ist Plane gegen diese Bestrebungen gerichtet und enthält viele Urkunden zur^r!/ ^ der hierarchischen Reaction. D. Red. WWW N5I Johann Joseph (Fürst von Liechtenstein) 589 > Johann Joseph, souverainer Fürst von Liechtenstein, Mitglied des deutschen Bundes, Herr auf Nikolsburg, Herzog zu Troppau und Jagerndorf, stammt aus einem Hause, welches Ostreich die meisten großen Heerführer gege- hat, von jenen beiden Helden Ulrich und Heinrich, die das verwaiste Öftreich ,,'nd Steier, nach dem Erlöschen des babenbergischen Stammes, dem König Ftlokar gaben und als er Tyrann wurde, es ihm wiedernahmen und an Rudolf ' M Habsdurg überlieferten, unter welchen Ulrich zugleich als der Sänger des Frauendienstes" und des „Vtwitz" in der altdeutschen Dichterwelt einen unvergänglichen Namen hat, bis auf den Fürsten Wenzel Liechtenstein, den Schöpfer der Michischen Artillerie. Er wurde am 26. Jun. 1760 dem Fürsten Franz Liechtenstein, von der Gräsin Lespoldine Sternberg in Wien geboren. Diese edle, von Joseph II- vorzüglich geschätzte Frau wendete dem kriegerischen Jüngling Johann auch das besondere Wohlwollen ihres täglichen Hausfreundes, des Feldmarschalls Grafen Lascy zu. Fürst Johann wurde 1782 Lieutenant, 1783 I Rittmeister bei Ansbach Kürassiere, 1787 bei dem Ausbruch des Türkcnkriegs > als Major zu Harrach Dragoner versetzt. In dieser Eigenschaft machte der Fürst seinen ersten Feldzug 1788 in der Hauptarmee bei Semlin und zeichnete sich unter Josephs Augen mehrmals auf das Vortheilhafteste aus, fodaß er i schnell Oberstlieutenant bei dem Regiment leichter Reiterei Joseph Kinsky, sdm alten Pappenheimern) wurde. Der Fürst ward Oberst, als er in einer furchtbaren Wetternacht (20. Jul. 1790) den türkischen Entsatz von Czettm durch einen ungestümen Angriff vereitelte. Den drei Feldzügen des Tückenkriegs folgten fünf französische (1792 — 97). Die drei schönsten, in der östreichischen Kriegsgeschichte bekannten Reiterstreiche sind die des Fürsten Johann bei Bou- chain und Maubeuge und des Fürsten Karl Schwarzenberg bei Landrecy, an der Spitze der Kürassiere von Nassau und Zeschwitz. Nachdem 1796 des Fürsten Name bei Heidenheim, Forchheim und Bamberg geglänzt, entschied er auch den Sieg des Erzherzogs Karl bei Würzburg und Jourdan's wilde Flucht bis an die Lahn; 1797 richtete er bei Rastadt drei französische Reiterregimenter zu Grunde, 1799 nahm er sich das schönste Blatt aus dem Lorber der großen Schlacht an der Trebbin, welche Macdonald's Vereinigung mit Moreau ver I eitelte, und erwarb sich Ruhm am Tage von Novi. Im Feldzuge von 1800 deckte er den Rückzug bei Hohenlinden und schlug Lecourbe bei Salzburg. Wie I sür Würzburg das Eommandeurkreuz, wurde ihm hierfür der große Stern des > flhmsicnordens. Im März 1805 starb sein Bruder Aloys und Fürst Johann übernahm die Herrschaft über eine Bevölkerung von beinahe 600,000 Seelen in beiläufig 30 Städten, 30 Flecken und mehr als 700 Dörfern, welche das l 8ürstcnthum Liechtenstein (ungefähr -'^Meilen) und die großen mittelbaren Für- slmthümer und Herrschaften in Ostreich, Schlesien, Böhmen, Mähren, Ungarn, Steiermark und der Lausitz (über 104 HjMeilen) bilden, und erwarb auch als ! Gutsbesitzer unvergängliches Verdienst durch Veredlung der Viehzucht, des Gestütt-, Zagd- und vorzüglich des Forstwesens, durch die Anpflanzung von Milanen schnellwachsender nordamerikanischer Forfthölzer, durch den Anbau der er» Obigsten exotischen Getreidearten, durch die Verbreitung edler Obstgattungen im s roßen, durch die Anpflanzung rheinischer, französischer und spanischer Reben, Usch die Cultur vowFabrik- und Färbepflanzen:c. Im Nov. 1805, als Wien fallen und die große Donaubrücke, die abgebrannt werden sollte, dem Fürsten uersperg abgelistet worden, übernahm der Fürst Johann, vom Krankenlager zu 6' dsberg aufstehend, den schwierigen Oberbefehl der Trümmer des besiegten und u gelosten Heers. Er focht tapfer am Tage von Austerlitz und erhielt in der ^acht darauf jenen, die fliehenden Russen rettenden Wassenstillstand. Am 26, unterzeichnete er mit Talleyrand den preßburger Frieden. Der einzige aller 590 Johann Joseph (Kürst von Liechtenstein) kleinen Reichsfärsten wurde er nicht mediatisirt, sondern das Fürstenthum Lic5 tenftein dem rheinischen Bunde zugezahlt, ohne sein Zuthun, ja ohne semV»r- wissen, sowie der Fürst auch, als Napoleon, der unverhohlen eine hohe Achr«,,' für seine Kriegstugend aussprach, neben andern Verheißungen im Lause der pr.ü- burger Unterhandlungen, auch eine vollkommen liquide Federung von mehr D einer Million auf Ostfriesland zur Sprache bringen ließ, ohne Weiteres daven abbrach, ohne ihr früher oder spater die mindeste Folge zu geben. Das rkci-' nische Bundessürstenthum Liechtenstein übertrug er seinem dritten Sohn. A war 1806 — 10 Commandirender in Ostreich und Commandant von Wien und der Thätigste bei der großen und meist geheimen Rüstung auf das verhängnisvolle Jahr 1809, wo ihm eine vorzüglich große Rolle zu Theil wurde. Die Aufgabe des Krieges: auf die Schlüssel der Operationen, auf die entscheidenden Stellungen — selbst bei minderer Macht im Ganzen — die größere Truppenmasse, ihrer Beweglichkeit unbeschadet, hinzuwerfen, wurde bei Regensburg gerade umgekehrt gelöst. Napoleon war im Ganzen schwacher als die Östreicher und doch auf allen Entscheidungspunkten starker. Er hatte sehr wenig Franzosen und mußte sich meist den Baiern und Würtembergern anvertrauen. Der alternde Berthier schien (wie aus Pelet's Werken unleugbar hervorgeht) den Kopf verloren zu haben, und machte die Bewegungen Davoust's und Lefebvre's noch ungewisser und zerstückelter. Die Östreicher verloren Zeit. Sie waren auf beiden Donauufern zerspalten, wurden bei Hausen, Rohr und Landshut durchbrochen, in der linken Flanke und im Rucken bedroht, zuletzt ganz an die Donau gedrückt und in der furchtbarsten Lage, hatte nicht unterdessen Regensburg mit seiner steinernen Brücke sich an den Fürsten I. ergeben. Bei dem bedenklichen Übergang auf das linke Donauufer (23. April 1809) hielt vorzüglich des Fürsten Heldensinn den Muth der mehrmals von der Übermacht gedrängten östreichischen Reiterei ausrecht. In der zweitägigen Schlacht von Aspern (2l. und 22. Mai) war des Fürsten zum Sprüchworte gewordener krumm gebogener Federbusch das Feldzeichen des Heers und ihn nannte der Tagesbefehl des Erzherzogs Karl: „den ersten Soldaten von Aspem". Auch in der zweitägigen Schlacht von Wagram (5. und 6. Jul.) that der Fürst wieder mit seinen Vettern, den Fürsten Moritz und Aloys, Wunder der Tapferkeit. Er, der in 132 Schlachten, Tressen und Gefechten 24 Pferde unter dem Leibe verloren, erhielt bei Wagram die einzige Contusion und blieb auch hier unverwundet. Er erwirkte den Waffenstillstand von Znaym (12. Jul.), den einige Stunden später Berthier mit Wimpfen unterzeichnete. Als der Erzherzog Karl wenige Wochen daraus den Oberbefehl niederlegte, trat „der Fürst Johannes" (wie ihn die östreichische Armee nennt) an ihre Spitze. Er mußte den bittern Kelch leeren, wie vier Jahre früher den preßburger, so jetzt den wiener Frieden zu unterzeichnen, nachdem aller Heldenmut!) des Volkes und des Heers an unseligen Uneinigkeiten mancher Art gescheitert war. Für die von schweren Zah' langen abhangig gemachte, frühere Räumung Wiens bot der Fürst den dortigen Wechselhausern seine gesammten Güter als Unterpfand. Vom wiener Frieden an begann er sich und den Seinigen zu leben. Er gehört durch treffliche Wirthschaft und große Vermehrung des Grundbesitzes zu den Stiftern und Begründern des liechtensteinischen Fürstenhauses. Von der ihm am 12. April 1792 vermählten Landgrafin Josephine von Fürstenberg hat der Fürst Johann eine zahlreiche Familie blühender Söhne und Töchter. Dem östreichischen He« bleibt sein Name aus so vielen Tagen des Glückes und Ruhmes wie der schwersten Prüfung und des tiefsten Unglücks ehrwürdig und heilig. Als Reiter- general wird er noch in spaten Jahrhunderten unter den Ersten dieses kühnen und glänzenden Kriegshandwerks genannt werden. Johann (Herzog zu Sachsen) 591 Johann Nepomuk Maria Joseph, Herzog zu Sachsen, der jüngste Sohn des Prinzen Maximilian, jüngcm Bruders des jetztregierenden Königs Anton, und dessen erster Gemahlin, einer geborenen Prinzessin von Parma, ward zu Dresden am 1?. Dec. 1801 geboren. Von seinem achten Jahre an wurde seine Erziehung vom General vonForell und dem Freiherrn von Nessenberg, der vorzüglich als Studien- direclor Einfluß hatte, geleitet. In seinem fünfzehnten Jahre ward er der Führung des Generals von Watzdorfs anvertraut, welcher durch einen freisinnigen Erziehungsplan und ernstliches Anhalten zum Studiren den wichtigsten Einfluß auf die Ausbildung des jungen Prinzen hatte. Dem Abbe de Sylvestre, einem würdigen Geistlichen, dem spater der tressliche, aufgeklarte Pater Löffler und zuletzt der jetzige Bischof Mauermann folgte, war der Religionsunterricht anvertraut, wahrend für die übrigen Elcmentarwissenschaften die besten Lehrer ausgewählt wurden. Die Vorliebe für das mathematische Studium, welche der Prinz in den Vortragen des Oberstlieutenants Fleischer von, Jngenieurcorps und des Artilleriemajors von Eppendorf gewonnen hatte, mußte später der Richtung auf die politischen und historischen Studien weichen. Hierzu trug besonders der juristische Cursus bei, der unter dem, als Schriftsteller rühmlich bekannten Hofrath Stübel durchgeführt wurde, dessen consequent festgehaltene Theorie, sowie sein lebendiger Vortrag den lehrbegicrigen Schüler sehr anzog. Nach der Rückkehr von einer, MI nach Italien unternommenen Reise trat der Prinz in das Geschäftsleben ein, indem er Sitz und Stimme im geheimen Finanzcollegium erhielt, wo er aus der Leitung und dem Umgang des Geheimraths Freiherrn von Manteussel, des damaligen Directors des zweiten Departements, großen Nutzen zog. Als 1825 durch des GcheimrathS von Gutschmidt Austritt aus dem Collegium Freiherr von Manteussel Präsident ward, erhielt der Prinz das Vicepräsidium. Er nahm seitdem an allen Directorialgeschäften Antheil und führte den Vorsitz im ersten Departement, in welchem die Angelegenheiten der indirekten Abgaben und des Straßenbaus ihn sehr in Anspruch nahmen. In dieser Stellung konnte es nicht fehlen, daß mit immer mehr gewonnenen selbständigen Ansichten auch das Jn- leeesse an den Geschäften selbst lebhaft zunahm. Als im Sept. 1830 Prinz ßrickrich August, der ältere Bruder, die Mitregentschaft des Königreichs antrat, ward dem Prinzen Johann an dessen Stelle der Vorsitz bei der zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe niedergesetzten Eommission anvertraut. Kurz darauf übernahm »das Generalcommando der Communalgarden im ganzen Lande und ward zu- 8 eich Mitglied des geheimen Raths. In dieser Eigenschaft nahm er in den Jahren WO und 1831 an den wichtigsten Verhandlungen Antheil, sowie er bereits imher, da der Geheimrath von Manteussel als Bundestagsgesandter nach Frankfurt versetzt wurde, interimistisch das oberste Präsidium im geheimen Finanz- ^W>um übernommen und dasselbe so lange geführt hatte, bis solches im Frühling bsm jetzigen Finanzminister von Zeschau übertragen wurde, den er selbst Perrich einführte. Nach Auflösung des geheimen Rathes endlich erhielt er den Ersitz im Staatsrath. Nicht ohne Nutzen für die Kenntniß mancher Lebens- Wltnisse, sowie der praktischen Landwirthschaft, blieb die Erwerbung des ^Jahnishausen, dessen Bewirthschastung der Prinz selbst leitete. Höchst "Uch in seiner Lebensweise und mit entschiedener Vorliebe für wissenschaftliche ^uigkeit, tragen auch alle seine Genüsse dieses Gepräge, und wie sich jedes Gei- ^ iym gern und leicht befreundet, so machte er auch im Studium der griechischen Ulw w- ^ ^ allein erst im zweiundzwanzigsten Jakre unternahm, später Leitung fortsetzte und dem er manche Mußestunde widmete, auffal- ch'sck welchen er bald die vertraute Bekanntschaft mit den besten grie- ^lii! Historikern verdankte. Die Vorliebe für Dante ist eine ^ >> während der ersten Reise des Prinzen nach Italien sproßte und die in 592 Johnston der Versetzung der „Göttlichen Komödie" eine schöne Frucht getrieben hat. *) M der wahrhaftesten und liebenswürdigsten Humanität, die aus richtiger Schäwn' echten Menschenwerthes und williger Anerkennung jeder ausgezeichneten Zndivj- dualitat hervorgeht, verbindet er die Gabe, über wissenschaftliche Gegenstande gei^. ! fig und mit großer Klarheit zu sprechen; und da er, ohne eine geprüfte Ansicht IM' ^ B > aufzugeben, doch für jede fremde Meinung, wenn sie nur etwas für sich hat, Ach- > M tung und Aufmerksamkeit behalt, so gehört das Abhandeln solcher Gegenstande für W Jeden, den er des Zutritts in seinem Kreise würdigt, zu den erheiterndsten Geistes- genüssen. Solcher Art sind denn auch die Abendgesellschaften, zu welchen sich aus- ^ gezeichnete Manner nicht selten bei dem Prinzen einfinden, und welche auch bc- rühmte Fremde nichtverließen, ohne die angenehmsten Eindrücke von des Prinzen ^ Liebenswürdigkeit zu behalten. W Iohnston (Sir Alexander), geb. 1775 zu Camalloch in der schottischen Grafschaft Dumfries, ging 1780 mit seinen Altern nach Ostindien, wo er eine tressliche Erziehung erhielt. Ein seltenes Zusammentressen der Umstände verschaffte «O ihm ausgezeichnete Lehrer in einem Lande, wo die Saat europäischer Civilisa- fBD tion bisher absichtlich nur sparsam ausgestreut wurde: Sir Th. Munro im La- tieÄ teinifchcn, Gen. Leith jim Griechischen, Oberst M'Kenzie und seine Mutter (von Mi, Napier, dem Entdecker der Logarithmen abstammend) in der Mathematik, und der ehrwürdige Missionar Schwarz erlheilte ihm den ersten Religionsunterricht. Vmz Dabei wurde die Ausbildung seiner körperlichen Fähigkeiten so wenig vernachlas- Äck sigt, daß sein Vater ihn alles Unterrichtes vier Monate im Jahr entband, wahrend welcher Zeit er in Begleitung eines Radschput-Soldaten an den Jagdea und andern kräftigenden Übungen der benachbarten Berghauptlinge Antheil nahm, M ohne einen Europäer zu sehen. Er erlangte hierdurch jene Vertrautheit mit den lchk. Sitten und der Sprache der Hindus, die ihm bei seinen spätem Arbeiten so ! wesentlich zu statten kamen. Zu allem Großen, das er für sein zweites Vaterland kiD Ostindien gethan hat, war von seinen ausgezeichneten Jugendlehrern der Keim KH in sein empfängliches Gemüth gepflanzt worden. Wir treffen ihn 1792 wieder in Frankreich. Auch der Gönner seines Vaters, Lord Macartnev, war um jene Zeit aus Indien zurückgekehrt, und auf dessen Anrathen bestimmte sich I. für 'My die Rechtswissenschaft und besuchte die Universität Göttingen, wo er mit vielen spater ausgezeichneten Männern Bekanntschaften anknüpfte. Nach seiner Rück- kehr studirte er unter der Anleitung seines Verwandten Lord Erskine die englischen Gesetze und trat dann wahrend einiger Zeit als Sachwalter vor den Gerichten auf. Fox, mit welchem ein Aufall ihn bekanntmachte, verstand es, daö Gebiet ^ auszufinden, worauf die Talente des jungen Rechtsgelehrten am vortbeilhas- ^ testen verwendet werden könnten — Ostindien. I. reiste 1802 mit seiner Familie ^ ^ als Generaladvokat des neu errichteten königlichen Tribunals auf Ceylon ab. Vis ^ ^ 1805 bekleidete er dieses Amt mit einer Treue, die nicht ahnen ließ, daß er im , ^ Stillen jene großen Plane vorbereitete, die er später selbst in das Leben rufen sollte. Sir Th. Maitland, der damalige Gouverneur von Ceylon, ernannte ihn 1805 zum Oberrichter und zum ersten Mitglied des Verwaltungsrathes der Zw«, ^ und ging auf J.'s Ansichten hinsichtlich der Verbesserungen des gerichtlichen un ^ politischen Zustandes von Ostindien völlig ein. Er schickte I. 1809 nach England. ^ um zur Ausführung derselben die Genehmigung der Regierung auszuwirken. ^ Dies gelang vollkommen und als Vorstand der Verwaltung wirkte I ^on 1811 —18 auf Ceylon so segenreich, daß diese Jahre in der neuern Eulw-- ^ *) Die ersten zehn Gesänge der „Hölle" in reimfreien Elfsylblern ließ der Prnn u« .. 1326 mit einem, „Phiialethes" unterzeichneten Vorwort und einigen ""chss!" - ohne Jahrzahl und Druckort (103 S., 4 , mit einem Titelkupfer von Prwatvcrtheilung drucken. B. > lilb l»«' da Jomard 593 Ä'-ss geschichte des indischen Orients Epoche machen. Ein allgemeines Erziehungs- , system ward eingeführt, dem religiösen Verfolgungsgeist, der namentlich die ^ Katholiken auf der Insel schwer drückte, gesteuert, der Sklavenhandel verpönt und alle nach dem 12. Aug. 1816 geborenen Sklavenkinder erhielten ihre Frei- . heit. Er schaffte die Beschrankungen ab, welche die sogenannten Halbkasten zurück- ^ten, räumte die gesetzlichen Hindernisse der Anstedlung von Europäern auf Ceylon aus dem Wege, hob das Ansehen der Gerichte in den Augen des Volkes, und entwarf unter dem Beistand einiger Eingeborenen ein faßliches Gesetzbuch für die indische, mohammedanische und buddhistische Bevölkerung. Sein größtes Werk aber ist die Einführung der Geschworenengerichte. Die mit dem großen Reichssiegel versehene Urkunde, welche den Eingeborenen das Recht gibt, in allen Criminalfallen von ihren eignen Landsleuten und ihres Gleichen gerichtet zu werden, bildet die Grundlage zur künftigen Nuxna ckarta Ostindiens. I. An,',!» kehrte 18l8 nach England zurück und nahm seiner schwankenden Gesundheit s wegen seine Entlassung, er hat jedoch nicht aufgehört, das begonnene Werk htt U I fortzusetzen. Als Mitftifter der usiutie «ociet/ ol litersture, dieses für 'WiriÜ die Kenntniß des Orients so wirksamen Instituts, leitet er die Correspondenz mit den sammtlichen ostindischen Besitzungen. Auch hat er den Plan zu einem allgemeinen Appellationshofe in England für ganz Ostindien und Civil- und Marinegesetzbücher für die Hindus entworfen. Zu arm, um selbständig als Bewerber aufzutreten, und zu stolz, um sich von einem Wahlfleckenbefitzer in das Parlament bringen zu lassen, war er nie Mitglied des britischen Senats. Als Patriot bezeichnet ihn die edle Handlung, daß er seit 1817 auf seinen Gehalt als Vice-Admiralitätsrichter auf Ceylon zum Besten des Vaterlandes Verzicht leistete. (12) Jomard (Edmond Franyois), geboren zu Versailles am 20. Nov. 1777, begann seine Studien auf der Schule seiner Vaterstadt, besuchte später unter Geoffroy das College Mazarin zu Paris und hatte in seinem fünfzehnten Jahre gerade den Cursus der Logik und Mathematik vollendet, als die Schule aufgehoben wurde. In die Unterrichtsanstalt des Brücken- und Straßenbaus aufgenommen, widmete er sich dem Studium der Natur- und Erdkunde. Er war U95 einer der Ersten, welche in die neu begründete polytechnische Schule aufgenommen wurden, und erhielt 1798 den Ruf, an dem Feldzug nach Ägypten als Ingenieur-Geograph Theil zu nehmen. Zu Alexandrien angekommen, ward a mit der Aufnahme eines topographischen Plans dieser Stadt beauftragt, und abnliche Arbeiten, die um so gefährlicher waren, als man gewissermaßen jedes ^lück der Bodenfläche, das man messen wollte, vorerst erkämpfen mußte, chck sagten schnell auf einander. Unter Monge's Schutze und mit Hülfe seiner Munde Jallois, Duvilliers, Chabrol und der Künstler Lepke, Dutertre, ^säle, Redoute, hat er zu gleicher Zeit die alten Denkmäler gemessen, gezeichnet und beschrieben, und als Mitglied des Instituts zu Kahira mehre Allste über Alterthümer und vergleichende Geographie vorgelesen. Auf seiner preise nach Europa hielten ihn widrige Winde in dem Archipel der ionischen Neln stst und gaben ihm Gelegenheit, Jthaka und Cephalonia zu erforschen. 1802 nach Frankreich zurück, erhielt aber sogleich von dem Kriegsmini- , nchÄ irVM ichZ.ß' Mick« I den Befehl, sich nach Baiern zu begeben und d,e topographischen Arbeiten I n«' lowvl längs der böhmischen Grenze als in der Oberpfalz zu leiten. Zugleich gab er P "enden Ergebnissen der wissenschaftlichen Reise, an welcher er The'l genommen ha te, . Schacht. Mancherlei Verbindungen mit gelehrten Alterthumskennern ^ i Alandes setzten ihn in Stand, seine archäologischen Studien fortzusetzen, ohne ^ d-r die Erdkunde noch die Naturwissenschaften zu vernachlässigen. Er wurde 1808 Paris zurückberufen, um an der Redaction der „DescrPtron äe l l.öN'te ^onv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 0. 594 Zomard zu nehmen und nach Conte's Tode erhielt er das Secretariat der damit beauftnv- ! ren Commission. Endlich wurde er an Lancret's Stelle, der 18V7 gestorb^ war, mit der besondern Leitung des Kupferstichs und des Drucks beauftrag? OV welche Riesenarbeit ihn auch 18 Jahre hindurch beschäftigt hat. Für die Kl ! gemalten Kupfertafeln brachte I. die von Conte erfundene Stichmaschine in Anwendung. Nach dem Frieden von 1814 reiste er nach England, um mehre in die Gewalt des Feindes gerathene ägyptische Alterthümer abzuzeichnen und ^ dadurch das große Werk zu vervollständigen. Durch das Wohlwollen des Sir Je- ü ^ seph Banks ward ihm das britische Museum geöffnet und der Weg zu vielen gelehr- ten Bekanntschaften gebahnt. Am meisten schloß er sich an W. Allen an. Nach ^ Frankreich zurückgekehrt, ward er nebst Degerando, Laborde, Lasteyrie und Gau- ffcess tier Mitglied des Erziehungsausschusses, der mit Einführung des wechselseitigen Unterrichts beauftragt war. Da er in England Gelegenheit gehabt hatte, diese chndb! Lehrmethode genau kennen zu lernen, vertraute man ihm und Choron den Ent- Mß wurf des Schulplans und der ganzen Einrichtung an, und so wurde zu Paris wchtit mitten unter dem Kriegsgetümmel im Zun. 1815 eine große Musteranstalt für smM 350 Schüler in der Kirche St.-Iean de Beauvais eröffnet. Außer einem Be- s«H richte über Londons öffentliche Lehranstalten gab er 181V anonym sein ß»lt cke la vaetllocke lies ecoles elämentaires" heraus. M Von I.'s gelehrten Arbeiten, deren Menge bei den vielen Ämtern, die er vd durch bekleidet — er ist auch Secretair der Ermunterungsgesellschaft — in Erstaunen setzt, M, verdienen besonders die Beschreibung der Hypogeen von Theben (in der „vescrip- Ze, tinn de l'L^pte") mit Notizen über die Hieroglyphenschrift, und die Abhandlung HM s über das Maßsystem der Ägypter Erwähnung. Er wurde 1818 zum Mitglied? der AitK Akademie der Inschriften und kurze Zeit darauf zum Ehrenmitglied der Akade- iMu mien von Berlin, Neapel, Kopenhagen, Turin und vieler andern gelehrten Gesell- HM schaften ernannt. Er entwarf 1821 die Statuten der geographischen Gesellschaft M ^ und wurde seitdem zwei Mal zum Vorsitzer derselben gewählt. Sein Einfluß aus Alles, was Afrika betraf, bekam von nun an einen immer größern Wirkungskreis. M ^ Kein französischer Reisender unternahm eine Reise nach jenem Erdtheile, den I. sich zum Hauptgegenstand seiner Studien gemacht zu haben scheint, ohne seine thätige Theilnahme. So versah er Cailliaud, dessen „Vo^ge ü 1'ousi« äs ^ ^ 3Aet>es" er 1820 herausgab, Beaufort und Pachv mit Hülfsnotizen und Auf- trägen, trug zur Veröffentlichung von Mengin's „ttistoire äe I'Lg)-pte" (Paris 1823) viel bei, gab 1825 Dard's „Dictionnaire veolok" heraus, und machte nach Drovetti's Materialien die „VoyuFe ü Uoasis cke Siouall" (Paris 1822 Fol.) bekannt. Als Mohammed Ali sich 1820 durch seinen Gesandten Had- scki-Osman-Nureddin mit Frankreich den Vertrag geschlossen hatte, jährlich ^ ^ ei re Anzahl junger Ägypter nach Paris zu senden, um sie dort in Wissen- Schäften und Künsten bilden zu lassen — ein Unternehmen^, das wegen des griechischen Freiheitskampfes erst 182V in das Leben trat — übernahm I., o - ^ ^ gleich damals in Ungnade gefallen, ohne Rückficht auf Gewinn aus remem ' Pflichtgefühl deren Leitung. Die glanzenden Anerbielungen Ali Pascha s schlug er aus. Sein fester Charakter und sein lebhaftes Gefühl für Unabhängige, welchem zufolge er keiner Partei angehört, haben ihm oft geschadet. Aus In e zur Wissenschaft und zur Menschheit verwaltete er mehre Ämter in gelehrten un ^ > philanthropischen Vereinen ohne jede Aussicht auf Belohnung. Zur Begründung . einer Schule des wechselseitigen Unterrichts in seiner Vaterstadt bestimmte c den Ertrag eines seiner größern Werke. Seine wichtigsten Schriften, miß-» ^ ^ schon erwähnten, sind: „lAVIeau ckes ecoles elewentuires" (Paris 1816, Fr ch ^ ^ „Notice sur les lignes numäri^nes iiAer avec le >iil" (Paris 1825); „Vocakulaire a l'usage tles ^o^ageurs" (Paris 1826, im Auszug in Balbi'S etkno- gmplugue"); „Remarques sur les ckäcouvertesAöograptiigues taltesclan, l'^lri- ^ue centrale" (Paris 1827, 4.). Eine große Menge kleiner Schriften über Erziehung und die aus deren Vernachlässigung entstandenen Verbrechen, über Paris und dessen Leben und Treiben sind anonym erschienen. Er lieferte zugleich viele Artikel in Zeitschriften. Von der großen Beschreibung Ägyptens gehören ihm allein 6 Bande. Durch einen königlichen Befehl wurde I. als Aufsehereiner neu errichteten Karten- stmmlung bei der königlichen Bibliothek angestellt, und somit hat die Erdkunde von seiner Thätigkeit noch manche Bereicherung zu hoffen. Wahrend des Winters versammelt sich bei ihm Mittwoch Abends eine ausgewählte Gesellschaft fremder und einheimischer Gelehrten, worin seine liebenswürdige Gattin den Vorsitz führt und durch Geist und Witz ihr Haus zu einem der angenehmsten in Paris erhebt. (8) Jonge (I. C. de), niederländischer Reichsarchivar, aus einer angesehenen Familie stammend, ward am 9. Mai 1793 zu Zierikzee in Zeeland geboren. Seil früher Jugend widmete er sich mit Begeisterung der Geschichte seines Vaterlandes und den dazu gehörenden Hülfswissenschaften. Nach der Wiederherstellung Hollands in den Jahren 1813 und 1814, wobei seine Familie sich auszeichnete, ward er als Gehülfe dem damaligen Archivar van Wyn beigeordnet, der seit IM unermeßliche und bis dahin fast verborgene Urkundenschatze aufgefunden und gemeinnützig gemacht hatte, aber in seinem hohen Alter eines Beistandes bedurste. I. widmete sich diesem Berufe mit allem seiner Jugend und seinem Charakter eigenthümlichen Eifer. Er erhielt 1814 in Leyden die juristische Doctor- wüide, nachdem er eine Dissertation vertheidigt hatte, worin er einige Holland und Zeeland betreffende Urkunden erläutert. Er gab darauf 1817 in holländischer Sprache eine, auf neuentdcckte Urkunden gestützte Geschichte des Zwistes der Hoeks und Cabbeljaus im 14. Jahrhundert, und gleichzeitig die Geschichte der vormundschaftlichen Regierung unter Florent V., Grafen von Holland, im ! 18. Jahrhundert heraus. Später folgten das Leben der Admirale Eversten (Leyden 1817), die Geschichte des Einflusses des Bürgerstandes in den Ständeversammlungen während der Regierung der Herzoge von Brabant, der Grafen von Flandern, Holland und Zeeland (Leyden 1824), eine von der Gesellschaft für holländische Sprache und Literatur gekrönte Preisschrift. In seiner Geschichte der brusseler Union von 1577 (Haag 1825 — 27) entwickelte er die Wirksamkeit dieser von frühern Geschichtschreibern nur beilausig erwähnten Verbindung nach °iner gleichzeitigen Denkschrift. Delleville Baussart übersetzte diese Schrift unter ^em Titel: „Histoire da I'nnion de Lruxelles 3e 1577" (Rotterdam 1829). Zwei Bänden ungedruckter Beiträge zur Geschichte der Niederlande vom 14. bis 1"- Jahrhundert, die I. gleichfalls seit 1825 bekannt machte, gab er einen fahren Schatz geschichtlicher Kunde. Von seiner Ausgabe der Beschlüsse der ^neralstaaten mit erläuternden Anmerkungen erschien (Haag 1828, 4.) der erste und, welche das Jahr 1576 umfaßt, und er ist mit der Fortsetzung derselben uch einem beschränktem Plane beschäftigt. Zu seiner Geschichte des Ursprungs i ^ niederländischen Flagge (Haag 1831) gab van Speyk's Heldentod Veran- 385 596 Jordan (Johann Ludwig von) lassung. I. leitet den Ursprung der dreifarbigen niederländischen Flagge (orange, weiß und blau) aus der ersten Zeit der Verwaltung Wilhelms von Oranien her und gibt in jener Schrift eine Probe seiner, seit mehren Jahren vorbereiteten Geschichte der niederländischen Seemacht. Die 1832 erschienene Lebensgeschichte seines im Aug. 1831 im 91. Jahre verstorbenen Vorgängers van Wyn »nacht seinem Geiste und Herzen Ehre. Neben der Verwaltung des Archivs er zugleich seit mehren Jahren die Aussicht über das königliche Münzcabinet im Haag. Unter dem Titel: „Police snr 1e cnbinet des määmlles et Ues pierr« ^rcrvees Ue 8a Nageste !e roi cles (Haag 1823, mit einem Nachtrag 1824) gibt eine Übersicht jener Sammlung, über deren Reichthum besonders an Eameen Göthe in „Kunst und Alterthum" (Band 4, Hest 1 und 3) sprach. I, hat seine vertraute Bekannschaft mit diesem Fache auch schon in dem ersten Bande seiner Erklamng niederländischer Denkmünzen erprobt, den er gemeinschaftlich »nit Jeronimo de Vries (Haag 1824,4.) herausgab. Seine rastlose Thätigkeit laßt noch viele schätzbare literarische Gaben erwarten. (74) Jordan (Johann Ludwig von), preußischer wirklicher Geheimrath, Gesandter am königlich sächsischen Hofe, geboren den 3. Sept. 1773 in Berlin. An ihm wird offenbar, wohin es eine vielseitig gewaüdte Arbeitsamkeit mit einer stets heitern Laune bringen kann, wenn das Glück einen guten Fahrwind wehen läßt. Die Jordans gehören zu einer der achtungswürdigsten resormirten Familien, die der große Kurfürst 1680 als Rr'fugies in seinen Staaten aufnahm. Der erste Einwanderer hatte als Kleinhändler mit einem Kästchen auf dem Rücken das Land durchzogen und starb »nit Hinterlassung eines ansehnlichen Vermögens. DaS Kastchen war lange das Erbtheil des Erstgeborenen in der Familie. Der Großvheim des jetzigen Ministers genoß als reformirter Prediger in Rheinsberg das Zutrauen des dorthin verwiesenen Kronprinzen und stieg dann unter Friedrich II. in Berlin , WWW bis zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Die Briefe an ihn stehen in des Königs Werken. Der Großvater errichtete in Berlin eine große Bijouterie« fabrik mit pariser Artikeln, wurde Hofjuwelier und mußte dem König jährlich wenigstens zwei prächtige Tabatieren nach dem oft seltsamen Geschmack des Monarchen lie» fern. Sein Nachlaß wurde unter seine zahlreiche Familie getheilt. Des Ministers Vater verwaltete das Geschäft, welches nur einer von seinen fünfSöhnen wieder fortsetzen sollte; die andern sollten studiren oder sich sonst dem Staatsdienste weihen. Damals zählte das französische Eonsistorium mehre hochangesehene Rednertalente. Sie sollte sich Ludwig I. zum Vorbild nehmen und Theologie studiren. Er besuchte das französische Gymnasium unter Erman und bekam durch den berühmten Formey einen Vorgeschmack von der damals herrschenden Wolf'schen Philosophie; das Alles fand aber sein aufgeweckter Geist mit sehr glücklichen Anlagen zu trocken. Den frühen Verlust eines würdigen Vaters vermißte er weniger bei einer ausgezeichneten Mutter, die er noch in späten Jahren kindlich verehrte, und so bezog er 1791 die Universität Halle, um dort unter Klein, Dabelow, Woltair u. s. w. die Rechte zu studiren. Hausgenosse des damals wegen seiner „Apologie desSokrates verketzerten Eberhard, fand er in dessen geistreichen Abendgesprächen über Literatur und Politik oft reichere Belehrung als in den Kathedervorträgcn. Dein Umgang mit diesem weisen Forscher, der auch die damals ausgebrochene Revolution nchug beurtheilte, sowie den Privatübungen mit einigen gleichgesinnten akademischen Freunden, verdankte er seine reifere Bildung. In Berlin arbeitete er zuerst als äu- scultator beim Stadtgericht, bald aber auch als Rendant beim Depositorium der französischen Colonie, die damals noch ihren unabhängigen Gerichtshof und una - hängige Administration hatte. Er wurde 1796 nach überstandener Prüfung Ul- sessor. Schon damals stand sein Sinn nach dem Departement der auswärtigen Angelegenheiten. Aber wie kommt man, sprüchwörtlich zu reden, nach KornN ). Ein Zufall ließ einen Secretair dort erkranken und der Minister Graf von Alvens- leben wählte den jungen I., weil er in ihm genauere Kenntniß der französischen Sprache voraussetzte. So trat er anfangs als Journalist ein (1799), ohne Gehalt der indeß nicht ausblieb und nach und nach sich vermehrte. I. wurde Kriegsrath. Schnell entwickelte sich in dieser Vorschule zum Staatsdienste sein Talent; klare Auffassung und Darstellung mit schnellem Uberblick und einem nie zu ermüdenden Geschaftseiser. Er stieg immer mehr in der Gsinst seines Chefs, wurde sein täglicher Tischgenosse und mußte ihn auf Spazierfahrten begleiten. Alvensle- bcn behandelte ihn, als wäre er sein Sohn. Sein W'spiel zeigte ihm früh, daß die wahre Politik stets in Geradsi'nn, nicht in schlangensörmigen Ubcrlistungen bestehe. Auf einer Familienreise, die der Graf auf seine Güter im Magdeburgischen und Halbcrstädtischen machte, ihn begleitend, sah I. diese Provinzen zum ersten Male und erwarb sich dann auf seiner ersten Sendung nach Rheinsberg, wohin er den Geheimrath von Raumer begleitete, bei der Entsiegelung des merkwürdigen Nachlasses des Prinzen Heinrich und bei Besorgung desselben Beifall. Eben hatte er aus den Händen seines väterlichen Chefs das Diplom als Expedient bei der Staatskanzlei mit angemessenem Gehalt empfangen, als ihm dieser durch einen Fall im Zimmer schnell entrissen, die Staatskanzlei aufgehoben und GrafHaug- witz sein Chef wurde, mit dem er in bloßen Gcschäftsverhältnissen stand. Hier berührte er sich zuerst in Geschäften mit dem einflußreichen geheimen Cabinetsrath Lombard, seinem alten Jugendfreund. Konnte sich seine Thätigkeit jetzt weniger bemerkbar machen, so blieben doch seine Arbeitsamkeit und sein durch nichts erkaltender Diensteifer dieselben. Bald sollte ihm ein weiterer Wirkungskreis mit vollkommener Anerkennung werden. Baron von Hardenberg war von der Verwaltung der fränkischen Fürstenthümer nach Berlin verpflanzt und bei des Ministers von Haug- wih damaliger Abwesenheit als dirigirender Cabinetsminister angestellt worden. I. hatte viele Arbeiten seiner kränkelnden oder weniger tharigen Collegen mit dm seinigen zugleich stets unweigerlich gefertigt. Sein Name unter so vielen ihm taglich vorgelegten Ausarbeitungen erregte des Ministers Aufmerksamkeit. Er begehrte ihn selbst zu sprechen, und foderte ihn auf, die liegen gebliebenen wichtigen Arbeiten auf sich zu nehmen. Diesem Geschäfte widmete sich I. mit Eifer. I Des Ministers Zutrauen wuchs und so ertheilte er ihm nun den schwierigen Auftrag, ihm Vorschlage zur Reorganisation des ganzen Ministeriums vorzulegen. Es gelang ihm durch schnelle Erfüllung desselben die vollkommene Zufriedenheit eines Ministers zu gewinnen, der selbst in rastloser, nie zu erschöpfender Thätigkeit seines Gleichen suchte. Friedrich Wilhelm'II. sah sich genöthigt, das alte schöne Erbtheil, das von Bernadotte bereits in Besitz genommene Anspach, gegen das in der Lust hängende Hanover abzutreten. Dem zu Anfang 1806 zur Adelung nach Anspach gesandten geheimen Legationsrath Nagler wurde I. zur Begleitung mitgegeben. Eine schwierige Aufgabe den herrisch gebietenden Franzosen gegenüber! Doch gelang es ihm, in dem ihm angewiesenen Wirkungskreise diesen durch seine geselligen Talente und muntere Unterhaltungsgabe zu gefallen, und Aagler selbst wußte es ihm Dank, da der Gang der Unterhandlungen dadurch erleichtert wurde. Er mußte auf dem Schlosse wohnen und speiste täglich beim Marschall Bernadotte, dem sein Umgang Bedürfniß geworben war. Hier machte er auch die Bekanntschaft mit Dörrnberg, Hänlein und andern Deutschen, aber auch uut Davoust, Mortier, Maison, Eblc und einer großen Zahl französischer Gene- ^ und Administrationsmänner, die für eine nahe verhängnißvolle Zeit nicht ohne lnfluß für blieb. Als er im Jul. nach Verlin zurückkam, fand er schon 's zum^Bruch mit Napoleon gerüstet. Es war ein unerfreulicher Auftrag vom ^ Ilster Schulenburg-Kehnert, der in der Hauptstadt zurückgebliebenen königli- 598 Jordan (Johann Ludwig von) chen Familie die Bulletins von der Armee mit Schonung mitzutheilen. Hüls- und rathlos war die Lage der Hauptstadt nach der Schlacht bei Jena; der Sieger im Flugschritt anrückend, in der Stadt auf einen für unmöglich gehaltenen Fall nicht die geringste Vorkehrung. Die Kanzlei der auswärtigen Angelegenheiten war mit Haugwitz der Armee gefolgt, I. ohne bestimmte Anweisung zurückgeblieben, Doch blieb er nicht geschäftlos und seine Gegenwart wirkte vielfach berathend und eingreifend. Der Magistrat mußte neu organisirt werden. Bei diesen Dringlichkeiten trat I. mit seinen in Anspach erworbenen Kenntnissen der französischen Vcr- waltungsweise ein. Er nahm, durch Büsching und Kols dazu eingeladen, an Allem Theil. Mit dem dazu von ihm erbetenen Geheimrath Jordan ward er dem Kaiser Napoleon entgegengeschickt, hatte bei ihm, durch Marschall Sannes militai- risch transportirt, in Kropftädt früh um 4 Uhr eine sehr ungnädige Audienz und kam erst mit dem Vortrab der Sieger in Berlin an. Von nun an Mitarbeiter im (lowite allwilnstrutif, sollte er oft Unvereinbares in Einklang bringen, und end» loser Kampf in den Vermittelungen zwischen den Siegern und Besiegten bis zum tilsiter Frieden war sein Loos. Seine Lage wurde durch sein Verhaltniß zum Ausschuß der märkischen Stände noch verwickelter. Einiges gelang jedoch über Erwarten durch die scheinbare Leichtigkeit und Munterkeit, womit er Clarke, Dam, Esteve, Hulin, Bignon, Stassaert mehr oder weniger zu gewinnen wußte. Sie behandelten ihn mit Achtung, und dies nutzte der Stadt und dem Lande. Er hatte cS nicht vermeiden können, die als Unterhändler geschickten Lucchesini undZastrow außerhalb Berlin zu sprechen. Da donnerte Hulin. Bis 1809 und bis zur Rückkehr dcS Hofes dauerte seine Thätigkeit als Expedient des auswärtigen Ministeriums und in verschiedenen Comites fort. Eine ungleichartig zusammengesetzte Friedensvvllzie- hungscommission zur Räumung der noch besetzten Provinzen scheiterte an des unerbittlichen Rechenmeisters Daru Eigensinn. Dieser hatte 2 Millionen, als Betrag geleisteter Lieferungen von den märkischen Ständen, die von der Contribution abgestrichen werden sollten, anzuerkennen sich geweigert. Eine Deputation der Stände, bei welcher sich auch der Graf Jtzenplitz befand, ging nach dem tilsiter Frieden nach Dresden, um bei dem dort anwesenden Napoleon Vorstellungen zu thun. I. war ihr Sprecher und sah so den Kaiser zum zweiten Male. Viel Redensarten von Seiten des Kaisers; aber es blieb bei Daru's Weigerung. Vergeblich unterhandelte der von Königsberg kommende Baron von Stein, wobei I. einige Noten zu redigiren bekam, und mußte schnell zurückgehen- Die kurmärkischen Stände hatten I. zur Dankbarkeit für die ihnen treu geleisteten Dienste zu dem erledigten Posten eines Oberziesemeisters ernannt. Unter Minister von Voß zum geheimen Kriegsrath befördert, behielt er auch unter dem Minister Golz seinen alten Geschäftskreis. Aber auch er entging in dieser leidenschaftlich bewegten Zeit, wo die am Ort Verharrenden immer am meisten ausgestellt waren, manchen Anfeindungen und Verleumdungen nicht; doch erhielt ihm seine sich stets gleich bleibende Thattg- keit und Brauchbarkeit die früher erworbene Freundschaft Nagler's, seines damaligen Chefs. Als 1810 Hardenberg aus seiner Zurückgezogenheit auf seinem Gute Tenu pelberg zum Staatskanzler berufen und jeder Zweig der Administration ihm unter- n Nagler's Stelle trat, blieb I. in den ersten Wamel, «!!!G Wism U Pi geordnet wurde und wobei Küster an Nagler'. . . - chen unbemerkt. Bald kehrte das alte Zutrauen zurück. Die Lage des ausgesogenen und an so vielen Wunden blutenden Staats schien hülslos, und doch mußte >e Contribution pünktlich abgetragen werden. In dieser Verlegenheit waren für Hardenberg die auf mancherlei geheimen Wegen erhobenen Gefälle in den OsticclMN von größter Wichtigkeit. Aber abgesehen davon, daß diese Hülfsquelle mit man- cherlei Gefahren drohte, lag auch noch ein geheimnißvoller Schleier über eine Verfahren, welches die damalige Lage des Staats zwar rechtfertigen mochte, a >> doch nicht zu veröffentlichen gestattete. In Berlin fehlten alle Nachweisungc . Jordan (Johann Ludwig von) 599 Da gelang es I., dem Kanzler wichtige Aufschlüsse darüber zu verschaffen, der ihn» nun unter seiner unmittelbaren Leitung die ganze Behandlung dieses Geschäfts übertrug.. In den Ostseehäfen wurde der Handel mit England durch die unersättlichen Franzosen Clerambault und seine Gehülfen mit solcher Unverschämtheit betrieben, daß der darüber ergrimmte Napoleon die Häfen ganz in Besitz zu nehmen drohte. Nach langer und ernster Berathung mußte I. sich entschließen, zwar mit unumschränkter Vollmacht, aber auf eigne Verantwortung das ganze Colo- Mlwaarengeschäft zwischen der Weichsel und dem Niemen zu übernehmen. Zum Staatsrath befördert, reist er als Inszmcteur xeoerul der Ostseehäfen am 9. Oct. 1810 über Stettin und Da»,zig nach Königsberg, tritt als Chef zur Verhütung aller Contrebande auf und kommt mit den französischen Hauptagenten Lieber, Rapp, Clcrambault, Ducotlosquet, Framery und Andern in die gefahrlichste Berührung. Die Besorgniß in Berlin über den Ausgang eines solchen Auftrags stieg mit jedem Tage. Nur Hardenberg ward in seinem Glauben an das Gelingen durch ihn nicht erschüttert. Eine bedeutende Anzahl Schiffe in Pillau und Me- mel, mit Colonialwaaren beladen, wurde durch seinen raschen Entschluß mit Beschlag belegt und nach vorangegangenem gerichtlichen Verfahren der Consiscation unterworfen. Ohne sein Vorwissen wird aber dennoch ein Vertrag wegen englischer Manufacturwaarm abgeschlossen. Davoust wüthet und J.'s Freiheit ist bedroht. Rapp wird sein Netter. Ohne alle Autorisation läßt J. in Königsberg und Memel die Maaren angeblich verbrennen und vereitelt dadurch Davoust's Drohungen. Allen seinen Nachstellungen zum Trotz wird das ganze Geschäft im Jun. 1811 in Königsberg beendigt. Die contractmäßig an Frankreich abgetretenen consiscirten Colonialwaaren gehen zu Wasser nach Magdeburg, wo eine commission mixte zur Abschätzung und Ablieferung niedergesetzt wird. Die Franzosen machen zum empfindlichsten Nachtheil Preußens neue Chikanen; die Commissarien sind rathlos und wissen sich nicht zu helfen. Durch Estafette augenblicklich von Königsberg abgerufen, mußte I. mit inncrm Grauen die Leitung des Geschäfts, die Lösung eines absichtlich geschürzten Drachenknotens, übernehmen; doch es gelang ihm trotz den delicatenVerhältnissen mit dem Chef der französischen Commission, den Handel vortheilhaft für Preußen zu schlichten. Durch Ablieferung der Colonialwaaren, womit Napoleon selbst nach Italien handelte, erhielt Frankreich 14 Millionen Fr. Contribution und der Kaiser erklärte sich nach Empfang derselben befriedigt. Nur Davoust noch nicht. Da trat ihm I. muthig unter die Augen, entwickelte den Gewinn des Kaisers, leugnete aber auch nicht, daß er als Preuße auch seine Pflicht gethan. Der unerschütterlich treue Großprevot seines Kaisers rief: „Vous ete» im drerve komme!" Nach beendigtem Austrag in Magdeburg trat I. als vortragender Rath ins Bureau des Staatskanzlers zurück. Bei Napoleons, den ganzen Continent aufbietenden Nüstringen 1812 befand sich Preußen furchtbar eingeklemmt. Drohende Bewegungen des 11. Armeecorps unter Davoust ! Endlich bringt am 9. Marz 1812 nn Courier den in Paris mühsam errungenen Allianztractat, womit I. augenblick- bch abreist, um Davoust von feindlichem Einschreiten abzuhalten. Er findet ihn ur Güstrow und muß ihn in seinem Wagen bis Stettin etappenmäßig begleiten, -bis zu Ende dieses, das große Gottesurtheil zur Vollziehung bringenden Jahres rauchte ihn der Staatskanzler zur Entwirrung mancher böslich verflochtenen Ver- alruisse mit den französischen Behörden und in mancherlei diplomatischen An- gelegenheiten. . ^ 1813 in Breslau, wohin I. dem Kanzler folgte, der Befreiungskrieg Glossen wurde, erlag er vor und nach der Convention in Kalisch fast unter der Hausenden Arbeitslast und benutzte später, als wahrend des Waffenstillstandes ^tskanzler auf dem Schlosse zu Pillau wohnte und dort die Bündnisse mit und England abschloß, die kurze Ruhe, um in Gnadenfrei sich zu erholen 600 Jordan (Johann Ludwig von) und ein Terziansieber, welches ihn befallen hatte, abzuwehren. Bei Allem, tv^ ! vor und nach der leipziger Schlacht vorsiel, war er des Kanzlers unzertrennlich» Pi"' Gefahrte und Geheimschreibcc und blieb es auch beim Eindringen der Mitten in ^ Frankreich, ging im Dec. bei Basel mit über den Rhein, und befand sich unter den Diplomaten, welche, dem Heere folgend, gewöhnlich Einen Zug bildeten (Mw ternich mit Genz, Nesselrode, Castlereagh, der hanöversche Hardenberg, Hum- ^ boldt), mit Hardenberg bald im Wagen, bald zu Pferde. Nach der Besitznahme von Paris wohnte er im nächsten Zimmer neben Hardenberg im Palais Bomben bei Tag und Nacht ihm zur Seite arbeitend, aber auch sein treuer Begleiter b.i !^' der großen Fürstenpromenade über Boulogne nach London. Viel Arbeit, doch nech mehr Genuß während des dreiwöchentlichen Aufenthalts in England. I. ward wirk- O ^ licher geheimer Legationsrath. Von Berlin ging es im Sept. 1814 zum Congreß 9 nach Wien, wo I. außer seinen currenten Geschäften auch als Mitglied des, die Quadratmeilen und ihre Bewohnerzahl gegen einander abwagenden statistischen Ausschusses und des warschauer Comites vollauf beschäftigt war. Der Congreß trennte sich bei Napoleons Rückkehr von Elba. I. findet in Berlin Manches aus- W, zuarbeiten, doch wird jede Anstrengung durch das angenehmste Verhältnis zu sei- M nem edeln Chef versüßt, neben dessen Hotel er eine Dienstwohnung bezieht und MM Tag für Tag unmittelbar unter ihm arbeitet. Nach der Schlacht bei Waterloo Mich begleitete er den Fürsten nach Paris und wohnte bis zum Dec. 1815 mit ihm Ä»§> zusammen im Hotel Montebello. Bei der Rückkehr nach Berlin trat das alte Vcr- s>On hältniß zu dem Fürsten Staatskanzler wieder ein. Wichtige Depechen und Vor- all trage wurden von Hardenberg in Gegenwart des Kronprinzen, Renffner's, Rau- KW mer's und Ancillon's berathett, deren Wohlwollen I. sich zu sichern wußte durch reelle Nach Dienstbeflissenheit und uneigennützige Anerkennung fremden Verdienstes. Man pH bestimmte ihn zu einigen wichtigen Sendungen, bei welcher Gelegenheit er in den tüH Adelstand erhoben ward. Manches, was in Wien beschlossen, in Paris verheißen lsW worden war, stockte und schritt nicht vorwärts. Die drei Commissionen in War- KM schau wegen der Grenze, des Handels und der Liquidation litten hemmende Unter- MM brechungen. Die Polen führten bittere Klage darüber. Alexander wird zur Eröss- AM nung des Landtags in Warschau erwartet. Der Staatskanzler, eben in Dobberan, IM wohin ihn I., sowie früher nach Karlsbad, zu begleiten aufgefodert worden war, begreift, daß sogleich Jemand zur Berichtigung falscher Ansichten und zur Be- Mch s schleunigung des Commissionswerks unmittelbar nach Warschau abgehen müsse. iMlch I., dazu bestimmt, ging Ende Sept. 1816 unmittelbar von Dobberan aus dahin ab. Der Kaiser, dem sein Anblick nicht fremd war, wies ihn sogleich in der ersten Audienz zur Ausführung seiner Auftrage an Kapodistrias und Nowosilzoss. ^ Durch gemeinschaftliche Bemühungen gelang es, alle Hemmungen zu beseitigen und die drei Commissionen zu einem abgekürzten, wirksamen Verfahren anzutcei- den. In Paris stockte das Liquidationsgeschäft sowol in der Contributionszahlung an Preußen als wegen der Reklamation aller übrigen Staaten. Es galt für Pceu- ^ ßen allein 86 Millionen, der Gesammtbetrag aber für alle Staaten belief sich an 866 Millionen. Nur kräftige und schnelle Maßregeln konnten zum Ziele führen. Diese wurden von I. im preußischen Interesse veranlaßt und von dem damals in Pyrmont sich aufhaltenden kranken Staatskanzler nachträglich gebilligt. I. trat ^ als Chef der zweiten und dritten Abtheilung des Ministeriums der auswärtigen An- gelegenheiten mit allen übrigen Ministerien in Verhältnisse, und fand, als er zu ^ Ende des Jahres in einer geheimen Sendung nach Wien ging, beim Fürsten Met- ternich eine ebenso freundliche als fördernde Aufnahme. Von Wien über Regens- ^ bürg zurückreisend, lebte er sechs Wochen in Engers bei Hardenberg, wurde von dort ^ aber zu seinen gewöhnlichen, immer dringender werdenden Sectionsgeschästen >n- ^ Jordan (Johann Ludwig von) 601 Berlin zurückgeschickt, mit dem besondern Auftrage, die damals in Stocken geratenen Theilungsverhandlungen mit Sachsen zu beschleunigen. I. ging im Mai 1818 nach Dresden. Die Verhaltnisse waren bisher so verwickelt gewesen, daß die Conferenz darüber in Wien gepflogen werden sollte. Freundliche Ausgleichung über verschiedene Punkte führten zum Entschluß, sich in Dresden selbst zu vergleichen. I. conferirte mit Globig, und es kam durch gegenseitige Concessionen zu vorläufigen Übereinkünften. I. wurde zum Abschluß des Hauptvertrags bevollmächtigt, begleitete dann den Staatskanzler nach Spaa und zum Congreß nach Aachen, bei welchem er ebenfalls thätig war. Hier erfolgte für ihn der ehrenvolle Antrag, als Gesandter nach Dresden zu gehen, den er in der Überzeugung, auch auf diesem Posten seinem Vaterlande nützlich zu sein zu können, annahm. Noch vor feiner Abreise nach Dresden mußte er den schwierigen Vertrag m den so verwickelten polnischen Angelegenheiten mir dem damaligen russischen Gesandten Grafen von Alopäus zu Stande bringen. Als er in Glinicke vom Fürsten Hardenberg Abschied nahm, drückte ihn dieser mit tiefer Wehmuth an die Brust, fühlend, daß einer seiner treueften Freunde und Anhänger auf immer von ihm scheide. Im Mai 1819 in Dresden angelangt, erwarb er sich durch Beschleunigung und definitiven Abschluß des Theilungsvertrags das Zutrauen des Königs Friedrich August und erhielt zum Beweise das Großkreuz des sächsischen Verdienstordens. Die freundschaftliche Annäherung beider Höfe war eine Folge des ihm mit vollem Rechte von beiden Seiten geschenkten Zutrauens. Die aus den Deputaten aller Uferstaaten zusammengefetzte Eommission zur Regulirung der freien Elbschifffahrt trat in Dresden zusammen. Da die Magdeburger Stapelgerechtigkeit aufgegeben und von Preußen manches Opfer gebracht werden mußte, hatte der preußische Deputirte >ine der schwierigsten Aufgaben zu lösen. Bei aller Klugheit des vsireichischen Commissarius, des Barons Münch-Vellinghausen, und des pro- tokollsührenden Raths Eichoff, würde die Sache, wie in Mainz, hingehalten worden sein, wenn es I. nicht in Gemeinschaft des östreichischen Commissarius gelungen wäre, mit unermüdeter Sorgfalt das getrennte Interesse sämmtlicher Uferstaaten durch Darbringung gleicher Opfer zum gemeinschaftlichen Handelsinteresse von Deutschland zu vereinigen. Das ihm erthcilte Großkreuz des Leopold- und Dane- brogordens bezeugte die Zufriedenheit der Höfe von Wien und Kopenhagen. Da I. auch bei Sachsen-Weimar undmehren kleinen norddeutschen Höfen accreditirt ist, verlebte er nicht nur manche angenehme Tage am Hofe in Weimar, sondern hatte auch die Freude, die Vermählungsacte der zwei jüngern Söhne seines Königs, der Prinzen Karl und Wilhelm, mit den weimarischen Prinzessinnen Marie und Auguste in den Jahren 1826 und 1828 zu unterzeichnen, welches ihm von Seiten seines Hofes den wirklichen Geheimrath mit Excellenz brachte. Seine Lage in Dresden ist die angenehmste. Doyen des dortigen diplomatischen Corps, findet er zu allen Geschäften einen guten Rath, zu allen Ereignissen eine treffende Bemer« kung, zu jedem Anspruch eine treffende Gegenrede. Nie vertrocknet die Ader seines stets schlagfertigen Witzes, dem doch durch eine scheinbare Gutmüthigkeit derver- wundende Stachel genommen ist. Feind aller Extreme und aller Unduldsamkeit, von keinem engherzigen Eigennutz besessen, fördert er das Gute, wo und bei wem er es findet. Seine Dienerschaft wird alt bei ihm. Seine Freundschaft trennt nur der Tod. Auch vom jetzt regierenden König Anton mit vorzüglichem Zutrauen beglückt, genießt er es auch von allen Staatsbehörden, soweit es mit seiner Stellung verträglich ist. Sein gastfreundliches Haus öffnet sich jedem Stande und Verdienste und ist im Winter oft der Mittelpunkt geselliger Genüsse. Nichts von Allem, was seit länger als 40 Jahren in Europa geschah, blieb ihm fremd. An Vielem hatte er großen, doch wenig bemerkten Antheil. Möchte er seinen Vorsatz ausführen und seine Memoiren in der europaischen Gemeinsprache niederschreiben! (55) 602 Jordan (Sylvester) Jordan (Sylvester), Professor der Rechte zu Marburg, ward am 30. Dec. 1792 zu Omes, einem zum Dorfe Axams gehörigen Weiler unweit Jnnspruck geboren, und feit früher Jugend allein in die Schule des Lebens gewiesen, um ihr Alles zu verdanken, was er geworden und was er ehrenvoll geleistet. Sein Vater war ein armer Schuhmacher und, wie seine Mutter, des Lesens und Schreibens unkundig, konnten die Altern ihm, dem jüngsten unter acht Kindern, außer einem dürftigen Glaubensunterrichte, keine Erziehung geben. In» siebenten Jahre besuchte I. wahrend eines Winters die schlechte Dorfschule zu Axams, wo er es nicht einmal zum Lesen brachte; im nächsten Sommer aber kam er mit Hülfe seines altern Bruders und durch Unterstützung der Kunden, die bei seinem Vater arbeiten ließen, nach und nach so weit, daß er im Stande war, seinen Altem die sonntäglichen Evangelien aus einem von ihm selbst gekauften -i Buche vorzulesen. Auch das Schreiben lernte er durch eigne Anstrengung. Den Anstoß zur Selbstbildung und manchen wohlthatigen Einfluß verdankte er seines Vaters Bruder Franz I., der ein beliebter Volksdichter, unter dem Namen des axamer Schufters in ganz Tirol bekannt war, und sogar Theaterstücke für das Landvolk schrieb, deren Stoff er aus den Legenden der Heiligen oder aus dem wirklichen Leben nahm. Im neunten Jahre wurde I. zum Schuhmacherhandwerk angehalten, das er auch vollständig erlernt und bis in sein dreizehntes Jahr mit seinem Vater und seinem altern Bruder ausgeübt hat. Dabei mußte er die schwersten wirthschaftlichen Arbeiten auf einigen Äckern und Wiesen verrichten, welche seine Altern, weil sie kein Zugvieh halten konnten, mit Hülfe ihrer Kinder bearbeiteten, und selbst um Taglohn mußte er als Arbeiter auf der Dreschtenne und bei dem Flachsbrechen dienen. Die harten Prüfungen seiner Jugend wurden.durch hausliche Zwistigkeiten erhöht, da sein Vater, sonst ein geachteter Mann und ein geschickter Handwerker, durch körperliche Leiden verstimmt und zu angestrengter Thätigkcit unfähig gemacht, seinen Mismuth oft durch hitzige Getränke betäubte, und wenn er in aufgereizter Stimmung heimkehrte, seine Frau und seine Kinder mishandelte, zuweilen sogar zur Flucht nöthigte. Diese unglücklichen häuslichen Verhaltnisse, die erst spater, als der altere Bruder die Sorge für das Hauswesen, thätiger wirkend, in seine Hand nahm, einem friedlichem Vernehmen Platz machten, hatten auf J.'s Bildung einen wesentlichen Einfluß. Er ward in sich gekehrt, zur Schwermuth gestimmt, in seinen Gefühlen seltsam angeregt und zum Nachdenken über die Pflichten eines Hausvaters veranlaßt. Der Unfriede im Hause weckte in ihm die Sehnsucht nach dem Gegenthcil, und so ward er gewöhnt bei jeder Sache sich das Entgegengesetzte vorzustellen, was für seine spätere Ausbildung von wohlthätigen Folgen war; das Gehässige des Lasters lehrte ihn die Tugend lieben, wie die Schönheit der Tugend das Laster meiden. Er liebte die Musik, zumal die fröhliche, weil sie seine schwermüthige Stimmung nährte, verschaffte sich eine Querpfeife, in Tirol Schwögelpseife genannt, und lernte von einem jungen Freunde einige Tanze spielen. Sein Vater wollte dies nicht dulden, und als einst ein in der Umgegend wie ein Heiliger geehrter Priester nach OmeS kam, um Beichtzettel einzusammeln, klagte er seinen s"" Sohn wegen des „SchwögelnS" an. „Knabe" — sagte der Priester im Sinne ^ der strengen Ansicht, die Tanz und Tänzespielen für verdammlich hielt, mit M drohendem Tone — „willst du dir die Hölle erschwögeln?" I. war wie vernichtet. Die Hölle rief in seiner Seele den Gedanken an den Himmel hervor, und es war ' l» für immer vorbei mit seiner Lieblingsuntcrhaltung. Er dachte nur daran, sich den ^ Himmel zu erwerben und einst in den Reihen der Heiligen zu glänzen. Den ^.1 gewöhnlichen Lebensweg wollte er meiden, der nach der Lehre der Priester, besonders der Jesuiten, unfehlbar zur Hölle führen sollte, und er erinnerte sich lebhaft der von seinem Vater ihm mitgetheilten Äußerung eines Jesuiten, der in einer Jordan (Sylvester) Bußpredigt gesagt hatte, daS Höllenthor, bei welchem stets ein Jesuit Thorwärter sei, könne nie geschlossen werden, weil fortwahrend so viele Verdammte hineinflögen, als bei Schneewetter Flocken vom Himmel sielen. Bußübungen, Beten und Selbstqualen legte er sich nun auf, und jede Arbeit war ihm erwünscht, je schwerer und niedriger, desto willkommener. An jedem Sonntage ging er zur Beichte, betete stets, wenn er allein war, warf sich in der dunkeln Kammer oder in sinstern Wäldern vor dem Bildniß der Jungfrau Maria nieder, das er stets bei sich trug, und geißelte sich ihr zu Ehren oft mit einer Dornruthe bis auf das Blut. Entschlossen sich dem geistlichen Stande zu widmen, wendete er sich im Beichtstuhle an den Pfarrer zu AxamS, durch welchen eben jener Priester, dessen ernste Worte einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht halten, mit dem Vorsätze deS Knaben bekannt wurde. Reich und wohlthätig, nahm der Priester, der J.'s strenges Büßerlebcn schon lange mit Wohlgefallen bemerkt hatte, sich seiner an, und bewog einen Priester in Axams, den Knaben in den Grundlagen der deutschen und lateinischen Sprache zu unterrichten. Später, als dieser Lehrer geisteskrank wurde, mußte I. zu einem andern Priester in einem benachbarten Dorfe gehen, dem er für den empfangenen täglichen Unterricht bei der Messe diente und die Stiefel putzte. So vorgebildet, verließ er 1806 das älterliche Haus, das ihm die Vorwürfe des VatcrS verleideten, der mit dem gewählten Berufe des Knaben sehr unzufrieden war, und kam durch seines geistlichen Gönners Vermittelung in das Gymnasium zu Jnnspruck, wo er unter der 'Aussicht des Pfarrers Felderer stand, während sein Oheim Franz ihm die Unterstützung wohlthätigcr Menschen verschaffte. In dem ersten Schuljahre setzte er seine strengen Andachtsübungen eifrig fort; als aber sein Verstand sich aufhellte, erwachten Zweifel an der kirchlichen Glaubenslehre in seiner Seele, und nur seine religiöse Gemüthsstimmung konnte ihn vor völligem Unglauben bewahren. Den geistlichen Eiferern in Jnnspruck und in der Umgegend seiner Heimalh blieb seine Umwandlung um so weniger verborgen, da I. seine Ansichten nicht verheimlichte, und sie meinem Aufsatz „Christus und Sokrates, eine Parallele" darlegte, den er bei einer Schulfcierlichkeit öffentlich dcclamirte und durch welchen er sich viele Feinde zuzog. Die Aufhebung der Universität zu Jnnspruck, statt welcher blos eine theologische Schule blieb, veranlaßte ihn Tirol zu verlassen, und er ging 1841 nach München, wo er bis 1813 seine Studien fortsetzte und in Weiller einen vaterlichen Freund fand, der auf seine Bildung den wohlthatigsten Einfluß hatte. Er bezog 1813 durch ein aus Jnnspruck erhaltenes Stipendium unterstützt, die Universität Landshut, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen. Als Tirol 1844 an Ostreich zurückgefallen war, begab I. sich nach Wien, wo er eine Hofmeisterstelle erhielt und die rcchtswissen- schaftlichen Vorlesungen aus der Universität besuchte. So wohlwollend er dort von mehren ausgezeichneten Männern aufgenommen wurde und ungeachtet man ihm die Aussicht eröffnete, bei der bevorstehenden neuen Einrichtung der Universität zu Pavia eine Lehrcrstelle zu erhalten, so fühlte er sich doch w Wien um so mehr beengt, da die auswärtige Literatur ihm unzugänglich war, und bei den stereotypen Grundsätzen, welche im Gebiete des philosophischen ForschenS allein vorgetragen werden durften, für das Gedeihen des höhern wissenschaftlichen Geistes sich nichts erwarten ließ. Er verließ Wien im April 1845 und ging nach Salzburg, wo er den Antrag zu einer einstweiligen Anstellung in Baiem erhielt. Ehe er in dieses Dienstverhältniß trat, reiste er nach ^wol, hauptsächlich in der Absicht, seine Angehörigen zu beruhigen, da viele geistliche in einer Versammlung ihn förmlich in den Bann gethan und feinen Airern gesagt hatten, daß ihr Sohn ein Lutheraner und Gottesleugner geworden und als verdammt zu betrachten sei. Bei einem festlichen Mahle, das er mit seinen Altern, die, einem früher ihm gegebenen Versprechen treu, in glücklicher ,1!^ FZx 604 Jordan (Sylvester) Eintracht lebten, in der Nahe seiner Heimath genoß, nahm er von ihnen und seinen Geschwistern sür immer Abschied. Vor seiner Abreise wollte er die Geistlichen besuchen und sie um die Ursache ihres lieblosen Benehmens gegen ihn befragen. Kaum hatte er den Pfarrhof betreten, als ihm zwei Priester mit Flüchen entgegenkamen, ihm geboten, ihre Wohnung zu verlassen, und ihm drohten ' ^ durch Sturmlauten die Gemeinde aufzubieten und ihn todtschlagcn zu lassen^ wenn er sich nicht binnen einer Stunde auS dem Dorfe entfernte. Nach seiner Rückkehr aus Tirol trat I. die ihm angebotene Anstellung bei dem Landgerichte in Rosenheim an, die er aber bald wicderaufgab, um eine Hauslehrerstelle in München anzunehmen und die nöthigen Vorbereitungen zu einem künftigen festen Lebensberufe zu treffen. Als er sich um eine Lehrerstelle an einem Lyceum bewarb, riethen ihm einige wohlwollende Männer das begonnene Studium der Rechtswissenschaft zu vollenden, und versprachen ihm eine Unterstützung aus öffentlichen Mitteln. Er ging im Herbste 1815 wieder nach Landshut, wo er besonders unter Mittermaier's Leitung sich bildete, und als er 1817 die juristische Doctorwürde erhalten hatte, bei dem dortigen Landgerichte als Sachwalter auftrat und sich vielfaltig in praktischen Rechtsgeschäften übte. Ein Zwist mit dein Vorstand des Landgerichts, wozu J.'s Offenheit und Hitze Anlaß gab, endigte sein Dienst- verhaltniß, und er war im Begriff in Berlin sein Glück zu suchen, als er auf Mittermaier's Empfehlung den Antrag erhielt, die umfassende Geschäftsführung eines Sachwalters in München zu übernehmen, wohin er im April 1818 sich begab. Er lebte dort in einer einträglichen Thätigkeit und in den angenehmsten geselligen Verhältnissen, im freundschaftlichen Umgange mit mehren ausgezeichneten Männern. Das Ziel seines Strebens war indeß ein öffentliches Lehramt; er überzeugte sich aber bald, daß er es in Baiern nicht erreichen werde. Der Erfolg seiner Bewerbung in Landshut war für ihn entscheidend. Trotz der Unterstützung, die ihm das Ministerium zusagte, erklarte sich der akademische Senat, in welchem er unter den juristischen und theologischen Mitgliedern entschiedene, seit Mittermaier's Abreise desto machtigere Widersacher hatte, gegen sein Gesuch, und da man ihn nicht unbedingt abweisen wollte, berief man sich auf ein Gesetz, nach welchem jeder, der als Privatdocent Anstellung suchte, sich zuvor einer Prüfung bei dem Lyceum zu München unterwerfen sollte. I., der eine solche Prüfung für entehrend halten mußte, bat um eine förmliche Abweisung, damit man nicht, wenn er Baiern verließe, das vom Staate empfangene Stipendium zurück- '»A fodern könnte. Als diese Angelegenheit erledigt war, erhielt er eine Einladung, H in Heidelberg als Privatdocent aufzutreten, und nachdem er kurze Zeit für einen tziz Sachwalter in Frankfurt am Main die Geschäfte geführt hatte, eröffnete er im Herbst 1820 seine Vorlesungen in Heidelberg, wo er bis zum Sept. 1821 blieb, ich als er den Ruf zu einer außerordentlichen Professur der Rechte in Marburg ich annahm. Im folgenden Jahr ward er ordentlicher Professor und Beisitzer des ^ Spruchcollegiums. Als er 1826 das Prorectorat niederlegte, kam sein Freund, ch der berühmte Palaograph Kopp durch Marburg, und ließ sich von I. unter die aka< H demischen Bürger aufnehmen, um dem Fackelzuge, den die Studirenden dem ver- ehrten Lehrer zum Beweise ihrer Zufriedenheit mit seiner Amtsverwaltung bringen ^ wollten, sich anzuschließen, und erschien dann bei dem Zuge an ihrer Spitze. J.'s erste schriftstellerische Leistung war der, von der Universität zu Landshut mit einem Preise gekrönte Versuch über die Frage: „Ist die Eintheilung der Philosophie in theoretische und praktische gültig, wenn die Philosophie in ihrem tiefsten Grunde aufgefaßt werden soll?" (München 1816.) Seit er als akademischer Lehrer aufgetreten, hat er, außer einigen Gelegenheitsschriften und mehren gehaltvollen Beiträgen in Pölitz's „Jahrbüchern für Geschichte und Staatskunst", im „Archiv für civilistische Prapis", im „Neuen Archiv des Criminalrechts" und Jordan (Sylvester) 605 ^ der ZU Tübingen erscheinenden „Kritischen Zeitschrift für Rechtswissenschaft" vorzüglich durch seine „Versuche über allgemeines Staatsrecht" (Marburg 1818) und ftm „Lehrbuch des allgemeinen und deutschen Staatsrechts" (Marburg 1831) ebenso sehr seine gründliche Kenntniß des öffentlichen Rechts als seine freisinnigen Grundsatze bewahrt. (Vergl. seine aus autographischen Nachrichten entlehnte Biographie in Justi's „Grundlage zu einer hessischen Gelehrten-, Schrift- steller- und Künstlergeschichte", Marburg 1831) Als nach den Bewegungen im Sept. 1830 der Kurfürst von Hessen sich gerckhigt sah, die Stande zu berufen, um die lange vorenthaltene Verfassung .uifvertragsmäßigem Wege zu Stande zu bringen (s. Kurhefsen), wurde I. dem akademischen Senat zu Marburg von der öffentlichen Meinung als Vertreter der Universität bezeichnet und im Oct. erwählt. Er trat nun in die glänzende Laufbahn, n?o er als muthiger und redlicher Kampfer für Volksrechte sich nicht allein den Dank der Hessen, sondern auch die Achtung aller deutschen Volksstämme erwarb, die es erkannten, daß jeder einzelne Sieg der constitutionnellen Freiheit für Alle erfochten wird. I. war Vorstand und Referent des aus sieben Mitgliedern bestehenden Ausschusses, welchem die Prüfung des, von der Regierung den Ständen am Ib. Ott. 1830 vorgelegten Entwurfs der Verfassungsurkunde*) aufgetragen wurde. Er sprach in einer der ersten Sitzungen des Ausschusses mit ebenso viel Klarheit als wissenschaftlicher Gründlichkeit über die Ansichten, von welchen bei der Entwerfung eines Staatsgrundgesetzes ausgegangen werden müsse, um der staatsbürgerlichen Freiheit vockstandige Gewährleistungen zu verschaffen, und die in seinem Vortrage **) entwickelten Grundsätze wurden bei den Berathungen des Ausschusses als leitende Normen befolgt. Vergleicht man jenen dürftigen Entwurf welcher der wesentlichsten constitutionnellen Bürgschaften ermangelte und die ständische Verfassung auf das alte Curiensystem gründete, mit der am 5. Jan. 1831 bekannt gemachten Verfassungsurkunde ***), so tritt J.'s Verdienst glänzend hervor, da sie die entschiedenen Vorzüge, welche sie vor andern deutschen Staats- grundgesetzen auszeichnen, z. B. das Einkammersystem, seiner thätigen Mitwirkung und seinem beharrlichen Festhalten an den Grundsätzen verdankt, die er bei der Eröffnung der Verhandlungen ausgesprochen hatte. Mehre Mangel, an welchen auch sie leidet, würden vermieden worden sein, wenn seine Ansichten immer gesiegt hätten, daher er denn bei vielen endlich durch Stimmenmehrheit angenommenen Satzungen seine abweichende Meinung in den Protokollen niedergelegt dat. So ward unter Anderm sein Antrag, in der Verfassungsurkunde für die Erziehung des Thronfolgers die nöthige Vorsorge zu treffen, was er für unerläßlich erklärte, nicht beachtet, und ebenso wenig konnte seine Ansicht, daß die Etimmberechtigung hauptsächlich an materielle Interessen geknüpft, die Wahlfähigst aber durch keine besondern Eigenschaften, wie Vermögensbesi'tz oder Standesver- ^ltnisse, sondern nur durch rechtliche Unbescholtenheit, Intelligenz und bürgerliche ^klbstandigkeit bedingt werden sollen, gegen das herrschende Vorurtheil durchdringen. In der ersten constitutionnellen Ständeversammlung, die im April Wl eröffnet wurde, trat I. wieder als Abgeordneter der Universität Marburg Er nahm an den wichtigen Verhandlungen, welche Lebensfragen zur festen AÜrrdung der im Grundgesetze gewährten Rechte galten, wie das Preßgesetz, Bürgerbewassnung, das Recrutirgefetz, die Gemeindeordnung, die Ablösung ^ Grundlasten, den thätigsten Antheil, und in ganz Deutschland fand lauten llliipzig^Z/^äischen Verfassungen seit dem Jahre 1789", Bd. 1, S. 607 fg. abgedruckt //Jahrbüchern für Geschichte und Staatskunst", 18Z3, März, ') -/Die europäischen Verfassungen"/ Bd. 1, S. 6l3 fg. 606 Jörg Jourdan ^ Anklang sein gründlich gerechtfertigter Antrag, die Negierung um Mlttheilung Ä-,?' der gedruckten aber nicht veröffentlichten Verhandlungen des Bundestags zu er- suchen und das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten für die, dem Gesandten in Frankfurt ertheilten Anweisungen verantwortlich zu machen. Als die Regierung, dem Einfluß der Reactionspartei folgend, lange in Zwiespalt mit den Standen, durch die Auflösung der Versammlung am 2V. Jul. 1832 den verschlungenen Knoten zerhieb, war I. der Letzte, der für die Rechte der ! Stande sprach, indem er ihr Befugniß behauptete, vor ihrer Auflösung dem bereits gewählten Ausschusse verfassungsmäßig eine Geschaftsanweisung zu geben. Das Machtwort der Regierung wies die Foderung schroff zurück, aber das hessische Volk ehrte seinen unerschrockenen Vertreter, und als er im Herbste vom Trau- ) altar aus Westfalen heimkehrte, erhielt er auf seinem Wege vielfache Beweise der öffentlichen Achtung und wurde von Marburgs Bürgern feierlich eingeholt. Zur Ständeversammlung wiedercrwahlt, wird er einen neuen Kampfplatz betreten. Nacte virtute! ^ Jörg (Johann Christian Gottfried), Hofrath und ordentlicher Professor ^ ^ der Geburtshülfc zu Leipzig, Director der Gebäranstalt und Hebammenschule daselbst, ist im Dorfe Predel bei Zeitz den 24. Dec. 1779 geboren. Er besuchte seit 1792 die Stiftsschule zu Zeitz, studirte seit 1800 die Heilkunde zu Leipzig und ward 1803 Amanuensis des Geburtshelfers vr. Menz daselbst. Er ging l, 1804 nach Wien um Boer's Schüler zu werden, und kehrte 1806 nach Leipzig zurück, wo er als praktischer Geburtshelfer, als Orthopäd und als Privatdocent WM in der Geburtshülfe auftrat. Nie der allgemeinen Meinung des Tages folgend, M'.W sondern stets selbstprüfend, ward er sehr bald Verfasser einer Reihe von literarischen P Kme Arbeiten über Geburtshülfe, deren einige mehre Auflagen erlebt haben. Ist es MÄW auch nicht zu leugnen, daß I. zu seinen vielfachen Leistungen, das physiologische M kchü und pathologische Leben des Weibes betreffend, den Anstoß von seinem großen AmO» Meister Boer erhielt, so ist doch das von ihm auf diesem Gebiet Geleistete laLm« so selbständig und heilbringend, daß J.'s Name stets in den Annalen der Ent- HAlch bindungskunst dankbar und rühmend genannt werden wird. Wir wollen nur sein öer Z „Lehrbuch der Hebammenkunst" (dritte Aufl., Leipzig 1829), sein „Handbuch der Geburtshülse" (zweite Aufl., Leipzig 1820), sein „Handbuch der Krankheiten des ÄMivß Weibes" (dritte Aufl., Leipzig 1831) namentlich anführen. I. ist der Schöpfer WtzH der deutschen Orthopädie. Seine Schriften „Über Klumpfüße und eine leichtere und zweckmäßigere Heilung derselben" (Marburg 1806) und „Über die Verkrüm- ^ münzen des menschlichen Körpers" (zweite Aufl., Leipzig 1816) gaben Veranlas- sung zu den vielen Forschungen über diesen wichtigen Zweig der Chirurgie, welche die neuere Zeit auszeichnen. Weniger Erfolg hatte J.'S Prüfung des homöopathischen Systems durch Versuche, die er an Gesunden anstellte, d:e Kräfte der Arzneien zu beobachten. Unter der großen Anzahl seiner Schriften finden sich auch mehre politische über wichtige Zeitangelegenheiten. (2) . Jourdan (Athanase Jean Leger), französischer Rechtsgelehrter, ward ^ ^ am 29. Jun. 1791 zu St.-Rubin des Ehaumes (Departement Nievre) geboren, ^. in Paris erzogen, 1812 Advokat und Doctor der Rechte. Um sich zur Professur r vorzubereiten, gab er anfangs privatim Vorlesungen und setzte sich mit den beut- scken Gelehrten in Briefwechsel. Als Niebuhr 1816 in Italien Fragmente von . Gajus entdeckt hatte, gaben I., Blondeau und Ducaurroy eine Ausgabe dieses Werkes nach der von Göschen heraus und legten sie bei dem Unterrichte des ^ .»Ii römischen Rechts zu Grunde. I. gab in Paris die von Majo entdeckten M menta stiris romani vaticana" heraus. Mit Haubold in Leipzig stand I. in nahen Verhältnissen und er ließ dessen chronologische Tafeln („'Isbulas ckronolo- > ^ Licus yuibus Instoria )uris romani externa illustratur a V. (l. Haubolel concia- a Juden Juliusrevolution 607 nztaZ etc. xallicis t^pis wancksvit nnns e parisiensis curiue petronus", Paris 1833, Fol.) abdrucken. Zum Mitglieds einer Commission ernannt, die eine Reform in dem Gerichtswesen der Colonien vorbereiten sollte, bekämpfte er die Vorurtheile, die sich noch jetzt der Einführung hinlänglicher Garantien der Rechtspflege in den Zlnsiedlungen widersetzen. Später schickte ihn das Justizministerium nach England, um die dortigen Friedensgerichte kennen zu lernen; sein Bericht darüber liegt handschriftlich in der pariser Kanzlei. I. reiste 1826 in Auftrag des Marine- ministers noch einmal nach England, um daS Colonialwesen zu studiren, strengte sich aber bei dieser Arbeit sehr an, und starb am 27. Aug. 1826 zu Deal bei Dover. Seine Schriften sind: „kelativu cku eoveours ouvert » ?uris" (Paris MY); „Recueil ckes uncicnne, !oi> frun^aiscs, ckepuis 1'an420)n,^u'en 1789" (12 Bde., Paris 1822 fg.), wovon er aber nur vier Bände allein besorgte, indem die übrigen Jsambert und Decrusy Herausgaben; „Iuris civil!., ecloga in ?aro", des „lournsl ein commerce". Die Journalisten foderten den Schutz der Gesetze auf, und der Vorstand des Handelsgerichtshofes, Velleyme, erklärte, daß die Journalisten das Recht hätten, ihre Blätter fortzusetzen, bis auf ihr Ansuchen um Erlaubniß entschieden sein würde, die Drucker seien daher verpflichtet, die Journale fortzudrucken. Unterdessen durchzogen Tausende von entlassenen Arbeitern die Straßen; Lehrlinge und junge Leute — denn diese begannen eigentlich die Revolution — lärmten und schrien; die Haufen wurden immer größer; Alles strömte nach den öffentlichen Plätzen, vorzüglich nach dem Palais-Royal. Hier waren Transparents gegen die Minister und die Jesuiten zu sehen. Man hörte den wilden Ruf: Tod den Ministern; es lebe die Charte! In dem Hotel des Ministers Polignac warf man die Fenster ein. Bayonette trieben zwar das Volk aus einander; allein die Erbitterung wuchs. Widerstand wurde die Losung. Der Kampf begann am Diensttage, den 27. Jul. Die Polizei sollte den Beistand der bewaffneten Macht aufrufen. Mangin erhielt unmittelbar von Polignac Ver- *) Auf diese Wahlen hatte die Regierung Einfluß, indem die Entwerfung der Wahllisten von der Willkür der absetzbaren Verwaltungsbeamten abhing. MV Juliusrevolution «09 MW Haltungsvorschriften. Einige vierzig Verhaftsbefehle wurden erlassen, die verantwortlichen Herausgeber sollten nach dem Gefangnisse la Fdrce geführt werden. Der Marschall Marmont hatte schon am 25. durch eine vonPolignac allein unterzeichnete Ordonnanz den Oberbefehl in der ersten Militairdivision erhalten. Die Mssenmacht sollte Unterwerfung erzwingen. Polignac erwartete jetzt den Ruf: Gnade! zuhören; das Volk schrie: Rache! Der „1'emps" hatte sich der Gewalt nicht unterworfen. Seine Blatter wurden überall verbreitet. Die Polizei drang endlich mit Gewalt ein, wahrend die Drucker ihr Blatt aus den Fenstern unter das Volk warfen. Zu derselben Zeit versammelten sich die in Paris anwesenden Deputirten von der liberalen Partei in dem Hause Casimir Perier's. *) Aber erst am 28. bei Audry de Puyraveau unterzeichneten 62 Deputirte eine von Guizot verfaßte Adresse, in welcher sie gegen die gesetzwidrigen Ordonnanzen protestirten. Auch beschlossen sie, eine Commission an den Marschall Marmont zu senden. Auch einige fünfzig Pairs versammelten sich bei dem Herzoge von Broglie, faßten eine Proteftation ab und beschlossen eine Vorstellung an den König wegen Zurücknahme der Verordnungen. Die allgemeine Entrüstung, der Unwille der höhern und gebildeten Classen gab dem aufgebrachten Volke Ecmuthigung und Anregung. Wassenmagazine wurden geleert und Jedermann eilte mit Waffen aller Art auf die öffentlichen Platze. Zettel mit den Aufschriften: Es lebe die Republik! Es lebe Napoleon II. , wurden vertheilt. Mannes: Auf, nach St.-Cloud! Fort mit den Bourbons! Nun bot die Regierung die bewaffnete Macht auf: die königlichen Garden, die Schweizer, die Gendarmerie und einige Regimenter Infanterie. Im Palais-Royal floß das erste Blut. Nach einem hartnäckigen Kampfe zerstreuten einige Kartatschenschüsse das Volk. Aber noch des Nachts zogen Haufen Volkes durch die Straßen, rissen die königlichen Wappen und Namenszeichen ab, zerschlugen die Laternen, plünderten die Pulvervorrathe, die Laden der Waffenschmiede, rissen das Pflaster auf und thürmten Barrikaden**) auf. Die Wuth des Volkes wandte sich vorzüglich gegen den erzbischöflichen Palast, welcher ganz ausgeplündert wurde. Am folgenden Morgen, am 28., ward Paris in Belagerungszustand erklart. Aber schon hatte das Volk sich der Kirchthürme bemächtigt und lautete Sturm. Auf der Kirche Notre-Dame wehte die dreifarbige Fahne. Bürger, welche zu der ehemaligen Nationalgarde gehört hatten, eilten, die Waffen in der Hand, an die Spitze der Kampfenden. Auch aus der polytechnischen Schule stürzten sich etwa 4l) Zöglinge in das Getümmel; die übrigen folgten. Mehr strömten aus der Veterinair- und aus der Nechtsschule u. s. w. herbei. Man fällte die Bäume auf den Boulevards, um die Neitereä aufzuhalten. Wagen, Fässer, Geräthe Schon am 26. Abends hatten sich bei Laborde acht Deputirte versammelt, ^Casimir auf den folgenden Tag zu sich einlud. ) Die Barrikaden (s.d.) sind kein neues Eapitel in der Kriegskunst. Indem ^auskämpfe der Pariser machen sie Epoche; daher führen wir Folgendes an. Man Mte am 81. Jul. in Paris, ungerechnet die Verrammelungen aus den Bäu- Boulevards, aus Zimmerholz, Wagen, Hausrath, sogar aus Leichen, s. Barrikaden aus Pflastersteinen, zusammen 125,000 Metres aufgerissenes Pfla- , oder ^ des gesammten Pflasters. Jedes Quadratmetre enthält 25 Steine; . ganze Summe der von der Stelle gerückten Steine beträgt demnach 3,125,000 SoÄt' 1°"^ ^at das Volk, das Gewicht eines Pflastersteins im Durchschnitt zu Qi-> 5m- gerechnet, in 24 Stunden eine Last von 156,250,000 Pfunden bewegt, ris Pflasters hat 250,000 Francs gekostet. Es gibt in Pa- andkrn Straßen, 26,000 Häuser und 6000 Laternen, jede 62 Meter von der ?lra>„s ^^ernt. Die Unterhaltung jeder Laterne kostet der Stadt jährlich 106 selben ), x Anschaffung halb so viel. Man schätzte die Beschädigung der- von "DM0 Francs. So kostete dem pariser Gemcinderathe die Revolution olos an Pflastersteinen und Laternen an 270,000 Francs. o"v.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. ^ 39 610 Juliusrevolution aller Art wurden zur Verrammclung der Straßen, nach der Anleitung alter, erfahrener Ossiziere aus der Kaiserzeit, an den wichtigsten Orten geschickt benutzt. So entbrannte ein regelloser, vereinzelter Kampf mit den Garden und den übrigen Truppen. Er dauerte auf mehren Punkten den ganzen Tag fort. Schon an diesem Tage sollen an 18,000 Bürger regelmäßig bewaffnet gewesen sein. Die Pariser zeigten Tapferkeit und Heldenmuth. Die Truppen des Königs waren fest und zum Thcil ihren militärischen Pflichten treu. Aber die Regierung und der von einem starren Mpsticismus verblendete Polignac waren auf solchen Widerstand nicht gefaßt, noch weniger vorbereitet. *) Durch das Bewußtsein ihrer Fehler unentschlossen, handelte die Regierung nicht mit Umsicht und Nachdruck. Sie halte die Anhöhe von Montmartre in ihren Händen und die Artillerie von Vincennes stand ihr zu Gebote; aber sie machte von beiden nicht Gebrauch. Ihre Stafetten und Couriere wurden von den Insurgenten aufgefangen, die Telegraphenlinien zerstört. Überdies glaubten der Hof von St.-Goud, den König und die Dauphine vielleicht ausgenommen, und die Behörden selbst nicht mehr an die Trefflichkeit ihrer Sache. Mehre Unterbeamte traten auf die Seite des Volkes und entzogen den Truppen den nöthigen Bedarf. Es fehlte diesen schon am 28. Mittags an Munition. Man hatte zwar an 974,000 Francs unter sie vertheilt; allein auch für Geld erhielten sie nichts von den Bürgern. Der Marschall Marmont handelte mit Bestürzung im Geiste, mit Schmerz im Herzen. Es war nicht der kalte Blick des Feldherrn, der frei das Schlachtfeld überflog: Paris war das Schlachtfeld und der Bürgerkrieg stand schwarz wie die Nacht vor seinem unsicher» Auge. ") Gleichwol hätte noch am 28. früh die Entlassung der Minister und die Zurücknahme der Ordonnanzen Alles beruhigt. Allein Polignac träumte von Sieg. Denn als an diesem Tage ein Verein von Deputaten, Lafsitte, Casimir Perier, Mauguin, General Gerard und der Graf von Lobau, mitten durch Gewehrfeuer und über Barrikaden hinweg, zum Herzoge von Ragusa sich begab und verlangte, man solle dem Blutvergießen Einhalt thun; sie wollten die Ordnung wiederherstellen, wenn die Ordonnanzen widerrufen, die Minister entlassen und die Kammern auf den 3. Aug. versammelt würden: so ließ der Fürst von Polignac ihnen durch den Marschall antworten: die vorgeschlagenen Bedingungen machten jede Conserenz unmöglich. Hierauf erwiderte Lafsitte: „Also Bürgerkrieg?" Der Marschall verneigte sich und die Deputirten traten ab. Nun ward der Widerstand auch politisch or- ganisirt. Während die in den Straßen St.-Denis, St.-Martin, St.-Honorc u. f. w. kampfenden Truppen nicht nur mit Schüssen und Steinwürfen von Jung und Alt angegriffen, sondern auch durch Balken, Dachziegel, ja ganze Schornsteine, die man auf sie herabstürzte, getrennt und von einander abgeschnitten wurden, während selbst die Frauen kochendes Wasser, Vitriolsäure, Scheidewas- fer und jedes verletzende Mittel anwandten, um besonders die verhaßten Gensdars men zu verstümmeln und zu vernichten, war das Stadthaus drei Mal mit Sturm genommen und wiedergenommen worden, bis endlich die Bürger in dessen Besitz blieben. Von hier erließen am folgenden 29. General Dubourg "*), Oberst *) Zu Paris gab es nur 6400 Mann Truppen; die übrigen, in einem Umkreise von etwa 25 Stunden, betrugen höchstens 14,600 Mann. ") General Alix nennt Marmont's Dispositionen fehlerhaft; er habe die Truppen vlel zu zerstreut aufgestellt und deren sichere Verbindung und Gesammtwirkung nicht beachtet. Zndeß mußte der Umstand, daß die Linientruppen schon am 28. zu schießen sich weigerten, seine Plane vereiteln; auch gingen bald mehre Regimenter zu den Insurgenten über. Vgl. des Generallieutenants Alix „vataille ^-^/beten da, wo sie Befehlshaber waren, nicht zu plündern, außer im erz- °'"tz°fl!chcn Palaste und w den Tuilerien. 39 * '!W- 612 Juliusrevolution stießen sie auf die Insurgenten; nach einem fünsviertelftündigen Gefecht kam der Marschall in St.-Cloud an, wo der König nur von einer kleinen Anzahl Truppen noch umgeben war. Die Minister selbst hatten sich schon am 28. nach St.-Cloud geflüchtet. Hier herrschte jetzt die größte Unentschlossenheit. Kurz vorher, ehe Marmont nach St.-Cloud abzog, kam bei der Commission auf dem Stadthause eine Deputation an, die aus Argout, Semonville und Vitrol- les bestand. Sie erklarte im Namen Karls X., daß er die Ordonnanzen zurückgenommen und ein neues Ministerium gebildet habe: Casimir Perier solle die Finanzen und Gerard das Kriegswesen erhalten. Darauf antwortete Audry dePuyraveau: „Den ganzen Tag hörten wir den Ruf des Volkes: Nieder mit den Bourbons! Wir haben Ihnen nichts weiter zu sagen." Mauguin fügte hinzu: „Es ist zu spat." Nun begab sich Argout zu Lafsitte, bei dem die Deputirten versammelt waren. Auf denselben Antrag im Namen Karls X. erwiderte Lafsitte, als Präsident der Versammlung: „Gestern haben wir die Aussöhnung vorgeschlagen. Man bewilligte nichts. Die Waffen sollten entscheiden. Wir haben gesiegt. In Zukunft gibt es keinen Karl X., König von Frankreich, mehr. Sie wollen unterhandeln. Wir antworten: Es ist nicht mehr Zeit." Argout bemerkte, daß nach der Constitution die Fehler den Ministern zur Last sielen; der König konnte betrogen werden. Da wandte sich Lafsitte zu den Deputirten: „Sie glauben ohne Zweifel, meine Herren, es sei unnöthig, daß dieser Herr hier langer verweile." Hierauf ging Argout fort. Bald nachher erschien Forbin-Janson und verlangte ein sicheres Geleit für den Herzog von Mortemart, den KarlX. zum Präsidenten des neuen Conseils ernannt habe und der nach Paris in die Deputirtenversammlung sich begeben wolle. Die Deputirten erklärten, daß sie die Ankunft Mortemart's bis ein Uhr Morgens erwarten wollten. Mortemart kam nicht. Im Stadthause regierte Lafayette; ihm stellten sich die Deputationen vor. Sollte er befehlen oder entscheiden, so fragte er stets seine Amtsgenossen um ihre Meinung. Unter ihm leiteile Laborde, als Präfect von Paris, die Stadtverwaltung. Am 30., Freitags, war Paris ruhig ; man begrub die Tobten. An diesem Tage sandte Lafsitte Boten an den Herzog von Orleans. Fast alle Deputirte waren bei ihm versammelt. Da erschien Broglie. „Was sollen wir thun. Man spricht von einer Republik. Die Jugend ist zu weit gegangen." „Nur ein Mittel", sagte Lafsitte, „gibt es, um die Republik zu vermeiden; man muß den Herzog von Orleans proclamiren." Einige widersprachen. Dupin der Ältere stimmte lebhaft für den Fürsten. Man beschloß endlich, als Kammer zusammenzutreten. So entschied die Aristokratie der Talente und des Reichthums die Erhaltung des Staats, der Monarchie und des öffentlichen Credits: denn bei der Berufung der UrVersammlungen der Wähler stand Alles auf dem Spiele; im Gefolge der Republik Bürgerkrieg, auswärtiger Krieg, Anarchie, Umwälzung des Privatvermögens und der Nationalbankrott. Es gab eine Partei Orleans*); allein es ist kein Beweis vorhanden, daß der Herzog sie begünstigte oder leitete. Der „National" war, unter den Händen von Thiers und Mignet, das Organ dieser Partei gewesen. Während nun die Deputirten über Lafsitte's Vorschlag den Beschluß faßten, wurde ein von Thiers in diesem Sinne entworfener und von Mignet verbesserter Aufsatz, den auch Lar- reguy und noch ein vierter Journalist, die sämmtlich bei Lafsitte versammelt waren, in das „ckournal clu commerce" und den „(lonstitutionnel" einzurücken versprachen , im „National" und in andern Journalen abgedruckt. Von Lafsitte veranlaßt, unterstützte Larreguy denselben Vorschlag in dem Club Lointier (einem Caffcehause), wo sich mehre freisinnige Wähler versammelt hatten. Hier sprach Dies behauptet Marrast. Thiers und Andere leugnen dies aufs Bestimmteste. Bgl- Ludwig Philipp. Juliusrevolution 613 chen Hubert und Andere gegen den Vorschlag. Sie hätten nicht den Auftrag, Jemanden, wer es auch sei, als Regenten einzusetzen. Das Volk müsse deshalb befragt werden. Jsam-bert und Cadet de Gassincourt sprachen dafür, verlangten jedoch die stärksten Garantien der Freiheit. In der Kammer selbst äußerten sich mehre Deputirten zu Gunsten der Familie Karls X. Hier erschien jetzt, statt des Herzogs von Mortemart, Collin de Sussy, der, auf dem Stadthause abgewiesen,- die Ordonnanzen Karls X. in Beziehung auf das neue Ministerium in Lafsitte's Hände legte, damit er sie den Deputirten mittheile. Allein dieser sagte heftig: „Mein Herr, ich bin nicht der Bote Karls X." Unterdessen hatte Casimir Pener seit dem Donnerstage Abend mit dem Hofe zu St.-Cloud durch Girardin Botschaften gewechselt. Man erfuhr dies auf dem Stadthause, und einige Mitglieder der Commission schlugen vor, Casimir Perier verhasten zu lassen. Ein zweiter Verhaftsbefehl wurde gegen einen andern Deputirten, Arthur de Labourdonnaye, ausgefertigt; allein Laffitte berief sich dagegen auf die Unverletzbarkeit der Deputirten. Das Volk selbst schien die Ernennung des Herzogs von Orleans zu verwerfen, denn als die oben erwähnten Proclamationen am Sonnabend in den Journalen erschienen, wurden sie zerrissen. Der Name Bour- bon war der Menge verhaßt. Nun entwarf die Commission ihrerseits eine Proklamation, welche mir den Worten anfing: „Karl X. hat aufgehört zu regieren". *) Casimir Perier verbot, seinen Namen darunter zu setzen. **) Als Lassitte auch den General Lafayette für seinen Vorschlag gewonnen hatte, beschlossen etwa 60 Deputirte am 30. Jul., den Herzog von Orleans, der sich zu Ncuilly befand, zu ersuchen, sich nach der Hauptstadt zu begeben, um die Functionen eines Reichsverwesers zu übernehmen, mit dem Wunsche, er möge die Nationalsarben beibehalten. Die zu Paris versammelten Pairs (über 30) billigten diesen Schritt. Noch an demselben Abend um 11 Uhr traf der Herzog in Paris ein, und empfing am folgenden Morgen (den 31.) die Deputation der Deputirten, an deren Spitze Laffitte war, im Palais-Royal. Er nahm den Antrag an, und erließ eine Proklamation, welche mit den Worten schloß: „Die Charte wird jetzt eine Wahrheit sein." Da inzwischen die Gemüther noch in großer Bewegung waren, so begleiteten die Deputirten den mit der dreifarbigen Co- carde geschmückten Herzog nach dem Stadthause. Von allen Seiten, erzählt Marrast, tönte ihm der Ruf entgegen: „Es lebe die Republik! Keine Bourbons mehr! Es lebe Lafayette!" Doch riefen auch einzelne Stimmen: „Es lebe der Herzog von Orleans!" Auf der Treppe vor dem Stadthause gab der Herzog seinen Arm Laffitte und bat um den des Generals Lafayette. Dieser umarmte den Herzog, und beide führten ihn bis zu dem großen Saale, wo er zum Generallieutenant des Königreichs ausgerufen wurde. Da war es, wo man dem Herzog den mit Bewaffneten und mit Kanonen angefüllten Greveplatz zeigte, den Barrikaden einschlössen. Damals sagte der General Dubourg zu ihm: „Mon- seigneur! Sie kennen unsere Bedürfnisse und unsere Rechte; wenn Sie dieselben vergessen sollten, so werden wir sie Ihnen zurückzurufen wissen." Jetzt ließ der Herzog eine Bekanntmachung verlesen, welche folgende Bürgschaften der Freiheit verkündigte: Wiederherstellung der Nationalgarde und Mitwirkung der Na- tionalgardisten bei der Wahl ihrer Offiziere; Mitwirkung der Bürger bei ihren In Bezug auf diese Proclamation fragt die „(taeette 6e Trance": „Waren tafayette und Odilon - Barrot berechtigt, auf dem Stadthause KarlX. des Throns ?ur verlustig zu erklären, und somit die Berftssung und die Gesetze über den Hau- n» zu stoßen? Dursten Lafayette und Laffitte die Zurücknahme der Juliusverordnun- e!" ^ ^ Veränderung des Ministeriums (Mortemart statt Polignac) von der Ä ""d über die höchste Gewalt verfügen?" Diese Umstände bezeugt Marrast in einem Aussatze über die Zuliustage 18Z^ k!4 Juliusrevolution Departemental-und Municipalverfassungen; Jury bei Preßvergehen; gesetzmäßig festgestellte Verantwortlichkeit der Minister und der untergeordneten Beamten der Verwaltung; gesetzmäßige Beschrankung der.Militairmacht; Erneuerung der Wahl solcher Deputirten, die zu öffentlichen Ämtern befördert werden. Als hierauf der Herzog den Liebling des Volkes, den General Lafayette, umarmte und die Nationalfahne schwenkte, brach allgemeiner Jubel aus. Nunmehr ward die Proclamation der Municipalcommission, welche Karl X. entsetzte, öffentlich angeschlagen. Allein zugleich wurde auch der Ruf nach einer Republik immer lauter. Als General Lafayette diese Bewegung erfuhr, berief er einige von den jungen Leuten zu sich, und nahm ihnen ihr Ehrenwort ab, daß die Ruhe von Paris wahrend 48 Stunden nicht gestört werden sollte. Die Bürger versprachen es; allein sie verlangten, daß der Generallieutenant für sich und die Seinigen die Bedingungen annähme, welche sie vorschlugen. Diese Bedingungen, die den Inhalt des so viel besprochenen und nach Einigen gar nicht vorhandenen Programm es des Stadthauses ausmachen, sollen nach Marrasts Bericht folgende gewesen sein: 1) Die Nationalsouverainetät wird als Grundlage der Regierung am Eingänge der Constitution ausgesprochen; 2) die erbliche Pairschaft wird aufgehoben; 3) die öffentlichen Ämter werden durchgängig neu besetzt; 4) ein Municipal- und Communalgesetz, nach dem Grundsatz der ausgedehnten Wahlen; kein Wahlcensus; 5) Wahl bei allen Niedern Magistraturen; ti) freisinnige Bestimmungen in Betreff der Privilegien und Monopole, welche den Gewerbfleiß lähmen; 7) all Dieses wird provisorisch angenommen und muß der Genehmigung der Nation, die allein das Recht hat, sich die ihr beliebigeRegierungsform zu geben, unterworfen werden. — Dieses Programm nun, das in sich theils legislative, theilsconstitutive Fragen enthielt, konnte, wenn es auch vorhanden, d.h. niedergeschrieben war, den Generallieutenant nicht als ein Vertrag binden; denn die Erfüllung hing nicht von ihm ab. Die constitutiven Fragen setzten die Berufung eines neu gewählten Nationalconvents und die Ungültigkeit alles Dessen voraus, was die Deputirten und Pairs bisher als Repräsentanten der Nation beschlossen hatten. Die legislativen Fragen konnten nur von den Kammern in dem Wege des parlamentarischen Verfahrens entschieden werden. Neue Urwahlen ohne Wahlgesetz ausschreiben, war so gut, als die Revolution von vorn anfangen. In jedem Falle gehörte dazu Zeit; die Gefahr eines von Leidenschaften und Factionen bedrohten Besitzstandes drängte. Man hielt also fest an der ursprünglichen Ansicht: die Juliusrevolution habe die Herstellung und den Schutz der bisherigen Verfassung bezweckt; demnach galt die Charte; es galt das bisherige Wahlgesetz; und die beiden Kammern waren rechtmäßig gewählte Nationalkörper; als solche hatten sie gehandelt, und als solche wollten sie das begonnene Werk im constitutiven und legislativen Sinne vollenden. Das Stadthaus und die jungen Bürger konnten hier weder die eine noch die andere Gewalt sich anmaßen. Lafayette selbst, den die jungen Leute zum Präsidenten einer Republik ausrufen wollten, überließ den Kammern das Werk der Herstellung und des neuen Ausbaus des erschütterten Staatsgebäudes. Was er thun konnte, that er: er sprach seine Ansicht von der Natur dieses Ausbaus freimüthig gegen den Generallieutenant aus, indem er sich in das Palais-Royal begab, und jene in dem Stadthause von einzelnen Bürgern ausgesprochenen Erwartungen als die seinigen vor dem Reichsftatthalter in den Worten zusammenfaßte: „Wir wollen einen populairen Thron errichten, umgeben von republikanischen Institutionen". *) Der General kehrte in das *) Man hat gegen den Buchstabensinn erinnert: „Republikanische Staatseinrichtunzen mit einer Monarchie sind keine Republik, und eine Monarchie mit republikanischen Einrichtungen ist keine Monarchie: also liegt in jener berühmten Phrase xm Widerspruch; sie ist ohne Sinn," Juliusrevolution 615 Stadthaus zurück und erzählte.: Der Herzog und sein Sohn theile ganz die Meinungen der Bürger; die Vorschläge derselben wären ihre eignen Gedanken; man solle sich auf sie verlassen, u. s. w. Vor allen Dingen galt es jetzt, die Ordnung und Ruhe in Paris wiederherzustellen. Lafayette verbürgte sich für die Erhaltung derselben, und sein Ansehen, seine Versicherungen leiteten den noch brausenden Strom in seine Ufer zurück. Unterdessen hatte Karl X. in St.-Cloud zu spät, erst am 30. Nachmittags, die wahre Lage der Dinge erfahren und jenes liberale Ministerium Mortemart gebildet. Als er nun auch erfuhr, daß die Linientruppen, wie schon früher in Paris, gegen das Volk zu fechten sich weigerten, daß überall die dreifarbige Fahne wehte und die Nationalgarde sich zusammenschare, daß Tausende Paris, dessen Sieg sie noch nicht kannten, zu Hülfe eilten, während er selbst nur noch ZlM Mann Garden um sich hatte: so verließ er am 31. Morgens gegen 3 Uhr St.-Cloud, und begab sich, da man ihn in Versailles nicht einlassen wollte, überall von Nationalgarden und Sturmgeläute bedroht, nach Rambouillet. Von hier schrieb er am 1. Aug. dem Herzoge von Orleans, er habe beschlossen, die Ordonnanzen zurückzunehmen und genehmige die Eröffnung der Kammern zum 3. Aug. Auf die Nachricht aber, daß General Gerard im Begriff sei, mit 20,000 Mann gegen Rambouillet aufzubrechen, erließ er gemeinschaftlich mit dem Dauphin am 2. Aug. ein zweites Schreiben an den Herzog von Orleans, in welchem er und der Dauphin der Krone zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux entsagten und den Herzog von Orleans als Reichsverwescr anerkannten. Allein das Recht, zu entsagen, ward ihm nicht mehr zugestanden, die Acte jedoch ins Reichsarchiv gelegt. Die Pariser beschlossen nun nach Rambouillet in Masse zu ziehen, um die Abreise der königlichen Familie zu erzwingen, und drei Commissarien, Schonen, Marschall Maison und Odilon-Barrot, wurden an Karl X. gesandt, um ihn dazu zu bestimmen. Als jetzt die Nationalgarden und an 40,000 Menschen *) aus Paris sich näherten, reifte der König mit seiner Familie am 3. Aug. Abends 10 Uhr von Rambouillet ab, nachdem er seine Garden entlassen und die Krondiamanten zurückgegeben hatte. Er machte kleine Tagereisen bis Cherbourg, wo er sich am 16. Aug. nach England einschiffte. Unterdessen waren in Paris vom Reichsverweser am 3. Aug. die Kammern eröffnet worden, weil man den Grundsatz festhielt, daß die bis vor dem 25. Jul., dem Tage der Ordonnanzen, erlassenen constitution- nellen Verfügungen gültig seien; daher ernannte auch die vollziehende Gewalt aus den drei vorgeschlagenen Candidaten Casimir Perier zum Präsidenten der Wahlkammer. Hierauf entwarf der Deputirte Berard im Sinne der Männer des Stadthauses den Vorschlag zur Abänderung der Charte und zur Übertragung der Krone an den Herzog von Orleans; allein sein Aufsatz wurde im Conseil des Herzogs von den provisorischen Ministern (s. Guizot) sehr abgeändert, und zwar im Sinne der sogenannten Doctrinaires. Die republikanische Partei sah sich >n ihren Erwartungen getäuscht und die Folgen ihres Hasses erschütterten den Thron Ludwig Philipps bis zu der Krisis am 5. und k.Jun. 1832. (S. Frankreich.) Der abgeänderte Entwurf überließ die wichtigsten Bestimmungen der Gesetzgebung den Kammern; doch wurden alle unter Karls X. Regierung erfolgten Pairsecnennungen für nichtig erklärt. Die Nacht vom 6. zum 7. Aug. war sehr unruhig. Nur Lafayette erhielt die Ordnung aufrecht. Auch die Partei Karls X. hatte ihre Anhänger. Noch in der Sitzung am 7. sprachen einige Deputirte und Pairs mit großem Muthe für die gefallene Dynastie. Endlich wurde Berard 'S Entwurf an diesem Tage von der Deputirtenkammer, nach einigen Abänderungen, c^.^ach Herrn von Cony's Versicherung waren nur etwa 6000 Insurgenten, zum bewaffnet, nach Rambouillet gezogen. Man hatte aber ihre Zahl gh- llcytluh vergrößert. 616 Junot von 219 Stimmen gegen 33 angenommen. Die Pairskammer trat an den,selben Tage dem Beschlüsse bei; einige Pairs verzichteten sogleich auf die Pairswürde Am lebhaftesten sprach Chateaubriand (s. d.) für die Rechte des Herzogs von Bordeaux. Rur ein Artikel der neuen Charte, welcher die Nichtigkeit der Pairsemennungm Karls X. aussprach, ward der hohen Weisheit des Prinzen Reichsverwesers anHeim gestellt. Von 114 Stimmen erklarten sich 89 für, Z(j gegen die übrigen Bestimmungen; 14 Zettel waren unbeschrieben, einer zahlte nicht mit. Um 5 Uhr Nachmittags zog die Kammer der Deputirtcn nach dem Palais, Royal und übergab die Erklärung der Kammer, welche die neue Charte von 1830 (f. d.) enthielt, dem Reichsverweser. Lafsitte las die neue Verfassungs- Urkunde vor. Der Reichsverweser nahm sie an und umarmte Lafsitte. Die Begeisterung Aller im Palaste, der Jubel des Volkes von Außen feierte den großen Augenblick. Jetzt erschien der Herzog mit dem General Lafayette aus dem Balcon. Beide wurden mit lautem Zuruf begrüßt. Noch höher stieg der Ju- bel, als die Herzogin ihre Kinder dem Volke vorstellte. Ergriffen von dieser allgemeinen Erhebung der Gemüther, sagte Lafayette: „Wir haben ein gutes Werk vollbracht. Sie sind der Fürst, den wir haben müssen. Das ist die beste der Republiken !" An demselben Tage, den 7. Aug. Abends 10 Uhr, überbrachte auch die große Deputation der Pairskammer ihren Präsidenten, den Baron Pasquier, an der Spitze, ihre Adresse, in welcher sie den Herzog von Orleans als den neuen „Vürgerkönig" begrüßte. Am 9. Aug. kündigte Kanonendonner und die marseiller Hymne die Thronbesteigung an. Der Herzog beschwor in der Sitzung der vereinigten Pairs- und Deputirtenkammer die neue Verfassungsurkunde und nahm hierauf, als Ludwig Philipp I., König der Franzosen, den erledigten Thron ein. Der Jubel des Volkes erstickte den Ingrimm der beiden entgegengesetzten Parteien, die, seitdem als Karlisten und als Republikaner zu Factionen erwachsen, Frankreichs Ruhe erschüttert haben. Napoleons AnHanger theilten sich unter beide. Selbst unter den Männern der Revolution und des neuen Volkskönigthums erhoben sich gefahrliche Gegner. Einige, wie Cormenin, fragten, wenn das Princip der Volksfouverainetät der Rechtsgrund der neuen Staatsform sei, wann habe sie denn die Sanction von dieser Souverai, netät erhalten? Und was habe sie selbst gethan und geleistet, um dem Vertrauen der Nation zu entsprechen? Als hierauf das luste miüeu das Stichwort platter Angriffe geworden war, so verfolgten Spott, Verachtung, Haß den neuen Bürgerkönig. Ludwig Philipp verlor seine Popularität. Allein er hatte Frankreich vom Bürgerkrieg und von der Anarchie gerettet. *) (7) Junot (Laurette), Herzogin von Abrantes, Witwe des Marschalls Junot, ist die Tochter eines Finanziers, Namens Permon, welcher mit Necker in enger Verbindung stand. Ihre Mutter war eine Corst'can>erin, aus der Familie der Komncnen, die sich auf ihre Verwandtschaft und sogar auf ihre Abstammung *) Außer den im Artikel Frankreich und in diesem Artikel bereits angeführten Schriften, verweisen wir noch auf folgende. 1) Cabet's „Revolution de 1830 et situstion präsent« (Sept. 1832), expliguäes et äolairäes par les rävolutions de 1789, 1792, 1799 et 1804 et par la restauration" (Paris 1832). Der Verfasser ist Deputirter des Departements der Goldküste und gehört zur Opposition. L) Rozet's „Ottronchue de luillet 1830" (2 Thle., Paris 1832). 3) Alexander Mazas' ,,8aint-OIuud, Raris et Ollerbourg. Uämoires pour servil' a l'distoire «le la revolution de 1330" (Paris 1832). Der Verfasser nennt sich auf dem Titel seeretaire du clernier Präsident du eonseil des ininistres nommäs par Oliarles X. Seine Schrift enthält vorzüglich den etwas einseitigen Bericht über die im Art. erwähnte Sendung des Herzogs von Mortemart am Ende der Zuliuswoche, und neue Details über die Reise nach Cherbourg. 5uste Milieu 617 von dem ehemaligen griechischen Kaisergeschlechte nicht wenig zu Gute that. Diese Familie war mit der Bonaparte'schen innig vertraut, daher das Permon'- sche Haus in Paris von den Bonaparte's hausig besucht wurde. Napoleon, als er noch Zögling der Militairschule war, brachte seine Ferien in der Permon'sche Familie zu, daher Laurette ihn von Jugend auf gekannt hatte. Herr v. Pcrmon starb wahrend der Revolurionszeit; seine Witwe hielt von nun an große Cirkel, worin sich nebst den Bonaparte's die berühmtesten Personen jener Zeit zusammenfanden. Ihr Sohn war ein Freund und Begleiter Joseph Bonaparte's und ihre jüngste Tochter verheirathete sie an Napoleons vertrauten Freund und Wassen- gcsährten Junot. Als dieser Gouverneur von Paris wurde, gelangte die junge Frau, welcher Napoleon ein Heirathsgeschenk von 100,000 Francs ausgesetzt hatte, in eine der höchsten Sphären der damaligen Gesellschaft. Sie wurde in den Kirkel der Tuilerien eingeführt und ward Hofdame bei Lätitia, Mutter Napoleons. Spaterhin gab Napoleon Junot den Herzogstitel und ernannte ihn wegen des Feldzugs in Portugal zum Herzog von Abrantcs. Nichts schien nun dem Glücke des Junot'schen Hauses zu fehlen und sein Glanz auf immer gesichert zu sein. Junot und seine Frau führten ein verschwenderisches Leben, weshalb Napoleon auch noch auf St.-Helena klagte, daß er sie, aller Reichthümer ungeachtet, doch nie habe bereichern können. Junot starb in Gcisteszerrüttung, und da nun auch die Rückkunft der königlichen Familie die Aussichten der unter dem Kaiser- lhum bereicherten Familien zerstörte, so geriethen die Glücksumstände der Witwe I. bald in Verfall; sie mußte ihrem Glänze entsagen, ihre Güter verkaufen, und die Wohlthatigkeit der königlichen Familie in Anspruch nehmen. Sie lebt jetzt ganz zurückgezogen in einem kleinen Gemache des Nonnenklosters Abbaie- aux-Bois in Paris, und hat sich 1831 durch die Bekanntmachung ihrer Memoiren über die Revolutionszeit und die Napoleonische Regierung einen neuen Ruf erworben. Diese Memoiren sind zwar etwas weitschweifig und sehr nachlässig abgefaßt, enthalten aber interessante Anekdoten, besonders aus der pariser Gesellschaft zur Zeit des Consulats und des Kaiserthums. Die Verfasserin gibt merkwürdige Aufschlüsse über Napoleons Thaten und führt manche Äußerungen von ihm an. Sie ist ein große Verehrerin des Kaisers, welches sich durch die Wohlthaten erklaren laßt, die sie von ihm empfangen hatte. Übrigens urtheilt sie mit vieler Menschenkenntniß und Schärfe des Verstandes. Die Memoiren der Herzogin von Abrantes gehören zu den vorzüglichsten, die man über das erste Viertel dieses Jahrhunderts in Frankreich besitzt. (25) >l uste iniI ieu. Es ist bekannt, daß bald nach der Juliusrevolution ein Wort des Königs Ludwig Philipp: man müsse die rechte Mitte halten, zur Bezeichnung eines politischen Systems diente, in welchem die Ministerien Frankreichs eine Vereinbarung der Freiheit mit öffentlicher Ordnung im Innern und ^Erhaltung des Friedens mit dem Auslande zu erreichen suchten. Mit diesem >rincip der rechten Mitte wurden nicht bloß die Foderungen mancher Reformen Innern zurückgewiesen, sondern hauptsachlich Diejenigen zum Schweigen gebracht, welche ein entscheidenderes Auftreten Frankreichs zu Gunsten der constitu- lwnncllen oder revolutionnairen Bewegungen in Italien, Polen, Belgien und wo vs sich sonst noch zeigen möchten, verlangten. Dagegen bemerkte Lafayette in der Atzung der Deputirtenkammer vom 20. Febr. 1831, daß die Worte: richtige "itte und Mäßigung eigentlich gar keinen bestimmten Sinn gäben. „Darauf es gar nicht an, zwischen zwei veränderlichen (oder bestrittenen) Punkten » Mittel zu erwählen. Wenn der Eine sagt, 2 Mal 4 ist 8; ein überspannter ops aber behauptete, 2 Mal 4 sei 10, wird man denn glauben, in der Mitte das / tte treffen, indem man annehme, es sei 9? Die rechte Mäßigung besteht ' t!n, ngr quf Das zu sehen, was an sich wahr und gerecht ist, und daran unep 618 Jufti schütterlich festzuhalten." Im Allgemeinen ist diese Bemerkung Lafayette's voll- ^ kommen gegründet, und es ist ein durchaus unzulässiger Grundsatz, dadurch das Rechte finden zu wollen, daß man zwischen den zwei äußersten Punkten die ' > Mitte sucht, denn hier ist es gerade nie anzutreffen, weil nur das Eine wahr und gerecht sein kann, und man sich also durch die Annäherung zu einem Entgegen- ^ gesetzten immer davon entfernt. Auch verfehlt das Streben nach einer solchen Mitte nothwendig fast immer seinen Zweck, denn es gibt zwar oft vermiedene Wege zu dem Ziele, aber der eine muß entschieden und ganz erwählt werden, und eine mittlere Richtung führt in das Unwegsame; eine Verbindung widerstreitender "l Principien wird zur Halbheit. Gleichwol ist es der gewöhnliche Fehler unklarer und unentschiedener Menschen, sich nicht einer Ansicht völlig anzuvertrauen, son- dern, um nicht ganz irre zu gehen, immer das Halbe und Unzulängliche zu er- greifen, welches stets zu gleicher Zeit zu viel und zu wenig ist. Es ist wol nicht zu leugnen, daß auch das System der richtigen Mitte in Frankreich an dieser " Halbheit gelitten hat, und daß es sehr schädliche Folgen gehabt haben könnte, wenn es nicht in den Händen des kräftigen Perier zu einem sehr bestimmten und mit Entschlossenheit durchgeführten geworden wäre. Denn das ist etwas ganz Anderes, ein Ziel, welches man für das richtige erkannt hat, mit Behutsamkeit, mit Maßi- ksdKH gung und nicht bis in die äußerste Spitze zu verfolgen. Hier steht zwar der eine -DM Punkt fest und wird nicht aus Rücksicht auf ein Entgegengesetztes und Unwahres zur Hälfte verlassen; aber die Mäßigung erfodert, nicht mit Vernichtung alles Dazwischenliegenden, wie in der terroristischen Periode der Revolution, auf diesen Punkt loszustürmen und die als wahr angenommenen Grundsätze mit Schonung Mn' anzuwenden. Dabei bleibt das Ziel unverrückt, und wird nur eben dadurch sicherer MÄck und dauernder erreicht, daß man sich demselben langsamer annähert. Das System ÄHch Casimir Pe'rier's (Minister am 13. März 1s31) wurde jedoch als die vollständigste' Entwickelung der richtigen Mitte betrachtet; das jetzige Ministerium (vom 11. Ott. 1832) will als die Fortsetzung des 13. März 1831 angesehen sein. (Vergl. Guizot.) Indessen wird der Name der richtigen Mitte nicht mehr gehört, und erst die weiter fortschreitenden Verhandlungen der beiden Kammern werden zei- AMA gen, ob es den Doctrinaires gelingen wird, ein festes Verwaltungssystem zu begründen. (3) Justi (Karl Wilhelm), Consistorialrath und Professor der Theologie zu Marburg, wo er am 17. Jan. 1767 geboren wurde. Nachdem er seine Studien vollendet hatte, ward er schon 1790 als Prediger und 1793 als Professor an der Universität zu Marburg angestellt, 1802 Consistorialrath und Superintendent des Fürftenthums Oberhessen, 1806 Doctor der Theologie, 1814 Oberpfarrer an der Hauptkirche und 1822 ordentlicher Professor der Theologie lutherischer Confession an der Hochschule, deren theologische Facultät seit 1650 nur aus re- formirten Mitgliedern bestanden. Sein amtlicher Geschäftskreis wurde noch mehr > erweitert, als er seit 1821 auch zum ersten Consistorialrath bei dem neu eingerichteten Consistorium der Provinz Oberhessen, zum Schulreferenten in der Pro- vinzialregierung und zum Mitglied der Schulprüfungscommisft'on derselben Provinz ernannt wurde, und er hat in diesen Verhältnissen eine ebenso gewissenhafte als wirksame Thätigkeit gezeigt. Er benutzte die Muße, die ihm seine Berufsarbeiten übrig ließen, seit 40 Jahren zu literarischen Leistungen, in deren langer Reihe des Gediegenen viel sich darbietet. Seit 1790 trat er mit dichten- schen Arbeiten auf, die theils im „Göttinger Musenalmanach" und andern periodi- , ^ schen Schriften, theils einzeln erschienen, und zeigte im Gebiete der Lyrik ein glückliches Streben. Eine Auswahl seiner frühern Dichtungen enthalten seine „Gedichte" (zweite Aufl., Frankfurt am Main 1817), der spätem die „Gedichte. . i Neue Sammlung" (Leipzig 1830). Seme dichterische Anlage gab ihm einen Kampen 619 entschiedenen Beruf zur Bearbeitung der poetischen Theile des Alt en Testaments. Die vorzüglichsten seiner früher zum Theil in Zeitschriften erschie nenen Nachbildungen vereinigen die Sammlungen „Nationalgesänge der Heb, eaer" (3 Bde., Marburg 1803 — 18) und „Sionitische Harfenklänge" (L'eipzig 1829). Herder's Werk „Vom Geiste der hebräischen Poesie" hat er in der dritten, von ihm besorgten Ausgabe (2 Bde., Leipzig 1825) mit einigen neu übersetzten Stücken des Alten Testaments bereichert. Diese Studien führt en ihn auch zu erläuternden Ubersetzungen mehrer prophetischen Bücher, von welchen „Amos" Leipzig 1799), „Micha" (Leipzig 1799), „Nahum" (Leipzig 18.'20), „Habakuk" (Leipzig 1821), ein glückliches Eindringen in die Geisteseiger tthümlichkeit der Hebräer beurkunden. Der Geschichte seines Vaterlandes und der, mit derselben durch manche Kaden verflochtenen thüringischen Vorzeit wa r früh seine Vorliebe mit glücklichem Erfolge zugewendet. Eine der ersten Frücht e seiner Forschungen war „Elisabeth die Heilige" (Zürich 1797), und ein nicht mir -der ansprechendes Gemälde stellte er in „Amalia Elisabeth, Landgräsin von Hessen " (Gießen 1812) auf, das er später in Ersch und Gruber's „Encyklopädie"(Bd. 3)! -roch einmal zeichnete. Mit Hartmann gab er „Hessische Denkwürdigkeiten" (3. Bde., Marburg 1799 und 1802) heraus. Schatzbare Beiträge zur hessischen St aats- und Cultur- geschichte lieferte er in Wieland's „Neuem teutschen Mercur", im „Rheinischen Taschenbuchs" und andern Zeitschriften, bis er 1820 das Taschenb uch „Die Vorzeit" begann, welches er bis 1838 fortsetzte und mit werthvollen (Haben ausstattete. Der Jahrgang 1826 enthält die, auch besonders abgedruckten „Grundzüge einer Geschichte der Universität zu Marburg" (Marburg 1827) . eine Festgabe zur dritten Säcularfeier dieser, um Hessens und Deutschlands Cu ltur hoch verdienten BildungSanstalt, von welcher er auch eine ausführliche Besch reibung (Marburg 1827) gab. Unter seinen spätem geschichtlichen Darftellunge n ist „Konrad von Marburg, Beichtvater der heiligen Elisabeth und erster Inquisitor in Deutschland" in Pölitz's „Jahrbüchern für Staatskunst und Geschichte" (1829, Jun.) auszuzeichnen. Siehe seine Autobiographie in der von ihrn besorgten Fortsetzung von Striedcr's „Grundlage einer hessischen Gelehrten-, Schriftsteller- und Künstlergeschichte" (17- und 18. Band). IM K. K ampen (Nikolaas Godfried van), niederländischer Geschichtschreiber, ward M15. Mai 1776 zu Harlem geboren, wo sein Vater als Blum enhändler (öloem- Kneeker) lebte. Er wurde nach Leyden geschickt, um den Buch Handel zu erlernen, stine Neigung zu den Wissenschaften aber lenkte ihn von jeder andern Laufbahn ab, obgleich er kein Vermögen hatte. Fast ohne Lehrer erwarb er sich» durch unermüdete Anstrengung die umfassendste Kenntniß der ältern und neuern Geschichte, und ein gründliches Studium der klassischen Schriftsteller in den meisten Sprachen gab ihm Gewandtheit des Ausdrucks im Französischen und Deutschen, besonders aber in seiner Muttersprache, die er mit ungemeiner Kraft schreibt. Er besorgte einige Zeit die Herausgabe der leydner Zeitung. Erst 1816 ward er bei der Universität angestellt, üdoch anfänglich nur als Lehrer der deutschen Sprache, bis er endlich 1829 ^ P^essor der niederländischen Sprache und Literatur und der vaterländischen ^ Schichte am Athenäum zu Amsterdam und zugleich zum Mitglied des Instituts wurde. Er begann seine literarische Laufbahn mit Ubersetzungen, z. B. k ,,denie flu ClmsUumsme" von Chateaubriand, Seine „Teckekunchtze 620 Kampen « scboenbeden 6er on6en" (4 Bande., Leyden 1802-—11) enthalten Auszug aus den besten Schriftstellern der Alten. Seine metrische Übersetzung der „Medea" des Euripides (Groningen 1811) begleitete er mit Anmerkungen. Die Gx. schichte aber wurde bald das Fach, dem er seine ganze Thatigkeit widmete. Nach und nach erschienen: „Vieris van vermaar6e vrouwen" (Dordrecht 1814) ^ „(4escbie6kun6iA overz-igt 6er ^roote gebeurtenissen inLuropa se6ert den vre- 6e van Indens tot 6ien van ?arijs" (2 Bde., Leyden 1814); „<^escbiedeiüz 5^ . ^ 6er Iranscbe beerscbappis in Luropa" (Leyden 1815 — 28), eines sein« ' Hauptwerke; „Statistische eu geographische beschrijving van het honingrijli 6er?4e6erlsn6en" (zweite Ausg., Hartem 1827); „De aar6e in Karen natuur- lijhen toestanck" (zweite Ausg., Hartem 1824); „VerHorte gesclüedeniz der IXe6er1an6en" (zweite Ausg., Harlem 1827); „Va6erlan6scke harahterhunde, ot harahterschetsen van tijdperhen en Personen uit 6e nederlandsche ge- schie6enis" (Harlem 1826). Die beiden letztgenannten Werke bilden die voll- ständigste und zugleich gedrängteste Übersicht der Geschichte der 17 vereinigten Provinzen der Niederlande. Gleichzeitig vollendete er eine Übersetzung von Zim- ZWÜi! mermann's Werke: „Die Erde und ihre Bewohner" (19 Bde., Leyden 1816— jsW 26), und fügte nach demselben Plan hinzu: „Afrika en tlessells bervouers" zHiilU (3 Bde., Leyden 1827—29). Er hatte früher zu Eichhorn's „Geschichte der Lite- ratur" die Geschichte der schönen Redekünste in Holland geliefert, und erweiterte WiW später diese Skizze durch seine „<3eschie6euis 6er vetenschappen eu letteren ia HgU 6e Ke6er!an6en" (3 Bde., Haag 1821 — 26), wodurch er eine Lücke in der Mn hollandischen Literatur ausfüllte. AufHceren's und Ukert's Einladung lieferte er zu HM der „Geschichte der europäischen Staaten" die „Geschichte der Niederlande"(2 Bde., Hamburg 1832—33). Dieses Werk ist eine ganz neue, von seinen in holländischer Sprache erschienenen Darstellungen verschiedeneBeacbeitung der vaterländischen Ge- MM schichte. Zwei Werke über ausländische Geschichte verdienen um so mehr Aufmcrk- M M samkeit, da K. in denselben eine umfassende Gelehrsamkeit und Eigenthümlichkeit in Plan und Ansichten zeigt; seine „(üeschie6enis 6er hruistogten" (4 Bde., Har- lem 182.2—26), die neben den Werken anderer Gelehrten über die Geschichte der Kreuzzüge beachtet zu werden verdient, und die 1827 begonnene „Geschichte Griechenlands", von welcher bis 1833 fünf Bände zu Delst erschienen sind. In seinen Werken über die niederländische Geschichte hatte er Alles, was auf die Eni- deckungsreisen, Kriege, Eroberungen und Colonien der Holländer sich bezieht, nicht mit hinlänglicher Ausführlichkeit entwickeln können, und um den Mangel zu er- gänzen, gab er „<4eschie6enis 6er I4e6er!sn6en brüten Luropa" heraus, wovon . . ' drei Bände (Harlem 1831 — 33) erschienen sind, welche die Geschichte bis 1832 herabführen. Der rühmliche zehntägige Feldzug gegen die Belgier im Aug. 1831 ' I? veranlaßte auch ihn, dieses Ereigniß darzustellen; ehe er jedoch diese bereits begon- nene Arbeit vollendete, wollte er den Faden wiederaufnehmen, wo seine oben er- . ' wähnte, bis 1815 hinabreichende Geschichte der französischen Herrschaft in Europa >^! ihn abgebrochen hatte und die Ereignisse bis 1830 erzählen, wozu seine „(iesclue- M 6eiüs van 6en vssttiensarigen vre6e in Europa" (2 Bde., Harlem 1832), be- stimmt ist. Je mehr ihn auch seine amtlichen Geschäfte in Leyden und Amsterdam ^ in Anspruch nahmen, um so überraschender ist die Thätigkeit, die er durch die Her- ' ^ .ausgäbe so vieler .bedeutenden Werke zeigte, von welchen einige freilich Tiefe der For- ^ «S schung vermissen lassen, die aber alle einen reichen Schatz von Kenntnissen verra- then und von wissenschaftlichem Geiste durchdrungen sind. Während seine gro- ßern historischen Arbeiten ihn beschäftigten, fand er Muße, seine „Handboeh der H z hoog6uitsche letterhuncle in prosa eu poeaij" (4 Bde., Harlem 1823 — 36) herauszugeben, zu der von Tijdeman und ihm besorgten Zeitschrist ,Mucinosen« (10 Bde., 1815 — 21) viele Beiträge zu liefern und mehre, von verschiedenen Kanaris 621 ^^ Kindischen Gelehrtenvereinen aufgegebene Preisfragen zu bearbeiten, z. B. < fker die Ausbreitung des Christenthums; über den Nutzen der Ubersetzungen grie- ! chlscher und römischer Schriftsteller, besonders der Dickter. N-.., . .. bedeutendsten epischen Dichtungen von Tasso Camoens' Mtte ' Klopstock, sowol mit einander als in Netlek,,^ 5 5. ^llton, Voltaire und wmfch-ld d.t .-afs-fch,n P°^ üd-r dm ' M-m, und s -in- n-u-st-Pr.!«fchrist (1SZ3) übe^^Um-t?? dm^ >zMedtsamkeit und der verschiedenen Arten der Staatsberedtsamkeit. Die für O diese Schriften gewonnenen Preismedaillen hat er dem bedrängten Vate, s»P-»zit ! bß«lÄ5 «j" . n..^. - , , ^ ^ Vaterlande zum ^ dargebracht. (74) > Kanaris (Konstantin), um das Jahr 1790 zu Jpfara geboren, hatte in früher Zeit in den heimischen Gewässern nach Art seiner Landsleute zum schlichten Seemann gebildet, und später ferne Kenntnisse und Ansichten durch wiederholte Reisen in die entferntem Hafenplätze des schwarzen und des mittelländischen Meers, wie namentlich nach Marseille, bereits etwas erweitert, als ihm der Ausbruch des griechischen Freiheitskampfes die erste Gelegenheit gab, seine aus- gezeichnete Geschicklichkeit und seltene Unerschrockenheit durch die glänzendsten e - iw« ^ den Tag zu legen. Nur selten hatte man vorher unter dem alltäglichen Treiben eines beschränkten Seehandels an K. ein ungewöhnlicheres Feuer bemerkt, welches vorzüglich deshalb Aufmerksamkeit erregte, weil es mit der ihm eigenthüm- , , lichen äußern Ruhe und scheinbaren Gleichgültigkeit im auffallendsten Contraste UM in dir Selbst an dem Aufstande der Hellenen nahm K. im ersten Jahre keinen VAtkiju ^ peinlichen Antheil, und erst als die Jpsarioten, nach der Katastrophe von ChioS ickM, ^ Frühjahre 1832, die dieser Insel zugefügte Schmach durch einen entscheiden- »WW hen Schlag gegen die türkische Flotte zu rächen beschlossen, ward K., aus sein eig- MiiiM nes Anerbieten, als der Tüchtigste und Würdigste, zum Führer zweier Brander erwählt, welche man zu diesem Zwecke besonders ausgerüstet hatte. Die feindliche Flotte lag damals, unter den Befehlen des Kapudan Pascha, noch ruhig vor Chios, und die Mannschaft ergab sich um so ausgelassener den zur Feier des wiederkehrenden Ramazan veranstalteten Festlichkeiten, da die griechischen Fahrzeuge, welche bis jetzt noch den Canal von Chios bewacht hatten, endlich verschwunden waren. Der Kapudan Pascha hatte die Nacht vom 19. auf den 20. Jun. zu einer außerordentlichen Festlichkeit am Bord seines Schiffes bestimmt, wozu er sämmtliche Offiziere der Flotte eingeladen hatte, und die überhaupt eine Menge Neugieriger von der Insel herbeizog, sodaß über 2000 Menschen auf dem Admiralschiffe versammelt gewesen sein sollen. Kaum hatte man hiervon in Jpsara sichere Kunde «halten, als K. jene Nacht zur Ausführung seines Planes wählte, welcher zunächst die Vernichtung des feindlichen Admiralschiffes zum Zwecke hatte. Am «bmd des 18. Jun. bestieg er mit 34 entschlossenen ipsariotischen Matrofen die Lander, von denen er einen dem Hydrioten Georg Pepinis anvertraute, und MM- , »" liiß, nachdem die Fahrzeug- von dem gerade anwesenden Patriarchen von - Alexandrien waren eingesegnet worden, unter den Eluckwunsch-n der MenM nur ' B' l Wem Wind- dm Hafen von Jpsara, Nach einem kurzen durch plotzt.che Wmd- ^ verursachten Ausenihalte auf de» Höhen der spalmadorischen Inseln am Morgen de« folgenden Tage«, liefen die Brander in den Canal von Chios -m. und näherten sich schon bei hereinbrechender Dämmerung der türkischen Flotte so- «t, daß die vor dem Hafen aufgestellten Wachtschiffe ihnen gebieten mußten sich o entfernen. Da sie sich hierauf wirklich in der Richtung nach Tfchesme hin ver- ^ 5' I ^ ergaben sich die Wächter um so sorgloser dem Geräusche des Festes. ^ Stunden verflossen, als K. mit vollen Segeln zurückkehrte, seine Ankunft gewahrte, das Schiff des Kapudan Pascha in Brand ^ und mit dem Rufe: „Sieg den Christen!" sich und die Mannschaft auf einer 622 Kanaris Gondel der größten Gefahr entzog. In wenig Minuten stand das ganze Schiff in Feuer ; cm Rettung der unglücklichen Mannschaft war ebenso wenig zu denken ^ i> als an d,e Verfolgung der Urheber der entsetzlichen Heldenthat; und wahrend der Kapudan Pascha selbst, von den einstürzenden Schiffstrümmern ins Meer gc- schleudert, schwer verwundet an der Küste von Chios seinen Geist aufgab, passir- ten K. und Pepinis, welcher nicht mit gleichem Glücke gegen das Schiff des Ka- ^ pud an Bey, worauf sich die Casse befand, einen Versuch gemacht hatte, ruhig die feindlichen Linien und steuerten mit günstigem Winde zurück nach Ipsara. Mit ban ger Erwartung hatte man hier am fernen Horizonte die aufsteigende Glut vom Bn mde des Admiralschiffes bemerkt, und noch war die am Ufer versammelte Menge " in Ungewißheit über den Ausgang des kühnen Unternehmens, als in den Morgen- ' stun den das brennende Siegeszeichen auf dem Hauptmaste der Barke, in welcher K. zurückkehrte, das Gelingen des gefahrvollen Zuges verkündete. Allgemeiner Andel empfing darauf den Helden und seine Genossen im Hafen der Heimath und ^ sein Name ward von jetzt nicht nur bei den Seinigen, sondern auf allen Inseln ^ und in allen Gauen des aufstehenden Hellas mit denen der ersten Helden des Frei- '' hei'tskampfes genannt und gefeiert. Von dem Schiffe des Kapudan Pascha waren ^ bloß 180 schwer verwundete Matrosen entkommen, und auch die Schiffe, welche Pcpinis angegriffen hatte, gegen die Küste von Tschesme verschlagen und halb vernichtet von der Mannschaft selbst ausgeplündert worden, die sich dann mit dem Rnube in den benachbarten Gebirgen des Festlandes zerstreute. Abgesehen von diesem Vortheil war vorzüglich auch die moralische Wirkung der Heldenthat von A dein bedeutendsten Einflüsse. Fast überall wichen die Türken auf die Nachricht AH vor» dem Unfälle bei Chios zurück, während sie auf Seiten der Griechen vorzüglich K D dazu beitrug, den seit dem Untergange der Chioten gesunkenen Muth wieder zu i»«ch heben. Auch erhielt K. bald neue Gelegenheit, sich seines Ruhmes würdig zu zeigen. Hu? Schon im Aul. erschien die gesammte Seemacht der Pforte, 84 Segel stark, wie- >>lteM der in den griechischen Gewässern und nahm im Aug. den zum Kapudan Pascha er- M K/i nannten Seraskier Mehemet Pascha in Patras am Bord. Bei einem Versuche, M , Napoli di Romania zu verproviantiren, wurde sie in dem Canal von Spezzia von v, au- den Griechen zurückgeschlagen, zu Ende des Sept. durch einen Sturm nach Suda W getrieben, d urchkreuzte aber bald darauf wieder den Archipel und legte sich in den letzten Tagen des Oct. bei Tenedos vor Anker. Eine Abtheilung der griechischen Marine, aus 12 ipsariotischen Briggs bestehend, hatte ihre Bewegungen im Archipel genau beobachtet, und war ihr sogar bis vor den Hafen von Tenedos ge- MM folgt, sodaß sie über ihre Stellung die sicherste Auskunft gewähren konnte. Alle ^ Umstände schienen einen zweiten kühnen Vernichtungszug gegen die feindliche Flotte ^ zu begünsti gen, und kaum hatte man sich zu Ipsara entschlossen, das Wagstück zu versuchen,, als sich K. zum Führer der dazu bestimmten Brander anbot. Bei ^ ^ ziemlich stürmischem Wetter verließ er am 9. Nov. Abends mit zwei Brandern, ^ deren einen der gleich unerschrockene Kyriakos führte, und zwei Briggs Ipsara, ^ umging in der Morgendämmerung die durch die türkische Flagge und die türkische Tracht seiner Matrosen getäuschten Wachtposten der Feinde, und steckte das Ad- miralschiss mit so großer Schnelligkeit in Brand, daß von der ganzen darauf be- sindlichen Mannschaft, die sich auf 2000 Köpfe belaufen haben soll, nur der Ka- M pudan Pascha mit etwa 30 seiner Leute dem Tode entrinnen konnte. Zu gleicher Zeit hatte Kyriakos ein anderes Schiff in Brand gesteckt und bald war die Be- > stürzung und Verwirrung in der Flotte so groß, daß alle Schisse, die nicht vom ^' Feuer ergriffen worden waren, nur durch schleunige Flucht nach dem offenen Meere dem Verd erben zu entgehen hofften. Kaum aber glaubten sie sich hier in Sicher- M heit, als sich ein heftiger Sturm erhob, welcher sie theils an die Küsten des nahen ^ Festland eS warf, theils selbst bis unter die Inseln des Archipels verschlug. K. da- ' kfd Kanaris 623 'St IGW t Mal > »lGW, M»M' MlM- schind!» zB N-' Md!v Äilt A«? ch"5 H" ff° ^sS- MN erreichte in demselben Sturme am 12. Nov. glücklich den Hafen von Jpsara und empfing aus den Händen der Ephoren zum Zeichen des Dankes und der Anerkennung seines Vaterlandes einen Lorberkranz, den er sogleich zu den Füßen der Öligen Jungfrau in der Hauptkirche des Ortes niederlegte. Die ihm kurz darauf ron der Admiralität zu Hydra angebotene Belohnung schlug er mit dem Vorbehalte aus, daß man seinen Leuten zum Lohne ihrer Tapferkeit einige Unterstützung ,u Theil werden lasse; und als man ihn später zum Admiral und Commandanten einer Abtheilung der Flotte ernennen wollte, wies er auch diese Ehre mit der Bemerkung zurück, daß seine geringen Mittel nicht hinreichten, eine so hohe Stelle mit der nöthigen Würde zu behaupten. Als Jpsara in den ersten Tagen des Jul. 1824, vorzüglich durch den Verrath des albanesischen Häuptlings Kotta, welcher die der Insel aus dem Peloponnes zugeschickten Hülfsvölker befehligte, in die Hände der Osmanen gefallen war, begab sich K., nach einigen vergeblichen Versuchen, die feindliche Flotte abermals durch seine Brander zu vernichten, nach Syra und diente ferner als Branderführer in der griechischen Flotte unter den Be- fehlen des Admirals Miaulis. Schon im Aug. nahm er hierauf an der Expedition Theil, welche unter dem Viceadmiral Sachturis gegen Kosrew Pascha unternommen wurde, der damals Samos hart bedrängte. In mehren Gefechten zeichnete sich K. auf das Vortheilhafteste aus, und steckte abermals mit gewohnter Kühnheit mehre feindliche Schiffe in Brand, unter andern eine Fregatte von 54 und eine Corvette von 26 Kanonen, welche er auf der Flucht nach Porto-Sigri einholte. In gleicher Weise erwarb sich K. auch in den folgenden Jahren, während Ibrahim Pascha in Morea hauste, große Verdienste um sein Vaterland, ! welche jedoch keineswegs die schuldige Anerkennung gefunden zu haben scheinen, da man ihm, als er 1825 für sich und seine Familie um ein leerstehendes türkisches Haus zu Nauplia bat, von Seiten der provisorischen Regierung nicht einmal diese Bitte gewahren wollte. Dagegen erhielt er später verschiedene Beweise der dankbaren Gesinnungen, welche sich noch im Volke an das Andenken seiner Thaten knüpften. Im Dec. 1826 ward er unter Miaulis zum zweiten Befehlshaber der lchönen, aus Amerika angekommenen Fregatte Hellas ernannt; und zu Anfange z des folgenden Jahres wählten ihn die Jpsarioten zu ihrem Stellvertreter bei der I Nationalversammlung zu Kastri. Er kehrte jedoch von hier bald wieder in seinen eigentlichen Wirkungskreis, die Flotte, zurück. Allein auch dieser verengte sich immer mehr, da theils der Krieg überhaupt seit dem thätigen Einschreiten der vermittelnden Mächte nicht mehr in der frühern Ausdehnung geführt wurde, theils aber auch vorzüglich die Beschränktheit der Mittel größere Operationen zur See mcht gestatteten. Sein Plan, die ägyptische Flotte im Hafen von Alexandrien in Brand zu stecken, blieb vielleicht vorzüglich aus diesem Grunde unausgeführt; sine ganze Thätigkeit beschränkte sich auf die Theilnahme an jenen kleinen See- Wn, welche Miaulis während der folgenden Jahre theils gegen die Piraten, ^ils nach den östlichen Inseln, die man der Herrschaft der Pforte noch zu entgehen hoffte, unternahm. Im ersten Jahre der Präsidentschaft Kapodistrias' ^"^andirte K. die aus Jpsarioten bestehende Besatzung der Citadelle von Napoli ,!Malvasia zugleich mit einer Goelette, welche zur Jnspection der Küsten von hier ' Zu den Festungen in Messenien bestimmt war. Zu Ende des Jahres 1829 ernannte ihn Kapodistrias zum Mirarchen (Befehlshaber einer Flottille) und übernahm zugleich, in Abwesenheit des Admirals Miaulis und des Viceadmirals ^Nturis, die Aufsicht über den Kriegshafen von Poros. An den Unruhen der Kr ss mittelbar Theil, neigte sich aber, als die herannahende von ^"t!cheik>ung verlangte, ganz zur Partei des Präsidenten, was ihm es Opposition sehr übel ausgelegt wurde. Namentlich erklärte man geradezu für eine Befleckung seines frühem Ruhmes, daß er den Befehlen des 624 Kannegießer Präsidenten Folge geleistet habe, als ihm dieser zu Anfange des Jahres 1831 das Commando der Expedition gegen die aufrührischen Bewegungen zu Limeni und in ' Maina übertrug. Er verweilte damals längere Zeit auf der Rhede von Armyrvs ! bewog mehre nahgelegene Orte zur Unterzeichnung reuevoller Adressen an den Prä- sidenten, und trat selbst mit Konstantin Mauromichalis, dem Haupt der maino- tischen Aufrührer, in Unterhandlungen, welche jedoch sogleich abgebrochen wurden als die Gefangennehmung des alten Mainotenbeys, Pietro Mauromichalis > ^ (s. d.), in Maina bekannt wurde. K. wurde selbst von Konstantin einige Zeit als - ^ Gefangener behandelt, dann aber wieder freigelassen, worauf er seine Station an der Südküfte von Morea verließ und nach Pyros zurückkehrte. Sein Benehmen ' 5?^ beiden spätem traurigen Ereignissen bedarf nach diesen Vorfallen keiner Erlaute- rung. Sogleich nach den ersten Händeln zwischen der russischen Brigg Telcmach und den hydriotischen Fahrzeugen (s. Griech enland, S. 278,279) warK. einer Di ^ der Ersten, welche in einer in sehr starken Ausdrücken abgefaßten Adresse dem Pra- sidenten ihre völlige Misbilligung des Benehmens der Hydrioten zu erkennen ga- simii Ken, und als Miaulis am 13. Aug. die Fregatte Hellas und die Korvette Hydra izM l! durch Feuer vernichtet hatte, trug er kein Bedenken, die dem Präsidenten deshalb ÄnA zugeschickte Note mit den Worten zu schließen: „Fluch ruhe für ewige Zeiten aus dem Urheber dieser entsetzlichen Barbarei". Selbst nach dem traurigen Ende Hisß des Präsidenten und der Vertreibung seines Nachfolgers, Augustin Kapodi- Mch strias, verharrte K. im Widerstande gegen die von der republikanischen Partei zu Nauplia neu errichtete Regierung. Dem von dieser ausgegangenen Befehle, die Schisse, mit denen er um diese Zeit vor Syra lag, nach Nauplia zu bringen, gehorchte er nicht, sondern eilte, ehe man es hindern konnte, im Mai 1832 nach Aegina, nahm hier 60,000 Piaster, welche in der Münze vorräthig waren, in NHH Beschlag, tilgte damit einen Theil der seiner Mannschaft schuldigen Rückstände und blieb, ungeachtet wiederholter Auffoderungen der Regierung, in Ägina zurück. K. war jedoch mehr zu kühnen Thaten als zur Ausführung weit angelegter Plane geschassen, und wenn er daher früher schon jede Gelegenheit, in die innern Ver-^ ^ Hältnisse seines Vaterlandes thätig einzugreifen, fast absichtlich vermieden hatte, so war es nur natürlich, daß er an den jetzt eintretenden Ereignissen, die überdies mit seinen Wünschen, Erwartungen und Ansichten nicht wohl in Einklang gestan- den haben mögen, mehr beobachtend als handelnd Theil nahm. So viel uns be- ^ kannt ist, lebte er jetzt wieder zu Syra im Kreise der Seinigen. (18) D Kannegießer (Karl Friedrich Ludwig), geboren am 9. Mai 1781 zu Wendemark bei Werben in der Altmark, wo sein Vater Prediger war, besuchte .. lR die Schulen zu Seehausen und Stendal und später das Gymnasium zum grauen ^ Kloster zu Berlin, wo er sich Engel's Wohlwollen erwarb, der ihn als Vorleser . und Gesellschafter lieb gewann. Er bezog 1802 die Universität zu Halle, um sich ^ zunächst den theologischen und philologischen Studien zu widmen; aber schon da- E mals zog besonders die Beschäftigung mit Dante ihn an. Nachdem er einige Zeit ' Wj in Weimar gelebt hatte, ward er 1807 Lehrer am Schindler'schen Waisenhause zu Berlin und ging von da 1811 als Prorector an das Gymnasium zu Prenzlau, wo er 1814 in das Rectorat einrückte. Seit 1822 Director des Friedrichsgymnasiums ^ zu Breslau, begann er 1823 zugleich als Docent im Fache der neuern Literatur an der Universität thätig zu werden. Seine schriftstellerischen Leistungen bestehen ' größtentheils in Übersetzungen, unter welchen die Verdeutschung Dante's die wich- " R, tigste ist, die er, von Bode und L.Hain unterstützt, bereits zu Halle begonnen hatte; der erste Band: „Die Hölle", erschien bereits 1809, erst 1821 aber war das Ganze I vollendet. Obgleich es in seiner damaligen Gestalt von Mängeln keineswegs fm ^ war, mußte es doch als erster schwieriger Versuch, bei dem eben damals in Deutsch- land erwachten Eifer für das Studium Dante's dankbare Anerkennung finden. ^ Kantelaar 625 >chai«i > Aü iliitül »lsW chu iiM lÄ Bald nach Erscheinung des dritten Bandes erschien eine neue Auflage (3 Bde., Leipzig 1825), die sich fast in all ihren Theilen als eine neue Bearbeitung auswies und durch den hinzugefügten reichhaltigen Commentar einen eigentümlichen Borzug gewonnen hat, und 1832 erschien die dritte Auflage. Die Überzeugung, daß für das tiefere Verstand«iß dieses Dichters die Kenntniß der kleinern Poesien desselben unerläßlich sei, vermochte den Übersetzer, in Vereinigung mit K. Witte und W. von Lüdemann, auch diese einem großem Lesekreise durch Übertragungen zugänglich zu machen. Die „Lyrischen Gedichte" Dante's italienisch und deutsch mit Einleitungen und Anmerkungen (Leipig 1827) wurden, als eine unentbehrliche Zugabe zur Übersetzung der „Göttlichen Komödie", mit Beifall aufgenommen. W Probe einer neuen Verdeutschung der Homerischen Gedichte gab K. 1822 das erste Buch der Odyssee, nach metrischen Grundsätzen, die er in^der Vorrede entwickelte; und zu der in Prenzlau erscheinenden „Übersetzungsbibliothek griechischer und römischer Classi'ker" lieferte er 1827 Anakreon und Sappho. Von den Römern war es hauptsachlich Horaz, dem sein Fleiß sich zuwendete, und er gab dessen Oden 1816 in einer gereimten Übersetzung heraus. Er übersetzte vier Stücke von Beaumont und Fletcher, einige von Chaucer's „Canterbury-Erzählungen", mehre Poesien von Byron für die frankfurter und zwickauer Sammlung (1838), und für die letztere auch Einiges von Walter Scott, wie sein Gedicht: „DcrHerrderJnsel". Bruchstücke aus Spenser's „Feenkönigin" und aus Barbour's „Bruce"hatten früher schon die„Polychorda"und das von ihm und Büsching 1810 herausgegebene „Pantheon" mitgetheilt. Als selbständiger Dichter hat er sich durch eine Sammlung lyrischer Poesien (2 Bde.), durch ein beschreibendes Gedicht („Prenzlau") und ein idyllisches („Amor und Hymen"), sowie durch einige dramatische Arbeiten („Dramatische Spiele"; „Mirza", eineTragödie; „Benvenuto Cellini und die Krähe", ein Lustspiel im „Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" für1833) bekannt gemacht. Außerdem hat er in Schulprogrammen Kritiken über Horaz und über einzelne Stücke von Sophokles, eine Erklärung von Goe- lhe's „Harzreise" und Schulreden gegeben, und in einer kleinen Schrift: „Christus und seine Lehre nach dem Zeugnisse der Evangelisten" (Breslau 1831), die Punkte festzustellen gesucht, die einer Vereinigung der christlichen Confessi'onen zur Grundlage dienen müssen. ' (51) Kantelaar (Jacobus) wurde am 22. Aug. 1759 zu Amsterdam geboren, studirte zu Leyden die Theologie, und machte sich nach Vollendung seiner Studien durch eine geschätzte Schrift („Speeimen nkservilliminm criticarum all yuaeckum Venz testomenti loca") bekannt. Er wurde als reformirter Prediger angestellt Abstand zuletzt zu Almals in Oberyssel im Amte, fand sich aber bewogen. 1787 Entlassung zu nehmen, da er eifrig an den politischen Streitigkeiten Antheil genommen hatte. Er nahm seinen Aufenthalt in Amsterdam, wo er, wie später in Kam- vsn, in der Zurückgezogenheit und ganz den Wissenschaften sich widmend, lebte. Ei- ^e Zeit war er Herausgeber der kritischen Zeitschrift: „Vackerlnnüscke bibliotkek ^ >veteuzckup, Kunst en smuuk", die er zu hohem Ansehen brachte. Er gewann einen von der literarischen Gesellschaft zu Leyden ausgesetzten Preis auf seine 5 luft. „Over üet üerckerseiiellt", die 1813 in den Schriften der niederländischen Lenste der schönen Künste und Wissenschaften gedruckt ward und ausgezeichneten fM erhielt. Jene Gesellschaft ließ auch mehre seiner Gedichte drucken, andere Achtungen aber und verschiedene Aufsätze, besonders kritischen Inhalts, unter wel- sine 1794 gehaltene Lobrede auf den gelehrten Orientalisten Schultens hervor- Plenen theils einzeln, theils in seinen von t793—96 gemeinschaftlich Dichter Feith in drei Banden herausgegebenen „Ilistira^n ter 6«vc»rüe- ^ ^'r sclwune Künsten en wetenscknz»;>en". Die Revolution von 1795 o. der neuest:» Zeit u?d Literatur. II. 40 6W Kapodistrias (Familie) hatte einen entscheidenden Einfluß auf sein Schicksal. Die Provinz Oberyssel be- I rief ihn in die Nationalversammlung, wo seine ausgebreiteten Kenntnisse,' seine Thatigkeit, sein fester Charakter, seine kraftige Beredsamkeit ihm Vertrauen und allgemeine Achtung gewannen. Zur zweiten Nationalversammlung ward er von 14 Wahlcollegien gleichzeitig ernannt. Sein Ruhm stieg. Die Mäßigung aber, der er stets entschlossen treu blieb, führte ihn nach der am 22. Jan. 1798 ausgebrochenen Bewegung mit mehren Gleichgesinnten in das Gefangniß, welches ' er erst nach mehren Monaten, als die entgegengesetzten Meinungen siegten, wieder B^ verließ. Er lehnte die vortheilhaftesten und ehrenvollsten Anerbietungen ab, und begab sich nach dem Haag, wo er ein Wechselgeschaft gründete, das er 12 Jahre '7! ^ lang mit Erfolg leitete, bis wiederholte Schlagflußanfalle und die dadurch entstan- dene Schwache ihn nöthigten, sich zurückzuziehen und auch seine wissenschaftlichen Beschäftigungen fast ganz aufzugeben. Er gab indeß noch 1810 und 1811 in »'!M Verbindung mit Professor Siegenbeck eine Zeitschrift „Euterpe" heraus, zu wel- AO cher er mehre schatzbare Beiträge lieferte. Geehrt und geliebt, lebte er seitdem an- fangs zu Amsterdam, später auf seinem Landgute bei Zwoll, wo er am 7. Jul. .tzW 1821 starb. Eine Auswahl feiner Reden und Dichtungen wurde 1826 von Sie- W« genb-ck zuHarlem, mit anziehenden biographischen Nachrichten über den Verfasser, Mii herausgegeben. K. war der erste Redner in der Nationalversammlung, und er '.Ml kann für den Schöpfer der Staatsberedtsamkeit in Holland gelten, dessen frühere .«Wj Einrichtungen zur Ausbildung solcher Talente keine Gelegenheit gaben. (74) Kapodistrias. Joannis Antonios, Graf, geboren zu Korfu im Jahre 1776, stammte aus einem edeln Geschlecht?, welches schon seit dem An- fange des 14. Jahrhunderts aus den ionischen Inseln in Ansehen stand. Als nach- geborner Sohn für den Staatsdienst bestimmt, begab er sich zu seiner weitem Ausbildung nach Italien und studirte vorzüglich zu Padua und Venedig die Heil- künde. Seine Rückkehr ins Vaterland fällt in die Zeit, wo Frankreich die alte Verfassung von Venedig gestürzt hatte und in Folge dessen (1798) unter demo- kratischen Formen seine Gewaltherrschaft auch über die ionischen Inseln ausdehnte. Der junge K. fand feinen Vater in französischer Gefangenschaft, und selbst, an- geblich wegen politischer Meinungen, mit der Verbannung bedroht; dieser Um- stand aber gab dem zweiundzwanzigjahrigen Jüstglinge die erste Gelegenheit, seine ^' geistige Gewandtheit zu zeigen, die er mit dem glücklichsten Erfolge für die Be- " freiung feines Vaters geltend machte. Als im Febr. 1799 Frankreich oie ionischen Inseln der vereinigten türkischen und russischen Flotte überlassen mußte, wurde sein Vater an die Spitze der ionischen Deputation gestellt, welche nach Konftan- tinopel geschickt ward, um an den Verhandlungen über das weitere Schicksal der ionischen Inseln Theil zu nehmen. Das Resultat war der Vertrag vom 20. Marz '->>s 1800, welcher die Republik der sieben Inseln förmlich anerkannte und als der ' Pforte zinspflichtigen Staat unter den Schutz Englands und Rußlands stellte. ' Ach Hiermit beginnt des jungen K. politische Laufbahn. Schon 1800 erhielt er den ''Ms ebenso schwierigen als ehrenvollen Auftrag, die Verwaltung der Inseln Kephalo- 4^ nia, Jthaka und Santa-Maura zu ordnen, und erfüllte denselben zu völliger Zu- friedenhcit. Seit dieser Zeit blieb er fortwährend Mitglied der Regierung publik, und war in den Jahren 1802 — 7 zuerst Minister des Innern, dann Mu nister der auswärtigen Angelegenheiten, der Marine und des Handels, und erhuü auch feit 1806 wesentlichen Einfluß auf das Kriegswesen. Besonderes Verdieng erwarb er sich durch die Errichtung einer Normalschule, in welcher auch die bisher sehr vernachlässigte Muttersprache unter die Lehrgegenstande aufgenommen tvurd». 'Als 1807 Ali Pascha von Janina, der sich früher bereits mit Hülfe der Franzi sen der unter dem Schutze der ionischen Republik stehenden Küstenstädte Bu- tn'nto, Vonizza und Prevesa bemächtigt hatte, auch Santa -Maura anzugreif.n Kapodistrias (Familie) 627 , drohte, ward K. zum außerordentlichen Bevollmächtigten der Regierung ernannt, und erhielt zugleich den Oberbefehl über sämmtliche Milizen der sieben Inseln und über die Griechen aus Epiros, Albanien, Thessalien und Morea, welche als Flüchtlinge in die Dienste der Republik getreten waren und ein eignes Truppencorps bildeten. Auf diese Weise kam K. zum ersten Male mit mehren der ausgezeichnetsten Heerführer des griechischen Festlandes, Kolokotronis, Markos Bot- suis, Karaiskakis u. A., in nähere Berührung und knüpfte mit ihnen Verbindungen an, welche wenigstens in Zukunft nicht ohne bedeutenden Einfluß bleiben konnten. Für jetzt gab indeß der Friede von Tilsit, welcher die ionischen Inseln wieder in Frankreichs Gewalt brachte, der politischen Thatigkeit K.'eine andere Richtung. Aus Grundsatz verließ er unter der neuen Regierung den Staatsdienst, und lebte als Privatmann auf seinen Gütern, bis ihm von Seiten Nußlands, im Zun. 1808, ehrenvolle Anerbietungen gemacht wurden, welche er um so weniger anzunehmen zögerte, je mehr er Rußland für diejenige Macht halten mochte, welche für die Befreiung seines Vaterlandes das Meiste thun könne. Im Jan. 1809 begab er sich nach Petersburg, wo er bei dem Departement der auswärtigen Angelegenheiten angestellt wurde. Nachdem er hier durch einen dreijährigen Dienst in seinem neuen Wirkungskreise heimisch geworden, ward er 1811 der russischen Gesandtschaft in Wien beigegeben, aber schon 1813 als Chef des diplomatischen Departements nach dem Hauptquartiere der russischen Armee an der Donau, und dann spater nach dem Hauptquartiere der großen Armee berufen, wo er bis 1815 an den wichtigsten Unterhandlungen den größten Antheil hatte. So ward er schon im Nov. 1813 durch Kaiser Alexander nach der Schweiz gesandt, und erreichte nicht nur den Zweck seiner Sendung, die Vereinigung der Schweizer mit den Verbündeten gegen Frankreich, sondern legte auch den Grund zu dem neuen System der schweizerischen Eidgenossenschaft, als deren kräftigster Fürsprecher er später auf den Congressen zu Wien, Paris und Aachen auftrat. Aus dieser Zeit schreibt sich seine Vorliebe für die Schweiz, welcher die dankbarste Erkenntlichkeit von Seiten der Schweizer entgegenkam. Da er sich bald das volle Vertrauen des Kaisers Alexander erworben hatte, so ward er bei den erwähnten Congressen zu den wichtigsten Unterhandlungen gezogen, unterzeichnete 1815 als russischer Bevollmächtigter den zweiten Frieden zu Paris und machte seinen Einfluß namentlich auch zu Gunsten seines Vaterlandes geiteno, indem vorzüglich durch seine Vermit- telung die Herstellung der Republik der sieben ionischen Inseln unter Großbritanniens ausschließendem Schutze bewirkt wurde. Von 1818 — 22 war K. Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Rußland, und sicherte sich auf diesem wichtigen Posten durch umsichtige Mäßigung ebenso sehr die Achtung der Monarchen, als durch liberale Politik die Liebe und gute Meinung der Völker. Fortwährend lag ihm das Schicksal seines unterdrückten Vaterlandes am Herzen, und er blieb m aufmerksamer Beobachter der Bewegungen, welche, vorzüglich seit der Er- Neuerung der Hetairie 1814, die Erhebung des griechischen Volkes 1821 vorbereiteten. Über sein unmittelbares Verhältniß zur Hetairie laßt sich nur so viel sa- >M, daß er um ihre Zwecke und Plane wußte und diese eher begünstigte als zu hindern suchte; ja, seine Reise nach Korfu 1819 soll damit sogar in näherer Verbindung gestanden haben, und ihn nannte man mit großer Wahrscheinlichkeit allgemein als den Verfasser einer Schrift, welche um dieselbe Zeit unter dem Ti- tel: „Bemerkungen über die Mittel zur Verbesserung des Schicksals der Griechen", Zu Korfu erschien und bald nach allen Richtungen auf dem griechischen Festlande Abreitet wurde. Die darin ausgesprochenen Grundsätze und Ansichten waren allerdings diejenigen, zu welchen K. sich bekannte, der nach gemäßigtem Princi- plen das griechische Volk erst durch moralische und wissenschaftliche Bildung zu i^en gedachte, um dadurch für die einstige politische Freiheit desselben, die er als 40 * 628 Kapodistrias (Familie) letztes Ziel betrachtete, eine feste Grundlage zu gewinnen. Auf diesem langsamem, aber gewiß sichern Wege kam er freilich mit den begeistertsten Hetairisten, welche die schleunigste Erkampfung der politischen Freiheit fast als einzigen Zweck der Hetairie betrachten mochten, in vielfachen Widerstreit; und theils hierdurch, theils aber auch durch seine Stellung als Mitglied des russischen Cabinets mag er bewogen worden sein, den Antrag, sich an die Spitze der Hetairie zu stellen, von sich zu weisen. Man scheint aber dessen ungeachtet spater, als durch Emissaire der Hetairie der Aufstand in Griechenland vorbereitet wurde, seinen durch seine Verhaltnisse einflußreichen Namen gebraucht zu haben, um den Planen, Mitteln und Zwecken der Hetairie bei dem Volke umso mehr Glauben zu verschaffen, indem man hiermit mittelbar die Hülfe Rußlands verbürgen zu können meinte. Dieser Umstand mag wesentlichen Einfluß auf sein Benehmen bei dem Ausbruche der Revolution im Jahre 1821 gehabt haben. Der Aufstand in der Walachei und Vpsilantis' Aufruf zu allgemeiner Bewaffnung in Griechenland wurden von ihm als unzcitig nicht nur öffentlich gemisbilligt, sondern er soll auch den Griechen die Versicherung gegeben haben, daß sie von Rußland keine Unterstützung zu erwarten hatten, wovon sie denn auch, namentlich durch das Benehmen Alexanders gegen Ppsilantis (f. Bd. 12), zu spat überzeugt wurden. Die Politik Rußlands in Bezug auf Griechenland bestimmte ihn indeß schon 1822, seiner Stelle als activcs Mitglied des Ministeriums zu entsagen, ohne gerade als entschiedener Beförderer der griechischen Sache aufzutreten. Von Kaiser Alexander geehrt und geachtet, geliebt von Allen, welche mit ihm in näherer Berührung gestanden, verließ er Nußland und begab sich nach der Schweiz, wo er wcchselsweise zu Genfund Lausanne in der Zurückgezogenheit lebte. Es ist ihm spater, wol mit Unrecht, vorgeworfen worden, daß er damals schon den Plan ins Auge gefaßt habe, sich die oberste Gewalt in Griechenland zu sichern; allein ganz abgesehen davon, daß überhaupt die Verhaltnisse in den ersten Jahren des Aufstandes schon an sich jeden bestimmten Plan dieser Art höchst problematisch machten, so fehlen auch die Thatsachen, welche einer solchen Annahme zur Bestätigung dienen könnten. K. blieb zwar wahrend seines Aufenthalts in der Schweiz ein aufmerksamer Beobachter des Ganges der Ereignisse, er ließ den Griechen, namentlich im Verein mit Eynard, durch hausige Geldunterstützung aus eignen Mitteln manche Hülfe angedeihen, sorgte auch für die Erziehung und Bildung mehrer jungen Griechen, welche in der Schweiz und in Deutschland einen Zufluchtsort suchten, scheint aber vielleicht vorzüglich durch die schwankende Politik der drei Hauptmächte bewogen worden zu sein, sich jeder unmittelbaren Einmischung in die griechischen Angelegenheiten zu enthalten. Auch seine Reise durch Deutschland, Frankreich und die Niederlande im Sommer 1826 mag zunächst nur insofern mit der Sache der Griechen in einiger Verbindung gestanden haben, als er seinen Einfluß zur Unterstützung der Griechen durch bereits bestehende oder zu bildende Hülfsvereine so viel möglich geltend zu machen suchte. Schon im Laufe desselben Jahres jedoch hatte sich in Griechenland das Gerücht verbreitet, daß K. berufen werden solle, sich an die Spitze des griechischen Staats zu stellen, und auch bei den Petersburger Conferenzen zwischen Wellington und dem russischen Cabinet war die Sache um dieselbe Zeit Gegenstand ernsterer Unterhandlungen gewesen. Inwieweit K. selbst darum gewußt oder Theil daran gehabt habe, laßt sich nicht bestimmt ermitteln. Mit Gewißheit kann man dagegen annehmen, daß er absichtlich jeden Schein einer Mitwirkung zu vermeiden suchte, welche ihn leicht in ein sehr ungünstiges Licht hätte stellen können. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz lebte er noch bis zu Ende des Jahres 1826 zurückgezogen zu Genf. Im Jan. 1827 begab er sich abermals nach Frankreich, angeblich um nach Petersburg in den activen Staatsdienst zurückzukehren, doch verweilte er bis zum Mai in Kapodistrias (Familie) 629 Paris, und bekam hier die erste Kunde von seiner definitiven Wahl zun» Regenten des griechischen Staats ! wie man spater die unter Augustin K. zu Nauplla versammelten Deputirten nannte, genug Standhaftigkeit gehabt, solche Propositionen zurückzuweisen; und so lag überhaupt der Gedanke an die Möglichkeit einer unblutigen Revolution in dieser Weise, wozu eigentlich durch die erzwungene Entfernung einiger der verhaßtesten Regierungsglieder, eines Viaro K., eines Genatas und Anderer bereits der Anfang gemacht worden war, so nahe, daß man auf Seiten der Opposition vielleicht schon die Ausführung im Stillen vorbereitete, bis die Ermordung des Präsidenten Stellung und Wünsche der Parteien ganz anders zu gestalten schien, als man je erwartet hatte. Kaum hatte sich zu Nauplia die erste Bestürzung über die Greuclthat etwas gelegt, als der Senat, in Ermangelung aller für einen so außerordentlichen Fall getroffenen Anordnungen, die einzige Behörde, welche die interimistische Regierung mit einem gewissen Schein rechtlicher Vefugmß übernehmen konnte, sich versammelte und noch an demselben Tage eine Proklamation erließ, worin er erklärte, daß er, mit Bezugnahme auf die für den Todesfall des Präsidenten durch das zweite Decret der Nationalversammlung zu Argos festgesetzten Bestimmungen, eine Regierungscommission aus drei Mitgliedern, Graf Augustin K., Theodor Kolokotronis und Joannis Kolettis bestehend, niedergesetzt, und „aus Dankbarkeit der Nation gegen ihren, ewigen Preises würdigen Präsidenten", dessen erstgenanntem Bruder den Vorsitz in dieser Commission übertragen habe. Mit der Verheißung, daß der Senat unverzüglich die Attribute und Pflichten- der Commission näher bestimmen werde, verband die Proclamation noch eine allgemeine Auffode- rung zur Ruhe, und stellte den Gehorsam gegen die Commission als die erste Bedingung auf, unter welcher bei so schwierigen Verhältnissen allein das Wohl des Vaterlandes erzielt werden könne. („Allgemeine Zeitung", 1831, Nr. 314 B.) Obgleich man nun gegen die Rechtlichkeit dieses Verfahrens des Senats, welcher nur eine berathende, nie eine administrative Behörde mit constituirender Gewalt sei, allerlei Bedenklichkeiten erhob, und in Ermangelung der dem Präsidenten durch die Nationalversammlung zu Argos zugestandenen testamentarischen Bestimmungen über die zu wählende Regierungscommission, das Recht der Ernennung derselben als alleinige Befugniß der nur vertagten, aber noch nicht aufgelösten Nationalversammlung zu Ärgos betrachtet wissen wollte, so schien man doch der Noth- wendigkeit der Umstände für jetzt etwas nachzugeben, und der Administrativcommission in der Hoffnung einer bessern Zukunft, die Anerkennung im Allgemeinen nicht versagen zu wollen. Aus welcher unlautern Quelle die bald darauf in französischen Blättern befindliche Nachricht geflossen fein mag, daß die Ermordung des Präsidenten einen förmlichen Aufstand in Nauplia zur Folge gehabt habe, bei welchem alle daselbst wegen politischer Vergehen Verhasteten von der vormaligen Leibwache des Präsidenten sollten ermordet worden sein, wissen wir nicht näher anzugeben. Weder in Nauplia, noch in den Provinzen, wo sich hier und da die eifrigsten AnHanger des Präsidenten von s.lbst den etwaigen Aufwallungen des Volksunwillens entzogen hatten, kam es zu gewalt- thätigen Auftritten; und man hatte diese auch für die Zukunft um so weniger zu befürchten, je mehr die offen dargelegten Gesinnungen und ersten Schritte der Re- Witt! Kapodistrias Mamille) 639 'ierungscommission Vertrauen erweckten und als sichere Bürgschaft für eine friedliche Ausgleichung der noch streitigen Verhältnisse gelten konnten. Dabei Me es auf der andern Seite, namentlich zu Nauplia, nicht an Menschen, welche aus Furcht, daß bei ruhiger Entwickelung der Verhaltnisse ihr Antheil an den Schändlichkeiten des alten Gewaltsystems offenkundig und straffällig werden mochte, alle Triebfedern in Bewegung setzten, um durch eine blutige Reaction des gemeinen Volkes gegen die Feinde des Präsidenten, die man dadurch gleichsam als Mitschuldige am Morde brandmarken zu können hoffte, jener für sie so gefahrvollen ruhigen Entwickelung soviel möglich vorzubeugen. Auch dies aber gelang nicht; und selbst die allerdings mit großer Willkür und ungesetzlicher Eilfertigkeit am 19. und 2V. Ott. vorgenommene Verurtheilung und Hinrichtung des einen Mörders, Georgias Mauromichalis (s. „Allgemeine Zeitung", 1831, Nr. 365, außerord. B. und den ArtikelMauro mi chali s), veranlaßte, ebenso wenig irgend eine Störung der öffentlichen Ruhe, als die gleich darauf erfolgte feierliche Beisetzung des Leichnams des unglücklichen Präsidenten. Wie sehr man indessen diese friedliche Stimmung auf Seiten der Regierungscommission und ihres Anhanges misverstand und nur als günstige Gelegenheit zur Beibehaltung und fortgesetzten Anwendung der alten verhaßten Regierungsgrundsätze betrachten mochte, zeigte sich nur zu bald in dem Benehmen derselben gegen die Opposition auf Hydra und die Inseln des Archipels, deren schonendste Behandlung ja selbst die gemeinste Klugheit gebot. Anstatt aber dieser zu folgen, schien Graf Augustin K., im Vertrauen auf die Talente und Mittel seiner Getreuen, eines Metaxas, Sikelianos, Perukka und Kolokotronis, eher entschlossen, Alles aufs Spiel zu setzen, als dem Systeme seines Bruders nur im Geringsten untreu zu werden. Um so mehr verdient unter solchen Verhältnissen nichts größere Anerkennung, ja Bewunderung, als die Mäßigung der Opposition auf Hydra. Selbst der „Apollon", der heftigste Gegner des alten Systems, sprach mit aufrichtigem Bedauern über das tragische Ende des Präsidenten und erklärte, daß es augenblicklich die gerechte Erbitterung der Hydrioten gehoben und den groß- müthigen Gefühlen Platz gemacht habe, die jetzt alle Bürger um den Altar des Vaterlandes und der Freiheit versammeln würden. Schon am 13. Oct. begab sich in diesem Sinne, unter der Gewähr von Frankreich und England, eine Deputation der Hydrioten, bestehend aus dem Fürsten Maurokordatos, Admiral Miau- lis und Tompasis, nach Nauplia, um der Regierungscommissivn zu erklaren, daß die Inselbewohner des Archipels bereit seien, sich dem auf den 20. Sept. festgesetzt gewesenen Nationalcongreß anzuschließen, dessen Beschlüssen zu gehorchen, und überhaupt zu jeder Ausgleichung der streitigen Verhältnisse willig die Hand zu bieten. In der Hoffnung, daß ein solcher Schritt nicht ohne den gewünschten Erfolg bleiben könne, hatten schon mehre der bedeutendsten Oppositionsmännec vom Festlande die Insel Hydra wieder verlassen und sich in ihre Heimath zurückbegeben; und auch Polyzoides war Willens, die Redaction des „Apollon" wieder nach Nauplia zu verlegen, sobald ein günstiger Ausgang der Unterhandlungen seinen Pressen Sicherheit gewähren würde. Leider wurden diese Erwartungen getäuscht. Die Landung einiger Unruhstifter von Hydra, welche mit der Sache der Opposition burchaus nichts gemein hatten, in dem Hafen Tolon, die Wahl des noch wegen ber Vorfälle bei Poros als Verbrecher betrachteten Miaulis zum Mitglieds der Deputation, und dex hier und da anstößige Ton des dem Senate überreichten Schreibens der Hydrioten, vielleicht auch der Umstand, daß dieses Schreiben nicht an den Präsidenten der Commission, sondern an den Senat gerichtet war, schienen der neuen Regierung Grund genug, jedes Anerbieten der Opposition mit Bestimmtet zurückzuweisen und die Deputation nach kurzem Aufenthalte zur Heimkehr nach H^ra zu zwingen, die auch wirklich schon am 14. Oct. unter Begleitung ei- 640 Kavodistrias (Familie). ner französischen Brigg erfolgte. Hierbei blieb jedoch das Triumvirat von Nauplia nicht stehen. Unverzüglich wurden sechs Schisse ausgerüstet und nach dm Inseln des Archipels ausgeschickt, angeblich, um deren Bewohner durch Mittel der Güte und Überredung zur Anerkennung der Regierung in Nauplia zu bewegen, in der That aber, wie sich bald offenbarte, um die frühern Wahlen der in Hydra versammelten Abgeordneten für ungültig zu erklaren, dann neue zu erzwingen, welche ein der Regierung günstiges Resultat geben sollten, und zunächst in dieser Absicht die wider den Willen des Präsidentenvom Volke selbst eingesetzten Demogorontien auszulösen, sowie, wo möglich, überall der Regierung ergebene Gouverneurs anzu, stellen. Daß eine solche Maßregel allgemeinen Unwillen und Schrecken erregen mußte, ließ sich ebenso leicht voraussehen als das völlige Mislingen der ganzen Unternehmung. Bei Hydra, das noch von einer russischen Brigg blokirt wurde, wagte man gar nicht zu landen; aufSiphanto, Thermia und einigen andern kleinern Inseln, wo man die Befehle der Commission wirklich in Ausführung zu bringen gedachte, erklarten die Einwohner, wahrscheinlich im Vertrauen auf den Beistand einer französischen Brigg, welche das Geschwader von Nauplia beobachtete, um etwaigen Gewaltthatigkeiten vorzubeugen, geradezu, sie seien mit ihren Verhältnissen gänzlich zufrieden, und hatten durchaus keine Veranlassung, irgend eine Veränderung in Bezug aus ihre Demogeronten oder bereits gewählten Abgeordneten zu wünschen; und in Syra, wo man durch die feindlichen Absichten der neuen Regierung den Handel gefährdet glaubte, stieg bei der Nachricht von der Annäherung jenes Geschwaders die Bestürzung so hoch, daß man unverzüglich alle Geschäfte abbrach, um schleunigst einen Theil der vorhandenen Waaren auf Schisse zu bringen, um sie der rohen Raublust der Negierungssoldaten zu entziehen, welche man seit den Vorfällen auf Poros nur zu gut kannte; ja man bewaffnete sogar 400 Mann, und war überhaupt fest entschlossen, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Zum Glück kam es hier nicht so weit. Das Geschwader, von diesen Vorgängen vielleicht benachrichtigt, erschien nicht; und die Syriotm ließen mittels des französischen Stationscommandanten der Regierungscommission erklären, hinsichtlich ihrer Demogeronten und Abgeordneten würden sie sich keine Veränderung gefallen lassen, würden aber keineswegs anstehen, sobald ihnen die Regierungscommission Bürgschaft für völlige Amnestie leiste, dieselbe anzuerkennen und ihr die öffentlichen Einkünfte des Hafens und der Insel zukommen zu lassen, wobei wir bemerken, daß die Hafcneinkünfte damals noch monatlich auf wenigstens 10,060 Thaler angeschlagen wurden, und 50,000 Thaler angeblich noch in der Gemeindecasse vorräthig waren, die man der Regierung im Fall der Noth zum allgemeinen Besten gern überlassen haben würde. Nicht einmal dergleichen wahrhast edle Anerbietungen scheint die Regierung beachtet zu haben, um desto ungestörter dem alten Gewaltsysteme huldigen zu können. Fortgesetzte Verhaftungen zu Nauplia, die Entlassung mehrer der angesehensten Beamten im Civil- und Militärdienst — unter Andern des französischen Obersten Gerard, welcher erst nach Griechenland berufen worden war, um die Organisation der regelmäßigen Truppen zu leiten—, Willkür jeder Art, vorzüglich in der Zusammensetzung der Nationalversammlung, die man doch nicht umgehen konnte, gaben davon die deutlichsten Beweise. Dabei war die äußere Lage der Regierung nichts weniger als günstig; die Gassen waren leer— als ganzen Bestand des Staatsschatzes gab man um diefe Zeit 3000 Phönix an — und der Ansprüche an dieselben zu viele, als daß man an ihre Befriedigung hätte denken können; nicht einmal den Truppen, die man doch auf jede Weise zu fesseln suchen mußte, konnte ein dreimonatlicher Soldrückstand gezahlt werden; und da man nicht mehr mit Sicherheit auf die laufenden Einnahmen rechnen konnte, ja selbst eine eben aus Rußland angekommene Subsidien- Kapodistrias (Familie) 641 sendung von einer Million Rubel der neuen Regierung nicht übergeben, sondern bis auf weitere Befehle in die Hände des russischen Residenten und des russischen Admirals gelegt wurde, so sah man sich zu fortwährender Vermehrung des Papiergeldes genöthigt, das unter diesen Umständen bald allen Werth verlieren mußte. *) In Hydra kamen unterdessen die Sachen zur Entwickelung. Die Verwerfung der dem Senate gemachten Vorschläge zu friedlicher Ausgleichung hatte manche Besorgniß erregt und neue Berathungen und Entschlüsse nörhig gemacht. Noch vor Ausgang des Ort. ward auf Veranlassung des gerade gegenwärtigen Hefraths Thiersch, dem wir hierüber den genügendsten Aufschluß („Allgemeine Zeitung", 1832, Nr. 43 außerordentl. B.) verdanken, in einer feierlichen Versammlung der angesehensten Einheimischen und Fremden der Vorschlag gemacht, sammtlichc in Hydra versammelte Abgeordnete sollten sich auf hydriotischen Schissen und unter dem Schutze der Residenten in den Hafen von Nauplia begeben, um nochmals ihre Bereitwilligkeit zu friedlicher Vereinigung zu erklären und im Falle eines glücklichen Erfolgs mit den übrigen Abgeordneten einen sichern Ort für eine gemeinschaftliche Nationalversammlung festzusetzen. Gegen diesen Schritt wurden jedoch allerlei Bedcnklichkciten erhoben, und man kam nach wiederholter Berathung endlich dahin, daß man, ohne gerade strenge auf die Einberufung der alten Nationalversammlung von Argos zu bestehen, welche ohnedies mehre der in Hydra anwesenden Deputirten von der Berathung ausgeschlossen haben würde, im Allgemeinen zwei Federungen als Hauptbedingungen der Vereinigung mit der Regierung festhalten wolle, nämlich 1) freie Wahl der Abgeordneten für den Peloponnes und Rumelien, und 2) einen freien und gegen die unrechtmäßigen Eingriffe der neuen Regierung gesicherten Ort der Versammlung. In welche Verbindungen hierauf die Hydrioten zur Ausführung dieses Beschlusses mit dm gleichgesinnten Bewohnern des Peloponnes, namentlich den Mainoten, getreten sein mögen, können wir noch nicht genau ermitteln. Gegenseitige Übereinkunft wegen gemeinschaftlicher Plane scheint stattgefunden zu haben. Schon in den ersten Tagen des Nov. traf zu Nauplia eine förmliche Adresse aus Maina ein, worin Elias Kadschakos Mauromichalis als Anführer der Truppen erklärte, er kave auf Befehl der constitutionnellen Regicrungscommission von Sparta (man scheint absichtlich, wenn auch nicht passend, diesen alten Namen gebraucht zu haben) und in Übereinstimmung mit Hydra, dem Archipel und mehren Provinzen der Halbinsel und des Festlandes, die Waffen ergriffen, um die Rechte von Hellas gegen willkürliche Gewalt zu schirmen und ihm anstatt der ungesetzlichen Behörde von Nauplia eine frei gewählte Nationalversammlung an sichern, Orte zu verschaffen, welche allein das Recht habe, über die Ereignisse in Nauplia und das fernere Schicksal der Nation Beschlüsse zu fassen. Er suche nicht den Bürgerkrieg, fürchte vielmehr dessen Übel, werde aber alle als Feinde behandeln müssen, welche sich seinem Zuge zu widersetzen gedächten. Die Schar, womit Kadschakos dieses durchführe», Willens schien, ward aus 400l) Mann geschätzt. Also war die blutige Entscheidung um so weniger zu vermeiden, je hartnäckiger die Negierungscom- nnssion und ihr Anhang, solcher Demonstrationen ungeachtet, ihr System durchfuhren entschlössen waren. Auch die abermaligen ganz friedlichen Vorschläge der Hvbrioten, daß man zur Vereinigung der Parteien eine allgemeine Amnestie ver- Kurz nach Ermordung des Präsidenten schrieb Augustm an Eynard: ,,^'ous fmt. lllar^ent, et nous ne savons eomiuent nous en proeurer: les re- / ^ vnt ncis siauvres ressourees. 81 la oonförenee lle I^onckreg, reu ^"teurs uou« out ete «I sune«tes, ne vient au seeours lle ee malbeu- «le I salsaut guelgues svanec«, et en lleeillant «on «ort, la ruins „ , ^ inevitadle et tous les «aerillces taits pour eile seront irr6vo- ewent perouz." ,,lettre« et lloouinens oktioielg ete.", S. 295. Conv.