Ludwig I. (Grvßherzog von Hessen) 953
mit dein ehemaligen französischen Hofe in mancherlei günstigen Verhaltnissen undselbst durch die französische Revolution in seinen Interessen verletzt, betrachtete erdieses Ereigniß doch als eine traurige Unverrmstdlichkeit. Unter allen Umstandensprach er über sie als ein Mann ohne kleinliche Leidenschaft und mit tiefem, theil-mhmendem Gefühl für die von dem Übermuth, der Verschwendung und dem Aber-glauben gedrückte Menge. Der Redefreiheit trat L. niemals, selbst unter Napo-leon nicht in den Weg; geheime Polizei würde er nie geduldet haben. Bis zumErscheinen der Bundestagsbeschlüsse von 1819 bestand auch volle Preßfreiheit imGroßherzogthum Hessen, die freilich dadurch weniger wirksam war, daß die perio-dische politische Literatur des Landes auf wenigen Privilegien beruhte. Aber dieEensur seit 1819 war doch billig, und das „Montaqsblatt", das 1828 in Darm-stadt erschien, schrieb scharf, oft bitter. L. war religiös, tolerant. Gleich nach sei-nem Regierungsantritte erlaubte er den Katholiken in Darmstadt öffentliche Got-tesverehrung und begünstigte die Vereinigung der Lutheraner mit den Reformis-ten wollte aber deshalb keinen Zwang ausgeübt wissen. Er war Kunst- undKünstlerfreund und eifriger Förderer der Wissenschaft. Die Universität zu Gießenerhob sich unter ihm, die Gymnasien wurden reicher ausgestattet, neue Schulenangelegt, die Sammlungen von Gemälden, Naturalien, Antikenabgüssen undKunstschätzen aller Art in Darmstadt gegründet, der Kunstsammlungen in Mainzgedacht, die Hofbibliothek in Darmstadt reichlich vermehrt, mit den Doublettenderselben die Universitätsbibliothek zu Gießen beschenkt, talentvolle Künstler,wurden unterstützt, und endlich in Darmstadt ein Hofoperntheater mit einemherrlichen Orchester wahrhaft erzogen. Allerdings erfuhr L. gerade in dieserHinsicht häufig lauten, ja bittern Tadel. Der jährliche Theaterzuschuß aus sei-ner Privatcasse mochte zuletzt etwa 309,000 Gulden betragen, und überhaupt führtedie vorzügliche Unterstützung von Menschen, welche selten mäßig in Foderung undGenuß sind, auch noch andere Jnconvenienzen herbei, die insbesondere das Urthcildes heimischen Publicums oft schärften. Der Großherzog bestritt jedoch jene Aus-gaben aus seiner Civilliste, aus seinem Vermögen, und überhaupt waren seineKräfte schon vom Alter geschwächt, als jene hier und da nachtheilige Vorliebe fürMusik und Theater sich seiner bcmeisterte, eine Vorliebe, die seine einzige war unddie ihn nicht im Mindesten in pünktlicher und fleißiger Besorgung der Regierungs-geschäfte hinderte. Thätigkeit war für ihn Bedürfniß. Selbst als hochbetagterMann begann er mit grauendem Morgen sein Tagewerk, las zuerst die neuestenpolitischen und wissenschaftlichen Blätter, nahm schriftliche Arbeit vor und erledigtedie Regierungsgeschafte. In dieser Hinsicht war Regel, daß er das Tags zuvorEingekommene immer am folgenden Morgen zur Hand nahm, unterschrieb odersonst seine Entschließung darauf faßte, und zwar immer nach vorgängiger genauerDurchsicht und Erwägung. L. war einfach ohne Prunk. Die Wohnung, die erin den achtziger Jahren bezogen hatte, behielt er bis zu seinem Tode; nur wenigeZimmer in einem Anbau des großen Residenzschlosses, während Malersaal, Bil-dergalerie, altes Museum, Bibliothek u. s. w- die übrigen größern Räume einnahmen.Seine taglichen Spazierfahrten machte er ohne weitere Begleitung vorzugsweiseauf schattigen Waldwegen; der Kutscher dann in Mütze und Überrock, der Groß-herzog selbst, der sich mit dem Kutscher freundlich zu unterhalten pflegte, mit unbe-decktem Kopf oder mit der Mütze. L. war bei aller reichen Bildung, allem Ver-stand und der vielfältigsten Kenntniß doch natürlich und selbst oft derb, besondersim Ausdrucke; er gab gern, obgleich allerdings in seinen letzten Jahren seine Cassemanchmal für Gemeinnütziges geschlossen war; er war menschenfreundlich undgerecht, fest, beharrlich, getreu, den Menschen nach seinem innern Werths wägend,nicht nach Rang, Titeln und Abkunft. Allerdings hatte manche der erwähntenEigenheiten und manches Gepriesene auch seine Schattenseite; wie bei den meisten