Ludwig (Großherzog von Baden)
Von ihm allem, der einmal in jeder Woche öffentliche Audienz gab, gingen alleEinrichtungen und Anstellungen aus, wobei es ihn oft freute, um des Uber-raschenden und des Scheines von Selbstherrschaft willen die Vorschläge der Mini-sterien und Collegien zu umgehen. Seine bestandigen unmittelbaren Eingriffe biszu den unbedeutendsten Dingen herab störten den sonst auch in absoluten Staatenregelrechten und statigen Gang der Administration, und das Ganze blieb nament-lich in der letzten Zeit nicht frei von Zutragerei, Fraueneinfluß und Klatschge-schichten, ja von kleinstadtisch neugieriger Einmischung in Privatverhaltniffe.Daher vielleicht die Sage von der Existenz einer geheimen Polizei, von welcher übri-gens die Minister in der Kammer von 1831 nichts zu wissen erklarten. So re-gierte L. in der zweiten und größern Periode seiner Regierungszeit, und dies ist andem Bilde derselben die persönliche Seite. Indessen konnte auch eine Regierung,wie diese war, dem Anstoß der fortschreitenden Zeit nicht auf allen Punkten wider-streben, und manche zum Theil wesentliche Verbesserungen in Bezug auf materielleInteressen in den verschiedenen Zweigen der Verwaltung geben Aeugniß davon.Namentlich wurden die Finanzen in streng geregelte Ordnung gebracht, und wenndas Hauptverdienst dieser Schöpfung dem Minister von Böckh zukommt, so hattedoch auch L. selbst seinen Theil daran, theils aus Motiven, welche auch den Abso-lutismus in Finanzsachen der Reform geneigt machen, theils aus persönlicher Ord-nungsliebe und militairischem Sinn für Pünktlichkeit. So kann man unter dieLichtseiten seiner Regierungszeit auch die 1821 mittels einer Generalsynode zuStande gebrachte Vereinigung der beiden protestantischen Confessionen zahlen,welche der vereinigten evangelisch-protestantischen Kirche eine feste Kirchenverfas-sung und eine aus Geistlichen und Laien zusammengesetzte Repräsentation mitlge-setzgebtzllder Gewalt verschaffte. Doch wurde spater, der ausdrücklichen Bestim-mung der Kirchenverfassung ungeachtet, die Generalsynode niemals wieder einbe-rufen, und L. pflegte, charakteristisch für seine polirische Gesinnung, seinen Wi-derwillen dagegen mit den Worten auszudrücken: „Es sind eben geistliche Land-stande!" Dagegen wurden die Interessen der katholischen Kirche spater rücksichts-voll bedacht, und 1827 mit Beseitigung Wessenberg's, den der badische Hof solange der Curie gegenüber aufrecht gehalten, in Folge eines Concordats das Erz-bisthum zu Freiburg mit reicher Ausstattung eingerichtet, wobei L. den Eip-setzungsfeierlichkeiten persönlich beiwohnte. Überhaupt neigte sich L. in der letztenZeit in seiner Weise, altkirchlich erzogen und mehr der äußern Erscheinung mitWerkheiligkeit zugewandt, den Interessen der Kirche zu, und so suchte er mitjener Vorliebe für Preußen, welche ihn in militairischen Dingen charakterisirte,durch eigenmächtige Einführung der preußischen Agende eine Einheit und Gleich-förmigkeit zu bewirken, worin er jedoch durch den Tod unterbrochen ward. Am30. März 1830 starb L, nach kurzem Krankenlager, und wurde, der Erste seinesStammes, in der Gruft der karlsruher Stadtkirche beigesetzt; glücklich zu preisenvielleicht, daß er die Zeiten der französischen Juliusrevolution nicht mehr erlebte.Er starb unvermählt und ohne eheliche Nachkommenschaft. Über sein Privatlebenschweigen wir; was sein öffentliches Leben betrifft, so hatte er bei seinem Todefast die allgemeine Opposition gegen sich, und sie wurde vielstimmig laut, als sie sichentfesselt sah. Die Wahrheit setzt sich erst auf den Sarg der Könige; sie thut esaber nicht unmittelbar, denn der Tod, welcher sonst versöhnt, läßt bei den Köni-gen und Großen dieser Welt von Anfang hauptsächlich die Schattenseite hervor-treten, und die Stimme des Tadels ertönt selbst von solchen Seiten, wo es im Ge-gensatz mit vorhergegangener Kriecherei unritterlich und unedel ist. Wir könnendem Grundsatze nicht beistimmen, welcher alles Gute, das unter einer Regierunggeschieht, von dem Fürsten selber thun läßt, und ihm persönlich zu Dank schreibt,was er nur eben geschiehen ließ; aber gleicher Weise kann man nicht alles Übel
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