-Lex. 5?r neuesten Zeit und Literatur, ll. 4l 642 Kapodistrias (Familie) künden und eine Commission ernennen solle, welche der londoner Conferenz die Lage und Bedürfnisse des Landes auseinandersetzen möge, wurden nach einigen erfolglosen Unterhandlungen von der Regierung nicht weiter beachtet, da sie bei dem zu eröffnenden Congreß zu Argos eine Majorität zu besitzen glaubte, welche der Opposition von Hydra wol die Spitze bieten könne. Atterdings hatten die Anhänger ihres Systems in den Provinzen keines jener Gewaltmittel, wodurch schon K. sich die Majorität zu erzwingen gehofft hatte, unversucht gelassen, um eine entschiedene Mehrheit der Stimmen für die Vorschläge und Plane der Regierung vom 9. Oct. zu gewinnen. Zu diesem Zwecke hatten B. Gras Metaxas und Oberst Rongos an der Spitze von 500 Mann Livadien durchzogen, überall die freien Wahlen zu hintertreiben gesucht, und, im Fall des Widerstandes, den bestürzten Wahlern die vermeinte Allgewalt der Negierung gezeigt. Als selbst durch diese Gewaltmittel der Zweck nicht erreicht werden konnte, sondern die meisten Eparchien dennoch Abgeordnete nach ihrem Sinne gewählt hatten, so wurde von den der Negierung ergebenen Provinzialgouverneurs die alles Recht und alle Würde verletzende Unverschämtheit so weit getrieben, daß sie den mir bedeutmder Majorität gewählten Dcputirtendie Anerkennung ihrer Vollmachten, welche ihnen ein früheres Gesetz des Präsidenten zugestanden hatte, versagten, um sie denen zu gewähren, welche ungeachtet aller Anstrengungen doch nur mit einer sehr unbedeutenden Minorität waren gewählt worden; ja sie sollen geradezu Wahlen singitt und einzelnen Leuten ihrer Partei statt aller Vollmachten bloße Zeugnisse ausgestellt haben, die Ihnen den Zutritt zur Nationalversammlung sichern sollten. .Doppelwahlen in vielen Provinzen waren hiervon die unvermeidliche Folge, und die Bildung der Majorität hing allein von der Anerkennung der Vollmachten ab. Um daher ihre Gegner gleichsam noch vor dem Kampfe zu schlagen, beschloß die Regierung, allen Abgeordneten, ohne Bestätigung der Gouverneurs, geradezu den Zutritt nach Argos zu versagen, oder diejenigen, welche dennoch dort Eingang gefunden hätten, zur Prüfung der Vollmachten gar nicht zuzulassen. Zum Theil gelang der Plan. Mehre jener Abgeordneten wurden noch unterwegs zur Heimkehr genöthigt, einige sogleich bei ihrer Ankunft nach den Staatsgefängnissen zu Nauplia in gefängliche Haft gebracht, und die 60 Abgeordneten der Inseln auf Hydra, die sich unter den oben angegebenen Bedingungen zur Theilnahme bereit erklärt hatten, gänzlich aus dem Spiele gelassen. Man konnte sich jedoch auf diese Weise auch nur des kleinern Theils entledigen, und so wurde bereits am 8. Nov. im Senate der Antrag gemacht, eine Senatscommission zur Prüfung der eingereichten Vollmachten niederzusetzen, damit die Regierung über die Gültigkeit der Wahlen Sicherheit erlange. Schon hier zeigte sich offenbarer Zwiespalt in Gesinnungen und Ansichten der Senatoren, und einer der freisinnigsten und gebildetsten, Tazzi Manghina, erklärte ohne Weiteres: da die meisten Wahlen das Werk der Gewalt, der Stockschläge, der Bayonette und der Einkerkerung seien, so werde eine Versammlung dieser Art vom Volke nie als Nationalversammlung, sondern als cm Verein von Abgeordneten der Regierung betrachtet werden, und man gehe mit ihr einem Zustande entgegen, in welchem das Volk ihren Beschlüssen das Ansehen der Gesetze und somit den obersten Behörden den Gehorsam zu verweigern gezwungen werde. Dennoch ging der Antrag durch; unter Metaxas', Perukka's und Kolokotronis' Leitung ward die Commission erwählt, welche dann das Geschäft der Prüfung einem Ausschusse aus den bereits in Argos angekommenen und von der Regierung anerkannten Deputirten mit unbeschrankter Vollmacht übergab. So standen die Sachen, als am 8. und 9. Nov. die in Westgriechenland zu Abgeordneten frei erwählten Rumeliotenhauptlinge an der Spitze einer zahlreichen Garde ihren feierlichen Einzug zu Argos hielten. Unter ihnen befanden sich viele Kapodistrias (Familie) 643 jener Heerführer, die seit den Zeiten des Freiheitskrieges im ganzen Lande als Helden gefeiert wurden, wie Noto und Konstantin Bozzaris, Zongos, Gn'vas, (5hrysiotis u. A., welche ihre misbilligende Ansicht von der bestehenden Regierung keineswegs verhehlten und nicht undeutlich zu verstehen gaben, daß sie, wenn man gegen sie Gewalt brauchen wolle, entschlossen seien, ihre Palikaren den Truppen der Regierung entgegenzuführen, welche unter Kolokotronis in den Dörfern um Nauplia lagerten. Mehre Abgeordnete aus Rumelien, welche die Regierung bisher zu den ihrigen gezahlt hatte, wurden wankend und schlössen sich nach und nach an jene Häuptlinge an, und auch die Deputirten von Ostgriechenland, welche am 16. und 19. Nov. vereint in Argos einzogen, verstärkten die rumeliotifche Oppositionspartei. Diese Partei erhielt jedoch erst Festigkeit und Charakter zu plan- maßigem Handeln, als Ioannis Kolettis, ohne Zweifel der Tüchtigste unter den Regenten vom 9. Ott., auf ihre Seite trat und dadurch seine Uberzeugung von der Unhaltvarkeit des bestehenden Gewaltsystems thatsächlich zu erkennen gab. Seinem Beispiele folgten einige der aufgeklärtesten und selbständigsten Senatoren, wie Tazzi Manghina und Rhigas Palamides. Auch General Church, welcher schon seit beinahe zwei Jahren in Argos wohnhaft war und unter den Kapitar.ys aus Rumelien von alten Zeiten her hohes Ansehen und großen Einfluß besaß, begab sich am 19. Nov. von Nauplia nach jener Stadt, obgleich 'Augustin K. und» Kolokotronis den eiteln Versuch machten, ihn von da mit Waffengewalt zurückzuhalten. Von den 130 zu Argos anwesenden Abgeordneten erklärten sich etwa kl) entschieden für Kolettis und die Rumelioten, die übrigen mehr gezwungen und aus Unentschiedenheit als aus Wahl und Grundsatz für Augustin K. und die bestehende Regierung. Schon vor der Eröffnung der Nationalversammlung sprachen jene ihre Hauptgrundsätze dahin aus, daß sie auf eine frei gewählte Nationaler- sammlung, auf unverzügliche Abfassung und Publication einer Verfassung und ausdie Verstärkung der Regierungscommission durch Mitglieder von ihrer Partei dringen würden; als unumgängliche Bedingung ihrer Theilnahme an der Nationalversammlung selbst aber foderten sie von der Gegenpartei, daß die ganze Nation reprasentirt, und folglich sowol den auf Hydra versammelten Abgeordneten als auch den Deputirten der Mainoten, welche mit Gewalt in Astros zurückgehalten wurden, der Zutritt gestattet werde, daß die Prüfung der Vollmachten durch einen von der gesammten Nationalversammlung, nicht aber vom Senate gewählten Ausschuß geschehe, und daß überhaupt Zwang und Waffengewalt vom Sitze der Regierung fern bleibe. Anstatt hieraus einzugehen, bot die Regierung vielmehr Alles aus, die zur Eröffnung der Nationalversammlung nöthigen zwei Drittheile der Abgeordneten (nach den gesetzlichen Bestimmungen der frühern Constitutionen wird Griechenland im Ganzen durch 210 Abgeordnete repräsentirt; doch geben zwei Drittheile derselben, also 140, der Versammlung constituirende Gewalt) durch Leute ihres Sinnes vollzählig zu machen, um jene dann gänzlich unberück- s'chtigt zu lassen. Hierüber vergingen noch die ersten Wochen des Dec. Die Zeit drängte jedoch; denn mehre Städte, wie im Peloponnes Patras, Korinth und Tripolizza, und selbst die früher ergebene Insel Spczzia, erklärten sich offen gegen die Regierung vom 9. Ott. Sobald diese daher jene zwei Drittheile gewonnen zu haben Slaubte, schritt sie ohne Verzug zur Eidesleistung.- Sie erfolgte am 18. Dec., udcr nur von 80 Deputirten. Um die Versammlung dennoch auf die ersoderlichen Zwei Drittheile zu bringen, wurden während der Nacht von dcn Behörden zu -suuplia und Argos die Fehlenden aus zufällig gegenwartigen Beamten der Protzen, aus Handelsleuten und Handwerkern, die sich hier niedergelassen hatten, 'Ut eigentlichsten Sinne des Wortes geworben, mit Vollmachten versehen und Tags 4L* 644 Kapodistrias (Familie) darauf unter den Deputaten mit aufgeführt. *) In diesem Zustande eröffnete Graf Augustin K. die Nationalversammlung am 19. Dec. in der Schule des wechselseitigen Unterrichts zu Argos. Seine Eröffnungsrede, worin er sich „den Schoren seines Bruders unter dem Schutze des Heilandes" nannte, gab eine oberflächliche Rechenschaft von den Grundsätzen und der Verwaltung der Regierungscommission, die sich beeile die ihr interimistisch anvertraute Gewalt der Nationalversammlung zurückzugeben. Sogleich in der zweiten Sitzung, am 20. Dec., ward hierauf der Vorschlag gemacht, Graf Augustin K. zum provisorischen Präsidenten von Griechenland, jedoch mit Vorbehalt der Einschränkungen, welche die zu entwerfende Verfassung näher bestimmen werde, zu erwählen. Der Vorschlag ward ohne Widerspruch und in größter Eile durchgesetzt. Gleich darauf erließ die Nationalversammlung, in welcher der altersschwache D. Zamados den Vorsitz fübrte, eine Proklamation an alle Hellenen, worin sie vorläufig die Hauptpunkte ihrer Berathungen angab, und alle Bürger zu Ruhe und Gehorsam gegen die Behörden, die Beamten und Militairpersonen zu Zucht, Unterwürfigkeit und kräftiger Unterstützung der Regierung ermahnte. („Allgemeine Zeitung", 1832, Nr. 42B.) Jene Hauptpunkte waren: 1) Abfassung einer Constitution-, 2) eine Adresse an die vermittelnden Mächte wegen baldiger Entscheidung der griechischen Angelegenheiten; 3) Regulirung der Justiz, der Finanzen und der übrigen Zweige der Staatsverwaltung; 4) Entschädigung der Truppen und der Marine, sowie Festsetzung ihrer Rechte und Ansprüche für die Zukunft; 5) Vertheilung der Nationalgüter; 6) Bestimmung der Gewalt und der Rechte der provisorischen Regierung; und 7) Ernennung einer Commission, welche die Handlungen der Regierung, der Minister, der Provinzialgouverncure und überhaupt aller Staatsbeamten zu prüfen und zu beurthcilen habe. Gleichzeitig hatten die Rumelioten, durch die Verwerfung ihrer Vorschläge von der Theilnahms an der Nationalversammlung ausgeschlossen, sich wechselsweise bei Panutzo Notaras, Grivas und Kolettis versammelt, sich förmlich con- stituirt, Panutzo zu ihrem Präsidenten sowie einen Secretair erwählt und ihre Sitzungen wirklich mit der Verwahrung gegen alle Verhandlungen der Andern begonnen, ja sogar vorläufig eine neue Regierungscommission in Kolettis, Aaimis und Ppsi'lantis ernannt. Solche Schritte trieben die Spannung aufs Höchste, zumal da man auf beiden Seiten über eine bewaffnete Macht gebieten konnte, mit welcher man im Nothfalle seiner Sache den Sieg zu verschassen gedachte. Die Begleitung der Rumelioten zählte zwar nur etwa 400 Mann und konnte sich daher kaum mit den Truppen der Regierung messen; allein diese waren nichts weniger als treu, und in der That begaben sich, noch ehe es zu Tätlichkeiten kam, ganze Scharen von dem Heere unter Kolokotronis auf die Seite der Rumelioten. Dies brachte die Sache zur Entscheidung. In einer Versammlung der Häupter der Regierungspartei, am Abend des 20. Dec., erklärte Kolokotronis, längerer Aufschub werde ihre ganze Sache in Gefahr bringen, da man nicht mehr auf die Treue der Truppen rechnen könne; es sei daher Zeit, die Gegner durch einen unerwarteten Angriff zu Boden zu schlagen, die Truppen dagegen durch Sieg aufs Neue an die Interessen der Regierung zu knüpfen. Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall, und schon am folgenden Morgen wurden die Truppen der Regierung von Nauplia aus durch ein Bataillon Fußvolk, einige Geschütze und einen ziemlichen Vorrath an Munition verstärkt. Zugleich bekam der Nationalcongreß die Weisung, sich von Argos nach Nauplia zu begeben, da man in einer offenen Stadt, und mitten unter einer bewaffneten Opposition schwerlich auf die zu den Berathun- *) Selbst die Truppen des Kolckotronis sollen durch zwei Abgeordnete, ^nen von der Infanterie und einen von der Cavaleric reprasentirt worden sein. (Schreiben aus Arges in der „Allgemeinen Zeitung", 1332, Nr. 1 außerord. Beit.) Kapodistrias (Familie) 645 gen nöthige Sicherheit rechnen könne. Wahrend die Ausführung dieses Beschlusses Alles in Bewegung setzte, kam es, beim Streite um ein von beiden Parteien zum Quartier für ihre Palikaren begehrtes Haus, zu blutigen Handeln zwischen den Numelioten und den Anhängern der Regierung; herbeieilende Scharen beider Tycile vermehrten das Getümmel; ein lebhaftes Feuer begann und nöthigte die schwächern Rumelioten sich in einige Häuser zu werfen, während die Reiterei der Regierung die Ausgänge der Stadt besetzte, und die Artillerie, welche durch Ka- pitain Raikos sehr schlecht geleitet wurde, zugleich mit dem regulirten Fußvolk ein wenig fruchtendes Feuer gegen die von den Rumelioten besetzten Häuser unterhielt. Man beabsichtigte dabei, die Rumelioten zur Flucht zu nöthigen und sie dann gefangen zu nehmen oder niederzuhauen; diesen Plan aber vereitelte die Klugheit und Standhaftigkeit der Rumelioten, welche, ungeachtet ihrer geringen Mittel, mehre Stürme mit Glück zurückschlugen und gegen Abend der Regierung einen Waffenstillstand anboten, der auch, wahrscheinlich in der Absicht, am folgenden Tage mit mehr Nachdruck zu verfahren, angenommen wurde. So verging die Nacht ruhig. Der 22. Dec., wegen unaufhörlicher Regengüsse zum Kampfe nicht geeignet, verging unter nutzlosen Verhandlungen zwischen Augustin K. und Konstantin Bozzaris wegen der Entfernung einiger Rumeliotenhäuptlinge, die man natürlich nicht zugeben konnte. Am 23. begann daher der Kampf mit Tagesanbruch um so heftiger, und währte bis zur Nacht ohne Entscheidung. Die Rumelioten wurden zwar vorzüglich durch ein anhaltendes Kartätfchenfeuer sehr bedrangt und verloren auch etwa 50 Mann an Tobten, schlugen aber doch mehre Stürme mit Erfolg zurück und waren am Abend noch Meister ihrer Stellung. Erst in der Nacht vom 23. auf den 24. verließen sie dieselbe und setzten sich in den Häusern am Jnachos fest, welcher ihren Rücken deckte. Der Angriffsplan der Regierung, welche in derselben Nacht noch mehr Geschütz und Munition nach ArgoS schickte, wurde hierdurch, weil er noch auf die alte Stellung ihrer Gegner berechnet war, freilich etwas gestört; allein dennoch wären an diesem Tage die Rumelioten schwerlich der gänzlichen Vernichtung entgangen, wenn sich nicht die Residenten der drei vermittelnden Machte und Sir Stratford Canning, welcher am 20. Dec. in Nauplia angekommen war, ins Mittel geschlagen hatten, um das Äußerste zu verhüten, dessen traurige Folgen nur die Verblendung der Regierung verkennen konnte. Vereint foderten sie daher am Morgen des 24. Dec. den provisorischen Präsidenten auf, alle weitern Feindseligkeiten einzustellen und auf diese Weise den Maßregeln vorzubeugen, durch welche sie sonst dem Blutvergießen ein Ende zu machen genöthigt sein würden. Hierauf wurden die bereits angeknüpften Unterhandlungen zwischen den Streitenden ernstlicher. Gegen Geißeln bekamen die Rumelioten freien Abzug nach Korinth. Man mochte auf Seiten der Regierung die Hoffnung gehegt haben, durch diese scheinbare Begünstigung wenigstens die rumeliotischen Abgeordneten, denen dadurch ihre Stütze entzogen werden sollte, für die Nationalversammlung in Nauplia zu gewinnen; allein dierin täuschte man sich. Jene Abgeordneten schlössen sich sammtlich dem Zuge nach Korinth an, welcher am 25. Dec., 1200 Mann stark, dort ankam. So war die Beendigung der Parleikämpfe zu Argos am Schlüsse des Jahres 1831 "ur eine traurige Bürgschaft für ein besseres Geschick der kommenden Tage. .. Die Regierung zu Nauplia hatte, obgleich nothgedrungen, doch gewiß mit " Uberzeugung in den Rückzug der Rumelioten gewilligt, daß er die Auflösung " Gegenpartei, dagegen den Sieg des alten Systems durch allgemeine Anerkennung seiner Vertheidiger vollenden werde. Und um nichts z,u versäumen, was zu > 'dienlich sein könnte, hatte sie sogar Eilboten nach Korinth geschickt, d" Einwohner vorläufig von der Ankunft der „rumeliotischen Räuber" mit ^ —ehung benachrichtigen mußten, daß die Bürger ihre Weiber, Kinder und ',D 646 Kapodistrias (Familie) werthvollen Sachen nach der Festung in Sicherheit bringen möchten. Die hieraus entstehende Besorgniß legte sich jedoch schon am folgenden Tage gänzlich, als dieRu- melioten zugleich mitihrenAbgeordneten in größterOrdnung ihrenEinzug hielten, und sogleich Anstalt trafen, auch für die Zukunft jeden» Unfug vorzubeugen. In einer Versammlung der Deputirten und der Kapitanys ward beschlossen, die bereits zu Argos förmlich constituirte Nationalversammlung nach Perachore zu verlegen, eine Regierungscommisston, bestehend aus Kolettis für Rumelien, Zaimis für den Peloponnes und Konduriotis für die Inseln, einzusetzen, Rumelien zu den Waffen zu rufen, neue Provinzialgouverneurs und Demogeronten nach den alten Gemeinderechten zu ernennen, dann eine neue Wahl der Abgeordneten für die Bezirke, für welche sie noch fehlten, vorzunehmen und Megara militairisch zu besetzen, damit man dann mit Hydra, Maina und überhaupt dem Peloponnes, wo sich die einflußreichsten Familien, die Zaimis, Delianis, Londos, Notaras, bereits für die Sache der Numelioten erklart hatten, um so sicherer in Verkehr blei- Heu könne. Die Besetzung von Megara suchte' man vorzüglich deshalb zu beschleunigen, weil man sich von da bald der höchst vortheilhaften Stellungen in den sogenannten Derdennen (Engpässen) versichern konnte, durch welche allein eine Verbindung des westlichen und östlichen Griechenlands mit dem Peloponnes zu Lande möglich ist, deren Vertheidigung die wenig Mannschaft erfodernden Pässe bei Kondura, Kendili und Perachore ungemein erleichtern. Kaum war daher die Versammlung in Perachore eingesetzt, als Chrysiotis gegen Megara ausbrach und nach kurzem Widerstände den auf den Höhen von Megara aufgestellten Kapitany ' Zacho-Milos zum Rückzüge nach Salamis nöthigte. Doch folgten ihm nur 7,^ etwa 60 seiner Leute; die übrigen traten freiwillig zum Corps des Chrysiotis. ^ Hatte sich dieser stark genug geglaubt, zu gleicher Zeit das Gewonnene zu bchaup- ten und die Eroberungen weiter auszudehnen, so würde er wahrscheinlich damals ^ auch schon Eleusis und Salamis besetzt haben, wodurch eine unmittelbareVer- bindung mit Athen und dem Piräos, von hier aber mit Hydra und den Insel»», wäre gewonnen worden. Hierzu bedurfte man aber noch Verstärkungen, die auch bald eintrafen. Fünfhundert rumeliotische Palliaren von Talanti st'eßen über Thcben zu»»» Hauptheere, und 1500 Olympioten, von dem Kiutacher gedrängt, folgten ihrem Beispiele, während mehre früher nach Hydra geflüchtete Kapitanys »nit ihren Leuten in Porto-Raphti in Attika landeten, und sich von da über Athen und Kondura nach dem Hauptquartiere bei Megara begaben. Noch im Laufe des Jan. 1832 sammelte sich auf diese Weise am Jsthmos eine bewaffnete Macht von 8000 Mann, welche theils aus einer von den Kapitanys gebildeten Casse, theils von den freiwilligen Beiträgen einiger wohlhabenden hydriotischen Familien gut und pünktlich besoldet wurden. Zu gleicher Zeit war man auf die Bildung einer kleinen Seemacht bedacht; und sobald nur die Verbindungen mit Hydra wieder mit einiger Sicherheit unterhalten werden konnten (denn die schon im Aug. decre- tirte Blokade wurde nur noch zum Scheine und sehr schwach fortgeführt), erhielt Miaulis, zum Oberadmiral ernannt, von der Regierungscommission zu Perachore, von welcher sich zwei Mitglieder, Konduriotis und Zaimis, damals selbst in Hydra befanden, den Auftrag, sechs Schiffe auszurüsten, und alle griechischen Stationen im Archipel für die Zwecke der Regierung von Perachore unter seine Befehle zu nehmen. Auch die Nationalversammlung gewann indeß an dem genannten Orte bedeutend an Umfang. Die meisten in Hydra versammelt gewesenen Deputirten waren bereits in den ersten Wochen des Jahres mit Maurokorda- ros über Athen und Megara in Perachore angelangt, und da sich auch von den neu gewählten Deputirten viele sehr bald einfanden, so zählte diese Nationalversammlung noch vor Ausgang des Monats Jan. schon 145 Mitglieder, eine Zahl, welche die zur Constituirung eines gesetzlichen Nationalcongresses nöthigen zwei Drittheile vollkommen erreichte. Kapodistrias (Familie) 647 Wie stand es dagegen um die Regierung und die Nationalversammlung zu Rauplia? Um auch hier keine Zeit zu verlieren, hatte man sogleich nach den blutigen Tagen zu Argos die Sitzungen der Deputirten in einer ehemaligen Moschee, die bis jetzt als hellenische Schule gedient hatte, wieder eröffnet. Wie aber überhaupt die Sache der Kapodistrianer nach und nach eine höchst trostlose Gestalt bekam, so sank auch diese Nationalversammlung in wenigen Wochen zu einer bedauc- rangswürdigen innern und äußern Nichtigkeit herab. Wer von den Deputirten bessern Sinnes entkommen konnte, begab sich entweder zu denen in Perachore, oder kehrte unbemerkt in seine Heimath zurück; und da die Regierung weder Mittel noch Menschen genug hatte, den Abgang schnell zu ersetzen, so kam es bald dahin, daß die Sitzungen, welche wenigstens in Argos mit 175 Deputirten eröffnet worden waren, gewöhnlich nur von 70 — 80 Getreuen besucht wurden, welchen bu den Verhandlungen, die meistens sehr tumultuarisch waren, kaum eine Stimme zustand. Vorschlag und Beschluß gingen fast nur von den sogenannten Ministern des Präsidenten aus, und wenn es dann bei der Abstimmung über das vorläufig Beschlossene etwa zu heftigem Debatten kam, so gab in der Regel Kolokotronis durch seine barsche Beredtsamkeit den Ausschlag oder vermochte die zerfallenen Gemüther durch die Hinweisung aufsein Schwert zu Frieden und Eintracht. In dieser Weise wurde z. B. am 16. Jan. der Beschluß durchgesetzt, daß im Peloponnes 5000 Mann Truppen ausgehoben werden sollten, wozu Kolokotronis, wie er sich selbst ausdrückte, bereits die Vollmachten des Präsidenten im Gürtel trug, als er dem Senate, der in seiner traurigsten Gestalt auch nur noch dazu benutzt wurde, der gräßlichsten Willkür den Schein eines gesetzlichen Verfahrens zu leihen, erst Anzeige davon machte. Im Ganzen war dies ein Schritt der Nvthwendigkeir, geboten durch die Pflicht der politischen Selbsterhal- lang; denn nur zu bald wurde man inne, daß man sich mit den geringen Resten treuer Truppen gegen die wachsende Macht der Rumeliotcn unmöglich halten könne, zumal da man bei der Dürftigkeit des Schatzes nicht selten in die Verlegenheit kommen mochte, die Truppen, wie vor Zeiten, auf sich selbst, auf Raub und Plünderung zu verweisen. Überhaupt wurde jetzt jedes Mittel ergrissen, das dem Zwecke dienlich schien. Um'z. V. der taglich steigenden Finanznoth nur einigermaßen abzuhelfen, fuhr man nicht allein fort das Papiergeld, welches vorzüglich den Beamten aufgedrungen wurde, ins Unendliche zu vermehren, sondern man sing auch an, Kanonen in schlechtes Kupfergeld auszuprägen oder gleich im Ganzen zu verkaufen; von dem Ertrage sollten unter Anderm die Seeleute bezahlt werden, welche noch fortwährend Hydra blokirten, aber, ohne Zweifel über die Verzögerung des Soldes unwillig, schon zu Ende des Jan. von selbst nach Poros zurückkehrten. Nationalgüter, die noch nicht veräußert waren, wurden auf das Unverantwortlichste verschleudert, wirklich außenstehende oder selbst unbegründete Foderungen mit der schonungslosesten Strenge eingetrieben, und zuletzt selbst die Staatseinkünste auf das Jahr 1838 im Voraus für eine Kleinigkeit zum Pacht ausgeboten. Dies geschah namentlich im Peloponnes, wo die Ausrüstung jener 5000 Mann, welche in 15 Bataillons vom Sohne des Kolokotronis, Gennäos, befehligt werden sollten, natürlich außerordentliche Ausgaben veranlassen mußte. Überdies standen dieser Aushebung aber auch noch andere Hinder- usse im Wege, die so leicht nicht beseitigt werden konnten, und so blieben der Regelung fürs Erste doch nur etwa 2000 Mann bereite Truppen, welche in kleinen ^Heilungen über Epidauros nach Salamis und über Korinth gegen den Jsth- chos ausgeschickt wurden. Die Feindseligkeiten begannen in der Richtung von Kondura hin, wo man den Rumelioten die Verbindung mit Vootien und Attika abzuschneiden gedachte, wahrend eine andere Abcheilung auf Mer Erdzunge bei Megara, welche durch eine Mauer vom Festlands getrennt ist. 648 Kapodistuas (Familie) mit zwei Kanonen landete und von hieraus theils den Verkehr mit den Inseln zu unterbrechen, theils in das Innere weiter vorzudringen beabsichtigen mochr?. Doch auf beiden Seiten richteten die Soldaten der Regierung wenig aus. Bei Konduca wurden sie mit bedeutendem Verluste zurückgeschlagen, und bei Megara auf jener Erdzunge in strenger Blokade gehalten. Die Stellung zwischen Eleusis und Megara, einer der wichtigsten Punkte, ward am 24. Jan. von den Rume- lioten genommen, für welche sich kurz darauf fast ganz Ost- und Westgriechenland erklarte. Ihr Hauptplan war, sogleich in Morea einzufallen, hier mit den Mainoten, welche, auf die Auffoderung des zu ihnen geschickten Rumclioten- hauptlings Theodor Grivas, Kalamata besetzt hatten und mit Umgehung der Regierungstruppen zu Nisi bereits gegen Tripolizza in Anmarsch waren, eine Verbindung zu bewirken und dann ohne Weiteres vereint gegen Nauplia vorzurücken. Fast gleichzeitig waren aber auch die Versuche zu friedlicher Ausgleichung wieder erneuert worden. Noch ehe es wirklich zu Tätlichkeiten gekommen war, hatte Augustin K. mit den Seinigen einzelnen Hauptern der Gegenpartei vergeblich Vorschlage gemacht, wodurch er sie den Ihrigen zu entziehen hoffte, ja er hatte sogar die sammtlichen Abgeordneten in Perachore unter allerlei Zusagen zu einem Vergleiche nach Nauplia zu locken gesucht, um hier wenigstens durch Theilung der Interessen die Einigkeit und Kraft seiner Gegner zu schwachen. Da ihm aber Beides nicht gelang, so schickte er sogleich nach der Einnahme von Megara durch die Rumelioten zuerst den Bischof von Atta, Porphyrios, als Unterhändler nach Perachore, und als dieser ebenfalls nichts ausrichtete, eine Commission von fünf Gliedern, welche auch wirklich mit einer von Perachore abgeschickten zu Butraki in Unterhandlungen trat. Bedingungen und Vorschlage der Rumelioten waren im Wesentlichen die schon früher angedeuteten: Vereinigung beider Nationalversammlungen zu einer einzigen an einem freien Orte; abermalige Prüfung der Vollmachten der Abgeordneten und Wahl einer neuen provisorischen Regierung. Entfernung des Grafen Augustin K. und der Korsioten wurde dabei deutlich ausgesprochen, wahrend die Commission von Nauplia gleichsam als Präliminarien die Foderung ausstellte, daß Augustin als Präsident oder wenigstens als Mitglied der Regierung beibehalten würde. An Ausgleichung war daher um so weniger zu denken, da man bald entdeckte, daß die Regierungscommission nicht einmal mit Vollmachten von der Nationalversammlung zu Nauplia versehen sei. Ebenso wenig Erfolg hatten die Unterhandlungen, welche um dieselbe Zeit Gennäos, der Sohn des Kolokotronis, mit dem Suliotenhäuptling Servo zu Korinth, und Admiral Ricord im Namen der Regierung zu Nauplia mit den Hydrioten anknüpften. Am 21. Jan. erließ hierauf die Regierung zu Nauplia eine Proklamation, worin sie Kolettis, Tazzi Manghina und einige andere Häupter der Rumelioten für Rebellen erklärte, dagegen allen Denjenigen ihres Anhanges, welche innerhalb 15 Tagen die Gnade der Regierung anrufen würden, Verzeihung und Vergessenheit zusagte. Ungefähr acht Tage später, am 30. Jan, antwortete hierauf die Regierung von Perachore in einem Beschluß ihrer Nationalversammlung, welcher Augustin K. „für einen Verletzer der gesetzmäßigen Nationalversammlung, für den hauptsächlichsten Anstifter des Bürgerkriegs und Usurpator der höchsten Staatsgewalt" erklärte, ihn deshalb sogleich in Anklagestand versetzte und alle Behörden, sowie jeden Bürger auffoderte zur Ausführung dieses Beschlusses nach Kräften mitzuwirken. („Allgemeine Zeitung", 1832, Nr. 115 B.) Unter solchen Umständen war es natürlich, daß Augustins Partei täglich mehr zusammenschwand und sich bald eigentlich nur auf die Hauptvertreter des alten Systems, Andreas und Konstantin Mctaxas, Perukka, Sikelianos, Rho- dios und einige Andere beschränkte, welche dann wieder ihren Anhang hatten, soweit Gewalt, List, Bestechung reichen mochten. Den Gedanken an die Möglich- Kapodistrias (Familie) 649 kcit, sich in der Weise seines Bruders den Griechen als Beherrscher aufzudringen, mag Augustin selbst sehr bald aufgegeben haben; er sprach diese Ansicht schon in der ersten Halste des Jan. deutlich genug aus, als er an den leeren Schatz die sonderbare Foderung erhob, daß ihm die von seinem Bruder in demselben niedergelegten Summen, die er auf eine Million Piaster angab, zurückgezahlt werden sollten. Doch scheint er auf der andern Seite immernoch die Hoffnung auf eine ihm günstige Entscheidung der vermittelnden Machte genährt zu haben. Schon das an ihn gerichtete Schreiben des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten zu Petersburg, Grafen Nesselrode, vom 27. Dec. 183 t, worin dieser ihn der besondern Gunst des Kaisers versicherte („Allgemeine Zeitung", 1832, Nr. 126 B.), schien ihm eine sichere Bürgschaft zu gewahren, und Augustin soll schon in den ersten Wochen des Jahres 1832 die Thorheit begangen haben, in einer unter der Hand vertheilten gedruckten Bekanntmachung zu erklären, die neue Regierung habe begonnen und sei bereits von den Gesandten der vermittelnden Mächte anerkannt. Als sich die Residenten deshalb Erklärung ausbaten, soll man den unbesonnenen Schritt mit der Notwendigkeit, die öffentliche Meinung zu beruhigen, zu entschuldigen gesucht haben. Im Gegentheil hatten die Residenten, wie die Scationscommandanten jener Mächte, etwa mit Ausnahme des Admirals Ri- cord, welcher fortwahrend seine zweioeutige Stellung zu Hydra behauptete, jede unmittelbare Einmischung in die Händel der Hellenen bis jetzt absichtlich vermieden; und auch der Versuch einer Ausgleichung der Parteien von Seiten des englischen Botschafters bei der Pforte, Sir Stratford Canning, welcher am 20. Dec. angeblich mit Auftragen der Conferenz in London zu Nauplia angekommen war, blieb so erfolglos, daß er in dem seitherigen Benehmen der Residenten nur wenig ändern konnte. Erst als die Regierung zu Nauplia durch Abfassung einer Adresse an die drei Mächte, worin sie um baldige Entscheidung des fernem Schicksals von Griechenland und die Wahl eines Fürsten bat, einige Hoffnung zur Nachgiebigkeit gegeben hatte, luden die Residenten zu Ende Jan. nochmals eine Commission der Hydrioten und der Regierung von Perachore zu einem Vergleiche unter ihrer Vermittlung nach Nauplia ein. Allein so wenig eine solche Einladung im Sinne der Kapodistrianer geschehen mochte, so wenig wurde ihr von der andern Seite Folge geleistet, zumal da man hier wie dort der Ankunft einer Entscheidung der Conferenz zu London stündlich entgegensah, die zuletzt doch den Ausschlag geben mußte. Unter diesen Erwartungen und bei den Vorbereitungen der Rumelioten, welche täglich an innerer Kraft und äußerer Ausbreitung ihrer Macht zunahmen, zu dem beabsichtigten Zuge nach dem Peloponnes verging der Febr. Erst am 13. dieses Monats ward die erwähnte Adresse von Nauplia mit einem Schreiben an Eynard abgeschickt, worin dieser von der Nationalversammlung ersucht wurde, die Adressen durch seine Vermittlung eiligst an die französische und britische Regierung gelangen zu lassen. („Allgemeine Zeitung", 1832, Nr. 95 B.) Den darin ausgesprochenen Wünschen war jedoch bereits einigermaßen durch das Eon» ftrenzprotokoll vom 7. Jan. entsprochen worden, welches sich eben damals unterwegs befand und, nachdem es am 28. Febr. der Regierung zu Nauplia durch die Residenten der vermittelnden Mächte zugefertigt worden war, sogleich Tags darauf in dem zu Nauplia erscheinenden ossiciellen Regierungsblatt (dem „(lonrrior Karaiskakis terland, mit welcher er spater so große Opfer brachte und so rühmlich als Rächer der neu erwachten Freiheit seines Volkes auftrat. Er nahm jedoch in den ersten Iahren des Aufstandes an den Kämpfen auf dem griechischen Festlande nur noch in untergeordneter Stellung als einfacher Armatole Theil und wurde selbst mehre Male durch langwierige Krankheiten abgehalten, die Operationen gegen den Feind so zu unterstützen, wie er und seine Freunde wünschen mochten. Dies war namentlich der Fall, als im Zun. 1823 Mustapha-Pascha von Skodra mit 15,000 Albanesern von Larissa aus gegen Trikala aufbrach, um einen Einfall in Westgriechenland zu machen, woran ihn die am Fuße des Agrapha und an den Ufern des Aspropotamos (Acheloos) aufgestellten Truppen des K. und Sturnaris nach Kräften hindern sollten. Er durchbrach jedoch die Linien, und erst als kurz darauf Markos Bozzaris bei Karpenissa im Kampfe gegen ihn den Heldentod gefunden hatte, ward er zum Rückzüge genöthigt, wobei ihm Sturnaris und K. bedeutenden Verlust verursachten. Allein die nur zu kurze Heldenlaufbahn des wiedergenesenen K. begann eigentlich erst im Sommer 1825, als sich alle «Äreitkrafte des Feindes auf dem griechischen Festlande in Akarnanien concentrirten, um Mis- solonghi von der Landseite anzugreifen, wahrend ihm von der Seeseit-e durch die Flotte des Kapudan-Pascha die Zufuhr abgeschnitten werden sollte. Mit Zavellas, Gouras und andern ausgezeichneten Häuptlingen befand sich K. bereits im Iul. in dem Lager bei Salona, von wo aus die Belagerer im Rücken gefaßt werden sollten, während die Belagerten durch gleichzeitige Ausfälle die Kräfte des Feindes zu theilen beabsichtigten. Mehre Gefechte dieser Art wurden in den ersten Tagen des Aug. mit dem günstigsten Erfolge ausgeführt, und überhaupt wußte K. durch häusige unerwartete Angrisse die weit ausgedehnten Colonnen des Seraskiers Re- schid-Pascha nach und nach so in die Enge zu treiben, daß dieser seine ganze Thä- tigkeit bald bloß noch auf die Operationen gegen die drei Hauptpunkte, Salona, Missolonghi und Anatoliko, beschränken mußte. Nachdem jedoch ein Theil des bei Salona aufgestellten griechischen Armeecorps zur Verstärkung der Besatzung von Missolonghi verwendet worden war, wandte sich K. mit seiner Abtheilung nach den nordwestlichen Districten von Akarnanien, um die bei Lcssini, Dragomestre und an andern Theilen des Xeromeros zerstreuten Truppen zu unterstützen. Im Sept. und Ott. erfocht K. hier bei Machala und Karvassara zwei bedeutende Siege und brachte das Heer des Reschid-Pascha durch die Wegnahme einiger beträchtlichen Transporte von Lebensmitteln, z. B. eines Zuges von 100 Kameelcn und 200 Maulthiercn um die Mitte des Ott., in die äußerste Bedrängnis, sodaß dieser nach einem unglücklichen Gefechte am 24. Ott. sogar seine Stellung vor Missolonghi aus einige Zeit aufgeben und das Hauptquartier nach Vrachori verlegen mußte. Neben der unermüdlichen Thätigkeit im Felde zeichnete sich K. aber auch bald durch seine Theilnahme an den Kämpfen der Parteien aus, welche namentlich 1825 der Sache der Griechen so großen Nachtheil brachten. Die Herrschsucht Maurokordatos' war den Häuptlingen in Westgricchenland unerträglich, und da man diese als die vorzüglichste Quelle aller seiner Handlungen betrachtete, so trat auch K. als liner seiner heftigsten Gegner auf, als er im Iul. 1825 durch eine ganz willkürliche Acte Griechenland unter den besondern Schutz Großbritanniens zu bringen beabsichtigte. Obgleich hierdurch die Kriegsoperationen etwas gelähmt wurden, so fuhr K. dennoch fort, den Feind vor Missolonghi auf jede Weife zu beunruhigen, erfocht noch im März 1826, vereint mit Gouras und einem Theile der Taktiker unter dem Obersten Fabvier, einige glänzende Siege, war aber doch nicht im Stande mit seinem verhältnismäßig kleinen Corps den Fall des völlig ausgehungerten Platzes abzuwenden, welcher am 23. April erfolgte. Die unglücklichen Reste der Besatzung, welche bei dem letzten Ausfall noch der Wuth der Belagerer entgangen waren, fanden im Lager dcs K., welches sich damals wieder bei Salona Karaiskakis 655 befand, eine endliche Freistatt. Der Fall von Missolonghi versetzte bald das Kcieostheater aus Westgriechenland nach Livadien. Nachdem Reschid-Pafcha eine kleine Besatzung in Missolonghi zurückgelassen hatte, wandte er sogleich seine Hauptmacht gegen Salona, wurde zwar von den an den Engpassen des Liakora aufgestellten Truppen des K. einige Zeit aufgehalten, drang aber doch schon im Zun. in Attika ein und fand bis vor Athen fast keinen Widerstand. K. hatte sich um diese Zeit mit einem Theile seiner Truppen nach Napoli di Romania begeben, um sich persönlich den Jntriguen der peloponnesischcn Primaten entgegenzustellen, welche, von den niedrigsten Interessen getrieben, die Sache des Vaterlandes ganzlich aus den Augen zu verlieren schienen. Entschiedener Feind der sogenannten englischen Partei, an deren Spitze sich damals Maurokordatos befand, sammelte K. in wenigen Tagen eine Anzahl talentvoller und von gleicher Vaterlandsliebe beseelter junger Manner um sich, theilte ihnen einige aufgefangene Briefe mit, woraus der Plan mehrer Primaten, den Pelovonnes und die Inseln des Archipels wieder in ein Hospodariat der Pforte zu verwandeln, deutlich hervorging, und verpflichtete sie dann durch feierlichen Eidschwur, sich nie für eine englische, französische oder russische Partei zu erklären, sondern ihn auf alle Weise in der Befreiung Rumeliens zu unterstützen, jeden Vergleich mit der Pforte, der nicht die völlige Unabhängigkeit Griechenlands bezwecke, zu verwerfen und gemeinschaftlich daraus hinzuarbeiten, daß die provisorische Regierung dem Grafen Kapodistrias übertragen werde. Zu gleicher Zeit rief der begeisterte Georgias Gcn- nadios, Mitglied dieses patriotischen Bundes, das Volk zu den Waffen; K.' Name und Heldenmuts) trieb die Feigsten zur Theilnahme an der Sache deS Vaterlandes; in kurzer Zeit bildeten sich mehre neue Bataillons aus Freiwilligen, und K. wurde von der Regierung auf sein Verlangen zum Oberfeldyerm von Rumelien ernannt. Unterdessen war der Seraskier in Attika eingedrungen, hatte mit bedeutendem Verluste einige Abtheilungen vom Corps des GouraS zurückgeworfen, am 15. Aug- Athen eingenommen und Gouras genöthigt in der Akropolis Schutz zu suchen. Sogleich ward von dem Feinde, der um diese Zeit noch durch Omer-Pascha von Negroponte verstärkt wurde, die Belagerung begonnen. Kaum hatte man aber zu Napoli von diesen Vorgängen die erste Kunde erhalten, als schon am 31. Jul. K. und Oberst Fabvier, dieser mit 1200 Taktikern, jener mit einigen tausend Palikarcn, nach Salamis eilten, von da über Talamona nach Eleusis vorrückten und bereits in der Nacht vom 17. auf den 18. Aug. eine Stunde von Athen in dem kleinen Flecken Cha'ibari eine feste Stellung einnahmen. Der erste Angriff der Feinde am Morgen des 18. Aug. wurde mit Glück zurückgeschlagen, ein zweiter am 20. Aug. nöthigte die Hellenen zum Rückzüge nach Eleusis. Die Schuld dieses Unfalls schrieb man thcils dem Mangel an Ca- valcrie, theils aber auch gewissen Mißverständnissen zwischen beiden Befehlshabern zu, welche die Einheit des Operationsplans gestört haben mögen. Ein merkwürdiger Zufall führte Tags darauf K. mit dem Seraskicr und Omer-Pascha vcn Karistos auf dem Schiffe des französischen Viccadmirals de Rigny zusammen. K. benahm sich dabei mit großer Fassung, wies die Antrage, welche ihm von Sei- len der Paschas gemacht wurden, mit Stolz zurück und ward in seinem Entschlüsse, Rumelien zu befreien, nur um so mehr bestärkt. Seitdem verging fast isin Tag ohne Kampfund Sieg; oft durch Mangel an Lebensmitteln und Munition verhindert, seine Streitkräfte zu größern planmäßigen Operationen zusammenzuziehen, verteilte K. sein Heer in kleinen Haufen fast über ganz Livadien, beunruhigte überall den Feind und hatte in wenigen Wochen Rumelien, dessen Letzter Theil sich aus Noch für den Feind erklärt hatte, wieder für die Sache des T^terlandes gewonnen. Auch hier verzögerte der Mangel an Einigkeit zwischen »abvier und K. di? siegreiche Entscheidung. Jener beklagte sich bitter darüber, 656 Karaiskakis daß ihn K. bei einem Zuge gegen Theben in den ersten Tagen des Nov. nicht gehörig unterstützt habe, schrieb diesem Umstände das Mislingen des voreiligen Unternehmens fast ausschließend zu und ging sogar soweit, K. offen eines Einverständnisses mit Reschid-Pascha zu beschuldigen, welches ihn zu absichtlicher Untätigkeit bestimmt habe. Daß jedoch an dieser Beschuldigung der getauschte Ehrgeiz des Obersten Fabvier wol den meisten Antheil haben mochte, beweisen die Heldentaten des K. in den letzten Wochen des Jahres 1826 am besten. Um zunächst dem Seraskier alle Verbindung von Norden her abzuschneiden, hatte K. bereits am 7. Nov. das Lager bei Eleusis mit 6990 Mann verlassen, sich sogleich nach dem östlichen Livadien gewendet, hier in die Hauptorte kleine Besatzungen verteilt und eine Abteilung vom Heere des Omer-Pascha in dem Dorfe Dobrena so lange blokirt, bis sie sich mit großem Verluste durchschlagen mußte. Da jedoch hierauf der Feind Alles aufbot, wenigstens eine sichere Verbindung mit Westgriechenland zu erhalten, so verließ auch K. nach einem Aufenthalte von 22 Tagen seine Stellung bei Dobrena, eilte über Livadia nach Distomo und traf am 1. Dec. bei Arachova mit einem starken Detachement des Feindes zusammen, welches sich beeilt hatte, diesen wichtigen Posten früher zu besetzen, als es den Griechen möglich gewesen war. Nach einem fünfstündigen siegreichen Treffen schloß K. den Rest der feindlichen Truppen auf einer felsigen Anhöhe ein; sieben Tage hielten sie sich hier unter den schrecklichsten Qualen jeder Entbehrung; wiederholte Anträge zur Capitulation verwarf K. stets mit Hinweisung auf das gräßliche Schicksal der Verteidiger von Missolonghi. Ein entschlossener Ausfall blieb die letzte Hoffnung der Verzweifelten, und er ward in den Nachmittagsstunden des 7. Dec. versucht; 1309 Albaneser, der Kern des feindlichen Heers, erlagen dem Racheschwerte der Hellenen, nur Wenige entkamen mit Zurücklassung unermeßlicher Beute. Au Ägina und Napoli ward der Sieg als einer der herrlichsten im ganzen Befreiungskämpfe durch öffentliche Dankgebete, in ganz Hellas K. als der erste Held des Tages gefeiert. (S. K.' Bericht „Allgemeine Zeitung", 1827, Nr. 53 B.) Mit dem Vertrauen zu K. wuchs auch die Starke seiner Macht, und so sah er sich, obgleich bedeutende Abtheilungen seines Heers als Besatzungen in den eroberten Orten, namentlich zu Dobrena und Arachova, zurückgelassen werden mußten, dennoch in den Stand gesetzt, seine Eroberungen immer weiter nach Westen hin auszudehnen. Schnell nach einander erfolgten die Siege bei Volizza und Lepanto, welche um so willkommener waren, da sie alle mit Erbeutung beträchtlicher Transporte von Lebensmitteln verbunden waren, deren das Heer bedurfte; Salona hatte man ohne Widerstand besetzt, und schon wurden Streifzüge bis in die Gegend von Karavari mit Glück unternommen, als das plötzliche Erscheinen des Feindes bei Distomo K. zu Ende Jan. 1827 nöthigte, sich wieder nach diesem Orte zu begeben. Nach einem abermaligen glänzenden Siege über Omer-Pascha von Karistos in der Nacht vom 17. auf den 18. Febr. wandte sich K. sogleich weiter südlich nach Attika, um der von allen Seiten bedrängten Akro- polis zu Hülfe zu eilen. Sein Plan war, im Verein mit allen bereits in der Gegend von Athen versammelten Truppen so schnell als möglich den Entsatz zu bewirken, und in der That brachte sein Erscheinen unter die fast entmuthigten Truppen wieder so viel Begeisterung, daß man schon am 4. März einen gemeinschaftlichen Angriff auf das Lager des Seraskiers wagen konnte, der zwar nicht den beabsichtigten Entsatz, aber doch eine höchst bedeutende Niederlage der feindlichen Truppen zur Folge hatte. Ein zweiter Sieg erfolgte am 15. und 16. d. M. bei dem Dorfe Keratin, nördlich vom Piraos, wo K. in der vorhergehenden Nacht mit 3599 Mann von Eleusis aus gelandet war und auch nach dem Siege eiue feste Stellung behauptete. Nach diesen Vorgängen sah man der Entsetzung der Akropolis mit Zuversicht entgegen, als die alten Misverstandm'sse zwischen den Karl (Herzog von Mecklenburg) 657 verschiedenen Heerführern abermals die schönsten Hoffnungen vereitelten. K. konnte seinen etwas einseitigen Haß gegen die englische Partei nicht überwinden; and wenn ihm deshalb schon die Gegenwart des Obersten Gordon, welcher damals in der Gegend des Piraos ein eignes Truppencorps befehligte, mit Unwillen erfüllte, so läßt sich leicht denken, welchen Übeln Eindruck die Ankunft des Lords Cochrane und des Generals Church, welche er beide nur als Creaturen Maurokor- öatos' betrachten mochte, zu Anfang des Aprils auf ihn machen mußte, zumal da der Letztere nur wider seinen Willen von der Nationalversammlung zu Damala zum Oberbefehlshaber der ganzen Landmacht des griechischen Staats ernannt worden war. Einheit der Operationen, welche man gerade hierdurch zu erlangen geglaubt hatte, war seitdem kaum mehr denkbar. Durch eine Menge kleiner Gefechte, meist von einzelnen Truppencorps gewagt, hielt man zwar im Laufe des April den Feind von dieser Seite in bestandiger Furcht; allein dem eigentlichen Zwecke kam man dadurch im Ganzen um nichts naher. Erst am 3. Mai, nachdem man bereits in den letzten Tagen des Aprils das von einer schwachen türkischen Besatzung heldenmüthig vertheidigte Kloster St. - Spiridion am Piraos mit un- verhältnißmaßigem Aufwände an Kräften in den Grund geschossen hatte, gelang es Lord Eochrane K. zu einer gemeinschaftlichen Unternehmung gegen die Belagerer zu überreden, deren Ausführung auf den 6. Mai festgesetzt wurde. Tags daraus überfiel K. eine bedenkliche Krankheit; bei anbrechendem Abende entspann sich ein unbedeutendes Gefecht zwischen einigen seiner Leute und einer kleinen Schar vom Heere des Scraskiers. Das Kampfgetümmel zu so ungewohnter Stunde dringt bis zu dem Krankenlager des Feldherrn; unwillkürlich verlaßt er es, stürzt ßch fast bewußtlos unter die Kampfenden, treibt den Feind in die Flucht und ist eben im Begriff nach dem Lager zurückzukehren, als ihn eine feindliche Kugel tödt- lich verwundet. Zwei Stundeil darauf verschied er auf der Goelette des Generals Church in einem Augenblicke, wo ganz Griechenland auf ihn feine letzte Hoffnung setzte. Der verabredete Angriff auf den Seraskier endigte am 6. Mai mit der völligen Niederlage der Hellenen^ und wenige Tage nachher ward die Capitu- lation unterzeichnet, welche die Akropolis abermals in die Hände des Feindes lieferte. Schon am 5. war K. unter dem Wehklagen der Menge zu Salamis beerdigt worden. - (18) Karl, Herzog von Mecklenburg, preußischer General der Infanterie, commandirender General des Armeecorps der Garden und Präsident des Staatshalts, ward am 3V. Nov. 1785 in Hanover geboren, wo sein Vater, der nachmalige Großherzog von Mecklenburg-Strclitz, als hanöverischer Feldmarfchall und Mneralgouverneur lebte. Die Jahre 1786 — 95 verlebte er in Darmstadt, svohin sich sein Vater bald nach dem Tode seiner Gemahlin begeben hatte. Als der verzog durch den Tod feines ältern Bruders zur Regierung gelangte, kam auch Prinz 8. nach Strelitz, wo er die Jahre 1795 — 1801 zubrachte. Er wurde 1799 als preußischer Stabscapitain von der Armee angestellt und bezog 1801 die Lcvle Militmre in Berlin, in welcher er bis 1803 verweilte, worauf er in die, von Scharnhorst gestiftete Kriegsschule eintrat und außerdem noch von diesem Meister neucrn Kriegskunst befondern Unterricht erhielt. Zum Major befördert, rückte ^ ^ erste Gardebataillon, focht in der Schlacht von Auerstävt und .«lte die widrigen Schicksale, welche die preußische Armee und insbesondere die ^arden nach jener unglücklichen Schlacht auf dem Rückzüge trafen. Das schwere . erhangm'ß, welches damals das Königreich erfuhr, berührte den Pn >en um so lw'verzl'.cher, da er als Bruder der Königin so nahen Antheil an jenem Unglück ' ,mußte. Aus den Überresten der Garde wurde nach dem Frieden von Tilsit ^üßZewde (das jetzige erste Garderegiment) gebildet, bei welcher der Her- ä K. ^08 das Commando des ersten Bataillons erhielt. Er wurde 1810 zum onv.chex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 4'^ 658 Karl (Herzog von Mecklenburg) Obcrstlieutenant befördert und 1811 zugleich zum Brigadier der Infanterie der niederschlesischen Truppenbrigade ernannt. Nachdem er 1312 aus der Garde getreten war, erhielt er an der Stelle des Generals von Kleist, welcher mit York's Corps gegen Rußland marschirte, das Commando über die Reste der niederschlesischen Brigade und ward 1812 Oberst. Als sich Preußen zur Wiedereroberung seiner Unabhängigkeit und seines alten Waffenruhms rüstete, und der General von Blücher den Oberbefehl erhielt, wurde der Herzog K. dem Hauptquartier desselben beigegeben. Er focht mit ausgezeichneter Tapferkeit in den Schlachten bei Lützen und Bautzen, und wurde wahrend des Rückzuges nach Schlesien zum Brigadechef (Divisionskommandeur) der ersten Brigade im Pork'schen Armeecorps ernannt, welche jedoch bei der neuen Organift'rung des Heers wahrend des Wassenstillstandes die zweite Brigade wurde. Im Jim. 1813 zum Generalmajor befördert, fand der Herzog nach der Wiedereröffnung der Feindseligkeiten als Chef einer Brigade bei dem Uork'schen Armeecorps, welches fast unausgesetzt die Avantgarde des von Blücher geführten schlesi'schen Heers bildete, ein freieres Feld, fein mili- tairisches Talent, seine Entschlossenheit und Geistesgegenwart zu zeigen, als es ihm früher möglich gewesen war, und von jetzt an gewinnt sein Name durch die Gefechte und Schlachten bei Löwenberg, Goldberg, Katzbach, Wartenburg und Leipzig auf dem Schlachtfelde Bedeutung und in der preußischen Kriegsgeschichte verdienten Nachruhm. In dem Gefechte bei Goldberg (23. Aug. 1813) ergriff der Herzog, als seine Brigade von der überlegenen feindlichen Division unter Gerard und der Cavalerie unter Sebastian! zurückgedrängt wurde, die Fahne eines Infanterieregiments, stellte sich an die Spitze desselben und führte die Seinen aufs Neue gegen den Feind. Zur glücklichen Entscheidung der Schlacht an der Katzbach (26. Aug.) trug der Herzog wesentlich dadurch bei, daß er die Franzosen unter Macdonald aus dem Dorfe Niederkrayne nach lebhafter Gegenwehr vertrieb. Bei dem von Blücher und Flock unternommenen Elbübergange bei Wartenburg (3. Ort. 1813), führte der Herzog den ihm übertragenen Angriff auf das Dorf Bleddin rasch und entschlossen aus, umging den Feind, vertrieb ihn aus Globig und nahm ihm eine bedeutende Anzahl Geschütze und Munitionswagen. In dem blutigen Gefecht bei Möckern, am 16. Ott. 1813, war jenes Dorf schon zwei Mal von den Preußen genommen und wieder verloren worden, als endlich der Herzog Karl seine Brigade im Sturmschritt vorführte, an der Spitze des ersten Infanterieregiments den Feind mit gefälltem Bayonett vertrieb und sich, von der Artillerie unterstützt, darin behauptete. Die Schlacht wurde zuletzt durch die, von dem Obersten Steinmetz geführte erste Brigade, welche zur Unterstützung des Herzogs herangezogen wurde, entschieden, was um so nothwcndiger war, da der Herzog bereits schwer verwundet aus dem Treffen gebracht worden war. Die empfangene Wunde nöthigte ihn zurückzubleiben, während das siegreiche Heer nach dem Rhein vordrang. Als er wiederhergestellt war, hatten die Verbündeten bereits ihren Einzug in Paris gehalten, und erst dort traf der Herzog wieder bei dem Könige ein, der ihn bereits am 8. Dec. 1813 zum Generallieutenant ernannt hatte. Nach der Rückkehr aus Frankreich wurde der Herzog der Garde als Brigadechef (Divisi'ons- ccmmandeur) vorgesetzt. Im Feldzuge 1815 führte er die Garde als besonderes Corps nach Frankreich und steht derselben seitdem, und nachdem sie zu einem fönn- liehen Armeecorps organisi'rt worden, als commandirender General vor. Seit 1825 ist er zum General der Infanterie befördert worden. Bereits 181/ wurde der Herzog zum Mitglied des damals neu errichteten Staatsraths ernannt, in welchem Verhaltniß er ein ausgezeichnetes Talent als Staatsmann entwickelte. Durch eine Cabmetsordre vom 21. Aug. 1825 wurde derselbe mit dem Vorsitz im Staatsrathe beauftragt, und endlich am 9. Dec. 1827 definitiv zu dessen Psäsi' deuten ernannt, mit der Befugniß, an den Sitzungen des geheimen Staatsministe- Karl X. 659 riums Antheil zu nehmen. Die Strenge des Militairs und der Emst der Staatsverwaltung hat jedoch keineswegs den Herzog der schon früh erwachten Neigung zu Kunst und Wissenschaft, und namentlich zur Poesie, entfremdet. Von ihm gehen gewöhnlich die Anordnungen zu den Familienfesten des königlichen Hauses aus, welchen er gern einen poetischen Hintergrund zu geben pflegt. Unter den größern Hoffeften war besonders das, 1828 der Kaiserin von Rußland zu Ehren in Potsdam angestellte Turnier glänzend, welches mit der Aufführung eines von dem Herzoge verfaßten dramatischen Festspiels: „Der Zauber der weißen Rose", beschlossen ward. Außerdem soll er an der Herausgabe eines interessanten Briefwechsels über Berlin, geschrieben im Winter 1821, Antheil haben. (26) * Karl X. (Philipp), Bourbon, Graf von Artois bis 179S, in welchem Zahre er, nach Ludwigs XVII. Tode, den Titel Monsieur annahm, war vom 16. Sept. 1824 bis zur Iuliusrevolution (s. d.) und bis zu seiner Thronentsagung vom 2. Aug. 1830 König von Frankreich. Das Schicksal dieses Fürsten, welches mit dem von Jakob II. einige Ähnlichkeit hat, erinnert an die Behauptung, daß es für viele Könige keine Geschichte gibt. Ungcwamt durch die furchtbare Lehre der französischen Revolution, nicht aufgeklart durch die Zeit, welche er seit 1789 —1813, meist in Holyroodhouse bei Edinburg, als Zeuge der Gesetze und Einrichtungen eines hochgebildeten, conftitutionnellen Volkes verlebte, blieb er fortwahrend befangen in seinen Ansichten von der Vollgewalt des Königthums und schenkte blindes Vertrauen den Nachschlagen einer Priesterpartei, die ihn als Werkzeug ihres Reactionssystems leitete. Mit jenen Ansichten und von diesen Vertrauten umgeben, kehrteer nach Frankreich zurück, wo er, so lange sein Bruder regierte, die Stütze der alten Hofpartei und der apostolischen Congregation (s. d.) war, welche, nachdem er den Thron bestiegen, durch ihn über die öffentliche Meinung des neuen Frankreichs zu triumphiren hoffte. Sein innigster Vertrauter, der Erzbischof von Rheims, Cardinal Latil, führte ihn Schritt für Schritt diesem Ziele entgegen; er bemächtigte sich seines Gewissens und seiner Vorurtheile; er überredete ihn, daß er der Wiederhersteller des Glaubens und der Königsmacht, der Überwinder eines unkirchlichen und revolutionssüchtigen Zeitgeistes und dadurch der Retter Frankreichs sein werde. Karl X. handelte in diesem Sinne mit der vollen Überzeugung, daß er seine Regentenpflicht erfülle. Eine Zeitlang hielten ihn zwar seine Minister, zuletzt noch der edle Martignac (s. d.), von entscheidenden Schritten oder Misgriffen zurück; nachdem er aber seinen Liebling, den Fürsten Polignac, der zu demselben Werke sich berufen wähnte, an die Spitze der Reichsverwaltung gestellt hatte, war er gegen Alles blind, was ihm über den Zustand der Nation und das Verhältnis! der Mehrheit der Kammern zu dem Throne hätte die Augen öffnen können. „Keine Con- eessionen mehr!" Mit diesen Worten begann er das System zu vollenden, welches ihn von dem Throne stürzte. Karl X. war persönlich in den Augen der großen Masse theils lächerlich, theils verhaßt geworden, weil er und sein Hof mit den Sitten des Zeitalters im Widerspruche standen, und weil keine Art von Größe auf diesen dunkeln Schatten ihren Glan; warf. Die Pariser hatten die Auflösung der Nationalgarde nicht vergessen. Die Armee war mit der Ernennung einer Unzahl von Oberofsizieren, von denen wenige unter Frankreichs Fahnen gefochten hatten, und mit der Zurücksetzung der alten Krieger aus der Kaiserzeit unzufrieden. Karl selbst hatte eine größere Anzahl Adjutanten (62) als alle Könige und Fürsten Europas zusammengenommen. Drei jener Adjutanten waren nicht einmal Franzosen, kosteten aber doch kem Staate jährlich 79,000 Francs. Der Herzog von Bordeaux war Generaloberster der Schweizer, der Dauphin, welcher an der Spitze des Kriegsconseils stand, war Großadmiral und der verachtete B ourm ont (s. d.) Kriegsminister. 42 * 660 Karl X. Je beträchtlicher das Kriegsbudget war, desto lauter waren die Klagen von 27,000 Legionnairs, die seit 1814 ihre Gehalte nicht bezogen hatten; auch erhielten 8000 Familien, deren Versorger einst das Ehrenkreuz getragen hatten, seit der Restauration aber verstorben waren, die Rückstände nicht ausgezahlt, wahrend den Emigranten eine Entschädigung von 1000 Millionen und den Pairs eine Dotation von 60 Millionen Francs zu Theil wurde. Die geheimen Pensionen veranlaßtcn Benjamin Constant's heftige Beschwerde in der Deputirtenkammer. Es sollen 103 Pairs, zum Theil Emigranten, dem Staatsschatze jahrlich die Summe von 1,233,000 Francs gekostet haben. *) Sagte doch einst Karl X. selbst: „Es gibt Deputirte, die ich zu unterstützen genöthigt bin!" Dies nannte man Bestechung. Die Umtriebe einer bigotten und fanatischen Priefterpartei, welche das Volk durch sinnlose Tractatchen, Missionen und Wunder für die Kirche gewinnen wollte, fanden in den Tuilerien ihren Mittelpunkt und ihre Stütze, sowie in den Jesuiten zu Montrouge schlaue Verbündete, welche die Faden des über ganz Frankreich ausgespannten Verfinsterungsnetzes zusammenhielten. Insbesondere erregte die Erziehung des Herzogs von Bordeaux durch Freunde der Jesuiten, den Bischof von Strasburg, Thann, als Lehrer, und den Baron von Damas, als Gouverneur, die größten Besorgnisse wegen der Zukunft. **) In der Verwaltung wurden zwar manche einzelne gute Einrichtungen getroffen ; allein der Kampf der Reaction mit der Presse reizte die Macht des Journalismus immer leidenschaftlicher gegen Alles auf, was Karls X. Regierung that. Zudem kam manche nützliche Verordnung, z. B. die für die Aufhülfe des Volks- untcrrichts, so unzureichend sie auch war, nicht zur Ausführung; denn die Verwaltung wurde durch den Parteienkampf gehemmt und gelahmt. Als ein Denkmal der Sorgfalt des Königs für die Kunst nennen wir das von ihm errichtete, für ägyptische Alterthümer bestimmte Uusee cko (Anrles X in neun Sälen, das er seit 1826 mit Deckengemälden von Gros, Horace Vemet, Abel de Pujol, Ingres u. A. schmücken ließ. Auch hatte er durch die Verordnung vom 24. Dec. 1828 die frühere, in den Jahren 1816 und 1823 abgeänderte Einrichtung des französischen Instituts zurückgerufen, wodurch die ehemalige Zahl der ordentlichen Mitglieder der königlichen Akademie der Inschriften und Literatur von 40, und die Zahl der freien Akademiker (10) wiederhergestellt wurde. Von seiner Civilliste machte der König einen sehr wohlthatigen, aber auch verschwenderischen Gebrauch. Daß er seine Wohlthaten meistens an die Diener des alten Systems spendete, war nicht klug, obgleich er das vollkommene Recht hatte, hierin ganz seiner Zuneigung zu folgen. Selbst seine Jagdlust konnte ihm, da er die Kosten für dieses Vergnügen von seiner Civilliste bestritt, nicht zum Vorwurfe gereichen***); allein sie fand, wie Alles was Karl vornahm, bittern Tadel und Spott, *) Der Erzbischof von Ronen bezog unter verschiedenen Titeln 237,000 Francs. ") Diese Behauptungen sucht der ungenannte Verfasser einer kleinen Schrstt: ,,Über die neuere Revolution in Frankreich. Geschrieben zu Paris im Sept. 1830" (Leipzig 1831ff zu widerlegen. Er sagt unter Andcrm S. 64: „Was den sinstern Karholicismus der Regierung betrifft, so habe ich dafür nur eine Antwort-' Der Mann, der seit l8l4 an der Spitze des öffentlichen Unterrichts stand und das unbegrenzte Zutrauen des Monarchen besaß, war ein eifriger Protestant (Bwon Cu- vier), und unter kttner Regierung, selbst nicht unter Napoleon, ist die protestantische Kirche in Frankreich mehr geschützt und unterstützt worden als unter Karl X." M ) Karl X. ließ jahrlich das „0ivret lles «basges elu Hai" in wenigen Exemplaren drucken, die er verschenkte. Nach dem „lAvret." des Jahrs 1826 hat er in tiefem Jahre 1!,ö54 Stück Wild erlegt, und das gesammte Jagdpersonal kostete ' 800,000 Francs. Siehe das „Nsuuserit tiuuv« (laus 1>ez '.lilorie^ (vom Grafen Thllffries de Beauvois) (Paris 1330). 1 Karl X. 661 MI Rik, d.r sich/ nach dem Sturze seines Throns, sehr unedel in einer Menge von Carica- turen aussprach. Schon l 8 29 erschien in dem Journale „^Idum" ein beißender Artikel auf den König, mit der Überschrift: der Lockhammel. Der Verfasser, Namens Fontau, wurde zu fünf Jahre Gcfangniß und einer Geldbuße von j0,000 Francs verurtheilt; er entfloh aber nach Brüssel. Desto gegründeter war dcr Tadel, der feine Verschwendung traf. Statt von seiner Eivilliste die früher im Auslande gemachten Schulden zu bezahlen, machte er neue, und bei der Liquidation seines Vermögens 18Zs wurde behauptet, daß Karl X. bei einer Civil- liste von 25 Millionen noch 45 Millionen Schulden, daß der Dauphin über 5 Millionen und die Herzogin von Berri an 6 Millionen zurückgelassen habe. Unter mehren Gläubigern verfolgte ihn ein Graf von Pfaffenhofen mit Processen bis nach Edinburg. Es gab jedoch auch Veranlassungen, wo Karl die Huldigung der Franzosen empfing. Dies war vorzüglich der Fall auf einer Reise in den Elsaß. Wahrend man aber dadurch ihn den Wünschen der Nation geneigt zu machen und seinen Argwohn gegen die Treue derselben zu besiegen hoffte, ward er nur in feinem Selbstvertrauen bestärkt, daß er in der Befolgung seiner Regierungsmaximen fortfahren und Alles für den Altar und für den Thron thun könne. Was er für diesen Zweck seit der Eröffnung der Kammern am 27. Jan. 1829 bis zu der Ernennung des Ministeriums Pol'gnac (8. Aug. 1829) und von diesem Zeitpunkte an bis zu dem verhängnißvollen Tags der Juliusordonnanzen (25. Jul. 1830) gethan hat, ist in dem Artikel Frankreich*) und was in den darauf folgenden Tagen bis zur Thronbesteigung Ludwig Philipps (9. Aug. 1830) in Paris geschah, in dem Artikel Juliusrevolution erzählt worden. Vor dem 25. Jul. konnte selbst du glanzende Triumph von Algier ihm und seiner nächsten Umgebung das Vertrauen der Franzofm nicht gewinnen. Die Adresse der 221 Deputirten hatte das Mm'sterium Polignac in der öffentlichen Meinung vernichtet und Cottu's bekannte Schrift: „Des ckroits cku limi envers la Dozmute", brachte nur die entgegengesetzte Wirkung hervor. Jndeß gab es auch an dem Hofe Karls eine Partei, welche den finstern Geist des Bigotismus aus dem Rache des Königs zu verdrangen und ein lebensfrohes Frankreich an den Thron zu fesseln suchte. An ihrer Spitze stand der Herzog von Fitz-James; sie stützte sich aus die gleichgesinnt Herzogin von Berri; allein die Priesterpartei und Polignac's Starrsinn vereitelten den Plan. Im tiefsten Geheimniß wurden die Ordonnanzen entworfen und selbst die Gegenbemerkungen einiger Minister, namentlich die des Graffn Pey- ronnet, streng zurückgewiesen. Ob der Dauphin und die Dauphine, welche seit Anfang des Jul. in ein Bad in der Bourgogne gereist waren, darum bestimmt gewußt haben, ist nicht bekannt. Den König selbst mochte eine, wahrscheinlich von der Priesterpartei am 19. Jul. veranstaltete Deputation in seiner Ansicht, daß sein Wille obsiegen werde, bestärkt haben. An diesem Tage brachten ihm, als Organe des pariser gemeinen Volkes, die Damen der Halle und die Kohlenträger ihre Glückwünsche wegen der Eroberung Algiers dar, bei welcher Gelegenheit der Sprecher an den König folgende Anrede hielt: „Sire, ein Kohlenträger ist Herr in seinem Hause; machen Sie es wie der Kohlenträger und — zahlen Sie aus uns!" ' 9 Als der König bei der Eröffnung der Kammern am T. März 1830 die im Artikel Frankreich S. 43 angeführten Drohworte aussprach, war er so heftig bewegt, chm der Hur vom Kopfe siel. Dcr Herzog von Orleans bückte sich und hob ff R » ' W I sandel gekommen , zweite vermehrte Ausgabe, Paris im Jan. 1833) hinzuzufügen 662 Karl X. Man muß jedoch auf der andern Seite bekennen, daß Karl durch den Widerstand der Opposition selbst, durch die über Frankreich sich ausbreitenden Vereine der Steuerverweigerung und durch die maßlosen Angriffe der periodischen Presse bis zu den äußersten Maßregeln hingetrieben wurde. Nach dem Schlüsse der Kammersitzung im Jul. 1829 fragte er Royer-Collard, ob es nicht möglich sei, bei so vielen Meinungen, in welche sich die Kammer theilte, eine Majorität zu bilden, welche die Regierung unterstützen könnte. Was antwortete ihm Royer- Collard? „Tauschen Sie sich nicht, Sire, nie kann aus der gegenwartigen Kammer eine andere als eine gegen jedes Ministerium, wie es auch sei, feindselige Majorität hervorgehen!" Diese Worte machten einen tiefen und schmerzlichen Eindruck auf das Gemüth des Königs. Vor der Eröffnung der Sitzung von 1839 that Karl an denselben Deputirten die nämliche Frage und erhielt dieselbe Antwort. Der Haß gegen das damalige Ministerium aber ging so weit, daß bei den Debatten über die Adresse Dupin der Ältere ausrief: „Selbst wenn uns die Minister gute und für das Land nützliche Gesetze vorschlügen, so müßten diese Gesetze verworfen werden!" Die Vertheidiger Karls X. beantworten die Frage: ob er ein Recht hatte, die Ordonnanzen zu geben ? mit dem vierzehnten Artikel der Charte. Dieser Artikel habe ihn sogar verpflichtet, in der Zeit der Gefahr außerordentliche Rettungsmittel für die bedrohte Sicherheit des Staats, folglich auch der Charre selbst, mithin der Monarchie— da der Staat, die Charte und die Monarchie identisch seien — zu ergreifen. Daß aber jener Artikel schon in dem Wesen einer octroyirten Charte lag, gestehen selbst die Gegner zu. Sie räumen der königlichen Gewalt sogar noch mehr ein, als die Minister Karls X. bei der Anwendung jenes Artikels sich dachten. Der „National" vom 29. Zun. 1831 sagt ausdrücklich: „I^.a (Harte octroz'ee suns l'art. 14 eüt etä une abkurdite. I^e tondateur de 1a (Harte avait dit, et dü dire — de veux faire une coucession, mais von pas teile czue cette conces- sicm puisse me detruiro moi et les wiens; en couse^uence si 1'exj>erience w'appreud t^uej'ai trop accordä, je me reserve !a faculte de reviser ma cou- stitutiou, et c'est la ce ui douuait la faculte de faire des er- douuauce« z>our la sürete de I'etat; c'est-a-dire ^u'il s'attribuait, avaut la (3ia?rte, un droit autäricur, exterieur a la 9!darte; eu autremeut un peuveir souverain, constituaot, abselu." Es konnte demnach nur die Frage sein: War der Fall wirklich vorhanden, den vierzehnten Artikel anzuwenden ? Und bejaht man dies: — War es klug, gerade die unheilvollen Ordonnanzen und keine andere Maßregel zu ergreifen? Daß sie überhaupt höchst unpolitisch waren, sobald man nicht die volle Gewißheit hatte, sie durchsetzen zu können, leuchtet von selbst ein. Dagegen wird versichert*), Marmont habe fast bis zu dem letzten Augenblicke behauptet, seine Stellung sei uneinnehmbar. Allein er hatte dabei freilich auf die Treue der Truppen gerechnet. Als der Kampf in Paris entbrannt war, befand sich Karl X. und sein Hof in St .-Cloud. Er täuschte sich über die Beschaffenheit sowie über den Umfang des Widerstandes und wurde getäuscht; doch sollen die Herzoge von Maille, von Luxembourg und Mouchy ihm nichts verhehlt und zum Nachgeben gerathen haben. Als er endlich am 39. Nachmittags die volle Wahrheit erfuhr und nicht mehr an *) S. „Huewtei'I)' revievr ', der. X9V, S. Z5S. Karl X. 633 dem Siege des Volkes zweifeln konnte, war jeder Schritt, den er that, zu spat. Das von ihm ernannte Ministerium Mortem art ward verworfen. Von zetzt an bestimmten ihn die Umstände. Ein muthiger Entschluß, rasch ausgeführt, hatte vielleicht in der Provinz ihm Anhang zugeführt; die Herzogin von Bern, der Baron Cbarette, der Marquis von Choifeu>l und der Graf Larochejacquelin riechen ihm, sich in die Vendee zu begeben: allein auch der Bürgerkrieg würde, bei der stolzen Begeisterung der Pariser, nur mit seiner völligen Niederlage geendigt haben. Karl war nicht der Mann, der einen solchen Sturm beschwören konnte, noch weniger war es der Dauphin. Dieser schalt den Marschall Marmont einen Verrather und entriß ihm den Degen; Karl beruhigte den Marschall und ließ ihm durch den Herzog von Luxembourg den Degen wiedergeben. Am 31. Morgens gegen 3 Uhr brach Karl von St.-Cloud nach Trianon auf, begleitet von der Herzogin von Berri und ihrem Sohne. Nachmittags folgte ihm der Dauphin mit den Truppen und bestand ein Gefecht an der Brücke von Sevres, nach welchem er das Schloß von St.- Cloud den Parifern überlassen mußte. Da auch Versailles von den Truppen besetzt war, so beschloß die königliche Familie, bei welcher sich der Prinz de Croi Solre befand, nach Rambouillet zu ziehen, wo die Dauphine, von Dijon her, verkleidet bei ihrem Gemahl eintraf. Von hier aus, wo ihn einige Tausend Mann Truppen von allen Wassenarten umgaben, wollte Karl X. mit der provisorischen Regierung unterhandeln. Er schrieb am 1. Aug. dem Herzoge von Orleans, er habe beschlossen die Ordonnanzen zurückzunehmen und genehmige die Eröffnung der Kammern zum 3. Aug. Allein in Paris scharte sich auf den Ruf: „Nach Rambouillet! Zu den Waffen! Der König will dort bleiben. Auf, verjagen wir ihn!" ein großer Haufe zusammen; alles Fuhrwesen wurde in Beschlag genommen und General Gerard bildete einen Heereszug Linientruppen und Nationalgarden. Auf die Kunde davon erließ Karl gemeinschaftlich mit dem Dauphin am 2. Aug. ein zweites Schreiben an den Herzog von Orleans, in welchem er und der Dauphin der Krone zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux entsagten und den Herzogs von Orleans als Reichsverweser anerkannten. Hierauf langten am 3 Abends die Commissarien der provisorischen Regierung, Marschall Maison, Schonen und Odilon-Barrot, in Rambouillet an, um die Abreise der königlichen Familie zu veranstalten. Karl weigerte sich anfangs darauf einzugehen. Endlich bestimmte der General Pajol den König durch die Bemerkung, daß 50,000 Mann im Anzüge waren, um Gewalt zu brauchen, zur Abreise nach Eherbourg; denn es hatten schon einzelne Gefechte zwischen jenen Scharen und den Truppen des Königs stattgefunden und auf beiden Seiten waren einige Opfer der gegenseitigen Erbitterung gefallen. Nun ließ der König seinen Truppen sagen, daß er entschlossen sei, eher sein Vaterland zu verlassen, als einen Bürgerkrieg zu erregen und seine treue Garde der Vernichtung preiszugeben. Die Krondiamanten wurden zurückgegeben und mitten unter der größten Verwirrung reiste die königliche Familie am um 10 Uhr Abends, in Begleitung der genannten Commissarien, zu denen noch ein vierter, de la Pommeraye, kam, von Rambouillet ab. Am 4. um 3 Uhr Morgens stieg Karl zu Maintenon beim Herzoge von Noailles ab, um einige Stunden zu ruhen; dann setzte er seine Reise nach Dreux fort, wo er seine Fußgarde nach Ablieferung der Fahnen entließ. Die Bedeckung des Königs bestand von hier an aus 800 Reitern mit zwei Kanonen. Der langsame Zug ging über Verneuil, l'Aigle, Melleraut, Argenteau, wo Karl am 9. Aug. die Nachricht von Ludwig Philipps Thronbesteigung erhielt, und über Conde, wo die Wuth des Volkes gegen Polignac und Marmont sich laut aussprach, nach Valognes. Hier *) Vcrgl. Mazas', Secretair des Herzogs von Mortemart, Schrift! „St.-OIoucl, et Oberboui'A, ou IVIewvires pour 5«rvir ä I'bistvire de !a isvolutivu tle ^0" (zweite Auflage, Paris 1832). 664 Karl X. übergaben die acht Schwadrone-: der Leibwache, welche den?Exkönige lr.u gefol.ll waren, ihre Fahnen. „Ich nehme", sagte Karl, „eure Fahnen zurück! Siesins ohne Makel. Mein Enkel wird sie euch wiedergeben." Darauf nahm Karl d'e Fahnen und umarmte die Offiziere. Am 16. Aug. zog die königliche Familie durch die Stadt Cherbourg, wo das Geschrei: „Es lebe die Freiheit, die Charte!" seinen Abschied von Frankreich begleitete, nach dem Hafen von Cherbourg. Hier stellte der Seepräfect dem Könige den Capitain d'Urville vor, welcher erklärte Se. Majestät hinführen zu wollen, wohin Höchstdieselben es verlangten. Kar! verlangte zunächst nach der Insel Wight geführt zu werden und bestieg dann, nebst dem Dauphin, der Dauphine, der Herzogin von Bern und deren beiden Kindern, das Paketboot Great Britain; das andere Schiff, Charles Carvll nahm Karls Begleiter auf. Es folgten den Bourbons der Marschall Herzog von Ragusa, der Herzog Armand de Polkgnac, der Herzog von Guise, der Marquis de Bouille, Mad. Gontaut, Baron von Damas, Herr von Mesnard, überhaupt 6V Personen von Stande. Während der Einschiffung stand die entlassene Leibwache in Reihe und Glied am Ufer; das Volk verhielt sich ruhig und gleichgültig. Also verließen die vertriebenen Bourbons am 16. Aug. Nachmittags die Küste des schönen Frankreichs. Am 17. Nachmittags erschienen die Schiffe auf der Höhe von Portsmouth. Ein Abgeordneter an die britische Regierung erhielt die Antwort: Karl könne als Privatmann überall in England landen. Er stieg endlich am 2.?. im Hafen von Poole ans Land, weil in Portsmouth die öffentliche Stimme gegen ihn war. Man nannte ihn nur tlle oi / ' -M«, 666 Karl (Herzog von Braunschweig) schweig geboren. Als nach der unglücklichen Schlacht bei Jena sein väterliches Erbe das Schicksal des preußischen Staats Heilte, mußte seine Mutter mit ihm und seinem jüngern Bruder Wilhelm in einer kalten stürmischen Novembcrnacht auf einem Postschiffe von Stralsund nach Schweden zu ihrer Schwester, der Gemahlin Gustavs IV., flüchten. Wahrend des Winters besuchte der Herzog seine Familie zwei Mal in Stockholm, aber erst im Aug. 1807 fanden die Getrennten in Karlsruhe einen ruhigern Aufenthalt. Der Tod ihrer Mutter, die im April .1808 starb, hatte auf die beiden Prinzen einen um so unglücklichem Einfluß, da ihr Vater in die Ereignisse der stürmischen Zeit gerissen ward und sie vom zartesten Kindesalter nur fremder Pflege überlassen waren. Im Frühjahr 1809 führte sie der Major Fleischer, nachheriger Oberst von Nordensels, von Bruchsal, wo sie unter der Aufsicht ihrer Großmutter, der verwitweten Markgräsin von Baden, gelebt hatten, mitten durch das Kriegsgetümmel nach Öls; aber auch hier bedroht, gingen sie nach Nachod in Böhmen, wo ihr Vater sein nachher so berühmt gewordenes Freicorps bildete, und darauf nach Kolberg. Der Ausgang des kühnen Kriegszugs ihres Vaters führte zu einer abermaligen Veränderung ihres Aufenthalts, und nachdem sie zuerst heimlich nach Schweden waren gebracht worden, reisten sie im Sept. 1809 nach England, wo sie im folgenden Monat ihren Vater wiedersahen, der sie zu seiner Mutter, der verwitweten Herzogin Augufte, Schwester Georgs II I., führte, in deren Nahe sie bis 1813 lebten. Der Herzog übergab den Unterricht seiner Söhne einem, vom Prinzen-Regenten ihm empfohlenen englischen Geistlichen, dem Hofcaplan Prince, dem aber die Eigenschaften eines tüchtigen Erziehers fehlten. Als ihr Vater sein Stammland wieder in Besitz^genommen hatte, folgten ihm auch seine Söhne und kamen 1814 in Begleitung ihres Lehrers nach Braunschweig zurück. Des Herzogs Tod brachte, nach den Verfügungen seines letzten Willens, seine Söhne unter die Vormundschaft des Prinzen-Regenten. Bald nachher wurde ihr bisheriger Lehrer entlassen, dessen Unterrichtsweise man die geringen Fortschritte des Prinzen Karl in den nothwendigften Kenntnissen zuschrieb. Der Herzog hat später, als er die gehässigsten Beschuldigungen gegen seinen Vormund hervorsuchte, in der Entfernung seines ersten Lehrers den Anfang eines systematisch befolgten Plans, ihn durch die Erziehung zur selbständigen Regierung seines Landes völlig unfähig zu machen, finden wollen. Es ist indeß durch glaubwürdige Urkunden dargethan, daß der Vormund auch in der Ferne auf ihre Bildung Bedacht nahm, und sein Minister, der Graf von Münster, und der Geheimrath von Schmidt- Phiseldcck weit entfernt waren, bei der Erziehung der Prinzen selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen. Bei näherer Erwägung jener Vorwürfe ergibt sich auch, daß der Herzog sie keineswegs auf seine sehr vernachlässigte geistige Bildung bezog, von deren Mangeln er nie eine Ahnung gehabt zu haben scheint; er klagt immer vielmehr nur über die Absicht, ihn einzuschüchtern, seinen Willen völlig unterwürfig und ihn selbst zu einem freiwilligen Gefangenen zu machen. Es ist aber allerdings nicht zu leugnen, daß die nun angeordnete Erziehung für die Eigcnthümlichkeit des Prinzen wenig paßte, und es wäre wol zu jener Zeit noch nicht zu spät gewesen, durch eine wohlwollende und sorgsame Aufsicht die bereits schross hcrvorgetretene Verkehrtheit seines Ge- müths zu bessern. Unglücklicherweise aber scheint der Prinz schon als Knabe einem Hange zu unnatürlichen Ausschweifungen nachgegeben zu haben, und eben dieser Umstand ist wol nicht mit Unrecht als ein Haupterklärungsgrund der ganzen verderblichen Richtung seiner Entwickelung aufgestellt worden. Früh zeigte sich auch schon bei ihm Geldgier, die ihn oft zum Gegenstände der Neckereien seiner Gespielen machte, und ebenso früh regte sich, durch schmeichelndes Hofgesinde genährt, eine stolze Einbildung auf seinen Herescherberuf. Er legte einen hohen Werth auf sein Erstgeburtsrecht; er war selbst im Spiel nie zu bewegen, sich seinem jungem Bruder unterzuordnen, und nur dem höhern Alter gestand er auch bei den Gespielen den Karl (Herzog von Braunschweig) 667 Vorrang zu. Keinem seiner Gespielen schloß er sich mit Liebe an, und er behandelte diejenigen, deren Willen er sich im Spiel hatte fügen müssen, spater mit Kälte, ja mit absichtlicher Zurücksetzung. Auch seinen Lehrern hat er es nie verziehen, daß sie seinen Neigungen entschieden entgegengetreten waren, und selbst die würdigsten, die ihm aufrichtiges Wohlwollen bewiesen hatten, verfolgte er später mit kleinlichem 'Wh Hasse; nur einige, die weniger Gelegenheit gefunden, mit Strenge in das Egichungsgeschäft einzugreifen, behandelte er wohlwollend, doch zuweilen nur ^ m der Absicht, den Contrast auffallend zu machen. Eigensinnige Hartnäckiges ^ kcit, auf welche er später unter der Benennung von Selbständigkeit und ltsie Entschiedenheit so viel Gewicht legte, war schon in dem Knaben sichtbar, wie- M wol sie weniger mit keckem Muthe hervortrat, als vielmehr mit lauernder Vorsicht Hl- sich paarte. So nothwendig es gewesen wäre, durch freundliche Einwirkung in H dem kalten Herzen den Funken der Liebe und des Vertrauens zu wecken, so wenig P war bei dem steifen Formenwesen und der Theilnahmlosigkeit, die bei der Erziehung ^ des Fürsten vorwalteten, gerade darauf zu rechnen, und die kalte Festigkeit, mit welcher man ihn behandelte, konnte ihn in dem, durch seine Unbeugsamkeit erzeugten Wahn bestärken, daß man ihn einschüchtern und unterdrücken wollte. Der Prinz Karl und sein Bruder hatten fünf Jahr in Braunschweig gelebt, als der Graf von Münster meinte, bei allen Vortheilen, welche diese Stadt für Erziehung darbiete, könne doch ein fortgesetzter Aufenthalt dem Prinzen Karl auf die Länge nicht ersprießlich sein, da er dort allein von Menschen umgeben sei, die in ihm nur ihren künftigen Herrscher sähen. Das Verderbliche dieses Umstandes hatte indcß schon reichliche Früchte getragen, wiewol nur einzelne Zudringliche dem Prinzen ihre unzeitige Huldigung dargebracht hatten. Die große Menge der Bewohner Braunschweigs war nur zu sehr außer aller Verbindung mit den Prinzen, die wenig unter dem Volke erschienen, und obgleich diese Zurückgezogenheit nicht geeignet war, Anhänglichkeit und Theilnahme zu erwecken, so erzählte man sich doch mit Vergnügen mehre gute Eharakterzüge von dem jungem Bruder, während von dem ältern Niemand etwas zu rühmen wußte. Auf des Vormunds Verfügung wurden die Prinzen 1820 nach Lausanne geschickt. Ihr Führer war der Major von Linsingen, der von dem Grafen von Münster als ein achtbarer und gebildeter Mann gerühmt wird, den aber, wie es scheint, eine höfische Förmlichkeit wenig geeignet machte, das Vertrauen des Prinzen Karl zu gewinnen, wenn dies anders überhaupt noch möglich war. In Lausanne entwickelten sich in dem sechzehnjährigen Prinzen die beunruhigenden Neigungen, wie man es schonend genannt hat, ein Hang zu schlechter Gesellschaft und zu zügellosen Ausschweifungen. An die Erwerbung von Kenntnissen wurde nicht gedacht. Vergebens suchte der Vormund durch Ermahnungen auf ihn zu wirken. Das Verhältniß des Prinzen zu seinem Führer wurde so gespannt, daß der König von England den Herrn von Linsingen 1822 seiner Verpflichtungen enthob. Der Prinz begab sich darauf zu 'einer Großmutter nach Bruchsal. In dieser Zeit erwachte in ihm, wie man erzahlt, eine edle Liebe zu einer ihm nahe verwandten deutschen Fürstentochter, die ihn jedoch "Urals Knaben behandelte und bald nachher zur Miterbin eines mächtigen Throns berufen ward. Er bewahrte, wie es scheint, diese Liebe lange, und ohne Zweifel würde än durch sie herbeigeführtes engeres Band einen woh'lthätigen Einfluß auf seinen Garakter gehabt haben. Im Aug. 1822 ging der Prinz unter der Führung des Obersten Dörnberg nach Wien, wo auf seine Ansichten ein entschiedener Einfluß ausgeübt wurde, und der Wunsch nach seiner Volljährigkeitserklärung um so lebhafter erwachte, da Menschen, die seine Gunst suchten, weil sie mit der von dem Vormund eingesetzten Regierung in Mißverhältnisse gcrathen waren, ihn überredeten, daß er einem alten Hausgcsetze gemäß berechtigt sei, nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre die Regierung anzutreten. Abgesehen, daß dieser Anspruch keines- H ! 668 Karl (Herzog voll Braunschweig) wegs unbestreitbar war, Halle auch seines Vaters Testament eine längere Dauer der Vormundschaft festgesetzt, obgleich der Endpunkt derselben nicht mit hm- reichender Genauigkeit bestimmt war. Der König von England hielt es bei dem bekannten Charakter des jungen Herzogs für angemessen, die Mündigkeitserkla- - rung so weit hinauszusetzen, als es mit dem Rechte nur irgend verträglich schien, und um die Frage nicht für sich allein zu entscheiden, knüpfte er Verhandlungen mit den Höfen zu Wien und Bettin an. Es sollte ein Einverständnis mit dem Prinzen unter Vermittelung des östreichischen Hofes versucht werden, und in einer sB im Marz stattgefundenen Unterredung bestimmte der Fürst von Metternich den Ist Prinzen den König von England um die Fortsetzung der Vormundschaft auf ein Jahr, welches einer Reift gewidmet werden sollte, zu ersuchen, und da der Staats- '^ jck kanzler zugleich ein günstiges Urtheil über die Geistesreife und Festigkeit des Pnn ^ " ^ ^ zen aussprach, so beschloß der König von England dem Herzog am 23. Oct. 1833 ^ die Regierung zu übergeben. Bis zu dieser Zeit wurde der, nach dem neuen Grund- ^ ^ . gefttz von 1820 berufene Landtag geschlossen, der mehre für das Land heilsame Beschlüsse faßte. Der Herzog sah in diesen Beschlüssen nur das Bestreben, seine Gewalt zu be- WMllft-' schranken; er war nicht zu bewegen, die neue Verfassung anzuerkennen und die so- Mrblz genannten Reversalien zu unterzeichnen, weshalb auch die von dieser Unterzeichnung abhängige Huldigung unterblieb. Obgleich derHerzog schon zu jener Zeit nicht bloß üiM durch diese Weigerung verrieth, daß er an eine, von der vormundschaftlicheu Re- »GWR gierung ausgegangene Verletzung seiner Rechte glaubte, so that er doch in den er- sten Jahren seiner Regierung keine entscheidenden Schritte; aber es läßt sich wol bMMW bestreiten, ob er nach einem überlegten Plane, wie er spater behauptete, sich ver- MMmi urtheilt habe, gerade drei Jahre hindurch nichts vorzunehmen, das der ehemaligen ^ M vormundschaftlichm Regierung Anstoß hatte geben können, um auf diese Weise 'WnMn, einen Beweis seiner Selbstbeherrschung abzulegen, und zu zeigen, daß er nicht zu >r-!id iüM früh die Zügel der Herrschaft ergrissen habe. Er mischte sich wenig in die Regie- ü,M D« rungsgeschäfte, verrieth die größte Unwissenheit in den öffentlichen Angelegenheiten W-MM und einen Mangel an Sinn für alles Edle. Schon wahrend dieser Zeit that er nichts, Alk^ das ihm die Anhänglichkeit des Volkes hatte gewinnen können, Vieles aber, was chliW,^ unruhige Besorgnisse erregen mußte, und durch sein sittenloses Leben sank er in der jUiMA öffentlichen Achtung. Er reiste 1824 aus Vergnügungssucht nach Italien, ging iWZsM später noch Hamburg, wo er durch seine niedrigen Sitten Anstoß erregte, 1825 nach M>G! ^ England, wo er ein Madchen entführen ließ, das ihn nach Braunschweig beglei- ^ tele und mit ihm lebte, bis er sie als Mutter eines Kindes hartherzig verstieß. ^ h Nach seiner Rückkehr aus England im Frühjahr 182k wurden die Verhaltnisse des Geheimrach Schmidt - Phiseldeck (s. d.), des Hauptorgans der Vormund- schaftlichen Regierung, durch des Herzogs feindseliges Benehmen so peinlich, daß H er schon im Oct. um seinen Abschied ansuchte und endlich im April 1827, um sich ^ gegen die Nachstellungen des Herzogs zu sichern, nach Hanover entfloh. Seit- dem trat der Herzog mit einer immer entschiedenem Feindseligkeit und mit einer gehässigen Öffentlichkeit gegen seinen Vormund auf, und wahrend er einen Theil der ^ vormundschaftlichm Regierungshandlungm für ungültig erklärte, brachte er in ftinen Streitschristen die gröbsten Lügen vor und ließ seine Sache durch die nie- Äg. ^ drigsten Menschen verfechten. Widerspruch bestärkte ihn meist nur in ftinen Vor- ^ H satzen. So ist es gewiß, daß spater, vor der Vernichtung des richterlichen Unheils H 7 für den Freiherrn von Sierstorpff, der Hofrath Fricke fünfstündige Vorstellungen 2 NH! gegen des Herzogs Vorhaben machte. Der Herzog schwieg endlich und Fricke ^ glaubte gesiegt zu haben, aber kaum hatte er sich entfernt, als der Herzog sich auf. einer Ferse im Kreise umdrehte und rief: „Und nun soll er gerade selbst daß Wtheil cassiren." Weder die Vorstellungen fremder Höfe konnten ftinen starren Sann Hchit Karl (Herzog von Braunschweig) 669 beugen, noch die Bemühungen zweier ihm nahe verwandten fürstlichen Schwestern, die in einer Reihe von Briefen das zarteste Wohlwollen aussprachen, ihn in dem Zwiste mit seinen königlichen Verwandten zu einer Nachgiebigkeit bewegen, die allein die drohende Gefahr von ihm abzuwenden vermochte. Der Herzog blieb kalt gegen die Bitten seiner Freundinnen und schrieb an eine derselben schon im Nov. 1826: „Ich bin fest überzeugt, daß Güte bei uns fast immer als Schwache und Dummheit ausgelegt wi.d, und das mag ein Anderer ertragen, ich bin es müde und werde es beweisen; es soll noch ganz besser kommen." Der in den ersten Iahren seiner Regierung bewiesenen Selbstbeherrschung sich rühmend, setzte er hinzu: „Da ich aber gefunden habe, daß mein exemplarisches Benehmen verkannt und die Beweggründe aus andern Ursachen als den wahren hergeleitet wurden, so habe ich mich bewogen gefunden, um ihnen diesen falschen Glauben zu nehmen, mein Betragen zu andern und einen neuen Menschen anzuziehen. Von Strafbarkeit kann wol gar keine Rede sein, denn zum Strafen gehört auch Einer, der es thut, und da findet sich bei mir gar keiner, im Gcgenthcil eine Menge rmterthaniger Diener, die sich eine besondere Ehre darausmachen, meine Befehle zu vollziehen." Seit der Herzog, durch seine Leidenschaften getrieben, auch die letzten Schranken der Scham durchbrochen hatte, traten seine gehässigen Begierden immer offener hervor. Er verdrängte nach und nach sammtliche Mitglieder des von der vor- mundschaftlichen Regierung eingesetzten Ministeriums, und setzte an die Stelle derselben willige Werkzeuge seines despotischen Sinnes. Alle Hülfsquellcn des Staats wurden zur Be riedigung seines Geizes verwendet. (S. Braunschweig.) Mit dem Unmuthe dee. Herzogs stieg auch sein Mistrauen, je weniger er hoffen durfte das Ziel seiner eigensinnigen Bestrebungen zu erreichen. Rachgierig ver- 'ßslgte er Jeden, der sich sein Misfallen zugezogen hatte. Eine geheime Polizei ward in Thätigkeit gesetzt und bald stand eine Reihe würdiger Männer mit niedrigen Ekelnamen in dem sogenannten schwarzen Buche aufgezeichnet, um für Äußerungen der Misbilligung über den Fürsten und seine Schützlinge durch Zurücksetzung bestraft zu werden. Auch mit seinen Günstlingen zerfiel der Herzog gewöhnlich in kurzer Zeit und verfolgte sie dann auf gleiche Weise. Er suchte lange Zeit fast allein im Schauspiel Zerstreuung und die Schauspieler machten fast seine einzige Gesellschaft aus. Wehe Dem, der seine Freunde oder das Theater zu be- Ipötteln wagte! Ein junger Mann, der eine bittere Kritik gegen die Hofbühne geschrieben hatte, wurde plötzlich verhaftet und mußte mehre Monate im Gefängniß bleiben. Der Herzog ergab sich immer mehr einem wollüstigen Leben, das seinen Körper und seinen Geist bis zur Entnervung zerrüttete. Nur selten zeigten sich Funken der bessern Verstandesanlagen und nur der Krampf der Leidenschaft konnte chn zu zusammenhangendem Denken anregen. Die Begierde, seine Schatze zu wehren, stieg um so höher, als der günstige Erfolg, den sie fand, der einzige Trost bei den Qualen war, die seine übrigen Leidenschaften ihn bereiteten. Auch schien in ihnen seine letzte Zuflucht für die Zukunft zu sehen. Als der Bundestag die Execution gegen den Herzog verfügt hatte und Sachen zur Vollziehung derselben sich rüstete, zeigte er sich nur scheinbar nachgiebig, mchte seine Casse auf Kosten des Landes schnell zu füllen und begab sich nach Frankreich, wahrend er die Verwaltung des Landes fast ganz in die Hände feines Günstlings Bitter legte, der anfänglich wegen feines angenehmen Äußern aus ber Schreibstube hervorgezogen, später das ausschließende Vertrauen des Herzogs ^Wonnen hatte und, um die erlangte Gunst zu behaupten, sich zu den unwürdigen Handlungen gebrauchen ließ. Zum Kanzleidirector erhoben, besorgte er d n ^'^auf der Domainengüter für die Privatcasse des Herzogs, unterhielt während vtt Abwesenheit desselben allein die Verbindung in Beziehung auf Regierungsaa- 670 Karl (Herzog von Braunschweig) gelegenheiten mit ihm, und stand an der Spitze des geheimen Cabinets, von welchem die geheime Polizei abhing. Der Herzog scheint die Absicht gehabt zu haben, nie wieder nach Braunschweig zurückzukehren; um so sicherer glaubte er nach völliger Willkür herrschen und das Land bloß zu seiner Bereicherung nutzen zu können. Während siiner Abwesenheit wurden verschiedene Vorkehrungen zur Ausführung dieser Absicht gemacht. Wie der Herzog nach dem Ausbruch der Juliusrevolution aus Paris furchtsam entfloh, wie ihn auch in Brüssel der Freiheitsrus verjagte, wie er darauf im Aug. 1830 sich wieder in Braunschweig einschlich und, den Unwillen des Volkes immer mehr reizend, den Ausbruch der Bewegung beschleunigte, die ihn von seinem Throne warf, ist in dem Artikel Braun schweig erzahlt worden. Aus seiner Flucht zeigte er dumpfe Gefühllosigkeit und eilte nach England, wo er bei Wilhelm lV., der bereits früher die Hoffnung einermöglichen Aussöhnung ausgesprochen hatte, Unterstützung zu finden erwartete. Er suchte das Toryministerium zu gewinnen, aber hartnackig wies er alle Antrage zu einer freiwilligen Abdankung zurück, obgleich man ihm eine, nach den obwaltenden Verhaltnissen kaum erschwinglicheSummejährlicherEinkünfte und die Beibehaltung des ihm so werthen Titels eines souverainen Fürsten anbot, wenn er zu Gunsten seines Bruders abdanken wollte. Er verließ England, wo er überall von dem Volke verhöhnt ward und ging mit einem Abenteurer, den er aus dem Schuldgefangnisse befreit hatte, nach Frankreich, um andere Versuche zur Wiedererlangung des verlorenen Thrones zu machen. Mit einer großen Menge dreifarbiger Cocarden versehen, begab er sich nach Deutschland, und als die Hoffnung, den Beistand des Bundestags zu erlangen, sehlgeschlagen war, verließ er sich auf seine eignen Hülfs- mittel, und den Grenzen des Landes sich nähernd, suchte er durch Versprechung freisinniger Staatseinrichtungen die große Masse zu täuschen; bei dem ersten Widerstande aber enteilte er in feiger Flucht (s. Braunschweig) und war im Der. 1830 wieder in Paris. Nachdem der Bundestag den Herzog Wilhelm aufgefo- dert hatte, die Regierung des Landes zu übernehmen, erklärte der König von England dem Herzog Karl, daß er nichts mehr für ihn thun werde und auch der König von Preußen, mit welchem er neue Unterhandlungen anknüpfen wollte, wies ihn zurück. Spater wurde von den Agnaten die Überzeugung von der gänzlichen Re- gierungsunsähigkeit des Herzogs Karl ausgesprochen und die schwierige Frage über die Successionsfähigkeit der etwaigen Nachkommen des Herzogs 1832 durch die Festsetzung eines Familienstatuts zwischen dem König von England und dem Herzog Wilhelm von Braunschweig beseitigt, nach welchem kein Prinz des Hauses Braunschweig-Lüneburg ohne Einwilligung des regierenden Fürsten seiner Linie eine rechtmäßige Ehe eingehen kann. In Paris überließ sich der Prinz gänzlich den Ausschweifungen und schloß einen Vertrag mit einer angeblichen Schottländerin, Saint-Clair, deren Schulden er zu bezahlen versprach. Das Übermaß der Wollust warf ihn in eine ganzliche Dumpfheit des Geistes, die mit dem rohesten Cynismus gepaart war. Er bezahlte weder die Gläubiger seiner Gesellschafterin, noch die Schulden, die er selber machte, und besonders hielt er seiner Dienerschaft ihren Lohn zurück. Seine Geliebte gab ihm bald Anlaß zur Eifersucht und theils dies, theils Furcht vor neuen Unruhen in Paris bewog ihn im Frühling 1831 nach Spanien zu reisen, indem er seinen wachsamen Gläubigern durch List entging. Er fand bei dem Könige, der ihn nicht als einen regierenden Fürsten empfing, weniger Theilnahme als bei Calomarde. Seine Geliebte mußte in männlicher Tracht erscheinen, und gab durch ihre Sitten- losigkeit so viel Anlaß zu Ärgerniß, daß die Geistlichkeit dem Herzoge ernstliche Vorstellungen machte, doch erst spät ließ er sich durch unwiderlegliche Beweise von ihrer Untreue überzeugen. Er trennte sich von ihr, aber besorgt, daß sie ihn bei seinen Freunden in Paris lächerlich machen und seine geheimen Plane zur Wieder- ssn- » Karl (Herzog von Brannschweig) 671 eroberung seines Landes verrathen möchte, wollte er sie nach London reisen lassen, wozu sie im Sommer 1831 ihre Einwilligung gab. Nach der Trennung erklarte er bald, nicht ohne sie leben zu können und wollte Spanien verlassen. Auf Anregung seiner Glaubiger wurden ihm seine Passe vorenthalten, bis er eine angemessine Summe niedergelegt hatte. Als er in Bayonne hörte, daß seine Geliebte sich noch in Bordeaux aufhielt, lud er sie ein, sich wieder mit ihm zu vereinigen und sie eilte in feine Arme. Obgleich er sie für verleumdet hielt, durfte sie doch jetzt nicht ohne ihn und nur in mannlicher Kleidung mit einem Schnurrbart ausgehen und mußte zu besserer Beglaubigung ihrer Geschlechtsveränderung mit dem Herzoge rauchen und geistige Getränke in Übermaß genießen. Der Gedanke an die Rückkehr in sein verlorenes Land beschäftigte ihn indcß unaufhörlich. Er hatte schon im Jan. 1831 mit seinem Bruder Unterhandlungen angeknüpft, den er zu überzeugen suchte, daß die Revolution in Braunschweig nur von einer mißvergnügten aristokratischen Partei ausgegangen sei. Diese Versuche waren so erfolglos als die Aurückfoderung seines Privatvermögens, da seine Güter zum Ersatz für die von ihm verschleuderten Domainen auf den Antrag der Stände mit Beschlag waren belegt worden. Als sein Gesuch, ihm 4500 Mann und zwei Batterien Artillerie zu überlassen, um die gesetzliche Ordnung in seinem Lande wiederherzustellen, vom östreichischen Hofe unbeantwortet blieb, schickte er den von ihm zum Freiherrn von Andlau erhobenen Bitter nach Wien, die Unterhandlungen fortzusetzen; der Fürst von Metternich aber, durch die Übertragung des Namens einer ihm verwandten Familie auf einen solchen Menschen beleidigt, ließ ihm den Aufenthalt in Ostreich verbieten. Der Herzog sah nun kein anderes Mittel als mit bewaffneter Macht wieder in den Besitz seines Landes zu kommen. Er knüpfte Verbindungen mit seinen Anhängern in Braunschweig an und im April 1832 ward eine Verschwörung entdeckt, die jedoch ein im Keime erstickter Entwurf zu sein schien und bei weitem weniger Wichtigkeit hatte, als man ihr anfänglich beilegte. Der Herzog war indeß zu Anfange des Jahrs nach Nizza gegangen, wo er in Gesellschaft seiner Buhlcrin seine empörende Lebensweise fortsetzte. Schon im Jul. 1831 hatte er mit einem Unternehmer in Bordeaux einen Vertrag über Uniformenlieferung zur Ausrüstung eines Regiments geschlossen und spater diese Übereinkunft ausgedehnt. Es ist zwar nicht zu bezweifeln, daß der Herzog während seines Aufenthalts in Nizza mit den Karlisten, die dort ihren Sammelplatz hatten, und namentlich mit der Herzogin von Bern in Verbindung getreten sei, jedoch nach dem Charakter des Herzogs nicht sehr wahrscheinlich, daß er die Herzogin bei ihren Unternehmungen im westlichen Frankreich mit Waffen und Geld unterstützt habe. Während er aber die Legitimisten für seine Sache zu gewinnen wußte, setzte er sich in Paris mit einigen liberalen Offizieren in Verbindung, um mit Hülfe derselben seinen Plan, einen Heerhaufen zu sammeln, desto sicherer auszuführen, ohne bei der französischen Regierung in den Verdacht einer Teilnahme an den Entwürfen der Karlisten zu gerathen. Als die Unternehmung der Herzogin von Berri fehlgeschlagen war, trat der Herzog gänzlich in die Rolle eines Republikaners und spielte sie so gut, daß er seine französischen Unterhändler duschte; er verschob indcß nach der Entdeckung der Verschwörung in Braunschweig die Ausführung seines Planes um so mehr, da er befürchten mußte, daß die Aufmerksamkeit, welche die französische Regierung auf die Umtriebe in Nizza richtete, seine Verbindung mit den Karlisten enthüllen werde. Im Jun. 1832 kehrte er nach Paris zurück und führte bald nachher die Saint-Clair, m.t der er endlich völlig zerfallen war, nach Calais, um sie nach England überzuschissen. Nach dieser Trennung beschloß er, sich ganz der Ausführung seiner Eroberungsplane zu widmen. Er suchte einige Häupter der Opposition zu überreden, daß er wegen seiner Absicht, seinem Lande eine freiere Verfassung zu geben, das Opfer einer aristokratischen Fac- 672 Karl (Herzog von Lucca) tion und des deutschen Bundes geworden sei, und er wußte dabei die durch die Bundesbeschlüsse vom 28. Am. in Frankreich hervorgebrachte Aufregung zu seinem Wortheil zu benutzen. So gelang es ihm selbst einflußreiche Manner wenigstens so weit zu tauschen, daß sie glaubten, ihn zur Förderung ihrer Plane einer Revo- lutionirung Deutschlands benutzen zu können, und er bewog selbst den tapfern Romarino, ihm seine Mitwirkung zu einem neuen Kampfe gegen den Absolutismus zu versprechen. Es ward ein neuer Vertrag über eine Lieferung von Waffen und Mon- tirungen geschlossen, die nach den Mündungen der Elbe und Weser abgehen sollten und es wurden bedeutende Summen dazu aufgewendet. Im Aug. ertheilte der Herzog dem Genera! Romarino Vollmacht zu Truppenwerbungen und soll zu gleicher Zeit den Kaiser Nikolaus um Verwendung wegen der Erbfolge seiner Nachkommen und wegen der Anordnung seiner Vermögensangclegenheiten ersucht haben. Die französische Regierung ward indeß aufsein Treiben aufmerksam und gab ihm im Aug. den Befehl, Frankreich binnen 14 Tagen zu verlassen, wahrend auch der General Romarino ihm die erhaltene Vollmacht zurückschickte. Der Herzog ließ durch die französischen Zeitungen die verbreiteten Nachrichten von seiner Verbindung mit den vertriebenen Bourbons und von Wassenankäusen in Frankreich ableugnen, wogegen aber der Eapitain Chaltas in seiner Schrift.- „I.L üuc Elim- las cke Lruvsvi« nvant et u^res la revoluticin ele krunsvie" (Paris 1832), die bei manchen Übertreibungen doch meist glaubwürdige Berichte gibt, das G.gm- theil darthat. Die Polizei verbot dem Herzog den Aufenthalt in Paris. Die Op- positionsblätter griffen diese Verfügung als eine Gesetzwidrigkeit an. Der Herzog ließ sein Schreiben an den Minister Montalivet drucken, worin er behauptete, daß seine Verweisung aus Frankreich durch Einflüsterungen des deutschen Bundes veranlaßt worden sei und daß das Interesse des constitutionnellen Frankreichs verletzt »verde, wenn man seine Entwürfe, seinem unterdrückten Vaterlande freie Scaats- einrichtungen zu bringen, im Keime ersticke. Diese Täuschung verschaffte ihn» wieder den Schutz vieler liberalen Zeitungen und im Vertrauen auf diese Verbündeten erklarte der Herzog, daß er Paris nur durch Gewalt gezwungen verlassen werde. Am 18. Sept. aber ließ die Polizei die Thüre feines Zimmers erbrechen, und zwang ihn, einen Wagen zu besteigen, der ihn über die Grenze nach Orde im Waadtlande brachte. Der Herzog hielt sich seitdem in der Schweiz auf, während er neue Verträge über Waffenlieferungen schloß und durch den in Paris zurückgelassenen Bitter feine Unterhandlungen mit französischen Offizieren fortsetzen ließ. Im Jan. 183.3 erschien er selber wieder in Paris, wo er ein Haus in den Champs Elise'es gekauft hat und obgleich er als Hausbesitzer nicht leicht genö- thigt werden kann, die Stadt zu verlassen, so bewachte doch die Polizei anfänglich jeden seiner Schritte, und erst seit die englische Regierung, wie verlautet, erklärt hat, daß sie gegen des Herzogs Aufenthalt in Frankreich nichts einzuwenden habe, scheint man ihn ungestört lassen zu wollen. Die Wiedergewinnung seines Herzogthums ist bei ihm zu? fixen Idee geworden, und das Einzige, was sein zerrüttetes Gehirn noch festhält. Zur Verwirklichung seines höchsten Wunsches greift er nach jedem sich auch nur scheinbar darbietenden Mittel; indem er aber dabei ohne alle Umsicht verfährt, zerstört er selbst jede Aussicht einer Erfüllung. (39) Karl (Ludwig),Herzog von Lucca, geboren am 22. Dec. 1799 zu Madrid, Sohn des 1803 gestorbenen Königs Ludwig von Hetrurien und der 1824 gestorbenen Infantil» Marie Luise, Tochter Karls IV. von Spanien. Sein Großvater Ferdinand, der Enkel Philipps V. von Spanien, war der letzte Herzog von Parma aus dem Haufe Bourbon, der das ihm durch den Frieden von Lunevill? zugetheilte Großherzogthum Tosccma 1801 an seinen Sohn abtrat, und nach dessen Tode (1802) Bonaparte Parma in Besitz nahm und Hetrurien zu einem Königreiche erhob. Der Prinz Karl folgte seinem Vater 1803 als König von Hetru- «M Karl Albert (König von Sardinien) 673 rien, unter der Vormundschaft seiner Mutter, die aber 1807 für sich und ihren Sohn die Regierung niederlegen und Hetrurien an Frankreich abtreten mußte. Nachdem durch den pariser Frieden 1814 und die Verfügungen des wiener Con- gresses Napoleons Gemahlin Marie Luise, die Herzogthümer Parma, Pia- cenza und Guastalla erhalten hatte, wurde das zu einem Herzogthum erhobene Lucca, welches seit 1805 Napoleons Schwager, Felix Bacciocchi, als Fürstenthum besessen, der Königin von Hetrurien zugetheilt, welche jedoch die Regierung nicht eher antrat, bis sie durch den am 10. Zun. 1817 zu Paris geschlossenen Vertrag wegen ihrer Ansprüche auf Parma war befriedigt worden. Kraft dieses Vertrags soll Parma nebst dem dazu gehörenden Gebiet am rechten Ufer des Po nach dem Tode der regierenden Erzherzogin Marke Luise an den Herzog von Lucca und seine männlichen Nachkommen zurückfallen, der auf dem linken Poufer liegende Ge- bietstheil an Ostreich kommen, Lucca dagegen an Toscana abgetreten werden. Der Herzog trat im Dec. 1819 nach erlangter Volljährigkeit die Regierung an, und vermahlte sich 1820 mit Marie Therese, Tochter des Königs Victor Emanuel von Sardinien. Die Vermahlung seiner Schwester Marie Luise an den Prinzen Maximilian von Sachsen 1825 veranlaßte den Herzog spater zu einer Reisenach Deutschland und er hielt sich bis 1880 sehr langein Dresden, darauf in Wien und an andern deutschen Höfen auf, und kam 1833 abermals nach Deutschland. Karl (Emanuel) Albert, König von Sardinien, Sohn des Prinzen Karl Emanuel von Savoyen-Carignan und der Prinzessin Marie Christine, Tochter des Herzogs Karl von Sachsen und Kurland, eines jüngern Bruders des Kurfürsten Friedrich Christian von Sachsen, ward am 2. Oct. 1798 geboren. Das Haus Savoyen-Carignan wurde durch Thomas Franz, den jüngsten Sohn des 1630 gestorbenen Herzogs von Savoyen, Karl Emanuel I., und seiner Gemahlin Marie von Vourbon, Grasin von Soissons, gestiftet, und theilte sich unter deren Söhnen, Emanuel Philibert und Eugen Moritz, in die beiden Linien der Prinzen von Carignan und der Grafen von Soissons. Die jüngere Linie erlosch 1734 mit Eugen Johann und 1736 mit dessen Großoheim, den östreichischen Feldherrn Eugen. Die altere Linie behielt ihre ansehnlichen Besitzungen in Frankreich auch nach der Revolution, da der Prinz Karl Emanuel das französische Bürgerrecht annahm. Nach seinem Tode 1800 folgte ihm der Prinz Karl Albert in seinen piemontest'schen und französischen Besitzungen unter der Vormundschaft seiner Mutter, die sich zum zweiten Mal mit dem Fürsten von Montleart vermahlt hatte. Die verwandtschaftliche Verbindung mit dem sächsischen Hause veranlaßte die Prinzessin, sich oft in Dresden aufzuhalten, wo der Prinz und seine Schwester, Marie Elisabeth, jetzige Gemahlin des Erzherzogs Rainer von Ostreich, zum Theil ihre mit Sorgfalt beachtete Erziehung erhielten. Der Prinz vermählte sich 1817 mit Marie Therese, Tochter des Großherzogs Ferdinand von Toscana, und lebte seitdem auf seinen Stammgütern in Piemont. Das Erbfolgcrecht des Hauses Carignan war auch vom wiener Congreß anerkannt worden, da der König von Sardinien, Victor Emanuel I., nur Töchter hatte und daher die Erlöschung des Mannsstammes der altern savoyischen Linie bevorstand. Der Prinz von Carignan hatte bis zum Ausbruche der Unruhen in Piemont 1821 keinen Anthcil an den Staatsgeschäften genommen. Die Urheber des Aufstandes unter dem Adel und den Offizieren, von Alchen mehre dem Prinzen nahe standen, hatten die Absicht, ihn an die Spitz- des Staats zu stellen; und er nahm, wiewol nicht ohne Schwanken, vor dem Austuche der Verschwörung ihre Antrage an. Der König entsagte am 13. Mar; der Legierung und ernannte bis zur Ankunft des Thronfolgers, seines kinderlosen ^ ruders Karl Felix, den Prinzen Karl Albert zum Regenten, der darauf die An- a,me der spanischen Constitution erklärte, sie beschwor und eine provisorische Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 0. ^3 674 Kar! Albert (König von Sardinien) Junta einsetzte. Nachdem atzer ein östreichisches Heer sich gegen Piemont in Bewegung gesetzt und Karl Felix, der sich zu Modena aufhielt, alle seit seines Bruders Abdankung geschehenen Schritte für ungültig erklart hatte, verließ der Prinz am 21. März heimlich Turin, ohne der Junta irgend eine Weisung zurückzulassen, begab sich nach Novara, entsagte der Regentschaft und ging in das östrei- chische Hauptquartier, spater nach Modena, und als ihm der neue König den Zutritt zu seinem Hofe verbot, nach Florenz. Die piemontesischen Flüchtlinge, die über die Revolution geschrieben haben, besonders der Graf von Santa-Rosa („De In revolution piemontuise", Paris 1822), machten dem Prinzen bittere Vorwürfe, wahrend Andere die Erklärung seines schwankenden Benehmens in einer aus Unkunde der diplomatischen Verhaltnisse hervorgegangenen Tauschung über die Hoffnung eines glücklichen Erfolgs finden wollten. Er begab sich spater nach Frankreich und diente 1823 als Freiwilliger unter dem Heere des Herzogs von Angouleme in Spanien, wo er besonders vor Cadiz sich tapfer bewies. Nach seiner Rückkehr ward er in Paris mit großer Auszeichnung.empfangen, und durch seine Thaten unter der Fahne der Legitimität gereinigt, durfte er 1824 auch wieder in Turin erscheinen. Er wurde 1829 zum Vicckönig von Sardinien ernannt und wohnte seitdem zu Cagliari. Nach der Juliusrevolution machten die italienischen Verbannten in Frankreich drohende Bewegungen an der Grenze und es zeigte sich Aufregung in einigen Gegenden Savoyens, welche der Prinz, der das Land bereiste, um so leichter beruhigen konnte, da die französische Regierung die Versuche der Verbannten hinderte. Als Karl Felix am 27. April 1831 zu Genua gestorben war, bestieg der Prinz von Carignan den Thron. Bald nachher verbreitete sich das Gerücht von einer Verschwörung, deren Zweck gewesen sein sollte, den Herzog von Modena, den Gemahl der ältesten Tochter des Königs Victor Emanuel, auf den Thron zu setzen. Man nannte die verwitwete Königin als die Anstifterin und, außer den Ministern Latour und Des-Geneis, die Kriegsbefehlshaber von Genua, Alessandria, Novi und Novara als Teilnehmer. Dieses Gerücht ist weder völlig aufgeklärt noch völlig widerlegt worden. Hatte das Volk, besonders in Piemont ein kräftiger Stamm und unter französischer Herrschast in politischer Bildung fortgeschritten, die pfäfsischen Reactionsmaßregeln seit 1815 und die Erneuerung schreiender Verwaltungsmisbräuche mit Unmuth ertragen, so baute es desto glücklichere Hoffnungen auf den jungen König, der gleich nach seiner Thronbesteigung 20 Millionen Francs zurückgab, die Karl Felix in der ersten Bestürzung nach der Juliusrevolution aus den Staatskassen genommen hatte. Auch andere Schritte des Königs schienen solche Hoffnungen nähren zu können. Die Gütereinziehung bei Straffällen ward aufgeheben, die Todesstrafe für Hausdiebstähle, das Rädern und Zwicken mit glühenden Zangen abgeschafft. Rechtssachen, die früher wegen des Standes der Parteien oder besonderer Begünstigung dem König vorbehalten waren, wurden an die Behörden gewiesen, Edelleute und Priester den Zollabgaben unterworfen. Einige Minister, die als Feinde freier Staatseinrichtungen bekannt waren, erhielten ihre Entlassung, und es ward eine Behörde zur Verbesserung der Landesgesetze angeordnet, welche die französischen Gesetzbücher zum Grunde legte. Die Untersuchungen gegen Diejenigen, die bei den Unruhen in Savoyen nach der Juliusrevolution Verdacht oder Schuld auf sich geladen, oder mit den Verbannten in Frankreich Verbindungen angeknüpft hatten, wurden zwar niedergeschlagen, doch die geächteten Theilnehmer an dem Aufstande, welchen Karl Albert selbst begünstigt hatte, nicht sogleich zurückgerufen, was erst später zum Theil geschah. Laut genug foderten Stimmen in Piemont eine Volksvertretung, aber die Nahe des gährenden Frankreichs gab einen Vorwand, die Beachtung solcher auf alte Rechte gegründeten Wünsche zu vertagen, und die Einwirkurg Ostreichs mochte dabei nicht minder entscheidend sein, wie denn der König sich überhaupt immer mehr M Müsch MM« lM, Bilk MM Karl Friedrich (Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach) 675 zu Ostreichs Politik hinneigte und bei den unruhigen Bewegungen im nördlichen Italien und bei den verwickelten politischen Verhältnissen Europas besonders bedacht war, sein Heer zu rüsten und zu verstärken. Karl Friedrich, Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, der Sohn des 1815 zur großherzoglichen Würde erhobenen Herzogs Karl August und dessen Gemahlin Luise, Tochter des Landgrafen Ludwigs IX. von Hessen-Darmstadt, ward am 2. Febr. 1/783 zu Weimar geboren. Der glänzende Kreis hervorragender Geister, der Weimar zierte und mit dem, durch seltene Bildung und Empfänglichkeit für alle edlern Bestrebungen ausgezeichneten Gliedern der fürstlichen Familie in naherund wohlthätig anregender Verbindung stand, halte von der Wiege an Einfluß auf den Erben des alten Herrscherstamms und in den Werken jener Männer werden der Freude wie den Hoffnungen des Volkes beredte Worte gegeben. Herder taufte ihn und wies in seiner Festrede auf die Bilder der Ahnen des erncsti- nischen Hauses in der Stadtkirche zu Weimar; er führte ihn 1799 in die Gemeinde der Christen ein, und des Prinzen geraden Sinn für Wahrheit, Gefühl für Sittlichkeit und Gutmüthigkeit anerkennend, sprach er von der herangekommenen Zeit, wo mehr von Fürsten gefodert und an ihnen getadelt wird als in andern Zeiten, ihn crmahnend, sich an die glücklichen Namen der Väter anzuschließen, ein schöner Glanz der zukünftigen Zeit, ein freundlicher segnender Stern des Landes. Als der Prinz, unter Herder's, Böttiger's und anderer trefflicher Männer Leitung unterrichtet, wie jener am Confirmationstage sagte, mit Freude und Lernbegierde Kenntnisse in sein glückliches Gedächtniß aufgenommen hatte, und 1802 aus den väterlichen Hallen sich losriß, um nach Paris zu reisen, da ermahnte ihn Schiller, am alten Vater Rhein den großen Manen seines heldenmüthigen Ahnherrn zu huldigen. Bald nach seiner Rückkehr vermahlte sich der Prinz, am 3. Aug. 1801, mit Maria Pawlowna, der hochgebildeten Tochter Pauls I. Diese Verbindung gab ihm seitdem oft Veranlassung, mit seiner Gemahlin Petersburg zu besuchen. Dort war er auch, als die Nachricht von dem am 14. Iul. 1828 erfolgten Tode seines Vaters ihn zurückrief. Er empfing im Aug. die Huldigung, nachdem er den, zu einem außerordentlichen Landtage versammelten Ständen treues Festhalten an der Verfassung von 1816 versprochen hatte. Die Beschrankung des Jagd- auswandes und die Verminderung des Wildstandes gehörten zu den ersten Erleichterungen, die das Volk erhielt. Die Verwaltung wurde übrigens nach den Grundlätzen seines Vaters fortgesetzt; aber obgleich der Großherzog die Ausgaben bei seinem Hofstaate bereits vermindert hatte, so wünschte man doch noch mehr Ersparnisse im Staatshaushalt, und das Bedütfniß einer Beschränkung der Ausgaben wurde 1829 von den versammelten Ständen um so lauter ausgesprochen, da sich ein Ausfall in der Einnahme zeigte. Nach einem einstimmigen Beschlüsse sollte bei dem Anfange der neuen Regierung eine Erhöhung der Abgaben nicht stattfinden. Die Frage über eine umfassendere Öffentlichkeit der ständischen Verhandlungen wurde wieder erhoben. Der Großherzog Karl August hatte am Schlüsse des ersten con- st'tutionnellen Landtags im Febr. 1819 den Grundsatz der Öffentlichkeit ausgesprochen, und sie für daß Mittel erklärt, „durch welches ein freier Verkehr zwischen den Vertretern des Volkes und dem Volke selbst hergestellt werden könne". Die ^mals in Deutschland vorherrschenden Richtungen erklären es, wie 1823 von den versammelten Ständen mit der Mehrheit einer Stimme die Öffentlichkeit der Verhandlungen wieder aufgehoben werden konnte. Es mochte schwerlich als ein Ersatz für das Genommene gelten, daß die Protokolle mit den Namen der Abstimmenden gedruckt werden sollten. Am 14. Febr. 1830 verlor der Großherzog seine Mutter, die durch ihre Großherzigkeit in den Schreckenstagen nach der Schlacht e> ^ena sich ein ewiges Andenken in den Herzen des Volkes gegründet hatte. Die Fütterungen jenes bewegten Jahres wirkten auch auf Weimar zurück, aber ob- 43* 676 Karsten gleich über Steuerdruck Klagen laut wurden, so waren doch die Ruhestörungen meist nur durch örtliche Belastungen und Ungehörigkeiten erregt worden und ließen sich durch gerechte Beachtung der Beschwerden und die Zusicherung verbesserter Verwaltungseinrichtungen leicht beruhigen. Irrungen mit einigen Nachbarstaaten schlichtete der Großherzog, wie den Streit mit Gotha wegen des Geleits, der fast in Zerwürfnisse übergegangen war, und alte, zum Theil seit Jahrhunderten unerledigte Zwiste und Ansprüche, die mit Sachsen-Altenburg ausgeglichen wurden. Folgenreich für den Verkehr des Landes war der am 11. Febr. 1831 mit Preußen geschlossene Vertrag, nach welchem Weimar mit dem 1. Jan, 1835 in den Zollvcr- band der östlichen preußischen Provinzen treten wird, bis zur wirklichen Vollziehung des Beitritts aber zur gegenseitigen Erleichterung des Verkehrs und zur Sicherung der Zollgefatte zwischen dem Großherzogthum Weimar und den angrenzenden preußischen Landestheilen vom 1. April 1831 an freier Verkehr bestehen soll. Die Verbreitung der Vereine zur Beförderung der Preßfreihcit, die 1832 in einem großen Thüle von Deutschland ihre Wirksamkeit zeigten, veranlaßte auch im Großherzogthum Weimar ein Verbot der Theilnahme. Es zeigte sich dabei eine Stimmung, welche ankündigte, daß der bereits wieder ausgesprochene Wunsch, bei den Verhandlungen der Stande Öffentlichkeit einzuführen, auf dem nächsten Landtage laut werden würde. Mit überwiegender Mehrheit beschlossen die Stande auf Öffentlichkeit anzutragen, welche 1819 als die Bedingung vollständiger Erreichung des Zweckes einer repräsentativen Verfassung war anerkannt worden. Im Jan. 1833 wurde durch ein großherzogliches Decret der ständische Antrag abgewiesen. Karsten (Karl Johann Bernhard), preußischer geheimer Oberbergrath, wurde am 26. Nov. 1782 zu Bützow in Mecklenburg-Schwerin geboren, der zweite Sohn des 1829 zu Rostock verstorbenen geheimen Hofraths und Professors F. C. L. Karsten. Er besuchte das Gymnasium zu Rostock, wohin sein Vater bei der Verlegung der Universität gezogen war, und widmete sich seit 1799 dem Studium der Rechtswissenschaften. Im zweitewJahre verließ er diese Laufbahn, um Medicin zu studiren, weil ihn diese mit seinen Lieblingswissenschaften, Mineralogie, Physik und Chemie, in unmittelbare Berührung brachte. Der in Berlin lebende Bergrath Scherer, Herausgeber des „Allgemeinen Journals der Chemie", zu welchem er schon manche Beiträge geliefert hatte, machte ihm 1801 den Antrag, die Mitredaction jener Zeitschrift zu übernehmen, was er um so lieber that, da er sich zu Berlin in den medicinischcn Wissenschaften vervollkommnen zu können glaubte; allein die nach Scherer's Abgang nach Petersburg ihm ganz überlassene Redaction ließ ibn nie dazu kommen, und Neigung zog ihn zur Metallurgie und Bergbaukunde. Durch Vermittelung seines Vetters, des damaligen geheimen Oberbergraths Karsten zu Berlin, des bekannten 1810 verstorbenen Mineralogen, wurde ihm sein sehnlichster Wunsch gewährt; er durste auf eine Anstellung beim Verg- und Hüttenwesen rechnen. Den Winter 1802 und Frühling 1803 brachte er auf den märkischen Eisenhütten zu, und es gelang ihm, sich das Wohlwollen und die Achtung des damaligen hochverdienten Chefs des preußischen Berg- und Hüttenwesens, Grafen von Reden, zu erwerben, der ihn 1803 nach Schlesien schickte, und K. widmete sich nun auf den eben recht kräftig aufblühenden Berg - und Hüttenwerken dieser Provinz ganz der Praxis. Er wurde 1804 als Referendar und 180^ als Assessor bei dem schlesi'schcn Oberbergamte zu Breslau angestellt Als diese Stadt am Ende des Jahres 1806 von den Franzosen belagert ward, ging K. nach Oberschlesien, tun die besondere Leitung der dortigen Berg- und Hüttenwerke zu übernehmen und um den Festungen Kosel, Neisse und Glatz Munition zuzuführen. In jener Zeit ließ er die Zinkhütte läpgluriin erbauen, und legte dadurch den Grund zu einem neuen Zweige der metallurgischen Industrie, der spater so wichtig gewordenen Darstellung des Zinks aus Galmei. Er wurde 1810 zum Bergrath und Kastner v?7 lFlii 1811 zum Oberhüttenrath und Oberhüttenverwalter für die Provinz Schlesien ernannt. Obgleich ihn in jener Zeit die Verwaltungsgegenstände ganz beschäftigten, so begann er doch damals schon die Ausführung des spater so herrlich vollendeten Plans, gute praktische Schriften zur wissenschaftlichen Ausbildung der Berg- und Hüttenbeamten zu liefern. Er bearbeitete Rinman's „Geschichte des Eisens" (2 Bde., Liegnitz 1814), hielt mehre Winter hindurch Vorlesungen über Eisenhüttenkunde an der breslauer Universität, und legte dadurch den Grund zu seinem klassischen „Handbuch der Eisenhüttenkunde", das 1816 zu Hatte in 2 Bandur erschien; auch begründete er 1817 sein „Archiv für Bergbau- und Hüttenwesen", von welchem bis jetzt 2t) Bande oder 40 Hefte der ältern und 5 Bande der neuern Reihe zu Breslau erschienen sind. Wahrend des Kriegs von 1818 war K. fortwahrend in Oberschlesi'en, und damit beschäftigt, Gewehre, Geschütze und Munition verfertigen zu lassen, wofür er das eiserne Kreuz erhielt. Er bereiste 1814 die neu erworbenen Rheinprovinzcn und war einer von den Bevollmächtigten, welche die Grenzberichtigung zwischen Siegen und Dillenburg vornahmen. Seit er 1819 in das oberste Bergwerkscollegium nach Berlin versetzt war, sah er sich seinem wahren Berufe, auch als Schriftsteller zu wirken, näher gerückt. Seine „Metallurgische Reise durch einen Theil von Baiern und durch die süddeutschen Provinzen Ostreichs", die er im Herbst 1820unternommen hatte, erschien 1821, und 1827 und 1828 zu Berlin eine ganzlich umgearbeitete Auflage seines „Handbuchs der Eisenhüttenkunde" (4 Bde.), welche als ein ganz neues Werk anzusehen ist; dann sein „Grundriß der deutschen Bergrechtslehre" (Berlin 1828), und sein „System der Metallurgie" (5 Bde., mit ül sehr großen Kupfertafeln, Berlin 1831 — .32). Durch dieses Werk und durch die „Eisenhüttenkunde" wird eine Epoche in der bergmännischen Literatur bezeichnet, und kein Zweig der Technik, keine europäische Literatur dürfen sich solcher Werke rühmen. Es ist zu hoffen, daß er noch andere Zweige der Bergwissenschaften speciell bearbeiten wird. (49) Kastner (Karl Wilhelm Gottlob), Hofrath und Professor der Physik und Chemie zu Erlangen, ward am 31. Oct. 1783 zu Greifenberg in Pommern geboren, wo sein Vater damals als Rector der Stadtschule, später als Feldprcdiger lebte, bis er 1792 als Prediger zu Swinemünde auf der Insel Usedom angestellt wurde. Schon in früher Kindheit, während er den Unterricht seines Vaters genoß, erwachte in ihkn die Neigung zur Naturkunde, die er durch eifriges Sammeln von Pflanzen, Mineralien und Infekten und durch Lesen naturwissenschaftlicher Schriften nährte. Die Verhältnisse seiner Ältern, die außer ihm mehre Kinder zu versorgen hatten, erlaubten nicht die Erfüllung seines Wunsches, sich zum Studium der Medicin wissenschaftlich vorzubereiten; aber nach seinem eignen Verlangen kam er, um sich bald selber die Mittel zum Forlkommen verschaffen zu können, 1798 als Lehrling in eine Apotheke zu Swinemünde. Er benutzte während seiner Lehrzeit die ihm vergönnte Erlaubuiß zu eignen chemischen Versuchen, zu welchen unter andern auch eine Analyse des Ostseewassers gehörte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung schickte er an seinen als Arzt in Verlin lebenden Oheim, der ße Klaproth zur Beurtheilung vorlegte, und dies gab Veranlassung, daß der Apotheker Flittner dem jungen Chemiker den Antrag machte, als Gehülfe in seine Dienste zu treten. Sein Lehrhcrr erließ ihm die noch übrigen Lehrjahre und K. reiste 1801 nach Berlin, wo er seine Muße benutzte Hermbstädt's, Waltcr'S und Wildenow's Vorlesungen zu hören und durch Klaproth's freundlichen Rath geleitet wurde. Schon 1802 trat er wieder aus diesem Verhältnisse, um sich als Chemiker mit einem Dilettanten zu verbinden, der Versuche zur Verbesserung der Färberei wachte, wobei ihm Zeit übrig blieb, medicinische Vorlesungen zu besuchen, und kam daraus 1803 in die Apotheke zu Neustadt bei Stolpen, wo die Bekanntschaft mit dem Pfarrer Götzinger in mineralogischer Hinsicht lehrreich für ihn wurde. Durch 678 Kastner Trommsdorsss Verwendung erhielt er 1804 eine Einladung, als Gmelin's Gehülfe nach Göttingen zu kommen. Er trat seine Wanderung an, sah aber in Jena die Erwartung getauscht, durch eine Geldsendung Mittel zur Fortsetzung seiner Reise zu erhalten, und in seiner drückenden Verlegenheit blieb ihm nichts übrig als dort zu bleiben und einstweilen auf Credit zu leben. Er ließ sich als Student der Me- dicin immatriculiren, und wahrend er die dortigen Lehrmittel fleißig benutzte, ernährte er sich theils durch Repetitiomn, theils durch schriftliche Arbeiten, erhielt aber schon im ersten Jahre seines Aufenthalts von mehren Studirenden die Einladung, ihnen Vorlesungen über die Chemie zu halten. Er hatte für die erste Stunde einen schriftlichen Vortrag ausgearbeitet, da er aber sehr schnell las, war er bereits nach einer Viertelstunde fertig und sah sich genöthigt, in einem freien Vortrage fortzufahren, und er blieb seit jener Stunde dieser erweckenden Vortragsart treu, durch welche er viele junge Freunde für die Naturwissenschaften gewonnen hat. Schon 1804 lehnte er einen Antrag zur Leitung einer Porzellansabrikin Rußland ab, sowie spater einen Ruf nach Griechenland, den er auf Veranlassung einiger Griechen, die seine Zuhörer waren, durch den Fürsten Morusi erhalten hatten. Bald nachher aber ward er als Professor der Chemie nach Heidelberg berufen, wo er sein Lehramt mit Vortragen über die Chemie und die Physiologie der anorganischen Natur begann, spater aber fast das ganze Gebiet der Naturwissenschaften umfaßre und besonders Agriculturchemie, Physik, Pflanzenphysiologie, Mineralogie und als Director der botanischen Garten auch Botanik lehrte. Der Auftrag, dem Großherzog Karl Friedrich im Sommer 1806 in Baden in täglichen Vortragen eine Übersicht des damaligen Auslandes der gesammten Naturwissenschaften zu geben, veranlaßt? ihn seitdem in jedem akademischen Halbjahr die Encyklopädie der Naturwissenschaften vorzutragen, was bis dahin ausdeutschen Universitäten nicht herkömmlich gewesen war. Er nahm 1812 einen Ruf nach Halle an, wo er seine Vortrage auf Physik und Chemie beschränkte. Nach der Schlacht bei Leipzig übernahm er freiwillig die Aussicht über vier russische und preußische Lazarethe zu Halle, und als er am Nervensieber erkrankte, rettete er sich durch große Gaben von Chlorwasser und Selterwasser. Nach seiner Genesung trat er in die Landwehr und kam als Stabscapitain zu dem Belagerungscorps vor Erfurt, ward aber bald von dem damaligen Militairgouvernement zu dem Staatskanzler Hardenberg nach Frankreich geschickt, mit dessen Bewilligung er nach der Einnahme von Paris über die Schweiz und Holland nach London reiste, hauptsächlich um für die Witwen und Waisen der gefallenen preußischen Krieger und für einzelne milde Anstalten, besonders das Waisenhaus zu Hatte, Großbritanniens Wohl- thatigkeit in Anspruch zu nehmen. Auf sein schriftliches Gesuch erhielt er gleich anfänglich, durch Vermittelung des vr. Hesse aus Hamburg, 1000 Pf. St., und späterhin, nachdem er vor dem, vom Parlament für die Vertheilung der bewilligten 100,000 Pf. St. niedergesetzten Ausschusse seine schriftliche Eingabe mündlich erläutert hatte, wurden ihm 16,000 Pf. zugesichert, deren Auszahlung an die Behörde bald nachher erfolgte. Während seines Aufenthalts in London lernte er mehre berühmte Naturforscher persönlich kennen, wie Sir Joseph Banks, Bonpland, Wollaston, Thompson, John Davy und kurz vor seiner Abreise den Weltumsegler Krusenstern. Er kehrte im Oct. 1814 über Ostende nach Halle zurück, um seine Vorlesungen wieder zu beginnen. Während seiner Reise durch die Schweiz hatte er Georg Müller in Schafhausen die Idee zur Errichtung einer schweizerischen Centraluniversttät mitgetheilt, welche für die drei die Schweiz bewohnenden Volksftamme ein höheres Band geistiger Einigung und gemeinsamer Erhebung bilden und besonders auch für die Naturwissenschaften Gelegenheit zu beschleunigter Cultur derselben darbieten sollte, und es gelang ihm in Zürich auch Usteri, Müllinen aus Bern, Pestalozzi, Escher, Ebel und andere Manner für Katholicismus in der neuesten Zeit 679 seinen Gedanken zu gewinnen, dessen Ausführung sie freilich auf günstigere Zeiten vertagen zu müssen glaubten. Einen ähnlichen Vorschlag in Beziehung auf Deutschland legte er bald nachher dem Staatskanzler Hardenberg vor, indem er schriftlich entwickelte, wie Vortheilhaft für Deutschlands Bildung eine gemeinsame am Rheine zu errichtende, von der Gesammtheit der deutschen Staaten abhängige deutsche Akademie der Wissenschaften, wirken könnte, wenn ihr hauptsächlich die Bestimmung gegeben würde, die Bildung von Universi'täts- und Gymnasiallehrern zu befördern. Nach seinem Plane sollte diese Anstalt auf Kosten eines Theils der von Frankreich abzutretenden Lande gegründet und erhalten werden. Hardenberg und später auch der Minister von Stein äußerten sich zwar beifällig über diesen Entwurf, fanden aber in der Begründung, die nach 1815 nicht mehr in der von K. ursprünglich vorgeschlagenen Weise möglich war, die Hauptschwierigkeit. Die Vereitelung dieses Wunsches gab K. Veranlassung seinen „Deutschen Gewerb- freund" (Halle 1815—24) zur Belehrung über Gegenstände der angewandten Naturwissenschaft herauszugeben, in welchem er zur Errichtung von Gewerbschulen und Gewerbvereinen auffoderte, und auf die Einsetzung eines Gewerbrathcs in jedem einzelnen deutschen Staate drang, der den Gewerbtreibenden Rath ertheilen und sammtliche auf Polytechnik bezügliche neue Entdeckungen und Erfindungen prüfen und das Prüfungsergebniß bekannt machen sollte. Er verließ Halle 1818, um an der neu errichteten Universität zu Bonn die Naturwissenschaften zu lehren, nahm aber 1821 einen Ruf nach Erlangen an, wo er außer Physik und Chemie auch Meteorologie lehrt. Er hatte seine schriftstellerische Laufbahn bereits durch Beiträge zu Trommsdorsss „Journal der Pharmacie" begonnen, als er 1805 zu Jena seine „Materialien zur Erweiterung der Naturkunde" herausgab. Darauf folgten als systematische Darstellungen der Naturwissenschaften sein„Grundriß der Chemie" (Heidelberg 1807); „Grundriß der Experimentalphysik" (2 Bde., Heidelberg 1809 — 10, zweite Auflage 1821); „Anleitung zur neuern Chemie" (Halle 1814); „Grundzüge der Physik und Chemie" (Bonn 1821, zweite Auflage, erster Bd., Nürnberg 1832); „Encyklopädische Übersicht der gesammten Naturwissenschaften" (erster Theil, Halle 1818, 4.); „Handbuch der Meteorologie" (2Thle., Erlangen 1825 — 30) und „Theorie der Polytechnochemie" (2 Bde., Eisenach 1827—28), welche vorzüglich die Agriculturchemie ausführlich behandelt. Von dem reichhaltigen „Archiv für die gesammte Naturlehre", das er herausgibt, sind 24 Bände (Nürnberg 1824 fg., vom 19. Bande an unter dem Titel: „Archiv für Chemie und Meteorologie") erschienen. Außer Tromms- borff's „Journal", enthalten auch Voigt's „Magazin", Piepenbring's „Archiv für Pharmacie", Schweigger's „Journal für Chemie" und andere Zeitschriften zahlreiche Veitrage von ihm. Wie er schon in seinen ersten Schriften (1805 und 1807) dem elektrischen System der Chemie sich zuwendete, so hat er auch die Hauptmomente anderer in der neuesten Zeit weiter entwickelten und angewendeten chemischen Lehren bereits früher aufgestellt. Katholicismus in der neuesten Zeit. Mit jeder positiven Religion ist ursprünglich der Stoff zur Entwickelung zweier Elemente gegeben, des katholischen, gläubiges Hingeben an das Ansehen eines Dritten, und des protestantischen, Entgegensetzen gegen jede Menschcnautoeität und Prüfung der Religionswahrheiten durch die Vernunft. Im Christenthume unterscheidet sich die römisch-katholische Kirche von der evangelisch-protestantischen dadurch, daß jene ihrem lehrenden Theile in Sachen des Glaubens Unfehlbarkeit beilegt, daß nach ihrer Behauptung diese angeblich unfehlbare Gesammtheit auf Versammlungen von Priestern und Bischöfen unter dem Vorsitze des Papstes, welche man allgemeine Kirchenversammlungen nennt, über die Glaubenslehre oder über Kirchenverfassun- M Aussprüche thut, und aus den beiden Quellen, einer von ihr angenommenen 680 Katholicismus in der neuesten Zeit übernatürlichen Offenbarung der heiligen Schrift des Alten und Neuen Testament« und der Tradition (mündliche und schriftliche Erblehre), die Satze derGotteser- kenntniß schöpft und hieraus ihr Religionssystem (Theologie) hervorgehen laße- während dagegen die evangelisch protestantische Kirche als alleinige Quelle uad Richtschnur die heiligen Urkunden, und als einziges Princip das Forschen in denselben durch die eigne Vernunft und somit das Protestiren gegen alles und jedes Menschenansehcn aufstellt. Nach dieser Unterscheidung ist im Katholicismus die lehrende Kirche (Kleriker, Geistliche), großentheils aus Bischöfen und Priestern bestehend, wesentlich von der lernenden Kirche (den Laien, dem Volke) unterschieden. Eine besondere Kraft, die Sacramente (Gnadenmittel mit übernatürlichen Wirkungen) zu verwalten, wird nach dem Glauben der Katholiken in der siebenfachen Weihe (den vier Niedern und drei höhern Weihen) dem Priester von dem hierzu allein bevollmächtigten Bischöfe ertheilt, und der Rücktritt in den Laienstand ist für ihn, da mit der Weihe ein unauslöschliches Merkmal (dmracter inckelebilis) verbunden wird, unmöglich. Daher war der Cölibat, vereinigt mit der Lehre von diesem unvertilgbaren Merkmale, die Hauptwaffe der Päpste im Mittelalter und in der neuesten Zeit bei ihren Eingriffen in die Rechte der Völker und Fürsten, bei ihren planmäßigen Fortschritten zur Verbreitung der Macht und des Aberglaubens. Die verschiedenen Stufen der Hierarchie wurzeln am Ende in dem Mittelpunkte der Einheit (centrum uniwtis), dem römischen Papstthume, welches feine Anmaßungen und Gewaltschritte gegen Gewissensfreiheit und vorurtheilkloses Forschen mit der sogenannten unmittelbaren Nachfolge in dem angeblichen Bisthume des Apostels Petrus in Rom, wovon die Geschichte nichts weiß, und mit den Worten Christi an Petrus (Matth. 16): „Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Kirche gründen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen", zu rechtfertigen sucht. Im Mittelalter entwickelte sich der Katholicismus zum kirchlichen Absolutismus, Papismus, Romanismus, nach welchem der Papst mit Bezug aus die pseudoistdorischen Decretalien die unfehlbare und allein entscheidende Person auf Erden war, Richter über Fürsten und Völker, mit zwei Schwertern begabt, deren eines, das geistliche, er immerdar führt, während er das andere, das weltliche, mit Vorbehalt der Zurücknahme im Falle der von ihm zu ermessenden Unwürdigkeit, den Fürsten der Erde übergab, mit Bann und Interdikt (einem über ganze Länder ausgesprochenen Fluche) um sich werfend, ein allen Andersdenkenden die Seligkeit absprechender sichtbarer Statthalter des unsichtbaren Oberhauptes der Kirche, Jesus Christus. Bekannt ist, wie Gregor VII., Irmocenz III., Bonifaz VIII. und andere Päpste die Gewissenszwingherrschaft über die Gläubigen übten. Als das Princip der Häresie (Ketzerei), wie es die Katholiken nannten, oder das Princip der freien Prüfung der Schrift durch die Vernunft, nach den Kämpfen der Reformation Duldung und freie Übung in dem passauer Vertrage (1552) und im augsburger Religionsfrieden (1555) erhielt, als dasselbe Princip neben dem des Katholicismus gleiche staatsrechtliche Geltung in dem westfälischen Frieden gewann, schien eine Festsetzung Dessen, was katholisch sei, den Katholiken, welche seit den Streitigkeiten mit der griechischen Kirche im 8., und seit der völligen Trennung von ihr im 11. Jahrhundert ihren Einigungspunkt immer mehr in dem Machthaber an der Tiber suchten, angeblich zur Vereinigung mit den Protestanten, im Grunde aber, wie der Erfolg lehrte, zu deren Unterdrückung nöthig, und die sogenannte allgemeine Kirchenversammlung (1545 — 63), auf welcher der Papst als Kläger, Angeklagter und Richter in Einer Person erschien, und der Einfluß Roms und des Jesuitismus entschieden war, bestimmte den katholischen Glauben und die katholische Verfassung, wie es schien, für immer. Eine von Papst PiusIV. .1564 entworfene Glaubensformel (s. „knllurum omplissimu collectio", Bd. 4, Th. 2, Rom 1745, Fol.) enthält die Unterscheidungssätze der römischen und Katholicismus in der neuesten Zeit 68! evangelisch-protestantischen Kirche, welche von jedem Candidaten der katholischen Theologie vor dem Empfange der Priesterweihe noch jetzt in allen katholischen Landern mit einem feierlichen Eide in die Hände des Bischofs beschworen werden müssen, ungeachtet die meisten derselben von freisinnigen Katholiken unserer Zeit, selbst von solchen, welche dem Priesterstande angehören, als der Vernunft, der Schrift und dem Geiste des Christenthums widersprechend, mit Muth und Gelehrsamkeit bekämpft worden sind. Die in der Glaubensformel als katholisch ausgesprochenen Lehren sind: die Annahme des alleinigen Auslegungsrechtes der heiligen Schrift durch die römisch-katholische Kirche; die Lehre von sieben, wie der Papst sagt, von Jesus Christus, unserm Herrn, eingesetzten Sacramenten, der Taufe, der Firmung, dem Abendmahle, der Buße, der letzten Ölung, der Priesterweihe und Ehe; die Lehre von der den Menschen zum Guthandeln unfähig machenden Erbsünde und der diese Unfähigkeit hebenden Rechtfertigung durch Christus; die Lehre von der Umwandlung jeder Gestalt im Abendmahle in das wirkliche Blut und den wirklichen Leib des gekreuzigten Jesus; von der Austheilung des Abendmahles unter Gestalt des Brotes unter die Laien; von der Verehrung der Bilder Christi, Marias (wobei der Papst den Ausdruck „Gottesgebarerin" gebraucht) und der Heiligen; von der der Kirche von Christus gegebenen Ablaßvollmacht; von der alleinseligmachenden römischen Kirche als der Mutter und Lehrerin aller Kirchen, und vom Papste als dem Nachfolger und Stellvertreter Jesu Christi. Diese Lehrsätze bilden die allein noch jetzt geltende Unterscheidungsnorm zwischen Katholiken und Protestanten. Wieviel Gewicht vom Papste auf den Inhalt dieser Glaubensrichtschnur gelegt wird, sieht man aus der sie begleitenden Bulle. „Wir erklären", sagt darin der Papst, „diese Glaubensnorm als die Stütze aller Wissenschaften und befehlen, daß in Zukunft kein Doctor, Magister, Regens, Professor, Laie, Weltgeistlicher oder Mönch ohne die Beschwörung dieser Formel Theologie, Median, Philosophie, Grammatik oder freie Künste lehren, ja selbst nur einen akademischen Grad erlangen soll. Wir verbieten Jedem bei Strafe der Excommunica- tion die Auslegung dieser Formel. Findet Jemand eine Stelle dunkel, so soll er sich an den Ort, den der Herr erwählt hat, nämlich an den apostolischen Stuhl, an die Lehrer aller Gläubigen wenden." An diesen Sätzen halten noch jetzt alle diejenigen Katholiken fest, welche den Grundsatz aussprechen, daß der römische Katholicismus unverbesserlich sei, und deswegen sein und bleiben müsse, wie er zu Gregors VII. Zeiten war. Sie bilden die Partei der Römlinge oder Ullramontanisten. Allein auch in der katholischen Kirche hat sich ein freieres, vorurtheilsloseres Streben diesem Glauben an das Alte und Herkömmliche in mehr oder minder schroffem Gegensatze gegenüber gestellt, ungeachtet Rom auch bis in die neueste Zeit nach seiner bekannten Conse- Mnz, auch nicht eine Linie von seinen vermeintlichen Rechten zurückgewichen ist. Nahmen auch hie Katholiken die Glaubensformel der tridentinischen Kirchenversammlung an, so widersprachen doch viele katholische Fürsten und Staaten laut und offen den auf derselben gefaßten, die Hoffnungen der Bessern in Bezug auf Reform der Kirche an Haupt und Gliedern vernichtenden Sätzen der Kirchenver- fassung und Disciplin. In Spanien nahm man sie nur mit Vorbehalt der Rechte des Königs, in Frankreich gar nicht an. Die Regierungen stellten sich, da ihre "berhoheitsrechte über die Kirche durch die Berufung der Papste auf die pseudoisido- uschen Decretalien und das Tridentinum angegriffen waren, an die Spitze der liberalen Opposition in mehren Ländern, und Frankreich, das die ausgezeichnetsten katholischen Theologen im 17. und im Anfange des 18. Jahrhunderts zählte, war der Vorkämpfer. Man unterschied zwischen katholisch und römisch. Die Nationen beriefen sich auf die Freiheiten ihrer Kirchen; die Franzosen sprachen von einer gallicanischen Kirche und einem gallicanischen Kirchenrecht. Auf einer Versamm- 682 Katholiciömus in der neuesten Zeit lung von Bischöfen und Erzbischöfen zu Paris (1682) wurden die vier Sätze des gallicanischen Klerus sstuatuor propositioneZ der! ^allicum) als Grundpfeiler des freisinnigen Kirchenrechtes durch Bossuet entworfen, sowie von den berühmten Theologen Natalis Alexander, Tillemont, Fleury und Andern vertheidigt und bald auch unter der freisinnigen Regierung Maria Theresias (1740 — 80) und Josephs II. (1780 — 90) unterstützt. In Ostreich gab die Losung zu einer kräftigen Opposition, deren Grundsatze noch jetzt alle liberalen Katholiken annehmen, ein merkwürdiges, unter dem Namen Justinus Febronius erschienenes Werk, verfaßt von Nikolaus von Hontheim (f. Bd. 5), Weihbischof und Minister des Kurfürsten und Erzbischofs von Trier („ve staw ecclesiue et legitima potestate HamÄlu poutilld-.", Frankfurt a. M. 1763,4.). Aus diesem Buche und den durch dasselbe veranlaßten Schriften freisinniger östreichischer Kirchenrechtslehrer unter Josephs II. Regierung, eines Joseph von Riegger, Stephan Rautenstrauch, Joseph Nepomuk Pehem, Anton Pereira und Anderer, sowie aus den Entwürfen der pariser Synode (1682), gehen die Grundsatze des gallicanisch-febronianischen Kirchenrechts hervor, wie diese noch heutzutage den Grund im System jedes freiern katholischen Theologen bilden. Sie werden, wenn man alle Behauptungen mit den spatern Modisicationen zusammenfaßt, als das Glaubensbekenntniß der gesummten Partei der jetzigen liberalen Katholiken in folgenden Behauptungen ausgesprochen: „Die Kirche hat sich Ausübung einer Religion zum Zwecke gesetzt, ihr Zweck ist daher bloß geistig, folglich kann auch das Befugniß, Mittel zum Zweck zu wählen, nur geistiger Natur sein. Die Kirchengewalt ist nicht weltlich; sie ist bloß geistlich. Darum sagt Christus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" und: „Gebet Gott was Gottes ist." Diese geistliche Gewalt hat Christus allen Aposteln auf gleiche Art hinterlassen. Zu Allen sagte er: „Gehet hin und taufet die Völker und lehret sie halten was ich euch gelehret habe"; zu Allen: „Mit der Gewalt, mit der mich der Vater gesendet hat, sende ich auch euch"; zu Allen: „Was ihr immer binden und lösen werdet auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden oder gelöset sein". Die Bischöfe sind Nachfolger der Apostel, sie haben also ursprünglich eine gleiche geistliche Gewalt. Der Einheit wegen hat Petrus und als Nachfolger desselben der Papst einen Vorrang der Ehre und des Rechtes (primutus Iwnliris et jurisllictionis). Der Papst muß also nicht nothwendig in Rom sein; er könnte auch anderswo sein. Wo der Papst ist, da ist Rom (ubi papn, ibi Roma). Der Papst ist, da die bischöfliche Gewalt als eine gleiche angesehen wird, der Erste unter seines Gleichen. Der Primat ist nur nothwendig der Einheit der Kirche wegen, und nur jene Rechte des Papstes sind wesentlich, die nothwendig für diese Einheit sind; alle andern sind außerwefentlich, und können und sollen ihm genommen werden. Nur zur Kirche hat Christus gesagt: „Sehet, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt", und: „Ich will euch den Tröster senden, und er wird euch Alles lehren". Nur die Kirche ist daher unfehlbar in der Gesammtheit ihrer Lehrer. Da auf einer allgemeinen Kirchenverfammlung nicht alle Lehrer erscheinen, so ist keine an und für sich allgemein, sondern sie wird dieses erst durch die ausdrückliche oder stillschweigende Annahme der Kirche. Dem Papst ist nirgend Unfehlbarkeit zugesprochen. Tradition und Geschichte sprechen dafür, daß Päpste in Glaubensund Sittengegenständen gefehlt haben. Der Papst ist daher der Kirche untergeordnet, wie dieses schon die allgemeinen Kirchenversammlungen von Konstanz (1414 — 18), Basel (1432 fg.), sowie die berühmten Theologen jener Zeit, Nikolaus von Clemangis, Gerson und Peter d'Ailly vertheidigt haben. Nur in Glaubenssachen ist Einheit nöthig. In Sachen der Disciplin und der Ceremonien kann Verschiedenheit herrschen, und man hat verschiedene Liturgien. Der Bischof ist daher Niemand Rechenschaft für seine Verwaltung schuldig als Gott und seinem Landesherm." Man nennt den Inbegriff dieser Grundsätze das Episkopalst- Katholicismus in der neuesten Zeit 683 stem. Allein auch der Bischof soll und darf nicht Monarch in seiner Diöcese sein; auch die Priester haben ihre geistliche Gewalt von Christus. Die Domherren sind des Bischofs geistliche Räthe und sollen, in Verbindung mit allen Geistlichen (Pfarrern zumal und Decanen), nach der Diöcefaneinrichtung das gleichberechtigte geistliche Collegium des Bischofs bilden, dessen Vorsteher dieser ist. Der Landesfürst hat das Recht des-Schutzes und der Oberaufsicht über die Kirche (jus supremue kmvocatiue et inspectionis). Er duldet nicht, daß ein Erlaß des Bischofs oder des Papstes ohne landesherrliche Genehmigung (plucitum regium) bekannt gemacht und von Rom oder einer andern Macht die Rechte des Bischofs oder der Diöcese verletzt werden. Die Wahl des Bischofs geht durch Vorschlag von seinem Collegium aus und wird dem Landesherrn und dem Papste zur Genehmigung vorgelegt. Die Appellation nach Rom mit Übergehung der nächsten Instanz wird nicht geduldet, und kein Mitglied soll, von der Unterordnung unter den rechtmäßigen Bischof frei, unmittelbar unter dem Papste stehen. Ostreichs Regierung unterstützte kraftig und oft diese Grundsätze, besonders seit der Alleinherrschaft Josephs II- Nicht minder bekannt ist, wie sehr sich der aufgeklärte Leopold von Toskana um die Reform des Klerus und des katholischen Kirchenwesens bekümmerte. Die Emser Punctation (f. Bd. 3), entworfen von den Abgeordneten der vier Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg (25. Aug. 1786), suchte das neue Kirchenrecht ins Leben zu rufen. Das placlturn re^iiim wurde allgemein eingeführt, der Jmmaculatcneid abgeschafft. Die Klöster wurden zum Theil aufgehoben, ein neuer Schulplan wurde seit 1773 von Rautenstrauch, Abt von Braunau, für die theologischen Facultaten Ostreichs entworfen. Ein kaiserliches Decrct vom 27. Apr. 1785 schrieb folgenden merkwürdigen Eid für die katholischen Geistlichen vor der Doctorpromotion vor: „Ich gelobe, daß ich die christliche Religion vom unreinen Gottesdienste frei bewahren, die theologischen Wissenschaften von dm nüchternen Satzungen der Scholastiker reinigen, die wahre Theologie, welche nach dem Sinne Jesu Christi ist, ausbilden und sie zum Nutzen des Menschengeschlechtes beständig und emsig lehren werde." Die Aufhebung der Jesuiten und die französische Revolution trugen das Ihrige zu einer freiem Richtung in der katholischen Kirche bei. Die aufgeklärte katholisch-theologische Facultät der Hochschule zu Freiburg erklärte (20. März 1798) in einem eignen Gutachten, das die Gewissen der ausgewanderten Franzosen nicht wenig beruhigte, die von den auf die republikanische Constitution beeidigten Priestern verwalteten Sacramente für gültig. Das Aufhören geistlicher Fürstenthümer, das Einziehen der Klostergüter, zeitgemäße Reformen traten mit dem Anfange des 19. Jahrhunderts ein. Auf Unterstützung konnten, zumal unter protestantischen Regierungen, freimüthige Bischöfe rechnen. Unter Bonaparte's Scepter wurde der weltliche Thron des Papst-s gestürzt. Auf Karl Joseph von Erthal folgte als Erzbischof von Mainz der treffliche Karl von Dalberg (1801), und im Bisthume Konstanz wirkte als sein Coadjutor und Freund der edle Freiherr Heinrich Jgnaz von Wessenberg, ungeachtet aller Verfolgungen Roms, eifrig und unermüdet für Diöcefaneinrichtung, Kultus, Pastoralconferenzen, Bildung der jüngern Kleriker, Schulunterricht, Rituale, u. s. w. Einen bessern, Rom entgegengesetzten Geist beurkunden die Schriften eines Riegger, Rautenstrauch, Stöger, Klüpfel, Dannenmayer, Michl, Dalberg, Wessenberg, Winter, Salat, Weiller, Ruef, Dereser, Fridolin, Huber und Anderer. Natürlich war das Widerstreben der durch Hinterlist und Fanatismus unterstützten ultramontanen Partei. Seit dem Sturze Napoleons (1814) verfocht Rom in seinem Verhältnisse zu den weltlichen Regierungen den Grundsatz einer auf das Theilen der Interessen gegründeten Herrschaft. Unter dem Vorwande, ein freies Nationalbisthum errichten zu wollen, wurde die Schweiz durch die Bemühungen des päpstlichen Nuntius 084 Katholicismus in der neuesten Zeit vom Bisthume Konstanz (1813) getrennt. Nach Dalberg's Tode (1817) wurde Wessenberg in mehren Breven von Rom gemishandelt und verworfen. Schon .1814 hatte Pius VII. durch die Bulle Zolticitucko nostru die Jesuiten (s. d,), als „eine der Frömmigkeit aufhelfende Gesellschaft", aufs Neue eingesetzt. Wie groß der Einfluß der ultramontanen Partei in diesen retrogaden Bewegungen war mag man aus dem Umstände ersehen, daß dem ehrwürdigen 81jährigen Greis/, dem berühmten Gregoire, von dem Erzbischofe von Paris, Grafen von Queloh die Sterbesacramente, das kirchliche Begrabniß und die Gebete nach dem Tode verweigert wurden, weil er den Eid auf die bürgerliche Verfassung der Kleriker abgelegt hatte. Diese Handlung war nach des Erzbischoss Ausdruck eine kirchliche Spaltung und eine Amtsanmaßung. Am Rande des Grabes schrieb Gregoire an den Erzbischof von Paris die bedeutungsvollen Worte: „Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß die Religion in Frankreich durch die Schuld des Klerus ihrem Untergange entgegengeht; seine Spaltung seit der Nestauration, die feierliche Einführung eines für alle unsere Freiheiten gefahrlichen Ordens, die Versuche, die Ci- vilisation zurückzuschrauben, anstatt ihre Fortschritte zu fördern, der Fanatismus und die Unwissenheit des jungen Klerus — das sind die eigentlichen Wundmale der Religion." Umsonst hatte der sterbende Gregoire gebeten. Der vom König ernannte Bischof von Beauvais, Grillon, hatte sich entschlossen, die kirchlichen Handlungen zu verrichten. Als er hörte, wie sehr Rom seinen Schritt tadle, erklarte er laut: „Wenn Rom diesen Schritt gemisbilligt hat, so ist die Sache am Ende; ich erklare, daß ich gefehlt habe." Selbst diese Erklärung war einem französischen Jesuitenblatte nicht zerknirscht genug. Ähnliches trug sich in Paris bei dem Tode eines ausgezeichneten Mannes, des Bischofs von Rhodez, de Berthier,zu. Bekannt ist, daß man auch dem berühmten Schauspieler Talma das kirchliche Begrabniß versagte. Die Missionare der unwissenden Brüder (so nannte sich ein heiliger Mönchsorden) und der Jesuitenpartci zogen unter Karls X. Negierung in Frankreich umher. Wüthend war der Pöbel, zumal im Süden,gegen die Protestanten; nicht wenig trugen hierzu die Predigten der begeisterten Missionare bei, deren Anhänger Christus an einem mit vergoldeten Lilien geschmückten Kreuze unter abenteuerlichen Ausrufungen zur Schau trugen. Man wollte selbst das Kreuzzeichen Konstantins wieder am Himmel gesehen haben und geistliche Behörden schämten sich nicht, solche Thatsachen zu bezeugen. Die Bischöfe Frankreichs widersprachen den die kleinen Seminarien ihrer Aufsicht und alleinigen Gewalt entziehenden Ordonnanzen des französischen Ministeriums. Man schrie gegen gemischte Ehen; an manchen Orten kam es zur Thätlichkeit, deren Bestrafung die Regierung mit geringem Ernste betrieb. In der Schweiz hatten die Jesuiten begeisterte Anhänger. Auch in Deutschland wurde der Grundsatz der Herrschaft durch Theilung von Rom verfolgt. Besondere Con- cordate (s.d.) wurden mit Baiern und Preußen geschlossen und die oberrheinische Kirchenprovinz ward eingerichtet. Ein apostolischer Vicar, dessen Rechte durch die Verordnung vom 19. Febr. 1827 festgesetzt sind, übt die geistliche Jurisdiction in Sachsen. So hat sich Rom, durch Kunstgriffe aller Art seit seiner Wiedereinsetzung in den weltlichen Kirchenstaat und durch die unausgesetzten Bemühungen der Finsterlinge und Jesuiten mit und ohne Ordenskleid, in den die Geister aufregenden neuesten Revolutionen als eine scheinbar unübersteigliche Burg für die Beibehaltung des kirchlich Herkömmlichen gehalten. Allein die Regierungen sehen immer mehr ein, daß es Noth thue, mit Kraft dem Umsichgreifen einer fo leicht ins weltliche Gebiet hinüberspielenden Gewissenszwingherrschaft zu steuern. Oberaufsicht und j>lucitn wurden von den Staaten vorbehalten; die aus geistlichen und weltlichen Mitgliedern zusammengesetzten katholischen Cultministerien als Controle den Bischöfen entgegengesetzt. Die Regierungen der süddeutschen Staaten, deren katholische Unter- Kalholicismus in der neuesten Zeit 685 thanen die unter dem Erzbisthume Freiburg stehende oberrheinische Kirchenprovinz bilden, verwahrten ihre Rechte gegen etwaige Eingriffe Roms in einer besondern, am 3V. Jan. 1830 in Baden bekannt gemachten Verfügung. Alle Erlasse kirchlicher Behörden müssen, nach dieser Anordnung, selbst wenn sie rein geistliche Gegenstände betreffen, vorerst der Regierung zur Genehmigung vorgelegt werden. Die Staatsgenehmigung wird für alle papstlichen Bullen, selbst für die frühern, wenn von ihnen Gebrauch gemacht werden soll, verlangt. Alle Geistlichen stehen unter der Gerichtsbarkeit und den Gesetzen des Staats. Synoden können nur mit Bewilligung des Staats gehalten und kirchliche Streitsachen der Katholiken nicht außerhalb der Provinz geschlichtet werden. Die Taxen oder Abgaben dürfen weder von inländischen noch von auslandischen kirchlichen Behörden erhoben werden. Die Decane haben zugleich an die Regierungen und die bischöflichen Behörden zu berichten. Die Prüfung der Candidaten der Theologie zur Aufnahme in das Seminar wird von den Staats- und bischöflichen Behörden gemeinschaftlich vorgenommen. Ebenso wird durch beide Behörden die Concursprüfung der Geistlichen veranstaltet. In Sachsen muß, nach der Verordnung vom 19. Febr. 182?, der apostolische Vicar, welcher der Stellvertreter des heiligen Vaters über eine Kirche von mehr als 40,000 Seelen ist, dem Landesfürsten den Unterthanen- und Diensteid schwören; auch darf er ohne landesherrliche Genehmigung keine Verordnung bekannt machen. *) Das freie Streben der verständigem Katholiken verfolgte in der Neuzeit mit Much und Beharrlichkeit sein Ziel, eine deutsche Nationalkirche, bei der man den emser Congreß, den frankfurter Verein und die aschaffenburger Con- cocdate vor Augen hatte. Die auf den Hochschulen zu Bonn, Breslau und Tübingen neben einander befindlichen katholischen und protestantischen Facultäten waren dem sich verbreitenden Lichte in Deutschland keineswegs abhold. Die Grundsatze des gallicanischen Kirchenrechts lebten in einzelnen Männern Ostreichs fort. Man sprach von bessern kirchenrechtlichen Grundsätzen eines Episkopal- und Collegialsystems; der freie Sinn trat dem Ultramontanismus kämpfend entgegen. KarlvonRotteck schufdurch seine„Weltgeschichte" und Nessenberg durch seine kirchlichen Einrichtungen und Schriften einen geläuterten religiösen Geist im südlichen Deutschland. Mehr oder minder in solchem Geiste sind die Rituale von Werkmeister, Huber, Selmar, Pracher, Busch und Andern. Schon viel und lange hatte man von Reformen im katholischen Deutschland gesprochen; schon lange hatte Rom auch nur an die kleinsten Reformen Hand anzulegen sich geweigert. Die liberalen Katholiken, theils Weltgeistliche, theils Laien, vereinigten sich daher, entweder für eine Reform des Kalholicismus im Cultus und Cerenmnienwerk oder für die Aufhebung des jeder durchgreifenden Reform im Wege stehenden erzwungenen Priestercölibats. Ein freisinniger katholischer Geistlicher, Thaddäus Dereser, früher Lehrer an der Hochschule zu Freiburg, nachmals Domcapitular und ordentlicher öffentlicher Professor zu Breslau, der 1827 starb, verpflanzte diesen Geist febronianisch-gallicanischer Grundsätze und das Streben nach einer eingreifenden Reform in der katholischen Kirche unter die jüngere Geistlichkeit Schlesiens. Merkwürdig ist in dieser Beziehung die Bittschrift katholischer Geistlichen in Schlesien an den Fürstbischof von Breslau um Reform des katholischen Cultus, unterzeich- *) Auf welcher Stufe der Eultur übrigens die dortigen apostolischen Vicarien mitunter in neuerer Zeit standen, sieht man aus einem von dem apostolischen Wiche vor 18l8 verfaßten Gebetbuche, worin die Stelle vorkommt: „Unser Glaube ist Ruhe der Vernunft." In einer philosophischen Schrift finden sich von der Hand desselben Vicars die Randglossen: „Kapiontos sidi vis, swlti l'actl sunt", und ,.Kant, Fichte, Schelllng sind alle Lumpen und Esel". (S. „Stimmen aus der Acholischen Kirche Deutschlands", 1830, Heft 1, S. 36.) 686 Katholicismus in der neuesten Zeit net Falkenhain bei Schönau am 2. Febr. 1826. Mehre Geistliche Schlesiens verlangten von ihrem Bischöfe, von den Gemeinden unterstützt, außer der Umänderung des Cultus, eine Aufhebung des Cölibats. Das Verderbniß der katholischen Kirche Schlesiens wird in der Schrift: „Die katholische Kirche Schlesiens" (Altenburg und Leipzig 1824), und das Unheil, das aus dem Cölibate für die reine Sittlichkeit und echte Religiosität erwuchs, in ebenso treuen als ergreifenden Zügen in der von den freisinnigen Brüdern Theiner verfaßten lesenswerthen „Geschichte des Cölibats" (3 Bde., Altenburg 1828) geschildert. Auch in Brasilien kam dieser Gegenstand zur Sprache. In Baden verfaßten die Professoren Zell und Amann zu Freiburg die „Denkschrift für die Aufhebung des Cölibats" (Freiburg 1828), mit drei Actenstücken, welche Bittschriften an den Großherzog, den Erzbischof und die Standeversammlung enthalten. (S. Cölibat.) Bekannt ist der auf die wiederholte Bitte eines durch Geistliche unterstützten Vereins gefaßte Beschluß der hochherzigen zweiten Kammer der badischen Standeversammlung von 1831: die Regierung um die baldige Einberufung einer Synode dringend zu bitten, auf welcher nebst andern kirchlichen Angelegenheiten vorzugsweise die Sache des Cölibats verhandelt werden solle. Immer mehr befestigte sich durch Amann's kraftige Mitwirkung der zu diesem BeHufe gestiftete Verein. In Wür- temberg, zumal in Ehingen und Rotweil, vereinigten sich die tresslichsten Manner des geistlichen Standes (unter ihnen der edle Veteran und Vertheidiger Nessenbergs, Fridolin Huber) zu diesem Zwecke. Eine besondere Vereinigung katholischer Geistlicher im Trierschen beschäftigte sich mit Entwürfen kirchlicher Reformen. Erst kürzlich (1832) übergab das Capitel Ossenburg in Baden dem Erz- bischofvon Freiburg gedruckte Vorschläge zu zeitgemäßen Reformen. Jeder Diö- cese wurden von dem Capitel zwei Exemplare mit der Einladung zum Beitritte zugestellt. Die Gegenstände sind die Sorge für einen entsprechenden Katechismus, die Einführung der Muttersprache bei allen gottesdienstlichen Verrichtungen, Abschaffung der Stolgebühren gegen billigen Ersatz, Zurücknahme der Fastengebote, Verlegung der Feiertage, Ausrüstung der Capitelsconvente und Decane mit umfassenderer Vollmacht, Herstellung des Synodalwesens, Befugniß der Priester, sich zu verehelichen, wenigstens unter Verzichtung auf den priesterlichen Verband. Die freiem Ansichten des gallicanischen Kirchenrechtes wurden, während diese Vereine sich gestalteten, von mehren Theologen der katholischen Kirche, Graz, Huber, Pflanz, Lcrchenmüller, Theiner, Feilmoser, Hirschen, und dem seit 19. Febr. 1832 zur protestantischen Kirche übergetretenen v. Reichlin-Meldegg, sowie unter den katholischen Laien von Alexander Müller und Ernst Münch vertheidigt. Carove verfolgte in seinen Bekämpfungen der katholischen Kirche seinen eignen Weg. Der Katholik Karl von Rctteck sagt über die Zahl der liberalen Katholiken und ihre eigentlichen Gesinnungen in seiner „Allgemeinen Geschichte": „Der Inhalt der 95 Sätze, ja selbst der meisten spätem Lehren Luther's, ist von der Art, daß heutzutage alle verständigen Katholiken theils laut, theils wenigstens im Stillen sich gleichfalls dazu bekennen, und es würde, falls die Anmaßungen Roms und das Verderbniß der Kirche heutzutage noch die frühem waren, ein in seinem Geiste auftretender Reformator des Beifalls von neun Zehntheilen der Katholiken versichert sein." Die Reformationsvorschläge der gegen den Ultramontanismus auftretenden deutschen Katholiken sind in nachstehender Schrift enthalten: „Zur Emancipation der katholischen Kirche von Rom und zur wahren Gleichstellung aller christlichen Kirchen, oder christlich-katholische Kirche Deutschlands, zusammengestellt von Chri- slianus Antiromanus" (Neustadt an der Orla 1831). Diese Schrift umfaßt folgende früher in Zeitschriften oder einzeln gedruckte Aktenstücke: 1) „Vorschläge zu Verbesserungen in der deutsch-katholischen Kirche", von Professor von Reich- Katholicismus in der neuesten Zeit 687 lin-Meldegg; 2) „Paragraphen zu einer neuen Verfassungsurkunde der katholischen Kirche, aus der Schrift: „Die katholische Kirche Schlesiens"; 3) „Grundzüge der rein katholisch-christlichen Kirche, zunächst in Sachsen und Schlesien" (Dresden 1831); 4) „Die Verfassung der deutsch-katholischen Kirche" in dem „Aufrufe an die katholische Geistlichkeit Deutschlands zur thätigen Theilnahme an der durch sie zu bewirkenden höchst nothwendigen kirchlichen Reform" (Altenburg 1831), sowie auch mehre Auszüge aus Alexander Müller's und Ernst Münch's Schriften. Viele interessante Winke über eine deutsche Nationalkirche gibt Kopp's Werk: „Die katholische Kirche im 19. Jahrhundert und die zeitgemäße Umgestaltung ihrer äußern Verfassung" (Mainz 1830). Die Stimmen der liberalen Katholiken der neuesten Zeit kommen in Beziehung auf die Reform des Katholicismus im Wesentlichen in folgenden Hauptpunkten überein. Sie verlangen, abgesehen davon, daß sie die oben auseinander gesetzten Grundsätze des gallicanisch-febronianischen Kirchenrechts vertheidigen, die Abschaffung des römischen Papstthums, des lateinischen Meßcultus, des Breviers, des jetzt üblichen Missals und Pontisicals, der Meßstipendien und Seelenmessen der übertriebenen Marien-, Heiligen- und Reliquienverehrung, der vielen Feiertage, der Fasten- und Abstinenzgebote, der Bittgänge und Wallfahrten, des Cölibats- und Klosterwesens, der Unauflöslichkeit der Ehe und der Ohrenbeichte. Sie wollen eine deutsche Nationalkirche, einen deutschen Primas, Einführung der deutschen Sprache beim Ausspenden aller Sacramente und in allen Zweigen der Liturgie, Vorlage eines neuen oerbesserten Rituals, Vertretung der deutschen Nationalkirche auf Synoden durch Laien und Kleriker, Entwurf eines zeitgemäßen Diöcesankatechismus, verständigere Einrichtungen der Land- und Stadtdecanate, sowie der Domcapitel und ihrer Stellung zu den Bischöfen und Erzbifchöfen. Manche dieser Reformatoren haben wol auch eine Vereinigung der katholischen Kirche mit der protestantischen im Auge; andere sehen ein, daß eine Menge von Einrichtungen, wie Ohrenbeichte, Meßopfer, beinahe die ganze Sacramentenliturgie mit der Aufhebung des Cölibats stürzen werde, und haben sich daher lediglich auf die Foderung der, den Grundsätzen der Vernunft, des natürlichen und positiven Staatsrechts und der Bibel gemäßen Priesterehe beschränkt. Für manche dieser freiem Foderungen, welche seit mehren Decennien unaufhörlich in Deutschland wiederholt und wahrscheinlich bis zur endlichen Gewährung fortgesetzt werden, traten in der neuesten Zeit einzelne theologische Journale als Organe der kirchlichen Freisinnigkeit in die Schranken. Zu diesen gehören vorzugsweise die unter Mitwirkung Huber's von Professor Pflanz in Rotweil redigirten „Freimüthigen Blätter"; Alexander Müller's „Canonischer Wächter"; Aloys Lerchenmüller's (Pfarrer zu Glött bei Dillingen) „Constitutionnelle Kirchenzeitung" und die „Stimmen aus dem katholischen Deutschland" (Neustadt an der Orla 1831 fg.). Über die liberale katholische Journalistik der Deutschen sagt ein ungenannter Verfasser in dem letztgenannten Werke (I.Heft, 1831) sehr richtig: „Die liberale Partei der Katholiken — ich möchte auch sagen — der katholischen Theologen Deutschlands ist nicht nach dem wirklichen Verhältnisse ihrer Stärke durch öffentliche Sprecher vertreten. Der Grund dieser Erscheinung liegt meist in der materiellen Kraft der Ultramontanen, welche theils die Pressen beherrscht, theils in Ländern, wo dem Gesetze gemäß die Preßfreiheit besteht, durch mächtige Verbindungen und gewaltsame Verfolgung liberale Sprecher zum Schweigen bringt. Ein Grund dieser Erscheinung liegt aber auch unfehlbar in der Muthlosigkeit und Feigheit vieler unserer Theologen, welche stch zwar im Innern zu freiern Grundsätzen bekennen, aber aus zu weit getriebener Besorgniß und Furcht vor der hierarchischen Welt, welche ein freies Wort nicht vertagt, jede Äußerung derselben scheuen." In der Schwei; gelang es den päpstlichen Nuntien nie ganz, die schweizerische I ßl 688 Katholicismus in der neuesten Zeit Kirche als eine Magd an die Interessen der römischen zu ketten. Der Metropoli- tanverband mit der gallicanischen und deutschen Kirche und die aus dem echt religiösen Sinne und der Freiheitsliebe der Schweizer hervorgegangenen Garantien gegen papstliche Despotie boten stets eine machtige Schutzwehr gegen Nacht und Usurpation dar. Die pseudoisidorischen Decretalien verloren mit dem Sturze der Jesuiten (1773) großentheils ihr Ansehen in der theologischen Welt. Eine neue Verfassung erhielt die Schweiz 1798 durch die politische Umwälzung der in der französischen Revolution entstandenen Mediationsacte. Gestürzt wurden die Aristokratien und die engherzigen Ansichten von einem beinahe als göttlich geltenden Unterschiede zwischen regimentsfähigen und dienstbaren Classen. Der Grundsatz von der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze ward ausgesprochen. Die schönen Früchte liberaler politischer Institutionen zeigten sich besonders auch im Gebiete der Kirche, zumal im Bisthume Konstanz durch Dalberg's und Wessenberg's ausgezeichnete Verwaltung, vornehmlich durch das erste, aus eine freisinnige Grundlage gebaute französische Concordat von 1801. Uber das Bemühen dieser edeln Manner für Erweckung eines andern kirchlichen Geistes in der Schweiz, welchen nachmals seit 1813 die Nuntien mit so glücklichem Erfolge zu ultramontani- siren versuchten, sagt der umsichtige Verfasser der „Pragmatischen Darstellung der .Bisthumsverhandlungen in der Schweiz seit 1813 und der progressiven Usurpation der römischen Curie" („Allgemeine Kirchenzeitung", 1829, Nr. 52): „Mit den Grundsätzen dieser Verfassung (der Mediationsacte), eines Werkes der Aufklärung und Humanität, das schnell in allen Zweigen der Cultur, besonders in dem öffentlichen Erziehungswesen, neue Lebenskräfte entwickelte, stand die bischöfliche Verwaltung jener zwei Seelenhirten (Dalberg's und Wessenberg's) von seltener Vortrefflichkeit in dem vollkommensten Einklänge; denn diese Verwaltung beruhte ganz auf den Principien des neuen Kirchenrechts (nach welchem man den Lügencodex des Jsidorus und die Canones der alten christlichen Kirche, die römisch-papistische und die katholisch-christliche Klerisei unterschied), das gleichfalls ein Werk der Humanität und Aufklärung war. So wurden denn durch Übereinkünfte zwischen den schweizerischen Regierungen und dem bischöflichen Stuhle zu Konstanz die Verhältnisse der Staats- und Kirchengewalt nach jenem Codex (der neuen Gesetzgebung) durchaus bestimmt geordnet, der Cultus wurde veredelt, die Liturgie und Rituale von dem Roste alter Barbarei gereinigt, die Verhältnisse beider Confessio- ncn in den paritätischen Cantoncn nach dem Geiste christlicher Liebe und echter Humanität geordnet und zwischen beiden Neligionsparteicn der vorher unbekannte Friede mit allen seinen Segnungen gepflanzt." Dieser edle Geist eines bessern katholischen Kirchenthums hat, ungeachtet aller Bestrebungen der römischen Curie und ihrer Crea- turen, indiesemLande immer seine Freunde und Anhänger gehabt, und hat sie seit der veränderten politischen Lage der Dinge in der neuesten Zeit in einem größern Maße gefunden. Daß die römische Curie, welche seit dem 14. Jahrhundert auf keine rechtliche Foderung des deutschen Volkes in Beziehung auf eine Nationalkirche Rücksicht genommen hatte, sich solchen Bestrebungen der Liberalen entgegensetzen mußte; daß schüchterne und ängstliche Bischöfe und Erzbischöfe, durch die Schicksale eines Dalberg und Wessenberg belehrt, im Sinne ultramontanischer Grundsätze verfuhren, daß die, seit 1814 in Frankreich, Deutschland, in der Schwei; und Ostreich thätigen Jesuiten und jesuitischen Laien zur Herbeiführung des kirchlichen Absolutismus alle ihre Kräfte aufboten; daß bei dieser Partei, weil ihr der verwerfliche Zweck klar vorschwebte, die successive, planmäßige Ultramontanisirung der Welt und die Zurückführung der Zeit Gregors Vis., eine größere Consequenz gefunden winde, während sich die Liberalen in Dem, was sie wollten, bei allem ehrlichen Treiben zersplitterten; daß Furcht, Habsucht, Aberglaube und Gefühlsreli- Kaiholicismus in der neuesten Zeit 689 gion der Hierarchie eine große Anzahl von ustramontanischen Anhängern aller- wärts gewinnen mußten, stand zu erwarten. Eine Partei der Freunde religiöser Nacht in Deutschland stellt sich gerade den Liberalen gegenüber, die römische, ultramontane; eine andere dagegen spricht von einer Kirche in der Idee und in der Erscheinung, sie geht über die Misbrauche und Anmaßungen Roms hinweg, indem sie Rom in der Idee erfaßt; es ist dies die Partei, welche sich zwischen den UUras und den Liberalen zu halten sucht, aber mit beiden verdirbt. Beide Parteien, die entschiedenen Absolutisten und die AnHanger des juste rnilieu, finden in Journalen Deutschlands mehr oder minder kampflustige Vertreter. Für absoluten Ultramontanismus erheben sich der „Religionsfreund" und die „Athanasia" des 1>r. Benkert in Würzburg; Göschl's in Aschassenburg „Kirchenzeitung"; des Domherrn Pietz in Wien „Zeitschrift"; Dittersdorfs „Katholische Zeitung"; „Der Katholik" von Weiß in Speier; die „Literaturzeitungen" von Besnard und Kerz. Ein Mittelding von ultramontaner und pseudoliberaler Richtung ist das Glaubens- bekenntniß mancher gelehrten katholischen Theologen in der Neuzeit. Solchen halbultramontanen Ansichten huldigen die seit 1,838 durch Redactionswechsel umgestimmte tübinger „Theologische Quartalschrift"; die von dem früher freisinnigen Domherrn Hug redigirte „Zeitschrift für die erzbischöfliche Diöcefe Freiburg", welche den Cölibat in Schutz nimmt und sich durch unwürdige Ausfalle auf Paulus in Heidelberg auszeichnet, und Jakob Sengler's jetzt eingegangene „Kirchcn- zeitung für das katholische Deutschland". Das Erscheinen solcher Zeitschriften, sie mögen dieser oder jener Faction angehören, steht überhaupt in manchen Staaten mit der Zahl der katholischen Bevölkerung in gar keinem Verhältnisse. So erscheinen in Baiern, welches mehr als 2 Millionen Katholiken zahlt, 9, in Preußen bei mehr als 2 Millionen deutscher Katholiken 3, in Ostreich aber, bei fast Ii) Millionen, nur eine. Auch die zum Ultramontanismus mitunter hinneigenden geistlichen Behörden finden sich oft in einem seltsamen Widerspruche mit den Grundsätzen ihrer freisinnigen Regierungen. Der Erzbischof von Freiburg hat drei Hirtenbriefe (1832) erlassen, gegen den Verein für Aufhebung des Cölibats und gegen alle Geistliche, welche sich für die Aufhebung dieses Instituts zu erklären gedenken, gegen den zur protestantischen Kirche übergetretenen Freiherrn von Reichlm- Mrldcgg in Heidelberg, worin er von dem Ubergetretenen sagt, er habe sich an Diejenigen angeschlossen, „die an dem Glauben Schiffbruch gelitten", und gegen die bescheiden und schüchtern geäußerten Neformationsvorschlaae des Capitels Offm- burg, ch Eine wirksame Waffe für den Obscurantismus ist wo! die, den kirchlichen Äehörden über die literarischen Werks der Geistlichen besonders zustehende Censur. Zn den östreichischen Staaten besteht seit mehren Jahren, nebst der mit aller Strenge von Seiten des Staats gehandhabten Censur, auch eine bischöfliche für >slie Schriften geistlichen Inhalts. In Preußen üben dieses Amt mehre Bischöfe. Das katholische Consistorium zu Dresden (immer zweckmäßiger, als wenn dieses siecht nur ein einzelner Bischof hätte) hat die Censur aller im Königreiche Sächsin scheinenden katholischen Schriften durch die Verordnung vom 19. Febr. l>dZ7.") Der sonst in mancher Beziehung helldenkende Bischof von Main; hat eine Trocknung über Errichtung einer bischöflichen Censur von.» 18. Mai 1830 erlassen, welche verfügt, daß die Schriften theologischen Inhalts, welche von Geistlichen, die Bisthume für die Scelsorge angestellt sind, oder sich zu diesem Ende darin aussen, herausgegeben »Verden sollen, vor dem Druck dem bischöflichen Ordinariat S. „Allgemeine Kirchenzeitung", 1833, Nr. Z7. ^ ^, eine Verordnung von 1807 war bereits die Censur katholischer Schrif- ibl'n ^ ^ojrolischcn Vicar zugetheilt worden. S, „Actmstücke und Verordnungen Verhältnisse der katholischen Glaubensgenossen im Königreiche Sachsen, an dem posener Frieden" (Dresden 1831». D. Red. . '0nv.