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Zweiter Band (1833) F bis L
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Liturgiewesen

gen. Die neue preußische Agende aber geht nun in Sprache und GlaubcNsansich-ten auf die Reformationszeit zurück, nämlich auf die alten märkischen Agendenvon 1540 und 1572 und auf die preußische von 1558, um dadurch den Glaubenjener Zeit wieder in die Gemeinden einzuführen; die Liturgie kann jedoch denGlauben nur begleiten, nicht geben. Die Sprache und Diction jener Zeit warnoch in der Kindheit und nicht nur hart und unfügsam, sondern auch ohne denRhythmus, die Würde und Erhabenheit, welche die jetzige Blüte der Mutterspracheauszeichnet. Es ist daher fehlerhaft, die Gebete und Formulare der alten Agendendes 18. Jahrhunderts beizubehalten, weil es ihnen an Schönheit, Kraft und Er-habenheit fehlt, und sie sich meistens nur in einem dürftigen Kreise von Vorstellun-gen herumdrehen. Auch hat man nicht einmal alle Sprachfehler der alten Zeit inder neuen Agende verbessert, und z. B. gnädigltch, denselbigen, so (für welcher), der-maleinst, mildiglich, grundlose Barmherzigkeit (für unergründliche) und derglei-chen stehen lassen. Einen besonders unangenehmen Eindruck macht es, daß manin allen Formularen und Gebeten die reichere Anwendung der christlichen Tat-sachen und Feste ganzlich vermißt, welche in dem Laufe von 300 Jahren von ver-ständigen Gottesgelehrten entwickelt worden ist. So vermißt man in der Abend-mahlsliturgie alle Hinweisungen auf die sittliche Größe Jesu, die er in seinen letz-ten Stunden so wundervoll und erhebend entfaltete; in den Gebeten zur'Ädvents-zeit fehlt die Hinweisung auf die prophetische Verkündigung des Kommens Jesuganzlich; beim Weihnachtsfest vermißt man die Andeutungen, daß mit Jesu Ge-burt eine neue Zeit für die Menschheit begann, daß der verderbliche Polytheismusgestürzt, und dereine Gott, der Vater aller Menschen, erkannt, und die Mensch-heit zueiner Familie in gleicher Liebe vereinigt wurde. Am Osterfeste findet sichnichts darüber, daß die Auferweckung Jesu eine feierliche Bestätigung seiner gött-lichen Sendung und ein Zeugniß der Wahrheit unsers ganzen christlichen Glau-bens sei; am Psingstfefte nichts über die Stiftung der Kirche, ihre Würde, Wohl-thätigkeit und die Wirksamkeit des Geistes Gottes in der Kirche. Doch dies ist nureine kurze Hindeutung auf Einiges. Noch unzweckmäßiger erscheint die Agende,wenn man auf das dogmatische Element derselben steht. Dieses soll den herrschen-den Glauben der Gemeinde, nicht, wie er zu irgend einer Zeit, etwa vor 300Jahren, war, sondern wie er dermalen ist in den lebenden Gliedern der Kirche,darstellen. Stellt die Liturgie einen vergangenen, nicht mehr in der lebenden Ge-meinde vorhandenen Glauben dar, so wirkt sie störend, so stößt sie ab statt anzu-ziehen, so weckt sie den Zweifel statt der Andacht. Den dogmatischen Grundtonder Agenden der Reformationszeit bildete die Lehre, von welcher man ausging inBestreitung der katholischen Werkheiligkeit, nämlich die Lehre von der Rechtferti-gung allein durch den Glauben an die Genugthuung Christi für die Erbsünde; alsodie Lehren von der Erbsünde, der natürlichen Verdammniß aller Menschen, derstellvertretenden Genugthuung durch den Tod des Gottmenschen, und der Teil-nahme an dieser Genugthuung durch den Glauben. Das war das dogmatischeElement der Reformation, oder, wie man es nannte, das Evangelium, wodurchman sich von der römischen Kirche unterschied; damit verband man noch dasDogma von der Dreieinigkeit, welches die Objecte der Anrufung bedingte, unddurch welches man sich wieder an die allgemeine christliche Kirche anschloß. DieseLiturgien waren daher im dogmatischen Elemente für ihre Zeit durchaus zweck-mäßig. Diese Dogmen waren damals lebend in der Gemeinde; sie sind es aberjetzt nicht mehr; die jetzt lebende Kirche erkennt die Dogmen von der Erbsünde, derVerdammlichkeit des Menschen bei seiner Geburt und seinem gänzlichen Unvermö-gen zum Guten nicht mehr für biblisch; sie findet wol in der Schrift eine GnadeGottes gegen den Sünder durch Christum, aber keine stellvertretende Erfüllungdes Gesetzes und kein Verdienst Christi, das uns zugerechnet würde; sie findet

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