Ludwig (Großherzog von Baden) 957
Versicherung in Erfüllung gegangen wäre. Indessen zeigten sich alsbald dieFrüchte einer zeitgemäßen Politik, und unter ihrem moralischen Einfluß, wozunoch die günstigen Familienverhältnisse mit dem Kaiser von Rußland kamen,wurde am 10. Iul. 1819 der Staatsvertrag in Frankfurt abgeschlossen, wodurchder einen lästigen Vorbehalt für Baden enthaltende Zusatzartikel zum frankfurterVertrag vom 20. Nov. 1813 von den vier Großmächten — mit Ausschluß vonFrankreich — für widerrufen erklärt, der Besitzstand des Großherzogthums garan-tirt, auch das Erbfolgerecht der Grafen von Hochberg anerkannt wurde. Als dieder Volksgunst zugewandte Politik ihre Dienste geleistet hatte, ließ man sie alsfortan unnöthkg wieder fallen. Wenn L. schon nach seiner persönlichen Gesinnungdurchaus der alten Zeit angehörte, und sich nach Erziehung, Charakter und Denk-weise mit dem constitutionnellen Systeme nicht zu befreunden wußte, wie er denngleich im Anfang über die allzu freudige Aufnahme der Verfassungsurkunde vonSeiten des Volkes ein wenig erschrocken war, so wurde er in dieser Richtung durchdie politischen Zeitverhaltnisse von Europa überhaupt, und bald nach seinem Re-gierungsantritt durch die Verfolgung gegen die Demagogen in Deutschland, sowiedurch die karlsbader Beschlüsse mit ihren Folgen, nur zu sehr begünstigt. Sobrachte der erste Landtag, wobei auch das Volk und seine Vertreter erst in die con-stitutionnelle Schule gingen, außer dem Glanz der Neuheit und den moralischenWirkungen der Öffentlichkeit des Wortes, nicht die. erwartete Ausbeute für dasVerfassungsleben; bei dem zweiten Landtag aber, dem von 1822, brach die in-nere Spannung in offenen Kriegszustand aus, der Auflösung der Kammer folgteein mit den unglimpflichsten Vorwürfen gefülltes Manifest und ein eigentlichesReactionssystem nach, bei welchem der Regent selbst, gleichsam die Wahl provo-cirend zwischen ihm und der Verfassung, mit persönlicher Parteinahme ins Feldtrat. L. hatte gebrochen mit dem Verfassungswesen; der Bruch war für immer.Huldreich und mit öffentlicher Dankbezeigung nahm er in der Folgezeit die durchMachinationen zu Stande gebrachten Petitionen einiger Gemeinden an, worin erunterthanigst ersucht ward, für die Dauer seiner Regierungszeit die Verfassunggnädigst ruhen zu lassen, und wenn er auch diesem Ansuchen nicht im Wortsinnwillfahrte, so war es doch gerade so gut, wie wenn er es gethan hätte. Nach ein-DW« jähriger Verzögerung über den gesetzlichen Zeitpunkt, während deren jedoch dieMW Steuern auch unbewilligt forterhoben wurden, ward 1825 wieder ein Landtag ge-NWP halten. Man hatte bereits angefangen zu zweifeln, ob solches unter L.'s Regie-rung noch einmal geschehen würde, allein die herrschende Partei fand es politischer,' MlM die Formen beizubehalten, nachdem sie sich des Geistes entledigt. Die Staats-W jW gewalt hatte es durch die verschiedensten Mittel der Wahlbeherrschung dahin ge-iz-« ^ bracht, daß diese Standeversammlung mit wenigen Ausnahmen aus Männern be-.5 M stand, welchen es entweder an Geist oder an Charakter fehlte, eine harmlose, ge-di ZM lehrige Versammlung, in der kaum einige Oppositionsstrmmen laut wurden und»iM 1«^ die Regierungscommissaire selbst oft Anstoß nahmen an einem ihre Anfoderungen" 55^!» zu weit überbietenden Servilismus. Auf diesem Landtage wurde die Verfassung"."/M abgeändert, indem die Ständeversammlung durch Stimmenmehrheit erklärte, es^ gehe dem Lande nichts verloren, wenn sie nur alle drei Jahre, anstatt alle zwei,zusammentrete. Im Jahr 1828 wurde dieselbe Kammer noch einmal versammelt,. ItB eine seelenlose Votirmaschine, wie vorher, an Nullität sich wo möglich noch über-treffend, verachtet von Freund und Feind, ein wahres Spottbild auf den confti-5^ Al - tutionnellen Namen. Unter diesen Verhältnissen war es leicht geworden, eineWW förmliche Cabinetsherrschast zu organisiren, in welcher sich L., von einer Cama-rilla berathen, nach Willkür bewegen mochte, den Ministern als solchen nicht mehrsWW ^ Einfluß gestattend als den Gesetzen, keine Norm erkennend als feinen Willen,. Mit zunekmendem M-r jedoch oftmals Werkzeug, wo er Lenker zu sein glaubte.
KW