-?ex. der neuesten ^s-'t und Literatur. Ich 44 690 Kacholicismus in der neuesten Zeit zur Genehmigung vorgelegt werden müssen, wie auch solche Schriften theologischen Inhalts, welche bereits mit oder ohne Approbation erschienen sind, wenn sie wieder neu aufgelegt werden. Wenn auch von der Censur aufgeklärterer Männer weniger zu fürchten ist, so ist es doch bei dem Verwerflichen einer solchen Maßregel überhaupt für die Zukunft gut, daß Professoren, die nicht in der Seelsorge angestellt sind, keinem solchen Geisteszwange unterliegen. Der Bischof Emanuel von Schimanski in Breslau spricht in einem Hirtenbriefe vom 25. Jan. 1832 über die geistlichen Freunde der Aufhebung des Cölibats zu den Klerikern seiner Diöcese: „Wir crmahnen euch aufs Neue und wiederholt, daß ihr euch vor dem Umgange mit Frauen, selbst mit ehrbaren und frommen, hütet (u mullermn etinm ünuetta- ium vel piarum, conversatione vosiis euveatis), und immer vor den Augen habet, was heilige Vater sagen: „Viele sind in diesem Schlünde elend zu Grünte gegangen" (multi in Fui-Ait« vastc» perieruitt). Viele schreiben den Verfall der Sittlichkeit dem Gesetze der Enthaltsamkeit zu, welches sie auf alle Weise bekämpfen und dessen Aufhebung sie durch Gewalt der Obrigkeit oder durch die Stimme der Volker durchfetzen wollen. O der zügellosen Lüste, die man rund zu thun sich nicht scheut! O der Unsinnigen, welche die Glut durch Anwendung des Feuers zu tilgen wähnen!" In Baiern zeigen sich in manchen Orten ultramontane Bewegungen. Pfarr- vicar Lutz zu Karlshuld auf dem Donaumoose wurde plötzlich und gewaltsam von seinem Posten entfernt (24. Jan. 1832); mehre Mitglieder der Gemeinde gingen zur protestantischen Kirche über. Aloys Lerchenmüller wurde in demselben Iabre von seinem Pfarramte suspendirt, weil er deutsch nach Wessenberg's Ritual taufte, einige Rosenkränze nicht mehr beten ließ, deutschen Kirchengesang einführte und für den Verein zur Aufhebung des Cölibats thatig war. Der Pfarrer Königsder- ger zu Schönfeld bei Ampsing wurde durch das erzbischöfliche Generalvicanat zu München am 29. Mai 1832 von der Ausübung seiner Weihe suspendirt. Man warf ihm neologe, unstatthafte Grundsatze und Bekämpfung „des heiligen Cölibats" vor. Nach dem Concordate Roms mit Beuern von 1817 sollten einige Klöster daselbst eingeführt werden; aus diesen einigen wurden in der neuesten Zeit 40 Klöster und Hospitien, darunter solche der Benedictiner, Capuzinsr, Franziskaner, Carmeliter u. s. w. In Frankreich hatte zwar die Juliusrevolution den Einfluß der Jesuiten und der Hierarchie geschwächt und einen großen Theil dieses verderblichen Einflusses beinahe ganz beseitigt, allein noch steht der Volksun- Lerricht in Frankreich im Vergleiche mit Deutschland aus schwachen Füßen, und es ist zu erwarten, ob Cousin's Reisen und Berichte über Deutschland zu einem bessern Resultate führen, noch ist der Einfluß und das Ansehen der französischen Geistlichkeit, sowie die Unwissenheit des jungen Klerus, groß, und der Bischof von Evreux erklarte noch nach der Juliusrevolution bei Ankunft der Cholera in seiner Diöcese in einem öffentlichen Erlasse: „Gott hat es gefallen, die Schätze seines Zornes für Frankreich zu öffnen." Hohenlohes Wundercuren seit 1821 in Baiern und Ostreich sind bekannt. Zu Wien erscheinen in neuester Zeit Bücher, deren Geist und Tendenz man schon aus den Titeln zur Genüge ersieht, wie „Die Religion und das Königthum, verfolgt in den Jesuiten" (Wien 1830); „Die Wanderschaft einer Gott suchenden Seele allhier im Thranenkhale, oder der Palast der Wissenschaft des Heils, eine allegorisch-moralische Erzählung in 19 Capiteln von Alexander Fürsten von Hohenlohe"; „Bericht und Betrachtung vom Mariani- schen Gnadenbilde, Maria Heil der Kranken, dessen IWjahriges Jubelfest bei den Franziskanern zu Enzersdorf, am 8. Sept. 1830, durch 8 Tage feierlich begangen wird, mit auserlesenen Gebeten, verfaßt von einem der göttlichen Mutter vielfach verpflichteten Priester" u. s. w. In den Niederlanden hat zum Theil das Streben einer biaoten Pfassenvattei der belgischen Revolution und den aus ihr hervoraegan- KatholicismuK in der neuesten Zeit 69 l MM P »ff'' genen Resultaten einen traurigen Charakter gegeben. Die weisen Maßregeln der niederländischen Regierung, in Bezug auf die Einrichtung der von geistlicher Awingherrschaft unabhängigen philosophischen Collegien, war in den Augen der belgischen Geistlichkeit ein Verbrechen. In den südlichen Staaten Europas kann wol bei dem Stande der Kirche und des Klerus von keiner Reform die Rede sein. In der neuesten Zeit sucht Don Miguel geistliche Waffen im Kampfe der Usurpation und des Absolutismus gegen seinen Bruder durch Wiedereinführung der Jesuiten. In der Schweiz gelang es den Bemühungen der Nuntien, diese von dem Bischume Konstanz zu trennen. Man sprach mit den freien Schweizern von Errichtung eines Nationalbisthums, während man ohne ihr Wissen und Wollen eine Theilung der Bisthümer Chur, St.-GaUen, Como, Sitten, Lausanne und Basel durchsetzte. Die römische Curie selbst blieb sich consequent in de? Verfolgung der Zwecke einer selbstsüchtigen, auf Unwissenheit und Aberglauben gegründeten Hierarchie. Nach der Wiedereinsetzung der Jesuiten folgten Hirtenbriefe, welche nichts weniger als kirchliche Reformen bezweckten (1814 —18) und zum Theil Schmähungen auf die als ketzerisch angesehenen Prälaten Dalberg und Wessenberg enthielten; man wollte, wie Consalvi's Noten beweisen, selbst den Adel wieder ausschließend in die Domstifte einführen und für seine reichlicher zu dotirenden Pfründen keine andere Beschäftigung als das Absingen der Vesper verlangen. Die niederländische katholische Gemeinde von Utrecht, Harlem und Devcnter mit einem Erzbisthume und zwei Bisthümern, welche über ein Jahrhundert, ohne die mindeste Abweichung von dem katholischen Lehrbegriffe, bloß deswegen von Rom für ketzerisch und schismatisch gehalten wird, weil sie eine von frühern Päpsten nicht bestätigte geistliche Behörde hat, wurde vom Papst Leo Xll. wiederholt in den Kirchenbann gethan. Canomsationen von Heiligen und Seligen wurden unter Pius Vis., Leo XII., Pius VIII. und Gregor XVI. vorgenommen. Gregor XVI. erließ einen Hirtenbrief (15. Aug. 1832) an alle Patriarchen, Primaten, Erzbi- schöfe und Bischöfe der katholischen Christenheit, welcher in den stärksten Ausdrücken die Gewährleistung der Gewissensfreiheit, die Preßfreiheit, die Volksversammlungen, die Vereine, worin an allen Orten von Freiheit gepredigt, zu Verwirrung in Kirche und Staat aufgereizt und das Ansehen der Behörden zernichtet wird, die Frechheit und Gottlosigkeit Derjenigen, die nur darauf ausgehen, alle Rechte der Regierungen zu untergraben, verdammt. Der Papst gebraucht in diesem Erlasse den Ausdruck: „Die Akademien und Gymnasien widerhallen gräßlich von neuen und unerhörten Meinungen" (personuut üorrencliun in nwclum nca- llemioe ae nvvis opinionnm monstris). Die Geistlichen sollen nach diesem Hirtenbriefe ihre Stimme erheben, damit der aus dem Walde hervorgekommene „wilde Eber" (die Professoren an den Universitäten) den Weinberg des Herrn nicht verwüste. Die Bischöfe sollen eine Mauer gegen die Zudringlichen bilden und Nichts in Ehesachen zugeben, was den canonischen Verordnungen zuwider ist. Der Papst erließ schon früher (3. Mai 1832) ein Sendschreiben an alle Bischöfe und Erzbischöfe Baierns, worin er alle gemischte Ehen geradezu als sündhaft verwirft, und ihre Einsegnung nur im Falle der Abwendung eines größern Ärgernisses oder der Anwendung gewisser Vorsorgmittel, insbesondere nach allem vergeblichen Abrathen des Geistlichen, erst nach dem feierlichen Gelöbnisse des einen nicht katholischen Theils, alle Kinder katholisch erziehen zu wollen, den Priestern erlaubt. „Ihr werdet daher", sagt er in diesem Rundschreiben, „die Gläubigen erwähnen , ernsthaft zu überlegen, was für einer schweren Beleidigung gegen das höchste Wesen sie sich schuldig machen, und wie grausam sie gegen sich und ihre künftigen Kinder handeln würden, wenn sie durch muthwillige Eingehung gemischter Ehen sich und ihre Kinder der Gefahr der Verführung überliefern. Damit übrigens die Größe dieser Gefahr um so eindringender erscheine, so werdet ihr sie an 5 . WÄ Kausler die heilsamen Ermahnungen der Apostel, der Kirchenvater, der Canones erinnern welche darin bestehen, daß man die Gefahren eines vertraulichen Umganges mit Ni-chtkatholiken vermeiden müsse." Sogar die Ertheilung des Ledigscheins und die Promulgation von der Kanzel werden in diesem papstlichen Breve den Geistlichen verboten. In demselben Jahre erschien ein papstlicher Erlaß an die Geistlichkeit Polens, worin die ganze Nation der Polen ohne Unterschied mit einer Rotte von Aufrührern und Meineidigen verglichen, zum unbedingten Gehorsam gegen die bestehende Regierung auf das strengste aufgefodert wird. Der Papst belegte mit einer rein geistlichen, folglich durchaus nicht zu weltlichen Zwecken anwendbaren Strafe, der Excommunication, alle Diejenigen, welche den Ruhestand von An- cona und die Verletzung des Patrimoniums Petri veranlaßt oder wider die papstlichen Truppen die Waffen ergrissen hatten. Gegen die ebenso verstandigen als rechtlichen Feststellungen der vereinten Regierungen des südlichen Deutschlands, deren katholische Districte die neue oberrheinische Kirchenprovin; bilden, erschien schon am 20. Iun. 1831 ein päpstliches Breve. Der Erlaß der vereinten Regierungen wird darin „ein Scandal der Neuerungen" genannt. Er ist, nach dem Ausdrucke des Schreibens, hervorgegangen aus falschen und irrigen Grundsätzen. Die Feinde der katholischen Kirche, heißt es, sind darin gegen die gesunde Lehre und die Verfassung der Kirche, selbst auf eine schlaue Weife und mit unerlaubtem Bemühen zu Werke gegangen. („Stimmen aus dem katholischen Deutschland", 1830, Heft 2.) Dies sind die Bestrebungen und Grundsatze der ultramontanen und der freisinnigen Katholiken. Die Zukunft wird lehren, welche von beiden Parteien obsiegen werde. Aber mögen sich auch in einzelnen größern oder kleinern Zeitkäufen Finsterlinge und Freunde kirchlicher Despotie siegreich erheben, nimmer wird durch sie das Streben nach Wahrheit und Recht vernichtet, ewig wie die Ideen der Wahrheit und des Rechts, der Ausflüsse einer unendlichen Gottheit, deren wohl- thuendes Walten der Bekenner einer jeden auf verstandiges Erkennen und richtig geleitetes Gefühl gebauten Religionslehre fühlen muß. (77) Kausler (Franz von), würtembergischer Major im Generalquartiermei- sterstabe, wurde 1794 zu Stuttgart geboren, und nachdem er seine erste Bildung im Gymnasium und im Cadetteninstitute daselbst erhalten hatte, 1811 zum Lieutenant in der Artillerie ernannt. Er nahm 1812 an dem Feldzug in Rußland Theil und erwarb sich in der Schlacht bei Mosaisk den würtembergischen Mili- tairverdienstorden. Im Feldzuge 1813 war er in allen Schlachten, in welchen die würtembergischen Truppen fochten, und wurde 1814 in der Schlacht bei Mon- tereau gefahrlich verwundet. Schon hatte man beschlossen ihm das Bein abzunehmen, als er, zum Bewußtfein erwacht, sich mit Nachdruck dem Ausspruch der Ärzie widerfetzte. Nach einem halben Jahre war er vollständig wiederhergestellt, und machte auch den Feldzug von 1815 mit. Wahrend dieser Zeit war er aufgerückt, und wurde 1817 Hauptmann erster, 1825 zweiter Classe, und 1829 Major mit Beibehaltung seiner 1822 erhaltenen Anstellung im Generalquartiermeisterstabe. Außer einigen Übersetzungen militairischer Werke, unter welchen sich die „Darstellung der militairischen Begebenheiten von 1799 —1814", von Matthieu Dumas (5 Bde., Stuttgart 1820—25) auszeichnet, erwarb er sich auch einen selbständigen Ruf in der kriegswissenschaftlichen Literatur. Anfanglich gemeinschaftlich mit dem würtembergischen Oberstlieutenant von Breithaupt, später allein gab er seit 18 !9 die „Zeitschrift für Kriegswissenschaften" heraus, wovon 18 Hefte erschienen sind. Von vorzüglicher Wichtigkeit aber für die Kriegsgeschichte sind drei einander erläuternd und ergänzend aus gründlicher Quellenforschung hervorgegangene Werke: „Versuch einer Kriegsgeschichte aller Völker" (5 Bände, Ulm 1826 —32); „Wörterbuch der Schlachten, Belagerungen und Tressen aller Keferstein 693 Völker"(4 Bde., Ulm 1826—30); „Synchronistische Übersicht der Kriegsgeschichte, der Fortschritte der Kriegskunst und der gleichzeitigen Quellen" (4 Lieferungen, Ulm 1826—30). Während das erste Werk in zusammenhangendem Vortrage die politischen Veranlassungen und die strategischen Operationen der Kriege entwickelt und allen Wendungen derselben solgt, die einzelnen Kampfe aber nur kurz erwähnt, werden diese ch dem zweiten Werke in chronologischer Ordnung ausführlich beschrieben, und in dem dritten sowol die gleichzeitigen Ereignisse der Kriege der verschiedenen Völker als auch die Fortschritte der Kriegskunst dargestellt. Diesen Leistungen schließt sich der „Atlas der merkwürdigsten Belagerungen, Schlachten und Tref-, sen" an, der aus 60 Blättern in 4 Lieferungen bestehen wird. Keferstein (Christian), geboren am 20. Jan. 1784 zu Halle, wo sein Vater als praktischer Rechtsgelehrter und Mitglied des Stadtraths lebte, wendete schon als Knabe der Naturgeschichte, besonders der Mineralogie, seine Neigung zu, und nachdem er in der Stadtschule zu Halle seine erste Bildung erhalten hatte, studirte er bis 1806 die Rechte, zugleich aber auch mit Eifer Physik und Chemie. Er ward als Auscultator bei dem Stadtgerichte seiner Vaterstadt angestellt, und seine Vorliebe für Mineralogie und Geognosie würde unter seinen amtlichen Beschäftigungen, bei dem Mangel aller äußern Aufmunterung, erkaltet sein, wenn nicht Stessens, der 1808 nach Halle kam, durch seine Vorlesungen über die Mineralogie und die innere Naturgeschichte der Erde K.'s Neigung neu belebt und ihm neue Ansichten der Natur in ihrer Gesammtheit gegeben hätte. Er unternahm seitdem mehre mineralogische Reisen auf den Harz und nach Thüringen, und war vorzüglich auch bemüht, die Umgegend von Halle geognostisch zu erforschen, wo er unter Anderm Beobachtungen über den Aluminit und den Ratin-Asphalt machte. Seit 1809 Procuraror bei dem Tribunal zu Halle, ward er durch amtliche Arbeiten so sehr in Anspruch genommen, daß er seiner Lieblingsbeschäftigung nicht viel Zeit widmen konnte, bis er bei der Wiederherstellung der preußischen Herrschaft als Iustizcommissar angestellt, freiere Muße gewann. Er faßte indeß bald den Entschluß, die juristische Laufbahn zu verlassen, und widmete sich seit 1815 ganz der Geologie und Geognosie. Nach sorgfältigen Vorstudien machte er mehre Reisen durch Deutschland, Frankreich, Italien, Ungarn, vorzüglich durch die Alpen. Der früher so heftige Streit über die Natur des Basalts vsranlaßte ihn zu nähern Untersuchungen über diesen Gegenstand, die in zwei Schriften dargelegt wurden: „Bvi-träge zur Geschichte und Kenntniß des Basalts und der ihm verwandten Massen" (Halle 1819), und „Geognostische Bemerkungen über die basaltischen Gebilde des westlichen Deutschlands" (Halle 1820). In diesen Schriften wurde gegen Wer- ner's Ansicht, welcher die basaltischen Gebilde als aus dem Wasser niedergeschlagene Flötzformation betrachtete, die Vulcanität des Basalts dargethan, die auch immer mehr gründliche Vertheidiger gewann. Je weiter er seine Reisen ausdehnte, desto mehr überzeugte er sich von dem Vedürfniß einer allgemeinen, durch petrographische Karten zu gewährenden geognostischen Übersicht. So schwierig auch das Unternehmen zu sein schien, ganz Deutschland auf diese Weise darzustellen, so entschloß er sich doch zur Ausführung desselben und bereiste 1820 das südliche und westliche Deutschland, Böhmen, Salzburg, Tirol und einen Theil der Schweiz. Nach diesen Vorbereitungen begann er 1821 seine Zeitschrift: „Deutschland, geognostisch- geologisch dargestellt", von welcher bis 1832 7 Bände zu Weimar erschienen sind und die seit dem Jahre 1826 von einer „Zeitung für Geognosie und Geologie" begleitet wird. Den meisten Heften liegen geognostische Karten und Durchschnitte bei. Wenn auch früher solche Karten von einzelnen Gegenden vorhanden waren, so wurde doch hier zuerst eine Übersicht von ganz Deutschland gegeben, der bald die Karten von fast allen andern Staaten folgten. Die Zeitschrift enthält eine Reihe von Abhandlungen, die fast alle von K. selbst herrühren und theils die Geognosie, 694 Keil theils die Geologie betreffen; in letzter Hinsicht zeichnen sich aus- eine neue Quellentheorie und eine ausführliche Arbeit über die jetzt sich bildenden Schichten- in erster Hinsicht sind bemerkenswerth die Arbeiten über die Alpen und über den sogenannten Quadersandstein, der theils dem Lias, theils dem Keuper, theils der Kreide untergeordnet wurde. K. gab 1825 die „Tabellen über die vergleichende Geognosie" heraus, wo die Formalionen von Deutschland und England in Parallele gestellt, auch die, bis dahin höchst vernachlässigten jüngern, tertiairen und actuellen Schichten besonders hervorgehoben wurden. Von einer großen Anzahl einzelner Abhandlungen mögen hier nur einige herausgehoben werden, z. B. „Aphorismen über die Braunkohlenformation" (inLeonhard's „Taschenbuch" für 1822); „Uber das Weißkupfer" (in Schweigger's „Jahrbuch" für 1823); „Uber die Ursachen der regelmäßigen Barometerschwankungen" („Isis", Jan. 1831). Keil (Johann Georg), geboren am 20. März 1781 zu Gotha, hatte auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt seine wissenschaftliche Vorbildung begonnen, als er in seinem fünfzehnten Jahre seinen Vater, der dort als Senator und Raths- cassirer angestellt war, verlor und durch häusliche Verhältnisse sich genöthigt sah, seine Studien zu verlassen, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen. Bald aber fand er, daß ihm dieser Beruf auf keine Weise zusagte, und nach einigen verlorenen Jahren zerriß er durch einen raschen Entschluß die ihn bindenden Fesseln und folgte seiner Neigung. Durch Professor Passow in Breslau und den geheimen Oberregierungsrath Schulz zu Berlin, die zu jener Zeit an dem neu gestalteten Gymnasium zu Weimar ihre Lehrämter antraten, wurde er veranlaßt, nach Weimar zu ziehen, wo ihm Beide mit Rath und That zur Seite standen. Er bezog darauf die Universität Jena, wo er sich hauptsächlich den philologischen Studien widmete. Nach Weimar zurückgekehrt, ward er an der großherzcglichen Bibliothek angestellt und ein Jahr spater zum zweiten Bibliothekar ernannt. Diese Stelle brachte ihn in Göthe's Nähe, der ihm seine Gewogenheit schenkte und ihn veranlaßte, sich mit der zu der Bibliothek gehörigen, nicht unbedeutenden Kupferstichsammlung zu beschäftigen, und so erwachte in ihm zuerst Neigung zur Kunst, die er spater Gelegenheit fand, mehr auszubilden. Schon früher hatte er die romanischen Sprachen zu seinen Lieblingsstudien gewählt und die Herausgabe einiger italienischer und spanischer Classiker besorgt, die 1805 —12 in Gotha erschienen. An diese schloß sich eine Ausgabe der „Vita nuova" und der „Rime" des Dante (Chemnitz 1820), die vorher wenig in Deutschland gekannt waren. Auch bearbeitete er eine italienische und eine spanische Sprachlehre, von welchen die erste, in mehren Lehranstalten eingeführt, 1831 zu Erfurt in der dritten Auflage erschien. Die „Spanische Sprachlehre" (Erfurt 1817) folgte seinem „Elementarbuch der spanischen Sprache" (Erfurt 1814). Eine Ausgabe der „Vista I^arillo 6e 'Ivrmes" von Hurtado de Mendoza, mit deutscher Ubersetzung, erschien 1810 zu Gotha und 1812 der erste Theil des „0lran l'acano" von Quevedo Villegas, dem jedoch der zweite nicht folgte, eine neue Ubersetzung des ganzen Romans aber wurde von ihm in der „Bibliothek klassischer Romane und Novellen des Auslandes" (Leipzig 1826) geliefert. Durch seine Verheirathung mit der einzigen Tochter des als Kaufmann und als Mensch ausgezeichneten Banquiers Löhr in Leipzig war er genöthigt, seine Stelle auszugeben, und er verließ Weimar 1814 mit dem Titel eines großherzoglichen Hofraths, um nach Leipzig zu ziehen. Hier fand er Muße, seine Studien fortzusetzen und seine Liebe zur Kunst zu nähren. Er kam in den Besitz einer von seinem Schwiegervater angelegten Gemäldesammlung, die mehre ausgezeichnete Bilder berühmter Meister aller Schulen zählte und die er bedeutend vermehrte. Dazu kam noch eine von dem Großvater seiner Frau, dem berühmten Kupferstecher Baust, angelegte Kupferstichsammlung, die außer den vollständigen Werken der bedeutendsten Meister in Burinmanier, eine große Zahl Radirungen und Blät- Keller 695 ter aus der frühesten Zeit der italienischen und deutschen Kupferstechkunft enthält. Seine erste Ausgabe der Werke Calderon's (Leipzig 1820 — 22) gedieh nur bis zum dritten Bande, dagegen besorgte er eine neue, mit größerer typographischer Sparsamkeit angelegte Ausgabe („Oiiras de v. Pedro E-dderon de!a Lurcu", 4 Bde., Leipzig 1827—30), die sammlliche Schauspiele umfaßt. DieReuI^cade- min espanolu zu Madrid ernannte ihn, als Anerkennung seiner Verdienste um die spanische Sprache, 1831 zu ihrem Ehrenmitglieds, eine Auszeichnung, die vor nun noch keinem Deutschen widerfahren war. Er trat 1828 als Capilular in das Collegiatstist zu Würzen, das ihn 1831 zum Dechantm ernannte, und 1833 ward er als Abgeordneter des Stifts Mitglied der ersten Kammer. Keller (Georg), einer der kräftigsten und muthigsten Wahrheitszeugen in der katholischen Kirche, wurde zu Ewattingen auf dem Schwarzwalde unweit des badischen Fleckens Bonndorf am 14. Mai 1760 geboren, der Sohn eines Hufschmieds, eines rechtlichen aber rauhen Mannes, dessen reizbarer Sinn, durch den Einfluß des sanften Gemüths der Mutter gemildert, auch auf den Sohn überging. Nach dem Wunsche seiner katholischen Altern zum geistlichen Stande bestimmt, besuchte er zuerst die Schule zu Villingen, die unter der Leitung der Benedictiner stand, und darauf das Gymnasium zu Freiburg im Breisgau, wo damals nach dem Fall der Jesuiten ein frischeres geistiges Leben aufgegangen war. Er begab sich später nach Wien und widmete sich mit Eifer dem Studium der philosophischen und theologischen Wissenschaften. Als er 1778 in seine Heimath zurückkehrte, trat er nach dem dringenden Wunsche seiner Altem als Novize in das Be- mdictinerstift St.-Blasien, wo unter dem gelehrten Fürstabt Martin Gerbert eine wissenschaftliche Thatigkeit sich entwickelt hatte, die K. mit dem klösterlichen Leben aussöhnte, zu welchem ihn nicht innere Neigung gezogen hatte. Die Bibliothek des Stifts bot ihm reiche Nahrung dar, und schon als Novize ward ihm das Lehramt der Philosophie und bald nachher auch der Mathematik, Diploma- rik und Münzkunde übertragen, während er von den meisten klösterlichen Andachtsübungen entbunden war. Er legte 1785 sein Gelübde ab und erhielt den Ordensnamen Victor. Nachdem er in demselben Jahre die Priesterweihe erhalten, übernahm er im Kloster das Lehramt des Kirchenrechts und der Kirchengeschichte und lebte ganz den Wissenschaften. Schon zu jener Zeit erregten seine freien Lehrvortrage Anstoß bei Finsterlingen und veranlaßten Beschwerden, gegen welche ihn der Abt Gerbert schützte, der seine Lehrfreiheit nicht beschränken wollte, aber ihm rieth, „auch ranken zu lernen, wenn man ihn packen wolle". Während seines klösterlichen Lebens sammelte er reichen Stoff zu einer Geschichte der Bisthümer Verden, Eichstädt und Augsburg und zu zwei Werken über Diplomatik und Alterthums- kunde, deren später vollendete Handschriften er der Cantonsbibliothek zu Aarau geschenkt hat. Als nach dem Tode des Abts Gerbert zu einer neuen Wahl geschritten ward, erhielt K. mehre Stimmen, wie Einige behaupten, gegen seinen Wunsch, nach Andern aber siegte sein Nebenbuhler durch die Bemühungen der Feinde K.'s, der darin eins empfindliche Kränkung gefunden haben soll. Die Folge dieser Veränderung war wenigstens, daß K. auf die zum Kloster gehörige Propste: Gurtweil geschickt ward und spater die siiftische Pfarrei zu Schluchsee auf dem Schwarzwalde erhielt, wo er einsam sich seinen Studien widmete, bis er kurz vor der Auflösung des Stifts St.-Blasien als Pfarrer zu Wieslikon im Canton Aargau angestellt wurde. Von der Cantonsregierung 1806 zum Pfarramt in Aarau berufen, trat er in ein neues Leben, und als ihm spater auch die 'Aussicht über das Schulwesen in sammtlichen katholischen Bezirken und seit 1812 von dem Bisthum Konstanz das bischöfliche Commissariat war übertragen worden, öffnete sich ihm ein umfassender Wirkungskreis, wo er im Genuß des unbeschrankten Vertrauens seiner geistlichen Vorgesetzten und von der Cantonsregierung unter- 696 Keller stützt, von seinen aufgeklarten Mitbürgern geehrt, für die Verbesserung des Unterrichtswesens und die Beförderung der Volksbildung eingreifend thätig war Ein treuer AnHanger Wessenberg's, arbeitete er im Sinne dieses trefflichen Mannes, dessen Aussaat in der Schweiz unvergängliche Früchte getragen hat, wahrend seine Bekanntschaft mit gebildeten Protestanten, das Leben unter einem mit freien Staatseinrichtungen begabten Volke und die Theünahme an den wissenschaftlichen und patriotischen Vereinen in der Schweiz seine religiösen Ansichten läuterten und seinen philosophischen Blick schärften. Sein Amt erhielt um so mehr Bedeutsamkeit, da man in ihm den Mann gefunden hatte, der durch persönliche Würdigkeit und wissenschaftliche Bildung die Achtung der reformirten Glaubensgenossen erwerben konnte, die lange gewohnt gewesen waren unter der Mehrzahl der katholischen Geistlichkeit in der Umgegend Unfähigkeit und sinstern Fanatismus zu finden, ehe von Konstanz aus ein Heller Geist einzog. K. nahm eifrigen Antheil an dem von Nessenberg gestifteten „Archiv für die Pasioralconfe- emzcn des Bisthums Konstanz", das einen Vereinigungspunkt für die höher strebenden Geistlichen bildete. Während K. in Aarau wirkte, erschienen dort die „Stunden der Andacht", anfangs in einzelnen Nummern als Wochenblatt, später (t.81ü) in Jahrgängen. Es war im wohlverstandenen Interesse des Verlegers, dm Verfasser eines Werkes, das ein allgemeines christliches Erbauungsbuch sein sollte, in einen dichten Schleier zu hüllen, um den Einfluß aller religiösen Partei- vsrurtheile zu entfernen. Diese Absicht ist auch vollkommen erreicht worden, und jener geheimnißvollen Verhüllung, dem Festhalten an den Grundsätzen des biblischen Christenthums und der vorsichtigen Umgehung aller Unterscheidungslehren der einzelnen kirchlichen Bekenntnisse, dem glücklich getroffenen Tone einer leichten, vom strengen theologischen Dogmatismus ebenso weit als von mystischer Unklarheit entfernten, asketischen Belehrung, verdanken die „Stunden der Andacht" ihre ungemeine Verbreitung unter allen christlichen Parteien zu einer Zeit, wo das durch dm Einfluß der Zeitereignisse unter dem Volke erweckte religiöse Bedürfnis Denjenigen, die für den Mysticismus nicht empfänglich waren, gerade eine solche Nahrung willkommen machte. Das Werk hat wohlthätt'q und besonders darum verdienstlich gewirkt, weil es mit der trüben Frömmelei in Gegensatz trat, aber auch unter den strengen und eifernden Symbolgläubigen aller christlichen Glau- bcnsparteien, besonders unter den Katholiken, die erbittertsten Gegner gefunden, welche die Umgehung aller positiven Satzungen als eine Begünstigung des Unglaubens brandmarkten, und in der Schrift: „Die Stunden der Andacht, ein Werk des Satans", die volle Schale ihres Zornes ergossen. Das Gerücht bezeichnete anfänglich verschiedene Schriftsteller als Verfasser des Werkes, bald den Bisthumsverweser von Wessenbcrg, der deshalb bittere Angriffe von den Röm- lingen zu erleiden hatte, bald Zschokke, bald aber auch den Pfarrer K. Es ist jetzt aus innern Gründen, der Übereinstimmung der Ansichten und der Darstellungsweise mit seinen anerkannten Erbauungsschriften, wie aus äußern mehr als wahrscheinlich, daß K. nicht nur, was er in der letzten Zeit seines Lebens selbst gestanden haben soll, mehre in dem Werke befindliche Aufsätze geschrieben hat, sondern auch der Hauptverfasser gewesen ist und der größte Theil desselben aus den von ihm gehaltenen, mit wenigen Abänderungen aufgenommenen Predigten besteht. Er schrieb auch gegen die Widersacher dieses Werkes, von welchem er stets mit der wärmsten Theilnahme sprach, einen Aufsatz: „Dankadresse des Satans an die Kritiker der Stunden der Andacht". Es war jedoch nicht sowol der ihm zugeschriebene Anthei! an diesem Werke, was ihn in vielfache Verdrüßlichkeiten mit dem päpstlichen Nuntius und den Mömlingen in der Schweiz verwickelte; sein reizbares Gemüth, seine lauten Äußerungen gegen kirchliche Misbräuchc und Voruttheile, seine freimüchigen Predigten und seine Ketter 697 Aussätze im „Archiv", regten den Haß und die Ranke der Finsterlinge gegen ihn aus. Der Wunsch, in einem noch größern Wirkungskreise zu arbeiten und dem Bisthumsverweser von Wessenberg naher zu kommen, brachte ihn 1814 dahin, seine glückliche Lage in Aarau zu verlassen und die erledigte Stelle eines Decans und Pfarrers in Zurzach zu suchen. Hier mußte er unter einem aberglaubigen Volke, unter neidischm Amtsbrüdern, die seine Rechtgläubigkeit verdachtigten, und von den Kundschaftern des Nuntius bewacht, bald seinen Entschluß bereuen, und seine Lage wurde noch schlimmer, als durch die Ablösung des schweizerischen Antheils vom Bisthum Konstanz seine Widersacher Kräfte gewannen und Mittel erhielten, ihren Haß zu befriedigen. Des Kampfes müde, übernahm er 1816 durch Ubereinkunft mit dem bisherigen Inhaber der Pfründe das Pfarramt zu Grafenhausen auf dem Schwarzwalde. Auch hier sah er sich in seinen Erwartungen betrogen. Seine Verleumder ruhten nicht und reizten selbst seine Gemeinde gegen ihn als einen Ketzer auf. In dieser Einsamkeit, abgeschnitten von dem erheiternden Umgang gleichgesinnter Freunde und vom wissenschaftlichen Verkehr, schrieb er seine „Ideale für alle Stande, oder Sittenlehre in Bildern" (dritte Auflage, Aarau 1831). Gegen seinen Willen mußte er 1819 die einstweilige Verwaltung des Decanats in feinem Sprengel übernehmen, die er bis 1820 unter entmuthi- gmden Schwierigkeiten führte. So warm fein Eifer für die Förderung des Guten war, so lag doch in dem aus der Schweiz ihm vorangegangenen Vorurtheile der Grund, daß er überall abgeneigte Gemüther und vorgefaßte Widersetzlichkeit fand. Selbst Freunde, welchen er arglos seine Ansichten mitgetheilt hatte, misbrauchten sein Vertrauen zu seinem Nachtheile. Kein hellerer Stern leuchtete ihm in Pfaffenweiler bei Freiburg, wo er 1820 Pfarrer wurde. Er bearbeitete hier nach frühern Vortragen sein „Katholiken. Für Alle unter jeder Form das Eine" (dritte Auflage, Aarau 1832), und auch dieses Werk, wie die „Ideale", erinnerte lebhast an die „Stunden der Andacht", regte aber auch die Finsterlinge zu neuen Verfolgungen auf. Die Berührung mit dem wissenschaftlichen Leben auf der nahen Hochschule mußte den Wunsch in ihm wecken, aus seinen beengenden Verhältnissen zu treten; aber sein Gesuch um die erledigte Lehrstelle der Dogmatik fand einen Berichterstatter in der theologischen Facultat, der die Belege seines ungünstigen Gutachtens aus den „Idealen" nahm, und die Negierung entschied nach dem Berichte. Die betrogene Hoffnung schmerzte ihn tief; seine geistige Kraft war gebrochen, selbst von Nahrungssorgen war er nicht frei und seine Gesundheit wankte. Im Dec. 1823 ward er plötzlich von einem Nervenleiden befallen, welches ihn so sehr lahmte, daß er Gedächtniß und Sprache verlor. Erst nach langer Zeit kam sein Sachgedächtniß allmalig zurück. Das Erste, was er wieder schrieb, waren einige Sätze, die in Styl und Schreibung und in ungewöhnlichen Wortformen das schmerzliche Ringen des zerrütteten Geistes mit dem Ausdruck zeigten. Nach einem längern Aufenthalt zu Liestall bei Basel kam er genesen, aber nicht mit völlig gekräftigter Gesundheit nach Pfaffenweiler zurück. Er blieb, wie er selber sagte, für die Welt todt, die Kraft seines Geistes abgespannt, Zu gelehrten Arbeiten unfähig. „Ich wirkte so lange es Tag war", sagt er, „nun ist um mich her schwarze Nacht. Mein Wissen und Wirken ist dahin." Vergebens wünschte der Lebensmüde in Ruhestand versetzt zu werden. Geistiges und körperliches Unvermögen war der Grund, auf welchen er seine Bitte stützte, und als sie abgewiesen wurde, führte er in einer Bittschrift an die Kirchenbehörde denselben Grund noch einmal für das Gesuch an, ihm eine Domherrnstelle zu geben. Der Tod löste seine Qualen am 7. Dec. 1827. In den letzten fünf Jahren seines Lebens beschäftigte ihn eine Reihe kleiner Aufsatze, die er „Goldenes Alphabet" nennen wollte, und bis zum Buchstaben K vollendet hinterließ. Sie bilden die unter dem Titel „Nachlaß" (2 Bde., Freiburg 1830) erschienene Sammlung 698 Kcmble und zeigen häusig die ermattete Kraft. Ein anderer auf vier Bande berechneter Theil seines Nachlasses sind „Blatter der Erbauung und des Nachdenkens" die auch den Titel: „Fortsetzung der Stunden der Andacht" (erster und zweiter Band Frei bürg 1832), führen. Kemble (Frances Anne), die Tochter des Schauspielers Charles K., ist die jüngste Zierde der berühmten Künstlerfamilie, die in ihres Vaters Bruder John K., und seiner Schwester Siddons der englischen Bühne unerreichte Muster gab. Sie hatte ihr glückliches Talent unter der sorgfaltigen Pflege und durch dm Umgang mit ihrer vielseitig gebildeten Tante entwickelt und war bereits durch geistreiche Dichtungen bekannt, als die ökonomischen Verhaltnisse des Coventgarden- theaters, an welchem ihr Vater als Miteigenthümer Antheil hatte, in bedenkliche Verwirrung geriethen. Lange hatte K. gegen das einbrechende Misgeschick, wozu 1828 auch noch die Erplosion des Gasometers kam, gekämpft, bis endlich im Sept. 1829 sein Sturz unabwendbar schien. Es war schon so weit gekommen, daß das alte, in den Annalen der englischen Schauspielerkunst berühmte Theater versteigert werden sollte. Die hohe Achtung, die K. sich erworben hatte, bewog mehre Kunstfreunde, ihm durch eine eröffnete Unterzeichnung Beistand zu leisten, und uneigennützig zeigten mehre ausgezeichnete Schauspieler ihre Bereitwilligkeit, den Fall der Kunstanstalt aufzuhalten, indem sie ihm ihre fortdauernde Mitwirkung zusagten. Dieser Beistand aber würde schwerlich allein wirksam genug gewesen sein, dem Theater seinen alten Glanz wiederzugeben, wenn nicht Fanny K., noch sehr jung und nicht für die Bühne bestimmt, in der kindlichen Liebe die Anregung zu der Entwickelung eines schlummernden Talents gefunden hatte. Nach der Wiedereröffnung der Bühne im Ott. 1829 trat sie zum ersten Male in „Romeo und Julie" auf. Ihr Vater spielte den Mercutio, ihre Mutter, schon lange von der Bühne zurückgezogen, die Lady Capulet. Die Erwartung der neuen Erscheinung und das günstige Vorurtheil, das der edle Beweggrund ihres Auftretens erwecken mußte, hatten ein gedrangt volles Haus versammelt. Fanny K. feierte den glänzendsten Triumph und wiederholte bis zum Jan. 1831 die Rolle der.Julie 30 Mal nach einander. Man bewunderte in ihrer Darstellung vorzüglich drei Momente: ihre Kälte gegen Paris, als sie ihn in des Mönchs Zelle findet; der Unwille, mit welchem sie den Rath ihrer Amme abweist, Romeo aufzugeben, und die Katastrophe in der Gruft. Nicht minder ausgezeichnet war sie im Laufe der ersten Theaterzeit in andern Rotten, wie Belvidera in „Vemce preserveck", Frau Beverley in ,,'1Re gumester", Frau Haller (Eulalia) in „3 de strunger" und Calista in Rowe's „?air pemteut", nach dem Urtheile einiger Kunstrichter neben Julie ihre glänzendste Leistung. Ihren Anstrengungen verdankte das Theater seine Wiedererhebung, und ihre große Tante genoß noch, ehe sie am 8. Jun. 1830 starb, die Freude, den Ruhm der jungen Künstlerin, die in einigen Rollen an sie erinnerte, gegründet zu sehen. In den Jahren 1831 und 1832 gab Fanny K. noch mehr Gelegenheit eine Vergleichung anzustellen, indem sie als Katharina in „Heinrich VUl." und als Lady Macbeth, den beiden Meistcrrollcn ihrer Tante, auftrat. Eine reizende Gestalt, ein schönes geistreiches Gesicht, eine herrliche Stimme, sind ihre physischen Mittel; tiefes geniales Eindringen in die Absicht des Dichters, Natürlichkeit des Spiels und eine seltene Sicherheit schon in ihren ersten Rollen, als ob sie die Bühne durch Intuition gekannt hätte, die Mittel, durch welche sie jede Darstellung eindringlich macht. Ihre Stärke aber liegt im Ausdruck stürmischer Gemüthsbewcgungen, in dem Ausbruche der Leidenschaft und in der furchtbaren Ruhe, die ihm vorhergeht; in diesen Momenten wetteifert sie mir ihrer Tante, und obgleich weniger als diese mit physischen Mitteln für die Rolle der Lady Macbeth begabt, übertraf sie auch hier jede Erwartung. Weniger befriedigt sie in rührenden, zärtlichen Stellen, wo sie, weil sie sehr langsam spricht und Körner 699 W ihrer klangreichen Stimme zu wenig Abwechslung gibt, oft einen monotonen, re- citativartigen Ausdruck hat und schwach wird, statt pathetisch zu sein, wie in ihrer Katharina. Sie erhöhte ihren künstlerischen Ruhm durch ihr dramatisches Werk: ^?rsucis ttie tust, UN distorica! twumu" (London 1832), das im Marz 1832 in Coventgarden aufgeführt ward, und bei einigen Mangeln in der Anlage das Studium Shakspeare's in lebendiger Charakterzeichnung und kraftiger Sprache zeigt. - Kern er (Iustinus) wurde den 18. Febr. 1786 zu Ludwigsburg in Wür- temberg geboren, wo sein Vater Regierungscath und Oderamtmann war, und erhielt in der dortigen lateinischen Schule und im Kloster Maulbronn den in seinem Vaterlande gewöhnlichen elastischen Unterricht. Nach dem Tode des Vaters sollte er gegen seinen Witten sich dem Kaufmannsstande widmen und wurde in eine Tuchfabrik zu Ludwigsburg gethan. Den geisttötenden Beschäftigungen, zu welchen er dort zwei Jahre lang angewiesen war, suchte er durch Einkehr in sein Inneres zu entgehen und dichtete wahrend des Nahens von Tuch- und Wollsacken Lieder und andere Poesien, die er in spaterer Zeit alle als schmerzliche Erinnerungen vernichtete. Aus dieser drückenden Lage wurde er hauptsachlich durch Theilnahme und Rath des damals zu Ludwigsburg als Prediger lebenden Dichters Eon;, dem er häufig seine Übersetzungen aus italienischen Dichtern zur Nachbesserung vorlegte, befreit, und bezog 1804 die Universität Tübingen zum Studium der Arzneikunde. Hier fand er Ludwig Uhland, mit welchem ihn gleiche Liebe zur deutschen Dichtkunst und hauptsächlich zur Volkspoesie aufs Innigste verband. Besonders aber wurde „Des Knaben Wunderhorn" zur Schule seines Talentes. Nach Vollendung seiner ärztlichen Studien begab er sich 1809 zu weiterer Ausbildung zuerst nach Hamburg, wo sein älterer, jetzt verstorbener, höchst geistreicher Bruder als angesehener Arzt lebte, dann nach Berlin und Wien. Nachher diente er als praktischer Arzt und Oberamtsarzt in verschiedenen Gegenden seines Vaterlandes, bis er 1819 zum Oberamtsarzte in Weinsberg ernannt wurde, wo er sich mit seiner treuen Hausfrau am Fuße der Weibertreue, deren Trümmer hauptsächlich unter seiner Leitung vom Wüste gereinigt und in die lieblichsten Anlagen verwandelt worden sind, in freundlicher Umgebung anbaute. Sein Dichterhaus ist nach der Zeichnung eines wackern Künstlers radirt erschienen. Bald nach der Rückkehr von seinen Reisen erschienen von ihm: „Nciseschatten von dem Schattenspielcc Lux" (Heidelberg 1811), ein Buch, das von einer traumhaften Phantasie und höchst originellemHumor eingegeben ist, und auf welches Jean Paul durch ein sehr günstiges Urtheil bald nach seinem Erscheinen die Aufmerksamkeit des Publicums lenkte. Um dieselbe Zeit besorgte er mit Uhland, Karl und Aug. Mayer, Gust. Schwab und Andern den „Schwäbischen Almanach" auf 1812, und 1813 den „Dichterwald", und half so die fröhlich und zahlreich fortblühende neueste schwäbische Dichterschule begründen. Er gab 1812 zu Stuttgart eine Sammlung seiner Gedichte heraus, welche alle den Charakter des wahren Liedes tragen. Sie sind schlagend, kurz, voll Seele, die Sylbenmaße durchaus lyrisch; Schmerz und Lust strömt in ihnen aus voller Brust hervor; die Bilder sind überraschend, das Gefühl des Dichters ist fliegend, zuweilen etwas unstät flackernd; unübertrefflich ist er in der Wehmuth und dem flüchtigen Schmerz; in einigen Romanzen offenbart sich eine seltene Phantasie; seine gesammte Anschauungs- und Empfindungsweise aber trägt das Gepräge einer einzigen Persönlichkeit, das durch die unbefangen beibehaltenen schwäbischen Provinzialismen noch verstärkt erscheint. Als Arzt widmete sich K. eine geraume Zeit den Beobachtungen der in Würtemberg so häufigen Erscheinung von Vergiftungen durch Würste und bearbeitete diesen Gegenstand besonders vollständig in der Schrift: „Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den thierischen Organismus" (Tübingen 1822). Seine » ' I ' 5 H»I > 700 Kettenbrücken „Beschreibung des würtembergischen Wildbads" erschien 1832 zu Tübingen in der dritten Auflage. Von besonderm Einfluß auf K.'s Leben und jetzige geistige Richtung waren die Beobachtungen, die er als Arzt im Gebiete magnetischer Erscheinungen machte und die er in der „Geschichte zweier Somnambulen" (Karlsruhe 1824) und der „Seherin von Prevorst" (2 Bde., Stuttgart 1830, zweite Aufl. 1832) niederlegte. Die letzlere Schrift, da sie gegen alle Bildung und allen Glauben der jetzigen Zeit das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsrige ganz nach Weise des Volksglaubens behauptet und vertheidigt, hat ihm vielen Kampf erregt und hatte die Herausgabe der „Blatter aus Prevorst" (erste bis dritte Sammlung, Karlsruhe 1831 — 32), gemeinschaftlich mit Eschenmayer, zur Folge. (S. Prevorst.) K.'s ältester Bruder, der würtembergische Geheimrath Freiherr von Kerner, ist ein geistvoller Staatsbeamter. (43) Kettenbrücken oder Hängebrücken nennt man Brücken, deren Fahrweg nicht von einer festen Unterlage getragen wird, sondern an einer biegsamen Verbindung beider Ufer aufgehängt ist. Diese Verbindung besteht entweder aus Seilen von Eisendraht oder gewöhnlich aus eisernen Ketten. Früher wurden unter Hängebrücken diejenigen hölzernen Brücken verstanden, deren Fahrweg von einem im Seitengeländer und Dach angebrachten hölzernen Sprengewerk getragen wurde. Die Erfindung der Kettenbrücken, die unstreitig unter die wichtigsten Gegenstände der neuern Mechanik und Baukunst zu rechnen ist, gehört den Ge- birgsländem Asiens und Amerikas an. Starke Seile aus Stroh, Weidenruthen oder Lianen verfertigt, verbinden die felsigen Ufer eines Waldstroms, indem sie an Pfeilern befestigt sind, und der Weg geht über ein Quergeflecht von dünnem Stricken, das jene zusammenhält. Äeiser oder Breter bedecken das Quergeflecht und ein parallel zur Seite gezogenes Seil macht das Geländer dieses schwankenden, dem Tritt der Wanderer nachgebenden Baus aus. In China soll man jedoch statt der Seile schon seit langer Zeit Ketten angebracht haben. In Nordamerika waren 1811 bereits 8 Kettenbrücken ausgeführt, worunter die um 1809 in Massachusetts über den Fluß Merrimack crbauete eine Spannung von 244 Fuß hat. Die Brücke über den Brandywine zu Wilmington hat 145 Fuß, eine andere über den Monongahela zu Brownsville 120 Fuß Spannung. Den Engländern gebührt der Ruhm, die größten und vollkommensten Bauwerke dieser Art ausgeführt zu haben. Die älteste Kettenbrücke in England ist die über den Fluß Tees 1741 angelegte Winchbrücke. Die Engländer Telford, Donkin, Chapman, Rennie und Barlow machten 1814 eine Reihe von Versuchen mir geschmiedeten Eisenstangen und Ketten und lieferten den Beweis, daß Kettenbrücken für die größten Sparnungen (der Franzose Navier behauptet sogar 1500 Fuß) ausführbar seien, daß sie dieselbe Sicherheit gewähren wie die steinernen und gußeisernen Brücken und daß sie in den meisten Fällen einen weit geringem Kostenaufwand als die letztern verursachen. In der That gewähren Kettenbrücken in jenen Fallen, wo es wegen der Tiefe der Abgründe, oder wegen der Tiefe und Schnelligkeit der mit Brücken zu bedeckenden Ströme unmöglich oder doch außerordentlich kostspielig wäre, Mittelpfeiler zu erbauen, die größten Vortheile, indem man sie mit weit größern Spannweiten anlegen kann, als es bei hölzernen, steinernen oder gußeisernen Brücken für möglich erachtet wird. Uver-dies gewähren die Kettenbrücken noch den Vortheil, daß ihre Aufstellung selbst bei den größten Spannweiten in einer viel kürzern Zeit bewirkt werden kann, als es bei der Erbauung steinerner Brückenbögen der Fall ist, daß sonach die Schifffahrt in Flüssen hierbei weit weniger als bei dem Baue anderer Brücken unterbrochen wird. Sollte endlich, was jedoch bisher noch nirgend stattgefunden hat, mit der Zeit eine oder die andere Kette schadhaft werden, so können sogleich nicht bloß einzelne Glieder aus einer Kette herausgenommen und durch neue ersetzt, sondern auch die Ketten verkürzt Kettenbrücken und der Fahrweg erhöht werden, ohne deshalb die Verbindung, wie es bei solchen Ausbesserungen an steinernen oder gußeisernen Bögen der Fall ist, zu hemmen. Seit jener Zeit, als Telford den Bericht über die oben angeführten Versuche er- Mete, wurde die öffentliche Aufmerksamkeit in England immer mehr auf diesen Gegenstand gerichtet und mehre der größten Bauten dieser Art ausgeführt. Wir wollen hier die kurze Beschreibung mehrer Bauwerke dieser Art geben. Wer den neuern englischen Kettenbrücken ist vorzüglich die zu Hammersmith, zwei Milen oberhalb London über die Themse führende, im Aug. 1827 eröffnete und von W, T. Clark erbaute auszuzeichnen. Diese Brücke ist für Fußganger und Fuhrwerk aller Art bestimmt und unterscheidet sich von allen bisher ausgeführten dadurch, daß sie aus drei Bögen besteht, die zusammen durch Ketten verbunden sind, die sich oberhalb zweier im Flusse erbauten Tragpfeiler auf Rollen hin- und Herbergen können, je nachdem ein Bogen oder Theil der Brücke mehr als der andere belastet ist. Wahrend daher die über den Tweed erbaute und seit dem Jul. 1820 eröffnete Unionskettenbrücke aus einer einzelnen, 367 englische Fuß langen und 18 Fuß breiten Brückenbahn besteht, sind bei der Hammersmithbrücke drei einzelne Brückenbahnen oder Brückenfelder vorhanden, deren jedes für sich dem andern nachgeben kann. Ein zweiter Unterschied dieser Brücke gegen andere ahnliche Eon- structionen besteht darin, daß die Ketten, welche die zwei äußern Brückenfelder tragen, nicht durchaus oberhalb der Brückenbahn liegen, sondern auch unter dieselbe gehen. Wahrend nämlich ein Theil dieser zwei Brückenfelder an den Ketten bangt, wird der andere Theil derselben von den Ketten von unten unterstützt oder getragen. Die ganze Länge der Brücke zwischen den beiden Landpfcilern beträgt englische Fuß, die Breite 334 Fuß, die Höhe über dem höchsten Wasserstande 16 Fuß. Die Pfeiler bestehen aus massivem Mauerwerk und haben Thore für die Fahrbahn und die Fußwege. Über dieselben gehen 8 Haupt- oder Spannkeilen, von welchen jedesmal zwei einen Fuß unter einander liegen. Hinter den beiden Landpfeilern gehen die Spannkctten durch Offnungen in die Erde und sind hinter Widerlagsmauern befestigt. Von ihnen gehen in einer Entfernung von 5 zu 5 Fuß Tragstangen senkrecht hinab und an denselben hängt die guß-und schmiedeeiserne und hölzerne Brückenbahn, die durch die Tragstangen in eine mittlere Ll) Fuß breite Fahrbahn und in zwei 5 Fuß breite Fußbahnen getheilt ist. Alle eisernen Theile sind mit weißer Ölfarbe angestrichen, um die durch die Sonnenstrahlen bewirkte Ausdehnung zu vermindern. Die Kosten der Brücke betrugen 45,250 Pfund Sterling. Zu den imposantesten Bauwerken überhaupt, die man England findet, gehört die Kettenbrücke über den Meeresarm Menai Strait zur Verbindung der Insel Anglesey mit dem Festlande von Wales. Der kürzeste Weg sM London nach Dublin führt nämlich über diesen Meeresarm und Holyhead auf >ener Insel. Da nun die Verbindung mit derselben bisher durch eine beschwerliche »nd gefahrvolle Überfahrt unterbrochen wurde, so war über die Anlage einer Brücke seit vielen Jahren verhandelt worden. Telford's Plan erhielt den Vorzug Mandern und im Jan. 1826 wurde die Brücke eröffnet. Sie besteht aus einem ^uptbogen, welcher zwischen den Tragpfeilern 580 Fuß Länge hat. Um die Mhct der Seeschiffe unter ihr nicht zu hindern, liegt die untere Fläche 100 Fuß dem höchsten Wasserstande. Da die Aufdämmung der Straße zu beiden ^'ten der Tragpfeiler zu hoch und zu kostspielig geworden wäre, so sind diese Ueiler mit den Dämmen am Ufer durch 7 steinerne Bögen von 52^ Fuß p^nung verbunden. Die Brückenbahn hängt an 16 Spannketten, wovon im- ^r 4 über einander laufen; von denselben gehen von 5 zu 5 Fuß die verticalen ^"Wangen herab, welche die Brückenbahn tragen, die in zwei 12 Fuß breite ^ ^ttheilt ist, welche eine 4 Fuß breite Fußbahn zwischen sich haben. 'Nv. Magen im Trabe über die Brück? fahren, so ist kaum ein Schwanken zu 702 Kierberg spüren, allem bei Stürmen erhebt sie sich in ihrer Mitte 1 bis 2 Fuß. Das Ge- sammtgewicht der Brücke beträgt ungefähr 12,800 Centner. Von diesem Riesenbau hat der ausführende Baumeister, W. A. Prodis, 1828 eine treffliche Beschreibung gegeben. Dies sind die bedeutendsten jetzt existirenden Kettenbrücken, die übrigens in England schon sehr allgemein geworden sind. Die zu Paris zwischen dem Jnvalidenhause und den eliseischen Feldern befindliche, ist nach dem Plane der Hammersmithbrücke erbaut und außerdem findet man in Frankreich mehre. Auch in Deutschland hat man seit einigen Jahren mehre erbaut, z, B. zu Bamberg über die Regnitz, zu Malapane über das Flüßchcn gleiches Namens, zu Wien über die Donau. Die Donaubrücke besteht aus Stahl, ist nur für Fußgänger eingerichtet und 303 Fuß lang. Jeder darüber pasfircnde Fußganger empfindet Schwingungen, die bei Stürmen fußhoch werden; woraus erhellt, warum der Stahl nicht recht brauchbar zu Kettenbrücken ist. Die sogleich nach ihrer Eröffnung verunglückte Hängebrücke über die Saale bei Nienburg wich von allen übrigen ab, hatte in der Mitte zwei Klappen, damit die Schiffe mit Masten ungehindert durchgehen konnten, und die Ketten bestanden aus steifen Radien oder schrägen Suspensorien. Der Erbauer, Baurath Bandhauer zu Kothen, war bloßer Empiriker, sonst würde er nicht auf den Einfall gerathen sein, ein so mis- liches System in Ausführung zu bringen. Auch die Drahtbrücken, wovon mehre von den Brüdern Seguin in Frankreich erbaut wurden, haben den Erwartungen nicht entsprochen; die Brücke zu Vienne unweit Lyon über die Rhone besteht aus zwei Bögen, deren zeder 270 Fuß Spannung hat. Die Brückenbahn hangt zu jeder Seite an 6 neben einander liegenden Spannketten und hat demnach 12 solcher Ketten, von denen jede aus 160 in einem Bündel vereinigten Drähten besteht. Man sehe Gerstner's „Handbuch der Mechanik" (erster Band, Prag 1831), Na- vier's „Rapport et mämoire Zur Ie8 poots suspenckns" (Paris 1823, deutsch von Dietlein, Berlin 1825, 4.), Seguin, „Des ponts en LI Ie lernte er die Bedürfnisse der Bewohner durch die Anschauung der Ortlichkcit " aus ihrem eignen Munde kennen, und indem er zugleich, wie er es in allen getragenen Verwaltungsämtcrn that, ihnen mit Offenheit entgegen kam, "er ihnen ebenso viel Vertrauen ein als er ihnen bewies. Nach einer unge- albjahrigen, milden und ungeachtet der schwierigen Zeitumstände ziem- Keverberg lich friedlichen Verwaltung, hatten die Folgen der Unfälle des französischen Heers in Rußland einen wichtigen Einfluß auf K.'s Lage. Er sah sich fast darauf beschrankt, die unvermeidlichen strengen Maßregeln zu mildern, und empörende Ausschreitungen der Machthaberwillkür zurückzuweisin. So scheute er sich nicht, bei der Aushebung der Ehrengarden eine besondere Weisung des Ministers zwmisach- ten, und er wußte diese harte Maßregel mit so viel Mäßigung auszuführen, daß den Bewohnern seines Departements, wenn sie das Verfahren in den benachbarten Gebietstheilen sahen, die Harte der auferlegten Opfer durch die Art der Vollziehung minder fühlbar wurde. Nicht weniger peinlich war seine Verlegenheit gewesen, als im April 1813 der Prinz Eugen, dessen Heer an Lebensbedürfnissen gänzlichen Mangel litt, starke Naturallieferungen, besonders in den hanseatischen Departements, ausschrieb. K. schritt in dieser dringenden Roth zu einem äußersten Mittel, indem er sich auf seine persönliche Verantwortlichkeit der Staatskassen mit Gewalt bemächtigte, deren aus den gewöhnlichen Steuern erwachsenen Betrag er zum Ankaufe der Lebensmittel benutzte, die er nun zu billigen Preisen erhielt. Er erstattete darauf dem Ministerium Bericht über sein Versahren, und legte ihnen einen Plan vor, wie der Staatskasse die geleisteten Vorschüsse, wenn es sein müßte, wiedererstattet werden könnten. Keiner der Minister bezeigte ihm Billigung oder Mis- billigung; als er aber später in Paris war, erfuhr er, daß Napoleon die Kühnheit der Maßregeln, wegen ihres günstigen Erfolgs, keineswegs gemisbilligt habe. K. hatte besonders viel von dem sinstern und rauhen Charakter des Marschalls Da- voust zu leiden, der an der Spitze der Verwaltung aller hanseatischen Departements stand, und stets gegen ihn, selbst nicht ohne Gefahr, zu kämpfen. Im Nov. 1813, kurz vor der Ankunft der Preußen, verließ K. Osnabrück und begab sich nach Frankreich. Als er im März 1814 Napoleons Abdankung erfahren hatte, kehrte er in feine Heimath zurück. Die durch den Congreß zu Wi n ausgesprochene Vereinigung dieses Gebiets mit dem Königreiche der Niederlande war nach K.'s Ansicht das glücklichste Loos, das demselben fallen konnte. Auf die freisinnigen Grundsätze seines neuen Monarchen vertrauend, sandte er ihm die Handschrift seiner 1815 zu Kleve erschienenen Schrift: „Röllexions sur In Im l'orxlumen- tule hui se prekäre z»our le ro^uume ckes ?u^s-öus", und bot ihm seine Dienste an. Der König nahm K.'s Ansichten, die mit den seinigen in vielen Beziehungen zusammenstimmten, wohlwollend auf, und übertrug dem Verfasser bald nachher die Verwaltung der Provinz Antwerpen, nachdem er ihn bereits gleich bei der Stiftung des Ordens zum Ritter des belgischen Löwen ernannt hatte. Während der zwei Jahre, die K. in Antwerpen zubrachte, war er ausschließend mit der neuen Einrichtung aller Verwaltungszweige beschäftigt. Mit großer Vorliebe sorgte er für die Neugestaltung der Akademie der Künste, besonders der alten und berühmten Malerschule, und gleiche Sorgfalt widmete er der Verbesserung des Gefängnißwesens in der Provinz, vorzüglich aber auch des in der Festung Antwerpen befindlichen Gefängnisses, wo gegen 800 Züchtlinge in Müssiggang zubrachten, deren Lage er durch angemessene Anordnungen verbesserte, indem er ihnen Arbeit verschaffte, und ihnen einen An- theil an dem Ertrage derselben gewährte. Als er 1817 zum Gouverneur von Ost- flandcrn ernannt wurde, fand er Gelegenheit, auch hier seine Thätigkcit auf die Verbesserung der Gefängnisse zu richten, besonders auf das große Zuchthaus zu Gent, das gegen 1200 Sträflinge enthielt, früher Howard's Beifall erlangt hatte, aber unter der französischen Regierung in Verfall gerathen war. Es gelang ihm durch die Einführung milder und verständiger Verwaltungsgrundsätze die Lage der Züchtlinge zu verbessern und zugleich die Kosten der Anstalt auf die Hälfte herabzusetzen. Nach den von ihm eingezogenen genauem Erkundigungen über ungefähr 70,000 Dürftige gab er 1819 zu Gent sein „Lssui 5iir I 'müiFence üans !a l'lui.^ clre orientule" heraus, das eine Nachweisung der Almosenempfänger enthielt, und Kielmeyer 705 einfache, leicht ausführbare Gefchäftsanweisungen gab. Als einer der Curatoren der vom Könige zu Gent gestifteten Universität, nahm er eifrig an der Einrichtung der neuen Anstalt Theil, und widmete auch dort der Akademie der Künste seine Sorgfalt. Unter dem Titel: „Ursula, princesse bre stellen ließ, sie aber einstweilen ihrer amtlichen Thätigkeit entband. K, blieb Wnungeachtet der bestehenden constitutionnellen Einrichtung des Landes und dem Kvnig unverbrüchlich treu. (74) ^ Kielmeyer (Karl Friedrich von), würtembergischer Staatsrath, einer >r ersten Naturforscher, ward am 22. Oct. 1765 zu Bebenhausen bei Tübingen, ^ flin Vater als herzoglicher Jagdbeamter lebte, geboren und in Stuttgart aus ^ Karlsschule von 1774 — 86 gebildet. Noch wahrend seiner akademischen wurde er im zwanzigsten Lebensjahre (1785) als Lehrer der Naturge- 'u)te bei einer damals errichteten Forstlehranstalt angestellt und promovirte ^86 zum Doctor der Medicin. Hieraus brachte er anderthalb Jahr in Göttingen Conv.-Lex. der nemste,, Zeit und Literatur U. 45 706 Kielmeyer zu und reiste von da über den Harz, das Erzgebirge, Berlin und die sachsischen Universitäten bis 1788; dann ward er als öffentlicher Lehrer der Zoologie und Aufseher des Thiercabinets an der Karlsschule angestellt, Mitglied der ökonomischen Facultät (1790) und ordentlicher Professor der Medicin und Chemie. Nach Aufhebung der Karlsschule (1794) behielt er die Aufsicht über das Thiercabi- net bei und machte 1795 eine Reise an die Nord- und Ostsee zur Untersuchung von Meerproducten. Er erhielt 1796 einen Ruf als außerordentlicher Professor der Chemie und Medicin in Tübingen, nahm denselben in Rücksicht auf seine frühere Stellung nicht an, wurde aber sofort als ordentlicher Lehrer jener Fächer daselbst angestellt. Seine Wirksamkeit als Gelehrter hatte K. schon zu Stuttgart 1793 begonnen mit einer „Rede über die Verhältnisse der organischen Kräfte unter einander in der Reihe der verschiedenen Organisationen, die Gesetze und Folgen dieser Verhältnisse" (neuer Abdruck, Tübingen 1814, französisch im Auszug vonÖls- ner, Paris 1815). Diese Rede drückte schon in seinen Hauptzügen den Geist aus, welcher alle folgenden Untersuchungen K.'s und seine Vorträge über verschiedene Zweige der Naturwissenschaft belebte, und sie begründete daher zunächst den großen Ruf dieses Gelehrten, der durch seine zahlreichen, für ihn begeisterten Schüler sich schnell über Deutschland verbreitete. Schon in einer seiner frühem Schriften wies Schölling auf jene Rede als eine herrliche und dereinst fruchtbringende Erscheinung im Gebiete der Physiologie hin. Als Universitätslehrer (in Stuttgart und in Tübingen) hielt K. Vorlesungen übrr vergleichende Zoologie, allgemeine und specielle Zoologie; über vergleichende Anatomie der Thiere insbesondere; über Pflanzen- phyfik und specielle Botanik; über allgemeine und specielle Chemie; über Arzneimittellehre und Pharmacie. Obgleich seine Vorträge nur auf echt antike Weise durch Abschriften in entfernte Gegenden gelangen konnten, so wurden sie doch überall wirklich als eine Art von Jncunabeln für die Wissenschaft, aufgenommen, und das im wörtlichen Sinne; denn mancher Schriftsteller feierte in ihnen sein Wiegenfest und sie waren für den Lehrer von nicht geringerm Werthe als für den Schüler. Jenen konnte die in diesen Vorträgen dargelegte Methode als das vollkommenste Muster Her Darstellung für den Lehrzweck gelten, während dieser durch den lichten Vortrag nicht nur in den vollständigem Besitz des Positiven der Wissenschaft gesetzt wurde, sondern zugleich unbemerkt die vollständigste Übung in der naturwissenschaftlichen Untersuchung überhaupt und zugleich eine Begeisterung für die Wissenschast selbst gewonnen hatte. Allen diesen Vorträgen dient als Grundlage ein mit großer Ausdauer und Kritik unternommenes Studium der Quellen, womit sich eine gewissenhafte und klare Darstellung der eignen und fremden Beobachtungen verband. Seine Methode ging ihren ganz eigenthümlichen Gang. Er fing still von den einfachsten Thatsachen an: links und rechts floß immer Mehres zu; die Masse von Erfahrungen wuchs; aber nie ließ er sich von ihr erdrücken, sein Vortrag schritt in ruhiger logischer Ordnung fort, und wurde zu einem breiten, großen Strom, dessen Lauf jedoch der Lehrer stets mit großer Sicherheit und Einsicht zu lenken und zu bestimmen wußte. Die strengste Logik herrichte in der Anordnung des Gegenstandes, mathematische Schärfe in der Prüfung der einzelnen Beobachtungen und der daraus gezogenen Schlüsse. In der hierauf gegründeten Darstellung der Bedingungen, Gesetze und Ursachen der einzelnen Erscheinungen und ganzer Reihen derselben und ihrer Vergleichung mit andern Phänomenen, die K. meist in der großen Natur suchte, gibt sich eine Combinations- gabe zu erkennen, welche bei diesem Scharfsinn und bei dieser Gewissenhaftigkeit so sehr das Gepräge der Wahrheit an sich trug, daß selbst ihre Divinationen mehr als Weissagungen oder als Offenbarungen eines höhern Geistes erschienen. K. hatte nicht, wie manche erfahrungsreiche Naturforscher, eine Scheu vor den Ideen; er vermied zwar Hypothesen, aber der Schlußstein aller scmer Untersu- chungen war, trotz der Menge von Einzelheiten, die sein Geist umfaßte, doch gewöhnlich eine Idee. All Dieses gilt insbesondere in Beziehung auf die von K. zuerst in dieser Ausdehnung behandelte allgemeine Chemie und die Chemie der unwägbaren Stoffe. Die Lehre von den Größen der Affinität und den Verhältnissen, in welchen sich die verschiedenen Stoffe verbinden, könnte wol als theoretische Grundlage der Lehre von den chemischen Proportionen und Äquivalenten angesehen werden, und die Chemie der unwägbaren Stoffe, Licht, Wärme, Elektricität, Magnetismus, zu welchen er noch problematisch die Materie des Geruchs, des Geschmacks, des Schalls und das organisirende Fluidum setzte, schloß sich zugleich an seine Untersuchungen über die lebende Natur an. Er wies in den Erscheinungen dieser in- ponderabeln Stoffe die Wirkung einer nach Polen agirenden Kraft nach, die sich ebenso auch in den Erscheinungen der organischen Welt und insbesondere in den Bildungserscheinungen zu erkennen gab. Namentlich führte er die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten der anorganischen Körper von den organischen und der organischen Körper unter einander in dem Vortrage über die Physik der organischen Körper st805—6)aus; dieser Vortrag enthielt gleichsam das gedrängte Resultat seiner Vortrage über Zoologie, vergleichende Anatomie und Pflanzenphysiologie. Letztere schien mit besonderer Vorliebe behandelt und scheint noch immer unübertroffen; sie entsprach wol überhaupt seinem Gemüthe am meisten. Seine Vorlesungen über Zoologie und vergleichende Anatomie, deren Wiedererwecker er genannt zu werden verdient, enthalten zugleich eine vollständige vergleichende Physiologie. Die Demonstrationen, durch welche er seine Vorlesungen erläuterte, hatten mehr die Übung der Schüler als die Verständigung und Bestätigung der Vorträge zum Zwecke; K. war vielmehr berufen, in einer Zeit, in der die Wissenschaft als Ideal eines geistigen Lebens glänzte und auf Universitäten nicht bloß als Hülfsmit- tel für das praktische Leben gepflegt wurde, eine große Anzahl von Schülern.für die Wissenschaft zu begeistern und ihnen zugleich mit dem Positiven derselben die formelle Bildung zu verschassen, durch welche sie für die weitere Ausbildung der verschiedenen Zweige der Naturwissenschaft selbstthätig sein sollten. So sind denn nicht nur aus seiner Schule ausgezeichnete Männer, wie Autenrieth, die beiden Gmelin, Schübler und Andere in Tübingen, Gmelin in Heidelberg, Pfass in Kiel, beide Jäger in Stuttgart, Pfass in Erlangen, Schnurrer in Wiesbaden und Andere hervorgegangen, sondern man wird auch nicht leicht ein Land finden, in welchem in Beziehung auf die Vorwissenschaften gebildetere Ärzte anzutreffen wären M in Würtemberg. Der Schule, welche K. aus der Karlsakademie und in Tübingen gebildet hatte, und zu der sich ein Cuvier, dessen Mitschüler und Lehrer K. gewesen und dessen lebenslänglicher Freund er blieb, schlössen sich bald auch Lehrer und Gelehrte vom ersten Range an. Alexander von Humboldt widmete ihm seine ^Beiträge zur Zoologie" als „dem ersten Physiologen Deutschlands" und Göthe bewarb sich um eine Abschrift seiner Vorlesungen über Pflanzenphysiologie und um ble Handschrift des kongenialen Mannes. Eine große Zahl von gelehrten Gesell- chchen und Akademien, darunter das Institut von Frankreich, bezeigte K. ihre Pachtung durch Übersendung von Diplomen, namentlich erkannte die kaiserl. Akademie der Naturforscher seinen Werth auf eine sehr sinnige Weise, indem sie ' ^ den Namen Orion beilegte und dadurch auf die Beschäftigung mit der Jagd anheile, der er sich widmen sollte und die er auf den Ruf seines Wohlthäters, des Herzogs Karl von Würtemberg, verließ, um als ein glänzendes Gestirn am wissentlichen Himmel zu leuchten. K.'s akademische Thatigkeit dauerte bis 1817, luuh Stuttgart berufen ward, und mit dem Titel und Rang eines Staats- '^hs die Direktion der öffentlichen wissenschaftlichen Sammlungen, sowie der "'bl- Pn'vatbibliothck und des botanischen Gartens erbielt, eine Stelle, die er 45* 703 Kieser Kirchenzeitungen noch bekleidet. Früher hatte er verschiedene Rufe an deutsche Universitäten, nach Halle, Göttingen und Berlin, erhalten. Unter seinen wenigen gedruckten Schriften sind die chemischen Analysen einiger Mineralwasser, namentlich des stachelberger Schwefelwassers, auszuzeichnen. Der Wunsch, daß seine Manuscrkpte dem Drucke übergaben werden möchten, der bei seiner Versetzung nach Stuttgart selbst höhern Ortes geäußert worden sein soll, darf immer noch wiederholt werden; denn wie weit auch die Wissenschast in einem Zeiträume von 16 Jahren vorgeschritten sein mag, sodaß K.'s Vortrage in ihrer ursprünglichen Form nicht als Darstellung des gegenwartigen Standes der Wissenschaft, namentlich der Chemie, dienen können, so würde dennoch ihre Bekanntmachung ein bisher Vielen nicht zugangliches Licht über die meisten Zweige der Naturwissenschaft verbreiten und für die Bearbeitung derselben, sowie selbst der Heilkunde, einen noch nicht genug genutzten Maßstab und eine sichere und umfassende Methode gewähren. (43) Kieser (Dietrich Georg), ordentlicher Professor der Medicin an der Universität zu Jena, sachsen-weimarischer geheimer Hofrath, ist zu Harburg im Lünc- burgischen den 24. Aug. 1779 geboren, studirte zu Göttingen und Würzburg, prakticirte seit 1861 zu Winsen an der Lühe und seit 1806 zu Northeim bei Göttingen, wo er als Armenarzt und Stadtphysikus bis 1812 verweilte. Er verdankte es der Nahe der Universität Göttingen, die ihn in steten Umgang mit Oken, Himly und andern ausgezeichneten Mannern brachte, daß er nicht wie viele seiner Zeitgenossen im Strudel des praktischen arztlichen Lebens unterging, sondern die Wissenschast im Auge behielt. Die Früchte seiner Studien und Untersuchungen sind wichtige Beitrage zur Entwickelungsgeschichte mchrer Organe, seine mit einem Preise gekrönte Schrift: „Über die Natur, Ursachen, Kennzeichen und Heilung des schwarzen Staars" (Göttingen 1810), und seine „Aphorismen aus der Physiologie der Pflanzen" (Göttingen 1808). 1812 ward er Professor in Jena und 1813 Brunnenarzt zu Berka. Er errichtete 1814 ein reitendes Studentencorps, an dessen Spitze er als Freiwilliger mit den weimarischen Truppen gegen Frankreich zog; dagegen diente er 1815 als Oberarzt bei der preußischen Armee und dirigirte Spitaler zu Lüttich und Versailles. Nach dem Feldzuge kehrte er nach Jena zurück, wo er sehr bald einen großen Kreis von Zuhörern um sich versammelte, die seine Vorlesungen über Medicin um so begieriger hörten, je anziehender sein Vortrag und je einschmeichelnder die naturphilosophische Idee war, die er in der Medicin darzustellen sich gefiel, wie er sie auch in seinem „System der Medicin" (erster und zweiter Band, Halle 1817—19) dargelegt hat. Ein tieferes Eindringen in das Wesen des thierischen Magnetismus war längere Zeit für K. eine Hauptaufgabe seiner Forschungen, und er widmete deshalb diesem Gegenstande in Verbindung mit Nasse, Eschenmayer und Nees von Esenbeck eine eigne Zeitschrift: „Archiv für den thierischen Magnetismus" (Altenburg, Halle und Leipzig, 9 Bde., 1817 — 21), und ein ausführliches Werk: „System des Tellurismus oder thierischen Magnetismus" (2 Bde., Leipzig 1821). Merkwürdig ist es, daß derselbe Mann spater mit Eifer ein orthopädisches Institut errichtete, welches nach der Aussage der Sachkenner Vorzügliches leistet. K. ist einer der vorzüglichsten ärztlichen Denker unserer Zeit. Zum weimarischcn Landtag 1832 ward er von der Universität zum Abgeordneten erwählt, nachdem Luden die Wahl abgelehnt hatte. (2) Kirche nzeitungen, Zeitungen, in welchen ausschließend die Angelegenheiten der Kirche abgehandelt werden, begründet zu haben, ist der Ruhm der neucrn Z it. Wie in Hinsicht auf Staatsangelegenheiten, ward auch in Beziehung auf die Kirche in frühern Zeiten Alles, was man zu veröffentlichen wünschte, in besondern Schriftchen, die oft nur in einem einzigen Quartblatte bestanden, verhandelt. Dies der Grund der unzahligen kleinen Schriften, welche zur Zeit der Kirchenzeitungen 709 Reformation und der in Folge derselben entstandenen kirchlichen Streitigkeiten in Umlauf gefetzt wurden. Wenn aber die Kirche erst spat das Bcdürsniß eines öffentlichen Sprechsaales fühlte, so mag man die Ursache davon wol nicht mit Unrecht in der Stellung suchen, welche sie sich im Staate anwies, oder die ihr vom Staate angewiesen wurde. Der westfälische Friede hatte den blutigen Kampf der beiden christlichen Hauptparteien beendet, Vertrage sicherten ihre gegenseitigen Rechte, beide Parteien sehnten sich nach Ruhe und aller Streit hatte ein Ende. Die römische Kirche suchte ihre gefährdete Selbständigkeit im Staate durch das Aufrechthalten des alten hierarchischen Grundsatzes zu retten, daß in Sachen der Kirche Niemand zu reden hat als der Geistliche, und daß dieser nichts reden darf, was des Papstes Satzungen zuwider ist. Um selbständig zu erscheinen, wollte die römische Kirche nicht reden; die protestantische dagegen, ein Bestandtheil des Staats, ward demselben untergeordnet und durfte nicht reden. Dieses Fernhalten bes Volkes von allen kirchlichen Angelegenheiten erzeugte jene verderbliche Lauheit desselben gegen die Kirche im 18. Jahrhundert, welche zu Ende desselben und zu Anfange des 19. in den Zeiten politischer Aufregung und langwierigen Kriegs die Religion selbst in hohem Grade gefährdete. Erst als Deutschland durch Noch wieder beten gelernt hatte, als heilige Gesänge Deutschlands Jugend zum Kampfe gegen französische Zwingherrschaft begeisterten und nach langen Drangsalen der Friede wieder einzog in Deutschlands Gauen, da fand auch die Kirche eine höhere Anerkennung im Staate. Der päpstliche Stuhl, der während der französischen Regierung ziemlich unsicher gestanden hatte, wurde von Neuem festgestellt und der heilige Vater in seiner alten Herrlichkeit wieder anerkannt. Wegen ihrer katholischen Unterthanen schlössen mehre Fürsten mit dem Papste Concordate ab. Eifrig ward von vielen Seiten die Vereinigung der protestantischen und refcrmirten Kirche betrieben und in mehren Staaten zu Stande gebracht. Misstons - und Bibelgesellschaften erweiterten ihre Wirkungskreise. Dies und viele andere tief ins Leben eingreifende kirchliche Einrichtungen und Umgestaltungen erzeugten sehr bald unter den gebildetem Ständen Interesse für die Angelegenheiten der Kirche. Doch am höchsten wurde dieses gesteigert durch die Neubelebung des Jesuitenordens und die dritte Jubelfeier der Reformation. Das Bedürfniß der Zeit ward zuerst in der evangelischen Kirche erkannt, und um demselben abzuhelfen, begründete vr. Ernst Zimmermann, Hysprediger in Darmstadt, 1822 die „Allgemeine Kirchenzeitung", ein Archiv, wie er es nannte, für die neueste Geschichte und Statistik der christlichen Kirche, nebst kirchenhistorischer Uckundensammlung. Das Zeit- und Zweckgemäße des Unternehmens beurkundete gleich beim Erscheinen der ersten Blätter der ungetheilte Beifall, mit welchem die Kirchenzeitung von allen Seiten aufgenommen wurde. Fern von aller Einseirigkeit, gab Zimmermann seiner Zeitschrift eine über allen Parteienkampf erhabene, universelle Richtung und machte sie zu einem Sprechsaale für die verschiedenartigsten Verhandlungen in Sachen der christlichen Kirche und Religion. Durch diese Einrichtung geschah es, daß viele der wichtigsten Zcitangelegenheiten von den geistvollsten Männern aus den verschiedensten Gesichtspunkten beleuchtet wurden. Wir erinnern nur an die Erörterungen über die Vereinigungsversuche der beiden evangelischen Conses- sionm, über den Jubelablaß der römischen Kirche im Jahre 1825, über die katholischen Umtriebe und die Proselytenmacherei, über den Ebertritt des Herzogs von An- Halt-Köthen zur römischen Kirche, über den Streit zwischen Rationalisten und Su- Vernaturalisten und über die gehässigen Angriffe der Frömmler und Mystiker. Bei den Verhandlungen über alle diese Gegenstände, deren jeder einzeln geeignet war, den Herausgeber zur Heftigkeit zu verleiten, hat er stets die würdevollste und eine ganz unparteiliche Haltung behauptet, und dadurch fortwährend bewiesen, daß er nicht as Interesse irgend einer Partei zu fordern, sondern Wahrheit und Licht überall 710 Kirchenzeitungen zu verbreiten sich bestrebte. Doch er hat sich nicht allein als tüchtiger Redacteur dieser Zeitung bewahrt, er war auch einer der thätigsten Mitarbeiter, ihm verdanken wir eine große Anzahl Abhandlungen, die ebensowol durch Tiefe, Gründlichkeit und Klarheit, als durch ansprechende Darstellung sich auszeichnen. Mit sich ganz im Reinen über das höhere Interesse der Kirche und ihrer Diener, hatte Zimmermann namentlich eine eigenthümliche Gewandtheit, immer von Neuem Dasselbe mit Umsicht zu besprechen und die Fehler und Mangel mit Freimüthigkeit zu rügen. Den Werth aber dieser Zeitung hinsichtlich des darin aufbewahrten Schatzes kirchengeschichtlicher Nachrichten, so dankenswerth sie auch schon für die Gegenwart sind, wird erst der spätere Bearbeiter der Kirchengeschichte gebührend zu würdigen wissen. Nicht minder verdienstlich war es auch, daß Zimmermann seit 1831, wo die Zahl der Zeitschriften sich so sehr gemehrt hatte, daß es theils wegen des Kostenaufwandes, theils wegen der Zeit unmöglich ward, eine Übersicht des Wissenswürdigsten zu erlangen, von Zeit zu Zeit den Inhalt derselben mit bibliographischer Genauigkeit angab. Früher war schon ein kritisches Blatt für die neueste theologische Literatur beigelegt worden. Doch abgesehen von dieser Seite, welche der „Allgemeinen Kirchenzeitung" auch für die Zukunft einen bleibenden Werth sichert, mag man sie schon wegen des unendlichen Segens, den sie in der Gegenwart verbreitet, als eines der wirksamsten Organe der neuern Zeit betrachten. Durch ihre Anregung wurden viele wünschenswerthe Verbesserungen herbeigeführt, manche zweckmäßige Einrichtungen ins Dasein gerufen; Aufklärung und vernünftige Ansichten sind durch sie in den weitesten Kreisen der christlichen Kirche verbreitet worden. Am kräftigsten aber hat sie für Veredelung des Predizerstandes gewirkt, und welchen Nutzen sie in dieser Beziehung gestiftet hat, möchte schwer zu berechnen sein. Nach Zim- mermann's frühem Tode übernahm die Redaktion der „Allgemeinen Kirchenzeitung" 1832 der Oberconsistorialrath und Generalsuperintendent vr. Bret- schneider in Gotha, welcher der ursprünglichen Tendenz dieser Zeitung getreu, durch seine gründliche Gelehrsamkeit, seinen praktischen Blick und seinen ruhigen, besonnenen Kampf gegen Lüge und Irrthum ganz befähigt ist, ihr den frühern allgemeinen Beifall zu erhalten, was sich auch beim Erscheinen des 12. Jahrganges im I. 1833 bewährt hat. Der Ansicht des Begründers der „Allgemeinen Kirchenzeitung", nicht das Organ einer einzelnen Kirche oder Kirchenpartei zu sein, waren nicht Alle geneigt. Die katholische Kirche gab dies zuerst factisch zu erkennen. Sie war von allem Anfange der „Allgemeinen Kirchenzeitung" nicht gewogen, das öffentliche Verhandeln kirchlicher Angelegenheiten auf dem Markte des Lebens, das genaue Erwägen der Gründe und Gegengründe für die Behauptung einer Sache, das Beleuchten der Gegenstände von allen Seiten her, die populaire Darstellung, wodurch auch der Laie in den Stand gesetzt ward, an den kirchlichen Verhandlungen Theil zu nehmen und sich ein Urtheil zu bilden, all Dies wollte der römischen Kirche mit ihrem strengen Satzungssystem durchaus nicht gefallen. Man mußte dieser Zeitschrift etwas entgegenstellen und dies so schnell als möglich, damit nicht den Katholiken beikommen möge, in Ermangelung einer ähnlichen Zeitschrift in der römischen Kirche nach jener zu greifen. Allein eine Kirchenzeitung konnte und wollte man nicht geben, da nach den Grundsätzen der römischen Curie das Volk von der Kirche nichts zu wissen nöthig hat. Es erschien demnach unter der Redaction des vr. I. G. Benkert in Würzburg gleichzeitig mit der „Allgemeinen Kirchenzeitung" seit dem Monat April 1822 zu Würzburg der „Religionsfreund für Katholiken", der 1827 in zwei Institute, unter dem Namen „Athanasia, eine theologische Zeitschrift, besonders für die gesammte Pastoraltheologie, für Kirchengeschichte und Pädagogik" und des „Religionsfreund", sich trennte, 1828 aber nach einem umfassendem Plane unter dem Titel: „Allgemeiner Religionö - und Airchenfreund und Kirchencorrespon- Kirchenzeitungen 711 dent" fortgesetzt wurde. Auch der „Religionsfreund" dessen Redaction vr. G. Riegler übernahm, suchte sich selbständig zu behaupten, mußte jedoch schon im nächsten Jahre aufhören, wahrend jener mit dem Jahre 1833 den sechsten Jahrgang eröffnete. Da es die Absicht ist, hier blos über Kirchenzeitungen zu sprechen, so würde dieser Zeitschrift gar keine Erwähnung geschehen sein, wenn wir die römische Kirche des Ruhmes hätten verlustig machen wollen, daß sie gleichzeitig mit der evangelischen etwas einer Kirchenzeitung Ahnliches gegeben habe. Die Redaction derselben ist sich in ihren Ansichten vom Anfange an bisher ganz gleich geblieben. vr. Benkert, nebst seinen zum großen Theile unbekannten Mitarbeitern, ist dem absoluten Ultraromanismus ergeben und sucht fortwährend die höchste Ausgabe seiner Zeitung dadurch zu lösen, daß er blind die Satzungen des römischen Hofes vertheidigt und die ketzerischen Ansichten Andersdenkender in kraftloser Sprache zu Boden donnert. Die „Allgemeine Kirchenzeitung" aber behauptete fest den Standpunkt allgemeiner Tendenz, die sie sich gleich anfangs angewiesen hatte; weder „Wohlmeinende Bemerkungen über die Allgemeine Kirchenzeitung" (Augsburg 1823), noch böswillige Ausfälle konnten den Herausgeber derselben verleiten, eine falsche Richtung zu verfolgen. Als man nun sah, daß jeder Dorfpfarrer in dem neuen Sprechsaale der „Allgemeinen Kirchenzeitung" freien Zutritt hatte und sprechen durfte, als selbst Laien ihre Stimme in Bezug auf kirchliche Angelegenheiten dort erhoben, als gar dreiste Priester der römischen Kirche ein zuweilen recht tiefgreifendes Wörtlein darin vernehmen ließen, als endlich selbst Laien der katholischen Kirche, durch die starke Sprache ihrer geistlichen Hirten aufmerksam gemacht, den öffentlichen Besprechungen zuhörten, da schien es der römischen Kirche, der es nicht darum zu thun war, durch gegenseitigen freien Austausch der Ideen die Wahrheit zu finden und Aufklärung zu verbreiten, sondern sich auf die Höhe ihrer extremen Stellung zu erhalten, doch an der Zeit zu sein, den Laien der katholischen Kirche auch dem Titel nach etwas Ähnliches zu bieten, und es begann 1829 (April bis Sept.) zu Offenbach „Die katholische Kirchenzeitung" unter der Redaction des Pfarrers H. I. Schmitt, die seit 1830, wo der Professor vr. I. M. Göschl zu Aschaffenburg, wohin auch 1832 der Druck verlegt ward, die Redaction übernahm, regelmäßig fortgesetzt wird und 1833 den fünften Jahrgang begann. Sie geht Hand in Hand mit dem „Allgemeinen Religions - und Kirchcnfreunde", beide beseelt ein Geist, beide haben ein Ziel und suchen dasselbe aus ein und demselben Wege zu erreichen; hier wie dort wird der finsterste Katholicismus gepredigt und jeder Andersdenkende auf römische Weise gemishandelt. Ein erfreuliches Zeichen fortgeschrittener Cultur und des Strebens für edlere Zwecke in der deutsch-katholischen Kirche beurkundete die „Kirchenzeitung für das katholische Deutschland" von I. Sengler, die in München mit dem Jul. 1830 begann, aus Mangel an Abnehmern jedoch am Ende des Jahres 1831 aufhören mußte, und die „Constitutionnelle Kirchenzeitung aus Baiern für katholische Geistliche", vom Pfarrer Alex. Lerchenmüller, welche mit jener zugleich zu Kempten ihren Anfang nahm, seit dem Jul. 1832 aber unter dem Titel: „Neue constitutionnelle Kirchenzeitung oder der Sions-Wächter", zu Augsburg erscheint. Beide Herausgeber, dieser jedoch ängstlicher als jener, obgleich sie noch fest an den Satzungen, der römischen Kirche hangen, gaben herrliche Zeugnisse dafür, daß es auch in der katholischen Kirche Deutschlands lichter zu werden beginnt und daß es einst tagen wird. In beiden hat Deutschland Männer kennen gelernt, in denen sich gründliche Wissenschaft und Kraft der Rede vereinigt findet, die mit sich ins Reine zu kommen sireben und die, wenn sie sich erst selbst recht klar geworden sein werden, der römischen Hoftheologie empfindliche Wunden beibringen möchten. Daß die römische Kirche gleich vom Anfange an darauf bedacht war, neben der „Allgemeinen Kirchenzeitung" ein eigenthümliches Organ zur Besprechung 712 Kirchenzeitungcn kirchlicher und religiöser Angelegenheiten in ihrem Geiste und Sinne für die Geistlichkeit wie für den Laien zu besitzen, war sehr zu entschuldigen. Sie geht von andern Principien aus als die evangelische; was in dieser nach dem freiem Systeme, auf welchem sie gegründet ist, zur Besprechung mit der Gesammtheit sich eignet, von dieser verworfen oder angenommen werden kann, unterliegt nach den hierarchischen Satzungen jener dem Ausspruche eines Einzigen, dem sich Alle unbedingt zu unterwerfen haben. Traurig aber war es, daß in unserer Zeit in der evangelischen Kirche sich Parteien fanden, die auf dem Wege der freien Prüfung, welche weder zur Rechten noch zur Linken sieht, einhcrzugehen verschmähten, die, nach dem Beispiele Roms, ihre Grundsatze und Lehren keiner Prüfung unterworfen wissen, die im tcüglichen Gefühle ihrer Untrüglichkeit durchaus keinen Widerspruch erdulden wollten und die aus Rechthaberei sich eigne Sprechsäle für die Angelegenheit der Kirche und Religion einrichteten, in welchen Keiner zugelassen wurde, der nicht zuvor seine Vernunft unter ihre Grundsatze gefangen gab. Es waren jene Buchstabenmenschen,die ohne Prüfung am tobten Worte der heiligenSchrift und der symbolischen Bücher festhalten; man nennt sie Hyperorthodoxe, und Diejenigen, welche außer dem ihrigen keines andern Menschen Wort, stehe es in der Bibel oder sonst irgendwo, für vernünftig erachten, heißen Ultrarationalisten. So fem auch die Punkte von einander liegen, von welchen beide Parteien ausgehen, und so abweichend die Wege sind, auf welchen sie dem endlichen Ziele zueilen, so sind sie doch in Hinsicht der Eigenschaften ihrer Wege ganz gleicher Meinung; beide haben die feste Überzeugung, daß nur ihr Weg, wie dies auch die katholische Kirche thut, allein zur Seligkeit führe, wahrend Alle, die auf einem andern Pfade das Ziel zu erreichen streben, den Weg des Verderbens wandeln. An die Spitze der Orthodoxen stellte sich der vr. Hengstenberg (s. d.) zu Berlin durch die Begründung der Zeitschrift „Evangelische Kirchenzeitung", welche seit dem Iul. 1827 zu Berlin erschien und noch gegenwartig fortgesetzt wird. Schon der Name „evangelische", den diese Kirchenzeitung zum Aushängeschild nahm, deutete an, wes Geistes sie sein werde, denn schmählich wurde dieses bedeutungsvolle Wort in neuerer Zeit von dieser Partei gemisbraucht und unterliegt deshalb einer schiefen Deutung. Mit unschuldvoller Miene war sie auch gleich beim ersten Erscheinen des geahmten Zweckes geständig, indem sie sich ankündete als Begründerin und Vertheidigerin der ursprünglichen evangelischen Lehre, wie sie in den Bekenntniß- schriften der protestantischen Kirche enthalten sei. Wenn aber schon die evangelische Kirche in Sachen des Glaubens überhaupt als eine Kirche, die auf freie Überzeugung des Geistes gegründet ist, durchaus keine menschlichen Satzungen und deshalb auch nicht die gleichfalls von Menschen verfaßten symbolischen Bücher als unbedingte Quelle ihres Glaubens anerkennt, so schien am wenigsten diese aus den verschiedensten Elementen zusammengewürfelte Sekte Hengstenberg's geeignet, Glaubensregeln zu entwerfen und die heiligsten Interessen der Menschheit zu be- rathen. Die Namen der Mitarbeiter, zum Theil übelberüchtigt, machten sich in der Zusammenstellung unter Anführung Hengstenberg's wahrhaft unheimlich und grauenhaft. Nicht offener Kampf mit ihnen, wo der Sieg sich sehr bald für die gute Sache entschieden haben würde, sondem heimliche Umtriebe, Verfolgungen und Angrisse auf Einzelne waren zu besorgen. Ihre Absicht war, die Menschheit um die Segnungen der Reformation zu bringen, sie drei Jahrhunderte, wo finstere Glaubenshierarchie herrschte, zurückzudrängen und dann sich selbst als vielköpfigen Papst an die Spitze zu stellen. Dieses aber konnte nicht sicherer erreicht werden, als wenn die Menschheit um den freien Gebrauch ihrer Vernunft gebracht würde. Dieses nun zu bewirken, um endlich die Früchte des geträumten Sieges zu genießen, ist fortwahrend das Bestreben der Herausgeber der „Evangelischen Kirchen- zeitm.g" gewesen. Zwar halten sie bisher kein Mittel zurückgewiesen, welches zum KisUng 7l3 Zweck zu führen schien; auf die gemeinste Weise behandelten sie Manner, namentlich den Herausgeber der „Allgemeinen Kirchenzeitung", welche auf das ^esammte Menschheit gefahrvolle Treiben derselben aufmerksam machten und vor für die ihrem Gifte warnten; richteten, verdammten und verketzerten die vernünftigsten Ansichten der edelsten Manner; allein erfolglos war ihr Bemühen, denn solche Handlungsweise konnte ihnen nur Verachtung bringen. Ein anderes Mittel wurde versucht: durch unsinniges, verwirrtes Geschwätz sowol in der „Evangelischen Kirchenzeitung" als in desondern Schriften sollte die Menschheit verwirrt werden; allein auch dieser Weg schlug nicht ein, derm man war darüberhinaus, sich über eine unsinnige Rede den Kopf zu zerbrechen, mitleidig belächelte man den Unglücklichen, den der Geist treibt, Unsinn zu reden oder gar drucken zu lassen. Ungeachtet dieser traurigen Erfahrung beharrt sie bei ihrer ursprünglichen Tendenz, hat auch ihre Leser, da es noch immer Leute gibt, welche den Unsinn für Weisheit halten, und wieder Andere, welchen es Vergnügen macht, einen Trunkenen coben zu hören. Viel später als die orthodoxe, kam auch die ultrarationalistische Partei der evangelischen Kirche auf den Gedanken, in einer besondern Kirchenzeitung ihre eigcnchümlichen Ansichten über Religion und Kirche aufzustellen. Begründer derselben ward der um die Kirche wie um die Schule hochverdiente bairische Kirchenrath I)r. H Stephani und der Pfarrer G. M. Weber. Sie erschien mit dem Anfange des Jahres 1831 zu Nürnberg unter dem Titel: „Neue allgemeine Kirchenzeitung". Man kann mit Gewißheit annehmen, daß keine böswillige Absicht, wie dies bei der „Evangelischen Kirchenzeitung" der Fall war, dieser Zeitung das Dasein gab; »renn auch nicht zu leugnen ist, daß einige allzu freie Denker, die den Widerspruch, dm sie in der „Allgemeinen Kirchenzeitung" wiederholt erfahren mußten, nicht erdulden wollten, nach einem Oppositionsblatte sich sehnten. Allein Stephani beabsichtigte gewiß kein solches, und nur die Zeit des bewegtem Völkerlebens in Deutschland konnte ihn überhaupt zu dem raschen Entschlüsse veranlassen, zur Begründung und Weiterverbreitung rationalistischer Ansichten ein eignes Blatt herauszugeben. Dasselbe hat fortwährend in anständiger, der Sache würdiger Sprache geredet und ohne gehässige Seitenhiebe die Grundsatze des Rationalismus aufgestellt und zu begründen gesucht; doch die Grenzen, innerhalb welcher es sich bewegte, waren zu enge; der Stoff erschöpfte sich nach und nach, und endlich waren es nur einige gleiche fixe Ideen, welche immer von Neuem bearbeitet wurden. Dies war auch die Ursache, daß die Zeitung mit dem zweiten Jahrgangs 1832 geschlossen ward. So bestehen demnach gegenwartig in Deutschland nur vier eigentliche Kir- chenzeitungen, Bretschneider's „Allgemeine Kirchenzeitung", Hengstenbcrg's „ Evangelische Kirchenzeitung", Göschl's „Katholische Kirchenzeitung" und Lerchenmül- ler's „Neue constitutionnelle Kirchenzeitung". Die noch immer steigende Theil- nahme des Volkes an der Kirche und deren zweckmäßigen Gestaltung erfodert Organe des kirchlichen Lebens und es kann durch dieselben tief in das Leben eingegriffen werden. Soll eine Kirchenzeitung in unserer Zeit wahrhaft nützen und segensreich für b>e Kirche wie für den Staat wirken, so darf sie nicht einseitig dem Interesse irgend einer Partei oder Sekte dienen, sondern sie muß auf vernünftige Weise das wahre Interesse der gesammten Kirche ins Auge fassen und die Angelegenheiten derselben wit Umsicht, Gründlichkeit und Unparteilichkeit beleuchten. (70) ^ .Kisling (Leopold), Hofbildhauer in Wien, ward am 8. Ott. 1770zu ^chöneben in Ostreich ob der Erms geboren. Sein Vater, ein Glashändler, widmete ihn dem Tischlerhandwerk. Der Verzierungsbildhauer Schrott gönnte dem wackern Gesellen den Besuch der Akademie der Künste zu Wien, wo der Director sicher aufmerksam auf das herankeimende, mit dm bittersten Nahrungssorgen 714 Klein kämpfende Talent wurde. Der in halber Lebensgröße nachgeformte Germanicus ^ war die erste Frucht seiner unablässigen Studien nach der Antike und erwarb ihm B den Gundel'schen Stistungspreis. Bald wurde der Curator der Akademie, Staats- li^ minister Graf Philipp Cobenzl, sein und seines Genius väterlicher Freund. Er W verschaffte ihm die einträglichsten Arbeiten und einen Gehalt, und unterstützte den ^»l dürftigen Fleiß aus eignen Mitteln. Als K. durch ein Gypsmodell, den an des ^ Patroklus Urne trauernden Achill, den zweiten Preis errungen hatte, gewährte der Graf ihm den Betrag des ersten Preises aus seiner Casse, und wählte ihn als ^ Pensionnair nach Rom, da der Krieg von 1805 die Reise nach Paris vereitelte. In Rom bildete K. unermüdet die Antiken nach, und bearbeitete mit Glück jeden Stoff, Metall, Marmor, Granit, Alabaster, Sandstein und Gyps. Nach dem Kriege von I>s ^ 1809 kehrte K. nach Wien zurück und brachte einige herrliche Büsten, mehre Figu- jÄ d ren und Gruppen mit, die schon Canova's Aufmerksamkeit erregt hatten. Eine Gruppe, Mars, Venus und Amor, konnte für ein plastisches Gelegenheitsgedicht «O auf die Vermählung der Erzherzogin Marie Luise mit Napoleon gelten, und ganz Wien wallfahrtete in den großen Kunfttempel des Belvedere, sie zu beschauen. K. M lehnte alle Anträge nach Paris, London, Iassy und Brasilien ab und blieb bis an M seinen im Frühling 1831 erfolgten Tod in Wien, mit vielen Arbeiten für alle W'l Theile der Monarchie beschäftigt. Zu den bedeutendsten von ihm gelieferten Ar- llO beiten gehört die wahrhaft ägyptische und nur im Modell ausgeführte Idee des »W Fürsten Prosper Sinzendorf, eine 22 Fuß hohe Büste des Kaisers Franz aus ch« weißem gfaller Marmor, für eine kleine Anhöhe mit weiter Aussicht zu Eimst- ych brunn, diesem durch viele Natur- und Kunstschätze geschmückten Landsitze des H, 1822 verstorbenen Fürsten. Erwähnung verdient auch das künftige Grabdenkmal „ih> für Joseph von Hammer, mit Inschriften aus zehn Sprachen, arabisch, persisch, M türkisch, englisch, spanisch, französisch, italienisch, lateinisch, griechisch und deutsch, M klassische Stellen aus Xenophon, Horaz, Dante, Shakspeare, Calderon, Ma- lesherbes, arabischen, persischen und türkischen Dichtern. Ein besonderes Ver- H dienst K.'s ist die Angabe und Verbreitung vieler östreichischcn Marmorbrüche, um W so schätzbarer, da die carrarischen beinahe ganz erschöpft sind. So fand er einen weißgelben und röthlichen Marmor in Steiermark, im Admonter- und Bachergcbirg, irA und bei Göflan unter drr Seißalpe im tirolischen Vintschgau, nicht weit von der „ich Heerstraße und von den beiden schiffbaren Strömen Inn und Etsch, kaum zu er- schöpfende Brüche des herrlichsten, zu jeder Bildhauerarbeit geeigneten Marmors, den selbst Canova hinsichtlich der Leichtigkeit der Bearbeitung dem carrarischen vor- zog, Kenner aber häufig damit verwechselten. Einen andern herrlichen Bruch ^ weißen Marmors bezeichnete K. bei Meran am Josephsberg und an der Thöll, U nicht minder in Fleims, zum neuen Beweise einer alten Behauptung, daß Tirol, ^ wie durch verborgene metallische Schätze, seine ganze europaische Wichtigkeit aus ^ den Tagen Max I. und Karls V. wieder gewinnen und sein mineralogischer Reich- ^ thum zu einer neuen und wichtigen Quelle seines Nationalreichthums werden ^ könne. ^ (17) ^ Klein (Bernhard), geboren 1794 zu Köln, ist einer der ausgezeichnetsten . Componisten unserer Zeit. Anfangs von seinen Altern zum geistlichen Stande be- ^ stimmt, erhielt er erst im zwölften Jahre den ersten Clavierunterricht. Schon früh mußte er sich selbst als Lehrer auf diesem Instrument sein Fortkommen suchen. . ^ Ein eigentlich gründlicher Unterricht in der Composition ward ihm nicht zu Theil, , ^ wiewol ein musikalischer Geistlicher die Arbeiten des jungen Mannes bisweilen ( ^ durchsah und ihm Rath ertheilte. Den Mangel eines Lehrers ersetzte seine uner- ^ müdliche Wißbegierde, die von einem reichen, scharfen, vielfach empfänglichen , Geist unterstützt wurde. Er ging 1812 auf sechs Monate nach Paris, wo thcils ^ Eherubini's Rath, der dem jungen talentvollen Manne einige Theilnahme schenkte ^ Klein 715 theils die Gelegenheit, große Musikaufführungen zu hören, vor Allem aber die Benutzung der reichen Bibliothek des Conservatoriums seiner Ausbildung einen machtigen Schwung gaben. In seine Vaterstadt zurückgekehrt, leitete er die geistlichen Musiken im Dom. Es ward 181k daselbst seine erste Messe, 1817 eine große Cantate auf Schiller's Worte des Glaubens ausgeführt. Die letztere Composi- tion bewährte das Talent und die Kenntnisse des jungen Mannes in dem Grade, daß er von der Regierung 1819 nach Berlin gesandt ward, um die dortigen Musik- anstallen kennen zu lernen und späterhin als Kapellmeister der Domkirche zu Köln und als Gesanglehrer daselbst angestellt zu werden. Indessen gewann er theils den Ausenthalt in Berlin so lieb, theils empfand man, daß seine Kenntnisse und seine Talente dem ungleich weitern Wirkungskreis in der Hauptstadt so viel angemessener seien, daß man ihn 1822 als Lehrer des Gesangs bei der Universität und des Generalbasses und Contrapunkts bei der Orgelschule anstellte. Er war aber trotz vielfachen wissenschaftlichen Leistungen und Forschungen im Gebiete der Tonkunst, fortwährend auch als Componist thatig gewesen. Außer einer großen Anzahl von Claviersonaten und Liedern, worunter besonders geistliche, hatte er mehre große Werke vollendet. Wir nennen davon das Oratorium „Hiob" (1820), die große in Glucks Styl geschriebene Oper „Dido" (Text von L. Rellstab), welche 1823 zur Aufführung kam, aber, wenig für das große Publicum berechnet, außer dem Ruf, welchen sie dem Componisten bei allen Kennern erwarb, keinen Erfolg hatte. K. verheirathete sich 1823 mit einer Enkelin des Buchhändlers Nicolai, Elisabeth Parlhei, welche ihm der Tod jedoch nach einer sechsjährigen glücklichen Ehe wieder entriß. Eine große Reise nach Italien vermehrte seine ausgebreiteten Kenntnisse. Seitdem gewann er mehr und mehr Ruf in Deutschland. Er wurde 1828 beauftragt, für das Musikfest in Köln das Oratorium „Jephta" zu schreiben, welches einen grandiosen Eindruck hervorbrachte, und schrieb 1830 für dos Musiksest zu Halle das Oratorium „David", welches mit gleichem Erfolge aufgeführt und auch späterhin in Berlin gegeben wurde. An andern kirchlichen Wecken sind noch sein achtstimmiges ?ater noster, ein großes sechsstimmiges Magnificat, desgleichen Responsorien und acht Hefte Psalmen und Hymnen für Männerstimmen zu nennen, welche sämmtlich bei Trautwein in Berlin erschienen sind. K. wird als Componist für spatere Zeiten Bedeutung haben; in der Tiefe der Auffassung, in der gründlichen Durchbildung erreicht er die größten Meister und vielleicht würde er es auch in dem Reichthum der Erfindung, wenn nicht theils das Princip einer zu großen Einfachheit, theils charakteristische Eigenheit ihn auf einen Weg geführt hätte, wo Monotonie äußerst schwer zu vermeiden ist. Übrigens ist K. auch als eigenthümlicher Geist an sich von der höchsten Bedeutung, er gehört in die Gattung jener titanischen Köpfe, die in Alles mit Macht und Schärfe einzudringen vermögen, häufig aber mehr zertrümmern als aufbauen. So weit hatten wir im Jul. 1832 geschrieben, und glaubten Derjenige, welchen unsere Worte betrafen, werde sie noch als Lebender lesen; schon wenige Wochen später, am 9. Sept. 1832, nahm ihn der Tod in der Mitte seiner edeln künstlerischen Laufbahn in der schönsten Fülle der männlichen Jahre hinweg. Eine Brustkrankheit zerstörte seine reichen Lebenskräfte in wenigen Wochen. Sein Tod machte einen erschütternden Eindruck in der künstlerischen Welt Berlins, wo man ihn auch in Beziehung auf seine ausgezeichnete Persönlichkeit mehr gekannt hatte, wo er zahlreiche Schüler gezogen, wo er> viele Freunde und Verehrer hatte, welche sein Dahinscheiden mit dem tiefsten Schmerz erfüllte. Doch auch überall, wohin seine ernsten, würdigen Werke gedrungen waren, wird man mit Trauer den frühen Verlust eines solchen Talents erfahren haben. In Berlin wurde ju seinem Gedächtniß ein feierliches Todtenamt gehalten, wobei die ausgezeichnetsten Künstler Mozart's „Requiem", ein Werk, das ihm hoch über allen Kunstschö- 716 Kleinkinderschulen pfungen stand, aufführten. Dasselbe geschah in Köln in den erhabenen Hailm des Doms. Möchten die Hinterbliebenen durch Herausgabe seiner nachgelassenen Partituren, namentlich der „Jephta", des „David" und der Oper „Dido", die unschätzbare Verlassenschaft seines Ruhmes vermehren! — Absichtlich haben wir dies muß bemerkt werden, in dem biographischen Artikel nichts geändert, sondern ihn genau so gelassen, wie er dem Lebenden zu Gesicht gekommen sel-n würde; denn auf Urtheile, die für ein Werk bestimmt sind, welches sich den dauernden zuzählen wird, darf selbst das bekannte und vielfach gemisbcauchte „De morwis nil nisi bene" keinen Einfluß üben. (20) Kleinkinderschulen, Bewahranstalten für noch nicht schulfähige Kinder dürftiger Altern, zogen in der neuesten Zeit als ein für das Wohl der gesummten Menschheit hochwichtiger Gegenstand, fast die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Wie so manche andere Erscheinung, so bezeugen auch diese Anstalten ein erfreuliches Fortschreiten der Zeit und könnten zugleich einen Beweis dafür abgeben, daß das gegenwärtige Geschlecht einen viel richtigem Blick habe und die Sache viel tiefer ausfaßte, als die vorhergehenden. So^st war man nur darauf bedacht, verwahrloste Kindererziehung in ihren Folgen so unschädlich als möglich zu machen, und richtete aus diesem Grunde nicht ohne bedeutenden Aufwand Straf- und Zuchthäuser, Kranken- und Irrenanstalten ein, wo nur irgend ein taugliches Gebäude zu finden war, um in den erstem ergraute Bösewichter für die menschliche Gesellschaft unschädlich zu machen, in die letztern körperlich und geistig Zerrüttete mitleidig auszunehmen. Zwar taufte man später hier und da die Zuchthäuser um und nannte sie Correctionshäuser, ohne aber etwas zu thun, um den durch den Namen angedeuteten Zweck zu erreichen; sie waren und blieben Corruptionshäu- ser, in denen der»Verbrecher aus Leichtsinn in der Regel Anweisung erhielt, um nach seiner Freilassung das Verbrechen systematisch zu betreiben. In neuerer Zeit ging man schon einige Schritte weiter auf dem richtigen Wege, man suchte die verwahrloste Jugend zu bessern, gründete, wie dies in Dresden, Berlin, Zeitz und anderwärts geschah, einige Besserungsanstalten und Correctionsschulen für die verwilderte Jugend und bemühte sich durch Unterricht und Zucht, was Verführung und vernachlässigte Erziehung verdorben hatten, mühsam und mit geringem Erfolge wieder gut zu machen. Bald ging man noch weiter, man glaubte sich auch der Kinder annehmen zu müssen, die auf dem Wege waren verführt zu werden, aber was that man, um sie zu retten? Sie wurden mit jenen jungen Bösewichtern in eine Elaste geworfen, in die Corcectionsanstalten eingesperrt, ohne daß man im Geringsten des alten Spruches gedacht hätte: Schlechte Gesellschaften verderben gute Sitten. Ungeachtet früherer Anregungen durch Einzelne faßte erst die neueste Zeit die Sache aus dem richtigen Gesichtpunkte, suchte die Quelle der sittlichen Verwilderung auf und erkannte die Nothwendigkeit, die zarte, noch unverdorbene Jugend in eignen Anstalten vor Verwahrlosung zu bewahren. Die erste Lebensperiode ist von der entschiedensten Wichtigkeit für das ganze physische und moralische Leben des Menschen. Die früheste Jugend ist gleichsam der Keim des Lebens, der, wenn er sich naturgemäß entwickeln soll, der sorglichsten Pflege bedarf. Ungeachtet schon vor Jahrtaufenden bei Persern, Spartanern und andern gebildeten Völkern des grauen Alterthums die Kindererziehung als die wichtigste Staatsangelegenheit behandelt wurde, und umsichtige, tiefblickende Männer aller Jahrhunderte auf die Wichtigkeit der Erziehung der Jugend in den ersten Lebensjahren aufmerksam machten, so finden wir doch durchgehends im Leben die schlagendsten Beweise, wie auffallend gerade das früheste Jugendalter bisher vernachlässigt ward, und nicht etwa bloß unter der Niedern und mittlem Volksclasse, sondern namentlich auch unter den Reichen und Vornehmen. Traurig und höchst beklageuswerth ist das Loos der kleinen Kinder aus den Niedern Volksclassen, dem Klemkinderschulcn 7! 7 sie bei Entfernung der Altern preisgegeben sind. „Hier", sagt Dohner in seiner Schrift: „Uber Bewahr- und Beschäftigungsanstalten", „gibt man ihnen Schlafpulver und macht sie dadurch dumm, oder sperrt sie ein und setzt die hülslosen ein - bis zweijährigen Geschöpfe nicht zu übersehenden Gefahren aus, dort heißt man die etwas Größern sich auf den Straßen herumtreiben und legt bei ihnen dadurch den Grund zum Müssiggang, zur Arbeitsscheu, Bettelei und Dieberei; hier übergibt man sie einer durch ihr Alter mürrisch und launenhaft gewordenen Frau oder pfercht sie in die vielleicht schon von Kindern angefüllte Stube eines Verwandten oder Nachbars ein, unbekümmert um die dort herrschende Unreinlichkeit, sowie um das verderbliche Gift, das Schamlosigkeit, Roheit und Sittenlosigkeit aller Art in das zarte Gemüth pflanzen; dort überlaßt man sie der Aussicht und Wartung alterer, die Schule versäumender, Geschwister, die zum Theil dieser Wartung selbst noch bedürfen und wenigstens nicht geschickt sind, das leibliche und geistige Wohl der ihnen übergebenen Kleinen wahrzunehmen. Das ist der Erfahrung zufolge das gewöhnliche Loos aller' noch kleinen Kinder armer Altern aus den Niedern Volks- classen, wenn diese ihrem Erwerb nachgehen und von ihrer Seite sich entfernen müssen; das ist die Weise, auf welche sie ihre Kinder dann unterbringen und beaufsichtigen lassen." Mag nun auch das Schicksal der Kleinen aus den Mittlern Standen erträglicher sein, so ist es doch nicht viel besser; hier verhindert häusliche Arbeit und Geschäfte, dort gänzliche Unwissenheit und Unbeholfenhekt, hier Trägheit, dort Gleichgültigkeit an der gehörigen Aufsicht über ihre Kinder; die meisten Altern aber werden durch übertriebene Vergnügungssucht abgehalten, der heiligen Pflicht der Kindererziehung nachzukommen. Und welches ist das gewöhnliche Loos der Vornehmen und Reichen in ihrer frühesten Jugend? Von der Mutterbrust auf unnatürliche Weise verstoßen, saugen sie schon mit der stiefmütterlichen Milch Charakterlosigkeit, geistige Beschränkheit, sklavischen Sinn und alle die Gemeinheiten ein, welche dann mehr oder minder in den Kinderstuben roher Wärterinnen und in der Umgebung des gemeinsten Pöbels tiefere Wurzel schlagen. Junge Baume werden von ihrem ersten Hervorsprossen an, damit sie gedeihen, sorgsam gepflegt und durch Umfriedigung vor Beschädigung verwahrt, und das Kind soll in seiner frühesten Periode dieser Sorge entbehren und jedem schädlichen Einflüsse preisgegeben sein? Jung zieht man den Baum, damit er schlank emporwachse, denn einmal verkrüppelt achtet man das Bemühen, ihn wieder gerad zu ziehen, höchst schwierig und meist vergeblich, und beim Kinde soll die Erziehung erst beginnen, wenn es an Körper und Geist krank, an Verstand und Willen verdorben und an Sitten und Gewohnheiten verwahrlost ist? Thörichter, verderblicher Wahn, daß der vergiftete Keim wieder gesunden könne und daß in der kurzen Zeit des Schulunterrichts physische und moralische Verderbtheit gehoben werde. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß in der gewissenlos vernachlässigten frühesten Erziehung der Hauptgrund des sittlichen Verderbens unter den Menschen zu suchen sei. Fast durchgehend unerfreulich ist das Resultat, welches der aufmerksame Beobachter findet, wenn er den Menschen in den verschiedenen Verhältnissen des Lebens als Mensch betrachtet. An die Stelle der Sittenreinheit, des Edelsinns, der Charakterstärke, der Freundschaft und der Liebe sind sittliche Verderbniß und namentlich nn überwiegender Hang zur Sinnlichkeit, Gemeinheit, Wankelmuth, Eigennutz und f-itelkeit getreten; das Laster selbst umgibt sich mit dem Scheine der Heiligkeit, und manche ehrwürdige, schöne Tugend muß sich verspottet sehen. Um die Menschheit dahin zu bringen, daß sie den Platz, welchen sie in der Schöpfung einnimmt,. immer würdiger behauptet, sind die Bewahranstalten der geeignetste Weg, denn >>e bewahren die Kinder und diese werden nach uns das Volk sein. Mag nun auch durch die Einrichtung von Klcinkindertchulen das Ideal einer urckgehends zweckmäßigen Kindererziehung noch nicht erreicht werden, mögen auch Kleinkinderschulen die erkannten Mangel und Übel der gewöhnlichen Erziehungsweise durch sie nicht alle gehoben und beseitigt werden, so laßt sich doch, wenn sie allgemeinen Eingang gefunden haben werden, von ihnen unendlich viel Gutes hoffen. Bei der Wichtigkeit und Neuheit der Sache können wir nicht umhin den Nutzen derselben kurz unter den zuerst und am auffallendsten sich darbietenden Gesichtspunkten zu betrachten. Am segensreichsten bewahrt sich natürlich die Kleinkinderschule in Beziehung auf ihren ersten Zweck, nämlich die darin aufgenommenen Kinder, indem sie dieselben gegen die zahllosen Gefahren, welche in der frühesten Jugend ihren Körper und Geist bedrohen, bewahrt, von physischen und geistigen Gebrechen möglichst heilt, durch Beschäftigung, Unterhaltung und Unterricht naturgemäß entwickelt und ausbildet, für alles Gute und Schöne empfänglich macht, den Sinn für Tugend und Sittlichkeit früh in ihnen begründet und zur Schule sie wohl vorbereitet. Nicht minder segensreich ist die Errichtung der Kleinkinderschulen zunächst für die Altern, denn das unschuldsvslle Wesen der Kinder, ihre Sit- tenrcinheit und alle die Tugenden, die sich früh äußern, werden höchst vortheil- haft auf die Altern zurückwirken. Off wird das beziehungslose Wort des geschwätzigen Kindes in dem Herzen der Altern einen bessern Anklang finden, als die stundenlange Predigt des ausgezeichnetsten Kanzelredners, denn durch die Kinder ist der sicherste Weg zu den Herzen der Altern. Die Reinlichkeit, welche in den Bewahranstalten nothwendig Erfoderniß ist, wird auf manche Mutter, die früher ihre Kinder in dieser Beziehung auf das Unverantwortlichste vernachlässigte, den wohlthätigsten Einfluß äußern; wenn auch ärmlich gekleidet, so wird sie sich doch bemühen, reinlich ihr Kind der Anstalt zu übergeben. Durch diese Anstalten erst wird es den Altern aus der armen Classe, und diese ist die zahlreichste, welche von ihrer Hände Arbeit leben, möglich, unbesorgt ihren Arbeiten außer dem Hause obzuliegen, denn sie wissen ihre Kinder in den besten Händen, während sie sonst mit schwerem Herzen dieselben am Morgen ihrem Schicksale überlassen mußten, und wegen der Gefahren, denen sie die Kleinen preisgegeben wußten, bis zur Rückkehr sich ängstigten und nur mit getheilter Aufmerksamkeit bei ihrer Arbeit waren. Aber auch für die Altern, die ihr Brot nicht außer dem Hause zu verdienen haben, bewährt sich diese Einrichtung als ganz trefflich, denn durch die Ungezogenheiten der Kinder nicht mehr schmerzlich berührt und verdrüßlich gemacht, aller Sorge für ihr Wohl enthoben, können sie nun viel freudiger und ungestörter ihre Arbeiten und Geschäfte verrichten. Von großem Nutzen sind die Bewahrschulen serner sowol für die ganz kleinen Geschwister, indem diese durch das Lärmen uwd Schreien der Größern in ihrer allmäligen Entwickelung, zu welcher sie der Ruhe bedürfen, nicht mehr gehindert werden und der ungeteilten Aufmerksamkeit der Mutter sich zu erfreuen haben, als auch für die ältern Geschwister. Diese werden dadurch der Wartung der Kleinern, die für sie schädlich und für diese gefährlich war, überhoben, nicht mehr von der Schule abgehalten, deren die Niedern Classen, wo die häusliche Erziehung eher störend als fördernd auf die Bestrebungen und Zwecke der Schule wirkt, so sehr bedürfen, durch die zeitige Entwickelung der Kleinen zu größerm Fieiße und höherer Sittlichkeit angespornt und gewinnen Zeit, zur Unterstützung der Mutter manche häusliche Geschäfte zu verrichten. Wenn schon dadurch die Kleinkinderschulen vortheilhaft auf die Mittlern und höhern Stände wirken, daß sie sich angespornt fühlten, der Erziehung ihrer Kinder größere Aufmerksamkeit zu widmen, so könnte für jene noch ungleich größerer Nutzen hervorgehen, wenn diese Anstalten Bildungsschulen zugleich für junge Kinderwärterinnen würden. Diese Mädchen fände.: hier unter Leitung und Aufsicht einer erfahrenen Lehrerin die bequemste Ge- legenheit, das Kinderwarten praktisch zu erlernen und zu guten und tüchtigen Kindermädchen sich zu bilden. Dadurch würde dem Mangel dieser Elasse dienender Personen, der für die Jugend der Reichen und Vornehmen von so höchst nachthe'- -Hill WM zu! rMMi > M Nu Kleinkinderschulen ligen Folgen ist, auf die zuverlässigste Weise abgeholfen!und bald würde es nicht mehr an Kindermädchen fehlen, die ihres wichtigen Berufs sich klar und deutlich bewußt wären und die nöthige Gewandtheit besaßen. Dieser Nebenzweck der Bewahrschulen ist auch schon sowol in Berlin als in Freiberg beachter worden. Unverkennbar ist ferner der Nutzen, welchen diese Anstalten auf die Schule äußem. Der Lehrer erhält die Kinder aus der Bewahranstalt schon völlig entwickelt, mit den ersten Elementen bekannt und anstatt daß er bei einem verwilderten Kinde erst Jahre lang Unkraut wegzuräumen hat und dann das Gute in einen ausgesogenen Boden säen muß, so braucht er hier nur fort- zubauen, denn ein sicherer Grund ist gelegt. Wie aber dem Lehrer hierdurch sein mühsames Geschäft ungemein erleichtert wird, so ist die frühe Ausbildung der Kinder auch für die Ältern, besonders der arbeitenden Classe, von den wohl- thätigsten Folgen, indem es nun viel eher zulässig ist, weil es ohne Nachtheil für die Kinder geschehen kann, daß dieselben zu einiger Aushülfe des älterlichen Gewerbes verwendet werden können. Nicht zu berechnende wohlthätige Folgen haben endlich diese Anstalten für die gesammte Menschheit, für den Staat wie für die Kirche, denn durch sie wird nach und nach der Müssiggang aus der menschlichen Gesellschaft schwinden und mit ihm alle die Laster, welche in dessen Gefolge sind, Elend und Noth werden allmälig sich mindern und manche jetzt ziemlich vergessene Tugend an die Stelle herrschender Laster treten. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die Erde bis jetzt kein Institut aufweisen kann, welches auf so tiefe und richtige Beobachtung des Bedürfnisses gegründet und bei größerer Ausdehnung so allumfassend auf das Wohl der gesammten Menschheit einzuwirken befähigt wäre. Wo sonst Unkraut und Gifte üppig wucherten, da pflanzen die Bewahranstalten einen Garten der edelsten Gewächse. Der Zweck der Kleinkinderschulen, um ihn kurz zu fassen, ist, wie von Rehlingen m seiner Schrift: „Die Bewahrschulen u. s. w.", sagt: „Diejenigen Altem, welche tägliche Arbeit von ihrer Wohnung entfernt hält, zu unterstützen; sie der Aufsicht über ihre kleinen Kinder während der Zeit, wo sie sich selbst mit ihnen nicht beschäftigen können, zu entheben; die Kinder selber vor dem Zufalle der Gefahren, denen der Mangel an'Aufsicht sie aussetzt, zu bewahren; die öffentliche Sicherheit der Personen und des Eigenthums, welches so oft von diesen unbewachten Kindern auf das schrecklichste, vorzüglich durch Schadenfeuer, gefährdet wird, aufrecht zu erhalten; die Kleinen den Straßen, wo gefahrliche Eindrücke sie umringen und wo sie die Laster der Unzucht und des Müssiggangs annehmen, zu entziehen; sie der Unreinlichkeit, dieser Mutter ansteckender Krankheiten, zu entwöhnen und dem geselligen Leben mit aller Freiheit und allem Wohlsein, aber doch mit einer durch liebe- und einsichtsvolle Aufsicht geregelte' Freiheit, die ihr Alter erheischt, zuzu- sühren; sie zum gegenseitigen Wohlwollen und zu einer vertrauenvollen Liebe gegen ihre Vorgesetzten zu bilden; die erste Entwicklung ihrer Fähigkeiten und vorzüglich ihres Charakters auf den richtigen Weg zu leiten; sie endlich ihrer Fassungskraft gemäß zum Gefühle und der Kenntniß von Gott und der Religion zu erheben/' Anstalten, die diesen erhabenen Zweck haben, immer allgemeiner zu machen, Bewahranstalten nicht bloß in größern und kleinern Städten, wo wohltha- l'ge Vereine, besonders der Frauen, deren Zartsinn das traun'ge Loos der kleinen unschuldigen Wesen am meisten erregen mußte, fördernd sich bezeigt haben, sondern in jedem Dorfe einzurichten, ist das Interesse und die Pflicht jedes wohleinge- nchteten Staats. Wo Millionen später ersvart werden können, muß die Gegenwart nicht anstehen Tausende zu spenden. Darum frisch die Hand ans Werk ge- "'gt und den heiligen Bau begonnen! Wenn diese Anstalten erst allgemein geworden sind und eine Reihe von Jahren segensreich gewirkt baben, wie wird sich ann die Zahl der Geist- und Körperkranken mindem, die der Staat in Irren- und 72V Kleinkinderschulen Krankenanstalten aus Barmherzigkeit bewahren und heilen muß, wie viel weniger kleine und große Verbrecher werden die Zucht- und Strafhauser aufzunehmen H.I- bcn, um sie zu bessern oder für die menschliche Gesellschaft unschädlich zu machen. Um das Geschlecht, welches nach uns kommt, von allen den Übeln zu erlösen, die durch vernachlässigte Erziehung es bedrohen, sind die Bewahranstalten das zuver- ' lässigste Mittel. „Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen", sprach der göttliche Menschenfreund, „der nimmt mich auf, und was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan." Nun wahrlich, richtiger und großartiger können diese herrlichen Worte nicht aufgefaßt werden, als sie aufgefaßt zu haben die Menschheit durch Stiftung von Kleinkinderschulen beweist. Zn Hinsicht des Alters sowol der in die Bewahrschulen aufzunehmenden, als der zu entlassenden Kinder sind die Bestimmungen sehr verschieden, indem in Deutschland und Frankreich, in einigen Kinder von 4 bis 5, in andern von L bis 4, in noch andern von 1? bis 5, in England in der Regel von 2 bis 6 und in Ostreich von 2 bis 7 Jahren aufbewahrt werden. Doch ist man im Allgemeinen der richtigen Ansicht, daß Kinder, welche das vierte Lebensjahr zurückgelegt haben, nicht aufzunehmen seien. Die verschiedenen Bestimmungen hinsichtlich des Alters der Zöglinge in den Bewahrschulen geben auch die Veranlassung zu verschiedenartigen Benennungen. Es nannten sich diejenigen Anstalten, welche die Kinder sehr jung aufnahmen und zeitig wieder zurückgaben, Kinderpfleganstalten; die, welche sie etwas länger behielten, Bewahr- und Beschäftigungsanftalten; diejenigen endlich, welche sie erst im schon schulfähigen Alter entließen, Kleinkinderschulen. Wenn man für Kinder von 2 bis 6 Jahren diese Anstalten am zweckmäßigsten erachten muß, so dürfte unstreitig der Name Bewahrschulen, der auch schon in manchen Gegenden üblich ist, der entsprechendste sein, indem er sowol den Begriff der geistigen und körperlichen Fürsorge', als den der frühzeitigen Entwickelung -und Bildung des Kindes in sich schließt, denn der übrigens auch nicht unangemessene Name Kleinkinderschulen gibt sehr leicht zu einer schiefen Ansicht von der Sache Anlaß, indem man nach der gewöhnlichen Erscheinung unter Schule nichts Anderes denkt als eine Lernanstalt. Die Einrichtung der Bewahrschulen ist zwar durchgehend von der Locali- tät abhängig; allein sollen sie ihrem Zwecke ganz entsprechen, so sind, was das Personale anbetrifft, eine Vorsteherin, einige Gehülsinnen und ein Lehrer unumgänglich nothwendig. Zur Vorsteherin dürfte sich am besten eine gewissenhafte, noch rüstige Witwe eignen, welche die ihr anvertrauten Kleinen mit mütterlicher Zärtlichkeit zu behandeln, die als Gehülsinnen ihr beigegebenen Mädchen zweckmäßig zu unterweisen und das Ganze mit Umsicht zu leiten versteht. Männer, wie es vornehmlich in England Sitte ist, dürften sich weniger zu Vorstehern eignen. Die Gehülsinnen sind aus der Zahl derjenigen Mädchen, welche als Kindermädchen in den Bewahrschulen sich auszubilden wünschen, mit Sorgfalt auszuwählen. Ihr Geschäft ist, die Kleinsten zu warten und die Größern zu unterhalten. Zum Lehrer endlich, der sich Früh und Nachmittags etwa eine Stunde lang mit den schon erwachsenen Kindern zu unterhalten hat, ist ein Mann nothwendig, der in des Kindes kindlichen Sinn einzugehen und den schlummernden Verstand all- mälig zu wecken versteht. An Räumen dürften zwei größere Stuben und ein Spielplatz nöthig sein. In der einen Stube befinden sich die Kleinen, welche nur die Wartung und Unterhaltung der Kindermädchen bedürfen, in der andern die Größern, welche an den Unterhaltungen des Lehrers Antheil nehmen. In ihnen halten sich jedoch die Kinder nur bei übler Witterung und während der Anwesenheit des Lehrers auf; außerdem sind sie auf dem Spielplatze, der befriedigt, festgecam- melt und mit Kies überstreut werden muß. Als unentbehrliche Geräthe sind zu betrachten eine große Nuhematte für die ermüdeten Kleinen, ein Bchältniß in einer Kammer zur Aufbewahrung der von den Kindern mitgebrachten Lebensmit- Kleinkinderschulen 721 ttl einiges Spielzeug und andere Gegenstände zur Unterhaltung. Was nun das äußere und innere Leben der Bcwahrschulen anbelangt, so haben die Altern das in die Anstalt aufgenommene Kind reinlich gekleidet und mit den nöthigen Lebensmitteln versehen zur bestimmten Stunde zu überbringen und wieder abzuholen. Sind die Kinder am Morgen versammelt, so spricht die Vorsteherin, nachdem die Kleinsten der Störung wegen entfernt worden sind, ein Morgengebet, an welches sich nolhwendige Ermahnungen anschließen. Die Kleinern werden den Kinder, mädchen zur Wartung übergeben, die Großem beginnen zu spielen und werden theils durch die Vorsteherin, cheils durch die Kindermädchen unterhalten. Später crhaltm sie ihr Frühstück, nachher erscheint der L.hrer, nicht um sie zu unterrichten, sondern um spielend mit ihnen sich zu unterhalten. Er erzählt ihnen biblische Geschichten; sagt ihnen ein Verschen vor, um ihr religiöses Gefühl zu wecken; übt sie in deutlichen und richtigen Antworten; sucht ihre Sinne zu scharfen, ihre Denk- krastzu üben, ihr Gemüth für das Gute empfanglich zu machen, sie an Ordnung zu gewöhnen; nimmt überhaupt in gewisser Aufeinanderfolge alles Das mit ihnen vor, wodurch sie zweckmäßig für die Schule vorbereitet weroen. Nach seiner Entfernung gehen die Kinder wieder an ihre Spiele, kommen kurz vor 12 Uhr, nach- dem sie sich rein gewaschen haben, in dm größern Saal, wo ihnen die mitgebrachten Lebensmittel verabreicht werden. Wie am Morgen, so werden die Kinder auch am Nachmittag beschäftigt und am Abende, nachdem sie alle ihre Spielsachen und Geräthschaften nn die gehörige Stelle gebracht haben, mit einem herzlichen Gebete den Ihrigen zurückgegeben. Leicht aber können Vewahrschulm gemisbraucht werden, wenn sie gewissenlose Menschen als halbe Findelhauser betrachten, durch die sie des größten AHeils der Fürsorge für die Kinder überhoben werden. Deshalb muß man es für eine sehr weise Einrichtung in England erachten, in denen die Altem zu einem wöchentlichen, wenn auch geringen, Beitrage für die in die Klcin- kindttschulen aufgenommenen Kleinen verpflichtet sind. Indem man die Zweckmäßigkeit dieser Anordnung anerkannte, fand sie auch in Sachsen Nachahmung, wo z B. in Freiberg die Altern für ein Kind wöchentlich ein bis zwei Groschen bezahlen. Die Idee einer Bewahrschule für kleine Kinder zuerst verwirklicht zu haben, ist Deutschlands Nuhm. Es war die hochherzige Ffan, die verstorbene Fürstin Pauline von Lippe-Detmold, welche schon 1802 zu Detmold die erste Pfleqanstalt für Kinder von 1 bis 4 Iahren errichtete und so ausstattete, daß sie noch jetzt besonders für die Kinder der ärmsten Classe von großem Segen ist. Bergt. Krücke, „Uber den Zweck und die Einrichtung der Pfleganstalt zu Detmold" (Lemgo 1313). Lange blieb dieses Institut das einzige in seiner Art, ungeachtet sowol wahrend des französischen Kriegs als unmittelbar nach Beendigung desselben wegen der gro- Anzahl kleiner vater- und mutterlosen Waisen das Bedürfniß von Bewahr- schulen deutlich hervortreten mußte. Erst 1819 ward durch den bekannten Menschenfreund und Wohlthater, den nunmehr verstorbenen Professor Wadzeck in Ber- ün, eine der detmoldischen ähnliche Pflcgeanstalt für Kinder von 4 bis 5 Jahren in Berlin errichtet und wirk noch jetzt erfreulich. Um dieselbe Zeit gründete man auch England Kleinkinderschulen, für welche die 1819 vorzüglich durch Brougham's '"'füge Bemühungen gestiftete Anstalt in Westminster ein Muster wurde. Zwar batte es schon früher in kleinen und selbst größern Städten Englands, sogenannte ^Oberschulen (Oume schau!-) gegeben, wo die Kinder der Armen gegen eine ge- ""ge wöchentliche Vergütung unter der Obhut einer alten Frau gegen Schaden ^rwahrtwurden, jedoch ohne auf geistige und sittlicheErweckung Rücksicht zu nehmen, '^cr das nächste Muster der englischen Kleinkinderschulen war die, von dem men- ^nfreundlichcn Robert Owen in seiner, zu New-Lanark in Schottland seit 1800 gründeten großen Manufactur eingerichtete Psteganstalt für Kleinkinder die erste. Nation interessirte sich so lebhast für die Sache, baß bis jetzt schon mehr denn " eav.-Lex. ne-ixsten fielt und Literatur. II. 41) 722 Kleinkinderschulen 400 solche Anstalten auf den verschiedensten Punkten des Reichs in Wirksamkeit sind. Eigne Gesellschaften sind zusammengetreten und wirken mit seltenem Eifer und großen Aufopferungen, um die Bewahrschulen immer allgemeiner herzustellen, und « es wurden sogar eigens Lehrer angestellt, die zur Gründung derselben im Lande um, Herreisen. Vergl. Pole's „Observation» relative to Infant scllools" (London ^ , 1823); Mayo's Schrift über Kleinkinderschulen (London 1827); Wilderspin, „Über die frühzeitige Erziehung der Kinder und die englischen Kleinkinderschulen" (übersetzt 'h von Wertheimer, Wien 1828), und Bialloblotzkv, „Das britische Unterrichtswesin" (Bd. 1, Lemgo 1828). Die Vereinigten Staaten sind diesem Beispiele bald ge- ^ l folgt und haben jetzt zahlreiche Bewahranstalten, die das Kind von dem zartesten , Alter aufnehmen. Durch den Eifer, mit welchem man in England die Sache be- BB^ trieb, wurde nicht nur in Deutschland, sondern auch in mehren andern Staaten die Aufmerksamkeit von Neuem diesem Gegenstande zugewendet. Ganz nach dem kisiM" Muster der in Detmold ward die Kinderpfleganstalt in Genf eingerichtet. Um das Volk mit den Zwecken dieser Anstalten bekannter zu machen, verordnete das pceu- W^rl. ßische Ministerium den Ankauf der erwähnten Schrift Wilderspin's aus den Kit- Wach» chen- und Schulcafsen. Der König der Niederlande foderte die Schulräthe und ausgezeichnetsten Pädagogen seines Staats auf, ihm Plane zur Einrichtung von MnrÄ Kleinkinderschulen vorzulegen. Man begründete nicht nur in Paris eigentliche Bc- wahrschulen, sondern richtet? auch in mehren andern Städten des französischen DW Staats besondere Salles U'asile pour la premiere enkance ein. Auch in der ÄiiW» Schweiz, in Schweden und in Kurhessen wurden sie wiederholt der Aufmerksam- Dnhül keit des Publikums empfohlen. Nicht minder lebhaft interessiere man sich für diese Angelegenheit in Sachsen, Preußen und Ostreich, und suchte es durch die That zu önMA beweisen; Dresden erhielt schon 1828 eine Bewahranstalt, die aber nur ein höchst WW mangelhafter Versuch blieb, welchem erst 1830 zwei vollkommenere Anstalten WM folgten, nachdem in Freiberg durch die menschenfreundlichen Bemühungen des mM Amtspredigers, Seminardirectors Döhner 1829 in Sachsen die erste wohleingc- ^ richtete Bewahr- und Beschäftigungsanstalt für Kinder armer Altern von 1^ bis sjimM 5 Jahren zu Stande gekommen war. Vergl. Döhner, „Über Bewahr- und Be- schäftigungsanstalten für noch nicht schulfähige Kinder armer Altern" (Freiberg 1829). In Preußen fanden sie vorzüglich in der Provinz Brandenburg Eingang. Durch die Bemühungen eines Wohlthätigkeitsvereins vorzüglich von Frauen, dessen BGuk Zweck es war, die Noch und das Elend armer Familien zu mildern, ward es mög- lieh, daß am 10. April 1830 zu Potsdam eine Kinderpfleganstalt, welche die dct- molder und genfer sich zum Muster genommen hatte, eröffnet werden konnte. Diese gab die Veranlassung, daß auch Brandenburg, Havelberg und Nawawes schon 1831 ähnliche Institute einrichteten. Vergl. von Türk, „Der Wohlthä- tigkeitsverein in Potsdam" u.s. w. (Potsdam 1831). Auch in der östreichischen Monarchie hat man das Bedürfniß der Zeit erkannt und fördert die Errichtung von Bewahranstalten. Die erste ward zu Ofen, das jetzt deren drei hat, durch die Gräfin ^ ^ Brunsrik von Korompa, welche später auch in Pesch und Presburg durch die Ein- richtung ähnlicher Anstalten sich große Verdienste erwarb, 1819 gestiftet. In dem- selben Jahre noch war auch Neusohl durch ein Vermächtnis im Stande, eine ^ ' solche Anstalt zu errichten. In Wien, wo 1830 die erste errichtet ward, bestehen ^ bereits fünf unter Leitung des Domherrn Turgan, die bedeutende jährliche Unter- stützungen von Seiten der Kaiserin erhalten, und zu Pesch drei, welche durch die Erz» ^ Herzogin Maria kräftig unterstützt werden. Ähnlicher Institute erfreuen sich bereits M! Presburg, Klausenburg, Gräz und Cremona. Bald dürsten solche auch zu ^ Prag durch die Bemühungen des Oberstburggrafen von Chotek und zu Linz ins Leben treten. Vergl. Rehlingen, „Die Bewahrschule für kleine Kinder" (Wien . Nch 1832). Die Bahn zur Einrichtung von Bewahrschulen, deren Nutzen immer all- Klicki 723 ^meiner anerkannt wird, ist gebrochen und wir hegen die Hoffnung, daß die Sache bald schnellem Fortgang gewinnen werde. (7V) Klicki, General der Cavalerie, steht als einer der ehrwürdigsten Veteranen der polnischen Nation fleckenlos in der Geschichte des großen Dramas seines Vaterlandes. Seine Jugend fallt in die Zeit der ersten Theilung Polens, das Jünglingsalter in Kosciuszko's Freiheitskampf, die Mannesjahre in die Glanzepoche von Napoleons Weltherrschaft, sein Abend in den Dammerschein voll kühnerHoss- nungen von Unabhängigkeit, welche mit dem 29. Nov. in eine blutige Morgenröthe ausgegossen, nach einem gewitterschweren Tage Polens Nacht und Untergang verkündete. In Napoleons Schule gebildet, glänzte dieser durch Geist, Muth und manche kühne Wasscnthat in Italien und Spanien gleich ausgezeichnete Krieger besonders als Führer der polnischen Uhlanen in der Schlacht von Toledo und in den beiden Belagerungen von Saragossa. Von dem Marschall Lannes in Madrid dem Kaiser vorgestellt, der ihn zum Ossizier der Ehrenlegion erhob, wußte er den Nutzen der Lanze als Angrissswasse so klar zu beweisen und durch eigne Handhabung anschaulich zu machen, daß Napoleon sogleich diese Bewaffnung für die Chc- vauxlegers seiner Garde anbefahl. Bald darauf wurden mehre neue Lancierregimenter errichtet. Mit Chlopicki aus Spanien heimgekehrt, folgte er der großen Armee nach Rußland, wo nicht minder sein Name in den Kriegsberichten mit Auszeichnung genannt wurde. Unter den vielen Zügen seiner Tapferkeit, die seinen militairischcn Takt, Muth und Diensteifer bezeichnet, deren die Geschichte der französischen Heere mit gleich großer Achtung gedenkt, heben wir nur einen aus, der ikm zur größten Ehre gereicht. Auf dem Rückzüge aus Rußland war das ganze Corps des Viceköm'gs vonJtalien, kaum noch einige Tausend Mann stark, größtenteils krank, von Strapatzen abgemattet, schlecht bewaffnet, ohne Geschütz und Echicßbedarf bei Kraskö unfern Smolensk durch die zahlreichen Truppen des Generals Miloradowitsch von der übrigen Armee abgeschnitten. Aufgefodert sich zu ergeben, wollte diese kleine Schar lieber mit den Waffen in der Hand siegen oder ehrenvoll untergehen. Den ganzen Tag hindurch vertheidigten sie sich mit einem Muthe, der ihre Gegner selbst in Staunen versetzte. Die Nacht brach herein, ohne daß die Truppen sich durchzuschlagen vermochten. Das Corps befand sich in der äußersten Gefahr. Von allen Seiten eingeschlossen, mußte es am folgenden Morgen die Beute des weit überlegenen Feindes werden; denn sich mit Gewalt einen Rückzug durch solche Massen zu bahnen, überstieg menschliche Kräfte. In dieser i!age kann der Vicekönig nur durch die Begünstigung der Dunkelheit einen Ausweg hoffen. Er weicht von der Straße ab, die Truppen marschiren in größter Stille; plötzlich stößt die Vorhut, von dem Obersten K. befehligt, auf eine starke feindliche Feldwache. Die Posten rufen in russischer Sprache ihr „Wer da!" Hätte man nicht geantwortet, so würde das ganze feindliche Lager in Bewegung gerathen sein und die Überreste des französischen Corps wären vernichtet worden. K. besann ßch nicht; er ritt auf den Posten zu, und der russischen Sprache vollkommen machtig, rief er leise: „Schweig, Unglücklicher! Siehst du nicht, daß wir zum Corps des Generals Ouwaroff gehören und in aller Stille vorüber ziehen, um die Franzosen bei Krasnoe zu überraschen." Durch K.'s ernste Haltung und Geistesgegenwart getauscht, unterließ der Feind, sich von der Wahrheit zu überzeugen; denn der Tapfere hielt mit seinem Pferde in größter Seelenruhe mitten unter den Russen, bis der letzte Mann der vorbei desilirenden Franzosen gerettet war. Die Neugierde eines russischen Soldaten, der sich der Schar genähert, ein französischer Laut und tausend unvorhergesehene Zufälle hätten diese Kriegslist entschleiern können, und dann wäre der Tod oder Gefangenschaft in Sibirien, das traurigste Schicksal, bcm edelmürhigen K. gewiß zu Theil geworden. Napoleon, über diese Aufopferung entzückt, ernannte den Helden sogleich zum Brigadegeneral. Als solcher machte 46 * 724 Klostcrwesen in Baicrn K. die Feldzüge von 1813 und 1814 mit, und wohnte keiner Schlacht bei, in welcher er nicht neue Lorbern errungen hätte. Ein schöner Zufall aber wollte, daß der Prinz Eugen noch in Rußland seinem Lebensretter in eigner Person die Schuld abzahlen konnte, indem K. in der Gegend von Lowicz, von Kosacken umzingelt, kaum der Gefangenschaft entronnen wäre, hatte der wackere Fürst die Gefahr nicht noch früh genug erkannt und, mit seinen Adjutanten herzusprengend, den Feind in die Flucht geschlagen. Diese Befteiungssccne hat der durch seinen Philhellenismus und sein Künstlertalent gleich ausgezeichnete General Heidegger in einem höchst gelungenen Gemälde verewigt, das mit besonderer Vorliebe dem Kunstfreunde in der Galerie Leuchtenberg zu München gezeigt wird. Zum Mi- litair geboren, blieb K. auch nach seiner Rückkehr in das Vaterland in activem Dienste, allein seine Kränklichkeit, die Folge seiner Wunden, hinderte ihn, der Armee fortan Das zu sein, was er wünschte. Öftere Badereisen entfernten ihn von der Fronte, aber nicht von dem Herzen seiner Soldaten. Als das polnische Volk am 29. Nov. 1839 in einem allgemeinen Aufstande sich erhob, befehligte er die erste reitende Jägerdivision, welche, sowie die Uhlanendivision des Generals Wei- ßenhoss, unter dem Oberbefehl des verrufenen Rozniecki gestanden hatte. Nach der Abdankung des Dictators führte K. mit Weißenhoffdasinterimistische Commando bis zur Wahl des neuen Generalissimus Radziwill. Wäre der edle K., der damals so kranklich war, daß er kaum das Pferd besteigen konnte, nur zehn Jahre jünger gewesen, so würde die Armee sich keinen andern Führer gewünscht haben. Aus Rücksicht auf seine Gesundheit bat er sich selbst den Befehl über die Truppen am linken Weichselufer aus. Bei allen wichtigen Ereignissen aber war er in Warschau, um von hier aus wenigstens mit seinem Kopfe des Vaterlandes Wohl zu berathm. Polen hat gewiß keinen wärmern und uneigennützigem Patrioten als K., der in seiner rührenden Einfachheit so viel Menschengröße und Bürgertugcnden vereinigt, daß selbst Rußland ihm den Tribut der Bewunderung nicht verweigern kann. (8) Klosterwesen in Baiern. Man rechnet, daß fast die Hälfte alles Grundeigenthums in Baiern vor der Säcularisation den Klöstern, etwa 299 an der Zahl, eigen war; von 29,897 Höfen waren 12,779 klösterlich, alle diese aber, im Vergleich mit den königlichen und adeligen Gutsuntetthanen, auf eine so überschwengliche Art belastet, daß nach der Säcularisation theils u.rgc- heure Rückstände, zu 199,999 Gulden, nur in einzelnen Gerichten erlassen, theils für die Zukunft die Abgänge beträchtlich vermindert werden mußten. Durch den Verkauf der Klostergüter sind 7 Millionen an alten Staatsschulden, die man an Zahlungsstatt angenommen, vernichtet, neue Barschaften gewonnen, Fabriken, namentlich Benedictbeuerns Musterwirtschaften in den Händen der neuen Besitzer, bürgerliche Brauereien, stabile Pfarreien, neue Schulhäuser in großer Anzahl errichtet worden, sodaß daraus ein ganz anderes Bild der veredelten Landwirthschaft hervorgegangen ist. Allein die den verkauften Klostergütem auferlegten Steuern machen mehr aus, als was mau früher von einer Zeit zur andern, unter tausenderlei Reversen und Capitulationcn, aus der tobten Hand der Klöster hat erpressen können. Ein Concordat mit dem Königreich Beiern ward 16L7 abgeschlossen, bald nach dem Abgang des großen bairischen Ministers von Montgelas, der alle ftühsrn Lockungen und Einflüsterungen zu einem solchen schädlichen. Ver- rrage zurückzun ess n wußte. Wenigstens hat sich die Stimme der Öffentlichkeit laut dahin äußern wollen, daß unter allen Concordaten, die vom Anbeginn mit dein römischenStuhlin ganz Europa geschlossen worden, das bairische das schlimmste, für die Regierungsrechte das nachtheiligste und ganz im Geist des finstersten mittelalterlichen Hiloebrandismus abgefaßt sei, welches wir dahingestellt sein lassen müssen. Wenigstens sind alle später» Concordate mit den andern Negierungen in einem ganz andern liberalem Sinn an den Tag getreten, und selbst Das, was Klübcr 725 Ostreich ohne alles Concordat gegen seine katholische Geistlichkeit handhabt, ist e5- was ganz Anderes, Würdigeres und Höheres, als Dasjenige', was der Papst der bairischen Regierung gleichsam nur aus Gnaden und als Indult belassen will. Zn diesem Eoncordat, der herculischen Großthar des Cardinais Hercules Consalvi und des altersschwachen bairischen Bischofs Haffelin, heißt es nun Art. 7: „Seine kömgliche Majestät werden in Anbetracht der Vortheile, welche die religiösen Orden der Kirche und dem Staat gebracht haben und in der Folge auch noch bringen könnten, und um einen Beweis Atterhöchstihrer Bereitwilligkeit gegen den heiligen Gtuhl zu geben, einige Klöster der geistlichen Orden beiderlei Geschlechts, im Vmchmcn mit dem heiligen Stuhle, mit angemessener Dotation herstellen lassen." Unter der vorigen Regierung hat man indessen nicht im Ernst an Vollzug gedacht; jetzt aber ist es der Klofterpartei, nicht zufrieden mit den nur versprochenen einigen Klöstern, gelungen, einen Anlauf wo möglich zu Wiederherstellung aller Klöster zu machen, deren man schon wieder 40 oder noch mehre zahlt. Die Fonds dazu hat man meist den Stiftungen, den Gemeinden, die man um Klöster hat bitten lassen, zugewiesen, auch dazu wieder ganze Pfarreien geschlagen, so sehr man übrigens aus Erfahrung weiß, in welchen schlechten Händen die Pfarren bei Mönchen, besonders bei Bettelmönchen sind. Merkwürdig ist, daß hierbei auch das protestantische Oberconsistorium in München eifrigst mitzuwirken scheint, wenigstens dessen Präsident, welcher in seiner 1830 gehaltenen Rede über den segensreichen Einfluß der katholischen Geistlichkeit unter den Merovingern sich mit den eignen Worten des Concordats zum Beweis erboten, was die Klöster bereits Wohlthätiges und Großes geleistet und „noch jetzt und jederzeit leisten werden und können". Die Hauprschwierigkeit ist nur, Leute aufzutreiben, die sich für eine solche Bevölkerung gebrauchen lassen wollen, da die vom Mittelalter nicht ebenso lacht wieder auserweckt werden können als diese poetischen Ideen. Bei den Pra- laturm ist es allgemein misglückt, da selbst die ausgefoderten alten Religiösen sich mir mannichfachen Gründen entschuldigt haben, das einzige Kloster Mettem im llnterdonaukreis ausgenommen, wo es aber ebenso wenig mit den erlangten etlichen Eolonisten einen Bestand haben wollte. Nach neuern Anzeigen in den Zeitungen soll jetzt die Civilliste den Mangel zu decken über sich nehmen wollen. Die meisten übrigen Klöster sind also jetzt Nonnenklöster, Capuziner- und Franzis- kanerklöster, wozu es keiner bessndern Studien und Qualisicationen bedarf, und wohin bisher besonders auch die anderwärts als unfähig ausgeschlossenen und zurückgewiesenen Subjccte ihre Zuflucht genommen und noch ferner nehmen werden. Aber auch diese reichen nicht zu, sodaß unausgesetzt dergleichen Bettelmönche ous fremden Landen hereingezogen und laut dem Regierung-sblatte mit dem bairischen Staatsbürgerrecht beschenkt werden. (35) K l ü b e r (Johann Ludwig), geboren 1762 zu Thann bei Fulda, begann sine Lausbahn 1786 als Professor der Rechte zu Erlangen und wendete sich früh der Bearbeitung des deutschen Staatsrechts zu. Als geheimer Referendar nach Kurlsruhe berufen, ward er seit 1804 auch in das praktisch-politische Geschaftsle- den eingeführt, wurde zwar 1807 als erster Professor der Rechte in Heidelberg angestellt, k^ln aber schon 1808 als Sta-ats- und Cabinetsrath wieder nach Karlsruhe. Seitdem ließ er seinen frühern rechtswissenschaftlichen Schriften andere Lei- Hungen folgen, welche verdiente Anerkennung fanden, wie sein „Lehrbegriff, der Referirkunsi" (Erlangen 1808); „Lehrbuch der Kryptographik" (Erlangen und „Das Postwesen in Deutschland, wie es war, ist und sein könnte" is-r'angcn 1811). Bei der Eröffnung des wiener Congresses erhielt er Urlaub ^n jcmcm Hofe und lebte wahrend der ganzen Dauer desselben in Wien, wo er urch altere und neuere freundschaftliche, literarische und politische Verbindungen ^klegenheit erhielt, Vieles zu beobachten, zu besprechen, zu becathen und zu sam- 726 Klüber meln. Als er zu Anfangt 1815 sich in dem Besitz eines ansehnlichen, bloß für seinen Privatgebrauch gesammelten Vorraths sah, ward er zu dem Entschlüsse, die Verhandlungen det Congresses zu sammeln, durch die Erwägung geführt, daß schwerlich ein Privatmann so viele und so wenig mangelhafte Mittheilungen dem Publicum vorzulegen im Stande sein, und wol kein Hof je eine gedruckte Sammlung der Congreßacten veranstalten werde, zumal da keiner, den wiener Hof ausgenommen, im Besitze so vieler Urkunden sei als er. So entstand die für die Geschichte eines denkwürdigen Zeitabschnitts hochwichtige und reichhaltige Sammlung : „Acten des wiener Congresses in den Jahren 1814 und 1815", wovon noch in den letzten Monaten der Versammlung die ersten drei Hefte (Erlangen 1815) erschienen; doch hielten ihn Gründe der Klugheit ab, in diesen Heften Protokolle milzutheilen und schon damals sich als Herausgeber zu nennen, um nicht eine vielleicht nachtheilige Aufmerksamkeit auf den Urheber einer solchen, während der Dauer des Congresses gedruckten Sammlung zu ziehen. Sein Bestreben bei der Herausgabe der Aktenstücke war darauf gerichtet, einen richtigen Text zu liefern, und zu diesem Zwecke wurden mehre Abschriften sorgfaltig verglichen. Als die Sammlung mit dem achten Bande (1819) schloß, gab er die Versicherung, daß sie nicht ein Aktenstück enthalte, das seine Amtsverhältnisse ihm verschafft hätten, keines, da< nicht auf redlichem Wege in seinen Besitz gekommen, nichts, wodurch er Vertrauen getäuscht oder eine Amtspflicht bloßgestellt, aber auch nicht eine Urkunde, die irgend ein Hof ihm zur Bekanntmachung mirgetheilt hätte, obgleich ihm von hochgestellten Staatsmännern die Mittheilunz fehlender Aktenstücke, namentlich derjenigen, die zu den Verhandlungen über die polnisch-sächsische Frage gehören, war versprochen worden. Von den beiden wichtigsten Aktenstücken, dem „Acte Qua! llu conxr«« lleVienne"und der deutschen Bundesacte veranstaltete er einen besondern Abdruck (zweite Aufl., Erlangen 1818), der sowol durch kritische Berichtigung des Textes al< durch eigne Zugaben vor dem in den „Acten" befindlichen Abdruck sich auszeichnet, und durch Nachweisung der Verhandlungen über die einzelnen Bestimmungen der Bundesacte für die Entstehungsgeschichte derselben wichtig ist. In der „Ubersicht der diplomatischen Verhandlungen des wiener Congresses" (3 Abtheilungen, Frankfurt am Main 1816) gab er eine Geschichte des Ganges der Verhandlungen und mehre Abhandlungen und Berichte über einzelne, die deutschen Angelegenheiten betreffende Gegenstände. Durch seine vielfältigen Erfahrungen und als Augenzeuge der Entstehung dcs neuen Föderativspstems war K. vor Andern berufen, das Bundesstaatsrecht systematisch darzustellen, wie eS sein „Öffentliches Recht des deutschen Bundes und der Bundesstaaten" (Frankfurt am Main 1817) gethan hat, das 1822 in der zweiten und 1831 in der dritten vielfach verbesserten Ausgabe erschienen ist. Dieses treffliche Werk ist ebenso sehr durch gute Anordnung, gründliche Erörterung und erläuternde Rückblicke auf die staatsrechtlichen Verhältnisse des deutschen Reichs und das ehemalige Terrirorialstaats- rccht, als durch freimüthige Anerkennung der Rechte der Völker ausgezeichnet. K. steht an der Spitze der deutschen Staatsrechtslehrer, aber er ist kein Hofpublicist und verbindet mit den Vorzügen der alten publicistischen Schule ein klares Verständniß der Zeirfoderungen. An dieses Werk schloß sich seine „Quellen- sammlung für das öffentliche Rechedes deutschen Bundes" (dritte Aufl., Erlangen 1830), während er zugleich das europäische Völkerrecht in seinem „Droit lles Sen» möllern« lle I'Laro^e (2Bde., Stuttgart 1819, deutsch ebendaselbst 1821) bearbeitete. K. hatte bereits seit 1814 Einladungen zum Eintritt in den preußischen Staatsdienst erhalten und trat endlich 1817 als geheimer LegationS- rath unter dem Staatskanzler von Hardenberg, dessen Gunst und Freundschaft er seit vielen Jahren genossen hatte, in das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten. Er war seitdem bei mehren politischen Verhandlungen in Frankfurt am Klumpp 727 Min, Petersburg und zu Aachen bei dem Congresse thätig. Kaum aber war die >weiteAuSgabe seines „Öffentlichen Rechts des deutschen Bundes" erschienen, als das Buch und er selbst Gegenstand politischer Verketzcrung wurden. Es erfolgten offene und verdeckte Angriffe, zuerst von dem nassauischen Minister von Marschall, der eine förmliche Denunciarion, wiewol damals ohne Erfolg, in Berlin gegen ihn anbrachte. Spater aber nach Hardenberg's Tode ging auch von Berlin eine Verfolgung gegen ihn aus ; es ward allen Rechtslehrern auf den preußischen Universitäten verboten, sein Buch bei ihren Vorlesungen zum Grunde zu legen, und ohne seine Vcrtheidigung und Rechtfertigung zu hören, wurde während seiner amtlichen Abwesenheit eine Untersuchung in Berlin gegen ihn geführt. Nach neun Monaten erfolgte 1823 die Entscheidung, welche der Minister Graf von Bernstorff K. mittheilte. Es ward ihm darin unter Anderm vorgeworfen, er habe den Grundsatz ausgestellt, daß bei Lücken in dem positiven Staatsrecht das natürliche und allgemeine Staatsrecht als Hülfsquelle gelte, und zeige durchgängig die entschiedenste Vorliebe für die gemischten Regierungsverfassungen einiger Bundesländer, obgleich die neuere Gesetzgebung des deutschen Bundes bekanntlich unter der tha- tigstcn Mitwirkung Preußens dahin gerichtet gewesen sei, den demokratischen Ptincipien entgegenzuwirken, welche man den, in einer noch lange zu beklagenden Epoche fast allgemeiner politischen Verwirrung mit so großer Übereilung gestifteten Verfassungen zum Grund gelegt habe. Zn dem ministeriellen Ausspruche wurden K.'s angebliche Verschuldungen nur einer Verkehrtheit seiner publicistischen Urteilskraft zur Last gelegt; wer ihn kenne, hieß es, werde nicht zweifeln, daß er in der Darstellung seines Systems nach seiner Überzeugung zu Werke gegangen sei, ober der Nichtkenner müsse eben in der Mangelhaftigkeit seiner Einsicht eine böse Absicht erkennen. K. fand das ihn verdammende Urtheil sowol für seine amtliche als publicistisch-literarische Stellung zu demürhigend, alS daß er einen Augenblick gezögert hätte, seine Entlassung aus dem preußischen Staatsdienste zu suchen, die ihm endlich nach vier Monaten auf wiederholte Bittcn gewährt wurde. Eine preußische Verordnung von 1823, welche das Recht der Entscheidung aller Streitsragen über den Sinn, die Anwendbarkeit und Gültigkeit von Staatsvcrtragen, dem Richteramt entzieht und dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zueignet, vcranlaßte ihn, in seiner Schrift: „Die Selbständigkeit des Richteramts und die Unabhängigkeit seiner Urtheile im Rechtsprechen" (Frankfurt am Main 1832), den Grundsatz jener Verordnung freimüthig zu prüfen. Klumpp (Friedrich Wilhelm), Professor am Gymnasium zu Stuttgart, bekannt durch feine Vcrtheidigung des Realismus im Iugendunterrichte, ward im Kloster Neichenbach auf dem würtembergischen Schwarzwalde den 30. April 1^90 geboren, der Sohn eines mittellosen Wundarztes. Nachdem er durch fremde Unterstützung auf dem stuttgarter Gymnasium seine Vorbildung erhalten, und von 1804—13 die theologischen Pflanzschulen seines Vaterlandes durchlausen hatte, war seine früh geweckte und durch Schicksale sowol als Studien ausgebildete Neigung zum Erzieherberuf und Lehrstand entschieden. Weil ihm Beides, Erziehung und Unterricht, gleich sehr am Herzen lag, zog er der ihm offen stehenden Aussicht auf höhere Lehrstellen, in welchen er bloß als Lehrer hätte wirken können, die. zumal damals gering geachtete Wirksamkeit eines Präceptors an einer Landschule vor, wo mit dem Unterrichte auch die Erziehung der zu besonderer Aufsicht anvertrauten Zöglinge verbunden war. In solchem Berufe wirkte er zuerst zwei Jahre lang in Vaihingen an der Enz, dann fünf Jahre zu Leonberg, bis ihn der Ruf seiner Vorgesetzten 1821 in die gegenwärtigen Verhältnisse einführte. Seine Ansicht über Erfodernisse und Zwecke der Erziehung wurde von dem philanthropini- schen Standpunkt bald durch Erfahrung und Überzeugung in den höhern christli- chen hinübergeführt. Seine Zöglinge wurden im Familienleben erhalten und daran 728 Klumpp sittlich genährt; neben ihrer moralischen Veredlung und neben dem amtlich aufgetragenen Unterrichte sammtlicher Schüler trug er zu ihrer physischen Erziehung eifrigst bei, führte sogleich die Gymnastik in ihren Kreis ein und ließ dieselbe bald darauf, nach Jahn's Vorgange, als Turnkunft austreten. Seit 1821 leitet er auch die stuttgarter Turngesellschaft, deren Statuten, fetzt erst im Druck erschü, neu (Stuttgart 1832), zugleich das Streben nach sittlicher Einwirkung auf die Antheil nehmenden Knaben und Jünglinge hervortreten lassen, wie denn K. auch im Winter die altern Turner zu Vortragen über Vaterlandskunde, deutsche Literaturgeschichte u. s. w., zu Rede- und Disputirübungen um sich zu versammeln pflegt. Als Lehrer und Erzieher war er früher mit einigen gleichgesinnten Freunden zu wechselseitiger Berarhung zusammengetreten, und wie sie sich zur Einführung der gymnasiischen Übungen in ihren Schulkreisen entschlossen hatten, so bildeten sie sich spater für ihren Beruf gemeinschaftlich weiter aus; sie besorgten z. B. mit einander die nunmehr in den würtembergischen lateinischen Schulen eingeführte lateinische Chrestomathie und veranlagen eine studimrathliche Anordnung von Conferenzen der Lehrer lateinischer Schulen im ganzen Lande. In seiner unterrichtenden Thätigkeit war K. tbeils durch seine allgemeinere und praktischere Richtung, namentlich seine Vorliebe für Salzmann, theils durch die fortgesetzte Wahrneh- mung der Verhaltnisse, in welche er selbst hineingestellt war, und durch Erinnerungen seines eignen frühesten Bildungsganges, über die engern Schranken des Humanismus, und zwar, wie er in recht enger Begrenzung seine Herrschaft in den würtembergischen Trivialschulen fest begründet hatte, unwillkürlich hinausgeführt und eben damit zur Vergleichung und Prüfung ausgefodert. So geschah es, daß in zwei Nachbarländern zwei namhafte Stimmen über denselben Gegenstand in sehr verschiedenem Sinne laut wurden. Thiersch in München hatte die würtembergischen Gclehrtenschulen besucht, die in diesem Lande weit verbreitete und wohlbegründete elastische Bildung als Resultat der Unterrichtsanstalten kennen gelernt, und die Einrichtung dieser Schulen, worin der Unterricht in den alten Sprachen im frühesten Alter und sofort beinahe ausschließend getrieben und darüber Sachwissenschaft und Muttersprache oft ganz vernachlässigt wird, als einen höchst glücklichen Zustand im Vergleich mit den zerrütteten Verhaltnissen der Schule in Baiern geschildert. Zu gleicher Zeit trat nun in dem von Thiersch gepriesenen Lande selbst ein langst dort angesehener Schulmann mit entgegengesetzten Wünschen für die vaterländischen Unterrichtsanstalten, indem er namentlich über die einseitige Anwendung des Humanismus Klage führte, hervor. An der Hand vieljähriger Erfahrung hatte sich ih.m eine Theorie gestaltet, worin er auf der Basis des, wie ihm schien, einfachsten und naturgewaßesten Bildungsganges eine Vereinigung beider Systeme so erkannt zu haben glaubte, daß er in der gleichmäßigen Ausbildung der beiden Elementarkrafte aller geistigen Entwicklung im Kinde, dem ebenso wichtigen als gewöhnlich vernachlässigten Anschauungsvermögen und demSprach- vermögen, die Grundlage für Form und Stoff des Jugendunterrichts fand, indem in der Ausbildung des erstern die Sachwissenschaften gegeben waren, sofern an den sogenannten allgemeinen Anschauungsunterricht im ersten lementarischen Alter die Arithmetik und Geometrie (als Anschauung der Zahl und der geometrischen Form), die Naturgeschichte und (elementarische) Geographie in natürlicher Entwicklung sich anreihen; durch die Ausbildung des Sprachvermögens aber zuerst die Bildung für die Muttersprache nach richtiger methodischer Behandlung gegeben und erst auf diese Basis, wenn indessen auch in den Sachwissenschaften schon einiger Grund gelegt worden, etwa im zehnten Jahre des Schülers die alten, überhaupt die fremden Sprachen gebaut werden. Beide Bildungsmittel aber stehen in engem natürlichen, obgleich häufig ganz übersehenen Zusammenhange und ergänzen sich gegenseitig. Diese hier bezeichnete allgemeine Vorbildung soll nun bis zur ersten Klumpp 729 Stufe der Reife (im vierzehnten Jahre) fortgeführt werden, und erst mit der dort eher möglichen Bestimmung des künftigen Berufs auch eine getrennte Richtung des Unterrichts eintreten. Dies der wesentliche Inhalt der Schrift: „Die gelehrten Schulen, nach den Grundsätzen des wahren Humanismus und den Anfo- derungen der Zeit" (? Bde., Stuttgart 1329— 39), welche denn auch auf der lincn Seite großen Beifall gefunden, auf der andern starken, mitunter leidenschaftlichen Widerspruch, namentlich von Thiersch, erfahren hat. Den Werth und die Vortheile des Humanismus hat K. keineswegs verkannt, wol aber die Einseitigkeit und die schwerfällige Methode des-.lben mit Recht rücksichtslos gerügt, und nachgewiesen, wie der elementarifche Unterricht zweckmäßiger angeordnet und bei aller Einfachheit doch gleich von vorn herein das Wissen vielseitiger und vollständiger eingeleitet werden könne. ( Vergl. Gyinnasialwesen.) Eine merkwürdige Thatsache bestätigte bald den tiefen Eindruck, den er überall mit dieser Theorie hervorgebracht hatte. Was ihm seit langer Zeit als ein bei der Unzulänglichkeit feinet Mittel unausführbarer Traum — obgleich bereits vor 16 Jahren mit einem Freunde besprochen — vor der Seele gestanden, trat unerwartet schnell und glücklich ins Leben. Zwei unternehmenden Männern, dem würtemdcrgischen Hof- kimeralvcrwalter Wiebelsheim und den» Pfarrer Klaiber, früher Professor der Theologie in Tübingen, wurde von dem Könige von Würtemberg das Lustschloß zu Stetten, drei Stunden von Stuttgart, in einem der lieblichsten Winkel des Rcmsthales, für eine Erziehungs- und Unterrichtsanftalt nach K.'s Grundsätzen zu unentgeltlicher Benutzung eingeräumt, und bei der Stiftungsfeier im Mai 1831 waren ihnen bereits 54 Zöglinge vertrauensvoll übergeben, deren Zahl sich nun auf 190 vermehrt hat, aber nun auch nicht mehr erweitert »Verden soll. K. istMitvorftand und hat die vorzugsweise Leitung des Unterrichts übernommen. Die Lehrer der Anstalt, jetzt 13, sind zugleich Erzieher und in dieser doppelten Hinsicht durch gleiche Stimme bei Berathungen und Entscheidungen den Vorstehern gleich und, worin wol eine Hauptgarantie liegt, durch das Recht einer entscheidenden Stimme bei Aufnahme oder Entlassung eines Lehrers nicht nur in ihrer äußeren Stellung gewahrt, sondern was noch wichtiger ist, in ihrem collegia- lischen Verhältniß gesichert. Die Bestimmung der Anstalt ist dahin ausgesprochen, Zöglinge vom sechsten bis achtzehnten Lebensjahre für jeden Beruf vorzubereiten. Bis zum dreizehnten oder vierzehnten Jahre ist der Unterricht ein allgemeiner lind deswegen gemeinschaftlicher, nach den oben ausgesprochenen Grundsätzen, wobei die Zöglinge in zwei Hauptftufcn hinsichtlich des Unterrichts sowol als der körperlichen und sittlichen Ausbildung und Behandlung zerfallen: den Elementarcursus svom sechsten bis zehnten) und den mittlem Cursus (vom zehnten bis vierzehnten Jahre), den man nach dem in ihm beginnenden Unterricht in den fremden Sprachen auch den Sprachencursus nennt. Vorn vierzehnten Jahre an theilt sich der Unter- licht in zwei Hauptrichtungen, die humanistische und realistische, in deren erstem das Studium der alten klassischen Literatur mit angemessenem mathematischen, historischen und philosophischen Unterrichte, in der zweiten die mathematisch-natur- historischen Wissenschaften nebst den neuem Sprachen die Grundlage bilden. Die fremden Sprachen werden erst mit dem zehnten Jahre angefangen, aber durch Anwendung der bereits bewahrten Hamilton'schen Methode schneller als bei der sonst >n den Schulen gewöhnlichen und ebenso gründlich gefördert. Die Erziehung ist sittlich auf der Grundlage des christlichen Princips; daher körperliche Strafen nur w Notfällen, auf conventlichen Beschluß, angewendet werden; keine Prämien, keine Location u. f. w. Die Frauen der Lehrer und weibliche Angestellte nehmen Hs der körperlichen Erziehung und Pflege Antheil, und die jüngste Abtheilung der Zöglinge, die derselben am meisten bedarf, ist einer Lehrerfamilie, für weiche deswegen ein eignes Stockwerk auf einem Theil des Schlosses aufgeführt worden ist, W UWM 730 Knapp Kniaziewicz dergestalt zur Aufsicht und Pflege übergeben, daß sie ganzlich in den Familienkreis derselben eintreten. Näheres über die Anstalt sagen die zwei Schriftchen: „Die Gründung und Eröffnung der Erziehungs- und Unterrichtsanstalt in Stetten im Äiemsthale" (Tübingen 183t) und „Erster Bericht über die Erziehungs- und Unterrichtsanstalt in Stetten u. s. w. auf den Frühling 1832" (Stuttgart 1832). Nicht aber bloß an diesem Orte haben die Grundsatze K.'s über Erziehung und Unterricht einen auffallenden und glanzenden Erfolg gewonnen, sondern sie haben auch, wennschon langsam und unbemerkt, angefangen, auf eine vielseitigere Gestaltung und lebendigere Bewegung des würte.ubergischen Schulwesens hinzuwirken. (31) Knapp (Johann), einer der berühmtesten europaischen Blumenmaler, Sohn eines armen Weingärtners zu Wien, am 5. Sept. 1778 geboren. Ein Schüler Drechsler's, kam er früh in oen holländischen Garten zu Schönbrunn und unter die Leitung der beiden Freiherrn von Jacquin. Seit 1804 war er bei den gelehrten und kunstsinnigen Erzherzogen Anten und Johann angestellt und beschäftigt. Er malte für sie eine vollständige Sammlung inländischer Schwämme, östreichischer Weintrauben, eine Uors eine große Sammlung von Rosenfamilien, zahllose Studien an Obstgattungen und exotischen Pflanzen. In Rußland und Polen sind die meisten Stücke von ihm, aber auch Italien, Belgien und Frankreich besitzen mehre seiner ausgezeichnetsten Arbeiten, selbst im Thierfache. Eines seiner letzten und größten Werke war eine Apotheose seines Wohlthäters, des ältern Jacquin: ein dessen Entdeckungen und Arbeiten in einem prächtigen Strauß darstellendes großes Gemälde, das auch die meisten andern nach östreichi- schen Botanikern benannten Pflanzen zeigt. (17) Kniaziewicz (Karl), einer der berühmtesten polnischen General? der neuern Zeit, geboren 1762 in Kurland, stammte aus einer altadeligen Familie LithaucnS und trat 1778 aus dem Cadettenhause zu Warschau in das Artillcriecorps der Republik. Seine Beförderung ging nur langsam, da man in jener Zeit die militairischen Grade erkaufen mußte; und erst 1784 wurde er Lieutenant. Während des kurzen Krieges, den die Wiedergeburt Polens 1792 hervorrief, gab K. glänzende Beweise seiner Tapferkeit, und in der Schlacht bei Dubienka (17. Jul. 1792), wo Kosciuszko mitfocht, erhielt er das Ritterkreuz „Virtutl militari" und die Zusicherung des Majorpatents; allein sein Bataillon wurde in Stücken gehauen, che die Ausfertigung des Patents erfolgt war, und K. mußte auf seinen alten Posten zurückkehren. Als 1794 Madalinski die Fahne der Unabhängigkeit erhob, war K, damals zu Siedlce in Garnison, einer der Ersten, der sich an die Nationalarmee in Lublin anschloß. General Zajonczek ernannte ihn zum Ehef seims Stabes und bewirkte, daß ihn Kosciuszko nach den Schlachten von Ehelm (8. Inn. 1794) und Golkow mit dem Titel Oberst begrüßte. Während die Russen und Preußen Warschau belagerten, wurde K. zum Generalmajor ernannt und führte in der unglücklichen Schlacht von Maciejowice (10. Ort. 1794) den linken Flügel an, der am längsten Widerstand l.istete. Nur durch die erhaltene Wunde erschöpft, nicht besiegt, ergab er sich, den Säbel in der Hand, der Übermacht, und wurde zugleich mit den Generalen Siera- kowski und Kaminski nach Kiew in die Gefangenschaft abgeführt, aus welcher ihn erst der Tod der Kaiserin Katharina befreite. Er wollte nun sein Schicksal in den östrei- chisch-polnischen Provinzen betrauern, als Domdrowski's Aufruf zur Bildung polnischer Legionen in Italien auch ihn unter Frankreichs Fahnen rief. Zu Eampo Formio 1796 dem General Bonaparte vorgestellt, erhielt er aus dessen Hand das Patent als Befehlshaber einer besonder« Legion. Schon nach wenigen Monaten brach der Krieg mir dem Kirchenstaate aus, als K. sich gerade zu Nimmi im Winterquartiere befand. Sein Horhausen fand in diesem Feldzuge nur geringen Wi- Kniaziewicz 73 k derstand. Als die Polen bei der Eroberung von Lorctto den Säbel Sobieski's und Uohammed'S Fahne, welche jener König nach dem Entsatz von Wien (1683) der heiligen Jungfrau dargebracht hatte, aufgefunden, erfolgte einstimmig der Beschkuß, daß Niemand als KosciuSzko den Pallasch ihres großen Königs tragen und der Würdigste auS ihrer Mitte ihm dieses Kleinod zu Paris überreichen sollte. Die Wahl siel auf K. Er erhielt 1798 das Eommando über die polnisch-römischen Truppen, schlug bei Failari den Grafen von Sachsen an der Spitze von 9000 Mann, nölhigte bei Calvi den General Mercy, mit 5000 Mann die Waffen zu strecken, und leitete vor Terracina seine Artillerie so gut, daß in wenig Augenblicken die Magazine, Munitionshäuser und ein Geschützpark des Feindes in Flammen aufging. Darauf drängte er die Neapolitaner bis Gaeta zurück und zwang endlich auch diese Stadt, sich mit 4000 Gefangenen zu ergeben. Für seine Dienste bei der Einnahme von Neapel ernannte ihn Championet zum Brigadegeneral und ließ ihm die Auszeichnung zu Theil werden, sämmtliche während des Feldzugs in Italien erbeutete Fahnen dem Direktorium zu überreichen. Auf der Reise nach Paris rettete ihn nur eine ungewöhnliche Geistesgegenwart vom Tode. Von auf- rührischen Bauern bei Acquapendente gefangen g.nommen, war er schon in eine Hehle geführt, um gerichtet zu werden, als es ihm einfiel, sich für den spanischen Gesandten auszugeben, der zu ihrem Besten mit geheimen Aufträgen nach Frankreich geschickt sei. Dieser List verdankte er sein Leben. Zu Paris erhielt er den Auftrag, eine neue polnische Legion von 6000 Mann am Rhein zu bilden. Bald strömten ihm seine Landsleute von allen Seiten zu, und schon in der Schlacht bei Hohenlinden zeichnete sich die neue Mannschaft so vortheilhaft aus, daß er, unter dem Befehle deS General Derne« die zweite Brigade der Division Richepanse aus der Umzingelung des Feindes rettete und gewissermaßen den Sieg entschied. M A. den Befehl erhielt, sich mit seinem Corps nach Strasburg zurückzuziehen und bald nachher vernahm, daß der erste Consul die polnische Armee zu seiner Garde machen wollte, nahm er seinen Abschied. Die meisten Offiziere folgten dem Beispiele ihres Führers. Die kleine Anzahl Polen, welche aus Mangel an Unterhalt in Frankreich zurückblieb,^ wurde nach Italien geschickt. Bonaparte bot dem General K. zu wiederholten Malen den Grad eines Divisionsgenerals in französischen Diensten an, allein Letzterer zog es vor, in sein Vaterland heimzukehren und, da er wenig Vermögen besaß, ein Landgut zu pachten; bald aber gab ihm eine reiche Erbin, von seinem ritterlichen Charakter zur Bewunderung hingerissen, ihre Hand. Als 1806 Napoleon in Polen einfiel, eröffnete Kaiser Alexander dem General K. den Entschluß, eine neue polnische Armee zu begründen und seinem Oberbefehle anzuvertrauen. K. wollte nur unter der Bedingung, daß ts dem Kaiser gefallen möge, Polen in seiner Unabhängigkeit wiederherzustellen, dieses Anerbieten annehmen. Von der russischen Polizei bewacht, blieb er wahrend dieses Feldzugs und so lange der Krieg von 1809 dauerte, unthätig; 18 IL aber eilte er unter die Fahnen seines Vaterlandes. Der König von Westfalen nahm >dn in seinen Gcneralstad, mit dem Befehle, einen fortwährenden Briefwechsel mit dem Fürsten Schwarzenberg zu unterhatten. Es konnte ihm nicht lange verargen bleiben, wie sehr Ostreich gegen diesen Krieg eingenommen war, und mit öseimüthigkeir machte er an Napoleon Anzeige davon. Die Polen verlangten stürmisch den Feldherrn, dessen bloßer Name schon so viel Vertrauen einflößte, an idrer Spitze zu haben, und so führte K. nun die achtzehnte Diviston des fünften Armeekorps der großen Armee unrec dem Fürsten Joseph Poniatowski an. K, d^r in der Schlacht an der Moskwa zwei Mal die aus ihrer Stellung gesprengten zu sammeln und aufs Neue ins Feuer zu führen wußte, hatte großen Antheil an dem theuer erkauften Siege. Mit gleichem Heldenmntbe focht er bei Tscheri- owc und Aoronovo. Sein Rückzug auf letztem Ort war ein Meisterstück von 5Z2 ' Kluazicwic^ militainscher Taktik und kam den Russen chcuer zu stehen. Nach dem glücklichen Gefechte bei Viazma schmetterte seine Artillerie den Feind zu Boden und stellte so die Verbindung mit der großen Armee des Kaisers wieder her, die von den Russen 'war überflügelt worden. Am 26. Nov, dem unglücklichen Tage an der Berezina wurde auch er, nach Poruatowskrs Verwundung nebst Dombrowski der erste Anführer der Polen, durch eine Schußwunde genöthigt die Seinigen zu verlassen. Hier schloß sich seiüe Lausbahn. Nichtsdestoweniger waren die Polen die einzigen Truppen der großen Armee, welche ihre Artillerie retteten und glücklich nach Warschau brachten, und lange hat das Andenken an K.'s Tyaten und sein Beispiel runter ihnen fortgewirkt. Zur Herstellung feiner Gesundheit ging K. ins Bad nach Sworzbwice in Galizien. Als aber Ostreich dem Kaiser der Franzosen den Krieg erklärte, wurden alle AnHanger desseloen, die im Vertrauen auf die geschlossenen Verträge sich in den ostreichischen Staaten aushielten, als Kriegsgefangene betrachtet. K. erhielt die Erlaubmß sich nach Tarnow zurückzuziehen. Kaiser Alexander rief ihn 1! 814 nach Warschau in den Kriegsrath, der mit der Organisation der polnischen Armee beauftragt war; da aber das zukünftige Schicksal Polens nur auf Alexanders weitaussehenden Versprechungen beruhete, erklärten die polnischen Großossiziere einstimmig, daß sie dem Befehle des Kaisers nicht nachkommen könnten, bevor der König von Sachsen als Großherzog von Warschau sie chres Eides entbunden habe und das Königreich Polen durch einen förmlichen Vertrag anerkannt sei. K. schlug, wie Mopczynski und Paszkowsli, auch den ihnen angebotenen Gehalt aus, und sie nahmen, als die Mehrheit der Stimmen die Bildung der Armee verlangte, mittels eines kräftigen Einspruchs vom 3. Dec. 1814 ihre Entlassung. K. wählte Dresden zu seinem Aufenthalte, wo er, von der königlichen Familie hochgeachtet und von den Einwohnern verehrt, nur den Wissenschaften und Künsten lebte; er ist selbst ein trefflicher Maler. Seiner an dcn Fürsien Michael Radzivil vermahlten Stieftochter überließ er sein ganzes Vermögen und begnügte sich mit einer mäßigen Rente, die er großentheils zu wohlthän'gen Zwecken verwendet. Der König von Frankreich bestätigte ihn 1814, als er zum Besuche mehrer Freunde nach Paris gereist war, aus freier Entschließung, in dein Grade eines Eommandeurs der Ehrenlegion rüit der ihm sei: Stiftung des Ordens gebührenden Restzahlung von 100,006 Francs. K. scsilug diese Summe mit den Worten aus: „Indem ich Frankreich diente, glaubte ich Polen zu dienen und den Dienst fürs Vaterland darf kein Interesse leiten." Als Nikolaus den Thron bestiegen hatte, foderce der russische Gesandte zu Dresden von allen in Sachsen anwesenden Polen den Eid der Treue, den aber K. verweigerte. Wenige Monate darauf drangen zwei eigenhändige Briefe des neuen Czars und seines Bruders Konstantin auf K.'s Auslieferung. Anfangs glaubte man die Eidesverweigerung allein habe diesen Gewaltschritt veranlaßt, allein es lag noch eine andere Ursache zum Grunde. Die patriotische Gesellschaft zu Warschau, deren Dasein den Russen Furcht einjagte, hatte auf Stanislaus Soltyk's Antrag K.'s Namen und Mithülfe in Anspruch genommen. Der König Friedrich August aber weigerte sich, einen Mann, den er persönlich so hoch achtele, wie einen Verbrecher auszuliefern, versprach jedoch für seine Sicherheit zu bürgen. Auf der Festung Königstcin sanv K. einen seinem Range und Charakter angemessenen Verwahrsam. Zu Ende des Jahres 1828 erhielt er, nach achtmonatlicher Inqu-isitorialuntersuchung dec russischen Eommissairs, seine Freiheit wieder. Seine Rückkehr nach Dresden erregte die lebhafteste Theilnahmc. Als mit dem 29. Nov. 1880 die Morgenröthe einer bessern Zukunft aufzugehen schien, eilte K. nach Paris, um Frankreichs Beistand für Polen zu gewinnen. In der Thar war er nebst Solust und Plater so glücklich, Versprechungen von Seiten des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten zu erlang-m, allein es blieb nur bei den Versprechungen und Polen unterlag der Uecr- macht des Goldes und der Zahl. (8) Kobbe Koch ' 7ZZ Kobbe (Peter von) wurde am 6. Ott. 1793 zu Glückstadt geboren, während sein Vater, aus einer im Herzogthum Bremen begüterten Familie stammend, in dänischen Diensten stand. Er wurde bei seinem Großvater, dem Grafen Rantzau, in Untersen erzogen und wählte aus überwiegender Neigung den Militairstand. Erverließ 1811 die Militärakademie in Rendsburg und wurde Offizier beim Leib- ngimcnt Dragoner, welches in Itzehoe und Kiel in Garnison lag. Seinen Aufenthalt in Kiel benutzte K. die Universttat zu besuchen und er trat 1820 als Rittmeister aus dem Dienst, um sich dem historischen Lehrfache in Göttingen zu widmen. Wahrend seines Autenthalts daselbst bis 1825 gab er, außer einigen andern Schriften, heraus: „Alteste Geschichte des Herzogthums Lauenburg" (Göttingen 1321); „Handbuch der deutschen Geschichte" (Leipzig 1824); „Geschichte der Herzogtümer Bremen und Verden" (2 Thle., Göttingen 1824). Er entschloß sich jedoch die akademische Laufbahn aufzugeben und Gvttingen verlassend, begab er sich nach Wunstorf, wo er Advokat und zugleich Bürgermeister und bald nachher Garnisonauditeur wurde. Hier schrieb er die „Geschichte Schwedens" (2 Bde., Dresden 1828) für die „Historische Taschenbibliothek"; „Geschichte Frankreichs unter Ludwig XVlll. und Karl X." (Celle 1831), und begann die Zeitschrift „Bellona" (Celle 1831). In seiner neuesten Schrift: „Darstellung des Freiheitskampfes im spanischen und portugiesischen Amerika" (Hanover 1832), tritt er als Gegner der Revolution, nicht sowol ihres Princips, als vorzüglich der Mittel, welcher man sich zur Herbeiführung derselben bediente, auf. In seiner Schrift: „Fualdes' angebliche Ermordung" (Celle 1831), unterwarf er den merkwürdigen Criminalfall einer neuen Beleuchtung und foderte Feuerbach zum Schiedsrichter seiner Ansicht aus, dessen Beifallserklarung er bekannt zu macheu versprochen hat. Er legte 1831 seine Stelle in Wunstorf nieder, um sich wieder zan; den Wissenschaften widmen zu können und lebt gegenwartig, mit Fortsetzung seiner „Bellona" beschäftigt, in Hanover. Seine beiden Brüder, in oldenb>uklicu", und The od o r v. K. als Dichter und Roman schreibet. Koch (Jean Baptiste Frederic), Obersilieutenant im französischen Gene- ralstab, ist geboren zu Nancy imJahr1782 und stammt aus einer früher im Herzogthum Zweibrücken angesiedelten Familie. Er bestimmte sich für den Dienst der Artillerie; allein da das damals streng gehandhabte Conscriptionsgesetz das Directorium nöthigte, die Stellen in der Applicationsschule durch Zöglinge aus bcr polytechnischen Schule, welche jenes Gesetz traf, noch ehe sie ihre Studien vollendet hatten, auszufüllen, und der jung? K. im MA 1799 die Prüfung glänzend bestanden hatte, so trat er 1800 in die Garde des ersten Consuls. Sein schwacher Körper entsprach jedoch seinem Muthe nicht und Mthigte ihn nach Verlauf öliger Monate dem Dienste der Reiterei zu entsagen. Im Der. trat er in das vierte Liniencegimentund diente in demselben bis 1806. Durch den König Joseph, seinen ehemaligen Oberst, nach Neapel berufen, wohnte er als Freiwilliger des stchsten Linienregiments der Belagerung von Gaeta bei und ward als Lieutenant ben französischen Grenadieren der königlichen Garde bei ihrer Organisation zugeeilt. Als dieses Regiment 1603 getrennt wurde, traf ihn die Reihe, mit der nach Spanien bestimmten Hälfte zu marschiren, wo er im Febr. 1809 zum Hauptmann vorrückte. Im April 1811 ward er zum Bataillonschef im ersten spani- -chch Linienregimente ernannt; der Umstand aber, daß er von einem Jüngern Übersprungen wurde, bestimmte ihn, den Dienst des Königs Joseph zu verlassen und m Ende des Jahres 1812 nach Frankreich zurückzukehren. Als Hauptmann uueeer angestellt, ward er im April 18 t 3 dem Generalstab des dritten Armecrorps Zugeteilt und nach der Schlacht bei Lützen zum 'Adjutanten des Generals Jomini 734 Kocher ernannt. Nach dem Übergänge seines Generals in russische Dienste ward er unter besondere Aufsicht gestellt, verließ jedoch den Posten der Ehre nicht und fand mehrfache Gelegenheit, sich im Laufe des Feldzugs hervorzuthun. Im Feldzug 1814 war er anfangs dem Generalstad der Reiterei, später dem des Kaisers zugetheilt; hier hatte er Gelegenheit, sich unter den Augen Napoleons auszuzeichnen, der ihn auf dem Schlachtfeld von Craone, wo ihm ein Pferd unter dem Leibe erschossen wurde, zum Bataillonschef ernannte. Bei der Restauration ward er, wie so viele seiner Kameraden, auf halben Sold in die Heimath entlassen. Er diente 1815 im Gene- ralstab des Grafen Beiliard, der mit der Organisirung der Moselarmee beauftragt war. Nach der zweiten Abdankung Napoleons ward er wegen seiner politischen Meinungen verfolgt, aus den Listen der Arme? gestrichen und genörhigt, eine Zuflucht bei dem General Iomini zu Paris zu suchen. Wahrend er bei diesem in Auruckgezogenheit lebte, sing er an mit Iomini das große Werk: „Ikzwüs de» ^uerres de 1a revolution" (5 Bde., Paris 1819 — 24) zu bearbeiten, das sie gemeinschaftlich Herausgaden, wie dies aus einer Note der letzten Lieferung hervorgeht. In seine Stelle 1817 wieder eingesetzt, ward er im folgenden Jahre dem Corps des Generalstabes zugetheilt und am 1. Dec. 1819 mit dem Vortrage der Taktik an der Applicationsschule des Generalstabes beauftragt. Allein der geistreiche Mitarbeiter von Jommi's „iXapelät'N devaot le tribuna! de E'esar" fand sich nur mit Mühe in die engherzige Bahn der Restauration. Statt seine Beispiele aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und XV. zu nehmen, eröffnete er seinen Zuhörern mit dem ihm eignen Feuer die glänzende Periode der jüngsten Vergangenheit, wofür sein Vortrag, überwacht durch kleinliche Vorgesetzte, mehre Male unterbrochen wurde. Nach dec Iuliusresolution ward er zum Oberstlieutenant ernannt. Ihm verdankt Frankreich eine gelungene Übersetzung der Grundsatze der Strategie („l'raite de stratepsie", 3Vde, Paris 1817) vom Erzherzog Karl, welche General Iomini mit Noten bereichert hat. Seine „Memoire, sur 1a c-un- pagne de 1814" (3 Bde., Paris 1819) haben auch in Deutschland wegen ihres gediegenen RaisonnementS die gebührende Würdigung gefunden. Von 1824 — 30 war K. der Hauptredacteur des „önüetin de» »ciences militaire»", wobei sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet war, die deutsche Militairliteratur in Frankreich bekannter zu machen. Die vielen von ihm geschriebenen Artikel in diesem Journal zeichnen sich durch das eigne Gepräg? seines kräftigen Geistes aus. Er gab 1832 sein „Iraite de tacti^ue" (2 Bde., Paris) heraus, dessen Inhalt ihm nicht allein angehört, das er aber betrachtlich bereichert hat. (40) Kocher (Konrad), Stiftsorganist und Director des Vereins für Kirchen- gesang in Stuttgart, ward am 16. Dec. 1786 in dem würtembergischen Dorfe Dizingen geboren. Um seinem frühen Triebe zur Musik folgen zu können, widmete er sich dem Schulstande und wanderte in seinem siebzehnten Jahre als Hauslehrer, mit 30 Gulden in der Tasche, nach Petersburg. Er hörte dort die Meisterwerke Mozart's und Haydws, die ihn so lebhaft begeisterten, daß er nur der Tonkunst zu leben sich entschloß. Die Bekanntschaft mit Elcmenti und dessen vorzüglichen Schülern, A. Klengel und L. Berger, und deren Unterricht im Elavierspiel, sowie die Anweisung des trefflichen Jean Henri Müller im Contra- punkt, waren für diesen Entschluß sehr günstig. Er kehrte in sein Vaterland zurück und componirte mehre Sonaten für das Clavier, Quartette, Lieder, mehre Opem, unter welchen zwei: „Der Käsig" und „Der Elfenkönig", in Stuttgart zur Aufführung gekommen sind. K.'s Oratorium: „Der Tod Abels", dessm Ausarbeitung gleichfalls in dissse Periode fällt, wurde zuerst in Leipzig und dann auch in Stuttgart aufgeführt. Cotta's Freigebigkeit setzte ihn darauf in den Stand sich längere Zeit in Italien, namentlich in Rom, aufzuhalten. Durch die erhabene Einfachheit des Gesanges in der päpstlichen Kapelle aufgeregt, ergriff und bildete er in sich Kohlrausch 735 die Idee aus, so müsse die echt evangelische, die urchristliche Kirchenmusik, besonders der Choralgesang der Gemeinde beschaffen sein. Die zuvorkommendeGüte und Freundschaft des berühmten Wiedcrherstellers der papstlichen Kapelle, des Abbate Baini, vergönnte es ihm, den Styl des Palestrina und dessen Wirkung zu studi- Nach seiner Rückkehr ins Vaterland beschäftigte ihn die Ausarbeitung einer ren Schrift nach den in Italien in ihm entstandenen Ideen und Planm, welche 182Z in Stuttgart unter dem Titel erschien: „Die Tonkunst in der Kirche, oder Ideen zu einem allgemeinen vierstimmigen Choral- und einem Figuralgesang für einen kleinern Chor, nebst Ansichten über den Zweck der Kunst im Allgemeinen". Er entwickelte hier das Bedürfniß eines Kirchengesanges, welcher das Gemüth zur. Ruhe und Freudigkeit in Gott, ohne die eS keine wahre Andacht gebe, stimmen und über den Ausdruck alles bloß individuellen Gefühls zu dem allgemeinen religiösen sich erheben soll: eine Allgemeinheit, die im Gesänge nur durch die höchste Einfachheit erreicht wird, indem so viel als möglich die künstlichen Mittel vermieden, nur die natürlichen verwendet werden. Daher ist eben der alte Kirchenstyl so natürlich und faßlich, daß er auS wirklichen, in den diatonischen Tonarten und reinen Accorden gesetzten Melodien besteht und hiernach auch beim vierstimmigen Gesänge jede einzelne Stimme eine wahre Melodie bildet, wie sehr auch die zweite, dritte, vierte der in der ersten enthaltenen Hauptmelodie untergeordnet sein mögen. Zugleich mit der Erscheinung dieser Schrift, welche die Einführung einer zweckmäßigen Schulbildung im Kirchengesange empfiehlt, stiftete K. den Verein für Kirchengesimg, der sich in kurzer Zeit über ganz Würtemberg verbreitet und durch dessen schönen Erfolg sich die dortige Regierung bewogen gefunden hat, den Gesang als Aufgabe in allen Schulen des Landes einzuführen, wodurch eben ein vierstimmiger Choralgesang in der protestantischen Kirche erzielt werden sollte. An K.'s Grundsatze schlössen sich zu einer gemeinschaftlichen Umarbeitung der würtem- bergischcn Kirchenchoräle die Musikdirectoren Silcher, bei der Universität zu Tübingen, und Frech, bei dem evangelischen Schullehrerseminarium zu Eßlingen, an, worauf denn auch bald ein neues Choralbuch für die evangelische Kirche herausgegeben ward. In den gleichfalls erschienenen Figuralgesängen für die evangelische Kirche, auf alle Sonn- und Festtage des Jahres, bezweckt K. den bewegtem Ausbruck mannichfaltiger religiöser Empfindungen durch einen Gemeindechor, der je- boch nie den Charakter des kirchlichen Ernstes verlassen, nie sich harmonischer Künsteleien, theatralischer Mittel bedienen darf. Durch seine Anstellung an der Hauptkirche des Landes ist nun K- auch äußerlich in die Mitte seiner neuen Schöpfung gestellt. Daneben hat er jedoch, wie schon in seiner Schrift, so durch persönliche Wtigkcit dem Volksgesange einen lebendigen Schwung zu geben gewußt. Er gehört unter die Gründer der Liederkrän; ein Schwaben und sein jüngstes musikalisches Werk, vierstimmige Lieder für Liederkränze, hat alte und neue sing- bare Melodien zu volksthümlichen Texten durch den ihm eigenthümlichen klaren und lebendigen vierstimmigen Satz in den musikalischen Kreisen heimisch zu machen gesucht. Das seit mehren Jahren angeregte Interesse für Nolksgesang bat eine nationale Verbrüderung der verschiedenen Liederkränze hervorgerufen und dem vielbesuchten schönen Liederfeste zu Eßlingen seinen Ursprung gegeben. Wenn es nun, was K.'s musikalische Leistungen betrifft, nicht wol zu leugnen ist, baß darunter besonders diejenigen, welche in das Fach der Choral- und Figuralmu- uk einschlagen, durch Tüchtigkeit der Erfindung und Ausführung sich auszeichnen, so gilt von seinen Liedercomposi'tioncn als das beste Lob, daß mehre durch Wahrst und Wohlklang bereits in Herz und Mund des Volkes den Weg gefunden haben. ^ (.zi) Kohlrausch (H. Friedrich Theodor), Oberschulrath und Generalinspectvr aller gelehrten Schulen des Königreichs Hanover, ward am 15. Nov. 1780 zu Lan- 736 Kolokorronis dolfshcim bei Göttingen geboren, ftudirte in Göttingen Theologie und trat 1802 als Hofmeister in das Haus des danischen Gesandten in Berlin Grafen Baudissin Nach Auflösung dieses ihm sehr werthen Verhältnisses, war er von 1810—14 Vor, sicher einer Erziehungsanstalt zu Barmen bei Elberfeld, dann Lehrer am Gymnasium zu Düsseldorf und Barmens 1818 ward er zum Raths bei dem Consistorium und Provinzialschulcollegium zu Münster befördert, wo er bis zum Sommer 1830 in Gemeinschaft mit dem edeln Präsidenten von Vincke gewirkt hat. In dieser Zeit trat er seine jetzige Stelle an. Als Lehrer hat K. sich durch einen anregenden und geistvollen historischen Vortrag und durch eine einsichtsvolle Methode einen rühmlichen Namen unter den Geschichtslehrem erworben und viele junge Leute für das Studium der Geschichte begeistert. Aeugniß davon gibt auch seine „Deutsche Geschichte", deren erste Auflage (Elberfeld) 1810, die zehnte aber 1832 erschienen ist. Sie hatte das besondere Schicksal, erst sehr gelobt und viel gelesen, dann in Preußen verboten, und zuletzt, nachdem sie freilich bedeutende Veränderungen in der Darstellung erlktten hatte, wieder empfohlen zu werden. Für die Methodik des Geschichtsunterrichts war er auch als Schriftsteller thätia, wie sein „Chronologischer Abriß" (achte Aufl., Elberfeld 1830); die „Geschichten und Lehren des Alten Testaments für die Jugend" (in 13 Auflagen), sein „Handbuch für Lehrer beim Gebrauch der Geschichten u. f. w." (Halle 1811, dritte Aufl. 1820), und die „Bemerkungen über die Stufenfolge des Ges stchtsunternchts" (Halle 1818) zeigen. Nicht minder achtungswerth ist K. als Consistorial- und Schulrath und die westfälischen Gymnasien haben in ihm einen Vorstand verloren, der während einer Reihe von 12 Jahren Ernst mit Humanität, Milde mit Strenge auf eine vortreffliche Art zu vereinigen wußte. Dafür sprach sich auch die allgemeine Liebe und Verehrung bei seinem Abgange aus Münster nach Hanover auf eine sehr ungeheuchelte Weise aus, und K. erkannte durch einen öffentlichen Abschied es gern an, daß ihm die Gymnasiallehrer der Provinz sehr werth und theuer gewesen waren. Von seinem Wirken in dem neuen Amte hat man bis jetzt nur Preiswürdiqes vernommen. (48) Kolokotronis (Theodor), berühmt und berüchtigt als Heerführer und Parteihaupt im griechischen Befreiungskampse, wurde zu Karirena im Pelopon- nes um 1765 geboren. Seine Vorfahren waren hier seit undenklichen Zeiten als Klephtenführer zugleich Schrecken und Schutz der benachbarten Bergcantone, und namentlich galt Theodors Vater, Georg K., vor ungefähr 40 Jahren für den furchtbarsten und tapfersten Bandenchef in ganz Morea. Schon zur Zeit des russischen Einfalls 1770 wird sein Name häusig genannt, und als später Ali Pascha von Janina seine Herrschaft auch über den südlichen Theil des griechischen Festlandes, ja selbst über den Peloponnes auszudehnen beabsichtigte, war Georg K. einer der ersten moreotischen Häuptlinge, die sich zur Unterdrückung des Tyrannen an die ätolischen Klephten anschlössen. Noch in dem ersten Jahrzehend dieses Jahrhunderts trieb er das Klephtenhandwerk in den Gebirgspässen um Karitena, fand aber endlich, wie alle seine Vorfahren, den Tod in einem jener unbedeutenden Gefechte, deren Andenken allein in den Kriegsliedem der Palliaren fortlebt. Theodors Mutter lebte als hochbejahrte Matrone noch 1827 auf den von ihrem ^ohn während des Freiheitskampfes neu befestigten Vergschloß bei Karitena. Kindheit und Jünglingsjahre verlebte Theodor K. unter dem rohen Klephtenhaufen seines Vaters und nahm schon als Knabe in dessen Gefolge an jenen abenteuerlichen Zügen Theil, welche ihn in kurzer Zeit mit den wichtigsten Engpässen und Schlupfwinkeln in ganz Morea bekannt machten. Die einzige Schule seiner Bisi düng waren der Klephten Leben, Kampf und Sieg, und die Tugenden, durch welche er sich als Mann auszeichnere, waren unerschrockener Muth, große kriegerische Tapferkeit, Schlauheit bei der Anlage kühner Plane, Gewandtheit bei ihrer Ausführung, und fllbst Verschlagenheit, wenn es galt, durch List und Trug den S'eg Kolokotronis 737 zu erringen. Mit diesen Eigenschaften gerüstet, verließ K. zur Zeit der russischen Herrschaft über die ionischen Inseln (um 1800) seine Heimath, nahm in einem der aus diesen Inseln errichteten griechischen Regimenter Dienste, erweiterte und regelte bei geordneter Disciplin seine mililairische Bildung, vermehrte durch östern Wechsel des Ausenthalts auf den verschiedenen Inseln seine Kenntnisse von Verhaltnissen und Personen, und trat auch, nachdem die Republik der sieben Inseln unter die Schutzherrschaft Großbritanniens gekommen war (1814), in das vom General Church gebildete griechische leichte Infanterieregiment, wo man ihn sogleich als Subalternoffizier anstellte. Da jedoch kurz barauf^ieses Regiment wieder aufgelöst wurde, so ließ sich K., wahrscheinlich um den Nachstellungen der Paschas in seiner Heimath zu entgehen, auf Zante nieder, unterhielt aber fortwahrend Verbindungen mit Morea, zumal da er kurz nach seiner Ankunft vertragsmäßig die Lieferung des Bedarfs an Schlachtvieh, welches meist aus dem Peloponnes gezogen wurde, für die Insel übernommen hatte. Daher kam es, daß er von Allem, was in der Halbinsel und auf dem Festlande vorging, immer bei Zeiten und woh lunter- richtet war, und daß ihm die Besreiungsplane der Hetairie, welche ihn langst in ihr Interesse gezogen haben mochte, schon viel eher bekanntwurden, als man an ihre Ausführung denken konnte.. Bei seiner Klugheit sah er wohl voraus, daß ihm im Fall eines Aufstandes seine mannichfachen Verbindungen, der Ruf seines Stammes und die Überlegenheit seiner militairischen Bildung bald eine Laufbahn eröffnen müßten, welche sowol seiner unbegrenzten Herrschsucht, als auch seiner Begierde nach Vermehrung seines Reichthums volle Befriedigung gewahren würde. Unter dem Scheine patriotischer Gesinnungen, mit welchen er seine eignen selbstsüchtigen Zwecke recht gut zu umkleiden verstand, mag er daher nicht wenig dazu beigetragen haben, den Ansichten der Hetairie in seinem Kreise Eingang zu verschassen, und überhaupt einen Volksaufstand zu beschleunigen, über dessen eigentlichen Zweck, möglichen Verlauf und endlichen Ausgang er selbst wol ebenso wenig zu klaren Ansichten gelanLt sein mochte als die meisten seiner Landsleute. Er war auf jeden Fall vorbereitet, und wenn ihn auch Zeit und Art des Anfanges der griechischen Revolution im Jahre 1821 etwas überraschen mochten, so verstand er doch die Notwendigkeit der Verhältnisse schnell genug für seine Zwecke zu benutzen und in den Gang der Ereignisse gleich anfangs aus eine Weise einzugleisen, die ihm bei jeder Wendung der Dinge einen bedeutenden Einfluß sichern konnte. Schon im Febr. 1821 landete K. mit sieben seiner Genossen in dem Zante gegenüber liegenden Hafen von Korakos, eilte sogleich nach dem Engpasse des Olenos und sammelte um Karitena in wenig Tagen eine kampflustige Schar von 240 Mann; an diese schlössen sich eine große Menge Moreoten an, welche bisher auf den ionischen Inseln gelebt hatten, und ein Aufruf an die Bewohner von ^lis hatte so großen Erfolg, daß K. bereits nach Verlauf von sechs Wochen an der spitze von ^000 Mann gegen Nezero hin ins Feld rücken konnte. An diesem ^cte traf er mit dem Erzbischof von Patras, Germanos, zusammen, welcher in ^griff gewesen war, sich nach Tripolizza zu Kurschid Pascha als Geißel für die muhe seines Kirchsprengels zu begeben, unterwegs aber seinen Entschluß geändert, dos Volk zu den Waffen gerufen und selbst den Oberbefehl des Heers übernommen hatte. Da er jedoch in K. sogleich den tüchtigsten Heerführer in ganz Morea "kannte, überließ er diesen die fernere Leitung seines kleinen Heerhaufens. Seit- b"n betrachtete sich K. als Oberseldherr des Peloponnes, und wenigstens trat an» Ungs Niemand auf, der ihm diese Würde streitig zu machen gewagt hätte. In ^hr gebieterischen Ausdrücken machte er Kurschid Pascha zu Tripolizza für jede Un- welche den in seiner Gewalt befindlichen Geißeln angethan werden würde, verantwortlich und drohte ihm, im Fall er diese Mahnung mit Verachtung zu stra- 'N gedachte, mit furchtbarer Rache. Seine erste entscheidende Waffenthat war die ^onv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 47 738 Kolokotronis Blokade des ganz von mohammedanischen Albanesern (SchypetarS) bewohnten Bergfleckens Lala, welche er jedoch schon im April, nach der Ankunft des Grafen Andreas Metaxas, der aus verbannten Joniern ein eignes Freicorps von 2VVV Mann gebildet hatte, aufgab, um die Belagerung von Tripolizza zu unterstützen, wozu sich damals bereits die südlichem Truppencorps unter Demetrios Ppsilamis Pietro Mauromichalis, KaneloS, Niketas und andern Häuptlingen vereinigt hatten. Zeichnete sich K. bei der bis in den Ott. dauernden Belagerung (Tripolizza siel den 15. Ott.) durch außerordentlichen Heldenmuth aus, so gab dagegen seine unbegrenzte Habsucht, welche sich bei mehren Gelegenheiten von ihrer nachtheiligsten Seite offenbarte, den Bessergesinnten großen Anstoß. Unter Anderm verlangte er bei einer Unterhandlung wegen Capitulation bloß dafür, daß den Türken freier Abzug mit ihrem beweglichen Eigenthum und die Einschiffung nach Ägypten oder Kleinasien im Golf von Kalamata zugestanden werden sollte, die enorme Summe von 40 Millionen Piastern, die in Tripolizza freilich nicht aufzutreiben waren. Auch zeigte sich damals schon eine offenbare Spannung zwischen ihm und den übrigen Heerführern, namentlich Ppsilantis, welcher deshalb noch vor dem Falle von Tripolizza sich nach Kalavrita zurückzog, aber bald wieder beim Heere erschien, um den Oberbefehl in dem eroberten Platze zu übernehmen. Vorzüglich das Letzlere beleidigte die Eitelkeit und Herrschsucht K.'s um so mehr, da diese Wahl ganz ohne sein Wissen geschehen war; ja er würde sogleich das Heer verlassen haben, wenn die Regierung sich nicht dazu verstanden hatte, noch nachträglich bekannt zu machen, daß Ppsilantis' Wahl mit ausdrücklicher Zustimmung K.'s geschehen sei. Im Dec. nahm K. noch an den Belagerungen von Napoli di Romania und Akrokc- rinth Theil, überschritt dann den JsthmoS und bezog auf kurze Zeit Winterquartiere in Phokis. Den zweiten Feldzug begann er mit der Blokade von PatraS, wandte sich aber, nachdem er hier mehre Monate nutzlos mit kleinen Gefechten zugebracht hatte, im Aug. 1822 wieder nach Argolis, wo ihm von den übrigen Häuptlingen der Oberbefehl und die Leitung der Operationen gegen Napoli übertragen wurde. Neben der längst bewährten Tapferkeit entwickelte hier K. in der That große strategische Talente. Durch kluge Vertheilung der Truppen an den nach dem JsthmoS führenden Engpässen gelang es ihm nicht nur, fast das ganze Heer deS SeraskierS, Dram Ali Pascha, welcher, von allen Seiten bedrängt, den Rückzug nach Korinth antreten mußte, aufzureiben, sondern er verfolgte auch, nach einem glänzenden Siege bei den Engpässen von Kleones, die Reste des feindlichen Heers bis unter die Mauern von Korinth, und ihren Plan, sich mit dem bei Patras stehenden Armeecorps zu vereinigen, vereitelte er durch einen zweiten Sieg an der Ostseite der phliast- sehen Gebirge. Nachdem er auf diese Weise die Macht des SeraskierS gebrochen hatte, eilte er zur Belagerung von Napoli zurück, welches auch wirklich vorzüglich durch seine Hülfe am 16. Dec. in die Gewalt der Hellenen fiel. Allein leider wuchs mit dem Glück der Waffen auch K.'s Übermuth und Selbstsucht, welche der Sache der Griechen bald ebenso viel Nachtheile brachten, als man sich von seiner Tapferkeit und militärischen Gewandtheit Vortheile versprechen durfte. Je mehr nämlich K. durch den Gang der Ereignisse und das Benehmen der ausgezeichnetem Häuptlinge zu der Einsicht gebracht ward, daß das Wesen und die letzten Zwecke der Revolution ganz andere seien, als er selbst gewünscht und gedacht haben mochte, desto heftiger wurde seine ungeschickte Opposition gegen die Regierung und die mit ihr übereinstimmenden Hetairiften und Fanarioten. Hatte er seinem Zorne gegen diese schon vor dem Falle von Napoli bei mehren Gelegenheiten durch die ungeziemendsten Anklagen freien Lauf gelassen, so glaubte er sich nach der Einnahme dieses Platzes zu jeder Anmaßung berechtigt, zu der ihn nur Herrschbegierde und Habsucht treiben mochten. Nachdem er sich z. B. aus eigner Machtvollkommenhe> Kolokotroms 739 zum Gouverneur von Napoli erklart hatte, und als solcher von Allen, welche mit ihm in Berührung kamen, die strengste Unterwürfigkeit verlangte, erhob er gegen den Na- tionalcongreß, welcher sich zu Anfange des IahreS 1823 zu Napoli versammelte, die ungestümsten Federungen, die er überdies noch mit den furchtbarsten Drohungen begleitete, im Fall man sich weigern würde, ihm Genüge zu thun. Unglücklicherweise verschafften ihm seine Verhaltnisse zu einigen angesehenen Familien des Peloponnes, z. B. der Familie Delianis, mit welcher er durch einen seiner Söhne verschwägert war, dann die Verbindung mit Theodor Ncgris, welcher damals bereits von den Berathungen der Regierungscommission ausgeschlossen worden war und daher jede Gelegenheit ergriff, den Planen derselben durch Opposition entgegenzuarbeiten, bald einen bedeutenden Anhang, welchen er dazu zu benutzen verstand, seinen selbstsüchtigen Zwecken den Schein einer Parteisache zu geben. Am meisten verdroß ihn die Erhebung des Fürsten Maurokordatos zur Präsidentschaft der Civilverwaltung und die Ernennung des Mainotenbeys Pietro Mauromichalis zum Präsidenten des Kriegsraths. Um diese wo möglich noch zu überflügeln, erklärte er der Regierung geradezu, er werde die Citadclle von Napoli nur unter der Bedingung übergeben, daß man ihn zum Präsidenten wählen wolle. Da sich jedoch Pietro Mauromichalis selbst ziemlich heftig gegen K.'s Verlangen erklärte, und diese Spannung zwischen den zwei einflußreichsten Heerführern unangenehme Auftritte in Napoli selbst befürchten ließ, welche die Freiheit und Sicherheit der Berathung gestört haben würden, so verlegte die Nationalversammlung ihre Sitzungen nach Astros. Nichtsdestoweniger beharrte K. auf seinen Federungen und machte öffentlich bekannt, er werde entweder Griechenland ganz verlassen, oder nach Astros kommen, mit den Massen zu erzwingen, was man ihm gutwillig verweigern zu wollen scheine. Um die Sachen unter so bedenklichen Umstanden nicht aufs Äußerste zu treiben, ließ sich Pietro Mauromichalis besänftigen und der Kongreß gab nach so viel in seiner Macht stand, ohne sich ganz in die Gewalt eines ungestümen Klephtenhäuptlings zu begeben. K. ward nach Astros beschicken, durch angemessene Ermahnungen zur Nachgiebigkeit gestimmt und endlich durch das Versprechen, daß man ihn zum Oberfeldherrn ernennen und Pietro Mauromichalis an Macht und Würde ganz gleich stellen werde, zur Auslieferung der Schlüssel von Napoli bewogen. Hierauf begab sich K., anscheinend befriedigt, mit seinem Armeecorps abermals zur Blokade von Patras. Allein sein Ehrgeiz war noch keineswegs befriedigt. Kurz nach seinem Abzüge erhob er sich wieder so heftig gegen die Regierung, daß man es für nöthig hielt, durch seine Ernennung zum Vizepräsidenten des Verwaltungsraths größerm Unheil vorzubeugen Die Zeit und Kraft, die auf diese Weise mit Jntriguen und Machinationen verschwendet wurde, entging ' natürlich der günstigen Fortsetzung des Kriegs gegen die Türken. Immer in i feindlicher Stellung gegen die Regierung, lag K. mehre Monate erfolglos vor Patras. l Die Erscheinung des Lords Byron zu Anfange 1824, in vieler Beziehung von den heilsamsten Folgen, schien endlich auch K. mit seinen Gegnern auszugleichen. Er >vandte sich selbst an Byron, um unter seiner Vermittelung sich mit der Regierung ! auszusöhnen. Jedoch änderte dieser Schritt der Reue im Wesentlichen um so we- ! "iger etwas, da K/s Anhang fortwährend in der Opposition beharrte und auch 'hn selbst wieder für dieselbe zu gewinnen wußte. Seit K. Mitglied des Verwal- Umgsrathes geworden war, fand die Parteiung auch hier Eingang. K. verlangte, aaß die Regierung seine Truppen besolden solle, der Senat dagegen wies diese Fo- d"ung mit dem Bedeuten zurück, K. habe sich bereits genug bereichert, um den Un- ^shalt seiner Truppen selbst bestreiten zu können; fehle es ihm jedoch an den dazu ! Obigen Mitteln, so solle er nur Morea verlassen und den Krieg in die noch von i sn Türken besetzten Provinzen jenseit des Jsthmos verlegen, wo er bald gewinnen vnnte, was ihm Bedürfniß sei. Dergleichen Erklärungen steigerten die Erbitte- 47* 740 Kolokotronis rung; und um der Opposition, welche wenigstens noch zwei Drittheile des Heers auf ihrer Seite hatte, die materielle Gewalt zu entziehen, erklarte der Senat in öffentlichen Proclamationen, das Vaterland sei in Gefahr, und jeder Bürger verpflichtet, ihm zu Hülfe zu eilen. Dieser Schritt der Verzweiflung hatte allerdings für den Anfang gewünschten Erfolg. K., von den meisten seiner Truppen verlassen, gestand sein Unrecht ein, bat um Verzeihung und zog sich auf einige Zeit nach Karitena zurück. Allein der gekränkte Stolz ertrug diese Demüthigung nicht lange. Den herannahenden Winter hielt K. für den günstigen Zeitpunkt, die verlorene Gewalt wieder zu gewinnen. Durch Geld, Versprechungen und List sammelte er in kurzer Zeit ein nicht unbedeutendes Truppencorps, rückte nach Arkadien vor, belagerte Tri- polizza, ward aber nach mehren unglücklichen Gefechten gegen die Truppen der Regierung unter Gouras zum Rückzug nach Karitena genöthigt, hier ebenfalls geschlagen, gefangen genommen und als Staatsgefangener in ein Kloster auf Hydra abgeführt. Mehr wagte die Regierung nicht zu thun aus Furcht vor einem mächtigen Anhang, auf welchen K. selbst jetzt noch im Peloponnes rechnen konnte. Dies geschah im Febr. 1825. Kurz darauf jedoch nahmen die Kriegsoperationen eine für die Sache der Griechen sehr ungünstige Wendung, und namentlich verursachte der unerwartete Fall von Navarin bei allen Parteien so große Bestürzung, daß die Regierung zu Napoli, um dem allgemeinen Verlangen nachzugeben, sich bewogen fühlte, K. mit seiner Partei zu begnadigen und ihm bereits im Mai wieder ein Armeecorps von 10,000 Moreoten, welche ihn ausdrücklich zum Anführer begehrt hatten, anzuvertrauen. In Napoli angekommen, leistete er in der Kirche einen feierlichen Eidschwur, der Sache des Vaterlandes fortan mit dem größten Eiser zu dienen, machte der Regierung einige Vorschlage, unter Andern, daß man die Mauern von Tripolizza schleifen möchte, damit es nicht abermals dem Feinde zu sichern» Zufluchtsort dienen könne, und begab sich unverzüglich zum Heere bei Tripolizza. Ungeachtet mehrer glücklichen Gefechte, war er jedoch nicht im Stande, der Übermacht Ibrahim Paschas zu trotzen. Als dieser nur noch einige Stunden von Tripolizza entfernt war, gab er den Primaten die Weisung, man solle die Stadt mit dem beweglichen Eigenthum verlassen und in Brand stecken. Da man jedoch diesem Rache nicht folgte, und K. auch sonst kein Mittel wußte, den Feind von der Stadt abzuhalten, so eilte er nach Karitena zurück, um sein Heer durch neue Werbungen zu verstarken. Unterdessen hielt Ibrahim Pascha am 22. Iun. ohne Schwertstreich seinen Einzug in Tripolizza. Schon am 27. kehrte K. mit 4000 Mann zurück, um Ibrahim Pascha, welcher sogleich gegen Argos vorgerückt war, den Rückzug nach Tripolizza abzuschneiden. Auch dies gelang ihm nicht, und er mußte bei Vervenis ein befestigtes Lager beziehen, von wo aus Ppsi- lantis die Operationen gegen Tripolizza fortsetzte, wahrend K. selbst abermals nach Karitena zurückging, um dem Heere neue Verstärkungen zuzuführen. Er brachte dies schnell, aber ohne wesentlichen Vortheil für die Verhältnisse vor Tripolizza zu Stande. Denn obgleich K. um diese Zeit zum Oberfeldherrn des Peloponnes ernannt worden war, so fehlte es doch der Regierung an Mitteln und namentlich an Autorität, ihm für größere Plane, deren Ausführung so schon die gegenseitige Eifersucht der Heerführer entgegenstand, die nöthige Unterstützung zu gewähren, zumal da gegen das Ende des Jahres 1825 und zu Anfange des folgenden die Ereignisse in Wcstgriechenland Aufmerksamkeit und Mittel der Regierung fast ausschließend in Anspruch nahmen. Dasselbe gilt auch für das folgende Jahr, wo fast alle der Regierung zu Gebote stehenden Streitkräfte in Attika zum Entsätze der Akro- polis zusammengezogen wurden. K. hatte hieran gar keinen Theil, sondern war schon um die Mitte des Jahres 1826 nach Napoli gegangen, wo ihn ein längerer Aufenthalt in jene heillose Fehde mit dem Rumeliotenhäuptling Grivas, der den Palamides besetzt hatte, verwickelte, in welcher er abermals Zeit und Kraft verlor, Kolowrat- Liebsteinsky 741 während seine Proklamationen die Hellenen zu Eintracht und Tapferkeit ermahnten. Uberhaupt aber brachte die Wahl des Grafen Kapodistrias, von dessen Erscheinen man Alles erwarten zu dürfen glaubte, in die Kriegsoperationen der Hellenen eine gewisse Lauheit, die auf der andern Seite auch noch durch das Benehmen des Feindes begünstigt wurde, welcher wegen der bereits eingeleiteten diplomatischen Verhandlungen sich bloß noch auf die Vertheidigung der einmal eingenommenen Stellungen beschrankte. Um so mehr behielten die verschiedenen Parteihäupter Zeit und Gelegenheit, ihre eignen selbstsüchtigen Plane zu entwerfen, deren Ausführung sie sich von der besondern Gunst des neuen Regenten versprechen mochten. Dies mag in gewisser Beziehung auch von K. gelten. Wir wollen nicht entscheiden, ob Kapodistrias ihn gleich anfangs bloß in der Absicht vorzüglich begünstigt habe, um einen der gefahrlichsten Gegner durch Verpflichtungen unschädlich zu machen, oder ob er in ihm wirklich die Stütze seiner Macht erkannt habe, als welche K. in der letzten Zeit der Präsidentschaft betrachtet werdcn mag. Es ist bekannt, daß K. auch unter Kapodistrias den militairischen Oberbefehl im Peloponnes behielt und diesen theils zur Erreichung seiner eignen Zwecke, theils aber besonders zur Befestigung des Gewaltsystems des Präsidenten wohl zu nutzen verstand. (S. Griechenland.) Nach dem Tode des Präsidenten zum Mitglieds der provisorischen Regierungscommission vom 9. Oct. erwählt, zeigte sich K. als heftigster Fürsprecher und Vertheidiger der Regierungsgrundsätze des Cabinets von Napoli ganz wieder in der alten Klephtennatur (s. Ka podistrias, Augustin), und selbst nach dem Siege der nationalen oder liberalen Partei im April 1832 ist er fortwährend der erbittcrtsteGegner der neuen Ordnung der Dinge geblieben. Die letzten Nachrichten vom Ende des verflossenenJahres schildern ihn als solchen gleich furchtbar durch die Gewalt seines Schwertes und die Kühnheit seiner Rede; jedoch scheinen auch diese endlich ihre Kraft zu verlieren, da sie schwerlich der Energie gewachsen sein möchten, welche man von der Regentschaft des Königs Otto erwarten darf. (18) Kolowrat - Liebsteinsky (Franz Anton, Graf von) zu Reichenau, wurde am 31. Jan. 1778 zu Prag geboren. Sein reiches und mächtiges Geschlecht, dessen Mittel nun größtentheils in seiner Hand vereinigt sind, ist eines der wenigen, die dem „blutigen Landtage" Ferdinands I. 1547, der aberwitzigen Tyrannei Rudolfs II. (welcher insonderheit die vielfach verwandten Lobkowitz ohne Urtheil und Recht unterlagen), dem großen Bluttage Ferdinands II. von 1621 auf dem Ring der prager Altstadt und der langsamen, planvollen Erstickung aller Nationalitat und aller Notabilitäten unter Leopold I. entgangen sind. In den drei Schlachten, in deren jeder ein Böhmenkönig blieb, 1278 im Marchfcld zwischen den Königen Ottokar und Rudolf, 1347 bei Cressy, wo der blinde König Johann für Frankreich wider den schwarzen Prinzen stritt, 1526 bei Mohacz, wo der letzte Iagellone Ludwig gegen den großen Suleiman umkam, dann 1322 bei Mühl- dorfzwischcn Ludwig dem Baier und Friedrich dem Schönen, 1547 bei Mühlberg mit Karl V. und Ferdinand l. gegen den sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich und die schmalkaldischen Bundesverwandren, glänzte der Kolowrat Wassenruhm, sowie durch die Rettung Karls IV. im Aufruhr zu Pisa. Sie zerfielen früh in die Zweige Krakowsky, Liebsteinsky und Noworahdsky. In der Hussitenfehde, in der großen Bewegung wider Ferdinand II. wegen Verletzung der Glaubens- und Wahlfreiheit, des Majestätsbriefes und beinahe aller Zweige der Verfassung stauen fast alle Kolowrat auf königlicher Seite. Der Vertrag, der Schlesien an Böhmen band und seine Rechte ordnete, hieß noch in unsern Tagen der Kolowrat'- sche Vertrag. So berühmt war dieses in die böhmische Mythenzeit hinaufrei- äunde Haus, daß das Volk eine Glocke kennt, die von selber lautet, und einen Stein, der Blut schwitzt, „wenn ein Kolowrat stirbt". Noch sehr jung vermählte sich Graf Franz K., dessen Mutter vom M '. WM - 'iHW 742 Kolowrat - Licbsteinsky Stamm Krakowsky war, am 8. Zun. 1801 mit Rosa, Tochter des Fürsten Joseph Kinsky und der Gräfin Marie Harrach. Dieser Rosa altere Schwester Si- donie ist die Mutter des trefflichsten Zöglings K.'s, des Fürsten August Lobko! witz, welcher Ostreich als Gouverneur Galiziens durch Unerschrockenst in den Schrecknissen der Cholera wie in der gleichzeitigen Revolution Polens durch weise Mäßigung die größten Dienste geleistet hat, nach überstandener Gefahr aber von dort entfernt worden ist. Die Jugend des Grafen Franz K. verfloß in der Epoche des furchtbarsten Geistesdrucks und der ärgsten Jakobinerriecherei. Glücklicherweise bekümmerte sich Graf K. wenig darum, daher er auch lange nicht zu dem, in der angenommenen Bedeutung ziemlich zweideutigen Rufe „correcter" Gesinnung durchdringen konnte. Der Ton seiner Jugend war vielmehr lebensfreudig und liberal, aber nicht minder durch ein unleugbares Fortschreiten hervorragend. Früh trat er in den Staatsdienst. Er war Stadthauptmann des wichtigen Prag als er eben volljährig geworden war. Aus derselben schönen Jugendzeit stammt auch des Grafen K. innige Freundschaft mit dem, nach langer Zurücksetzung zu den ersten Stel, len im Königreiche Böhmen und sofort in Ostreich und in der Finanzverwaltung er- hobenen Malthesercomthur Grafen Klebelsberg. Im Spätjahr 1810 folgte K. als Oberstburggraf des Königreichs Böhmen dem ins Finanzministerium nach Wien berufenen Grafen Joseph Wallis, einem Manne von gründlicher Gelehrsamkeit, unermüdetem Fleiß, athletischer Körperkraft, aber auch von einem allzu oft sich selbst überstürzenden Eifer. Böhmen athmete durch K.'s Ruhe und Milde neu auf, Nach zweihundertjähriger Niederhaltung Böhmens, war K, wieder der Erste, der in diesem klang- und erfindungsreichen, von der Natur reich ausgestatteten, bis zum dreißigjährigen Krieg eine hohe Culturstufe behauptenden Wunderland eine Art von Selbstgefühl und von Selbstvertrauen zurückführte. Er war es, der das Studium der so lange vernachlässigten und im Volksunterricht wie unter den höhern Classen nach Möglichkeit ausgerotteten böhmischen Sprache und Sitte sowie der Vaterlandsgeschichte neu belebte. Er hat die Landesgeschichte durch redende und bildende Kunst, Dichtung und Malerei zu popularisiren und zu verherrlichen angefangen und ist in Allem nicht nur mit aneiferndem Wort, sondern auch mit eignem Beispiele vorangegangen. Man kann von K. sagen, er habe Böhmen, sowie von seinem trefflichen Nachfolger in Prag, dem Grafen Ch otek (s. d.), er habe Tirol ausgesöhnt und wiedergewonnen. Jedenfalls datirt von K. eine neue Epoche in der Verwaltung und in der Nationalliteratur Böhmens. (S. Böhmisch e L i t e r a t u r.) In der kurzen Frist bis zum großen Befreiungskampfe 18 l.3 leistete K. Unglaubliches. Wissenschaft und Kunst fanden stets an ihm einen aufrichtigen und eifrigen Beschützer, ebensowol aus eigner Neigung und aus veredeltem Geschmack als aus wohlberechnetec Staatsklugheit. Selbst ein guter HauS- wirth, war ihm auch jede Vergeudung, zumal die so oft illusorische und den fremdartigsten Zwecken dienende für geheime Polizei, für eine ins Unendliche vervielfältigte, innere und äußere Diplomatie und für die Lieblingsrubrik „sonstiger geheimer Ausgaben" ein Greuel. Seine Gedanken gingen stets ernstlich auf Erleichterung der jedes Jahr durch neue Reste als unerschwinglich bezeichneten Lasten. Sie waren auf Handelsfreiheit, auf allmäliges Aufschließen der chinesischen Mauer des intellectueUcn, wie des mercantilischen Prohibitivsystems gerichtet, auf Reduktion des stehenden Heers, auf Wiederbelebung der längst in Nullität herabgesunkenen historischen Provinzialstände, wenigstens als Creditanstalt. Ihm dankte man ein ernstes und beharrliches Entgegenwirken ebenso gegen Verschwendung und Willkür, als gegen den Obskurantismus, der jenen beiden zum Deckmantel und zur unverantwortlichen Verewigung dienen soll. Als 1825 K. von Prag in das Staatsministerium nach Wien berufen wurde, galt er für den herbeigerufenen Antipoden des ganz josephinisch, das heißt despotisch liberalen Saurau. GrafK« Kometen 743 gilt auch für einen Aristokraten, ist es aber nicht in einem crassen, sondern gewiß nur edeln und gemäßigten Sinne, vom Bestehenden so viel als möglich erhaltend, mäßigend und nur Schritt für Schritt aufgebend. Seinen Patriotismus und seine Rechtlichkeit in Zweifel zu ziehen, ist noch Niemanden eingefallen. Alle Vaterlandsfreunde achten und lieben in K. einen Anker gegen Vergeudung, Willkür und Psaffenregiment; sie lieben in ihm eine Säule des Friedenssystems, das Ostreich unentbehrlich ist. (17) Kometen. Die Kometen unterscheiden sich von den Planeten durch den Lichtschweif, den sie gewöhnlich abwärts der Sonne hinter sich haben und durch die sehr lang gestreckten elliptischen oder vielleicht parabolischen Bahnen, die sie in allen Richtungen am Himmel in rechtlausiger oder auch in rücklausiger Bewegung beschreiben. Die Umlaufszeiten der Kometen, die um unsere Sonne gehen, sind sehr verschieden. Bei einigen betragen sie nur wenige Jahre, bei vielen andern Jahrhunderte und Jahrtaufende, und bei den meisten vermögen wir die Periode ihrer Wiederkehr nicht einmal annähernd zu beurtheilen. Das im Allgemeinen sehr schwache Licht der Kometen ist Ursache, daß wir sie nur in der Nähe der Erde, nie in großen Fernen sehen können. Die Alten, denen die Fernröhre fremd waren, vermochten nur solche Kometen zu erkennen, die sich durch ihre Größe und ihren Glanz wesentlich auszeichneten; sie betrachteten dieselben aber nicht als wirkliche Gestirne, sondern hielten sie für Bildungen in unserm Luftkreise und für Erscheinungen, die von dem Zurückwerfen des Sonnenlichts herrühren sollten. Pytha- goras und seine Schüler, Apollonias und Seneca, nahmen zwar richtiger die Kometen für Planeten, die sich nur in einem Theile ihrer Bahnen zeigen und nach langen Zeiten wieder zum Vorschein kommen, allein sie vermochten nicht, ihre Ansicht zu beweisen oder derselben allgemeinen Eingang zu verschassen. In dem großen Zeitraums vom 2. bis zum 16. Jahrhunderte unserer Zeitrechnung ist etwas Wesentliches für die Kometcnlehre nicht geschehen. Unwissenheit und Aberglaube hatten in dieser Periode ihre schreckliche Herrschaft ausgebreitet; man beschäftigte sich nicht damit, die wahre Natur dieser Himmelskörper kennen zu lemen, sondem suchte nur zu erfahren, welchen Einfluß sie auf das Schicksal der Menschen und auf die Zukunft ausüben würden. Man nannte die Kometen Himmelszeichen, ihr Erscheinen verbreitete Angst und Bangigkeit, man fürchtete Krieg, Pest, Hungersnoth und andere unglückliche.Begebenheiten. Von 1531 — 39 betrachtete Peter Apian den Lauf von fünf Kometen und bemerkte zuerst, daß deren Schweife abwärts von der Sonne gerichtet sind. Die Versuche, die er und Cardanus ausführten, den Parallaxenwinkel der Kometen zu messen, ließen erkennen, daß diese Gestirne viel weiter als der Mond von der Erde abstehen. Tycho de Brahe's Beobachtungen in den Jahren 1577 — 96 bestätigten Apian's Entdeckungen. Er fand noch, daß die Kometen sich nach allen Richtungen bewegen, und daß ihr Lauf regelmäßig sei. So sing man am Ende des 16. Jahrhunderts an, den Einfluß der Kometen auf die irdischen Begebenheiten zu bezweifeln. Newton erschien und entdeckte die allgemeine Schwere. Er zeigte, daß die Kometen gleich den Planeten um die Sonne sich bewegen und wie diese den allgemeinen Gesetzen, die den Lauf aller Welten regeln, unterworfen sind. Halley, Euler, Laplace und besonders Olbers und Encke bildeten diesen Theil der Astronomie durch ihre Arbeiten bis zu der Höhe aus, deren wir uns zu erfreuen haben. Es genügen jetzt wenige Beobachtungen, um die Bahn eines Kometen annähernd zu bestimmen, und die Berechnung wird durch den Umstand erleichtert, daß sehr lange Ellipsen, wie die Kometenbahnen sind, in dem Theile, den wir beobachten können, nahe mit einer Parabel zusammenfallen. Die Bahnen folgender vier Kometen sind genauer als alle andern bekannt. 1) Halley's Komet. Halley, ein Zeitgenosse Newton'S, beobachtete diesen 744 Kometen Kometen 1682 und berechnete dessen Lauf. Er fand, daß derselbe bereits 1455 1531 und 1607 gesehen worden war, und sagte sein Wiedererscheinen auf den Anfang des Jahres 1759 vorher. Doch vermochte er nicht die Störungen zu bestimmen, die der Komet auf seiner langen Bahn von den Planeten, denen er nahe kam, erleiden wurde. Dies that 70 Jahre spater Clairaut, der 1758 in einer besonder» Schrift bekannt machte, daß der Komet in der Mitte des Aprils 1759 erscheinen und der Sonne am nächsten stehen würde. Der Komet wurde am 12. Marz 1759 in seiner Sonnennahe beobachtet und die Vorhersage von Halley und Clairaut nahe bestätigt. Zu seinem nächsten Umlaufe wird er 76 Jahre 8 Monate brauchen und den 4. oder 16. Ort. 1835 in 10 Zeichen 3 Grad wieder zur Sonnennähe kommen. Er steht dann nur 12 Millionen Meilen von der Sonne, erreicht aber im entgegengesetzten Punkte seiner Bahn einen Abstand von 735 Millionen Meilen. Die Neigung seiner Bahn gegen die Ekliptik beträgt 17° 38 I und die Länge des aufsteigenden Knotens derselben ist 1 Z. 14°. Sein Fortrücken ist rückläufig. 2) Olbers' Komet. Olbers entdeckte diesen Kometen, der vorher noch nie beobachtet worden war, am 6. März 1815, und Bessel in Königsberg berechnete feine Bahn. Der Komet war am 25. April 1815 in 4 Z. 18° durch die Sonnennahe gegangen und wird diese im 1.1887 den 9. Febr. wieder erreichen. Der kleinste Abstand des Kometen von der Sonne beträgt 26, der größte 703 Millionen Meilen. Seine Bahn ist gegen die Ebene der Erdbahn 44?° geneigt, die Länge des aufsteigenden Knotens beträgt 2 Z. 23° 28 ^ und seine Bewegung ist rechtläusig. . 3) Encke' s Komet. Dieser Komet wurde von Pons in Marseille am 26. Nov. 1818 aufgefunden, doch erkannte zuerst Encke in Berlin, der den Kometen berechnete, dessen regelmäßige Bahn und kurze Umlaufszeit. Der Komet war bereits 1786, 1795 und 1804 beobachtet worden, und bei seinem Wiedererscheinen in den Jahren 1822, 1825 und 1828 traf sein Lauf mit den voraus berechneten Ephemeriden sehr genau zusammen. Den 4. Mai 1832 in der Mittagsstunde ist er wieder in die Sonnennähe getreten, da er aber sehr weit von der Erde entfernt bleibt und in seiner günstigem Stellung eine sehr südliche Abweichung hat, so hat er von dem nördlichen Europa aus nicht gesehen werden können. Seinen kleinsten Abstand von der Sonne erhalt er in 5 A. 7° mit 7,130,000 Meilen, wogegen er in dem andern Theile seiner Bahn sich bis auf 84,800,000 Meilen entfernt. Die Neigung seiner Bahn beträgt 13° 20^, die Länge des aufsteigenden Knotens 11 A. 4°, seine Umlaufszeit 12114 Tage, und seine Bewegung ist rechtläufig. Encke fand aus Vergleichung der Beobachtungen in den frühern Erscheinungspcrioden dieses Kometen, daß dessen Rückkehr zur Sonnennähe immer etwas früher erfolgt war, als die Größe der elliptischen Kometenbahn erwarten ließ, daß mithin die große Axe des Kometen und dessen Umlaufszeit immer kleiner werde. Dieser berühmte Astronom glaubt die Ursache dieser austollenden Erscheinung in dem Widerstande des Äthers oder einer im Welträume verbreiteten äußerst feinen Materie suchen zu müssen. 4) Bie- la's Komet. Der östreichische Hauptmann von Biela entdeckte diesen Kometen am 28. Febr. 1826 zu Josephsstadt in Böhmen und erkannte zuerst dessen kurze Umlaufszeit. DerKomet war bereits 1772 und 1805 gesehen worden. Er steht in 3 Z. 20° der Sonne mit 19 Millionen Meilen Abstand am nächsten, und entfernt sich im andern Theile seiner Bahn 130 Millionen Meilen von derselben. Seine Umlaufszeit dauert 2465? Tage oder 64 Jahre, und er ist den 27. Nov. 1832 wieder in die Sonnennähe getreten. Seine Bahn ist 13° 33^ gegen die Erdbahn geneigt, und der Ort des aufsteigenden Knotens liegt in 8 Z. 11 °. Dieser Komet ist besonders um deswillen merkwürdig, weil dessen Bahn in der Nahe des niedersteigenden Knotens von der Bahn der Erde nach Olbers' Berechnung nur 114,500 Meilen entfernt ist. Es ist daher möglich, daß dieser Komet in künf- ^ Tk i «iiUb tigen Zeiten der Erde sehr nahe kommen könne, wenn derselbe und die Erde gleichzeitig diesen Theil ihrer Bahnen erreichen; doch bleibt er bei der nächsten Wiederkehr über 11 Millionen Meilen entfernt und es laßt sich auch aus den weiter fortgesetzten Berechnungen noch nicht abschen, daß die Erde je etwas von ihm zu fürchten haben werde. Hiernachst ist noch der Komet von 1770 zu erwähnen. Messier entdeckte denselben im Zun. 1770. Er blieb lange Zeit sichtbar und konnte genau beobachtet werden. Es zeigte sich, daß dessen Bahn wesentlich von der vorausgesetzten Form Mer Parabel abwich und Eckel fand, daß der Komet eine Ellipse um die Sonne beschreiben müsse, deren große Axe drei Mal größer als die Durchmesser der Erdbahn sei, und daß er 5^ Jahr zu seinem Umlause brauche. Diese Berechnung stimmte mit allen Stellungen des Kometen sehr genau zusammen; sie zeigte, daß dieses Gestirn sich der Erde bis auf 310,000 Meilen genähert hatte. Allein der Komet blieb zu der erwarteten Zeit und für die Folge doch unsichtbar, obschon man ihn sehr aufmerksam suchte. Er war 1776 am Tage, wo er nicht gesehen werden konnte, durch seine Sonnennähe gegangen, und bei der spätem Wiederkehr war seine Bahn so ganz verändert, daß, wenn man ihn auch erblickt hätte, man ihn nicht für denselben Kometen gehalten haben würde. Die große Umgestaltung der Bahn des Kometen war durch die Anziehung des Planeten Jupiter bewirkt worden, durch dessen Trabantensystem er 1.767 und im August 1779 gegangen war. Der Komet hatte früher, ehe er das erste Mal in die Nähe des Jupiters trat, eine llmtaufszeit von vielleicht 50 Jahren und einen kleinsten Abstand von etwa 100 Millionen Meilen gehabt. Seine Bahn wurde durch die Kraft des Jupiters in eine Ellipse von 5^ Jahren Umlaufszeit bei einem Abstände der Sonnennähe von 14 Millionen Meilen verändert und erhielt 1779, als der Komet nochmals die Anziehungssphäre des Jupiter durchlief, eine fernere Umgestaltung, sodaß er jetzt wenigstens 70 Millionen Meilen von der Sonne entfernt bleibt und 20 Jahre zum Umlaufe braucht. Dieser Abstand ist aber zu groß, als daß dieser Komet von uns gesehen werden könnte, welcher, da er im Trabantensystcm des Jupiters nicht die geringste Störung hervorbrachte, nicht den 5000sten Theil der Erdmasse haben kann. Noch andere Kometen haben die elliptischen Krümmungen ihrer Bahnen erkennen lassen, aber ihre beträchtlichen Umlaufszeiten haben aus den wenigen Beobachtungen, die in der kurzen Zeit ihrer Sichtbarkeit gemacht worden sind, nicht mit Sicherheit abgeleitet werden können. Durch Fernröhre gesehen, sind alle Kometen einer Anhäufung von erleuchteten Dünsten oder einem Nebelfleck mehr oder weniger ahnlich. Zuweilen kann man emm Kern oder eine Scheibe bei ihnen unterscheiden. Ist ihr Schweif breit und kurz, so heißen sie Haar- oder Bartkometcn, ist er sehr lang, Schweif- kometen. Die Materie der Schweife ist so fein, daß auch die kleinsten Sterne durch solche noch leicht und gut sichtbar sind, selbst in der Nachbarschaft des Kerns, du oft nur wenige Meilen im Durchmesser bar und selten größer als der Mond ist. Die Scbweife der Kometen werden erst beträchtlich, wenn diese in die Nähe der Sonne kommen. Der dichte Nebel, der den Kern in großen Fernen umgibt, wird dann von Tage zu Tage Heller, der Schweif vergrößert sich immer mehr, bis der Komet durch die Sonnennähe gegangen ist, worauf eine Abnahme des Schweifs antritt und der Komet sich nach und nach unfern Blicken entzieht. Je größer die Sonnennähe, desto größer in der Regel der Schweif. Der Komet von 1680 war noch nicht so weit von der Sonne, als der Mond von der Erde; sein Schweif leuchtete in ungeheurer Größe die ganze Nacht hindurch. Die Schweife der Kometen sind im Allgemeinen abwärts der Sonne gerichtet und 'br Lauf kann diese Richtung nicht verändern. Sie haben die verschiedenartigen Formen. Gewöhnlich bilden sie einen Lichtstrcifen, der sich zuletzt in eine un- W 7 746 Kometen kennbare Spitze oder in eine mit dem Himmelsraume verschwimmende Fläche endigt. Auweilen theilt sich der Schweif und breitet sich fächerförmig aus, wie z. B. der Komet von 1744, welcher sechs, durch dunkle Räume getrennte Strahlen hatte' die unter einem Winkel von 60° auseinander gingen, und der Komet von 1825 welcher sich, wiewol weniger deutlich, am 7., 9. und 10. Ott. in drei Strahlen theilte. Die Schweife, die sehr lang sind, zeigen an ihrem Ende eine leichte Krüm- mung, die rückwärts und dahin gerichtet ist, wo der Komet vorher war. Der Komet von 1811 krümmte sich in seinem prachtvollen Schweife nach entgegengesetzten Richtungen, und der Komet von 1823 machte von allen bekannten Kometen eine wesentliche Ausnahme. Er hatte zwei Schweife von verschiedener Lichtstarke. Der größte richtete sich abwärts der Sonne, der schwächere der Sonne zu. Am 23. Jan. 1824 war die Länge des ersten 5 °, die des zweiten 4 °. Sie bildeten nicht ganz eine gerade Linie und standen 165° von einander. In der Nähe des Kerns war der schwächere Schweis kaum zu erkennen- Das stärkste Licht desseldcn war 2° von diesem entfernt und veeminderle sich bis gegen das Ende. Aus welchem Gesichtspunkte man auch die Natur der Kometen betrachten will, so ist doch sicher, daß die gasartige, leicht bewegliche Masse, die in so ungeheurer Menge den Kometenkern umgibt, bei dem Umlaufe desselben um die Sonne die größten Veränderungen zu erleiden hat. Den Kern ganz umhüllend und wahrscheinlich dicht zusammengedrängt durch die in der Sonnenfeme wenig wirkenden Sonnenstrahlen, dehnt sie sichln der Sonnennähe bis zu einer Weite von vielen, selbst 40 und mehr Millionen Meilen aus, stellt sich abwärts der Sonne und laßt den Kern des Kometen den Einwirkungen der Sonnenstrahlen frei. So scheinen die Kometen durch die große Dichtigkeit ihrer atmosphärischen Hüllen in den fernen Thülen ihrer Bahnen vor zu großer Erkaltung und durch die außerordentliche Verfeinerung derselben in der Nahe der Sonne vor zu starker Erhitzung geschützt zu werden, und wir dürfen die Möglichkeit der Bewohnbarkeit dieser Gestirne nicht bezweifeln. Unentschieden ist die Frage, ob die Kometen und ihre Schweife ein eignes Licht haben oder nicht. Die Kerne derselben zeigen sich immer ganz erleuchtet, und dies könnte nicht fein, wenn sie ganz dunkle und undurchsichtige Körper wären, wo wir dann, wie bei dem Monde, der Venus und dem Merkur, Lichtphasen wahrnehmen würden. Allein dessenungeachtet können wir darüber nicht entscheiden, da die Massen der Kometen so außerordentlich klein und ungeachtet der Sonnennähe immer von vielen erleuchteten Dünsten umgeben sind. Hevel und Lahne glaubten zwar bei dem Kometen von 1682 eine Lichtphase erkannt zu haben, aber es waltet hier jedenfalls eine Täuschung ob, denn die Instrumente damaliger Zeit gestatteten solche Beobachtungen nicht. Auch Cacciatore in Palermo hat bei dem Kometen von 1819 eine Lichtphase bemerkt, deren angegebene Lage jedoch nach dem damaligen Stande des Kometen und der Sonne einer wahren Phase nicht entspricht und die Beobachtung zweifelhast macht. Es würde höchst wichtig sein, den Vorübergang eines Kometen vor der Sonne beobachten zu können, und es hat in der That der Komet von 1819 am 26. Zun. jenes Jahres Morgens 5 Uhr 40 Minuten bis 9 Uhr 20 Minuten Gelegenheit dazu geboten. Aber dieser Vorübergang erfolgte, ehe das Gestirn uns erschien, und da man diese merkwürdige Erscheinung nicht vorher wußte, so konnte nicht daraufaufmerksam gemacht werden. Zufällig hat zwar Pastors in jener Zeit einen Nebensteck auf der Sonne bemerkt, aber die Beobachtung nicht verfolgt. Wir sehen die Schweife der Kometen in verschiedenen Lagen und natürlich nur dann in der größten Pracht, wenn bei der Sonnennähe eines Kometen der Winkel an ihm zwischen Sonne und Erde 90° beträgt. Ist uns der Komet in Opposition, d. h. steht er genau der Sonne gegenüber, so können wir gar keinen Schweif, sondern nur einen runden Nebel bemerken, weil der Schweif von uns abgewendet ist. Sowie der Komet dann in seiner Bahn fortrückt, wird uns der König (Georg Friedrich) 747 Schweif deutlicher und zeigt sich in wachsender Lange. Nähern sich uns die Kometen von der Nordseite des Himmels, wo sie uns unsichtbar sind, so treten sie plötzlich in ungemeiner Größe über den Horizont herauf, wie dies z. B. beim Kometen von 1819 der Fall war. Verschiedene Beobachter auf der Erde haben die Kometen zu gleichen Zeiten oft in verschiedenen Größen gesehen. Man hat in den tropischen Landern Kometenschweife fast 90 ° weit erkannt, die im nördlichen Europa kaum 20° weit sichtbar waren. Solche Unterschiede sind nur auf Rechnung unserer Atmosphäre zu setzen, die in den wärmern Gegenden ungleich reiner und zu den Beobachtungen geeigneter ist als in den kältern Ländern. Auf ähnliche Weise muß man es erklären, wenn Beobachter in wenigen Stunden schnelle Veränderungen, ein Auf- und Niedergehen der Lichtstrahlen, in den Kometenschweifen bemerkt haben wollen. Solche Veränderungen würden auf dem Kometen immer Millionen Meilen ausmachen und sind nur in den kleinen Oscillationen unserer eignen nie ganz reinen und ruhigen Atmosphäre begründet. Doch hat Halley's Komet bei seiner Wiederkehr zur Sonne wirkliche Veränderungen erkennen lassen. Sein Schweif war 1456 über 60° lang, 1682 aber weniger und 1759 noch weniger glänzend. Sollte sich diese Verringerung des Schweifs bei der nächsten Rückkehr im Jahre 1835 wieder bestätigen, dann könnte man allerdings glauben, daß entweder die flüchtigen Theile der Kometenschweife sich im Laufe der Zeit zerstreuen, oder daß solche sich auf den Kometcnkern selbst niederschlagen, wenn letzterer deutlicher als früher sich zeigen sollte. Man könnte dann vielleicht annehmen, daß die Kometen durch das gegenseitige Anziehen des feinen, im Universum frei schwebenden Weltenstoffs entstehen und entweder durch die Einwirkung der Sonnenstrahlen im Laufe der Zeit sich wieder verflüchtigen und vergehen, oder sich zu festern Körpern ausbilden. So weit Nachrichten vorliegen, sind von der Erde aus etwa 500 Kometen bis jetzt gesehen worden. Diese Zahl ist aber viel zu gering. Man findet, daß von dm bekannten Kometen 20 innerhalb der Merkurbahn und 60 innerhalb der Venusbahn ihre Sonnennahe erreichten. Diese Zahlen verhalten sich nahe wie die Quadrate der Halbmesser der beiden Planetenbahnen, und setzt man dieses Verhält- niß fort, so darf man über 40,000 Kometen rechnen, deren Sonnennähe innerhalb der Uranusbahn liegt. Aber auch diese Zahl ist zu gering, da nicht alle Kometen, die erschienen sind, besonders in frühem Zeiten, beobachtet werden konnten, und man ist berechtigt das Heer derselben wenigstens zu mehren Hunderttausenden anzunehmen. Und alle diese Welten gehören zu unserer Sonne, empfangen von ihr Licht und werden von ihr in ihren großen, nach allen Gegenden des Himmels gerichteten Bahnen gehalten. (54) König (Georg Friedrich), geboren am 21. Iul. 1781 zu Entinghau- stn in Hanover, erhielt seine Bildung auf dem Gymnasium und der Universität zu Göttingen, und nachdem er 1803 in Celle geprüft und als Sachwalter aufgenommen worden, ließ er sich in Northeim nieder. Als nach der Errichtung des Königreichs Westfalen die Einführung des öffentlichen gerichtlichen Verfahrens rnvchieden war, begab er sich 1807 nach Mainz und Koblenz, wo er während eines ncunmonatlichen Aufenthalts das öffentliche Verfahren in Civil- und Crimi- "ühachcn kennen lernte. Nach seiner Rückkehr arbeitete er einige Zeit in dem Bu- gw des Ministers Simeon, um sich mit den hohem Verwaltungsgeschäften be- "NNt zu machen. Er wurde darauf als Procureur bei dem Tribunale zu Osterode ^gestellt und verwaltete zugleich nach Simcon's Wunsch einige Zeit das Kriegsgericht zu Seesen und Westerhof. Als es nach dem Falle des Königreichs Wcst- g m der wiederhergestellten Regierung durch den herrschenden Haß gegen die Fremd- grrschaft erleichtert wurde, auch die guten und erprobten französischen Verwal- "ngseiimchtungen aufzuheben und die Advokaten, wie alles Andere, in das alte I »W - 748 Koenig (H einrich Joseph) ausgefahrene Geleise zurückzuwerfen, blieb K. in Osterode, wo er seitdem als Sachwalter arbeitete. Er wurde hier allgemein geschätzt, wiewol seine freimüthigcn Ur- theile über vaterländische Angelegenheiten, über Rückschritte und Misbräuche der Verwaltung ihm die Verfechter des Alten abhold machten. Unter den zahlreichen Schriften, die er seit 4814 thcils einzeln, theils in periodischen Blattern unter seinem Namen im Auslande drucken ließ, nennen wir: „Die provisorische Stande- vcrsammlung" (1814); „Die Tortur in Hanover" (1815); „Über die Finanzen in Hanover"(1816); „Über das Gerichtswesen in Hanvver" (1817); „Die Advokaten inHanover"(1819); „DerNothstand derLandleute"(1821); „DieLeibeigen- schaft in Osnabrück" (1827); „Das Königthum und die Repräsentation" (Leipzig 1828). Als die besonders unter den Bewohnern des südlichen Hanovers herrschende Unzufriedenheit zuerst in Osterode zum Ausbruche kam (s. Han over), und im Gefolge eines Bevollmächtigten der Regierung Soldaten in die Stadt gerückt waren, wurden K, und der Advokat Freirag als die Urheber der unruhigen Bewegungen in der Stadt und der Umgegend angegeben und K. ward überdies als der Verfasser der Schrift: „Anklage des Ministeriums Münster vor der öffentlichen Meinung" bezeichnet, welche als ein leidenschaftlicher Schrei des Unmuths neben schlagenden Wahrheiten auch manche Übertreibungen und Entstellungen enthielt, aber auf die Bewohner der Umgegend von Osterode einen so lebhaften Eindruck machte, daß mehre Gemeinden durch Abgeordnete ihren Beitritt zu den in der Anklage ausgesprochenen Beschwerden erklärten. Diese Schrift ward als eine Schmähschrift verboten, K. aber, als der Aufwiegelung des Volkes verdächtig, imIan. 1831 in seiner Wohnung verhaftet und nach Hanover ins Gesängniß geführt. Diese Maßregel mußte um so mehr Erstaunen erregen, da K, und der gleichfalls verhaftete Freitag nicht verhört wurden und als ansässige Bürger hinlängliche Sicherheit hätten leisten können, wahrend durch die, in der Stadt zurückbleibende starke Besatzung ihre Entweichung unmöglich gemacht ward. Einige Zeit nachher wurde K. nach Celle in sehr engen Gewahrsam gebracht, wo die Criminaluntersuchung gegen ihn begann. Schon im März 1832 wurden die Untersuchungsacten zur Relation abgegeben, aber er sieht noch seinem Urtheile entgegen. Er hat die Vertheidigung abgelehnt, eine Haftentlassung gegen Bürgschaft aber ist ihm abgeschlagen worden. Schon 1831 wurden er und seine Mitverhafteten von der zweiten Kammer der Gnade des Königs empfohlen, und auch 1832 'erhoben sich mehre Stimmen unter den Ständen zu ihren Gunsten, da die lange Verzögerung des Urtheil- spruches, bei dem Stillschweigen der Regierung über den Gang der Untersuchung, einen ungünstigen Eindruck auf die öffentliche Meinung machen mußte. Seine Teilnahme an den vaterlandischen Angelegenheiten gab in der Einsamkeit des Gefängnisses ein frisches Lebenszeichen in der Schrift: „Über die politische und bürgerliche Reform und den Entwurf des Staatsgrundgesetzes für Hanover" (Braunschweig 1832). Koenig (Heinrich Joseph), Secretair bei der Finanzkammer in Hanau, geboren 1791 zu Fulda, wurde unter den beschränktesten Verhältnissen im Hause seines Oheims erzogen und besuchte, zur Erlernung eines Handwerks bestimmt, die dortige Stadtschule. Von einem Lehrer, der seine Fähigkeiten bemerkte, zum Stu- dlrcn aufgemuntert, kam er, durch die mühsamen Ersparnisse seiner sehr dürftigen Mutter unterstützt, im zwölften Jahre in das Gymnasium zu Fulda. Aber eine durch jugendliche Unbesonnenheit schon im zwanzigsten Jahre eingegangene eheliche Verbindung verschloß ihm den weitern Fortgang aufder Bahn des wissenschaftlichen Berufs und nöthigte ihn, zur Erwerbung seines Unterhaltes eine Schreiberstelle bei der Maine der Stadt anzunehmen. Um diese Zeit gab ihm die Errichtung eines Liebha- bcrthcaters in Fulda die erste Anregung zu poetischen Arbeiten, und er versuchte sich in einigen dramatischen Darstellungen, namentlich dem Festspiel „Die Erfüllung", Könneritz und dem Schauspiel „Wyatt", welchen in späterer Zeit noch andere dramatische und ^ erzählende Arbeiten folgten. Nachdem er schon im Fulda 1816 die Stelle eines Fi- nanzsecretairs erhalten hatte, wurde er (1819) in gleicher Eigenschaft nach Hanau versetzt. Frühzeitig waren in K.'s regsamem und leicht erregbarem Geiste besonders ^ I durch die seit der Secularisation der bischöflichen Regierung in Fulda dort einheimisch gewordenen protestantischen Beamten mancherlei Zweifel gegen die Satzungen der katholischen Kirche erweckt worden, die sein Eifer für Licht und Freiheit in der Folge emsig genährt und wissenschaftlich entwickelt hatte. Eine Verbindung mit dem freisinnigen Benzel-Sternau befestigte ihn in dieser Richtung, und durch diesen zur Theilnahme an der von Friedrich herausgegebenen Zeitschrift: „Der Protestant", veranlaßt, trat diese freisinnige Denkart zur That hervor. In einer Reihe von A- Aussätzen in der genannten Zeitschrift sprach er offen und scharf, meist in beißen- w, dem Humor, über das hierarchische Wesen des Katholicismus und gab diese Aufsatze dann gesammelt und mit einigen neuen vermehrt unter dem Titel: „Rosenkranz eines Katholiken" (Frankfurt am Main 1829), heraus. Mit demselben Enthusiasmus aber, mit welchem er hier als Sprecher für religiöse und kirchliche Freiheit und als Theilnehmer an dem Kampfe wider hierarchische Verdunkelung in der katholischen Kirche aufgetreten war, hat er auch sein lebendiges Interesse an den Bestrebungen für politische Freiheit bethatigt durch seine Schrift: „Leibwacht und Verfassungswacht, oder über die Bedeutung der Bürgergarden" (Hanau 1831). Seine neueste Leistung ist der Romair „Die hohe Braut" (2 Bde., Leipzig 1833). Er wurde 1833 zum 'Abgeordneten beiin kurhessischen Landtage erwählt. (21) Könneritz (Julius Traugott von), sächsischer Iustizminister, wurde 1792 in Merseburg geboren, wo sein Vater Landstallmeister war. Im alterlichen Hause erhielt er den ersten Unterricht durch einen Hauslehrer, von welchem er zum Eintritt in die Fürstenschule Pforte vorbereitet wurde, worauf er sich den juristischen Studien auf den Universitäten Wittenberg und Leipzig widmete. Nach Beendigung derselben ward er unter des damaligen Oberhofrich- lers und Eonsiftorialdirectors von Wcrthem, des nachmaligen Kanzlers, Leitung im leipziger Consi'storium als Auditor beschäftigt und trat später in großherzoglich sachsen-weimarische Dienste, die er jedoch, um als Amtshauptmann in Sachsen nach der neuen Organisation dieser Behörden einzutreten, wieder verließ. Später wurde er AppellationSrath und nach einigen Iahren Mitglied der Landesregierung als Hof- und Iustizrath. Die Häufung der Geschäfte im geheimen Eabinet und die Quiescirung des geheimen Cabinetßraths Kohlschüt- tcr ersoderten den Eintritt eines in allln Theilen der Verwaltung und der Geschäfte bewanderten Mannes, daher K. mit dem Charakter als Gehtimrath in dasselbe beuchen wurde. Nach dem Tode des Kanzlers von Werthern (1829) wurde er 1830, kurz vor dem Ausbruch der Volksbewegungen in Sachsen, dessen Nachfolger, eine Wahl, die bei den bald darauf stattfindenden außerordentlichen Arbeiten und der Reorganisation des Staats eine sehr glückliche genannt werden muß. Eeine erprobte Geschäftskenntniß, verbunden mit dem besten Willen und einem Makellosen Ruf, konnte bei der Verwaltung dieses hohen Postens und bei der W Theilnahme und Leitung der umfassenden Arbeiten der außerordentlichen Com- mispon, die im Sept. 1839 wegen der allgemeinen Beschwerden eingesetzt wurde, sowie namentlich bei den Unterhandlungen der Regierung mit den Ständen auf dem Landtag 1831 wegen der Annahme der Verfassung nur einen für das Ganze vortheilhaften Einfluß haben. Bei der Organisation der Departe- siwntsmmisterien 1831 mußte unter diesen Umständen seine Ernennung zum Iu- ll'zmiiu'ster eine Bürgschaft für eine gute Zukunft sein, worüber der nie schmei- >lnde Verfasser der Schrift: „Geschichte der neuesten im Königreich Sachsen statt- »1 750 Koopman Köpenicker Untersuchungen gefundenen Staatsumwälzung" (Altenburg 1832), sagt: „Die unüberwindliche Ruhe und Mäßigung dieses Staatsmannes, verbunden mit einem humanen freundlich-gefälligen Äußern, ein eiserner, unermüdlicher Fleiß und eine Geschafts- gewandtheit, welche sich nicht in ängstlichen, kleinlichen, pedantischen Formen bewegt, sondern großartiger und umfassender Conceptionen fähig ist, dies sind die Züge, welche auch dem Justizminister im constitutionnellen Staatsdienste einen Wirkungskreis sichern werden, welcher für die innere Geschichte des Landes von der größten Bedeutung werden muß." In diesem Wirkungskreise hat er nach der Eröffnung des ersten constitutionnellen Landtags im Jan. 1833 durch beredte Vorträge in den Kammern sich ausgezeichnet. (34) Koopman (Jan Conraad), am 21. März 1790 zu Amsterdam geboren, wurde von seinen achtbaren aber wenig vermögenden Altern zum Seedienst bestimmt und trat im zwölften Jahre als Cadett auf die Flotte des Admirals Ver- huell zu Vliessingen. Während unter diesem geschickten Führer die Flotte fünf Jahre hindurch an den Küsten der Nordsee und des Canals lag und den Engländern mehre Treffen lieferte, zeichnete sich K. so sehr aus, daß er nach seiner Rückkehr 1808 den Befehl über eine Kanonierschaluppe erhielt und in demselben Jahre Lieutenant wurde. Ungeachtet der ungünstigen Umstände, fast immer im Dienst, trug er 1811 zur Eroberung einer englischen Brigg bei, und war 1814 nach der Wiederherstellung Hollands bei der Belagerung von Naarden thätig. In den Jahren 1815 und 1816 machte er als erster Offizier am Bord der Brigg Daphne mehre Reisen nach London und Ostindien, wohin er auch mit diplomatischen Aufträgen gesandt ward. In den indischen Gewässern nahm er 1817 als erster Lieutenant und Befehlshaber einer Brigg den Insurgenten von Marguerita ein erobertes spanisches Schiff ab; kreuzte als erster Offizier des Schiffes Euridia unter dem Capitain Lewel d'Aduard lange im indischen Meere und zeichnete sich am 24. Jun. 1821 in dem siegreichen Gefecht bei Palembang aus, wo er eine Wunde erhielt. Er brachte die Nachricht von diesem Siege nach Batavia, später nach Holland und wurde von dem König 1822 zum Capirain-Lieutenant ernannt. Als erster Offizier des Schisses Holland machte er von 1824 — 27 mehre Reisen an den Küsten des atlantischen und mittelländischen Meers. Im Ott. 1828 ging er als Eommandant der Corvette Komet nach Ostindien, wo er den Aufstand auf Amboina unterdrückte, die Seeräuber züchtigte und den berüchtigten Diepo Negoro gefangen nahm. Als er 1830 in sein Vaterland zurückkehrte, ward er in die Schelde geschickt und nahm Theil an der Beschießung von Antwerpen. Bald nachher kam er zu dem Generalstab der Marine des Generals Chasse und ward endlich Befehlshaber der Seemacht vor Antwerpen. Zum Capitain ernannt, nahm er 1831 den Belgiern mehre Fahrzeuge und erhielt in demselben Jahre den Oberbefehl der l'ete cke ?Ianckre und der benachbarten Forts. Im Spätjahr 1832 nahm er den thatigsten Antheil an der heldenmüthigen Vertheidigung der Citadelle zu Antwerpen, bis sie durch Capitu- lation an die Franzosen übergeben ward. (74) Köpenicker Untersuchungen. Die köpenicker Untersuchungen gegen den Jünglings- und Männerbund bilden den letzten Act der demagogischen Umtriebe, eine Benennung, unter welcher man bekanntlich seit dem Wartburgsfeste 1817 alle Nachklänge des deutschen Freiheitskrieges in den Bestrebungen der deutsch-patriotischen und freisinnigen Partei zusammenfaßte. Die Gesinnungen dieser Partei waren von vorn herein im Widerspruch mit der bestehenden Zerstückelung des deutschen Volkes und aller absoluten Regierung, die Thaten aber lange Zeit nicht ungesetzlich, und die denuncirten Verschwörungen kamen selbst 1819 bei dem Processe gegen Sand nicht zum Vorschein, existirten auch im Grunde vor 1821 noch gar nicht. Erst nach und nach wurden die Berathungen und der Briefwechsel der angefochtenen Studenten entschiedener, und erst 1821 ging die Prophezeihung Köpenicker Untersuchungen 751 der ,,7u«e«" in Erfüllung, welche sie im Jul. 1819 mit den Worten aussprach: Menn durch die Untersuchung nichts Rechtes ausgemittelt wird, wie man aus dm Zeitungsnachrichten vermuthen muß, so werden Die, welche Lust zu solchen Dingen haben, jetzt nur noch mehr Much dazu erhalten." Dieser Much entstand «uf doppelte Weise: zuerst durch die ofsicielle Anerkennung der Möglichkeit gefahrlicher Unternehmungen im Sinne der Verfolgten, denn diese Anerkennung rief die Ansicht hervor, ganz Deutschland hasse im Grunde den unnatürlichen, antinationalen Verfassungszustand der Gegenwart, und es fehle nur an irgend einem kühnen Anfang, um die allergründlichste Revolution zu entflammen, da sich seit den Freiheitskriegen das Volksbewußtsein doch wol gestärkt haben müsse, wofür die Furcht der Regierungen den besten Beweis abgäbe. Dann mußten sich unter diesen eingebildeten Umständen die Verfolgten bei weitem wichtiger vorkommen, als eS ihre sonstige Stelle mit sich brachte. Die Carcer und die berliner Gefängnisse hatten ihnen die Möglichkeit und den Vorgeschmack des Märtyrerthums gegegeben, und sie konnten nun schon darauf rechnen nicht ignorirt zu werden, wenn sie irgend etwas Patriotisches und Freisinniges ausführten, und die bloße Aufopferung für den Gedanken der Einheit und Freiheit Deutschlands hielten die Meisten für hinreichend, um den Anfang zu seiner Verwirklichung zu machen. Dieser Gedanke, daß auf alle Weise eine Anzahl Begeisterter die neue Lehre mit ihrem Blute zu besiegeln trachten müßte, den vornehmlich Karl Follenius am entschiedensten ausgebildet und mit allerlei überschwenglichen Entwürfen verknüpft hatte, und dazu die Überzeugung, daß es an den Jünglingen sei, den Erwartungen der Nation zu entsprechen, sind die ersten Keime des Jünglingsbundes, der darum gewiß auch ohne die Vorspiegelung des Männerbundes zu Stande gekommen wäre, wie er denn ja auch ohnc ihn fortzuexisticen beschloß. Das Nähere des Sachverhältnisses nach der gründlich und redlich geführten Untersuchung zu Köpenick läßt sich in folgende Momente zusammenfassen. Unter den vielen Studenten, die 1820 und 1821 von den Revolutionen in Neapel und Piemont so ergriffen wurden, daß sie ernstlich mit dem Plane umgingen, Theil daran zu nehmen, war Adolf von Sprewitz, ein damals Lljäh- nger Jüngling, von Rostock gebürtig, der seit 1817 in Jena die Rechte und seil Michael 1820 Philosophie studirte, ein Mitglied des engern politischen Vereins in der Burschenschaft. Er schritt wirklich zur Ausführung dieses Planes und verließ Jena zu Ende des Febr. 1821, um bei den piemontischen Insurgenten Kriegsdienste zu nehmen. Zu Fuß reisend kam er nach St.-Gallen, wo er aus den Zeitungen ersah, daß der Krieg in Piemont beendigt war. Er beschloß daher nach Jena zurückzukehren, nachdem er zuvor die Schweiz durchreist haben würde, weshalb er seinen Weg über Appenzell und Sargans nach Chur fortsetzte. Hier, wo er im April 1321 eintraf, besuchte er den ihm dem Namen nach bekannten Professor und Turnlehrer Karl Völker, der ihn mit dem Professor Karl Follenius und einem dienstlosen preußischen Offizier, von Dittmar, welcher an den piemontischen Unruhen als Adjutant des Generals Santa-Rosa Theil genommen zu haben und jetzt flüchtig zu sein vorgab, bekannt machte. Ihre Ge- 'frach^ betrafen meist politische Gegenstände, wobei sie sich in ihren Ansichten dahin äußerten: „daß der Herzlosigkeit und Sittenlosigkeit unserer Zeit nicht anders abzuhelfen sei als durch eine freie Verfassung, durch welche ein allgemeines Interesse rege würde, und die dazu beitrüge, daß das Große und Schöne, das in rwzelnen Menschen lebt, vor die Augen und Ohren des Volkes gebracht würde, und " diesem leicht Eingang gewinne; daß nur auf diesem Wege sich ein freies und reges Volksleben gestalten werde." Sie schenkten Sprewitz Beifall und Glauben, ^ er behauptete: „daß unser deutsches Volk Willens sei, sich eine solche Verfas- ^"g durch Gewalt zu verschaffe», und daß es nur eines solchen Anstoßes bedürfe, » 752 Köpenicker Untersuchungen um dcn Willen zur That werden zu lassen." Sprewitz hatte auf diese Weise wahrend eines zweitägigen Aufenthalts das Vertrauen dieser neuen Bekannten gewonnen, dergestalt, daß sie nicht anstanden, ihm, als er sie auf seiner Rückreise nach Deutschland zum zweiten Mal und wiederum nur auf einen Tag besuchte, folgende Eröffnungen zu machen. Es sollte eine Verbindung unter Mannern, die schon in bürgerlichen Verhaltnissen lebten, zum Zweck des Umsturzes der destehenden Verfassung Deutschlands geschlossen werden. Diese Verbindung sei durchaus erst im Werden und habe die Grenzen der Schweiz noch nicht überschritten. Auch dort wüßten bis jetzt nur Wenige davon, aber zuversichtlich würde sich diese Verbindung in kurzer Zeit über ganz Deutschland verbreiten, weil die verbündeten Schweizer mit vielen deutschen Mannern bekannt waren, von deren Beitritt sie überzeugt sein konnten. Es sei aber wünschenswert!), daß auch Jünglinge, die sich auf das bürgerliche Leben noch vorbereiteten, einen der Mannerverbindung corrc- spondirenden Bund unter sich abschließen möchten. Dieser Bund solle jedoch abgesondert bestehen, und seinen Gliedern von der Mannerverbindung weiter nichts als deren Existenz im Allgemeinen bekannt sein; damit, wenn der Leichtsinn eines Jüngern Entdeckung herbeiführte, die Folgen weniger nachtheilig waren. Sie federten Sprewitz auf, der Stifter eines solchen Jünglingsbundes zu werden, und übergaben ihm, als er sich hierzu bereit erklarte, einen kleinen Zettel, worauf folgende neun Punkte als die Cardinalgesetze des Bundes verzeichnet waren: 1) Zweck des Bundes ist der Umsturz der bestehenden Verfassungen, um einen Zustand herbeizuführen, worin das Volk durch selbstgewahlte Vertreter sich eine Verfassung geben könne. 2) Der Bund zerfallt in zwei Theile, worin der eine Männer, die schon im bürgerlichen Leben stehen, in sich begreift, der andere dagegen Jünglinge, welche sich noch für dasselbe bilden. Letztere entsagen für sich jeder eigenmächtigen Thatigkeit für die Sache, geloben aber 3) dcn Befehlen der Bundesobern Gehorsam, soweit diese Befehle mit ihrer Uberzeugung übereinstimmen. 4) Jedem einzelnen Bundesgenossen müssen so wenig als möglich andere Bundesgenossen bekannt sein. 5) Jeder muß sich Waffen anschaffen und sich darin üben. 6) Etwas Schriftliches darf über den Bund nicht vorhanden sein. 7) Es wird eine Casse errichtet, zu welcher jedes Mitglied einen Beitrag zu liefern hat. 8) Jeder Bundesgenosse leistet einen Eid der Verschwiegenheit. 9) Den Verräther trifft der Tod. Nachdem Sprewitz diese Statuten gelesen hatte, beschwor er sie aus freier Entschließung und versprach nochmals, einen Jünglingsbund dieser Art zu stiften. Man eröffnete ihm noch, wie die weitere Organisation des Bundes den Jünglingen selbst überlassen bleibe, der Männerbund werde seinen Zusammenhang mit ihnen durch Männer, die sich ihnen zu erkennen geben würden, zu erhalten wissen; bis dahin möge er sich an Follenius, Völker oder von Dittmar wenden, ihnen auch von den Erfolgen seiner Bemühungen auf unverdächtige Weise Nachricht geben. Wenn er nach Jena zurückgekehrt sei, möge er vor Allen Robert Wesselhöft in den Bund aufnehmen und diesem zugleich austragen, den Müller Salomen von der Sache in Kenntniß zu fetzen. Von Seiten des Mannerbundes werde übrigens ein Mann, der sich in der Gegend von Jena aufhalte, zu seiner Zeit hervortreten, und insbesondere dafür sorgen, daß die zum Jünglingsbunde gehörigen Genossen bei ihrem Eintritt in das bürgerliche Leben in den Männerbund aufgenommen würden. Schon am andern Tage trat Sprewitz seine Sendung an, deren Erfolg insofern nicht zweifelhaft sein konnte, als sie eigentlich nur eine entschiedene Form zu den seit Jahren auf allen Universitäten gehegten Theorien und politischen Bestrebungen lieferte. In Zürich, wöhin er zuerst kam, fand er den Buchhändler Geß- ner mit der Stiftung des Jünglingsbundes vollkommen einverstanden. Er sah denselben für ein Mitglied des Männerbundes an, foderte ihn daher nicht erst zum Beitritt in den von ihm zu stiftenden Bund auf, dessen Bruder dagegen, Heinncb Köpenicker Untersuchungen 753 Geßncr, der damals zu Zürich Theologie studirte und späterhin auch nach Jma kam, ersah er als den ersten zur Ausnahme Geeigneten. Er überzeugte sich zuvor durch ein allgemeines Gesprach von dessen Gesinnungen, wobei er ihn zugleich für ein entsprechendes Bündm'ß stimmte, und foderte ihn dann zum Beitritt auf. Ms Offner sich hierzu bereit erklarte, machte er ihn mit den 9 Statuten des Bundes berannt und ließ ihn dann einen Eid ablegen mit den Worten: „Ich schwöre, daß l ich die mir milgetheilten Gesetze des Bundes gewissenhaft und treu erfüllen will; st wahr mit Gott helft durch sein heiliges Wort." ' Der größere Zusammenhang, den die Burschenschaften zwischen den Universitäten hervorgebracht hatten, war diesen Umtrieben ganz besonders günstig, und schon im Sommer 1821 zählte der Bund mehre Mitglieder in Halle, Leipzig und Göttingen. Auch im südlichen Deutschland wucherte er um sich, m Tübingen, Erlangen, Würzburg und Heidelberg; und obgleich manche, ja die meisten Bundesglieder, sobald sie die Universität verlassen hatten, das Interesse für den Bund verloren, theils weil die Anschauung der rechtlich geordneten bürgerlichen Verhältnisse eine Änderung ihrer politischen Überzeugungen bewirkte, theils weil sie wenigstens die Ohnmacht und Unausführbarkeit der Bundes- destrcbungen einsahen: so pflanzte sich doch auf den Universitäten der einmal ausbeute Same von einer akademischen Generation auf die andere fort, und so wird erklärlich, wie zu derselben Zeit, als mehre ältere Bundesgenossen entweder ihren Zusammenhang mit dem Bunde so völlig aufgegeben hatten, daß sie denselben für in sich selbst untergegangen wähnten, oder ihren Austritt entschieden erklärten, oder gar freiwillige Denunciationen im Sinne hatten, die jungem Mitglieder noch mit ! dem Fanatismus der Stifter an dem Bunde hingen und ihn nach Kräften verbrci- I tetm. Nur wenige Wochen vor der Eröffnung der Untersuchungen hatten Aufnahmen stattgefunden, ja der Student Bercht unternahm noch im Dec. 1823, ^ nachdem er die Verhaftung des ihm als Bundesgenossen wohlbekannten Studen- > tm Grosse zu Halle in Erfahrung gebracht hatte, mithin über die Gefahr, in wel- ^ chcr der Bund schwebte, nicht zweifelhaft sein konnte, die Aufnahme des Studenten Kippe zu Leipzig, damit, wie er selbst eingestanden, der Bund sich dort erhalte und weiter fortpflanze. Es ist demnach nicht zu verkennen, daß der Bund in dem ttftn Jahre seines Bestehens bei weitem größere Hoffnungen hegte, als in der spätem Zeit. Man hielt den Ausbruch des offenen Kampfes für nahe bevorstehend. Einige bildeten sich sogar cin, der 18. Oct. 1821 sei dazu bestimmt, und einen Aufruhr des ganzen Volkes glaubte man so allgemein vorbereitet, daß man ihn nicht erst zu erregen, sondern sich desselben nur leitend zu bemeistern haben werde. Es verbreitete sich die Meinung, daß die Garnisonen der Festungen Erfurt und Koblenz für die Empörung gestimmt, und diese Platze so gut wie in den Händen des Bundes wären, der Hauptmann, nachherige Major von Föhrentheil zu Erfurt, Platzcommandant daselbst, wurde als Mitwisser bezeichnet. Auch die Theilnahme, ^llche sich in damaliger Zeit für den Aufstand der Griechen in Deutschland au- kttte, brachte in dem Bunde eine eigne Aufregung hervor. Als nämlich der Frei- ! Herr von Dalberg damals eine Expedition nach Griechenland beabsichtigte, bediente " sich cincs dienstlosen preußischen Offiziers, Namens Heinrich Schmidt, zum ^-uissair wegen Errichtung einer deutsch-griechischen Legion. Dieser Schmidt kam Michaelis 1821 nach Jena und wendete sich — sei es nun als Mitglied des Bundes, oder als Mitwisser und Gleichgesinnter, worüber nichts Näheres bekannt s^an die dortigen Bundesgenossen mit dem Vorschlag, sich in Frankfurt oder ^hasftnburg, oder wo sonst ein Sammelplatz erlaubt werden würde, zu einem ^hellenischen Corps zu sammeln, dieses so viel möglich zu verstärken, und dann ^cch den Süden von Deutschland ziehend und unterwegs sich erweiternd und verehrend, endlich an einem passenden Orte stehen zu bleiben und sich, statt nach Ceiiv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1l. 43 754 Köpenicker Untersuchungen Griechenland einzuschiffen, nach dem Vaterlande zurückzuwenden und hier den Kampf gegen die bestehenden Staatsgewalten zu beginnen. Dieser Plan wurde von den Bundesgenossen berathen, von Jena aus in Halle bekannt gemacht, und an beiden Orten von Vielen mit Freuden aufgenommen. Andere hielten ihn dagegen für unausführbar und man begnügte sich vorlausig mit Unterzeichnungen d.z von Schmidt vorgelegten Aufrufs zum Griechenzuge; in wenigen Wochen verscholl aber Schmidt, zugleich auch dieses Vorhaben. Ein wesentlicher Fortschritt in der Geschichte des Bundes ist die Versammlung zu Würzburg. Das Erste, was hier zur Sprache kam, war das geheimniß- volle und zweifelhafte Verhältniß des Bundes zum Mannerbunde. Die crlanger Bundesabtheilung hatte eines ihrer Mitglieder, den Studenten Karl von Feuerbach, mit der Ausmittelung desselben eigens beaustragt. Er hatte deshalb eine Reist nach der Schweiz gemacht, und trug das Resultat derselben den zu Würzburg Versammelten vor. Es bestand darin, daß seiner Überzeugung nach an die Existenz eines Mannerbundes nicht zu denken sei. Man nahm dies als eine, wenigstens in Beziehung auf den Bund richtige Ausmittelung und schritt in dieser Voraussetzung zur Erwägung über die nunmehrige Stellung des Bundes. Einice wollten ihn, als auf die Voraussetzung eines Männerbundes gegründet, aufgelöst wissen. Die Mehrzahl führte dagegen aus, daß er vielmehr von nun an als selbständig zu betrachten sei, solcherweise aber fortbestehen müsse. Nachdem sich hiermit der Bund gewissermaßen von Neuem constituirt hatte, wurden die bisherigen Gesetze, und ob unter den jetzigen Umstanden daran zu ändern sei, in Berathung gezogen. Der Beschluß siel dahin aus, daß, sowie der Zweck des Bundes unverändert bleibe, obgleich man keine bestimmten Mittel zu dessen Herbeiführung festsetzen, diese vielmehr der Zeit und äußern Umständen überlassen wolle, so sollen auch die übrigen Statuten unverändert bleiben, wiewol mit den sich nun von selbst ergebenden Modisicationen, daß der bisher den Obern des Bundes gelobte Gehorsam wegfalle, und daß man sich vielmehr dem Bunde selbst, den Beschlüssen der Mehrheit verpflichte, und eine hierbei entstandene Frage, ob dieser Gehorsam unbedingt, oder nur soweit, als er mit der Überzeugung des Gelobenden vereinbar sei, geleistet werden müsse, wurde durch keinen förmlichen Beschluß erledigt. In dieser Weise bestand der Bund fort mit ziemlich unbestimmtem Ziel und ohne feste Form, mehr auf Verbrüderung durch gleiche politische Gesinnung als auf destimmte Thaten gerichtete, bis Ende 1823, wo durch einen bairischen Candidcuen der Theologie eine Denunciation an die Behörde kam. Der Angeber hatte in Halle studirt, nannte daher fast lauter Preußen, was der Grund davon ist, daß die Untersuchung in Verlin eröffnet wurde. Das Resultat dieser Untersuchung im Allgemeinen steht in folgenden Tatsachen fest: 1) Es hat unter den deutschen Jünglingen ein geheimer Bund bestanden. Er ist durch den Studenten von Sprewitz auf mehren deutschen Universitäten verbreitet worden. Sein Zweck war auf Umsturz der bestehenden Regierungsverfassungen und Herbeiführung eines Auslandes gerichtet, in welchem das Volk durch felbstgewählte Vertreter sich eine Verfassung sollte geben können. 2) Bei der ursprünglichen Verbreitung des Bundes wurde als Gesetz anerkannt, daß die Mitglieder sich jeder eigenmächtigen Thätigkeit für die Erreichung des Zweckes enthalten und den Befehlen ungenannter Bundesobern, wenn sie ihrer Überzeugung entsprächen, oder, wie einige Mitglieder meinen, unbedingt gehorchen sollten; welche letztere Bestimmung aber später auf den Bundesversammlungen zu Würzburg und Nürnberg dahin modificirt worden ist, daß, statt der unbekannten Obern, nur dem durch Stimmenmehrheit sich aussprechenden Willen des Bundes Gehorsam gelobt, und von Jedem mit allen Kräften für den Zweck und die Verbreitung des Bundes gewirkt werden sollte. 3) Obgleich die Glieder des Bundes selbst za Koprolithen 755 gewaltsamen Mitteln bereit und darauf gefaßt waren, indem sie sogar durch ein Bundesgesetz, welches spater zu einem bloßen Wunsche modificirt wurde, zur Übung in den Waffen verpflichtet waren, so sind doch nie Mittel, den vorgesteckten Zweck zu erreichen, vom Bunde aus zur Sprache gekommen, da anfangs m dieser Hinsicht alles lediglich den Anordnungen des vorgeblichen Mannerbundes als den unbekannten Obern überlassen, spater aber, nach erkannter Selbständigkeit des Bundes, irgend ein Anstoß von Außen erwartet wurde. 4) Die chatige Wirksamkeit des Bundes, abgesehen von den Handlungen einzelner Glieder, hat sich einzig und allein auf seine Verbreitung und zum Behuf derselben auf Gewinnung der Ansichten für die Notwendigkeit der politischen Einheit Deutschlands, sowie auf Versammlungen zur Besprechung der Organisirung des Bundes beschrankt. Die Existenz eines förmlichen Mannerbundes ist auf keine Weise ermittelt worden, man müßte denn die Verwickelungen, welche zur Verurtheilung des Malers von Föhrentheil und zur Verhaftung der Advokaten Rühl und Hoffmann aus Darmstadt führten, die jedoch später völlig freigesprochen wurden, so nennen wollen. Jedenfalls ist die Verhaftung des Professors Eousin, die Wit durch freiwillige Denunciationen veranlaßte, als ein unangenehmes Ereigniß betrautet worden, das zu ganz entgegengesetzten Resultaten führte, als man erwartet hatte. Noch deutlicher sprechen die bloß partiellen Unruhen der neuesten Zeit gegen die oft behaupteten unermittelten Bodensätze einer großartigen Männerverschwörung für die politische Einheit Deutschlands, und so können wir die demagogischen Gespenster mit gutem Rechte als beschworen ansehen, während auf der andern Seite die Entwicklung des Nationalbewußtseins weit über den Kreis jener Theoretiker, an den es im Grunde nie ausschließend geknüpft war, hinausreicht. (53) Koprolickhen. Mit diesem Namen bezeichnet Vuckland die Excremente urweltlicher Thiere, welche früher zum Theil unter dem Namen der Bezoarsteme, der ilili fossiles bekannt waren. Wenn sich so leicht zerstörbare Monumente, wie die Schildkrötenfußtapfen im rochen Sandstein von Dumfries und die Vogeleier im Travcrtin von Clermont durch viele Jahrtausende erhalten konnten, so mag es kaum überraschen, daß auch compacte Excremente in sehr alten Gebirgsschichten mit wohlerhaltener Form und deutlich erkennbarer Substanz vorkommen. Die ersten Reliquien der Art, die man wirklich als solche erkannte, fanden sich in der bekannten Höhle von Kirkdale in Porkshire, mitten unter den Knochen von Hyänen, Tigern, Bären, Ochsen, Elefanten und andern Thieren. Sie erschienen als rundliche Knollen von gclblichweißer, dem nlbum (Graecum ganz ähnlicher Masse, enthielten zermalmte Knochensplitter, und glichen den Exkrementen noch lebender Hyänen (besonders der benenn crocutn) so vollkommen, daß sie der Menagerie- wattcr von Exeter-Ehange auf den ersten Blick erkannte. Wollaston's Analyse, welcher zufolge sie wesentlich aus phosphorsauerm und kohlensaueunKalke bestehen, bestätigte ihre wahre Natur. Bald erkannte man, daß auch die sogenannten Bezoar- jleine aus dem Liasschiefer von Lyme Negis und Whitby nichts Anderes als versteigerte Excremente der Plesi'osauren, Jchthyosauren und anderer urweltlicher Sauste: seien, deren Knochen daselbst in so großer Menge vorkommen. Sie finden sich ^sonders häusig in der Nähe von solchen Knochen, oft sogar noch innerhalb der stäeckenhöhle der vollständigem Skelette, in knolligen Massen, fast wie Kartoffeln, gewöhnlich — 4 Zoll groß, oft noch viel größer, von grauer bis schwarzer i^rbe, mit faltiger Oberfläche, dichtem muschlichen Bruch und einer Struktur, welcher zufolge sie aus einer zusammengerollten Schicht mit 3 — 6 Windungen >>ehcn. Ost enthalten sie Gräten, Knochen und Schuppen von Fischen, ja sogar '- ,^°chen von kleinern Jchthyosauren, zum Beweise, daß diese Unzeheuer einander 'lost auffraßen. Merkwürdig ist eine, aus viele Meilen verbreitete Sandschicht unter dem bituminösen Liasschiefer bei Westbury, Watchet und andern Orten an 48* 756 Kortüm den Ufern der Severn, die mit Koprolithen, Knochen, Graten, Schuppen und andern Thierresten dermaßen erfüllt ist, daß man vermuthen muß, sie sei die sentmä oder doucu nmximu für alle thierischen Abfalle eines urweltlichen Meerbassins gewesen. Eine ähnliche Zwischenschicht von Koprolithen, Knochen, Zähnen, Gräten u. f. w. findet sich bei Bristol zwischen dem alten rochen Sandsteine und Bergkalk. Auch in den Formationen des Jurakalkes, des Grünsandes und der Kreide hat man Koprolithen verschiedener Thierarten gesunden. Eine zwar sehr neue, aber in vieler Hinsicht merkwürdige koprolithische Bildung ist der Guano, Mist von Flamingos, Eormoranen und andern Seevögeln, der an der Küste von Peru in der erstaunlichen Ausdehnung von mehr als 100 Meilen Länge, bei oft 50 — 60 Fuß Mächtigkeit abgelagert, zumal aber in der Nähe von Arica aufgehäuft ist. Seil dem 12. Jahrhunderte wird dieser Guano als ein höchst wirksames Düngmittel benutzt; er bildete unter der Regierung der Jnkas einen wichtigen Gegenstand der Staatswirthschaft und wird noch gegenwärtig bis zu 130,000 Centnern jährlich gewonnen, wofür ebenso viel und noch mehr Piaster bezahlt werden. Die Koprolithen haben erst in der neuem Zeit die besondere Aufmerksamkeit der Naturforscher erregt, sie verdienen aber die fortgesetzte Beachtung nicht nur der Geologen, sondern auch ganz vorzüglich der Zoologen, weil sich von dem Studium ihrer Formen, ihrer Dimensionen, ihrer Einschlüsse u. s. w. die wichtigsten Aufschlüsse über die Organisation und Lebensart vieler urweltlichen Thiergattungen erwarten lassen. (19) Kortüm (Johann Friedrich Christoph), Professor der Geschichte an der Akademie zu Bern. Die Stammältern dieses deutschen Geschlechts von altem Schrot und Korn wohnten, wie weitläufige, von dem jetzt verstorbenen, in Bochum in Westfalen wohnhaften Arzt, Kortüm (Verf. der „Jobsiade") gemachte Untersuchungen und gesammelte Zeugnisse beweisen, in Friesland und besaßen am Dollart die Burgen Mellum, Rondum, Kortum, waren fchdelustige und mächtige Ritter, welche manches Abenteuer bestanden. Durch die ostsricsischcn Überschwemmungen der Jahre 1208 und 1570 gedemüthigt und in Armuth gebracht, gab die Familie ihren Adel auf, worauf sie nach Bremen, Hamburg, Aschcrsleben, Mecklenburg auswanderten und bürgerliches Geschäft trieben, auch als Prediger, Arzte, Advokaten, theils dort, theils in Westfalen, wohin sich ein Zweig in der erstm Hälfte des 18. Jahrhunderts wandte, guten Leumund und ein anstandiges Auskommen gewannen. Sie mußten jetzt ihre geistigen Kräfte aufbieten, indeß früher meistens die leibliche herrschte, wie sie im Wappen, das sonst aus dem Helme und im Schilde einen Rosenstrauß, Sinnbild der heitern und üppigen Lebenslust, führte, den Pelikan, das Zeichen der brüderlichen 'Arbeit und Hingebung, nicht ohne Bezug auf die geänderten Verhältnisse, annahm. Dies zeigte besonders tatsächlich Renatus Andreas K., ein gelehrter und freimüthiger Mann. Er schrieb, neben mehren gedruckten Abhandlungen über theologische Gegenstande, eine nur handschriftlich vorhandene Geschichte der Grafschaft Mark, schirmte als Prediger der dortigen Gemeinde Hottingen die Rechte des Landes gegen die, unter König Friedrich Wilhelm I. übliche preußische Soldatenpresse, wurde deshalb 1721 abgesetzt, als Staatsgefangener nach Berlin gebracht, aber bei seiner gründlichen und geschickten Vertheidigung auf unmittelbaren Befehl des Königs freigegeben und als Prediger nach Lebus versetzt. Die Geschichte dieser Familie zeigt noch mehre ähnliche Züge einer gewissen Charakterstärke und Selbständigkeit. So gerieth K.'s Großvater, Georg Siegfried K., Prediger zu Eichhorst in Mecklenburg- Strclitz, noch im hohen Alter mit dem dortigen Edelmann, einem Herrn von Bredow, über die, dem adeligen Gutsbesitzer vorteilhafte, dem Kirchenrecht aber widerstrebende Ablösung eines Dorfes von der Psarrgemeinde, in Streitigkeiten. Schmeicheleien, Verheißungen, Zuspräche scheiterten an der Redlichkeit des alten IA-!- Kortüm 757 Mennes. Also lud ihn der adelige Patron eines Abends zum Nachtessen, an welchem mehre Edelleute der Umgegend Theil nahmen, brachte nach allerlei freundlichen und heitern Gesprächen plötzlich die Rede wieder auf den Gegenstand des Streits, bat, der Prediger möge doch endlich einwilligen in die Einverleibung des schlichen Dorfes in eine andere Pfarrei, verhieß volle Entschädigung, sprang aber, wieset abgewiesen, zornig mit den übrigen Gasten auf, holte einen Stock und trat mit den Worten: „Pfaffe, kennst du Mösts' Stab?" vor den alten Herrn. Dieser stand ruhig auf, nahm ein geladenes Pistol aus der Tasche und sprach: „Junker, kennst du Aaron's Räucherfaß ?" Fortan sprach man nicht mehr von der Sache, In dem Dorfe Eichhorst wurde K. den 24. Febr. 1788 geboren; sein Vater, Karl Siegfried, war daselbst Pfarrer. Bei einem von Natur gesunden Leibe nmde K. frühzeitig abgehärtet gegen Unbilden der Witterung, bis zum achten oder neunten Jahre so ziemlich der Willkür überlassen, wie sie das Landleben darbietet, darauf der Zucht eines Privatlehrers und Erziehers übergeben und etwa 12 Jahre alt nach dem Gymnasium der Mecklenburg-strelitzischen Stadt Friedland geschickt. Des tresslichen Vaters, welcher ein ebenso talentvoller als wissenschaftlich gebildeter Mann war, schon den 25. Dec. 1800 durch den Tod beraub^ fand K. einigen Ersatz in der liebevollen Theilnahme seines mütterlichen Oheims, !)r. Heinrich Krüger, welcher jetzt als Inspektor des Waisenhauses zu Bunzlau in Schlesien wirkt, lernte 'unter der Leitung dieses tüchtigen Philologen und des Professors Weganer das Lateinische und Griechische, das Deutsche und Englische, indes andere Schuldisciplinen, wie Mathematik, Naturwissenschaft, so gut als vernachlässigt wurden, gewöhnte sich ziemlich frühzeitig, so weit es eine etwas heftige > Gemüthsart duldete, an häuslichen Fleiß und kontemplative Abgeschiedenheit, las besonders Homer, Ossian, Livius, Plutarch, Herodot, und im letzten Schuljahre auch Stellen des Thucydides, schrieb verschiedenartige Beobachtungen in sorgfältig damals geführte, auch bisweilen später fortgesetzte Tagebücher nieder, sammelte die mündlichen Aussagen alter Bürger über die Geschichte der Stadt, welche damals fast eine kleine unabhängige Republik mit eignen Obrigkeiten, Gemeindegütern und Gerichtsbehörden darstellte, nahm auch gedruckte Chroniken zur Hülfe und verrieth in diesen und ahnlichen Arbeiten schon eine gewisse Neigung zum Studium der Geschichte, welche später die Verlobte seines Lebens wurde. Im Herbst 1806 besuchte K,, 18 Jahre alt, die Universität Halle, um Theologie zu studiren, fand aber bald nach der Ankunft am 17. Oct. die Preußen und Franzosen im blu- dgen Handgemenge, wanderte nicht ohne Fahrlichkeiten und Beschwerden auf einem langen Umwege über Frankfurt a. d. O. nach dem jetzigen Mecklenburg-Strelitz zurück, rettete mehre Hauser und auch ein Dorf vor drohender Plünderung durch diese, nun schon auf der Reise einigermaßen erforschten Gäste, und wie beinahe die gesammte damalige Jugend Norddeutschlands sog er gegen Napoleon und seine Genossen einen fast blinden Haß ein, der für die Universitätsjahre dadurch whlthatig wirkte, daß er den tüchtigsten Jünglingen patriotische Gefühle einhauchte und viele Roheiten veredelte. K. bezog im Frühling 1807 die Hochschule Böttingen, entsagte bald der, seiner Neigung nicht entsprechenden Theologie, hörte dafür mit besonderm Fleiß und Erfolg die geschichtlichen Vorträge Heeren's und Rrnck's, beobachtete jedoch in den Privatstudien wenig Ordnung und Methode, übersprang oft die nöthigen Zwischenstufen, las spanische Dichter, besonders Cal- bssvn und Cervantes, und vertiefte sich überhaupt in Folge der damaligen Pöltschen Lage in die Sprache, Literatur und Geschichte des spanischen Volkes, in Lachem xc einen Boten der Nemesis für die damals wirklich bisweilen verzweif- stmgsvolle Zeit zu entdecken glaubte. Diese Idee erfaßte er mit allem Feuer einer lugendlichen Phantasie, und Spanien war um diese Zeit (im Herbst 1808) das st jetzt Oberst im Generalstabe, Oberquartiermeister des abgesonderten kauka- stschen Corps und hat, wie die meisten Mitglieder der Gesandtschaft, den persischen Wonnen- und Löwenorden. Seine noch von seinem Vater kurz vor dessen unglücklichem Ende herausgegebene „Reffe nach Persieu mit der russischen Gesandtschaft" 764 Krasüiski Krcysig (Wrimar 1819) «errSch vi«! Beobachtungsgabe und trägt in ihrem derben treu- herzigen Siyle das Gepräge der ungeschminktesten Wahrheit. fF) Krasinski (Vincenz Korwin, Graf), polnischer General, ward um 1780 in Podolien geboren und diente von Zugend auf mit Auszeichnung in der polnischen Armee. Als 1806 die Generals Dombrowski und Wybicki auf Napoleons Geheiß ihre Landleute mit neu belebter Hoffnung der Wiederherstellung ihres Vaterlandes unter die Waffen riefen, trat K. als Oberster in das Gardelancierrcgi- ment, das stets in des Kaisers Nahe bleiben sollte. Die Tage von Eilau und Friedland haben auch um K/s Stirn wie um das Haupt so manches edlen Polen un- verwelkliche Lorbern gewunden. Zn Spanien aber, wo er zum Generalmajor befördert wurde, hat er sich neben Chlopicki, Rymkiewicz und Klicki unvergänglichen Ruhm erworben. Als Napoleon 1814 zu Fontainebleau dem Thron entsagte, übergab er den Oberbefehl über die polnischen Truppen dem General K., der nach gepflogener Unterhandlung mit Rußland die Armee in ihr Vaterland zurückführte. Auf dem Durchmarsche durch das preußische Gebiet ereignete sich der Unfall, daß bei einem Streite zwischen einem Krakusen und preußischen Soldaten, der zuletzt in ein Handgemenge unter den gegenseitigen Kameraden ausartete, General K. zur Sühne redend, von einem Preußen mit dem Säbel so heftig in den Kopf gehauen wurde, daß die Narbe in der Stirn sichtbar geblieben ist. Plötzlich eilten die Polen aus den benachbarten Cantonnirungen herbei und wollten die Garnison nebst der ganzen Einwohnerschaft von Kottbus über die Klinge springen lasten. K/s strenger Befehl allein vermochte sie von der Blutrache zurückzuhalten. Bis hierher war sein Leben und sein Ruf ohne Makel. Allein nach Polen heimgekehrt und von Rußland zum General der Garden und 1818 zum Landtagsmarschall ernannt, fing er allmälig an, fich dem russischen Einflüsse zu fügen, bis er endlich von demselben um so mehr abhängig wurde, als er sich in zerrütteten Vermögensumständen befand und seine Güter in den zerstückelten Provinzen lagen. Bald nachher ward er zum Generaladjutanten des Kaisers und zum Senatcr-Woiwoden ernannt. Als 1828 der zur Untersuchung der revolutionnairen Umtriebe in Polen niedergesetzte oberste Gerichtshof sich zu Gunsten der Angeschuldigten erklärte, war er der Einzige, der für den Tod stimmte. Allgemeine Verachtung durch ganz Polen war von nun an sein Loos, die höchste Gunst Rußlands aber sein Lohn. Zn der Nacht vom 29. Nov. 1830 eilte er zum Schutze des Großfürsten nach Belvedere, unterstützte dessen Flucht und kam nebst General Kurnatowski erst am 3. Dec. nach Warschau zurück, nachdem schon zwei Tage zuvor die mci-> ften Generale und Großosstziere sich für die Sache des Volkes und der Freiheit entschieden hatten. Als er an der Spitze des Gardegrenadierregiments in Warschau einritt, mußte ihn der von der Nation so verehrte Szembec mit seinem Leibe vor den Säbeln des Volkes decken. In den Palast des Finanzministers geführt, wollte er sich vom Altan herab rechtfertigen, und ließ durch den Professor Szyrma, damals Chef der Ehrenlegion, dem Volke erklären, daß er bereit sei, den Eid der Treue zu leisten. Er erhob seine Stimme. So lange er von seinen Thaten in Frankreich, Spanien und Deutschland sprach, blieb Alles ruhig; als er aber auf die Zeit der russischen Herrschaft kam, schrie man von allen Seiten und erinnerte ihn an den Ausspruch des Reichstagsgerichts. Er leistete endlich den Schwur auf die Revolutionsfahne in Gegenwart des Volkes und der Armee, suchte und erhielt jedoch bald wieder seinen Abschied, reiste in aller Stille nach Königsberg und begab sich nach Petersburg. Nach Beendigung des Kriegs berief ihn der Kaiser Nikolaus zum Lohn für seine Dienste in den Reichsrath, welche Ehre auch einem Zamoyski, Lubecki, Nowosilzoss und Rozniecki zu Theil geworden ist. (8) Krey sig (Friedrich Ludwig), sächsischer Medicinalrath und Leibarzt, ward 1770 zu Eilenbmg, wo sein Vater praktischer Arzt war, geboren. Die erste Lr- Kciegsraktte 765 ziehkng wurde durch seinen Vater geleitet, die spätere erhielt er auf der Fürstenschule zu Grimma. Er studirte hierauf die Heilkunde zu Leipzig, wo er in Hebenstreit den Jüngern und in Koch väterliche Freunde fand. Nachdem er den Doktorgrad daselbst erhalten halte, ging er mit Unterstützung des Kregcl-Sternbach'schen Reisestipendiums nach Pavia, wo damals außer Frank noch Scarpa, Paletta, Spallanzani lehrten und glänzten. Vielfach praktisch ausgebildet, kehrte er 1795 nach Leipzig zurück, wo er sich als Privatdocent habilitirte, 1796 ward er von hier aus als Substitut der pathologischen und chirurgischen Professur nach Wittenberg versetzt und rückte daselbst 1801 in die Professur der Anatomie und Botanik ein. Er lehrte bis zum Jahr 1803 in Wittenderg viele Theile der praktischen Mediän und errichtete daselbst das erste ambulatorische Klinikum. In diesem Jahre sslgle er einem Nufe als Leibarzt des damaligen Kurfürsten von Sachsen; die nächste Veranlassung hierzu war seine „Abhandlung über das Scharlachsieber" (Leipzig 1892), welche K/s Ruf als praktischer Schriftsteller gründete. Den Konig Friedrich August begleitete K. zu wiederholten Malen auf seinen Reisen nach Warschau, wodurch sein Ruf als Arzt in Polen und in Rußland verbreitet ward, der später eine große Menge vornehmer Polen und Russen nach Dresden führte, sich dessen ärztlicher Behandlung anzuvertrauen, und den Grund zu seinem künftigen Wohlstand legte. Er folgte 1813 dem König von Sachsen in die Gefangenschaft zu Friedrichsfelde, von wo er 1815 erst nach Dresden zurückkehrte. Die Frucht dieser länger» Muße war sein Werk: „Die Krankheiten des Herzens" (ZBde., Berlin 1814 —17), das in das Italienische übersetzt ward. Nach seiner Rückkehr nach Dresden übernahm K. bei dem damals zur chirurgisch-medicini- schen Akademie umgestalteten (loüegfliim mackico-ollirurgicuM die Professur der speciellm Pathologie und Therapie und das Directocium der Klinik, Stellen, die er 1822 niederlegte, um seiner Praxis und seinem Lieblingsstudium, der Botanik, die er sehr großartig in eignen Garten cultivirte, leben zu können. K. hat es als Praktiker zu einem europaischen Rufe gebracht, und als Schriftsteller hat er großen Einfluß geäußert auf die physiologische Richtung der deutschen Medicin. Wenn er in seinen frühern Schriften der Erregungstheorie zugewendet war, so hat er sich später zu einer lebendigen, nicht tobten Humoralpathologie bekannt, was aus seiner gelungensten Schrift: „Über den Gebrauch der natürlichen und künstlichen Mineralwasser" (zweite Auflage, Leipzig 1830), hervorgeht. Mehre von K.'s Schriften sind in fremde Sprachen übersetzt, die zuletzt genannte in das Fran- zösilche und ins Englische. Es unterliegt keinem Zweifel, daß K/s wissenschaftliche Leistungen eine noch größere Aufmerksamkeit erregt und einen noch größern Einfluß aus die deutsche Heilkunde gehabt haben würden, wenn sie kürzer gefaßt Uno eleganter geschrieben wären. Kriegsrakete (lüsee cke Zuerre), auch Congreve'sche oder Brandrakete, ein Kunstfeuer der neuesten Zeit, wahrscheinlich aus Indien zu uns gebracht, wo Hyder Ali sich ihrer im Kriege mit den Engländern schon 1780 bediente, um die Elefanten und Pferde scheu zu machen, wenn sie mit dem furchtbaren Geräusche einer Windsbraut dahersausen. Sie bestehen aus einer eisernen Wüchse, in welche die, mit dem Treibesatz aus 20 — 29 Theilcn Salpeter, -sts/rr Schwefel, 9? Kohlen (dem die Engländer noch 5 —14 Theile Chlorkali zusetzen) ö/ullte Hülse geschoben, und die nachher an einem, nach Verschiedenheit der Größe der Rakete 4 — 8 Fuß langen Stab befestigt wird, um ihnen beim Gebrauch ei- urn geraden Flug zu geben. Gleich andern Geschossen werden sie nach ihrer Stärke an der Mündung (dem Kaliber) unterschieden und heißen bei 34 Zoll sechspfün- '3, bei 44 Zoll zwölfpfündig, bei 54 Zoll vierundzwanzigpfündig, bei 6 Zoll zwaunddreißjgpfündig, bei 64 Zoll zweiundvierzigpfündig. Der beiden letztern auungen bediente sich der General Eongreve, der die Engländer 1805 zuerst ball bekannt machte, vorzüglich bei Belagerungen und auf der See, der erstem drei 766 Kriegsrakcte aber im Landkriege, wozu im Kriege von 1813 ein besonderes Raketencorps mich- tet ward, das, doch ohne hervorstechende Wirkung, sich in der Schlacht von Lew- ü zig bei dem verbündeten Heere befand. Nach dem Journale des Capitain Core sollen die Birmanen Kriegsraketen von mehren hundert Pfunden verfertigen; ja ^ sogar eine angefangen haben, die 10,500 Pfund Pulver zu fassen im Stande ^ «Ä ist. Erwagt man jedoch, daß die Hülse derselben 50 Zoll im Durchmesser und 52 ^ Fuß Lange haben würde, so erscheint die Erzählung als übertrieben und unwabr- A'S scheinlich. Gleich der gewöhnlichen Steigeraketen wird die Mischung zu dem Fül- !' ^ len der Hülse in derselben mittels eines Schlägels, oder bei den größern Kalibern 'ls l mittels einer Rammmaschine, über einen kegelförmigen eisernen Dorn festgeschla- ' gen, daß inwendig eine Höhlung (die Seele) entsteht, welche etwas über die halbe ^ Länge der Hülse beträgt und durch den heftigen Feuerstrahl die Rakete in entgegen- ? ^ gesetzter Richtung forttreibt. Weil bei dem Zusatz eines Knallsalzes, wie das Chlor- kali, das Schlagen der Rakete eine augenblickliche Explosion herbeiführen würde, - bedient man sich in Woolwich einer Wasserpresse, den eingefüllten Satz zusammen- , zudrücken, ohne jedoch die Gefahr der Entzündung dadurch ganz entfernen zu kön- nen. Oben auf der eisernen Hülse der Rakete, ist auf diese eine vorn zugespitzte Brand- ' büchse von Gußeisen genietet und mit vier oder fünf 4 — 1? Zoll weiten Löchern verschen, durch welche der in derselben befindliche geschmolzene Zeug aus Pech, Harz, Schwefel, Salpeter, Pulver und Hanswerg (12 —18 Pfund), herausbrennt, seucrfangende Gegenstände anzuzünden, wenn die Rakete, mittels eines leiterahn- liehen Gestelles oder eines metallenen Rohres abgeschossen, in sie eindringt. An- statt der Brandbüchse hat Congreve später eine eiförmige Stückkugel, eine Grenade, eine Karrätschbüchse mit 48—200 Bleikugeln, die am Ende der Flugbahn durch eine besondere Sprengladung umhergeschleudert werden, oder eine Lichtkugel auf die Rakete befestigt, mit einem Fallschirm von schwachen Holzstäben und baumwvl- lenem Aeuche versehen, um langsam aus der Höhe herabzusinken und die Umgegend besser zu beleuchten. Die Flugweite der Kriegsraketen ist unter einem Winkel von 50 — 60 Graden, nach Dupin's „Vo^age lluns la (Zranlle Lretngne", 2300— 3430 Schritt; ihr Eindringen in feste Körper verringert sich durch die wachsen- j'-' W den Entfernungen nicht und soll nach den Erfahrungen der Engländer in den Erd- boden über 9 Fuß betragen, ja einmal 21 Fuß gewesen sein, in welcher Tiefe die vorn darauf befestigte Grenade zersprungen ist. Eine andere Rakete durch- drang eine 10 Zoll dicke Palisade, und als sie 1821 von dem englischen Schiffs- ^ capitain Scoresby beim Wallsischfang angewendet wurde, starben die getroffe- tiZiW nen Fische immer sogleich, daß die an der Rakete befestigte Leine nicht einmal nachgelassen werden durfte. , Wenn auch der Nutzen dieses Kunstfeuers nicht so groß ist, daß es das ^»kund Geschütz völlig entbehrlich machen kann, wie Congreve behauptet („Ireatise ÄWer on tbe generell princchles null iücllit^ ok sppücellion ok tbe Ooogreve rocket ÄP, A sMem", London 1828), so läßt sich doch ein möglicher, vortheilhafter Ge- ^ brauch desselben keineswegs ableugnen, daher es auch bei den Artillerien der gro- ßen europäischen Mächte aufgenommen worden ist. Ruggieri soll in Verbin- dung mit Montjori schon 1760 Raketen für den Kriegsgebrauch verfertigt ha- ben, die tyeils Brandzeug, theils Grenaden in der Versetzungsbüchse enthielten, und womit er 1798 einen Kaper von Bordeaux versah. Weil die Versuche mit diesen Raketen sie vottheilhaft erscheinen ließen, ward ihre Anwendung von den Generalen Edle, Laribossiere und Marescot empfohlen, fand aber bei den altern Artilleristen kein Gehör, zum Theil wol wegen ihrer geringen Wirkung bei den Angriffen auf Boulogne und Vliessr'ngen, die auch gegen Danzig 1813 nicht gro- ßer war. Die bedeutende Wirkung, welche sie jedoch bei der Verbrennung von Ko- penhagcn thaten, machte die dänische Regierung aufmerksam, die nun 1811 dura) den verdienstvollen Capitain Schumacher in einem besonders dazu bestimmten La- Kues 767 boratorio Brandraketen verfertigen ließ. Dasselbe war auch schon in Frankreich von Bourree und Morton geschehen, nachdem d'Arcet mehre, 1809 in einem gestrandeten englischen Vrander aufgefundene Raketen in Hinsicht der Mischungsverhältnisse untersucht hatte. Herr von Brulard ward in derselben Absicht eigens von dem Marschall Davoust 1813 nach Kopenhagen geschickt; die von ihm nach seiner Rückkehr gemachten Raketen wurden aber nicht gebraucht, weil die befürchtete Belagerung von Hamburg nicht stattfand. Dupin gibt in dem angeführten Werke ausführlichere Nachricht von der Beschaffenheit der Kriegsraketen, obgleich nicht als Sachkenner. Von den in Polen angestellten Versuchen gab 1819 General Bem (f. d.) Nachricht. In Schweden wurde die Herstellung dieses Kunstfeuers dem Obersten Schröderstjerna, in Sachsen dem Capitain Dietrich übergehen, der nachher als Major in preußische Dienste trat, um die Verfertigung der Brandraketen in Spandau zu leiten. Am weitesten sind vielleicht die Osireicher vorgeschritten; sie haben unter dem Namen Raketensdorf eine besondere Anlage dazu gemacht und vier Compagnien Feuerwerker organisirt. Ihre Raketen werden mittels einer besondern Pulverladung aus den dazucheftimmten Röhren geschossen, entzünden sich erst während des Fluges und übertreffen in der Genauigkeit der Richtung alle übrigen. (>?7) Kries (Friedrich), Professorzu Gotha, geb. am 18. Oct. 1768zuThorn, erhielt seine erste Bildung aufdem dortigenGymnasium,dem sein Vater, IohannAl- b in usK., als Rector rühmlich vorstand. Erging 1786 nach Leipzig, wo er sich unterMorus, Reiz, Hindenburg, Platner, Beck bildete, durch Dathe's geschmacklose Erklärungsweise des Hebräischen aber von den Vorbereitungen zum Studien der Theologie so sehr abgezogen ward, daß er sich den philologischen Studium zuwendete, die er seit 1787 in Güttingen vorzüglich unter Heynes Leitung fortsetzte, der ih n in das philologische Seminarium aufnahm. Der wissenschaftliche Geist, der damals in Göttingen herrschte, und der anständige Ton unter den Studirenden machten ihm seinen Aufenthalt ebenso lehrreich als angenehm. Außer den philologischen Studien beschäftigten ihn auch Philosophie, Naturkunde, Mathematik und besonders Physik, zu welcher ihn Lichtenbergs anregende Vorträge hinzogen. Durch Heyne erhielt er 1789 den Antrag, die unterste Lehrerstelle am Gymnasium zu Gotha anzutreten, und obgleich dieses Amt damals nur mit einem sehr spärlichen Einkommen verbunden war, so nahm er es doch vorzüglich auf Lichtenbergs Rath an. Er ward in Gotha wohlwollend aufgenommen und gewann Löffler's väterliche Zuneigung, die er bis zu dem Tode dieses trefflichen Mannes genoß. Sein Aufenthalt ward ihm so Werth, daß er, seit 1806 auch durch ein hausliches Band an seine zweite Vaterstadt gefesselt, einige Berufungen zu auswärtigen Stellen ablehnte und es vorzog, bei dem Gymnasium zu bleiben, an welchem er nach und nach von der untersten Stelle zu der ersten Professur, die er jetzt bekleidet, aufgerückt ist. Seit vielen Jahren ist er auch Lehrer am Landschullehrerseminarium in Gotha. Außer verschiedenen Aufsätzen in Zeitschriften und im „Gothaischen Hof- kalmder" begann er seine schriftstellerische Laufahn mit einer neuen, durch Zusätze vermehrten Ubersetzung von Euler's „Briefen über verschiedene Gegenstande aus der Naturlehre" (3 Bande, Leipzig 1792—94). Sein Amt gab ihm Veranlassung zur Bearbeitung einiger Lehrbücher, die sich durch gute Methode und ebenso gründliche als klareDarstellung auszeichnen und fprtdauemdeAnerkennung genießen, tvie sein „Rechenbuch für Bürger- und Landschulen" (dritte Aufl., Gotha 1827); Me „Gründliche Anweisung zur Rechenkunst" (dritte Aufl., Gotha 1827); sein "Lehrbuch der reinen Mathematik" (fünfte Aufl., Jena 1831); „Lehrbuch der mathematischen Geographie" (zweite Aufl., Leipzig 1827); „Lehrbuch der Naturlehre lür Anfänger" (sechste Aufl., Gotha 1828); „Lehrbuch der Physik" (vierte Aufl., ^ena i827). Seine beiden Preisschriften: „Von den Ursachen der Erdbeben" und ^on den magnetischen Erscheinungen", erschienen 1827 zu Leipzig, und eine dritte, 763 Krogh „De nexn inter terrae mvtns vel montium ignivomorum ernptiovsz et stawm >u mospüaerae", ist im vierten Bande der neuen Acten dcrJablonowski'schen Gelil- schaft(Leipzig 1832,4.) abgedruckt. Ein gelungener Versuch einer faßlichen Darstellung der Naturwissenschaften begann er in seinen „Vorlesungen über die Natu-- lehre für Frauenzimmer" (erster Bd., Leipzig 1832). Lichtenberg's „Vermisse Schriften" (9 Bde., Göttingen 1800 — 6) gab er in Verbindung mit dcssn verstorbenem Bruder Ludwig Christian Lichtenberg, geheimen Assistenzcath ch Gotha, heraus. Krogh (Christian), Staatsmann und Rechtsgelehrter, geboren 1778 im sudlichen Norwegen, wo sein Vater als Oberstlieutenant gestorben ist, erhielt seine erste gelehrte Bildung zu Kongsberg und ftudirte in Kopenhagen mit solchem Talente und Fleiße die Rechte, daß er wenige Jahre nach Beendigung seiner akademischen Laufbahn eine Professur erhielt. Großen Beifall gewann das von ihm herausgegebene und noch fortgesetzte Archiv für die Rechtswissenschaften. Aus Liebe zu gelehrter Muße nahm er seinen Abschied und zog sich nach Drontheim zurück. Hier lebte er in den glücklichsten Familienverhältnissen und im Genüsse allgemeiner Achtung, bis ihn die Wahl seiner Mitbürger zum Mitglieds der Reichsversamm- lung zu Eidsvold ernannte, welche seinem Vaterlands am 17. Mai 1814 eine neue Verfassung gab. An dem Entwürfe derselben hatte K. größcrn Antheil, als er es sich selbst und Andern aus Bescheidenheit gestehen wollte; denn Bescheidenheit war der Grundzug des Charakters dieses liebenswürdigen Mannes. Nach der am 4. Nov. desselben Jahres beschlossenen Vereinigung des unabhängigen, selbständigen und freien Norwegens mit Schweden unter einer Dynastie stand er zur allgemeinen Zufriedenheit als Staatsrath dem Justiz- und Polizeidepartemcnt vor. Doch auch dieses Amt legte er nach wenigen Jahren nieder, um sich wieder nach seinem geliebten Drontheim zu begeben. Seine Mitbürger aber, welche ihm mit größerer Warme anhingen, als er es bei seiner Liebe zur Ruhe wünschte, schickten ihn als ihren Deputirten auf das Storthing. Hier nahm er oft den Prasidentcnsitz. ein; allein das öffentliche Auftreten und Reden war nicht seine Sache, wicwol er, so oft er aufgesodert ward, seine Ideen mit Klarheit und Anmuth zu entwickeln verstand und die Verhandlungen mit sicherer Hand leitete. Dagegen arbeitete er mit nie ermüdender Thatigkeit in den wichtigsten Ausschüssen, und die gründliche, diplomatisch gewandte, von mehren politischen Schriftstellern Deutschlands und Englands gepriesene Entwickelung der Gründe, welche gegen die königlichen Antrage zur Veränderung der norwegischen Staatsverfassung 1824 ausgestellt wurden, ist aus K.'s Feder. Unbegrenzt war das Zutrauen, das er seitdem genoß. Es wurde ihm der Entwurf eines neuen peinlichen Gesetzbuches allein übertragen, und er unterzog sich dieser Arbeit mit so viel Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt, daß er Alles las und wieder las, was nur einigermaßen darauf Bezug hatte, jede ihm mündlich oder schriftlich mitgetheilte Bemerkung der genauesten Prüfung unterwarf und einen ausgebreiteten Briefwechsel mit den namhaftesten Rechtsgclehrttn des In- und Auslandes eröffnete. So geschah es, daß, als das Storrhing von 1827, dessen Mitglied er war, mit der größten Schonung Auskunst über den Erfolg seiner Arbeiten verlangte, er demselben nur eine Menge Collectaneen vorzulegen im Stande war. Man kam mit ihm über eine Frist überein, binnen welcher er seinen Entwurf zu beendigen hatte. Mit erneuerter Anstrengung schritt K. ans Werk; allein ein Schlagfluß endigte plötzlich sein Leben zu Christiam'a 1829. K. war ein Mann von hohem, schlanken Wüchse und ausdrucksvollen, Heitern, Wohlwollen und Herzensgüte aussprechenden Gesichtszügen. Seine Nation trauerte um ihn. Von allen Seiten erhielt der Plan, ihm ein Denkmal zu errichten, Aufmunterung und Unterstützung, ist aber bis jetzt noch unausgeführt geblieben, weil man sich über die Art und Weise der Ausführung nicht einigen kann. .w Krug 769 Krug (Johann Friedrich Adolf), der Begründer der Elementarmethode, ciner der scharfsinnigsten Schulmanner der neuern Zeit, geboren am 10. Mai 1771, verwaiste durch den frühen Tod seines Vaters, eines Predigers zu Naunhof bei Großenhain, im zweiten Lebensjahre, und wurde hierauf zu Hoyerswerda in der Oberlausi'tz erzogen bei seinem Großvater, dem dortigen Pastor Contius, einem streng rechtschaffenen, christlich frommen Manne aus der alten Franke'schen Schule, der, abgeneigt der herrnhuthifchen Glaubensansicht und allem süßlichen ' Frommthun, nur auf prunk-und geräuschloses Rechtthun hielt und deshalb von > Manchem als das Haupt der sogenannten Stillen im Lande betrachtet wurde. K. besuchte von 1787 — öl das unter Rost und Böttiger blühende Gymnasium zu Bauzen. Unter Leitung dieser Lehrer und des scharfsinnigen Mathematikers und Physikers Dcmuth, der ihn bald zum Lehrer seiner Kinder wählte, erwachte sein Geist zum Leben und Selbftdenken. Die genommene Richtung verfolgte er bei fortgesetztem Untcrrichtgeben auch während seiner theologischen Studien zu Leipzig von 1791 —95, wo er nach Beendigung seines theologischen Cursus Naturkunde, l Anatomie und Physiologie zu feinem Nebenstudium machte. Dieses und seine tagliche Beschäftigung mit einem elfjährigen, durch Verwahrlosung kaum der Sprache fähigen und fast noch begrisslosen Knaben, den er zu sich nahm, um für die geistige und leibliche Erhaltung und Ausbildung des Verlassenen zu sorgen, führte ihn zur Erforschung der einfachsten Mittel und Wege, im Kinde durch sach- und naturgemäße Übungen die schlummernde Kraft zu wecken. Hierbei entwickelte sich in ihm ein elementarischer Unterrichtsgang für das Sprechen- und Lesenlehren, sowie für das Zeichnen und Schreiben, und für die Behandlung des Rechnens und der Sprachlehre. Diesem gab er eine weitere Ausbildung und Anwendung auf ganze Elasten von Schülern, da er feit Ende des JahreS 1795 als Hauslehrer in die Oberlausi'tz nach Meffersdorf, einem volkreichen Rittergutsdorfe des damals als Gelchrten und Physiker ebenso sehr als durch seine Humanität bekannten von Gersdorff, gegangen war. In seinen Nebenstunden gab er hier einer Anzahl Kinder unentgeltlichen Unterricht in den nothwendigen Elementarkenntnissen und Fertigkeiten, was eine sorgfältige Durcharbeitung des methodischen Lehrganges bei K. zur Folge hatre. Hieraus entstand sein „Erstes Lehr- und Lesebuch" (Dresden 1802, zweite Auflage, Leipzig 1807). Mit Gedike, der zum Director der neuen Bürgerschule berufen war, ging K. 1808, als erster Lehrer dieser Anstalt, nach Leipzig. Hier brachte er nicht ohne Hindernisse und mancherlei Einreden, besonders des Professors Olivier, der seine damals Aufsehen erregende Lautmethodegern in die Anstalt eingeführt hätte, seine Elementarmethode in allen Unterlassen in Gang, den der parteilose, durch praktischen Sinn ausgezeichnete Director umso weniger hinderte, als sie sich durch guten Erfolg bewährte. Für das Sprechen- und Lesenlehren gab K heraus: „Hochdeutsches Syllabir - und Sprachbuch" Leipzig 1806); „Hochdeutsche Sprachelementartafel" (Leipzig 1806, Fol.); Ausführliche Anweisung, die hochdeutsche Sprache.recht aussprechen, lesen und '^reiben zu lehren" (Leipzig 1805). Nach einer pädagogischen Reise ins südliche Deutschland und die Schweiz, unter Andern zu Pestalozzi und Fellenberg, folgte " 1809 einem Rufe nach Zittau, um daselbst eine allgemeine Stadtschule als D'rector derselben einzurichten. Schon nach drei Jahren zeigte diese Anstalt ein "freuliches Gedeihen und von Jahr zu Jahr gereiftere Früchte. Hier schrieb K. „Evangelisches Lehrbuch der christlichen Religion und deren Offenbarungsge- chichte" (Zittau 1817), und gab „Dr. Luther's Katechismus mit erläuternden Anmerkungen" (Zittau 1817, zweite verbesserte Auflage 1880) heraus. Mit I posier Hoffnung nahm er 1818 den vielversprechenden Ruf nach Dresden an, um ">>c zum Andenken der Regierungsjubelfeier des König? vom Stadtrathe gestiftete i ""d Friedrich-August-Schule genannte, höhere Bürgerschule für Knaben einzurich- T°nv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur, ll. 49 770 Krüger ten und zu leiten. Der Stadtrath hatte jedoch, wie sich spater ergab, eine Be- gründung ohne allen festen Grund und Boden und ohne einigen baaren Fonds versuchen zu dürfen geglaubt; er hatte daraufgerechnet, die Anstalt solle nicht nur die erborgten Einrichtungskosten wiederbezahlen, sondern auch neben den laufenden Ausgaben für Lehrerbesoldungen und die erfoderlichen Bedürfnisse durch hochge- s/W stelltes Schulgeld so viel einbringen, daß davon das zu einem künftigen Schul. Hausbau nothwendige Capital und von dem erwarteten Uberschusse ein baarer »M" Schulfonds erspart würde. Da jedoch in dem ganz ungeordneten Schulwesen Dresdens, bei allen Gegenwirkungen der schon in Uberzahl vorhandenen und im- mer noch durch neue Concessionen vermehrten Privatschulen, dieser Entwurf un- ^ s ^ ^ ausführbar war, so sah sich der Stadtrath 1826 zu dem Beschluß bewogen, die Friedrich-August-Schule im nächsten Jahre ganz aufzuheben. K, der erst ein Jabr nach dem Antritte seines Amtes erfuhr, daß diese Schule sich aus noch weniger als Mj» ^ nichts habe schaffen sollen, und daß sie einzig auf die im Voraus zu ihrem Bestehen Mdai gemachten Schulden gegründet sei, machte den Stadtrath auf die Verderblichkeit Wem solcher Berechnungen und auf die Nothwendigkeit einer allgemeinen Schulordnung Mchn wiederholt aufmerksam, brachte unumwunden die Gebrechen des Schulwesens zur MM Sprache; allein Alles umsonst. Bei den Verhandlungen des Stadtrathes mit UWii ihm über die beschlossene Auflösung war ihm mehr an dem Fortbestehen der Schule t.>n aW und einer bessern Schuleinrichtung in Dresden, als an seiner eignen Existenz ge- MD, legen. Von Vielen ermuntert, seine Schule nicht sinken zu lassen, hielt er es um so WM mehr für seine Pflicht, lieber das Fortbestehen der Anstalt noch zu fristen, als den « ihm gebührenden Amtsgehalt, den man aber bedeutend verringern wollte, erstrei- ten zu müssen. Er nahm daher den ihm vom Stadtrathe gemachten Vorschlag an, -MM die Schule als eine öffentliche, jedoch auf eigne Rechnung bei einem jahrlichen Zu- schusse, mit Wegfall des bisherigen Gehaltes und Schullocals fortzusetzen. Doch bei dem Mangel einer thatigen Theilnahme am Bestehen dieser Anstalt, gegen welche sich die Hindernisse von allen Seiten noch häuften, konnte K. mit Ausopfe- ^ rung seines Vermögens und obgleich zwei Mal vom Könige unterstützt, nur unter ^ ^ Anhäufung einer bedeutenden Schuldenlast das Bestehen dieser Anstalt 4^ Jahr fristen. Zu Michaelis 1831 sah er beim Mangel aller Hülfe und weiterer Unter- ^ stützung sich endlich mit den Seinigen der äußersten Noch ausgesetzt und dadurch gezwungen, diese durch ihn bis dahin gefristete öffentliche Bildungsanftalt, das Denkmal Friedrich Augusts, den Keim zu den in der Hauptstadt Sachsens so noch- wendigen Verbesserungen des Volksschulwesens, der vom Stadtrathe beschlossenen Vernichtung zu überlassen und mit den Seinigen von dem ihm ausgesetzten noch- ^ ' dürftigen Jahrgehalte zu leben. In Dresden schrieb K. außer mchren Program- » , men folgende Bücher: „Kleiner Leseschüler, oder hochdeutsches Syllabir- und » ' Sprachbuch" (Leipzig 1822); „Hochdeutscher Sprachschüler" (Leipzig 1825), eine praktische Sprachlehre aus der Satzbildung entwickelt; „Der Denkschüler, oder Anregungen für Kopf und Herz" (Leipzig 1825), und ein Werk der Wohl- ' thätigkeit: „Leben des blinden Zacharias" (Leipzig 1827), zum Besten des Er- > -»mdttm, ,<7») ,2 Krüger (Franz), preußischer Hofmaler und Prdfessor, im Scherz oft j. „Pferde-Krüger" genannt, wurde am 3. Sept. 1797 auf dem herzoglich anhalt- > ^ dessauischen Amte Badegast geboren, wo sein Vater Amtmann war. Wie jeder Ay Künstler von wahrhaftem Berufe schon als Kind Talent und Neigung zeigen muß, ^ ^ eri so war dies auch bei K. der Fall, der als achtjähriger Knabe von seinen Gespielen . und Verwandten der Maler genannt wurde, weil er schon damals Hunde, Ziegen, ^ Schafe und Pferde sehr geschickt ohne alle Anleitung zeichnete. Dadurch, daß er die Wagen der Gäste, welche seinen Vattr besuchten, heimlich mit dergleichen Thieren zu bemalen pflegte, wurde sein Zeichnertalent m Dessau bekannt, wohin ^ Krukowiecki Krummacher ihn endlick) der Vater auf einige Zeit zu dem Landschaftsmaler Kolbe gab. K. blieb jedoch seiner Neigung zur Thiermalerei getreu, und da er in Dessau zu wenig Gelegenheit zu weiterer Ausbildung fand, sorgte sein Vater dafür, daß er auf ein Gymnasium nach Berlin kam. Lernfleiß war jedoch einer Künstlernatur von so lebhaftem Geiste nicht eigen; um einem schönen Pferde nachzugehen oder Mndhunde in nahgelegenen Gehegen zu Hetzen, wurden zuweilen die Elassen versäumt, allein dafür desto raschere Forlschritte im Zeichnen gemacht. K. versuchte sich jetzt auch im Portrait, und obgleich seiner Zeichnung Fehler mancher Art nachgewiesen werden konnten, so überraschte die Ähnlichkeit doch so sehr, haß er sich bald einen großen Ruf erwarb. Es hat wol wenige Maler gegeben, welche so viel Portraits gezeichnet haben als K., und selten einen, welcher so gut traf und so rasch arbeitete. Er zeichnete anfanglich auf farbiges Papier mit schwarzer Kreide und setzte hier und da die weißen Lichter mit dem Pinsel auf, sodass man das Colorit, zumal bei mannlichen Portraits, nicht vermißt. Da er im Stande war an einem Tage, so zu sagen spielend, drei Portraits fertig zu machen, von welchen ihm jedes anfänglich mit einem Friedrichs!»'or, spater mit vier, sechs, zehn Friedrichsdor bezahlt wurden, so fand sich K., da er außerdem auf Jagden, Musik und andere Vergnügungen gern Zeit verwendete, abgehalten, einen gründlichen akademischen Cursus durchzumachen. Bei ihm bedurfte es jedoch nur eines Entschlusses, um das Schwerste leisten zu können. In einer öffentlichen Beur- theilung hatte man es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er sich nicht der Ölmalerei befleißige; er verstand diesen Wink, legte sich Palette und Farben zu und auf der nächsten Ausstellung sah man von ihm eme Marschscene im Winter und einige vortreffliche Stallscenen in Öl. Diese Malerei sagte ihm so zu, daß er sich ihr mit dem besten Erfolge widmete. Für den Kunstverein malte er 1828 eine Jagdscene, finden Kaiser von Rußland 1830 eine große Parade in Berlin, auf welchem letztem Bilde sich über hundert Portraits befinden. Diesem 1830 ausgestellten Bilde wurde, was die Auffassung der Naturwahrheit und die Zeichnung der Pferde betrifft, der unbedingte Vorzug vor jedem andern, selbst vor den Bildem des berühmten Horace Vernet zuerkannt. Das neueste Werk, welches er in Berlin vollendete, ist Friedrich Wilhelm IN. zu Pferde in Lebensgröße. Bereits 1825 wurde er zum Hofmaler und Professor ernannt. Der Kaiser von Rußland berief ihn 1832 nach Petersburg, wohin er sich begeben hat, um dort mehre große Bilder, unter andern den Kaiser Nikolaus mit großem Gefolge zu Pferde in Lebensgröße, auszuführen, er hat jedoch auch noch für den König von Preußen große Auftrage auszuführen. - (26) Krukowiecki, s. Polen. Krummachcr (Friedrich Adolf), Doctor der Theologie, ward am Jul. 1768 zu Tecklenburg in Westfalen geboren. Nachdem er eine Zeitung'an der Universität zu Duisburg als Professor der Theologie thatig gewesen war, entschied er sich, wie es scheint durch vorwaltende Herzensneigung getrieben, iur den Beruf des praktischen Seelsorgers und übernahm 1807 die Stelle eines ^sormirlen Predigers zu Krefeld, die er jedoch noch in demselben Jahre gegen eine Mdpredigerstelle zu Kettwich in Westfalen vertauschte. Spater folgte er dem ^ufe zu einem erweiterten Wirkungskreise nach Bernburg, wo er als Eonsistorial- ^^Superintcndent und Oberprediger bis 1824 mit Segen wirkte. Seit die- ^ Jahre lebt er als Prediger der Ansgariigemeinde zu Bremen. Ohne von dem ange seiner geistigen Bildung genauer unterrichtet zu sein, dürfen wir annehmen, ay neben der Beschäftigung mit den Dichtern alter und neuer Zeit, wobei vorzüg- > der Einfluß Herder's hervorzuheben sein möchte, insbesondere das von tiefer ^nntniß der Sprache und Sitte des Orients unterstützte Studium der Bibel sei- Geiste die Richtung gegeben habe, die sich in seinen schriftstellerischen Leistun- 49 5 772 Krumwacher gen als die vorherrschende zu erkennen gibt. Es ist dies das Bestreben, in Bild und Beispiel Lehren und Wahrheiten durch Vermittlung der Poesie zur An- ^ ^ schauung zu bringen. Von früh auf gewohnt, dem Geheimnisse der Entwicklung ^ ^ des Menschengeiftes durch alle Lebensstufen nachzuspüren, mit einem lebendigen Natursinne begabt und voll Empfänglichkeit für die Sprache, mit der die Natur ^ in Pflanzen, Stein und Sternen zu uns spricht, sah er bald überall, selbst in den ^ unscheinbarsten Vorgangen und Erscheinungen der Außenwelt, Gleichnisse, ge- heimnißvolle Beziehungen und fruchtbare Winke, und es ward ihm zur lieben Ge- wohnheit, dieselben in einfach-kindlicher, dem biblischen Ausdruck nachgebildeter Sprache zu kleinen oder größern Erzählungen und Gemälden zusammenzufassen. Er nennt diese selbst „Spiele des innern Menschen", die bald ein Blick auf einen blühenden Rosenstrauch oder in das Abendroth, bald irgend eine kleine Freude, der , stille Nachgenuß einer in traulicher Freundschaft oder mit einem schönen Buche ^ verlebten Stunde, ein Spiel mit einem Kinde oder sonst eine Kleinigkeit erzeugte. So trat er, nachdem er bereits 1801 in einem Hymnus, „Die Liebe" (zweite Aus- gäbe, Duisburg 1809), seine Lebensansicht niedergelegt hatte, 1805 mit dem ersten Bändchen seiner „Parabeln" hervor, die in mehren aufeinander folgenden Ausgaben als ein vielgelesenes Volks- und Bildungsbuch dem Verfasser die Zu- ^ Neigung eines großen Theils der Lesewelt unter Großen und Kleinen erworben (neueste Ausgabe, 2 Thle., Duisburg 1819 — 20). Diese „Parabeln" sollen nicht sowol als bloße Gleichnisse oder in der Weise der Fabel und poetischen Erzah- lung praktische allgemeine Wahrheiten veranschaulichen, als vielmehr, in der höhern Bedeutung der hebräischen Parabel, aus der Niedern Sphäre des Sinn- lichen zur Anschauung des Übersinnlichen erheben. „Wenn man", sagt K, „das Leben und Weben des innern Menschen als ein fortschreitendes episches Poem de- trachtete und jeden Fortschritt des innern Lebens, sei es zum Bessern oder Schlech- liu Äst tecn, Sieg oder Besiegung, sich als Theile dieses Epos dächte, so würde man die Parabel das „poetische Gleichniß" in der Darstellung dieser epischen Handlung nennen können, welches aus dem Schauplatze und den Umgebungen des Handeln- lMZu den die Bilder nimmt, um damit die Regung, Entwickelung und Fortschreitung M des Geistigen und Übersinnlichen zu bezeichnen." K. hat in dieser von ihm mit «He, Vorliebe gepflegten Dichtform zahlreiche Nachahmer gefunden; -Wenige aber möchten ihn in der liebevollen Auffassung der Natur und des Menschenlebens und Äsichin in der Sinnigkeit und Wärme der Darstellung erreicht haben, durch die sich die ÄKH besten dieser Dichtungen — denn das sind sie ungeachtet der vorwaltenden didaktischen U Ä, Bestimmung — auszeichnen. Gleichwol ist nicht zu leugnen, daß mehre derselben ÄWr als Poesien des selbständigen poetischen Lebens ermangeln und von dem ästheti- sichdch schen Standpunkte aus unbefriedigt lassen, und daß die Sprache, wie natürlich s-Mch' sie auch dem Verfasser geworden sein mag, dennoch hier und da in das spielende ausartet und als Manier erscheint, die in der Länge ermüdet. Immer aber war und ist die Parabel, wie überhaupt die allegorisch-didaktische Form, das eigentliche Gebiet dieses gemüthvollen Dichters. Dies beweisen auch seine 1810 zu Duis- bürg erschienenen „Apologen und Paramythien" und das „Festbüchlein", eine Schrift für das Volk, die zuletzt (Duisburg 1819— 21), mit dem „Neujahrs- fest" vermehrt, in drei Thellen erschienen ist. Daß übrigens die kindliche Sprache dieser Schriften nicht bloß ein künstlich erzwungenes Idiom, sondern aus der C>- ^ genthümlichkeit des Dichters selbst hervorgegangen sei, dafür möchte die gen, wie derselbe in einer andern Dichtung: „Die Kinderwelt" (Duisburg 180 , neue Auflage 1813), das kindliche Alter aufgefaßt hat. Auch hier tritt uns zwar nicht ein schöpferischer Genius, der neue Bahnen bricht, entgegen, wel aber em edles Gemüth, das, der Worte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen", an dem unschuldigen Treiben der Kleinen sich innig erfreut und in ihre Un cbu Kruse (Lauritz) Kruse (Karsten) 773 weit sich flüchtet, wenn das Treiben der Andern ihm Umnuth und Ekel erweckt. Es ist ein beschreibendes Gedicht, daö>d:e Neigungen, Freuden, Spiele, Wünsche und Aussichten des Kindesalters, wie die Anstalten zur Pflege, Zucht und Bildung der Kindheit, in gefalliger Sprache und meist wohlgebauten reimlosen Jamben, zum Tbeil mit idyllischer Zarcheit, nach den vier Jahreszeiten, ohne Anspruch aus höhere poetische Bedeutung, schildert. Mit seinem Drama „Johannes" (Leipzig 1815) dagegen trat K. augenscheinlich aus dem seiner Individualität angewiesenen Kreise heraus; und dürfen wir der schönen Gesinnung, von der auch diese Dichtung getragen wird, unsere Anerkennung nicht versagen, sy können wir derselben doch als Kunstwerk nur einen sehr untergeordneten Rang zugestehen. Äon seinen übrigen Arbeiten nennen wir außer einer theologischen Schrift: „lieber den Geist und die Form der evangelischen Geschichte in historischer und ästhetischer Hinsicht" (Leipzig 1805), noch: „Das Wörtlein Und" (Duisburg 1811), „Paragraphen zu der heiligen Geschichte" (Berlin 1818), und seinen zum Besten der Jugend verfaßten, neuerdings in der zehnten Auflage erschienenen „Bibelkate- chiömuS". Einzelne Gesänge und Lieder aus dem „Festbüchlein" sind mit Tonweisen von A. Härder 1808 und 1809 zu Duisburg besonders herausgegeben worden. K.'s Bildniß befindet sich vor dem vierten Jahrgang von Natorp's „Quaualschrift für Religionslehrer" (1808). . (51) Kruse (Lauritz), geboren 1778 zu Kopenhagen, wo sein Vater als Com- mandeur in der dänischen Marine lebte, studirte auf der Universität seiner Vaterstadt, und bereits in seinem zwanzigsten Jahre brachte er sein Schauspiel: „Emi- granterne", auf die Bühne. Seitdem schrieb er mehre Theaterstücke, erhielt aber besonders als Novellendichter Beifall. Seine ersten Erzählungen in dänischer Sprache erschienen 1801 in zwei Bänden, in welchen sein ausgezeichnetes Talent für diese Dichtart sich bereits ankündigte. Er machte in demselben Jahre eine Reise durch Deutschland, die Schwei; und Frankreich, lebte nach seiner Rückkehr in Kopenhagen als Schriftsteller, ward Professor und ging 1812 zum zweiten Mal in das Ausland und besuchte hauptsachlich Italien und Deutschland. Von 1817 ^-20 war er wieder in Kopenhagen, wo er eine dramaturgische Zeitschrist in monatlichen Heften und seine gesammelten Schauspiele herausgab („Drama- lilke Värker af L. Kruse", 4 Bde., 1818 — 20). Als er seine schriftstellerische Lausbahn in Deutschland betrat, wählte er vornehmlich Hamburg zum Aufenthalt. Seitdem hat er in deutscher Sprache eine Reihe von Romanen und Novellen geliefert, die, obgleich nicht alle von gleichem Werthe, doch immer die Spuren eines dedeutenden Talents tragen und von außerordentlicher Erfindungsgabe und großer Fruchtbarkeit zeugen. Nicht er, sondern die Umstände sind Schuld daran, daß durch seine Wirksamkeit als deutscher Schriftsteller er für das Vaterland fast verloren zu sein scheint; selbst seine Muttersprache wird ihm immer fremder, und da er zwar ein ausgezeichnetes Sprachtalent besitzt, aber eine gewisse künstlerische Sorgfalt für Correctheit und Reinheit der Sprache ihm abgeht, so ist es kein Wunder, zumal bei seinen vielen Arbeiten, daß die in späterer Zeit von ihm in dänischer Sprache er- lchienmen Werke in stylistischer Hinsicht bedeutend unter seinen frühern Arbeiten stehen müssen. Auch in seinen deutschen Schriften findet man einen auffallenden Mangel an Correctheit der Darstellung. (4) Kruse (Karsten oder Christian), geboren am 9. Aug. 1753 zu Hiddigwarden bei Berne im Herzogthum Oldenburg, wurde schon in seinem zehnten Jahre von seinem durch Brandunglück verarmten Vater nach Halle geschickt, wo er im Äaisenhause bis 1772 in allen Schulkenntnissen gründlichen Unterricht erhielt. Unterstützt von den» Grafen von Stolberg-Wernigerode, mit Niemcyer, Knapp und der Familie Schiff in einer nähern Verbindung, widmete er sich der Theologie und erhiftt sich hauptsächlich durch Unterricht in Familien und im Waisenhause. 774 Kruse (Friedrich Karl Hermann) Nach Vollendung seiner Studien begab er sich nach Oldenburg, wo er eine Stelle am Gymnasium erhielt und eine Abendschule für junge Madchen unternahm durch deren sorgsame Leitung er sich die Liebe und Achtung der angesehensten Bewohner der Stadt erwarb. Seit 1781 verhenathet, ward er durch das Vermögen seiner Frau in Stand gesetzt, auch für seine Privacstudien mehr zu thun, als es ihm in seinen frühern Verhaltnissen möglich gewesen war. Die Erscheinung der von Lessing herausgegebenen Fragmente eines Ungenannten veranlaßt«« ihn noch ehe Döderlein gegen dieselben aufgetreten war, die darin vectheidigte, dem positiven Christenthum feindliche Ansicht in seiner Schrift: „Zweck des Sokrates und seiner Jünger" (Leipzig 1785), zu bekämpfen. Dein Bedürfniß der Schulen kam er durch seine „Allgemeine Anweisung zur Orthographie" (Bremen 1787), die vielfach benutzt bis 1815 in vier Auflagen erschienen ist, wie spater durch seine „Deutsche Sprachlehre" (Oldenburg 1807) entgegen. Schon als Lehrer am Gymnasium zu Oldenburg aber begann er die Vorbereitungen zu der schwierigen Arbeit, einen ganz Europa umfassenden historisch-geographischen Atlas zu entwerfen, welcher den Zustand Europas zu Ende jedes Jahrhunderts in einer durch chronologische Tabellen erläuterten Karte darstellen sollte. Dieses verdienstliche Unternehmen, dem er den Fleiß seines Lebens treulich gewidmet hat, erhielt auch eine äußere Begünstigung, als K. zum Lehrer der Prinzen August und Georg von Oldenburg ernannt und von dem Herzoge durch besonderes Vertrauen ausgezeichnet ward. Unter diesen günstigen Verhältnissen erschien mir Unterstützung des Herzogs 1802 die erste bis zum Jahr 700 hinabreichende Lieferung seines „Atlas zur Geschichte aller europäischen Staaten". Er begleitete 1803, mit dem Titel eines Conststorialraths belohnt, seine Zöglinge aus die Universität Leipzig, wo er die zweite bis 1100 laufende Lieferung jenes Werkes herausgab, das er gegen Bredow's Vorwurf, welcher es einen Auszug aus Gatterer's ähnlichem Werte genannt hatte, gründlich vertheidigte. Als er 1805 mit den beiden Prinzen nach Oldenburg zurückgekehrt war, leitete er als Scholarch die ältern Unterrichtsanstal- ten und das 1807 von ihm eingerichtete Schullehrerseminarium. Die Besetzung des Herzogthums Oldenburg durch die Franzosen riß ihn 1811 aus seinen glücklichen Verhältnissen, und als er sein Grundeigenthum nicht ohne Opfer verkauft und nur mit Mühe die Erlaubniß zur Abreise erhalten hatte, begab er sich nach Leipzig, wo er 1812 als Professor der historischen Hülfswissenschaften angestellt ward. In der Dissertation, die er bei dem Antritte seines Lehramts vertheidigte: „0e Invii recte aestimancka", trat er, einer der Ersten, Niebuhr's Ansichten der ältesten römischen Geschichte entgegen. Seine historischen, geographischen und pädagogischen Vorlesungen gewannen Beifall, und durch die seit 1813 übernommene Mitaufsicht über die Wendlec'sche Freischule, oeren wissenschaftliche Leitung ihm oblag, erwarb er sich anerkannte Verdienste. Seinen „Atlas", dessen drittes Heft bereits 1810 erschienen war, vollendete er 1818 mit dem vierten Hefte und besorgte 1822 eine neue Ausgabe des Ganzen. Er überließ 1824, als dieses Werk in den Verlag der Renger'schen Buchhandlung zu Halle überging, nach den Bestimmungen des abgeschlossenen Vertrags, die wissenschaftliche Pflege und Fortsetzung desselben seinem Sohne, der 1828 eine neue Auflage des ersten und vierten Hefts besorgte. Nach einer kurzen Krankheit starb K. am 4. Jan. 1827, geachtet von Allen, die ihn kannten. Kruse (Friedrich Karl Hermann), Sohn des Vorigen, geboren dm 21. Jul. 1790 in Oldenburg, wurde in dem dortigen Gymnasium, und als sein Vater 1803 mit seinen fürstlichen Zöglingen nach Leipzig ging, dort aus der Thomasschule und später wieder in Oldenburg in den Schulwissenschaften unterrichtet. Durch die Arbeiten seines Vaters im Fache der Geographie und Geschichte und durch dessen für diesen Zweck hauptsächlich ausgesuchte Bibliothek ward er schon Kruse (Friedrich Kart Hermann) 775 il« früher Jugend für das Studium der Geschichte und Geographie und die dazu nöthigen philologischen Studien gewonnen. Für die Theologie bestimmt, bezog er 1810 die Universität Leipzig, als aber die Franzosin 1811 fein Vaterland de- setzten, entschloß er sich, nicht dahin zurückzukehren, und nunmehr entwickelte sich sein Plan, sich als Historiker zu einer akademischen Laufbahn vorzubereiten, immer bestimmter. Er begnügte sich nie mit den Vortragen seiner Lehrer allein, sondern er suchte bestandig auch aus den Quellen zu schöpfen und hörte jetzt auch viele philologische, juristische und naturwissenschaftliche Collegien, da diese seine historisch-geographischen Studien bedeutend fördern konnten. Bei der Anstellung seines Vaters vertheidigte er dessen Dissertation und wurde dadurch veranlaßt, in die Kritik der römischen Geschichte sowie der Geschichte überhaupt tiefer einzudringen. Er nahm 18! 6 einen Ruf an die Ritterakademie in Liegnitz an. Manso, dessen Bekanntschaft er in Breslau gemacht hatte, berief ihn schon nach einem halben Jahre an die unter ihm stehende Magdalenenschule, wo er, mehre Jahre mit Ottfried Müller, Kannegießer, Nösselt, Manso, Stenzel, Bü- sching und Wachler in freundschaftlichen Verhältnissen lebend, besonders seine historisch-geographischen Studier, fortsetzte. Hier gab er zuerst sein kleines Werk. „Über Herodot's Ausmessung des Pontus Euxinus" (Leipzig 1810), heraus, und wandte sich dann besonders auf die bis dahin fast ganz vernachlässigte alte Geographie Deutschlands. Er entwarf, hauptsachlich nach Ptolemaus, den er in Jtine- rarien auflöste, eine Karte vom alten Germanien, die er im Manuskripte der berliner Akademie mittheilte und mit Beifallsbezeigungen zurückerhielt, indem er aufgemuntert wurde, ganz Deutschland zu bereisen, um überall an Ort und Stelle antiquarische Untersuchungen anzustellen, und dadurch seine historisch-geographischen Untersuchungen fester zu stellen oder zu berichtigen. Dieser Plan kam wegen der damit verbundenen Kosten nicht zur Ausführung; allein er bereiste wenigstens Schlesien und die Grafschaft Glatz zu diesem Zweck, setzte sich auch mit Vielen, welche ihm Nachrichten ertheilen konnten, in Correspondenz und lieferte die ersten Resultate seiner hiftorisch-antiquarisch-geographischen Untersuchungen in ei- I nem ausführlichen Aufsatze: „Etwas über das alte Schlesien vor Einführung der christlichen Religion, besonders zu den Zeiten der Römer" (Büsching's „Wöchentliche Nachrichten", 1819). Dieser Aufsatz wurde besonders abgedruckt unter dem Titel: „Luäorxis" (Leipzig 1819). Durch die Bemühungen einer Gesellschaft von Alterthumsfreunden wurden 200 Fundorte von Alterthümern entdeckt, welche zum Theil als solche die alt-geographischen Bestimmungen K.'s für die Ptolemai- lchcn Städte des Alterthums feststellen, und es bildete sich zugleich (unter Bü- Wng) eine Alterthümersammlung der breslauer Hochschule, welche bald bis auf Mg Nummern anwuchs. Auch in die Nachbarlander, die Lausitz, Sachsen, Thüringen, Preußen, Westfalen w., verbreitete sich diese Art antiquarischer Stu b'kn, die aber freilich hie und da in bloße Alterthümelei ausartete. Nach Verthei- lugung seiner Dissertation: „Delstri ostüs", begann K. Vorlesungen über Gerichte und alte Geographie, bis er 1821 außerordentlicher Professor der Gerichte und alten Geographie in Halle wurde. Angegriffen wegen seiner Bestand- uin .g des Ptolemaus, vertheidigte er sich schon vor seinem Abgange aus Breslau burch eine ausführliche Darstellung der Geographie des östlichen Germaniens im 'Mm Hefte feines „Archivs für alte Geographie, Geschichte und Alterthümer" Breslau l821) und setzte diese Rechtfertigung im zweiten und dritten Hefte fort, welches die östlichen Städte des alten Germaniens betrachtet und eine ausführliche Versuchung über den Ptolemäus enthält. K. stimmte fast in keinem einzigen >"nkre mit Mannert und seinen übrigen Vorgangern überein und brach der Wis- i^schast eine völlig neue Bahn. Sobald er nach Hatte gekommen war, wählte unter dem Landrarh Lepsius in Naumburg erstandene Thüringisch-sächsisch? Ver- 776 Kruseman Kuhlau em für Erforschung des vaterländischen Alterthums ihn zum Sccretair, und K nahm diese Wahl an, als das Ministerium die Verlegung des Vereins nach HM an der Hochschule und verschiedene Vortheile zugesichert hatte. Die Zahl der Mitglieder wuchs bald fast auf 3V0 in verschiedenen Landern Europas an, und durch gemeinsames Zusammenwirken bildete sich bald eine germanische Alterthümcr- sammlung, welche als die erste in Deutschland betrachtet werden kann. Von den wissenschaftlichen Resultaten konnte nur wenig mitgetheilt werden. Die kleinen Aufsätze und Berichte lieferte K. in seinem „Archiv für alte und mittlere Geschichte, Geographie und Alterthümer", wovon wahrend seines Aufenthalts in Halle zwei Bände (1824 — 28), nach seinem Abgange von ihm und Lorenz rc- digirt, bis 1830 noch ein Band erschien. (Vgl. Historische Vereine.) Karten vom alten Germanien (Leipzig), vom alten Griechenland gab K. 1823 heraus. Wahrend dieser Zeit bearbeitete er auch, nachdem er die Bibliotheken und Alterthümersammlungen in Göttingen, Kassel, Gotha und Berlin benutzt hatte, seine „Hellas" (2 Bde., Leipzig 1825—27), und darauf seine „Fragen über mehre für das höhere Alterthum wichtige Verhältnisse im heutigen Griechenland" (Berlin 1827), ein Werk, welches besonders für die Erklärungen des Homer viele Beitrage liefert. Als nun seine Söhne der Schule entgegenreiften, übernahm er ein früher schon bestehendes Institut, formte es um und erhielt bald einen solchen Beifall, daß über 70 Kinder der angesehensten Familien diesem Institute übergeben wurden. Er nahm jedoch 1828 einen vortheilhaftcn Ruf nach Dorpat als ordentlicher Professor der historischen Wissenschaften an. Er beschäftigte sich seitdem vorzüglich mit der Commentirung und Herausgabe des wiedergefundenen Seetzen'schen literarischen Nachlasses, in Verbindung mir mehren Gelehrten, und der Bearbeitung des Ptolemaus, von dessen Werke er ein bisher unbekanntes schatzbares Manuskript in Petersburg aufgefunden hat. Kruseman (Cornelis), geboren zu Amsterdam am 25. Sept. 1797, ver- rieth seit seiner Kindheit ein entschiedenes Talent zur Malerei, das er unter der Leitung der geschickten Portraitmaler HodgeS und Daiwaille ausbildete, wiewol er seinem eignen Genie, das ihn zu dem Großartigen und Erhabenen und zu umfassenden historischen Eomposmonen hinzog, am Meisten verdankte. Er besuchteJra- lien, wo er sich lange aufhielt, und sein Freund ElinkSterk gab eine anziehende Darstellung von den Erlebnissen des Künstl. rs in seinem „Aanteeleeitingon detret'fenlle koostreis en vorbliss in Itulie ckoor 0. Hrnseman" (Haag 1826, deutsch von Mapboom, Embdem 1831). Unter den zahlreichen Gemälden, die wir K.'s Tharigkeit verdanken, zeichnen sich als große Compositionen aus: Johannes der Taufer, die büßende Magdalena, Naphtali und Rahel nach Florian, der bettelnde Belisar, und vorzüglich seine Grablegung. Er beschäftigt sich jetzt mit einem großen Bilde aus dem Feldzug des Jahres 1831. Unter seinen Genrebildern sind zu erwähnen: eine Gruppe Italiener vor einem Madonnenbilde, zwei Frauen und ein Bauer aus Frascati, die Musik mache«, ein bettelnder Greis mit seiner Tochter, ein tressliches Bild im Besitz der Königin der Niederlande, und ein Gemälde nach dem Gedicht: „Het ^e^allen waisja", von Tollens. Von seinen Bildnisten sind vorzüglich auszuzeichnen: die Portraits des Königs der Niederlandx und der beiden Statthalter von Indien van der Capellen und de Kock. Er hat sich durch immer bedeutender hervortretende Kunstleistungen an die Spitze der lebenden Maler in Holland gestellt und sich einen ausgezeichneten Rang unter allen Künstlern unserer Zeit gesichert. (74) Kuh lau (Friedrich), dänischer Componist, wurde 1787 in einer kleinen Stadt in Pommern von armen Altern geboren. Als er, ein Knabe von sieben Jabren, einst an einem finstern Winterabend Wasser holte, fiel er auf der Straße so gesahr' lich, daß er ein Auge verlor. Noch im Knabenalter kam er nach Braunschweig und Kühn (Karl Gottlob — Otto Bernhard) 777 vollendete später den dort erhaltenen musikalischen Unterricht unter der Leitung des Musikdirectors Schwencke in Hamburg. Um der französischen Confcription zu entgehen, kam er 1819 oder 1811 nach Kopenhagen, wo er bald als Kammermusikus angestellt wurde und später, nachdem er mellre Theaterstücke componirt hatte, den Titel eines Professors erhielt. Seine erste Composition: „Röverborgen"(Die Rauberburg), ist nach Verdienst berühmt geworden; auf diese folgten: „Elisa", „Lulu", „Hugo og Adclheit" und „Elverhöe", treffliche Compoft'tionen, von denen „Lulu" und „Elverhöe" ein außerordentliches Glück machten. In dem letzten Stück hat er mit großer Kunst alte Melodien der nordischen Heldengesange benutzt und dem Ganzen ein nationales Gepräge gegeben. Eine große Anzahl Compositionen von geringerm Umfange tragen, wie jene, die Spuren seines herrlichen Genies. K. war nickt verheirathet. Er unterhielt seine Altem, die bei ihm lebten. Nicht lange vor seinem Tode verlor er beide kurz nach einander. Ein neuer Verlust traf jhu, als eine Feuersbrunst in dem unweit Kopenhagen gelegenen Städtchen Lyng- bye, wo er wohnte, ihm mehre nur im Manuskript vorhandene musikalische Arbeiten raubte. Er starb 1832 im 45. Jahre seines Alters. Bei dem Leichenbegang- niß, welchem eine zahlreiche Versammlung beiwohnte, wurde ein von ihm selbst componirter Todtenmarsch gespielt. Auf dem Theater sowie in mehren Privatvsr- einen stierte man seine Erinnerung. (4 > Kühn (Karl Gottlob), Professor der Medicin zu Leipzig, geboren am 13. Jul. 1754 zu Spergau, einem zum Stifte Merseburg gehörenden Dorfe, wo sein Vater, ehe er Pfarrer und Consistorialrath in Merseburg wurde, Prediger war, erhielt, im väterlichen Hause sorgfältig vorbereitet, in der Schule zu Merseburg und später in der Fürstenschule zu Grimma seine wissenschaftliche Vorbildung und bezog darauf die Universität Leipzig. Wahrend er hier Platner's, Ludwins, Seidlitz's und Leske's Vorlesungen besuchte, nährte er zugleich seine in Grimma gewonnene Vorliebe für die klassischen Studien unter der Leitung von Ernesti und Morus; die Aufmunterung seines Oheims aber, der in Kurland als Arzt einen ausgebreiteten Ruf hatte und ihn in seine Praxis einzuführen versprach, bestimmte ihn, sich dem Studium der Arzneiwisselsschaft zu widmen. Seine Bekanntschaft mit den griechischen Ärzten, die später so reiche Früchte trug, zeigten schon seine ersten schriftstellerischen Arbeiten, z. B. „1>c via ac raiioue qua Mellnaus Toplmta in llistoria auimalium conseribencla usus ost" (Leipzig 1777); „Hcbcck-asma de causa mortis aqua suiuuersorum, cosque in vitam rcvocamü ratione, velcribus ttraeciae mcciicis nsmpata" (Leipzig 1778). Nachdem ee 1779 in der philosophischen Facultat promovirt hatte, erwarb er sich 1781 durch seine Dissertation „De pllilosopllis ante ttqqiocratem meriicinae cuitorilms" d 's Recht, öffentliche Vorlesungen zu halten und schrieb 178.3, als er Doctor der Medicin wurde, „I)e loreipilius obstetriciis receus inventis", und darauf seine „Geschichte der medicmischen und physikalischen Elektricität und der neuesten Versuche in dieser Wissenschaft" (2 Bde., Leipzig 1783 — 85). Bei seiner Beförderung zum außerordentlichen Professor der Medicin schrieb er 1783 „De receu- tionim pk^sicoruil! circa aerem cioctrina, in re meüica ms^nae utilitatis", und gab später mir Zwierlein „Taschenbuch für Brunnen - und Badegäste" (Leipzig 1-94) heraus. Die Anwesenheit des durch seine Wundercuren bekannten Grafen ^-hun in Leipzig, veranlaßte ihn durch feine Schrift: „Etwas über die Euren des Graft,, von Thun" (Leipzig 1784), zur Berichtigung der in Umlauf gebrachten äugen Vorstellungen beizutragen. Seine „Geschichte der Elektricität" setzte er unter dem Tirel: „Die neuesten Entdeckungen in der physikalischen und medicmischen Elektricität" (2 Bde., Leipzig 1736 — 97) fort. Als ordentliches Mitglüo sn die medicinifche Facultat einrückend, vcrtheidigte er 1891 eine Dissertation Uder die Schutzpocken, die unter dem Titel „De «xantkemate vul^o vsnowrum 778 Kühnöl vaccümrum mawine iu8!^,.ito" (Leipzig 1801) in den Buchhandel kam, schrieb zur Empfehlung der neuen Entdeckung: „Die Kuhpocken, ein Mittel gegen die natürlichen Blattern" (Leipzig 1801), und behandelte seit 1809 diesen Gegenstand in sieben akademischen Programmen. Er erhielt 1810 die ordentliche Professur der Anatomie und Chirurgie und wurde 1819 an Platner's Stelle Professor der Physiologie und Pathologie. Seit er als Lehrer wirkt, schrieb er über 140 Programme gab viele, meist bereicherte Übersetzungen medicinischer Werke, und theils allein, theils mit andern Gelehrten verschiedene Schriften heraus, die in Callisen's „Medium- schem Schriftsteller-Lexikon" (Band 10) genannt werden. Seine akademischen Schriften sind unter dem Titel: „Opnscula ueuclemica meclic» et pdilolvgicii" (2 Bde., Leipzig 1827 — 28), erschienen. Von „klancarlU I^exicnu mellicum" desorgte er eine sehr vermehrte und verbesserte Ausgabe (2 Bde., Leipzig l832). Ein ausgezeichnetes Verdienst erwarb er sich durch die von ihm angelegte vollständige Ausgabe der griechischen Ärzte in der Ursprache und mit lateinischen Übersetzungen: ,Meclicorum ^raecoruin opera", die er 1824 begann, und worin Hip- pokrates, Aretäos und Galen von ihm besorgt wurden. — Otto Bernh ardK, sein Sohn, Professor in Leipzig, geboren 180!), kam von der Fürstenschule zu Grimma auf die Universität seiner Vaterstadt Leipzig, wo er sich vorzüglich du Chemie widmete, deren Studium er von 1823— 25 in Göttingen unter Stro- meyer's Leitung fortsetzte. Er begann seine schriftstellerische Laufbahn mit dem „Versuch einer Anthropochemie" (Leipzig 1824), und nachdem er 1828 die medi- cinifche Doctorwürde erlangt hatte, schrieb er: „Praktische Chemie für Staatsarzte" (erster Theil, Leipzig 1829), und „Anleitung zu qualitativen chemischen Untersuchungen" (Leipzig 1880). Er wurde 1830 zum Professor der allgemeinen Chemie ernannt. Kühnöl (Christian Gottlieb), geistlicher Geheimrath, Doclor und Professor der Theologie zu Gießen, geboren am 2. Jan. 1708 in Leipzig, wo sein Vater Archidiakonus an der Thomaskirche war, wurde nach damaliger Sitte als der Sohn eines Mannes, der mit der Universität in der engsten Verbindung stand, schon im ersten Lebensjahre in die Matrikel der Universität eingetragen. Zuerst durch Hauslehrer vorbereitet, besuchte er hierauf die Thomasschule, wo besonders Fischer, von dem er auch später mehre Schriften herausgab, dadurch vortbeilhaft auf ihn wirkte, daß er in ihm die Liebe für das Studium der Classiker Griechenlands und Roms erweckte. Auch als K. 1785 zur Universität überging, wo die Theologie sein eigentliches Fach ward, vernachlässigte er das Studium derselben nicht. Gleich im ersten Jahre seines akademischen Cursus schrieb er: „Obsorem- tiones in Luripickis tubulär», opino inscribitur Alcestis" (Leipzig 1785), und im folgenden gab er des Demetrius Cydonius „Opusculum cke contemneinls morle" (Leipzig 1786) heraus. Nachdem er 1788 die philosophische Doctorwürde erlangt hatte, trat er, namentlich auf Anrathen Wolfs und Beck's, noch im selbigen Jahre als akademischer Privatdocent auf, und las über griechische und römische Classiker, sowie alt- und neutestamentliche Exegese. Er wurde hierauf 1790 außerordentlicher Professor der Philosophie, 1793 zugleich mit Rosenmüller Custos an de- Universitätsbibliothek und 1796 Baccalaureus und Frühprediger zu St.-Pauli. Einen Ruf als Professor der griechischen Sprache nach Kopenhagen, 1799, schlug er aus, dem aber als Professor der Poesie und Beredsamkeit nach Gießen folgte er 1801. Da ihm jedoch sein Wirkungskreis in dieser Stelle zu beschränkt erschien, so erhielt er 1806 eine Professur der Theologie, worauf er 1818 zum geheimen Kirchenrathe und 1829 zum geistlichen Geheimrathe ernannt wurde. Sehr fleißig arbeitete K. namentlich während seines Aufenthaltes in Leipzig; aus jener Periode stammen die „Observatwues nck Nov. Dest. ex libris apocr^ptns Vet. lest." (Leipzig 1794); die mit Velthusen veranstaltete Sammlung der „(lommentationes tkeo- Kurhessen 779 logicuk" tch Bde., Leipzig 1794— 99); die Ausgabe der „?aricopLe evaoße- licci«" (2 Bde., Leipzig 1796 — 97), und die metrische Übersetzung der Psalmen 5 (Leipzig 1799). Seiner ersten Stellung in Gießen gemäß arbeitete er zunächst ! nach seinem Abgänge von Leipzig an einer Ausgabe der Gedichte des PropertiuS, ^ welche in zwei Bänden (Leipzig 1805) erschien, über ihren Werth waren die Mei- ! nungen getheilt; mag sie auch der höhern Kritik nicht genügen, so ist sie doch W ^ für Den, welchem es bloß um das bessere Verständniß des Dichters zu thun ist, höchst brauchbar. Spater wendete K. der Theologie alle seine Studien zu und die Früchte derselben waren seine „(lominenturii in libros Nov. 1'est. di-tori- cos" (4 Bde., Leipzig 1807—18), von denen eine zweite Auslage (Leipzig 1816 — 27) und von den drei ersten Bänden eine dritte Auflage (Leipzig 1823—25) erschien. Zwar enthält dieses Werk weniger selbständige Forschungen, es sind vielmehr bloß die Meinungen der frühern Erklärer zusammengestellt; allein es wurde dadurch einem wesentlichen Bedürfnisse abgeholfen, und nicht bloß dieGe- genwart erkennt das Verdienst an, welches sich K. durch diese mühevolle Arbeit erworben hat, sondern auch die Nachwelt noch wird es ihm danken. Sein neuestes, mit großem Fleiße gearbeitetes Werk ist der ziemlich reichhaltige „dommentarius in epistolum nck Iledraeos" (Leipzig 1831). (70) Kurhessen. Am lebhaftesten gaben die Bewohner der Stadt Kassel die Freude zu erkennen, welche 1813 die Rückkehr Wilhelms I. in Kurhessen erregte, obgleich sie während der Zwischenherrschaft am Sitze eines verschwenderischen Hofes und eines Heeres glänzend besoldeter Beamten die drückenden Kriegslasten und methodischen Erpressungen der westfälischen Regierung weniger empfunden und, in dem Besitze voller Gewerbfreiheit, binnen wenigen Jahren ihren Wohlstand sichtbar gesteigert hatten. Nicht mit Unrecht mag man behauptet haben, daß dieser enthusiastische Empfang zur Abschließung des Beitrittsvertrags vom 2. Der. 1813 beigetragen habe. Die bald nachher erfolgte Wiederaufhebung aller, zum Theil allgemein schon als gut anerkannten Einrichtungen der westfälischen Regierung verzieh man gern dem gegen den Stifter derselben gehegten Hasse, welchen damals das für Deutschlands politische Wiedergeburt entflammte Volk mit seinem Regenten theilte; man beruhigte sich willig bei dem Erscheinen des Manifestes vom 27. Dec. 1814*), welches die Landstände auf den 1. März 1815 berief, und durch Hinzuziehung des Bauernstandes zur Landesrepräsentation — freilich ohne vorangegangene Berathung mit den bisherigen Landständen — einen großen Beweis landesväterlicher Fürsorge zu erkennen gab. Auf dem Congreß in Wien war Kurfürst Wilhelm I. mit der Anficht der vereinigten Fürsten und freien Städte einverstanden, daß aller und jeder Willkür, wie im Ganzen durch die Bundesverfassung, so im Einzelnen in allen deutschen Staaten durch Einführung landständischer Verfassungen vorgebeugt, und den Ständen das Recht der Verwilligung und Regulirung sämmtlicher zur Staatsverwaltung norhwendigen Abgaben, der Einwilligung bei neu zu erlassenden Gesetzen, der Aufsicht über die Verwendung der steuern und der Beschwerdeführung, insbesondere in Fällen von Unterschleifen der Sraalsdiener und hervortretenden Misbräuchen jeder Art, gewährt werden sollte. Dieses Wort zu halten, theilte der Kurfürst den, auf den 15. Febr. 1816 vertagten Landständen zum Behuf vertraulicher Berathung den Entwurf einer neuen Belastung mit; aber damals scheiterte der Verfassungsentwurf nicht sowol, wie man behauptet hat, an den Foderungen des ritterschaftlichen Standes, als an der von den Ständen in Anspruch genommenen Trennung des Haus- und Staatsvermö- gens"); der Landtag wurde mit nicht verdientem Tadel ohne Landtagsabschied aus- „Europäische Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit" b wzig 1832), Bv. 1, S 653 fg. *') Eine. Resolution der Landtagsrommission am 6. April 1816 sagte, die in An- 7Li) Kurhessen gelöst und seit zmer Zeil nicht wa>oer versanuuelt, so oft auch die Ritterschaft, stützt auf ihr altverfassungsmaßiges Recht, um dessen Zusammenberuftmg bitten mochte. Eingeschüchtert durch die Beschlüsse zu Karlsbad schien man jede Hoffnung, eine bessere Verfassung zu erreichen, aufgegeben zu haben, als 1821 mit der Regierung Wilhelms II. für Kurhessen ein neuer Stern der Hoffnung aufging; auf ihn, der alle Mittel besaß, sein Volk zu beglücken, waren alle Erwartungen gerichtet. Diesen entsprach auch die Trennung der Verwaltung von der Justiz *) und viele andere, ein Fortschreiten zum Bessern verkündende Maßregeln; aber bösen Eindruck machte schon damals die Entfernung fürstlicher und anderer Familien, welche sich weigerten, der zur Gräfin Reicheubach erhobenen Frau Orrlöpp, welche alsbald nach dem Regierungsantritt des Kurfürsten das fürstliche Palais bezogen yatte, die in Anspruch genommene öffentliche Ehre zu bezeigen, und der dmch das immer fühlbarer hervorgetretene Misverhältniß des verminderten Verbrauchs zur Produktion erregte Mismuth der Residenzbewohner verbreitete sich bald durch vermehrten Druck erhöhter Abgaben über das ganze Land. So allgemein man aber das Bedürsniß eines geregelten Staatshaushaltes fühlte, so blieben doch die wiederholten Antrage der Ritterschaft um Zusammenberufung eines Landtags ohne Erfolg, und ihre Abhängigkeit war so groß, daß sie auf die erste Nachricht eines im Eabi- ner geäußerten Misfallens nichts Eiligeres zu thun hatten, als ihr bei der Bundesversammlung wegen Vollziehung des Artikels 13 der wiener Schlußakte über- gebenes Gesuch zurückzunehmen. Epoche machte in der kurhessischen Geschichte — man sollte es kaum glauben — ein am 20. Zun. 1823 in Kassel zur Post gegebener, mit pseudonymer Unterschrift versehener Drohbrief, in welchem der Kurfürst und die Grasin Reichendach von einer in runder Zahl angegebenen Gesellschaft junger Leute mit dem Tode bedroht wurden, wenn jener nicht binnen Jahresfrist 1) seinem Lande eine dem 13. Artikel der wiener Schlußakte entsprechende Verfassung geben, 2) den Einfluß der Gräfin Reichenbach auf Regierungsangelegenheiten beseitigen und 3) das Benehmen gegen seine Umgebungen andern werde. In einer von sammtlichen Ministern unterschriebenen Bekanntmachung wurde ein treues biederes Volk des Attentats eines Hochvercaths beschuldigt, und die Untersuchung den gewöhnlichen Gerichten durch Ernennung einer Specialcommission entzogen. Die Voraussetzungen : 1) daß eine Verschwörung bestehe, 2) daß die Drohung mit demagogischen Umtrieben, welche damals von mehren Cabineten verfolgt wurden, in Verbindung stehe, oder 3) daß sie aus der Feder eines Gekrankten oder Zurückgesetzten oder auch 4) eines Solchen, welcher von einem höhern politischen Jnceresse geleitet worden, geflossen sei, wurden nacheinander mit gleicher Erfolglosigkeit zum Gegenstand der Untersuchung gemacht. In der vorgefaßten Meinung, die Anhaltspunkte derselben aus der in dem Briefe angegebenen Absicht entnehmen zu sollen, verbreiteten sich die Nachforschungen über das Land und das Ausland; der trag gebrachte Bildung eines besondern Hausvermögens sei eine aus der westfälischen Constitution entlehnte Idee vom Kronschatze und den Krondomainen und stehe im Widerspruch mit der Verfassung des kurhcssischen Staats und der ursprünglichen Eigenschaft und Bestimmung der Kammergüter, deren Unveräußerlichkeit durcy Primogenitur und Hausgesctze in Hessen längst festgesetzt sei. Bei der einzuführenden neuen Constitution, hieß es weiter, sei „nicht von einer Vertragswert einzugehenden Regierungsform die Rede", der Kurfürst wolle vielmehr als rechtmäßiger Regent,.aus landesväterlicher Zuneigung für das Wohl seiner getreuen Unterlha- nen die ständische Repräsentation neu gründen, und was er verwilligen und feststellen wolle, „gehöre nicht zu den Gegenständen, worüber vorerst zu tractncn stehe". „Europäische Verfassungen", Bd. 1, G. 667 fg. Die Red- *) Durch die Organisationsurkunde vom 29« Jun. 1821, ,,Europäische Nersap simgm", Bd. 1, S. 973 fg. Kurhessen Ausdruck eines in dem Drohbriefe oder den ihm nachgefolgten anonymen Schriften (beruhigenven Inhalts oder andern Ursprungs) enthaltenen Gedankens führte Zurücksetzungen, Verfolgungen und Verhaftungen herbei, unter andern die des geheimen Cabinetsarchivars Müller und des als politischer Schriftsteller bekannten Hofraths Murhard; auch starb als Opfer dieser Untersuchung der Artillerielieutenant Robert in Geisteszerrüttung. Nachdem man sich endlich von der Unschuld aller bisher Verhafteten überzeugt hatte, begann eine strenge Untersuchung gegen den Oberpolizeidirector von Mangcr und andere bei der Oberpolizeidirection angestellte Beamten. Inzwischen verschlossen Gendarmeriegarden und strenge Vorsichtsmaßregeln fortwahrend das Ohr des Fürsten den Unterthanen, den Freunden des Thrones, der Stimme der Wahrheit, verscheuchten die noch übrigen Fremden und unabhängigen Reichen, endlich im Mai 182V sogar die Kurfürstin, welche stets den Besitz ungetheilter Volksliebe sich bewahrt hatte, und den Kurprinzen im Sept. desselben Jahres. Immer bedenklicher wurde dadurch der Zustand der ge- werbtreibenden Einwohner Kassels; den noch beschäftigten Bauhandwerkern war die Rechtshülfe gegen die Willkür der Hofbaubeamten durch eine Verordnung entzogen, und das Obergericht in Kassel einst auf 24 Stunden förmlich suspendier worden, weil es gegen einen gewaltsamen Eingriff der Kriegsverwaltung Inhibition erkannt hatte. Auffallender aber, weil sie vor den Augen des Volkes geschah, war die, ohne vorangegangene Entschädigung durch Militairgewalt vollführte Niederreißung der den Brüdern Habich in Kassel verpachteten Gebäude, in welchen eine der nützlichsten Fabriken betrieben wurde, welche Kurhessen besitzt; auch dage gen wollten die Gerichte nicht schützen, weil der Staatszweck und ein allerhöchster Befehl vorgeschützt worden war. So wurde immer mehr die Herrschast der Gesetze und selbst die Landesverfassung, wie sie vor dem Jahre 180V bestanden hatte, durch Ordonnanzen geschmälert, Verbrauchs-, Eingangs- und Stempelsteuer ohne Einwilligung der Stände willkürlich erhöht, keine Rechenschaft über den Staats Haushalt gegeben, und das verarmte Volk seufzte unter dem Drucke unerschwinglicher Abgaben; dennoch beharrte es in seiner Düldwilligkeit, selbst die Nachricht von den Juliustagen sah man spurlos vorübergehen, obgleich der Kurfürst gerade damals mit der Gräsin Reichenbach, welche jetzt den Namen Lessonitz, nach einer in Mähren angekauften Herrschaft, führte, auf einer Reise nach Karlsbad abwesend war. Ein Gerücht aber, daß diese Reise durch Vorspiegelung einer Krankheit von der Grasin wäre veranlaßt worden, daß sie den Kurfürsten beredet, nach Wien zu reisen, um sie in den Fürstenstand erheben zu lassen, und die erste Nachricht von der schweren Krankheit des Kurfürsten, welche durch plötzliche, bei nächtlicher Durchreise ihres zum Baron (von Rosenfeld), Oberforftmeister und Oberpostdirector er^ hobenen Bruders bewirkte Fortschassung ihrer Kinder verbreitet wurde, die Zurück- kunft des Leibarztes, welcher auf die Nachricht von der Krankheit des Kurfürsten nach Karlsbad geeilt war, mit dem Berichte, von den Umgebungen des Fürsten nicht vorgelassen worden zu sein, und noch schlimmere, absichtlich verbreitete Gerüchte entzündeten den Volkshaß gegen die Grasin Lessonitz, und die Rauchwolken des langst schon über das ganze Land verbreiteten Vulkans verkündeten den naben Ausbruch der Flamme. Eine ebenso beunruhigende als unbefriedigende Mittheilung, welche das Staatsministerium von dem geheimen Cabinetsrath Ri- vallier von Meysenbug spater erhielt, veranlaßt? den Magistrat der Stadt Kassel eine Deputation nach Karlsbad abzusenden, die, gnädig von dem Kurfürsten aufgenommen, von der Wiedergenesunq, baldiger Zurückkunft und Versöhnung desselben mit dem Kurprinzen Nachricht brachte. Alsbald bildete sich eine berittene Ehrengarde zum Empfang des Fürsten, welche aber durch ihr Unternehmen zu Spottgedichten auf die Gräsin Lessonitz und deren Freunde und zu lauten Äußerungen gegen die Zurückkunft derselben nach Kassel Veranlassung gab. 782 Kurhessen Am 2. Sept. 1830 versammelten sich auf die Einladung Herbold's, des Gilde- meifters derKüperzunft, welcher durch die Zerstörung der Habich schen Fabrik seinen Hauptnahrungszweig verloren hatte, die Bürger, mit Ausnahme weniger, die durch die Behörden sich hatten abhalten lassen, indem Gasthause zum Stadtbau, wo in aller Ordnung über die Beseitigung vieler Zunftgebrechen, die Abhülfe der Noth des gewerbtreibenden Standes, die Zurückkunft der Kurfürstin u. s. w. berathen und auf den Antrag des Obergerichtsanwalts Hahn beschlossen wurde daß jede einzelne Zunft demselben ihre Beschwerden schriftlich mittheilen und zur Entwerfung eines dem Kurfürsten zwei Tage nach seiner Zurückkunft zu überreichenden Gesuches um Zusammenberufung der Stande Auftrag ercheilen solle. Zu bedauern war der Verweis, welchen Herbold erhielt, und der öffentlich? Tadel des gefaßten Beschlusses, woran der beabsichtigte Plan beinahe gescheitert wäre; denn mit Ausnahme der Instructionen der Schlosser und Goldschmiede enthielten die aller übrigen Gilden den verabredeten Auftrag nicht. Die Aufregung erhielt nun eine schlimmere Richtung, und am 6. Sept. Abends nahm sie in der Niedern Volksclasse einen wilden Charakter an. Der Streit zwischen einem Backer und einer Soldatenfrau gab die Veranlassung eines Zusammenlaufs; binnen wenigen Minuten war der Laden des Backers zerstört, und bevor das Militair zu Hülfe eilen konnte, waren binnen einer Stunde in allen Theilen der Stadt ahnliche Zerstörungen an Backerläden vorgenommen worden. Aus den größtentheils mit Äxten bewaffneten Haufen hörte man die Stimme: „Morgen geht es an die Metzger- und Kaufmannsladen". Auch bemerkte man Soldaten unter ihnen, welche bei jedem Steinwurf schrien : „Fürs Vaterland!" Dieser Tumult, welcher seit der Regierung Heinrichs des Kindes in solcher Art in Kassel zum ersten Male sich ereignet hatte, weckte die Schlafer, deutete auf die Nothwendig- keit der Bürgerbewassnung und machte die Grasin Lessonitz auf die ihr in Kassel drohende Gefahr aufmerksam. Am ?. Sept. versammelte sich der Stadtrath aus dem Gemeindehause, unterstützte bei dem Ministerium, welches damals ein Interregnum zu führen genöthigt war, die von den Bürgern verlangte Bewaffnung und theilte an demselben Tage 300 Gewehre aus, wodurch das Signal zur Organisation einer Bürgergarde gegeben wurde, welche nicht allein den beabsichtigten Zweck, die Ausbrüche roher Volkswuth zu unterdrücken, vollständig erreichte, sondern auch den'Plan, ohne Blutvergießen und gesetzwidriges Unternehmen auf dem Wege der Reform durch beharrliche Benutzung vereinigter Kraft der Verstandigen ein besseres Staatsleben herbeizuführen, seh. beförderte. Das Gelingen dieses, unter Freunden im Stillen berathenen Planes, welcher auf der einen Seite mit rohen Leidenschaften und auf der andern mit der Ängstlichkeit des Spießbürgerthums und der Furcht vor der Gefahr des Mislingens zu kämpfen hatte, ist der verständigen Mehrzahl der Bürger Kassels zu verdanken. Die berittene Ehrcngarde sowol als die öffentlichen Versammlungen unterblieben, und planmäßig herrschte die tiefste Ruhe bei der am 12. Sept. erfolgten Ankunft des Kurfürsten und Kurprinzen in Kassel; die Grasin Lessonitz aber, welcher die gegen sie herrschende Aufregung nicht verhehlt werden durfte, blieb in Eisenach zurück. Gleichzeitig sammelten 30 Bürger 1400 Unterschriften zu dem verabredete« Gesuche um Versammlung der Landstande, welches ihrer 60 am 14. Sept. 1830 dem auf dem Gemeindehanse versammelten Stadtrathe mit der Bitte übergaben, der Sache des Vaterlandes sich annehmen zu wollen. Der Stadtrath, an dessen Spitze der Bürgermeister Schomburg stand, verfügte sich am nämlichen Tage in Gesammtheit nach dem Schlosse Wilhelmshöhe, wurde aber mit der Zusicherung, daß sich der Kurfürst den 1ü. Sept. Morgens 10 Uhr in seinem Palais in Kassel werde sprechen lassen, von der Schwelle der Thüre zurückgewiesen. Diese Zurücksetzung vermehrte die Aufregung abermals in so hohem Grade, daß es der kraftigsten Anstrengung aller Pa- Kmhessen 78,5 trioten bedurste, am Abend des 14. Sept. Excesse zu verhüten. Zugleich verbreitete sich aber auch die Theilnahme an der guten Sache unter allen Standen in demselben Grade, als die Hoffnung des Gelingens stieg; schon um 8 Uhr Morgens sah man die ausgezeichnetsten Manner gruppenweise in die Wohnungen der Minister eilen, um ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen, und um 10 Uhr war der Platz vor dem kurfürstlichen Palais bis an die Statue des Landgrafen Friedrich mit Menschen bedeckt, welche in feierlichem Ernste und mit gespannter Erwartung dem Ansgange entgegensahen; schallender Jubel unterbrach die Grabesstille, welche bei der Ankunft des Kurfürsten geherrscht hatte, als Herbold durch das verabredete Zeichen an der Thüre des Palais mittels Emporhebung eines weißen Tuches verkündete, daß der Kurfürst die Stimme seines Volkes erhört habe. In diesem Jubel, welcher allen Standen sich mitgetheilt hatte, wurde der Tag vollbracht, mit glänzender Beleuchtung der Abend gefeiert, der Kursürst im Theater mit herzlicher Ehrerbietung begrüßt. Nicht die mindeste Unordnung ereignete sich bis in die spate Nacht; wie mit einem Zauberschlage schien die Revolution erstickt worden zu sein; Städte und Landdistricte sendeten zum Zeichen ihrer Gleichstimmung und Anerkennung Deputationen und Dankadressen an den Kurfürsten und den Stadtrath zu Kassel. Die Regierung aber benutzte diese Stimmung des Volkes nicht, ein Vorwurf, welcher sie auch dann treffen würde, wenn sie dem Systeme des Absolutismus ferner ergeben sein wollte. In Hanau und Fulda entstanden die Unruhen zuerst bei Gelegenheit der Zurückkunft der auf die Nachricht der Ereignisse d.s 15. Sept. nach Kassel gesendeten Deputirten, welche die gebetene Audienz von den, Kurfürsten nicht erhalten hatten. Dort richtete sich der Sturm gegen das verhaßte Institut der Maulh mittels Zerstörung der Zollstatten. Auch in Kassel zeigten sich neue Aufregungen, als der Oberstlieutenant von Loßberg, welcher wegen seiner Aeu- ßmmgen über den 15. Sept. verhaßt war, zum Stadtcommandanten ernannt, mich völlig hergestellter Ruhe das beurlaubte Militair eingezogen und in den umliegenden Dörfern in einem Halbkreise gegen die Stadt aufgestellt, die zugesagte Bürgerbewassnung aber verzögert wurde. Am 0. Oct. war die Volksmasse im Begriff, das durch Jager und Artillerie vertheidigte Zeughaus zu erstürmen, und nun uff wurde die vollständige Bürgerbewaffnung genehmigt und die Ruhe hergestellt. Ein gefährlicher Auftritt ereignete sich abermals am 16. Oct. bei Gelegenheit der erste Zusammenkunft der Stande. Die Bürgergarde, welche die Erlaubnis erhalten hatte, den an diesem Tage zum ersten Mal versammelten Standen eine Ehrenwache zu geben, verweigerte die Befolgung einer Gegenordre des Commandantcn von Loßberg, der, als er in rauhem Tone sie auseinander gehen hieß, von der umstehenden Volksmasse beinahe erdrückt, gemishandelt und mit Zischen und Pfeifen der Knaben durch die Straßen der Stadt verfolgt wurde. Als dieser Knabenunfug am folgenden Tage sogar während der Parade sich wiederholte, hieben mehre Unteroffiziere mit ihren Seitengewehren in die Volksmenge und verwundeten viele wehrlose Unschuldige. Ein Schrei des Entsetzens durchfuhr die Straßen der Stadt; bewaffnete Volkshaufen zeigten sich, die Bürgergarde besetzte den Markt, das zahlreichere Militair den Friedrichsplatz, und drohend standen die Parteken sich gegenüber. Den rastlosen Bemühungen des Polizeidirectors Pfeiffer und des Generals von Hainau, welcher, nachdem er auf der Stelle zum erstell Commandanten der ^tadt war ernannt worden, das Militair in die Easerne zurückzog und die Erhaltung der Ordnung der Bürgergarde überließ, verdankt man, daß an diesem Tage kein Blut mehr vergossen wurde. Am 16. Oct. übergab der erste Landtagscommissair, Appellationsgerkchtsprä- ßdentvon Porbeck, den Ständen den Entwurf*) einer neuen Verfassung, welche *) „Europäische Verfassungen", Bd. 1, S. 607 fg. 784 Kuvhessm mit unbedeutenden Abänderungen derselbe war, den Kurfürst Wilhelm I. vor 14 Iahren*) seinen Ständen vorgelegt hatte, und erklärte, daß die gesammre Landesschuld von der Cabmetscasse übernommen und die Landcsschuldentilgungssteuer erlassen sein solle. Diese Nachricht, und was sonst noch von den Fortschritten des Verfassungswerkes zur öffentlichen Kunde gelangte, trug viel zur Beruhigung des Volkes bei, auch blieb nicht ohne Eindruck auf das Militair, was von dessen zukünftiger Stellung im Staate verlautete, daß nämlich den Offizieren die Rechte anderer Staatsdiener eingeräumt und die Dienstzeit des Soldaten auf fünf Jahre beschrankt werden sollte; besonders erfreulich aber war die Übereinkunft mit den Ständen, daß das unter dem Namen der Cabinetscasse bisher verwaltete Vermögen zur Halste dem Staatsschatz, dessen Einkünfte im Staatsgrundetat nachher aus 330,000 Thaler angeschlagen wurden, und zur andern Hälfte den Fideicommiß- schatz bilden sollte. Alles schien jetzt in ruhigem Gang die beste Richtung zu nehmen/nur auf die Aurückkunft der Kurfürstin war noch die gespannte Erwartung, der Kasseler gerichtet; als aber statt ihrer im Nov. die Nachricht sich verbreitete, daß die Gräfin Lessonitz in Wilhelmshöhe angelangt fei, wurde alsbald, man sagt, abermals nicht ohne aristokratischen Einfluß, beschlossen, um Entfernung derselben den Kurfürsten zu bitten; man begnügte sich jedoch, das Gesuch an die Land- ftände zu richten, die besser beurtheilen konnten, ob und welcher Gebrauch, unbeschadet des Verfassungsbaues von demselben zu machen fein werde. Die Landstande hatten zur Prüfung des ihnen vorgelegten Entwurfs der Verfassungsurkunde einen Ausschuß ernannt, der aus sieben Mitgliedern der drei Ermen, der Prälaten, der Städte und der Bauern, bestand, und den Professor Zordanfs. d.), den Abgeordneten der Universität Marburg, zum Vorstand erwählte. Der Entwurf wurde sowol in seinen Grundlagen umgestaltet, als durch wichtige Gewahrleistungen der Vslksrechte verbessert, und so entstand durch Verhandlungen zwischen der Regierung und den Ständen auf dem Wege des Vertrags das neue Staatsgrundgesctz. Am 5. Jan. 1831 unterzeichnete der Kurfürst Wilhelm II. die neue Verfassungsurkunde**), welche von dem Deutschen Bunde, dem sie zur Gewährleistung überreicht werden sollte, zwar noch nicht anerkannt ist und ihre Fehler haben mag, gleichwol im In- und Auslande verdienten Beifall erhielt. Am 8. Jan. kehrte die Kursürstin, empfangen mit unbeschreiblichem Jubel, in die Residenz zurück; am 9. wurde die Verfassung nach der von dem Kurfürsten selbst getroffenen Anordnung feierlich beschworen, und am 10. von dem Magistrate und der Bürgergarde ein glänzender Fackelzug veranstaltet, bei welchem zum Entzücken aller Anwesenden der Kurfürst auf dem Balcon des Bellevueschlosses vor den Augen des Volkes seine Gemahlin umarmte. Einen unglücklichem Zeitpunkt hatte die Gräfin Lessonitz zum Tage ihrer Ankunft in Wilhelmshöhe nicht wählen können, als den 11. Jan. 1831; die Nachricht veranlaßt plötzlich unruhige Bewegungen, man behauptet zwar, abermals nicht ohne Einwirkung der Aristokratie, aber zu leugnen ist nicht, daß die Gemüther zu sehr durch die Eindrücke der vorangegangenen Tage ergrissen waren, daß auch die Verständigsten sich leidend verhielten, daß man die Bürgergarde nicht einmal zu requiriren wagte, und daß selbst Beamten, Militair und Ministerium keine besondere Luft bezeigten, die Verfolgte in Schutz zu nehmen. Sehr viel trug zu dieser Passivität die Ernennung neuer Minister bei, welche man für das anticonstitutionnelle Werk der Grasin ansah. Vergeblich war das Zureden der Behörden, unter welchen der Polizeidirector Pfeiffer sich wie immer auszeichnete, vergeblich sogar die schriftliche Mißbilligung des Tumults von Seiten der Kursürstin. Der Kurfürst erklärte, die Entscheidung der Frage seinem Ministe- *) Entwurf vom 16. Febr. 1816. S. „Europäische Verfassungen", Bd-1, S. 659 fg. „Europäische Verfassungen", Bd. 1, S. 61Z fg. Kurhcssen 785 .>F rium überlassen zu wollen, welches aber nicht wagte, Gewalt anzuwenden; die Gräfin entschloß sich deshalb zur Abreise, und der Kurfürst nahm davon Veranlassung, seine Residenz nach Hanau zu verlegen. Der Kurfürst, welcher feinen Standen in feierlicher Versammlung die Verfassungsurkunde mit dem Wunsche übergab, daß sie das Glück feines Volkes begründen möge; er, der auf den Antrag derselben, ihm in der Residenz eine Statue errichten zu dürfen, die Antwort gegeben, daß er zwar zur Erinnerung an eine Handlung, welche einen wichtigen Zeitabschnitt in der vaterländischen Geschichte bilden werde, die Errichtung eines Denkmals genehmigen wolle, daß er aber den schönsten Lohn seiner Regierung in der Anerkennung seiner Absichten finden werde; er, der für die bürgerliche Freiheit der Hessen tbat, was einst sein Ahn, Philipp der Großmüthige, für ihre Gewissensfreiheit gethan hatte, er war, durch die unfreiwillige Entfernung der Gräfin Lessonitz in seinen Erwartungen getauscht, nicht zu bewegen, nach Kassel zurückzukehren. Den ersten Schritt thaten die Landstande in ihrer Antwort auf die Rede, mit welcher der Minister von Schenk am 11. April 1831 die zweite Ständeversammlung eröffnet hatte; der Kurfürst erwiderte aus die eindringlichen Worte der Deputation ablehnend, „daß seine Gesundheit durch die Ereignisse des letzten Winters sehr gelitten", und mit Bitterkeit, „daß seine Anwesenheit wahrend der Standeversammlung dem ruhigen Geschäftsgänge eher nachtheilig als förderlich sein werde, denn er habe die traurige Erfahrung gemacht, daß sie Unruhen nicht verhindert, sondern hervorgerufen habe, daß aber die Stände das Interesse einer einzelnen Stadt von dem eines ganzen Landes würden zu unterscheiden wissen". In einem an das Staatsministerium gerichteten Cabinetsschreiben wurde hinzugefügt, „daß der Kurfürst nicht eher nach Kassel zurückkehren werde, bis ein anderer Geist bei den Einwohnern dieser Stadt werde eingekehrt sein". Die Überzeugung der Eingeweihten in die Geheimnisse des bisherigens HoflebenS, daß der Kurfürst zur Rückkehr nach Kassel ohne die Gräsin Lessonitz nicht zu bewegen sein werde, theilte sich jetzt dem bis dahin noch immer im Jrrthum befangenen Publicum mit, und es bildeten sich Parteien, deren entgegengesetzte Bestrebungen alsbald ihre Triebfedern in Bewegung setzten. Eine sehr kleine Partei war die der aufrichtigen AnHanger der Gräsin, verstärkt aber durch brotlos gewordene Bauhandwerker und desEigennutzes hohe und niedere Sklaven, zu welcken sich auch Diejenigen gesellten, die überzeugt zu sein glaubten, daß die Gräfin, welche, wie man auch wol behauptet, dem Verfassungsbaue nicht hinderlich, sondern förderlich gewesen, ihm auch fernerhin, nunmehr eines Bessern überzeugt, aus Grundsatz eine kräftige Stütze seiner Vollendung sein werde. Es gesellte sich dieser Partei ferner auch ein Theil Derjenigen zu, welche, den hohen Werth des von dem Kurfürsten auf dem Wege des Vertrags mit seinem Volke geschlossenen Bundes wol erkennend, die Ansicht hatten, diese den kommenden Geschlechtern erwiesene Wohllhat erheische Duldung einer fortan dem Lande gewiß unschädlichen Neigung ihres Fürsten, welcher zu widerstreben weder ein Grund noch eine Befugnis vorhanden sei. Es ging a?er diese Partei so weit, zu verlangen, daß die ^läsin sichst ^ Rückkehr eingeladen, oder daß doch wenigstens die ihr zugefügte Beleidigung förmlich anerkannt werden solle, und erklärte ganz offen den Grundatz, daß, wenn man den Zweck, die Rückkehr des Kurfürsten, wolle, man auch ^ zur Erreichung desselben dienenden Mittel, die Zurückbcrusung der Gräfin Ponitz, zu ergreifen sich nicht scheuen dürfe. Diese Partei wurde jedoch bald unter- ruckt von der größern Zahl Derjenigen, welche durch die Gräfin und ihren Einfluß Krankt worden oder sich bloßgestellt zu haben meinten, oder ehemals zu untertänig gewesen waren und nun die zur Verweigerung solcher Unterthänigkeit er» Kraft sich selbst nicht zutrauten. Ihnen schlössen sich die Freunde der ' uttunrin an, welche die erhabene Stellung dieser Fürstin nicht begriffen, ferner ^nv.-krx. der neuesten Zeit und Literatur. II. 55) 786 Kurhessen alle Diejenigen, welche von der Zurückkauft der Vertriebenen Reactioncn und ernst- ^ haste Besorgnisse für die Verfassung selbst befürchteten, auch wol Einige, die mit der fortdauernden Entfernung des Kurfürsten andere Plane verknüpften wozu insbesondere der eines zu bildenden Regentschaftsrathes gehört zu haben >^!! scheint. Diese Partei stellte den Grundsatz auf, es gebe zwischen dem Guten und Schlechten keine rechte Mitte, und huldigte ebenfalls, ohne es zu gestehen, dem ihren Gegnern vorgeworfenen Lehrsatze der Jesuiten, daß der Zweck, die als gut von ihr erkannte Verbannung der Grasin Lessonitz, das Mittel, verfassungswidrig? zV^ Gewalt, heilige. Sie verbreitete ihre Ansichten in öffentlichen Blattern und V?r- ^ sammlungen; eine dem Stadtrath übergebene Denkschrift sollte ihr Benehmen ^5 - rechtfertigen, fand aber weder bei Denjenigen, welche sich von der Theilnahme an den Ereignissen des 11. Jan. 1831 lossagten, noch in der Standeversammlung k», Anklang, weil man die Erwähnung der häuslichen Verhältnisse des Kurfürsten "'s für ebenso unschicklich als die Einmischung in dieselben für verfassungswidrig ansah. Nichtswürdiger gab sich das Dasein des zur ersten Partei gehörigen Pö- WM bels bei der Einweihung der von den Jungfrauen der Stadt Kassel prachtvoll ge- »och pr stickten Fahnen der Bürgergarde am 28. Mai 1831 zu erkennen. Nach öffent- Mb«,! licher Kirchenfeier auf dem durch den 15. Sept. geheiligten Friedrichsplatz? iiu Beisein der Kurfürstin, des Kurprinzen, des Ministeriums, des diplomatischen Mnstl Corps — mit Ausnahme des östreichischen Gesandten — und sämmtlicher Stabs- chm ko ofsiziere, dauerte das sinnreich geordnete Volksfest, an welchem alle Stande ohne Mm Unterschied Theil nahmen, bis in die späte Nacht, aber mit Schrecken bemerkten MZi viele Frauen, daß ihre Kleider und Tücher waren zerschnitten worden. Die große Mehrzahl der verständigen Einwohner der Residenz thcilten in- wiün dessen die angedeutete Ansicht der Ständeversammlung; man beschloß das auf den chm 28. Jul. fallende Geburtsfest des Kurfürsten auf das feierlichste zu begehen und nM ihn durch eine Deputation des Magistrats hierzu einzuladen. In der Einladungs- ich, i adresse kamen die Worte vor: „Nie sollen uns unsere Nachkommen den Vorwurf FL tn machen, daß wir als kurzsichtige Zeitgenossen den unsterblichen Ruhm verkannt ivr H hätten, welchen Eure königliche Hoheit um das Land ihrer Vater sich erworben ZeM haben. O, daß sich kein schmerzliches Gefühl der Trauer in unsere Freude mischen ZMe möge, mit welcher wir zum ersten Mal den Geburtstag unsers constitutionnellen Fürsten begrüßen, daß Eure königliche Hoheit geruhen möchte, Zeuge unserer loyalen Gesinnungen zu sein!" Mit keiner Sylbe wurde der Gräsin Lessonitz gc- dacht. Dagegen erhob sich aber die zweite Partei. In dem „VerfassungSsreunde", einer in Kassel herausgegebenen Wochenschrist, erwähnte sie das Verhältniß des Kurfürsten zur Grasin als eures solchen, dessen nähere Bezeichnung der Anstand verbiete, und der Ertheilung der Verfassungsurkunde als einer Handlung, welche nach ihren Motiven und dem nachfolgenden Benehmen des Kurfürsten zu würdi- gen sei; an einem andern Orte bemerkte dieses Blatt anspielend, daß, wenn es denkbar wäre, der Kurfürst könnte jemals in anderer als constitutionnell gesinnter Begleitung in seiner Residenz zurückkehren, dieses sofort den ganzen freudigen Ein- druck bei der bessern Mehrzahl der Bewohner vernichten werde. Zugleich wurde von einem Anhänger dieser Partei eine Verwahrung gegen die Aurückkunft der Gräfin Lessonitz in den stärksten Ausdrücken abgefaßt, wodurch die Bürgergarde ihren Dienst für diesen Fall versagen sollte, und obgleich diese Verwahrung nur einige Unterschriften erhielt, so wurde sie doch zum Abdruck in auswärtige Zeitun- gen befördert. Die öffentliche Meinung für die Rückkehr des Kurfürsten wurde durch die zahlreichen Unterschriften der an ihn gerichteten Einladung ausgesprochen; gleichwol ist es dem Einfluß jener Partei zuzuschreiben, daß der von allen Seiten gedrängte Stadtrath sie erst am 26. Jul. durch Estafette absendete. Der Kurfurg erwiderte schriftlich, auf die Eingabe des Raths der Stadt Kassel gebe er zu ?r- Kurhessen 787 kennen, daß er im Rückblick auf die Vergangenheit und in Erwägung der Gegenwatt in der nächsten Zukunft keinen Grund finde, von Entschließungen abzugehen, welche durch Thatsachen veranlaßt worden, deren Andenken durch Worte, wie die vorgetragenen, nicht ausgelöscht werden könne. Der 28. Jul. ward indeß zum Zeichen ungeheuchelter Dankbarkeit in der Art wie früher das Fahnenfest auf dem Friedrichsplatze gefeiert, aber durch Einige aus dem Pöbel der ersten Partei noch empörender als früher gestört. Uniformen und die Kleider vieler Manner und Frauen waren mit Vitriolsäure bespritzt und in dem Hause eines bekannten Patrioten, wo der Oberhofmarschall von Thümmel wohnte, sogar Feuer angelegt worden. Der Urheber dieser Brandstiftung, ein Maurergeselle, ist nachher entdeckt und zu zehnjähriger Eiscnstrafe verurtheilt worden. Er soll eingestanden haben, vor der That aus vornehmer Hand Geld empfangen zu haben. Die Zeit der Prüfung, welche die ihrem Fürstenhause stets treu ergebenen Hessen bestehen sollten, schien noch nicht vollendet zu sein. Der durch die verwerflichsten Mittel entzündeten Flamme der Leidenschaft und Parteiwuth stand eine noch gar nicht erkannte, allgemein noch nicht einmal verstandene Verfassung gegenüber, eine noch nicht ins Leben getretene Form, ein negatives Glück, welches den Zustand der Willkür nur verbannen, aber ohne Volksgeist und die engste Verbindung desselben mit dem guten Willen der Staatsregierung keine Frucht hervorbringen konnte. Diese Gefahr, der schönsten Hoffnungen verlustig zu werden, gab Veranlassung, am 21. Aug. 1831 die Ständeversammlung um Verwendung um die Beseitigung dieses unheildrohcnden Auslandes zu bitten, welcher nur durch die Anwesenheit des Regenten an dem Sitze der Regierung bewirkt werden könnte, damit derselbe den verfassungsmäßigen Rath seines Staatsministeriums nicht entbehren und den Eingebungen einer, mit der Verfassung nicht befreundeten Cama- rilla Gehör geben, bei längerer Abwesenheit aber die Voraussetzung genehmigen möge, dH nach §. 7 und 8 der Verfassungsurkunde, welche Vorschriften für den Fall der Einsetzung eines Regentschaftsrathes enthalt, verfahren werde. In der Absicht, den Kurfürsten zur Rückkehr nach Kassel zu bewegen, ward eine Deputation, bestehend aus dem Präsidenten der Standeversammlung und zwei Deputirten, dem Bürgermeister der Stadt Kassel und zwei Mitgliedern des Stadtraths, abgesendet. Sie erhielt am 28. Aug. die mündliche Antwort des Kurfürsten, daß dieser Schritt ihm angenehm fei, und daß er nach Einreichunq eines schriftlichen Gesuchs zur Zufriedenheit der Deputation entscheiden werde. Die schriftliche Resolution aber lautete, daß sich der Kurfürst zur Rückkehr nach Kassel würde entschlossen haben, wenn er nicht in den letzten Tagen Kennt- n>ß erhalten, daß ein Tyeil der Einwohner fortfahre, die gesetzliche Ordnung und die ihrem angestammten Landesherrn schuldige Achtrmg zu verletzen; er könnte deshalb den Wünschen der Deputation noch keine Folge geben, würde aber für die Beseitigung der gefürchteten Nachtheile unverzüglich besorgt sein. Die in dieser Entscheidung angedeutete Achtungsverletzung bezog sich auf eine, von zwölf Einwohnern Kassels, welche sich Bürgerausschuß genannt hatten, unterzeichnete Mitteilung obiger an die Landstände gerichteten Adresse an sämmtliche Städte und Eommandeurs der Bürgergarden mit der Auffoderung zur Einreichung ähnlicher Adressen. So wenig man auch aus dem Inhalte jener an die Stände gerichteten adresse einen Misbrauch des Petilionsrechtes entnehmen konnte, so unvorsichtig und voreilig war gleichwol, wenn man zunächst die Zurückkunft des Regenten beabsichtigte, diese Auffoderung, weil man hatte berücksichtigen sollen, daß sie in die Hände des Kurfürsten gelangen könne, bevor die Deputation ihren Zweck erreicht bube; es ist aber ungewiß, ob jene Männer sich selbst getäuscht hatten oder von einer Partei getäuscht worden waren, und nur so viel ist gewiß, daß man diesen -orsaU sehr gern zur Abschließung einer Ausgleichung benutzte, nach welcher der 50* 788 Kurhessen Kurprinz die Regentschaft wahrend der Abwesenheit des Kurfürsten übernahm Arn 3l). Sept. 1831 wurde diese Anordnung durch ein Gesetz begannt gemacht welches von dem Ministerpräsidenten von Schenk in die Standeversammlung gebracht und von derselben nach erfolgter Berathung in geheimer Sitzung genehmigt worden war. Einige Tage später wurde der Obergerichtsdirector Wiederhold der im Auftrage der Stände die Unterhandlungen über die Einsetzung einer Regentschaft geleitet hatte, zum Iustizminister, und, nachdem von Schenk seine Entlassung genommen, zum Präsidenten des Ministerraths ernannt. Die Schwierigkeiten aber, welche jener Ausgleichung vom Anfange an entgegenstanden, hatten doch nicht ganz beseitigt werden können. Die erste betraf den Geldpunkt, weil der Kursürst sich nicht allein die sammtlichen Einkünfte des Hausschatzes, sondern auch die Unterhaltung seines eignen Hofstaats, seiner Schlösser und Gärten in Hanau und Philippsruhe lc, aus der von dem Lande bewilligten Civilliste, in welcher auch die Apanagen der Kurfürstin, die Besoldungen der Hofdiener, die Kostendes Theaters begriffen sind, sich vorbehalten hatte; der zweite Übelstand aber war der Streit des Kurprinzen mit seiner Mutter, wegen ihrer Verweigerung der Anerkennung seiner morganatischen Ehe, welche, seiner Popularität nachtheilig, zu neuen Parteikämpfen Veranlassung gab. Die Volksberathungen erneuerten sich; aber die Zeit des Duldens war vorüber, die öffentliche Gewalt behauptete ihr Recht und zu bedauern war nur die unvor- sichtige Anwendung und die Veranlassung derselben. Die Kurfürstin hatte am 3. Dec. 1831 das Theater nicht besuchen können, weil, wie es hieß, auf Befehl der Hofverwaltunz der zur kurfürstlichen Loge führende Eingang nicht erleuchtet und verschlossen war. Alsbald wurde beschlossen, daß, wenn am 7. Dec. der Haupteingang des Theaters nicht geöffnet sein werde, der Kurfürstin derselbe mit Gewalt geöffnet werden solle; auch war in einer andern Versammlung die Rede davon gewesen, eine Deputation an den Kurfürsten zu senden, um eine Änderung der bestehenden Verhältnisse herbeizuführen; aber auf den Bericht der Polizeibehörde war der Haupteingang zum Theater schon ungewöhnlich früh eröffnet und die Kurfürstin war von einer Deputation des Stadtraths dringend ersucht worden, zur Vermeidung eines drohenden Aufstandes sich in das Theater zu begeben. Mit unbeschreiblichem Jubel wurde sie vor dem Theater von einem großen Publicum empfangen, welches gerade diese Gelegenheit, seine Huldigung darzubringen, nicht vorübergehen lassen wollte und sich bald nachher wieder zerstreute. Einige aber, welche nicht zurückgehalten werden konnten, drangen in das Theater und brachten von der Galerie herab der Kurfürstin noch ein Lebehoch. Pfeifend wendeten sich Einige gegen das Palais des Kurprinzen, vor welchem die Wagen hielten, die ihn und seine Gemahlin in das Theater führen sollten, und der herbeigerufene Polizei- director GieSler wurde von einem Aufrührer verhöhnt und gescholten- Der Ehef der Bürgergarde hatte nach seiner Überzeugung erklärt, daß nichts zu befürchten sei, aber die unaufhörlichen Patrouillen des MilitairS, besonders der Leibgarde zu Pferde, und die Lärmtrommeln der Bürgergarde hatten die Bewohner der untern Stadttheile herbeigeführt. Viele auch kamen, um dem Fackelzuge sich anzuschließen, welcher der Kurfürstin gebracht werden sollte, Andere, um ihre Angehörigen aus dem Theater zu holen, Alle aber in der Überzeugung, daß eine Veranlassung, welche schon mehrmals die ganze Bevölkerung Kassels in größter Ruhe vereinigt hatte, die Anwendung der Militairgewalt nicht erheischen werde; aber die Kurfürstin erhielt die Nachricht, sie möge das Theater nicht verlassen, bevor das Volk entfernt worden sei. Solches zu bewirken, war allerdings die erst nach sieben Uhr aufgerufene nur aus einigen Hunderten bestehende Bürgergarde zu schwach; auf Requisition des Polizeidirectors wurde deshalb die Leibgarde zu Pferde vor dem Theater in der Königsstraße, wo die Menschenmasse gerade zur Zeit des Theater- Kurhessen 789 schlusses im dichten Gedränge weder ausweichen noch entfliehen konnte, zum Anhauen commandirt. Einzelne Soldaten erlaubten sich schmachvolle Gewaltthatig- keitcn, aber der Angriff im Allgemeinen war schonend, indem nur ungefähr zwanzig Verwundungen bekannt geworden sind, von welchen nur eine durch Zufall cödllich geworden zu sein scheint; unter den Mishandelten befanden sich Leute jedes Standes und viele Staatsbeamte. Traurig sind die Folgen dieses Ereignisses für Kurhessen gewesen, sowol in Beziehung auf die zur Staatswohlfahrt nothwendige Festigkeit des Bandes zwischen Fürst und Volk, als in Ansehung der Ausbildung des verfassungsmäßigen Nolksgeistcs. Diesen Übeln Folgen vorzubeugen, nahm sich die Ständeversamm^ lung der Sache bald sehr ernsthaft an, und der Kurprinz erließ eine Proclamation, in welcher er sagte, daß die Stimme eines zur Erhaltung der Ordnung berufenen Beamten verkannt und in dem Dunkel der Nacht Beklagenswerthes vorgefallen sei, daß aber die Gerechtigkeit gehandhabt werden solle. Dem am andern Morgen aus dem Gemeindehause versammelten Volkshausen eröffnete Jemand, an- ! geblich im Austrage des Magistrats und mehrer Deputirten der Stände, daß alle Schuld des Ereignisses des vergangenen Tages auf den Polizeidirector Giesler I falle. Diese Herausfodcrung verfehlte ihre Wirkung nicht; mit dem wiederholt geäußerten Vorsatze, ihn aufhängen zu wollen, stürzte der Haufe nach der Wohnung des Polizeidirectors, welcher sich aber gerade in dem Palais des Prinzen befand und nachher durch ein ganzes Bataillon der Garde geschützt wurde. In der Folge ist er zwar wegen Misbrauchs seiner Amtsgewalt in Untersuchung gezogen und von dem Criminalsenate des ObergerichtS zu Strafe verurtheilt worden, wogegen er jedoch appellirt hat. Die wegen begangener Excesse bezeichneten Militairs wurden von dem Generalauditorate freigesprochen, weil das zum unbedingten Gehorsam verpflichtete Militair, wie man sagte, requirirt worden sei — gegen unbewaffnete Männer und Weiber — nach Kriegsgebrauch einzuschreiten. Aber die in öffentlichen Blattern und selbst zwischen der Regierung und den Ständen entstandenen Reibungen hatten den nachtheiligsten Einfluß auf die zur Wiederherstellung der staatsgesellschaftlichen Ordnung so nothwendige Ausbildung der Verfassung. Aus dieser geschichtlichen Darstellung ist zu erklären, warum während einer sünfzehnmonatlichen Dauer die zweite Ständeversammlung den gerechten Erwartungen des Volkes nicht ganz entsprechen konnte. Zur Erfüllung der in der Ver- sassungsurkunde enthaltenen Verheißungen hatte der Landtagsabschied vpin 9. Marz 183k nicht weniger als 43 Gesetze versprochen, unter welchen die Ge- Mkindeordnung, das Preßgesetz, das Gesetz über Ablösung der Grundlasten und Dienste und das Bürgergardengesetz die gespannteste Erwartung erregten. Zu bedauern war, daß die Verhandlung über den sehr gut ausgearbeiteten, den in Preußen und Baiern bestehenden Einrichtungen nachgebildeten, wol nur mit wenigen Abänderungen annehmbaren, am 5. Nov. 1831 vorgelegten Entwurf einer Gemeindeordnung, welche als Grundlage des ganzen StaatSorganismus zu betrachten war, nicht allen andern Geschäften vorangesetzt und wegen unbedeuten- l bcr Meinungsverschiedenheit bis zur Auflösung des Landtags verzögert wurde. Der am 19. Dec. 1831 vorgelegte Entwurf eines Preßgesetzes erregte lebhafte Verhandlungen über die in Anspruch genommene Öffentlichkeit des Verfahrens bei Preßvergehen; die Mehrheit entschied sich gegen dieselbe, weil die Staatsrcgierung erklärt habe, unter keiner Bedingung hierauf eingehen zu wollen, und verschob die Beantwortung der Frage bis zur Einführung der Öffentlichkeit des gerichtlichen ^erfahrcns in allen Strafsachen, für welche man sich beinahe einstimmig erklärte. einem politischen Wochenblatte wurde die Majorität deshalb auf das Heftigste angegriffen, obgleich man wol hätte einsehen sollen, daß zur Zeit weder die kur- 769 Kut Hessen hessischen Gerichte noch ihre Gerichtsstuben für die Öffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens geeignet warev- .Auf den Antrag des Abgeordneten Pfeiffer sollte jedoch, um den Mangel der Öffentlichkeit so viel als möglich zu ersetzen, den Anwälten und einigen Freunden des Angeklagten der Zutritt gestattet sein; aber eine Vereinigung mit den Ansichten der Staatsregierung kam nicht zu Stande und die Verkündigung des Gesetzes unterblieb, bis endlich die geschärften Cenfurvorschrif- ten der Bundesversammlung erschienen und die badische Regierung selbst das bereits eingeführte Preßgefetz zurückzunehmen genöthigt wurde. Unendliche Schwierigkeiten begegneten der im ß. 40 der Verfassungsurkunde angeordneten Vürgerbewassnung, welche von der Staatsregierung mit Mistrauen angesehen wurde. Nachdem der Entwurf mehrmals erörtert und stets wieder in veränderter Gestalt vorgelegt worden war, verzichtete man endlich auf die, durch die Verordnung vom 22. Ott. 1830 schon angeordnete Organisation der bewaffneten Stadtgemeinden in 22 Bataillonen, wodurch die der preußischen Landwehr ahnliche Volksbewaffnung in gewöhnliche Communalgarden ohne gemeinschaftliche Übungen verwandelt wurde. Das endlich am 23. Jun. 1832 erschienene, vorher mit Sehnsucht erwartete Gesetz*) ließ deshalb die zur Vollziehung desselben erfoderliche Liebe für die Sache überall nicht mehr sichtbar werden. Bei den Verhandlungen über das in den §ß. 33 und 34 der Verfassungsurkunde zugesicherte, die Ablösung der Grundlasten und Dienste betreffende Gesetz, welches ebenfalls am 23. Jun. 1832 bekannt gemacht worden, übernahmen die Deputieren der Städte die Ver- mittelung zwischen dem Adel und den Deputirten des Bauernstandes mit Intelligenz und Unparteilichkeit. Das Ablösungscapital wurde aber von der Majorität aufdenzwanzigfachcn Betrag der jahrlichen Leistungen festgesetzt, wahrend man im Großherzogthum Baden ss. d.)nur den funfzehnfachen Betrag angenommen hat, von welchem außerdem die Staatskasse dort noch ein Drittheil übernimmt. Dagegen sollen bei Ablösung der Fruchtzinsen für den Abfall 3 Procent, bei Ablösung der Zehnten die Kosten der Zehntensammlung w. abgezogen und aus dcr durch ein ebenfalls am 23. Jun. 1832 bekannt gemachtes Gesetz errichteten Lan- dcscreditcasse dem Pflichtigen das Capital zur Ablösung von Diensten zu 3, von Zehnten zu 3^ und von Grundzinsen zu 3^ Procent mit Bewilligung angemessener Rückzahlungen zum Behuf allmaliger Capitalstilgung dargeliehen werden. Am 10. Jul. 1832 erschien auch das Recrutirungsgesetz, welches dem preußischen ähnlich, von demselben jedoch durch Bewilligung der schon in der Constitution gestatteten Stellvertretung und durch größere Beschrankung der einjährigen Dienstzeit nicht zweckmäßig sich unterscheidend, die Dienstzeit während des Friedens von dem zwanzigsten bis zum fünfundzwanzigsten und in Kriegszeiten bis zum dreißigsten Lebensjahr festsetzt; gleichwol sind die Soldaten, welche ein verfassungsmäßiges Recht haben, ihren Abschied zu fodern, noch immer nicht entlassen worden. Zu den Früchten dieses Landtags gehörten auch das Gesetz vom 1. Jul. 1831 über die vollständige Besetzung der Gerichte; das Gesetz vom 13. Sept. 183!, welches das Alter der Volljährigkeit auf 22 Jahr herabsetzt; die in Folge der Anschließung Kurhessens an den preußischen Zollverband erlassenen Gesetze vom 12. Nov., 28.und30.Dec. 1831, 31. Jan. und 22. Marz 1832, desgleichen das Gesetz vom 29. Febr. 1832 wegen Entschädigung für die im §. 32 der Verfassungsurkunde aufgehobenen Jagd-, Waldcultur- und Deichdienste, welche aus der Staatskasse in dem zwanzigfachcn Betrage des jährlichen Verluftes nach fünfzehnjährigem Durchschnitt den Berechtigten mit 4 Procent Zinsen vom 1. Jan. 1831 an geleistet werden soll, desgleichen das Gesetz vom 11. Jul. 1832 hinsichtlich des Wirkungskreises der Staatsanwälte, welches die bemerkenswerthe Vorschrift enthält, daß in der Auf- *) „Europäische Verfassungen", Bd. 1, S. 646 fg. Kurh essen 791 schrift der Pcocesse, in welchen der Anwalt des Staats auftritt, die Benennung der Behörde, welche er zu vertreten hat, nicht angegeben zu werden braucht, daß cr zugleich Vertreter des Landesfürstcn als klagender und verklagter Theil ist, und im Falle eines Streites zwischen dem Landesfürstcn und dem Staate stets den ^rsmn zu vertreten hat. Zu den vorzüglichem Beschäftigungen dieses Landtages gehören ferner die Verhandlungen über den Entwurf zu einem die staatsbürgerlichen Verhaltnisse der Israeliten ordnenden Gesetze; obgleich die Mehrheit der Stande der Ansicht der Regierung sich angeschlossen hatte, daß hier großes Unrecht gut zu Machen sei, und daß eine vollständige Gleichstellung der Bekenner verschiedener Religionen in Beziehung auf staatsbürgerliche Rechte von der Staatsweis- hcit unbedingt geboten werde, so hat man doch der Verkündigung dieses von den Ständen genehmigten Gesetzes bis dahin vergebens entgegengesehen, und Dasselbe ist auch der Fall gewesen in Ansehung der für den Landmann äußerst wichtigen Gesetze wegen der Verbindlichkeit der Jagdberechtigten zum Ersatz des Wildschadens und wegen der theilweisen Aufhebung des Wegegeldes für den Transport seiner Erzeugnisse und Bedürfnisse, wiewol diese Gesetze in dem Landtagsabschiede vom 9. März 1831 verheißen worden waren, wie das zum Vortheil des Adels erlassene Gesetz vom 29. Febr. 183?. Außer den, durch den Landtagsabschied vom 9. Marz 1831 vorgeschriebenen Beschäftigungen, wozu auch noch eine alte Sünde, die Versorgung der amerikanischen Krieger, von welchen die Mehrheit der Stände leider die Bewohner der abgetretenen Landestheile ausgeschlossen hat, und viele andere zur Berathung gekommene Gegenstände gehören, nahmen auch die Privatreclamationcn aus älterer und neuerer Zeit und aus der Epoche des westfälischen Königreichs, für welche ein eigner Ausschuß gewählt werden mußte, desgleichen die selbständigen Anträge einzelner Mitglieder der Srandeversammlung und mehrfache Gegenstände der transi'torischen Gesetzgebung, die Thätigkeit der Landstände in Anspruch. Unter der großen Zahl der selbständigen Anträge zeichneten sich durch ihre Wichtigkeit aus, der des Deputaten Eckhard auf Wiederanknüpfung der Unterhandlungen wegen Abtretung der, dem Landgrafen von Rotenburg als Paragium zugefallenen Landestheile oder doch ivenigstens auf Vollziehung der Verfassung in Ansehung der daselbst bestehenden Rechtspflege, desgleichen wegen Creirung von Staalscassenscheinen; der des Deputaten Schomburg auf Errichtung einer polytechnischen Schule in Kassel, welcher auch von der Staatsregicrung genehmigt worden ist; der Antrag des Deputaten Eberhard wegen einer in Kurhessen äußerst nothwendigen Verbesserung der Gcsangniß- und Strafanstalten; der des Deputirten Pfeiffer, den Userbau an öffentlichen Flüssen für eine Staatslast zu erklären, desgleichen wegen gleichmäßiger Besteuerung des Grundeigenthums; der des Deputirten Wiederhol!), die Functionen der Pollzeicommissi'onen mit denen der Justizämter, und des Deputirten Scheuch, das Generalauditorat mit dem Criminalsenat des Obergerichts in Kassel zu vereinigen; des Deputirten Auffarth, auf Veräußerung der bisher verpachteten Staatsdomänen; des Deputirten Jordan, die Staatsregierung um Mittbeilung der bloß für die Gesandten gedruckten Protokolle der Bundesversammlung zu ersuchen und die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten für die Instructionen des kurhessi'schen Bun- bcStagsgesandten in Anspruch zu nehmen, welcher Antrag von einer großen Mehrheit der Standevcrsammlung genehmigt, von dem betreffenden Ministerium aber wit Hinweisung auf die übernommene Bundespflicht diplomatischer Geheimhaltung und den in der Bundesacte begründeten Souverainetatsrechten der Bundes- farsten zurückgewiesen, von dem Berichterstatter jedoch mit warmem Eifer und wissenschaftlicher Gründlichkeit vcrtheidigt wurde. Sehr verschieden in der Tendenz war übrigens dieser Antrag von dem, welchen beinahe zur selbigen Zeit der 792 Kuchcssen Deputirte Welcker in der großherzoglich badischen Ständeversammlung macht? Jener war nämlich auf Abänderung der organischen Gesetze des Bundes gerichtet dieser aber auf dieselben gegründet. Der gleich im Anfange der Ständeversammlung gemachte Antrag des Deputieren Müller in Beziehung auf die Ernennung mehrer Offiziere ohne verfassungsmäßigen Vorschlag, wobei die wichtige Frag? über die Attribute der Gewalt eines höchsten Militairchefs, welcher nach der Vec- fassungsurkunde der Regent selbst sein sollte, neben einem verantwortlichen Kriegsminister zur Sprache kam, erregte einen heftigen Kampf, in welchem Jordan und Pfeiffer sich besonders auszeichneten, und dem Verfassungsprincip in der Stände- Versammlung der Sieg errungen wurde; noch war aber die Anklage des Kriegsministers nicht beschlossen worden, als der Kurfürst durch Entlassung desselben und freiwillige Anerkennung des aufgestellten Princips den Streit beendigte. Die Erbauung eines Ständehauses, die Mauthangelegenheiten der Provinzen Hanau und Fulda, die Regierungsveranderung, der Zollvertrag mit Preußen, die Eholera, das beklagenswcrthe Ereigniß vom 7. Dec. 1831 und andere Gegenstände der transitorischen Gesetzgebung beschäftigten die Versammlung außerdem noch unaufhörlich; dazu kam endlich der Staatshaushaltsplan, zu dessen Prüfung ein aus 18 Mitgliedern bestehender Ausschuß erwählt wurde, der sich nach den einzelnen Zweigen des Staatshaushaltes in verschiedene Sectionen thcilte, als Grundlage aber war ein Normalbesoldungsetat festzusetzen, welcher für die einzelnen Classen der Staatsdiener nach und nach bestimmt wurde; nur der Mi- litairetat fand heftige Opposition, man verstand sich jedoch endlich zu einer Summe von 700,000 Thalcrn, mit Vorbehalt künftiger Rechnungsablage, sowie denn auch die Stände schon im Aug. 1831 der Staatsregierung erklart hatten, daß sie das Jahr 1831 als ein Rechnungsjahr betrachten und einer Nachweisung über die Verwendung des Staatseinkommens entgegensehen würden. Der Kriegsministcr bestand dagegen auf seinen Foderungen, und bevor noch eine Vereinigung stattfinden konnte, wovon die gänzliche Feststellung des Staatsbaushaltplans abhangig war, verlas der Landtagscommissair in der Sitzung vom 26. Jul. 1832 ganz unerwartet eine Verordnung des Kurprinzen-Mitregenten, wodurch die Standeversammlung aufgelöst und die Wahl neuer Stände verordnet wurde. Professor Jordan nahm noch einmal das Wort und erklärte, daß die Ständeversammlung den bereits gewählten bleibenden Ausschuß noch zu instruiren habe; ihm erwiderte aber der Landtagscommissair, da nach dem Befehle des Mitregenten mit der Verkündigung der Auflösung des Landtags die Wirksamkeit der Stande sogleich aufhören solle, so erkenne er in dem Professor Jordan nicht mehr den Depurirten Jordan ; auch nwllte das Ministerium, beharrend in seiner Eonsequenz, die nachmals oft eingetretene Thatigkeit des bestandigen Ausschusses wegen dieses Mangels an Instruction nicht anerkennen. (79) Wir müssen an vorstehende Darstellung der neuesten Geschichte Kurhessens eine Andeutung der Ereignisse knüpfen, welche den Wendepunkt herbeigeführt haben, der den 18. Marz 1833 bezeichnet. Die Auflösung der Ständeversammlung mitten in ihren unvollendeten Arbeiten Hatte den Zwiespalt zwischen ihr und der Regierung gezeigt und die Dinge unerfreulich auf die Spitze gestellt. Ist das Vorrecht, das dem Staatsoderhaupt in constitutionnellen Monarchien durch die Auflösung der Wahlkammer gegeben ist, das äußerste Mittel einer Ausgleichung streitender Ansichten und Ansprüche, so fodert es die Klugheit, es nicht ohne die wichtigste Veranlassung zu ergreifen. Dies hat man in England, wo der feinste constitutionnelle Takt herrscht, sorgfältig beachtet, indem man seit 1688 zu solchen Appellationen an das Volk nur bei Lebensfragen schritt, während dagegen in Frankreich die Negierung seit 1815 mit den constitutionnellen Gefühlen des Bol- Kaihessen 793 kes, wie man sagen könnte, ein leichtsinniges Spiel trieb. Auch in Kurhessen.' machte die Auslösung der Standeversammlung einen ungünstigen Eindruck. Die. Wahlen zu dem auf den 25. Jan. 1833 berufenen Landtage fielen im Sinne der Mehrheit der aufgelösten Standeversammlung aus, und mehre der freisinnigsten Mitglieder derselben wurden wieder gewählt. Eine ungünstige Vorbedeutung des Einverständnisses zwischen der Regierung und den künftigen Ständen wollten Manche schon in dem Umstände finden, daß das landesfürstliche Gebäude, in welchem die Stände sich versammelt hatten, zu diesem Gebrauche von dem Kurprinzen verweigert wurde, weshalb mir bedeutenden Kosten ein neuer Versammlungssaal in einem wenig passenden Gebäude eingerichtet werden mußte. Der bleibende ständische Ausschuß, in dessen Wirksamkeit die Hauptgarantie der kurhessischen Verfassung liegt, wiewol durch den Mangel einer besondern Instruction auf engere Grenzen seiner Tharigkeit beschrankt, war unter seinem Vorstand, dem Oberappella- tionsgerichtsrath Pfeiffer, bedacht, die ihm .'m §. 102 der Versassungsurkunde auf gelegte Verpflichtung, „das landständische Interesse wahrzunehmen", treulich zu erfüllen; aber ungeachtet aus dem Staatsgrundgesetze und aus der Geschäftsordnung hervorgeht, daß die Wirksamkeit des Ausschusses nicht in jeder Beziehung durch die Jnstructisnsertheilung bedingt ist, so weigerte sich doch die Regierung, ihm Auskunft zur Erleichterung seiner Arbeiten zu geben. Als die Zeit der Eröffnung der neuen Standcversammlung heranrückte, zeigten sich neue Schwierigkeiten. Die Wahlen in den Städten und Landbezirkcn waren auf mehre öffentliche Beamten gefallen, und die Regierung gab dem §.71 der Verfassungsurkunde, nach welchem, „sobald ein Sraatsdiener des geistlichen oder weltlichen Standes zum Abgeordneten gewählt ist, derselbe davon der vorgesetzten Behörde Anzeige zu machen hat, damit diese die Genehmigung ertheilcn und wegen einstweiliger Versetzung seines Amtes Vorsorge treffen könne", eine so weite Ausdehnung, daß sie selbst die Advokaten als Staatsdiencr jener gesetzlichen Bedingung unterwerfen wollte. Mehren Beamten, besonders sammtlichen Justizbeamten, wurde die Genehmigung versagt, und den Wahlberechtigten die Weisung gegeben, neue Wahlen vorzunehmen. Vorzüglich aber erregte die Mahl des unerschrockenen Vertreters der Votksrechte, des Professors Jordan zu Marburg, der nach dem Wahlzelle (§. 5) von dem akademischen Senat aus dessen Mitte durch geheime Abstimmung bereits am 11. Sept. 1832 war gewählt worden, das Missallen der Regierung, welche diese Wahl von der Genehmigung des Ministeriums des Innern abhangig wachen wollte, während die Universität von der Ansicht ausging, daß der akademische Senat als vorgesetzte Behörde der Professoren durch die von ihm getroffene Wahl selbst schon die Genehmigung ectheilt habe. Diese Schwierigkeiten hatten die Folge, daß zur Zeit der vorgeschriebenen Eröffnung des Landtages, wenn die von der Regierung gegen mehre Erwählte erhobenen Einsprüche nicht erledigt werden konnten, die verfassungsmäßige Anzahl der zur Gültigkeit der Bewachungen erfoderlichen zwei Durcheile der Abgeordneten nicht vollständig gewesen sein würde. Die 50 Mitglieder der Ständevcrsammlung bestehen, nebst acht durch persönliche Stimmberechtigung ausgezeichneten, aus 42 gewählten Abgeordneten, und es mußten daher, um die Berathungen zu eröffnen, ungefähr 35 Mitglieder zugegen sein. Noch waren 15 Wahlen, theils durch die von der Regierung behaupteten Ansprüche, theils durch mangelhafte Legitimationen der Gewahlten, uttitig, als am 26. Ja», die verfassungsmäßig bestimmte sechsmonatliche Frist, binnen welcher nach der Auflösung des Landtags eine neue Standeversar.-.mlung eröffnet werden soll, abgelaufen war. Zur bestimmten Zeit erschien die Mehrzahl /'r gewählten Mitglieder in Kassel. Sie meldeten sich bei dem bleibenden ständi- chen Ausschusse, dem nach der landstandischerr Geschäftsordnung die vorläufige ^ufung der Legitimationen ausschließend zusteht, sodaß alle von ihm für befähigt W 7V4 Kurhessen anerkannte Mitglieder zu der vorbereitenden Sitzung, welche die Wahl der dein Staatsoberhaupt vorzuschlagenden Candidaten zur Präsidentenwürde zum Gegen stände hat, zugelassen werden. Auch Professor Jordan erschien am 25. Jan. einige Tage nachher aber erhielt er von dem Minister des Innern den Befehl, Kassel hinnen 24 Stunden zu verlassen, da er die erfoderliche Genehmigung seiner Wahl nicht erlangt habe. Jordan wendete sich dagegen an das Obergericht zu Kassel, und indem er die Anwendung der, von der Regierung angeführten Bestimmung der Verfassungsurkunde auf seine Wahl bestritt und die Befugnisse des akademischen Senats als der ihm vorgesetzten Behörde geltend machte, bat er, ihn in dem Besitze des ihm zustehenden Rechts, auch ohne Genehmigung des Ministeriums des Innern an den landständischen Verhandlungen Theil zu nehmen, bis zur Entscheidung der erhobenen Frage auf verfassungsmäßigem Wege, durch ein von der Regierung und den Standen zu bestellendes Compromißgericht, zu schützen. Das Obergericht verfügte am 31. Jan. die Aufhebung der Verordnung des Ministeriums, und bestätigte diesen Beschluß spater in einem, aus die Vorstellung des Staatsanwalts erlassenen Bescheide, in welchem bestimmt ausgesprochen wurde, daß der Z. 71 der Vcrfassungsurkunde um so weniger auf den Abgeordneten der Universität Marburg, welcher nach Vorschrift des Wahlgesetzes als StaatS- diener gewählt sei, bezogen werden dürfe, als derselbe, durch Annahme der Wahl nur seinem dienstlichen Berufe folge, und daß aus diesem Grunde auch bei dem Abgeordneten der Universität der zweite Zweck der in der Verfassungsurkunde vorgeschriebenen Anzeige, „damit für die einstweilige Versetzung des Amtes Vorsorge getroffen werde", und damit auch die Vorschrift der Anzeige selbst wegfalle, indem derjenige Staatsdiener, welcher einen seinen Berufspflichten entsprechenden Austrag übernehme, nicht verpflichtet sei, eine Vorsorge wegen seiner übrigen dienstlichen Verrichtungen zu veranlassen, solches vielmehr der Behörde obliege, von welcher ihm gülliger Weise jeyer Auftrag crtheilt worden sei. Der bleibende ständische Ausschuß hatte indeß sowol Jordan als die übrigen Abgeordneten, deren Wahl von der Regierung bestritten wurde, als legitimirt anerkannt, und glaubte die erhobenen Einsprüche um so weniger beachten zu müssen, da nach der Geschäftsordnung, erst nachdem die eröffnete Ständeversammlung einen besondern Ausschuß zur Prüfung der Legitimationen ernannt hatte, der Zeitpunkt eintrat, wo die Regierung durch die Landtagscommissarien ihre Einwendungen begründen konnte. Der Ausschuß beschloß darauf, der Regierung, um ihr bei der Ernennung des Präsidenten und des Vizepräsidenten freiere Hand zu lassen, sechs Candidaten statt vier vorzuschlagen. Unter den am 2. Febr. Gewählten waren, außer dem Regierungsdirector von Baumbach und dem Bürgermeister Schomburg zu Kassel, auch Jordan und der Obergerichtsanwalt Schwarzenberg. Die Regierung hatte zwar bereits insofern nachgegeben, als sie, um die vorbereitenden Verhandlungen zur Eröffnung des Landtags möglich zu machen, einigen Staatsdienem die nicht nachgesuchte Genehmigung ertheilte; sie weigerte sich aber, eine Wahl anzuerkennen, die unter Mitwirkung derjenigen Staatsdiener, bei welchen die Genehmigung noch fehlte, stattgefunden hatte. Nach langen Unterhandlungen zwischen dem Minister des Innern, Gehcimrath Hassenpflug, und zwei Mitgliedern des ständischen Ausschuffes kam man überein, daß eine, den von dem Ministerium angegebenen Ersodernissen genügende neue Wahl vorgenommen werden sollte, wenn die Erwählten freiwillig Verzicht leisteten. Vier C Adidaten waren dazu bereit, Jordan und Schwarzenberg aber erklärten, daß sie unter keiner Bedingung auf eine verfassungsmäßig vorgenommene Wahl verzichten würden. Die neue Wahl fand am 13. Febr. statt, und siel auf die vier früher erwählten Abgeordneten, die freiwillig zurückgetreten waren;-der Ausschuß aber, consequent in seiner Ansicht, brachte der Regierung außer den vier Wiedererwählten auch die beiden Andern in Kurhffsen 7S5 Borschlag. Es wurde darauf der Regierungsdirector von Baumbach zum Präsidenten und Schomburg zum Vicepräsi'dcnten ernannt. Am 16. Febr. fand die erste Sitzung der anwesenden Abgeordneten statt, welche sogleich zur Wahl des Le- cchimationsausschusses schritten, der in kurzer Zeit seine Geschäfte erledigt und den von der Regierung ernannten drei Landtagscommissarien das Ergebniß seiner Untersuchungen mitgetheilt halte. Als nach mehren Tagen keine Antwort erfolgte, wendeten sich die anwesenden Mitglieder der Standeversammlung, besorgt, daß nach langem Harren die Eröffnung des Landtags noch langet verzögert werden möchte, an den standischen Ausschuß, der darauf am 27. Febr. ein Schreiben an den Minister des Innern erließ und ihn für alle Kolgen weiterer Verzögerung verantwortlich machte, indem er erklarte, daß die Eröffnung der Verhandlungen lediglich von der Gewährung der mehren Staatsdienern verweigerten Genehmigung abHange. An demselben Tage meldete der Minister dem Präsidenten der Ständeversammlung, daß die Regierung so vielen Abgeordneten ihre Genehmigung erthei- Icn wollte, als crfoderlich wären, um die verfassungsmäßige Anzahl von Mitgliedern zu erlangen. Die Zusage wurde nur in beschränktem Umfange erfüllt, bis endlich durch die Ernennung der Bevollmächtigten der beiden Häuser Hessen-Philippsthal die zwei Dritthcile der ständischen Mitglieder vollzählig gemacht wurden, ohne die bestrittenen Wahlen anzuerkennen. Es erhob sich eine neue Schwierigkeit. Der Kurprinz-Mitregent wollte den Landrag selbst eröffnen, aber nicht im Versammlungssaale der Stände, wo, wie es hieß, nicht Platz zum Throne war, sondern in seinem Schlöffe. Die Stände berieftn sich auf die verfassungsmäßige Vorschrift, nach welcher die Eröffnung der Ständeversammlung eine öffentliche Feierlichkeit und dem Präsidenten dabei die Handhabung der Polizei zustehen solle. Nach langen Unterhandlungen wurde die Schwierigkeit dadurch gelöst, daß das Ministerium eine Versicherung ausstellte, nach welcher eine solche Eröffnungsfeierlichkeit im fürstlichen Schlosse für künftige Landtage nicht als Regel gelten sollte. Am 8. März wurde endlich die Versammlung eröffnet. In der Thronrede sagte der Kurprinz, daß der neue Landtag zunächst die vom der aufgelösten Stände- Versammlung nicht ganz gelöste Aufgabe erledigen und sich mir der Befriedigung bringender Landesbedürfnisse beschäftigen, jedes andere minder wichtige Geschäft aber einer neuen, im Laufe dieses Jahres zu berufenden Versammlung vorbehalten bleiben solle. In der ersten Sitzung wurde die, von dem Oberappellationsge- richtsrath von Pfeiffer verfaßte, schon früher gedruckte Darstellung der Lage der landständischen Geschaftsverhaltnisse bei der Auflösung des letzten Landtags vorgelesen, worin besonders der ungünstige Zustand des Finanzwesens als ein unerfreuliches Ergebniß hervortrat. Der Bürgermeister Schomburg brachte die Beratung über die bestrittene Wahl des Professors Jordan in Antrag. Am 13. Marz ward bei der Berathung über den ersten Theil seines Antrags durch große Stimmenmehrheit entschieden, daß der §. 71 der Verfassungsurkunde auf Jordan's Wahl nicht angewendet werden könne. Ehe aber die Stände zur endlichen Entscheidung dieser wichtigen Frage, von welcher das Schicksal des Landtags abhängen sollte, übergingen, wählten sie, durch die Ereignisse des vorigen Landtags gewitzigt, den bleibenden ständischen Ausschuß und errheilten demselben seine Instruction. Äm 18. März wurde darauf der zweite Theil des Antrags berathen, und mit 28 Stimmen gegen 9 entschieden, daß der Zulassung des Professors Jordan zur Stan- dlversammlung kein verfassungsmäßiges Hinderniß entgegenstehe. Der Landtags- commissair machte darauf den Antrag, Jordan's Zulassung bis zur Erledigung des Zwischen der Regierung und den Ständen obwaltenden Zwiespalts auszusetzen, und ols dieser Antrag mit großer Stimmenmehrheit war verworfen worden, überbrachte der^andtagscommissair vor Ende der Sitzung eine Verordnung des Kurprinzen, welche die Versammlung auflöste und die Wahl neuer Abgeordneten verfügte. - l 796 Kurnatowski Küstner Nach einer Verordnung vom 19. März wurde die Berufung der neuen Ständevec- sammlung auf den 15. April festgesetzt. Kurnatowski (Sigismund), polnischer General der Cavalerie, geboren um 1778 im Gcoßherzogthum Posen, erhielt seine Bildung in Berlin und trat frühzeitig als Page in preußische Dienste. Das Jahr 1806 rief ihn in die Reihen polnischer Krieger, welche, dem Aufrufe Dombrowski's und Wibicki's folgend, sich zu Posen versammelten, um unter Frankreichs Adlern die Selbständigkeit ihres Vaterlandes zu erkämpfen. Persönliche Tapferkeit und nie rastender Diensteifer beschleunigten seine Beförderung. Obgleich er 1807 noch Hauptmann des fünften reitenden Jägerregiments war, sah ihn das Jahr 1809 schon als Oberstund Inhaber derselben Hecrabtheilung. Als er 1814 Brigadegeneral geworden war kehrte er nach der Thronentsagung Napoleons mit den polnischen Truppen unter Krasinski's Befehle nach der Heimath zurück. Im folgenden Jahre erhielt er das Eommando über die Brigade der Garden zu Pferde, und wurde bald daraus Divisionsgeneral und Adjutant des Kaisers. Diese schnelle Laufbahn erregte dm Neid vieler weniger edel gesinnten Waffenbrüder und machte sie ihm zu Feinden. Sein Diensteifer wurde von Manchen für Schmeichelei und knechtische Unterwürfigkeit unter die Launen des Großfürsten ausgelegt, obgleich Andere sich erinnern, ihn schon ebenso dienstbeflissen in Frankreich gesehen zu haben. Der 30. Nov. 1830 riß ihm jedoch die Lorbern vom Haupte. Er führte das Gardejägerregiment zum Schutze Konstantins nach Belvedere, ließ sogar auf das Volk feuern, begleitete dann den Cäsarewitsch und kehrte erst am 3. Der. nach Warschau zurück. Hier ward er von der wüthenden Wolksmasse, in dem Momente, als er an der Spitze seiner Truppen in die Stadt einritt, vom Pferde gerissen, und nur der allgemein beliebte würdige General Sjembeck vermochte die Säbel abzuwenden, die über seinem Haupte schwebten. In den Palast des Finanzministers geschleppt, leistete er, als das Volk feinen Kopf verlangte, an der Seite Krasinski's im Angesichte der erzürnten Menge und der Soldaten, den Eid der Treue auf die Fahnen des Aufstandes. Nichtsdestoweniger wurde ihm allgemeine Verachtung zu Theil, und der Haß seiner Landsleute folgte ihm selbst in seine ländliche Zurückgezogenheit nach. Ungefähr ein Jahr vor dem Ausbruche der Revolution hatte er ein Bein gebrochen, und dies veranlaßtc ihn, in den Tagen der Gefahr, als die Mannschaft gegen die Russen zu Felde zog, seinen Abschied zu nehmen, wiewol er noch eine Zeitlang als gemeiner Soldat in der Nationalgarde von Warschau diente. Im Sommer 1831 verließ er Polen, um in den böhmischen Badern seine Gesundheit wiederherzustellen, und kehrte erst im Nov. desselben Jahres in sein Vaterland zurück. Hier nahm er keine Dienste bei der neuen Regierung, kam um seine Entlassung ein und erhielt sie nebst der Erlaubnis;, sich auf seine Güter im Greßherzogthume Posen zurückzuziehen. Faßt man die Verhältnisse, in welchen er seit 1815 zu Rußland stand, ins Auge, so verliert sein Benehmen viel von der Zweideutigkeit, deren ihn der größte Theil der polnischen Nation beschuldigt. Es war seinem Gefühle und seiner Überzeugung zuwider, gegen Den die Waffen zu führen, der ihn mit Wohlthaten überhäuft hatte; allein er trat von jedem Anite zurück, als die Unabhängigkeit seines Vaterlandes vernichtet und die polnische Armee aufgelöst worden war. (8) Küftner (Karl Theodor) ward am L6. Nov. 1784 zu Leipzig geboren, wo sein Vater Ehef eines jetzt noch unrcc diesem Namen bestehenden Bankiergeschäfts war. Nach einer tresslichen Erziehung und dem crsten Unterricht, den K. im älterlichen Hause genoß, uno wobei neben ernsten Wissenschaften von Seiten der mehrfach gebildeten Altern nicht versäumt wurde, auch den Sinn für Kunst, Literatur und alles Schöne zu beleben und zu fördern, bezog cr 1803 die Universität zu Leipzig, widmete sich hier dem Studium der Rechts- Küstncr 797 Wissenschaft und besuä)te spater noch in gleicher Absicht die Universität Göttingen. Als Ä. die akademischen Studien vollendet hatte, unternahm er eine Reise durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich, die nicht ohne Folgen und bleibenden Vortheil für seine Bildung und Zukunft war. Er erhielt 1810 nach öffentlicher Vertheidigung der von ihm geschriebenen Abhandlung: „De mutrimvmo rztione, huse ei cum civiwte at^us ecclesiu interceciit, »pectatu iw^rimi«, corlice ^apoleoneo", die juristische Doctorwürde. Gegen Ende des Jahres 181Z schloß sich K. dem in Leipzig errichteten Banner der freiwilligen Sachsen an, wurde Offizier der dazu gehörigen Husaren und zog mit diesen 1814 vor die Festung Mainz. Als nach dem bald geschlossenen Frieden der Banner heimkehrte, kam A, nach Leipzig zurück, und bald nachher ward er vom Herzog von Koburg, unter dessen Commando auch der Banner gestanden, und dem er spater seine „Dramatischen Kleinigkeiten" (Leipzig 1815) gewidmet hatte, zum Hofrath ernannt. Die neu erwachten Künste des Friedens machten die Schrecknisse des Krieges vergessen, und auch in Leipzig dacht» man mehr als je an die Errichtung einer eignen Bühne. K., dessen Liebe zum Theater schon im väterlichen Hause genährt und gepflegt worden war, gehörte zu den thatt'gsten Beförderern des Baues des Schauspielhauses und des im Aug. 1817 eröffneten Stadttheaters. Er übernahm für seine alleinige Rechnung die Leitung desselben und setzte sie, ungeachtet mancher Schwierigkeiten, mit dem besten Erfolge und unter der ehrenvollsten Anerkennung im In- und Auslande elf Jahre hindurch fort. Jeder unparteiische Beur- lheiler muß ihm das Zcugniß geben, daß K. stets das Beste der Kunst gewollt und ohne Beachtung des Aufwandes mancher Art dem vielfach bewegten Publicum das Vorzüglichste in dramatischer und theatralischer Hinsicht vorgeführt hat. Wahrend er die vorzüglichsten dramatischen Werke, bei manchen neuen Erscheinungen andern Bühnen vorangehend, zur Darstellung brachte, zeichnete sich das Theater unter seiner Leitung auch dadurch aus, daß die berühmtesten Künstler und Künstlerinnen als Gäste hier auftraten. Selbst da, wo er einzelne Opern mit ebenso viel Geschmack als äußerer Pracht ausstattete und manche Possen- und Singspiele, Melodramen und Vaudevillcs auf das Repertorium brachte, beabsichtigte und erreichte er weniger Gewinn, als er, nur dem Zeitgeiste huldigend, nicht vergaß, daß er als Privatmann darauf bedacht sein müsse, die ihm für eine so gemeinnützige Unternehmung zustehenden Mittel auch ferner zu erhalten. Dies hätten seine Gegner, unter welchen Müllner, mehr aber in egoistischer und rein persönlicher Beziehung, sich befand, ebenso wenig vergessen, als die ihm in Beziehung auf das Theater unmittelbar vorgesetzte stadtische Behörde nicht hatte unbeachtet lassen sollen, zu welcher bedeutenden Höhe die Theateranstalt gestiegen und von welchem Vortheil und Nutzen dieselbe als eine eigne städtische Bühne für Leipzig und viele seiner Bewohner unter K.'s Leitung seit mehren Jahren geworden war. Wahrend er auf der einen Seite wahre Kunst und auf der andern die billige Befriedigung eines in seinen Än'prüchen so verschiedenen Publicums vor Augen hatte, gelang es ihm, ohne eine Entschädigung für die mühselige Verwaltung, das Institut durch sich selbst zu erhal- t'N,und ungeachtet eines nicht unbedeutenden an dieCassedesHoftheaters in Dresden und an die städtische Behörde zu zahlenden Zinses und Kanons, auf einen in l'nanzieller wie in artistischer Hinsicht hohen Standpunkt zu stellen und auf demselben zu erhalten, sodaß das leipziger Stadttheater unter seiner Leitung bei beschränkten Mitteln mit vollem Rechte zu den ersten Theatern Deutschlands gezählt wurde. ^ war ihm gelungen, Leipzig durch den Besuch vieler Auswärtigen in und nußer den Messen eine neue und ergiebige Quelle zu eröffnen. Durch treffliche ^htatergesetze, bei deren Abfassung von Seiten der Directt'on die Einrichtungen U'chrer auswärtigen Theater, wie die Erfahrungen von Künstlern und Theater- mmdm benutzt wurden, wußte K. Einigkeit und Ernst, sowie Lust und Liebe zur 798 Küstner Sache unter den Mitgliedern seiner Bühne zu erhalten und zu befestigen, und durch Einführung einer der vorzüglichsten Pensionsanstalten den dienstunfähigen Künstlern seiner Gesellschaft eine auch jetzt noch erfreuliche Aussicht zu gewahren. Bei mehren Besuchen des sachsischen Hofes in Leipzig hatte K. der ehrendsten Auszeichnung sich zu erfreuen, und wurde auch später von dem regierenden Könige zum Hosrathe ernannt. Es erregte, zumal bei Berücksichtigung der oben erwähnten Verdienste K.'s, allgemeines Bedauern, als er in Folge eines von dem Stadtrath abgeschlagenen Erlasses am Miethzinse zu Ostern 1828 die Direktion des Theaters zu Leipzig ausgab. Über diese Anstalt selbst legte er in kleiner eignen Schrift: „Rückblick auf das leipziger Stadttheater" (Leipzig 1831), dem Publicum Rechenschaft ab. Man findet darin nicht nur die von Blümner begonnene „Geschichte des leipziger Theaters" (Leipzig 1818), bis auf die neuem Zeiten fortgesetzt, sondern auch viele für Theaterdirectoren und Freunde der theatralischen Kunst in finanzieller und artistischer Hinsicht schätzbare Bemerkungen, Ersahrungen und Winke. Die Vorzüge seiner Leitung hat die Erfahrung wie die Folgezeit noch mehr ins Licht gestellt. Das königliche Theater, das aus seine Unternehmung folgte, hatte bei großen- Mitteln und geringem Lasten einen bedeutendem Ausgabeetat, konnte aber dessenungeachtet nicht in demselben Grade die Theilnahme des Publicums erwecken. Die jährliche Einnahme sank von 68,000 Thalern, so viel sie im Durchschnitt unter K. betragen hatte, auf 50,000 Thaler herab, sodaß das Hoftheater nach kaum dreijähriger Dauer, wegen allzu großer Zuschüsse aus königlichen Cassen, wieder aufgegeben werden mußte. Ein K. gemachter Antrag, das Hoftheater in Dresden für eigne Rechnung, jedoch mit königlichem Zuschuß zu übernehmen, kam vorzüglich aus dem Grunde nicht zu Stande, weil er in dem sekr kleinen dresdner Schauspielhause eine solche Unternehmung für unausführbar hielt. Als er spater fast gleichzeitig dm Antrag, die Leitung des Nationaltheaters zu Frankfurt a. M. zu übernehmen, und einen Ruf an das Hoftheater zu Darmstadt erhielt, nahm er den letztern an und wurde 1830 unter dem Titel eines geheimen Hofraths Intendant jener Bühne. Das zu dieser Zeit unter die Ägide der Großherzogin und K.'s Mitlei- tung gestellte, nach dem Tode des Großherzogs neu errichtete Hofthcater erfreute sich zwar bei weit geringem Mitteln einer größern Einnahme als das früher zu Darmstadt bestandene Hofoperntheater, und zeichnete sich durch ein in artistischer Hinsicht vorzügliches und reiches Repertoir aus (s. „Tagebuch des großyerzoglichm Hoftheaters", Darmstadt 1832), mußte jedoch, in Folge des früher bestanden, n allzu großen Etats, welcher an 300,000 Gukden betragen hatte, der aus dieser Zeit sich herschreibenden Menge von Pensionen, die auf der Civilliste lasteten, und in Folge neuerer nöthig gewordenen großen Einschränkungen nach einem Jahre geschlossen werden. Dies bewirkte spater, daß K., obgleich auch nach der Auslösung des Theaters noch in großhcrzoglichen Diensten, bei der Ungewißheit, ein neues Hoftheater daselbst errichtet zu sehen, 1833 einem ebenso ehrenvollen als vorteilhaften Rufe folgte, die Hoftheaterintendanz zu München zu übernehmen, die er am 1. März antrat. Labbey de Pempierre Laborde 799 L. labbey de Pompierre, s. Pompierre (Labbey de). Lab ord e (Alexandre Louis Joseph, Grafvon), französischer Staatsmann und Gelehrter, ist der Sohn des reichen Hofbankiers Jean Joseph L. in Paris, welcher wahrend der Schreckenszeit hingerichtet wurde. ^ Im Anfange der Revolution H.Ute der Vater seinen Sohn, geboren 1772, nach Ostreich geschickt, wo er in den Kriegsdienst trat und die ersten Feldzüge gegen die französische Revolution unter dm Kinskiöragonern mitmachte. Nach dem Friedensschlüsse zwischen Ostreich und der französischen Republik kehrte L. in sein Vaterland zurück und sammelte die Trümmer des vaterlichen Vermögens, indessen sein Bruder die Bankiergeschafte in England fortsetzte. Durch seinen geistreichen Gesellschaftston ward er bald in den großen Cirkeln beliebt und mit der Bonaparte'schen Familie vertraut. Er halte von seinem Vater einen besondern Geschmack für Kunst geerbt und verwendete sein Vermögen zum Theil zur Befriedigung dieses Geschmackes, wobei ihm seine angeborene Thätigkeit und außerordentliche Lebhaftigkeit wohl zu statten kam. Er bereiste Italien und dann Spanien, letzteres von einigen Zeichnern begleitet. Da Spanien damals den Franzosen noch wenig bekannt war, so widmete er diesem Lande eine genaue Untersuchung, und gab seit 181)8 in fünf Bänden sin „Itinermre ckescriptlf cke 1'Lspagne" heraus, welches zwei Mal aufgelegt wurde und noch jetzt das vollständigste topographisch-artistische Werk ist, welches man über Spanien besitzt, obschon freilich manche Angaben veraltet sind. Ein früher begonnenes Werk ist seine pittoreske et kistoriyue (1e l'Lspogne" (4 Bde., Paris 1807 —15, Fol.), mit einer Menge meistens sehr gut ausgeführter Kupferstiche. Der Spanier Marchcna scheint einen Theil des Textes verfertigt zuhaben; die Kupfer sind von den besten Künstlern in Paris. Dies kostspielige Unternehmen hat dem Grafen von L. einen betrachtlichen Theil seines Vermögens gekostet. Außerdem gab er die Beschreibung eines bei Sevilla aufgefundenen Mosaik-Fußbodens („Description U'un pave en mosaüpie, üecouvert üaus l'nn- cieime viile ck'ltulicu", Paris 1802, Fol.) heraus. Die Keuntniß, die er von dem innern Zustande Spaniens besaß, machte, daß ihn Napoleon auf seinem Zuge nach Madrid 1802 mit sich nahm. Aus einer ähnlichen Ursache mußte L. Napoleon auf seinem Feldzuge nach Ostreich begleiten, und als Wien eingenommen wurde, bekam er für die Dauer der Occupation die Verwaltung der kaiserlichen Domainen. Hernach wurde er zum Requetenmeister beim kaiserlichen Staatsrathe zu Paris ernannt. Er mußte dann die Gesandtschaft nach Wien begleiten, welche im Namen Napoleons um dieHand Marie Louisens anhielt. Seine verschiedenen Reisen nach Ostreich blieben nicht ohne Früchte für seinen Kunstgeschmack. Er gab in einem Prachtbande (1813) die demGrafen von Lamberg zugehörende Sammlung griechischer Vasen hieraus, und späterhin eine pittoreske Reise nach Ostreich, ebenfalls mit vielen Kupfern, wovon mehre die bei Gelegenheit der Verlobung Napoleons mit Marie Louise stattgehabten Feierlichkeiten darstellen. Als Requetenmeister bekam er die Aufsicht über den Brücken- und Wegebau im Seinedepartement, das heißt im Umkreise der Haupt- üadt Frankreichs. Bei seinen amtlichen Beschäftigungen setzte er noch ein 1808 begonnenes Prachtwerk fort, nämlich die Beschreibung der vorzüglichsten Lustgarten und Lustschlösser Frankreichs („HescrPtion ckes uouveauxjarüins deIrenes at äe ses uriciens clmteuux", Paris 1808, 2 Bde., Fol.), mit Kupfern, worin unter andern das von seinem Vater mit so großem Aufwände verschönerte Landgut Mcreville beschrieben wird. Beim Heranrücken der verbündeten Mächte gegen Paris 1814 wurde er zum Adjutanten im Generalstabe der Nationalgarde ernannt » 800 Labomdonnaye und bei der Einnahme von Paris begab er sich mit ins feindliche Lager, um wegen der Nationalgarde Unterhandlungen zu pflegen. Nach der Wiedereinsetzung der Bourbons verlor er einstweilen seinen Einfluß auf die Staatsgeschäfte, war aber darum nicht minder thätig. Er führte die Lancaster'sche Unterrichtsmethode in Frank, reich ein oder war wenigstens einer der Verbreiter derselben. Er schrieb einen Erste» hungsplan für arme Kinder, nach den vereinigten Methoden von Bell und Lancastcr („el-m U'eciucution", zweite Aufl., 1816). Auch ließ er einige Flugschriften über die politischen Angelegenheiten Frankreichs drucken, wie auch ein sehr gutes Werk über den Ajsociirungsgeist, zur Beförderung nützlicher Unternehmungen. Er besuchte England und erbte einige Jahre nachher ein betrachtliches Vermögen von seinem daselbst verstorbenen Bruder. Seit 1815 begann er ein neues Prachtwerk: „1,ez rnonumens berechnet waren. Bei jeder Gelegenheit donnerte er gegen die revolutionnairen Keime, welche noch im Schooße Frankreichs wucherten. „Europas Heil", rief er am 17. Mai 1818 in der Kammer aus, „hangt ab von Frankreichs Ruhe. Unser politischer Einfluß wird um so mehr zunehmen, je mehr bei uns die Herstellung der Ordnung, der Moral und der Religion sich befestigt." Nach der Ermordung des Herzogs von Bern schlug er am 14. Febr. 1820 die bekannte Adresse an den König vor, und billigte nunmehr die auf Kosten der persönlichen Freiheit in Vorschlag gebrachten Sicherheitsmaßregeln, selbst die Censur der Journale (am 21. Marz), indem er alles Unglück Frankreichs dem liberalen Journalismus Schuld gab, der Legitimität und Religion durch sein Dogma der Volkssouverainetat untergrabe. Seitdem erhob er sich gegen jeden freisinnigen Antrag in der Kammer mit Leidenschaft und erklärte (28. April 1820) laut: „Frankreich wolle keinen Deputirten von der linken Seite mehr haben". Als Mitglied und Berichterstatter tur Budgetcommission empfahl er die Herabsetzung der Grundsteuer, und griff ebenso heftig die Vorschläge der Regierung als die eintrage der Liberalen und der Gemäßigten an. So war Graf L. beinahe 15 Jahre lang das Haupt der sogenannten Contreopposition auf der äußersten Rechten, indem er seit 1815 allenRegierungs- und Verwaltungssyste- men, sowol dem des Herzogs von Richelieu und dem des Herzogs Decazes, als dem des Herrn von Villele, opponirte. Selbst gegen die Kammer der Deputirten zeigte er bei mehren Gelegenheiten eine verächtliche Gleichgültigkeit; wahrend der letzten Sitzung (vor seiner Ernennung zum Minister) erlaubte er sich sogar die Äußerung: ,cho plus 1»eau jour de ma vie Sora celui uü je Iii!Ü Sur cet edillce (er sprach von dem Palaste der Deputirtenkammer): Nuizun a louer". Als am 8. Aug. 1829 das von Talleyrand sogenannte ministere impossible, das Ministerium Polignac gebildet wurde, erhielt L. das Ministerium des Innern. Er stellte bei demselben als Untersecretair den Baron Trouve an, welcher bei der Reaction im südlichen Frankreich 1815 eine so blutige Rolle gespielt hatte. Mit Ausnahme der „Huu- tieüelme" und der „Honette 6« waren alle Journale gegen L. Man gedachte seiner Rede am 11. Nov. 1815, wo er bei der Berathung über das Amnestie- gesetz gesagt hatte: „II sunt dos kor«, des kourrouux, des suppliccs; Ismort, !u wnrt senle peut etl'ra^er leurs compüces et mettre lln ü leurs complots!" Dies nannte er „epielyues guuttes de sun^", um die Monarchie zu befestigen. Auch jetzt im Ministerrathe woll-tc L. von Mäßigung nichts hören. Sie wecke, rief er aus, nur die Frechheit der Aufrührer. Kühn müsse man fortschreiten, energisch? Männer in die Prafecturen setzen, mit der Schärfe des Schwertes durchfahren und sich auf'Alles gefaßt halten. Dann werde der ganze Lärm von selbst aufhören. Aber leider habe sich selbst in des Königs geheimen Rath die Furcht eingeschlichen. Etwas empfindlich erwiderte der Großsiegelbewahrer Courvoisier, er sei nicht furchtsamer als L. Jndeß ^stielt damals noch die gemäßigte Meinung durch Polignac's Bemerkung, man setze sich sonst der Verweigerung des Budgets aus, den Sieg. Gleichwol versuchte ^ noch einmal seine Ansicht zum System der Regierung zu erheben. Er behauptete nämlich im Eonseil, vor dem Könige und dem Dauphin: man brauche/ich um die Majorität in den Kammern nicht zu bekümmern; die einzige Mafiregel, welche Eonv .-tzxx. der neuest n Zeit und Literatur. II. 51 802 Lachmann zum Ziele des echten Royalismus führen könnte, sei die Auflösung der Kammer und die Absetzung von einigen und zwanzig untauglichen Prafecten, die man durch kraftige Manner ersetzen sollte, welche die eingeschüchterten Wahlcollegien beriefen, worauf der Konig seinen unwandelbaren Willen, Frankreich im Sinne des reinen Royalismus zu regieren, mittels einer feierlichen Proklamation aussprechen müßte. Allein Polignac und der Finanzmknister Chabrol widersprachen; Letzter schlug dagegen die Errichtung einer Präsidentschaft des Conseils vor, diese werde dem Ministerium Festigkeit und Einheit geben, worauf sich dann alle gute Roya- listen, die gewiß in den Kammern die Mehrheit bilden würden, stützen könnten. L.'s Ehrgeiz wurde durch diesen Vorschlag, vielleicht absichtlich, um den stolzen heftigen Mann zu einem äußersten Schritte zu reizen, empfindlich gekränkt. Er erklärte denselben für durchaus antimonarchisch und zweckwidrig. Als nun Chabrol bemerkte: es sei freilich möglich, daß Jemand sich im Conseil befände, dessen Gegenwart ein Hinderniß zur Erlangung der Majorität sein könnte, so fuhr L. heftig auf und bot mit den Worten, daß er wohl einsehe, wen man meine, seine Entlassung an. Wider sein Erwarten wurde diese von dem auf ein solches Ereigniß schon vorbereiteten König angenommen. Der bisherige Cultusminister Montbel trat jetzt an L.'s Stelle als Minister des Innern, und Guernon de Ranville wurde zum Minister des.Cultus ernannt. Diese Veränderung erfolgte am 18. Nov. 1829. Aus L.'s kurzer Verwaltung führen wir bloß an, daß auf seinen Bericht im Oct. 1829 die bisherige Schlachtergewerbfreiheit in Paris aufgehoben wurde. Der König ernannte jetzt L. zum Staatsminister und zum Mitglieds des königlichen geheimen Rathes. Im folgenden Jahre (27. Jan. 1830) erhob er ihn zum Pair von Frankreich, doch konnte er nicht eher Sitz in der Pairskammer nehmen, als bis er ein Majorat gestiftet hatte. Später, nach der Iuliusrevolution am 7. Aug , erklärte die Deputirtenkammer alle unter Karl X. erfolgte Pairsernen- nungen (zusammen 94) für null und nichtig. Seitdem hat sich Graf L. aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Ein Verwandter, der Marquis ArthurdeL., saß in der Deputirtenkammer 1830 und vertheidigte in der berühmten Sitzung am 4. und 7. Aug. die Rechte der Legitimität und des Herzogs von Bordeaux. Auch war er als Deputirter des Departements Morbihan Mitglied der Wahlkammer im Anfange des Jahres 1831, wurde aber für die folgende Kammer nicht wiedererwählt. (7) Lach mann (Karl), Professor an der Universität zu Berlin, ward am 4. März 179.3 zu Braunschweig geboren und erhielt daselbst auf dem Collegium Carolinum seine erste Bildung. Er besuchte später die Universität zu Göttingen, wo er, besonders durch Benecke's Anregung, zuerst bewogen ward, der lange vernachlässigten deutschen Dichtungen des Mittelalters mit großer Liebe und Sorgfalt sich anzunehmen. Nach Vollendung seiner Studien begab er sich nach Berlin, wo er eine Übersetzung von Peter Erasmus Müller's „Sagabibliothek des skandinavischen Alterthumes" (Berlin 181K) aus der dänischen Handschrift des Verfassers verfertigte und, ehe noch das Original (2 Bde., Kopenhagen 1817 —19) erschien, herausgab. Leider blieb dieses Werk unvollendet, indem nur der erste Band herauskam, der diejenigen Sagen enthält, welche sich ausschließend auf die Begebenheiten und eigentümlichen Verhältnisse des isländischen Freistaats seit seiner Entstehung bis in die Zeiten seines Verfalls unter der Herrschaft der norwegischen Könige beziehen. In demselben Jahre erschien seine ebenso gründliche als geistreiche Untersuchung: „Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen-Not", eine Schrift, welche besonders gegen Schlegel, von der Hagen und alle Andern gerichtet ist, die Einen Dichter des Nibelungenliedes annehmen, mögen sie nun als solchen den Heinrich von Ofterdingen oder wen sie sonst wollen, angeben. L.'s Ansicht, daß das Nibelungenlied, gleich den homerischen Gesängen, aus einzelnen einst von einander unabhängig im Munde des Volkes lebenden Liedern von einem Unbekannten zusammenge- Lacoste 803 setzt worden sei, ist unleugbar wohlbegründet und wird bei unvorgefaßter Meinung endlich gewiß von allen Forschern als die allein richtige angenommen werden. Nicht lange darauf ließ L. „v« «borei, »^stsmsti, trsFicorum Lraecorrrm libr. IV (Berlin 1819) erscheinen. Diese, einen lange und vielfach besprochenen Gegenstand erörternde Schrift wird zunächst dem Umstand verdankt, daß L. in dem genannten Jahre als Oberlehrer an das Gymnasium Fridericianum und zugleich als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Königsberg berufen wurde. Hier lebte er bis 1835, wo er als ordentlicher Professor der philosophischen Facultät nach Berlin versetzt ward, mit Grass in näherer Verbindung, und schloß mit ihm das freundschaftlichste Verhältniß, dessen für die volkstümliche deutsche Literatur so fruchtbare Folgen der gelehrten Welt hinlänglich bekannt sind. Er ließ eine Übersetzung der Sonette Shakspeare's (Berlin 1820) und eine Auswahl aus den mittelhochdeutschen Dichtern, für Vorlesungen und zum Schulgebrauche folgen, ein Werk, welches in allen gelehrten Spulen Deutschlands, wo man die deutsche Sprache nur irgend einer Aufmerksamkeit würdigt, eingeführt zu werden verdiente, damit endlich einmal die seichten, größtenteils von Sprachunkundigen verfaßten Lehr- und Handbücher abgethan würden. Obgleich L. von Benecke nun ziemlich weit getrennt worden war, blieb er dennoch mit ihm in steter Verbindung, und den vereinten Bemühungen Beider verdanken wir die Bearbeitung des „Jwein", des berühmtesten Gedichts Hart- mann's von Ouwe (Berlin 1827). Diese Bearbeitung ist auch besonders deshalb merkwürdig, weil sie die erste ist im Gebiete des deutschen Sprachthums, der das Beiwort kritisch im strengen Sinne zukommt. Fast zur selben Zeit erschien von L. allein bearbeitet eine Sammlung der Lieder Walter's von der Vogelweide, eine Arbeit, die dem „Jwein" würdig zur Seite steht. Aber den größten Ruhm, wie das zreßte Verdienst, erwarb sich L. unstreitig dadurch, daß er zuerst das Nibelungenlied in einer dessen würdigen Gestalt („Nibelungen-Not", 1826) erscheinen ließ, und mit großer Erwartung sehen wir der von ihm verheißenen Bearbeitung der ebenso schwer zu verstehenden als großartigen Gedichte Wolframs von Eschenbach entgegen. Im Gebiete der altclassischen Sprachforschung lieferte er noch zuletzt eine kritische Ausgabe des PropertiuS (Leipzig 1816). L. gehört in dem Gebiete der deutschen Sprachforschung zu den Gründern der kritischen Schule, und steht überall dm Dilettanten streng und schroff entgegen. (38) Lacoste (E. E. G. G. de), Sohn des, nach dem Ausbruche der Unruhen m Belgien 1790 zu Furnes gestorbenen östreichischen Majors Alexander Augustin de Lacoste de Terstraeten, wurde von seiner aus Mecheln stammenden Mutter sorgfältig erzogen, und noch sehr jung von Napoleon zumStaatsrathsauoitor ernannt. Nach der Vereinigung Hollands mit dem Kaiserreich wurde L. als Unterpräfect zu Appingadam im Departement der westlichen Ems angestellt, und später in gleicher Eigenschaft zu Aachen. Nach der Trennung Belgiens von Frankreich ward er Divisionschcf im Ministerium deS Innern und behielt diesen Posten bis 1821, wo ihn der König zum Mitglied deS Staatsraths ernannte, worauf er 1828 Gouverneur der Provinz Antwerpen und im Jan. 1830 Gobbelschroy's Nachfolger in dem Ministerium des Innern wurde. Er war feinem Vorgänger an Talent utsd Einsicht ohne Zweifel weit überlegen; sein Scharfsinn, sein treffendes Unheil, seine umfassenden Kenntnisse machten ihn zu einem der ausgezeichnetsten Mitglieds des Staatsraths, und wenn seine abstoßenden Formen ihn zu einem Provin- iulvorstand oder einem Minister nicht eigneten, so wurde dieser Mangel durch seine Geschicklichkeit, durch ausgezeichnete Talente für die höhere Verwaltung aufgewogen. Schon als Unterpräfelt in Appingadam hatte er, noch sehr jung, durch sein ^tragen Anlaß zu seiner Versetzung gegeben, und es ergab sich sväter, daß mit der Ausbildung seiner Talente auch die Gesinnungen, aus welchen seine frühern»Aus- I 51 * H04 Lacroix schreitungen hervorgegangen waren, sich immer abstoßender entwickelt hatten. Er erhielt aufsein Gesuch seine Entlassung im Ott. 1830, nachdem er wahrend der kzuzen Zeit seiner Verwaltung die unseligen Folgen der Unlüchtigkeit seines Vorgangers vielfaltig vermehrt und die Lage der Dinge durch ein so verkehrtes und verderbliches Benehmen unrettbar verwickelt hatte, daß ihn alle Parteien der Ver- ratherei beschuldigten. (74) Lacroix (Paul), bekannt unter der Pseudonym-Firma: ?. 1, llacod, Riklioplnle, mit der er sich anfallen seinen Schriften bezeichnet, wurde 1808 zu Paris geboren, wo sein Vater lebte, der verschiedene, mit Beifall aufgenommene Romane und Dichtungen, unter andern „I,ackonsltt et kttorislla" herausgab. L. begann seine literarische Laufbahn durch Bewerbungen um verschiedene von Pro- vinzialakademien ausgesetzte Preise, und trug mehr als ein Mal den Sieg davon. Er. schrieb 1826 ein Trauerspiel ,chn prison z;ar<»", einer geistreichen Zeitschrift, die sieben Zahre hindurch einen blutigen Epigrammenkrieg gegen die Misbrauche und Lächerlichkeiten der Restauration führte. Seit 1827 trat er unter dem Namen des Bibliophilen Jacob auf. Die neue Richtung, die er nahm, siel gerade in die Zeit, wo der Kampf des Romanticismus mit dem Classicismus am lebhaftesten geführt ward, und L. hatte sich durch seine fleißigen Studien der mittelalterlichen Literatur vorbereitet, dieser Richtung zu folgen. Er gehört unter den Romanschriftstellern Frankreichs zu denen, welche die sonst in den neuesten Erzeugnissen dieser Gattung vorherrschende moralische Entartung und unterhöhlte Weltansi'cht nicht theilen, sondern in einer solidem Richtung sich haltend, es auf ehrenwerthere Wirkungen im Roman absehen, wodurch sie wenigstens von der sittlichen Seite her an Anziehungskraft und Dauerhaftigkeit ihrer Gebilde gewinnen, wenn sie auch den Glanz und selbst den Anschein von Poesie nicht um sich zu verbreiten vermögen, mit dem ein Janin die Gespenstergestalten in seinen Romanen zu übertünchen und seine Leser zu blenden versteht. In dieser Weise gehört L. zu den Soliden in der gegenwartigen französischen Literatur, und es ist zu verwundern, daß er als solcher so bekannt geworden, wie er es wirklich ist. Es gelang ihm jedoch auch dies nicht ohne eine kleine Effectintrigue, indem die von ihm 182^7 herausgegebenen „Soirees is" gehören zu den beliebtesten Werken dieser Art. So zahlreich jene Leistungen sind, die in den Zeitraum weniger Jahre fallen, so fand L.'s unermüdele Thatigkeit noch Muße zu andern Beschäftigungen, sodaß er in einem Jahre gleichzeitig an acht politischen und literarischen Zeitschriften Mitarbeiter war. In der Politik bekennt er sich zu den Grundsätzen eines gemäßigten Liberalismus. Er hat auch einige kleine Schriften herausgegeben, worin er die gegenwärtige Verwaltung der öffentlichen Bibliotheken in Frankreich einem strengen Tadel unterwirft, der auf die Verbesserungen, die man in dieser Hinsicht erwartet, nicht ohne Einfluß bleiben wird. Seit zehn Jahren arbeitet er an einer Geschichte des 16. Jahrhunderts und an einer neuen Geschichte von Paris. (17) * Lafayette. „Wir sehen den Mann, der in der Herrlichkeit und im Leiden, im Siege und im Unglück dieselben Grundsätze politischer Freiheit auf beiden Seiten des atlantischen Meeres verfochten hat, der sich gleich geblieben ist in demselben Tone, in derselben aufrichtigen Zuversicht unter den Trümmern der Bastille, auf dem Marsfelde, unter Bonaparte's Gewaltherrschaft und im Kerker zu Ollmütz." So sprach ein Amerikaner zu seinen Mitbürgern, als L., von Monroe, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, eingeladen, im Aug. 1824 als „Gast der Nation" zu Neuyork landete, auf dem Boden, den er 47 Jahre früher als zwanzigjähriger Mann betreten hatte, um dem frei gewordenen Volke in der Zeit der größten Bedrängnis seinen Arm und die ganze Kraft seines Geistes zu weihen. Er hatte für Amerika gesotten, als es nur eine Volksmenge vvn drei Milliomn hatte, als der Erfolg des Kampfes fast hoffnungslos war; er hatte es 1784 verlassen, als die Unabhängigkeit d'es Landes zwar gesichert war, aber der Staat arm und kraftlos und nur in dem Geiste des Volkes seine Hülfsmittel fand; er sah es nun wieder, als der Staat zwölf Millionen Bewohner zählte, ein Gebiet besaß, das zwei Drittheilen des Flachenraumes von Europa gleich war, eine Einnahm« von mehr als 30 Millionen Thalern hatte, und seine Flagge gekannt und geehrt auf allen Meeren wehte. Er reiste wie im Triumph durch die 24 Staaten der Union, und die Gegenwart des Mannes, der wie ein Schatten aus der Heldenzeit des Volkes heraufstieg, wirkte so wohlthätig auf die öffentliche Stimmung, daß alle Parteien ihre Zwiste vergaßen, die Männer aus der alten Zeit, seine Kampfgenossen, ihre Jugendkraft erneut fühlten, und Allen das Bild der glorreichen Revolution mit der hochsinnigen Vaterlandsliebe und der uneigennützigen Tugend der Väter, ein aufmunterndes Vorbild für die Mitwelt, näher gebracht wurde. Einstimmig bewilligte ihm der Congreß im Dcc. 1824, außer einem Strich Landes (wwnsllch) von 20,00-0 Morgen — den er später-verkaufte, um Monroe's Schulden zu bezahlen — eine Summe von 200,000 Dollars, die ihm als eine am 31. Der. 1834 abkäusliche Rente mit 6 Prorent verzinst werden sollte. Als in Bunkershill am 17. Zun. 1825, den Jahrstag des ersten Gefechts im Un- 806 Lafayette abhangigkeitskriege, in Yorktown das Gedächtniß des letzten Kampfes, in welchem auch er unter den Stürmenden gewesen war, gefeiert und von den ehemaligen Präsidenten der Union, John Adams, Thomas Jefferson, Madison und Monroe Abschied genommen, und der neue Präsident John Quincy Adams im Namen des Volkes ihm ein feierliches Lebewohl gesagt hatte, verließ er am 7. Sept. 1825 die Bundesstadt Washington und bestieg eine Fregatte, welche zur Erinnerung an einen der Schauplatze seines Kriegsruhms den Namen Brandywine erhielt. War L.'s Reise, die sein Begleiter Levasseur en ^merigue ea 1824 et 1825", 2 Bde., Paris 1829) beschrieb, für die Volksstimmung in Amerika wichtig und für ihn selber, auf welchen das schöne Wort des Tacitus: „?rmtur iama", sich anwenden ließ, als Anregung zu neuer Anstrengung für die Sache der Volksfreiheit bedeutend, so war sie auch bei der damaligen Stimmung in Frankreich nicht ohne Einfluß. Als L in Havre landete, ward er von dem Volke mit Achtungsbeweisen begrüßt, welche an die Begeisterung erinnern konnten, die ihn 43 Jahre frühei bei seiner Rückkehr aus Amerika empfangen hatte, und bei seiner Durchreise durch Rouen versammelte sich das Volk friedlich zu gleichen Huldigungen, bis die argwöhnische Behörde durch Gendarmen es auseinander treiben ließ. L. wurde wieder zum Mitgliede der Abgeordnetenkammer erwählt, wo er wie früher auf der linken Seite gegen die Machthaber seine politischen Grundsatze verfocht, die er auch am 24. Aug. 1827 bei Manuel's feierlichem Leichenbegängnisse, von den Säbeln und Bayonetten der Gewaltherrschast umgeben, unerschrocken aussprach. Nach der Auflösung der Deputirtenkammer im Nov. 1827 wurde L. abermals gewählt. Schon erschienen die Vorzeichen des Sturmes, den Polignac's Erhebung herausgefodert hatte, als L,, wol nicht ohne Berechnung, im Sommer 182S einige südliche Departements besuchte und besonders in Lyon mit lautem Jubel aufgenommen wurde. Die Regierung rächte sich an dieser Begeisterung, die nie in Ungesetzlichkeiten überging, und an ihrem Gegenstande durch kleinliche Beschränkungen, und ihre Wortführer in den Zeitungen schmähten L. durch Entstellung der größten Momente seines politischen Lebens seit 1789. Er kam nach Paris, in den Tagen als der vulkanische Boden sich öffnete; er verband sich am 27. Jul. mit den anwesenden Deputirten, die sich beriethen und endlich am 29. beschlossen, die Leitung der Bewegung zu ergreifen. An demselben Tage ward er zum Oberbefehlshaber der Nationalgarden ernannt, die in einzelnen Haufen an dem Kampfe Theil genommen hatten. Er begab sich an der Spitze vieler Nationalgarden und Bürger in das Stadthaus, wo er in sein Amt eingesetzt ward. Durch eine Bekanntmachung stellte er die pariser Nationalgarde wieder her, und sagte in seinem ersten Tagsbefehle, daß er mit Hingebung und Freude die ihm übertragene Verpflichtung übernehme wie 1789 und er sich durch die Zustimmung seiner in Paris anwesenden Amtsgenossen unterstützt fühle. L., Gerard und der Herzog von Choiseul bildeten die provisorische Regierung auf dem Stadthause, und bis zum 3V. schien in seiner Hand das Schicksal Frankreichs zu liegen. Die Bevollmächtigten, welche Karl X. sandte, um einen Vergleich mit der siegreichen Partei zu schließen, wurden ihm vorgestellt, während er in seinen Entscheidungen im Einverständnisse mit den übrigen Deputirten handelte. Als Lafsitte und die ihm gleichgesinnten Deputirten bei dem laut erhobenen Rufe nach einer Republik die Erhebung des Herzogs von Orleans vorgeschlagen hatten, gelang eS ihnen, auch L. für diesen Entschluß zu gewinnen, und diese Vereinigung entschied den nächsten Erfolg der Juliusrevolution. L. bewvg nun auch die dem Herzog abgeneigten Deputirten, der Bekanntmachung beizustimmen, worin gesagt wurde, der Herzog von Orleans sei stets der eonstitutionnellen Sache ergeben gewesen und werde die Rechte der Franzosen achten. Die Wahl des Herzogs, sagte L. selbst in seinem Schreiben an die Wähler von Meaux im Jun. 1831, des Pa- S« ''»rw Molchs! '«lUaiG 'Wcheinerz ^Ruenti^ Lafayette 867 tristen von 1789, des Tricolorsoldaten von 1792, habe ihm die beste Aussicht für Freiheit und öffentliche Ordnung dargeboten. Als der Herzog am 30. auf dem Stadthause die Würde eines Generallieutenants übernommen hatte (s. Juliusrevolution), gelang es L., das ungestüme Verlangen der Partei, die ihn zum Präsidenten der Republik ausrufen wollte, zu beruhigen. Die Bürgschaft aber, welche dicsePartei foderte, war dieAnerkennung des Grundsatzes derVolkssouvcrainetätmit all seinen Folgerungen. L. glaubte, wie er in dem erwähnten Schreiben sagt, in der Gewalt und dem Vertrauen, womit das Volk ihn bekleidet, das Recht und die Pflicht zu finden, sich im Namen des Volkes gegen den vorgeschlagenen König zu erklären. Bei dem Besuche, den er ihm am 30. abstattete, um ihm die im Stadthause erhobenen Federungen bekannt zu machen, sagte er zu ihm: „Sie wissen, daß ich Republikaner bin und die Constitution der Vereinigten Staaten als die vollkommenste betrachte, die es je gab." Der Herzog antwortete ihm: „Ich theile ihre Ansicht, und wie müßte es auch nicht Jemand, der zwei Jahre in Amerika gelebt hat; aber glauben Sie, daß es bei der Lage Frankreichs und bei der herrschenden Meinung gut sei, jene Verfassung anzunehmen?" „Nein", antwortete L., „aber was das französische Volk jetzt bedarf, ist ein volksfreundlicher Thron, umgeben von republikanischen, durchaus republikanischen Einrichtungen " Die Antwort des Prinzen: „Ganz so meine ich es auch", besiegelte nach L.'s eignem Berichte die gegenseitige Verpflichtung, welche, wie er sagt, Diejenigen, die gar keinen Monarchen, und Diejenigen, die einen ganz andern als einen Bourbon wollten, vereinigte. Jene Verhandlung war, wie L. behauptete, der Sinn des viel besprochenen Stadthausprogramms, dessen Dasein L. und seine Partei standhaft behaupten, während es nach des Königs spaterm Ausdrucke nur in L.'s Kopfe vorhanden gewesen sein soll. Man kann die angeführte gegenseitige Erklärung zwischen Ludwig Philipp und L. wol nicht bezweifeln, aber allerdings verstanden Beide, wie L. einige Monate spater selber sagte, die berühmt gewordene Bezeichnung deS Juliusthrones nicht auf gleiche Weise. Besonnen genug, um anzuerkennen, daß für sein Ideal einer Staatsverfassung das französische Volk noch nicht vorgebildet war, weil es durch die Centralisation der Verwaltung ein freithätiges Gemeindeleben eingebüßt hatte, schloß er mit dem monarchischen Princip einen Vergleich, der nicht gehalten werden konnte. Als er Ludwig Philipp am 7. Aug. auf dem Balcon des Palais royal für die beste Republik erklärte, verleugnete er nicht seine laut ausgesprochenen Grundsatze, aber er überließ sich im Vertrauen auf jenen Vergleich einer gutmüthigen Tauschung, um den dringenden Gefahren des Augenblickes zu entgehen, und indem er in dieser Täuschung der stürmischen republikanischen Partei gegenüber handelte, gelang es ihm, durch sein Ansehen und die für Ludwig Philipps Gesinnungen übemommene Bürgschaft die Ruhe in Paris zu erhalten. Diese Tauschung, aus welcher er erwachen mußte, bestimmte seitdem seine ganze Haltung im politischen Leben. Glaubte er, daß der Bürgerkönig das Königthum nur als eine erbliche Präsidentschaft betrachten werde, wie Einige von der republikanischen Partei wirklich von Ludwig Philipp behauptet haben, so ward er sehr bald aus dem Jrrthum gesetzt. Als Oberbefehlshaber sämmtlicher Nationalgarden in Frankreich trat L. am 16. Aug. nach der Gründung des Juliusthrones in die neue Staatsordnung, und das Einverftändniß zwischen ihm und dem König schien fest zu sein. Die ersten Monate des mit republikanischen Einrichtungen zu umgebenden Throns waren ein schwerer Kampf gegen die Partei der Bewegung, welche, wie L. spater von sich selber gestand, ungeduldiger war als die Rathe des Königs, einen solchen Thron zu verwirklichen. L. aber schützte die Ruhe der Hauptstadt in den ersten Tagen der neuen Herrschaft wahrend der Berathungen des Grundgesetzes; er schützte sie an der Spitze der treuen Na- tivnalgarden bei den gefährlichem Bewegungen im Dec. 1830, während des Pro- - LW Lafa^clte Verwaltung die Aufhebung der Paine, freisinnige Gemeindeverfassungen, ein freies Wahlgesetz gefedert hatte, trat nun ebenso entschieden in die Opposition, als d-ie Doctrinaires im Cabinet und in der Kammer machtiger wurden. Wahrend diese der Partei der Bewegung, an deren Spitze L. und Odilon Barrot standen, den Vorwurf machten, sie hätte die Unruhen in Paris durch Nachgiebigkeit gegen die jugendlich ungestümen Republikaner herbeigeführt und den König zu schleunigem Bewilligungen im Sinne des sogenannten Stadlhausprogramms zu bearbeiten gesucht, nannte die Bewegungspartei die Doctrinaires Empörer gegen die Julius- revolution. Bei den Berathungm des Gesetzentwurfs über die Nationalgarde ward am 24. Dec. 4836 in der Wahlkammer die Frage über die Angemessenheit der Fortdauer der Oberbefehlshaberwürde erhoben, und wahrend selbst die abgeneigte Mehrheit dem abwesenden L. eine Lobrede hielt, erklärte sie sich doch mit Eifer und Aufregung gegen die Nothwendigkeit jener Würde. „Es gibt Lobsprüche", sagte der „National", „die man nicht aushalten kann", und L. verlangte am 25. Dec. seine Entlassung. Zwei Tage später ward im „Boniteur" in einem Bericht des Ministers Montalivet an den König das Bedauern über des „hochberühmten" Generals Entschluß ausgesprochen, der des Königs Herz tief bekümmere und Frankreich dec Dienste beraube, die er dem Staate noch langer hätte leisten können. L.'s Nachfolger in dem Oberbefehl über die pariser Nationalgarde war der Graf von Lobau, die Oberbefehlshaberstelle blieb unbesetzt. Selbst diejenigen Wortführer, welche nicht leugneten, daß eine solche Stelle in der Hand eines Ehrgeizigen gefährlich werden könnte, meinten doch, man hätte für „den alten Verfechter, das ergebene Opfer, den neu erstandenen Soldaten der auf Freiheit gestützten öffentlichen Ordnung", wie L. sich selber nennen durfte, eine Ausnahme machen sollen. Sein Entschluß erregte eine lebhafte Gährung in Paris, und um sie zu beruhigen, erließ der König am 27. Dec. einen Aufruf an die Nationalgarde, worin er die großen Dienste, die L. der Freiheit geleistet, und den ruhmvollen Antheil, den er noch wenige Tage vorher an der Handhabung der öffentlichen Ruhe genommen, dankbar anerkannte. An demselben Tage trat L. in der Wahlkammer auf, feinen Entschluß zu erklaren. Man habe behauptet, sagte er, die Würde eines Oberbefehlshabers der gesammren Nationalgarden fti mit Frankreichs Staatseinrichtungen unverträglich ; er selber habe dies vor 40 Iahren gedacht, als er sich den Wünschen von drei Millionen entzogen, die ihn an ihre Spitze gerufen, und obgleich er sich nicht geweigert habe, als ihm von- Ludwig Philipp der Oberbefehl anvertraut worden sei, so habe er doch die Absicht gehabt, sich künftig zurückzuziehen, früher, wenn Friede bliebe, später, wenn Krieg würde. Die Zeit, wo er nicht mehr nöthig sei, setzte er hinzu, sei noch nicht da; aber die Meinung der Kammer fei diesem Zeitpunkte vorausgesclmtten, un-d so habe er es für besser gehalten, sich sogleich zu- cesses gegen die Minister Karls X., welche die Volkswuth auf dem Blutgerüste sehen wollte, und löste würdig denSchwur, lieber die Volksgunst und das Leben aufzuopfern, ^^ als zu gestatten, daß das erbitterte Volk die Unabhängigkeit des hohen Gerichtshofes verletze und Männern nach dem Leben trachte, welchen das Gesetz Schutz gewahre. Im Rache des Königs hatte indeß in der ersten Zeit seiner Herrschaft der Grundsatz gesiegt, sich den weitern Fortschritten der Bewegungspartei entgegenzusetzen, um die innere und äußere Ruhe des Staats zu schützen, und es gelang ihm, auch in den Kammern eine Stütze zu finden. (S. Frankreich.) In ihren Erwartungen getäuscht, trat die republikanische Partei nun der Regierung in der Wahlkammer wie in politischen Vereinen und in den Zeitungen entgegen, und die Reibung ^ wurde desto heftiger, je entschiedener der Widerstand der Regierung wurde. L., der sc M > in der Wahlkammer stets für die freie Entwickelung der Grundsätze der Juliusre- ^ örö volution gesprochen und in diesem Sinne hinsichtlich der auswärtigen Politik die f., Aufrechthaltung des Grundsatzes der Nichteinmischung, hinsichtlich der innern Lafsitte 809 rückzuziehen. Er sprach auch von dem Argwohn, den die ihm anvertraute Gewalt besonders in den diplomatischen Kreisen verbreitet habe. „Ich werde nun wieder einer der Ihrigen", schloß er, „und wir werden immer einig sein, wenn es gilt, ge- ^en Eingriffe von Außen oder von Innen zu kämpfen; denn wir haben unsern Wahlspruch nicht geändert, er heißt: Freiheit und öffentliche Ordnung." Mit diesem Ereignisse war L.'s politische Rolle wieder geschlossen. Er hat die Grundsatze, die ihn auf seiner langen Laufbahn geleitet haben, in deik angeführten Schreiben an die Wahler von Meaux*), als er nach der Auflösung der Kammer im Iun. 1831 um ihre Stimmen warb, ausführlich dargelegt. Diesen Grundsätzen, welchen man wenigstens Überzeugungstreue und redliche Consequenz nicht absprechen kann, wenn auch in der Anwendung das Urtheil nicht immer richtig war, folgte er unwandelbar in der neuen Kammer, und er fand um so mehr Mitkämpfer, da die Ereignisse im Auslande und der Zustand des bewegten Innern zur Opposition gegen Perier's Ministerium reizten; diese Grundsätze machten ihn nach dem Falle von Warschau zu dem eifrigsten Beschützer der polnischen Flücht- linge, aber ihnen blieb er auch treu, als er, obgleich einer der ersten Unterzeichner des die herrschenden Verwaltungsgrundsätze tadelnden Berichts (f. Frankreich), in seiner Trauerrede vor Lamarque's Sarge am 5. Iun. 1832 das aufgeregte Volk deschwor, den ernsten Tag nicht durch Unordnung und Ungesetzlichkeiten zu stören. Seine Ansicht der Verhältnisse Frankreicht in Beziehung auf das Ausland sprach er bei den Verhandlungen über das Budget des Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten, am 19- Febr. 1833, in einer merkwürdigen Rede aus, worin er von dm aufregenden und begeisternden Wirkungen der Iuliusrevolution auf die Volker, von der „Sonne des Julius sprach, vor welcher alle Nebel der königlichen Legitimität und der privilegirten Allmacht sich zertheilt hätten, um den ewigen Dogmen zu weichen, welche auf die Volkssouverainetät sich stützen, und von einem alle Cabinete aufwiegenden Verbündeten, dem Volke Europas, das mit den Franzosen einstimme und auf welches sie bei einem Angrisse auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit sich verlassen könne", aber der Regierung vorwarf, daß sie jenes Ereigniß nicht benutzt habe, Frankreichs Stimme zum Vortheil der Freiheit der Völker mit Nachdruck zu erheben. Ehe wir glauben, daß er an der Spitze einer republikanischen Propaganda gewirkt habe, müssen wir erst Beweise für das Dasein einer solchen Propaganda erwarten; aber allerdings hat er es als seine Überzeugung ausgesprochen, daß der glückliche und ruhige Genuß der Volksrechte in Frankreich an sich selbst schon eine Art von Propaganda werden müsse. Sein jetziges Verhält- niß zu den Machthabern bezeichnete er am 11. März 1833 in der Wahlkammer bei seiner Beschwerde über die gewaltsame Wegführung seines Gastfreundcs Lele- wel mit den Worten, er habe sich gänzlich und offen (comjlletement et ouverte- weilt) von einem System getrennt, das er für contrerevolutionnair in Beziehung auf die Juliusrevolution erklärt habe. Vergl. Sarrans, „I^uka^ette et In reva- iutiull lle 1839" (zweite mit vielen Zusätzen vermehrte Auflage, Paris 1833). *Laffitte (Jacques), Bankier, war Deputirter der Wahlkammer, in welcher er zu der liberalen Partei der 221 gehörte, als die Juliusrevolution 1839 ausbrach. Mitten im Feuer des Bürgerkampfes, der die wildesten Elemente eines gänzlichen Umsturzes der politisch-bürgerlichen Gesellschaft aufzuwühlen und im republikanischen Sturme aufs Neue alle Schrecknisse der Anarchie, in deren Ge- stlge aber einen europäischen und einen Bürgerkrieg, den Terrorismus, Pcoscrip- üon und eine abermalige Vernichtung des öffentlichen wie des Privatcredits über Frankreich hereinzuwälzen drohte: in dieser furchtbaren Krisis trat L. klug, besonnen und kräftig an die Spitze der Ereignisse und ergriff, ebenso muthig als gewandt ') S. „Allgemeine Zeitung", 18Z1, Nr, 174—177. 810 Lasfitte das Steuerruder des dem Abgrunde entgegengeschleuderten Staatsschiffes. Er lenkte es glücklich durch das Klippenmeer der Juliusepoche und erhob Ludwig Philipp auf den neu errichteten Thron eines Bürgerkönigs. L. rettete dadurch Frankreich und gründete die neue Dynastie, verlor aber in dem Sturme sein großes Vermögen. In der am 2. Marz 1830 eröffneten Kammersitzung war L., ein Mitglied der linken Seite, zum Präsidenten des dritten Bureaus gewählt worden. Nach der Auflösung dieser Kammer (am 16. Mai 1830), wurde er im Anfange des Jul. von den Wahlcollegien der Seine zum Deputirten gewählt. Die neue Kammer sollte am 3. Aug. zusammentreten, aber acht Tage vorher brach die Jul ins - revolution aus (s. d., sowie Frankreich, Karl X. und Ludwig Philipp). Bei der ersten Bewegung am 26. Jul. stellten sich einige exaltirte Deputirte, wie sie Perier nannte, voran, um sie im Sinne der Volksstimme zu leiten; so La- borde, der am Abende dieses Tages die Deputirten Schonen, Vernarb, Ba- voux, Marchal, I. Lefebvre, Daunou, Vaffal und Villemain bei sich versammelte. Einige der Erstgenannten waren der Meinung, sich als Nationalversammlung zu constituiren, wenn es nöthig sein sollte, das Volk zu den Waffen zu rufen. Da trat Perier hinzu und warnte, nichts zu übereilen; die Kammer sei aufgelöst, also nicht vorhanden. Eine Erklärung werde hinreichen, die Zurücknahme der Or« donnanzen zu bewirken; doch müsse man die andern in Paris anwesenden Deputirten erst fragen. So suchte Perier, ein Freund der Freiheit, aus Achtung für Gesetz und Ordnung, die Bewegung zu hemmen. Am folgenden Tage, den 27. Vormittags, versammelten sich einige Deputirte abermals bei Laborde. Man sandte Eilboten, um L. und Lafayette herbeizurufen. Um 2 Uhr Nachmittags versammelte man sich bei Perier. Noch stritt man, ob man in der Eigenschaft von Deputirten zu handeln befugt sei, da erschien die Deputation eines Wahlcomites von Paris. Merilhou und Boulai de la Meurthe erklärten, den Bürgern bleibe bei der Verletzung der Charte kein anderes Auskunftmittel als die Jnsurrection; sie erwarten Beistand und Leitung von den Deputirten. Die Versammlung schwankte in ihrem Beschlüsse und verschob ihn auf die Zusammenkunft am folgenden Morgen den 28. bei Audry de Puyraveau. Hier erschien L. und Lafayette. Guizot schlug eine Protestation vor; Perier, in der Absicht, den Volkssturm in die Bahn der Gesetzmäßigkeit zurückzukämmen, rieth die Absenkung einer Deputation an den Marschall Marmont an, um einen Waffenstillstand zu erlangen, und dem Könige die Beschwerden vorzutragen. Die Deputation wurde ernannt. Als aber Polignac auf nichts eingegangen war und L. das furchtbare Wort: „Also Bürgerkrieg?" gegen Marmont ausgesprochen hatte, da erst trat L. in die Mitte der Gefahren ein, um die Bewegung zu leiten. Er schlug vor, die von Guizot entworfene und von einigen Journalisten veränderte Protestation zu unterzeichnen und zu veröffentlichen. Unterdessen hatte das Volk bereits das Stadthaus zum letzten Male erobert und verlangte von den Deputirten einen General zum Anführer. An demselben Morgen versammelten sich 30—40 Deputirte bei s. Als Vorsitzender eröffnete er die Berathung mit der Bemerkung, es sei nothwendig, die Leitung der Bewegung zu ergreifen. Hierauf schritt man zur Organisation der bereits von den Parisern (Baude, Dubourg und Zimmer) proclamirten provisorischen Regierung, zu deren Mitgliedern man Lafayette, Gerard und den Herzog von Choiseul bestimmte, und ernannte eine „Municipalcommission", die aus Mauguin, L,, Schonen, Audry de Puyraveau, Rodau und Casimir Perier bestand. Zugleich entschieden die Deputirten, daß General Lafayette den Befehl über die gesammte Militairmacht, und der General Gerard den über die Activoperationen übernehmen sollte. Als dies geschah, war der Sieg bereits erkämpft. Jene Commissi»», zu der noch der General Lobau LafftLte 811 gehörte, nahm nunmehr ihren Sitz auf dem Stadthause, erließ eine Proclamation und besetzte provisorisch alle Verwaltungszweige. L. gab eine halbe Million zu den ersten Ausgaben der Municipalcommission. An demselben Morgen war es, wo Graf von Argout sich zu den bei L. versammelten Deputirten begab und ihnen im Namen Karls X. bekannt machte, daß der König die Ordonnanzen zurückgenommen und ein neues Ministerium gewählt habe. Als Präsident der Versammlung erwiderte L., daß der Sieg des Volkes die Frage schon entschieden habe, es gebe keinen Karl X., König von Frankreich, mehr. Von nun an galt die Frage: soll Frankreich eine Monarchie bleiben, oder eine Republik werden? Auf diesem Scheidewege stand L. und lenkte das Schicksal Frankreichs. Die Jugend auf dem Stadthause sprach von einer Republik und von Lafayette; dieser und andere Männer von Erfahrung wollten nichts davon hören; da nannte L. den Herzog von Orleans: „der werde proclamirt; es gibt kein anderes Mittel, die Republik zu vermeiden". Dieses Wort entschied. *) Dupin erklärte sich sofort für den Herzog; so auch mehre Journalisten. Nun leitete L. theils selbst, theils durch seine Freunde, die weitere Verhandlung am 30. mit den Deputirten und mit der Versammlung im Club Lointier. Thiers, Larreguy und Mignct wirkten durch die Journale in demselben Sinne auf die öffentliche Meinung. Die letzte Unterhandlung Karls X. durch Collin de Sussy mit S. ward von diesem zurückgewiesen. Eine Proclamation verkündigte, daß Karl X. aufgehört habe zu regieren, und von L. eingeladen, kam der Herzog von Orleans von Neuilly noch um 11 Uhr Abends in das Palais royal. Hier empfing er am 31. eine Deputation der Deputirten, L. an der Spitze, welche ihm das Amt eines Statthalters des Königreichs übertrug, und L. las die Adresse der Ernennung, welche die Bedingungen derselben enthielt. Hierauf führte er den Herzog auf das Stadthaus, wo General Lafayette sich für ihn erklärte und das sogenannte Programm vom Stadthause in die Worte zusammenfaßte, es soll ein populairer Thron, umgeben mit republikanischen Institutionen, errichtet werden. Dieser Anschluß Lafayette's an L.'s Plan erstickte den ungewissen, haltlosen Ruf der Menge nach einer Republik und gab dem Strome der Bewegung eine bestimmte Richtung. Der Statthalter eröffnete die Kammern am 3. Aug., L. wurde zum Vicepräsidenten der Wahlkammer gewählt, und trat, als Casimir Perier wegen Krankheit die Präsidentenstelle aufgab, durch 215 Stimmen gegen 11 erwählt, an Perier's Platz. So leitete er jetzt die wichtigen Verhandlungen der Kammer, welche die Erhebung des Herzogs von Orleans auf den Thron und die Abfassung der Charte von 1830 zur Folge hatten. Die Pairskammer folgte den Beschlüssen der Wahlkammer. Als der König Ludwig Philipp am 11. Aug. sein Ministerium ernannte, wurden L., Casimir Perier, Dupin und Bignon Mitglieder des Ministerraths ohne Portefeuille. Endlich am 2. Nov. 1830 ward L. zum Präsidenten des Ministerrathes und, statt des Baron Louis, zum Finanzminister ernannt. Seine Lage war schwierig. Die Führer der Juliusrevolution trennten sich; Lafayette legte den Oberbefehl der Nationalgarden nieder; Dupont de l'Eure, der Mann der äußersten Linken, trat aus dem Ministerium ; die Aufregung der Parteien, die Noch des GewerbstandeS und Emeuten störten den Gang der Verwaltung. L. konnte sich nicht an der Spitze des Widerstandes gegen die Gewalt der Bewegung mit Kraft behaupten; er verlor seine Popularität und der Credit seines großen Handelshauses wankte. Es mußte liquidsten. Der König unterstützte seinen Freund, und dieser schlug für den König eine Eivilliste von 18 Millionen vor. Sein Budget war ein doppeltes: das ordentliche ') Sarrans behauptet in seiner Schrift: „l-aka^etts «t I» r^volutw» e 5 'R, M Lamb 817 feindseligsten Gesinnungen werden bei dem Anblicke seines Sarges dem Edelmuthe seines Charakters und seiner Selbständigkeit ihren Zoll darbringen. Wo ihm etwas als wahr erschien, da umfaßte er es mit Festigkeit; er blieb unerschütterlich vor dem Hasse wie vor den Liebkosungen der Machthaber." Wichtig für Frankreichs neueste Geschichte wurde diese großartige Feierlichkeit als die unmittelbare Veranlassung des blutigen Aufstandes, der die Niederlage der republikanischen Partei herbeiführte. HS. Frankreich.) L. ist Verfasser mehrer sehr geschätzten strategischen Werke. Hier das Verzeichniß seiner Schriften: ,Mece-sits dune armee permanente, et prchet d'uue Organisation de l 'inianterie plus econom!» gae gue celle MuveIIes ckes urts" (5 Bände, Paris), welche, von Zeichnungen begleitet, in wöchentlichen Lieferungen erschienen; „^nnaleb eiu Älnsee et cke I'ecole mcxierne ües beanx-nrts" (17 Bde., Paris 1801 —10, und eine zweite Sammlung in 12 Banden); „?a^sn^es et tuhleuux äe genre" (4 Bände, 1805). Alle diese Sammlungen sind durch Sauberkeit und Treue der Zeichnungen ausgezeichnet, und von den französischen Kunstfreunden um so gesuchter, als die Originalen der meisten darin dargestellten Meisterwerke nicht mehr in Frankreich sind. An die ,,^ies et «eiivres ckes peintre? les pl»z cblechs-es" (20 Bde., Paris 1803 fg., 4.) reihten sich drei andere Bände antiker Gemälde. Die „Dezcrchtinn cke ?mis et ei Mure et sculpture tsui ent cancouru pour les z>rix decennaux" (mit 45 Tafeln); „^tlaz « du Nusee, ou cutidoAue li^ure des tudlenux et statu««" (seit 1814); „Valerie de Alussms, uncien resident de ?rance ü Karlsruhe" (Paris 1815); „l>iu- mismatitjue du vu^a^e du jeune ^nuctnrrsis, vu medailles des deaux temps de ^ !a 6rece" (2 Bde., 1818); „(Roix de tadleaux et de statues des plus celedres ^ wusees et cabioets etrao^ers" (12 Bde., 1821 u. fg.). Von 1819 — 24 gab er eine Beschreibung der jahrlichen Kunstausstellungen unter dem Titel „Schon" ^ ' heraus. Er ließ nicht bloß seine Copien der Kunstwerke durch Kupferstich wiedergeben, er stellte auch viele eigne Gemälde im pariser Museum aus; sein Dädalus und Ikarus, fein Paul und Virginia zogen die besondere Aufmerksamkeit des Publicums auf sich. Erwähnung »erdienen auch „Vies et oeuvres des pein- tres les plus eeledres de toutes les epugues" (Paris 1821, 4.). L. starb zu Paris 1826. Sein Sohn ist Architekt, wurde als Pensionnair des Instituts nach Rom gesandt und erhielt 1817 den Titel eines Architekturzeichners vom Cabinete des Herzogs von Angouleme. (15) Landstände. Der Ausdruck Landstande bezeichnet im engern Sinne ein eigenthümlich deutsches Verhältnis, nicht die Repräsentativverfassung überhaupt, sondern die besondere Gestaltung, welche ein Theil des repräsentativen Systems in Deutschland angenommen hatte, und welche weder das Ganze jenes Systems umfaßt, noch auch darin irgend eine allgemeine Norm suchen konnte. Es konnte nämlich nicht gesagt werden, daß ein Volk, die Unterthanschaft eines deutschen Lan- dessürsten, darum ohne repräsentative Rechte sei, weil keine Landstände in der gewöhnlichen Form vorhanden waren, oder daß die Regierung eines Landes ohne Stande eine absolute Gewalt über die Unterthanen besitze, vielmehr hielten Kaiser und Reich stets darauf, vorzüglich die Reichsgerichte, daß auch in solchen Landern den Unterthanen nichts von ihren hergebrachten Rechten und Frecheiten entzogen, Steuern, außer den nothwendigen für das Reich, nicht ausgeschrieben und über die ausgeschriebenen eine öffentliche und genaue Rechnung abgelegt würde, wozu Abgeordnete der Unterthanen zugezogen werden müßten. Auch waren die Rechte der Landftände, sowol was ihre Zusammensetzung als ihre Verhältnisse zum Landesfürsten betraf, so verschieden, daß die fürstliche Gewalt in manchen Landern in außerordentlich enge Grenzen eingeschlossen wurde. Wenn man daher dem Artikel 13 der deutschen Bundesacte auch einen technisch-historischen Sinn beilegen will, daß dadurch nicht eine repräsentative Verfassung im Charakter der neuern Zeit, sondern gerade nur alte deutsche Landstände verheißen seien, so ist damit durchaus nichts , Bestimmtes ausgesprochen, weil es keinen allgemeinen Typus der alten Landstande fsWdeiid gibt, weder in Beziehung auf die Vertretung der Volksclassen, noch aus ihre Be- ' ^erii Z fugnisse. Die neuen Landsiände seit dem Jahre 1813 sehen einander viel ähn- licher als die alten, und man ist bei ibnen von den wenigen Grundlagen, welche ^ sich in den alten Ständcverfassungen als gemeinschaftliche erkennen ließen, in sehr MschM wesentlichen Dingen abgewichen. Dabin gehörte: das Recht der Rittergutsbesitzer persönlich zu erscheinen, die Repräsentation des Sradkbürgerthums als solchen ohne Rücksicht auf Gcundeigenthum, die Vertretung der Städte durch ihre Vorsteher und außer ihrem Stande gewählte Abgeordnete, und die eigne Cassen- verwaltung der Einkünfte, welche auf besondern Bewilligungen beruhten. Das, wogegen sich bei diesen Veränderungen am meisten einwenden läßt, was aber ein durchaus allgemeines Vorurtheil geworden war, ist die strenge Beschränkung der ganzen Repräsentation auf Grundeigenthum, und zwar so, daß auch jede Elasse '-itz Landstande 827 der Grundeigenthümer ihre Abgeordneten gerade nur aus ihrer Mitte wählen darf. Diests fast allgemein durchgeführte Princip, welches seine Herrschaft zwei Jrrthü- mern verdankt, erstlich dem historischen, daß von scher nur Grundbesitz reprasentirt worden sei, was in Ansehung der Kirche und der Städte völlig falsch ist, und zweitens dem philosophischen Jrrthum, daß der Boden seinem Eigenthümer eine Neigung zum Beharrlichen beibringe, hat schon sehr nachtheilige Wirkungen hervorgebracht und wird sich immer unhaltbarer And schädlicher zeigen, je größer der Einfluß der Stande auf die Gesetzgebung und Verwaltung des Staats wird; denn auch die Erwartung, welche vielleicht einige Staatskünstler von den aus nichts als Grundeigenthümern bestehenden Standen hegten, daß sie theiis wegen ihrer vielfachen Abhängigkeit von der Regierung, theils wegen ihres Mangels an wissenschaftlicher Kenntniß lenksamer sein würden, ist nicht in Erfüllung gegangen. Alle deutschen Landstande haben seit 18!3 das Bestreden bewiesen, ihren Beruf mit Kraft und Erfolg zu erfüllen, und sie haben sich sämmtlich zu einer immer bedeutendem Wichtigkeit emporgehoben. Besonders merkwürdig ist dabei die Erscheinung, daß, wahrend man die Staatsbeamten aus den Standeversammlungen anfangs im Volksinteresse zu entfernen suchte, weil man meinte, daß sie in der Regel zu sehr für alle Maßregeln der Regierungen stimmen und selbst Misbrauche verchndigen würden, jetzt die Ministerien alle Mittel anwenden, die Wahl der Staatsbeamten zu erschweren, weil gerade sie der Opposition durch ihre Kenntniß der Geschäfte und aller Verhältnisse eine viel größere Kraft geben. So wird man sich immer getäuscht sehen, wenn man mit zufälligen Nebendingen etwas erreichen will, durch Beschrankungen der Wahlfreiheit, ungesetzlichen Einfluß auf die Wahlen und Ähnliches, was sich nur ourch gerades Fortschreiten auf der rechten Bahn, aber da auch sicher erreichen läßt. Wenn auch für eine Zeitlang durch solche Mittel die Opposition der Landstände beschwichtigt worden ist, so ist der nächste Erfolg einübest» größere Reaction und spätere Landtage haben die Unterlassungen ihrer Vorgänger mit Zinsen nachgeholt. Wie dies in den verschiedenen Ländern Deutschlands unter mancherlei Abwechselungen, aber im Ganzen unverrückt und rasch vorwärts gegangen ist, haben die Artikel über die Landstände der einzelnen Bundesstaaten dargestellt, und es ist fast kein Jahr vergangen, ohne daß da oder dort in dieser Hinsicht etwas Bedeutendes geschehen wäre und das conftitutionnelle System, welches sich im Ganzen in den Landstanden ausbildet, wichtige Entwickelungen und Erweiterungen erhalten hatte. Der Zug der Zeit scheint hierin so stark, daß er mit der Zeit alle deutschen Staaten ergreifen wird, so stark auch die Damme sind, welche noch entgegenstehen. Je größer die Staaten sind, desto gewaltiger ist aber auch nach einmal durchbrochenem Damme die Bewegung. Besonders nach dem Jahre 1830 wurden die Fortschritte der Stande in den meisten deutschen Landen rascher und entscheidender als zuvor, und es schien, als ob jeder Landtag den vorigen und die der andern Staaten überbieten müsse. Die sehr geringe Theilnahme, welche die Verhandlungen der Stande bisher, mit 'Ausnahme weniger vereinzelter Verkommenheiten, außer dem Lande im übrigen Deutschland gefunden hatten, verwandelte sich schnell in eilst sehr lebendig? und allgemeine. Die wichtigsten Fragen des Staatsrechts wurden nach und nach fast allenthalben angeregt, und wie man im Jahr 1832 schon mit dem größten Interesse die Landrage in Baden, Kurhessen, Nassau, Hanover, Braunschweig beobachtet hatte, so sah man mitnoch gespannternErwartungen den spätem entgegen. Beschränkung der Staatsausgaben, vorzüglich im Militair, Fixirung und Beschrankung der Civilliste, Erklärung der Romainen für Staatsgüter, Begünstigung des kleinen Grundeigenthums im Kampfe gegen die Grundherrlichkeit, Verbesserung der Rechtspflege, Preßsreiheit, Öffentlichkeit, das waren die vorzüglichsten Gegenstande der landstandischen Thä- ligkcir, die durst) Adressen, Petitionen und Vereine noch stärker angeregt wurden. 8^8 Landstände Die Schriftsteller singen schon an zu versuchen, ob sie nicht der Censur Trotz bieten könnten, und viele Tausende von Menschen strömten zu festlichen Zusammenkünften, diesmal zu geselligen Freuden, künftig einmal zu ernster That zusammen. In diese große Aufregung der Gemüther, vornehmlich des südwestlichen Deutschlands, trafen die dekannten Bundestagsbeschlüsse vom 28. Iun. und 5. Jul. 1882, deren Zweck ist, einerseits die Stellung der Regierungen gegen die Landstande, andererseits auch die Stellung der einzelnen deutschen Staaten gegen den Bund zu wahren, und der Bewegung, welche man wahrnahm, ohne ihren ganzen Umfang, ihre Quellen wie ihr Ziel, völlig übersehen zu können, durch nachdrückliche Ausführung der bereits im Jahr l819 von dem Bunde beschlossenen Maßregeln Einhalt zu thun. Diese enthalten an sich selbst wenig Neues und vornehmlich nur (Art. Ii), daß eine Verweigerung der zur Regierung nothwendigen Steuern, wenn dadurch die Erreichung anderweiter Wünsche und Antrage durchgesetzt werden sollte, offenem Aufruhr (Art. 25 und 25 der Schlußacte von 1820) gleichstehe und den Bund zu unmittelbarem Einschreiten mit militairischer Macht berechtigen, legen jedoch auch den Souverains selbst die Pflicht auf, alle Antrage der Stande zu verwerfen, welche auf eine Verletzung des monarchischen Princips abzwecken könnten. (S. Deutschland.) Es ist nicht zu leugnen, daß ihre Wirkung sehr bedeutend gewesen ist. Die Schriftsteller, welche für Deutschlands Einheit, Volkssouverainetät und politische Freiheit aufgetreten waren, sind verstummt, zum Theil in Gefangnissen und werden mit schweren Strafen verfolgt; viele Zeitungen sind unterdrückt, die Censur ist verschärft, die Vereine zu politischen Zwecken verboten; die Masse des Volkes ist ruhig und still. Es ist kein Grund vorhanden, anzunehmen, daß eine größere Verbindung mit dem Zweck politischer Umänderungen in Deutschland bei jener Aufregung thätig gewesen sei; ob Einzelne daraufhingearbeitet haben, müssen die Criminalunrersuchun- gen ergeben, welche hier und da noch eingeleitet worden sind. Die Farben des hambacher Festes, angeblich die alten Farben des deutschen Reiches (wie aber zu Schwarz und Gold noch das Roth kommt, wissen wir nicht), sind wieder verschwunden und der ausgetretene Strom fließt wieder in dem alten vielfach getheil- ten Bette. Auch auf die landständische Wirksamkeit sind jene Beschlüsse nicht ohne Einfluß geblieben; die Öffentlichkeit der Sitzungen ist zwar, wo sie einmal bestand, nicht zurückgenommen worden, aber in dem Großherzogthum Sachsen- Weimar ist sie, von den Standen gewünscht, von der Regierung abgelehnt worden; die braunschweigische neue Landschaftsordnung vom 12. Ott. 1832 sagt nichts von Öffentlichkeit. Die eröffneten oder nahe bevorstehenden Landtage in Würtem- berg, Hesscndarmstadt, Kurhessen, Königreich Sachsen, Sachsem Weimar, Sachsen- Mciningcn, Sachsen-Altenburg werden zeigen, ob die Wirkung der Bundestagsbeschlüsse tiefer in das Wesen der Landesverfassungen eindringen und die Richtung der Stande verandern werde. Den Erfolg aber haben sie unleugbar gehabt, daß sie gewarnt und gelehrt haben Maß zu halten und weder ein Recht noch einen Grundsatz bis auf die äußerste Spitze zu treiben. Die Stände werden in keinem deutschen Lande mit einer Verweigerung aller Sreuervcrwilligung drohen, weil sie einsehen, daß, wenn sie auch das Recht dazu hatten, eine solche Verweigerung der ^ Erklärung gleich wäre, daß die Regierung aufgelöst fei. Aver auch die Regierun- gen werden wol erwägen, daß, wenn die Sachen auf einen äußersten Punkt getric- ben würden, nicht die Existenz der Stande allein, sondern auch ihre eigne auf dem sst ^ Spiele stände. Die großen staatsrechtlichen Fragen, welche durch die Bundes- tagsbeschlüssc angeregt worden sind, werden immer mehr zur Sprache kommen, und obgleich nickt bezweifelt werden kann, daß die Bundesversammlung die einzige Au- torirät ist, welcher das Recht zur Interpretation der Bundesatte und anderer Grundgesetze des deutschen Bundes zusteht, so wird doch Alles, was über die Intcr- Landstände 829 pretation hinausgeht, mithin auch jede wahre Erweiterung der Bundesgewalt, dadurch von selbst ausgeschlossen. Dies kann sich erst dann praktisch ergeben, wenn eine solche Frage die Landesverfassung eines der großen deutschen Staaten berühren sollte. Die wichtigsten derselben sind bis jetzt, wenn wir nicht bloß auf diejenigen sehen, welche sich auf das Verhältnis der Landesverfassung zum deutschen Bunde beziehen, etwa folgende gewesen: 1) Die Befugniß der Regierung, den Staatsbeamten, selbst mit Einschluß der Pensionirten, der Advokaten und Ärzte, den Urlaub zur Standeversammlung zu verweigern. Diese Befugniß sollte gewiß, wenn einmal Beamte wahlbar sind, auf feste Regeln zurückgeführt werden, denn es ist auf der einen Seite ebenso wichtig, daß das Amt nicht unter der Abwesenheit des Beamten leide, als es auf der andern einen sehr Übeln Eindruck macht, den Urlaub nur denen geben zu wollen, welche sich dem Ministerium gefällig machen. 2) Die Öffentlichkeit der Sitzungen (s. d.). 3) Der Umfang der gesetzgebenden Gewalt. Man hat manche Acte der Gesetzgebung als Überschreitung und als Eingriffe in das wohlerworbene Recht Einzelner angefochten, z. B. die 'Ablösungsgesetze in Baden, die Aufhebung der Patrimonialjurisdiction, der Fideicommisse, der Steuerfreiheit, der Untheilbarkeit der Güter und dergleichen. Allein twr gesetzgebenden Gewalt ist Alles istStaate unterworfen; sie kann bestimmen, welche Dinge Gegenstande des Privateigenthums sein sollen oder nicht,und sie darfnur keinem Bür- gcccin Recht oder einen Besitz entziehen, welches seiner Gattung nach im Staate möglich ist, ohne ihn dafür zu entschäoigen. ck) Das Domainencigenthum. (S. Do - ma inen frage.) 5) Das Recht der einzelnen Ständemitglieder, ihre Stellen niederzulegen, wenn sie meinen, solchenicht mehr mit Freiheit oder zum Wohl des Landes versehen zu können. Dem Einzelnen kann dies gewiß nicht verwehrt werden; was der Einzelne darf, ist auch Mehren erlaubt, und so können freilich Einzelne tandeversammlung beinahe auflösen. Eine unvollständige Ständeversamrn- eme lung kann schwerlich gültige und für die Unterthanen verbindliche Beschlüsse fassen; die Regierung hat es aber in ihrer Gewalt vorzubeugen, indem sie die Abtretenden nur durch neue Wahlen braucht ersetzen zu lassen. K) Die Frage über die Verbindlichkeit der Gesetze und besonders der Steuergesetze, welche ohne verfassungsmäßige Mitwirkung der Stände erlassen sind. Manche behaupten, daß selbst die Gerichte dergleichen Gesetze anerkennen müßten und nur die Stände befugt seien, die Minister wegen Verletzung der Verfassung zu belangen. Richtiger dürfte aber wol sein, daß, wenn die Zustimmung der Stände grundgesetzlich nothwendig ist, ein Gesetz ohne sie auch gar nicht vorhanden ist, sondern nur eine Regierungsverordnung, Befehl, Ordonnanz. Inwiefern nun solche Befehle die Competcnz der Regierung überschreiten, dürfen sie von den Gerichten nicht angewendet werden, denn das ist ja eben du Beruf des Richteramts, die individuelle Freiheit zu beschützen. 7) Die Befugniß der Stände, darüber zu entscheiden, welche Summen nölhig sind, um den nvthwmdigrn Staatsaufwand in allen seinen Zweigen und mit Einschluß der bundesmäßigen Verpflichtungen, vornehmlich der Unterhaltung des Bundescon- tingents, zu bestreiten. Darüber ist es bekanntlich fast überall zu großen Differenzen gekommen. Die Stände werden, bei der dringenden Nolhwcndigkeit großer Ersparungen im Staatshaushalt, immer auf diesen Punkt zurückkommen, und wenn man ihnen einmal das Recht der Bewilligung und der Eomrole einräumt, ^ kann auch die Entscheidung über die Aulänglichkeit der Mittel nicht den Mini- Ferien zustehen. Aber freilich würden auch die Stände der Regierung doch die Erfüllung ihrer Verbindlichkeiten unmöglich machen können. 8) Die Concurrenz bec Stände bei Staatsverträgen; daß die Regierung durch Verträge mit andern Staaten die Verfassung nicht abändern kann; daß sie nicht in der Form eines Ver- wags etwas thun darf, was sie nicht in der Form einer Verordnung thun könnte, sjt wol klar. 9) Preßfreihcit. Das badifche Gesetz über Preßsreiheir war das erste M» 830 Landwirthschaftlick e Lehranstalten Beispiel eines förmlich cassirten Landesgesetzts, wegen Unverträglichkeit mit den Bundesbeschlüssen. Es fällt in die Augen, daß auch dabei eine wichtige staatsrechtliche Frage zur Sprache kommt. Konnte die Regierung zurücknehmen, das Gesetz unbedingt für unwirksam erklären, oder hatte sie vielleicht dasselbe nur, so lange die Bundestagsbeschlüsse bestehen, suspendiren sollen? Es wird nicht fehlen, daß diese und ahnliche Fragen noch in vielfachen Beziehungen die Landstande beschäftigen werden, und es ist mit großer Wahrscheinlichkeit vorauszusehen, daß es darüber lebhafte Diskussionen geben wird. In Würtemberg ist freilich der Antrag des Abgeordneten Pfizer, die Verhaltnisse des Staats zum deutschen Bunde betreffend, durch ein königliches Reskript zurückgewiesen worden und hat in seinen Folgen zur Auflösung der Standeversammlung geführt; allein solche Zurückweisungen werden nicht immer anwendbar sein, indem andere Diskussionen sich dadurch nicht beseitigen lassen. Und so möchte denn die Bedeutsamkeit der Landstande nur noch im Steigen begriffen sein. (3) Landwirth schaftliche Lehranstalten. Sie sind ein Produkt der neuern Zeit, wo man erst die Wichtigkeit einer wissenschaftlichen Vorbildung bei allen Gewerben erkannt hat, und junge Leute aus den gebildeten Ständen sich mit Liebe der Landwirthschast gewidmet haben. In früherer Zeit, wo man bloß die mechanischen Beschäftigungen des Ackerbaus zu ihrem Betriebe für nothwendig erachtete und in dem Wahne stand, daß keine Geistesbildung dazu gehöre, daß selbst der einfaltigste, zu keinem andern Geschäft taugliche Mensch, wenn er nur den Pfiug dirigiren, den Mistwagen leiten und allenfalls die Aufsicht über rohe Ardeiter führen lerne, doch noch zum Landwirth, gemeiniglich Ökonom genannt, fähig sei, konnte die Idee zu einer Lehranstalt für die wissenschaftliche Erlernung der Landwirthschast freilich nicht entstehen. Zu der Überzeugung, daß der Ackerbau, den schon der große Sully die Saugamme des Staats nannte, das wichtigste Gewerbe sei, von dessen Wohl auch das der übrigen abHange, daß der Wohlstand eines Landes vorzüglich auf seinem Gedeihen beruhe, zu dieser Überzeugung war man zwar schon früh gekommen, aber man glaubte doch immer, daß nur eine mechanische Thatkrast dazu erfodert werde, und konnte sich nicht zu der Ansicht erheben, daß zu seinem glücklichen Betriebe eine wissenschaftliche Ausbildung nöthig sein könne. Auf Antrieb einsichtsvoller Männer, die jenes allgemeine Vcrurtheil nicht theilten, wurden zwar schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts Lehrstühle der Landwirthschast auf Universttaten errichtet, aber sie hatten die Meinung der meisten wirklichen Ackerbauer gegen sich, wurden gewöhnlich mit Mannern, die wol einige wissenschaftliche Kenutniß vom Gewerbe, aber keine von seiner wirklichen Ausübung hatten, besetzt und nicht gehörig mit den Mitteln unterstützt, die zur Beglaubigung der vorgetragenen Lehren nothwendig gewesen wären'; sie schafften daher bei weitem den Nutzen nicht, den man sich von ihnen versprach, trugen im Gegentheil, durch Schuld der Lehrenden, die selten erfaßten, worauf es eigentlich ankomme, hausig mehr dazu bei, die Wissenschaft des Landbaus in den Augen des sich klug dünkenden landwirthschaftlichen Publikums herabzusetzen, wol gar lacherlich zu machen. Jetzt ist dies freilich anders geworden; es gibt auf den meisten deutschen Universitäten schon seit längerer Zeit tüchtige Manner, welche die Wissenschast und ihre weitere Ausbreitung nicht wenig fördern, aber ihre Vortrage können nur immer mehr dahin wirken, dem Gelehrten und künftigen Geschäftsmann eine für ihn zureichende Kenntniß des landschaftlichen Gewerbes, die ihnen in vielen Beziehungen nothwendig wird, zu geben, als auch den künstigen praktischen Landwirth wissenschaftlich bilden, weil sie meistentheils von den andern dazu erfoderlichen Hülfsmitteln entblößt sind. Erst in neuerer Zeit, wo mehre denkende, wissenschaftlich gebildete Männer den praktischen Landbau selbst betrieben, und man gewahr wurde, daß dieselben da- F« DG' Landwirthschaftliche Lehranstalten 83! M ^ bei mehr Vortheil hatten als Andere, daß sie allein es waren, die ihn in seiner möglichen Vervollkommnung weiter brachten; und als überhaupt das Vorurtheil gegen diese bisher oft für niedrig und entehrend gehaltene Beschäftigung immer mehr, auch in den höhern Standen schwand, und mehre junge Leute aus denselben sich ihr mit Luft und Liebe zu widmen begannen, sing man auch an, einzusehen, daß allgemein eine wissenschaftliche Vorbildung für die Landwirthschaft nochwendig sei, und daß man eine solche überall zu erleichtern suchen müsse. Es hat indessen lange Zeit und manchen harten Kampf gekostet, ehe diese richtige Ansicht allgemeiner wurde, und es gibt noch immer Kurzsichtige genug, die nicht begreifen können, daß die Landwirthschaft etwas Anderes als ein mechanisches, keine besondere Überlegung, kein Nachdenken erfoderndes Gewerbe sei, daß sie ebenso gut als die Arzneiwissenschaft zu den Erfahrungswissenschaften gehöre, und daß sich, ebenso wie dort, der wissenschaftlich Gebildete in ihr weit über den rohen Empiriker erhebe und in seinen Bestrebungen mit weit günstigem Erfolgen gekrönt werde. Es schien bei unserm Vorhaben, über den Zweck und die Einrichtung land- wirthschaftlicher Lehranstalten zu sprechen, nothwendig, so viel über die Erhebung der Landwirthschaft aus niederer Verachtung zur Würde einer allgemein geschalten Wissenschaft vorauszuschicken, um den Leser desto eher von der Wichtigkeit solcher Bildungsanstalten zu überzeugen. In dieser Hinsicht sei auch noch Folgendes er» wähnt. Die Landwirthschaft ist ein Gewerbe und hat als solches, wie jedes andere, einen Kampf mit der äußern Natur zu bestehen, um ihr Güter für die menschlichen Bedürfnisse, die sie nicht freiwillig hergibt, abzugewinnen. Zu diesem Kampfe sind vornehmlich mechanische Fertigkeiten, Handgriffe nothwendig, und schon mit diesen allein ist er zu Ende zu bringen, zu einem glücklichen jedoch nur selten und zufallig. Um auch ein solches zu erreichen, und zwar jedes Mal, unter allen Umständen, ist mehr erfoderlich, vor Allem eine vollständige und genaue Kenntniß des Gegners, mit welchem man es zu thun hat; denn nie ist ein solcher vollständig zu besiegen, wenn man ihn nicht genau kennt, seine Kräfte sowol als seine Schwachen. Da nun der Gegner, welchen die Gewerbtreibenden zu bekämpfen haben, die äußere Natur ist, und dem Landwirth besonders daran liegen muß, deren Kräfte aus einen bestimmten Punkt, wo sie ihm Nutzen schaffen können, hinzuleilen; er dies aber nur dann kann, wenn er sie sich so viel als möglich unterworfen hat, was jedoch nur zu erreichen ist, wenn er sie bis in ihre innern Theile genau kennt: so ist es augenscheinlich, daß ihm zum glücklichen Erfolg seiner Bemühungen vorzüglich diejenigen Wissenschaften nothwendig sind, die ihm diese Kenntniß verschaffen. Diese sind die gesammten Naturwissenschaften, Physik, Chemie und eigentliche Naturgeschichte nach allen drei Reichen. Außerdem bedarf er aber auch noch eine genaue Kenntniß von der meßbaren Macht und Größe seines Gegners, um seine Gegenkräfte danach abmessen zu können; ferner die Einsicht von den Werkzeugen und Maschinen, die er zu seinem Kampfe haben muß, sowie von den Grundsätzen, wonach sie einzurichten und zu verbessern sind. Zu dieser Einsicht verhelfen die ma- thematischen Wissenschaften, auch außerdem so gut geeignet, die Geisteskraft zu üben. Wer indeß mit allen diesen Wissenschaften vertraut ist und sogar die Gr- Ehrungen, die über die beste Bearbeitung des Bodens, den zweckmäßigsten Anbau der Feldfrüchte gemacht worden sind, kennt, wird wol ein kenntnißreicher Landwirth, ein Theoretiker sein, aber doch den Kampf mit der Natur nicht glücklich bestehen können, wenn ihm die Kenntniß der dazu nothwendigen mechanischen Fertigkeiten und Handgriffe, die Praxis, abgeht. Da nur Derjenige, welcher diese "»ein besitzt, der Bauer, der bloß handwerkmäßige Landwirth, doch wenigstens etwas leistet, während jener ohne den Beistand von diesem gar nichts zu leisten vermag, so ist eben die noch hausig herrschende falsche Ansicht entstanden, daß die -.» ' MUp! > '''st"-'"-» l M! 832 Landwirthschastliche Lehranstalten Theorie nichts tauge, und die Praxis allein zum Ziele führe. Das Ircige dieser Ansicht leuchtet jedoch ein, wenn man das Vorgesagte beherzigt und darnach erkennt, wie unsicher der Erfolg der letztern allein ohne jene sein muß. Der Land- wirrh hangt dann nur von den Umstanden ab, vermag nicht dieselben zu seinem Zwecke zu beherrschen und weiß sich bloß auf dem Punkte allenfalls zu helfen, wo er angelernt wurde; in eine andere Lage versetzt, begeht er Fehler über Fehler. Es zeigt auch dem unbefangenen Beobachter die Erfahrung taglich, daß Der nur in allen Verhaltnissen seine Bemühungen mit einem glücklichen Erfolge belohnt sieht, der Theorie und Praxis zugleich in einem gehörigen Grade sich zu eigen gemacht hat; denn nur dadurch wird es ihm möglich, sich von den Kräften der ihm widerstrebenden Natur unabhängig zu machen, sie vielmehr zu beherrschen und seiner Absicht gemäß zu benutzen, soweit es in der beschränkten Macht des Menschen liegt. Wie nun ein junger Mann, der sich der Landwirthschast widmen will, am leichtesten zu dieser vereinten Kenntniß der Theorie und Praxis gelangen könne, das war eine Frage, an deren Beantwortung man gar bald dachte, nachdem man einmal von der Wichtigkeit einer solchen vereinten Kenntniß überzeugt war. Talent, Willenskraft und Lust helfen zwar in Allem nach, aber sie sind nicht bei allen Lernlustigen in gleichem Grade und in gehöriger Ausdehnung vorhanden und reichen allein doch nicht aus, das Ziel bald und ohne Umweg zu erreichen. Die Theorie, die Wissenschaft kann durch Worte gelehrt werden; aber die Praxis, der Handwerksgriss, die Kunst der Aus führung ist nur durch die Anschauung zu erlernen. Dies erkennend, fand man natürlich nichts einleuchtender, als daß Anstalten, wo beide neben einander, sich erläuternd und unterstützend, durch Wort und That gelehrt werden könnten, am sichersten zum Ziele führen müßten, und man kam daher bald darauf, landwirthschastliche Lehranstalten dieser Art zu errichten. Es ist indessen mit keiner recht gelungen, weil die Anlage solcher wissenschaftlich-praktischen Schulen der Landwirthschast, wie man sie nennen könnte, überaus schwierig ist. Wenn sie nämlich das Gewünschte wirklich leisten sollen, muß das Local dazu so gewählt sein, daß es keine einseiligen Ansichten gebe, und der Geist aller auf Landwirthschast Bezug habenden darin vorgetragenen Wissenschaften muß sich ganz besonders zum vorliegenden Zwecke und zur praktischen Anschauung des Gegenstandes vereinigen, das Licht aller auf den einen Punkt concentriren. Auch entdeckte man bald, daß auf Lehranstalten, wo Theorie und Praxis zu gleicher Zeit gelehrt werden, sehr häusig keine recht innig aufgefaßt, oft die eine über der andern vernachlässigt wird, je nachdem Neigung und Sinnesart der Schüler sind. Den einen ziehen die praktischen Arbeiten, den andern das Studiren im Zimmer mehr an, und in beiden Fällen bleibt der erwünschte Erfolg, ein recht inniges, gegenseitiges Durchdringen drr Theorie und Praxis, aus. Die meisten Stimmen haben sich daher gegenwärtig dahin vereinigt, daß es nicht gut sei, wenn auf einer höhern land- wirthschastlichen Lehranstalt das Pflügen, Eggen, Säen, überhaupt das Handwerksmäßige des Ackerbaus, zugleich mit der Theorie desselben und den dazu gehörigen Grund- und Hülfswissenschasten gelehrt werde, daß es aber nothwendig sei, diese sämmtlich mit beständiger Beziehung auf die Praxis vorzutragen und eine Gelegenheit zu haben, wo nach Verlangen ssbungen in dieser angestellt, die gegebenen Lehren durch den Erfolg bestätigt und neue Versahr mgsarten probirt werden können; daß also eine Wirtschaft, wenn auch nicht unmittelbar mit der Anstalt selbst verbunden, doch in deren Nähe befindlich und von ihr abhängig sein müsse, um sie zu dem angedeuteten Zwecke benutzen zu können. Junge Leute, die eine solche Lehranstalt besuchen, haben nun entweder schon vorher das Handwerks - und Kunstgemäße des erwählten Gewerbes erlernt, oder sind noch gar nicht damü bekannt, sondern wollen sich diese Bekanntschaft erst später erwerben. Beides führt zBb" - Landwirthschaftliche Lehranstalten 633 zum Ziele; ersteres ist aber auf jeden Fall besser, weil junge Landwirthe, die sich das Wissenschaftliche ihres Gewerbes bereits angeeignet haben, oft keinen Wohlgefallen mehr an der Erlernung des einfachen Mechanischen desselben finden, und weil der theoretische Unterricht viel faßlicher und eindringlicher wird, wenn die Kenntniß des Praktischen vorhergeht. Es ist demnach jedem jungen Menschen, der die Landwirthfchaft zu feinem Berufe wählt und nicht bloßer Bauer werden will, anzulachen, daß er, nachdem er die gewöhnliche allgemeine Schulbildung genossen und dabei recht viel, je mehr desto besser, gelernt hat, ein bis zwei Jahre der sorgfältigen Einübung aller bei der Landwirthfchaft vorkommenden Handgriffe und Verfah- rungsarten in einer gut und pünktlich, wenn auch gerade nicht musterhaft geführten, lieber etwas kleinern als sehr großen Wirthschafr widme, und dann zu seiner vollkommenem Ausbildung erst eine landwirthschaftliche Lehranstalt besuche, um auch mit der Theorie und denHülfswissenschaften sich bekannt zu machen. Ist dieselbe zweckmäßig eingerichtet, so wird in den meisten Fällen ein zweijähriger Aufenthalt daselbst vollkommen hinreichen, ihn zu einem tüchtigen, praktisch und theoretisch wohlunterrichteten Landwirth auszubilden, der nach einiger Übung zur Übernahme und Führung selbst des größten Geschäfts tauglich sein wird. S. Schweitzer's Einladungsschrift zur Eröffnung der Lehranstalt in Tharand: „über die Wichtigkeit des wissenschaftlichen Studiums der Landwirthfchaft" (Dresden 1830). Dergleichen Lehranstalten gibt es mehre; gut wäre es aber gewiß, wenn es nun auch für den bloß praktischen Unterricht Vorschulen gäbe, wo nur die Handgriffe u. f. w. mit beständiger Berücksichtigung des künftigen theoretischen Unterrichts gelehrt würden. Solche Schulen, eigentliche Institute, gibt es aber zur Zeit noch nicht in solcher Weise. Die Lehrgegenstande, welche in einer höhern landwirthfchaftüchen Lehranstalt, wie oben erwähnt wurde, vorgetragen werden müssen, sind einzutheilen in t) Grundwissenschaften; 2) Hauptwissenschaften; 3) Nebenwissenschaften. Zu erstem gehören n) die Naturwissenschaften: Physik, Chemie, Naturgeschichte nach allen drei Reichen, in Bezug jedoch auf das Gewerbe; k) die mathematischen Wissenschaften: Arithmetik, Geometrie, Stereometrie, Algebra; c) die Volkswirthschaftslehre. Die zweiten zerfallen in u) specielle Landwirthfchaft: Ackerbau, Viehzucht; d) allgemeine Landwirthfchaft, oder landwirthschaftliche Gewerbslehre, welche vornehmlich Anweisung gibt, wie Ackerbau und Viehzucht aufs zweckmäßigste mit einander zu verbinden sind, wenn der Zweck der Land- wirthschaft als eines Gewerbes, der möglich größte Reinertrag in jedem gegebenen Verhältnisse, sicher erreicht werden soll. Zu den dritten sind zu rechnen ») Baukunst; K) Thierheilkunde; c) Technologie und noch manche andere Wissenschaft. Nachdem über den Zweck, das Wesen und die Erfodernisse landwirthfchaftli- cher Bildungsanstalten das Nothwendigste mitgetheilt werden ist, fei es erlaubt, noch einiger derselben, die den vorgezeichneten Zweck bald mehr, bald weniger erficht haben, oder nach dessen Erreichung mit mehr oder minder glücklichem Erfolge streben, namentlich zu gedenken. Die erste Anstalt dieser Art, die in Ruf kam, entstand in Deutschland, im Äußern freilich noch sehr unvollkommen, aber im Innern mit einer ganz besondern Lebenswärme zu Celle im Lüncburgifchen bei dem um die Wissenschaft der Landwirthfchaft hochverdienten Staatsrath Thaer. Düse Anstalt endete mit dem Abgang ihres Gründers 1804 nach Preußen und entstand erst 5506 wieder auf dessen Gute Mögelin, das dadurch für die Landwirthfchaft ein wirklich clafsifcher Punkt geworden ist. Es sind daselbst seitdem mehre ausgezeichnete Landwirthe gebildet worden, und nach dem Tode ihres Begründers dauert unter der Pflege feines Sohnes, Al"recht Thaer, und seines Schwiegersohns, des Professors Körte, lebenskräftig als Privatanstalt fort. Die Grund- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 53 Landwirtschaftliche Sehranstalten und Hülfswissenschaften werden neben den Hauptwissenschasten ziemlich vollständig gelehrt, und die ausgezeichnete Wirthschaft in Mögelin dient dem gegebenen Unterricht in der Landwirthschaft zum Beleg. Bald nach Thaer's Anstalt entstand eine ahnliche in Hofwyl bei Emmanuel von Fellenbcrg, die eine Zeitlang, in Folge des, von vielen der Sache nicht kundigen Reisenden gespendeten Lobes, überschätzt wurde, aber ungeachtet des Strebens ihres sdeln Gründers nicht das Verheißene leistete, weil es diesem selbst an der gehörigen landwirthschaftlichen Ausbildung fehlte, und manche Hindernisse der Lokalität ihr ungünstig waren. Sie ist jetzt eingegangen. In Hohenheim bei Stuttgart wurde durch die Freigebigkeit des jetzigen Königs von Würtembcrg in einem überaus günstigen Local eine Unterrichtsanstalt dieser Art errichtet amd unter die Leitung des trefflichen Schwerz gestellt, der ihr auch bis 1830 vorstand, wo er, vom Alter gebeugt, diese Stelle niederlegte, die nun dem Freiherrn von Elrichhausen übergeben wurde. Es ist hier für den gehörigen Unterricht in allen Lehrgegenstanden sehr gut gesorgt^ die allzu genaue Verbindung des eigentlichen Wirthschaftsbetriebs mit der Unterrichtsanstalt selbst scheint aber manche Unannehmlichkeit herbeizuführen. Eine ahnliche gleich freigebig dotirte Anstalt besteht in Baiern zu Schleißheim, die schon unter dem vorigen König errichtet wurde und bisher unter der Direktion des zu früh verstorbenen Schönleutner, eines denkenden Landwirths, stand. Wer nach seinem Tode die verwaiste Stelle einnehmen wird, ist noch nicht bekannt. Zu Idstein im Naffauischen ist ebenfalls eine solche vom Staat begründete Lehranstalt unter der Aufsicht des Hofraths W. Albrecht. Sie bemüht sich vorzüglich gemeinnützig zu werden und auf den Wirthschaftsbetrieb des gemeinen Landwirths günstig einzuwirken; sie erwirbt sich dadurch aufHochachtung besondere Ansprüche. Ein damit verbundenes Schulmeisterseminarium und eine Knechl- schule unterstützen ihre Wirksamkeit. Der für die Wissenschaft zu früh aus der Welt gegangene Hofrath Sturm errichtete, als er noch Professor in Jena war, vom letztvecstorbenen, für alles Gute so wirksam thatigen Großherzog von Weimar vielfaltig unterstützt, eine landwirthschaftliche Lehranstalt zu T i efsurth bei Weimar, die durch viele Umstände begünstigt wurde und viel zu leisten versprach; sie ging aber ein, als ihr Urheber nach Bonn versetzt wurde, in dessen Nahe er nun eine neue anlegte, die nach seinem Tode nicht mehr zu bestehen scheint. Sein Nachfolger in Jena, Professor Schulze, hat nunmehr dort ein landwirrhschaft- liches Lehrinstitut, wie er es nennt (s. den Anhang zu seiner interessanten Schrift: „Über volkswirtschaftliche Begründung der Gewerbswissenschaftcn", Jena 1826) begründet und auf so geschickte Art mit der dasigen Universität, wo sämmtliche Grund- undN.benwissenschaften von ausgezeichneten Mannern gelehrt werden, zu verbinden gewußt, daß diese Anstalt vielleicht gegenwärtig in gewisser Hinsicht als die zweckmäßigste gelten kann, seit zumal der Pachter des nahgelegenen Kammergutes Zwätzen, ein tüchtiger praktischer Landwirth, sich erboten hat, die nöthigen praktischen Nachweisungen zu geben, und durch die Gnade des Großherzogs von Weimar das Schloß an genanntem Orte zu Wohnungen für solche junge Landwirthe hergegeben worden ist, die noch unbekannt mit den Handgriffen sind unddiese hier einüben wollen. Die zu Tharandt bei Dresden von der Regierung begründete und mit der schon längst daselbst bestehenden Forstakademie verbundene landwirthschaftliche Lehranstalt ist eine der jüngsten und besteht erst seit 188 (1. Sie hat jedoch unter günstigen Auspicien begonnen, und dürfte bei der Geneigtheit der Curatel, für alles Nothwendige zu sorgen, sowie bei dem guten Willen der Lehrer, welche die Grund- und Hülfswissenfchaften, von denen Forst- und Landwirthe fast auf gleiche Weise Gebrauch machen, in beständiger Beziehung auf beider Bedürfnisse vortragen, den auf sie gesetzten billigen Erwartungen ziemlich genügend entsprechen. Ein Landgut ist leider noch nicht in die gewünschte Verbindung mit ihr gesetzt, doch aus andere Langbein 835 Weise dafür gesorgt, daß die praktischen Nachweisungen in einiger Vollständigkeit gegeben werden können. In Braunschweig soll im Herbst 1833 ebenfalls eine Unterrichtsanstalt für Forst- und Landwirthe in das Leben treten, welcher Herr von Cramm, als Landwirt!) rühmlichst bekannt, vorstehen wird. Als Lehrer der Chemie und Landwirthschaft ist vr. Karl Sprengel, der sich in neuerer Zeit als-land- ivirthschaftlicher Chemiker einen nicht unbedeutenden Ruf erworben hat, angestellt; von der Ernennung der andern Lehrer ist noch nichts bekannt geworden. Für Unterstützungsmittel, Wirthschaft, Waldungen zc., soll reichlich und mit besonderer Freigebigkeit gesorgt werden. Auch auf der Forstlehranstalt zu Aschaffenburg wird Unterricht in der Landwirthschaft, jedoch wol nur ziemlich unvollkommen cr- theilt, und so gibt es vielleicht noch mehre meniger bekannt gewordene beschranktere Anstalten dieser Art. Das Bedürfniß und die Wichtigkeit derselben scheint immer mehr erkannt zu werden, und darum sucht man ihm nunmehr fast in jedem Lande abzuhelfen. Im Auslande hat man ebenfalls den wohlthatigen Einfluß, welchen Lehranstalten zum Unterricht in der Landwirthschaft auf das fröhlichere Gedeihen dieses Gewerbes ausüben können, eingesehen; daher entstehen fast alljährlich neue, die ihrer hohen Bestimmung bald mehr, bald weniger entsprechen. 'Sie alle namhaft machen zu wollen, würde hier Raumverschwendung fein; es sei daher nur der zu Keßthely in Ungarn und der zu Grignon in Frankreich, die beide in ihrer Art nicht wenig zu leisten scheinen, Erwähnung gethan. Letztgenannte steht unter ber Direktion eines Herrn Bella, früher Militair von höherm Rang, seit längerer Zeit ausübender Landwirth, der nach seiner eignen Äußerung seine Vorliebe für das gewählte Gewerbe dem mehrjährigen Unterrichte und Umgange unsers Thaer verdankt. Er lernte diesen während seines Aufenthalts im Hanöverischen in Celle kennen und stand bis zu dessen Tode in steter Verbindung mit ihm. Der Mar- chese Cosmo Ridolsi, einer der eifrigsten und kenntnisreichsten Agronomen in Toskana, wo stit langer Zeit so Vieles zur Beförderung rationeller Landwirthschaft geschehen ist, legte 1832 der Akademie der Georgophilen einen Plan zur Gründung einer theoretisch-praktischen Lehranstalt vor, den er in einer zu Florenz erschienenen Schrift entwickelte. Er bot dazu uneigennützig eines seiner Landgüter zu Meleto im Elsathal an, und die Akademie gab einigen ihrer Mitglieder den Auftrag, den Plan zu prüfen. (44) Langbein (August Friedrich Ernst), ward in der Stadt Radeberg bei Dresden, wo sein Vater Justizamtmann war, am 6. Sept. 1757 geboren. Nachdem er den ersten Unterricht von einem Hauslehrer empfangen, bezog er 1772 die Landschule zu Meißen, studirte von 1777 — 81 zu Leipzig die Rechte, arbeitete dann vier Jahre hindurch im Zustizamte Hayn als Actuar, und wandte sich 1785 nach Dresden, wo er anfangs als Sachwalter auftrat, nach Verlauf eines Jahres aber bei dem geheimen Archive daselbst als Kanzlist angestellt wurde. Da er jedoch in dieser Stelle keine Aussicht zu einer höhern Beförderung hatte, so nahm er nach 12 Jahren seinen Abschied, begab sich 1800 nach Beelin, privatisirte daselbst bis zum Jahre 1820 und ward hier Ende desselben Jahres zum Zensor im Fache der schönen Wissenschaften ernannt, welche Stelle er noch bekleidet. Schon auf der Schule übte er sich vielfach in dichterischen Versuchen, und dw Poesie blieb nachher immer bis in sein hohes Alter hinauf die heitere Gespielin simer Erhvlungsstundcn. Vornehmlich sind es seine Gedichte, welche ihm die Liebe und Achtung seiner Zeitgenossen erwarben, und von denen noch mehre im Munde des Vclkes leben. Er hat darin besonders die kleine poetischeErzählung, welche der Bal- l '.denform sich annähert, mit Glück angebaut und zeigt sich überall äußerst gewandt 'n der Versisicaticn und unerschöpflich an muntern Scherzen. Auch seine Ronane und Erzählungen haben ihre Zeit gehabt, wo sie beim Publicum allgemein 53* 8M Lange beliebt waren und mit Antheil gelesen wurden. Schon die durchgehende gute Laune, welche sich in ihnen ausspricht, möchte ihnen einen gewissen Werth verleihen. Die Theilnahme, die seine Schriften bei der Lesewelt fanden, veranlaßte vor mehren Jahren einige unbekannte Schriftsteller, sich seines Namens zu bedienen und unter demselben, um das Publicum zu täuschen, ihre eignen werthlosen Sachen erscheinen zu lassen. Es dürfte deshalb das nachfolgende richtige Verzeichniß seiner sämmtlichen, ihm eigenthümlich angehörigen Werke hier nicht unangemessen Platz finden. „Liebhaber wie sie sind und wie sie sein sollten" und „Die Todtenerschei- nung", zwei Lustspiele (Leipzig 1787); „Gedichte" (ebendaselbst 1788; neue verbesserte Auflage, ebendas. 1820); „Schwanke" (2 Bde., Dresden 1792; dritte verbesserte und verminderte Ausgabe in Einem Bande, Berlin 1816); „Feierabende" (3 Bde., Leipzig 1793 — 94); „Talismanegegen die Langeweile" (3 Bde., Berlin 1801 — 2); „Der graue König", ein novantiker Roman (ebendas. 1803); „Neue Schriften" (2 Bde., Berlin 1804); „Novellen" (ebendas. 1804); „Der Ritter der Wahrheit" (2 Bde., ebendas. 1805); „Thomas Kellerwurm" (ebendas. 1806); „Zeitschwingen" (ebendas. 1807); „Franz und Rosalie oder der Kramerzwist" (ebendas. 1808); „Der Sonderling und feine Söhne" (ebendas. 1809); „Der Bräutigam ohne Braut" (ebendas. 1810); „Kleine Romane und Erzählungen" (2 Bde., ebendas. 1812 — 14); „Neuere Gedichte" (2 Thle., Tübingen 1812; zweiter Theil, ebendas. 1823); „Jvcus" (Berlin 1813); „Unterhaltungen für müßige Stunden" (ebendas. 1815); „Magister Zimpels Brautfahrt und andere scherzhafte Erzählungen" (ebendas. 1820); „Deutscher Liedcr- kranz" (Berlin 1820); „Märchen und Erzählungen" (ebendas. 1821); „Gany- meda" (2 Bde., ebendas. 1823; neue Auflage 1830); „Jocus und Phantasus" (ebendas. 1824); „Vacuna" (ebendas. 1826). Eine Gesammtausgabe seiner Schriften bereitet er vor. (47) Lange (Adolf Gottlob), ehemaliger Rector der preußischen Landesschule Pforte. Er war geboren am 22. April 1778 zu Weißensee in Thüringen, erhielt seine Bildung in der Landesschule Pforte und studirte seit 1795 zu Leipzig Theologie und Philologie, wo er von Beck und Hermann besonders ausgezeichnet wurde. Schon damals zog ihn vorzüglich das Studium der Archäologie an. Nachdem er von 1801—4 in Berlin als Mitglied des Seminars für gelehrte Schulen und Hülfslehrer am Gymnasium zum grauen Kloster gearbeitet hatte, berief ihn das sächsische Oberconsistorium als dritten ordentlichen Lehrer nach Pforte, wodurch sein Lieblingswunsch erfüllt wurde, da er mit einer außerordentlichen Liebe an dieser Pflegerin und Bildnerin seiner Jugend hing. Hier begann er nun eine vielseitige, segensreiche Amtsthätigkeit, die er 27 Jahre hindurch immer mit neuer Liebe und mit rastlosem Eifer, der durch Kränklichkeit zwar öfters unterbrochen, nie aber geschwächt werden konnte, fortgeführt hat. Er rückte 1825 in die Stelle des zweiten Professors ein, und 1831 übertrug ihm das Vertrauen der Behörden, die ihn außerordentlich achteten und schätzten, das Rcctorat der Anstalt nach Jlgen's Abgange Es war überdies der einstimmige Wunsch seiner College«, ihn an dieser Stelle zu sehen. Aber nur wenige Monate konnte er ihr vorstehen, da erlag er am 9. Jul. 1831 einem mit erneuter Heftigkeit wiederkehrenden Unterleibsübel, und mit seinem Tode verschwanden die großen und gerechten Hoffnungen, die man für das künftige Wohl der Anstalt an sein Leben geknüpft hatte. L. war als Lehrer und Erzieher durch strenge Wahrheitsliebe, echte Religiosität und einen sehr lebendigen Sinn für alles Gute und Schöne, unter welchen Formen es sich auch zeigte, sehr ausgezeichnet. Sein Unterricht war gründlich, geistreich, anregend und hat daher mehr als eine gelungene Schrift unter seinen Schülern erzeugt. Im häuslichen und geselligen Verhältniß war L. seht liebenswürdig, für Freundschaft besaß er ein sehr inniges Gefühl, und so sprach sich auch über seinen Tod eine laute LanacnLU Z37 Trauer unter seinen vielen Freunden aus. Die classische Literatur betrachtete er als die Grundlage aller Jugenderziehung in gelehrten Schulen, in ihr fand er die ewigen Muster alles Wahren und Schönen und es war nicht bloß das Wort, das ihn bei der Lecture und Erklärung derselben anzog. Seine Schriften sind nicht zahlreich, denn dem beschäftigten Schulmanne fehlte die Zeit; aber was er geschrieben hat, erfreute sich großer Anerkennung und zeugt von seiner gründlichen Gelehrsamkeit, von der Tiefe seines Geistes und von seinem gediegenen Geschmacke. Im archäologischen Fache zeichnen sich besonders aus seine Anmerkungen zu der Übersetzung von Lanzi's Schrift „Über die Skulptur der Alten" (Leipzig 1818); seine Abhandlungen über den Schild des Scipio in Welcker's „Zeitschrist für alte Kunst" (I, 2) und über den Drudenfuß in Böttiger's „Archäologie und Kunst" (1,1). Von den philologischen Schriften nennen wir vorzüglich das gehaltvolle Programm: „Vin- llici-w trsxoeüine Romanao" (Leipzig 1822). Eine Auswahl aus seinen gedruckten Schriften, die mit mehren ungedruckten Abhandlungen und trefflichen Reden vermehrt ist, hat L.'s College und Freund Jacob (Leipzig 1832) besorgte. Hier findet sich auch eine ausführliche Biographie des geschätzten Mannes. (48) Langenau (Karl Friedrich Gustav, Freiherr von), östreichischer Feldmar- schallieutenant, wurde 1782 zu Dresden geboren, wo sein Vater, ein würdiger und kenntnißreicher Offizier, als Generalinspector der Infanterie angestellt war. Er trat 179k in die Armee, wurde 1898 Hauptmann, rückte 1809 schnell vom Major zum Oberstlieutenant, und 1819 bei der neuen Gestaltung des Heers und der gesammten Dienstverwaltung zum Obersten und Souschef des großen Generak- stabs auf. Bei der Eröffnung des Feldzugs gegen Rußland ward er Generalmajor und hatte als Chef des mobilen Generalstabes bei dem commandirenden General Reynier viel Einfluß aus diesen wie auf die Leitung der militairischen Angelegenheiten überhaupt. Nachdem 1813 das sachsische Corps aus Polen zurückgekehrt war, begleitete L. den König, der sich im Febr. beim Vorrücken des russischpreußischen Heeres zuerst nach Regensburg begeben hatte, im April nach Prag und wurde vor der Schlacht bei Lützen nach Wien gesandt, wo er an den Unterhandlungen über die Verbindung Sachsens mit Ostreich thatigen Antheil nahm. Als L. nach Prag zurückkam, hatte sich der König bereits gegen Napoleons Abgesandten für die fortdauernde Erfüllung seiner Verpflichtungen als Mitglied des Rheinbundes erklärt, und seine Rückkehr nach Dresden entschieden. L. bat um seine Entlassung und trat in östreichische Kriegsdienste. Er gewann bald das unbeschränkte Vertrauen des Feldmarschalls, Fürsten von Schwarzenberg, unter welchem er bei dem Angriffe auf Dresden und in der Schlacht bei Leipzig focht, wie auch an den meisten spätem Gefechten Theil nahm. Die Wichtigkeit seiner Dienste und der Drang der Ereignisse ließen dem Spiele der gegen ihn gerichteten Parteien nicht so freien Lauf, als dies nach dem Ende des Kriegs und bei den ersten durchgreifenden Friedenseinrichtungen der Fall war. An der Spitze seiner Gegner standen der alte Feldzeugmeister, Baron Duka, der ehemalige Generalquartiermeister und um das östreichische Kriegswesen vielfach verdiente General, Graf Radezky, und die meisten ausgezeichneten Offiziere des Generalstabs. Obgleich Schwarzen- berg's Vertrauen zu ihm unerschüttert blieb, so wurde doch L. nach 1817 von Wien und vom Generalstabe hinweg als Militaircommandant nach Linz versetzt. Später kam er als östreichischer Bevollmächtigter zur Militaircommission des Bundestags nach Frankfurt und trug viel bei, die durch das Bundesgesetz von 1821 festgesetzte Kriegsverfassung des deutschen Bundes einzurichten. Es knüpfte sich eine vertraute Freundschaft zwischen ihm und Gentz, und er genoß geraume Zeit hindurch das besondere Vertrauen des Staatskanzlers, Fürsten Metternich, der ihn mehrmals zu Wichtigen militairisch-diplomatischen Aufträgen gebrauchte, unter Anderm in Ober- üalien. Er begleitete 1832 den Erzherzog Ferdinand nach Galizien, nachdem der Gouverneur, Mrst Lobkowitz, zurückberufen worden war» Ms - t Ml?- » I I I 838 Langcnbeck Langenbeck (Konrad Johann Mariin), Hofrath und Professor der Anatomie und Chirurgie zu Göttingen und Generalchirurgus der hanöverischen Armee, einer der verdientestenAnatomcn und zugleich einer der größten chirurgischenOperateurs in Deutschland, durch mündliche Vorträge und praktische Kunst eine Zierde der Georgia Augusta. Er ward am 5. Dec. 1776 zu Horneburg im Bremischen geboren, wo sein Vater Pastor war und ihn in den Vorbereitungswissenschaften unterrichtete. Darauf studirte er zu Jena von 1794 — 97, promovirte daselbst 1798, ging alsdann nach Wien, wo er acht Monate lang die praktischen Vorlesungen der Klinik unter Peter Frank und der Geburtshülse, Anatomie, Chirurgie und Augenheilkunde benutzte. Nachdem er darauf ein Jahr lang in seiner Vaterstadt besonders als Augenarzt mit Glück prakticirt hatte, wurde er durch königliche Unterstützung in den Stand gesetzt, eine neue Reise zu seiner wissenschaftlichenAusbil- dung zu unternehmen. Er ging Ende 1799 nach Würzburg und übte sich dort bis Anfang 1891 unter Siebold im Zergliedern und Operiren; dann ging er nochmals nach Wien, um unter Beer und Frank seine Ausbildung fortzusetzen. Hierauf kehrte er nach Würzburg auf ein halbes Jahr zurück und schrieb seine Abhandlung : „Über eine einfache und sichere Methode des Steinschnitts" (Würzburg 1802). Nach seiner Rückkehr ins Vaterland erhielt er 1802 eine Anstellung als Prioatlehrer und Wundarzt des akademischen Hospitals in Göttingen, welche seinem Wunsche, die Anatomie in Verbindung mit Chirurgie und Augenheilkunde theoretisch und praktisch betreiben zu können, sehr entsprach. Im Winter 1801 erhielt er die Erlaubniß, anatomische Vorlesungen zu halten, und von da an baute er dieses Feld als Lehrer mit großem Eifer und Beifall aus. Er ward 1804 außerordentlicher Professor; 1807 errichtete er mit königlicher Unterstützung das klinische Institut für Chirurgie und Augenheilkunde, welches jetzt in einem mit seiner Wohnung in Verbindung siehenden Hause bis gegen 300 Kranke jahrlich aufnimmt. Zum ordentlichen Professor der Anatomie und Chirurgie ward er 1814 ernannt und in demselben Jahre auch zum Generalchirurgus der hanöverischen Armee, in welcher Eigenschaft er sich auch indem Kriegsjahre 1815 zu Antwerpen und Brüsiel aufhielt. Die Liebe zu seinem, durch rastlosen Fleiß erweiterten unv belohnenden Wirkungskreis in Göttingen erhielt ihn dieser Universität, ungeachtet mancher vortheilhaften Anträge vom Auslande. Die Regierung, welche die von ihm zum Vortheil seiner Wissenschaft getroffenen Anstalten gern unterstützte, ließ auch 1828—29 seinen Wünschen gemäß ein neues anatomisches Theater erbauen, welches allen Anfoderungen der Zweckmäßigkeit und Schönheit entspricht, und welches L. in einem besondern lateinischen Programm beschrieben hat. Hiek ist er mit ganzer Seele, umgeben von Hunderten lernbegieriger und durch ihn begeisterter Schüler, den größten Theil des Tages über wirksam. Die Regierung ernannte ihn 1816 zum Hofrath und 1818 zum Ritter des Guelphenordens. Sein Leben ist g.anz seiner Wissenschaft, die er mit kräftiger Begeisterung zu preisen pflegt, gewidmet, und durch Familienglück verschönt. Wie umfassend und rastlos seine Thätigkeit ist, läßt sich schon daraus erkennen, daß er nicht nur in jedem Semester mehre Stunden des Tages zu Vorlesungen über Anatomie und die gesammte Chirurgie sowie zu praktischen Übungen in diesen Fächern anwendet, sondern auch wichtige Schriften verfaßt und seine reichen Entdeckungen in tnr Chirurgie und Augenheilkunde darin vorgetragen hat. Hierher gehört namentlich sein „Anatomisches Handbuch" (Göttingen 1806), ferner die von ihm herausgegebene „Bibliothek für die Chirurgie und Ophthalmologie", welche er von 1806 sn und von 1818 an in einer neuen Folge in Göttingen herausgegeben hat; die „Prüfung der Keratonyxis" (Göttingen 1811); der „Oommentunus aite sur los dolos ä laine dLspagne" (Paris 1799); „Rraite lies constructions rurales" saus dem Englischen, mit Anmerkungen und Zusätzen, Paris 1802, mit einen, Atlas); „Diistoire de I'introductiori des moutons a laiue 5ms d'Lspa^ne dans les divers ^tats de l'Lurope et au 9ap de Rorme-Ksperarice" (Paris 1892); „De l'eograissemeot des bestiaux" (Paris 1894); „Du cotonuier et de Zu eulture" (Paris 1898); „Du Kastel, de 1'indo^otier et des untres ve^etaux dont on peut extraire une conleur bleue" (Paris 1811); „l^ouveau Systeme d'edncation ziour les ecoles primaires, adopte daus les Muntre parties du monde" (Paris 1815 und 1819); „(üullection de macbiues, d'insfrumt.ns etc. emploves daus l'ecouomie rurale, domestie^ue et industrielle" (2 Bde., Paris 1829 — 25); ,Metbode naturelle de l'enseiAnemeut des lanxues, Instruction jiour les maitres et eleves" (Paris 1826). Graf L. ist Herausgeber folgender Werke, deren Ausführung seinen lithographischen Pressen große Ehre macht: „Distoire naturelle des mammiieres", von Saint-Hilaire und Euvier (19 Lieferungen in Folig, Paris 1819 — 23); „Anatomie de l'bomine", von Beclard und Cloquet (249 Foliotafeln, 1821 fg.); „?lancbes anatomicjues du corp? bu- main", von Antommarchi (15 Lieferungen in Folio, 1823 fg.). Zu dem„Diction- vaire d'a^riculture" hat L. mehre Artikel geliefert. (15) Lebensversicherungsanstalten. Wahrend man sich in Deutschland lange mit Lebensversicherungsanstalten von sehr beschrankter Anwendbarkeit begnügte, und die Vortheile, welche der Anspruch auf ein, nach einem Todesfälle zahlbares Capital gewährt, häusig nur durch die, in der Regel unsicher begründeten sogenannten Leichencassen oder auch durch Witwencassen zu erreichen suchte, hatten sich in England die Versicherungsgesellschaften aus den ersten, zu Anfange des 18. Jahrhunderts gemachten Versuchen zu einer, den Kreis ihrer ursprünglichen Bestimmung weit überschreitenden Wirksamkeit ausgebildet. Es wurden beträchtliche Capitalien zusammengelegt, um Privatanstalten zu gründen, und die Bemühungen der Wissenschaft kamen der Betriebsamkeit entgegen, indem die alten, seit dem 17. Jahrhunderte für die Bestimmung der Jahrrenten von Hallep, Moivre und Andern gemachten Berechnungen der wahrscheinlichen Lebensdauer durch Heysham, Morgan und Babbage und, nach Englands Beispiele, durch Wiggles- worth zu Cambridge in Amerika vervollkommnet wurden. Die Fortschritte des gesellschaftlichen Auslandes machten solche Anstalten besonders für die Mittlern Staude wichtig, deren Einkünfte nur auf ihre Lebzeit beschränkt sind und die ihren Witwen und Kindern oft nichts hinterlassen können; aber auch selbst die höhern '.»-Oltrtz Lebensversicherungsanstalten 843 Cossen nahmen in neuern Zeiten oft Anthei! an Lebensversicherungsanftalten, um jungem Kindern ein Erbe zu sichern, wenn das Stammgut durch sideicommissa- rische Verfügungen dem Erstgeborenen zufiel. Die älteste dieser Anstalten, die 1796 gestiftete ^micalUe society, war von dem Grundsatze der eigentlichen Lebensversicherungen abweichend, indem alle Theilnehmer ohne Unterschied des Lebensalters gleiche Beitrage zahlten, und der Gesammtbetrag jahrlich unter die Erben der, in dem verflossenen Jahre gestorbenen Mitglieder gleichmaßig vertheilt wurde, sodaß die bei dem Tode eines Mitgliedes zu bezahlende Summe veränderlich war, und auch die 1714 und 1722 gestifteten Gesellschaften Union und Ro^u! exciranFL hatten ebenfalls gleiche Beiträge für alle Altersstufen festgesetzt, welche sie für versicherungsfähig hielten. Die älteste der, auf das neue System einer Abstufung der Beiträge nach dem Lebensalter gegründeten Anstalten ist die 1762 gestiftete Lhuitadle societ^, welche nach den, von Simpson und Price entworfenen Berechnungen eingerichtet war. Sie lieferte zuerst den Beweis, daß eine auf Gegenseitigkeit gegründete Anstalt dieser Art auch ohne Actiencapital, wenn sie auf richtigen Berechnungen beruht und vorsichtig geleitet wird, bestehen und gedeihen kann. Sie besitzt einen Fonds, den noch keine erreicht hat und der sich 1826 auf 11 Millionen Pfund Sterling belief. Man begriff die Vortheile dieser Anstalten anfanglich auch in England so wenig, daß Z0 Jahre vergingen, ehe eine ahnliche, die VVeLtminster societ^ in London, sich bildete. Jetzt zahlt man gegen 40 Vereine dieser Art. Eine Lebensversicherung gibt die Bürgschaft, daß eine bestimmte Summe bei dem Todesfälle einer genannten Person, entweder in einer Reihe von Jahren oder, was gewöhnlicher ist, gleich nach dem Todesfall bezahlt werden sott, wenn dagegen auf einmal oder jahrlich eine festgesetzte Summe entrichtet wird. .Derjenige, der diese Zahlung leistet, heißt der Versicherte, die Zahlung die Prämie, die Urkunde des Vertrags die Police oder der Versicherungsschein. Der Betrag der Zahlung muß dem Alter des Versicherten bei seinem Eintritt in den Verein und der seinen Erben zu zahlenden Summe angemessen sein. So ungewiß die Dauer des menschlichen Ledens ist, so laßt sich doch, wenn man eine große Gcsammtheit von Menschen betrachtet, diese Dauer ziemlich genau bestimmen. Berechnet man z. B- das Sterblichkeitsvcrhältniß der Bewohner eines Landes, einer großen Stadt, so ist die Zahl der Todesfälle so gleichförmig, daß der Überschuß oder die Verminderung im Zeitraum eines Jahres selten über oder unter eine Durchschnittzah! kommt und gewöhnlich nicht über einen Bruchtheil steigt, nämlich von-^ zu Die Abweichung von der Durchschnittzahl wird geringer, je größer die Menge der Personen ist, welche der Gegenstand der Wahrscheinlichkeitsberechnung sind, und wenn von jener Menge die Kinder, die Alten und Diejenigen, deren Leben den meisten Zufällen ausgesetzt ist, ausgeschieden werden, so wird die Abweichung von der mittlem Zahl der Todesfälle noch geringer sein. Es ist jetzt nach den gründlichen Arbeiten neuerer Mathematiker keine schwierige Aufgabe, die wahrscheinliche Dauer des Menschenlebens zu jeder gegebenen Lebenszeit zu berechnen, und danach zu bestimmen, welche Geldsumme eine Person von einem gewissen Alter wahrend ihrer Lebzeit bezahlen muß, um für eine, von ihren Erben zu erhebende Summe Ersatz zu geben. In England wird bei vielen Versicherungsanstalten die in Northampton gemachte Berechnung der Sterblichkeitsverhältnisse zum Grunde gelc«t. Mit dieser Berechnung stimmt bis auf einen Bruchtheil Moivre's Lehrsatz überein, welcher die wahrscheinliche Dauer des Menschenlebens auf einer gegebenen Alterstufe der Hälfte der bis zum sechsundachtzigsten Lebensjahre noch zurückzulegenden Jahre gleichfetzt. Ist nun die durchschnittliche Sterblichkeit unter einer ganzen Bevölkerung nothwendig größer als unter einer Auswahl derselben, die aus dm mittlem und höhern Ständen besteht und von welcher Kinder, Alte, Arme und 844 Lebensverstcherungsanstalten Kränkliche ausgeschlossen sind, wie es bei den Versicherungsanstalten der Fall ist so muß das wirkliche Verhaltniß der Sterblichkeit unter den Versicherten weit geringer als die Durchschnittangaben sein, die aus der Übersicht der gesummten Bevölkerung gezogen sind. Auf diesen Umstand sich berufend, hat man in England häusig Beschwerde geführt, daß die, von den meisten dortigen Versicherungsanstalten gefoderten Prämien höher sind, als sie sein sollten, da die Überschreitung des richtigen Verhältnisses gewöhnlich über 30 Procent beträgt, und aus diesen hohen Beitragsätzen, wie aus dem Gewinn der Zinsen des aufgehäuften Capitals und der verfallenen Policen, fließen die unermeßlichen Vortheile einiger Versicherungsgesellschaften in England, wie Professor Babbage in Cambridge in seiner interessanten Schrift: ,A compewative vien of tke vurio,i8 institutions fcir tbe assur- »nce ok lives" (London 1826), dargethan hat. Er hält die in Northampton entworfenen Sterblichkeitstabellen, welche 14 Anstalten in England zur Richtschnur dienen, für irrig, und fodert, daß man nach den Todesfällen unter einer großen Anzahl von Personen aus den höhern Volksclasscn das Sterblichkeitsverhältniß berechnen sollte, wozu die Register der englischen Gesellschaften selbst die Grundlagen liefern könnten. Unter den obwaltenden Umstanden erwächst aus den hohen Prämien der englischen Anstalten in wenigen Jahren ein bedeutender Capitalüberschuß über den Betrag der zu tilgenden Ansprüche. Babbage gibt ein Beispiel, aus welchem sich das günstige Verhaltniß ersehen laßt. Die Gesellschaft bestehe aus 1000 Mitgliedern, deren jedes, mit dem zwanzigsten Lebensjahre eintretend, jahrlich 1 Pf. Sterling 94 Schilling bezahlt, um auf den Todesfall 100 Pf. Sterling zu gewinnen. Die Prämien betragen am Ende des ersten Jahres nebst Ainsenzuwachs 1468 Pf. Nach Abzug der Zahlungen für sechs Todesfalle als Durchschnittzahl, bleiben 868 Pf. als Überschuß. Im zweiten Jahre steigt durch 994 Prämien jene Summe auf 2334 Pf. ohne die Zinsen, und es werden nach Abzug der Versicherungssummen 1804 Pf. Überschuß bleiben. Dieses Capital wird wahrend einer Reihe von Jahren wachsen; bis endlich die, von der verminderten Zahl der Beitragpflichtigen gezahlten Prämien gerade hinreichen, die jährlichen Ansprüche zu befriedigen. Ist das jahrliche Einkommen endlich unzulänglich geworden, so muß ein Theil des Capitals verwendet werden, bis nach einer Reihe von Jahren die Überreste des Fonds gerade hinreichend sind, den letzten Anspruch zu befriedigen. Wenn nun aber in jenem Beispiele die jahrliche Prämie jedes der 1000 Versicherten ein Drittheil mehr, oder 1 Pf. 19 Schillinge betragen hätte, was weniger ist als die meisten englischen Versicherungsgesellschaften jetzt verlangen, da die Lyuit- ub!e Society für die angenommene Alterftufe 2 Pfund 34 Schilling nimmt, so würde der Verein, außer der oben berechneten Summe, im zweiten Jahre noch 1007 Pfund besitzen und der Fonds bis zur Befriedigung des letzten Anspruchs steigen, sodaß nach der Auflösung der Gesellschaft ein großes unbenutztes Capital übrig bliebe. Die englischen Lebensversicherungsgesellschaften zerfallen in drei Elasten. Zur ersten Classe gehören diejenigen, in welcher alle Versicherten für die ganze Lebzeit gegenseitig verantwortlich sind; sie haben alle Theil an dem Gewinn, und müssen die Ansprüche befriedigen, welche an sie gemacht werden, einen Verlust oder einen Mangel an Vermögen zu ersetzen. Diese Verantwortlichkeit ist jedoch bloß nominell, da aus den oben angegebenen Gründen ein bedeutender Überschuß sich bilden muß. Diese Vereine haben nicht nöthig, mit einem Capital anzufangen, da sie auf die jährlichen Einnahmen rechnen können, welche in den öffentlichen Fonds angelegt werden, lange vorher ehe große Ansprüche zu befriedigen sind. Zu dieser Classe gehören z. B. die L^uitable und die /emicuble «nciet^. Die zweite Classe bilden die Gesellschaften, deren Mitglieder ein Capital unter sich aufbringen, als Bürgschaft für alle Policen, die sie ausgeben. Sicherheit der Versicherten und 'iiiN. Lebensversicherungsanstalten 845 Befreiung von aller Verantwortlichkeit sind die angeblichen Vortheile dieses Systems. Bei Todesfallen werden nur die, in den Policen ausgedrückten Summen gezahlt, ohne Zugabe oder Abzug, und die Versicherten müssen für eine nur nominelle Sicherheit sehr hohe Prämien bezahlen. Au diesen Vereinen, deren Versicherte wahrscheinlich Alle Actionnairs sind, gehören z. B. tke Lsxle, tlle ?eIicAn und tVestminster societ^. Die dritte Classe vereinigt die Systeme der beiden andern, um die gegen jede derselben erhobenen Bedenklichkeiten zu beseitigen. Die Eigenthümer oder Actionnairs bilden ein Capital und befreien die Versicherten von aller Verantwortlichkeit und jedem Anspruch bei Verlusten. Ein Theil des Gewinns wird zur Bezahlung der Interessen des Capitals verwendet und der Überschuß zu gewissen Zeiten unter die Versicherten vertheilt. Zu diesen Anstalten gehört z. B. die große Gesellschaft l'lle ulliuoce, die bereits 1826 ein Capital von ö Millionen Pfund Sterling besaß. Sie zählt auch auf dem festen Lande viele Teilnehmer und hat ihre Agenten in Hamburg, Hanover, München, Magdeburg, Leipzig, Dresden. Was die Vertheilung des Gewinns betrifft, so ist der Gebrauch bei den englischen Gesellschaften sehr verschieden. Hinsichtlich des zur Vertheilung bestimmten Antheils, des sogenannten V»nus, wechseln die Verhältnisse von ^ zu ^ des Gewinns, gewöhnlich aber werden ^ versprochen. Einige Gesellschaften, z. B. ullimuw, haben darüber gar nichts bestimmt. Bab- bage weist nach, daß die Gesellschaften, die 4 versprechen, wirklich nur die Hälfte vertheilen, weil die Zahlung verschoben wird. Der Gewinnantheil wird entweder auf die Police geschrieben und dadurch der Anspruch auf eine höhere Summe bei dem Todesfall des Versicherten verbürgt, oder zur Verminderung der Prämie destimmt, oder sogleich ausgezahlt. Wird der Gewinnantheil aus die Police geschrieben, so liegt darin insofern eine Ungleichheit, als die ältern Versicherten mehr erhalten als die jüngern. Die Zeit der Vertheilung des Gewinn- antheils ist ein wichtiger Punkt für die Versicherlen. Je länger die Zwischenräume sind, desto weniger Mitglieder werden Theil daran nehmen und desto mehr wächst das Capital. In England vertheilen einige Gesellschaften jährlich, was die billigste Einrichtung sein möchte, andere nach 5, andere nach 7 Jahren, und die Lyuiwble social^ erst alle 16 Jahre. Nicht alle Versicherten haben einen Anspruch an den Gewinnantheil, und die meisten englischen Gesellschaften verlangen, daß der Versicherte, ehe er daran Theil nehmen kann, wahrend einer gewissen Reihe von Iahren seine Prämie bezahlt haben muß. Hatten die mangelhaften Einrichtungen mehrer englischen Versicherungsanstalten selbst in England den Wunsch hervorgerufen, diese Anstalten, bei welchen das Interesse so vieler Familien betheiligt ist, einer gesetzlichen Aufsicht zu unterwerfen, so mußte, jemehr man auch in Deutschland schon seit langer Zeit Antheil an denselben genommen hatte, der Gedanke sich aufdringen, dem fühlbar gewordenen Bedürfnisse durch einheimische Vereine abzuhelfen. Zu den wichtigsten und umfassendsten Anstalten, welche in der neuesten Zeit entstanden sind und durch ihr Gedeihen die Zweckmäßigkeit des Systems, auf welchem sie beruhen, bewahrt haben, gehören die 1829 eröffnete Lebensversicherungsbank für Deutschland zu Gotha und die 1830 gestiftete Lebensversicherungsgesellschaft zu Leipzig. Beide beruhen auf Gegenseitigkeit und Öffentlichkeit, und haben den Zweck, die Lebensversicherung durch Entfernung aller Gewinnsucht und Willkür zu erleichtern, aber zugleich durch ihre Einrichtung eine vielseitige Benutzung der Anstalt in allen Fallen, wo an das Leben einer Person sich sowol sur sie selber als für einen Dritten ein Interesse knüpft, möglich zu machen. Nach Allem, was wir bereits im Allgemeinen und in Beziehung auf die englischen Anstalten gesagt haben, wird es genügen, einige Worte über die Eigenthümlichkeit der neuen deutschen Vereine hinzuzufügen, um die Vorzüge derselben zu zeigen. 846 Lebens Versicherungsanstalten Die beiden Anstalten in Gotha und Leipzig versichern sowol auf Lebzeit oder auf gewisse Jahre und beide vertheilcn ihre Überschüsse. Die Lebensversicherungsbank bildet aus dem Fonds, welcher wach Abzug der Ausgabe von der Einnahme übrig bleibt, einen Reservefonds zu vollständiger Deckung künftiger wahrscheinlichen Sterbefälle und einen Sicherheitsfonds als Hülfsmittel für außerordentliche Fälle. Jener besteht aus dem Betrage, der von den Prämien zurückgelegt werden muß, weil die auf Lebzeit Versicherten bei gleichbleibenden Prämiensatzen in den ersten Jahren mehr, aber in den letzten weniger zahlen als den Sterblichkeitsge- setzen angemessen ist ; der Sicherheitsfonds aber wird aus den reinen Überschüssen gebildet, die sich nach Abzug der Ausgaben und des Reservefonds von der ganzen Jahreseinnahme ergeben. Die entbehrlichen Vvrrache des Sicherheitsfonds können zu Anleihen für alle Theile Deutschlands verwendet werden. Die reinen Überschüsse sollen nach Ablauf von fünf Jahren, in soweit sie entbehrlich sind, als Dividende an die auf Lebzeit versicherten Mitglieder vertheilt werden, und der Ge- winnantheil wird denselben aus die nächste Prämie abgerechnet, doch ist der Betrag der zu vertheilenden Überschüsse nicht bestimmt worden. Die Verwaltung der Angelegenheiten der Bank wird von drei Bankausschüssen geleitet, die innerhalb des Umfangs von Thüringen gewählt werden und ihren Sitz in Erfurt, Weimar und Gotha haben. Drei von den Ausschüssen aus ihrer Mitte gewählte Mitglieder bilden den Bankvorstand, welcher den in Gotha wohnenden Director und die übrigen Verwaltungsbeamten ernennt. Die Bank nimmt nur von Bewohnern deutscher Lande, mit Einschluß der preußischen Staaten und der deutschen Schweiz, Versicherungen an, und laßt sich innerhalb dieses Wirkungskreises durch Agenten — bereits gegen WO — vertreten, welchen Agenturausschüsse in jedem Lande und jeder Provinz zur Seite stehen. Die Versicherungssumme kann nicht unter 300 und nicht über 8000 Thaler gehen. Personen unter 15 und über 60 Jahre werden nicht ausgenommen, und mit dem neunzigsten Jahre hört die Beitragspstichtigkeit auf. Die Zahl der Mitglieder belief sich 1833 auf mehr als 4000; der Reservefonds enchielt 1831 bereits 179,886 Thaler und der Sicherheitsfonds 125,378 Thaler. Die Bank gibt von 1833 an auf Versicherungsscheine, die auf Lebzeit lauten, Vorschüsse. Die Lebensversicherungsgesellschast zu Leipzig steht unter einem Direktorium von sieben Mitgliedern, einem Ausschusse von sieben aufLebzcit versicherten Theilnehmern, in welchen zu bestimmten Zeiten statt einiger ausscheidenden Mitglieder neue eintreten, und unter der Mitaufsicht eines Deputirten des Stadtraths zu Leipzig, ohne dessen Zustimmung ein Beschluß der Direction nicht ausgeführt werden kann. Der jährliche Rechnungsabschluß wird jedem Mitglieds der Gesellschaft zugesendet. Die niedrigste Versicherungssumme ist 300 Thaler, die höchste für jetzt 5000 Thaler. Die Gesellschaft beschrankt sich bei der Aufnahme auf Personen zwischen 15 und 60 Jahren und entbindet Mitglieder von 85 Jahren der Beitragspflichtigkeit. Von den gesammelten Überschüssen soll nach 5 Jahren der entbehrliche Theil jahrlich unter die aufLebzcit versicherten Mitglieder verteilt, und im sechsten Jahre mit der Vertheilung des Überschusses vom ersten Jahre begonnen werden. Der Gcwinnautheil wird durch baare Zahlung oder durch Zurechnung auf die nächste Prämie gewahrt. Die Gesellschaft kauft die Policen ein- zelner Mitglieder zurück und gewahrt Vorschüsse auf dieselben. Leipzigs Lage und ^ seine vielfachen Verbindungen mir dem übrigen Deutschland gewähren dieser Ge- ^ sellschast besondere Vortheile, die auch bereits Anerkennung gesunden haben, und ^ es hatten sich 1833 schon bedeutende Überschüsse zu künftiger Vertheilung ge- sammelt. ^ Außer diesen beiden Anstalten wurde 1829 zu Lübeck eine Lebensversiche- .^>il rungsgesellschaft aufActien gestiftet, wie 1831 zuH an over eine Anstalt entstand, die das ngenthümliche System steigender Beitrage aufgestellt hat. Der in Gießen ' t^ Xi Lebrct Lebrun 847 gemachte Versuch, eine Versicherungsanstalt für Mitteldeutschland zu begründen, blieb ohne Erfolg und die Unternehmer vereinigten sich 183 l mit der Bank zu Gotha. Lebret (Albrecht), geboren 1777 zu Tübingen, ehedem Professor der Naturgeschichte am Gymnasium zu Stuttgart, gegenwartig Mitredacteur der „Allgemeinen Zeitung", ist ein Sohn des bekannten Geschichtschrcibers Johann Friedrich L., ehemaligen Kanzlers der Universität Tübingen, und Bruder des unlängst verstorbenen gelehrten Bibliothekars an der Bibliothek in Stuttgart, Friedrich L. Als politischer Schriftsteller zeichnete sich L. zuerst aus durch seine Bearbeitung eines Artikels aus der brüsscler „(Zale-ie des ccmtem- pomins", welche er, mit vielen merkwürdigen Anmerkungen begleitet, unter dem Titel: „Napoleon, eine biographische Skizze" (Stuttgart 182!) herausgab. Es war dies das erste kühne und besonnene Wort, das in Deutschland für den gelästerten Helden gesprochen wurde. Spater erschien von ihm aus dem Werke: „Vicwires, conguetes, ckesustres etc. Ues I?r-m<^is", ein Auszug, den ägyptischen Feldzug betreffend, unter dem Titel: „Poesie der Kriegskunst" (Stuttgart 18Z4), mit Anmerkungen vom Grafen von Bismark. In Gemeinschaft mit F. L. Lindner gab L. heraus: „Oeuvres completes Ue Napoleon" (Stuttgart 1822), wovon jedoch nur die ersten vier Bände erschienen sind. L. ist seiner Ansicht von Napoleon nie untreu geworden, und hat sich nie, weder von dem Geschwätz noch von der Gewalt der Mittelmäßigkeit irre führen lassen. (80) Lebrun (Pierre), lyrischer und dramatischer Dichter, geboren zu Paris am 29. Dcc. 1785, zeigte schon in früher Jugend viel Anlage zur Poesie. Er war zwölf Jahre alt, als der Minister des Innern, Francis de Neufchateau, eine von L.'s Dichtungen las und den jungen Verfasser in die Lehranstalt des Prytaneums aufnehmen ließ. Dort machteL. in seinen Studien rasche Fortschritte; bei einer Preis- vertheilung ward ein Gedicht von ihm: ,Mes souvemrs", in Gegenwart der Akademiker Ducis und Bernardin de Saint Pierre vorgetragen und fand außerordentlichen Beifall. L. hatte seine Studien noch nicht vollendet, als der Lehrer der Rhetorik krank wurde, und um diesen zu ersetzen, wählte man L. Kurz darauf besuchte Napoleon das Prytaneum zu Saint-Cyr, und erstaunte nicht wenig, den bartlosen Professor in Schülertracht auf dem Katheder zu sehen. Der Kaiser fragte den jungen Lehrer, wozu er sich bestimme. ^ cbemter votre gloire! erwiderte L. Hierzu gab die Schlacht bei Jena bald Gelegenheit. Die Ode, wozu der Sieg des Kaisers begeisterte, war so schön und feurig, daß Napoleon sie einen Augenblick für das Werk des andern L. hielt, welchem man den Beinamen Pindar gegeben hatte. Der junge Dichter erhielt dafür eine jahrliche Pension von 1200 Francs, die er auch unter der Restauration bezog. Der altere L. wurde darüber fast neidisch, der jüngere trug es ihm aber nicht nach, und beklagte bald den Tod des Namensgenossen m einer rührenden Ode. L.'s erstes dramatisches Werk war ein Trauerspiel: „Evan- dcr und Pallas", das nie aufgeführt und nur in wenigen Exemplaren gedruckt wurde. Seine Tragödie „Ulysses" wurde am 28. April 1814 im 'lAeütre fmn^nis aufgeführt und erschien in demselben Jahre gedruckt, fand ab-:r wenig Beifall Glücklicher war L., als er am 6. März 1820 im 3'lieütre frnv^is sein Trauerspiel „Maria Stuart" aufführen ließ; dieses Stück, welches in demselben Jahre gedruckterschien, ist eine Nachahmung Schiller's. Wiewol der Übersetzer gerade die schönsten Stellen des Originals verwischte, wurde doch das Publicum durch die Schönheit der Tragödie ergriffen und sie ward fünfzig Mal nach einander aufgeführt. Nicht soviel Beifall fand sein Trauerspiel: „l-eOitlck'Anckalmisie", das er am 1. März 1820 im 3'beütre t-ur^uis aufführen ließ. Das Stück wurde vier Mal aufgeführt, aber nicht gedruckt. Unter der Kaiserherrschast war L. zum Haupteinnehmer der indirekten Abgaben ernannt worden, eine Stelle, die vielleicht noch nach- ß 848 Lebzeltern Lee HS theiliger auf sein Dichtcrtakent wirkte als die erwähnte Pension. Durch die Restauration abgesetzt, wendete er sich wieder zur Dichtkunst und dereiste Italien und Griechenland. Außer den erwähnten Schriften verfaßte er „De Loubeur äe 1'etucke", ein Gedicht, das den Preis mit dem von Saintine 1817 theilte (der zweiten Ausgabe (Paris 1822) ist die Ode über den Dichter Lebrun beigefügt) und „?oeme j^ri^ue sur In mort Ue Napoleon^ (Paris 1822). (15) Lebzeltern (Ludwig, Graf), östceichischer Geheimrath, stammt aus einem bürgerlichen Geschlechte, von welchem seit Maria Theresia mehre Glieder im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten und auf Gesandtschaftsposten angestellt waren, der Sohn des östreichischen Gesandten in Portugal, Adam v. L., der mit dem Stephansorden den Adel erhielt und in den Freiherrnstand erhoben ward. Er wurde 1776 zu Lissabon geboren, wo sein Vater gegen fünfzig Jahre angestellt war, und nachdem er zuerst in der dortigen Gesandtschaftscanzlei gearbeitet hatte, ward er Secretair des Botschafters, Grafen Khevenhüller in Rom, zur Zeit der großen Secularisationen und des von der römischen Curie heftig bestrittenen Grundsatzes der Identität der Diöcefan- und Territorialgranzen. Seine bedeutendste Wirksamkeit aber si,l in die Kriegsjahre 1813 —15, da er das Vertrauen und die freundschaftliche Zuneigung des Kaisers Alexander gewonnen hatte, die sich freilich später, ohne L.'s Schuld, in Kalte und launenvolle Abneigung verwandelten. In jener ereignißrcichen Zeit gab es keine wichtige Frage, namentlich über die Verhältnisse der schweizerischen Eidgenossenschast und Italiens, bei welcher nicht L. entscheidend eingegriffen hätte. Ein höchst unangenehmer Umstand war es für ihn, daß in der Verschwörung bei der Thronbesteigung des Kaisers Nikolaus eines der Häupter, der Fürst Trubetzkoy, L.'s Schwager war, und sich zu ihm geflüchtet hatte. Sein persönlicher Charakter genießt allgemeine Achtung, und stets widmete er der Wissenschaft und Kunst seine lebendigste Theilnahme. Mehre einzelne Sendungen wurden ihm auch noch in den letzten Jahren aufgetragen und in der neuesten Zeit erhielt er den Botschafterposten in Neapel. (17) Lee, öffentlicher Lehrer der orientalischen Sprachen an der Universität zu Cambridge, gehört zu den interessanten Männern, in welchem die Gewalt des inwohnenden geistigen Lebens und überwiegenden Talents siegreich hervorging aus dem Kampfe mit den widerstrebenden feindseligen Mächten der äußern Verhältnisse. Von armen aber frommen Altern geboren, genoß er nur den dürftigen Unterricht der nieder» Stande Englands, welcher bis dahin ein so wichtiges Mittel war, die große Masse des Volkes unter dem beherrschenden Einflüsse der Aristokratie zu erhalten. Nach Vollendung seines kurzen Schulcursus erlernte L. das Zimmerhandwerk mit regem Fleiß, blieb jedoch in seinen freien Stunden der fortgesetzten Beschäftigung mit seinen Schulstudien, namentlich der Religionslehre, zugewandt. Mit Eifer und Fleiß forschte er in der Schrift als der untrüglichen Quelle höherer Offenbarung; und als er erfuhr, daß der Sinn der heiligen Bücher sicher und wahr erst aus dem Urtexte erkannt werden könne, in welchem sie geschrieben, unternahm es der schon mehr als zwanzigjährige Aimmergeselle zuerst die lateinische und dann die griechische Sprache ganz allein für und durch sich mit Hülfe einer mangelhaften Grammatik und eines griechischen Neuen Testaments zu erlernen. Bei diesem Beginnen zog er die Aufmerksamkeit eines christlich gesinnten Mannes auf sich, der ihn der britischen Bibelgesellschaft, deren Mitglied er war, als der Beachtung und Unterstützung werth empfahl. Kaum erkannte dieser Verein den wackern Sinn und die seltenen Anlagen des jungen Mannes, der — wenn wir nicht irren — bereits verheirathet war, so gewährte sie ihm alle diejenigen Mittel, welche ihn in den Stand setzten, ganz seinen wissenschaftlichen Neigungen zu leben. Mit der Begeisterung der Jugendliebe ergriff L. die dargebotene Gelegenheit, den Durst seines Geistes zu stillen, erlernte in kurzer Zeit außer den beiden Sprachen Lehon Lelewel 849 des classischen Alterthums, die hebräische, arabische, syrische und persische Sprache, beschäftigte sich mit der französischen und deutschen, forschte unermüdlich in den verschiedensten Theilen der Wissenschaft, konnte schon nach kaum sechsjähriger Anstrengung als Professor in Cambridge auftreten und nach den Urtheilen eines Sylvestre de Sacy und Gesenius als einer der ersten Orientalisten seiner und aller Zeiten angesehen werden, während alle Diejenigen, welche ihn persönlich kennen zu lernen Gelegenheit fanden, in ihm den liebenswürdigsten und bescheidensten Menschen achten und lieben mußten. Die Wissenschaft aber und der Ruhm, welchen er durch sie erlangte, vermochten nicht, ihn zum Vergessen des ersten Zweckes, der ihn den Studien zugeführt hatte, zu verleiten: vielmehr achtete er sein ganzes Wissen nur so hoch, als er dadurch die Ausbreitung des Reiches Gottes und die Absichten der Gesellschaft fördern konnte, deren Unterstützung er die freiere Ent- wickelung seines geistigen Lebens zunächst verdankte. Darum waren seine ersten literarischen Arbeiten Ubersetzungen der Bibel in die syrische und persische Sprache, Vorarbeiten zu einer neuen Ausgabe der Walton'schen Polyglotte, zu welcher die ersten Gelehrten Europas gewonnen werden sollten, und Vorbereitung zum Missionswerke in Asien, worin er seine letzte Bestimmung zu erkennen glaubte. Mit rührender Innigkeit sprach er von der Hoffnung, einst durch die lebendige Predigt des Evangeliums unter Heiden das Gelübde seines Dankes bezahlen zu können, und nur die wiederholten Vorstellungen seiner Freunde und Schüler, und vielleicht auch die schuldige Berücksichtigung seiner keineswegs starken Gesundheit hat ihn späterhin von der Ausführung seines Planes, Missionar zu werden, abbringen können. Was die Wissenschaft dadurch gewonnen, ist allen Denen bekannt, welche die Fortschritte in den Forschungen auf dem Gebiete der orientalischen Sprache, namentlich des semitischen Stammes, mit einiger Aufmerksamkeit beachteten, und Cambridge verehrt in L. einen seiner ausgezeichnetsten Hochlehrer; alle diejenigen Gelehrten aber, welche jemals Veranlassung faNhen, seine Gefälligkeit in Anspruch zunehmen, 'sind seines Lobes voll, und rühmende Bereitwilligkeit, mit welcher er jede erbetene Auskunft oder Belehrung zu geben bereit ist. Vor allen aber war er zu allen Zeiten den jungen Mannern zugewandt, welche etwa unter seiner Leitung für den schwierigen Beruf des Missionswerkes in Asien sich vorzubereiten gedachten. Unter vielen andern sind der berühmt gewordene Judenbekehrer Wolfs und der Superintendent Dietrich, im asiatischen Rußland, seine Schüler. Lehon (Charles), belgischer Gesandter in Paris, ward um 1790 zu Tournay geboren, wo er als Advokat lebte und Vörden Gerichten durch seine Kenntnisse, seinen lebhaften Geist, seine Beredtsamkeit glänzte, bis er unter dem Königreich der Niederlande Schöffe in Tournay und 1825 Abgeordneter in der zweiten Kammer der Generalstaaten ward. Er zeichnete sich auch hier aus, und seine Talente gewannen Anerkennung. Den Umtrieben fremd, welche die belgische Revolution herbeiführten, versuchte er bis zum letzten Augenblicke versöhnende Maßregeln und wollte eine Trennung der Verwaltung der beiden Halsten des Königreichs unter Einem Monarchen. Mag, wie Einige behaupten, das Interesse der Familie seiner Gattin, die aus Brüssel ist, oder sein Ehrgeiz ihn bestimmt haben, er wendete sich zuletzt zu der Partei, welche die gänzliche Losreißung von Holland wollte, und gewann bald bedeutenden Einfluß. Als belgischer Gesandter in Paris hat er sich ebenso sehr das Wohlwollen seines Königs als des französischen Hofes gewonnen. (74) Lelewel (Joachim), der berühmteste und einflußreichste Schriftsteller Polens in der neuesten Zeit, Landbote, seit 1830 Mitglied der provisorischen und Nationalregierung, Minister des Cultus, eines der Haupttriebräder des letzten polnischen Aufstandes, wurde am 20. März 1786 zu Warschau geboren. Seine erste Bildung erhielt er bei den Piaristen seiner Vaterstadt (^«IloAmm l>ss)- bilium), bezog späterhin die Universität Wilna, wo er unter des Professors Hnssar- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 54 850 Lelewel zewski Leitung, dem er mehr als ein Mal in seinen Schriften den wärmsten Dank zollt, mit solchem Erfolge die Geschichte studirte, daß der berühmte Philanthrop Thaddäus Czacki, welcher zu Krzemieniec in Volhynien ein Lyceum begründet hatte und mit ausgezeichneten Professoren zu besetzen wünschte, ihm 1809 den historischen Lehrstuhl anbot. Als der russische Feldzug seine literarische Thätigkeit unterbrach, kam L. nach Warschau zurück und erst 1814 erhielt er die Stelle eines stellvertretenden Lehrers der Weltgeschichte an der Universität zu Wilna. Nachdem Kaiser Alexander 1816 als König von Polen eine neue Universität zu Warschau gestiftet hatte, erhielt L. einen Ruf dahin als Professor der Geschichte des Mittelalters und der Bibliographie und als Eustos bei der Nationalbibliothek. Wilna, seinen Verlust fühlend, eröffnete für den Lehrstuhl eine Bewerbung durch die Preissrage über den Umfang der Geschichte und ihre Verhältnisse zu den übrigen Wissenschaften. L.'s Schrift wurde gekrönt. Mit Enthusiasmus von seinen ehemaligen Schülern aufgenommen, war er von nun an der gefeierte Mann des Tages. Die Jugend verschlang jedes seiner Worte. Der „lithauische Volksmagier, der Jesuit der Freiheit", wie einige seiner Landsleute ihn nennen, schleuderte seine feurigen Gedanken wie wetterleuchtende Blitze nach dem Horizonte einer kommenden Zeit. Er entzündete allenthalben, verbarg aber die Flamme mit unglaublicher Geschicklichkeit. Das eigenthümliche Feuer seines Vortrags zog eine solche Menge Zuhörer an sich, daß die Hörsäle bald nicht mehr ausreichten und die Vorlesungen sogar, weil es an Raum gebrach, aufgeschoben werden mußten — ein in den Jahrbüchern der Hochschule von Wilna unerhörtes Ereigniß. Die jungen Dichter des Landes wetteiferten L.'s Ruhm zu verherrlichen. Als Freund der Wahrheit und furchtloser Vertheidiger der Menschenrechte erhob er oft die Stimme zu deren Schutz; allein alle diese Tugenden und Talente vermochten den Groll der Feinde Polens nicht zu besänftigen. Der allgemein geliebte, aber eben deshalb in Jener Augen gefährliche Mann sollte entfernt werden. Er erhielt 1824 sein Absetzungsdecret und trat in den Schoos seiner Familie zurück, wo er nur der Wissenschaft und Kunst lebte, bis ihn der 29. Nov. 1830, mit welchem für Polen eine bessere Zukunft anzuheben schien, zur öffentlichen Wirksamkeit rief. Man kann erst dann einen Begriff von L.'s Thätigkeit erlangen, wenn man weiß, daß er fast ebenso viele literarische Werke voll der tiefsten Forschungen, Meist mit eigenhändig gezeichneten und gestochenen Karten, Abbildungen u. s. w. herausgegeben, als er Jahre zählt. Die wichtigsten davon sind: „Blicke auf das Alter der lithaui- schen Stammvölker und deren Verhaltnisse zu den Herulern" (Wilna 1808); „Bemerkungen über Matthias, polnischen Schriftsteller des 12. Jahrhunderts" (Wilna 1811). Beide Werke, durch Tiefe der Forschung und Kraft der Darstellung gleich ausgezeichnet, haben in und außerhalb Polen großes Aufsehen erregt, und Gottl. Linde lieferte eine deutsche Übersetzung derselben in Kadlubek's „Historisch-kritischen Beiträgen zur slawischen Literatur". „Geschichte der Geographie"; „lieber Maß und Gewicht der Alten"; „Geschichte der Nationen, welche bis zum 10. Jahrhundert daS mittlere Europa bewohnt haben"; „Handelsverhältnisse der Phönizier, Karthager und Römer"; „Austand der Wissenschaften und Künste in Polen vor Erfindung der Buchdruckerkunst"; „Über Boleslas den Großen und dessen Grabschrift zu Posen"; „Eroberungen Boleslas des Großen"; „Über die Slawen" (zuerst in dem „Wilnaer Wochenblatte", 1816 und 1816, abgedruckt); „Forschungen über die Erdkunde der Allen", wodurch sich L. einen Platz unter den ersten geographischen Geschichtschreibern erwarb; „Über die Krönung der Könige von Polen" (Warschau 1819); „Geschichte des alten Indiens und dessen Einfluß auf die Westländer" (Warschau 1820); „Entdeckungen der Karthager und Griechen im atlantischen Ocean" (Warschau 1821, deutsch Berlin 1831); „Letzte Jahre Sigismunds des Alten und Thronbesteigung Sigismund Augusts" (War- Lelewel 85! kl» schau 1821); „Sprach- und Verfassungsdenkmale von Polen und Masovien im 13., 14. und 15. Jahrhundert" (Warschau 1824 ,4.). Dieses Werk gab L. vereint mit dem Professor Jgnaz Danilowicz heraus, der ebenfalls seines Amtes entfetzt und spater nach Charkow berufen wurde. Es enthalt die ältesten früher noch ungedruckten Reichsstatuten und ist für Polens Geschichte von hoher Wichtigkeit. L.'s Umarbeitung der „Geschichte des polnischen Reichs" von Theodor Waga, mit der Periode Stanislaus August Poniatowski's vermehrt, erschien 1824 zu Warschau. „Kritische Bücherschau über alle die polnische Geschichte der altern und neuern Zeit betreffende Werke"; „Ältere polnische Bibliographie" (2 Bde., Warschau 1823 — 26). Diese Fundgrube der Nationalliteratur der Polen ist durch treffende Bemerkungen über die Bibliotheken und Druckereien seines Vaterlandes und eine Kritik der Schriften I. S. Bandtkie's über die Geschichte der krakauischen Buchdruckerkunst und der Universitätsbibliothek bereichert. In Michael Podczaszynski's und Moritz Mochnacki's trefflichem „Journal für Wissenschaft und Kunst" (Warschau 1825—26) lieferte L. Abhandlungen über die zu Trzebun in der Woiwodschaft Plock gefundenen alten Münzen, mit scharfsinnigen Bemerkungen über englische, deutsche und böhmische Münzkunde im Mittelalter. „Die Geschichte mit ihren Zweigen als Bildnerin der Menschheit" (eine 1826 zu Wilna gekrönte Preisschrift); „Polens E.Haltung unter Wladislaw dem Zwerge" (1826); „Von der Gesetzgebung in Polen und Lithauen" (auch in der „Idewis äe viuielles", 1827); „Edda, oder die Religion der alten Skandinavier" (Warschau 1827); „Die russisch-polnische Diplomatie seit dem 13. bis 17. Jahrhundert" (1827). Aus dem noch ungedruckten Original L.'s übersetzte Drake „Geschichte Polens unter Stanislaus August" (Braunschweig 1831). L.'s politische Wirksamkeit begann mit dem 30. Nov. 1830. Nachdem er lange vorher vertraute Jünglinge insgeheim um sich versammelt hatte, trat er plötzlich an der Spitze der patriotischen Gesellschaft aus seiner Einsamkeit hervor. Aber der Mann der rastlosen literarischen Thatigkeit war nicht der Mann der öffentlichen Energie. Wahrend er den glühenden Durst nach Unabhängigkeit in seiner Seele ängstlich abwog, prüfte, sichtete, handelten die unüberlegten Jünglinge der Universität und der Militairschule; doch blieb er der Mittelpunkt, von welchem anfangs alle Kraftäußerungen wie Radien ausgingen. Dies wußte Lubecki, als er gleich im Beginn des Aufstandes, um dadurch die Revolution im Zaume zu halten, L. zu allen öffentlichen Geschäften zog. Als der noch hinter den Barrieren von Warschau aufgestellte Cäsarewitsch die Foderungen der Nation zu kennen und einen Vergleich zu treffen wünschte, war auch L. unter Ven Abgeordneten, die ihm den Wunsch des Volkes vorlegen sollten: daß die Constitution des Reichs in ihrem ganzen Umfange aufrecht erhalten und das frühere Versprechen des Kaisers erfüllt werden sollte, alle von Rußland erworbenen Provinzen deS alten Königreichs Polen wieder mit demselben zu vereinigen. Nachdem der Administrationsrath zur Leitung der Geschäfte des Augenblicks eine Vollziehungsbehörde einzusetzen beschlossen hatte, war L. wieder einer der Ersten, den man seiner Volksgunst und seiner Kenntnisse wegen zu diesem Posten berief. Den Vorsitz im patriotischen Vereine mußte der mit Geschäften überladene Mann an Xaver Bronikowski abtreten. Doch wurden auf L.'s Vorschlag vier Mitglieder des Clubs von der vollziehenden Gewalt eingeladen, an ihren Berathungen Theil zu nehmen, wozu Bronikowski, Machnicki, Plichta und Mochnacki gezogen wurden. Der Administrationsrath sah bald ein, daß er wegen seiner Unpopularität das Königreich nicht länger regieren könne, legte die höchste Militairgewalt in die Hände eines Dictators und setzte eine Vollziehungsbehörde unter dem Namen „Provisorische Regierung" nieder, die aus Czartoryski, Pac, Kochanowski, Dembowski, Niemcewicz, Ladislaus Ostrowski und L. bestand. Das allgemeine Ausschreiben zur Reichstagsversammlung (auf 54* ff ff 852 Lelewel den 18. Dec. 1830), welches die neue Behörde sogleich erließ, sowie die patriotischen Reden an die polnische Armee, flössen aus L.'s Feder. L.'s patriotische Gesellschaft war zwar durch Lubeckis und des Diktators Chlopicki Bemühung so gut wie gesprengt; diese bittere Erfahrung hätte leicht jeden andern Mann auf lange Zeit entmulhigen können, allein L. verband mit der ausdauernden Hartnackigkeit jedes Polen, wenn es die Wiedergeburt seines Vaterlandes gilt, noch eine dem Gelehrten eigne Geduld. Seinem wahren Elemente wieder zurückgegeben, fand er an der Seite seines kraftigen Arbeitsgenossen Valentin Zwierkowski Stoff zu neuer geheimer Thätigkeit. Beide traten mit Bronikowskk, Mochnacki, Krempowiecki, Zawisza, Aaliwski und dem Pciester Pulawski, in welchem L. bei dessen außerordentlicher Beliebtheit im Volke ein besonders brauchbares Werkzeug zu erkennen glaubte, zu einem neuen Verein zusammen, welcher nach Lubecki's und Jezierski's Abreise nach Petersburg (10. Dec. 1830), wie früher die russische Herrschaft, so jetzt den Diktator zu stürzen beschloß. Nicht ein Nationalconvent, sondern eine volksthümliche Regierung sollte an dessen Stelle treten. Nachdem der Reichstag sich versammelt und Chlopicki die Diktatur niedergelegt hatte, machte sich das Bedürfniß dringend fühlbar, die Leitung der Staatsgeschäfte einer aus fünf Mitgliedern bestehenden Nationalregierung anzuvertrauen, in der jedes Princip seinen Vertreter hatte. L. wurde am 30. Jan. 1831 zur Aufrechthaltung der rein demokratischen Ansicht gewählt. Doch in dieser Gestalt der Regierung lagen die Keime zur Uneinigkeit und Schwache. Da Czartorpski, Präsident derselben, Barzy- kowski und Vincenz Niemojowski ziemlich gleichgesinnt waren, konnten Morawsti und L. selten eine Meinung durchsetzen; da überdies das fünfte Mitglied abtreten mußte, wenn der Generalissimus seinen Platz in der Sitzung einnahm, so sah sich in dieser Combination der geistig Unermüdete von Neuem an die patriotische Gesellschaft gewiesen, und gleichsam vom Reichstag selbst veranlaßt, sich der geheimen Thätigkeit zu ergeben, die ohnehin seinem Charakter und seiner Gewohnheit so angemessen war. Im Widerstreite seiner Pflichten als Magistratsperson und Patriot war er in dem öffentlichen Wirkungskreise so verschlossen und behutsam wie zuvor, blieb Präsident der patriotischen Gesellschaft als Mitglied einer Regierung, deren Mitglieder insgesammt diesen Club haßten, band sich dadurch hier und dort die Hände und setzte sich bei Denjenigen, die ihn nicht genauer kannten und seine Lage nicht zu würdigen wußten, dem Verdachte eines zweideutigen Charakters aus, der die übrigen Regierungsmitglieder nur um so mehr veranlaßt?, seinen noch so treffenden Ansichten und Rathschlagen zu mistrauen. Er hat Ruf, Ansehen und Wirksamkeit dadurch verscherzt, daß er nach dem Ideale eines Nationalcon- vents haschte, dessen Elemente in Polen fehlen, statt im Reichstage einen solchen zu erblicken, daß er sich mit Handwerkern und verrufenen Männern, überzähligen Offizieren und jungen Brauseköpfen ohne Ansehen hei der Nation, in heimliche Umtriebe einließ. Und doch war L., dieses Schwungrad der gährenden Volksbewegung, frei von allen andern Fehlern als denen gegen Klugheit und Takt, ein uneigennütziger Republikaner und aufrichtiger Patriot. Als endlich, nachdem der letzte Hoffnungsstrahl erloschen war, fast sämmtliche Mitglieder des Reichstags und der Regierung, eine freiwillige Verbannung schimpflicher Unterwerfung vorziehend, am 20. Sept. bei Nypin die preußische Grenze betreten hatten, wanderte L. zu Fuß, verkleidet, unter fremdem Namen quer durch Deutschland nach Belgien und von da nach Paris, wo er an der Spitze eines neu begründeten Vereins seiner Landsleute durch Vorbereitungen aller Art auf eine baldige Wiedergeburt Polens hinarbeitete, bis aufgefangene Papiere und eine heftig aufregende Proklamation an das russische Volk, die man in das Innere Rußlands zu bringen gewußt hatte, den russischen Gesandten am französischen Hofe zu Ende des Jahres 1832 veranlaßten, auf seine und seiner nächsten Bundesgenossen Entfernung aus Pa- Lennep (David Jakob van — Jakob van) Lenz (Harald Otmar) 853 ris energisch zu dringen. Mit Genehmigung des Ministeriums begab sich L. auf Lafayette's Landsitz La Orange, und unter der Bedingung, daß er nicht nach Paris komme, wurde die verfügte Verweisung auf 60 Stunden von der Hauptstadt zurückgenommen. Er genoß seitdem die Gastfreundschaft des Generals, bis am 8. Marz 1833 auf Befehl des Ministers des Innern, Grafen von Argout, weil L. angeblich die über wmmene Verpflichtung verletzt hatte, der Unterpräfect mit bewaffneter Macht in das Landhaus drang, ihn verhaftete und von Gensdarmen nach Tours bringen ließ. Lafayette führte einige Tage nachher in der Deputirtcn- kammer bittere Beschwerde über die Verletzung seines Hausfriedens, die der Minister als eine Ausschreitung des Unterbeamten zu entschuldigen suchte, und nannte die unmittelbar vor der Rückkehr des Grafen Pozzo di Borgs angeordnete Maßregel In dienveuue ü I'umbassutleur cke Russie. (8) Lennep (David Jakob van), Professor zu Amsterdam, wurde daselbst am 15. Jul> 1774 geboren, erhielt in der dortigen Gelehrtenschule unter VanOm- meren eine treffliche Vorbildung und gab bereits 1790 seine jugendlichen Versuche „earmiuu siivenilia" heraus. Cr setzte darauf seine Studien im Athenäum zu Amsterdam drei Jahre hindurch fort und widmete sich ebenso lange der Rechtswissenschaft zu Leyden, wo er 1796 Doctor der Rechte wurde, wiewol dem Studium des elastischen Alterthums stets seine Vorliebe zugewendet blieb. Eine Sammlung lateinischer Gedichte gab er 1796 unter dem Titel: „Rusticutio Uünpnckica" heraus, weil er sie auf dem Landsitze seiner Familie üetN-mpack (Mannsweg), der in der Geschichte Hollands durch eine im Mittelalter dort gelieferte Schlacht berühmt ist, verfaßt hatte. Er ist seit 1799 Professor der Beredsamkeit und der griechischen und lateinischen Sprache am Athenäum zu Amsterdam. L. gehört zu der alten hollandischen Humanistellschule, die sich besonders durch die Erklärung der griechischen und lateinischen Dichter auszeichnete, und ist einer der glücklichsten Nachahmer derselben in unserer Zeit. Er gab heraus: „Ovillü Nu- 50M5 IZeroickes et Lutum Lpistvlu" (Amsterdam 1807 und 1812) und vollendete die von H. de Bosch angefangene „^ntllolvKiu Fruecu" (Utrecht 1822) und die von L. van Santen angelegte Ausgabe des Terentianus Maurus (Utrecht 1825). Mehre seiner Denkschriften sind in den Schriften der dritten Classe des niederländischen Instituts abgedruckt, deren Mitglied er ist. Er übersetzte in hollandische Verse Hesiod's Gedicht „Werke und Tage" (Amsterdam 1823). — Sein Sohn Jakob van L., geboren am 24. März 1802 zu Amsterdam, trat wie der Vater in früher Jugend als Dichter auf, aber bloß in der vaterländischen Sprache. Er gab heraus: Idyllen in Theokrit's Manier; eine Sammlung von Gedichten; eine französische Legende: „Het recüt vuu druilostsu- vuolttcout"; eine Nachbildung der „Braut von Abydos" von Byron; mehre Gelegenheitsgedichte durch die Ereignisse von 1830 und 1831 veranlaßt, und „Neckerlunltsctte legeucken" in 6 Banden, poetische Erzählungen nach Walter ^ Scott's Vorbild. Vorzüglich aber erwarb er als dramatischer Schriftsteller Beifall. Außer seinen Dramen „Fiesco" und „Marino Falieri", nach Schiller und Byron, schrieb er mehre kleine Stücke in Versen und Prosa: „llet rp nun cke ^ren- 2eu"; „Het ckorp over Ue Freilisell"; „Hulcke nun vun Lpez'lc"; „Deroemvuntwin- ti^ eeuwen"; „Leu umsterckamseüe wmteruvoiu! in 1632". Eine fruchtbare Phantasie, lebendige Sprache, leichter und anmuthigcr Versbau und endlich das große Verdienst des Zeitgemäßen machten L. zu einem Lieblingsdrchter seiner Zeit. Diejenigen seiner Theaterstücke, die zu der in Holland ganz neuen Gattung des französischen Vaudeville gehören, fanden ungemeinen Beifall. Eine neue Oper: „Huurlem's ver- losging", erschien 1833, der eine andere „'lasso" bald folgen soll. L. lebt als Fiskaladvokat zu Amsterdam. (74) Lenz (Harald Otmar), geboren zu Schnepfenthal im Jahre 179ft blieb «54 Lenz (Johann Adam) Dvick^ bis zu seinem vierzehnten Jahre in der dasi'gen Erziehungsanstalt seines Großvaters ''-F- Salzmann und kam dann auf das Gymnasium zu Weimar, dessen Director sein W Vater damals war. Darauf studirte er in Göttingen und Leipzig Philologie und Naturwissenschaften. Er ging 1820 nach Berlin, und nachdem er in Thorn und Marienwerder als Lehrer angestellt gewesen war, folgte er dem Rufe an die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthak, wo er jetzt noch lebt. Er gab seitdem heraus: „Naturgeschichte der Säugthiere" (Gotha 1831); „Die nützlichen und schab, lichen Schwämme" (Gotha 1831), ein Werk, das die Kenntniß der eßbaren und giftigen Schwämme allgemeiner zu machen bestimmt war. Besonders aber hat sich L. mit der Beobachtung der deutschen Schlangen, zumal der Kreuzotter, beschäftigt, und da deren Naturgeschichte bis jetzt noch sehr im Dunkeln lag, Gelegenheit gefunden, manches Neue zu erforschen. So fand er, daß unsere deutschen Schlangen sich in der Regel jährlich fünf Mal häuten, daß sie im Winter bei einer Temperatur, wo das Wasser gefriert, ebenfalls erfrieren und sterben, daß die Verschiedenheiten, welche man in der Färbung der Kreuzotter gefunden und als Merkmale verschiedener Arten betrachtet hat, regelmäßige Abänderungen des Alters und Geschlechts sind. Über die Wirkung des Giftes der Kreuzotter hat er viele Versuche angestellt, und das Chlor, innerlich gegeben, als ein vortreffliches Gegenmittel dagegen erprobt, zugleich auch gezeigt, daß dieser Stoff, welcher für andere Thiere und Menschen unschädlich ist, auf die Otter selbst tödlich wirkt. Viel Neues bieten seine Beobachtungen über das Verhältniß der fleischfressenden Thiere zu den Schlangen dar; er fand nämlich, daß der Igel, Dachs, Iltis, der Bussard, Tburm- falk und andere die giftige Kreuzotter bekämpfen und verzehren, wobei sie den Kopf derselben zuerst zerreißen und fressen, wohl wissend, daß er der Sitz des Giftes ist. Dagegen fand er, daß 5?c Fuchs, die Eule, der Sperber, Stockfalk, die Kornweihe und andere sich nicht an Schlangen wagen, zum Theik auch große Furcht vor der Kreuzotter zeigen. Igel, Dachs und Iltis leiden, nach seinen Beobachtungen, selbst von vielen Otterbissen nicht, wogegen das kleine Wiesel, Thurmfalk, Storch u. s. w. mehr oder weniger davon erkranken. Seine Beobachtungen über Schlangen hat L. hauptsächlich durch seine „Schlangenkunde" (Gotha 1832) bekannt gemacht. ^enz (Johann Adam), geboren 1786 in Stockach in der Landgrafschaft Nellenburg, machte seine ersten philosophisch-mathematischen Studien zu Klagenfurt. Er trat darauf 1804 als Cadett in östreichische Kriegsdienste und machte als solcher den Feldzug 1806 in Italien, Baiern und Mahren mit, ward aber 1806 von seinem neuen Landesherrn, dem Könige von Würtemberg, als Lieutenant bei dem ersten Bataillon der Fußjäger angestellt. Im Laufe des Felozuges 1809 gegen Ostreich zum Oberlieutenant und Adjutanten befördert, hatte er Gelegenheit, sich in dem für die würtembergischen Waffen so rühmlichen Treffen bei Linz auszuzeichnen. Er trat 1813 in westfälische Dienste, rückte zum Hauptmann vor und erhielt im Laufe des Feldzugs 11 Wunden, von denen jedoch keine ihn zum fernem Dienste unbrauchbar machte. Nach der Auflösung der westfälischen Armee bot ihm der König vonWürtemberg wieder Dienste an, die er annahm; in den Feldzügen von 1814 und 1815 fand er abermals mehrfache Gelegenheit sich auszuzeichnen, erhielt aber auch in dem Treffen bei Strasburg neue Wunden; zum Hauptmann erster Classe befördert, zeichnete er sich im Kriege gegen die Franzosen aus. Die Zeit des Friedens benutzte L. zu literarischen Beschäftigungen. Das militai- ^ rasche Publicum und insbesondere das würtembergische Armeecorps verdankt ihm eine Reihe interessanter Schriften für angehende Militairs, welche sich durch kla- ren Vortrag, Präcision und eine gründliche Kenntniß des behandelten Stoffes auszeichnen. Dahin gehören: „Felddienst für Unteroffiziere und angehende Mi- litairs", erster Thl. Vorvostendienst (zweite Auflage, Stuttgart 1826), zweiter Lenz (Johann Georg) Leo 855 Thl. Patrouillenlehre (1825), dritter Thl. Verhaltungsvorschriften bei Detachi- rungen (1829); „Fragen über den Felddienst für Unteroffiziere u. f. w." (Stuttgart 1830). (40) Lenz (Johann Georg), geboren zu Schleusungen am 2. April 1748, stu- dirte in Jena, wohin er sich 1765 begeben hatte, mit äußerst geringen Mitteln anfangs Theologie, dann Botanik und Mineralogie unter Immanuel Walch, welcher dort diese Wissenschaft zuerst als eine eigenthümliche vortrug. Nach Walch's Tode kaufte der damalige Herzog, nachherige Großherzog Karl August dessen naturhistorisches Cabinet und vertraute L. die Aufsicht über dasselbe an. L. hielt nun Vorlesungen über Naturgeschichte, insonderheit über Mineralogie, erst nach Cronstedt'S und spater nach Werner's System. Diesem durch Hoffmann bearbeiteten System blieb er bis ans Ende seines Lebens treu und lehrte in der ersten Periode seiner akademischen Wirksamkeit mit so glücklichem Erfolge, daß er oft in Einem Semester die Oryktognosie für sechs besondere Kreise von Zuhörern vortragen mußte. Aus Eifer für seine Wissenschaft stiftete er 1796 die Mineralo« gische Gesellschaft, welche der Herzog den 16. Dec. 1803 bestätigte. Präsident derselben wurde der Fürst Dimitri Galizin, welcher sein prachtvolles, besonders an sibirischen Stücken reiches Cabinet nach Jena schenkte und dadurch die bereits bestehende Sammlung zu einer höchst bedeutenden erhob. Diese Gesellschaft erregte die lebhafteste Theilnahme, die ausgezeichnetsten Männer aller Classen traten ihr gern bei, und bewarben sich zum Theil selbst um die Aufnahme; die Aufgenommenen beeilten sich durch Geschenke ihr Interesse zu betätigen, wodurch das jenaische Cabinet zu einem außerordentlichen Umfange anwuchs. L. brachte den größten Theil seiner Zeit in diesem Cabinet zu; es immer zu vermehren, war seine einzige Sorge, und deshalb unterhielt er eine sehr ausgebreitete Correspondenz durch ganz Europa. Mochte er auch bei der Aufnahme der Mitglieder in den letzten Jahren nicht immer mit der nöthigen Vorsicht zu Werke gehen, mochte er mehr die Anhäufung von Massen, als die Erwerbung einzelner recht instructiven Exemplare im Auge haben, wurde von ihm auch Manches vernachlässigt, was zur wissenschaftlichen Anordnung, zur sorgfältigen Classisicirung und Beschreibung, sowie zur Sicherung und Erhaltung dieses Cabinets unumgänglich nothwendig ist: der Ruhm, zur Bereicherung desselben durch Erregung der Theilnahme Anderer wesentlich beigetragen zu habm, bleibt ihm ungeschmälert und sichert seinem Namen eine unvergängliche Dauer. Dieses Verdienst blieb auch nicht ohne Anerkennung. Er wurde 1794 außerordentlicher Professor der Philosophie, 1803 zum Bergrath ernannt und erhielt 1810 eine Professur mit Sitz und Stimme im akademischen Senate, sowie ihn fast alle gelehrten Gesellschaften Europas als Mitglied aufnahmen. Den 25. Oct. 1822 wurde sein Lehrerjubilaum von der Akademie feierlich begangen, bei welcher Gelegenheit der Großherzog ein großes Mittagsmahl im Saale des jenaischen Schlosses gab und dem Jubelgreise ein betrachtliches Geldgeschenk machte. Unter den hierbei erschienemn Gedichten befand sich auch ein sehr anmuthiges von Göthe, welches in der Sammlung seiner Werke noch vermißt wird. In den letzten Jahren siel L. in immer zunehmende Schwäche, welche ihn zur Fortführung der Geschäfte unfähig machte, und er starb an völliger Entkrästung am 28. Febr. 1832. (73) Leo (Heinrich), Professor zu Halle, ward am 19. Mär; 1799 in Rudolstadt geboren. Sein Väter war anfänglich Garnisonprediger daselbst und wurde später als Pfarrer nach einem Kirchspiele auf der sogenannten „Höhe vor dem Thüringerwalde" versetzt. Seine erste wissenschaftliche Bildung erhielt L. auf dem Gymnasium zu Rudolstadt, wo vornehmlich Abeken und Göttling einen sehr wohltätigen und ticfwirkenden Einfluß auf ihn ausübten. Nachbarliche Freundschaft seiner Altern mit einer in Rudolstadt angesiedelten Jtalienerfamilie, sowie die in z". .. i.I GW 856 Leo seiner eignen Familie einheimische Sage, daß dieselbe ursprünglich aus wälschem Lande nach Mainz eingewandert sei, erweckten schon so früh in ihm dieLust am italienischen Wesen, daß er bereits in seinem neunten Jahre, ungeachtet man ihm keinen Lehrer dafür gewahren wollte, auf seine eigne Hand Italienisch zu lernen ansing; und so schien sich darin sein künftiger Beruf, Geschichtschreiber Italiens zu werden, schon in der Vorahnung anzudeuten. Im Herbst 1816 verließ er das vaterlandische Gymnasium, um in Breslau Medicin zu studiren. Seine Reise dahin führte ihn über Berlin, wo er Jahn kennen lernte, der nicht verfehlte, auch auf L. einen solchen Einfluß zu gewinnen, daß er plötzlich eine völlige Änderung seines Lebens- planum demselben bewirkte. In Breslau angekommen, hatte sich L. daher bereits entschlossen Philologie zu studiren, Schulmann zu werden und für die sogenannte gute Sache auf die deutsche Jugend zu wirken. Er verließ jedoch schon im Sommer 1817 Breslau wieder und reiste in Gesellschaft mit Wolfgang Menzel durch das Riesengebirge nach Dresden, und von da allein nach Jena, wo er seine in Breslau begonnenen Studien besonders der historischen Seite der alten Literatur mit Eifer fortsetzte. Sein Aufenthalt in Jena wurde jedoch noch eines andern Umstandes wegen für ihn wichtig, indem er, schon früher mit Turnern befreundet, hier mit vielen der spater ruchbar gewordenen Demagogen in Verbindungen gerieth, auch wol entferntem Antheil an der Wartburgsfeier nahm und dadurch, sowie durch seinen nachmaligen Umgang mit Karl Follenius, den Grund zu einer spater nicht ohne Nachtheil für ihn gebliebenen demagogischen Verdächtigung legte. In wissenschaftlicher Hinsicht bedeutender wurde für ihn dort die Bekanntschaft Reisig's, der bald sein innigster Freund ward und zur höhern und richtigem Erfassung des von L. nunmehr entschiedener ins Auge gefaßten Studimns der Geschichte sich ihm wesentlich nützlich erzeigte. Reisig bestimmte ihn nach Göttingen zu gehen, wohin sich L. Ostern 1819 begab, und wo er sich, außer den Vorlesungen von Hugo und Eichhorn, und denen von Benecke über mittelhochdeutsche und englische Sprache, / vornehmlich mit der Geschichte des Mittelalters beschäftigte, deren Studium er so gründlich betrieb, daß er alle Quellenschriftsteller und Hülfswerke selbst zu lesen und zu excerpiren begann. Nachdem er darauf Göttingen wieder verlassen und in Jena auf eine eingereichte Dissertation über den Johannes Grammaticus die philosophische Doctorwürde erhalten hatte, begab er sich 182t) nach Erlangen zu seinem Freunde G. von Tucher, und ließ sich theils freundschaftlicher Verbindungen wegen, theils weilSchelling dort wieder Vorlesungen halten wollte,bestimmen, daselbst zu verweilen. Um dieselbe Zeit hat er auch seine erste im Druck erschienene Scyrist: „Über die Verfassung der lombardischen Städte", ausgearbeitet, die er 1820 zu Rudolstadt herausgab, obwol er es bald bereute, dieselbe in ihrer fragmentarischen Gestalt zu übereilt dem Drucke übergeben zu haben, da er die Fähigkeit in sich fühlte, Besseres leisten zu können. Seinen Plan, sich in Erlangen als Privatdocent niederzulassen, stellten sich jedoch sehr ungünstige Verhaltnisse in den Weg, da ihm auf sein Ansuchen darum die Erlaubniß erst verweigert, und dann nur mit der Weisung zugestanden wurde, daß er sich nie in Baiern Rechnung auf eine künftige Anstellung machen dürfe. Untröstlich darüber, da er fürchtete, daß ihm dieselbe Ungunst, die er aus seiner damaligen demagogischen Verdächtigung herleiten zu müssen glaubte, auch auf andern Universitäten verfolgen werde, bestimmte er sich dock endlich selbst unter diesen aussichtslosen Verhältnissen zur Habilitation, in der Meinung, daß es ihm anderwärts schon zur Empfehlung gereichen könne, einige Zeit ruhig in Baiern Privatdocent gewesen zu sein. Au Michaelis 1822 begab er sich jedoch nach Berlin, in der Hoffnung, nun endlich bessern Aussichten entgegenzugehen, nachdem er zuvor seine Abhandlung „Über Odin's Verehrung in Deutschland" (Erlangen 1822) hatte drucken lassen, die zu seinen unbedeutendem Arbeiten gehört. In Berlin suchte er sich zuerst in die dortigen Verhältnisse einzuführen und besuchte vornehm: Leo 857 lich die Vorlesungen von Hegel, ehe er daran dachte, sich selbst zu habilitiren. Zugleich beschäftigte er sich damit, aus den italienischen neuem Urkundenwerken seine Sammlung für lombardische Städteverfassung zu vervollständigen, und arbeitete ßlls Werk. „Entwicklung der Verfassung der lombardischen Städte" (Hamburg 1824), wodurch er seine frühere Schrift über denselben Gegenstand vergessen zumachen suchte, hier im Wesentlichen aus. Aus einem Antrag, der ihm um diese Zeit gemacht wurde, eine vornehme Dame auf einer Reise nach Italien zu begleiten, entwickelte sich, da jene Reise unterblieb, der Entschluß seiner Gönnerin, der verwitweten Fürstin zu Rudolstadt, die ihn schon früher begünstigt und unterstützt hatte, ihn zur Förderung seiner Ausbildung zu Ostern 1823 eine Reise nach Italien allein antreten zu lassen. Er verließ also Berlin, nachdem er zuvor von dortigen Gönnern die Versicherung erhalten hatte, daß seiner Habilitation daselbst bei seiner Zurücklunft kein Hinderniß im Wege stehen würde. Aus Italien wieder nach Berlin zurückgekehrt, betrieb er auch dieselbe mit allem Eifer, und hielt zuerst Vorlesungen über deutsche Geschichte. In diese erste Periode seiner akademischen Thätigkeit fallen auch seine „Vorlesungen über die Geschichte des jüdischen Staats", die er später (Berlin 1829) in den Druck gab. Er setzte jedoch bald alle dahin einschlagenden Studien wieder bei Seite, da er die Richtung und Auffassung, in welcher er in jenem Buche die jüdische Geschichte behandelt hatte, selbst als eine irrige erkannte. Gegen Ostern 1826 federte ihn der ihm verwandte Buchhändler Perthes zur Übernahme der Ausarbeitung der Geschichte Italiens für das von Heeren und Uckert herausgegebene Werk aus, und L. ging sogleich mit Eifer an die Vorarbeiten dazu, indem er sich von nun an fast ausschließend dem Studium der Geschichte des Mittelalters zuwandte. Die Resultate seiner mittelalterlichen Forschungen stellte er später in seinem „Handbuch der Geschichte des Mittelalters" (Halle 1830), zusammen, ein Buch, das ungemein viel geistreiche Ideen und neue Ansichten mit einem gründlichen Studium verbindet. Seine„Geschichte der italienischen Staaten" (5 Bde., 1829—32) wurde aber ohne Zweifel L.'s gediegenstes Werk, das noch bei weitem nicht genug Anerkennung gefunden hat. Im Sommer 1825 erhielt L. einen Ruf nach Dorpat, unter sehr annehmlichen Bedingungen, den er jedoch ablehnte, woraus er auf die Anzeige davon zum außerordentlichen Professor ohne Gehalt an der Universität in Berlin ernannt wurde. Er gab 1826 seine Ubersetzung der Macchiavelli'schen „Briefe" heraus, mit der er sich seither beschäftigt hatte und die ihm viele Freunde erwarb. Um diese Zeit übernahm er auch, um endlich zu einer Besoldung zu kommen, eine Collaboratorstelle an der königlichen Bibliothek, und hierdurch, sowie durch einige andere Nebengeschäfte, die ihm übertragen worden waren, vermehrten sich, da er auch mit seinen literarischen Arbeiten nicht zurückbleiben durfte, seine Arbeiten dergestalt, daß sie zu einer wahrhaft erdrückenden Last für ihn wurden. Dazu gesellte sich ein Überdruß an seinen dortigen persönlichen Verhältnissen und eine Krankhaftigkeit seiner eignen Gemüthsstimmung, die ihn endlich so überwältigte, daß er im Nov. 1827 sich entfernte. Nach Berlin wieder zurückzukehren, schien er sich nicht entschließen zu können, und suchte deshalb von Leipzig aus um seinen Abschied nach, worauf er sich selbst nach Jena begab und sich dort zur Herstellung seiner Gesundheit und Heiterkeit mit Reiten und andern körperlichen Er- götzlichkeitcn vergnügte. Seine Freunde in Berlin hatten jedoch unterdeß den von ihm gethanen Schritt möglichst zu vermitteln und ihn selbst zu bewegen gesucht, durch persönliches Wiedererscheinen in Berlin das Nöthige zur Ausgleichung beizutragen. Dies geschah, und L. erhielt darauf 1828 eine außerordentliche Professur der Geschichte in Halle, die sich 1830 in eine ordentliche verwandelte. L. ist ohne Zweifel einer der genialsten und geistreichsten Historiker unserer Zeit, und wahrend seiner äußern Darstellung nur zuweilen etwas mehr Durcharbeitung und Künstmaßigkeit zu wünschen wäre, ist dagegen seine Geschichtsansicht, seine Au5 858 Leonhard fassung^und Charakteristik weltgeschichtlicher Perioden immer tief und originell. jiiiD und leidet vielleicht nur hin und wieder daran, sich in gewissen Sonderbarkeiten -zu gefallen. L.'s neuestes Werk sistd die „Zwölf Bücher niederländischer Ge- schichten" (erster Theil, Halle 1832) erschienen. Diese ausgezeichnete Arbeit be- hauptet besonders durch die zum ersten Mal gegebene fleißige Ausammenstellung der Specialgeschichten der niederländischen Provinzen im Mittelalter einen eigen- thümlich-n W-tth, Leonhard (Karl Cäsar von), Geheimrath und Professor an der Universität zu Heidelberg, ward zu Rumpenheim bei Hanau, am 12. Sept. 1779 geboren. Sein Vater, Johann Konrad, war Rath in Diensten des Landgrafen Karl zu Hessen. Durch Privatunterricht zur akademischen Lausbahn vorbereitet, bezog er 1797 die Universität Marburg, wo er das kameralistische Studium in der wei- testen Bedeutung des Wortes betrieb. Zur Vervollständigung seiner Ausbildung überhaupt und seiner naturwissenschaftlichen Studien insbesondere, ging er noch :1799 nach Göttingen, wo Blumenbach einen vorzüglichen Einfluß auf seine Bil- ' dung ausübte und ihm namentlich jene Vorliebe für die mineralogischen Wissenschaften einflößte, welche spater für sein ganzes Leben so bedeutsam geworden ist. .W,/ Im Marz 1800 bestand L. rühmlich die gesetzmäßige Prüfung bei dem staats- wirtschaftlichen Institute zu Marburg, und erhielt in demselben Jahre eine An- stellung in Hanau als Assessor bei der Landcassen- und Steuerdirection. Neben A seinen Berufsgeschästen strebte er fortwahrend nach weiterer Ausbildung in den » mineralogischen Wissenschaften, und unternahm auch zu diesem BeHufe 1803 eine zZschW wissenschaftliche Reise nach Sachsen und bereiste 1805 Franken, Baiern, Ostreich, jeck-Mymw Salzburg und Schwaben. Mit dem Jahre 1805, der Epoche, welche sein Va-»",MHH terland unter französische Oberherrschaft brachte, änderte sich L.'s ganze Lebens-M kr > weise. Wahrend ihm sein früheres Amt nur wenig Geschäfte aufgelegt und hinreichende Muße zu fast ungestörtem Verfolge seiner wissenschaftlichen Studien ge- ichit iPs Bchff lassen hatte, drohte ihn jetzt, bei dem Eintritte der fremden Verwaltung und aller MerMkMch!'! sie begleitenden Veränderungen, der Ernst des Dienstlebens zu umfassen. Gern würde er aus diesem Grunde, sowie aus andern Ursachen, jedem Amtsverhältnisse ichss^MMt! entsagt haben, um ausschließend der Wissenschaft zu leben. Allein das ihm von den obersten Landesbehörden zu Hanau bewiesene Vertrauen, die Anerkennung sei- Mml.'NW'm ner Geschaftskenntniß und Sprachgewandtheit von Seiten der französischen Auto- ^ ^ ritaten, die Hoffnung, manches Gute wirken zu können, und die Liebe zum Vater- ' ' lande fesselten ihn nicht nur an seinen Posten, sondern bestimmte ihn auch zur Annahme anderer erledigter Ämter. So fand ihn der Großherzog von Frankfurt bei der 1810, zufolge des pariser Vertrags, vollzogenen Übernahme des Fürstenthums Hanau als Kammerrath. Dalberg ernannte ihn bei der Organisation des Großherzogthums zum Generalwspector der Domainen. Diese Stelle verwaltete er jedoch nur einige Monate, da er in Folge der, bei dem Liquidationsgeschafte zwischen Hanau und Frankreich erregten Unzufriedenheit der französischen Behörden, und der Verleumdung einiger, an strenge Geschäftsführung nicht gewöhnten aschaffenburger Finanzbeamten, schon in den ersten Tagen des Jahres 1811 in seiner Amtsführung suspendirt wurde. L. lebte nun zwei Jahre in ungestörter Muße seiner Wissenschaft. Allein Dalberg überzeugte sich später von dem Unrechte, ^ welches L. zugefügt worden; er ernannte ihn 1812 zum Geheimrath, übertrug ihm die Generalverwaltung der Octroidomainen und verlieh ihm 1813 den da- ^ mals gestifteten Concordienorden. Als nach der Schlacht bei Hanau die alte Ord- ^ nung der Dinge wiederkehrte, fand L- im Vaterlande keine, seinen bescheidenen Er« ^!i^. Wartungen entsprechende Abstellung. Dies bestimmte ihn 1814 um seine Ent- lassung aus kurhessischen Staatsdiensten zu bitten und 1815 eine ehrenvolle An- stellung bei der königlichen Akademie der Wissenschaften zu München anzunehmen. " st Leopold 859 >tU ! Dort lebte er ausschließend im Dienste der Wissenschast und erfreute sich der besonder» Gnade des Königs, der ihn schon 1814, wegen mehrer um das bairische Heer bei der Schlacht von Hanau erworbenen Verdienste, mit dem Commandeurkreuze des Ordens der bairischen Krone belohnt hatte, L. folgte jedoch 1818 dem ehrenvollen Rufe auf den eben erst begründeten Lehrstuhl für Mineralogie und Geologie an der Universität zu Heidelberg und trat so in einen Wirkungskreis, welche ihm durch erfreuliches Zusammentreffen und dauerndes Zusammentun mit manchen Freunden aus früherer Zeit doppelt Werth wurde. Hatte er schon früher durch das seit 1807 zu Frankfurt a. M. herausgegebene, Taschenbuch für Mineralogie", durch seine „Allgemeine topographische Mim-"lvgie" (3 Bde., Frankfurt a. M. 1805 — 9), durch seine mit Marz, Kopp un» Gärtner herausgegebene „Propädeutik der Mineralogie", Frankfurt a. M. 4617), durch seine „Mineralogischen Studien" (Nürnberg 1812) sich als e'^n sehr fleißigen Arbeiter gezeigt, so begann jetzt eine neue Aera seiner wissenschaftlichen Thätigkeit. Von seinem „Handbuch der Oryktognosie" (Heidelberg 1621) erschien 182k eine neue Auflage. Erlebte 1822 längere Zeit in Paris, besonders um die dortigen geognostischen Sammlungen zum BeHufe der „Charakteristik der Felsarten" (3 Bde., Heidelberg 1824) zu benutzen; 182k faßte er den Plan zu der jetzt erschienenen großen Arbeit: „Die Basaltge- bilde" (Stuttgart 1832), und machte deshalb in diesen und den nächstfolgenden Jahren mehre Wanderungen in die Rhön, das Vogelsgebirge, den Spessart, die Wetterau, auf den Westerwald, in die rheinischen, thüringischen und hessischen Gebirge, die schwäbische Alp und das südliche Frankreich; 1829 lieferte er seine „^enäs.^eoFrwsticn" und 1831 die zweite Ausgabe seiner „Grundzüge der Geologie". Alle diese wissenschaftlichen Arbeiten (neben welchen er fortwahrend die Redaktion der „Zeitschrift für Mineralogie" besorgte) zeichnen sich durch Reichhaltigkeit ihres Inhalts aus, und beurkunden den unermüdeten Fleiß und die große Belesenheit ihres Verfassers, welcher unbezweifelt unter allen Mineralogen die größte Literaturkenntniß besitzt. Seine Wirksamkeit als akademischer Lehrer ist bei der bescndern Theilnahme, dere.n sich die Mineralogie in Heidelberg zu erfreuen hat, sehr umfassend, und wird durch seine reichhaltigen Sammlungen von Mineralien und Gebirgsarten bedeutend unterstützt. Bei so ausgebreiteter Thatigkeit konnte es nicht an Anerkennung mancher Art fehlen. Die Gelehrten aller Lander traten mit L. in Verkehr, und auch Göthe unterhielt seit 25 Jahren einen fast ununterbrochenen Briefwechsel mit ihm. Der König von Schweden ertheilte ihm 1819 den Nordsternorden, die Universität Halle schon früher die philosophische Doctorwürde und die meisten wissenschaftlichen Vereine ernannten ihn zu ihrem Mitglieds. (19) Leopold (Karl Gustav af), schwedische? Dichter, geboren 1756 zu Stockholm, kam als Kind nach Norrköping, wo sein Vater beim Zollamt angestellt wurde und seine Talente durch einen dort angesiedelten Franzosen ihre erste Entwicklung erhielten. Spater in der Schule zu Söderköping gebildet, hielt er schon in seinem vierzehnten Jahre am Geburtstage deS Königs eine öffentliche Rede auf dem Rathhause zu Norrköping. Die Universität Upsala, die er 1773 besuchte, mußte er bald wegen seiner dürstigen Umstände wieder verlassen und kehrte nach Norrköping zurück, wo er mit dem gelehrten und reichen Professor Liden bekannt wurde, der ihn zum Aufseher der bedeutenden Büchersammlung bestimmte, die er der Universitär Upsala geschenkt hatte. Eine Bedingung der Anstellung aber war die Erlangung der Doctorwürde der Philosophie, die L. 1781 in Greifswald erwarb, wo er zugleich als Lehrer der Literaturgeschichte auftrat. Im nächsten Jahre ward er als Bibliothekar der Rathsbibliothek zu Stralsund angestellt, die er ordnete, während er zugleich dem Professor Möller bei der Bearbeitung seines Schwedisch-deut- schm Wörterbuches half. Erst 1784 kehrte L. nach Schweden zurück und erhielt ^ 5 »»l 860 Leopold nun die versprochene Anstellung in Upsala. Schon vor seiner Abreise hatte L. bei der Geburt des Kronprinzen 1778 eine Ode drucken lassen, die spater Thorild für das beste Erzeugnis der schwedischen Poesie erklärte, Kellgrenaber, der damals als der geachtetste Kunstrichter herrschte, tief herabsetzte. Diese strenge Kritik verstimmte den jungen Dichter so sehr, daß er seine Leier gegen acht Jahre ruhen ließ. Bald "ach L.'s Rückkehr wünschte Gustav UI. sein Drama „Helmfeld" in eine Oper umgestalte hv. s-chen; man schlug ihm zu dieser Arbeit L. vor, die ihm 1786 in Stockholm vorgestern ward und einen so günstigen Eindruck machte, daß der König ihm eine Wohnung im Schlosse anwies und ihm den Zutritt zu seinen Abendgesellschaften verstattete. Bet^-x Errichtung der schwedischen Akademie, die in demselben Jahre stattfand, ernannte 5->x König selbst 13 Mitglieder, welchen die Wahl - der übrigen überlassen wurde, und L ^ar unter den fünf erwählten. Er wurde .1787 Bibliothekar zu Drottningholm, 17«9Secretair des Königs und 1790 nach Finnland gerufen, um als Gesellschafter des Königs die Langweile des Feldlebens zu vertreiben. Schon früh hatte der König ihm einen Beweis seiner Achtung gegeben, als er ihm aus Italien einen Lorberzweig von Virgils Grabe schickte. L. ließ 1790 sein Trauerspiel „Oden" aufführen, welches noch jetzt Vielen für das beste schwedische Drama gilt. Bald nachher wurde L. durch den Tod seines königlichen Wohlthäters schmerzlich betroffen, und dieses Ereigniß war für ihn desto ungünstiger, da die neue Regierung den meisten Gelehrten feindlich entgegentrat. Die schwedische Akademie wurde geschlossen und L., der als Mitarbeiter der Zeitung „Lxtru lösten", in welcher die lichtscheue Regierung jakobinische Grundsatze witterte, sehr verhaßt war, wurde wegen einer Anklage empfindlicher Art vor Gericht gestellt. Obgleich freigesprochen, hielt er es doch für klug, sich nach Linköping zurückzuziehen. Mit dem Ende der vormundschaftlichen Regierung hörte auch die Verbannung des Dichters auf. Gustav Iii. halte ihm außer seiner Freundschaft und spärlicher Geldbelohnung, keine Ämter und nur einen unbedeutenden Titel gegeben; dea junge König aber erhob ihn 1798 zum Kanzleirath und gab ihm den Nordstern, ohne ihm übrigens eine persönliche Theilnahme zu zeigen. L. schrieb im folgenden Jahre sein zweites Trauerspiel „Virginia". Er stand nun auf der Höhe seines Ruhms, und seit Kellgren's Tode war er auch ohne Nebenbuhler. Nach der Revolution von 1809 ward er in den Adelstand erhoben, aber die gleichzeitige literarische Revolution drohte seinem Ansehen einen ganzlichen Sturz. Hammarsköld schrieb eine bittere Kritik über L.'s Schriften und die 1813 gegründete „Literaturzeitung" trat der französischen Geschmacksrichtung, deren Hauptvertretcr L. war, mit entschiedener Feindseligkeit entgegen. L. selbst nahm nur durch einige anonym erschienene Epigramme an dem literarischen Streite Theil wahrend seine Freunde und Jünger für ihn und die gemeinschaftliche Sache desto heftiger kämpften. Die gegenseitige Bitterkeit der Parteien horte nach einiger Zeit auf, und bald ruhte der Streit ganz, seit man die Erfahrung gemacht hatte, daß die eine Partei die andere nicht bekehren konnte. Dies galt besonders von L. und einigen seiner eifrigsten Verfechter; bei den übrigen Anhängern der französischen Schule aber drangen theil- weise, ohne daß sie es selbst merkten, die Ansichten der neuen Schule durch, und allmälig wurden mehre Nichtclassiker Mitglieder der schwedischen Akademie, die jetzt bei ihren Preisaufgaben und Preisvertheilungen nach andern Grundsätzen verfahrt als in früherer Zeit. L. wurde 18 l5 Comthur des NordsternordenS und erhielt 1818 den Titel eines Staatssecretairs. Diese Auszeichnungen konnten ihm aber keinen Trost für schwere häusliche Leiden geben. Er war seit 1790 mit einer sehr gebildeten Frau, einer Dänin, verheirathet, deren Reizbarkeit und heftige Ge- müthsstimmung aber bei seiner eignen Leidenschaftlichkeit zu Störungen der hauslichen Ruhe führten, und seine Lage wurde noch unglücklicher, als der Seelcnzustand fti»M Frau nach einer schweren Krankheit 1819 anfänglich in Schwermuth unh Leopold (Grossherzog von Baden) 861 id-B > endlich in völlige Apathie überging. L. wurde von derselben Krankheit befallen, und sein Gesicht, immer schwach, erblindete 1822 völlig. Erstarb im Nov. 1829, wenige Monate nach dem Tode seiner Frau. Die schwedische Akademie legte Trauer an und beschloß, ihm ein Denkmal zu errichten. Noch vor seinem Tode gab er drei Bande seiner gesammelten Schriften heraus, welchen 1831 der vierte folgte mrd zwei Bande noch folgen werden. L. nahm vorzüglich Voltaire und Pope zu Vorbildern. Mit Ausnahme des Epos hat er sich fast in allen Dichtungsarten versucht und Alles geleistet, was nach den Ansichten seiner Schule einen großen Dichter macht. In seinen frühern Iahren war L. ein Anhänger Locke's, spater studirte er Kant und Schölling, aber wahrend Jener ihn nicht befriedigte, konnte er Diesen wenig begreifen. Er schrieb gegen Beide und stellte ein eignes Spstem auf, dessen Grundlage das Gefühl war und das den ersten Theil seiner nachgelassenen Schriften bildet. Ehrenström weihte seinem Andenken eine „lMice bloFrnxkitine", Pontin hielt ihm eine Lobrede in der Akademie der Wissenschaften, Grubbe in der schwedischen Akademie, doch sind alle diese Schriften zu panegyrisch. (6) Leopold (Karl L. Friedrich), Großherzog von Baden, ist geboren den L9. Aug. 179t) zu Karlsruhe und der älteste Sohn des Großherzogs Karl Friedrich aus dessen zweiter Ehe mit der Reichsgrasin von Hochberg. Von Anfang ohne Aussicht auf den Thron, für den die ältere Linie noch so viele Erben bereit zu halten schien, genoß L. bei seiner Erziehung den Vortheil, dem unverfälschten Bilde des wirklichen Lebens weniger entfremdet und fern gehalten zu werden, wie er denn als Graf von Hochberg mitten unter seinen akademischen Mitbürgern in Heidelberg ßudirte, und sein Gemüth erhielt sich so jene Unbefangenheit und Offenheit für die Auffassung des Thronverhältnisseß von der Volksseite, welche den im Purpur Geborenen so selten zugänglich wird, und wenn sie es ward, so schnell wieder verloren gcht. So gewann der Graf von Hochberg manche Anschauung des Lebens, welche dem Prinzen von Baden schwerlich zu Bereich gekommen wäre. Erst als die altere Linie zu erlöschen drohte, trat eine Bestimmung ins Leben, welche Karl Friedrich bei seiner zweiten Vermählung durch Urkunde vom 24. Nov. 1787 sich vorbehalten und am 19. Sept. 1896 unter agnatischem Beitritt zum Familienstatut erhoben hatte, und in Folge derselben wurden durch öffentliche Deklaration vom 4. Ott. 1817 die Grafen von Hochberg zu großherzoglichen Pkinzen und Markgrafen von Baden mit Beilegung des badischen Haustitels und Stammwappens erklart. Am 25. Jul. 1819, wenige Tage nach der Gewahrleistung dieses Erbfolgerechts durch die großen Mächte in Frankfurt, vermählte sich Markgraf L- mit Sophie Wilhelmine, Tochter Gustavs IV. von Schweden und einer badischen Prinzessin, eine Vermahlung, welche ihm die Quelle eines wahrhaft häuslichen Glückes wurde. Auch lebte er als Erbgroßherzog, durch den auf seine Gewalt eifersüchtigen Regenten von aller Theilnahme an Regierungsgeschaften oder dem Einfluß auf dieselben ängstlich fern gehalten, mit Vorliebe in dem Kreise seiner Familie, welcher schon vor 1839 mitdrei Prinzen und einer Prinzessin gesegnet war. Der Tod desGroßherzogs Ludwig am 39. März 1839 rief L. auf den Thron seiner Väter. Mit überschwanglichem Jubel bewillkommt, trat er auch seinerseits einem so wohlwollenden Volke wohlwollend entgegen, entfernte nach und nach, wiewol mit rücksichtsvoller Pietät gegen das Andenken seines Vorjahrs, die der öffentlichen Meinung anstößigen Personen aus der Umgebung des Thrones und bezeichnete das System, welches seine folgen sollte, durch die öffentliche und feierliche Betheurung, daß die Verfassung ihm heilig sein werde. Eine Rundreise durch die Städte und Provinzen des Landes knüpfte das Band der gegenseitigen Anhänglichkeit noch fester, und die Folgen der französischen Juliusrevolution, welche mitten in diese Zeit siel, trafen in Baden wcht auf jene feindseligen Gährungselemente, welche sich in andern Tbcilen von 862 Leopold (Großherzog von Baden) ^5^ Deutschland entluden. Noch inniger befestigte sich das Band des Vertrauens zwischen „.,U !iSc«l Volk und Fürst durch die Standeversammlung, welche am 17. Marz 1831 zusammentrat und von L. persönlich mit einer im Tone der Herzlichkeit vorgetragenen Thronrede eröffnet wurde. Der Gang der Verhandlungen dieses Landtags und seine Resultate sind bekannt, und die Darstellung derselben gehört wol eher in die Geschichte des Landes, als in einen biographischen Umriß seines Fürsten. (Siehe den Artikel Baden.) Doch darf nicht außer Acht gelassen werden, was die persönliche Gesinnung desselben dazu beigetragen, den Landtag zu einem glücklichen Ende zu führen. In die Mitte gestellt zwischen die Ansprüche des Volkes und die der auswärtigen Machte, wünschte die Regierung L.'s, in Hinsicht aus die erneuerte D sponheimische Streitsache, noch durch besondere Gründe der Politik bestimmt, nach beiden Seiten zugleich in gutem Einvernehmen zu bleiben, und daher das Schwanken der Wage, wobei die Persönlichkeit des Regenten zuletzt den Ausschlag gab. L. hatte sich gerade in Betreff jener Streitsache mit den Gesinnungen der Volkskammer befreundet, welche warmer und entschiedener als das Ministerium für die Interessen des untheilbaren Landes aufgetreten war und die schon halb entwickelte Neigung zur Abfindung mittels einer kleinen Abtretung wieder rückgangig gemacht hatte. Wünschte er persönlich ein erfreuliches Ende des Landtags, so mochte er bestärkt werden durch gleiche Gesinnungen seiner geistreichen Ge- mahlin, sowie des edlen Fürsten von Fürstenberg, seines Schwagers. Unter die- ' sen Verhältnissen fügte sich Alles zu einem segensreichen Schluß, der die vorher hin ^ ^ und wieder stattgefundenen Dissonanzen versöhnte und ein jubelndes Echo in allen Theilen des Landes fand. Ein Fürst mit einem Herzen wie L., mußte sich im Innersten glücklich fühlen in der Verehrung, welche ihm das dankbare Volk zollte. Allein zu derselben Zeit und fast noch eher, als die auf dem Landtag zu Stande ge- ürz 16, Dil, l kommenen Gesetze ins Leben traten, meldete sich bereits die Opposition von Außen m SHn-M gegen diesen Zustand der Dinge. Die Regierung hielt in der Hauptsache Stand, wenn DetterThMidin sie auch schon im April und Mai 1832 einige auf Umkehr deutende Verordnungen zzßMMaufm erließ, und das vertrauende Volk glaubte an keinen Rückschritt, bis die seine Be- Wg Mch sorgnisse noch überbietenden Bundesbeschlüsse vom 28. Zun. erschienen und die » Hüchel,'n viel Berechnungen der rechtlichen Wahrscheinlichkeit unter dem Gebole der Nothwendig- HichtttinßiW keit gefangen nahmen. In schneller Folge schloß sich daran das Verbot des „Frei- ^ sinnigen" und des „Wächters am Rhein", die Zurücknahme der Preßfreiheit, die Hchnhükin j' Aufhebung der Öffentlichkeit bei Preßprocesscn, die Schließung der Universität Freiburg, die Pcnsionirung Notteck's und Welcker's, und ein Gang der Regierung überhaupt, wie er diesen einzelnen Schritten entsprechend war. Es ist in vielfa- chem Sinne über diesen Umschwung abgeurtheiit worden, aber die Hauptfrage G bleibt wol das Verhältniß der Bundesglieder zum Ganzen und ihrer Souveraine- ^ tät zu der Bundesgesetzgebung. Die Regierung L.'s stand gerade im Mittel- treffen dieser Streitfrage. Da sie, abgesehen von der Frage des Willens, die mo- ralische Kraft nicht hatte, auf moralische Kräfte gestützt, den materiellen gegen- ! über einen Haltpunkt für die innerhalb rechtlicher Grenzen zu befestigende Unab- ^ h ängigkeit der Bundesgliedec zu bilden, und einer Rolle, wie sie im frühern Reichs- s,Niich^ verbände Sachsen, Baiern oder Preußen aufgefaßt, nicht gewachsen war, kurz, da . mnjii i>« sie ihre Stellung nicht weiter entwickeln wollte, so konnte sie auch nicht stehen blei- z,., den, ja sie mußte unter dem Drang der Nothwendigkeit — einmal den ersten Schritt gethatt —, als einer zu freisinnigen Richtung verdächtig, sogar noch weiter zurückgehen als andere Staaten, um sich gleichsam zu rechtfertigen. So wurde na- , ^ mentlich mit der allgemeinen Preßfreiheit auch die in innern Angelegenheiten zer- ^ stört, obschon diese seit Jahren unangefochten in dem Bundesstaat Baiern bestan- j» den hatte. Auf den Umschwung der Regierungsverhältnisse folgte ein Umschwung ^ der Volksgesinnung, und die Masse, welche früher ihre Dankbarkeit vorzugsweise ^ "Ntpil- Äiie «A-ile Wh- ikltzil >j kSer >>ÜÄ- ihich!- lMW HDi >>' il WBÜ hii ! . lZßM' Hill ^ al^ !ti-p Leopold (König der Belgier) L63 auf die Person des Fürsten geworfen, verfuhr jetzt in entgegengefetzter Richtung, so- daß in allen Provinzen Untersuchungen und Proteste über Majestatsverbrechen in deklagenswerther Menge zum Vorschein kamen. Zum Theil lag die Schuld dieser Erscheinung auch daran, daß in dem jungen constitutionnellen Leben die Lehre von der Unverletzlichkeit des Regenten noch nicht genug in Saft und Blut übergegangen war, auch in der noch nicht ausgebildeten Gesetzgebung über Verantwortlichkeit der Minister das erfoderliche Gegengewicht fehlte. Im Allgemeinen kann man wol sagen, daß diese Verhaltniste noch nicht spruchreif liegen für das Urtheil der Geschichte, auch nicht in Bezug auf die persönliche Berührung L.'s, von dem man übrigens aus psychologischen Gründen wohl voraussetzen kann, es habe seinem Herzen ein Opfer gekostet, zurückzunehmen, was er aus freier Überzeugung selbst eingesetzt. Es ist ein eigner Anblick um das Bild dieser kurzen Regierungszeit, welche an Stoff und Handlung so reich ist als an seltsamen Contrasten, und vielleicht am besten erklart wird, wenn man als letztes Motiv die stereotype Verlegenheit der Regierung annimmt, einem übermachtigen Einfluß gegenüber keinen Anstoß zum Misfallen zu geben. So sah sich L, in seinem öffentlichen Leben in Verhälr- nisse verwickelt, denen er nicht gewachsen war, und einer Gewalt der Umstände hingegeben, welche sich mit Herzensgüte und Gemüthlichkeit nicht überwinden ließ. Über bas ganze Charakterbild wird erst eine spatere Zeit sich ein Urtheil bilden können, denn wieder Spruch jenes alten Weisen sagt: iXemo unte mortem beatus, so ist auch Niemand aus den noch so vielfachem Wechsel unterworfenen Resultaten seines übms zu beurtheilen, als bis dasselbe zu einem abgeschlossenen Ganzen geworben ist. (22) Leopold (Georg Christian Friedrich), König der Belgier, geboren zu Nurg den 16. Dec. 1790, ist der jüngste Bruder des regierenden Herzogs l nst von Sachsen-Koburg-Gotha und der verwitweten Herzogin von Kent, da Mutter der Thronerbin des britischen Reichs. Dieser Fürst, den die gerechte Achtung Europas auf mehr als einen Thron berief, hat seine durch die sorgsam ligste Erziehung glücklich ausgebildeten Talente, seinen Muth, seine Thatigkeit und seinen Charakter in vielfachen und schwierigen Verhaltnissen so bewahrt, daß ihm die Geschichte einst den Beinamen des Würdigen nicht versagen wird. Als bie Vermahlung seiner Schweftex Julie, nachher Anna Feodorowna, mit dem Großfürsten Konstantin 1796 das sachsen-koburgische Haus mit Rußland verband, wurde Prinz Leopold als General im russifchen Heere angestellt. Napoleons Drohungen und die Stellung seines Stammhauses im Rheinbunde bewogen ihn, dieses Dienstverhaltniß, in welchem er sich die Achtung des russischen Kaiserhauses worden hatte, 1810 aufzugeben. Er widmete sich von jetzt an den Angelegenheiten seines Hauses, den Künsten und Wissenschaften, unterhandelte und schloß idll zu München einen Grenzvertrag mit Vaiern und machte 1812 eine Reise hach Wien, Italien und die Schweiz. Als Deutschland 1813 seiner Be- sreiung von Frankreichs Joche entgegensehen konnte, begab sich sein Bruder, dec gierende Herzog, nach Berlin, L. aber nach Wien und München. Von hier ging sum Febr. nach Polen zu dem Kaiser Alexander und blieb nun bei dem russischen Heere bis zur Einnahme von Paris. In diesem Feldzuge bewies Prinz L. ebenso ^el Feldherrntalent als persönliche Tapferkeit. Dann begleitete er die Monarchen "stch England und war in der Folge bei dem Congresse in Wien anwesend. Von hier begab er sich nach Napoleons Rückkehr von Elba zur Rheinarmee, hielt sich ""t Zeitlang in Paris aus und reiste sodann über Koburg nach Berlin. Von hier ^nach London zu kommen eingeladen, ging er einer hohen Bestimmung ent- Die Thronerbin, die Prinzessin Charlotte (s. Bd. 2) liebte ihn, und 16. Mar; 1816 zeigte eine Botschaft des Prinzen-Regenten beiden Parla- "mtshäusern die nahe Verbindung seiner Tochter an. Einstimmig ging die Bill 864 Leopold (König der Belgier) di ^ durch, welche den Prinzen L. natural,'sirte. Er erhielt den Titel eines Herzogs von ^>^,.'1 Kendal, den Rang vor allen britischen Herzogen und Großbeamten, unmittelbar nach den Prinzen des königlichen Hauses, die Würde eines britischen Feldmar- > schalls, den Orden des blauen Hosenbandes, das Großkreuz des Bath Ordens und vom Parlamente ein Jahrgeld von 60,000 Pfund Sterlings wovon 10,000 Pfo. zu Nadelgeldern für seine Gemahlin bestimmt waren. Zur Aussteuer und häus- lichen Einrichtung wurden für das erste Jahr überdies noch 00,000 Pfund Sterl. ^ 5^ bewilligt. In London sollte das hohe Paar im Winter zu Eamelford-House, im Sommer aber aus dem für 69,000 Pfund Sterl. erkauften Landsitze Cläre- ^ mont wohnen. Die Vermählung wurde am 2. Mai 1816 vollzogen. Prinz L. gewann die allgemeine Achtung noch mehr durch Ablehnung der Pairswürde, wo- ^«Wijil bei er erklarte, sich nie in die politischen Angelegenheiten von Großbritannien mischen zu wollen. Auch nahm er den Titel eines Herzogs von Kendal nicht ^ an. Diese glückliche Ehe wurde durch den Tod der Prinzessin Charlotte am 6. Nov. 1817 gelöst. Prinz L. lebte seitdem abwechselnd zu London und Cla- remont, mit wissenschaftlichen Studien, Kunst und Landbau beschäftigt, und machte verschiedene Reisen nach dem Festlande; , er bezog fortwährend eine jährliche Rente von 50,000 Pfund Sterling, und man schätzte sein Vermögen überhaupt auf 5 Millionen Thaler. Als die griechischen Deputirten 1824 in Lon- don anwesend waren, wurden ihm schon damals im Namen der Griechen Anträge Plivj i A M gemacht, sich an die Spitze ihrer Regierung zu stellen; allein die griechische Sache G diWnTu war eine europäische Angelegenheit. Erst 1830, als die drei durch den londoner «tWAW Vertrag vom 6. Jul. 1827 zur Pacisication Griechenlands verbundenen Groß- WchUtt W mächte, Rußland, Großbritannien und Frankreich, dem im Frieden zu Adrianopel 'chWmN« von der Pforte anerkannten griechischen Staate eine feste Basis zu geben beschlos- insmckrhkW sen hatten, trugen die Bevollmächtigten derselben, Montmorencp-Laval, Aberdeen und Lieven, mittels einer Collectivnote vom 3. Febr. 1830 dem Prinzen L. im Namen der drei Großmächte die erbliche Souverainctät von Griechenland mit dem Titel eines souverainen Fürsten von Griechenland an. Der Herzog von Wellington hatte die zwischen mehren Candidaten schwankende Wahl der Höfe auf den Prinzen L. zu lenken gewußt. In seiner Antwort auf jene Note, Claremout den 11. Febrl, nahm der Prinz die Souverainetät an, versuchte jedoch Bedingungen wegen Samos und Kandia sowie wegen einer neuen mehr Schutz gewährenden Grenzbestimmung auf dem griechischen Continente zu stellen. In dieser Ansicht bestärkten ihn nicht nur eine Denkschrift des Generals Church über die Grenzen Griechenlands, sondern auch die Briefe, welche er von dem Präsidenten Kapodistrias (s. d.) über die innere und äußere Lage Griechenlands erhielt. Unterdessen hatten die drei Mächte in den Protokollen vom 4. und vom 20. Febr. 1830 zwar die Garantie des neuen Staats und die einer Anleihe für denselben übernommen, allein Kandia und Samos der Pforte zugesprochen, auch eine Abänderung der Demarkationslinie der nördlichen Grenzen Griechenlands für unstatthaft erklärt. Nun hatte zwar der griechische Senat den Beschluß der Großmächte über L.'s Wahl am 16. April 1830 förmlich angenommen; allein die Parteiung unter den Griechen selbst und die Protestation des Senats gegen die übrigen Bestimmungen der Protokolle vom 4. und 20. Febr. machten auf den Prinzen, der überdies zur Annahmc der griechischen Religion, wie man in Griechenland wünschen mochte, nicht geneigt war, einen so peinlichen Eindruck, daß er schon in einem Schreiben an die Bevollmächtigten der drei verbündeten Höfe, Marlborough-House den 15. Mai 1830, zu erkennen gab, daß die Berichte aus Griechenland ihn zur Entsagung auf die angetragene Souverainetät bestimmen müßten, wenn die erwarteten Aktenstücke seine Besorgnisse bestätigten. Dies war der Fall; daher entwickelte er in seinem Abdicationsschreiben, London den 21. Mai 1830, die Gründe hiMstM MW DA 'WjmjsMn Mi "ch^t hing erdie R ö, ^ V Leopold (König der Belgier) L6ö seiner Entsagung, „daß es nicht mit seiner Denkweise übereinstimme, sich den Griechen gegen ihren Willen aufdri.rgen zu lassen, da sie in der Meinung standen, daß die Grenzen ihres Staats zu beschrankt waren, und es nicht dulden wollten, daß ein Theil ihres Landes, den sie mit ihren Waffen vertheidigt hatten, den Türken zurückgegeben würde; diese Veranstaltungen und de: Widerwille der Griechen entzögen ihm die Macht, die Souverainetät mit freudiger Zustimmung des Volkes zum Besten desselben auszuüben; der aus den Berichten des Präsidenten hervorgehenden Sachlage zufolge habe man ihm nur die Stelle eines Abgeordneten der verbündeten Machte zugetheilt, der bestimmt sei, durch die Gewalt der Waffen die Griechen in Unterwerfung zu halten u. s. w." Ob nicht auch die geheime Unzufriedenheit eines Hofes, dem in dem Prinzen L. Englands Wahl misfiel, und der den britischen Einfluß in Griechenland mit Eifersucht beobachtete, sowie die in England nach Georgs IV. Tode bevorstehende Veränderung auf den Entschluß des Prinzen mit eingewirkt habe, läßt sich mit Gewißheit nicht behaupten. Wellington und Aberdeen waren über des Prinzen Entschluß sehr unwillig; dagegen erklarten sich Lord Durharn, GrafGrey und Lord Holland im Parlamente für den Prinzen beifällig. Jene Veränderung im britischen Regierungssystem trat nach Georgs IV. Tode (26. Jun. 1830) ein, als das Wellington'sche Ministerium im Nov. d. I. resignirte, und Lord Grey an die Spitze des neuen trat. Prinz L lebte nun wieder in stiller Zurückgezogenheit aus seinem schönen Landsitze, bis ihn der Wunsch der Belgier auf ihren aus dem Abgrunde einer Revolution emporgestiegenen Thron berief. König Ludwig Philipp hatte in Folge des Beschlusses der londoner Conferenz (s. d.) die Wahl seines Sohnes, des Herzogs von Nemours, zum Könige der Belgier (Febr. 1831) abgelehnt, und ebenso war der Herzog von Leuchtenberg durch das londoner Protokoll vom 1. Febr. von dem belgischen Throne ausgeschlossen worden; dagegen hatte Ludwig Philipp gewünscht, daß der Bruder des Königs von Neapel gewählt werden möchte. Allein der belgische constituirende Congreß beschloß einen Regenten zu wählen, welcher die ! Constitution in Kraft setzen und das Provisorium in einen festen Zustand verwan- I dein sollte. Hierauf wurde der bisherige Präsident des Congresses, Surlet de Cho- kier, als Regent am 25. Febr. 1830 eingesetzt, welcher mit Genehmigung des am 29. März eröffneten Congresses, eine Deputation von vier Congceßmitglie- dern (Graf F. de Merode, Hippolyt Vilain XIIII, Abbe de Foere und de Brouckere) am 17. April nach London sandte, um die Gesinnungen des Prinzen L. für den Fall, daß ihm die Krone angetragen würde, zu erforschen. In der Stellung, in welcher der Prinz Hch der britischen Regierung und dem Parlamente gegenüber befand, mußte er wol auf die Wünsche der londoner Conferenz, des britischen Ministeriums und der belgischen Nation eingehen; doch konnte er seinen Entschluß nicht erklären, bevor nicht Belgien als Staat förmlich anerkannt und seine Wahl.aus- gesprochen war. Als nun in Brüssel (am 25. Mai) die Nachricht eintraf, daß die belgische Flagge in den britischen Häfen zugelassen werden, und daß Belgien die Abtretung von Luremburg gegen eine Entschädigung erhalten solle, so gab es zwar im Congresse noch über die Kriegsfrage sehr stürmische Debatten; indeß ward doch Metz: auf den Vorschlag von 78 Deputirten am 4. Zun, zur Königswahl geschritten. Der Minister Lebeau sprach am kräftigsten für die Wahl des Prinzen. Von ^99 Repräsentanten waren 196 anwesend; 19 derselben enthielten sich der Abstimmung; 10 waren gegen eine Königswahl; 14 für Surlet de Chokier; ein Stimmzettel war unzulässig. Als darauf der Präsident des Congresses, Gerlache, die Wahl des Prinzen unter der Bedingung, daß er die Verfassung so annehme, wie sie vom Nationalcongreß decretirt worden, verkündigte, ließ sich kein Bcifallrufen hören. Der Präsident und neun Mitglieder wurden nun als Deputation nach London gesandt, um dem Prinzen das Wahldecret zu überbringen. Conv.-Lex. der neuesten Aeit und Literatur. II. 55 866 Leopold (König der Belgier) Zwar hatte der Congreß gleichzeitig gegen das Protokoll vom 50. Jan., in Betreff der Grenzen Belgiens protestirt; allein die londoner Conferen; erklärte durch das Memorandum vom 29. Mai (am ü. Zun.), daß weder Prinz L. noch irgend ein anderer Prinz die belgische Krone annehmen werde, wenn Belgien nicht zuvor die Protokolle, namentlich das 26., angenommen habe. Dieses Protokoll, das am 26. Inn. zu Stande gekommen war, bestimmte in 18 Artikeln unter Anderm, daß die Grenzen Hollands das ganze Gebiet, alle Platze, Städte und Örler umschließen werden, die der ehemaligen Republik der Vereinigten Staaten 1790 angehörten. Die luxemburgische Frage, die Souverainctat von Maestricht, die gegenseitigen Austanschungen der Gcbietsantheile, die Anwendung der Bestimmungen der allgemeinen Schlußakte des wiener Congresses (Art. 108 bis mit 116) hinsichtlich der freien Schiffahrt auf denjenigen Flüssen, welche das hollandische und belgische Gebiet durchschneiden, die gemeinschaftliche Benutzung der Canäle von Gent nach Tcrneuse und von Juid-Willemswaart, und die Schuldeneintheilung sollten unter Vermittlung der fünf Machte durch eine spatere Übereinkunft entschieden und geordnet werden. Der 9. Artikel dieses Protokolls bestimmte die ewige, von den fünf Machten garantirte Neutralitat Belgiens. Wenn diese zum Theil noch in ihrer Ausführung naher zu bestimmenden Artikel gegenseitig — von Holland und Belgien — angenommen waren, sollten sie in einen definitiven Tractat verwandelt werden. In der Voraussetzung nun, daß diese Grundlagen eines völkerrechtlichen Vertrags zwischen Holland und Belgien vom belgischen Congresse anerkannt werden würden, empfing der Prinz von Sachsen Kodurg am 26. Zun. Abends zwischen 9 und 10 Uhr in Marlborouzh- House die belgische Deputation, welche ihm jetzt die feierliche Wahlacte vom 4. Jun. überreichte. Auf die Anrede des Präsidenten der Deputation erwidert? der Prinz: „Da- Gelöbniß, dessen Dolmetscher zu sein der belgische Congreß Sie bestimmt hat, ist mir e fteulich. Dieses Zeichen von Vertrauen ist mir um so schmeichelhafter, als ich mich nicht darum beworben habe. Menschliche Bestimmungen bieten keinen edlern und nützlichem Auftrag dar, als denjenigen, berufen zu sein, die Unabhängigkeit einer Nation aufrecht zu erhalten und ihre Freiheit zu befestigen. Nur ein Beruf von so hoher Wichtigkeit kann allein mich bestimmen, meine unabhängige Lage zu verlassen und mich von einem Lande zu trennen, an welches ich durch die heiligsten Bande und Erinnerungen geknüpft war, und welches mir so viele Beweise seiner Einstimmung mit mir gegeben hat. Ich nehme also das Erbieten, welches Sie mir machen, an, wohlverstanden, daß es die Sache des Congresses, der Repräsentanten der Nation ist, diejenigen Maßregeln zu ergreifen, welche allein den neuen Staat constituiren und so ihm die Anerkennung der europäischen Staaten versichern können. Nur so kann der Congreß mich in den Stand setzen, dem Besten Belgkens mich ganz zu widmen und dessen Wohl und Gedeihen Verbindungen mit Ländern zu opfern, deren Freundschaft Belgien nothwendig ist; ich werde, soweit die Mitwirkung von mir abhängt, für Belgiens unabhängige Existenz sorgen." Mit dieser Erklärung, mit jenem Protokolle, mit den Antwortschreiben des Prinzen an den Regenten, an den Bürgermeister und Rath der Stadt Brüssel und mit einem Schreiben der londoner Conftrenz an Lebeau, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, kehrte ^ die Deputation nach Brüssel znrück. Es galt jetzt die Annahme der Paeisications- < grundlage, oder eine Theilung Belgiens war zu befürchten. Endlich erfolgte, nach D ^ stürmischen Debatten (s. Belgien) die von Seyck beantragte Annahme der 18 Artikel, n lche Lebeau's Rede am 5. Jul. wirksam unterstützte, am 9. Jul. ^ durch 126 Stimmen von 196 anwesenden Mitgliedern des Congresses. Eine aus Lebeau, F. de Merode, F. d'Hoogvorst, Meulenaere und Firussu bestehende Deputation des Congresses überbrachte den Beschluß dem Prinzen nach London, Leopold (König der Belgier) 867 wo sie von ihm am 12. empfangen wurde, und am 16. Iul. verließ L. sein zweites Vaterland, um in das dritte einzuziehen. Vorher hatte er am 16. an den Lord Grey ein Schreiben erlassen, welches unter Anderm Folgendes enthielt: „Als Souverän von Belgien ist es nicht meine Absicht, aus England irgend einen Thcil des Einkommens (56,060 Pfund Sterling) zu beziehen, das mir zur Zeit meiner Vermahlung durch Parlamentsacte festgesetzt worden ist. Sobald ich daher die Bezahlung der Geldverbindlichkeiten und ausstehenden Schulden bewirkt haben werde, ist es meine Absicht, das ganze Jahrgehalt, das ich von diesem Lande beziehe, den Händen von Curatoren zu folgenden Zwecken zu übergeben: das Haus, die Garten und den Park von Claremont in vollkommen wohnlichem Zustande zu erhalten, ferner alle Gehalte, Pensionen und Gnadengeschenke an diejenigen Personen auszuzahlen, die wegen ihrer treuen Dienste während meines Aufenthaltes in diesem Lande Ansprüche an mich haben, und die jahrlichen, von der Prinzessin Charlotte oder von mir selbst bewilligten Beiträge und milde Gaben an wohlthätige Institute auch künftig zu entrichten. Nachdem all Dieses erfüllt ist, soll der Überrest in die britische Schatzkammer zurückgezahlt werden." Überdies gab der Prinz seine Entlassung ein als Oberster des fünften Gardedragonerregiments, wovon er den Gehalt seit 15 Jahren bezogen hatte. Der Prinz reiste über Calais nach Ostende; am 17. wurde er an der Grenze von einer belgischen Commission im Namen des Regenten empfangen; von den belgischen Deputirten und von Stockmar, seinem Adjutanten, begleitet, zog er in Ostende, Brügge und Gent unter den Huldigungen der Bewohner ein. Spät am Abend des 19. langte er im Schlosse von Laeken an, und am 21. Iul. um die Mittagsstunde fand die feierliche Einsetzung statt, nachdem L. auf dem schönen Marktplatze von Brüssel nach alter Sitte unter freiem Himmel die von Vi- lain Xllll vorgelesene Constitution mit folgenden Worten beschworen hatte: „Ich schwöre die Constitution und das Gesetz des belgischen Volkes zu beobachten, die Unabhängigkeit der Nation und die Integrität des Gebiets zu handhaben." *) Der König unterzeichnete hierauf das Protokoll der Eidesleistung, nahm auf dem Throne Platz und hielt eine Rede an die Versammlung, in welcher er unter Anderm sagte: „Belgier, durch Eure Adoption werde ich es mir zum Gesetze machen, in meiner Politik stets Belgier zu bleiben. In dem Theile des französischen Gebiets, den ich auf meiner Reise berührte, bin ich ebenfalls mit einem außerordentlichen Wohlwollen aufgenommen worden, und in diesen Äußerungen, auf die ich einen großen Werth lege, habe ich das glückliche Vorzeichen vertrauungsvoller und freundschaftlicher Verhältnisse, die zwischen den beiden Ländern bestehen müssen, zu sehen geglaubt." Das Volk bezeigte allgemein und laut die lebhafteste Freude. Unter welchen Schwierigkeiten der König die Regierung eines in jeder Beziehung erschütterten und von innern wie von äußern Gefahren dedrohten Landes übernahm, ist in dem Artikel Belgien gezeigt worden. Alle bis jetzt (Ende März 183?) noch nicht ganz gelöste Streitfragen der endlichen Ausgleichung zwischen Belgien und Holland sind aus der Protestatio» im Haag, den 12. Iul., hervorgegangen, durch welche der König Wilhelm die 18 Artikel verwarf, weil sie mit dem von ihm angenommenen Anhange zum 12. Protokolle und mit dem 11. und 12. Protokolle selbst nicht übereinstimmten, ungeachtet jener Anhang von der Conferen; als unveränderliche Grundlage der Unterhandlungen hingestellt worden war. Zwar äußerte der König L. gegen die Mitglieder des Congresses am 22. Iul.: „Der König von Holland hat freilich bisher einige Schwierigkeiten gemacht, sich wit uns auszugleichen; aber ich vermuthe, daß er bloß so gehandelt hat, um mich *) Diese Integrität umfaßte mit Luxemburg, Limburg und das rechte Schelde- ufcr, in'.vicsern eine spätere Übereinkunft in Folge der 13 Artikel die Gebietsabgrenzung nicht anders bestimmte. ' 55 5 868 Leopold (König der Belgier) zu bestimmen, den Thron, den Sie mir angeboten, nicht anzunehmen. Jetzt, wo er wissen muß, daß meine Annahme erfolgt ist, haben wir Grund zu glauben, daß er seine Gesinnung ändern werde Die Räumung der Citadelle von Antwerpen ist zur Wiederherstellung des Wohlstandes und der Sicherheit von Antwerpen durchaus nöthig. Doch wir haben Grund zu hoffen, daß diese Räumung unverzüglich stattfinden werde." So wenig aber der König sowie die Conferenz Holland und dessen König kannte, um so gründlicher erkannte er die Interessen und Bedürfnisse jeder belgischen Provinz und Stadt. Allein die ungewisse Lage des Staats hemmte fast jeden Schritt der neuen Regierung und nur selten gelang es der Einsicht und der Thatigkeit des Königs, im Einzelnen Abhülfe und Unterstützung zu gewähren. Das Unerwartetste geschah, als der Prinz von Oranien mit Waffengewalt einbrach, um den ohne Hollands Zustimmung aufgerichteten Thron umzustürzen oder Belgien wenigstens zur Annahme der in der Anlage^zum 12. Protokolle enthaltenen Bedingungen einer Trennung zu zwingen. Fünf große Mächte waren dem Könige L. Bürgen gewesen, daß Holland den Waffenstillstand halten werde, und doch überschritt der Feind am 2. Aug. die Grenze. Der König rief sofort die Unterstützung Frankreichs und Englands auf; er selbst begab sich zuerst nach Antwerpen, wo der französische Gesandte am belgischen Hofe, General Belliard, den holländischen Befehlshaber der Citadelle, General Baron Chasse, vermochte, die Befehle seines Königs zu erwarten, ehe er Feindseligkeiten gegen die Handelsstadt unternähme. Die belgische Armee aber, an deren Spitze der König L. stand, ge- rieth durch die in dem Armeecorps des Generals Daine an der Maas am 7. und 8. entstandene Verwirrung und Auflösung in eine so gefährliche Lage, daß sie nach dem Siege des Prinzen von Oranien am 12. bei Löwen ohne die schnelle Ankunft des französischen Hülfsheeres, der Nordarmee unter dem Marschall Gerard, am 9. und 10. Aug., und die Erklärung der londoner Conferenz vom 5. Aug., welche Waffenruhe gebot, verloren gewesen, und Brüssel, von welcher Stadt der König L. bereits abgeschnitten war, von dem Prinzen von Oranien erobert worden wäre. Ein Waffenstillstand ward geschlossen, und die holländische Armee zog sich am 13. Aug. über die Grenze zurück. L. handelte in dieser kritischen Lage ebenso tapfer und kriegskundig als besonnen und staatsklug; sein Heer aber und die Nation theilten diesen Ruhm nicht mit ihm. Es war daher sein erstes Geschäft, das Heer des „ewig neutralen" Belgiens zu verstärken und mit Hülfe französischer Offiziere zu organisiren, sowie auf die Intervention des benachbarten Frankreichs, obgleich dies den Grundsatz der Nichtintervention proclamirt hatte, sich fortwährend zu stützen. Die Diplomatie nannte dies jedsch eine Zwangsmaßregel zur Vollziehung der Conferenzbeschlüsse. Wie nun die londoner Conferenz eine neue Grundlage des Friedensvertrags zwischen Belgien und Holland in 24 Artikeln am 15. Nov. 1831 zu Stande brachte, Hollands Zustimmung aber nicht erlangen konnte, dies wird im Artikel Niederlande erzahlt werden. In dieser Zeit war die förmliche Anerkennung des Prinzen L. als König der Belgier von Seiten der londoner Conferenz am 12. Nov. erfolgt; Ostreich, Preußen und Rußland ertheil- len jedoch erst im April 1832 und nur mit Vorbehalt den 24 Artikeln ihre Ratification, welche hierauf zu London am 4. Mai 1832 mit der belgischen ausgewechselt wurde. Unterdessen war die belgische Regierung bereits mit den amerikanischen Staaten im Jan. 1832 und in den folgenden Monaten in diplomatische Verbindung getreten. Die Anerkennung L.'s als König der Belgier an den italienischen Höfen erfolgte schon im März und April 1832; allein erst im Aug. und im Sept. wurden seine Gesandten in Wien und in Berlin in feierlicher Audienz empfangen. In St.-Petersburg ist bis jetzt noch kein belgischer Gesandter accreditirt, und die Souverains des deutschen Bundes wollen vor Entscheidung der luxemburgi- Leopold (König der Belgier) 869 W W -i- schen Frage (s. d.) Belgien nicht anerkennen. Am engsten ward die Verbindung mit Frankreich geschlossen. In den letzten Tagendes Mais 1832 fand eine Zusammenkunft des Königs L. mit dem Könige der Franzosen zu Compiegne statt, wo die Vermahlung L.'s mit der ältesten Tochter Ludwig Philipps, Louise, verabredet wurde. „Diese Verbindung", sagte der „IVIoniteur bel^e" vom3. Iun., „wird die Bande der beiden Machte durch die Allianz der beiden Dynastien befestigen." Am 9. Aug. feierte der König seine Vermahlung mit der Prinzessin Louise (geboren zu Palermo am 3. April 18 t2) zu Compiegne. Der Bischof von Meaux vollzog die Trauung nach dem römischen Ritual in der Schloßcapelle, weil der Erzbischof von Paris, wie behauptet wird, dieselbe, da die Ehe eine gemischte war, weder in der Hauptkirche zu Paris noch sonst in einer Pfarrkirche gestatten wollte. Hierauf folgte die Trauung nach dem evangelischen Ritus durch den Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche, Göpp, der von Paris nach Compiegne gekommen war, in einem Saale des Schlosses. *) Als Brautschatz soll der Königin der Belgier eine Million Francs zugesichert worden sein. Die junge Königin ward in Belgien mit allgemeiner Huldigung sehr festlich empfangen, und alle Höfe beantworteten die amtliche Anzeige von dieser Vermahlung; nur der Minister des Königs von Holland lehnte die Annahme des Notisicationsschreibens ab, weil der Prinz von Koburg vom Könige Wilhelm noch nicht als König der Belgier anerkannt worden sei. Seitdem haben zwar Großbritannien und Frankreich am 22. Oct. 1832 sich verbunden, um die holländisch belgische Frage, nach der Grundlage der 24 Artikel, mit Gewalt zu entscheiden, und eine französische Armee hat in Folge des Vertrags zwischen Frankreich und Belgien vom 10. Nov. 18Z2 die Citadelle von Antwerpen am 24. Dec. erobert; allein nach dem Rückzüge des Heers ist der diplomatische Streit der Entscheidung nicht näher gerückt. Dies Alles mußte die Stellung des Königs L. seinem Volke und dem belgischen Congresse gegenüber nur um so schwieriger und verwickelter machen. Sein Ministerium verlor die Mehrheit in den Kammern und dankte ab. Nach vergeblichen Versuchen, ein neues zu bilden, sah sich der König genöthigt, den Ministern der Justiz, Raikem, des Innern, Meulenaere, und des Auswärtigen, Lebeau, ihr Amt wieder zu übertragen. Kriegsminister blieb der französische General Evain, und Finanzminister wurde an Coghen's Stelle Duvivicr. In dieser dornenvollen Lage zeigt der König Ruhe, Muth, Festigkeit und eine würdige Haltung. Durch dringende Vorstellungen an den König der Franzosen und durch directe Unterhandlungen mit den Mächten, die ihn zur Annahme der belgischen Krone bewogen haben, sucht er die Ausgleichung Belgiens mit Holland zu beschleunigen. Hat aber der König von Holland ein Recht, sich über den Gang der londoner Conferenz- politik zu beschweren, so hat es gewiß der König L. noch weit mehr, weil er dieses Labyrinth, in das ihn der Wille der fünf Mächte geführt, nicht voraussehen konnte. An Kraft zu regieren fehlt es ihm so wenig als an Einsicht und Thätigkeit. Alle Unterhandlungen werden von ihm selbst bearbeitet; jede Staatsangelegenheit geht durch seine Hände. Jedes Talent, jedes vom Publicum anerkannte Verdienst erregt seine Aufmerksamkeit. Er liebt die Musik, und ist selbst Musiker. So ist dieser deutsche, von Europa hochgeachtete Fürst seines hohen Berufs vollkommen würdig, und die Kammern konnten dem Verdienstorden, welcher auf den Vorschlag der Regierung im Iul. 1832 gestiftet wurde, keinen schicklichem Namen geben, als den des Leopoldordens. (7) *) Beide Kirchen, die katholische und die protestantische, wurden mit gleicher Achtung berücksichtigt. Man sehe den Bericht in der Zeitschrift: „1.« ?rotestant" (Paris 1882, Aug.). Der ,,^mi la reüßion" berichtet über die römische (Zeremonie. Der Prälat verkündete vor der Trauung zuerst die von Rom erhaltene Dispens, welche von dem Erzbischof von Paris visirt war, und die von diesem Prälaten sowie von dem Ordinarius der Diöccs bewilligte Erlaubniß, - ^ 670 Leopold (Fürst zur Lippe) Leopold (Großh. von Toscana) Leopold (Paul Alexander), Fürst zur Lippe, geboren zu Detmold am 6. Nov. 1795, der Sohn des regierenden Fürsten Friedrich Wilhelm Leopold, wurde nach dem 1802 erfolgten Tode seines Vaters, unter der unmittelbaren Leitung seiner edeln und geistreichen Mutter, Pauline Christine Wilhelmine, geborenen Prinzessin von Anhalt-Bernburg, von dem Generalsuperintendenten Weerth, dem Legationsrath Preuß und dem Jnspector Krücke sorgfaltig unterrichtet, und jene seltene Frau war eine ebenso tressliche Mutter, als sie wahrend der achtzehnjährigen Verwaltung des Landes ausgezeichnete Herrschertugend erprobte. *) Der Prinz bezog 1814 mit seinem Bruder Friedrich die Universität Göttingen, und trat 1818, von dem Professor Hausmann begleitet, die Reise nach der Schweiz und Italien an, von welcher er 1819 zurückkehrte. Er vermahlte sich in demselben Jahre mit der Prinzessin Emilie von Schwarzburg-Sondershausen und übernahm am 4. Jul. 1320 die Regierung aus den Händen seiner Mutter, welche das Ende ihrer Regentenlaufbahn nur wenige Monate überlebte. Der Fürst setzte fort, was sie begonnen, und pflegte mit treuer Sorgfalt die Wohlthätigkeitsanstalten, in welchen sie ihr schönstes Denkmal hinterlassen hat. Zu den Anordnungen, durch welche seine Regierung sich auszeichnet, gehören die Verbesserung der Polizeiverwaltung; die Einrichtung einer Leggeanftalt im Lemgo, welche die im Lande gewebte zum Verkauf bestimmte Leinwand aufnimmt, nach ihrer Güte ordnet, für den Absatz aufbewahrt und bedürftigen Webern gegen geringe Zinsen Vorschüsse auf ihre Waaren gewährt ; die Verminderung einiger Abgaben und mehrer Anstalten zur Beförderung der Landescultur, wie unter andern die Verbesserung der Pferdezucht. Der Staatshaushalt wurde nach den Grundsätzen besonnener Sparsamkeit geordnet, aber bei beschränkten Mitteln viel zur Befriedigung wesentlicher Zeitfoderungen gethan, und z. B. außer der Erhöhung der Gehalte der Staatsdiener, durch Zuschüsse aus den Staatscassen bewirkt, daß keine Pfarrerstelle unter 425 Thaler Einkünfte hatte. Nicht minder wohlthätig war die Anordnung, nach welcher überall, wo es an einem eignen Kirchenfonds mangelte, für die Befriedigung der Bedürfnisse der Kirchen und Schulen eine Abgabe eingeführt wurde, zu welcher sammtliche Pfarrgenossen nach dem Werth ihrer Hauser beitragen mußten. Detmold verdankt dem Fürsten, außer mehren Verschönerungen, eine 1823 gegründete öffentliche Bibliothek, die aus einigen Büchersammlungen gebildet ward, und der benachbarte Badeort Meinberg wurde durch die auf seine Kosten gemachten Anlagen sehr in Aufnahme gebracht. Leopold (Johann Joseph Franz Ferdinand Karl), Großherzog von Toscana, ward am 3. Oct. 1797 zu Florenz geboren, der zweite Sohn des Großherzogs Ferdinand III. In zarter Jugend mußte er die schöne Heimath verlassen, als sein Vater, 1799 durch Frankreichs Heere verdrängt, sich nach Wien begab, und ehe dieser für das im luneviller Frieden abgetretene Stammland das verweltlichte Erzbisthum Salzburg als Kurfürst in Besitz genommen hatte, verlor der Prinz 1802 seine Mutter, Luise Amalie, Tochter Ferdinands I. von Neapel. Auch in Salzburg brachte er nur wenige Jahre zu, da die neuen Besitzungen seines Hauses im presburger Frieden 1805 an Ostreich und Baiern abgetreten wurden und sein Vater dagegen das Fürstenthum Würzburg erhielt, das als Großherzogthum dem Rheinbund angehörte. Sorgfältig gebildet und mit der vaterlandischen wie mit der deutschen Literatur vertraut, kam der Prinz 1814 nach Florenz zurück, vermahlte sich 1817 mit der Prinzessin Maria Anna, Tochter des Prinzen Maximilian von Sachsen, und folgte am 17. Jun. 1824 seinem Vater in der Regierung. Die weisen Verwallungsgrundsätze seines Großvaters, Leopolds I., hatten Toscana zu einem der blühendsten Lander Italiens gemacht, wo auch Wissenschaft und *) „Zeitgenossen", zweite Reibe, Nr. 6. NW Mck z«>ch illitW , D Mh Leopold Friedrich (Herzog zu Anhalt-Dessau) 37 ! Kunst unter freisinniger Pflege mehr als in andern Theilen der Halbinsel gediehen, und wurden von seinem Vater auf ihn vererbt. Er setzte die seit 1818 begonnenen Verbesserungen des Vo.Wschulwesens fort, um von dem gebildetsten Volke Italiens die Schmach hinwcgzunehmen, daß drei Viertheile der Bewohner des Landes nicht lesen und schreiben konnten. Ein rühmlicher Beweis seiner Liebe für die vaterländische Literatur war die 1826 auf seine Kosten veranstaltete Prachtausgabe der ersten vollständigen Sammlung der Gedichte des großen Lorcnzo diMedici, und seine freigebige Unterstützung setzte den Professor Rosellini und andere toseanische Gelehrte in Stand, 1828 eine wissenschaftliche Reise nach Ägypten zu unternehmen, die durch einen reichen Ertrag von Zeichnungen und Älterthümern belohnt wurde. Diese Begünstigung des geistigen Strebens mußte auch auf den literarischen Verkehr wohlthatig zurückwirken, der nirgend in Italien so frei als in Toskana ist, und die Gründung literarischer Anstalten befördern, durch welche Florenz sich auszeichnet. Der Großherzog schützte nicht nur den seit frühem Zeiten in Li- vomo, Pisa und Florenz bestehenden protestantischen Gottesdienst, sondern gestattete sogar dem bei der protestantischen GemeindeHn Floren; angestellten Prediger, Colomb aus der französischen Schweiz, auch italienische Predigten zu halten, die selbst von Italienern besucht wurden. Wie sein Vater das einst verpestete Chiena- thal in eine der fruchtbarsten Gegenden Toscanas umgewandelt hatte, verordnete der Großherzog 1828 die Austrocknung der Maremmen, einer von Piombino bis Orbitello sich erstreckenden Ebene, die eine ungesunde Luft unbewohnbar gemacht hat, seit die im Alterthum bestandene Verbindung zwischen dem See Castiglione und dem Meere durch einen Damm gesperrt worden ist. Der Großherzog will durch die Arbeiten, deren Dauer auf zehn Jahre berechnet ist, die alte Verbindung wiederherstellen lassen. Diese Unternehmungen geben den Arbeittosen Beschäftigung, und auch dies mag dazu beigetragen haben, daß, obgleich die Thätigkeit geheimer Verbindungen auch nach Toscana reichte, doch wahrend der für die Nachbarländer so verhangnißvollen Jahre 1830 und 1831 die Ruhe dort nicht gestört wurde, wiewol der Großherzog es bei den Bewegungen in der Romagna für nö- thig hielt, die alte Stadtgarde in Florenz wiederherzustellen. LeopoldFriedrich, Herzog zu Anhalt Dessau, geb. am 1. Oct. 1794, der Sohn des 1814 gestorbenen Erdprinzen Friedrich, ward unter der sorgsamen Aufsicht seiner trefflichen Mutter, Christiane Amalie Prinzessin von Hessen- Homburg, von dem Hofprediger Bcttger unterrichtet, und das Vorbild seines Großvaters, des Fürsten Franz*), der durch Sorge für Volksveeedlung, Wissenschaft und Kunst sein kleines Land zu hoher 'Auszeichnung brachte, wirkte von früher Jugend an wohlthätig auf ihn ein. Nach der Schlacht bei Leipzig begab er sich mit seinem Bruder Georg Bernhard zu dem H.ere der Verbündeten und wohnte unter seinem Oheim, dem Erbprinzen Friedrich von Hessen-Homburg, mit der gegen Augereau aufgestellten Südarmee dem Fclozug im südlichen Frankreich bei. Von Lyon reiste der Prinz nach Paris, ging aber, kaum vom Nervensieber gureftn, aus die Nachricht von dem Tode seines Vaters, nach Dessau zurück, und begab sich darauf mit den Abgeordneten seines Großvaters nach Wien, um auf dem Eon- gresse für dasInteresse seines Landes zu sorgen. Er folgte am 9. Aug. 1817 seinem Großvater in der Regierung und vermählte sich 1818 mit der hochgebildctenPrinzessin Friederike, Tochter des Prinzen Ludwig von Preußen. Die wohlthatigen Einrichtungen seines Großvaters wurden treu gepflegt und vervollkommnet, aber nach und nach mehre heilsame Veränderungen in der Verwaltung vorgenommen, wozu besonders die 1819 verordnete Aufhebung der den Domainenpachtem überlassenen Untergerichte, welche in zwei neu errichtete Justizämter vereinigt wurden, die Ver- *) S. „Zeitgenossen", erste Reihe, Nr. 7. 872 Lerchenfeld Leslie besserung der Rechtspflege überhaupt, die Umbildung des Schulwesens in Dessau und die Vereinigung der fürstlichen Büchersammlungen zu einer öffentlichen Bibliothek gehören. Einen Beweis seiner Kunstliebe gab der Herzog durch die, aus seine Kosten unternommene Wiederherstellung der verfallenen Nikolaikirche zu Zerbst, eines ehrwürdigen Denkmals der altdeutschen Baukunst, durch mehre Verschönerungen seiner Residenz, durch geschmackvolle Anlagen in dem Garten zu Burg-Kühnau, den er schon als Erbprinz von seinem Großvater zum Geschenk erhalten hatte, durch die Vervollkommnung der herzoglichen Kapelle, einer der vorzüglichsten Musikanstalten in Deutschland, und durch die Pflege der reichen Kunstsammlungen in Dessau und Wörlitz, für welche auch seine Reise nach Italien im Winter 1822 vielfach förderlich war. Die Vereinigung der beiden protestantischen Bekenntnisse zu einer evangelischen Kirchengemeinde bewirkte der Herzog 1827 nicht sowol durch Verordnungen als durch Ubereinkunft mit den Predigern seines Landes und durch sein Beispiel, indem er mit seiner Familie und mit 59 Predigern und über 350 Personen aus allen Standen an der ersten gemeinschaftlichen Abendmahlsfeier in der Schloßkirche Theil nahm. In den Streitigkeiten, in welche ihn und die übrigen anhaltischen Häuser die Maßregeln der preußischen Regierung, Anhalt zur Annahme ihres neuen Sttuersystems zu nöthigen, verwickelten, behauptete der Herzog standhaft sein Recht, bis der Zwist, nach lebhaften Erörterungen am Bundestage, auf dem staatsrechtlich allein zulassigen Wege freier Ubereinkunft durch den Vergleich vom 17. Jul. 1828 geschlichtet wurde. Lerchenfeld (Maximilian, Freiherr von), 1779 zu München geboren, studirte zu Ingolstadt und trat 1806 im höhern Staatsdienste als bairischer Gesandter am würtewbergischen Hofe auf, schied aber bald wieder aus der diplomatischen Laufbahn und wurde 1808 zum Generalcommissair zu Ansbach, 1809 zu Nürnberg, 1811 zu Jnnspruck und 1814 zu Würzburg ernannt. Von 1817 bis zum Regierungsantritt des jetzigen Königs 1825 war er Finanzminister und ist seitdem bairischer Gesandter am Bundestage. In seinem frühern Geschäftsleben wollte man von einer eingreifenden Thätigkeit nichts bemerken, besonders aber macht man seiner Leitung des Finanzwesens den Vorwurf, daß sie sich unter Förmlichkeiten fortgeschleppt habe, ohne etwas Bedeutendes zu Stande zu bringen, und während sie nach unten kleinliche, am unrechten Orte versuchte Ersparungen, z. B.ein Umzugsreglement und Verkürzungen der Witwen- und Waisenpensionen, gemacht habe, sei sie gegen einen vergeudenden Hofhaushalt und gegen die Vermehrung der Staatsschuld, unter Umstanden, wo Verminderung hätte stattfinden können, zu nachsichtig gewesen. Auf dem Landtage von 1825 wurden nachdrückliche Beschwerden gegen ihn besonders darum erhoben, weil man die den Ständen vorzulegenden Mittheilungen mangelhaft und unvollständig fand, wodurch der Geschäftsgang der Ständever- sammlung erschwert und gehemmt wurde. Leslie (Sir John), ein berühmter englischer Physiker, war geboren im April 1766 und anfangs zu nichts weiter bestimmt, als den Betrieb eines kleinen Pachtguts und einer Mühle fortzuführen, wovon seine Altern lebten. Noch vor seinem zwölften Jahre indeß empfahl er sich durch seine Neigung für Calcul und Geometrie dem Professor John Robinson, durch den er mit den Professoren Playfair und Stewart bekannt ward. Dies und zugesicherte Unterstützung gab seinen Altern Veranlassung, ihn, nach einigem vorgängigen Unterricht, auf der Universität St.-Andrew's studiren zu lassen. Von hier ging er einige Zeit darauf nach Edin- burg, wo er den gewöhnlichen Eursus vollendete, und von da, voll Abneigung gegen die kirchliche Lausbahn, zu welcher er von seinen Altern bestimmt gewesen zu sein scheint, nach London, wo er sich auf schriftstellerische Arbeiten legte, und als größere selbständige Arbeit zuerst eine Ubersetzung von Buffon's „Naturgeschichte der Vögel" 1^93 in 9 Bänden herausgab. Das dafür erhaltene Honorar legte il!^ Leßmann 873 den Grund zu der pccuniairen Unabhängigkeit, die er durch kluge Benutzung der ihm zu Gebote stehenden Mittel bald zu erreichen vermochte. Einige Zeit dar- aus begleitete er ein Mitglied der Familie Randolph als Hofmeister nach Nordamerika, und als er nach England zurückgekehrt war, bereiste er in Begleitung des bekannten Thoinas Wedgewood verschiedene Theile des Continents. Es ist nicht bekannt, wann L. zuerst die Laufbahn feiner physikalischen Entdeckungen betrat. Seinen Disserenzialthermometer hat er schon vor 1800 erfunden. Er gab 1804 seine bekannten „Versuche über die Natur und Fortpflanzung der Hitze" heraus. Besondern Ruf haben ihm noch erworben sein Hygrometer, sein Photometer, ein Apparat, das specisische Gewicht gepulverter Körper zu bestimmen und sein Versahren, Wasser mit Hülse der Luftpumpe zum Frieren zu bringen. Auch in manche theoretische Speculationen hat er sich eingelassen; doch eben nicht mit Glück. Er erhielt 1804 den Lehrstuhl der Mathematik zu Edinburg und 1819 an Play- sair's Stelle den Lehrstuhl der Naturwissenschaften daselbst. Einige Geistliche der schottischen Kirche? die L. für einen Zweifler in Glaubenssachen erklarten, suchten seine Wahl zu vereiteln, doch siegten die Professoren der Universität nach einem lebhaften Kampfe gegen diese zudringliche Einmischung. Sein Charakter wird als achtungswerth geschildert. Von L.'s Schriften sind außer den oben angeführten zu nennen: „Clements okgeometr^" (Edinburg 18l1); „^ccouut of exper- iments umi Instruments UepencklNS on tüe relution of nir to üent nnck moist- ure" (Edinburg 1817, deutsch von Brandes, Leipzig 1823); „?üilosop!i? ok sritlimetic" (Edinburg 1817), und „Discourse on tüe iiistor/ ok nuitkemu- t!c»! nncl pk^sicul scieoce" in der „Lnc^clopueckia britsnnicu". Er starb im Nov. 1832. (11) Leßmann (Daniel), geboren am 18. Jan. 1794 in Soldin in der Neumark, legte auf dem joachimschaler Gymnasium, wohin er in seinem zwölften Zahre geschickt wurde, den Grund zu einer ausgebreiteten Kenntniß der klassischen Literatur und der Geschichte und widmete sich nach vollendetem Lehrcursus dem Studium der medicinifchen Wissenschaften aus der Universität Berlin. Der Freiheitskampf des Jahres 1813 entriß auch ihn seinen Studien und er trat als freiwilliger Jäger ins erste ostpreußische Infanterieregiment ein. In der Schlacht bei Lützen verwundet, wurde er zur Verpflegung nach Schlesien geschickt und nach seiner Genesung ihm die Leitung des Militairlazareths in Ottmachau anvertraut. Der Aufenthalt in dem kleinen Städtchen ward ihm bald Werth und er pflegte in spätem Jahren mit wehmüthiger Rückerinnerung von jener Zeit zu sprechen. Der Friede rief ihn zu den verlassenen Freunden und Studien zurück, aber schon im Frühling 1815 ging er wieder ins Feld, indem er bei einem ambulanten Lazareth als Arzt angestellt worden war. So hatte er Gelegenheit, einen Thcil des nördlichen Frankreichs kennen zu lernen und wahrend eines mehrnwnatlichen Aufenthalts in Paris die Vorlesungen der berühmtesten Lehrer zu besuchen. Nach seiner Heimkehr widmete er sich in Berlin den gewohnten Studien, die er aber keineswegs auf das Gebiet der Medicin einschränkte. Er ging 1819 nach Wien, um dort die klinischen Anstalten zu besuchen und zugleich die medicinische Doctorwürde M erlangen; doch ergriff er mit Vergnügen das Anerbieten, in einem befreundeten Hause eine Hofmeisterstelle zu übernehmen und der Medicin zu entsagen. Diese höchst angenehme Stellung ließ ihm hinlängliche Muße, sich auf der wiener Bibliothek mit einem gründlichen Studium der Geschichte, der er sich von nun an mit Beharrlichkeit widmete, zu beschäftigen; zugleich machte ihn der dreijährige Aufenthalt in Wien dem fröhlichen Lebensgenüsse zugänglich, der dem ernsten Norddeutschen bisher fremd geblieben war. Er gab dort eine Übersetzung von Pope's „Ls- ^7 on mnn" mit beigedrucktem Text heraus. Dem Grafen O'Donnel, der ihm die Erziehung seines ältesten Sohnes übergeben hatte, folgte er nach Verona und 874 Leßmann als dieser mit seinem Regiment nach Ungarn abgehen mußte, blieb L. im Hause des Commandanten von Verona, des Herrn von Kraus zurück. Hier vergrub er sich in Bibliotheken und Archive und beschäftigte sich namentlich mit der Geschichte der ^ Scaliger, üt-cr welche seine dreijährigen Nachforschungen auf dem Schauplatze ih- ' rer verschwundenen Größe ganz neue Resultate versprachen. Diese Geschichte des ^ Hauses Scala, aus welche er eigentlich seinen Ruhm begründen wollte, wie er selbst in der Vorrede zu den „Cisalpinischen Blattern" andeutet, ist nicht erschienen und höchst wahrscheinlich finden sich nur Ercerpte und Notizen. Daß er aber Oberita- lien auch mit den Augen des Dichters gesehen hatte, davon zeugen seine „Cisalpi- Fß nischen Blatter" (2 Bde., Berlin 1828), die er kurz nach seiner Rückkunft aus Italien in Wien niederschrieb. Er eilte darauf nach seiner Vaterstadt zurück, wo sein alter Vater in seinen Armen verschied. Von 1824 an unterbrach er seinen -Ä> ^ Aufenthalt in Berlin nur durch kurze Erholungsreisen in die nächste Umgegend. Sein poetisches Talent, das bisher nur schüchtern sich geregt, halte sich genährt mit der Masse des Stoffes, den ihm die Geschichte, in der er heimisch war, und sein eignes bewegtes Leben darboten, und es entwickelte sich jetzt ebenso rasch und üppig ^ M als es vorher lange geschlummert hatte. Von dieser Zeit an gehorchte ihm sein Ta- W lent. Unter dem Titel: „Venus Amathusia" (Berlin 1824), gab er eine Samm- M lung seiner lyrischen Gedichte heraus; einzelne Novellen in Zeitschriften, nament- lich im „Gesellschafter", erregten Aufmerksamkeit; aber erst mit 1827 beginnt seine eigentliche,rastlose Thätigkeit, und es erschienen: „Luise vonHalling, Briefe aus Süd- spanien" (2 Theile, Berlin 1827); dieoben erwähnten„Cisalpinischen Blätter" und eine Sammlung seiner theilweise bereits in Wien und Italien entworfenen „Novellen" (4 Bde., Berlin 1828—29); eine weniger in streng historischem Styl als vielmehr für ein gemischtes Publicum behandelte Lebensbeschreibung „Mastino della Scala" (Berlin 1828); eine zweite Sammlung lyrischer „Gedichte" (Berlin 1830) und eine Erzählung: „Die Schlittenfahrt" (Berlin 1831); „Biographische Gemälde" (2 Bde., Berlin 1829 — 30); 1831 (in der „Abendzeitung") „Die Quartierfreiheit", ein historischer Roman, und der erste Band des „Wanderbuchs eines Schwermüthigen" (Berlin 1831). Bei dieser außerordentlichen Thätigkeit fand er noch Muße zur Ausarbeitung einzelner in Zeitschriften abgedruckten Aufsätze und zurübersetzung zweierRomane: „Die Verlobten"von Manzoni (3Bde., Berlin 1827) und die „Nonne von Monza"von Rosini (2 Bde., Berlin 1832). Mit dem angespanntesten Fleiße hatte er im Sommer 1831 einen Roman: „Die Heidenmühle" (Berlin 1833), vollendet, als er sich mit diesem Manuscript und dem dritten ''' »Wni Theile der „Biographischen Gemälde", der gleichfalls ausgearbeitet war, in einer hei- DHchrZ tern Stimmung und zwar, seiner Gewohnheit gemäß zu Fuße, am 1. Sep-t. auf den ,'^MerÄ Weg nach Leipzig begab, um, was er längst beabsichtigte, mit einem dortigen Buch- W A Händler Verbindungen anzuknüpfen. Ii» der Mitte des Monats erhielten seine Freunde in Berlin die erschütternde Nachricht, daß L. zwischen Kroppstädt und Witt ^ tenberg einige hundert Schritte abseits der Heerstraße an einer Birke erhängt gesun- den worden sei. Die unwahrscheinlichste Deutung lag naher als die Vermuthung deSSelbstmords; aber die sorgfältigsten Nachforschungen von Freunden, die der Spur 'V L.'s nachgereist sind, haben, soweit menschlicher Scharfblick das dunkle Rathsel zu lösen vermag, die traurige Bestätigung zurückgebracht, daß L. wirklich, wahrschein-- ^ ^ ^, lich schon am Abend des 2. Sept., Hand an sein Leben gelegt hat. L.'s Stärke bestand im Erzählen und er lheilte alle Vorzüge und Mängel, die ^ mit einem überwiegend erzählenden Talent verbunden zu sein pflegen. Seine Lyrik hat sich nur selten aus den Fesseln der Nachahmung befreit, aber wenn er erzählte, wurde er von der Fülle des Stoffes, der ihm freiwillig zuströmte, getragen, seine lebhaste Einbildungskraft rief die widerstrebendsten Bilder hervor, die sein allzeit fertiger Witz keck und barock zu verschmelzen wußte, und, ohne den Faden der Er- Letconne 875 zählung zu verlieren, konnte er der geistreichen Geschwätzigkeit seines wunderlichen Humors nachgeben. Seine Beschreibungen sind glänzend, sogar seine Charaktere I zuweilen mehr scharf umschrieben als künstlerisch dargestellt, nur seine Reflexion ist unzureichend und halt der Tiefe des Gegenstandes, mit dem sie sich zu leicht abfindet, nicht das Gleichgewicht. Wenn sein Talent ihn oft verführt hat, die Farben zu stark aufzutragen und durch gewaltsam herbeigezogene Anspielungen seinen Styl unruhig, überladen, oft geschmacklos erscheinen zu lassen, so hat er dagegen in der Erzählung „Die Schlittenfahrt" jene Meisterschaft bewahrt, die, von Innen heraus ihren Stoff sich bildend, allen ungehörigen Prunk und Schimmer verschmäht. Nach den „Biographischen Gemälden" möge man ermessen, was L. als historischer Schriftsteller geworden sein würde. Im Umgang war L. derselbe wie in seinen Schriften. Bestimmt und kraftig in der Erscheinung, von Vielen geliebt, vielleicht von Niemand gehaßt, war er der Liedling der Gesellschaft, die er mit seinem Witz erheiterte und beherrschte. Er schien gesund an Leib und Seele, zufrieden mit seiner Stellung im Leben und in der Literatur, in immer gleichmäßig heiterer Stimmung. Er schien es nur; denn wirst nicht sein schreckliches, selbstgewähltes Ende unheimlich schwarze Schatten auf dieses heitere Dasein zurück, das, stark und in sich vollendet, sich selbst zu genügen schien? Wenn er einen heimlichen Schmerz im Innern genährt hat, und seine Reflexion unvermögend war, ihn zu lösen, einen Schmerz, der ihn bis zum Selbstmord treiben konnte, so ist er ungekannt über die Erde hingegangen; denn keinem seiner Freunde hat er sich anvertraut und seine Schriften geben keinen genügenden Aufschluß. Vielleicht konnte er sich eben nicht erschließen und sein Schmerz hat ihn erdrückt. (59) Letronne (Antoine Jean), Generalinspector der Studien, zu Paris am 25. Jan. 1787 geboren, konnte bei der Dürftigkeit seiner Altern die polytechnische Schule, für welche er anfangs bestimmt war, nicht besuchen, erhielt aber von seinem Lehrer, dem Geographen Mentelle, Beschäftigung bei der Ausarbeitung eines Wörterbuchs für die neuere Erdkunde. Er ernährte sich durch Privatstunden, die ihm derselbe Gelehrte verschaffte, konnte sich endlich am (lalle^e ckel?raace den philologischen Studien ergeben, begleitete dann einen Ausländer aus einer Reise durch Frankreich, Italien, die Schwei; und Holland, und setzte nach seiner Rückkehr seine Studien mit rastlosem Eifer fort. Von der „(ZeoFraxliie 6e toutes les parties cku moaäe" (4 Bde., Paris 1806) ist ein großer Thcil des letzten Bandes und das Planetensystem aus L.'s Feder geflossen. Er schrieb dann in den „^auales ! äes vo^cl^es" (fünfter Band) über eine Stelle des Thucydides, war Mitarbeiter an der „Histoire universelle elu commerce" von Jullien du Ruat, verfaßte den antiquarischen Theil von Reuchet's und Chanlaire's „Ltatisticjue cles <16partemeos ^ tioa ^recc>ue, gra- L76 Leupoldt vee sur lu base ä'une stutue trouvee ckans tes kouilles 6u csusl ä'^lexunärie" ! (Paris 1824); „0dservutIons sur 1'olstet äes representutiuus -olliscules" (Pa- i ris 1824) ; „'I'adulue octo uummorum, ponäeruw, meusururum gpuä Koma- uos et elruecos" (Paris 1825). L. ist seit 1817 einer der Redacteurs des „lour- uul 6es sa^ans" und verfaßte für diese Zeitschrist mehre Artikel, z. B. über die Inschriften, die in Ägypten am Fuße der Memnonsstatue gefunden wurden. Seit Kurzem ist L. Professor der Geschichte am (üolleAe cle Irauce und beschäftigt sich mit einem großen Werke über die ägyptischen Papyrusreste. Er ist in Frankreich und im Auslande als einer der bedeutendsten Hellenisten und einer der genialsten Forscher unserer Zeit anerkannt. (15) Leupoldt (Johann Michael), Professor der Medicin an der Universität Erlangen, geboren 1794 zu Weissenstadt im Oberlande des ehemaligen Fürsten- thums Baireuth, ging 1814 vom Gymnasium zu Baireuth an die Universität Erlangen über, erwarb sich daselbst die Erlaubniß, akademische Vorlesungen zu halten, und wurde 1821 zum außerordentlichen, 1826 aber zum ordentlichen n Professor der Medicin ernannt. Schon seine ersten schriftstellerischen Ver- suche, akademische Schriften, beurkundeten seine Neigung, die Dinge tiefer und ' ^ in größerm Ausammenhange aufzufassen und insbesondere die höhere, dem psychi- schen Leben zugewendete Seite der Medicm mehr hervorheben zu helfen. Er be- reiste Deutschland in allen Richtungen, um die Irrenanstalten naher kennen zu ler- ^ ' neu, sowie denn auch einige kleinere Schriften seine besondere Neigung zur Psy- chiatrie bezeugen. Zugleich sprach aber auch schon seine erste größere Schrift: „Hcilwissenschaft, Seelenheilcunde und Lebensmagnetismus" (Berlin 1821), dafür, daß ihm eine, die Grundlagen der ganzen Medicin betreffende Aufgabe wunm; vorschwebte, die er zugleich durch Reichthum an Einzelkenntnissen, philosophischen 'OnM Geist und historischen Überblick zu lösen strebte. Eben davon geben unter seinen spätem Schriften, namentlich auch seine „Allgemeine Geschichte der Heilkunde" (Erlangen 1825) und sein „Paieon" (Erlangen 1826), Zeugniß. Einige seiner kleinern Schriften aus den letzten Jahren, z, B. „Von einem neuen Alexandria und einem neuenGalen" (München 1828),und„Rede über eigenthümlicheAnfoderungen der Gegenwart an die Univcrsitätsbildung in besonderer Beziehung auf eine germa- nisch-christlich-anthropologische Medicin" (Erlangen 1830), deuten das Wesentliche dieser Aufgabe ungefähr in folgender Weise an. Die ganze Medicin werde in der nächsten Zukunft — im Zusammenhange mit dem gesammten Entwicklungsgänge der neuem Zeit — eine der wichtigsten Entwickclungsepochen erfahren. Diese werde sich zur sogenannten Reformation der Medicin des 16. Jahrhunderts wesentlich so verhalten, wie im Alterthume die Galenische zur ursprünglich Hippokra- tischen. Wie sich dort hauptsächlich der griechisch-ethnische Geist des elastischen Alterthums an der Medicin bewährt habe, so werde dies hinfort in der auf höherer Potenz entsprechenden Entwicklungsstufe derselben der Geist germanisch-christlicher Wissenschaft der modernen Zeit rhun. Zu diesem BeHufe müsse aber vor Allem auf eine tiefe, gründliche und umfassende allgemeine Biosophie Bedacht genommen, demnächst die Idee des Organismus im größten und kleinsten Umfange reiner erhoben und wissenschaftlich bestimmter durchgebildet, im innigsten Zusammenhange damit die Psychologie des leidigen Auslandes enthoben werden, in welchem sie sich noch immer befinde, und endlich der Mensch, auch sofern er Object der Heilkunde ist, wirklich und ganz als Mensch, und zugleich als Ebenbild der Welt und Gottes, aufgefaßt und so die Medicin zunächst auf Anthropologie gegründet werden, welche diesen Namen auch wirklich verdiene. Diese Grundlage der Medicin müsse auf einem tiefern religiösen Grunde ruhen, einen ernstern sittlichen Kern " in sich schließen und auf sie müsse alle Kraft und Klarheit und der ganze Umfang wissenschaftlicher Tüchtigkeit concentrirt sein. Und ganz in demselben Geiste und Lewe van Aduard Liberalismus 877 in derselben Weise seien auch die Grundlehren der Pathologie, der Gift- und Arzneimittellehre, sowie der Therapie von Neuem zu entwickeln. Was L. bisher in dieser Hinsicht wirklich erreicht und theils umständlicher behandelt, theils nur erst in Vorlesungen angedeutet hat, wird aus einem bald erscheinenden Werke erhellen, das für Arzte eine Theorie der Medicin, zugleich aber auch für Nichtärzte ein zeit- ^ gemäßes Hülfsmittel allgemein menschlicher, unmittelbar ins Leben eingreifender Bildung sein soll. Auch seine „Eubiotik" (Berlin 1828) ist für Ärzte und Laien bestimmt. LewevanAduard (Joannes Jonkheer, d. i. Edler), aus einer der ersten Familien des Landes stammend, ward am 17. Sept. 1774 zu Groningen geboren, M trat bereits im fünfzehnten Jahre in den Seedienst, machte bald nachher eine Reise in das mittelländische Meer und nach Ostindien und ward im neunzehnten Jahre ^ zweiter Lieutenant. Nachdem er an Bord mehrer Schisse gewesen war, rückte er 1795 zum nächsten Dienstgrade auf, gerieth 1796 auf dem Vorgebirge der gu- cheii ten Hoffnung in die Gefangenschaft der Engländer, aus welcher er im folgenden ^ ^ Jahre zurückkam, wurde 1801 Capitainlieutenant, reiste als Befehlshaber des Handelsschiffes Hippomenes nach den Vereinigten Staaten und Westindien und fiel in einem hartnäckigen Gefechte auf der Insel Cura^ao abermals in Gefangenschaft. Im Dec. 1805 befreit, trat er wieder in Dienst, und litt 1807 mit dem nach Westindien bestimmten Kriegsschisse Utrecht Schiffbruch auf den Orkaden. Er war 1808 auf kurze AeitCommandant der Seecadettenanstalt zu Enkhuizen, wurde 1810 Capitain und Befehlshaber des Schisses Tromp, das bald nachher zu Antwerpen außer Dienst gesetzt ward, und mußte in das innere Frankreich sich begeben, wo er im Febr. 1814 zum Kriegsgefangenen erklärt wurde. Nach seiner Freilassung ging er nach Holland zurück, ward im Nov. 1814 Befehlshaber des Schiffes Cäsar, mit welchem er in das mittelländische Meer reiste und darauf im Namen des Königs Besitz von den westindischen Colonien nahm. Er ging später mit der Fregatte van de Werff nach Ostindien, stillte 1820 die Unruhen zu Ma- cassar, befehligte 1821 die ganze Seemacht in dem Kriegszuge gegen Palembang unter dem General van Kock und zeichnete sich bei jener Gelegenheit rühmlich aus. Nack) Holland zurückgekehrt, ward er Contreadmiral und Befehlshaber der zweiten Division der ersten Verteidigungslinie der Scheide. In einem Gefechte vor dem von den Belgiern besetzten Fort Kruisschans ward er am 12. Dec. 18Z2 durch eine Stückkugel getödtet, die fast Niemand als ihn an Bord seines Schiffes traf. (74) Liberalismus. Wenn wir, dem Charakter dieses Werkes gemäß, die neuesten Erscheinungen und Standpunkte des Liberalismus anzugeben uns bemühen, so werden wir immer wieder auf die Betrachtung zurückgeführt, worin das Wesen dieses Proteus bestehe, welcher, so weit die Weltgeschichte reicht, unter tausend verschiedenen Namen die Völker bewegt, und unter den mannichfaltigsten Formen bald verfolgt und unterdrückt worden ist, bald sich aus dem Staube siegreich emporgehoben und aus Trümmern der Vergangenheit neue Reiche erbaut hu. Was man heutzutage Liberalismus nennt, ist nicht die Sache selbst, sondern j nur eine Erscheinung derselben, welche sich in dem zufälligen Bedürfen der Zeit "' entfaltet und mit ihm verbindet, aber auch in dem völlig Entgegengesetzten ihre nußere Grundlage finden könnte. Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit ist sreilich, wie das Wort anzeigt, der Grundton des Liberalismus; aber nicht die bür- ^ und politische Freiheit allein, sondern die Befreiung von jeder naturwidri- M Schranke, welche dem menschlichen Geiste entweder von Außen her gesetzt wcr- d>n soll, oder in welcher er durch seine eigne Unthätigkeit gefangen gehalten wird. Der Gegensatz des Liberalen ist das Knechtische, Servile, und einigermaßen verschie- davon das Illiberale. Servil ist aber nicht bloß Der, welcher, die höhere Wür- 87s Liberalismus de und Bestimmung der Menschen verkennend und verleugnend, um zeitlicher Vortheile und sinnlicher Genüsse willen feiner Freiheit im Denken und Handeln entsagt, sondern auch Der, welcher in völliger äußerlicher Unabhängigkeit seiner eiq nen Sinnlichkeit zum Sklaven verfallen ist. Illiberal ist Derjenige, welcher kein höheres Ziel der menschlichen Thätigkeit kennt als das thierischc Leben und allen- falls die Verfeinerung desselben durch allerlei Reizmittel und Bequemlichkeiten, sowie Derjenige, welchem für die geistigen Güter eines Volkes jedes kleine Opfer zu groß ist. Daher ist es aber auch nicht selten, daß Liberalismus der einen Art mit der größten Jlliberalität in einer andern Hinsicht verbunden wird, wie wir ein lebhaftes Gefühl für bürgerliche Freiheit mit dem schändlichsten Egoismus und der schreiendsten Unterdrückung Anderer vereinigt sehen. Derselbe Engländer, welcher für die Freiheit der Griechen declamirte, war im Stande, sie bei den Anleihen zu betrügen, und Viele bezeigten die größte Theilnahme an dem Schicksal der polni- schen Nation, welche die viel größere Ungerechtigkeit gegen das irländische Volk aus allen Kräften vertheidigen. Im Namen der Freiheit kämpfen die englischen Pflanzer der westindischen Inseln für Aufrechthaltung der Sklaverei und gegen jede Erleichterung, welche die Gesetzgebung des Hauptlandes den armen Negern zu verschaffen 7- ^ ^ > sucht. Wer aber liberal sein will, muß es nicht bloß für sich und nach oben, sondern ^ auch gegen Andere und die unter ihm Stehenden sein. So haben wir ferner gesehen, WOWN S daß dieselben Landstände mit Eifer um Preßfreiheit und Öffentlichkeit bemüht waren, welche daneben jede kleine Anfoderung zum Besten der Schulen und Unterrichts- »mMWi anstalten fast mit Widerwillen zurückwiesen. Seit länger als einem Jahrhundert war die politische Unabhängigkeit und Nationalität der Polen von Innen und Au- Jen bedroht, aber in dieser langen Zeit haben sie keinen ernstlichen Schritt zur Emancipation ihrer Bauern aus der tiefsten Erniedrigung und Verwilderung ge- than, obgleich sie seit 1806 dazu nicht bloß Veranlassung, sondern auch Macht und Gelegenheit hatten, und sie aus der Geschichte aller Völker hatten lernen sollen, m daß Adel und Grundherren allein nicht die Nation sind und dem Andränge mach- j?, tiger Eroberer keinen Widerstand entgegensetzen können. Die Greuel, welche unter dem Vorwande der Freiheit in Frankreich verübt wurden, sind noch in frischer Erinnerung; die öffentliche Gewalt war zu keiner Zeit illiberaler, das Volk nie serviler, als da Freiheit und Gleichheit das Feldgeschrei war. Katharina II. und Joseph II. schafften, um von den französischen Philosophen gepriesen zu werden, die einfache Todesstrafe ab, aber verstümmelnde Strafen, Sibirien, die Knute, das . Schiffsziehen in Ungarn waren illiberaler und eine viel grausamere Hinrichtung als durch das Schwert oder den Strang, weil sie erst alles Gefühl menschlicher Würde in dem Bestrasten vernichteten und den Verurtheilten unter körperlicher und geistiger Marter einem gewissen baldigen Tode entgegenführtcn. Alles Servile^ ist ^ schlecht und verächtlich; aber nur das Innere, das Servile der Gesinnung, nicht das Verrichten solcher Arbeiten, welche eine wissenschaftliche Ausbildung nicht vor- aussetzen, und es ist selbst die größte Jlliberalität, einen Unterschied welcher sich nur auf das Zufallige der Beschäftigung' bezieht — zwischen Diensten von wis- senschaftlicher und künstlerischer Art, operae liberales, und Dienste, wozu bloß zensa)afrua)kr uno runsileriseyer errr, uxerae n»er»ies, unv »vvz« >^p ^ physische Kraft und Fertigkeit erfodert wird, operae serviles — auf das Mora- celn tische und die Schätzung der wahren Ehre überzutragen. Illiberal ist es, Freiheit und Dienst einander gegenüberzustellen und die höhere Würde in dem Nichtdienen ^ zu suchen. Dienen ist arbeiten für einen Zweck, welcher sich nicht auf die Person ^ des Arbeitenden bezieht; der höchste Dienst ist der für eine Idee, der Dienst für Recht und Wahrheit. In diesem wird man von Niemand persönlich abhängig ^ und dient nicht irgend einem Menschen, sondern der Menschheit, dem Göttlichen. ^ In diesem Sinne ist der Fürst der erste Diener des Staats, aber nicht des Vol- kes; ebenso der Staatsdiener unter dem Fürsten. Servil ist es, sich zum Werk- Liberalismus 879 Witz, ! zeuge fremden Handelns ohne eignes Urtheil zu machen, sich zum blinden Gehorsam, auch im Dienst der Ungerechtigkeit und Unsittlichkeit herzugeben. Aber es iji einerlei, ob man vor der absoluten Gewalt eines Fürsten oder vor der Unvernunft eines leidenschaftlich bewegten Volkes die Knie beugt; ob man sich vor dem Stolze auf eine vermeintlich bessere Geburt oder vor dem goldenen Kalbe des gkichthums in den Staub wirft. Servil ist es, zu schmeicheln/Leidenschaften und Vorurtheilen zu fröhnen; gleichviel aber, ob man in der Monarchie vor einem Nero oder in der Demokratie vor einer Volksmenge kriecht, die man im Herzen vielleicht mit Recht verachtet. So ist das Servile und sein Gegensatz, der Liberalismus, seinem Wesen nach an keine Staatsform gebunden und der Servilismus in der Aristokratie und Demokratie vielleicht erniedrigender als in der Monarchie. Liberalismus aber ist das Ringen nach den höhern Gütern der Menschheit, nach einer Freiheit, die ihre Quelle wie ihren Kampfplatz vorzüglich im eignen Herzen und Geiste hat, nach einer Selbständigkeit, welche über jeden Zwang von Außen erhaben ist. Dieser Liberalismus ist keine Partei, sondern eine Gesinnung; er verliert schon von seinem Werthe, wenn er die Gleichgesinnten zum verbündeten Handeln für irgend einen zufalligen Zweck vereinigt. Liberale in diesem Sinne hat es zu allen Zeiten nur sehr Wenige gegeben; Viele von ihnen haben freudig ihr Leben für ihre Überzeugungen geopfert. Doch hat man auch wieder nicht unrecht, irenn man selbst diese Liberalen revolutionnair nennt; denn wenn ihre Gesinnung Wer einem Volke die herrschende werden sollte, so würde dadurch allein schon eine ganzliche Veränderung aller öffentlichen Verhaltnisse herbeigeführt werden, und die Verwaltung des Staats sich nicht zur Volksherrschaft oder Demokratie, fondern immer mehr zur Republik, zum wahren Gemeinwesen umgestalten müssen. Eine selche Republik kann wol'ihr erbliches Oberhaupt haben, das gehört nicht zu den Grundlagen derselben; ihr Wesen besteht vielmehr darin, daß das Ganze des Volkes einen recht eigentlichen Organismus bilde, in welchem Jeder, auch der Geringste, sich stets als Glied des Ganzen fühlt, seine Zwecke im Ganzen gefördert lieht, sich seines Wirkens für die Gesammtheit und der Sorge der Gesammtheit für den Einzelnen deutlich und lebendig bewußt wird. Erblicher Unterschied der Stände^ getheiltes Interesse des Volkes, eine dienst- und steuerpflichtige Masse (In gent tMasile et corveable), ein zum Herrschen berufener Adel, wird in einem solchen Gemeinwesen freilich nicht möglich sein, dagegen Gleichheit vor dem Gesetz, Öffentlichkeit und Preßfreiheit sich von selbst einstellen. Indem nun der Liberalismus ein solches Ziel vor Augen hat, ist er revolutionnair, aber er ist dabei auch in seinem vollkommenen Recht; denn nicht in dem Verandern eines bestimmten Auslandes des Staats liegt das Unrecht, sondern in den Mitteln, welche zu diesem Boecke gebraucht werden, und wenn diese Mittel rechtmäßig sind, so kann nichts aus die Folgen ankommen, welche der Handelnde davon erwartet. Niemand ist es »och eingefallen, die Bemühungen für den Unterricht des Volkes, für Erweiterung der menschlichen Kenntnisse, für die Erziehung der werdenden Geschlechter zur Region und Tugend für etwas Unrechtmäßiges zu erklären, und gleichwol kann in einem Volke keine größere Revolution hervorgebracht werden, als wenn jene Bemühungen in einem bedeutenden Umfange gelingen. Die Stifter und Verbreiter einer Minigtern Religion sind in dieser Hinsicht ebenso revolutionnair gewesen Äs die Li- beralen, und eigentlich waren sie selbst nur Liberale in der höchsten und reinsten Bettung. Keine Revolution ist an Umfang, Dauer und innerer Starke derjenigen ^vergleichen, welche durch das Christenthum unter einem so großen Theile der Mmschm bewirkt worden ist und noch taglich weiter fortgeführt wird. Sie erweist die Elementarverhaltnisse der Völker, die Familie, und verbreitet sich ^n da aus über das ganze öffentliche Leben. Was die weltliche Macht ge- öm die ersten Christengemeinden sagte, ist ganz Dasselbe, was jetzt gegen den 880 Liberalismus Liberalismus, wenn er nicht ausgeartet ist, vorgebracht wird. Es ist ein ungeheures Misverständniß, wenn man sich durch den in einem so weiten Sinne genommenen Ausdruck Revolution verführen laßt, zu glauben, daß hier von einem Unternehmen die Rede sei, welches in den Bereich der richterlichen Gewalt siele, oder der menschlichen Gewalt überhaupt, und welches man zu verhindern berechtigt oder im Stande wäre. Es ist der Strom der Zeiten selbst, welcher seine Wogen unaufhaltsam und ohne von Menschen geleitet oder gar getrieben zu werden, der Ewigkeit zurollt. Was die Menschen thun und sind schwimmt nur als Schaum auf der unendlichen Flut, und jedes Volk durchlaust, die Machthaber mögen rudern und steuern, wie sie wollen, endlich doch alle Stationen der Bildung auf der ihm bestimmten Bahn. Auch der Liberalismus tragt dazu nur ein Geringes bei, weil er selbst nur Frucht, aber nicht Ursache der großen, in der menschlichen Natur gegründeten Bewegung ist. Nur wenigen Sterblichen ist es beschieden gewesen, als die Ersten in einer großen Entwickelungsperiode und zum Theil als die Urheber bezeichnet zu werden, und auch von ihnen ist es nicht leicht zu sagen, wieviel sie den Vorangegangenen verdanken; denn es gibt auch hier keine Lücke, keinen Sprung. Alles ist durch einander bedingt, Woge drangt sich an Woge; die Gedankenwirkung ist unendlich und aus kleinen Anfangen entwickelt sich ein immer Größeres. Wenn man aber unter Revolution ein gewaltsames, ungesetzliches Eingreifen in die bestehenden Verhaltnisse und Staatsformen versteht, was der richtige Sinn dieses Wortes ist, so ist dies der Natur des wahren Liberalismus geradezu widersprechend und ebenso thöricht, ebenso ungerecht als der Versuch, den Entwickelungsgang der Zeiten gewaltsam zurückzuhalten. In diesem Sinne sind die Liberalen an sich nicht revolutionnair, sondem sie sehen ein, daß sie dem Bestehenden Treue schuldig sind, daß aber diese Treue hauptsächlich darin besteht, die naturgemäße Fortbildung zu größerer Vollkommenheit fördern zu helfen. Der Vormund ist ebenso treulos, welcher den Pflegling in Unwissenheit und Kindheit erhalt, um im Genuß seines Vermögens zu bleiben, als der, welcher ihn tobtet, um ihn zu beerben. Die Liberalen sind an sich, wie bemerkt wurde, keine Partei, sondern Gleichgesinnte; auch die Redlichen unter unter ihnen werden aber zuweilen genöthigt, sich enger an einander anzuschließen, wenn man sie anklagt und verfolgt. Es kommt dann auf die Bildungsstufe des Volkes an, wie viel Anklang die Idee bereits in den Gemüthern gefunden hat, ob der Liberalismus eine Macht sein sott oder nicht, und wie weit diese Macht geht. Sie ging 1830 in Frankreich bis zur Anfrechthaltung der Charte gegen die königlichen Verordnungen vom Julius, bis zur Herstellung der Preßfrek- heit, bis zur Abschaffung der Erblichkeit der Pairswürde, aber nicht bis zur Republik. Betrachten wir nun den Liberalismus der neuesten Zeit, so ist zuvörderst unverkennbar, daß er seit den letzten fünfzig Jahren seine Richtung vorzugsweise auf das Staatslcben genommen hat, nachdem er eine geraume Zeit sich um die Gedankenfreiheit im Religiös, n bemüht hatte. Die Entstehungsgründe der öffentlichen Gewalt und die Mittel, ihre Ausübung in gesetzlichen Schranken zu halten, kurz die Realisirung der Rechtsidee, mit Dem, was daraus folgt: Öffentlichkeit der Staatsverwaltung, Preßfreiheit, Verantwortlichkeit der Beamten für alle Regie- rungshandlungcn, Land- und Reichsstände mit ihren Attributen, Gleichheit vor dem Gesetz, vorzüglich in Ansehung der gleichen Fähigkeit zu Staatsämtern, ist es, was die Völker immer mehr und mehr aufgeregt hat. Woher diese Aufregung entstanden, braucht man in der That nicht lange zu fragen. Man richte nur einen ernsten Blick auf die großen und zum Theil jetzt kaum glaublichen Misbräuche, welche noch vor fünfzig Jahren fast in allen Ländern von Europa stattfanden, auf die grenzenlose Verschwendung der Höfe, die Schulden, welche die Folge davon W" Ml jll UZ li»,, Liberia 881 waren, auf den fürchterlichen Despotismus, welchen nicht etwa nur die Minister und andere höhere Staatsdiener, sondern, und vielleicht am meisten, die untern Beamten und kleinen Landherren ausüben konnten, auf die Langsamkeit und Willkür der Rechtspflege, auf die Erpressungen und Unterschleife der Verwaltungs- I ^ beamten, auf die Rechtlosigkeit, welche in allen öffentlichen Verhaltnissen herrichte, und man wird nicht seine Auflucht zu Voltaire, Rousseau und Kant zu nehmen brauchen, um jenes Erwachen der liberalen Ideen in Hinsicht auf Verfassung und Verwaltung des Staats zu erklären. Man glaube doch ja nicht, daß die Völker jenes Austandes sich nicht bewußt gewesen wären; sie erkannten recht wohl was ihnen fehlte; aber das ist wahr, daß sie nicht ahnten, wie eine Abhülfe möglich sei, und daß sie dies erst durch die französische Revolution gelernt haben. Seitdem ist die Gährung immer allgemeiner und größer geworden und hat weder durch Napoleons kraftigen Militairdespotismus, noch durch die seitdem fast allenthalben eingetretenen großen Verbesserungen beschwichtigt werden können; denn obgleich Vieles seitdem geschehen ist, so ist doch noch Vieles zu thun übrig, und wir sind, wie es scheint, noch weit von dem Punkte entfernt, wo eine neu gegründete Ordnung der Dinge eine breite und feste Basis für eine ruhig fortschreitende weitere Entwicke- lung abgeben könnte. Vielmehr haben die Ereignisse des Jahres 1830 der Gährung neue Nahrung gegeben und in ihren Folgen zu Spannungen und Spaltungen geführt, zu Awisten zwischen den Regierungen und den Sprechern des Volkes, bon welchem sich das Ende noch nicht absehen laßt. Wie weit nun in den liberalen Tendenzen der neuesten Aeit Planmäßigkeit und Verbindung herrsche, ist schwer zu sagen. Man hat schon vor der Juliusrevolution von einem dirigirenden Ausschusse in Paris gesprochen, welcher wie er früher die revolutionnairen Versuche in Italien und Spanien geleitet habe, auch von 1830 an Aufstande und Tumulte selbst in den deutschen Landen angestiftet habe. Gerichtliche Beweise sind dafür bis jetzt nicht geliefert worden, und es steht dahin, was die neuen Untersuchungen, die im südlichen Deutschland im Gange sind, an den Tag bringen werden. Daß Frankreich und Italien von einer Menge politischer Verbindungen durchkreuzt sind, ist unbezweifelt, denn in Frankreich treten diese Gesellschaften öffentlich hervor. Wie weit sie sich aber über den Rhein verbreitet haben, ist bis jetzt noch eine Sache der Gerichte, nicht der Literatur. So viel ist aber gewiß, daß es eine Verirrung des Liberalismus ist, wenn er seine eigenthümliche Bahn des individuellen redlichen Wirkens für Wahrheit und Recht verlaßt, um durch Verbindung zu einer Partei, durch gemeinschaftlich verabredetes Handeln Dasjenige von Außen her zu erreichen, was nur von Innen heraus durch Lehre und Beispiel gefördert werden kann. (3) Liberia, eine nordamerikanische Negercolonie in Afrika, auf der Körner- vder Pfefferküste, unweit des Caps Mesurado im Lande Sanguin. Das Gebiet, das sie umfaßt, wurde 1821 von der amerikanischen Colonisationsgesellschaft gekaust und sie erhielt 1824 auf den Antrag des Generals Robert Goodloe Harper ihren Namen. Die Sklaverei ist ein dunkler Flecken in dem Volksleben der freien Nordamerikaner. Darum beschlossen edle Bürger, eine Colonie freier Neger auf der Westküste von Afrika in Oberguinea bei dem Cap Mount oder Mesurado, südlich von Sierra Leone anzulegen und allmalig einen Theil der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten dahin zu verpflanzen. Das Land ist fruchtbar und hat einen immer blühenden Frühling. Das Gebiet erstreckt sich bis zum Cap Gallinas an der Küste der Sierra Leone. Die Anlage der Colons? war mit großen Aufopferungen verbunden. Die ersten Ansiedler ließen sich im Jan. 1822 unter der Aufsicht des l)r. Apres nieder. Viele Weiße fanden den Tod, theils im Kampfe nrit den feindlichen Stammen, theils in Folge klimatischer Krankheiten, und Apres I^ldst wurde durch Krankheit genöthigt nach Amerika zurückzukehren. Mitten unter Eonv.^Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 56 882 Liberia W Gefahren und Verlusten gelang es dem kräftigen Willen des amerikanischen Agenten Jehudi Ashmun, nach Besiegung von Hindernissen aller Art die Gründung Liberias zu vollenden. Der wahre Schöpfer dieser menschenfreundlichen Ansiedelung, widmete er ihr seine Sorgfalt länger als sechs Jahre, und focht 11,822 in einem Gefechte gegen die vereinte Macht der Eingeborenen mit großer Tapferkeit. Die jetzt bestehende Verwaltung wurde 1824 angeordnet. Die höchste Gewalt übt der Agent der Colonisationsgesellschaft aus; alle bürgerlichen und Kriegsbeamten aber werden von dem Volke gewählt. Nachdem die Co- lonisten wiederholte Angrisse der Eingeborenen zurückgeschlagen hatten, wurde die Colonie immer mehr befestigt und durch den Ankauf eines Küstenstrichs von etwa 150 englische Meilen erweitert, zugleich ward auch ein geordneter Handelsverkehr mit den Nachbarvölkern (vom Stamme der Bassa, mit den Gurras, Londus und andern Negerstammen) eingeleitet. Schon 1831 besaßen einzelne Colonisten Handelsfahrzeuge und bedeutende Waarenlager. Das Gebiet von L. ist an der Küste niedrig, steigt aber allmälig gegen das Binnenland an, und etwa zehn Stunden vom Meere sieht man ziemlich hohe Berge, unter welchen der ansehnlichste (Pranst cape mount heißt, aus dessen dichten Waldern mehre Quellen in die Niederung herabströmen. Die bedeutendsten Flüsse sind der Pissou, den man bereits 50 Stunden von seiner Mündung aufwärts verfolgt hat, der Paulsfluß, der Mesurado und der große und schissbare St.-Johnsfluß, der durch ein fruchtbares, höchst anmuthiges Gelände fließt. Das Land hat Überfluß an Rindvieh, Ziegen und Geflügel und erzeugt fast alle Gewächse der tropischen Lander. Die Hauptgegenstände der Ausfuhr sind Elfenbein, Gold, Schildpat, Haute, Seepferdezähne und etwas Ka-ffee. Die älteste Ansiedelung ist Cap Mesurado, das ungefähr 80 Fuß üver dem Meere erhaben, durch eine flache Landzunge mit der Küste verbunden ist. Hier liegt die Stadt Monrovia, zu Ehren des Präsidenten Monroe, eines eifrigen Mitgliedes der Colonisationsgesellschaft, so genannt. Die übrigen Colonie- örter heißen Caldwell, Neugeorgien und Millsburg, ungefähr 10 Stunden weiter im Binnenlande. Bereits sind sechs Schulen, auch Sonntaqsschulen eingerichtet, die von dm benachbarten Volksstämmen besucht werden. Die Colonisationsgesellschaft hat bis 1830 schon 1402 Farbige nach Liberia geschafft. Gegen 200, Seeräubern an der Küste weggenommene Sklaven wurden unter den Schutz der Colonie gestellt, und gegen 300 Sklaven, welche befreit wurden, da man sie gegen die Gefetze nach den Vereinigten Staaten gebracht hatte, wurden auf Befehl der Regierung nach L. geführt. L. hatte 1831 eine Bevölkerung von 2000 Einwohnern, sechs Milizcompagnien, ein Fort, 20 Stück Geschütz und Waffen für 1000 Mann Es gab daselbst drei kirchliche Gesellschaften: Baptisten, Methodisten und Presbyterianer. Einer der eingeborenen Stämme hatte sich freiwillig unter die Gesetze der Colonie gestellt, und von andern war der Wunsch ausgesprochen worden, diesem Beispiele zu folgen. Die benachbarten Volksstämme zerfallen in drei große Abtheilungen unter eignen Häuptlingen, und ihre Zahl wird auf 150,000 geschätzt. Nach einem Berichte, welchen die Beamten der amerikanischen Colonisationsgesellschaft zu Neuyork, bei der Feier des Jahrestags ihrer Stiftung am 16. Jan. 1832 ablegten, hatte im letzten Jahre in der Colonie keine Krankheit geherrscht, der Handel war im Aufblühen, und der Unterricht übte einen heilsamen Einfluß auf die umwohnenden Volksstämme aus. Ein von dieser Gesellschaft, zu deren Mitgliedern Everett, Archer, Marshall und andere wackere Bürger gehören, ausgerüstetes Schiff war im Dec. 1831 aus dem Hafen von Norfolk (in Virginien) nach L. abgesegelt, um einen neuen Transport von 300 Ansiedlern, Mänmr, Weiber und Kinder, dorthin zu bringen. So scheint die Fortdauer und die Blüte einer Colonie gesichert zu sein, die den Keim der Civilisation nach Afrika verpflanzt hat. S. Will. Jnne's „Liberia, or tüe esrly d-story -mcl si^na! Libry-Vagnano preservation of tlie smoricun colon? of free Xexroes on tlie coast ofF.frica" (Edinburg 183 t). ' Libry-Bagnano (Grafvon), geboren 1780, stammt aus einem reichen und angesehenen Geschlecht in Toscana. Seine Mutter war eine Engländerin aus einer katholischen Familie. In dem Parteikampfe, der Italien bewegte, verfocht er seit seinem sechszehnten Jahre mit Begeisterung die republikanischen Grundsatze und wollte 1798 nach Ägypten geben, ward aber festgehalten und in der Festung Falcone auf der Insel Elba eingesperrt. Als im nächsten Jahre die Franzosen einen Kriegszug nach Italien machten, gelang es ihm durch ein kühnes Unternehmen, d:e Festung ihnen zu überliefern, was die Eroberung der ganzen Insel zur Folge hatte. Er fuhr fort, den Franzosen mit seinem Arm und seinem Gelde zu dienen, bis sie durch Unfälle zum Rückzüge gezwungen wurden, und er mußte ihnen folgen, weil ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war. Nach der Schlacht bei Marengo kehrte er in sein Vaterland zurück, konnte aber nur noch einen Theil seines Vermögens retten. Spater ließ er sich in Frankreich nieder. Seinen republikanischen Grundsätzen treu, stimmte er gegen die Erblichkeit der Kaiserherrschaft, ward aber in späterer Zeit ein eifriger AnHanger derselben, wie er schon lange ein Bewunderer Napoleons gewesen war. Als sich Napoleon 1814 auf die Insel Elba zurückzog, beförderte L. den Plan, das römische Reich in Italien wiederherzustellen und die Krone auf des Kaisers Haupt zu setzen, und als unter den Urhebern desselben die Rollen waren vertheilt worden, ging L. nach Frankreich, um Theil- nehmer zu werben. Er wurde zu Elermont verhaftet und einer Verschwörung gegen den Staat angeklagt, von den Geschworenen aber freigesprochen. Nach , Napoleons Rückkehr pflanzte er in Elermont zuerst die dreifarbige Fahne auf. Die Rückkehr der Bourbons veränderte noch einmal seine Verhaltnisse. Man verhaftete ^ ihn in Lyon, und einer Fälschung angeklagt, ward er im Sommer 181k durch zwei ! richterliche Erkenntnisse zu Zwangsarbeit verurtheilt. Er suchte vergebens, auf die I Gesetze sich berufend, um eine Revision seiner Sache nach, indem er die abgelegten ! Zeugenaussagen als falsch angriff. Auf das unveranlaßte Gesuch des Großherzogs ^ von Toscana wurde von Ludwig XVIII. die Sache niedergeschlagen und L.'s Strafe in ewige Verbannung aus Frankreich verwandelt; da er aber gegen diese Verfügung Widerspruch erhob, so blieb er in Haft und ward in verschiedenen Ge- sangnissen festgehalten, bis er im Sept. 1824 endlich in die Conciergerie zu Paris kam. Hier nahm er die Verbannung an, die man ihm noch einmal anbot, und begab sich nach den Niederlanden, und als er 1825 die Erlaubniß zur Niederlassung erhalten hatte, nahm er seinen Wohnsitz in Brüssel, wo er verschiedene Flugschriften drucken ließ und mit Potter und dessen Partei in Verbindung war. Spater trennte er sich gänzlich von dieser politischen Partei und war 1829 einer der Stifter der Zeitschrift „I^e national", die sich den revolutionnairen Zeitungen entschieden entgegensetzte, aber von Vielen einer unpolitischen Heftigkeit beschuldigt warch Am 25. Aug. 1830, bei dem Aufstande in Brüssel, wurde das Bureau des „iXa- twiml", und selbst die Wohnung des Herausgebers, der abwesend war, geplündert und gänzlich zerstört. Durch die Gewaltthatigkeit eines anständigen Unterhalts beraubt und drückenden Entbehrungen ausgesetzt, ging L. nach Holland und lebt sätdem gewöhnlich im Haag. Er hat seit seiner Verbannung um die Revision sei- ^ u.s Prozesses und die Erlaubniß, zu diesem Zwecke nach Frankreich zurückzukehren, ^ ^ Zebeten, sobald der Proceß gegen die Minister Karls X. geendigt war, da Ehonte- ^'Uze, 181k Generaladvocat in Lyon, einer seiner Gegner gewesen war, dessen . dem gemeinschaftlichen Grabe vieler Kameraden, geschleppt und vorher ausgeplün- dert hatten. Im Lazarerh von Lüttich, wo er tausendfache Gelegenheit hatte, sich ^ glücklich zu preisen, daß er nicht, wie es für ihn bestimmt gewesen war, die Zahfun- ^ geschickter Unterärzte noch um Einen vermehrt hatte, genas er wenigstens soweit, daß er wieder zur Armee abgehen konnte, und 1816 kehrte er nach seiner Vater- stadt zurück, wo er bald ein eifriger Schüler Jahn's wurde, während er sich mit tz^^rlin, großem Eifer von Neuem für die Universität vorbereitete. Er ward 1819 mit Jahn und andern sogenannten Demagogen arretirt und nach viermonatlicher Ge- - ' ^r>iuf^ fangenschaft ohne Proceß entlassen, konnte aber keine Erklärung der Unschuld er- ^ halten, vielmehr erging der Befehl an alle preußische Universitäten, ihn nicht zu im- sSh ^ ^ matriculiren, obgleich er durch die gehörige Prüfung seine Fähigkeit für die Univer- , M ^ sitätsstudien genügend dargethan hatte. Genöthigt PreuHen zu verlassen, versuchte ) ^ ^ er vergebens auf den meisten Universitäten Nord- und Süddeutschlands zugelassen ^ zu werden, und ging zuletzt von Tübingen nach Jena, wo er, um sich vielleicht durch ^ ^ das akademische Bürgerrecht einigermaßen zu schützen, sogleich promovirte. Es ward ihm 1820 erlaubt in Hatte zu studiren, jedoch mit dem Bescheide, daß er weder als ^ Lehrer noch als Theolog je auf eine Anstellung rechnen dürfe. Obgleich er hier ^ ganzlich den Wissenschaften und sehr zurückgezogen lebte, dauerten die polizeilichen ^ Lieber K85 Behelligungen fort, was ihn endlich bewog, nach Dresden zu gehen, wo er besonders Feldmeffen und Situationszeichnen studirte. Der griechische Aufstand war ausgebrochen und L. reiste im Herbste 1821 zu Fuß über'die Schweiz nach Marseille, um sich dort als Philhellene nach Griechenland einzuschiffen. Mit ungefähr 40 Andern, die ihn zu einem ihrer Ossiziere wählten, nahm er ein kleines Fahrzeug und landete im Jan. 1822 in Navarin. Es war eine unglückliche Zeit für die Philhellenen, die selbst mit dem Anerbieten, als Gemeine zu dienen, sich während mehre Monate nicht nützlich machen konnten und dabei am Nothwendigsten Mangel litten. L. wurde selbst zuletzt, nachdem er Alles, außer Beinkleider, Rock und Mütze verkauft hatte, bis zum Betteln gebracht. Nach mehren Monaten großer Entbehrung ging er, nachdem er den Peloponnes durchreist hatte, von Misso- longhi nach Ancona. In der Quarantaine machte er sich gründlich mit dem Italienischen vertraut. Bestürzt über den östreichischen Befehl, den er hier fand, daß jeder von Griechenland Zurückkehrende nur nach seiner Heimath Paffe erhalten sollte, sodaß er also Rom nicht hätte sehen können, verlangte er einen Paß nach Orbitello, einer kleinen toscanischen Stadt unweit Rom, und da er auf jeden Fall durch Toscana zurückkehren mußte, die Polizei sich aber wenig um die Lage Orbitellos bekümmerte, so ward ihm der Paß bewilligt. Der Weg von Ancona nach Orbitello führt nahe bei Rom vorbei, und als er daher dieser Stadt nahe war verließ er die vorgeschriebene Route und ging als ein freilich etwas abgerissener Spazierganger in die alte und ewige Stadt. Hier fand er den Historiker Nicbuhr, der damals preußischer Gesandter in Rom war. Obgleich er ihn nie zuvor gesehen, eröffnete er sich ihm ohne Hehl, und statt ihm den Genuß, Rom kennen zu lernen, grausam zu rauben, nahm ihn Nicbuhr gürig in sein Haus, wo er ein ganzes Jahr, eins der glücklichsten und lehrreichsten seines Lebens, zubrachte. Hier schrieb er sein „Tagebuch meines Aufenthalts in Griechenland im Jahre 1822" (Leipzig 1823). Er reiste mit Niebuhr nach Neapel und zurück nach Deutschland, nachdem sich der König von Preußen in Rom, wohin er vom Eongreffe zu Verona ging, gegen Niebuhr dahin hatte verlauten lassen, daß L. ungestört in seinen Staaten solle leben können. Aber kaum in Berlin angekommen, wurde er von der Polizei von Neuem so belastigt, daß er offen von dem Minister des Innern Ruhe oder gerichtliche Untersuchung verlangte. Das Ministerium schob die neuen Behelligungen auf unge- schickteAusführung gewisser allgemeinen Befehle, sicherte ihm schriftlich vollkommene Ruhe zu und L. ging, selbst von der Regierung unterstützt, nach Halle, um sich dort auf ein Lehramt vorzubereiten. Als man aber 1824 neue Untersuchungen gegen die Liberalen einleitete, wurde auch er, trotz allen Zusicherungen, in Köpenik gefangen gesetzt und erst nach vielen Monaten durch den Einfluß Niebuhr's, der von Bonn zu den Sitzungen des Staatsraths nach Berlin berufen worden war, befreit. L. lebte nun eine Zeitlang in Berlin, wo er seine „Wein- und Wonnelieder von Franz Arnold" (Berlin 1826) herausgab, welche er, wie manches Andere, im Gefängnisse gedichtet. Er lebte darauf in der Familie des Grafen von Bcrnstorss in Mecklenburg und kehrte mit ihr nach Berlin zurück, wo er erfuhr, daß ein neuer Arrest ihm drohe; da entfloh er nach England und lebte ein Jahr in London, wo er sich durch Unterricht erhielt und manche Mittheilungen an deutsche Journale sandte. Mit großem Eifer widmete er sich auch hier der Geschichte und Politik, die nebst der Kunst immer seine Hauptbeschäftigung ausgemacht haben. Er ging 1827 nach den Vereinigten Staaten, wo er unter Anderm eine Turnanstalt und eine Schwimmschule nach Pfuel's Grundsätzen in Boston einrichtete, und die Xmericana" in 12 Bänden (Philadelphia 1829 fg.), eine in Beziehung auf amerikanische Statistik und die Biographien verstorbener Amerikaner sehr bereicherte Umarbeitung des „Conversations - Lexikon" in Verbindung mit Wigglesworth und Bradford herausgibt. L. hat dort über manche ^ . Liebig Liedertafeln Gegenstande der Geschichte und Politik Vorlesungen gehalten, und sammelt Materialien für eine Geschichte der constitutionnellen Entwickelung der europaischen Menschheit. Liebig (Justus), Professor der Chemie in Gießen, verdient ungeachtet seiner Jugend nach Dem, was er geleistet hat, schon den ersten Chemikern Deutschlands beigesellt zu werden. Er wurde geboren zu Darmstadt am 14. Mai 1803, zeigte schon frühe Neigung zu den Naturwissenschaften, die sein verstandiger Vater, ein Kaufmann, weckte und unterstützte, auf dem Gymnasium in seiner Vaterstadt unterrichtet und brachte vor seinem Besuche der Universität ein Jahr in einer Apotheke zu. Im Jul. 1819 ging er nach Bonn, von da nach Erlangen und 1822 nach Paris. Eine Abhandlung über das Knallsil- ber, welche von ihm der Akademie der Wissenschaften mitgetheilt wurde, machte A. von Humboldt aufmerksam auf ihn. Dies begründete seine spatern Verhalt- ^ ' nisse und seine wissenschaftliche Richtung. Humboldt widmete ihm die wohlwollendste Theilnahme und verschaffte ihm die Bekanntschaft aller ausgezeichneten Chemiker in Paris. Nach Deutschland zurückgekehrt, erhielt er 1824 eine außerordentliche Professur der Philosophie und 1826 die ordentliche Professur der Chemie in Gießen. Die Untersuchungen, die L. geliefert hat, sind schon sehr zahlreich, und zeugen sämmtlich von großem Scharfsinn und sicherm Takte in Aufsindung der Mittel, die zu einem interessanten oder wichtigen Ergebnisse führen können. Am meisten hat er sich durch Aufsindung und Verbesserungen von Bereitungsmethoden sehr vieler chemischer Präparate, durch genaue Analysen mehrer organischen Stoffe (besonders Kampher, Kamphersäure, Alkaloide), durch seine Untersuchungen über Cyanverbindungen, Kohlenstickstoffsaure, Platinschwarz, Chloral u. f. w. verdient gemacht. Sämmtliche Arbeiten desselben dürften in Poggendorff's „Annalen", Schweigger's „Journal" und dem seit einiger Zeit gemeinschaftlich von ihm und Geiger herausgegebenen „Magazin für Pharmacie", worin er die Arbeiten anderer Chemiker einer strengen, aber gediegenen experimentalen Kritik zu unterwerfen pflegt, enthalten sein. Bei der sonst so seltenen Vereinigung des wulta und multum, die in seiner Thätigkeit anzutreffen ist, hat sich die Chemie noch Vieles von ihm zu versprechen. (11) Liedertafeln. Unter diesem Namen sind in neuern Zeiten musikalische Männervereine äußerst beliebt geworden. Sowie man viel zu weit geht, wenn man gläubig annimmt, das Recitaciv sei zu den Zeiten der Verbreitung der Oper in Italien erfunden worden, ebenso sehr würde man sich täuschen, wollte man diese Art deutscher Männervereine mit dem Namen einer Erfindung beehren. Wenn wir auch Meister- und Minnesängergesellschaften, durch welche sich einst unser Vaterland auszeichnete, hier nicht erwähnen wollen, obgleich sie auch hierhergehören, so würden sich doch außer jenen Verbindungen immer noch weit frühere dieser Art ausfinden lassen. Ein merkwürdiges Beispiel solcher Gesellschaften hat bereits Fink in Nr. 43 der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" für 1832 bekannt gemacht, wo von einem Männerverein zu Greissenberg in Hinterpommern berichtet wird, welcher schon 1673 blühte. Er bestand aus 16 angesehenen Mitgliedern des gebildeten Standes, aus Bürgerlichen und Adeligen, Geistlichen und Weltlichen, welche die Liebe zur Dichtkunst und zur Musik vereinigt hatte. Man dichtete und componirte sich seine Lieder selbst und sang sie dann in freundschaftlichen Zusammenkünften. Es ist auch von dieser klingenden und singenden Gesellschaft ein Liederwerk in vier Foliobänden zu Altstettin vom Jahre 1673 — 75 unter folgendem Titel herausgegeben worden: „Greiffenbergische Psalter- und Har- fenlust wider allerlei Unlust, welche unter Gottes mächtigem Schutze und churfürst- lich brandenburgischem Gnadenschatten von der daselbst Gott singenden Gesellschaft (^ in vertraulichen Zusammenkünften durch zweier Gesellschafter, Johann Möller's Liedertafeln LH7 Geistliche Lieder und Thomas Hoppen Neue Melodeyen, zu sonderbaren Gemüthser- qötzungen ordentlich angestellt wird und bewahrt erfunden worden ist". Der Dichter war Landrath und Bürgermeister zu Greiffenberg, und der Componist starb als Pastor und Consistorialrath zu Kolberg 1703. Wir werden bald sehen, daß die eigentlichen Haupteinrichtungen dieser alten Gesellschaft in den neuern Instituten der Liedertafeln völlig in derselben Art wieder aufleben; nur daß die neuem Zeiten nicht mehr wie in jenen Tagen hauptsachlich Gott fingen, sondern weltlicher geworden sind, was wir indeß nicht als einen Tadel angesehen wissen wollen. Auch würde man sich irren, wenn man meinen wollte, es wäre in jenen Zeiten alles Fröhliche verbannt gewesen, oder es würde von den neuen Mannergesellschaften alles Ernste und Heilige geradehin ausgeschlossen werden; es gibt keine Liedertafel, die nicht auch Ernstes und Heiliges pflegte und liebte. Der Unterschied zwischen den altern und neuem Vereinen besteht nur darin, daß nach der Richtung jener Tage die ersten das Fromme und die letzten das Lebensfrohe zum Vorherrschenden machten, was die ! jetzt hinzugefügten Abendessen sehr natürlich herbeiführen mußten. Diese mit muntern Gesangen veredelten Abendtafeln sind in der That der Hauptunterschied zwischen Jetzt und Sonst-, denn was wir in den Einrichtungen der genannten greif- fenbergischen Gesellschaft fanden, finden wir in den unfern in genauester Übereinstimmung wieder. Daß aber die Freuden der Tafel und die Erhebung des Vergnügens durch Gesang keine neuen Erfindungen sind, ist wol gewiß, wenn uns auch namentlich von den Griechen nicht bekannt wäre, daß sie es für eine nothwendige Bildung hielten, bei ihren Schmaufereien die herumgehende Zither anzunehmen, um ihre Gesänge durch den Klang derselben zu unterstützen. Hätten sie harmonischen, ' d. h. mehrstimmigen Gesang gekannt, sie würden wie wir gleichfalls mehrstimmig i gesungen haben. Diesen Vorzug schöner vielstimmiger Harmonie haben wir der neuem Zeit und den Segnungen des Kirchlichen zu verdanken. Aus den ersten Zeiten solcher harmonischen Gesangskunst sind uns zwar nur Stücke für die natürlichen vier Stimmen und ähnliche übrig geblieben; dennoch sind auch vierstimmige Nannergesänge alter, als Mancher zu glauben scheint. Daß sie hingegen in der neuesten Zeit und am vorzüglichsten durch die Liedertafeln weit verbreiteter und in größern Massen erklingen, ergibt sich ohne Weiteres von selbst. Die meisten unserer Liedertafeln haben ihren Musikdirsctor, der aus ihrer Mitte gewählt wird. Bei einigen wechselt diese Würde, bei andern steht sie fest. Auch darin war der greiffenbergische Männerverein vorangegangen, auch er hatte seinen bestimmten Musikdirektor in der Person eines jungen Theologen, Benedict Lisiccus. In der ersten neuen Liedertafel zu Berlin übernahm der Stifter derselben, Professor Zelter, den Vorsitz und das Amt eines Direktors. Im Winter 1809 hatte er nämlich als Director der dortigen Singakademie 24 Männer derselben vereinigt, die zu bestimmten Zeiten, meist nach geendigter Akademie, sich zur gemeinschaftlichen Abendtafel an einem öffentlichen Orte versammelten, selbst gedichtete und selbst componirte Lieder vortrugen und die gutbefundenen dann in ihre Notenbücher einschrieben, deren jedes Mitglied ein eignes halten mußte. Die muntere Gesellschaft fand desto größere Theilnahme, je unwilliger die Meisten bereits den Druck der Gegenwart trugen, und je lebhafter die innere Kraft sich zu heben begann, jene Last des fremden Joches von sich zu schütteln. Schnell wuchs der Verein, und die Kraft der Lieder erhöhte nicht bloß die Lust an den Freuden der Ta- stl. Es entstand sogar in der Folge noch eine zweite Liedertafel in Berlin, die jüngere, welche unter Andern und vorzüglich von dem bekannten Componisten Bernhard Klein gegründet wurde. Beide Liedertafeln bestehen noch, sind in erwünschtem Flor und haben von Zeit zu Zeit mehre Hefte ihrer vierstimmigen Mannerlieder durch den Druck bekannt gemacht. Nachdem aber die denkwürdigen Anstrengungen des gesammtm deutschen Volkes, die Fesseln zu zerbrechen, einen glücklichen Aus- 888 Liedertafeln gang genommen hatten; nachdem die Schlacht bei Leipzig geschlagen worden war und jedes Deutschen Brust freier und höher schlug, verwandelten sich die Kriegsgc- sänge in Freudenlieder. An allen Orten tönte festlicher Gesang, und die Liedertafeln vermehrten sich schnell. Frankfurt an der Oder hatte zunächst nach dem Vorbilde des ersten berliner einen vortrefflichen Mannervercin gebildet. Darauf wurde in Leipzig der fröhliche Liederbund ins Leben gerufen. Die tüchtigsten Männer, meist schon durch Umgang und gebildete Bestrebungen befreundet, traten zusammen, und mit den Urzwölfern, wie sich der Stamm dieses Vereins nannte, begannen unausgesetzt bis zur Stunde fortgeführte Abenderholungen, die ihre Dauer dadurch zu sichern wußten, daß sie mit dem heitersten Scherz gebildeten Anftandes das nützlich Belehrende auf das Angenehmste vereinigten. Niemand hat Zutritt in diesen Männerkreis, als wer durch Composition, Dichtung und Gesang die Zwecke der Gesellschaft zu befördern versteht. So ist es bis jetzt geblieben; nur Sänger, Ton- und Wortdichter sind wahlfähig. Überhaupt hat sich dieser Verein durch wohlgeprüfte, gedruckte Gesetze eine ganz eigenthümliche, von andern verschiedene Einrichtung gegeben. Es ist hier mehr ein häuslicher Freundschaftsbund, der erfreuend belehren und belehrend erfreuen will. Die meisten andern Liedertafeln halten ihre Vereine an öffentlichen Orten, zwar in geschlossenen Zirkeln, doch so, daß Jeder Gäste mitbringen darf. Jeder zahlt dem Wirth, was er für sich und die Seinen verzehrt. Diese gewöhnliche Einrichtung der Liedertafelfeste hat das Gute, daß sie eine zahlreichere Vereinigung fast wünschenswerth macht; die Gesellschaft wird dadurch gemischter und das ganze Wesen derselben volksthümlicher, was in mancher Hinsicht und in gewissen Verhältnissen sehr zweckmäßig genannt werden muß. Wird hierbei die Freude allgemeiner und die Anregung für die Kunst, die Liebe zum Gesang verbreiteter, so wird dies Alles durch die leipziger Einrichtung inniger und tiefer. Hier kommt nämlich die Gesellschaft jeden Monat an einem für das ganze Jahr festgesetzten Tage im Hause eines ihrer Mitglieder zusammen. Die Mitglieder besprechen sich am Schlüsse des Liedertafeljahres über die Aufeinanderfolge der wechselnden Reihe der Bewirthung. Nach vertraulichem Gespräche beim Thee wird von 7—y Uhr eine regelmäßige Sitzung gehalten, wo vom gleichfalls wechselnden Secretair zunächst das Protokoll der vorigen Liedertafel verlesen wird, woran sich zur Erinnerung an das Vergangene der Vortrag zweier alten Protokolle reiht. Darauf werden die eingereichten Compositionen der Mitglieder gesungen, in deren etwaiger Ermangelung auserlesene Erzeugnisse fremder Tonsetzer vorgenommen und nach Befinden in die Fremdenbücher aufgenommen oder bei Seite gelegt werden. Sind die neuen Tondichtungen in drei verschiedenen Sitzungen wiederholt geprüft worden, wird durch schwarze und weiße Kugeln abgestimmt, ob das Lied aufgenommen werden soll oder nicht. Drei schwarze Kugeln verwerfen völlig. Jedes Mitglied besitzt sein eignes Stimmbuch, wo es eigenhändig die glücklich ballotirten Gesänge einschreibt. Die Partitur der Gesellschaft ist merkwürdig. Am 24. October wird alljährlich das Stiftungsfest gefeiert, wo auch die Frauen der Mitglieder die Freude erhöhen, wenn es der Wirth des Raumes wegen möglich machen kann. Diesen Tag erhält in der Regel Derjenige, den der Himmel mit einem neugeborenen Kindlein segnete. Ist kein glücklicher Hausvater mit vermehrter Familie vorhanden, so kann dies schon auch wol einem Großpapa zu Theil werden. An diesem Tage werden die Monatsbestimmungen der Zusammenkünfte für das nächste Jahr getroffen. Die Sommerliedertafeln werden von denjenigen Mitgliedern übernommen, die Gärten oder Landhauser besitzen, wo man dann Mittags sich versammelt. Die Sitzung wird in diesem Falle und gewöhnlich den ganzen Sommer hindurch bis in den Sept. von 12 — 2 Uhr gehalten. Selbst die gesellschaftlichen Fuhren haben ihr Ergötzliches. Der Verein zählt berühmte Manner. Von ihm sind die dessauer Linde 889 und die göttinger Liedertafel ausgegangen, deren Verhältnisse es jedoch nicht thun- lich machten, die Einrichtungen ihrer Abstammung beizubehalten. Wir kennen keine Liedertafel, die nicht öffentlicher wäre als die leipziger. Seit 1818 sind sie so allgemein geworden, daß die »misten Städte Deutschlands dergleichen Vereine pflegen. Viele haben sich jetzt bedeutend erweitert. In manchen sind alle Künstler ohne Unterschied wahlfähig, z.V. in Hanover; in einigen nehmen auch die Frauen und Töchter der Mitglieder daran nach Belieben Theil. Noch andere halten von Zeit zu Zeit sogenannte Provinzialliedertafeln, wo mehre solche Vereine an einem durch Umlausschreiben bestimmten Orte sich versammeln, um den Liederbund im Großen fester zu knüpfen. Einige solcher Provinzialversammlungen sind von den Mitgliedern der Magdeburger, der dessauer und leipziger Liedertafeln 1831 und 1832 in Kothen gefeiert worden. Manche dieser Gesellschaften haben ihre eignen Archive und namentlich einen köstlichen Festpokal von zierlich getriebener Silberarbeit, der mit dem Besten gefüllt wird, was der Traubensaft nur zu liefern vermag. Einen solchen Festpokal besitzen z. B. die berliner und die leipziger. Der letzte enthalt die eingegrabenen Namen der Urzwölfer und Derer, die an die Stelle der Hingeschiedenen, denen vom ganzen Verein die letzte Ehre erwiesen wird, aufgenommen worden sind. Den Deckel ziert eine Lyra und ein Schwan. Der berliner Pokal heißt nach einem ihrer geehrten Mitglieder Flemming, welcher unter Anderm das bekannte „lote- ger vitue" des Horaz in eine sehr ansprechende Melodie gebracht hat, wozu C, Schulz, Musikdirektor und Mitglied der Liedertafel in Leipzig, so gelungene deutsche Verse verfaßte, daß sie sich fast noch schöner den Tönen anschließen, als der lateinische Urtext, welcher vom Componisten nicht nach lateinischer Weise scandirt worden ist. Da die schöne Composition sich weit verbreitet hat, so theilen wir zu beliebigem Gebrauche die deutsche Wortanbildung den Freunden deutscher Dichtung mit: Hier, in des Abends traulich ernster Stille, Kann erst das Leben freudig sich gestalten; Hier, wo der Eintracht sanfte Geister walten, Stärkt sich der Wille. Eintracht und Liebe halten uns zusammen, Wie auch im Wechsel steigt und fällt das Leben. Aufwärts die Blicke! kräftigt euer Streben! Wahret die Flammen. , Rastlos und fröhlich treiben unsre Blüten, Wenn schon der Jugend Sterne abwärts zogen; Winken sie freundlich doch vom fernen Bogen Ruhe und Frieden. (81) Linde (Justin Timotheus Balthasar), ein Sohn des Rechtsanwalts Linde zu Brilon im Herzogthum Westfalen, wo er am 7. Aug. 1797 geboren wurde. Er besuchte das Gymnasium zu Arnsberg und studirte von 1816 —18 zu Münster, dann zu Göttingen und Bonn die Rechtswissenschaft. Nachdem er 18Zl) in Bonn promovirt hatte, habilitirte er sich als Privatdocent durch Verthei- bigung seiner Schrift : „He successinne germanica, inz»rimis pactitia", und wurde außerordentliches Mitglied des Spruchcollegiums. Er erhielt 1823 einen Ruf als außerordentlicher Professor der Rechte nach Gießen, wurde 1824 ordentlicher Professor und trat 1826 zugleich als Rath in das dortige Kirchen- und Schulraths- collegium, nachdem er 1825 einen Ruf nach Freiburg im Breisgau als Lehrer des deutschen Privatrechts und der römischen Rechtsgeschichte abgelehnt hatte. Bei seiner ausgedehnten juristischen Gelehrsamkeit und seinem klaren Vortrag war es nn großer Verlust für die Universität, als er 1829 als Ministerialrath nach Darmstadt abberufen ward. Als Referent in Universitatsangelegenheiten hat er be- Luiden Lindenau reits in vielfacher Hinsicht vorrheilhaft für diese Anstalt gewirkt. Bei der neuen Organisation des Großherzogthums erhielt er 1832 die Stelle eines Direktors des Oberschul- und Studiemaths mit Beibehaltung seines frühern Amtes. Außer einer großen Anzahl von Abhandlungen in den verschiedenen juristischen Zeitschriften schrieb er: „Abhandlungen aus dem deutschen gemeinen Civilproceß" (2 Bde., Bonn 1823—29); „Lehrbuch des deutschen gemeinen Civilprocesses" (3. Aufl., Bonn 1831). Von seinem „Handbuch des deutschen gemeinen bürgerlichen Processes" ist (Gießen 1831) der erste Theil erschienen, welcher die „Lehre von den Rechtsmitteln" enthält. Linden (Joannes van der), geboren am 23. Febr. 1756 zu Lindscharwoude in Nordholland, wo er von seinem Vater, Prediger des Ortes, in den klassischen Sprachen und andern Vorbereitungswissenschaften unterrichtet wurde, bis er in seinem vierzehnten Jahre die Universität Leyden bezog. Als er hier bis 1774 die Rechtswissenschaften studirt und nach der Vertheidigung seiner Dissertation „De ^ure vickuarum", die juristische Docrorwürde erlangt hatte, ließ er sich im Haag nieder, wo er mit dem ausgezeichnetsten Glück als Sachwalter arbeitete, bis ihn 1795 die Revolution, welche Veränderungen in der Gerichtsverfassung herbeiführte und auf die Verhaltnisse seines Wohnorts nachtheilig wirkte, zu dem Entschlüsse brachte, zuerst nach Leyden zu gehen und spater in Amsterdam sich niederzulassen, wo er seitdem als praktischer Rechtsgelehrter erfolgreich wirkte. Er feime 1824 sein fünfzigjähriges Jubiläum als Sachwalter durch eine Rede: „De bis, guae u causarum patronis potissimum vel ohservanäu vei vitancka esse per ckimiliium saecuü experientm me ckocuit", und von dem Obergericht und den Advokaten zu Amsterdam ward ihm zu Ehren ein glänzendes Festmahl veranstaltet. Später ward er zum Mitglieds des Tribunals zu Amsterdam ernannte. Er verdiente die Auszeichnung, die er von seinen Mitbürgern und seinem Monarchen erhielt, sowol durch seine vieljahrige praktische Wirksamkeit als durch seine literarischen Leistungen, unter welchen sich besonders zwei Werke: „VerbanäelinF ov«r cke ssickicieeie praktijk, of form van proceckeren voor cks Hoven van justitie in IlvIIanck" (2 Bde., Leyden 1794) und „RegstsAöleerck practicaal koopman's hanäboele" (Amsterdam 1806) auszeichnen, die ihm den Ruhm des ersten praktisch-juristischen Schriftstellers vor der Einführung der französischen Gesetzbücher erwarben. In den holländischen Colonien, sowol den dem Mutterlande verbliebenen als den an England abgetretenen, wo das alte Recht noch immer Gültigkeit hat, stehen L.'s Werke in so hohem Ansehen, als sie fast Gesetzbüchern gleichgeachtet werden und in den an England gekommenen westindischen Colonien eine amtliche englische Übersetzung der obengenannten Werke veranstaltet worden ist, die von den Gerichten gebraucht wird. (74) Lindenau (Bernhard August von), königlich sächsischer Staatsminister im Departement des Innern, wurde am ll. Jun. 1780 zu Altenburg geboren. Diese durch ihre Lage und feine Bildung der Bewohner angenehme, in bürgerlichem Wohlstand blühende Stadt hatte sein Vater, der früher in Dresden Appellati onsrath gewesen war, Dresden aber wegen eines ihm vom Oberconsisto- rium verweigerten nicht unbilligen Gesuchs verlassen hatte, zu seinem Wohnorte gewählt. Bas Rittergut Windischleuba (zur einen Halste) und der ansehnliche Polhof in Aldenburg, damals dem begüterten Vater gehörig, befinden ,sich noch jetzt im Besitze des Sohnes und werden sorgfältig unterhalten. L. hatte drei Brüder und eine noch jetzt im Holsteinischen lebende Schwester. Sein erster Hofmeister, Köhler, der jetzt eine Landpredigerstelle im Altenburg i- schen bekleidet, ertheilte ihm im väterlichen Hause einen gründlichen Unterricht in den alten Sprachen. Der damalige Generalsuperintendent Dr. Löber in Altenburg, ein Mann von großem Ansehen und musterhafter Würde, pflegte Lindenau L91 noch spater zu erzählen, daß der junge L. die katechetische Prüfung vor der Consir- mation lateinisch gemacht und die Beweise aus dem Neuen Testamente griechisch angeführt habe. So vorbereitet, bezog er schon 1794 die Universität Leipzig, da ein älterer Bruder zugleich mit ihm die Hochschule besuchen sollte, in Begleitung der Altern, die nur um ihrer Söhne willen Leipzig zu ihrem Wohnorte wählten. Dort verblieb er bis 1798. Seine Bildung war während eines vierjährigen Studienplans eine juristisch-kameralistische. Seine hauptsachlichsten Lehrer waren Sammt, Heidenreich, Haubold, Rau, Erhard, Einert, Stockmann, Weiße, Platner, Ernesti, Leonhardi, Wieland. Seine erste mathematische Bildung erhielt er durch Hindenburg, dessen Vortrage durch Gründlichkeit ersetzten, was ihnen durch Trockenheit abging. L. erlangte hier nach überstandener Prüfung und Ver- theidigung einer Dissertation die juristische Doctorwürde. Bald nach seiner Rückkehr, noch im Jahr 1798, wurde er als Assessor im Kammercollegium in Altenburg angestellt. Jugendliche Unerfahrenhcit und durch die lebhafteste Phantasie aufgeregte Leidenschaftlichkeit, die arglose Hingebung an nicht sorgfältig genug geprüfte Altersgenossen verlockten ihn auf Irrwege. Im Strudel der Vergnügungen wurden die ersten Jahre seiner Dienstzeit verlebt. Trübe Erfahrungen, der Verlust einer geliebten Freundin, die durch den Tod ihm entrissen wurde, brachten auf einmal den festen Entschluß in ihm zur Reife, sich von Allem zurückzuziehen. Er schloß sich Monate lang ein, nur seinen Büchern und Studien lebend. Im Jahr 1891 begann sein ernstes mathematisch astronomisches Studium. Ein günstiger Umstand kam zu Hülfe. Der Oberststallmeister von Hardenberg hatte sich vom Hofe in Gotha zurückgezogen, wo er bei dem Baron von Zach, dem Director der neuerbauten Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha, seit 1787 Manches gelernt und praktisch getrieben hatte. Dieser hatte große Freude an der Liebhaberei und dem ernsten Eifer L.'s und unterstützte ihn mit Rath und That, gestattete ihm den Gebrauch seiner Bibliothek und Instrumente und gewährte dem Wißbegierigen neidlos Alles, was er selbst darzubieten vermochte. Eine kleine Abhandlung, die L. über die Dimension des Erdsphäroids geschrieben und dem Obersten von Zach zugeschickt hatte, brachte ihm die freundlichste Einladung. Er kam nun auf die Sternwarte zu Zach, der ihn mit offenen Armen empfing, sein eigentlicher Lehrer für praktische Astronomie wurde und ihn an allen Beobachtungen sowie an den damals durch ganz Obersachsen organisirten Gradmessungen Theil nehmen ließ. Er blieb dabei noch immer Kammerrath in Altenburg, wohin er auch von Zeit zu Zeit zurückkehrte, bis er bei der endlichen Übernahme der Sternwarte Urlaub auf unbestimmte Zeit nahm. Da in der Folge Zach als Oberhofmeister die verwitwete Herzogin von Sachsen-Gotha, die mit ihm Jahre lang die schwersten astronomischen Berechnungen besorgt hatte, 1894 auf ihrer Reise durch das mittägliche Frankreich begleitete und eine längere Abwesenheit desselben vorauszusehen war, übertrug dieser L. die Direction der Sternwarte und die Redaction der von ihm an die Stelle der „Geographischen Ephemeriden", wegen welcher er mit Bertuch zerfallen war, gesetzte Zeitschrift: „Astronomische Korrespondenz zu Beförderung der Erd- und Himmelskunde". Als aber Zach >m Sommer 1805 zurückgekehrt war, trat L. in seine alte dienstliche Laufbahn im altenburgischm Kammercollegium wieder ein, ohne daß dadurch seine astronomischen Arbeiten unterbrochen worden wären. Allein nach dem völligen Abgange 3ach's 1808, wurde L. vom Herzog August, der ihm schon längst sein ganzes Zutrauen geschenkt hatte, förmlich zum Director der Sternwarte ernannt, wo er mit einiger Unterbrechung bis 1817 verblieb, und Sommer und Winter im Genuß einer gesunden Luft und einladender Fernschau, die selbst im Winter ihre eignen Reize hatte, fern vom Hofgeräusch, aber der höhern Politik nicht entfremdet, jeden wissenschaftlich Gebildeten mit Gastfreundschaft ausnehmend, aber am liebsten Lmdcuau unter den Stemm und Planeten, deren Lauf er berechnete, verweilte, ganz im Sinne des Bildes, welches der Herzog durch Grasst malen ließ und das dann auch in Kupferstich erschienen ist. Im Auftrage seiner Regierung arbeitete er 1809 für das pariser Depot genera! cke In guerre an Triangulirungen in Thüringen und Franken. Er denutzte 1812, wahrend der Feldzug nach Rußland rückwärts Alles in dumpfer Erwartung fesselte, die Gelegenheit, seinen Lieblingswunsch auszuführen und eine Reise durch Holland, Frankreich, einen Theil von Spanien und Italien zu machen. Als er von Paris aus einen Abstecher nach Eng- land machen wollte, verweigerte man ihm, aller vermittelnden Fürsprache nicht achtend, hartnackig die Passe. Indeß trat er doch mit den berühmtesten Mathe- matikern und Astronomen der damaligen Zeit, namentlich in Paris miOLaplace, F'M Lagrange, Delambre, Monge, Poisson, Biot, Bouvard, Humboldt, Prony, in nähere Verbindung. Im Herbst 1812 kehrte er von seiner Reise auf den See- berg zurück und blieb bis zur leipziger Schlacht dort unangefochten. Zwei Tage darauf saß er in Berechnungen vertieft in seinem Zimmer. Tausende waren auf der großen Heerstraße vorübergezogen, Keiner hatte sich bis zu dem 1?- Stunde entfernten Seeberg verirrt. Da stürmte plötzlich ein Trupp französischer Chas- seurs heran, sprengte mit Flintenkolben das Thor und stürzte in sein Zimmer. > Wahrend Einige die Bureaux aufbrachen und Alles, was Metallwerth hatte, raubten, nahmen Andere die Uhren, die vor dem Besitzer aufgestellt zu sein pflegten. Die Plünderung war allgemein, doch vergriff sich Niemand an den astronomischen Instrumenten und Chronometern des Observatoriums. Der Ei- ne, der ihm das Halstuch abriß, zwang ihn, in den Keller hinabzusteigen und fiel dort über die Weinflaschen her. So ausgeplündert, flüchtete sich L. gegen Abend in die Stadt, nachdem er die Instrumente so viel möglich in Sicherheit gebracht hatte. Am folgenden Tage fand er bei seiner Rückkehr bivouakirende Kosacken auf dem Vorplatze, andere hatten sich in den Gemächern einquartirt, aber nichts angerührt. Bei dem großen Völkerzug gegen Napoleon in Frankreich selbst commandirte der Großherzog von Weimar ein eignes Armeecorps. Karl August hatte stets L. mit großem Zutrauen ausgezeichnet, ihn über wissenschaftliche Gegenstände, besonders über Landkarten, die er mit großem Aufwand sammelte, und mathematische Werke befragt und in der Unterredung mit ihm, auch über militairische Streitfragen, großes Vergnügen gefunden. Jetzt foderte er ihn auf, ihn beim Feldzug nach Paris als Oberstlieutenant und Generaladjutant zu begleiten. Im März 1814 dort angekommen, erfuhr L. die Unannehmlichkeit, in einem Duell durch eine Schußwunde gefährlich verwundet zu werden. Eine schmerzliche Operation und langsame Heilung nöthigte ihn bis zum Aug. in Paris zu bleiben. An eine Reise über den Canal, auf die er es doch vorzüglich abgesehen hatte, war für jetzt nicht weiter zu denken. Jener Unfall wirkte aber auf sein Schicksal auch insofern ein, daß er nun zu weit höherer Bestimmung seinem Vaterlande erhalten wurde, denn ohne jene Verwundung würde er wahrscheinlich einem lockenden Rufe nach Rußland gefolgt sein, da ihm durch Kaiser Alexander die Stelle eines Generals beim kaiserlichen Generalstabe nebst der Direction der dortigen Vermessungsarbeiten angeboten worden war. Fürs erste kehrte er auf seine Sternwarte zurück und pries das kleine Land, dem er angehörte, glücklich, daß von ihm auf dem Länder und Seelen theilenden Congreß nie die Rede war. Als literarische Resultate seines Aufenthalts auf dem Seeberg dürften folgende Werke, die jedem Kenner der Sternkunde, auch außer Bode's „Jahrbüchern", bekannt genug sind, zu erwähnen sein: „Monatliche astronomische Correspondcnz", von welcher er während Zach's Abwesenheit in Frankreich und Italien, von 1807 —14, 14 Bände herausgab; ,,'1'ables burometrigues pour kaciliter !e culcul GiM'il, Lindenau 893 «Zes nivellemenZ et Ues me-ures tles llauteurs pur le llaromütre" (Gotha 1809); Makulae Veneris" (Gotha 1810, 4.); „labulae Marlis" (Eisenberg 1811, 4.), für die er vom pariser Institut den Lalande'schen Preis erhielt; ,,Iov«8tiAatio oovs orbitae a Nercurio circa Sttlem clescriptae" (Gotha 1813, 4.); „Geschichte der Sternkunde im ersten Jahrzehend des 19. Jahrhunderts" (Gotha 1811); „Zeitschrift für Astronomie und verwandte Wissenschaften" (6 Bde., E lbingen 1816— 18), die er mit B^hnenberger gemeinschaftlich herausgegeben. Zwei mit Liebe begonnene und gepflegte, Lheilweise bereits in der Handschrift vorhandene Arbeiten, ! isj „Das Leben der Astronomen" und „I^vcubratianes 8eeherAenses, ?asc!c. I", blieben unvollendet und vergebens hat er seit seinem Eintritt in den Staatsdienst eine günstigere Zeit zur Vollendung jener Lieblingsideen zu gewinnen gehofft, aber zu hoffen nie aufgehört. Das Leben der Astronomen gedachte er nach einem besondern Plane, halb Ideal, halb Wirklichkeit, so zu bearbeiten, daß er ein Musterbild eines Astronomen wie, er sein soll vollendet entwerfen, das Leben und die Wirksamkeit eines Newton, Halley, Keppler, Tycho-Brahe, Bradley u. s. w. aber nur zur Erläuterung einfügen wollte. Übrigens blickt der jetzt so hochgestellte und ^ das Wohl seines Vaterlandes zu jeder Stunde berathende Staatsmann noch jetzt mit einer stillen Sehnsucht auf jenen Aufenthalt auf dem Seeberg, auf das dortige freie geistige Wirken und die Abgeschiedenheit von allem Weltlichen, auf die Verbindung mit der ganzen wissenschaftlichen Welt, und, da so viele seiner geliebten Mitgenossen in den Wanderungen durch die Sternenräume schon zu höherer Anschauung berufen worden, auf das freundschaftliche Verhältniß mit den drei ersten noch lebenden deutschen Astronomen und Mathematikern, Gauß, Olbers, Bossel; ! ja, das ungestörte geistige Wohlfein jener Zeit mache diese Periode seines Lebens I zu der schönsten und glücklichsten. Encke, jetzt Direktor der herrlicher aufzubauenden berliner Sternwarte, von Gauß gebildet, erhielt bei L. seine letzte Weihe auf ^ dem Seeberg, wo jetzt Clausen aus Hamburg waltet. Die auf Olbers' Jubiläum I von L. in Übereinkunft mit dem damals noch lebenden Zach sinnreich erfundene und schön ausgeprägte Denkmünze hat noch vor drei Jahren ein öffentliches Zeugniß abgelegt, wie theuer ihm der alte Freundschaftsbund mit Olbers sei. Als sein viel- I jähriger Freund Zach, an dessen bis wenige Jahre vor seinem Tode fortgesetzten I oft pikanten „^»rresponckence ustroimmiczue" er große Freude hatte, 1832 in Paris starb, setzte ihn dieser zum Vollstrecker seines letzten Willens ein, ein sprechendes Zeugniß von dem unbegrenzten Zutrauen und der Liebe, die dieser nur von Wenigen richtig beurtheilte Mann stets zu L. gehabt hatte. Die Notwendigkeit einer Reform im altenburgischen Kammercollegium bewirkte L.'s Rücktritt ins Geschäftsleben. So wurde er nach und nach 1817 zum Vicekammerpräsidenten, 1818 zum Vicelandschaftsdirector, 1820 zum Geheimrath und Minister in Gotha ernannt. Mit dem Herzog Friedrich IV. erlosch 1825 unter sehr betrübenden Umständen der alte gorhaische Fürstenstamm. Schon während der ganzen Regierung des körperlich und geistig entkräfteten, äußerst schwächlichen letzten Sprößlings der gothaischen Speziallinie löste er mit ebenso viel Klugheit als Rechtlichkeit die schwierigsten Aufgaben, z. B. wegen der Versicherungs- acte, die der in Rom zur katholischen Confession übergetretene Fürst gleich nach dem Antritte seiner Regierung an seine Unterthanen ausstellte, wegen mancher die Selbständigkeit des regierenden Fürsten gefährdenden Anträge, wegen Regulirung der nicht unbedeutenden Privatschulden des Herzogs August u. f. w. Ganz natürlich mußte, selbst zur Beruhigung der ihrem Schicksal mit Bangigkeit entgegensehenden gothaisch-altenburgischen Lande, bis zur endlichen Ausgleichung der auf dem römhilder Vertrag sich gründenden Theilungsaniprüche L. an der Spitze binden. So trat er für die Zeit der Gesammtverwaltung der streitigen Erblande als Tesammtminister in den Dienst der drei Herzoge von Hildburghausen, Mei- Mktl 894 Lindenau ningen und Koburg. Es war um diese Zeit, daß L., um eine schwierige Unterhandlung mit der in Genua noch lebenden Herzogin Mutter schnell zu beendigen und um ihre Einwilligung zu erhalten, mit außerordentlicher Schnelligkeit eine Reise dahin unternahm. Das durch oft sehr entgegengesetzte Ansichten der Betheiligten und der ihm zugeordneten Rache erschwerte Dienstverhältniß erreichte bei Abschluß des gotha-altenburgischen Theilungsvertrags im Nov. 1828, worauf der König von Sachsen, als Senior beider Linien, dazu aufgerufen, durch zwei Commifsarien segensreich einwirkte, seine Endschaft. Friedrich August hatte bei dieser Veranlassung von L.'s gewissenhafter Gesammtverwaltung und umsichtiger Vermittelung aufs Neue so viel Gutes vernommen, daß der Gedanke, ihn für Sachsen zu gewinnen, selbst zur Verwunderung mancher Einheimischen, die bereitwilligste Genehmigung erhielt. L. trat in königlich sächsische Dienste als wirklicher Geheimrath und mit der Aussicht, als Bundestagsgesandter nach Frankfurt zu gehen. Da er bei seiner uneigennützigen Gesinnung in Gotha nie einen hohen Gehalt angenommen und nur die ihm als Landschaftsdirector in Altenburg gebührende, verhältnismäßig geringe Besoldung bezogen, Vieles dagegen aus seinen eignen Mitteln bestritten hatte, so zeigte er dieselbe Gesinnung auch bei seinem Eintritt in den sächsischen Staatsdienst und hat sie selbst bei der höchsten Stellung im Civiletat fortdauernd bewährt. Einige freie Monate, die ihm bis zu seiner diplomatischen Sendung blieben, benutzte er zu einem schnellen Ausflug nach Genua, Paris, Graubünden u. s. w., trat dann 182? an die Stelle des zum Conferenzminister ernannten von Carlowitz in den sächsischen Gesandtschaftsposten beim Bundestage ein, wurde 1828 auch beim König der Niederlande accreditirt, 1829 aber nach Dresden zurückberufen. Er verließ Frankfurt im Sept. 1829, ging über Amsterdam, Hamburg, Kopenhagen, Christiania, Stockholm nach Berlin und kam Ende Nov. 1829 nach Dresden, wo er als Director der Commerziendeputation und Mitglied des geheimen Raths im innern Dienst eintrat. Die vielfach bedrängten Handelsverhältnisse, die Ermunterung und Förderung der sächsischen Industrie und Gewerbthä- tigkeit, die verschiedenartigen Ansichten über den in Kassel gestifteten, durch Sachsen MM mr. damals besonders geförderten mitteldeutschen Handelsverein, nahmen sogleich seine 'McH'M ganze Thätigkeit in Anspruch, überall aber kam ihm, sei es bei seinem Erscheinen aus der leipziger Messe, oder beim Bereisen der vorzüglichsten Fabrikplätze Sach- WeittHr sens, wobei der in Chemnitz gestiftete, in ganz Sachsen verzweigte Jndustriever- Grunas ein vorzüglich seiner Aufmunterung genoß, das unbegrenzte Zutrauen Aller, die ihm ihre Anliegen vorzutragen und von ihm Rath und Weisung zu empfangen hatten, auf eine Weise entgegen, die seine fruchtbare Wirksamkeit nach allen Seiten hin kräftigte und erweiterte. Der von Lübeck ins Vaterland zurückgerufene Hofrath Gruner, bei dessen früh erfolgtem Tode er später innige und hülfreiche Teilnahme bewies, stand ihm dabei kräftig eingreifend zur Seite. Auch beschäftigte ihn die Oberaufsicht der königlichen Museen, welche ihm der Cabinetsminister von Einstedel, in der Überzeugung, daß sie da in den besten Händen wäre, abgetreten hatte. L., selbst Kenner der schönen Künste, selbst im Besitz einerreichen Büchersammlung, hat viele wesentliche Verbesserungen in mehren Museen, besonders in der Gemäldegalerie und durch Verwandlung der Rüstkammer in ein Nationalmuseum, mit seinen besten Nathschlägen und Einsichten befördert. Bei den Alles neu gestaltenden Maßregeln, welche die stürmischen Septembertage 1839 unerwartet schnell, doch lange vorausgesehen, herbeiführten, bethätigte sich das allgemeine Zutrauen, welches nicht bloß die Bewohner Dresdens, sondern auch das ganze Land auf die humane Mäßigung, freisinnige Denkart, vielerprobte Geschäftsthätigkeit und unerschütterliche Rechtlichkeit L.'s zu setzen angefangen hat- ^ > ten. Für den Cabinetsministerposten hatte der Wunsch der Nation und die Über- s' ^ M iß er j Lindenau 895 zeugung des nun zum Mitregentcn erhobenen Prinzen Friedrich unter vielen verdienten Mannern längst ihren Mann herausgefunden. L, wurde in derselben Stunde, wo der Cabinetsminister Graf Einsiedel seine Entlassung erhielt, an seine Stelle vom Könige ernannt. Was er bei den anfanglichen Berathungen in der außerordentlichen Landescommission, bei dem Meinungszwiespalte und den Kämpfen wahrend des constituirenden Landtags sechs Monate hindurch 1831 und bei der endlich am 4. Sept. vollzogenen Verfassungsurkunde gewirkt und beigetragen hat, wird die Geschichte des wiedergeborenen Sachsens ebenso treu berichten, als was er seitdem als Staatsminister des Innern für die Erweckung des constitutionnellen Lebens und zur Vorbereitung der im Jan. 1833 eröffneten neuen Ständevecsammlung theils unmittelbar der Prüfung des Königs und des Mitregenten vorgelegt, theils in den Sitzungen des Gesammtministeriums und des Staatsraths bera- then, oder als Vorstand seines Ministerialdepartements theils unmittelbar, theils mittelbar durch die von ihm ressortirer.den Landesbehörden, insonderheit der Lan- desdirecticn, gewirkt hat. Außerdem hat er auch das Direktorium der Com- mission für Straf- und Versorgungsanstalten übernommen, und dabei eine sehr umfassende und schwierige Verwaltung bis in alle Einzelheiten zu leiten; mit besonderer Vorliebe widmet er sich der ihn sehr beschäftigenden Aufgabe, Verbrecher durch geregelte Zucht und Arbeit zu bessern, Gemüthskranke zu heilen, verwaiste und verwahrloste Kinder zu erziehen. Viele, die nur seine Wirksamkeit im Großen kennen und preisen, ahnen es kaum, daß derselbe Mann auch der strengmilde Vater so vieler Unglücklichen ist. Es ist ihm eine heilige Angelegenbeit, durch zeitgemäße Umgestaltung der Anstalten zu Zwickau, Waldheim und Braunsdorf (die daselbst bestandene Waisenerziehungsanstalt wurde in eine Corrections- und Erziehungsanstalt für verwilderte Kinder und jugendliche Verbrecher umgewandelt) nach den besondern Bedürfnissen der Zeit und des Vaterlandes umzugestalten. Dabei ist er seinem ursprünglichen Vaterlande A'ltenburg bis auf die neueste Zeit Leiter und Rathgeber geblieben, sowie 1818 die erste tüchtige Begründung der Finanzverfassung des Herzogthums von ihm als dem Vorsitzenden der Landschaft, ausgegangen war. Vom Herzoge zum Landtagspräsidenten ernannt, eröffnete er die neue constitutionnelle Ständevecsammlung am 12. und 13. Inn. 1832 mit zwei denkwürdigen Reden, worin er seine innigste Überzeugung mit der edelsten Freimüthigkeit aussprach und offen sein Glaubensbekenntniß ablegte. „Wir wollen, daß die im Grundgesetz ausgesprochene Gleichheit der Rechte aller Staatsbürger vor dem Gesetze zur strengen Wahrheit werde, daß jede willkürliche Verfügung über Person und Eigenthum, jedes Vorrecht der Geburt und des Vorurtheils verschwinde, daß Jeder im richtigen Verhaltniß zu den Staatslasten beitrage und daß Wischen Landesherm und Unterthanen nichts innen stehe, als Verdienst und Würdigkeit"; und wieder am folgenden Tage, wo er die schönen Worte über die Preß- fmheit, als Wächter des Rechts, sprach, noch die Erklärung: „Nach meiner Ueber- Mgung sind Erblichkeit des Landesherrn und monarchische Rechte, beschränkt durch eine ständische Verfassung, die einzige Grundlage, auf der unsere deutschen Staaten Ruhe, Sicherheit und Wohlstand finden und erhalten können." Sowie er hier sieben Monate vor der großen Zusammenberufung der ersten vom ganzen Volke gewähl- ren oder nach der Verfassungsurkunde sich vereinigenden Abgeordneten sich im kleinen Kreise erklärt hatte, so ist er nun auch bei jeder Veranlassung zum Sprechen in bei- benKammern des Königreichs in jedem Wort diesen Ansichten tr. u geblieben, gleich ssm von ungesetzlicher Nachgiebigkeit und Behauptung des starren Buchstadens, r>n unbestechlicher Anwalt der gerechten Mitte, die nie sich selbst will. Alles ist ^hr, wenn er in gediegener und klarer Rede nur überzeugen von Dem, wovon ^ selbst innig durchdrungen ist, nicht überreden will. Manchem vielleicht uner- ^rtet, hat er auch in seiner Stellung zu beiden Kammern, wenn und wo es gilt, «- , / ,, X 896 Lindenau eine Kraft entwickelt und eine Festigkeit, deren Verbindung mit der ihm eignen Humanität und Milde man für unmöglich hielt, da sie allerdings schwer und selten ist. Er löst dadurch aufeigenthümliche Weise die Aufgabe eines deutschen con- stitutionnellen Ministers unserer Zeit; diese Lösung wird ihm allerdings sehr erleichtert durch das erfreuliche Verhältniß gegenseitiger Anerkennung und Eintracht mir seinen Collegen, die mit ihm in demselben Geiste wirken, da sie selbst, jeder Rede kundig, das Kennen und Können in sich vereinigen. Das Zutrauen der Nation, der er sein Alles opfert, ist ihm Alles, und so mag es gemeint sein, wenn Er, den nie Volksgunst, nie Eitelkeit oder Eigennutz blendete, es bei mehren feierlichen Gelegenheiten muthig aussprach, daß er einen hohen Werth auf die öffentliche Meinung und das öffentliche Vertrauen lege, weil nach seiner Uberzeugung ein conftitutionneller Minister nur mit diesen bestehen könne und abtreten müsse, sobald er dessen verlustig werde. Aber man muß auch durch äußere und innere Mittel, durch körperliche Würde und geistige Vorübung, durch die höchste Einfachheit im Sein und Umgang, besonders aber durch die so seltene innere Klarheit und Harmonie, durch die so voll- standige Herrschaft über sich selbst, durch solch eine glückliche Organisation und durch das dadurch bedingte Gleichgewicht zwischen Verstand und Gemüth alle die Eigenschaften besitzen, die hier beisammenstehen und deren Dasein selbst entschiedene Misgunst nicht abzuleugnen vermöchte Als im Nov. 1828 das neue Regiment in dem dreifach getheilten gotha-altenburgischen Lande begonnen und die drei bis jetzt noch fungirenden Minister von Trützschler, von der Becke und L. ihre völlige Entlassung erhalten hatten, beschlossen die Bürger von Gotha ihren gefühltesten Dank gegen den unvergleichlichen Steuermann und seine zwei Midship- men feierlich auszusprechen. Sie wählten zu ihrem Vorsprecher den beredtesten und redlichsten Wortführer, den sie in ihrer Mitte finden konnten, den Oberbibliothekar und Hofrath Jacobs. Die von ihm verfaßte Adresse: „Gothas Dank am Schlüsse der Zwischenregierung, ausgesprochen von den Bewohnern des Landes" (Gotha 1828, 4.), wurde durch eine Deputation übergeben, hat aber nie die Grenzen ihrer eigentlichen Bestimmung überschritten, so sehr sie es auch durch Inhalt und klassischen Vortrag verdient hätte. Darum mag hier ein Theil der Anrede an den abgehenden zu irgend einer Gunsterweisung nicht mehr befähigten Minister stehen: „Sie verbreiteten in kurzer Zeit die von Ernst ll. gegründete Anstalt über ganz Europa. Aber damals erkannten wir in Jhn-n nur den kenntnißreichen Gelehrten, den unermüdlichen Beobachter und den in stiller Aurückgezogenheit einzig seiner Wissenschaft lebenden Mann. Als aber August Emil Sie durch freundliche Worte dem gewohnten Geschäfte entlockte, um sich Ihrer als Freund und Berather zu erfreuen, erfuhren wir, nicht ohne freudige Überraschung, daß sich auch hier der Menschenkenner bewährt habe. Wie von einem der größten und weisesten Menschen des Alterthums gerühmt wird, daß er die Weisheit vom Him- ^ mel auf die Erde herabgerufen, so stiegen Sie von den erhabenen Räumen, an de- i/ nen Ihre Blicke bis jetzt allein zu hängen schienen, in den engen Kreis nützlicher ^ Geschäfte herab. Mit demselben Eifer, mit dem Sie bisher die Gesetze des Welt- alls beobachtet und festgestellt hatten, beachteten Sie jetzt, was dem Lande zur ^ Wohlfahrt gereichte; auch das Geringere verachteten Sie nicht, und kein Gegen- ^ stand, wie verwickelt er immer sein mochte, ermüdete Ihre Geduld. Wenn jener HI^ Kanzler eines französischen Königs den Anfoderungen eines bedrängten Landes mit der Entschuldigung auswich, er sei nicht des Landes sondern des Königs Rath, so waren Sie der Rathgeber des Landes wie Ihres Fürsten, und seine Freund- ^ schaft zu Ihnen wuchs in dem Maße, in welchem der Dank des Ihnen verpflichteten Volkes lauter und inniger wurde. Ihren Namen feierte jeder Mund, denn jede nützliche Anstalt, jedes Unternehmen, das dem Lande Vortheil verhieß, Alles, Lindner 897 was zur Aufmunterung der Wissenschast, zur Ausbreitung nützlicher Kenntnisse, zur Beförderung des Handels und der Gewerbe, was zur Veredlung der Ansichten des bürgerlichen Lebens und seiner Geschäfte beitrug, fand an Ihnen einen aufmerksamen Beobachter, einen kundigen Berather, einen ermunternden Vorgänger. Und sollen wir nicht in diesem Augenblicke, wo unser Herz von den mannich- faltigsten Gefühlen überwallt, auch Das aussprechen, was zu einer andern Zeit die Ehrfurcht zu sagen verbieten würde ? Wenn Sie durch offenkundiges Verdienst unfern Dank, durch weisen Rath unsere Bewunderung gewonnen hatten, wurden Ihnen nicht dann auch durch den Zauber der liebenswürdigen Freundlichkeit, die jede Ihrer Äußerungen begleitete, alle Herzen zugewendet? Wer hat je Ihre Geschäfte unterbrochen und Sie nicht heiter gefunden ? Wer hat nicht von Ihnen, wo er es bedurfte, die bereitwilligste Belehrung erhalten? Wer ist nicht, wenn auch seine Wünsche unerfüllt bleiben mußten, dennoch befriedigt weggegangen? oder wer hat in einem solchen Falle jemals gezweifelt, daß unbest'egliche Hindernisse, nicht Gunst oder Ungunst, daß Gründe des gemeinsamen Wohls, nicht persönliche Rücksichten, seinen Wünschen entgegenständen? Darumsehen wir Sie mit tiefen Schmerzen aus unserer Mitte scheiden, darum beneiden wir den Fürsten und das Volk, das sich künstig mit Ihren Einsichten und Tugenden schmücken wird!" Fürwahr, könnte je der beklagenswerthe Fall eintreten, daß der Lebende den königlich sächsischen Staatsdienst verließe, würde sich das sächsische Volk in seinen unfehlbar dann ihm auszudrückenden Dank- und Wehmuthsäußerungen auch nur ein Wort von Dem abdingen lassen, was schon damals ein kleiner sächsischer Volksstamm so rührend und so kräftig aussprach ? Und wie viel würde das überströmende Gefühl hinzufügen müssen? Seine persönliche Würde, die nie eines Ordensbandes bedurfte, seine nur Zutrauen einflößenden Züge im sprechenden Auge und um die beredten Lippen, seine hohe Einfachheit in seinen Bedürfnissen und täglichen Umgebungen, seine streng geordnete Zeiteintheilung, die es ihm möglich macht, jedes schriftliche Anliegen, jede persönliche Bitte zu beantworten, sind nur der allgemeinen Beobachtung offen liegende Erscheinungen in einem Mann, dessen sich aufopfernde Staatsthätigkeit, wenn sie oft auf Genüsse geistiger und geselliger Unterhaltung verzichtet, um so höher gestellt werden mag, als er für das Alles den lebendigsten Sinn hat und aus dem Schatze seines Wissens- und Erfahrungskreises mit der ihm eignen Heiterkeit stets mehr zu geben als zu empfangen bereit wäre. Das Alles, verbunden mit der gesetzlichsten Rechtlichkeit und Aer offenherzigsten Wahrheilsliebe, wo die Pflicht nicht zu schweigen gebietet, kann erwähnt werden, da es dem public cburacter angehört. Seine häuslichen Tugenden, seine Gewissenhaftigkeit, seine gefühlvolle Menschenliebe und stets und im Großen sich erweisende Wohlthätigkeit gehören vor einen andern Richterstuhl und werden da erst ihre volle Würdigung finden, wo man den hochgestellten Staatsminister über dem noch höher gestellten Menschen vergißt. (55) Lindner (Friedrich Ludwig), Doctor der Medicin und politischer Schriftsteller, seit längerer Zeit privatisirend in München, ward geboren zu Mitau in Kurland im Oct. 1772. Sein Vater war ein angesehener Prediger, sein Oheim ein ausgezeichneter Arzt, Beide vertraute Freunde des berühmten Hamann, in dessen Briefwechsel ihre Namen und Blätter häufig vorkommen. Unter solchen edeln Vorbildern und geistreichen Einflüssen entwickelte der Knabe und Jüngling schnell und glücklich die schönen Anlagen seines heitern Geistes. Nach seinen im Vaterlande zurückgelegten sehr guten und umfassenden Schulstudien reiste er nach Deutschland, um sich in Jena dem Studium der Arzneiwissenschaft zu widmen. Seine schnelle Fassungskraft und sein gewandter Eifer ließen ihn ohne Anstrengung die erfolgreichsten Fortschritte machen, fein frohes Naturell und die frische Regsamkeit feines Jugendsinnes gewannen ihm enthusiastische Freunde, unter wel- Conv Ler. der neuesten Zeit und Literatur. II. 57 898 Lindner chen der später in Hamburg ansässige vr. Veit und Ludwig Wieland, der Sohn des Dichters, besonders zu nennen sind. Nicht geneigt, nach Kurland zurückzukehren, ergriff er nach vollendeten Studien die ihm dargebotene Gelegenheit, sich in der Welt weiter umzusehen, und lebte eine geraume Zeit in Wien, wo er die Arzneikunst ausübte, von der er jedoch in der Folge sich mehr und mehr abgezogen suhlte bis er sie gänzlich aufgab. Nach mancherlei Wechsel von Verhältnissen, die seinen Sinn leicht anzogen, aber selten befriedigten, und worin bald literarische Thätig- keiten, bald politische Richtungen ihn beschäftigten, zog er sich wieder nach Jena und Weimar, wo er unter Anderm sein „Gemälde der europäischen Türkei" (Weimar 1813), ein gründliches Werk, soweit die damaligen Quellen zureichten, herausgab- Als ein unabhängiger Mann hatte er in politischen Dingen immer seine Meinung und Neigung da angeknüpft, wo ihm die gute Sache vorzugsweise erscheinen wollte, und so war er aus einem leidenschaftlichen Anhänger der Franzofen ein ebenso heftiger Widersacher ihrer Oberherrschaft geworden. Gleichwol nahm er in dem Maß, als Napoleon unglücklich wurde, wieder Theil an diesem, und konnte deshalb in seinen Gesinnungen, die ganz der deutschen Sache angehörten, von Manchen verkannt werden. Er suchte daher auch keineswegs der siegenden Seite sich anzuschließen und in ihr, so leicht ihm dies gewesen wäre, ein sogenanntes Glück zu machen, sondern setzte, durch eine Heirath hauslich beglückt, ein ruhiges Privatleben fort. Unerwartet führte 1817 der Zufall ihm eines der geheimen Bulletins zu Gesicht, in denen Kotzebue feine Ansichten und Nachrichten von der deutschen Literatur dem russischen Ministerium aufzudringen suchte. Er sah mit Empörung die redlichsten Männer verleumdet, ihre Äußerungen böslich entstellt, und im Gefühle des gerechten Unwillens that er, was allerdings ein Misbrauch und gewiß nicht Klugheit war, er nahm Abschrift von dem Bulletin und theilte es Freunden mit, die es zum Druck beförderten. Das Aufsehen war allgemein, Kotzebue schrie über Verrath der Regierungsgeheimnisse, und obwol L. jedem Angrisse muthig Rede stand, und auch strengere Casuisten seine Handlung gar nicht so tadelnswerth, in jedem Fall aber zu entschuldigen und seine Motive löblich fanden, so hatte er doch so viel Verdruß und Verunglimpfung zu leiden, daß er seinen bisherigen Aufenthalt verließ und nach dem Elsaß reiste, wo sein hochbetagter Oheim seit langen Jahren lebte und ihn liebevoll aufnahm. Sein Name und feine Talente waren durch diese Geschichte nur um so bekannter geworden, und es knüpften sich ihm desto leichter neue vor- theilhafre Verbindungen im südlichen Deutschland an, wo durch mancherlei Umstände das politische Interesse gerade höchst ausgeregt war. Eine Reise zum Con- gresse nach Aachen scheint mit jenen Umständen in Verbindung gewesen zu sein. Seinen dauernden Aufenthalt aber nahm er darauf in Stuttgart, wo er mir Evita eine neue Zeitschrift: „Die Tribüne", unternahm, welche zur Beilegung der wür- tembergischen Verfassungssachen sehr kräftig mitwirkte. Auch gab er hier eine Ubersetzung von Bailleul's Werk gegen Frau von Stael mit wichtigen Anmerkungen heraus, und arbeitete an den „Politischen Annalen". In dieser Zeit wuchs seine durch Freunde noch gesteigerte Vorliebe für Napoleon immer mehr, und wurde nach dessen Tode zu einer Art von Cultus. Gleichzeitig scheint er im engsten Vertrauen eines deutschen Hofes gestanden und dessen Interesse, wie überhaupt das des südlichen Deutschlands, lebhaft befördert zu haben. Allgemein wenigstens bestand die noch nicht widerlegte Meinung, daß solchen Verhältnissen das berühmte „Manuscript aus Süddeurschlmd" entsprungen sei, welches 1820 unter singirtem Druckort erschien, durch die Kühnheit der Ansichten und Sprache, sowie durch die Art der Mittheilungen das größte Aufsehen erregte, in Deutschland verboten, in England und Frankreich hingegen übersetzt und begierig gelesen wurde. Auch ein singirter Bericht eines Diplomaten, der im Druck erschien, und von Seiten des östreichischen Hofes eine eigne Kritik in einer diplomatischen Circulardepeche veran- ''A ZW "MM. '^»i/ Lindner 899 laßte, wurde noch dieser nämlichen Quelle zugeschrieben. Reisen nach Frankreich und England, nach welchem letztern Lande ihn ein dortiger Staatsmann eingeladen hatte, gaben seinem regen Geiste nur neue politische Nahrung. Indessen ließ der künstliche Standpunkt einer rein süddeutschen Politik in den großen Verhaltnissen sich kaum für einen Fürsten, geschweige denn für einen isolirten politischen Schriftsteller lange halten, und das Talent rang vergebens gegen das Ubergewicht der Umstände. Schon war diese Richtung fast aufgegeben und L.'s persönliches Verhältniß, wie es scheint, größtenteils wieder gelöst, als eine Warnung, seine geheimen Papiere zu verbrennen, ihn vielmehr veranlaßte, unter dem Titel „Geheime Papiere" seine pikantesten Aufsätze gesammelt herauszugeben. Wie man über Inhalt und Richtung seiner Schriften auch sonst urtheilen mag, und wenn man sie noch so sehr haßt und verdammt, immer wird man gestehen müssen, daß sein Talent zur politischen Schriftstellern außerordentlich ist, und bei uns Deutschen geradezu einzig wäre, stände nicht aus der Gegenseite das noch größere des Herrn von Gentz vor Augen. Die lichtvolle Auffassung, die gewandte Darstellung, die logische Folgerungsweise, die Richtigkeit und Rundung des Ausdrucks, welche Beiden eigen sind, wüßten wir wenigstens keinem Dritten auf diesem Gebiete beizumessen. Unter andern befindet sich in L.'s Sammlung ein Aufsatz zur Verteidigung einer frühern, in den „Annalen" abgedruckten Diatribe über die Diplomaten; diese letztere war am Bundestage zur Sprache gebracht und von einem Bundesgesandten zum Gegenstand einer heftigen Kritik gemacht worden; gegen diese nun führt L. seine Sache mit einer so siegreichen Polemik, mit so scharfer, pressender Consequenz, mit so schlagendem Witz, und dabei in so gediegener, gebildeter und gemessener Form, daß wir in unserer Sprache nichts Ähnliches zum Vergleiche bringen können, sondern an Pascal und Beaumarchais zusammen denken müssen. Diese Schrift mag indeß dazu beigetragen haben, L.'s Beziehungen in Würtemberg zu verändern, er verließ Stuttgart und nahm wieder eine Zeitlang seinen Aufenthalt im Elsaß. Von hier begab er sich 1326 nach München, wo ihm eine neue Freistatte angeboten wurde und er die Redactwn der „Politischen Annalen" erst allein, dann in Gemeinschaft mit H. Heine übernahm. Man sing nach und nach an, sich zu überzeugen, daß L. eigentlich keiner politischen Partei und noch weniger einer Faction angehöre, nie demagogische Sachen getrieben habe, und zwar im Ganzen dem Liberalen angehöre, aber nur im weitesten Sinne und eigentlich nicht einmal recht den Constitutionnellen, die ihm eine Nebensache zur Hauptsache zu machen schienen und die er in allen Ländern als entschiedene Feinde Napoleons erkennen mußte. Man ließ ihn gewähren und fand ein ganz gutes und billiges Auskommen mit ihm; sein außerordentliches Talent wurde gerechter anerkannt und weniger angefochten. Der Antheil für die Griechen führte ihn der Politik seines eigentlichen Vaterlandes wieder zu, und die russische Regierung nahm ihn unter ihren Schutz. Als Baiern mit Preußen einen Handels- und Zollvertrag abschloß, zeigte er in einer besondern Schrift die Vortheile dieses wichtigen Schrittes, der beiden Staaten zum größten Ruhme gereichen müsse, und erhielt dafür vom Könige von Preußen ein huldreich belobendes Schreiben. Auf diese Weise glücklich ausgesöhnt mit den bestehenden Verhältnissen und von ihnen sogar begünstigt, blieb er gleichwol in seinerschriftstellerischen Unabhängigkeit, und brauchte seine Ansichten und Grundsätze nicht zu verändern, um gegen manche Richtungen der Zeit zu sprechen, denen man ihn als befreundet aus Jrrthum vorausgesetzt hatte. Ist es doch dahin gekommen, daß neuere Wortführer ihn, weil er auch die Regierung, wo er es recht findet, zu vertheidigen weiß, des Übertrittes zum Servilismus beschuldigt haben! Uns aber sollte es ebenso wenig wundern, wenn ein so redlicher, eigenthüm- I'cher und begabter Schriftsteller, in welchem ein so echt deutscher, nach den ihm wirklich aus der Sache zugekommenen Eindrücken seine Überzeugung jedesmal neu 57» 900 Lindpaintner bestimmender Charakter wohnt, durch die Wendung der Ereignisse und Verkettung der Umstände auch wieder ebenso unverdient in den entgegengesetzten Geruch zrlrückversiele. Wie dem aber auch sei und werden möge, unter die ersten Talente unserer politischen Literatur wird L. stets zu rechnen sein und seine Schriften in dieser als classisch gelten. Als 1832 die „Bairische Scaatszeitung" begann, erhielt L. die Redaction derselben, und führte sie während der kurzen Zeit, wo dieses Blatt bestand. Lindpaintner (Peter Joseph), würtembergischer Hofcapellmeister zu Stuttgart, ward 1791 zu Koblenz geboren. Sein Vater, Jakob, war ausgezeichneter Tenorist aus Righini's Schule am Hofe des letzten Kurfürsten von Trier, Clemens Wenzeslaus. Mit der Sacularisation des Kurfürstenthums löste auch die Capelle sich auf, und der Vater L. folgte seinem Fürsten in der Eigenschaft eines ersten Kammerdieners und Reisecassiers nach Augsburg. Hier wurde L. vom fünften Jahre an erzogen, besuchte das katholische Gymnasium und Lyceum, und lag bis zum sechzehnten Jabre den Studien od. In der Musik, die er als Nebenbeschäftigung, doch leidenschaftlich trieb, erhielt er den ersten Unterricht auf der Violine von dem kurfürstlichen Musikdirector Plödterll, der als Solospieler und Dirigent gleich ausgezeichnet war, und im Clavierspicl und Generalbaß vom Domcapell- meister Witzka. Sein Talent war zu entschieden und das innere Gefühl zu mächtig, als daß ein anderer Beruf dem Jünglinge hätte genügen mögen. Der kunstliebende Kurfürst sandte ihn zur Erlernung der Composinon zu Winter nach München, unter dessen Leitung L. seine erste Oper: „Demophovn", eine Messe und ein Tedeum schrieb, welche sämmtlich 1811 aufgeführt wurden. Er sollte nun zu seiner ferner» Ausbildung nach Italien reisen, als plötzlich sein Wotllthäter 1812 starb, und L. sich durch die Umstände genöchigt sah, die Stelle eines Musikdirectors bei dem eben neu errichteten Hoftheater am Jsarthore anzunehmen, welcher er bis 1819 vorstand. Er setzte indessen seine Studien im Gebiete der höhern Tonwissenschaft bei dem bekannten Contrapunktisten Joseph Graz unermudct fort; da aber durch das Aufblühen des neuen münchener Hof- und Natiom.ltheaters das Theater am Jsarthor nach und nach verfiel, folgte L. dem Rufe zurDirection der königlichen Hoscapelle in Stuttgart, die unter seiner Leitung in Pracision, Reinheit und Kraft des Vortrags gleich trefflich ward. Als Dirigent weiß er das Orchester tüchtig zusammenzuhalten und jedes musikalische Werk zur gelungenen Ausführung zu bringen, wobei die kräftig geleitete Capelle, in welcher Molique, Schunke, Krafft, Krüger u. A. wirken, von ausgezeichneten Sängern, Häser, Hambuch, Pezold, Katharina Wallbach Canzi, Haus, unterstützt wird. L.'s Composilionen zeugen von einem in der Theorie gründlich bewanderten Geiste und haben Melod e, Charakter und Ausdruck. Die große deutsche'Oper in der Weise, wie sie als dramatische Musik von Weber und Spohr behandelt wird, hat an L. gleichfalls einen verständigen Bearbeiter gefunden, wiewol auch dessen Lieder und Singspiele, z. B. „Der blinde Gärtner. oder die blühende Aloe", durch Innigkeit, Anmuth und Leben zu den besten dieser Art zu rechnen sind. Einen Reichlhum von Melodie hat L. besonders in dem bekannten Ballet „Joco" entwickelt. Sein jüngstes Oratorium: „Der Jüngling von Nain", ist in kirchlichem Ernste gehalten, einfach und sangbar und mit schönen Chören ausgestattet. Außer diesen nennen wir noch folgende Werke als die ausgezeichnetem: „Moses Errettung", Melodram; Musik zur Deklamation von Schillers „Glocke"; die Opern: „Timantes" (eine Überarbeitung des „Demophoon"); „Die Rosenmadchen", „Der Vampyr" (Text von Cäsar Heinze), „Die Amazone" (Text von Ludwig Rodert); die Ballette: „Agla>a", „Zephyr und Rose", „Zella"; eine große Anzahl von Jnstrumentaleonccrtcn, die zum Theil weithin bekannt und geschätzt sind, wie denn überhaupt Wenige zu einer ahnlichen Meisterschaft in der Instrumentation gelangt sein mögen. (61) Lingard 901 Lingard (John), lebte als katholischer Priester zu Ncwcasile am Tyne in der Grafschaft Northumberland, als er zuerst 1805 in seiner Schrift: „tutlmlic vililiicateti", zur Vertheidigung seiner Glaubensgenossen gegen protestantische Schriftsteller auftrat. Je mehr, besonders seit der Union Irlands und Großbritanniens, die wichtige Frage über die von den Katholiken gefoderten Rechtsge- wahrungen auf den Kampfplatz gebracht wurde, desto heftiger regte sich der Widerstand der AnHanger der bischöflichen Kirche, die vorzüglich die staatsbürgerliche Pflichttreue der einem fremden Oderhaupt unterworfenen Katholiken in Zweifel zu setzen suchten. Wie L. in der angeführten Schrift diesen Zweifel zu entfernen sich bemühte, so trat er 1807 abermals in die Schranken gegen einen von dem Bischof von Durham 1806 erlassenen Hirtenbrief (ctmr^e) an die Geistlichkeit seines Sprengcls, der ahnliche Angriffe gegen die Katholiken aussprach. Dies gab Anlaß zu einem lebhaften Streite, an welchem mehre tüchtige Manner Theil nahmen. L. faßte seine Antwort 1808 in einer Flugschrift zusammen, in welcher er seine Bemerkungen über den Hirtenbrief des Bischofs vertheidigte. Durch Zeugnisse der Geschichte suchte er die Unterthanentreue der britischen Katholiken zu beweisen in seinen „Oocuments to 38certaiu tüe seutiments of biitisü cuttrolics in formen ages" (London 1812), worauf er auch gegen eine Schrift des gelehrten Bischofs von Peterborough mit seinen „8trictures on Doctor Narsü's com^arative view ostko cburcbes ofLnglanü auck Uome" (London 1815) in die Kampsbahn trat. Die Behauptung, die er in dieser Schrift aufstellte, daß die englische Kirche jünger als die römische sei, reizte den verstorbenen Theologen Kipling so sehr, daß er L. mit einer Klage drohte, wenn nicht der Beweis dieser Behauptung beigebracht würde. L. war durch diese Streitigkeiten auf das Gebiet der Geschichte geführt worden, und weil er bei seinen Forschungen eine polemische Absicht im Auge hatte, konnte ^ er sich leicht in einer Stimmung befestigen, mit welcher Unparteilichkeit und Wahrhaftigkeit nicht vereinbar waren, sobald das Parteiinteresse, für dessen Verfech- I tung er Waffen im Zeughause der Geschichte suchte, auf seinem Wege lag. Diese Richtung zeigte sich schon in seinem verdienstlichen, aus fleißiger Forschung hervorgegangenen Werke: ,,^atitimtie8 ot tüe Haiglo ctlurctr" (2 Bde., London 1809), entschiedener aber und beharrlich verfolgt trat sie hervor in seiner „Ilistor)' of Kn^Ianck tili tberevolutiou vf 1688", die von 1819 — 31 in 8 Quartdanden und gleichzeitig in 14 Octavbanden zu London erschien. Die Absicht, die katholische Kirche und Geistlichkeit in England gegen protestantische Gcschichtschreiber zu vertheidigen, findet in den ersten Banden dieses Werks weniger Gelegenheit scharf hervorzutreten, wiewol schon die Darstellung der Streitigkeiten zwischen Heinrich II. und Beckct den gewandten Verfechter der Hierarchie zeigt, und man kann sich seiner gründlichen Entwicklung der angelsächsischen Zustande, die den schatzbarsten Theil seiner Untersuchungen bilden, meist ungestört erfreuen; sobald aber die Reformation als ein entscheidendes Moment in das Volksleben eintritt, wird die Parteilichkeit des Geschichtschrci- bers um so verführischer, je größer seine Sachwaltergcwandtheit ist und je gründlichere Kenntnisse dazu gehören, den unredlichen Darsteller zu erkennen, der bei dem täuschenden Schein der Unbefangenheit bald Thatsachen verschweigt, bald künstlich verschleiert, bald absichtlich entstellt. In den letzten Banden des Werkes, welche die Geschichte der Stuarts auf dem englischen Throne erzählen, ist L. bei aller geheimen Hinneigung zu Karl II. und Jakob II. im Ganzen weit unparteilicher, und diese Partie des Werkes ist auch durch gute Benutzung der Quellen reich an neuen Aufschlüssen. Wo er in die Geschichte Schottlands hinübergeht, hat er sich viele Unrichtigkeiten zu Schulden kommen lassen, die ihm der gründliche Tytler nachgewiesen hat. L.'s Styl ist klar und einfach und in den spatern Banden des ! Werkes gebildeter als in den frühern, wo die verfehlte Nachahmung Gibbvn's stö- 902 List rend wirkt; doch sinkt er oft unter die historische Würde und erhebt sich fast nie zu kräftiger Lebendigkeit. Sein Werk hat im Ausland fast mehr Aufsehen erregt als in England, wozu besonders auch die Bemühungen der Ultramontanen beigetragen haben. Die französische Übersetzung desselben wurde bei dem Unterrichte in den höhern Lehranstalten benutzt. Eine von dem Freiherrn von Salis begonnene, von Berly fortgesetzte Verdeutschung erschien zu Frankfurt a. M. (14 Bde., 1828 — 33). Nach der Vollendung seines Werkes besuchte L. das Festland und hielt sich einige Zeit in Rom auf, wo er große Auszeichnung genoß. Als er 1832 nach England zurückgekehrt war, verbreitete sich die falsche Nachricht von seinem Tode. List (Friedrich), geboren 1780 zu Reutlingen, war als Lehrer der Staatswissenschaften zu Tübingen bis 1818 angestellt, wo er sein Amt niederlegte. Er wurde zu derselben Zeit von einigen deutschen Kaufleuten über den Entwurf einer Eingabe an den deutschen Bundestag, in Betreff des neuen preußischen Zolltarifs, zu Rathe gezogen, und machte den Vorschlag, einen ganz Deutschland umfassenden Verein der angesehensten deutschen Kaufleute und Fabrikanten zu stiften, der zum Zweck hatte, völlige Freiheit des Verkehrs im Innern Deutschlands und ein kraftiges Schutzsystem gegen das Ausland zu bewirken. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall bei den auf der Messe zu Frankfurt am Main anwesenden Kaufleuten und Fabrikanten. Nach wenigen Tagen trat der Verein ins Leben und L., zum Con- sulenten desselben ernannt, überreichte eine von demselben beschlossene Adresse an den Bundestag, deren volksthümliche Tendenz und kraftige Fassung die Aufmerksamkeit des ganzen deutschen Publicums, sowie aller Regierungen auf diesen Gegenstand lenkte. Schnell verbreitete sich der Verein über ganz Deutschland, und um die Regierungen für seine Zwecke zu gewinnen, schickte er Deputationen an alle deutsche Höfe und spater 1820 an den Ministercongreß zu Wien, welche L., in seiner Eigenschaft als Consulent, begleitete. In Wien wurde der Abschluß eines Präliminarvertrags zwischen verschiedenen deutschen Staaten des zweiten und dritten Ranges bewirkt, mittels dessen dieselben übereinkamen, auf einem in Darm- stadt zu haltenden Handelscongreß die Mittel zu einer deutschen Handelsvereinigung in Berathung zu ziehen. Hier wurde der Grund zu allen nachfolgenden Han- delstractaten zwischen den verschiedenen deutschen Regierungen gelegt. (Vergl. DeutscheZoll- und Handelsvereine.) Wahrend der Verhandlungen in Darmstadt ward L., der sich früher schon durch seine Opposition gegen die sogenannte altrechtlerische Partei und durch seine Anhänglichkeit an das System desHerrn von Wangenheim ausgezeichnet hatte, von seiner Vaterstadt Reutlingen zum Abgeordneten bei der würtembergischen Ständeversammlung erwählt. Da L. glaubte, daß die entworfene Verfassung nur die Grundbedingungen der constitu- tionnellen Freiheit enthalte, und daß, um dieselbe ins Leben einzuführen, eine entsprechende Reform sämmtlicher Institutionen der Justiz, der Finanzen und der Administration unumgänglich nöthig sei, so glaubte er einen von seinen Commit- tenten erhaltenen Auftrag zu Entwerfung einer Petition über den allgemeinen Zustand des Landes, dazu benutzen zu müssen, einen seinen Zweck entsprechenden Reformplan aufzustellen, welcher besonders auch dazu dienen sollte, der durch eine Menge unbedeutender Motionen zersplitterten Thätigkeit der Kammer eine bestimmte Richtung zu geben. Diesen Entwurf wollte L. lithographiren lassen. Während aber derselbe sich noch unter der Presse befand, ward er von einem Poli- zeiagenten ausgespürt, dem geheimen Rath überbracht und von diesem dazu benutzt, L. in den Anklagestand zu versetzen und auf den Grund dieser Anklaggffeine Ausschließung aus der Ständeversammlung eu verlangen. Dieses die Freiheit und die Privilegien der Kammer gefährdende Begehren fand bedeutenden Widerspruch und namentlich trug die niedergesetzte Eommission durch Uhland, als Berichterstatter, mit Nachdruck darauf an, dasselbe zurückzuweisen; es gelang jedoch der Regie? 5" List 903 nmgspartei ihre Absichten durchzusetzen. Mehre von Stadien und Oberämtern eingereichte Adressen, in welchen bezeugt ward, daß L.'s Entwurf nichts enthalte, dessen Wahrheit nicht von jedem würtembergischen Bürger beschworen werden könnte, wurden von der Kammer zurückgewiesen; ja es verlauteten sogar einige Summen, welche darauf antrugen, Fünfhundert der angesehensten Bürger von Heilbronn, die sich besonders kraftig für L. verwendet hatten, in Anklagestand versetzen zu lassen. L. wurde den ordentlichen Gerichten ausgeliefert unter der Bestimmung, daß, wenn ihn keine infamirende Strafe träfe, er seine Stelle in der Kammer wieder einzunehmen hatte. Aber Jahre verflossen nach seinem Austritt, ohne daß etwas von dem Gang oder Ausgang des Processes verlautete. Endlich, im April 1822, vernahm man, L. sei in eine infamirende Criminalstrafe verurtheilr und habe sich in das Ausland begeben, was um so mehr in Erstaunen setzte, als man allgemein die Anklage für eine List gehalten hatte, wodurch nichts weiter als eine Abkühlung der Reformpartei bezweckt werden sollte. Welches Verbrechen L. verübt habe, wurde nicht angegeben und selbst die bittersten Gegner L.'s beschrankten sich darauf zu sagen, L.Habe in der Form gefehlt, eine Angabe, welche wenig aufklaren konnte. Doch war man nicht ungeneigt, zu vermuthen, daß irgend ein Polizeivergc- hm zu Grunde liegen dürfte; und um so größer war das Erstaunen der Unparteiischen, als die Untersuchungsprotokolle des Processes im Druck erschienen („Thenns", zweites Bandchen, Zürich 1823), indem man daraus ersah, wie Alles, was an Thatsachen vorlag, sich darauf beschrankte, daß eine an sich unverfängliche Petition lilhographirt worden war, wie man aus Mangel an allen beschwerenden Thatsachen L.'s Schuld in den Worten der Petition hatte finden wollen, und wie, um sie da zu finden, die Worte und Ausdrücke der Petition aus ihrem Zusammenhang gerissen, willkürlich zusammengestellt und der offenbaren Absicht des Verfassers entgegen ausgelegt worden waren. L.'s Petition verlangte weder mehr noch weniger, als was seitdem von allen Verstandigen in allen constitutionnellcn Staaten verlangt worden ist, unabhängige Gemeindeverwaltung, periodische Wahl der Gemeindevorsteher, freie Concurrenz der Notare, Ablösung der Zehnten und Fcudal- gefälle, Verkauf der Staatsdomainen, Aufhebung der Staatsfabriken und Monopole, Vereinfachung des Abgabensystems, Einkommensteuer, Reduktionen im Staatsdienst, Landrathe, Geschworenengerichte, Öffentlichkeit der gerichtlichen Verhandlungen, eine neue Criminalgesetzgebung und jahrliche Landtage. Die Schilderung der Gebrechen im Justiz-, Finanz- und Verwaltungswesen ist kurz und bündig, aber ganz allgemein gehalten, und mit der ausdrücklichen Bemerkung begleitet, daß dieselbe frühern Zeiten zur Last falle, und daß das Volk den wvhlwol- lenden Absichten der gegenwärtigen Regierung, diesen Beschwerden abzuhelfen, alle Gerechtigkeit widerfahren lasse. Wie hieraus eine Absicht, die Regierung herabzuwürdigen, die Staatsdiener zu beleidigen und Misvergnügen unter dem Volke zu verbreiten, abgeleitet werden könne, ist schwer einzusehen; die Gerichtshöse scheinen es aber nicht für zweckmäßig gehalten zu haben, durch die Bekanntmachung ihrer Entscheidungsgründe die Urtheile zu entkräften, welche in den verschiedenen literarischen Zeitschriften über diesen Proceß ausgesprochen worden sind. Nicht minder seltsam als Anklage, Proceß und Urtheil, ist der Ausgang dieser Sache. Man weiß davon nur so viel, daß L. einige Zeit in Festungsarrest gesessen, daß während seines Arrestes eine neue Criminalanklage gegen ihn verhangt worden (wegen Bekanntmachung der erwähnten Untcrsu- chungsprotokolle, wie es heißt) und daß er hierauf ganz unvermuthet und plötzlich mit seiner Familie sich nach Pennsylvanien eingeschifft.hat, wo er seit 1825 lebt, ohne seine Proceßsache je wieder in Anregung gebracht zu haben. Er soll sich 1832 in Geschäften der amerikanischen Regierung in Paris befunden und bei dieser Gelegenheit einen Vorschlag zu einem ganz Frankreich verbindenden System von ' it Vi 904 Littrow Eisenbahnen bekannt gemacht, und in dieser Beziehung die Nothwendigkeit einer Revision der französischen Expropriationsgesetze, welche auch in der Session von .1833 zu Stande kam, zuerst zur Sprache gebracht haben. L. ist auch der Urheber eines Plans zu einer bairisch - hanseatischen Eisenbahn (s. dessen „Mittheilungen aus Nordamerika", erstes Heft, und „Nachtrag" dazu, Hamburg 1829), mittels welcher der Süden von Deutschland mit der Nord- und Ostsee in Verbinduno gesetzt werden soll, und für deren Ausführung neuerlich in Kassel sich ein Verein gebildet hat. Er selbst soll in Nordamerika ein sehr bedeutendes Unternehmen dieser Art zu seinem eignen Vortheil und mit Glück ausgeführt haben. Littrow (Joseph Johann), geboren am 13. Mar; 1781 in der Stadt Bischofteinitz in Böhmen, wo fein Vater als Kaufmann lebt. Seine Vorältern stammen aus Liefland, das sie zu Ende des 17. Jahrhunderts nach einem Brandunglücke verließen, um zu ihren Verwandten nach Böhmen zu ziehen. Die erste Erziehung genoß L. in der Stadtschule seines Geburtsortes, bis er 1793 aus die lateinischen Schul«! zu Prag kam und 1798 die dortige Universität bezog. Nachdem er der Reihe nach in allen sogenannten Facultätsstudien, der Rechtsgelehrsamkeit, der Arzneikunde und selbst der Theologie, sich versucht hatte, ging er als Erzieher der jungen Grafen Renard, aus dem berühmten Geschlechte der Eolonna, auf ihre Güter in dem östreichischen und preußischen Schlesien, wo er in der Einsamkeit des Landlebens ganz der schönen Literatur und in den spätem Jahren der Mathematik und Astronomie lebte, mit welchen beiden Wissenschaften er sich ohne fremde Anleitung, bloß durch Bücher bekannt zu machen suchte. Er wurde 1807 zum Professor der Astronomie an der Universität zu Krakau ernannt. Die Erwartung einer glücklichen Zukunft wurde 1809 durch das Einrücken des französischpolnischen Heers vernichtet. Die Universität wurde aufgelöst, und L. ging, dem Rufe des damaligen Ministers der Aufklarung, Grafen Rasumowski, folgend, als Professor der Astronomie an die Universität Kasan. Nach sieben dort glückiich verlebten Jahren wurde er von dem Palatin von Ungarn an die eben vollendete Sternwarte auf dem Blocksberg in Ofen berufen, wo er im Jul. 1816 ankam, aber in seinen Erwartungen getäuscht wurde. Nachdem er drei Jahre in den widrigsten Verhältnissen gelebt hatte, wurde er im Jun. 1819 zum Director der Sternwarte und Professor der Astronomie an der Universität zu Wien ernannt. Hier entwickelte sich in den günstigsten Verhältnissen schnell seine wissenschaftliche Thätigkeit in zahlreichen und allgemein geschätzten Schriften, und er wirkre durch seine beliebten Vorträge, welchen selbst junge Astronomen aus Würtemberg, Baiern, Preußen, der Schweiz zueilten, unterstützt durch eine neue Sternwarte, die ganz den gegenwartigen Bedürfnissen der Wissenschaft angemessen ist, und in Beziehung auf ihre Instrumente und auf ihre innere Thätigkeit mit den vorzüglichsten Sternwarten Europas wetteifert. Er schlug mehre glänzende Anerdietungen des Auslandes aus und lebt hier zufrieden seiner Wissenschaft in der Mitte seiner Familie. SeinenEmpfchlun- gen und seiner eifrigen Unterstützung des verborgenen Talents dankt schon mancher würdige Mann das Glück seines Lebens. Von seinen Schriften erwarben ihm besonders seine populairen Vorträge über die interessantesten Gegenstände der Sternkunde auch außer der eigentlich astronomischen Welt ungetheilten Beifall, die er in der „Wiener Zeitschrift für Kunst und Literatur" mittheilte. Zahlreiche Aufsätze streng wissenschaftlichen Inhalts sind zerstreut in den Acten der Petersburger Akademie, in den Memoiren der königlich astronomischen Gesellschaft zu London, in Bode's „Berliner Jahrbuche", in Lindenau's „Zeitschrift für Astronomie". Von seinen größern Werken, die sämmtlich in Wien erschienen, erwähnen wir: „Theoretische und praktische Astronomie"(3 Bde., 1821—27); „Über Höhenmessungen durch Barometer" (1821); „Analytische Geometrie" (1823); „Populaire Astronomie" (2 Bde., 1825); „Elemente der Algebra und Geometrie" (1827); zZM dchrdie »Km«"' «M, Arid, AM Liturgiewesen 905 „Kalendariographie, oder Anleitung, alle Arten Kalender zu verfertigen" (1828); „Vorlesungen über Astronomie" (2 Bde., 1830); „Dioplrik, oder Anleitung zur Verfertigung von Fernröhren" (1830); „Gnomonik, oder Anleitung zur Verfertigung der Sonnenuhren" (1831); „Uber Lebensversicherungen und andere Versorgungsanstalten" (1832); „Annalen der k. k. Sternwarte in Wien" (12 Bde, Fol., 1821 - 32). Liturgiewesen. I. Liturgieveränderung. Die Liturgie oder die Form der öffentlichen Gottesverehrung und der Verrichtung der pfarramtlichen Handlungen soll a) dem Liturgen das wesentliche Materials der Handlung und dessen Aufeinanderfolge vorschreiben und die Form bestimmen, in welcher er handeln und sprechm soll; t>) für die Gemeinde aber soll sie die Thcilnahme an der Handlung regeln und die Gedanken und Gefühle in ihr erwecken, welche die Natur der Handlung fodert. Die Liturgie muß durch religiöse Würde der Form das Gemüth erheben und zugleich die in der Gemeinde herrschenden religiösen Ansichten aussprechen. Veraltet daher die Form, oder andern sich die religiösen Ansichten der Gemeinden, so muß auch die Liturgie verändert werden. Die römische Kirche gestat- i tet keine Veränderung in dem Dogma und in den Gebrauchen. Doch geschahen in neuerer Zeit in Deutschland Vorschlage zur Veränderung der katholischen Liturgie (von Blau, Dorsch, Werkmeister, Winter, Busch, Batz u. A.), man sing in Schlesien und andern Orten an, den Gottesdienst nicht mehr in lateinischer, sondern in deutscher Sprache zu halten, sowie der Pfarrer Chatel (s. d.) in Paris seit 1831 die Messe französisch hält. Auch dieJudcn singen an, ihren Gottesdienst (in Berlin, Weimar, Frankfurt, Dessau, Hamburg) in deutscher Sprache zu halten. In der evangelischen Kirche gab es nie eine allgemein geltende Liturgie, und Luther wollte darin keinen Zwang gebraucht, sondern fortschreitendes Verbessern gestattet ! wissen. Dennoch bildete sich durch Luther's Einfluß in Deutschland ein ziemlich ^ gleichmaßiger Typus der Liturgie aus, wie dw alten Kirchenagenden bis zum 18. ! Jahrhundert zeigen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts aber begann die classische Bildung der deutschen Sprache und eine große Umwandlung in den Glaubensansichten, wodurch die alten Liturgien in Form und Dogma unpassend wurden. Die Geistlichen fanden daher ein Bedürfniß, die Liturgie zu verändern. Es erschienen eine Menge neuer Formulare für die einzelnen pfarramtlichcn Handlungen, sowol in liturgischen Magazinen (von Hermes, Fischer, Salzmann, Hufnagel, Pfaff, Pratje, Seiler, Wagnitz u. A.), als auch in besondern Schriften und Journalen der praktischen Theologie. Zugleich erschienen mehre ganze Kirchenagenden im Geiste der neuern Zeit, theils von Privatpersonen, theils von öffentlichen Behörden. Manche kleine Feste, auch in manchen Landern die dritten Feiertage zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten, wurden entweder abgeschafft oder auf die nächsten Sonntage verlegt. Die Consirmation, die in der Mitte deö 18. Jahrhunderts noch nicht überall üblich war, wurde allgemein eingeführt und von den Liturgen mit Vorliebe bearbeitet. In den preußischen Staaten wurde eine jährliche Feier der Siegestage bei Leipzig (18. Ott.), Paris (30. März) und Belle Alliance (18. Jun.), ingleichen eine Todcenfeier der im Jahre Verstorbenen am letzten Tage des Jahres (letztere auch im Altenburgischen) eingeführt. Auch mir der Theorie der Liturgie beschäftigte man sich, ohne daß man jedoch darin zu einem genügenden Resultat gelangte. Es fehlte indeß nicht an Vorschlägen aller Art theils in öffentlichen Blättern, theils auch in besondern Schriften, wie von Spazier, Wolfrath, Cbristiani, Burdorf, Himmerlich, Thomasius, Jemsch, Neinhold, Spieß, Mohn, Breitenstein, Müller, Fritsch, Block u. A. Unwillen erregte es, daß Horst in seiner „Mysteriosophie, oder über die Veredlung des protestantischen Gottesdienstes" (2 Theile, Frankfurt a. M. 1817), wieder einen, die katholische Messe vertretenden Act eingeführt wissen wollte (den jedoch die preußische Agende in den Altargesängen wirklich realisi'rt hat), 906 Lilurgiewescn und noch mehr, daß Feßler's „Liturgisches Handbuch" (Riga 1823) sich zu katholischen Grundsätzen hinneigte. Keinen Beifall fand die deistische Liturgie des Englanders William (übersetzt Leipzig 1785), so wenig als die des Englanders Priestley (übersetzt Berlin 1786), noch weniger aber der Einfall Paalzow's, der in seinem „Ästhetischen Christenthum" (Lemgo 1819) die Gottcsverehrung durch religiöse Tänze dargestellt wissen wollte. Das meiste Aufsehen erregte die Liturgie in der neuen preußischen Kirchenagende, nicht sowol durch ihre an sich unbedeutenden Neuerungen im Cultus als vielmehr deshalb, weil sie in Form und Dogma wieder ganz auf die Reformationszeit zurückging. II. Liturgisches Recht oder Liturgierecht heißt die Befugniß, liturgische Formen zu machen oder machen zu lassen und öffentlich einzuführen. Der Streit über die neue preußische Kirchenagcnde gab Veranlassung zu Erörterung dieses Gegenstandes. Die Gegner der preußischen Agende beriefen sich auch darauf, daß der Landesherr das Recht gar nicht habe, eine neue Agende selbst zu machen und deren Einführung anzubefehlen. Da versuchte die „Kritik der preußischen Kirchenagende" (Frankfurt am Main 1823) geschichtlich zu erweisen, daß die Landesherren dieses Recht allerdings hätten. Das preußische Ministerium empfahl diese Schrift des Professors Augusti zu Bonn öffentlich, als eineDeduction, welche unwidersprechlich erwiesen habe, daß die Pfarrer verbunden seien, die vom Landesherr» ausgegangene Agende anzunehmen. Desto lebhafter regte sich nun der Widerspruch, da es sehr leicht war, die Gehaltlosigkeit der von Augusti vorgebrachten Beweise darruthun. Dieses that mir scharfer Dialektik Schlciermacher in seiner Schrift „Über das liturgische Recht evangelischer Landesfürsten; ein theologisches Bedenken von Pacisicus Sincerus" (Göttingen 1824), dem bald andere Beurtheilungen folgten, von Schröter, Bretschneider, Schuderoff, Schmidt, Schulz und Andern. Doch fanden sich auch Vertheidiger der Ansicht Augusti's, indem Marheineke („Über die wahre Stelle des liturgischen Rechts", Berlin 1825) dem Landesherrn das liturgische Recht aus den Grundsätzen der Hegel'schen Philosophie zu vindiciren suchte, Ammon („Die Einführung der berliner Hoftir- chmagende geschichtlich und kirchlich beleuchtet", Dresden 1825) zu gleichem Behuf einen Gang durch die alte und neuere Geschichte machte, und noch mehre Andere in Preußen (Rosenancr, Weidemann, Goltz, Schmaltz u. A.) die Rechte des Landesherrn verfochten, wozu auch Augusti selbst zuerst eine „Nähere Erklärung über das Majestätsrecht in kirchlichen, besonders liturgischen Dingen" (Frankfurt a. M. 1825), und darauf noch einen „Nachtrag zu der Schrift: Nähere Erklärung ?c." (Bonn 1826) hinzufügte. Es ist wol offenbar, daß überall nichts darauf ankommt, wie es mit dc-m liturgischen Rechte bei den Hebräern, den Juden, den Griechen, Römern, den christlichen Kaisern oder sonst in diesem oder jenem Lande gehalten worden sei; denn das Geschehene an sich kmn nie einen Rcchtsgrundsatz bilden. Auch kommt nichts darauf an, ob zur Resormationszcit Fürsten oder Magistrate Agenden herausgegeben haben, da Das, was im Drange großer Verwirrungen und in einem noch ungeordneten Kirchenwcfen geschieht, nicht zur unbedingten Rechtsregel erhoben werden kann. Man muß vielmehr theils auf die in den Kirchenbekenntnissen öffentlich sanctionirten Grundsatze, theils auf die Natur der Sache selbst sehen. Die augsburgische Confession schreibt nun im 28. Artikel, „Von der Bischöfe Gewalt", den Bischöfen und Pfarrern ausdrücklich die Befugniß zu, die Ordnung des Gottesdienstes der Schrift gemäß zu machen; und Dasselbe fo- dert auch die Natur der Sache. Man muß unterscheiden: eine Liturgie oder Agende machen und die gemachte einführen, oder ihr öffentlich Autorität geben. Von einem Rechte, Agenden zu machen, kann eigentlich nicht die Rede sein, da es ja sich von selbst versteht, daß man zu jeder Sache solche Leute gebrauchen müsse, welche die Sache vermöge ihres Berufs eigentlich und gründlich verstehen sollen; Liturgiewesen 907 also zur Gesetzgebung Rechtsgelehrte, zu einer Medicinalordnung Ärzte, zu einer Mlitairverfassung Kriegskundige, und zu einer Liturgie oder Agende Gottesgelehrte und Prediger. Dabei ist es überflüssig zu fragen, ob das liturgische Recht in der Gemeinde ruhe oder ein Majestätsrecht sei; denn es trägt nichts aus, woher die Gottesgelehrten und Prediger den Auftrag bekommen, die Liturgie zu ordnen, sondern es kommt nur darauf an, daß si e ihn bekommen und keine Andern. Der von ihnen verfertigten Liturgie aber die öffentliche Sanction zu ertheilen und i sie einzuführen, kann nur allein dem Kirchenregenten, es sei ein Fürst oder ein Magistrat, zustehen. So ist es auch in Wahrheit bei der Reformation gehalten worden, und man wird schwerlich irgend eine Agende aufstellen können, die nicht von Gottesgelehrten gemacht worden sei, wenngleich sie im Namen der Fürsten ' oder Magistrate publicirt und eingeführt worden ist. III. Kirchenagende heißt das von der obersten Kirchenbehörde autorisirte Buch, welches die Form der öffentlichen Gottesverehrung und der kirchlichen Handlungen bestimmt und die dabei zu gebrauchenden Formulare enthalt. Die Form der Gottesverehrung und der kirchlichen Handlungen muß für die Geistlichen bindend sein, damit das äußerliche und sichtbare religiöse Leben die nöthige Einheit bekomme; die Formulare aber sollten nicht auf gleiche Weise bindend für die Geistlichen sein, sondern ihnen hierin gestattet werden, nach Beschaffenheit der Umstände abzuwechseln. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts beHals man sich mit den alten Agenden, die meist aus der Reformationszeit herstammten. Von da an wurden, aus Gründen, welche wir oben (I.) berührt haben, Versuche gemacht, neue Kirchenagenden aufzustellen, die in Form und dogmatischem Gehalte dem Bedürfnisse einer aufgeklartem Zeit entsprachen. Kirchenagenden von Privatpersonen, ohne Autorität, erschienen von Seiler (Erlangen 178?), Junge (Nürnberg 1799), Velthusen (Bremen 1801), Breitenstein (Halle 1804), Gutbier (Leipzig 1805), Scherer (Frankfurt a. M. 1805), Mehliß (Hanover 1805), ! Frosch (Breslau 1805), Lindemann (Lüneburg 1808), Sintenis (Leipzig 1808), Wvllgast (Breslau 1811), Reuß (Gotha 18? 1), Feßler (Riga 1823), Wimmer (Leipzig 1829) und Andern. Verbesserte Kirchenagenden unter der Autorität der obern Kirchenbehörde wurden in vielen Ländern und Städten eingeführt, i z. B. in der Pfalz 1783, in Kurland (durch Wehrt) 1785, in Hamburg (durch I Pauli) 1788, bei den lutherischen Gemeinden in den östreichischen Erblandern 1788, und vermehrt und verbessert wieder 1829, in Oldenburg 1795, in Schles- j wig-Holstein (durch Adler) 1797, in Pfalz-Sulzbach (durch Wetze!) 1797, in Anhalt-Bernburg (durch Paldamus) 1800, im Königreiche Würtemberg und in Schweden 1809, im Königreiche Sachsen 181?, im Fürstenthum Arnstadt (durch Busch) 1821, zu Basel 1820 w. Alle diese Agenden Huldigren in Form und Materie den Fortschritten der Zeit, am meisten, und mehr als rathsam war, die schleswig-holsteinische Agende. Desto größeres Aufsehen erregte es, daß die preußische neue Agende in Form und Materie wieder ganz zum 16. Jahrhundert zurückging. Schon 1787 war vom Presbyterium zu Königsberg und einigen andern Gemeinden auf Fertigung einer neuen Agende angetragen worden, und ein gleicher Antrag wurde 1798 durch den Oberconsistorialrath Sack beim Ministerium gemacht, weil die Formulare der alten, noch gesetzlich gültigen Agende „einer vernünftigen christlichen Erbauung eher hinderlich als förderlich seien". Der König verordnete dazu am 5. Aug. 1798 eine Commission von drei lutherischen (Teller, Zöllner, Hecker) und drei resormirten Theologen (Sack, Couard, Meierotto), von deren Arbeiten aber nichts bekannt geworden ist. Das Unglück des preußischen Staats in den Jahren 1806 und 180/ wirkte insofern auf diese Angelegenheit ein, als, dem Vernehmen nach, das Anhören der schönen Äechselgesange zwischen Priester und Chor in der griechischen Hofkirche zu Peters- 908 Liturgiewesen bürg die erste Veranlassung für den frommen König von Preußen gewesen sein soll der evangelischen Liturgie etwas Ähnliches zu wünschen. Nach der Wiederherstel- ^Dii^ lung des Staats 1814 faßte man den Plan, die Lutheraner und Reformirten Zzu einer evangelischen Kirche zu vereinigen, und diese Vereinigung durch eine neue, ^ für beide Theile passende Liturgie zu besiegeln und durch letztere auch die unter den ^ Predigern eingerissene liturgische Willkür zu beendigen. Ein Cabinetsbefehl vom 17. Sept. 1814 verordnete eine besondere Commission (Ribbeck, Hanstein, Ey- lert, Sack und Offelsmeyer), um Vorschlage zur Kirchenvereinigung und zu Verbesserung des Cultus zu machen, „weil die Form des evangelischen (des reformirten) Gottesdienstes das Erbauliche und Feierliche nicht habe, welches zur Erhebung und Ergreifung nöthig sei". Ohne daß man von den Arbeiten dieser Commission etwas vernommen hatte, und, wie es scheint, ganz ohne ihre Mitwirkung, wurde 1816 eine neue Form des Gottesdienstes in der Hof- und Garnisonge- B meinde in Potsdam und in der Garnisonkirche in Berlin eingeführt, die dann 1821 und verbessert als neue Agende 1822 erschien, welche nun bei der ganzen Armee, allen Garnisongemeinden und Militairinstituten, nach einem Eabinetsbe- fehl vom 14. Febr. 1822, sogleich und ganz eingeführt, nach einem Befehl vom WM 19. Febr. 1822 aber an alle Consistorien gesendet werden sollte, um sie den lFeist- lichen vorzulegen, wobei es wohlgefällig bemerkt werden sollte, wenn die Geist- «mW? liehen die Einführung dieser Agende wünschen würden. Ihr Charakteristisches war, daß sie den Gesang vor der Predigt auf einige Verse beschrankte und statt der Lieder eine Altarhandlung des Predigers einführte, bestehend in Wechselgesan- gen zwischen ihm und einem Sangerchor, in dem Verlesen des apostolischen Glaubensbekenntnisses, der Epistel und dem Evangelium und dem Aussprechen der allgemeinen Fürbitten, die sonst als Kirchengebet nach der Predigt gesprochen wurden. Auf die Predigt folgte ein einziger Liedervers, und nach diesem schloß der Prediger mit dem Segen aus der Kanzel. Die Dauer des Gottesdienstes sollte nur auf eine Stunde beschrankt sein und die Predigt keinen Eingang haben. Die Formulare der Gesänge, Gebete, Ermahnungen waren aus den alten Agenden des 16. Jahrhunderts genommen. Das Neue bestand daher bloß in den angeführten Veränderungen, die man zugleich als Verbesserungen ansah. Die neue Agende huldigte dem Lutherthum darin, daß sie den etwas dürren reformirten Gottesdienst förmlicher und feierlicher machte, dem Calvinismus aber huldigte sie in der Abendmahlstheorie, sowie sich auch Sätze vorfanden, die an Calvin's Theorie von der absoluten Erwählung erinnerten. Die Gebrechen dieser Agende in ihrer ersten Gestalt waren das Zusammenpressen des Gottesdienstes in eine Stunde, wodurch er den Charakter einer freiwilligen Andacht, die sich nicht angstlich an die Zeit bindet, verliert; das in seiner Wiederholung sehr langweilig werdende Hersagen des Glaubensbekenntnisses; die Einmengung der Pflichten des Staatsbürgers, sogar der Pflicht politischer Denunciation, in den Ordinationseid, wo aus einem ausfallenden Verstoße auch die Kirchenbe- kenncnisse für die „christlichen Glaubensnormen" erklärt wurden; die ermüdende Eintönigkeit in den Formularen, welche nur immer das Dogma von der Erbsünde und der stellvertretenden Genugthuung Christi aussprachen, und endlich die gänzliche Vernachlässigung neuerer edlerer Sprachformen und neuerer reicherer Ansichten von den Sacramenten, christlichen Thatfachen und Festen. Die Agende fand daher auch nur geringen Beifall; nur wenige Prediger nahmen sie freiwillig an, die meisten Provinzen, wie Rheinpreußen, Sachsen, Schlesien, Pommern, selbst die Residenz Verlin, verweigerten die Annahme. Von einigen sind die Urtheile der Wei- gerung öffentlich im Druck erschienen, die meisten Eingaben gegen die Agende sind aber nicht öffentlich bekannt geworden. Einige Schriften für die Agende, wie die unbedeutenden von dem Superintendent Mann in Strausberg (Berlin 1822) und Lilurgiewesen 909 die vom Pfarrer Behrends (Magdeburg 1823), besonders aber die „Kritik der neuen preußischen Kirchenagende" von Augusti (Frankfurt a, M. 1823), hatten die Ehre, vom Ministerium den evangelischenPredigern ofsiciell empfohlen und zum Lesen ausgetheilt zu werden. Gerade aber diese Empfehlungen regten den Streit nur lebendiger an, und es erschienen eine Menge nachtheiliger Beurtheilungen der Agende, die wir hier übergehen müssen. Mitten in diesen Kämpfen erfolgte am 24. Marz 1824 ein Ministerialrescript, mit welchem die etwas verbesserte und > vermehrte Agende, der nun auch noch eine verkürzte Liturgie beigegeben war, sowie man auch die Einschränkung der Gottesverehrung auf eine Stunde aufgegeben hatte, den Consistorien zugefertigt wurde, mit der Weisung, die Prediger sollten sich nun über die Annahme der Agende kategorisch mit einem einfachen Ja oder Nein ohne weiter hinzuzusetzende Bemerkungen erklären. Zugleich wurde den Pfarrern, welche die Agende darum abgelehnt hatten, weil die Gemeinden angeblich dagegen wären, das höchste Misfallen über diesen Vorwand, der ungegründet sei, zu erkennen gegeben- Hierauf erschien den 28. Mai 1825 ein Publicandum des Königs, in welchem man las, die Agende habe den Zweck, „den ursprünglichen Lchrbegriff der evangelischen Kirche wiederzugeben und dadurch die evangelischen Unterthanen gegen die Gefahren und Misbrauche einer, regellose Zweifel- sucht und Jndisserentismus erzeugenden Willkür zu schützen und die verlorene Geistesgemcinschaft in der Gesammtheit der Gemeinden wiederherzustellen". Von den 7782 evangelischen Kirchen des preußischen Staats hätten, bis zum Schlüsse des Jahrs 1824, nun 5343 die neue Agende angenommen, und man hoffe, daß die andern, die „gewiß nur aus Unkunde und Misdeutung" die Annahme verweigert hätten, bald nachfolgen würden. Zugleich hieß es: „Diejenigen Consistorien, Superintendenten und Pfarrer, welche die Wichtigkeit der Sache, das Bedürfnis der Zeit und meinen (des Königs) reinen Zweck begriffen, sich die Beförderung dieses gottseligen Werks mit glücklichem Erfolge angelegen sein lassen und mir da- I duech einen erfreulichen Beweis ihres Vertrauens zu meinen Absichten gegeben haben, werden in der evangelischen Kirche des Landes als Männer, die Das, was ! Noth thut, richtig ausfassen, jetzt und später anerkannt werden und als solche in meinem Gedächtnisse bleiben". Hierauf erfolgte am 4. Jul. 1825 ein Ministerialrescript an alle evangelische Consistorien des wesentlichen Inhalts: Die Willkür der Geistlichen in der Liturgie sei so groß gewesen, daß man sie nicht länger habe dulden können; die neue Agende begünstige nicht, wie man fälschlich vorgebe, den Katholicismus, sondern entspreche allen Änfoderungen und sei echt evangelisch; j alle Geistliche daher, welche sie bis jetzt noch nicht angenommen hatten, müßten nun entweder die neue Agende annehmen, oder dürften in Zukunft nur allein die bei ihnen bis dahin güttige und erweislich mit landesherrlicher Genehmigung eingeführte alte Agende gebrauchen und hätten sich diesfalls kategorisch zu erklären, auch, wenn sie bei der alten Agende verharren wollten, ihre unter landesherrlicher Autorität geschehene Einführung nachzuweisen; endlich dürfe das Ministerium „die Aussicht eröffnen, daß die Beibehaltung solcher gottesdienstlichen Formen und l Gebräuche, welche durch die altern Kirchenordnungen eingeführt und den Gemein- den lieb geworden seien, mit dem Beirath geeigneter Geistlichen aus der Provinz erwogen, und ihnen nach Befinden, so weit es mit dem wesentlichen Charakter der erneuerten Agende vereinbarlich sei, eine angemessene S'elle in derselben werde angewiesen werden". Die hier gemachte Hoffnung auf Anhänge aus den alten Pro- vmzialagenden wurde später erfüllt, und war die einzige Concession, welche die Regierung den Renitenten machte. Die in diesem Ministerialerlasse gestellte Wahl, entweder die neue Agende anzunehmen oher sich ausschließend an die alte, gesetzlich eingeführte zu binden, bewog zwölf Prediger zu Berlin (Schleiermacher, aus dessen Feder die Vorstellung ist, Schlemüller, Schulze, Jdler, Hoßbach, Lisko, Pi- 910 Liturgmvesen schon, Jablonski, Couard, Noodt, Hetzel, Wilmsen) zu Ende Jul. 1825 eine Gegenvorstellung beim Consistorium einzureichen, in welcher sie die Gründe, warum sie die neue Agende in ihrer dermaligen Form nicht annehmen könnten, treffend und bescheiden darlegten und zugleich erklarten, daß sie sich, jedoch unbeschadet der evangelischen Freiheit, bei besondern Veranlassungen auch von ihr abzuweichen lieber an die alte Agende halten wollten. Zu gleicher Zeit erließ der Stadtralh zu Berlin, der vom Ministerium war aufgefodert worden, die Annahme der Agende in den Kirchen seines Patronats zu befördern, ein merkwürdiges Schreiben an das königliche Ministerium, in welchem er nicht bloß bemerkte, daß die Agende Glaudensartikel zur Sprache bringe, die keine allgemeine Annahme in der evangelischen Kirche gefunden hatten und alte Streitigkeiten aufzuwecken drohten, und daß eine allgemeine Gleichförmigkeit der Liturgie weder nöthig noch nützlich sei, sondern vorzüglich den Satz ausführte und durch allgemeine Rechtsgründe zu erharten und aus Luther's Schriften nachzuweisen suchte, daß es dem Landesherrn nicht zukomme, ohne Zustimmung der Gemeinden und ihrer Lehrer Agenden zu machen und einzuführen. Wahrend der Streit über die Agende und das liturgische Recht lebhaft fortgesetzt wurde, that die Regierung einen andern entscheidenden Schritt, indem am 2. Iun. 1826 verordnet wurde, daß alle im Predigtamte neu anzustellenden Candidaten zur Annahme der neuen Agende verpflichtet und nur unter Übernahme dieser Verpflichtung angestellt werden sollten. Der öffentliche Widerspruch gegen die Agende hörte mit dem Jahre 1827 aus; die Regierung aber setzte eine Commission (die Bischöfe Eylert und Ritschl, den Hofprediger Strauß, den Superintendenten Marot, den Oberprasidenten von Bassewitz u. A.) zur Durchsicht der Agende nieder, welche schon im April 1828 ihre Arbeiten dem Könige zur Genehmigung vorlegte. Zugleich ließ der König durch Provinzialcommissionen das Herkömmliche in der Liturgie der einzelnen Provinzen ermitteln und das mit dem Ton der Agende Zusammenstimmende als Anhang beifügen. Mit solchen Anhangen wurde nun die neue Agende für jede Provinz, namentlich für Brandenburg, Pommern, Schlesien, Sachsen, die Rheinlande, besonders gedruckt. Hierauf erfolgte die Einführung noch 1828 in der Diöcese Minden, 1829 in der Stadt Berlin, in der Provinz Sachsen und in mehren rheinischen Districten. Nachdem in der Grafschaft Mark die Synode der Prediger noch am 30. und 31. Aug. 1825 sich gegen die Agende erklart hatte, wurde sie doch mit der Modisication, welche eine dafür niedergesetzte Commission (Bäumer, Rauschenbusch, von Oven) ermittelt hatte, 1829 eingeführt. Ebenso in der Provinz Niederrhein nach den im Jan. 1829 gehaltenen Kreissynoden. In Schlesien, wo die neue Agende die anhaltendste Opposition gefunden hatte, waren 1828 12 Superintendenten mit dem Consistorium zu Breslau zusammenberufen worden, um die der Agende für diese Provinz zu gebenden Zusätze zu berathen. Au Anfang des Jahres 1830 sprach die Mehrheit der Geistlichen die Annahme der Agende aus, und der Magistrat zu Breslau bestimmte das Jubelfest der Augsburgischen Conftssion zur Union der lutherischen und reformirten Gemeinde und zur Einführung der Agende in Breslau. Nur drei Geistliche widersetzten sich der Union und Agende. Zwei derselben (Scheibe! und Thiel) wurden hierauf suspendirt, ohne daß sie jedoch ihre Meinung geändert hatten; vielmehr erklarten 12 Gemeindeglieder (unter ihnen Scheibel, Thiel und die Professoren Huschke und Steffens), angeblich im Namen von 300 Familien, daß sie bei der altlutherischen Abendmahlsfeier verbleiben und lieber eine eigne Gemeinde bilden wollten. Die Sache war hiermit beendigt; die Geistlichen gaben so vielen Bemühungen der Regierung nach. Als ein Versuch von öffentlicher Rechtfertigung der ganzen Sache ist die am Jubelfeste der Augsburger Confession herausgekommene Schrift des Bischofs Eylert („Über den Werth und die Wirkung der für die evangelische Kirche in den preußischen Staaten bestimmten Liturgie und Orb Liturgiewesen 911 Agende", Potsdam 183V) anzusehen, welcher zu zeigen versuchte, die Agende sei rein biblisch in ihrem Inhalte, dem Lehrbegrisse der evangelischen Kirche gemäß, bindend, aber nicht beengend, altkirchlich in Sprache und Form, Andacht weckend und nährend, den kirchlichen Sinn erhaltend, die Union und den Fortschritt zum Bessern wirksam fördernd, ganz zeitgemäß, eine kirchliche Gemeinschaft und tüchtige Kirchenverfassung begründend, dabei höchst rational und in ihrem Ursprünge höchst erfreulich. Ob die preußische Geistlichkeit durch die Stimme des Bischofs überzeugt worden ist, darüber ist nichts bekannt geworden; aber bei der Geistlichkeit Badens wollten diese vortheilhaften Urtheile über die Agende keinen Raum gewinnen. Die Generalsynode von Baden vom Jahr 1821 hatte den Beschluß gefaßt, daß zum Behuf der Union beider evangelischen Kirchen binnen Jahresfrist eine neue Liturgie für die vereinigte Kirche verfertigt und zur Berathung vorgelegt werden sollte. Dieser Beschluß blieb aber unvollzogen, und die Sache ruhte, bis endlich der Groß- herzog zu Anfange des Jahres 1830 den Versuch machte, die neue preußische Agende einzuführen. Nachdem die evangelische Kirchensection, bloß mit Ausnahme des Prälaren Hüffel, den Antrag, daß sie, als Organ des Oberbischofs, die neue preußische Agende für Baden einführen möchte, abgelehnt hatte, so verordnete der Großherzog den Gebrauch der Liturgie für den Hauptgottesdienst nach der preußischen Agende in der Hof- und Garnisonkirche zu Karlsruhe auf den 10. Jan. 1830. Die Chorgesänge gefielen in der Residenz, daher der evangelische Kirchengemeinderath zu Karlsruhe sogleich um die Erlaubniß bat, die Liturgie des Hauptgottesdienstes nach der preußischen Agende auch in der Stadtkirche einzuführen. Die Erlaubniß wurde sogleich (29. Jan) ertheilt, und die Liturgie am 31. Jan. in der Stadt gebraucht. Der Ephorus der Landdiöcese Karlsruhe suchte um Erlaubniß nach, die Sonntagsliturgie der preußischen Agende auch in den 15 Landgemeinden seines Sprengels, jedoch nur versuchsweise, einzuführen; da aber die im Febr. 1830 ertheilte großherzogliche Entscheidung auf definitive Einführung lautete, so unterblieb die Sache. Die Geistlichkeit Badens zeigte sich der preußischen Agende ganz abgeneigt, theils weil sie ihr missiel, theils weil man ihre Einführung als eine Verletzung der Unionsurkunde ansah und nur eine Generalsynode für berechtigt hielt, eine neue Agende zu machen und einzuführen. Es erschienen mehre Schriften gegen die Agende und ihre Einführung, und die Constitution Badens erlaubte der Regierung nicht, weitere Vorschritte in der Sache zu thun. Man nahm jedoch die so lange aufgeschobene Sache einer neuen Liturgie nun ernstlich vor, und es erschien zu Ende des Jahres 1831 der „Entwurf einer neuen Agende für die evangelisch-protestantische Kirche des Großherzogthums Baden", von einer dazu niedergesetzten Commissi'on bearbeitet, der jedoch nur erst Formulare und Gebete bei gottesdienstlichen Handlungen enthält. Die Liturgie selbst soll erst die Generalsynode bestimmen. Eine ausführliche Beurtheilung der preußischen Agende würde hier zu weit führen. Nur mit wenigen Worten kann daher ihr Verhältniß zu der religiösen Cultur der Zeit angedeutet werden. Wenn man auch die Altarliturgie zwischen dem Geistlichen und dem Chor für eine Verbesserung des öffentlichen Gottesdienstes ansehen will, so ist doch die Agende in ihrem Inhalte der jetzigen Zeit durchaus unangemessen. Die Formulare und Gebete der Agende sollen hinsichtlich der Sprache die größtmögliche Würde haben und das Gefühl der Andacht und religiöser Begeisterung erwecken und hinsichtlich des dogmatischen Elements die in der Gemeinde herrschenden Glaubensansichten aussprechen, oder wenigstens mit ihnen m Einklang sein. Die Liturgie kann keine Dogmen in die Gemeinde einführen, die nicht schon in derselben angenommen sind, sondern nur die in der lebenden Gemeinde wirklich vorhandenen Glaubensansichten zum lebendigen Bewußtsein brin- 912 Liturgiewesen gen. Die neue preußische Agende aber geht nun in Sprache und GlaubcNsansich- ten auf die Reformationszeit zurück, nämlich auf die alten märkischen Agenden von 1540 und 1572 und auf die preußische von 1558, um dadurch den Glauben jener Zeit wieder in die Gemeinden einzuführen; die Liturgie kann jedoch den Glauben nur begleiten, nicht geben. Die Sprache und Diction jener Zeit war noch in der Kindheit und nicht nur hart und unfügsam, sondern auch ohne den Rhythmus, die Würde und Erhabenheit, welche die jetzige Blüte der Muttersprache auszeichnet. Es ist daher fehlerhaft, die Gebete und Formulare der alten Agenden des 18. Jahrhunderts beizubehalten, weil es ihnen an Schönheit, Kraft und Erhabenheit fehlt, und sie sich meistens nur in einem dürftigen Kreise von Vorstellungen herumdrehen. Auch hat man nicht einmal alle Sprachfehler der alten Zeit in der neuen Agende verbessert, und z. B. gnädigltch, denselbigen, so (für welcher), dermaleinst, mildiglich, grundlose Barmherzigkeit (für unergründliche) und dergleichen stehen lassen. Einen besonders unangenehmen Eindruck macht es, daß man in allen Formularen und Gebeten die reichere Anwendung der christlichen Tatsachen und Feste ganzlich vermißt, welche in dem Laufe von 300 Jahren von verständigen Gottesgelehrten entwickelt worden ist. So vermißt man in der Abendmahlsliturgie alle Hinweisungen auf die sittliche Größe Jesu, die er in seinen letzten Stunden so wundervoll und erhebend entfaltete; in den Gebeten zur'Ädvents- zeit fehlt die Hinweisung auf die prophetische Verkündigung des Kommens Jesu ganzlich; beim Weihnachtsfest vermißt man die Andeutungen, daß mit Jesu Geburt eine neue Zeit für die Menschheit begann, daß der verderbliche Polytheismus gestürzt, und dereine Gott, der Vater aller Menschen, erkannt, und die Menschheit zueiner Familie in gleicher Liebe vereinigt wurde. Am Osterfeste findet sich nichts darüber, daß die Auferweckung Jesu eine feierliche Bestätigung seiner göttlichen Sendung und ein Zeugniß der Wahrheit unsers ganzen christlichen Glaubens sei; am Psingstfefte nichts über die Stiftung der Kirche, ihre Würde, Wohl- thätigkeit und die Wirksamkeit des Geistes Gottes in der Kirche. Doch dies ist nur eine kurze Hindeutung auf Einiges. Noch unzweckmäßiger erscheint die Agende, wenn man auf das dogmatische Element derselben steht. Dieses soll den herrschenden Glauben der Gemeinde, nicht, wie er zu irgend einer Zeit, etwa vor 300 Jahren, war, sondern wie er dermalen ist in den lebenden Gliedern der Kirche, darstellen. Stellt die Liturgie einen vergangenen, nicht mehr in der lebenden Gemeinde vorhandenen Glauben dar, so wirkt sie störend, so stößt sie ab statt anzuziehen, so weckt sie den Zweifel statt der Andacht. Den dogmatischen Grundton der Agenden der Reformationszeit bildete die Lehre, von welcher man ausging in Bestreitung der katholischen Werkheiligkeit, nämlich die Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben an die Genugthuung Christi für die Erbsünde; also die Lehren von der Erbsünde, der natürlichen Verdammniß aller Menschen, der stellvertretenden Genugthuung durch den Tod des Gottmenschen, und der Teilnahme an dieser Genugthuung durch den Glauben. Das war das dogmatische Element der Reformation, oder, wie man es nannte, das Evangelium, wodurch man sich von der römischen Kirche unterschied; damit verband man noch das Dogma von der Dreieinigkeit, welches die Objecte der Anrufung bedingte, und durch welches man sich wieder an die allgemeine christliche Kirche anschloß. Diese Liturgien waren daher im dogmatischen Elemente für ihre Zeit durchaus zweckmäßig. Diese Dogmen waren damals lebend in der Gemeinde; sie sind es aber jetzt nicht mehr; die jetzt lebende Kirche erkennt die Dogmen von der Erbsünde, der Verdammlichkeit des Menschen bei seiner Geburt und seinem gänzlichen Unvermögen zum Guten nicht mehr für biblisch; sie findet wol in der Schrift eine Gnade Gottes gegen den Sünder durch Christum, aber keine stellvertretende Erfüllung des Gesetzes und kein Verdienst Christi, das uns zugerechnet würde; sie findet >»> Lobau ' 913 endlich zwar wol Vater, Sohn und Geist in der Bibel genannt als die Urheber aller Wohlthaten, der geistlichen und leiblichen, aber sie findet nicht die spekulative Theorie der Kirche über die drei Personen in dem einigen göttlichen Wesen, in welchem sie nichts erkennt, als einen künstlichen Erklärungsversuch der einfachen biblischen Lehre. Die Foderung der Zeit an eine Agende ist daher klar. Sie ist: die Ausdrücke und Lehren der Schrift in ihrer Einfachheit beizubehalten, ohne kirchliche Erklärungen hinzuzusetzen. Denn so wenig die Liturgie rationalistisch zu gestalten ist, so wenig darf sie auch den veralteten Supernaturalismus einer frühern Zeit darstellen, und Augustin's Theorie von der Erbsünde, der Verdammniß aller Menschen und ihrem gänzlichen Verderben darf ebenso wenig als Anlelm's Theorie von der Genugthuung durch den Gottmenschen Christus das dogmatische Element einer Liturgie jetziger Zeit sein, denn dieses ist überbiblisch. Die Grundsätze der evangelischen Kirche fodern aber bloß das Biblische, ohne die gelehrten Theorien Augustin's, Anselm's, Luther's und Calvin s. Die neue preußische Agende aber, indem sie ganz zu dem Grundton der Liturgie des 16. Jahrhunderts zurückging, ist eben durch diesen überdiblischen Charakter, und weil in ihr die Erklärungen der damaligen Theologie von der einfachen Bibellehre überall hervortreten, für unsere Zeit unbrauchbar, und dies um so mehr, da fast in allen Gebeten und Formeln die Dogmen von der Erbsünde, dem Unvermögen, der Genugthuung und Rechtfertigung die herrschenden sind, und dadurch in die ganze Liturgie eine ermüdende Eintönigkeit bringen. (8L) Lobau (Georges Mouton, Graf von), Marschall von Frankreich, Oberbefehlshaber der pariser Nationalgarde. Am LI. Febr. 1776 zu Pfalsburg (Departement Meurthe) geboren, nahm er als Freiwilliger an den Feldzügen der Republik Theil, zog 1798 mit nach Italien, befehligte eine Zeitlang in der Engelsburg und war in der Schlacht bei Novi Adjutant des Generals Joubert. Er gehörte als Oberst zu einem der Regimenter, die nach dem Gebirge bei Genua zurückgeworfen wurden und sich dort in ihrem Elende zum Theil großen Ercessen überließen. Mouton wußte unter den ihm anvertrauten Truppen die beste Manns- zuchl zu erhalten. In Genua eingeschlossen, nachdem er an allen der Blockade dieser Stadt vorhergegangenen Kämpfen Theil genommen, zeichnete er sich auch während der Belagerung sehr aus; bei dem Angriffe gegen das Fort Quezzi drang ihm eine Kugel durch den Leib und den rechten Arm. Für tob! auf dem Schlachtfeldegelassen, dankte er einem Freunde seine Rettung. Als er nach Frankreich zurückgelangt war, erhob ihn Napoleon im Lager bei Boulogne zum Brigadegeneral und zu seinem Adjutanten. Er folgte dem Kaiser auf allen Feldzügen, ward bei Friedland verwundet und 1867 zum Divis,önsgeneral ernannt. Er commandirte 1868 im Heer des Marschalls Bessieres eine Infanteriedivision, welche imJul. unter dem Feuer der Mönche und Bücgervou Medina del Rio Secco in diese Stadt eindrang. Darauf kam er zu dem von Soult befehligten Zweiten Corps und war vorwärts gedrungen, um den Feind bei Burgos'zu beobachten, als er, zu Germonal angelangt, von dem Feuer von 36 Kanonen in Empfang genommen wurde. Im Sturmschritte vorschrcitend, warf er die wallonischen und spanischen Garden und trug dadurch zur Einnahme von Burgos und der Niederlage des Estremaduraheers bei, welches unterwegs seinen General, den Grasen von Torres, niedergemetzelt hatte und über 6666 Mann verlor. General Mouton verließ Spanien, um sich der großen Armee anzuschließen. Am LI. April 1K69, am Tage vor dem Siege bei Eckmühl, führte er eine Bewegung aus, welche Erstaunen erregte. Der östreichische General Hiller, der sich mit dem Erzher- Karl verbinden wollte, hatte sich nach Landsyut geworfen, und der Herzog von ^stria seine Reiterei zum Weichen gebracht, als Mouton in demselben Augenblick die Grenadiere des 17. Linienregiments im Sturmschritt auf die brennende lands- Conv.-tzrx. der neuesten Zeit und Literatur. II- 58 9!4 Lobeck huter Brücke vorrücken ließ und in die Stadt drang. Diese alsbald von einem bedeutenden Truppencorps unterstützte Bewegung trennte den General Hiller von den übrigen östreichischen Truppen und verschaffte den Franzosen 9000 Gefangene und die Magazine ihrer Gegner. Am 2 t. Mai drangen die von Mouton befehligten Füsiliere der kaiserlichen Garde zuerst ins Dorf Eßlingen ein. Der Kaiser gab ihm den Titel Graf von Lob au wegen der auf der gleichnamigen Donauinsel geleisteten Dienste. Er ging 1812 mit dem Heers nach Rußland und begleitete den Kaiser, welcher, nach Paris abreisend, dem König von Neapel das Commando überließ. Im folgenden Jahre kämpfte er in Sachsen, blieb nach der leipziger. Schlacht in Dresden zurück, wo er unter dem Marschall Gouvion Saint-Cyr stand, wurde mit diesem gefangen und nach Ungarn geschickt, von wo er erst nach Abdankung des Kaisers in Paris ankam. Die Restauration ließ ihn ohne Beschäftigung. Der zurückkehrende Kaiser gab ihm das Commando der ersten Militairab- theilung und die Pairswürde und stellte ihn dann an die Spitze des sechsten Corps, welches in der Schlacht bei Waterloo zum rechten Flügel gehörte. L. bekam den Auftrag, Bülow zurückzuhalten, und hatte glorreich den überlegenen Gegnern getrotzt, als er von den Preußen im Augenblicke, wo er die Trümmer des Heers zusammenraffte, überrascht wurde; man machte ihn zum Gefangenen und führte ihn nach England. Bei der zweiten Restauration auf die Proscriptionsliste gesetzt, nahm er seinen Aufenthalt in Belgien und durfte endlich, ohne übrigens beschäftigt zu werden, gegen Ende des Jahres 1818 in sein Vaterland zurückkehren. Die Wahlmänner seines Departements schickten ihn im April 1828 in die Deputirtcn- kammer. Er sprach mehrmals bei Gelegenheit des Kriegsbudgets, schlug Verbesserungen in der Militaüjustiz vor und gehörte zu den 221. Wahrend der Juliustage in Paris anwesend, nahm er keinen Antheil an dem Kampfe. Am 29. um 2 Uhr, nachdem das Louvre, das Palais royal und die Tuilcrien in die Hände des Volkes gefallen waren, ernannte man ihn zum Mitgliede der Municipal- commisston. Er schloß sich fest an die neue Regierung an und stimmte in der Kammer, wo er Mitglied mehrer Commissionen war, aber die Rednerbühne fast nie bestieg, mit allen Ministerien. Als Lafayette seine Befehlshaberstelle niedergelegt hatte, erhielt L. das Commando der pariser Nationalgarde und einen Jahrgehalt von 50,000 Francs, der ihm später von den Kammern nach heftigen Debatten bewilligt wurde, wiewol Lafayette seine Stelle unentgeltlich bekleidet hatte. Als sich das Volk im Mai 1832 an der Vendomesäule zusammengefunden hatte, um den Sterbetag des Kaisers zu feiern und die Säule mit Blumenkränzen zu umwinden, befahl die Regierung das versammelte Volk auseinanderzutreiben, und L. benutzte dazu nach dem Beispiel der Restauration Feuerspritzen. Diese That ward durch Caricatmen, aber auch durch die Verordnung, welche ihn zum Marschall ernannte, im Andenken erhalten. (15) Lobeck (ChristianAugust), Professor der alten Literatur an der Universität Königsberg. Geboren am 5. Jun. 1781 zu Naumburg, ward er auf der Stadtschule daselbst gebildet und widmete sich darauf in Leipzig und Wittenberg den Studien der Philologie und Theologie. Da er sich in der erstem sehr bald auszeichnete, ward er 1807 Conrector und 1809 Rector am Lyceum zu Wittenberg, und 1811 auch Professor der alten Literatur. Bei dieser Gelegenheit schrieb er die von ebenso viel Belesenheit als Scharssinn zeugenden zwei Abhandlungen: „De morte Dacciü". Die Kriegsunruhen der folgenden Zeit ließen ihn gern den Ruf nach Königsberg, wo damals Erfurdt gestorben war, annehmen, und er hat seit 1814 mit außerordentlichem Nutzen an dieser Universität gewirkt, der ihn auch eine ehrenvolle Aussicht, seinem Vaterlande wiedergegeben zu werden, nicht untreu machen konnte. Hier ließ er 1820 seine Ausgabe des Phrynichus erscheinen, vielleicht das gelehrteste Werk, welches die klassische Philologie des 19. Jahrhunderts aufzuweisen hat. Eine gewaltige Masse von Sprachkenntnissen ist in diesem Buche Loebell Löben 915 und den dazu gehörigen Anhangen niedergelegt worden, als ein reicher Schatz für jüngere und altere Philologen, Nachdem L. in mehren Programmen die griechischen Mysterien zum Gegenstande seiner Forschungen gemacht hatte, erörterte er diesen Gegenstand mit erschöpfender Ausführlichkeit in seinem,,^glsoptwmu3 seu » i!B 5P tig erzogen und entwickelte schöne Anlagen, besonders ein künstlerisches Talent, aus welchem bei ungestörter Entwicklung etwas Ausgezeichnetes hatte werden können. Nach dem Tode des Großvaters verließ der dreizehnjährige Knabe das Gymnasium zu Stuttgart und wurde vom König Friedrich 1815 in die Cadettenschule aufgenommen. Hier schloß er mit einem seiner Mitschüler, von einer sehr reichen aber wildkräftigen Natur, einen engen Freundschaftsdund, welcher entschieden auf seinen ganzen Charakter einwirkte. Sein Kunstsinn wurde durch Ossian und Shak- speare auf das Erhabene und Gigantische geleitet, wie sich solches in mehren Skizzen und Gedichten, die er damals verfertigte, kundgibt. Bei Auflösung des Cadetten- instituts 1817 wurde L. mit ehrenden Zeugnissen entlassen, widmete sich drei Jahre lang der Architektur, wandte sich spater wieder zur Malerei, und, als ungünstige Verhaltnisse ihn von dem Besuche der Akademie in München und von einer Reise nach Italien abhielten, aufs Neue dem Militair zu und ward beim Generalstabe in Ludwigsburg als topographischer Zeichner angestellt, in welcher Eigenschaft er auch 1822 zu Stuttgart eine Stelle erhielt. In seinen Freistunden führte er hier ein Gouachegemälde, eine Scene aus Hölderlin's „Hyperion" vorstellend, aus, das von poetischer Auffassung zeigte und bei der Kunstausstellung zu Stuttgart 1824 die Aufmerksamkeit der Kenner auf sich zog. Über dieser Arbeit war die Sehnsucht nach einem freien Künstlerlebcn mächtig in ihm erwacht, er nahm seine Entlassung, bezog die Hochschule zu Tübingen, machte dort, wie er sich selbst brieflich gegen einen Freund äußerte, „einige Anläufe an die Philosophie", studirte Kunstgeschichte und Sprachen, und arbeitete unter Anderm einen Cyclus geistreicher Skizzen zu der Oper „Don Juan" aus, der lithographirt erschienen ist. Die Theilnahme an einem politischen Feste wurde Veranlassung, daß er 1828 die Universität verlassen mußte, und er unternahm nun in Stuttgart die Re- daction eines Tagblattes: ,,Die Stadtpoft", welches er besonders durch geistvolle Theaterkritiken sehr emporzubringen wußte. Im Der. 1830 trat er die Redaction des politischen Tagblattes „Der Hochwächter" an, das von ihm in Gemeinschaft mit seinen Freunden, den Rechtskonsulenten Rödinger und Tafel gegründet wurde, und das einflußreichste Volksblatt in Würtemberg geworden ist. Eine Flugschrift, deren Verfasser nicht in den Reihen der Opposition gesucht wird, sagt von diesem Blatte: „Die Gründung des „Hochwächters" war entscheidend für die Hoffnungen der liberalen Partei, die großartige Theilnahme des ganzen Würtemberg an diesem Blatte war das Signal einer neuen Zeit, die für das Land anbrach. Jetzt hatten die vereinzelten Klagen ihren Centralpunkt gefunden, fast eine Art von System allgemeiner Beaufsichtigung organisirte sich, die Beschwerden, die dort ein Landstädtchen, hier eine Gemeinde aus dem Gebirge schickte, ließen sich bald vergleichen, und es wurde möglich, auf Misbräuche, die durch die ganze Verwaltung durchgriffen, zu schließen. Alle verschiedenen Beschwerden sind in ihren Details durch nichts so hervorgetreten, als durch ein unscheinbares Volksblatt, dessen Verfasser man billig das ganze Land nennen kann. Vor diesem Feinde war die Regierung am meisten besorgt. Sie hat ihn weder durch Censurstriche noch durch Entziehung der Privilegien besiegen können. In neuern Zeiten ist der „Hochwächter" vom Jnlande auf das Ausland übergegangen, er hat, statt von Würtemberg, zu viel von Deutschland gesprochen; das ist ein Misgriss, der sich schwer wieder gut machen läßt." An diesem Urtheile der auch im Auslande bekannt gewordenen „Divination auf den würtembergischen Landtag" ist neben manchen Übertreibungen viel Wahres. Daß dieses Blatt von mancherlei Seiten die heftigsten Gegner finden mußte, ist natürlich. Inzwischen hätte es durch minder zuversichtliche Aufnahme unerwie- sener Beschuldigungen und eine weniger leidenschaftliche und in Persönlichkeiten übergehende Polemik sich, selbst nach dem Urtheile seiner Freunde, seine Wirksamkeit erleichtern können. In Tendenz, Form und Styl der Aufsätze, die er selbst für ' ? «W « 9^0 Lohmann Lohr das Blatt lieferte, scheint sich L. seinen berühmten Landsmann Schubart zum Vor- bilde genommen zu haben. Um nicht auch das Schicksal dieses Mannes, der siine politische Offenherzigkeit Jahre lang im Kerker büßen mußte, zu theilen, flüchtete L., dem, wegen Herausgabe eines Censurlückenbandes zum „Hochwächter", ein Cri- minalproceß drohte, über die Grenze und lebt seit dem Sepr. 1832 in Frankreich. (43) Lohmann (Emilie Friederike Sophie), geboren zu Schönebeck bei Magdeburg, war die Tochter der als Schriftstellerin bekannten Friederike?,, welche von ihrem Vater, dem Professor Ritter zu Wittenberg, wo sie 1749 geboren ward, eine sorgfaltige Erziehung und Unterricht in manchen Kenntnissen erhalten hatte, die man damals noch weniger als jetzt in den Kreis der weiblichen Bildung aufnahm. Nach dem Tode ihres Gatten wurde Friederike L., die schon früher mit schriftstellerischen Arbeiten sich beschäftigt hatte, ohne vor dem Publicum aufzutreten, durch eine sorgenvolle Lage genöthigt, ihre Talente zu nützen, um sich die Mittel zu einer bessern Erziehung ihrer Kinder zu verschaffen. Außer einem Schauspiel nach Veit Weber, das sie 1791 ohne ihren Namen erscheinen ließ, und mehren Gedichten, schrieb sie Romane, unter welchen besonders „Clara von Wallburg" (2 Bde., Leipzig 1796) und „Claudine Lahn" (2 Bde., Leipzig 1802 — 3) mit ^ Beifall aufgenommen wurden. Sie zog 1806 mit ihren zwei Töchtern nach Leip- zig, wo sie 1811 starb. Als ihre zunehmende Kränklichkeit sie abhielt, ihre letzte ""n Schrift: „Herbstblumen meines Geistes" (Magdeburg 1810) zu vollenden, ermunterte sie ihre Tochter Emilie, das Fehlende zu ergänzen. So entstand der erste Versuch der Tochter, die Erzählung „Stephanie" in jener Sammlung. Emilie schrieb darauf „Geschichte zweier Frauen aus dem Hause Blankenau" (Magdeburg 1810), die der Titel gleichfalls als eine Arbeit ihrer Mutter ankündigte. Nach dem Tode ihrer Mutter nahm sich ihr Verwandter, der Oberhofgerichtsrath Erhard, der beiden verwaisten Schwestern väterlich an, die bis zu seinem Tode (1813) in seinem Hause wohnten. Eine schmerzliche Prüfung, welche Emilie in der Blütezeit ihres jungfräulichen Lebens bestand, hatte den ersten Grund zu einer Kränklichkeit gelegt, die sie seitdem durch das ganze Leben begleitete. Sie lebte mit ihrer jüngern Schwester unzertrennlich vereint in Leipzig, und während sie in ihrem glücklichen Talente ein Hülfsmittel fand, ihre sehr beschränkte Lage zu erleichtern, suchte sie das Geheimnis ihrer schriftstellerischen Thätigkeit in bescheidener Zurückgezogenheit auch dadurch lange zu bewahren, daß sie ihre Erzählungen unter dem Namen Friederike L. als einen Nachlaß ihrer Mutter bekannt machte. Zu den einzeln erschienenen gehören: „Erzählungen" (2 Bde., Magdeburg 1818 — 20) und „Neue Erzählungen" (Magdeburg 1822). Spater theilte sie meist in Zeitschriften und Taschen- IM, büchern ihre Arbeiten mit, welche sie unter dem Titel: „Neueste gesammelte Er- ^ zählungen" (12 Bde., Leipzig 1828 — 31) wieder herauszugeben ansing. Sie ^ erlebte jedoch nicht den Schluß dieser Sammlung, da sie nach langen schweren Lei- den am 16. Sept. 1830 starb. Nach ihrem Tode wurden jener Sammlung noch vier Bande unter dem Nebentitel: „Letzte Erzählungen" (1832) hinzugefügt. Sie verleugnet in ihren Darstellungen nie die sittliche Würde, weiß vorzüglich weibliche Charaktere mit feinem und richtigem Sinn aufzufassen und mit sicherer Hand auszuführen. Unter ihren Erzählungen finden sich mehre anmuthige Genrebilder und besonders unter den Leistungen ihrer letzten Lebensjahre einige, die ihr einen ausgezeichneten Platz unter den deutschen Schriftstellerinnen sichern. Ihre liebenswürdige Persönlichkeit tritt uns in der biographischen Skizze entgegen, die Friedrich Kind bald nach ihrem Tode in der „Zeitung für die elegante Welt" mittheilte und in dem letzten Bande der angeführten Sammlung wieder abdrucken ließ. Löhr (Egidius Valerius Felix Johann Nepomuk von), einer der gelehrtesten Juristen unserer Zeit, ward am 17. Marz 1784 zu Wetzlar, wo sein Vater Lohrmunn 82l Postmeister war, geboren. Den ersten Schulunterricht erhielt er auf dem Gymnasium zu Wetzlar und widmete sich dann der Rechtswissenschaft, indem er zuerst zu Wetzlar und zu Arnsberg juristische Vortrage von angesehenen Geschäftsmännern hörte und dann Marburg, Gießen und Güttingen besuchte. Sein erster schriftstellerischer Versuch war„Die Theorie der culpa" (Gießen W06), der mit dem größten Beifall aufgenommen wurde und ihm die Freundschaft seines Lehrers Grolman gewann, der ihn 1807 zum Mitherausgeber seines „Magazins für die Philoso- > phie des Rechts und der Gesetzgebung" annahm. Als der Großherzog von Frankfurt 1808 zu Wetzlar eine Rechtsschule gründete, wurde L. zum ordentlichen Professor des Rechts an derselben und zum Justizrathe ernannt und lehrte bis 1813 juristische Encyklopädie, Pandekten und Geschichte und Alterthümer des römischen Rechts. Im genannten Jahre erhielt er einen Ruf als odentlicher Professor der Rechte an die Universität zu Gießen, welchem er folgte, und wo er in einem schönen Wirkungskreise und als die erste Zierde der dortigen Juristenfacultät lebt. Die Fortsetzung seiner „Theorie der culpa" erschien unter dem Titel: „Beiträge zur Theorie der culpa" (Gießen 1808), und darauf die erste und zweite „Übersicht der das Privatrecht.betreffenden Constitutionen von Konstantin I. bis auf Justinian" (Gießen 1811 —13). Seit 1822 gibt er das von Gensler, Mitten maier und Schweitzer begonnene „Archiv für die civilistische Praxis" mit Mitter- maier und Thibaut heraus. Diese und andere juristische Zeitschriften enthalten schätzbare Arbeiten von ihm. Er erhielt 1818 den Titel eines geheimen Regie- rungsrathes, und 1830 den Titel eines Geheimraths. (5) Lohr mann (Wilhelm Gotthelf), Oberinspector am königlichen mathematischen Salon, Jnspector bei der Kamcralvermessung und Vorsteher der technischen Bildungsanstalt in Dresden, wurde daselbst am 31. Jan. 1796 geboren, j Als Landmesser und Vermessungsconducteur 1815 angestellt, vollführte er die Aufnahme mehrer Domainen und verschiedener Land- und Wasserbauwerke, wurde I 1823 Vermessungsinspector und führte insbesondere 1827 und 1828 die trigonometrischen Arbeiten aus, die bei der ökonomischen Vermessung von 5 Meilen in den verschiedenen Kreisen Sachsens zum Behuf der Regulirung eines neuen Grundsteuersystems angeordnet waren. Er widmete einen Theil seiner Zeit astronomischen Beobachtungen und bereifte Deutschland, einen Theil von Frankreich und den Niederlanden, und erhielt gegen Ende des Jahres 1827 die Oberaufsicht über den mathematischen Salon und das Vorsteheramt bei der neu begründeten technischen Bildungsanstalt in Dresden, die besonders seiner Einsicht und Thätigkeit ihr Gedeihen verdankt. Die bisherigen Früchte seiner astronomischen Studien sind: „Das Planetensystem der Sonne", mit drei großen Kupfertafeln (Dresden 1822); I „Topographie der sichtbaren Mondoberfläche" (erste Abthl., Dresden 1824, in 6 Kupfertafeln). Seine Zeichnungen über die Bahnen und die Größe der Planeten unsers Sonnensystems zeichnen sich durch ungemeine Genauigkeit aus, und seine „Topographie der Mondfläche" ist durchgehends aus eigne Beobachtungen und Messungen gegründet. Er gibt eine selen»graphisch richtig entworfene Karte, welche die Mondberge nach Lehmann's Aeichnungstheorie und die Mondfarbe nach einer besondern Schwärzenscala treu darstellt. Das Werk ist der Beendigung nahe, und sowol an den einzelnen Sectivnskarten, deren 25 die Mondscheibe anfüllen, als an der großen Übersichtskarte wird ourch tüchtige Künstler gearbeitet. Zur Kunde Sachsens hat L. durch seine Vermessungsarbeiten, durch seine Höhenbestimmungen und durch seine unter Mitwirkung von mehren Freunden der Naturkunde ausgeführten „Meteorologischen Beobachtungen", die er seil 1828 (Dresden, 5 Jahrgänge) herausgibt, schätzbare Beiträge geliefert. Die von ihm benutzten meteorologischen Instrumente, namentlich Hebebarometer und Thermometer, sind nach seinen Untersuchungen gebaut und ganz vorzüglich. Au den „Mittheilungen 9^2 Londoner Confercnz des statistischen Vereins für das Königreich Sachsen" (erste bis dritte Lieferung Leipzig 1832 — 33, 4.) hat er verschiedene Beitrage, besonders über Topographie und Klimatik des Landes, geliefert. LondonerConferenz. Die Geschichte der unter diesem Namen berühmt gewordenen, in den AnKrlen der Diplomatie beispiellosen, mehr als zweijährigen und im April 1833 noch nicht zu einem Endresultate gediehenen Unterhandlungen über die politische Trennung Süd- und Nordniederlands, ist ein praktischer Commentar zu der Theorie des europaischen Völker- und Staatsrechts. Es kann hier nur eine fragmentarische Andeutung des labyrinthischen Ganges dieser großen publicistischen Anomalie gegeben werden, weil theils noch nicht alle Schriften und Mittheilungen der dabei beschäftigten Diplomaten und Ministerien vollständig geordnet und amtlich der Öffentlichkeit vorliegen, theils eine umfassende, hinsichtlich der Form und Sache gleichmäßig genügende Entwicklung und Darstellung derselben zu einem Buche anschwellen würde. Die ganze Verhandlung schließt außerdem mehre in das europäische Staatengeflecht überhaupt tiefeingreifende Staats- und Rechtsfragen in sich, welche, wie die luxemburger und die Scheldefrage, eine besondere publicistisch-geschichtliche Behandlung erfodeen. Wir bemerken daher nur im Allgemeinen, daß dieser diplomatisch-staatsrechclich-po- litische Kampf um europäische Lebensfragen in ihrer Anwendung auf Belgien und WMad Holland, von mehren Seiten mit einem Talent und mit einer Kunst geführt wor- Wi-KD den ist, welche diesen Gegenstand dem tiefern Studium jedes angehenden Staats- sichHlW mannes vorzugsweise empfehlen. Wahrhaft bewundernswürdig erscheint hier ins- HWiM besondere die niederländische Diplomatie. Die Staatsschriften eines Verstolk van Solen werden stets als classisch, was Gcdankenform und Sprache betrifft, MMW in der Geschichte der Staatspraxis genannt werden; wir erlauben uns, in dieser Hin- Mchn W ficht, unter so vielen Musterschriften der einzelnen Diplomaten der Conferenz, nur MPD auf eine, hinzuweisen, auf die Mittheilung des genannten niederländischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten an die beiden Kammern der Generalstaaten, vom 18. Dec. 1832. Um uns aus den historischen Standpunkt des Eintritts der londoner Conferenz in die neuere Diplomatie zu stellen, schicken wir Folgendes einleitend voraus. Die belgische Revolution hatte das seit 1815 neu aufgerichtete Staatsgebäude von Europa in einer seiner Grundfesten erschüttert. Das Königreich der Niederlande war nicht mehr ein Bollwerk gegen Frankreichs Eroberungspolitik; Belgien mit seinem Festungswalle war in Begriff, sich an Frankreich ganz anzuschließen, oder dem in Europa proclamirten monarchischen System zum Trotz, eine Republik zu errichten. Nun hatte Frankreich selbst in Folge seiner Juliusrevolution ein anderes Grundgesetz des neuen europaischen Völkerrechts z! verletzt, das Grundgesetz der Legitimität. Ludwig Philipps Bürgerthron und die belgische Demokratie waren daher natürliche Verbündete gegen die euro- "Mir päischen Congreßmachte. Ein offener Kampf gegen die verschwisterte Revolution von Paris und Brüssel hätte aufs Neue die Throne und die Völker Europas allen Wechselfällen der Revolutionskriege und Coalitionen seit 1792 —1815 preisgegeben. Da ergriff die Diplomatie das Lenkseil des europäischen Schicksals. Ludwig Philipp zuerst, indem er die Aufrechterhaltung der Verträge von Paris und Wien vom Jahre 1815 zusicherte und dafür von Europa als König der Franzosen anerkannt wurde. Nun ging Fürst Talleyrand, das Haupt der europäischen ^ ^ Diplomatie, als Frankreichs Botschafter nach London, wo die Volksstimme, für ^ die Resultate der Juliuswoche sprach. Damals stand an der Spitze des britischen Ministeriums der Herzog von Wellington. Er hatte die Volksgunst verloren, und die Opposition sah das Königreich der Niederlande, welches gewissermaßen Wel- lington's Werk war, mit ganz andern Augen an, als der Herzog - Feldmarschall. Londons Conferenz Die Beschwerden der Empörer, erklärte er noch am Z. Nov. 1830 im Oberhause, gegen den König der Niederlande seien durchaus unbegründet. Dagegen widersprach die Opposition, namentlich Lord Grey, jeder Einmischung in die innern Angelegenheiten Belgiens, und in einer besondern Conferenz mit Wellington stellte Fürst Talleprand die Erhaltung des europaischen Friedens als den Angelpunkt der Politik auf. Indem nun Frankreich als Congreßmacht in die diplomatische Beratung der übrigen Großmachte mit eintrat, wurde Zeit gewonnen; die von Paris und Brüssel aus verbreitete Aufregung der Völker in Deutschland, der Schweiz und Italien, endlich der blutige Wetterschlag in Warschau befestigten Ludwig Philipps Thron und gaben seiner Stimme mehr Gewicht in dem europaischen Ministerrats)?. Die Furcht vor einem europäischen Kriege bemächtigte sich insbesondere des neuen, am 21. Nov. 1830 an Wellingtons Stelle getretenen Whigministeriums Grep, welches auf die Volksgunst gestützt, einen Reformplan beförderte, der die alte Constitution des britischen Reichs erschütterte. Diese.Sachlage benutzte Fürst Talleprand, um den zu Frankreichs Vorthcil durch die belgische Revolution in das wiener Congreßsystem gemachten Riß durch die Conferenz sanctioniren zu lassen. Da nämlich die von den fünf Congreßmächten zuletzt noch in Verona behaupteten wiener Congreßbeschlüsse nur durch die gemeinsame Übereinkunft derselben Congreßmächte abgeändert werden konnten; da femer der König Wilhelm von Holland die Bürgschaft und Vermittelung der Congreßmächte, als seiner Alliirten, auf die Congreßbeschlüsse zu Aachen von 1818 gestützt, in Anspruch nahm; da endlich der Prinz von Oranien selbst am Ende des Ottobers 1830 nach London gekommen war, um daselbst sein Interesse wahrzunehmen: so war es natürlich, daß die Gesandten der vier Congreßmächte in London mit dem britischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten zu einer besondern Conferenz sich vereinigten, um die holländisch-belgische Frage im Friedensgeiste der europäischen Politik zu entscheiden. Diese londoner Conferenz trat, mit Vollmachten dazu versehen, am 1. Nov. 1830 zusammen. Sie hat seitdem vom 4. Nov. 1830, an welchem sie das erste Protokoll unterzeichnete, bis zum 1. Ott. 1832 ihre Thätigkeit durch 70 Protokolle bewiesen. Die Conferenz bestand aus den Bevollmächtigten von ^streich: Fürst Esterhazy und Baron von Wessenberg, später auch Baron von Neumann; von Frankreich: Fürst Talleprand (und auf kurze Zeit in dessen Abwesenheit Herr von Mareuil); von Großbritannien: Graf Aberdeen, dann, unter Grep's Verwaltung, Viscount Pal- merston; von Preußen: Baron von Bülow; und von Rußland: Fürst Liewen und GrafMatuszewicz. Die Versammlungen wurden im auswärtigen Amte (?or«ixn nem der fünf Höfe anerkannt werden solle. In Folge dieser Protokolle wandte ^ sich die Wahl eines Souverains von Belgien auf den Prinzen Leopold (f. d.), ? und die Conferenz gestand nunmehr dem belgischen Staate so viel zu, daß Belgien die Abtretung von Luxemburg gegen eine Entschädigung erhalten solle; auch wurde die belgische Flagge (schon im Mai 1831) in den britischen Höfen zugelas- sen. Allein das Schreiben des Lords Ponsonby vom 25. Mai an den belgischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten sagte ausdrücklich, daß die Conferenz nicht einwilligen könne, daß Belgien sich das Recht nehme, die Grenzen eines an- /. Mi v»! dem Staats bestimmen zu wollen; es solle die durch Tractaten festgesetzte Grenze Hollands als ein Gesetz der Nationen achten; nur dann werde ihm die Conferenz den Besitz Luxemburgs mittels einer Geldentschädigung auswirken. Wolle es aber mehr und mit Gewalt nehmen, so müsse es erst Europa erobern; und es '»^7? könne dann aus der Reihe der Nationen verschwinden. Was die Schuldangelegen- heit betreffe, so habe die Conferenz nie etwas mehr beabsichtigt, als einen Vorschlag " zu machen. Ungeachtet dieser Mittheilung wollte dennoch der belgische Stolz nicht «ÜP^' nachgeben, und diebelgischen Diplomaten führten bei mehren Gelegenheiten eine sehr anmaßende Sprache. Ein Verein, die sogenannte Association, ließ sogar seine Pro- MnMuH testation sowol gegen das Schreiben des Lords als gegen die letzten Protokolle Nr. 23 und 24 in die Zeitungen einrücken. Der Congreß selbst wiederholte seine frühere Protestation vom 1. Febr. gegen das Protokoll vom 30. Jan.; zuletzt er- machtigte er aber doch die Regierung, Einleitungen zu machen, um die Territorial- Ämz mhchin fragen durch Geldopfer zu beendigen. WW des U Unter den Protokollen, welche ihres allgemeinen publicistischen Inhalts we- Mwlm GruM gen für das europaische Völkerrecht wichtig sind, bemerkt man insbesondere das O 19. vom 19. Febr.*), in welchem die Bevollmächtigten „an das große staatsrechtliche Princip erinnern, wovon die Verfügungen der londoner Conferenz nur r eine heilsame und beharrliche Anwendung gewesen seien. Diesem Puncip einer ^ höhern Ordnung zufolge verlieren die Vertrags nicht ihre Kraft, welche Verande- rungcn auch in der innern Organisation der Völker vorgehen mögen." Indem die 'MiMM Großmachte das von ihnen 1814 ausgeübte Recht, über die belgischen Provinzen im Sinne des allgemeinen Friedens von Europa zu verfügen, in Anspruch näh- men, komme es jetzt ihnen zu, durch neue Combinationen jene Ruhe von Europa , zu sichern, wovon die Vereinigung Belgiens mit Holland eine der Grundlagen ausgemacht habe. Es waren daher die Protokolle in dem Sinne entworfen wor- ^ ' den, daß die unabhängig gewordenen belgischen Provinzen die allgemeine Sicherheit und das Gleichgewicht von Europa nicht störten. „Jede Nation", sagt dieses Protokoll ferner, „hat ihre besondern Rechte; aber Europa hat auch sein Recht; die gesellschaftliche Ordnung hat es ihm verliehen." Belgien sei daher ver- ^ pflichtet die Tractaten zu ehren, die Europa bänden. In keinem Falle könnten die ^ fünf Höfe den Belgiern das Recht zuerkennen, Eroberungen auf Kosten Hollands oder anderer Staaten zu machen. Sie erklarten daher: daß die durch das Proto- koll vom 20. Jan. 1831 festgestellten Anordnungen fundamentale und un- ^ widerrufliche seien; da nun der König der Niederlande durch das Protokoll ^ vom 18. Febr. 1831 ohne Einschränkung den hinsichtlich der Trennung Belgiens von Holland getroffenen Anordnungen beigetreten sei, so würden die Machte jede ^ Unternehmung der belgischen Behörden gegen das Gebiet, welches das Protokoll ") „Allgemeine Zeitung", 1831, außcrord. B. Nr. 89 -91. Londoner Conferenz 927 vom 20. Jan. für holländisch erklärt hat, als eine Erneuerung des Kampfes ansehen und demselben ein Ziel setzen. » Weil, dessenungeachtet die herrschende Partei in Belgien bei ihrem Pro- lestiren hartnäckig verharrte, so erhielt Lord Ponsonby von der londoner Conferenz am 5. Jun. ein Memorandum, in welchem die Conferenz erklärte, durch die ^ ' Protokolle alle Bewilligungen erschöpft zu haben, die sie Belgien machen könne ^ und wolle. Dieses habe sich nur zu unterwerfen. Weder Prinz Leopold, noch ir- ' ^ qend ein anderer Prinz werde die belgische Krone annehmen, wenn Belgien nicht zuvor die Protokolle angenommen und vollzogen habe. Der 1. Zun., den die Con- seren; als letzten Termin der belgischen Regierung zur Annahme des 11. und 1?. ^ Protokolls festgesetzt hatte, war ohne Resultat verstrichen. Sie berichtete daher den Bevollmächtigten des Königs der Niederlande, durch eine Note vom 7. Jun.: „daß, '/Miii,! den am vorigen Tage von Brüssel empfangenen Nachrichten zu Folge, die Belgier sjch nictst durch Annahme der Grundlagen der Trennung in diejenige Stellung ge- W gen die fünf Mächte gebracht hätten, in welcher sich der König der Niederlande, der diesen Grundlagen vollständig beigetreten sei, gegen sie befände; daß Lord Pon- sonby definitiv zurückberufen worden sei; und daß der General Belliard von der "«chtzz Regierung Sr. Majestät des Königs der Franzosen Befehl erhalten habe, Brüssel zu verlassen, sobald Lord Ponsonby von dort abreisen würde". Unterdessen hatte Mmchr sich in Belgien eine Partei für den Krieg erhoben. Sie fürchtete weder Rußland, Wicht- das mit den Polen kämpfte, noch Preußen und Ostreich, wo die Cholera wüthete, PchM noch Frankreich, das mit Belgien sympathisiere. Die belgischen Commissaire, De- MÄüi»! raup und Nothomb, welche in London dem Prinzen Leopold die belgische Krone WHil- anboten, drangen daher auf die unbedingte Annahme derselben. Nunmehr ließ die Conferenz, wahrscheinlich durch die Ereignisse in Polen beunruhigt und durch die Vorstellungen des Fürsten Talleyrand gedrängt, die Weigerung der Belgier, die WM- ! angeordneten Grundlagen anzunehmen, zu und beschäftigte sich mit einer neuen MckitÄ Ausgleichung, die der ersten entgegen und dem Belgiern günstiger war. So ent- WjW standen die verhängnißvollen 18 Artikel des 26. Protokolls (ohne Da- Mqis tum, wahrscheinlich vom 26. Jun.), welches zwar nochmals die Abgrenzung Hol- lands und Belgiens, wie sie 1790 gewesen war, als Grundlage eines Friedens- MA tractats, jedoch mit Vorbehalt einer billigen Austauschung der abgerissenen gegen- Mdit seitigen Gebietsantheile, aussprach; indeß wollten die fünf Mächte sich dahin ver- gW« wenden, daß der Statu» czuo im Großhcrzogthum Luxemburg wahrend der Dauer Mü der Separatunterhandlung zwischen dem Souverain Belgiens und dem König der Niederlande beibehalten werde, die Festung Luxemburg aber solle in der freien Ver- dindung mit Deutschland auch künftig bleiben u. s. w. Die 18 Artikel dieser Prä- lilninarbestimmungen wurden endlich von dem belgischen Congresse, ungeachtet 39 Deputirte eine Proteftation dagegen eingelegt hatten, am 9. Jul. von 126 Stim- W.. men gegen 70 angenommen. (Vergl. den Art. Leopold.)*) Dagegen verwarf ^ der König der Niederlande die 18 Artikel, und der niederländische Minister der aus- Mutigen Angelegenheiten bewies der londoner Conferenz in seiner Note vom 12. Jul., daß die 18 Artikel dem Anhange zum 12. Protokolle und dem 11. Proto- ' kolle, welche die Conferenz als unveränderliche Grundlage der Unterhandlun- M aufgestellt und denen der König der Niederlande seine Zustimmung (durch das Protokoll vom 18. Febr.) gegeben habe, widersprächen, indem alle in dem 26. »W.F Protokolle von der Conferenz vorgeschlagene Veränderungen in jener (durch die >5'^ Protokolle 11 vom 20. Jan. und 12 vom 27. Jan., sowie in dem Anhange ^ Zum 1?. Protokolle festgesetzten) Tremmngsgrundlage jetzt zu Gunsten Belgiens .li-At ' ^ ^ *) Die Verhandlungen über die 13 Artikel sind im Ausmge mitgctheilt im „Politischen Journal", 18S1, S. S>5fg. 928 Londoner Konferenz und zum Nachtheile Hollands ausgefallen waren. *) Vergebens war der östrei- chische Geheimrath Freiherr von Wessenberg als Vermittler von Seiten der Conferenz bei dem holländischen Cabinete, von London nach dem Haag gekommen; erfand hier die bestimmte Ansicht vorherrschend, daß es unmöglich sei, die 18 Präliminarartikel anzunehmen. Jetzt trat Holland in eine entschieden kriegerische Stellung, und die Folge war der Einmarsch des Heeres unter dem Prinzen von Oranien in Belgien (s. die Artikel Leopold und Niederlande), um, wie der niederländische Minister am 1. und 8. Aug. der Conferenz erklärte, Belgien zur Annahme der in der Anlage ^ des 12. Protokoll enthaltenen Bedingungen einer Trennung zu zwingen. Dadurch entspann sich zwischen der Conferenz und dem Cabinete im Haag ein Notenwechsel über jene Unterbrechung des Waffenstillstandes, zugleich aber verlor die belgische Nation, deren Armee den trotzigen Herausfoderungen der Kriegsparlei in Brüssel keineswegs entsprochen hatte, die Achtung der öffentlichen Meinung in England. Jn- deß erklärte die Conferenz, daß die Flotte unter Admiral Codrington in den Dünen und die in Belgien eingerückte französische Armee unter dem Marschall Ge'rard nur als eine Executionsmacht der londoner Conferenz, um den Friedenszustand zu behaupten, anzusehen sei; auch verfügte sie, da Holland den Widerstand aufgab, die Rückkehr Codrington's nach England und Gerard's nach Frankreich. Die Entscheidung der Hauptfrage war aber noch immer sehr entfernt; zwar hatte die belgische Regierung durch die Noten der Conferenz vom 26. Jul. und 5. Aug. 183 1 dazu aufgefodert, den Herrn Van de Weyer bevollmächtigt, in London einen definitiven Vertrag mit Holland abzuschließen; auch ordnete die Conferenz durch ihr 34. Protokoll einen sechswöchentlichen Waffenstillstand zwischen Belgien und Holland an, worauf unter andern das 38. Protokoll vom 1. Sept. und das 46. vom 10. Sept. nähere Bestimmungen darüber festsetzten; allein erst im Ott. ward ein Schlußvertrag entworfen. In defConferenz am 14. Ott. kam man nämlich auf Lord Palmerston's Antrag über folgende Erklärung überein, daß die fünf großen Mächte sich durch alle in ihrem Vermögen stehende Mittel der Erneuerung eines Kampfes widersetzen würden, welcher, da er jetzt ganz grundlos wäre, für Belgien, wie für Holland, eine Quelle des größten Unglücks sein und Europa mit einem allgemeinen Kriege bedrohen würde, dessen Vorbeugung die erste Pflicht der fünf Mächte wäre. **) Demnach ward ein 49. sogenanntes Schlußprotokoll, aus'Talleyrand's Rath, in Form eines Vertrags an demselben 14. Ort. unterzeichnet, in welchem die Conferenz, um den europaischen Frieden zu sichern, eine definitive Ausgleichung zwischen Belgien und Holland in 24 Artikeln vorschlug, mit der an den belgischen und an den niederländischen Gesandten gerichteten Bemerkung, daß diese Artikel alle Kraft einer feierlichen Convention zwischen der belgischen Regierung und den fünf Mächten haben sollten, daß die fünf Machte für deren Ausführung bürgten, und daß die Artikel die endlichen und unwiderruflichen Entscheidungen der fünf Mächte enthielten, welche „übereingekommen sind, selbst die vollkommene und unumwundene Annahme der genannten Artikel Seitens der dagegen strebenden Partei, welche dieselben verwerfen sollte, herbeizuführen". *") Diese 24 Friedens- *) Diese wichtige Note vom 12. Jul. theilt das „Politische Journal", 1831, S. 63Z fg., mit. **) Aus eben diesem Grunde hatte auch die Conferenz ihr 60. Protokoll an die britische Regierung gerichtet, welche eine Seemacht nach den hollandischen Küsten absenden sollte, um Aeindseligkeiten gegen Belgien zu verhindern. "*) Dieser Vertragsentwurf vom 14. Ott. 1831 yebft den beiden Begleitschreiben sind abgedruckt in der „Allgemeinen Zeitung", 183!, Nr. 301 und außerordentliche Beilage Nr. 417 und 413; sowie das Geschichtliche des Ganges dieser Verhandlung in der amtlichen Mittheilung des niederländischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten vom 11 Nov. in der „Allgemeinen Zeitung", 1831, Nr. 325 u- 326. I «W As «II» '«j MN IlW' Londoner Conferenz Artikel zwischen Belgien und Holland wurden von der belgischen Kammer am 1. Nov. mit 59 gegen 38 Stimmen, und am 3. Nov. im Senat mit 35 gegen 8 Stimmen angenommen. Der König Leopold unterzeichnete sie aber erst am 14. Nov., nachdem er die Gewißheitvon Vervollständigen Anerkennung seiner Krone durch die londoner Conferenz erhalten hatte. Hierauf ward der Vertragsentwurf als ein förmlicher Tractat zwischen dem Könige der Belgier einerseits und den fünf Machten andererseits zuLondonam 15. Nov. 1831 unterzeichnet. Er enthielt die 24 Artikel und noch folgende drei: Art. 25. Die Höfe von Ostreich, Frankreich, Großbritannien, Preußen und Rußland garantiren Sr. Majestät dem Könige der Belgier die Ausführung aller vorstehenden Artikel. Art. 26. In Folge des gegenwärtigen Traktats ist Friede und Freundschaft zwischen Sr. Majestät dem Könige der Belgier einerseits und I. I. M. M. den genannten fünf Monarchen andererseits. Art. 27. Die Ratificationen des gegenwärtigen Traktats werden in London binnen zwei Monaten ausgetauscht. (Vgl. Belgien.) So schien die große Frage wenigstens in Ansehung Belgiens entschieden zu stin, allein von Seiten der Niederlande erhoben sich jetzt weit größer? Schwierigkeiten. Der König machte nämlich der Conferenz das Recht streitig, einem unabhängigen, selbständigen Staate und einem Souverain Gesetze vorzuschreiben; er werde jedoch keinen Angriff unternehmen, sondern sich auf die Defensive beschränken; allein er widerspreche der Form und dem Charakter des Entwurfes der 24 Artikel Nun begann eine sehr lebhafte diplomatische Erörterung dieser Artikel in einem Notenwechsel zwischen der Conferenz und dem niederländischen Gesandten. Die Streitpunkte betrafen hauptsächlich die Grenzbeftimmungen, die Schulden- cheilung und die freie Schissfahrt auf Strömen, Flüssen und andern Handelswegen. Zugleich galt es eine Handelsfrage zwischen England und Holland. Durch Belgiens freien Zwischenhandel mit Deutschland, urtheilten die holländischen Raufleute, bemächtige sich England ausschließend der Einfuhr, und mache Belgien zu seiner Factorei, zu seiner Handelscolonie. Das niederländische Cabinet berief sich auf die Annahme der frühern Protokolle 1,11 und 12, nebst dem Anhange ^ Es verwarf jedoch nicht die 24 Artikel überhaupt; denn es hatte schon vor dem Abschlüsse des Vertrags der Conferenz mit Belgien durch die Note vom 7. Nov. sich erboten, über Modifikationen zu unterhandeln, deren die 24 Artikel bedürften. Die Conferenz wies damals durch ihre Note vom 10. Nov. jede Unterhandlung zurück; allein da Preußen, Ostreich und Rußland geneigt waren, auf solche Modifikationen, welche das besondere Interesse Nordniederlands betrafen, einzugehen, so erließ die Conferenz auf die Eingabe der niederländischen Bevollmächtigten Falck und van Zuylen vom 14. Dec. 1831, eine Denkschrift am 4. Jan. 1832, in welcher sie wünschte, die Meinung des Cabinets vom Haag über die 24 Art. kennen zu lernen. Hierauf antworteten die niederländischen Bevollmächtigten am N. Jan. 1832. Sie machten die Ansicht geltend, daß die Conferenz nicht Schiedsrichterin in der belgischen Sache, sondern nur Vermittlerin sei, und bezogen sich auf einen Brief des französischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten an Herrn Bresson vom 1. Febr. 1831, in welchem es wörtlich heißt: „Die Conferenz von London ist eine Vermittelung, und die Absicht der Regierung des Königs ist, daß sie nie diesen Charakter verlieren solle." Fern r hieß es in jenem Antwortschreiben vom 30. Jan., die Trennung Belgiens von Holland sei von dem Könige der Niederlande anerkannt; allein er habe nie zugegeben und könne nie zugeben, daß die Interessen Hollands dieser Trennung geopfert werden müßten. Ueberdies könne die Conferenz über die theilweise oder ganzliche Austauschung des Großherzogthums Luxemburg nichts ohne die staatsrechtlich begründete Zustimmung des deutschen Bundes vorschlagen, noch weniger feststellen. Die neu? Territorialbestimmung Hollands dürfe daher durchaus nicht mit der von Luxem- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 59 Londoner (Konferenz bürg vermischt werden. Die niederländische Regierung übergab hierauf ein Aus s^'.S gleichungs- und Friedensproject vom 31. Zan. 1832, das aber als blos vertrau- -1 ' lich mttgeiheilt von ^der Eonftrenz' nicht beachtet wurde. Nun hatten zwar Bel- ^ gien, England und Frankreich den Vertrag vom 15. Nov. 1831 und einen zwei- ^ lcn in Betreff der zu schleifenden belgischen Festungen (s. Belgien) schon am zzmia 31 Jan. 1832 zu London ohne Vorbehalt ratisicirt; allein Ostreich, Preußen und ^ ^ ^ W Rußland thaten dies nur mit Vorbehalt der nothwendigen Modifi- ^5'^ cationen, was insbesondere die russische Erklärung, welche der Graf Orlow, der am 26. Marz 1832 vom Haag nach London zur Conferenz abgereist war, an- kündigte. Ostreichs und Preußens bedingte Ratification, im 57. Protokolle ^ vom l8. April 1832, war 1) mit folgender gemeinschaftlicher Erklärung beider iD Höfe verbunden, „daß besagte Ratificationen nur gegeben sind, unter dem aus- ^ drücklichen Vorbehalte der Rechte des deutschen Bundes hinsichtlich derjenigen Artikel des Vertrags vom 15. Nov., welche die Abtretung und den Austausch eines Theils des Großherzoglhums Luxemburg betreffen, indem dieses einen der Staaten des deutschen Bundes bildet"; 2) mit folgender Erklärung der Bevollmächtigten von Ostreich. „Indem Se. kaiserliche Majestät den Vertrag vom 15. Nov. 1831 ratificirr und die Nothwendigkeit einsteht, daß eine weitere Unterhandlung zwischen der Regierung Er. Majestät des Königs der Niederlande und der Regieimg des Königreichs Belgien gepflogen werde, um einen Vertrag zu Stande zu bringen, der die am 15. Oct. genehmigten 24Artikel mit denjenigen Änderungen, welche die fünf Mächte zulassig hatten, in sich begriffe, so schlägt Höchstdieselbe vor zu erklären, daß diejenigen Anordnungen, die durch gegenseitiges übereinkommen zwischen den obengenannten hohen Theilnehmern unter der Leitung der Csnferunz zu Stande kommen, eben dieselbe Kraft haben sollen, wie die Artikel des Vertrags vom 15. Nov." Auch der preußische Gesandte fügte dem Protokolle eine ähnliche Erklärung hinzu, in welcher es unter Anderm heißt: „Klugheit und Billigkeit rächen die Nothwendigkeit an, die Ausführung des Vertrags vom 15. Nov. durch Bewilligung von Modifikationen zu erreichen." Dagegen bezog sich der belgische Bevollmächtigte in einem Anhange zu diesem 57. Protokoll auf die Garantie der 24 Artikel, welche Belgien von den fünf Mächten erhalten habe. Am 4. Mai 1832 überreichten auch die russischen Bevollmächtigten die zu Petersburg am 18. Jan. 1832 unterzeichnete Ratifikationsurkunde, wodurch ihr Hos den Vertrag „mit Vorbehalt der in einer definitiven Übereinkunft zwischen Holland und Belgien an den Artikeln 3, 12 und 13 zu machenden Modifikationen und Amendements" ratisicirt. Diese Urkunde befindet sich in dem Protokolle Nr. 58 vom 4. Mai 1832, in welchem die russischen Bevollmächtigten noch ferner erklärten, daß „jene definitive Übereinkunft, wovon in dem Borbehalte die Rede sei, in den Augen Sr. Majestät eine gütliche sein muffe". Auch jetzt bezog sich der belgische Bevollmächtigte „in allen Fällen auf die gegen Belgien durch die ^ fünf Mächte eingegangenen Verpflichtungen", nämlich einer unbedingten Garantie aus. der 24 Artikel. ' . In diesen Vorbehalten, welchen allerdings die Unterdrückung der polnischen In- -. smrection günstig war, lag der erste Keim zu der später erfolgten Trennung der Eon- ^ ^ fercn; und zu den einseitig von England und -Krankreich ergriffenen Maßregel». ^ Dahn ^ Wahrend man so über die nothvxndigen Modifikationen des Vertrags noch sehr ge ^ ^ theilter Meinung war, veranlaßte die widerrechtliche, auch von dem deutschen Bunde gcmisbilligte Verhaftung eines belgischen Senators, des Advokaten Thom, aufbclgi- ds ^ " schein Gebiete und dessen Abführung nach Luxemburg, sowie die belgischer Scits angewendeten Repressalien, mehre Protokolle, z. B. das 60. vom 4. Mai, das 62 vom 29. Mai 1832, welche sich auf die Freilassung der verschiedenen Individuen gezogen. Belgien gab diesem Verlangen nach; allein Thorn wurde erst nach Londoner Konferenz 'WI mehrmonatlicher Haft, in Folge des im 66. und 68. Protokolle dazu von der Eon- ferenz bei dem Bundestage ausgewirkten Befehls freigegeben. Der König der Niederlande weigerte sich fortwahrend mit Belgien unmittelbar über einen definiti ven Vertrag zu unterhandeln, weil er die Unabhängigkeit Belgiens so wenig als denSouverain desselben anerkannt habe; auch kam er auf das ProjettvomZI.Jan., welches bloß die administrative, nicht die politische Trennung Belgiens feststellte, zurück, und seine Bevollmächtigten legten demselben durch die Note vom 29. Mai einen officiellen Charakter bei. Dieses Prostet erklärte aber die Conferenz in ihrem 64. Protokolle vom 10. Iun. 1832 für durchaus unausführbar, weil es die von ihm stillschweigend schon zugegebene politische Unabhängigkeit Belgiens aufs Neue in Frage stelle. Darauf erklärte die Conferenz in dem 65. Protokoll von, 11. Iun. unter Anderm, sie könne sich auf keine Unterhandlungen einlassen, die den Verpflichtungen vom 15. Nov. gegen Belgien und seinen Souverain zuwiderlie fen; die einzigen Punkte, welche einer Unterhandlung sähig wären, seien die vorbe- haltenen Artikel, der ganze übrige Theil des Tractals müsse in Ausführung gebracht werden. Sie verlange daher vom Könige von Holland die Räumung des anerkannten belgischen Gebiets mit Einschluß der Citädelle von Antwerpen bis zum 20. Jul., ferner die Herstellung der vollständigen Freiheit auf der Scheide und auf der Maas; nach der Räumung der Gedietstheile sollten freundschaftliche Unterhandlungen stattfinden, um diejenigen Artikel zu modificiren, welche Schwierigkeiten in der Ausführung darböten. Dagegen antwortete di^niederländische Regierung durch die Noten vom 30. Iun., „daß eine vor dem 20. Jul. zu bewirkende Räumung des gegenseitigen Grundgebiets (also auch der Citadelle von Antwerpen) unannehmbar sei, so lange man sich nicht über die Bedingungen der Trennung verstanden habe". Demnächst wurde niederländischer Seits ein neuer Entwurf (vom 30. Iun.) zu einem Tractate zwischen dem Könige der Niederlande und den fünf Höfen, in Bezug auf die Trennung von Holland und Belgien in Vorschlag gebracht. Holland gab darin in Ansehung des wichtigen Punktes der Binnenschiffahrt nach, verlangte aber dagegen ein nicht unbedeutendes Mehr von Limburg. Von der andern Seite drang die belgische Regierung in wiederholt an die Conferenz gerichteten und von General Goblet als belgischen Gesandten übergebe- nen Noten, zuletzt durch die vom 7. Jul. 1832, auf die Räumung des Belgien unwiderruflich zuerkannten Gebiets; bevor dieses geschehen, könne die belgische Regierung an keiner Unterhandlung über die Punkte, welche Gegenstand der Vorbehalte seien, Theil nehmen. In dieser doppelseitigen Stellung entwarf die Conferenz ein 67. Protokoll vom 11. Jul., in welchem sie die angefochtenen Artikel nochmals änderte; hieraufmachte zwar der König der Niederlande in seiner Antwort vom 25. Jul. einige Augestandnisse; allein man kam so wenig hinsichtlich der Scheide und der übrigen Grundlagen des Vertrags überein, daß Belgien im Aug. bei der Conferenz aus Zwangsmittel gegen Holland förmlich antrug. Nun entwarf, wie es in dem, dem 69. Protokolle beigefügten Memorandum <3 vom 24. Sept. heißt, der britische Minister ein Thema zu einem Vertrage; allem die Conferenz konnte sich darüber mit den m'ederländischin Bevollmächtigten nicht vereinigen. Daher erkannte endlich die Conferenz die Nothwendigreit, Zwangsmittel anzuwenden, in dem 70. Protokolle vom 1. Ott. 1832 an. Nach vorausgeschickter Darstellung der Sachlage „erklären die Bevollmächtigten der fünf Hofe, daß, wenn nicht am 15. dieses Monats die Citadelle von Antwerpen, die dazu gehörigen Punkte und andere Orte, die nach den Bestimmungen in dem Trac- tat vom 15. Nov. einen Theil des belgischen Gebiets bilden, von den holländischen Truppen geräumt sind, sie Belgien das Recht zuerkennen werden, für jede Woche, st l.mge als die Räumung aufgeschoben wird, eine Million Gulden von den Rückständen der bis zum 1. Jan. 1832 auf dasselbe kommenden Schuld abzuziehen, 59 7 Londoner Confecenz und endlich von dem Theil des Eapitals der Schuld, welcher auf dasselbe fallen würde; zu gleicher Zeit wird Belgien seinerseits, in der Erwartung, daß die oben erwähnte Räumung sobald als möglich stattfinden werde, Venloo und die andern von demselben besetzten Plätze räumen, die nicht in dem ihm zuerkannten Gebiet begriffen sind." „Der Bevollmächtigte Sr. großbn'tannischen Majestät erklärt, daß er den von dem französischen Bevollmächtigten herrührenden Vorschlag vollkommen billigt, und daß er denselben der in der letzten Zusammenkunft der Con- ferenz von ihm selbst gemachten Bemerkung ganz angemessen findet." „In Erwiderung auf den Plan zu einem Beschluß, den die Bevollmächtigten von Frankreich und Großbritannien vorgeschlagen haben, erklären die Bevollmächtigten von Oftreich, Preußen und Rußland: 1) Daß sie die letztem Beschlüsse der niederländischen Regierung höchlichst misbilligen, da sie sich aus Vorschläge beziehen, welche die londoner Cvnferenz als unzulässig befunden hat; da sie die Auseinandersetzungen zurückweisen, die durch vertrauliche Mittheilungen als unumgänglich dargethan worden waren, und hinsichtlich deren bereits eine vollkommene Verständigung mit dem niederländischen Bevollmächtigten selbst obzuwalten schien; da sie auf Bedingungen von einer offenbar illusorischen Art beharren, und da endlich aus den von dem niederländischen Bevollmächtigten aus die an ihn gerichteten Fragen ertheilten Antworten hervorgeht, daß er weder eine wirkliche Vollmacht noch hinreichende Instructionen besitzt, um die Schwierigkeiten zu lösen, welche der Eonferenz bei Erledigung ihrer Unterhandlungen im Wege stehen. 2) Daß aus diesen Gründen die Bevollmächtigten von Ostreich, Preußen und Rußland bereit sind, sich mit den Bevollmächtigten Sr. Majestät des Königs der Franzosen und Sr. britannischen Majestät zu vereinigen, um Belgien von der Zahlung der Rückstände zu befreien, die es an Holland seit dem 1. Jan. 1832 schuldig ist, so jedoch, daß die Wirkung dieses Beschlusses vom nächsten 15. Ott. an beginnt, damit Holland noch Zeit behält, die Folgen zu erwägen und ein Verfahren einzuschlagen, welches geeignet wäre, die friedlichen Absichten, in deren Geist die londoner Eonferenz versammelt ist, zu verwirklichen. 3) Daß in diesem Augenblicke die Bevollmächtigten der Höfe von Ostreich, Preußen und Rußland nicht die Vollmacht besitzen, von der niederländischen Regierung die theilweise Ausführung des Tractats, dem sie noch nicht beigetreten ist, zu fodern, und die oben erwähnte Räumung der antwerpener Citadelle zu verlangen, oder in die gewöhnlichen Abzüge zu willigen, welche von den Bevollmächtigten Frankreichs und Großbritanniens in Bezug auf Holland vorgeschlagen worden. 4) Daß, wenn von der französischen und englischen Regierung Zwangsmaßregeln angewandt werden sollten, die Bevollmächtigten von Ostreich, Preußen und Rußland nicht daran würden Theil nehmen können; und daß sie sich bezugsweise die Auseinandersetzung der Beweggründe ihrer Höfe zu dieser Entscheidung vorbehalten. 5) Daß, ihren Ansichtennach, die Maßregel, welche, den Andeutungen der Erfahrung gemäß, am wahrscheinlichsten und mit dem größtmöglichen Grade von Gewißheit die Eonferenz zu ihrem Ziel führen und den haager Hof von seiner wahren Lage, von den ihn umgebenden Gefahren und von dem festen Wunsche Ostreichs, Preußens und Rußlands, sobald als möglich zu einem solchen Schluß zu gelangen, der sowol den Rücksichten Großbritanniens und Frankreichs, als den gerechten Interessen Belgiens genüge, überzeugen könnte, darin bestehen würde, den Höfen von Wien, Berlin und Petersburg die gegenwärtige Lage der Dinge vorzustellen und einerseits sie aufzufodern, daß sie sich zum letzten Mal ihres Einflusses bei Sr. Majestät dem Könige der Niederlande bedienen, um seine unverzügliche Bestimmung zu einem billigen Vergleich zu erlangen, andererseits aber, wenn diese neuen Ve- mübungen sich als unnütz erweisen sollten, alle die von den Bevollmächtigten Londoner Conferenz 933 Frankreichs und Großbritanniens angedeuteten finanziellen Maßregeln zu ergreisen — Maßregeln, die um so wirksamer sein würden, als ihre einstimmige Genehmigung durch die fünf Machte selbst dem haager Cabinet weder Zweifel noch Hoffnung mehr übrig lassen könnte. In Betracht jedoch, daß die Entfernungen, welche Wien und Petersburg von London trennen, in diesem kritischen Augenblick einen so langen Verzug herbeiführen könnte, erklären die Bevollmächtigten von Ostreich, Preußen und Rußland, daß es ihnen hinreichend erscheinen würde, den berliner Hof zu befragen und ihn aufzufodern, daß er erstens eine*Entscheidung ausspreche, wodurch er das haager Eabinet von der unumgänglichen Nothwendig- keit benachrichtigte, in der es sich befände, entweder innerhalb einer bestimmten Zeit den Entwurf zu einem definitiven Tractat zwischen Holland und Belgien vorzulegen, der alle die in letzter Instanz von der londoner Conferenz an den niederländischen Bevollmächtigten gerichteten Fragen bejahend und auf eine klare und gänzlich zufriedenstellende Weise entscheide, oder seine Zustimmung zu den 24 Artikeln vom 14. Oct. 18.11 einzureichen; und daß er zweitens die Verpflichtung darstelle, welche die Verwerfung der einen oder der andern dieser Foderungen Ostreich, Preußen und Rußland auferlegen würde, fürs erste Belgien von den an Holland seit dem 1. Jan. 1832 schuldigen Rückständen freizusprechen und sodann eine Million Gulden wöchentlich von der belgischen Schuld an Holland abzuziehen, wofern nach Ablauf der festgesetzten Zeit die Nichtbezahlung der Rückstände seit dem 1. Jan. 1832 nicht die vorausgesetzte Wirkung hervorgebracht hätte; und zwar ohne damit den besondern Maßregeln vorzugreifen, welche England und Frankreich, insofern sie dabei betheiligt sind, für unerläßlich erachten möchten, wenn der wöchentliche Abzug ohne Erfolg bliebe." ,.Die Bevollmächtigten von Ostreich und Rußland bemerkten, daß sie in Betracht der Dringlichkeit des Augenblicks einwilligten, sich nach den von dem berliner Hofe zu eröffnenden Beschlüssen zu richten. 'Die Bevollmächtigten der drei Mächte fügen hinzu, daß diese Beschlüsse binnen zehn oder zwölf Tagen in London bekannt sein könnten, und daß sie in ihren Augen zwei Vortheile von größter Wichtigkeit darbieten: Sie würden die letzten Mittel gewähren, die Unterhandlungen durch einen friedlichen Vergleich zu beendigen, der alle Interessen und Wünsche sämmtlicher Parteien befriedigen könnte; und selbst wenn diese Möglichkeit nicht schließlich verwirklicht würde, so könnte doch das haager Cabinet, wenn es ein vollkommenes Einverständniß unter den fünf Mächten selbst hinsichtlich der mit Bezug auf Holland zu ergreifenden finanziellen Maßregeln gewahre, nicht anstehen, die Entschließungen anzunehmen, welche Hollands und Europas Wohl foderten. Die Angelegenheit, welche die Conferenz beschäftigt, würde solcher Gestalt ohne eine Unterbrechung oder Gefährdung des allgemeinen Friedens erledigt werden." „Der britische Bevollmächtigte drückt sein Bedauern darüber aus, daß er nicht im Stande sei, den Vorschlägen der Bevollmächtigten von Ostreich, Preußen und Rußland beizustimmen; er ist arffs tiefste von den Vortheilen überzeugt, die aus einstimmigem Handeln von Seiten der fünf Mächte hervorgehen würden, wenn es möglich wäre, dies zu bewirken, und er schmeichelt sich, daß er durch die Art und Weise, wie er bei einer frühern Zusammenkunft der Conferenz die Idee, erst zu pecuniairen Maßregeln zu schreiten, ehe man Maßregeln von kräftigerm Charakter ergreife — eine Idee, von der er gehofft, daß sie sich des thätigen Ausammenwirkens der Conferenz erfreuen würde —, einen Beweis davon abgelegt habe, welche Wichtigkeit er die Einstimmigkeit beimesse. Aber der britische Bevollmächtigte ist überzeugt, daß es bei der gegenwärtigen Lage der Unterhandlungen zur Aufrechthaltung des europäischen Friedens nöthig ist, daß die Mächte, welche den Tractat vom Nov. rarisicirt und die Vollziehung der Bestimmungen dieses Aktenstücks garantirt haben, entscheidende Maßregeln ergreifen; und er bedauert, Londoner Konferenz daß er in den von den Bevollmächtigten der drei Höfe gemachten Vorschlagen kerne Maßregel erblickt, die der Dringlichkeit des Falls entspricht. Die Absicht dieser Vorschlage ist, Unterhandlungen, welche die Erfahrung vieler Monate und das Einverständniß der Conferenz selbst als erfolglos bewahrt hat, wieder zu erneuern; sie zu erneuern, nicht mit dem vereinigten Gewicht der fünf in der Conferenz repra- sentirten Höfe, sondern unter dem besondern Einfluß einiger dieser Höfe, und zwar nachdem diese Höfe selbst sich durch die Erfahrung von der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen, Armöge ihrer Rathschlage, das haager Cabinet zu einer Entschließung zu bewegen, überzeugt haben. Der britische Bevollmächtigte kann daher einem Vorschlage, dessen einziges und gewisses Resultat, allem Anschein nach, ein neuer Aufschub sein würde, seine Zustimmung nicht geben; und indem er der Regierung Sr. großbritannischen Majestät die Entscheidung vorbehält, die sie für zweckmäßig erachten möchte, um die von Sr. Majestät eingegangenen Verbindlichkeiten zu erfüllen, beschrankt er sich für setzt darauf, sein Bedauern zu erkennen zu geben, daß die Bevollmächtigten von Ostreich, Preußen und Rußland nicht vorbereitet find, zu kraftigen Maßregeln mit Rücksicht auf die Vollziehung eines Tractats mitzuwirken, der schon seit so vielen Monaten von ihren Höfen ratificirt ist, und zumal, da eine längere Hinausschiebung des Vollzugs den Frieden Europas fortwährenden und wachsenden Gefahren aussetzt." „Der Bevollmächtigte Sr. Majestät des Königs der Franzosen tritt in nllen Punkten der soeben von dem Bevollmächtigten Sr. großbritannischen Matestat abgegebenen Erklärungen bei und gibt mit ihm sein Bedauern darüber zu erkennen, daß er nicht im Stande ist, auf den Vorschlag der Bevollmächtigten von Ostreich, Preußen und Rußland einzugehen; indem er bei demjenigen beharrt, der» er selbst der Conferenz beigelegt hat, behalt er überdies seiner Regierung die vollkommene Befugniß vor, für die Ausführung des mit Belgien abgeschlossenen Tractats, sowie des daraus hervorgehenden Rechts zu sorgen und so zu handeln, wie der Inhalt der Verpflichtungen und Frankreichs Interesse es erheischen." Von dieser Zeit an war die Conferenz in sich getrennt. England und Frankreich befolgten das System der Zwangsmittel, Prenßen, Ostreich und Rußland aber das der fortgesetzten friedlichen Unterhandlung; unter den genannten drei Machten aber übernahm Preußen die thatige Rolle der Vermittelung. Aus diesem Grunde spaltete sich nunnzehr die bisher gemeinsame Verhandlung in besondere vertrauliche Mittheilungen und Separalconventionen. Das Cabinet des Königs der Niederlande wandte sich mit seinen Noten und Entwürfen an den ersten britischen Minister, an das preußische und an das französische Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten. England aber schloß mit Frankreich die bekannte Convention vom 22. Oct. 1832 und Frankreich mit Belgien Particular- verträge, um die angedrohten Awangsmaßregeln gegen Holland vom 8. und 15. Nov. an zu vollziehen. Preußen stellte dagegen ein Beobachtungsheer an der Maas auf, um zu verhindern, daß Frankreichs Executionsheer nicht langer in Belgien verweile, als bis zur Übergabe der eroberten Citadelle von Antwerpen an die belgische Regierung. Aus dieser formellen Auflösung der londoner Conferenz, welche seit der von Frankreich vorgeschlagenen und von Großbritannien genehmigten Anwendung von Awangsmaßregeln eingetreten war, folgt von selbst, daß seit dem 70. Protokoll kein ferneres bis jetzt erscheinen konnte, obwol die Diplomaten factisch noch in London beisammen blieben. Desto wichtiger war der Notenwechsel, der seit dem Oct. 1832 an die Stelle der Conferenzprotokolle getreten ist und noch jetzt fortdauert. Als nämlich der Zeitpunkt des Eintretens der Zwangsmaßregeln gegen Holland — das Embargo auf die holländischen Schisse und die Blockade der M? Londoner Konferenz 935 derländischm Küste, forme der französische Angriff aus die Citadelle von Antwerpen — bestimmt worden war, richtete noch vorher der niederländische Bevollmächtigte, Baron von Zuylen van Nyeveld, am 9. Nov. 1832 mehre Noten mit Vor schlägen an den ersten britischen Minister, Lord Grey. Diese Vorschläge betrafen vie Annahme eines von dem preußischen Bevollmächtigten im Haag übergebe- nen Entwurfs, als Basis eines zwischen Niederland und den fünf Mächten abzuschließenden Endvertrags. Holland hatte sich darin den letzten Federungen der Con- ferenz sehr genähert, aber auch in dem preußischen Entwürfe einige Abänderungen vorgeschlagen, daher Lord Grey in seiner Antwort vom 11. Nov. 1832 darin kein „Mittel zu einer alsbaldigen und genügenden Ausgleichung der obschwebenden Fragen" erblickte, sondern nur „einen neuen Aufschub, den der jetzige Stand der Angelegenheiten nicht länger gestatte". Lord Grey sah also darin nicht die Basis eines Vertrags, wie der niederländische Minister seinen Entwurf bezeichnete, sondern bloß die Grundlage zu neuen Unterhandtungen. Er erklärte daher nochmals, „daß die Übergabe der Citadelle von Antwerpen mit den davon abhängenden Forts unausweichlich als eine Präliminare zu weitern Unterhandlungen betrachtet werden müsse". Van Zuylen bestritt diese Ansicht und Beschuldigung eines beabsichtigten Aufschubs in seinem Schreiben vom 12. Nov. „Der Entwurf des berliner Cabinets habe nämlich einige Punkte unausgefüllt gelassen, die ein Ver- ständniß von wenigen Stunden hätte ausgleichen können." „Seit das britische Cabinet", heißt es ferner in diesem Schreiben, „aus der Scheldefrage eine eng - tische und europäische Frage macht, habe das niedcrländischc Cabinet, obgleich er staunt, daß die Vermittler sich mit ihren eignen Interessen beschäftigen, sich bereit erklärt, Alles anzunehmen, was der Entwurf von Berlin in dieser Beziehung vorgeschlagen." Weil nun Lord Grey den Ansatz des Scheldezolles von 3 Gldn. für die Tonne für zu hoch gehalten, so habe das niederländische Cabinet diesen Ansatz vermindert-, ebenso habe dasselbe die Besorgniß der belgischen Regierung wegen einer willkürlichen Erhöhung des Tarifs des Transitozolls durch Limburg am 9. d. schriftlich beseitigt. Dagegen demerkte Lord Grey in seiner Erwiderung vom 13. Nov., daß er die Unterscheidung zwischen „Vertrag" und „Unterhandlung" für einen bloßen Wortstreit hatte; „der preußische Entwurf sei in London von einigen Mitgliedern der Conferenz abgefaßt und nach Berlin gesendet worden, ohne daß die britische Regierung daran Theil genommen oder Kenntniß davon gehabt hätte; auch sei er niemals der Conferenz, noch ofsiciell Sr. Majestät StaatSftcretaic mit- getheilt worden." Hinsichtlich des Scheldezolls habe der niederländische Bevollmächtigte den Betrag der Verminderung nicht angegeben, und der Transitozoll durch Limburg sei durch den 11. Artikel des Vertrags vom 15. Nov. ganz ausgeschlossen, denn der Theil von Limburg, durch welchen die über Sittard zu führende Verbindungsstraße nach Deutschland gehe, habe vor 1790 zu Belgien gehört, wenn nun Belgien diesen Strich an Holland austausche, so könne es darum nicht die Verbindung mit Deutschland verlieren. Es sei die freie Durchfahrt über Sit- tard also bloß einer Abgabe zur Unterhaltung der Wege unterworfen. Der Lord verwies femere Eröffnungen an das li'ooei^n olLoe. Hieraus erwiderte Baron van Zuylen am 14. Nov., da er nicht bei Sr. großbritannischcn Majestät beglaubigt, sondern zu den Verhandlungen mit der Conferenz bevollmächtigt sei, diese aber den Charakter als Vermittlerin verliere, indem zwei ihrer Mitglieder den von kriegführenden Machten annähmen, so habe er nur sich vertraulich an den Chef des britischen Cabinets unmittelbar und nicht an das ^orei^n Hauptstadt eine große Lehranstalt zu besitzen, gerechtfertigt erscheinen. Man hat zwar in neuem Zeiten in Oxford und Cambridge durch Errichtung neuer Lehrstühle, ^ besonders für Naturwissenschaften, den frühern Vorwürfen einer einseitigen Stu- dienrichtung abzuhelfen angefangen; aber die ganze alterthümliche Einrichtung iRl jener Anstalten drücken Gebrechen, welche den Zeitfoderungen durchaus widerstreb ^ ten. Die englischen Universitäten unterscheiden sich sowol von den deutschen, als ^!i selbst den bedeutendsten schottischen, Edinburg und Glasgow, durch mehre eigenes thümliche Einrichtungen. Sie sind nicht bloß Lehranstalten für Srudirende, ja gerade dies am wenigsten, sondern sie besitzen auch Gelehrtenpfründen, die aus H reichen alten Stiftungen ihre Einkünfte erhalten. Jede der beiden Universitäten hat sogenannte Colleges, Oxford 19 und Cambridge 12. Jedes derselben hat ein Ä besonderes Gebäude, worin die Pfründenbesitzer (kellons, socü), die Studenten titz und ihre Privatlehrer (tutors), die häufig aus den Fellows genommen werden, ftb unter einem Oberhaupte in einer Art von klösterlicher Gemeinschaft leben. Das M Oberhaupt jedes College bildet mit den Pfründenbesitzern, den Lehrern und Studi» iidm renden eine Genossenschaft, welche von den übrigen Collegien und der Universität selbst, die ihre eignen Verwaltungsbeamten hat, unabhängig ist. Die Mitglieder der Collegien, die Promovirte (gratluat.es) sein müssen, werden aus der Stiftung unterhalten und beziehen bestimmte jährliche Einkünfte. Sie behalten ihre Pfrün» m; ich dm auf Lebzeit, ausgenommen wenn sie hcirathen, oder ein Vermögen erben, das stzck» i ein größeres Einkommen als ihre Pfründe gewährt, und rücken nach und uach Wtzl, i höher, sodaß ihre Einkünfte von 50 — 150 Pfund Sterling und mehr steigen. M ^ Aus diesen Mitgliedern werden die Pfarreien besetzt, über welche die Universitäten SM das Patronatrecht haben, und sie verlieren in diesem Falle gewöhnlich die Vortheile ^ der Mitgliedschaft. Außer diesen werden noch Andere zum Theil aus dem Stisi tungsvermögen der Collegien erhalten, zu welchen auch die sogenannten Diener M (servitors) gehören, junge Leute, die den übrigen bei Tische aufwarten müssen und iG dafür vier Jahre hindurch Kost und Unterricht genießen. Die NichtMitglieder, die eigentlichen Studenten (uutler-xratluates), sind einer strengen Zucht unterworfen. HM Sie müssen täglich dem Gottesdienste im Hause beiwohnen. Die meisten Colle- Ml gien in Oxford und Cambridge haben außer den abhängigen, ganz oder zum Theil aus dem Vermögen der Stiftung unterhaltenen Mitgliedern, auch unabhängige, zM die auf ihre Kosten leben, aber den meisten Gesetzen der Anstalt gleichfalls unterwor-- Hi sm sind. Sie heißen nach ihrem Range und nach dem Betrage der Kosten noble- wen, iellovv commoners und commoners. Die eigentlichen Studenten auf bei- ^ HB den Universitäten gehören als Mitglieder oder als Unabhängige zu den verschiedenen Collegien. Wenn in den Collegien in den Verwaltungsangelegenheiten Streit ent- M' steht, so entscheidet der Oberaufseher, der ein von dem Stifte ernannter Bischof .M! oder Lord ist. Neben den Collegien hat Oxford noch sechs sogenannte Hallen (Kalls), Kosthäuser, die kein Stiftungsvermögen und also auch keine Fellows haben, und (M in welchen die Studenten unter den Gesetzen der Universität ans ihre Kosten leben; in Cambridge aber gibt es vier Hallen, die Stiftungsvermögen besitzen. Die Ge- genstände der Studien in den Collegien unter der Leitung der Privatlehrer sind fast ausschließend klassische Literatur und Mathematik, diese vorwaltend in Cambridge. ^ Die Professuren der Universitätslehrer werden theils aus öffentlichen Cassen Unterst halten, theils sind sie Stiftungen von Privatpersonen. Ihre Vorlesungen sind ' sj i mager, oft nur auf wenige Vorträge beschränkt und geben kaum die nöthiaen Winke 940 Londoner Universität MWNst^ I Mscke, Tli großer Theil des gebildeten Mittelstandes von der Benutzung jener Anstalten aus- A geschlossen wird. Diese Rücksichten und der Vortheil, eine Gelegenheit zu vollständigem Unterricht in den Berufswissenschaften zu erhalten und die wissenschaftliche ^ Ausbildung mit der Wohlthat häuslicher Aufsicht zu verbinden, führten zu dem Pla- ss ne, eine Hochschule zunächst für die Bewohner Londons zu stiften. Die erste Anregung gab 1835 der Dichter Thomas Campbell in „Detter to ülr. krougcham on tüe subject oku I^onckon Dniversit?" (London 1835). Brougham, der schon früher j mit dem lebendigen Eifer, welchen er den wichtigsten Volksinteressen widmet, an der ^ Verbesserung des Schulwesens gearbeitet und die Mängel der höhern Lehranstalten Englands aufgedeckt hatte, ergriff den Gedanken mit Theilnahme. Im Sommer ^ jenes Jahres schritt man zur Ausführung des Entwurfs. Die neue Anstalt ward auf Actien gegründet, jede zu 100 Pf. Sterl., die verkäuflich und erblich sind, jährlich h mit vier Procent verzinst und in Fristzahlungen wiedererstattet werden sollen. Je- hy der Aktieninhaber hat das Recht, einen Zögling auf die Hochschule zu senden, ^m Dec. 1835 ward unter Brougham's Vorsitz eine Versammlung der Actieninhaber gehalten, die einen Universitatsrath von 35 Mitgliedern wählten, zu welchem außer Brougham und Campbell auch Lord Lansdowne, Lord John Russell, Mackintosh,der geistreiche Parlamentsredner Macauley, Joseph Hume und Olinthus Gregory gehörten. Der Bau eines Universitätsgebäudes wurde beschlossen, wozu am 30. April 1837 durch den Herzog von Sussex der Grundstein gelegt wurde. Man gebrauchte bei dieser Feierlichkeit denselben Hammer, der 1675 bei der Grund- Londoner Universität 941 steinlegung der Paulskkrche gedient und den Christoph Wren der Freimaurerloge ^ntiquit^ zu London geschenkt hatte. Während mehre ausgezeichnete Lehrer für die Anstalt gewonnen wurden, rückte der Bau so schnell vor, daß die Universität am 1. Oct. 1828 durch eine Vorlesung des berühmten Anatomen Charles Bell eröffnet wurde. Von dem Universitätsrath wurde 1882 ein Verwaltungsausschuß niedergesetzt und zu gleicher Zeit ward ein akademischer Senat ernannt. Jeder Student zahlt jährlich 5 Guineen in die Casse der Universität und 1 Guinee für die Bibliothek und die wissenschaftlichen Sammlungen. Die Ge- sammtkosten für den Unterricht betragen jährlich gegen 80 Pfund Sterling. Die Unterrichtszeit dauert jährlich 10 Monate; zu Weihnacht und Ostern sind 14 Tage, von der Mitte des Aug. bis zu Ende des Sept. 0 Wochen Ferien. Die auf Widerruf angestellten Professoren erhalten verhältnißmäßig geringe Gehalte und sind hauptsächlich auf die Honorare der Studenten angewiesen. Die öffentlichen Vorlesungen sind mit Prüfungen durch die Lehrer verbunden, und nur diejenigen Zöglinge, welche denselben beiwohnen, können Anspruch auf Zeugnisse machen. Für einige Zweige des Wissens sind Privatlehrer (tutors) angestellt. Die Lehrgcgenstande sind: Sprachenkunde, Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie, Geschichte, englisches Recht, Staatswirthschaft, Arzneiwissenschaft. Der Lehrplan führte mehre Wissenschaften in das akademische Studium ein, die früher auf den englischen Universitäten nicht beachtet wurden, wie die Sprachen und die Literaturgeschichte der neuern europäischen Völker und die allgemeine Jurisprudenz. Vorzüglich werden die Naturwissenschaften mit erschöpfender Um- sänglichkeit gelehrt, und nicht mindere Sorgfalt wird dem medicinischen Curfus gewidmet, der umfassender und doch wohlfeiler als in Hospital ist. Bei der Entwerfung des Plans hatte man nicht sowol die schottischen Universitäten als die deutschen im Auge gehabt. Jährlich werden Preise vertheilt. Die Anstalt besitzt reiche Lehrmittel, einen ausgezeichneten, von dem Professor Dionysius Lardner, dem Herausgeber der „(lullinet t^dopaeüia", eingerichteten physikalischen Apparat, ein von Turner sehr gut ausgestattetes chemisches Laboratorium, ein anatomisches Museum mit tresslichen Zeichnungen für pathologische Anatomie unter Bell's Aufsicht und eine Sammlung zur Erläuterung der Arzneimittellehre, von Thompson eingerichtet. Die londoner Universität hatte gleich bei ihrer Stiftung mit heftigen Anfeindungen zu kämpfen. Die Manner, die sich zur Gründung derselben vereinigt hatten, gehörten größtentheils zur Whigpartei, und schon dies mußte der Anstalt Gegner erwecken. Mit den Tories verband sich auch hier die Kirchenpartei, welche das Interesse der bischöflichen Kirche durch das Emporkommen einer blühenden Lehranstalt, die sich von aller Verbindung mit ihr lossagen wollte, gefährdet glaubte. Sie suchte anfangs den Plan lächerlich zu machen und dann verdächtigte man ihn; man nannte die neue Hochschule spottend die Dissenteruniverfität, und sagte, das Interesse der Staatsreligion fodere Sicherheit gegen den Einfluß einer von ihr getrennten Anstalt. Die aus dem Plane der neuen Lehranstalt hervorgehende Ausschließung des theologischen Unterrichts und gemeinschaftlicher Andachtsübungen gab den Widersachern Gelegenheit, die Vorurtheile der Wohlgeneigten gegen das Unternehmen aufzuregen, und ihre Bedenklichkeiten wurden besonders in letter t» ille Rißcht Ronorullle Rollert l?eel, on tlls sullseet of tlle llniversit^ okl.on- u«>n. ellristiunus" (London 1828) ausgesprochen. Die Stifter der Universität «der gingen von ihrem Entwürfe nicht ab, und bei der Absicht, eine Anstalt zu gründen,die allen in England strenge geschiedenen Glaubensparteien zugänglich sein sollte, glaubten sie den Unterricht in religiösen Lehrmeinungen mit der allgemeinen Lehranstalt nicht verbinden zu dürfen und Andachtsübungen um so mehr dem hauslichen kreise überlassen zu müssen, da die überwiegende Mehrzahl der Zöglinge aus Seh- 942 Londoner Universität nen einheimischer Aeltern bestehen sollte, welche die Vorlesungen über ihre Beruftwissenschaften zu verschiedenen Tagesstunden besuchten. Dieser Umstand hatte atm in England so viel Gewicht, daß der Universitätsrath in seinem „Seccmllswtement" (London 1828), worin er den Unterrichtsplan darlegte, die ausgesprochene Bedenk- tichkeit gegen die Ausschließung taglicher Morgenandachten im Universitätsgebäude umständlich erörterte. Man suchte den Vorwurf auch aufandere Weise abzuwehren. Zwei bei der Universitär angestellte, der bischöflichen Kirche angehörige Lehrer kündigten an, daß diejenigen Zöglinge, die in der Gegend des Universitätsgebäudes wohnten, in einer benachbarten Capelle täglich Gelegenheit zu gottesdienstlichen Übungen finden würden, und erboten sich in derselben Capelle auch einen theologü schen Cursus zu eröffnen. Ebenso erboten sich zwei presbyterianische Geistliche, Mitglieder der Hochschule, zu Vorlesungen über die Dogmen ihrer Kirche in einem benachbarten Hause. Die Vorsteher hätten selbst gegen die Gründung eines katholischen, unitarischen oder baptistischen Lehrstuhls nichts einzuwenden gehabt, aber mit strenger Consequenz wollten sie von einer Anstalt, welche wissenschaftliche Kenntnisse lehren sollte, die für alle Parteien brauchbar sind, jede Theilnahme an diesen Privatunternehmungen fern halten. Sie suchten jedoch, aller Anfeindungen ungeachtet, jede Opposition mit den Landesuniversitäten, von deren abgeschlossenem Wirkungskreise sie in ihren Mittheilungen immer mit Achtung sprachen, zu vermelden, und erinnerten oft daran, daß die verschiedenen Lehranstalten sich alle in dem gemeinsamen großen Zwecke begegnen sollten, dem Volke die Gelegenheit zu höherer Ausbildung nahe zu bringen und den Geist echter Wissenschaftlichkeit zu verbreiten, welche besondern Wege auch jede dazu wählen möge. Die neue Anstalt begann indeß unter günstigen Vorbedeutungen. Selbst mehre indische Kaufleute in Bombay kauften Actien, um ihre Söhne an den Vortheilen der europäischen wissenschaftlichen Bildung Theil nehmen zu lassen. Man zählte 1829 schon K80 Zöglinge, und besonders hob sich die medicinische Schule. Zu Anfange des Jahres 1832 aber war die Zahl der Zöglinge auf ungefähr 400 gesunken, wozu noch 80 Zöglinge in der mit der Universität verbundenen Elementarschule kamen; das Stammvermögen bestand jedoch aus 164 ,852 Pfund Sterling, wovon 2377 Pfund aus Schenkungen herrübrten, und es ergab sich mit den Rückständen ein Überschuß der Einnahme, der 6650 Pfund überstieg. Um so mehr mußte es überraschen, zu Anfange des Jahres 1833 ein so ungünstiges Ergebniß hervortreten zu sehen, daß man die Fortdauer der Anstalt nicht ohne neue Anstren- zu k gungen sichern zu rönnen glaubte. Aus dem Berichte des Ausschusses ergab sich, 'A ^ daß das ursprünglich unterzeichnete Capital von 158,882 Pf. Sterl. verwendet ^ze«inun^ worden und eine Schuld von 2946 Pf. angewachsen ist. Man drang auf neue MnMcheMi jährliche Unterzeichnungen, um die Universität in eine unabhängige Lage zu setzen. Wir sind über die Ursachen dieser Erscheinung noch nicht genau unterrichtet, H», es scheint aber, daß außer einigen Mängeln in dem Plane der neuen Anstalt selbst, besonders die von der Regierung, von der reichen Aristokratie und der bischöfli- chen Geistlichkeit begünstigte ähnliche Lehranstalt in London das fröhliche Gedeihen ihrer Nebenbuhlerin gehindert habe. Als die Gegner der londoner Universität sahen, daß die Ausführung des Entwurfs nicht gestört werden konnte, versammelten sich am 21. Jun. 1828 unter dem Vorsitze Wellingtons die Erzbischöfe von Canter- dury und Pork und mehre Bischöfe und AnHanger der Torypartei zu London und faßten den Beschluß, eine Lehranstalt in der Hauptstadt zu gründen, welche alle Hauptzweige der Wissenschaften lehren, aber es zugleich als einen wesentlichen Theil des Unterrichtssystems festsetzen sollte, den Gemüthern der Jugend dieKennt- niß der Lehren und Pflichten des Christenthums einzuflößen, wie sie in der vereinigten Kirche von England und Irland gelehrt werden. Es wurden bald so ansehnliche Summen unterzeichnet, daß der Bau eines eignen Gebäudes beginnen konnte. MM Lornsen 943 ! Die Anstalt erhielt den Namen KillAs College, und wurde 1829 von der Regie- rung mit einem Vorrechtsbriefe begabt, welcher der Universität zu London nicht zu ^ Theil geworden ist. Sie zerfallt in zwei Abcheilungen, in die höhere und in die un- ^ lere Classe, welche zu jener vorbereitet. In der höhern Classe sind die Lehrgegen- ^ stände nebst der Religionslehre dieselben Zweige des Wissens, welche die londoner , Universität lehrt. Die Theologie erfreut sich besonderer Beachtung und wird in iktitz > dieser Lehranstalt gründlicher und erschöpfender vorgetragen als in Oxford oder SGtz . Cambridge. In der neuesten Zeit hat besonders auch die medicinische Classe sich gehoben, für welche 1882 ein anatomisches Museum und eine Bibliothek gegründet wurden. Nur Mitglieder der englischen Kirche können bei her Verwaltung der Anstalt oder als Lehrer angestellt werden, ausgenommen die Lehramter der morgen- ländischen Literatur und der neuern Sprachen. Der Lordkanzler und sechs andere i!^ Staatsbeamte sind nach dem königlichen Vorrechtsbriefe kraft ihres Amts zu Ober- ^ aufsehern bestimmt, die besondere Aufsicht aber führt der Erzbischof von Canter- ^ bury. Acht auf Lebzeit ernannte Gouverneure und 24 gewählte Theilnehmer bil- den den Universitätsrath. Lornsen (Uwe Jens), geboren 1795 auf der Insel Sylt, einem Theise des nordfciesischen Gebiets auf der Westküste des Herzogthums Schleswig, wo bis jetzt die eigenthümliche friesisch-deutsche Nationalität in schöner Originalität sich erhalten hat; Verfechter der gesetzlichen Freiheit in Schleswig und Holstein. Sein Vater, wie die meisten höher gebildeten Einwohner der Insel, verlebte die Jahre der Kraft als Schissscapitain auf dem Wellmeere, war aber häufig wegen Reklamationen bei den Prisengerichten in London undParis und bekleidet jetzt das ehrenvolle Gemeindeamt eines Rathmannes in Sylt. L. studiere 1816—2V in Kiel und Jena, war kurze Zeit Advokat, ging nach Kopenhagen und ward als Volontair beider schleswig-holsteinischen Kanzlei angestellt. Bei dem höchsten Collegium der drei mit Dänemark verbundenen deutschen Herzogtümer zeichnete sich L. nicht nur durch Eifer und Fleiß, sondern auch durch ein ungewöhnliches administratives Talent so sehr aus, daß er die Zufriedenheit und Gunst seiner Obern erwarb, und Andere überspringend, bald zu dem wichtigen Posten eines Comptoirchefs, mit dem Titel eines Kanzleiraths. gelangte, in welchem er das Referat in Kirchen- und Schulsachen, Militair- sachen, Straßenbauangelegenheiten, Handels- und Gewerbsachen hatte. Es stand ihm der Weg offen zu höhern Ämtern, aber das Amt eines Landvogts auf seiner heimathlichen Insel ward erledigt, was ihm von Kindheit her als das schönste Ziel seiner Wünsche und Wirksamkeit erschienen war, zugleich traten die pariser Juliustage ein und erweckten in seinem Gemüth längst schlummernde Hoffnungen. Die unfreundliche Weise, auf welche die Herzogthümer von Kopenhagen aus im Namen eines wohlwollenden Souverains regiert wurden, war ihm allzu deutlich geworden. Vom Könige zum Landvogt auf Sylt ernannt, kam L. nach neunjährigem Aufenthalt in Kopenhagen wieder in der Heimath an und fand in Kiel, wo er manche Freunde hatte, die Gemüther durch die gewaltige Aeitbewegung lebhaft ergriffen. Es wurde hier derathen und beschlossen, jetzt wiederum, der deutschen Bundesacte und den alten vom König anerkannten Landesrechten gemäß, Petitionen für die Erneuerung der repräsentativen Verfassung bei der höchsten Behörde in Kopenhagen einzureichen, wobei L. sich vor Allen thätig bewies, eine Versammlung gebildeter freiheitliebcnder Männer aus verschiedenen Gegenden des Landes zu diesem Endzweck zu Stande zu bringen. Um der Sache eine bestimmte Richtung M geben, ließ er drucken: „Uber das Verfassungswerk in Schleswig Holstein" (Kiel 1880). Zehntausend Exemplare wurden in wenigen Tagen abgesetzt; der Mann hatte endlich die Wahrheit ausgesprochen. L. hatte sich nicht getäuscht über ! die Gefahr, der er sich preisgab. Zwar war die Ruhenirgend unterbrochen worden, bmnoch abcr wardL, als er eben die Landvogtei aus Sylt angetreten hatte, gefangen 944 Lötz genommen und in der Festung Rendsburg im strengsten Gewahrsam gehalten Nachdem er hier ein halbes Jahr verhastet gewesen war, und eine außerordentliche Commission die genaueste Untersuchung vorgenommen hatte, ward er vom schles- wigschen Obergericht durch ein Unheil ohne Entscheidungsgründe, ohne Anführung eines Gesetzes, „wegen Handlungen, die hatten gefahrlich werden können" seines Amts entsetzt, zu einjähriger Festungsftrafe und in sammtliche Untersuchungskosten verurtheilt; der Titel eines königlichen Kanzleiraths ward ihm gelassen. Ein Strom von Schmähungen und Verleumdungen hatte sich gegen ibn ergossen, von ihm selbst aber ist während seiner Gefangenschaft kein gehässiges Wort über seine Gegner gehört worden, und es hat sich ergeben, daß er uneigennützig für die Freiheit seines Vaterlandes gekämpft hat und von allen ihm gemachten Vorwürfen sich kein einziger als begründet zeigt. Lötz (Johann Friedrich Eusebius), wirklicher geheimer Conferenzrath zu Koburg, geboren am 13. Jan. 1770 in dem Hildburghausischen, jetzt koburgischm Orte Sonnenfeld, wo sein Vater als Amtmann angestellt war, erhielt seit 1781 uuf dem Gymnasium zu Koburg seine Vorbildung, und bezog darauf 1787 die Universität Jena, um die Rechtswissenschaften zu studiren. Seine Absicht, sich dem Lehramte zu widmen, wurde durch den Tod seines Vaters vereitelt. Er ging 1.79V in seine Heimath zurück, ward in demselben Jahre als Hofadvokat angestellt und lebte als Sachwalter erst in Sonnenfcld, später in Hildburghausen. Er erhielt 1795 den Auftrag, das Archiv in Hildburghausen zu ordnen, und 1797 die Stelle eines Regierungs- und Consistorialsecretairs, die er bis 1804 bekleidete, wo er Lehnssccretair wurde, bis er endlich 1806 als Beamter nach Heldburg, einem hildburghausischen Amte, versetzt ward. In dieser Stelle fand er jedoch seine Wünsche nicht befriedigt, und trat 1810 als Regierungsrath für das Polizeidepartement und die Landeshoheitssachen in die Dienste des Herzogs von Koburg. Dieses Amt bekleidete er bis 1822, wahrend er manche Nebengeschäfte zu besorgen hatte, unter welchen das Wichtigste die Übernahme des Fürstenthums Lichtenberg 1816 und die Organisation und Verwaltung dieses neuen Gebietsteils bis 1817 war. Er wurde darauf mit Beibehaltung seines Geschaftskreises bei der Regierung zu den Arbeiten des Ministeriums in publicistischen Angelegenheiten gezogen und übernahm zugleich die Direktion der damals errichteten Schuldentilgungscommission. Mit dem Schlüsse des Jahres 1824 trat er aus der Regierung und als geheimer Assistenzrath in das Ministerium, wo er besonders die gotha-altenburgischen Successionsangelegenheiten zu bearbeiten hatte, die durch den Theilungsvertrag vom 12. Nov. 1826 erledigt wurden, den er als zweiter koburg. Bevollmächtigter mit abschloß. Ein Antrag, in die Dienste des Herzogs von Meiningen zu treten, veranlaßt 1827 seine Beförderung zum geheimen Conferenzrath, während er seine frühern Geschäfte beibehielt, bis er 1831 mit seiner jetzigen Stelle einen umfassendem Wirkungskreis erhielt, der hauptsächlich die Gesetzgebung, die Ausbildung des innen: Verwaltungswesens und die auswärtigen Verhältnisse begreift. Im Inn. 1831 schloß er in München einen Vertrag über die Territorialverhältnisse des lichtenbergischen Amtes Königsberg ab, und verwaltete seit der Mitte des Jahres 1832 die Stelle eines Generalcommissars im Fürstenthum Lichtenberg, zur Dampfung der dort ausgebrochenen, mit den Ereignissen in Rheinbaiern verzweigten Unruhen, nach deren Stillung er im Jan. 1833 zurückkehrte. Außer einigen Schriften über das Civilrecht, bestehen die literarischen Leistungen, durch welche sich L. einen geachteten Namen erworben hat, in Schriften über verschiedene Zweige der Staatswissenschaftcn, welchen er früh seine Studien widmete. Seine Schrift „Über den Begriff der Polizei und den Umfang der Staatspolizeigewalt" (Hildburghausen 1807) ward in einer Zeit geschrieben, die zu einer Untersuchung dieses Gegenstandes Auffoderung gab. Sein? Hauptwerke sind: „Revision der Grund- stillt » W » W Hill Louis 945 »SÄ "K begriffe der Nationalökonomie in Beziehung auf Theurung und Wohlfeilheit, Angemessenheit der Preise und ihre Bedingungen" (4 Bde., Koburg 1811 —14) und „Handbuch der Staatswirthschaftslehre" (3 Bde., Erlangen 1821 — 22). Der Beifall, den seine Werke fanden, gab 1819 Anlaß, ihm das Lehramt des Staatsrechts und der Staatswirthschaft auf der Universität zu Bonn anzutragen. In den letzten Jahren hat L. einige werthvolle Mittheilungen in Politz's „Jahrbüchern für Geschichte und Staatskunst" gegeben, unter welchen wir „Über die noth- wendige Reform des teutschen Münzwesens" (1828) auszeichnen. Louis (Baron), ehemaliger französischer Finanzminister, bekannt unter dem Pamen des Abbe Louis, weil er vor der Revolution die ersten kirchlichen Weihen erhalten hatte, ist geboren zu Toul, im Departement der Meur- the, um das Jahr 1760. Schon 1788, als Mitglied der Provinzialversamm- lung von Orleanais, erklarte er sich für das neue politische System, und bei dem ersten Föderationsfeste, am 14. Jul. 1799, assistirte er als Diakonus dem Bischof von Aurun, Talleyrand, bei der Messe an dem Altare auf dem Marsplatze. Ludwig X VI. gab ihm einige diplomatische Auftrage nach Brüssel und nach Stockholm. Unzufrieden mit den Ausschweifungen und Verbrechen, die dem 1V. Aug. 1792 folgten, zog sich der Abbe L. nach England zurück, wo er bis zum 18. Brumaire des Jahres VIll (9. Nov. 1799) blieb. Nach seiner Rückkehr wurde er zum Umtre swlni seiectu^ von Van Voordt (2 Bde., 1827— 30); „Uoi^bü Lxcorzttu Vuticanu" von Geel (1829); Theopompus von Wichers (1829) und mehre, die orientalische Literatur betreffende Werke von Hamaker und seinen ehemaligen Schülern Uylenbroek, Roorda und andern aus den handschristlichen Schätzen der Bibliothek zu Lehden herausgegeben. Die Buchhandlung führt noch immer den Titel: Universitätsbuchdruckerei und setzt die Herausgabe der ,,^unu!o8 ncuüemiae öutuvue" (1816 — 32) fort. Lücke (Gottfried Christian Friedrich), hanövcrischer Consistorialralh und Professor der Theologie zu Göttingen, wurde als der älteste Sohn eines nicht un- begüterten Kaufmanns in dem Stadtchen Egeln bei Magdeburg am 23. Aug. 1797 geboren. Er erhielt eine religiöse Erziehung im vaterlichen Hause und sorgfaltigen Unterricht, kam 1804 aufdieDomschule zu Magdeburg, wo vornehmlich derberühm- te Funk, damals in der vollen Rüstigkeit des Geistes, auf ihn belebend einwirkte und die Richtung und Bildung seines Geistes bestimmte, und konnte Ostern 1810 die Universität Halle beziehen. Aus innerm Bedürfnisse ergriff er hier das Studium der Theologie. Die Vorlesungen Knapp's und Gesenius', die Theilnahme an den Übungen des theologischen Seminars unter Leitung des Erstem, sowie die pädagogischen Übungen unter Niemeyer trugen vorzüglich zu ^seiner theologischen Ausbildung bei. Durch die Lösung einer Preisaufgabe über den Gebrauch der alt- testamentlichm Apokryphen bei der Auslegung des Neuen Testaments wurde er seinen Lehrern näher bekannt und von ihnen zu dem Entschlüsse aufgemuntert, sich dem akademischen Lehramte zu widmen. Vornehmlich um sich in der Kirchengeschichte noch weiter auszubilden, ging er 1812 nach Göttingen und wurde Schüler Planck's. Durch eine Prcisschrift,,!)« ecciesia upostolica" kam er in nähere Verbindung mit diesem würdigen Lehrer, der sich seiner Studien väterlich annahm, ihn 1813 als theologischen Privatdocenten nach Heidelberg empfahl, und als die westfälische Cvnscription ihn nöthigte zu bleiben, für seine Befreiung von derselben durch seine Fürsprache wirkte. Da inzwischen eine Repetentenstelle in der theologischen Facultät zu Göttingen erledigt wurde, so erhielt er diese und damit hinlängliche Gelegenheit, sich zu dem akademischen Lehramte vorzubereiten. Ein schöner Freundeskreis, wozu unter Andern Bunsen in Rom, Lachmann in Berlin, Brandis und der Dichter Ernst Schulze gehörten, wurde damals in höchstem Grade erregend und bildend für ihn. Als 1816 das Benesicium der Repetentenstelle für ihn zu Ende ging, zog ihn die neue EntWickelung des theologischen Studiums nach Berlin, wo er noch im Sommer 1816 als Licentiat der Theologie promovirte und besonders für die neutestamentliche Exegese sich habilitirte. Der nähere freundschaftliche Umgang mit Schleiermacher, de Wette und Neander legte ihm die Aufgabe nahe, die Verschiedenheit, ja die entschiedenen Gegensätze, welche diese drei 950 Lüdemann Männer darstellten, so viel als möglich in sich zu vermitteln und so seine Selbständigkeit zu behaupten. Der Erfolg seiner sehr besuchten Vorlesungen und die Empfehlung der theologischen Facultät verschafften ihm 1818 eine außerordentliche theologische Professur. Bei Errichtung der Universität Bonn im Herbste 1818 wurde er als ordentlicher Professor der Theologie dahin versetzt. Hier wirkte er in dem schönsten Freundeskreise vorzüglich im Fache der Exegese und Kirchengeschichte neun Jahre sehr anregend, nahm aber 1827 einen ehrenvollen Ruf nach Göttingen an, wo er mit großem Beifall auftrat und in dem für Göttingen verhangnißvollen Winter 1831 — 32 das Protectorat bekleidete. Die Regierung hat seine ausgezeichnete Wirksamkeit durch Verleihung des Charakters eines Consistorialraths geehrt. Von seinen Schriften nennen wir den „Grundriß einer neutestamentlichen Hermeneutik" (Götlingen 1817); „Über den neutestamentlichen Kanon des Eusebius" (Berlin 1817); „Commentar über die Schriften des Evangelisten Johannes" (erster bis vierter Band, Bonn 1820 — 32). Außerdem hat er, in der mit seinem Freunde Gleseler herausgegebenen „Christlichen Zeitschrift", sowie in Ullmann's und Umbreit's „Studien und Kritiken", mehre kleinere Abhandlungen geliefert. L. gehört zu Denen, welche man vor einem Jahrzehend zur äußersten Rechten unter den Theologen rechnete, jetzt aber wol zu Denjenigen zählen wird, welche über den Gegensätzen und Extremen der Zeit eine höhere Einheit suchen, oder vielmehr die in der heiligen Schrift gegebene ewige Mitte festhalten. (68) Lüdemann (Georg Wilhelm von), geboren am 15. Mai 1796 zu Küstrin, wo sein Vater damals königlicher Kammerdirector war, seit 1828 nach einem vielbewegten Reifeleben bei Freistadt in Schlesien! wohnend. Seine in Berlin begonnenen akademischen Studien wurden bald durch den Aufruf des Königs unterbrochen, dem er Genüge leistete, indem er im März 1813 als Freiwilliger dem Aork'- schen Corps sich anschloß. Er nahm Theil an den Schlachten bei Lützen, an der Katzbach, bei Leipzig und machte nach dreimaliger Verwundung den Feldzug in Frankreich mit. Von 1814 — 16 besuchte er von Neuem die Universität, und in diese Zeit, während welcher er sich neben den Rechtswissenschaften auch mit der Geschichte und dem Sprachstudium beschäftigte, fällt seine Verbindung mit Dan. Leßmann, der während des Feldzugs sein Nebenmann gewesen war. L-'s Anstellung als Referendar bei der Regierung zu Berlin dauerte nur einige Jahre, da eine Herzkrankheit die Fortsetzung aller angestrengten Arbeiten verbot und sein nun beginnendes Reiseleben ebenso erwünscht als nothwendig machte. Er durchflog Deutschland, die Schweiz, Slavo- nien, Italien und knüpfte in Neapel und Rom mit Karl Witte ein enges Freund- schastsbündniß, das für L. eine neue Lebensrichtung eröffnen mochte. An der Seite des Freundes kehrte er, nachdem Italien und ein Theil Frankreichs durchwandert war, nach Deutschland zurück. Vergeblich aber war sein Versuch, sich in die heimische Ruhe wieder einzugewöhnen; die Reiselust trieb ihn durch Holland, England, Frankreich. Ein dreimonatlicher Aufenthalt im Lande der Basken führte zum Studium des Charakters und der Sprache dieses Volkes, und hatte das geschätzte Werk: „Züge durch die Hochgebirge und die Thäler der Pyrenäen" (Berlin 1825), zum Ergebniß. Ein Ausflug nach Spanien füllte den Sommer von 1822; seine Rückkehr nach Paris brachte ihn in die Nähe Llorente's, und die Frucht seiner dortigen Sprachstudien sowie des Umgangs mit jungen Griechen war seine „Neugriechische Grammatik" (Leipzig 1826). Nach Deutschland zurückgekehrt, verlebte er mehre Jahre in einer anmuthigen Gegend des Ruhrthales und bearbeitete Übersetzungen mehrer Schauspiele Alsieri's und der historischen Balladen Scott's (Zwickau 1825—26). Ein halbjähriger Aufenthalt in Breslau förderte die mit Witte und Kannegießer gemeinschaftlich unternommene Übersetzung der „Lyrischen Gedichte" des Dante (Leipzig 1827). Während seines Aufenthalts in Dresden lieferte er für die „Historische Taschenbiblivthek" die „Geschichte Grie- Ludwig I. (Grvßherzog vrm Hessen) 95 l A Hz! ^ w.sb chenlands und der Türkei". Bald nachher erschien eine gelungene Übersetzung des „Tom Jones" (4 Bde., Leipzig 1826). Seine Vorliebe für die Griechen führte ihn auch zu einer romantischen Behandlung ihrer Geschichte im „Andruzzos der Livadier" (2 Bde., Leipzig 1826). Außer diesem Roman lieferte er noch zwei andere, von denen „Die beiden Foscari" (2 Bde., Leipzig 1827), die Idee der Vaterlandsliebe und das Unwillkürliche, Unbewußte in derselben, „Pittoria Jturbide" (3 Bde., Zwickau 1830) den Streit zwischen Ehrsucht und Liebe zu veranschaulichen streben. Seinen in Journalen und Taschenbüchern vielfaltig zerstreuten Er zählungen fehlt originelle Kühnheit, aber nicht Geschick und Wahrheit. Unter den noch nicht gesammelten lyrischen Ergüssen zeichnet sich vor Anderm die poetische Epistel aus. Zu seinen übrigen Schriften gehören auch mehre Städteschilderungen. (76) Ludwig I. *), letztverstorbcner Großherzog von Hessen, ward am 14. Inn. 1753 zu Prenzlow in der Uckermark geboren, wo damals sein Vater Ludwig, Erbprinz von Hessen-Darmstadt, mit seinem Regiment? als preußischer Generalmajor in Garnison stand. Den größten Theil seiner Jugendzeit verlebte L. in Buchsweiler im Fürstenthum Hanau-Lichtenberg, einer damals hessendarmstädti- schcn Besitzung, unter der Aussicht seiner tresslichen Mutter, Henriette Christine Karoline Luise, geborenen Prinzessin von Zweibrücken-Birkenfeld, wahrend der Vater sich in Pirmasens dem Militair und den Regierungsgeschäften widmete. Seine Mutter, damals noch Erbprinzessin, zog 1765 mit ihren Kindern von Buchsweiler nach Darmstadt, und L. wurde besonders von dem Geschichtschreiber Wenck unterrichtet, der kräftig auf dessen Erziehung einwirkte und Manches verbesserte, waS durch französische Hofmeister und einen starren Dogmatiker, Namens Ouvrier, war verfehlt worden. L. ging 1769 nach Leyden, wo er, außer juristischen Collegien, auch Vortrage über Mathematik, Physik u. f. w. hörte. Nach einer Reise durch die Niederlande, Frankreich und England, gab dem Prinzen die Vermahlung seiner Schwester mit dem damaligen Großfürsten Paul von Nußland (1773), Veranlassung in russische Kriegsdienste zu treten. Seine kriegerische Laufhahn endigte aber damals der Friedensschluß zu Kutschuk Kainardschi, und L. kehrte nach Darmstadt zurück. Hier lebte er der Wissenschast, der Kunst und einer stets fortschreitenden Vorbereitung zu seinem künftigen Berufe. Die Musik sprach ihn früh wie wahrend seines ganzen Lebens besonders an; aber auch Malerei und Mechanik. Im Opernhause zu Darmstadt war damals ein fürstliches Liebhabertheater, wahrend auf den» Rathhause wandernde Gesellschaften spielten. Diesen und ähnlichen Beschäftigungen sich widmend, unter welchen die mit dem Militair allerdings vorzugsweise eine Stelle einnahm, vermahlte sich L. 1777 mit Luise Karoline Henriette, Tochter seines Oheims, des Landgrafen Georg Wilhelm von Hessen, einer geistvollen und liebenswürdigen Prinzessin. Er verlebte die Zeit von seiner Vermahlung bis zu seinem Regierungsantritte meist in Darmstadt oder in dem reizenden Auerbach an der Bergstraße; stets thatig, auf Vieles sein Interesse lenkend, einfach und hier wie immer allem Lobe, aller Schmeichelei feind — ein Mann, nicht des Scheinens, sondern des Seins. Der Tod des Landgrafen Ludwig IX. rief ihn 1790 zur Regierung. Bald nachher verlor L. feine Hanau lichtenbergischen Besitzungen. Seine Truppen kämpften am Rhein, im Elsaß und in den Niederlanden; er selbst wohnte der Belagerung von Mainz bei. Endlich aber sah er sich genöthigt, seine Residenz zu verlassen und sich erst nach Gießen, späterhin nach Sachsen zu begeben. Darmstadt und Gießen waren von den Franzosen besetzt. Die Kricgs- ereignisse am Main und Rhein nahmen die Thätigkeit L.'s und die erschöpften Cassen seiner Unterthanen bis zum März 1799, wo ein Separatfrieden zwischen Der Greßherzog schrieb seinen Namen Ludewig. 952 Ludwig 1. (Grvßhnzog von Hessen) Darmstadt llttd Frankreich geschlossen wurde, fortwährend in Anspruch Der lu neviller Friede (1801) vereinigte L.'s Besitzungen auf dem linken Rheinusir mit Frankreich. Der Reichsdeputationshauptschluß nahm ihm noch andere Besitzun- ^ MM , gen, gab ihm aber auch neue, worunter das Herzogthum Westfalen die wichtigste war. Nur nach langem Kampfe trat L., der gern das Ergriffene festhielt, 1806 -i zum rheinischen Bunde, wurde Großherzog und hob am 1. Ott. 1806 die in ei- ^ '!l nem Theile des Landes bestehenden alten Landstande auf. Die Verbindung mit Frankreich foderte Opfer aller Art, und Hessen fochten bei Badajoz, bei Wagram und in Rußland. Hatte L. gezögert, Frankreich sich anzuschließen, so zögerte er WM nun, den übernommenen Verpflichtungen treu, auch mit dem Rücktritte, und schon waren russische Truppen in seiner Residenz gewesen und Baiern hatten die Staatskasse versiegeln wollen, als L. durch seinen Bevollmächtigten im Nov. 1813 mit den verbündeten Mächten die frankfurter Convention abschloß. Ans dem wiener Congresse erwarb er Mainz mit der Rheinprovinz, mußte aber Westfalen abtreten, ein Verlust, der ihm wehe that. Beim Antritte seiner Regierung hatte er 300,000 Einwohner auf 100 llMeilen vorgefunden, und befaß nun ein Gebiet von 185 mjMeilen mit 680,000 Einwohnern. Es war Friede geworden, aber im Lande war Gährung. Gute und böse Absicht, Stre- ^ „ den nach echter neuer Freiheit und Aristokratenumtriebe mischten sich durcheinander; besonders im hessischen Odenwald. Truppen marschirten, Untersuchungen begannen und wurden namentlich vom Kanzler Arens in Gießen mit Vorliebe geleitet, bis endlich die Verfassungsurkunde vom 17. Dcc. 1820 die Spannung friedlich löste. Allgemeiner Beifall lohnte den Großherzog für diese Verfassung *), die zwar noch Spuren des ersten, von den Ständen nicht angenommenen Grundgesetzes **) enthält und überhaupt den Einfluß einer wieder serviler gewordenen Zeit verrieth, aber doch auch viele Bürgschaften der Volksrechte darbot. L., der Gründer freisinniger und vernunftmäßiger Gesetze, war nun bemüht, im Frieden zu vollenden, was er wahrend des Krieges begonnen und, wenn auch mit Unterbrechungen, gern und öfters fortgesetzt hatte. Mehre Landtage berief er noch; den letzten, wie die frühern, eröffnete er in eigner Person, von Alter gebeugt, am 3. Nov. 1829. Nothwendig mußte sich L., der so lange unumschränkt geherrscht hatte, obgleich die Ausstattung der Civilliste glänzend genannt werden konnte, durch Manches in der Verfassung beschrankt fühlen; aber doch findet sich nirgend ein Anklang, daß ihm in den Sinn gekommen sei, etwas davon aufzuheben, rückwärts zu drängen. Während des letzten Landtags stürmten Unglücksfälle auf ihn ein. Seine Gemahlin, mit der er am 19. Febr. 1827 das goldene Hochzeitfeft begangen hatte, starb am 24. Ott. 1829 auf ihrem Landsitze Auerbach, und L. folgte, beinahe unerkannt, nach ausgelöschter Laterne am gewohnten Fuhrwerke, von fern dem Leichenzuge nach Darmstadt. Bald nachher verlor er einige seiner nächsten Verwandten. Er selbst litt an Wechselsieber, Gicht, Lungenbeschwerden. Ein Schlagfluß trat hinzu und er starb am 6. April 1830, ^ gerade 40 Jahre nach seinem Regierungsantritte. ^ Schon in vorstehender Lebensskizze mußten manche Andeutungen über L.'s Charakter und Sinnesart ihre Stelle finden. Sie lassen sich vielleicht in den we- nigen Worten: „Festhalten des Ergriffenen und männliches Sein" zusammenfas- sen. L. war freisinnig und hochherzig in seinen Ansichten. Davon zeugen das ^ letzte Jahrzehend des vorigen, sowie der Zeitraum unsers Jahrhunderts, welcher sich an die sogenannten Befreiungskriege schließt. Er gab nie der politischen Ver- ^ ketzerungssucht Gehör, und wo er die Gesetze feindlich wirken lassen mußte, entzog er doch deshalb nicht seine persönliche Zuneigung. Obgleich Freund des Kaisers, ^ „Europaische Verfassungen", zweite Ausgabe, Bd. 1, S. 677 fg. **) „Europäische Verfassungen", Bd. 1, S. 671 fg. "MIMIK l Ludwig I. (Grvßherzog von Hessen) 953 mit dein ehemaligen französischen Hofe in mancherlei günstigen Verhaltnissen und selbst durch die französische Revolution in seinen Interessen verletzt, betrachtete er dieses Ereigniß doch als eine traurige Unverrmstdlichkeit. Unter allen Umstanden sprach er über sie als ein Mann ohne kleinliche Leidenschaft und mit tiefem, theil- mhmendem Gefühl für die von dem Übermuth, der Verschwendung und dem Aberglauben gedrückte Menge. Der Redefreiheit trat L. niemals, selbst unter Napoleon nicht in den Weg; geheime Polizei würde er nie geduldet haben. Bis zum Erscheinen der Bundestagsbeschlüsse von 1819 bestand auch volle Preßfreiheit im Großherzogthum Hessen, die freilich dadurch weniger wirksam war, daß die periodische politische Literatur des Landes auf wenigen Privilegien beruhte. Aber die Eensur seit 1819 war doch billig, und das „Montaqsblatt", das 1828 in Darmstadt erschien, schrieb scharf, oft bitter. L. war religiös, tolerant. Gleich nach seinem Regierungsantritte erlaubte er den Katholiken in Darmstadt öffentliche Got- tesverehrung und begünstigte die Vereinigung der Lutheraner mit den Reformisten wollte aber deshalb keinen Zwang ausgeübt wissen. Er war Kunst- und Künstlerfreund und eifriger Förderer der Wissenschaft. Die Universität zu Gießen erhob sich unter ihm, die Gymnasien wurden reicher ausgestattet, neue Schulen angelegt, die Sammlungen von Gemälden, Naturalien, Antikenabgüssen und Kunstschätzen aller Art in Darmstadt gegründet, der Kunstsammlungen in Mainz gedacht, die Hofbibliothek in Darmstadt reichlich vermehrt, mit den Doubletten derselben die Universitätsbibliothek zu Gießen beschenkt, talentvolle Künstler, wurden unterstützt, und endlich in Darmstadt ein Hofoperntheater mit einem herrlichen Orchester wahrhaft erzogen. Allerdings erfuhr L. gerade in dieser Hinsicht häufig lauten, ja bittern Tadel. Der jährliche Theaterzuschuß aus seiner Privatcasse mochte zuletzt etwa 309,000 Gulden betragen, und überhaupt führte die vorzügliche Unterstützung von Menschen, welche selten mäßig in Foderung und Genuß sind, auch noch andere Jnconvenienzen herbei, die insbesondere das Urthcil des heimischen Publicums oft schärften. Der Großherzog bestritt jedoch jene Ausgaben aus seiner Civilliste, aus seinem Vermögen, und überhaupt waren seine Kräfte schon vom Alter geschwächt, als jene hier und da nachtheilige Vorliebe für Musik und Theater sich seiner bcmeisterte, eine Vorliebe, die seine einzige war und die ihn nicht im Mindesten in pünktlicher und fleißiger Besorgung der Regierungsgeschäfte hinderte. Thätigkeit war für ihn Bedürfniß. Selbst als hochbetagter Mann begann er mit grauendem Morgen sein Tagewerk, las zuerst die neuesten politischen und wissenschaftlichen Blätter, nahm schriftliche Arbeit vor und erledigte die Regierungsgeschafte. In dieser Hinsicht war Regel, daß er das Tags zuvor Eingekommene immer am folgenden Morgen zur Hand nahm, unterschrieb oder sonst seine Entschließung darauf faßte, und zwar immer nach vorgängiger genauer Durchsicht und Erwägung. L. war einfach ohne Prunk. Die Wohnung, die er in den achtziger Jahren bezogen hatte, behielt er bis zu seinem Tode; nur wenige Zimmer in einem Anbau des großen Residenzschlosses, während Malersaal, Bildergalerie, altes Museum, Bibliothek u. s. w- die übrigen größern Räume einnahmen. Seine taglichen Spazierfahrten machte er ohne weitere Begleitung vorzugsweise auf schattigen Waldwegen; der Kutscher dann in Mütze und Überrock, der Großherzog selbst, der sich mit dem Kutscher freundlich zu unterhalten pflegte, mit unbedecktem Kopf oder mit der Mütze. L. war bei aller reichen Bildung, allem Verstand und der vielfältigsten Kenntniß doch natürlich und selbst oft derb, besonders im Ausdrucke; er gab gern, obgleich allerdings in seinen letzten Jahren seine Casse manchmal für Gemeinnütziges geschlossen war; er war menschenfreundlich und gerecht, fest, beharrlich, getreu, den Menschen nach seinem innern Werths wägend, nicht nach Rang, Titeln und Abkunft. Allerdings hatte manche der erwähnten Eigenheiten und manches Gepriesene auch seine Schattenseite; wie bei den meisten S54 Ludwig II. (Großherzog V .Hessen) Ludwig I. (König v. Baiern) kräftigen Naturen ging es hausig in den entgegengesetzten Pol über; die Festigkeit ward Eigensinn, die Menschenfreundlichkeit schmolz zuweilen in zu weiche Güte Seine halbe Abneigung gegen Rheinhessen, das er nie besuchte, seit er es erworben hatte, waren Ursache, daß manches Gute von dort nicht herüberkam. Aber all Dieses hindert nicht die lebhafte Anerkennung seiner Tugenden und die warme Erinnerung an den „alten Herrn". slli) Ludwig II., Großherzog von Hessen, ward am 26. Dec. 1777 z« Darmstadt geboren, der älteste Sohn Ludwigs I. Seine Studien machte er unter der Leitung des nachherigen Geheimraths von Petersen in Leipzig. Seit 1804 mit Wilhelmine Luise, Tochter des Erbprinzen Karl Ludwig von Baden, vermählt, lebte er bis zu seinem Regierungsantritte am 6. April 1830 meist still in Darmstadt, fern von unmittelbarer Theilnahme an Regierungsgeschäften, weder dem Militair, noch dem Reisen, noch der Jagd mit Vorliebe zugethan. Der Landes- berr fei ein milder und verständiger Fürst, sagte der Freiherr von Gagern am 10. Oct. 1830 in der ersten Kammer; er kenne keine Neigung des Großherzogs als Pflege der Dürstigen und Pflege der Gärten, Neigungen, die gewöhnlich die Weisesten und Klügsten bezeichneten. Er hatte zwar gegen 18 Jahre lang eine Apanage von mehr als 207,000 Gulden bezogen; eine seiner ersten Mittheilungen an die Stände aber war der Antrag, seine Privatschulden, die über 2 Millionen Gulden betrugen, auf die von mehr als 12 Millionen Staatsschulden schon belasteten Landescassen zu übernehmen, was beide Kammern, die erste mit dem Ausatze „für jetzt", ablehnten. In der bei seinem Regierungsantritte erlassenen Bekanntmachung vermißte man die Zusage treuer Beobachtung der Verfassung, und mehre unbeliebte schnelle Beförderungen bei dem Militair machten gleichfalls einen ungünstigen Eindruck. Eine der ersten neuen Einrichtungen des Großherzogs war die Umwandlung des Hofoperntheaters in ein Hoftheater, das aber nicht ohne neue Opfer im Jun. 1831 wieder aufgegeben ward. (Vergl. Küstner.) Auch wurden andere Ersparungen versucht und zum Thcil durchgesetzt, wobei freilich die Hofbibliothek zu Darmstadt alle Unterstützung aus der großherzoglichen Privatcasse verlor. Die Unruhen, die im Oct. 1831 in Oberhessen ausbrachen, besonders die unglücklichen Vorfälle bei Södel, machten einen schmerzlichen Eindruck auf den Großherzog, welcher die schleunigste Untersuchung und Bestrafung derselben zusagte; aber es ist im Artikel Hessen umständlich erzählt worden, wie lange die Untersuchung sich verzögerte. Auf jenen Artikel müssen wir auch verweisen, wenn wir an den Eindruck erinnern, den die Ordonnanzen, welche mit der Verordnung gegen politische Vereine vom 12. Marz 1832 begannen, im Großherzogthum Hessen hervorbrachten, um so mehr, da die Verantwortlichkeit für solche Regierungs- handlungen nach dem constitutionnellen Princip auf dem Ministerium ruht, wie denn auch dort die Ereignisse bei der Eröffnung des Landtags am 1. Dec. 1832 erzählt worden sind, welche auf die Volksstimmung vielfach einwirkten. Das Volk kennt die Gesinnungen des Großherzogs, seine Gutmüthigkeit, seine Redlichkeit, und beurtheilt die persönlichen Absichten desselben in der Regel sehr günstig. (16) Ludwig I. (Karl August), König von Baiern, der erstgeborene Sohn des Königs Maximilian aus dessen erster Ehe mit Marie Wilhelmine Auguste, Prinzessin von Hessen-Darmstadt, geboren am 25. Aug. 1786, vermahlt 1810 mit Therese, Prinzessin von Sachsen-Hildburghausen, bestieg den Thron am 13. Oct. 1825. Er hatte die Universitäten Landshut und Göttingen besucht und sich im Krieg gegen Ostreich und in Tirol ausgezeichnet. Bei Lebzeiten seines Vaters nahm er an den Regierungsgeschäften wenig Antheil, hielt sich selten am königlichen Hoflager auf, sondern wohnte abwechselnd in Salzburg, Jnnspruck, Würzburg und Aschassenburg, wo er sich der Vorbereitung zu seinem Berufe, dem Studium der Alten und der Geschichte und mit besonderer Vorliebe K «ii ß-n Ludwig I. (König von Baiern) 955 den schönen Künsten widmete. Sparsam in seinem Privatleben, konnte er schon als Kronprinz betrachtliche Summen auf den Ankauf von Kunstschätzen und auf 'itz, ^ die Erbauung eines prachtvollen Museums (Glyptothek) zur Aufnahme der Mei- jftrwerke der Sculptur verwenden. Mit großen Hoffnungen sah Baiern nach ^ dem Tode Max Josephs der Regierung seines Sohnes entgegen. Der Schwur sisi auf die Verfassung war der erste Act seiner Regierung, welchem bald die wohltha- Vekr° ^ ' tigsten Verfügungen folgten. Besonders traten im Staatshaushalte mehre Re- formen ein, welche von dem Grundsatze strenger Ökonomie ausgingen. Der Organismus der Verwaltung in allen Zweigen ward einer Revision unterworfen, und ohne das bestehende Gute abzuändern, wurden einige außerwesentliche Veränderungen gemacht. Mehre Stellen, z. B. das Reichsheroldamt, wurden aufgehoben, Vereinfachung der Geschäfte und Verminderung der Vielschreiberei angeordnet. In dem Ministerium erfolgte alsbald eine Veränderung. Im Cabinet selbst ent. wickelte sich eine ungemeine Thätigkeit, obgleich der ungeeignete Zudrang zu demselben durch besondere Verordnungen beschränkt wurde. Eine vorzügliche Aufmerksamkeit schenkte der König den Wissenschaften und Künsten. Die Gelehrten erfreuten sich hoher Auszeichnung und dem gemäß wurde der Rector der ersten Landesuniversität für hoffähig erklärt. Den Wissenschaften wurde die freieste Bewegung gestattet, ja dazu von dem Monarchen ausdrücklich ermuntert. Die Presse ward ihrer Schranken entledigt, und bedrängte Schriftsteller fanden am Throne immer die letzte und sicherste Hülfe. Später machten besondere Umstände einige Beschränkungen nöthig, und der Mermuth fremder Journalisten zog deren Verweisung nach sich; doch sind auch hier mehre Begünstigungen Einzelner zu erwähnen. Die Akademie der Wissenschaften wurde neu constituirt; ausgezeichnete Gelehrte des Auslandes, nicht immer mit allgemeiner Anerkennung ihrer Verdienste, nach Baiern berufen; die Universität Landshut nach der Hauptstadt verlegt; neueSchul- und Studienordnungen, in oft nur allzu raschem Wechsel, ergingen; fremde be- i rühmte Künstler wurden theils der Akademie der Künste vorgesetzt, wie Cornelius u. A., und erhielten theils wichtige Aufträge zu Kunstwerken, wie Rauch u. A. Für die Verschönerung der Hauptstadt wurden prachtvolle Bauten, die Pinakothek, das Odeon, ein königlicher Palast, ein Gebäude für das Kriegsministerium^ drei Kirchen begonnen, und bis jetzt theils vollendet, theils der Vollendung nahe gebracht. (Vgl. Münchens Kunstschätze.) Auch an andern Orten erhoben sich gwße Denkmale der Baukunst,B. das Walhalla (s. d.) bei Regensburg, Monumente, welche den Namen des Königs noch der spätesten Zeit überliefern werden, Auch die Belustigungen des Landvolks entgingen der Aufmerksamkeit des Monarchen nicht, wie die Wiedereinführung der Feier der Nachkirchweihen und die Wiederaufrichtung der Maibäume bezeugen. Unter den Beweisen der Wohlthätigkeit des Königs sind die für die Griechen veranstalteten allgemeinen Sammlungen zu erwäh- nen, zu deren bedeutendem Ertrag der König beträchtliche Summen beitrug; und UM noch werden viele Griechenkinder in öffentlichen Anstalten auf Kosten des Landes u H erzogen. Eine Erziehungsanftalt für Blinde wurde mit einem Fonds von 5t),OVO Gulden aus der Privatcasse des Königs zu Frcising gegründet und ihr der ansehnliche Erlös aus den im Druck erschienenen Gedichten des Königs über- M lassen. Au den von ihm gestifteten Kreishülfscassen trug der König nicht weniger Ms als 10,WO Gulden für jeden der acht Kreise aus seiner Cabinetscasse bei. Eine in der letzten Zeit der vorigen Regierung erschienene Verordnung, durch welche die Pensionen der Witwen und Waisen der Staatsdiener verkürzt wurden, hob der , gß König wieder auf, und man darf deswegen hoffen, daß die seit einigen Jahren ^5. wieder eingeschlichenen ähnlichen Finanzmaßregeln und die zum Nachtheil des öffentlichen Dienstes und zur allgemeinen Unzufriedenheit gereichenden Verküm- Hß . Merungen und Verminderungen der durch die Verfassung und die Finanzgesetze fest- W Ludwig (Großhcrzvg von Baden) gesetzten Besoldungen Abhülfe finden werden. Diesen ministeriellen Finanzmis griffen widerspricht schon der vom König L. für S0jährige Staatsdienste eigens gc- stiftete Verdienstorden, wodurch er den Werth guter Beamten anerkannt hat Auch die Königin hat für die Töchter veramter Adeligen einen Orden mit zwölf Präbendm gestiftet. Der König hat die Wiederaufrichtung der Klöster sich ange- ^ legen sein lassen und dadurch den Bestimmungen des Concordats mehr als Ge- ^ nüge geleistet. (S. Kloster wesen in Baiern.) Auch die protestantisch? Kirche erfreut sich des thätigften Schutzes des Monarchen, welcher einige von sei- ' ncn Ministern erlassene, die constitutionnelle Freiheit und Gleichheit sämmtlichcr religiösen Gesellschaften gefährdende Verfügungen, sobald er deren nachtheilige WZ!« Wirkungen erfuhr, wieder aufhob und die strengste Beobachtung der bestehenden Gesetze befahl. Der König bereist von Zeit zu Zeit seine Staaten, um sich durch üb Anschauung von dem Zustande des Landes zu unterrichten. Da die eigentlichen Re- ^ gierungshandlungen in constitutionnellen Staaten mehr zu dem Kreise ministerieller Wirksamkeit gehören, so bleibt der Gang der öffentlichen Verwaltung billig von ^ gegenwartiger biographischer Skizze ausgeschlossen, obgleich nicht mit Stillschweigen zu übergehen ist, daß der König L. durch unmittelbare Theilnabme an den Regierungsgeschäften als selbständiger Regent sich auszeichnet. Die Theilnabme, die der König dem Schicksale der Griechen bcw-esen hatte, fand 1832 ihre Aner- Ä kennung in der Wahl seines zweiten Sohnes Otto (s.d-) zum König von Grie- U chenland. Des Königs „Gedichte" (zweite Ausgabe, 2 Bde., Stuttgart 1829) M sind bei allen Mängeln der Fvrm als ein treuer Spiegel des Gemüths und der Gesinnung höchst beachtungswerth. Ludwig (Wilhelm August), Großherzog von Baden, wurde geboren den 9. Febr. 17H3 zu Karlsruhe. Sein Vater war der damals noch über eine kleine Markgrafschaft regierende Karl Friedrich, seine Mutter Karoline Luise, geborene Landgräsin von Hessen. Der jüngste von drei Brüdern und sonach ohne große Aussichten in der Heimath, trat L., seiner Vorliebe für das Militair und dem gewöhnlichen Loose nachgeborener Prinzen folgend, in fremde Kriegsdienste, und wohnte als preußischer General den Feldzügcn gegen die französische Republik bei. Später nach Baden zurückberufen, war er nacheinander Vorstand einiger höhern Verwaltungsbehörden, des Finanzministeriums, der Forstadministration und zuletzt des Kriegswesens, bis ihn der Widerwille Napoleons aus der Nähe des Throns in ein ländliches Exil entfernte. Bald nach Napoleons Sturz eröffnete sich für L. die Aussicht auf die Thronfolge, indem sein ältester Bruder, Karl Ludwig, schon 1801 noch als Erbprinz gestorben war, und 1817 auch der zweite, der Markgraf Friedrich, mit Tode abging. Am 8. Dec. 1818 starb der Großherzog Karl, L.'s Neffe, ohne einen Sohn zu hinterlassen, und L. war Großherzog von Baden. Als Vermächtnis seines Vorfahren fand er eine constitutionnelle Verfassung, welche eben erst aus Veranlassung der Streitigkeiten mit Baiern und einer den Bund mit der öffentlichen Meinung suchenden Politik verkündet worden war, und damit die auf ihn übergegangene Aufgabe vor, das Grundgesetz ins Leben einzuführen. Er that es mit dem Anschein von Aufrichtigkeit, und als er am 22. April 1819 die erste Stände- Versammlung eröffnete, sprach er in der Thronrede die Worte: „Meinem in Gott ^ ^ ruhenden Herrn Neffen und Regierungsvorfahren gehört das erhabene Verdienst, . dem Lande eine Verfassung gegeben zu haben, dem Thron zur Stütze und Allen ^ zum Schutz. Was er zu vollenden wünschte, ward ich berufen zum Ziel zu führen. Ich konnte dem Verlangen nicht widerstehen, eine Verfassung baldmöglichst ins Leben zu rufen, die von dem Vaterlande mit so einstimmigem Dank und von dem Ausland selbst mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurde. Heilig sei uns der Sinn, sowie der Wortlaut der Verfassungsurkunde!" Es fehlte Viel, daß diese . Ludwig (Großherzog von Baden) 957 Versicherung in Erfüllung gegangen wäre. Indessen zeigten sich alsbald die Früchte einer zeitgemäßen Politik, und unter ihrem moralischen Einfluß, wozu noch die günstigen Familienverhältnisse mit dem Kaiser von Rußland kamen, wurde am 10. Iul. 1819 der Staatsvertrag in Frankfurt abgeschlossen, wodurch der einen lästigen Vorbehalt für Baden enthaltende Zusatzartikel zum frankfurter Vertrag vom 20. Nov. 1813 von den vier Großmächten — mit Ausschluß von Frankreich — für widerrufen erklärt, der Besitzstand des Großherzogthums garan- tirt, auch das Erbfolgerecht der Grafen von Hochberg anerkannt wurde. Als die der Volksgunst zugewandte Politik ihre Dienste geleistet hatte, ließ man sie als fortan unnöthkg wieder fallen. Wenn L. schon nach seiner persönlichen Gesinnung durchaus der alten Zeit angehörte, und sich nach Erziehung, Charakter und Denkweise mit dem constitutionnellen Systeme nicht zu befreunden wußte, wie er denn gleich im Anfang über die allzu freudige Aufnahme der Verfassungsurkunde von Seiten des Volkes ein wenig erschrocken war, so wurde er in dieser Richtung durch die politischen Zeitverhaltnisse von Europa überhaupt, und bald nach seinem Regierungsantritt durch die Verfolgung gegen die Demagogen in Deutschland, sowie durch die karlsbader Beschlüsse mit ihren Folgen, nur zu sehr begünstigt. So brachte der erste Landtag, wobei auch das Volk und seine Vertreter erst in die con- stitutionnelle Schule gingen, außer dem Glanz der Neuheit und den moralischen Wirkungen der Öffentlichkeit des Wortes, nicht die. erwartete Ausbeute für das Verfassungsleben; bei dem zweiten Landtag aber, dem von 1822, brach die innere Spannung in offenen Kriegszustand aus, der Auflösung der Kammer folgte ein mit den unglimpflichsten Vorwürfen gefülltes Manifest und ein eigentliches Reactionssystem nach, bei welchem der Regent selbst, gleichsam die Wahl provo- cirend zwischen ihm und der Verfassung, mit persönlicher Parteinahme ins Feld trat. L. hatte gebrochen mit dem Verfassungswesen; der Bruch war für immer. Huldreich und mit öffentlicher Dankbezeigung nahm er in der Folgezeit die durch Machinationen zu Stande gebrachten Petitionen einiger Gemeinden an, worin er unterthanigst ersucht ward, für die Dauer seiner Regierungszeit die Verfassung gnädigst ruhen zu lassen, und wenn er auch diesem Ansuchen nicht im Wortsinn willfahrte, so war es doch gerade so gut, wie wenn er es gethan hätte. Nach ein- DW« jähriger Verzögerung über den gesetzlichen Zeitpunkt, während deren jedoch die MW Steuern auch unbewilligt forterhoben wurden, ward 1825 wieder ein Landtag ge- NWP halten. Man hatte bereits angefangen zu zweifeln, ob solches unter L.'s Regie- rung noch einmal geschehen würde, allein die herrschende Partei fand es politischer, ' MlM die Formen beizubehalten, nachdem sie sich des Geistes entledigt. Die Staats- W jW gewalt hatte es durch die verschiedensten Mittel der Wahlbeherrschung dahin geiz-« ^ bracht, daß diese Standeversammlung mit wenigen Ausnahmen aus Männern be- .5 M stand, welchen es entweder an Geist oder an Charakter fehlte, eine harmlose, ge- di ZM lehrige Versammlung, in der kaum einige Oppositionsstrmmen laut wurden und »iM 1«^ die Regierungscommissaire selbst oft Anstoß nahmen an einem ihre Anfoderungen " 55^!» zu weit überbietenden Servilismus. Auf diesem Landtage wurde die Verfassung "."/M abgeändert, indem die Ständeversammlung durch Stimmenmehrheit erklärte, es ^ gehe dem Lande nichts verloren, wenn sie nur alle drei Jahre, anstatt alle zwei, zusammentrete. Im Jahr 1828 wurde dieselbe Kammer noch einmal versammelt, . ItB eine seelenlose Votirmaschine, wie vorher, an Nullität sich wo möglich noch über- treffend, verachtet von Freund und Feind, ein wahres Spottbild auf den confti- 5^ Al - tutionnellen Namen. Unter diesen Verhältnissen war es leicht geworden, eine WW förmliche Cabinetsherrschast zu organisiren, in welcher sich L., von einer Cama- rilla berathen, nach Willkür bewegen mochte, den Ministern als solchen nicht mehr sWW ^ Einfluß gestattend als den Gesetzen, keine Norm erkennend als feinen Willen, . Mit zunekmendem M-r jedoch oftmals Werkzeug, wo er Lenker zu sein glaubte. KW Ludwig (Großherzog von Baden) Von ihm allem, der einmal in jeder Woche öffentliche Audienz gab, gingen alle Einrichtungen und Anstellungen aus, wobei es ihn oft freute, um des Uber- raschenden und des Scheines von Selbstherrschaft willen die Vorschläge der Ministerien und Collegien zu umgehen. Seine bestandigen unmittelbaren Eingriffe bis zu den unbedeutendsten Dingen herab störten den sonst auch in absoluten Staaten regelrechten und statigen Gang der Administration, und das Ganze blieb namentlich in der letzten Zeit nicht frei von Zutragerei, Fraueneinfluß und Klatschgeschichten, ja von kleinstadtisch neugieriger Einmischung in Privatverhaltniffe. Daher vielleicht die Sage von der Existenz einer geheimen Polizei, von welcher übrigens die Minister in der Kammer von 1831 nichts zu wissen erklarten. So regierte L. in der zweiten und größern Periode seiner Regierungszeit, und dies ist an dem Bilde derselben die persönliche Seite. Indessen konnte auch eine Regierung, wie diese war, dem Anstoß der fortschreitenden Zeit nicht auf allen Punkten widerstreben, und manche zum Theil wesentliche Verbesserungen in Bezug auf materielle Interessen in den verschiedenen Zweigen der Verwaltung geben Aeugniß davon. Namentlich wurden die Finanzen in streng geregelte Ordnung gebracht, und wenn das Hauptverdienst dieser Schöpfung dem Minister von Böckh zukommt, so hatte doch auch L. selbst seinen Theil daran, theils aus Motiven, welche auch den Absolutismus in Finanzsachen der Reform geneigt machen, theils aus persönlicher Ordnungsliebe und militairischem Sinn für Pünktlichkeit. So kann man unter die Lichtseiten seiner Regierungszeit auch die 1821 mittels einer Generalsynode zu Stande gebrachte Vereinigung der beiden protestantischen Confessionen zahlen, welche der vereinigten evangelisch-protestantischen Kirche eine feste Kirchenverfassung und eine aus Geistlichen und Laien zusammengesetzte Repräsentation mitlge- setzgebtzllder Gewalt verschaffte. Doch wurde spater, der ausdrücklichen Bestimmung der Kirchenverfassung ungeachtet, die Generalsynode niemals wieder einberufen, und L. pflegte, charakteristisch für seine polirische Gesinnung, seinen Widerwillen dagegen mit den Worten auszudrücken: „Es sind eben geistliche Landstande!" Dagegen wurden die Interessen der katholischen Kirche spater rücksichtsvoll bedacht, und 1827 mit Beseitigung Wessenberg's, den der badische Hof so lange der Curie gegenüber aufrecht gehalten, in Folge eines Concordats das Erzbisthum zu Freiburg mit reicher Ausstattung eingerichtet, wobei L. den Eip- setzungsfeierlichkeiten persönlich beiwohnte. Überhaupt neigte sich L. in der letzten Zeit in seiner Weise, altkirchlich erzogen und mehr der äußern Erscheinung mit Werkheiligkeit zugewandt, den Interessen der Kirche zu, und so suchte er mit jener Vorliebe für Preußen, welche ihn in militairischen Dingen charakterisirte, durch eigenmächtige Einführung der preußischen Agende eine Einheit und Gleichförmigkeit zu bewirken, worin er jedoch durch den Tod unterbrochen ward. Am 30. März 1830 starb L, nach kurzem Krankenlager, und wurde, der Erste seines Stammes, in der Gruft der karlsruher Stadtkirche beigesetzt; glücklich zu preisen vielleicht, daß er die Zeiten der französischen Juliusrevolution nicht mehr erlebte. Er starb unvermählt und ohne eheliche Nachkommenschaft. Über sein Privatleben schweigen wir; was sein öffentliches Leben betrifft, so hatte er bei seinem Tode fast die allgemeine Opposition gegen sich, und sie wurde vielstimmig laut, als sie sich entfesselt sah. Die Wahrheit setzt sich erst auf den Sarg der Könige; sie thut es aber nicht unmittelbar, denn der Tod, welcher sonst versöhnt, läßt bei den Königen und Großen dieser Welt von Anfang hauptsächlich die Schattenseite hervortreten, und die Stimme des Tadels ertönt selbst von solchen Seiten, wo es im Gegensatz mit vorhergegangener Kriecherei unritterlich und unedel ist. Wir können dem Grundsatze nicht beistimmen, welcher alles Gute, das unter einer Regierung geschieht, von dem Fürsten selber thun läßt, und ihm persönlich zu Dank schreibt, was er nur eben geschiehen ließ; aber gleicher Weise kann man nicht alles Übel Kl «2»°»^ »WiMt W »II Ludwig (Landgr. zu H.-Homb.) Ludwig Philipp (K'ön. d. Franz.) 959 seiner Zeit auf seine Rechnung schreiben. L.. liebte vielleicht das Geld über Gebühr, und die Verhandlungen der Kammer von 1831 haben nachgewiesen, daß er neben der Civilliste noch Besoldungen als Kriegsminister und als Regimentschef bezog, auch sonst allerlei Privatvortheile auf Kosten des Staats und der Domainen an sich zu bringen wußte, was aus seinem Nachlaß zurückerstattet werden mußte; allein er betrachtete den Staat als sein Eigenthum und sah kein Unrecht darin, die constitutionnellen Formen zu umgehen, weil er sie für Beeinträchtigungen seines Rechtes hielt. In politischen Verhaltnissen gegen Personen war L. zuweilen kleinlich, ja gehässig, allein er achtete auch an seinen Gegnern Geist und Charakter, wie er sie selber hatte, und verachtete selbst die Werkzeuge, die ihm dienten, sowie etwa ein Feldherr den Spion, welchen er für ehrlos achtet, dennoch zu seinen Zwecken gebraucht. Daß er Petitionen um Aufhebung der Verfassung annahm, hat freilich bei der öffentlichen Meinung ein ungünstiges Urtheil erfahren; aber die Schuld vom Despotismus liegt im Allgemeinen zum größern Theil an Denen, welche ihren Rücken dazu anbieten, und nicht ein Regent macht sich zum Despoten, sondern seine Unterthanen machen ihn dazu. Wenn L. überhaupt das constitutionnelle Wesen nicht vertragen konnte, so liegt der natürliche Grund davon in seiner Erziehung. In ganz andern Begriffen aufgewachsen und militairisch zu denken gewöhnt, wie Jeder, der längere Zeit im Kriegsdienst gewesen, behandelte er den Staat wie ein Regiment und jede Opposition als Bruch der schuldigen Subordination; er hätte sich in seinen alten Tagen umdenken und umschassen müssen, um einen bessern Sinn für das Wesen der Verfassung zu gewinnen. Überdem theilte er diesen Fehler mit Vielen, welche nicht die gleiche moralische Entschuldigung für sich haben; das Weitere that der Einfluß der allgemeinen deutschen Verhältnisse, die Zuvorkommenheit seiner nächsten Umgebung und der Menge selbfteigner Knechtsinn, und so wird, wie wir denken, die Geschichte dereinst ein milderes Urtheil über ihn fällen, als die erste Aufregung seiner ihn überlebenden Zeitgenossen gethan hat. (22) Ludwig (Wilhelm Friedrich), Landgraf zu Hessen-Homburg, geboren am 29. Aug. 1770, ist der zweite Sohn des 1820 gestorbenen Landgrafen Friedrich Ludwig und dessen Gemahlin Karoline, Tochter Ludwigs IX., Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Er trat früh in preußische Kriegsdienste, focht rühmlich in mehren Schlachten und stieg bis zur Würde eines Generallieutenants. In der Schlacht bei Leipzig schwer verwundet, mußte er an dem verwandten Hofe zu Dessau seine Heilung abwarten, ehe er 1814 dem Heere nach Frankreich folgen konnte. Nach dem Frieden ward er zum Gouverneur der Bundesfeftung Luxemburg ernannt, wo er sich seit dem Ausbruche der belgischen Unruhen durch kräftige Entschlossenheit auszeichnete. Er vermählte sich 1804 mit der Prinzessin Auguste von Nassau-Usingen, von welcher er aber 1805 wieder geschieden wurde. Der Tod seines Bruders, des Landgrafen Friedrich, der ohne Erben starb, rief ihn 1829 zur Regierung. Seine nächsten Erben sind seine jüngern Brüder, Philipp, geboren am 11. März 1779, östreichischer Feldmarschalllieutenant und Comman- dirender in Jnneröstreich und Tirol, der unvermählt ist, und Gustav Adolf Friedrich, geboren am 17. Febr. 1781, östreichischer Feldmarschalllieutenant, seit 1818 mit der Prinzessin Luise Friederike von Anhalt-Dessau vemahlt, der einen männlichen Erben hat. Ludwig Philipp, König der Franzosen seit dem 9. Aug. 1830, geboren den 0. Oct. 1773, zuerst Herzog von Valois, darauf Herzog von ChartreS, während der Revolution „Lgalite", und endlich bis zum 9. Aug. 1830 Herzog von Orleans genannt, ist der Sohn des am 8. Nov. 1793 guillotinirten Herzogs von Orleans Louis Joseph Philipp, (s. Bd. 8), des Urenkels des Regenren. Seine Erziehung wurde von seiner trefflichen Mutter, Louise Marie Adelaide von 960 Ludwig Philipp (König der Franzosen) Penthievre, sorgfältig geleitet. Früher war sie dem Ritter Bonnard, einem duwb Gelehrsamkeit und sittliche Grundsatze ausgezeichneten Offiziere, anvertraut von 1782 an aber der Marquise von Sillery (Frau von Genlis). Diese entwarf dm Bildungsplan mit mannlicher Festigkeit; auch hieß sie, zu Folge eines Befehls des Herzogs von Orleans, „Nustame le Avuvoineur". Der Herzog von Char- tres wurde außer seinen wissenschaftlichen Studien und gymnastischen Übungen noch mit mancherlei mechanischen Fertigkeiten, z. B. mit der operativen Chirurgie' beschäftigt. Die Begeisterung der Frau von Genlis für das Wohl und die Freiheit der Völker prägte sich dem Gemüthe ihres Zöglings, des jetzigen Königs, so fest ein, daß er sie in seinen spatern Verhältnissen nie verleugnet hat. Als der Prinz während einer Reise 1788 auf dem Berge St.-Michel den eisernen Käsig sah, worin Ludwig XlV. einen hollandischen Journalisten, der gegen ihn geschrieben, 17 Jahre lang hatte einsperren lassen, so zerschlug er dieses Denkmal der Tyrannei. Den Sitzungen der Nationalversammlung wohnte er als Zuhörer bei, und als die Versammlung decretirte, daß alle Inhaber von Regimentern diese ent-, weder persönlich befehligen oder den Dienst verlassen sollten, so begab sich der Prinz' sofort nach Vendüme an die Spitze des vierzehnten Dragonerregiments, das seinen Namen führte. Hier rettete er mit eigner Lebensgefahr zwei Manner von einem nahen Untergange und erhielt von der Stadt die Bürgerkrone. Bald darauf wurde er nach Valenciennes geschickt, wo er als ältester Oberst das Commando des Platzes übernahm. Von hier aus vollbrachte er am 28. April 1792 seine ersten Waffemhaten unter Biron bei Boussu und Quarignon. Am 7. Mai wurde er zum Generalmajor unter dem Marschall Luckner befördert und stand mir seiner Dragonerbrigade bei dem Armeecorps in Lothringen. Kellermann trat jetzt an Luckner's Stelle, und der Herzog kämpfte als Generallieutenant an der Spitze der zweiten Linie gegen die Preußen bei Valmy, am 20. Sept. 1792, mit einer glanzenden Tapferkeit. Darauf unter Dumouriez's Oberbefehl gestellt, stieß er am 8. Nov. zu Beurnonville und eroberte die Mühle und Batterie bei Boussu. Bei Jemappes (6. Nov.) befehligte der Herzog 24 Bataillons. Mit einem Theile derselben griff er das Centrum der Ostreicher an; zurückgeworfen, stellte er unter seinen Truppen die Ordnung wieder her, rückte von Neuem vor, ließ mit gefälltem Bayonnete die Batterien stürmen, drang in die Redouten ein und gab den Ausschlag des glänzenden Sieges bei Jemappes. Seine Auswanderung mit Du- mou riez (s. Bd. 3) am 4. April 1793 war von ganz anderer Art, als die der übrigen Prinzen. Der Deputirte Jsarn-Valady hatte, bei Gelegenheit der Ver- urtheilung Ludwigs XV!., die Verbannung der ganzen bourbonischen Familie verlangt. „Ihr werdet", sagte er (s. „Boniteur" vom Jan. 1793), „meine Besorgnisse nicht ungegründet finden, wenn ich Euch daran erinnere, daß der ältere Sohn Ludwigs von Orleans, vermöge der damaligen Privilegien seines Standes, in seinem zwanzigsten Jahre zum Generallieutenant ernannt worden ist. Bürger, ich will nicht verleumden, ich kenne den Werth seiner Dienste und glaube an seine Tugenden, fürchte aber dieselben mehr als ich sie ehre. Veränderlichkeit auf der einen Seite, Dankbarkeit auf der andern können gefährlich sein. Vielleicht stellt man ihn bald an die Spitze eurer Armeen; urtheilt, ob eS Zeit sei, ihn zu verbannen!" Bald darauf ward in Paris ein Verhaftsbefehl gegen den jungen Herzog erlassen; er ward geächtet und es ward ein Preis auf seinen Kopf gesetzt. Nun begab sich Ludwig Philipp von Möns im Hennegau, unter erdichtetem Namen, begleitet von seinem Adjutanten Ducrest, am 12. April 1793 nach der Schweiz; denn er hatte, obgleich von seinem Vaterlande verstoßen, es doch abgelehnt, als östrei- chischer General gegen dasselbe zu fechten. Diese Auswanderung konnte nur von der damals herrschenden Faction als ein Verbrechen angesehen werden, während idre Rechtfertigung in dem Umstürze einer vom Herzoge beschworenen Constitution i, Ludwig Philipp (König der Franzosen) 961 lag. Von jetzt an entwickelte der Herzog eine moralische Kraft, die außerdem vielleicht weniger hervorgetreten wäre, und die jetzt eine Bürgschaft mehr für den Charakter des Königs der Franzosen ist. In Schasshausen traf er mit seiner Schwester (Adelaide) und mit der Frau von Genlis zusammen. Er versorgte sie mit dem größten Theile seiner geringen Baarschaft und begab sich mit ihnen nach dem Kloster Bremgarten, wo der ebenfalls geflüchtete General Montesquieu den beiden Damen einen Aufluchtsort verschaffte. Er selbst war dort nicht sicher; er irrte auf den Bergen von Hütte zu Hütte, und litt vier Monate lang die größten Entbeh- ° mngen. *) Er gab taglich nicht mehr als einige Groschen aus, um sich und seinen " alten Diener, der ihn nicht verlassen wollte, zu beköstigen. Als er nur noch einen ! Louisdor hatte, suchte und erhielt er, unterstützt von Montesquieu, Ende Oct. ^ 1793, die Professur der Geometrie und Geschichte an dem Collegium zu Reichenau, zwei Stunden von Chur. Hier blieb er acht Monare, unter dem Namen Chabos, ohne daß ihn, außer-den Vorstehern (Professor Nesemann, Oberstlieutenant von Jost und dem Stadtvoigt von Tscharner) Jemand kannte. Er erwarb sich die Mi Achtung seiner Mitlehrer und die Liebe seiner Schüler in hohem Grade. Ein Herr ' ^ von Salis trug ihm die Stelle eines Hosmeisters bei seinen Kindern an. Er lehnte 'w sie ab. Späterhin drückte sich der Herzog, bei Gelegenheit eines Geschenks für W xinm Verein zur Unterstützung hülfsbedürftiger Schullehrer, über seine damalige Lage so aus: „Was mein Mitgefühl für arme Schullehrer ganz besonders erregt, Pli ist der Umstand, daß ich selbst einmal zu dieser nützlichen Staatsbürgerclasse gehört >ul habe. Au den vielen Schicksalsveränderungen, die meinem Erdenloose sielen, ge- hört auch das, daß ich, zu einer Zeit harter Verfolgung, als Lehrer in einem Gym- nasium aufgenommen wurde, wo ich acht Monate hintereinander regelmäßigen VM Unterricht ertheilte. Ich hoffe daher, daß die Gesellschaft mein als von einem Mit- .schullehrer kommendes Scherflein annehmen werde." !«» Erst nach Robespicrre's Tode (28. Jul. 1794), als er nicht mehr wegen », bn seiner Mutter und Geschwister in Sorgen war und die Prinzessin von Orleans sich ! zu ihrer Tante, der Prinzessin von Conde, nach Freiburg begeben hatte, verließ er SP ' seinen Aufluchtsort, entdeckte sich einigen Freunden und begab sich nach Vremgar- W ten, wo er bis 1795 unter dem Namen Corby, als Montesquiou's Adjutant, M lebte. Als aber in Frankreich der Ort seines Aufenthalts bekannt wurde, mußte er L«- die Schweiz verlassen. Er wendete sich jetzt, in der Absicht nach Amerika zu gehen, «üa nach Hamburg. Da er hier die erwartete Unterstützung nicht fand, so ging er nach i Kopenhagen, wo er durch einen Banquier, dem er als reisender Schweizer empfoh- zB len war, Geld und Pässe zu einer Wanderung nach dem Norden erhielt. Er reiste mst nach Schweden, Norwegen und Lappland, stellte am Nordcap (24. Aug. 1795) üiB astronomische Beobachtungen an, und ging über Finnland nach Stockholm, wo er M ' vom Könige Gustav I V. (jetzigen Obersten Gustavson) auf das Wohlwollendste auf- W genommen wurde. Er kehrte 179k nach Hamburg zurück. Hier lebte er ziemlich dürftig von den Früchten seines Fleißes. Der Gesandte der französischen Republik stellte ihm hier ein Schreiben seiner Mutter zu, welche ihn bat, um ihrer, der Familie und der Republik willen, nach Amerika zu gehen. „In dem Augenblicke", antwortete er, „da meine theure Mutter diesen Brief erhalten wird, sind ihre Be- Mß fehle schon vollzogen." Im Oct. 1796 kam er in Philadelphia an, wo seine Brüder Mit von Marseille aus erst im Febr. 1797 eintrafen. Mit ihnen durchstreifte er die ^ kzß Vereinigten Staaten und fand eine freundliche Aufnahme bei Washington. Als Ms ihre Mutter, die ihre Söhne jetzt mit ihrem Vermögen unterstützen durfte (18. Fruclidor, 4. Sept. 1797), nach Spanien deportirt worden war, beschlossen M sie, sich zu ihr zu begeben. Nach vielen Widerwärtigkeiten und vom spanischen ^ / *) Em Gemälde von Horace Vernet stellt ihn dar, wie er, müde und entkraf- litt, die Mönche des Hospitiums vom St.-Gotthard vergeblich um ein Obdach bittet. , I Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. II. 61 962 Ludwig Philipp (König der Franzosen) Hofe abgewiesen, schifften sie sich nach England ein, wo sie 1800 ankamen hier lebte der Herzog von Orleans mit seinen beiden Brüdern, dem Herzoge von Mom- pensier und dem Grafen von Beaujolais, zurückgezogen in Twickenham mit wissenschaftlichen Arbeiten, besonders mit dem Studium des Landes und seiner Einrichtungen beschäftigt. Der Herzog von Montpensier starb daselbst 1807; da auch der Graf von Beaujolais an einer auszehrenden Krankheit litt, so riechen die Ante eine Veränderung des Klimas an. Ludwig Philipp begab sich daher mit ibm nach Malta, ,wo der Graf im Mai 1808 starb. Der Herzog ging jetzt über Messina nach Palermo, wo ihn der König Ferdinand IV. an seinem Hose gütig aufnahm. Bald darauf (35. Nov. 1809) vermählte er sich daselbst mit der Tochter des Königs, Marie Amal ie, der.jetzigen Königin der Franzosen (geboren den 36. AM 1783). Bisher hatte sich der Herzog stets geweigert, die Waffen gegen Frankreich zu ergreifen; als ihn aber letzt die Regentschaft in Cadiz einlud für Spanien gegen Joseph und Napoleon zu kämpfen, folgte er dem Rufe und ward in Eata- lonien mit Begeisterung ausgenommen. Das englische Cabinet aber machte Schwierigkeiten und er kehrte daher nach Palermo zurück. Hier stimmte er mit dem unpolitischen Verfahren der Königin Marie Karoline so wenig überein, daß er sich vom Hofe zurückzog. In Folge der Restauration begab er sich mit seiner Gemahlin und drei in Palermo geborenen Kindern, dem jetzigen Kronprinzen, Ferdinand Philipp Ludwig, damals Herzog von Ehartres, jetzt Herzog von Orleans, geboren den 3. Sept. 1810, Louise, Mademoiselle d'Orleans, der jetzigen Königin der Belgier, geboren den 8. April 1813, und Marie Christine, gehörenden 13. April 1813, nach Frankreich, wo er am 1.5. Mai 1814 in Paris anlangte. Bei Napoleons Rückkehr von Elba waren ihm die Norddepartements gemeinschaftlich mit dem Marschall Mortier anvertraut. Nach des Kaisers Hinzuge in Paris übergab der Herzog, ohne Verhaltungsbefehle von Ludwig XVIII. gelassen, das vollständige Commando dem Marschall Mortür, indem er ihm unter Anderm Folgendes schrieb: „Ich bin ein zu guter Franzose, um das Interesse Krankreichs deshalb hintanzusetzen, weil neue Unglücksfälle mich zwingen es zu verlassen. Ich reise fort von hier, um mich in Vergessenheit zu begraben. Ich empfehle Ihnen, daß Sie Alles thun mögen, was Ihnen Ihr vortreffliches Urtheil und Ihre reine Vaterlandsliebe als das Beste für die Interessen Frankreichs und als Dasjenige darstellen, was sich am angemessensten mit allen Pflichten, die Sie zu erfüllen haben, vereinigen läßt." Mortier theilte dieses Schreiben dem Kaiser mit, der sich über den Herzog so äußerte: „Voilü i'tiomme, 5^' Ansichten dem diplomatischen Corps mittheilen, und die Proclamation, durch OB s welche mein Enkel unter dem Namen Heinrichs V. als König anerkannt wird, bald- Mtil möglichst zu meiner Kenntniß bringen. Ich beauftrage den Generallieutenant Vi- comte von Foissac-Latour, Ihnen dieses Schreiben zuzustellen. Er hat den Befehl, ^s'ch mit Ihnen über die Anordnungen zu verständigen, die zu Gunsten der Perso- Lm „Nonlteur" vom 1. Aug. Unter den Unterzeichneten bemerkt man die Na- «en Agier, Vatismenil, Cormenin, Duvergier de Hauranne, d'Arroz, Villemain, ^aborde, Ternaux, B. Constant, Köratry, Viennet, Sebastiani, Bertin de Vaux, Casimir P«rier, Salverte, Dupont de l'Eure, Corcelles, I. Lafsitte, Bignon und Andere mehr. 966 Ludwig Philipp (König der Franzosen) neu, welche mich begleitet haben, zu treffen sind, nicht minder auch über die qeeia- neten Anordnungen in Betreff meiner und meiner übrigen Familie. Wir werden demnächst die andern Maßregeln feststellen, welche eine Folge des Regierungswechsels sind. Ich erneuere Ihnen, mein Vetter, die Versicherung der Gesinnungen mit denen ich bin Ihr wohlgeneigter Vetter Karl. — Ludwig Anton. Der Statthalter befahl diese Acte in das Reichsarchiv niederzulegen. Zn der Kammer hatte man schon vorher die Erledigung des Thrones und die Ausschließung der altem Linie des Hauses Bourbon ausgesprochen. Bei der Eröffnung der Kammern am 3. Aug., wo 194 Deputirte und 07 Pairs zugegen waren, erklarte der Statthalter in seiner Rede, daß er von Herzen und aus Überzeugung den Grundsätzen einer freien Regierung zugethan wäre, daß er im Voraus Alles, was daraus herflösse, annehme, und daß er versichert wäre, Frankreich würde glücklich und frei sein und Europa zeigen, daß es, einzig mit seiner innem Wohlfahrt beschäftigt, den Frieden ebenso sehr als die Freiheit liebe und nur das Glück und die Ruhe seiner Nachbarn wolle. Wie hierauf des Deputirten Be- rard's Vorschlag einer Abänderung der Charte und die Ernennung des Gcneral- statthalters zum König der Franzosen am 7. Aug. in der Kammer der Deputirten, unterdes Viceprasidenten Lafsitte Vorsitz ^), von 219 Stimmen gegen 33, und in der Pairskammer, die damals 308 Mitglieder zählte, von denen aber nur 114 zugegen waren, von 89 gegen 10 Stimmen (es gab 15 leere Zettel)") angenommen wurde, ist in den Artikeln Frankreich und Juliusrevolution bereits gesagt worden. Unter den Deputirten sprach Conny für den Herzog von Bordeaux; Hyde de Neuville äußerte sich mit edler Wärme für die alte Dynastie; Le- zardiere meinte, das Recht zur Entthronung des Königs dürfe nicht Staatsrecht werden, dies führe zu großen Unordnungen; Berryer erklärte, daß er nicht befugt sei, an diesen Verhandlungen Theil zu nehmen. Dagegen rief Benjamin Con- stantaus: „Hinweg von mir jene Lcgitimitätslehre, in deren Namen man Paris mit Blut getränkt hat." In der Pairskammer sprach, unter Mehren, Chateaubriand für den Herzog von Bordeaux. Die Herren d'Andlau, Bouille, Hocquart und Grosbois verzichteten in derselben Sitzung auf ihre Pairswürde. Der Beschluß beider Kammern, welcher die Charte von 1830 (s. d.) und das Anerbieten der Krone enthielt, wurde eine Declaration genannt. Um halb k Uhr (7. Aug.) empfing der Statthalter, von seiner Familie umgeben, die Kammer der Deputirten. Der Vizepräsident Lafsitte las die Erklärung vor, vermöge welcher Ludwig Philipp von Orleans, Generalstatthalter des Königreichs, unter den Bedingungen, welche mit den in der Charte getroffenen Modifikationen eintraten, auf den Thron berufen wurde. Der Prinz ertheilte hierauf folgende Antwort: „Ich empfange mit tiefer Bewegung die Erklärung, welche Sie mir überreichen. Ich betrachte sie als den Ausdruck des Willens der Nation, und sie scheint mir den politischen Grundsätzen, zu welchen ich mich mein ganzes Leben hindurch bekannt, angemessen. Voll von den Erinnerungen, welche in mir stets den Wunsch erweckt hatten, nie dazu bestimmt zu werden, den Thron zu besteigen, frei von allem Ehrgeiz, und an das stille Leben gewöhnt, welches ich im Kreise meiner Familie geführt, kann ich Ihnen die Bewegungen meines Herzens bei diesen großen Zeitumständen nicht verbergen: es gibt indeß eine, welche alle andern beherrscht — die Liebe zu meinem Vaterlande; ich fühle, was sie mir vorschreibt, und werde dies erfüllen." Am Ende dieser Worte, welche der Prinz mit großer Bewegung und unter Thränen aussprach, umarmte er Lafsitte. Um 11 Uhr Abends überreichte auch die Pairskammer, ihren Präsidenten Baron Pasquier an der Spitze, die *) Der Präsident, Casimir Perier, war wegen Krankheit abwesend. **) Durch einen Druckfehler steht im Artikel Juliusrevolution, S. 616, statt 1V Stimmen 30. .S'Fs Ludwig Philipp (König der Franzosen) 967 Acte, „welche Frankreichs Schicksal sichern sollte". Am 9. Aug. halb 3 Uhr fand im Palast Bourbon (Sitz der Deputirtenkammer) die königliche Sitzung statt, in welcher der Herzog von Orleans die Verfassung beschwor und den Königstitel annahm. *) „Die Nation", sagte der ,Moniteur", „darf seinem Wort wie seinem Degen vertrauen." Der Herzog v. Chartres nahm den Titel ?rincs (nicht Dauphin) an. Am 1 t,. Aug. ernannte der König sein Ministerium (S- Frankreich.) Der Gang feiner Negierung war verwickelt und schwierig, aber gerade, offen und fest. Der Bürgerthron behauptete sich mitten unter Emeuten, von Karlisten und Republikanern erregt oder benutzt; die Ministerien wechselten; die Opposition in der Deputirtenkammer drohte mehrmals die Mehrheit an sich zu reißen; die Presse wurde immer zügelloser und verschonte zuletzt den König so wenig als die Kammern. Das Gemeine und Unedle sprach sich in den Caricaturcn der ?oire u. s. w. mit Frechheit aus; sehr oft bloß, um aufzuregen oder durch das Lächerliche den König herabzuwürdigen. Pariser Pöbelaufruhr nöthigte ihn sogar die Kreuze von den Kirchen und die Lilien aus seinem Wappen zu nehmen. Der König blieb seinem Eide treu; allein er konnte nicht die Erwartungen aller Franzosen erfüllen; er konnte die stolze, feurige Jugend ebenso wenig befriedigen, als die Karlisten versöhnen. Die traurigen Folgen der Revolution zu entfernen, lag außer dem Bereiche menschlicher Kraft. Lafsitte und Ternaux verloren ihr Vermögen. Der König rettete seinen Freund Lafsitte wenigstens vom Bankerott. Er gewahrte von seinem beträchtlichen, und, damit es nicht zum Krongute geschlagen würde, an seine Kinder abgetretenen Privatvermögen, und von seiner auf 12 Mill. Francs bestimmten Civillifle, Bedürftigen bei mehren Gelegenheiten Unterstützungen ; für die Verwundeten in den Juliustaqen unterzeichnete er am 30.Jul. 106,060 Francs, den arbeitlosen Fabrikanten und Wcrklcuten in Paris, Lyon u. f. w. gab er große Bestellungen; die Chokeraanstalten in Paris und Frankreich unterstützte er mit mehr als einer halben Million aus seiner Chatoulle u. f. w. Auf seinen Reisen in versä/iedene Departements des Nordens und des Ostens gab er die mann ichfaltigsten Beweise seiner Aufmerksamkeit auf alles Wichtige, indem er ein bewundernswürdiges Talent der Rede und eine nicht zu ermüdende Thätigkeit zeigte. In gefahrvollen Tagen, wie am 5. und 6. Jun. 1832, bewies er Gegenwart des Geistes und Muth. Gab er dem ungestümen Drange der Opposition und der Umstände nach, so fanden auch wol politische Fehler und Misgriffe statt. Sein System war das vom Eigendünkel der Journale oft verspottete System der richtigen (der hohen) Mitte, das freilich oft auch nur halbe Maßregeln, statt der rechten, ergriff. Die auswärtigen Angelegenheiten leitete Ludwig Philipp selbst, jedoch mit Talleyrand einverstanden; auch hörte er auf Sebasiiani's Rath. Nach Perier's Tode (16. Mai 1832) stand er dem Minifterrathe vor, bis er am 11. Ort. 1832 den Marschall Soult an die Spitze desselben stellte. Das neue sogenannte do (tritt a i r e Ministerium verstärkte sich durch 62 Pairsernennungen. Aber auch in der neu gewählten Deputirtenkammer (459 Mitglieder) erhielt es die Majorität. Der König eröffnete die noch jetzt fortdauernde Sitzung am 19. Nov. 1832. Ein Pistolenschuß, der auf ihn siel, wahrend er zur Sitzung ritt, regte die Besorgniß einer Wiederkehr der Anarchie auf.") Dieses Ereigniß, dessen Urheber nicht ermittelt werden konnte, bewies, wie sehr die öffentliche Meinung in der Erhaltung des Königs, welcher sich auch bei dieser Gelegenheit kaltblütig, besonnen und würdig benahm, die Bürgschaft der Ordnung, der Ruhe und des Heils, folglich der Freiheit von Frankreich erkannte. Auch der Ruhm der französischen Waffen bei der Erobc- *) Der „lUoniteur" vom 10. Aug. enthält die Declaration, die Beitrittsacte der Pairskammer und das Protokoll der Sitzung am 9. ") Odilon-Barrot soll gesagt haben: „Unter solchen Umständen gibt es keme Opposition." K- 5 .^1 968 Lukasinöki rung der Citadette voll Antwerpen (23. Dec. 1832) beschwichtigte die Opposition Obgleich nun aber Ludwig Philipps Lage, seit dem Tode des Herzoqs von Reichstadt (22. Jul. 1832), seit der Verhaftung de- Herzogin von Bern (7. Nov 1832) und seit der Erklärung ihrer Schwangerschaft (22. Febr. 1833), sich gum stiger gestellt hat, so bleiben doch immer noch große Schwierigkeiten zu überwinden übrig. In den äußern Angelegenheiten sind es die Verwickelungen der französischen Interessen mit der ägyptisch-türkischen Frage; die noch schwebende Entscheidung des Besitzes der Colonie Algier; eine ehrenvolle Räumung Anconas; die Ausgleichung des portugiesischen Bruderkrieges und der belgisch-holländischen Frage, mit Einschluß der beträchtlichen, von Frankreich aufgewandten Kriegskosten. In den innern Angelegenheiten erschweren Ludwigs Regierung sowol der Druck der Abgaben und die Zunahme der Staatsschuld, beide die nothwendige Folge theils von der Iuliusrevolution, theils von der anmaßenden, ja drohenden Stellung Frankreichs den Großmächten des Continents gegenüber, als auch die politische Desorganisation des französischen Nationalcharakters. Statt beharrlich ein großes Ziel der Nationalwohlfahrt zu erstreben, wird das Land gequält von einer leidenschaftlichen Veränderungssucht: die republikanische Jugend steht verwegen, roh und blutdürstig dem Alter gegenüber, das, seinerseits der Revolutionen satt, Genuß und Ruhe verlangt; der Fanatismus und der Karlismus aber haben dem Bürgerthrone eine ewige Feindschaft geschworen. An Ludwig Philipps Leben hängt Frankreichs politische Wohlfahrt. *) (7) Lukasinski (Valerian), geboren um 1790, stammt aus einer armen adeligen Familie und trat in Kriegsdienste, als Napoleon die Polen zum Kampfe aufrief. Er diente mit Auszeichnung in den Kriegen seit 1806, zuerst im Generalstabe des Obersten Zielinki, später als Zahlmeister im dreizehnten Regiments, in dessen Reihen er in der Schlacht von Pawlowice tapfer focht. Als Joseph Po- niatowski bei Krakau eine Heerabtheilung zusammenzog, um den Rückzug der Franzosen zu decken, wurde L. von Zamosc abgerufen und einer Abtheilung der Militairverwaltung vorgesetzt; er folgte dem französischen Heere, zeichnete sich im August 1813 bei Dresden aus, ward aber endlich von den Ostreichern gefangen und nach Ungarn gebracht.. Als er 1815 seiner Haft entlassen war, trat er in die neu gebildete polnische Armee, wurde bald zum Major des später so berühmt gewordenen vierten Regiments ernannt, das schon zu jener Zeit durch die tressliche Haltung sich auszeichnete, die L. ihm zu geben verstand, und von dem Großfürsten Konstantin allen übrigen Regimentern vorgezogen wurde. L. war der Hauptstifter der geheimen Verbindung, durch welche die letzte Revolution vorbereitet und beschleunigt wurde, und die nur eine Fortsetzung des 1819 gestifteten Bundes war, den die Worte des sterbenden Dombrowski, der alle Polen, unter welchen Regierungen sie auch stehen möchten, zur Einigkeit, zur Vereinigung ihrer Wünsche, Kräfte und Anstrengungen ermahnte, hervorgerufen hatten. **) Unter dem Namen nationale Maurerei bildete L. eine Gesellschaft, deren Einrichtungen die gewöhnlichen freimaurerischen Statuten zum Grunde lagen. Die äußern Formen waren in beiden Verbindungen gleich, nur hatte die nationale Maurerei das Eigentümliche, daß sie eine ausschließend polnische Verbrüderung war. Alle Symbole bezogen sich auf vaterländische Gegenstände, und berühmte Namen aus der polnischen Geschichte dienten als Erkennungswörter. Es entging den Häuptern des Bundes *) Über -Ludwig Philipp sind mehre Flugschriften in Paris und London erschienen, nach welchen wir unter den deutschen Bearbeitungen folgende nennen: „Ludwig Philipp I." (Kiel 1830); „Ludwig Philipp I." (Leipzig 1830); „Geschichtliche Darstellung des königlichen Hauses Orleans" (Dessau 1830). **) Vergl. Spazier's „Geschichte des Aufstandes des polnischen Volkes" (3 Bde., Altenburg 183L), Bd. 1, S. 80 fg. Lundblad 969 nicht, daß ihre Bestrebungen den Argwohn der Regierung erweckt hatten, und sie verbargen unter Handlungen der Wohlthätigkeit den eigentlichen Bundeszweck., Wiedererweckung der Volkstümlichkeit in allen Theilen Polens, der nur dm Geweihten bekannt war. Von Warschau verbreitete sich der Bund über das ganze ehemalige Polen und fast unter allen Regimentern im Königreiche selbst hatte er AnHanger. L. wollte schon 1821 mit seinen Planen hervortreten, sobald Per- moloff, der auf Alexanders Befehl ein Heer nach Italien führen sollte, auf dem Marsche nach Deutschland sein würde. Das Verbot der Freimaurerei im ganzm russüchen Reiche und in Polen führte die Auflösung des Bundes in der alten Gestalt herbei. Die eifrigem Mitglieder blieben vereinigt und gaben sich eine festere Gestalt. Im Mai 1821 versammelten sich viele Haupter des Bundes aus allen Theilen Polens zu Warschau, und Uminski, der 1820 eine geheime Verbindung in Posen gegründet hatte, bewirkte die Stiftung eines leitenden Ausschusses in Warschau, an dessen Spitze L. kam. Bei der Verschließung der Freimaurerlogen war die Polizei indeß der nationalen Maurerei auf die Spur gekommen, und als der Großfürst Konstantin 1822 durch die Unvorsichtigkeit des alten Offiziers Karki das Dasein des Bundes erfahren hatte, wurde L., der sich bereits die Ungnade desselben zugezogen hatte, mit Andern verhaftet. Er wurde zuerst in das Staatsgefangniß im Carmeliterkloster zu Warschau gebracht, wo er über zwei Jahre blieb, und endlich 1824 einer Militaircommission unter dem Vorsitz des Kriegsministers Hauke übergeben, die ihn zu neunjähriger und zwei andere Mitglieder des Bundes zu sechsjähriger Festungsardeitverurtheilte. Sie wurden ihrer Ofsizierwürde in Gegenwart der russischen und polnischen Besatzung entsetzt und auf Karren gebunden nach der Festung Zamosc gebracht. Als er ein Jahr dort gefangen gewesen war, faßte er in der Hoffnung, daß Polen zum Aufstande bereit wäre, den kühnen Entschluß, sich der Festung zu bemächtigen; aber sein Plan wurde durch die unbedachtsame Lebhaftigkeit eines der jungen Leute entdeckt, welchen er seinen Anschlag mitgetheilt hatte. L. wurde zum Tode verurtheilt. Der Großfürst, der schon lange eingesehen hatte, daß durch die frühere Untersuchung von dem Zwecke und den Verzweigungen des Bundes nur wenig bekannt geworden war, ließ nach dem Vorfall in Zamosc eine neue Untersuchung gegen L. eröffnen und verwandelte die Todesstrafe in ewiges Gefängniß. L. wurde, erzählt Straszewicz, jede Woche an einem bestimmten Tage in Gegenwart eines Militairauditeurs geknutet, um ihm Geständnisse abzunöthigen, und der Schmerz preßte ihm Aussagen ab. Die Entdeckung der russischen Patriotengesellschaft nach Alexanders Tode zog die Verhaftung aller Polen nach sich, die mit jener in Verbindung gewesen waren. Es ward eine aus Russen und Polen zusammengesetzte Untersuchungscommisst'on unter den Grafen Stanislaus Zamoiski ernannt, und auch L. wurde vorgeführt, seine Aussagen zu bestätigen. Er entblößte seinen geschlagenen Leib. „Hier sehen Sie meinen Körper", sprach er, „und nun urtheilen Sie, ob Aussagen Gewicht haben können, die mir durch Knutenhiebe abgepreßt wurden." Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen, von L. aber hörte man seit jenem Verhöre nichts mehr. Als man nach der Revolution alle Eingekerkerten befreite, suchte man ihn vergebens und die Sterbelisten von Warschau und Zamosc wurden durchforscht, ohne eine Spur von ihm zu finden. Einige Zeit nachher erzählten Polen und russische Gefangene, Konstantins Garde habe bei ihrem Abzüge jenseit des Bug einen in Lumpen gehüllten, abgemagerten, an Händen und Füßen gefesselten Mann, auf eine Lassette festgebunden, mit sich geführt. Es war L., den Konstantin aus Warschau mit sich genommen hatte. Lundblad (Johan Fredrik af), geboren am 8. April 1791 zu Lund, ist der Sohn des berühmten Johan Lundblad, dessen in klassischem Latein g.schriebene „Opei-a omnia" der Sohn 1821 zu Hamburg herausgab. Nachdem er 1811 zu Land in der philosophischen Facultät promovirt hatte, trat er in die königliche Kanz- e! 97V Luxemburg lei, machte von 1816 — 18 Reisen durch mehre Länder Europas und wurde nach seiner Rückkehr als Postagent in Stralsund angestellt und 1819 zum Consul für Neuvorpommern ernannt. Er erhielt seit 1818 mehre Austrage, mir der preußischen Regierung in Finanzangelegenheiten zu unterhandeln, und schloß unter andern 1820 in Berlin eine Übereinkunft wegen der zwischen Pstadt und Stralsund einzuführenden Postverbindung durch Dampfschiffe. Der König von Schweden erhob ihn 1821 in den Adelstand und ernannte ihn später zum Generalconsul in Greifswald, wo er noch lebt. Er widmet seine Muße der vaterländischen Geschichte und hat sich besonders durch zwei Werke: „8ven--k?Iuwrcü" (deutsch, Ä Bde., Stralsund 1826 — 31) und „(?arls X. Kistaria" bekannt gemacht. Man findet in diesen Schriften manche neue Aufschlüsse und das Bekannte in anziehender Darstellung wiedererzählt. L. hat sich bemüht, in den Quellen zu forschen, undbc- such-tfast jahrlich sein Vaterland, um die Schätze des Reichsarchivs zu benutzen, wie- wvl die Entfernung seines Wohnorts ihn freilich hindert, solche Forschungen voll- standig auszuführen und seinen Gegenstand ganz zu erschöpfen. (6) Luxemburg. Bei der Feststellung der holländisch-belgischen Verhältnisse macht dasGroßherzogthumLuxemburg, seiner Verbindung mit Deutschland wegen, eigne Schwierigkeiten. Dieses von jeher deutsche Land war anfangs eine Grafschaft und der Stammsitz des Hauses Luxemburg, welches dem deutschen Reiche mehre Kaiser gegeben hat. Es wurde 1354 von Karl IV. zu einem Herzogthum erhoben und kam nach dem Tode deS Kaisers Sigismund, mit welchem .1437 die männliche Linie des mächtigen Hauses Luxemburg ausstarb, durch Kauf 1443 an die Herzoge von Burgund. Es hatte nämlich Elisabeth, Sigismunds Tochter, die zuerst an den Herzog Anton von Burgund und nachher an Johann vpn Baiern vermählt war, das Herzogthum Luxemburg pfandweise für 120,000 Gulden an den Herzog von Burgund, Philipp den Guten, abgetreten, jedoch mit Vorbehalt des Wiedereinlösungsrechts. Von dieser Zeit an blieb diese Provinz mit den Niederlanden verbunden und gehörte seit 1477 dem Hause Habsburg. Sie wurde und blieb ein Beftandtheil des burgundischen Kreises des deutschen Reichs bis zum Frieden von Luneville 1801. Ein Theil des Herzogthums Luxemburg — namentlich die Platze Thionville (Dudenhofen), Montmedy, Damvillers, Jvoy, Chavancy, Marville und deren Zubehör — wurden durch den pprenäischen Frieden 1659 davon getrennt und kamen an Frankreich. Das noch übrige Herzogthum Luxemburg siel, wie der ganze burgundische Kreis, nach dem Aussterben der spanischen Linie des Hauses Habsburg, im utrechter Frieden 1713 an das Haus Habs- durg-Öftreich und gehörte zu der östreickischen Monarchie bis zur Eroberung durch die Waffen der französischen Republik 1795. Es bildete nunmehr das französische Departement der Wälder (ckes 1->ret«). Die Verbündeten eroberten das Land im Anfange des Jahres 1814 und der wiener Congreß verfügte über dasselbe mit demselben Rechte, wie über die ehemaligen gesammten östreichischen Niederlande. Von allen diesen Provinzen wurde das Herzogthuw Luxemburg allein wieder mit Deutschland vereinigt und als ein besonderer Staat im deutschen Bunde zu einem Großherzogthum erhoben. Statt dasselbe aber dem Hause Ostreich zurückzugeben, bestimmte der Congreß das Großherzogrhum Luxemburg dem Könige der Niederlande, dem Stammfürsten der jüngern oder ottonischen Linie des Hauses Nassau, als Entschädigung für die bisherigen, 1807 ihm entrissenen, deutschen Stammländer des Hauses Nassau-Oranien, für die Fürstenthümer Nassau-Dietz, Nassau-Dillenburg, Nassau-Hadamar und Nassau-Siegen nebst der Herrschast Bilstein, von denen, in Folge der in Deutschland nothwendig gewordenen Territorial- ausgleichu'tg, die drei ersten an das herzogliche Haus Nassau und das letztere an Preußen (Provinz Westfalen) gekommen sind. Der König der Niederlande hat, als er Luxemburg dafür erhielt, auf jene deutschen Erbländer des Hauses Nassau- 'kiiz Luxemburg Oranien im 5. Artikel des Tractats vom 31. Mai 18l5 ausdrücklich verzichtet. Auf diese Art trat das deutsche Großherzogthum Luxemburg, als nunmehriges Stammland des Hauses Nassau Oranien, mit dem neu gebildeten Königreiche der Niederlande in eine politische Personalverbindung, ohne darum ein Bestandteil weder von Holland noch von Belgien zu werden. Es blieb vielmehr, als ein deutsches Land, eine abgesonderte Provinz des Königreichs und zwar die achtzehnte, hatte aber mit den übrigen Provinzen dieses Staats eine gleiche Verfassung, die von 1815. Der König der Niederlande erhielt das Recht, als Stammfürst der jüugern Linie des Hauses Nassau darüber nach eignem Ermessen zu Gunsten eines jüngern Sochnes so zu verfügen, daß es von dem Königreiche wieder getrennt und seine eigne Regierung erhalten konnte. *) Zugleich wurden die alten Hausverträge, das Recht und die Ordnung der Regierungsfolge nach dem nassauischen Erbver- eine von 1783 auf Luxemburg übergetragen und beiden Linien des Hauses Nassau bestätigt. Das Großherzogthum Luxemburg ist demnach in den Complex der Stammlander des Hauses Nassau so aufgenommen, daß nach dem Aussterben der jüngern oder der altern Walramischen Linie der gegenseitige Erbanfall eintritt. Deutschland hatte demnach von dem ganzen burgundischen Kreise nur diesen kleinen Thcil und von einer ganzen Linie belgischer Festungen gegen Frankreich nur daS einzige Bollwerk, die Festung Luxemburg, gerettet. Außerdem verlor es noch das lütticher Land, welches früher zu dem niederrheinisch-westfalischen Kreise gehört hatte und als eine französische Eroberung mit Frankreich verbunden, von den groß- mürhigen Congreßmachten aber bei dem Königreiche der Niederlande, sowie jetzt bei Belgien, gelassen wurde. Diese staatsrechtlichen Verhältnisse des Großherzogthums Luxemburg beruhen: 1) auf dem 67. bis 71. Artikel der wiener Congreßacte; 2) auf dem nassauischen Ecbvereine von 1783; 3) auf dem 3., 4., 5., 6. Artikel des Tractats zwischen dem Könige der Niederlande, Preußen, England, Ostreich und Rußland vom 31. Mai 1815; 4) auf dem Tractate vom 12. März 1817. Die Stadt Luxemburg wird als Bundesfestung betrachtet; sie steht, nach dem Tractate vom 12. Marz 1817, in militairischer Hinsicht unter einem preußischen Gouverneur und Commandan- ten; beide ernennt der König von Preußen. Luxemburg hat eine Besatzung von 6000 Mann; drei Viertheile dieser Truppen stellt der König von Preußen, ein Vierthcil der König der Niederlande, unbeschadet des diesem Monarchen über die Stadt und Festung Luxemburg zustehenden Souverainetätsrechts; folglich bleibt die ganze Civilverwaltung, Rechtspflege, Besteuerung u. f. w. in den Händen der Beamten des Königs der Niederlande. Die Grenzen dieser auf dem Großherzogthum Luxemburg haftenden Staatsservitut hat der frankfurter Terrüorialreceß vom 20. Jul. 1819 genau bestimmt und festgestellt. Übrigens weicht die Erbfolgeordnung im Großherzogthum Luxemburg von der grundgesetzlichen Erbfolge in den Niederlanden völlig ab. Denn hier können bei dem Aussterben des Mannsstammes die Frauen die Krone erben; das Großherzogthum Luxemburg aber würde dann an den deutschen Zweig des Hauses Nassau fallen. Dagegen würde bei dem Erlöschen des herzoglichen Hauses Nassau der König der Niederlande souverainer Herzog von Nassau werden. Das Großherzogthum Luxemburg ist demnach dem Königreiche der Niederlande so wenig einverleibt als das Königreich Hanover dem britischen Reiche. Das Großherzogthum Luxemburg bestand bisher (nach dem 4. Artikel des Die hierher bezüglichen Worte des 3. Artikels des Tractats vom 31. Mai 1315 lauten so: ,, 1-a faeultä est r6servee a 8. lVl. lle faire, relativement a kueeessivn tlsnz le granll-üuckä, tel arrangement lle fanulle eutre les prinees, se» Iiis, lju'eiie ^uzera oiulorms aux inteiets üe sa inenacel.ie et a ses intentions pateruelles." Luxemburg Tractats vom 31. Mai 1815) aus dem Länderumfange, der zwischen dem Königreiche der Niederlande, Frankreich, der Mosel bis zur Einmündung der Sure, dem Laufe der Sure bis zum Einfall der Our, dann längs der Our und bis zum Kanton St.-Vith, der nicht zu Luxemburg gehörte, sich ausbreitet. Über die Verhältnisse des in diesem Umfange liegenden Theils des Herzogthums Bouillon sind spätere Bestimmungen festgesetzt worden. (S. B ouillon, Bd. 2.) Luxemburg enthielt bisher 109 HiMeilen (nach einer andern Angabe 126 lüMeilen) und 303,000 katholische Einwohner, theils Deutsche, größtentheils Wallonen. Das Land macht den Mittelpunkt des Ardennerwaldes aus, ist größtentheils bergig, hat gute Viehzucht und viele Eisengruben. Als 1830 die belgische Revolution eingetreten war, und die londoner Conferenz der Großmächte entschieden hatte, daßHolland und Belgien getrennt bleiben sollten, konnte publicistisch das Großherzogthum Luxemburg dabei nicht mit eingeschlossen werden, und dies um so weniger, da der deutsche Bund zu den Berathungen der Conferenz nicht mit gezogen worden war. Sowie sich aber die Entscheidung der Conferenz auf Luxemburg bezog, wurde die luxem- burger Frage eine rein deutsche. Der ganze deutsche Bund war dabei betheiligt; er mußte wachen, daß nicht nach Willkür über sein souveraines Gebiet und Recht verfügt wurde. Deutschland hatte Metz, Toul, Verdun, Elsaß, die Grafschaft Burgund, Lothringen, die östreichischen Niederlande und Lüttich verloren; sollte es nun auch Luxemburg verlieren, bloß weil die brüsselcr Insurgenten dies ihrem Interesse zuträglich fanden? Jndeß dehnten sich die Bestimmungen der Conferenz wirklich auf Luxemburg aus. Um die Trennung Hollands und Belgiens rein durchführen zu können, sollten die gegenseitigen Enclaven aufgehoben und den Gebieten Zusammenhang verschafft werden. Dies konnte nach der Ansicht der in London versammelten Gesandten nicht anders geschehen, als durch Austausch eines Theils von Luxemburg gegen einen Theil von Limburg. In dieser Hinsicht war die aus gutem Willen zu erlangende Einwilligung des Großherzogs und des deutschen Bundes unerläßlich. Die Conferenz bewarb sich darum; die gewünschte Bevollmächtigung wurde ihr, selbst auf Verlangen des Ministers des Großherzogs bei dem deutschen Bunde, zugestanden, jedoch spater zum Theil zurückgenommen, weil die Conferenz ihre erste, vom Könige der Niederlande bereits angenommene Trennungsgrundlage sowie spatere Entwürfe mehrmals zu Gunsten Belgiens abgeändert hatte. (S. LondonerConferenz.) Dagegen hatte der deutsche Bund den Bevollmächtigten Ostreichs und Preußens in London Vollmacht und Instructionen zugefertigt. Hierauf zog die Conferenz einen Theil von Luxemburg in ihren Austauschungsplan und versicherte in einer ihrer Denkschriften, daß sie den vollkommensten Grund habe, zu glauben, daß der deutsche Bund und die Agnaten des Hauses Nassau, welche bei der Erbfolge bethei-ligt sind, bereit wären, diese Anordnungen vom 15. Ott., aufgenommen in den Trattat vom 15. Nov. 1831, zu unterschreiben. Der eben genannte Hauptvertrag zwischen Holland und Belgien, den der König der Niederlande nur theilweise oder mit Vorbehalt der Abänderung gewisser Artikel angenommen hat, von dem die Bestimmungen über Luxemburg nur ein Theil sind, ist von Großbritannien und Frankreich unbedingt, von Ostreich, Preußen und Rußland aber nur mit Vorbehalt, namentlich der Rechte des deutschen Bundes in Ansehung derjenigen Artikel, welche die Abtretung und den Austausch eines Theils des Großherzogthums Luxemburg betreffen, genehmigt worden. Die Conferenz hat diese Beschlüsse seitdem der deutschen Bundesversammlung vorgelegt und wegen der Anordnungen über Luxemburg deren Zustimmung verlangt. Nun darf aber nach der deutschen Bundes- und Schlußakte in Fallen, wo die Bundesglieder als einzelne selbständige und unabhängige Staaten erscheinen, wie hier der Fall ist, indem der Großherzog, abgesehen von seinen Bundesverpflichtungcn, einen Theil seines Gebiets austauschen soll, nicht durch ' Luxemburg 973 Mehrheit, sondern durch Einhelligkeit der Stimmen entschieden werden. Der Bund kann also den Anordnungen über Luxemburg nicht seme Genehmigung geben, wenn nicht auch der Großherzog einwilligt. Dieser hat aber bis jetzt seine Zustimmung zurückgehalten; denn wenn auch die Entschädigung im Ganzen nach gerechten Grundsätzen ausgemittelt ist, indem f^r einen großen unfruchtbaren Di- ftrict des Großherzogthums Luxemburg ein kleiner reicher District von Limburg an Holland kommen soll, so wird doch Luxemburg getheilt; es wird ein Theil von Deutschland abgerissen, und zwischen dein verbleibenden Theile und Holland keine unmittelbare Verbindung hergestellt. Obgleich nun die meisten Glieder des Bundes geneigt scheinen, diesen Anordnungen beizustimmen, indem die Stadt und , Festung Luxemburg dem deutschen Bunde unbedingt verbleibt, so kann man dennoch einwenden, daß dadurch eine Anomalie des Staatsrechts, namentlich eine Verletzung des Bundesstaatsrechts, ein Ausspruch des Stärkern zu Gunsten einer R.bellion, völkerrechtswidrig sanctionnirt werden würde. Die deutsche Vundesacte garantirt den Staaten alle Besitzungen, die unter dem Bunde begriffen sind. Warum soll dieses klar geschriebene Gesetz hier verletzt werden? Soll Deutschland fortwahrend, wie seit 300 Jahren, das Entschädigungsland Europas bleiben ? Haben die Deutschen darum Gut und Leben eingesetzt und ihre Unabhängigkeit von Frankreich erkämpft, damit ein niemals selbständiges, bei jeder großen Erhebung gleichgültiges, den Josephinischen Reformen dagegen aufsätziges, von Priestern, Edclleuten, fremden und einheimischen Demagogen blind gegängeltes Mischlingsvolk, ein durch deutsche Tapferkeit vernichtetes französisches Eroberungsrecht auf Luxemburg, Lüttich u. s. w. jetzt für seinen Vortheil aufs Neue geltend mache? Außerdem ist nirgend bestimmt, daß die in Limburg angewiesenen Entschädigungen auch wieder zum deutschen Bunde geschlagen werden sollen. Da Belgier und Holländer zusammen sich nicht vertragen konnten, ward die Trennung ausgesprochen. Warum soll aber, um deren Auseinandersetzung befördern zu helfen, ein ganz unschuldiger Dritter, der deutsche Bund, mit seinem Luxemburg aushelfen? Nach welchem Rechte endlich soll Luxemburg getheilt werden, damit Holland und Belgien ihre Enclavcn abrunden können? Wenn die Nothwendig- keit etwas von seinem Rechte aufzuopfern gebietet, so kann diese Nothwendigkeit nur Belgien treffen, das überhaupt hierbei kein Recht hat, sondern nur seinen Vortheil in Anspruch nimmt, das auf nichts als auf seine eigne Erklärung, auf sein Grundgesetz und auf die Proklamation des Regenten Surlet de Chokier vom 11. März 1831 an die Einwohner des Grsßherzogthums Luxemburg sich stützt ? In dieser Proklamation hieß es: „Ich habe geschworen, die Unabhängigkeit und Integrität des belgischen Gebiets zu behaupten. Der Congreß hat gegen die Acten der londoner Eonferenz Protest eingelegt. Wir haben unsere Revolution ungeachtet der Verträge von 1815 begonnen, wir werden sie ungeachtet der Protokolle von London zu Ende führen u. s. w." Dieser Schwur des Regenten von Belgien soll nun als ein Gesetz für Europa gelten, nicht der von Luxemburg dem Könige der Niederlande geleistete Huldigungseid, nicht das Wort der Könige auf dem Con- grefse zu Wien und in den spätem Traktaten? Allerdings hat auch Luxemburgs von Brüssel und den übrigen belgischen Städten fortgerissen und mit bewaffneter. Hand eingenommen, gegen den König der Niederlande sich empört, und faktisch ist der größte Theil des Landes bis jetzt im Besitze der belgischemRegierung; allein jene Empörung gibt kein Recht, und dieser Besitz ist nicht durch die Waffen errungen, sondern dadurch, daß Frankreich dem niederländischen Heere die Unterwerfung des schon besiegten Belgiens durch eine bewaffnete Dazwischenkunft entriß. Belgien glaubte zwar den Staatsverhältnissen Luxemburgs zu genügen, indem der Eongreß in die belgische Verfassung aus dem niederländischen Grundgesetze die Worte aufnahm, daß Luxemburg „unbeschadet seiner Beziehungen zum deutschen 974 Lyell Bunde",'zu Belgien gehören solle. Diese naive Substitution, durch welche sich die belgische Regierung an die Stelle des frühem Besitzers kraft einer Revolution setzt, kann aber den rechtlichen Stand nicht aufheben. Nach dem gegenwartigen Stande der luxemburger Frage ist es mehr als wahrscheinlich, daß, wenn kein europaischer Krieg dem Könige Wilhelm Zeit zu lanzerm Widerstande gewahrt, die Theüung des Großherzogthums Luxemburg nach dem Z.Artikel des oben genanntenTractats vom IS. Nov. 1831 sanctionnüt und vollzogen werden wird. Demnach wird die Scheidungslinie des belgischen Luxemburg so gezogen, das sie von der französischen Grenze an/zwischen Rodange, welches dem Großherzogthum Luxemburg verbleiben, und Athus, welches zu Belgien gehören wird, so fortlauft, daß man die Straße von Arlon nach Bastogne Belgien laßt, daß sie zwischen Mesancy, welches auf dem belgischen Gebiete bleibt, und Clemency, welches dem Großherzogthum Luxemburg verbleibt, durchgeht und in Stöinfuct, welcher Ort ebenfalls dem Großherzogthüm verbleibt, endigt. Von Steinfurt wird diese Linie in der Richtung von Eischen bis Martelange verlängert, sodaß Hecbus, Guirsch, Grende, Nothomb und Pareth zu Belgien gehören, indem die Linie von Eischen längs der Sure hinabgeht, deren Thalweg als Grenze zwischen den beiden Staaten dienen wird, bis Bintange gegenüber, von wo sie in gerader Richtung bis gegen die jetzige Grenze des Kreises Diekirch verlängert und dann in der Gegend von Doncols und Sonlez, welche dem Großherzogthume verbleiben, der jetzigen Grenze bis an die des preußischen Gebiets folgen wird. Alles westlich von dieser Linie gelegene Gebiet gehört zu Belgien, alles östlich von derselben gelegene bleibt bei dem Großherzogthume Luxemburg. Für diese Abtretungen erhält der König der Niederlande nach Artikel 3 und 4 des genannten Tractats eine Gebietsentschädigung in der Provinz Limburg, sowol auf dem rechten, als auf dem linken Ufer der Maas. Den hiemach zu Belgien geschlagenen Theil der Provinz Luxemburg schätzt man auf 54 HZMeilen mit etwa 150,000 Einwohnern und der Hauptstadt Arlon. (7) Lyell (Charles), Professor der Geologie am Xing's College zu London, und Secretair der geologischen Gesellschaft daselbst, wurde am 14. Nov. 1797 auf dem Landgute seines Vaters, Kinnordy in der Nahe vonKirriemuir in der schottischen Grafschaft Forfar geboren. Nicht lange nach seiner Geburt verließ sein Vater, ein sehr wissenschaftlich gebildeter Mann und tüchtiger Botaniker, Schottland, um sich in der englischen Grafschaft Hampshire niederzulassen. Der junge L. besuchte erst die Schule zu Midhurst in der Grafschaft Sussex, und bezog, 19 Jahr alt, die Universität zu Oxford, um sich zu dem Studium der Rechtswissenschaften vorzubereiten. Er beschäftigte sich jedoch auch viel mit den von Kindheit an ihm lieb gewordenen Naturwissenschaften, mit Entomologie, Botanik und besonders mit der Geologie, für welche ihm der berühmte Buckland eine entschiedene Neigung einflößte. Nach dreijährigem Aufenthalt in Oxford begann er die gewöhnliche praktische Laufbahn der englischen Nechrsgelehrten und wurde Advocat. Er fuhr dabei fort, sich mit der Geologie zu beschäftigen und ließ manchen Aufsatz anonym drucken. Als er seinen Wohnsitz in London genommen hatte, wurde er ein thäti- ges Mitglied der geologischen Gesellschaft, bereits 1824 Secretair, 1828 Vice- präsident, und 1829 Secretair für die auslandische Correspondenz. Im Frühling 1832 begann er seine Vorlesungen über Geologie am Xing's College. Er bereiste mehre Theile von Deutschland, Frankreich, Italien und Sicilien. Seine geogno- stischen Beobachtungen legte er seit 1824 in den „Iransactions ok tlle geological Society" und einige in den „banales ckes sciences naturelles" nieder. Seit 1829 beschäftigte er sich mit der Herausgabe eines großen geologischen Werks: „?rinciples ok geolog^" (3 Bde., London 1830—33, übersetzt von K. Hartmann, erster Bd. Quedlinburg 1832), welches eine Epoche in der Wissenschaft -B? ! bezeichnet und auch hier als das neueste geologische System eine nähere Betrachtung verdient. Der Verfasser hat sich die Aufgabe vorgelegt, die Veränderungen der Erdoberflache aus noch jetzt wirksamen Ursachen zu erklären. Nach seinen Grundsätzen sind die jetzt thätigen Wirkungen nicht nur der Typus, sondern auch der Maßstab für die Intensität der physischen Kräfte, welche auf der Erde in alten frühern Perioden gewirkt haben. Alles, was wir um uns sehen, ist nur das letzte Glied der großen Kette von Erscheinungen, die in einem gleichförmigen Causalvcrbande entstanden sind, dessen Anfang wir nicht kennen, auf dessen Ende wir keine Aussicht gewinnen; denn die Urgesetze der Natur sind unveränderlich und Alles, was wir jetzt sehen, ist diesen unveränderlichen Gesetzen unterworfen, sodaß wir die stattgefundenen Wirkungen nur nach denjenigen beurtheilen können, deren Vorgänge wir sehen. Ob es Spuren von einem Zustande gebe, der dem Anfange der geologischen Reihe von Ablagerungen vorausging oder nicht, ist eine Frage von keiner entscheidenden Wichtigkeit. In dem ersten Bande hat L. seine Ansichten über die Wirkungen der unorganischen Kräfte der Natur niedergelegt, 'im zweiten bietet er uns seine Erklärung einer zahlreichen Sammlung von Erscheinungen dar, welche mit den Veränderungen der organischen Welt zusammenhängen; der dritte beschäftigt sich mit den tertiairen, secundairen, Transitions- und primairen Formationen und deren Entstehung. Dieses Werk wird einen bedeutenden Einfluß auf die Wissenschaft äußern, und bei allen Einwürfen, die Conybeare, Sedgwick und Andere gegen den Verfasser erhoben haben, gehört L. das große Verdienst, in der neuesten Zeit, bei einer ganz andern Gestaltung der Geologie, der Erste gewesen zu sein, der ein adäquates System dieser Wissenschaft aufgestellt hat. (49) Lyndhurst (John Singleton Copley, Baron), geboren am 21. Mai 1772 zu Boston, kam 1775 mit seiner Mutter und seinen Schwestern nach England, wo sein Vater, John Singleton Copley, der 1774 nach Italien gereist war, um sich in der Kunst zu vervollkommnen, 1776 seine Familie wiedersah. Copley widmete sich anfänglich fast ganz der Portraitmalerei, ward aber auch bald als Historienmaler berühmt, besonders durch den sogenannten Tod des Lords Cha- tham, ein ausgezeichnetes Bild, das den großen Staatsmann in dem Augenblicke darstellt, als er nach seiner berühmten Rede für Amerika im Hause der Gemeinen in Ohnmacht siel. Er starb in hohem Alter 1815. Sein Sohn zeichnete sich schon auf der Hochschule zu Cambridge durch seine Talente aus, und als er 1795 ein Reisestipendium von der Universität erhalten hatte, besuchte er sein Vaterland, um einige Familienangelegenheiten zu ordnen, und bereiste einen Theil der nördlichen Staaten. Nach seiner Rückkehr begann er 1798 das Studium der Rechtswissenschaft in London und trat darauf in den Sachwalterberuf ein. Nachdem er bereits 1816 für Uarmouth in das Haus der Gemeinen gekommen war, machte er sich besonders dt'rch die in Gemeinschaft mitWetherell geführteglänzende Verthei- digung der als Hochverräther angeklagten Radicalen, Watson und Arthur Tbistle- wood, bekannt. Es gehört zu den schnellen Wechseln in dem Leben eines Sachwalters, daß Wetherell und Copley, damals die gefeierten Lieblinge des Volkes, wenige Jahre später als Rechtsbeamte der Krone die Bahn zu den Ehrenstellen betreten hatten, die damals gewöhnlich nur den Tones offen standen. Copley's steigender Ruhm in den Gerichtshöfen veranlaßt? die Regierung, ihn für den höhern Staatsdienst zu gewinnen, und nachdem er 1819 als zweiter Kronanwalt (Soli- citor Feneral) angestellt worden war, nahm er thätigen Antheil an dem Proceß gegen die Königin Karoline. Er zeigte bei dieser Gelegenheit große Mäßigung, und verrielh ein so sichtbares Bestreben, nur als der amtliche Gegner der Angeklagten zu erscheinen, daß die heftigen Vertheidiger der unklugen Maßregel ihn der Lauheit beschuldigten. Dies war indeß kein Hinderniß seiner Beförderung und er wurde Lyndhurst bereits 1824 Generalanwalt und 1826 mit Lord Palmerston nach einem hartnackigen Wahlkampfe von der Universität Cambridge ins Parlament gewählt. In demselben Jahre ward er der zweite Beamte-in der Reichskanzlei (Nsster vk tlle rolls), und das höchste Ziel eines englischen Rechtsgelehrten, die Kanzlerwürde seine nächste Aussicht. Obgleich Canning's Freund, hatte sich Copley, einstimmig mit dem Lordkanzler Eldon, gegen die Emancipation der Katholiken erklärt als dieser aber bei Canning's Erhebung 1827 seine Stelle niederlegte, ging Copley" wie viele Andere, zu der Ansicht über, daß die Staatsklugheit die Rechtsgewährungen foderte, die er früher bestritten hatte, und er wurde zum Lordkanzler und zum Baron Lyndhurst erhoben. Er nahm mit seiner Adelswürde das Wappenmotto „INtra pergere" an. Au den Grundsätzen der Tones sich hinneigend, mochte er seinen Wahlspruch am sichersten bewähren zu können glauben, als nach Goderich's kurzer Verwaltung jene Partei unter Lord Wellington den Sieg errang, und L., der Kanzler geblieben war, zeigte sich als den eifrigsten Anhänger des neuen Machthabers. Die großen, oft beklagten Misbräuche in der Reichskanzlei (cvurt vi cÜAncer?), über welche Lord Eldon, der hartnäckige Verfechter des Alten, immer seine schützende Hand gehalten und die auch L. mit jenem gegen die Angrisse der Opposition vertheidigt hatte, wurden während seiner Verwaltung so wenig weggeräumt, daß Brougham einen vollen Augiasstall zu reinigen fand, als L. ihm nach Wellington's Sturze Platz machte. Er sprach, obgleich er einer all- mäligen Reform nicht abgeneigt zu sein versicherte, gegen Grey's neues Wahlgesetz, weil es die Vorrechte der Krone zerstören, das Ansehen des Oberhauses untergraben und die Rechte und Freiheiten des Volkes vernichten werde, und meinte, das Haus der Gemeinen habe zwar im Lause der Zeit einige Mängel erhalten, doch sei die Verfassung desselben seit 200 Jahren unverändert geblieben und kein Fall vorgekommen, der eine so ausgedehnte Reform rechtfertige. Als Lord Grey im Marz 1832 die dritte Reformbill in das Oberhaus brachte und die zweite Lesung durch Stimmenmehrheit entschieden war, trat L. im Mai bei den Verhandlungen des Ausschusses als Organ der Torypartei aus, die sich noch einmal des Sieges gewiß hielt, indem er einen Antrag machte, der den Ministern die Entscheidung der großen Frage aus den Händen spielen sollte, und während der acht Tage, wo Grey's Ministerium schwankte, war L. in den Verhandlungen mit dem König und mit Lord Wellington vergebens bemüht, den Sieg zu vollenden. (Vergl. England.) Nach dem Siege der Reformbill trat er in den Hintergrund zurück und ist jetzt Oberrichter ((Miel burvn) des Lehnhofsgerichts (l^vurt vk exvüeeiuvr). Seine Biegsamkeit hat ihm manche bittere Vorwürfe zugezogen, die so weit gingen, daß einer seiner Gegner im Parlament von ihm sagte, L.'s ganzes Leben sei eine Reihe von politischen Prostitutionen und Apostasien gewesen. Als Redner empfiehlt er sich durch klare gründliche Entwicklung, ohne in den ersten Reihen zu glänzen. Kunstliebe und Kunstgeschmack hat er von dem väterlichen Hause geerbt urzd aufstrebende Talente stets unterstützt. Nachtrag. französische Kunst der neuesten Zeit. Die großen Bewegungen im gesellschaftlichen Zustande Frankreichs, die in der Literatur als Streit der Classiker und Romantiker ihren Widerklang fanden, konnten selbst an der Kunst nicht unbemerkt vorübergehen, da unsere Bildung viel zu sehr auf das Allgemeine hinarbeitet, als daß ein Theil der geistigen Kräfte von ihren Aufregungen berührt werden könne, wahrend der andere in bewegungsloser Ruhe zurückblied. Bei der lebhaften Theilnahme, die jede neue Erscheinung in Wissenschaft und Kunst unter den Franzosen jetzt findet, bei der Besprechung, der alle unterliegen, hatten nothwendig auch die Werke der Künstler an Publicum gewonnen, und die Ansichten, die Einfluß auf sie üben mußten, an Klarheit. Man hatte zwar langst schon Theorien aufgestellt und mit geistreicher Gewandtheit sie erörtert, aber jene Schönheit, die man als letzte Aufgabe der Kunst hinstellte, jenes Ideal, das man fix und fertig in der Antike anzutreffen glaubte, ließ das Gefühl der Künstler kalt, wie es die Beschauenden kalt ließ, und die Lehrsätze der neuen Kunstphilosophen, die jene Misver- ständnisse bekämpften, fanden daher seit längerer Zeit selbst bei den Künstlern Berücksichtigung, die bisher, immerfort beschäftigt, wenig auf Theorien gegeben hatten. Sie zur Anwendung auch in größern Werken zu bringen, gab es vielfaltigen Anlaß. Unleugbar war der Nationalwohlstand wahrend der Restauration bedeutend gewachsen und ihn der Pflege der Künste zum Theil zuzuwenden, schien die Nationalehre zu fodern. Karls X. reiche und doch nie zulangende Civilliste ging zum Theil zur Förderung der Künste aus. Baudenkmäler wurden begünstigt, Brücken mit Statuen geschmückt, Museen geschaffen. Den Cultus imposanter zu machen, wurden auf die Auszierung der Kirchen große Summen verwendet (die Ausschmückung der Genovefenkirche durch Gros kostete 150,000 Francs) und selbst Auftrage wurden den Künstlern gegeben, die hinter den Bestellungen der kaiserlichen Zeit nicht zurückblicken (Gerard's Krönungsbild, das die Aufregung der Juliushelden vernichtete). Mit solchen königlichen Aufmunterungen suchten begünstigte Privatleute zu wetteifern. Es entstanden ganze Sammlungen der Werke jetzt lebender Künstler durch die Herzogin von Bern, durch den Herzog von Orleans u.s.w., während gleich großartige Sammlerlust der Herzog von Blacas den antiken Denkmalern zuwandte. Die Kunst ermangelte sonach weder der Ermunterung noch der Beweise der achtsamsten Anerkennung; aber der Fluch, der eine Menge sonst zweckmäßiger Einrichtungen der ältem bourbonischen Linie traf, schien auch auf diesem Gebiete zu haften. Viele der Begünstigten, welche die königliche Gnade so mit Ordenszeichen oder Bestellungen beehrte, schienen dieser Vorgunst nicht ganz froh zu werden, traten, wenigstens schweigsamer als vielleicht gut war, hinter die Miss Conv.-Lex. der neuesten Aeit und Literatur. II. 978 Französische Kunst der neuesten Zeit vergnügten zurück, die in jenen Bevorzugungen bald Spuren der Hofgunst, bald in den Aussprüchen der Prüfungscommissionen akademische Kameradschaft zu wittern glaubten. Viele der Künstler sahen daher mit einer Art von Sehnsucht nach den Tagen der Kaiserzeit zurück, wo sie Kranze sich errungen hatten, welche die kleinliche Furcht der Gegenwart angstlich zu verstecken gebot. Und doch waren sie sicher, daß jede geistreiche Erinnerung aus den Tagen der großen Armee, jede Scene des Soldatenlebens unendlich mehr ansprach als ein halbes Dutzend schmachtender Heiligen oder die Herrlichkeit des jetzigen Lebens im Hofkleide und im eleganten Morgenanzug e der Boudoirs. Nur die täglich fortschreitende Technik, die Eleganz der Ausführung und der Geist in der Composition konnten diesen modischen Werken Aufmerksamkeit sichern, denen damals noch die jetzt öffentlich zur Schau getragene Lüsternheit als Reizmittel abging. Dabei verheimlichte man sich jedoch nicht, daß christliche Aufgaben, wie sie durch die Vorsorge der Congregation häufiger wurden, meistens hohl und kalt ließen, und daß nur die Aufgaben wahrhaft ansprechend erschienen, die das Vorliegende ohne Streben nach tieferer Bedeutsamkeit, aber treu und in gefälligem Lichte wiederzugeben beabsichtigten. Auf eine größere Innigkeit in der Erfassung der Aufgaben drangen zwar einzelne Stimmen, aber erst als man wagen durfte, schonungslos die Götzen der frühern Zeit zu verhöhnen, gewannen diese vereinzelren Stimmen Zusammenhalt und durch geistreiche Wortführer größere Bedeutung. Die Juliusrevolution, welche alle Träume der französischen Unzufriedenen zu Wirklichkeiten machen sollte, wurde von den artistischen Bewegungsmännern als diese neue Ära begrüßt. Sie würdig zu bezeichnen, wurde im Ott. 1830 eine Kunstausstellung zum Besten der im Jul. Verwundeten in der Galerie des Luxemburg zu Paris angeordnet, wo eine freiecwählte Jury über die Zulassigkeit der Werke den Ausspruch that. Einer verfemten Zeit reichte hier die neueste die Hand, indem eine Menge jener Bilder dabei zum Vorschein kam, welche die Besorglichkeit der Restauration fortwahrend unter Schloß und Riegel gehalten hatte. Lethier's (geb. auf Guadeloupe 1760, gest. 1831) Erstürmung der wiener Brücke sah man hier neben Gue- rin's (Pierre, geb. 1774) Begnadigung der AufrührerzuKairo, sowie Meynier's (geb. 1768) Wiederaufsindung derFahnen des 76.Regimenrs im Zeughause zuJnnspruck, und des Barons Gros Pest zu Jaffa, die mit desselben Schlachtfeldern von Eylau und von Abutir zu den bedeutendsten Werken der David'schen Schule gerechnet wurden. Girodet's Empfangnahme der Schlüssel von Wien durch Napoleon, Gerard's Schlacht von Austerlitz, Negnault's Tod des Generals Desaix, Henne- quin's Schlacht bei den Pyramiden und Karl Vernet's Schlacht bei Marengo neben jenen genannten Werken zeigten zwar alle künstlerische Illustrationen der Kaiserzeit vereinigt und erweckten bei den Bewunderern derselben stolze Erinnerungen, sowie das Andenken der Lobsprüche, die man einst der Kunstrichtung ihrer Tage gespendet hatte; aber ein jüngeres Geschlecht, dem jene Erinnerungen zu fern lagen und das auch die Werke des Auslandes mehr zu vergleichen erzogen war, entblödete sich nicht zu gestehen, daß es diese gerühmten Meisterwerke herzlich bunt, frostig und langweilig finde. Mit der Zuversichtlichkeit, mit welcher man den „Geronten" gegenüber alles Gefeierte oder Bestehende in Prüfung nahm, wurde jetzt behauptet, daß David wol einen Leib aber niemals die Seele zu malen verstanden habe und daß seine Schule es auch nicht weiter gebracht hätte. Organ dieser Stimmung waren mehre kleine Tagesblätter, doch selbst der artistische Mitarbeiter am„47'mps" und am „Journal ckes äebats", sprach sich in diesem Sinne aus. Man verlangte jetzt in der Kunst wie in der Poesie Darstellung von Momenten, wo das Gemüth in seiner Tiefe und Energie, frei der Bande, welche das Conventionnelle darum gewunden hat, wie in Byron's Gedichten hervortrete. Den tiefsten Schmerz, die höchste Lust soderte man verkörpert zu sehen, Das, was Theilnahme erregt, sich frei Französische Kunst der neuesten Zeit 979 l^sro dchhW, - bewegend im rein menschlichen Elemente. So, hoffte man, würden die todten seelenlosen Gestalten abgethan sein, an denen man sich nach allen akademischen Vorschriften allzu lange ahgequält habe. Auf die Gefahr hin, an Schönheit der Formen Einbuße zu leiden und rechts und links angebliche Verstöße zu begehen, die häufig nur die Pedanterie als solche bemerken werde, könne und müsse man den Tausch wagen. Es waren dieselben Kunstansichten, die als Romanticismus sich in den redenden Künsten so großen Anhang verschafft hatten, die auch in den zeichnenden nun sich Geltung zu gewinnen suchten, und im Vertrauen auf den Genius, den sie durch diese Bannsprüche glaubten sich unterworfen zu haben, bekannten eine Menge, meistens junger, leider aber häufig im Handwerke noch unsicherer Künstler sich mit zuversichtlicher Entschiedenheit zu diesen Lehren. Ohne von den akademischen Studien Notiz zu nehmen, suchten sie aus sich selbst zu schaffen, mit eignen Augen sehend und jedem gewählten Gegenstande ihre unbefangenste Individualität zutheilend. Aber unklar in ihren Vorstellungen, waren sie häufig sehr unsicher in Dem, was sie beabsichtigten. Durch den Aufputz des Absichtlichen und Seltsamen suchten sie ihre Arbeiten pikant zu machen, wie z. B. Hennequin in vielen seiner Arbeiten that, oder Mouchy in seinem Tod des heiligen Pacomius und Bou- langer in seinem Tode Heinrichs II. Meistens war es besonders die Zeichnung der menschlichen Gestalt, welche den Anhängern der sogenannten alten Schule Gelegenheit zu scharfem Tadel gab, und eine Klage der Modelle gegen die Romantiker, die in den französischen Tageblättern erschien, däuchte den Kunstfreunden, welche so viele verzeichnete Knie, Ellbogen, Hände und Füße sahen, nicht spaßhaft, sondern bitterer Ernst. Verfehlte Zeichnung und glänzende Färbung schien nämlich das charakteristische Merkmal romantischer Bilder zu sein, und soweit ging der Glaube an diese Regel, daß Werke, wie Vinchon's neugriechische Scenen, oder Callet's flüchtige Pargioten oder Decaisne's Scene aus der Bartholomäusnacht, weil sie besser gezeichnet und gemalt waren, von beiden ästhetischen Parteien in Anspruch genommen wurden. Im Wesentlichen traf man dadurch mit der neuesten englischen Malerschule zusammen, die einen nicht abzuleugnenden Einfluß auf die französische ausübt. Mit ihr theilen die Künstler diesseit des Canals jene Vorliebe für Genrebilder, welche die Briten auch dann überrascht, wenn sie geschichtliche geben wollen. Blendende Färbung, die fast niemals wahr ist, Haschen nach Effect in der Anordnung wirken in den Werken der Engländer auf die Menge und werden auch von den Franzosen nicht verschmäht, die dem Auslande gegenüber Horace Vernct, den Liebling des Königs der Franzosen und aller Kunstfreunde Frankreichs, glauben als Vertreter ihrer Kunstweise nennen zu können. Aber mit Unrecht, denn nur durch Räuberscenen, ohne die ein reichliches Drittheil der jetzigen britischen Künstler nicht würde bestehen können, stellt sich Horace Vernet, der geistreiche Schöpfer so vieler trefflichen Werke, als deren letzte die Schlacht von Jcmappes, Judith und Holofernes, die Procession des Papstes Pius VIII. etwa zu nennen wären, mit jenen phantasiereichen Künstlern auf eine Stufe, in jeder Art von Technik ihnen weit überlegen. Durch sein Beispiel hat er nur eine gewisse Zuchtlosigkeit bei vielen Künstlern beliebt gemacht, der sich gar zu gern weniger Berufene hingeben. Doch ist die treue Auffassung des raschesten Lebens, die von feiner Schule ausgegangen ist und schon mehre seiner Zeitgenossen, wie den seit Jahren leider feiernden Thomas (Ant. I. B., geb. 1791) auszeichnete, ein Vorzug, der viele andere Mängel entschuldigt und selbst dann noch den Werken Werth gibt, wenn ihre Ausführung nicht gleiches Verdienst hat. Große Anerkennung erwarben sich durch dieses Verdienst Aubois (geb. 1795), dessen Einnahme der Treppe des Louvre, Delaroche (geb. 1797), dessen Richelieu mit Cinqmars und de Thou auf dem Rhone und dessen Mazarin's Tod zu den ausgezeichnetsten Bildern der Ausstellung im Älusee Woldert (Mai 1832) gehörten. Hapteler, Lang- 62* ! - > Wi) Französische Kunst der neuesten Zeit lois, Lessore, Deftouches, Court, Schnetz sind Namen, die auf gleiche Beachtung Anspruch haben. Unter den Wenigen jedoch, die sich vom Modell frei zu machen verstehen und im großen Sinne der Alten aufzufassen und darzustellen vermögen, ist Ingres (Jean Aug., geb. 1781), der Meister von Rafael und der Fornarina. Napoleons Tod von Steuden (geb. zu Manheim 1791) wurde wol mehr des Gegenstandes wegen so sehr gepriesen. Als bedeutendster in der romantischen Richtung wird von Vielen ebenso hoch gestellt als tief herabgesetzt Eugen Delacroix, der Schöpfer einer Menge aus dem Leben gegriffener Werke, dessen mit ihrer Mutter spielende Tieger die verschiedenartigsten Urtheile erfuhren. Individualität ist sein höchstes Streben. Scheffer (beide Brüder, besonders der Jüngere), Descamps, die Brüder Iohannot sind die glücklichsten seiner Nachfolger. Als eigentliche Genremaler schafften sich neben dem durch Zuziehung der interessantesten Localitat noch immer unübertroffenen Granet und seinem Freunde Forbin, Laurent, Debacq, Bellange, Pigal, Lepaul, Vauchelet, Spindler, Ro- queplan geachtete Namen; Scheffer scheint der ernstern Geschichtsmalerei sich zuzuwenden; Robert ist noch immer durch seine Rauber und seine italienischländlichen Scenen der Liebling des Publicums und verdient es, da seine Rückkehr von der Ernte, die durch Mercury's vortrefflichen Stich europaisch geworden ist, eine naive Ausfassung zeigt, wie sie nur echtkünstlerische Gemürher sich aneignen. Naigron hat auf gleiche Weise die römische Volkseigenthümlichkeit sich erkoren. Für die Landschaft im engern Sinne ist Gudin durch vortreffliche Marinen, Regnier, Raffort, Bertin, Giroux, Aligny der Beachtung Werth. Doch liegt es in der Eigen- thümlichkeit der Franzosen, daß Belebung der Natur durch menschliche Gestalten jenem geheimen Watten der unbelebten Natur, das mehre deutsche Künstler sich in ihren Bildern zur Aufgabe machten, entschieden vorgezogen wird. In der Porzellanmalerei hat Madame Jacotot einen sehr weitverbreiteten Namen. Mit ihr wetteifern jetzt die Herren Conftantin und Pastier, und die Damen Debon und Le- j duc, deren Werke jedoch bei der letzten Ausstellung für die königlichen Manufakturen (Jan. 1833) nicht so allgemeine Ansprache wie früher fanden, zum Theil wol aus Schuld der jetzt beliebten Formen. Auffallend war jedoch seit den Juliustagen überhaupt ein freiwilliges Zurücktreten der ältern berühmten Künstler, die bei den öffentlichen Schaustellungen ebenso wie bei den Bewerbungen jüngern Talenten das Feld räumten. So fand die aus 21 Künstlern (Mitgliedern des Instituts und Freien) zusammengesetzte Jurv, welche im April 1831 über die am 25. Sept. 1830 angeordneten beiden großen Gemälde zur Ausschmückung der Deputirten- kammer zu entscheiden hatte, nur Skizzen von Hesse, Court, Mauvoisien, Dela- croix, Serrur, Debacq, Chenavard, Boulange, Marquis und Abel de Pujol zur Beurtheilung und entschied sich für die Arbeit des Ersten. Vielleicht ist ein Künstler aber nicht zu beneiden, dem Aufgaben wie Ludwig Philipps Eid und die consti- tuirende Versammlung am 2t. Jun. 1789 für die Bearbeitung gestellt wurden, wo es schwer sein mag, das allgemein menschliche Interesse mit dem gefederten dramatischen Pompe zu verbinden. Uberhaupt fühlte man durch jene Aufgaben sich um 40 Jahre zurückversetzt: denn auch in den Statuen, die zu gleichem Zwecke am 25. Sept. 1830 angeordnet wurden, der kolossalen Freiheit und öffentlichen Ordnung, sowie in dem befohlenen Basrelief: Frankreich, das die Künste und Wissenschaften schützt, machte die alte Liebhaberei zu unplaftischen Allegorien wieder sich geltend. Eins der Nationaldenkmäler, auf welche der angeregte Stolz Frankreichs jetzt mit trotziger Ereiferung blickte, war die Vendomesäule, deren Schlußzierde im I. 1814 mit ruchloser Barbarei war heruntergeworfen worden. Schon am 5. Mai 1831 sollte die Säule durch das ursprüngliche Standbild wieder geschmückt werden, als sich ergab, daß Napoleons Statue während der Französische Kunst der neuesten Zeit 95 Z Restauration sei zum Gusse des Reiterstandbildes Heinrichs IV. verwandt worden. Sie herzustellen blieb nun zwar fest, doch entstand die Frage, ob es angemessen sei, sie in der frühern WeG auszuführen, oder ob die in den umlaufenden Basreliefs der Säule beibehaltenen Uniformen nicht das wahre Costum des Helden bedingten. Für das letztere entschied sich am 1. Jun. 1831 das Preisgericht und Hrn. Emile Seurre wurde der Auftrag, nach seiner Skizze den Feldherrn in Uniformfrack, Hut und Überrock zu bilden. Sie und jene schon unter der Restauration angeordnete Statue der Königs Stanislaus für Nancy (modellirt vonIacquot), die beim Gusse durch Soyer theilweife misglückte, sind die einzigen großen statuarischen Aufgaben, die Frankreichs zahlreiche Bildhauer, soweit uns bekannt, gegenwartig beschäftigten. Doch finden die ausgezeichneten Talente der Herren Bosto, Cortot (geb. 1787), David (Pierre Jean, geb. 1792), Lesueur, Pradier, Nanteuil, Roman, Lemaire, De- bay,Petitot, Foyatier,Durat,Gateau,ohne noch wie die Herren Danton, Therasse, Ramus, Brian, vorzüglich sich auf Büsten beschranken zu müssen, in der Weltstadt Paris und in dem so umfassenden Reiche immer Beschäftigung. Cartellier ist 1831 gestorben. Louis Philipp liebt zu bauen, und die Notwendigkeit, einer hungernden und nur zu leicht meutrischen Menge Beschäftigung zu geben, zwingt zu fortwährenden großen Bauunternehmen. Percier ist dabei mit Fontaine und Huyot des Königs Berather. Doch wo Architekten wie Vaudoyer (der Baumeister des Instituts), Lesueur, der Hersteller des Opernhauses, Alavoine, Duban, Blouet, Caristie, Hittorff, Gau, Visconti, Labrouste, Provost, Dupont vereinigt sind, kann man sicher sein, daß die Kunst mit dem Geschicke Hand in Hand geht. Indessen schienen die Künste doch auch dort noch der Ermunterung zu bedürfen und am 18. Oct. 1830 trat eine Societe libre pour 1'encouruFement 6es urts zusammen, die Herrn Cornac späterhin zu ihrem Vorsitzenden, Blondes und Guenepin zu ihren Vicevorständen wählte und unfern deutschen Kunstvereinen ziemlich ähnlich organisirt ist. (1 ) > > Verzeichniß der in diesem Bande enthaltenen Artikel. F. Seite Vabre (Marie Jacques Joseph Victorin) ... 1 Fabvier (Charles Nicolas) .... 2 Fahlcrantz (Karl-Jo- hann).... 5 Fahnenberg (Karl Heinrich, Freiherr von) .... 6 Fain (A., Baron) . 7 Falck (Nikolaus) . 8 Faraday (Michael) . — Fecht (Gottlieb Bernhard) .... 9 Feilmoser (Andreas Benedict)... 10 Ferdinand Friedrich (Herzog zu Anhalt- Kothen) ... 11 Ferdinand II. (König beider Sicilien) . 12 Ferdinand (Kronprinz von Ostreich). . 13 Ferdinanden... 14 Ferronnays (Pierre Louis Auguste Ferren, Graf de la) 15 Ferussac (Andre Etien- ne Just Paschal d'Audebard, Baron von) . . . .16 Fesca (Friedrich Ernst) 17 Festungsbau... 18 Feuerversicherung . 21 Fetis (Francis Joseph) .... 23 Seite 24 25 Field(John) . Fischer . . . Föhrenbach (Matthias) .... 26 Follen (August Ludwig) .... 28 Follen (Karl) . . — Fonfrede (Henri) . 29 Fontanier (Victor) . 30 Förster (Friedrich) . — Förster (Karl) . . 32 Fourier (Jean Bap- tiste Joseph, Baron) .... — Fcahn (Christian Martin) .... 33 Francis (GasparRo- driguez) ... 35 Franklin (Sir John) 38 Frankreich seit dem Jahre 1829 . . 40 Franz (Agnes) . . 78 Franz IV. Joseph Karl Ambrosius Stanislaus (Herzog von Modena) 79 Franz Friedrich (Großherzog vock Mecklenburg-Schwerin) . 81 Franz-Canal . . 82 Kränzen (Frans Michael) .... 83 Französische Gesetzgebung seit 1830 . 84 FranzösischeKunstder neuesten Zeit, s. zu Ende des Bandes 91 110 112 Seite Französische Literatur 91 Frege (Familie) . 99 Freiesleben (Johann Karl) . . . 101 Freireiß (Georg Wilhelm) . . . 102 Freytag (Georg Wilhelm) . . . 104 Fricke (Georg) . . 105 Friedemann (Traugott Friedrich) . 106 Friedensgerichte . 107 Friedlander (Ludwig Hermann) . . Friedrich (Herzog zu Sachsen-Altenburg) . . . Friedrich August (Mitregent des Königreichs Sachsen) .... 113 Friedrich Hermann Otto (Fürst zu Hohenzollern-He- chingen) . . . 115 Friedrich Karl Anton (Fürst von Ho- henzollern - Sigmaringen) . . Friedrich Wilhelm (Kurprinz und Mitregent von Hessen) . . . Friedrich Wilhelm (Kronprinz von Preußen) . Friedrich Wilhelm 116 117 118 -s ^ m» W, KD Verzeichniß der in diesem Bqnde enthaltenen Artikel 983 Seite 118 120 121 122 Karl (Prinz der Niederlande) Fries (Elias) . . Fromme! (Karl) . Froriep (Ludwig Friedrich von) Funck (Karl Wilhelm Ferdinand von).... 123 G. Gablenz (Heinrich Adolf von) . 125 Galotti (Antonio) 126 Gamba (Peter, Graf von) .... — Gamba (Ritter von) 127 Gamba (Bartolomeo) — Gans (Eduard) . 128 Garten- und Blumenvereine . . 129 Gauchos . . . 131 Gaupp (Ernst Theodor) .... 132 Gebirgserhebung . 133 Geen (van) . . 134 Geer (Karl, Graf de) — Gefangnißwefen . 135 Geiger (Philipp Lorenz) . . . . 142 Geismar (von) . 143 Gemeindewesen, f. Städteordnung 148 Gendebien (Alexander) .... — Geographische Gesellschaften . . — Geologie . . . 149 Georg Friedrich Karl Joseph (Großherzog von Mecklen- burg-Strelitz) . 154 Georg Heinrich Friedrich (Fürst zu Waldeck) .... — Georg Wilhelm (Fürst zu Schaumburg- Lippe) . . . 155 Geramb (Ferdinand, Baron von) . 156 Seite Gerard (Etienne Maurice, Graf) 157 Gerhard (Eduard) 158 Gerhard (Johann Karl Ludwig) . 159 Gerlache (von). . 160 Gerstner (Franz Joseph, Ritter von — Franz Anton, Ritter von) . . 163 Gewerbausstellungen, s. Gewerbvereine . . . 164 Gewerbfreiheit. . — Gewerbvereine. . 168 Ghert (P. van) . 171 Gielgud . . . 172 Giese (Karl August, Freiherr von) . 173 Gieseler (Johann Karl Ludwig) . 174 Gissord (William) 175 Gkoja (Melchiorre) 178 Girardet (Friedrich Christlieb) . . 179 Girardin (Delphine) 180 Girardin (Saint - Marc) ... — Giroddel'Ain (Ame- dee) .... 181 . Giulay (Jgnaz, Graf von) .... 182 Gley (Julie) . . 183 Gmelin (Familie) 184 Goderich (Frederick John Robinson, Viscount) . . 185 Goldfuß (Georg August) ... 187 Göschen (Johann Friedrich Ludwig) .... 188 Gofsellin (Pascal Francis Joseph) 189 Göthe .... — Gottfried (Gesche Margaretha) . 194 Göttingen im Jahre 1831 . . .196 Göttling (Karl Wilhelm) . . .205 ' Seite Gouvion-Saint-Cyr 205 Grabbe (Christian) 206 Graberg de Hemsoe 207 Grass (Gottlieb Eberhard) . . .208 Grandauer (Bernhard Michael von) 209 Granet (Francis Marie) ... — Grant (Familie) 210 Grattan (Thomas Colley) . . .211 Gre'goire (Henri, Graf) ... 212 Gregor XVI. (Mauro Capellari) . . 215 Gretsch (Nikolai) . 217 Grey (Charles Grey, Viscount Howick, Graf) ... — Gribojedow (von) . 222 Griechenland . . 223 Grimm (Ludwig Albert) . . . .280 Grimm (Jakob Ludwig — Wilhelm Karl) . . . 281 Grolmann (von) . 282 Gros (AntoineJean, Baron) . . . 283 Grossi (Ernst von) 284 Großmann (Christian Gottlob Leberecht) — Grotefend (Georg Friedrich) . . 285 Grouchy (Emanuel, Graf von) . . 286 Grubbe (Samuel) 289 Gruber (Johann Gottfried) . . .290 Grün (Anastasius) 291 Grundtvig (N. F. S.) . . . . 292 Gruner (Karl Gustav Adolf) ... 293 Gruithuisen (Franz von Paula) . 294 Guernon de Ranville (Martial Come Perpetue Magloire, Gras) . . 295 984 Verzeichnis der in diesem Bande enthaltenen Artikel Seite Guilford (Frederick North, fünfter Graf von) . . 296 Guizotund dieDoc- trinaires . . 297 Gündter (Johann Georg) . . . 302 Günther (Karl Friedrich) . . . .303 Günther Friedrich (Fürstvon Schwarzburg - Rudolstadt) — Günther Friedrich Karl (Fürst von Schwarzburg - Sondershausen) . . . .304 GutsMuths (Johann Christian Friedr.) 305 Gutzwiller (Stephan) . . . 307 Gymnasialwesen . 309 H. Habeneck (Anton Franz) . . . 316 Haffner (Johann Christian Friedr.) 317 Hahn (August) . 318 Halen (Juan van) 320 Hallenberg (Jonas) 321 Halirsch (Friedrich Ludwig) . . 322 Hamaker (Heinrich Arens) . . . 323 Hambacher Fest . 324 Hammarsköld (Lorenz) .... 331 Hand (Ferdinand Gotthold) . . 332 Handelsschulen . 333 Hanel (Gustav Friedrich) .... 336 Hanka (Wenzel) . — Hanke (Henriette Wilhelmine) . 337 Hanover ... — Hansard (Luke) . 352 Hanfteen (Christoph) 353 Harding (Karl Ludwig) .... 354 Seite Haring Wilhelm) . 355 Harleß (Johann Christian Friedrich) . 357 Harring (Harro Paul) . . .358 Hartig (Franz, Graf) 359 Hartig (Georg Ludwig). . . . — Hartmann (Anton Theodor) . . 360 Hase (Karl) . . 361 Hase (Heinrich) . 362 Hasse (Friedrich Christian August) . — Hassel (Johann Georg Heinrich) . . 364 Hauch (Johann Carsten von) . . 366 Hauff (Wilhelm) . — Haufer (Kaspar) . 367 Hausmann (Johann Friedrich Ludwig) 372 Haxo (Francis Nicolas Benoit, Baron) .... — Hazlitt (William) . 373 Heber (Reginald) . 374 Hecker (Justus Friedrich Karl) . . 376 Hedouin (Charles Francis) . . 377 Hegel (Georg Wilhelm Friedrich) . — Herschweiler (Johann) . . . 382 Hegewisch (Franz Hermann) . . 383 Heiberg (Johann Ludwig) . . 384 Heidegger (Karl Wilhelm von Heideck, genannt) . . 385 Heideloff (Victor Peter — Karl Alexander) . . 390 Heimathsrecht. . 391 Heine (Heinrich) . 393 Heinrich (Herzog von) Anhalt-Kothen) 394 Heinrich XIX. (Fürst Reuß zu Greiz) — Seite Heinrich 1.XI!. (Fürst Reuß zu Schleiz und Gera) . . 396 Heinrich I^XXII. (Fürst Reuß zu Lobenstein und Ebersdorf) . . 397 Heinroth (Johann Christian Friedrich ' August) . . .399 Heller (Joseph) . 401 Helvig (Karl Gottfried) ... — Hemans (Felicia) . 402 Hemprich (Friedrich Wilhelm) . . 403 Henderson (Ebenezer)407 Hengstenberg (E. W.) und die Evangelische Kirchenzeitung . 408 Henke (Adolf Christian Heinrich) . 416 Hennicke (Johann Friedrich) . . — Hensel (Wilhelm) . 417 Herbart (Johann Friedrich) . . 418 Herder (Siegmund August Wolfgang, Freiherr von) . 420 Herholdt (Johann Daniel) . . . 424 Herold (JohannWo- ritz David) . . — Hörschel (John Frederick William) 425 Hersent (Louis) . 426 Hertz (Henrich) . — Herzberg (Friedrich August von) . — Hessel (Johann Friedrich Christian) . 428' Hessen (Großherzogthum) ... 429 Hessen (Kurfürstenthum), f. Kurhessen ... 442 Heusi'nger (Karl Friedrich) .... — Heyden (Friedrich August von) . 443 Verzeichnis der in diesem Bande enthaltenen Artikel 986 Seite Heyse (Johann Cbri- Christian August) 444 Heytesbury (Lord) — Hieroglyphen . . 445, Himly (Karl Gustav — Ernst August Wilhelm) . . 450 Hjortsberg (Lars) . 454 Historische Romane — Historische Vereine 460 Hittorff(J.J.) .467 Hitzig (Julius Eduard) . . 469 Hobhouse (SirJohn Cam) . . .474 Hochverrath . . — Hoff(Karl Ernst Adolf von) .... 474 Hoff (Georg Wilh. Friedrich von) . 475 Hoff (Heinrich Ernst Joseph von) . — Hoffmann (Ernst Emil) ... — Hoffmann (Georg Ludwig) . . 477 Hoffmann (Johann Gottfried) . . 478 Hosmann (August, Freiherr von) . 479 Hofmann (Heinrich Karl) ... — Hogg (James) . 480 Hölderlin (Friedrich) 488 Holland (Henry Richard Vassall, Lord) . . . 485 Holland (Benedict von) .... 486 Holman (James) . 487 Holstein, s. Schleswig-Holstein . 488 Holtei (Karl von) . — Home (Sir Everard) 489 Hoogvorst (Emanuel, Baron Vanderlin- den d') ... — Hope (Thomas) . 490 Hope und Comp. . 494 Hoppenstedt (Auaust . 492 Seite 493 Seite 494 495 497 498 Horn (Ernst) . . Hornemann (Jens Wilken) . . . Hornschuch (Christian Friedrich) . Hoßtrup (Gerhard von) .... Hoyer (Familie) . Huber (Franz) Hudson-Lowe (Sir) 499 Hugo (Victor) . 500 Hüllmann (Karl Dietrich) . . 502 Humann (Jean George) . . 503 Humboldt (Alexander von) . . . 504 Hume (Joseph) . 506 Hupfeld (Hermann) 507 Hurlebusch (August Ferdinand) . . 508 Huskisson(William) 509 Hussein (Exdei von Algier) . . . 542 I- Jdeler (Christian Ludwig) . . 543 Ilgen (Karl David) — Jmmermann (Karl) 544 Improvisatoren . 545 Ingersleben (Karl Heinrich Ludwig von) .... 547 Intervention . . 548 Irland .... 523 Irving (Edward) . 527 Jsambert (Francis Andre) . . . 528 Italien in den Jahren 4834 und 4832 . . .529 Italienische Literatur der neuesten Zeit.... 547 Jtalinsky (Andrei Jakowlewitsch) . 564 Jtzstein (Johann Adam von) . 562 Jod. Jack (Heinrich Joachim) . . . 564 Jackson (Andrew) 565 Jacotot (I.) . . 569 Janin (Jules) . 574 Janssens (Jan Willem) .... 575 Jarcke (Karl Ernst) 576 Jaup (Heinr. Karl) 579 Jeffrey (Sir Francis) .... 580 Jeitteles (Familie) — Jffuiten und Jesuitismus . . . 581 JohannJoseph (Fürst von Liechtenstein) 589 Johann Nepomuck Maria Joseph (Herzog zu Sachsen) .... 591 Johnfton (Sir Alexander) . . . 592 Jomard (Edmond Franyois) . . 593 Jonge (I. C. de) . 595 Jordan (Johann Ludwig von) . 596 Jordan (Sylvester) 602 Jörg (Johann Christian Gottfried) 606 Jourdan (Athanase Jean Leger) . — Juden, s. Emancipa- tion der Juden 607 Juliusrevolution . — Junot (Laurette, Herzogin von Abran- tes) . . . .646 luste miüeu . . 617 Justi (Karl Wilh.) 618 K. Kampen (Nikolaas Gottfried van) . 619 Kanaris (Konstantin) .... 621 Kannegießer (Karl Friedrich Ludwig) 624 986 Verzeichniß der in diesem Bande enthaltenes Artikel . Z Sekte Kantelaar (Jacobus) 625 Kapodistrias (Familie) .... 626 Karaiskakis (Georgias .... 653 Karl (Herzog von Mecklenburg) . 657 Karl X. . . . 659 Karl Friedrich August Wilhelm (Herzog v. Braunschweig) 665 Karl Ludwig (Herzog von Lucca) 672 Karl Emanuel Albert (König von Sardinien) . . 673 Karl Friedrich (Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach) . . . 675 Karsten (Karl Johann Bernhard) 676 Kastner (Karl Wilhelm Gottlob) . 677 Katholicismus in der neuesten Zeit . 679 Kausler (Franz von) 692 Keferstein (Christian) 693 Keil (Johann Georg) 694 Keller (Georg). . 695 Kemble (Frances Anne) . . . 698 Kerner (Justinus) 699 Kettenbrücken . . 700 Keverberg (Karl Ludwig Wilhelm Joseph, Baron von) 702 Kielmeyer (Karl Friedrich von) . . 705 Kieser ( Dietrich Georg)' ... . 708 Kirchenzeitungen . — Kisling (Leopold) . 713 Klein (Bernhard) . 714 Kleinkinderschulen. 716 Klicki .... 723 Klosterwesen in Baiern . . . 724 Klüber(Joh.Ludw.)725 Klumpp (Friedrich Wilhelm) . . 727 Seite Knapp (Johann) . 730 Kniaziewicz (Karl) — Kobbe (Peter von) 733 Koch (Jean Baptiste Frederic) . . — Kocher (Konrad) . 734 Kohlrausch (H.Friedrich Theodor) . 735 Kolokotronis (Theodor) .... 736 Kolowrat-Liebsteins- ky (Franz Anton, Graf von) . . 741 Kometen . . . 743 König (Georg Friedrich) .... 747 Koenig (Heinrich Joseph) ... 748 Könneritz (Julius Traugolt von) 749 Koopman (JanCon- raad) . . . 750 Köpenicker Untersuchungen ... — Koprolithen . . 755 Kortüm (Johann Friedr. Christoph) 756 Kosegarten (Johann Gottfried Ludwig) 760 Koethe (Friedrich August) .... 761 Kotzebue (Otto von) 762 Kotzebue (Moritz von)763 Krasinski (Vincenz Korwin, Graf) . 764 Kreysig (Friedrich Ludwig) . . — Kriegsrakete . . 765 Kries (Friedrich) . 767 Krogh (Christian) . 768 Krug (Johann Friedrich Adolf) . . 769 Krüger (Franz) . 770 Krukowiecki, f. Polen 771 Krummacher (Friedrich Adolf) . . — Kruse (Lauritz) . 773 Kruse (Karsten oder Christian) . . '— Kruse (Friedrich Karl Hermann) . . 774 Seite Kruseman (Cornelis)776 Kuhlau (Friedrich) — Kühn (Karl Gottlob ^—Otto Bernhard)777 Kühnöl (Christian Gottlieb) . . 778 Kurhessen . . . 779 Kurnatowski (Sigismund) . . . 796 Küstner (Karl Theodor) .... — L. Labbey de Pompierre, f. Pompierre (Lab- bey de) . . .799 Labords (Alexandre Louis Joseph, Graf von) . . — Labourdonnaye (Francis Negis, Graf von).... 800 Lach mann (Karl) . 802 Lacoste (E. C, G. G. de) ... . 803 Lacroix (Paul). . 804 Lafayette . . . 805 Lassitte (Jacques) . 809 Laine de Villeveque 813 Laing (Alexander Gordon) . . — Lamarque (Maximi- lien, Graf) . .815 Lamb (Lady Caroline) .... 817 Lamennais (Francis Robert, Abbe de) . . . 818 Lameth (Alexandre und Charles) . 820 Lampadius (Wilhelm August)... 821 Lander (Richard und John) . . . 823 Landon (C. P.) . 825 Landstände . . . 826 Landwirthschaftliche Lehranstalten . 830 Langbein (August Friedrich Ernst) 8?5 Ks Am Verzcichniß der in diesem Bande enthaltenen Artikel 987 w, Seite Lange (Adolf Gottlob) .... 836 Langenau (Karl Friedrich Gustav, Freiherr von) . 83? Langenbeck (Konrad Johann Martin) 838 Lansdowne (Henry Fitzmaurice Pet- ty, Marquis v.) 839 Lappe (Karl) . . — Lappenberg (Johann Martin) . . 840 Lasteyrie - Dusaillant (Charles Philibert, Graf von) . . 841 Lebensversicherungs- anstalten . . Lebret (Albrecht) . Lebrun (Pierre) . Lebzeltern (Ludwig, Graf) . . . Lee Lehon (Charles) . Lelewel (Joachim) Lennep (David Jakob van — Jakob van) . . Lenz (Harald Otmar) — Lenz (Joh. Adam) 854 Lenz (Joh. Georg) 855 Leo (Heinrich) . — Leonhard (Karl Cäsar von) . . . 858 Leopold (Karl Gustav af) . . . 859 Leopold Karl L. Friedrich (Großherzog von Baden) 861 Leopold Georg Christian Friedrich (König der Belgier) 863 Leopold Paul Alexander (Fürst zur Lippe) . . . 870 Leopold Johann Jo seph Franz Ferdi nand Karl (Groß Herzog v. Toscana) 842 847 848 849 853 873 875 876 877 881 883 884 886 Seite Leopold Friedrich (Herzog zu Anhalt-Dessau) .... 871 Lerchenfeld (Maximilian, Freiherr von) 872 Leslie (Sir John) Leßmann (Daniel) Letronne (Antoine Jean) . . . Leupoldt (Johann Michael) . . Lewe van Aduard (Joannes Jonk- heer) . . . Liberalismus . . Liberia .... Libry - Bagnano (Graf von) . . Lieber (Franz) . . Liebig (Justus) . Liedertafeln . . — Linde (Justin Timotheus Balthasar) 889 Linden (Joannes van der) . . . 890 Lindenau (Bernhard August von) . — Lindner (Friedrich Ludwig) . . 897 Lindpaintner (Peter Joseph). . .900 Lingard (John) . 901 List (Friedrich) . . 902 Littrow (Joseph Johann) . . . 904 Liturgiewesen . . 905 Lobau (Georges Mou- ton, Graf von) 913 Lobeck (Christian August) . . . Lokbell (Johann Wilhelm) . . Löben (Otto Heinrich, Graf von) — Lock (Franz Georg) 918 Lohbauer (Rudolf) — Lohmann (Emilie Friederike Sophie) 920 Lohr (Egidius Va- 914 915 lerius Felix Johann Nepomuk von).... 920 Lohrmann (Wilhelm Gotthelf) . .921 Londoner Conferenz 922 Londoner Universität 939 Lornsen (Uwe Jens) 943 Lötz (Johann Friedrich Eusebius) . 944 Louis (Baron) . 945 Lubienski (Thomas) 946 Luchtmans(Familie) 948 Lücke (Gottfried Christian Friedrich) .... 949 Lüdemann (Georg Wilhelm von) . 950 Ludwig I. (Großherzog von Hessen) 951 Ludwig II. (Großherzog von Hessen) 954 Ludwig I. Karl August, (König von Baiern) ... — Ludwig Wilhelm August (Großherzog von Baden) .... 956 Ludwig Wilhelm Friedrich (Landgraf zu Hessen- Homburg) . . 959 Ludwig Philipp (König der Franzosen) - - Lukasinski (Valeria») .... 968 Lundblad (Johan Fredrik af) . > . 969 Luxemburg. . . 970 Lyell (Charles) . 974 Lyndhurst (John Singleton Cop- ley, Baron) . 975 Nachtrag. Französische Kunst der neuesten Zeit 977